HAUPtsache - Heft 5
Die fünfte Herausgabe der Praxiszeitschrift HAUPtsache erscheint in Form einer Sonderausgabe zum Themenfeld von außergewöhnlichen Einblicken von Schule und Beratung, um Perspektiven zu erweitern und Blickwinkel transformieren zu können. Im Zentrum stehen dabei Erfahrungs- und Praxisberichte von Lehrenden, Studierenden und Beratenden im Zusammenhang mit dem Berufseinstieg und der Frage, was diese im Rahmen ihrer Tätigkeiten wirklich brauchen. Forschungsprojekte, Impulse und Arbeitsmaterialien im Rahmen nachhaltig bildender Lehr-, Lern- und Beratungsprozesse geben Einblicke in die Erfahrungswelten von Schule und Beratung.
Die fünfte Herausgabe der Praxiszeitschrift HAUPtsache erscheint in Form einer Sonderausgabe zum Themenfeld von außergewöhnlichen Einblicken von Schule und Beratung, um Perspektiven zu erweitern und Blickwinkel transformieren zu können. Im Zentrum stehen dabei Erfahrungs- und Praxisberichte von Lehrenden, Studierenden und Beratenden im Zusammenhang mit dem Berufseinstieg und der Frage, was diese im Rahmen ihrer Tätigkeiten wirklich brauchen. Forschungsprojekte, Impulse und Arbeitsmaterialien im Rahmen nachhaltig bildender Lehr-, Lern- und Beratungsprozesse geben Einblicke in die Erfahrungswelten von Schule und Beratung.
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Zeitschrift für pädagogische Praxis | Schule & Beratung<br />
Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik<br />
Wir bilden Menschen aus, die Fachinhalte mit Pädagogik und Beratung für den Agrar- und Umweltbereich verknüpfen.<br />
<strong>HAUPtsache</strong><br />
<strong>Heft</strong> 5 | September 2024<br />
„Alles außer–gewöhnlich?<br />
Durch Einblicke Weitblick schaffen!“
INHALTSVERZEICHNIS<br />
INHALT<br />
1. Editorial 3<br />
2. „Alles außer-gewöhnlich? - Durch Einblicke Weitblick schaffen 5<br />
3. (K)eine Fahrt ins Grünpädagogische? 7<br />
4. Die Fragen von morgen 10<br />
5. Bachelorarbeit lässt Kärntens Schulen erblühen 13<br />
6. Mit „GRÜN“ (auf)wach(s)en 16<br />
7. Die bunten Spuren der Hochschule 18<br />
8. Was triggert mich im Klassenzimmer? 20<br />
9. Kindliche Zugänge erschließen Welten 24<br />
10. Navigieren durch die Induktionsphase 27<br />
11. BAOBAB: Globales Lernen für die Unterrichtspraxis 31<br />
12. Landwissen 35<br />
13. Portfolioarbeit in der Sekundarstufe I 38<br />
14. Interdisziplinarität im Sparkling Science Projekt „CO2-Umwandlung“ 42<br />
15. Das Fundament im Schatten – Philosophiegeschichte verstehen 45<br />
16. Volksschule und Musikschule 48<br />
17. Grüne Pädagogik – der Kompass für zukünftige Bildung 52
IMPRESSUM<br />
Herausgeber, Medieninhaber und Verlag<br />
Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik,<br />
Rektor HR Dr. Thomas Haase<br />
Angermayergasse 1, 1130 Wien, Österreich<br />
www.haup.ac.at<br />
Chefredaktion<br />
HS-Prof. Mag. (FH) Dr. Christian Schroll<br />
christian.schroll@haup.ac.at<br />
Redaktionsteam<br />
Susanne Aichinger, Melanie Hermetinger, Nina Maurer,<br />
Thomas Ochsenhofer, Julia Raberger, Stefanie Wagner,<br />
Sylvia Weber<br />
Erscheinungsweise<br />
1 Ausgabe jährlich<br />
Satz und Grafik<br />
Petra Bahr, petra.bahr@gmx.at<br />
Druck<br />
Gerin Druck GmbH<br />
Druckauflage<br />
235<br />
Coverbild/Bild Rückseite<br />
S-iala auf pixabay<br />
Nachdrucke, auch auszugsweise, sind nur<br />
mit schriftlicher Genehmigung des Herausgebers<br />
gestattet.<br />
© 2024 Hochschule für Agrar- und<br />
Umweltpädagogik, Wien<br />
Offenlegung nach § 25 Mediengesetz: Periodisch erscheinendes,<br />
internationales Informationsblatt. Die Inhalte der Beiträge<br />
geben die Meinung der Autor*innen wieder und müssen nicht<br />
mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. Für unaufgeforderte<br />
Manuskripte und Abbildungen übernimmt die Redaktion<br />
keine Verantwortung. Die Redaktion behält sich das Recht<br />
vor, Beiträge zu überarbeiten.
SEHR GEEHRTE LESERIN,<br />
SEHR GEEHRTER LESER!<br />
Rektor Thomas Haase<br />
Jeder von uns ist ein Produkt von Geschichte. Dieser<br />
gültige Grundsatz prägt unser Leben. Wie aber<br />
entsteht unsere Genese? Wir haben den Wunsch unser<br />
Leben gut zu planen und darauf auszurichten -<br />
wie zeigt sich dann die Wirklichkeit? So erleben wir<br />
immer wieder Wendungen und plötzlich finden wir<br />
uns in Situationen wieder, welche im Vorfeld nicht<br />
vorhersehbar gewesen sind. Haben Sie bereits als<br />
Jugendliche oder als Jugendlicher gewusst, wo Sie<br />
heute stehen, welchen Beruf Sie ausüben und welche<br />
Partnerin oder welchen Partner Sie haben? In diesem<br />
Zusammenhang ist es interessant, dass in der Regel<br />
ältere Menschen, wenn sie auf ihr Leben zurückblicken,<br />
einen durchgängigen roten Faden sehen.<br />
Was bedeutet dies nun für unsere Bildung? Wenige<br />
von uns haben bisher in Ihrer Ausbildung die Qualifikation<br />
im Umgang mit der künstlichen Intelligenz<br />
erfahren. In der der heutigen Ausbildung wird dies<br />
bald (hoffentlich) selbstverständlich sein. Aber die<br />
Fragen, welche in den nächsten 20 bis 30 Jahren auf<br />
uns zukommen, kennen wir heute kaum und daher<br />
können wir sie noch weniger beantworten. Inwiefern<br />
sind nun junge Menschen auf die Unwägbarkeiten<br />
des künftigen Lebens vorzubereiten?<br />
Der Philosoph Sir Karl Popper hat mit seiner Feststellung<br />
„Alles Leben ist Probleme lösen“ eine der<br />
möglichen Antworten parat. Demzufolge sind wir<br />
aufgefordert, Grundlagen der Problemlösungskompetenzen<br />
zu vermitteln. Eines ist sicher: Probleme<br />
wird es auch in Zukunft geben.<br />
Einen anderen Ansatz bieten die Sozialwissenschaften:<br />
Die nächste Generation ist so darauf vorzubereiten,<br />
dass sie ihr Leben im Sinne der Kontrollüberzeugung<br />
selbst in die Hand nimmt und aktiv gestalten<br />
kann. Dies bedeutet, dass wir uns nicht als Ergebnis<br />
der äußeren Umstände sehen, sondern Autorin und<br />
Autor unseres Lebens werden. Vielleicht schaffen<br />
wir es damit, dass allgegenwärtige Lamento über alle<br />
möglichen äußeren Umstände hintanzuhalten. Wenn<br />
uns das gelingt, haben wir - so meine tiefste Überzeugung<br />
- sehr viel erreicht. Leben wir ein Leben, welches<br />
im Rückblick einen sinnstiftenden roten Faden<br />
ergibt – dies wäre sicherlich ein großer Erfolg.<br />
Ing. Mag. Dr. Thomas Haase<br />
Rektor<br />
Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
5
„ALLES AUSSER-GEWÖHNLICH?<br />
Durch Einblicke Weitblick schaffen!“<br />
Redakteur Christian Schroll<br />
Liebe Leser:innen!<br />
Wir wissen seit Langem, dass im Bildungs- und Beratungskontext<br />
von Expert:innen Großartiges, Innovatives,<br />
Vielfältiges, kritisch zu Hinterfragendes und<br />
zum Nachdenken Anregendes geleistet wird. Deshalb<br />
widmet sich die fünfte Sonderausgabe der Praxiszeitschrift<br />
<strong>HAUPtsache</strong> dem Thema „Alles außer–<br />
gewöhnlich? Durch Einblicke Weitblick schaffen“,<br />
um Ihre Perspektiven zu erweitern und Blickwinkel<br />
transformieren zu können.<br />
Pädagog:innen, Dozent:innen, Studierende und Expert:innen<br />
aus der Bildungs- und Beratungspraxis<br />
geben dazu „außer-gewöhnliche Einblicke“ in ihre<br />
Erfahrungs- und Forschungswelten und legen den inhaltlichen<br />
Fokus auf:<br />
• die Fragestellung, was Lehrende der Aus-, Fortund<br />
Weiterbildung sowie Studierende im Rahmen<br />
ihres Studiums wirklich brauchen,<br />
• Erfahrungs- und Praxisberichte von Lehrenden<br />
und Beratenden im Zusammenhang mit dem<br />
Berufseinstieg,<br />
• Projekte, Impulse und Arbeitsmaterialien im<br />
Rahmen nachhaltig bildender Lehr- und Lernprozesse<br />
sowie<br />
• Aspekte individueller, sozialer, struktureller<br />
und gesellschaftlicher Differenzen und Gemeinsamkeiten<br />
im Kontext von Bildung, Schule und<br />
Beratung.<br />
Ich bedanke mich für die zahlreichen Einreichungen<br />
bei den Autor:innen und insbesondere beim Redaktionsteam<br />
für die professionelle und wohlwollende<br />
Zusammenarbeit. Ihnen wünsche ich viel Freude<br />
beim Lesen der vielfältigen Beitragsformate mit der<br />
Möglichkeit, sich auf veränderte Blickwinkel einzulassen.<br />
HS-Prof. Mag. (FH) Dr.<br />
Christian Schroll<br />
Redaktionsleitung<br />
Hochschule für Agrar- und<br />
Umweltpädagogik<br />
christian.schroll@haup.ac.at | www.haup.ac.at<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
7
(K)EINE FAHRT INS GRÜNPÄDAGOGISCHE?<br />
Eine Metaebene zum Studium<br />
Theresa Blank, Katharina Heim, Annalena Oswald, Stephanie Winterer<br />
Zusammenfassung<br />
1. Grüne Pädagogik<br />
An der Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik<br />
sind die grundlegenden Konzepte und die Potenziale<br />
von „grünpädagogischer“ Unterrichtsgestaltung zentrales<br />
Thema diverser Lehrveranstaltungen. Doch die<br />
Umsetzung in die Praxis ist sowohl für die Lehrenden<br />
als auch für die Studierenden zum Teil mit Hürden<br />
verbunden. Folgender Bericht bietet Einblicke<br />
in den Studienalltag und zeigt die Möglichkeiten der<br />
Grünen Pädagogik zur Verbesserung der Unterrichtsqualität<br />
an der Hochschule auf.<br />
Schlüsselwörter<br />
Grüne Pädagogik | Lehramtsstudium | Motivation<br />
Im Jahr 2007 erblickte die Grüne Pädagogik an der<br />
Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik das<br />
Licht der Welt. Ein wohlgehütetes pädagogisches<br />
Konzept, dessen Ziel die Integration von nachhaltiger<br />
Bildung und Zukunftsfähigkeit in den Lehr- und Lernalltag<br />
ist. Die Grüne Pädagogik sieht Entwicklung<br />
und damit Prozesse als Zentrum des Lernens (Hochschule<br />
für Agrar- und Umweltpädagogik, 2024). Sie<br />
steht für eigenverantwortliche Lernprozesse und das<br />
Entdecken individueller Talente in einer von Ko-Kreation<br />
geprägten Lernumgebung. Doch in der praktischen<br />
Umsetzung der Grünen Pädagogik stoßen<br />
Unterrichtende und Studierende gelegentlich an ihre<br />
Grenzen.<br />
2. Gelebte Grüne Pädagogik<br />
Ziel der Grünen Pädagogik ist unter anderem die<br />
Unterstützung der Lernenden bei selbstständigen<br />
Lernprozessen und der Entwicklung von Handlungskompetenzen.<br />
Ein wichtiges Standbein bildet das aktive<br />
Lernen in sozialem Austausch. Unter anderem<br />
Diskussionsrunden, Rollenspiele und der Austausch<br />
von persönlichen Erfahrungen ermöglichen das Hinterfragen<br />
eigener Überzeugungen. Das Reflektieren<br />
der eigenen Interaktionsmuster fördert die Entwicklung<br />
von Selbstgestaltungskompetenz – ein zentraler<br />
Baustein in einer immer komplexer werdenden Lebenswelt.<br />
Gerade Irritationen und Konfrontationen<br />
mit Alltagsvorstellungen im Unterrichtsalltag können<br />
dazu anregen, den eigenen Gedankenhorizont zu<br />
erweitern.<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
9
3. Ein grünpädagogischer<br />
Anstrich<br />
für Studierende die Möglichkeit einer ganzheitlichen<br />
Erfassung und Aneignung der Lerninhalte.<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
Das Begreifen der eigenen Gestaltungskompetenz<br />
kann besonders dann gelingen, wenn neben interdisziplinärer<br />
und kompetenzorientierter Unterrichtsgestaltung<br />
auch Raum für Austausch und Diskussionen<br />
eingeplant wird. In den folgenden Kapiteln werden<br />
einige den Hochschulalltag betreffende Aspekte aus<br />
Sicht der Studierenden reflektiert.<br />
3.1 Fächer vernetzt denken<br />
Im Studium an der Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik<br />
werden die Aufgaben und Kompetenzen<br />
einer Lehrperson entwickelt – vom Erfassen<br />
des Lehrplans über die Stundenplanung bis hin zur<br />
Leistungsbeurteilung. Doch diese Teilkomponenten<br />
werden im Studiengeschehen kaum in Verbindung<br />
gebracht. Viele Lehrende setzen sich intensiv mit ihren<br />
eigenen Unterrichtsgegenständen auseinander –<br />
dabei kommt aber zum Teil der Blick auf die ineinandergreifenden<br />
Abläufe in der Praxis zu kurz. Im Sinne<br />
der Grünen Pädagogik würde sich beispielsweise<br />
die Möglichkeit bieten, die einzelnen Lehrveranstaltungen<br />
stärker zu verknüpfen und fächerübergreifend<br />
ein Lernprodukt für den Einsatz in der Praxis zu<br />
entwickeln. Anbieten würde sich unter anderem die<br />
Ausarbeitung einer Semesterplanung für einen Unterrichtsgegenstand<br />
von der Beschäftigung mit dem<br />
Lehrplan bis hin zur Leistungsbeurteilung.<br />
3.2 Transparenz durch<br />
Kompetenzorientierung<br />
Teil des Curriculums an der Hochschule sind die<br />
Grundlagen für kompetenzorientierte Unterrichtsgestaltung<br />
und die zugehörige Leistungsbeurteilung.<br />
Allerdings bleibt die Kompetenzorientierung dabei<br />
teilweise ein theoretisches Konstrukt. Unter anderem<br />
wenn die spezifischen Lernziele für eine Lehrveranstaltung<br />
bzw. für eine Lehrveranstaltungseinheit<br />
nicht klar kommuniziert werden oder wenn keine<br />
konkreten Beurteilungskriterien für Arbeitsaufträge<br />
vorliegen. Das aktive Kommunizieren von Lehrveranstaltungsinhalten<br />
in Verbindung mit praxisbezogenen,<br />
klar formulierten Aufgabenstellungen schafft<br />
3.3 Classroom Management<br />
Zentraler Dreh- und Angelpunkt im Unterrichtsalltag<br />
ist die Lehrer:innen-Schüler:innen-Beziehung. Neben<br />
fachlichen und rechtlichen Grundlagen sind vor<br />
allem persönliche Kompetenzen der Lehrkraft von<br />
zentraler Bedeutung. Fähigkeiten wie Empathie,<br />
Klarheit in der Kommunikation, konsequentes Handeln<br />
und Resilienz können nicht direkt vermittelt<br />
werden. Vielmehr werden sie durch das Austauschen<br />
diverser Erfahrungen in der Gruppe und das damit<br />
einhergehende Reflektieren von eigenen Werten entwickelt.<br />
„Beim Lernen muss man etwas aus dem<br />
Menschen herausbringen und nicht in ihn<br />
hinein.“<br />
(nach F. Fröbel)<br />
Dieses Zitat ist ein zentraler Punkt im Konzept der<br />
Grünen Pädagogik. Im Studienalltag wäre es aus<br />
Sicht der Studierenden dahingehend wichtig, Konzepte<br />
und Methoden nicht nur zu vermitteln, sondern<br />
diese zu reflektieren, zu diskutieren, zu erproben und<br />
mit Praxisbeispielen zu verknüpfen.<br />
3.4 Online-Lehre<br />
Der Aspekt des Austausches – sowohl in fachlicher<br />
als auch in sozialer Hinsicht – trägt wesentlich zum<br />
Kompetenzerwerb bei. Doch gerade diese vertiefte<br />
Auseinandersetzung mit Lehr- und Lerninhalten lässt<br />
sich in der Online-Lehre nur erschwert umsetzen.<br />
Weiters ist es aufgrund der physischen Distanz herausfordernder,<br />
Aufmerksamkeit zu generieren und<br />
in der Folge zu halten. Didaktische Konzepte wie<br />
die Grüne Pädagogik bieten dahingehend Ansatzmöglichkeiten<br />
und Unterrichtsbausteine, um diese<br />
genannten Faktoren in der Online-Lehre miteinzubeziehen.<br />
Um die gewünschte Qualität erreichen zu<br />
können, ist die Umsetzung einer darauf ausgelegten<br />
Didaktik essenziell.<br />
10
4. Der Blick in eine<br />
grünpädagogische Zukunft<br />
6. Autorinnen<br />
„Die HAUP – ein Elfenbeinturm, der wenig<br />
mit dem Alltag zu tun hat?“<br />
Als einzige Anlaufstelle für Agrar- und Umweltpädagogik<br />
in Österreich hat die Hochschule das Potenzial,<br />
ein stärkeres Bewusstsein für Lernprozesse<br />
und individuelle Weiterentwicklung im agrarischen<br />
Bildungsbereich und in der Umweltbildung zu implementieren.<br />
Diese Entwicklung zeigt sich auch in<br />
der Begründung der Grünen Pädagogik und der laufenden<br />
Forschungstätigkeit in diesem Bereich.<br />
Die Grüne Pädagogik zeichnet sich dadurch aus, dass<br />
sie kein starres, theoretisches Konstrukt darstellt,<br />
sondern vielmehr Impulse für die Entwicklung eines<br />
zukunftsfähigen Lebens und für die Förderung<br />
des aktiven und selbstgesteuerten Lernens gibt. Die<br />
umfassende Umsetzung der Grünen Pädagogik an<br />
der Hochschule – vor allem die fächerübergreifende<br />
Vernetzung von Lehrveranstaltungen – kann dann gelingen,<br />
wenn die „grünpädagogischen“ Ideen in der<br />
Praxis von allen Lehrenden und Lernenden gelebt<br />
werden.<br />
Theresa Blank<br />
Hochschule für Agrar- und<br />
Umweltpädagogik<br />
Angermayergasse 1, 1130 Wien<br />
Katharina Heim<br />
Hochschule für Agrar- und<br />
Umweltpädagogik<br />
Angermayergasse 1, 1130 Wien<br />
Annalena Oswald<br />
Hochschule für Agrar- und<br />
Umweltpädagogik<br />
Angermayergasse 1, 1130 Wien<br />
5. Literaturverzeichnis<br />
Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik (2024):<br />
Grüne Pädagogik. Abgerufen am 11. 4. 2024 unter<br />
Grüne Pädagogik: https://www.gruene-paedagogik.at/gruene-paedagogik/<br />
Stephanie Winterer<br />
Hochschule für Agrar- und<br />
Umweltpädagogik<br />
Angermayergasse 1, 1130 Wien<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
11
DIE FRAGEN VON MORGEN:<br />
Sich reflektieren & Persönlichkeitsbildung revolutionieren<br />
Julia Weiskopf<br />
Zusammenfassung<br />
Die Persönlichkeitsbildung von Schüler:innen ist<br />
essenziell für ihre Zukunftsfähigkeit in einer zunehmend<br />
digitalisierten und globalisierten Welt. Dieser<br />
Artikel beleuchtet die Rolle des Internats im Schulwesen<br />
sowie die Bedeutung gut ausgebildeter Lehrkräfte<br />
für die persönliche Entwicklung der Schüler:innen.<br />
Dabei wird betont wie wichtig es ist, Zeit,<br />
Raum und Rahmen für eine ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung<br />
sowohl bei Studierenden als auch<br />
bei Schüler:innen zu schaffen.<br />
Schlüsselwörter<br />
Persönlichkeitsbildung | Internat | Lehrer:innenpersönlichkeit<br />
| Schüler:innenentwicklung<br />
1. Die Vielfalt der<br />
Persönlichkeitsbildung<br />
Die heutige Bildungslandschaft steht vor vielfältigen<br />
Herausforderungen, darunter die steigende Digitalisierung,<br />
ökologische Herausforderungen, gesellschaftliche<br />
Veränderungen und neue Anforderungen<br />
Abb. 1: Modell Persönlichkeitsbildung<br />
an Schulen<br />
im Arbeitsleben. Junge<br />
Menschen des 21. Jahrhunderts<br />
sind deshalb<br />
gefordert, privat und<br />
beruflich antizipativ zu<br />
agieren und dürfen sich<br />
nicht von transitorischen<br />
Lösungen beeindrucken<br />
lassen (vgl. Forstner-Ebhart<br />
et al. 2020, S. 238).<br />
In diesem Kontext gewinnt<br />
die Persönlichkeitsbildung von Schüler:innen<br />
zunehmend an Bedeutung. Neben dem traditionellen<br />
schulischen Unterricht spielt dabei das Internat eine<br />
wichtige Rolle, ebenso wie die Qualität der Lehrkräfte,<br />
die nicht nur fachliche, sondern auch die Entwicklung<br />
persönlicher Kompetenzen ermöglichen<br />
müssen.<br />
1.1 Das Internat<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
Das Internat bietet Schüler:innen eine einzigartige<br />
Umgebung, in der sie gemeinsam in einer Gemeinschaft<br />
aufwachsen und sich entfalten können. Es<br />
bietet Raum zur persönlichen Entfaltung, da es den<br />
Schüler:innen ermöglicht, sich von den Erwartungen<br />
ihres Elternhauses zu lösen und ihre eigenen Interessen<br />
und Fähigkeiten zu entdecken.<br />
Die enge Beziehung zwischen Lehrkräften und Schüler:innen<br />
ermöglicht es, auch in schwierigen Lebensphasen<br />
Unterstützung zu erhalten und wichtige<br />
Werte wie Wertschätzung und Achtsamkeit zu leben.<br />
Auch die Hattie-Studie nennt eine gelungene Bezie-<br />
12
hung zwischen Lernenden und Lehrkraft als wichtige<br />
Einflussgröße für den schulischen Erfolg (vgl. Waak,<br />
2015).<br />
Doch genau diese Beziehungsebene zu den Schüler:innen<br />
ist für junge Lehrkräfte immer wieder fordernd<br />
und teilweise überfordernd. Deshalb stellen<br />
sich folgende Fragen:<br />
• Welchen Stellenwert hat das Internat in der Ausbildung<br />
unserer Studierenden?<br />
• Geben wir in unserer Schulstruktur den Lehrkräften<br />
im Internat genügend Raum und Zeit<br />
sowie finanzielle Ressourcen, um eine individuelle<br />
Unterstützung und Begleitung der Schüler:innen<br />
anzubieten?<br />
1.2 Die Persönlichkeit der Lehrkraft<br />
Gut ausgebildete Lehrkräfte spielen eine entscheidende<br />
Rolle in der Persönlichkeitsentwicklung von<br />
Lernenden. Denn „durch das Beobachten von Personen,<br />
die Vorbilder sind, erlernen Menschen komplexe,<br />
soziale Verhaltensweisen. Dieses Vorbild wird als<br />
Modell, das Lernprinzip als Lernen am Modell, bezeichnet“<br />
(Hofmann-Reiter et al., 2020, S. 110). Somit<br />
ist es laut meiner Erfahrung besonders wichtig,<br />
dass Lehrkräfte unter anderem auch über Kenntnisse<br />
in Psychologie, Ethik und Krisenintervention verfügen.<br />
Regelmäßige Supervision und die Bereitschaft<br />
zur persönlichen Weiterentwicklung sind ebenfalls<br />
förderlich, um eine stabile Lehrer:innenpersönlichkeit<br />
zu gewährleisten.<br />
„Schließlich kämen Wissenschaft und Praxis bzw.<br />
die Praktiker*innen gleichermaßen zunehmend zu<br />
der Erkenntnis, dass guter Unterricht nicht das Resultat<br />
fachwissenschaftlicher Expertise‘ ist, sondern die<br />
,Persönlichkeit des Lehrers‘ ausschlaggebend für den<br />
Lernerfolg der Schüler:innen sei“ (Rothland, 2021,<br />
S. 195).<br />
1.3 Der Unterrichtsgegenstand<br />
„Abweichende Sozialisierungshintergründe und Lebenswelten<br />
der Lernenden führen zu hoher Diversität<br />
zwischen den Individuen einer Schulklasse oder<br />
Lerngruppe. Darin ist eine Vielfalt der Möglichkeiten<br />
zu sehen“ (Forstner-Ebhart et al., 2002, S. 4).<br />
Angesichts dieser zunehmenden Herausforderungen,<br />
denen Lernende gegenüberstehen, ist es wichtig, Unterrichtsfächer<br />
wie Persönlichkeitsbildung und Ethik zu<br />
stärken. Diese Fächer entwickeln wichtige Lebenskompetenzen,<br />
die über den reinen Wissenserwerb hinausgehen<br />
und den Schüler:innen helfen, sich als eigenständige<br />
und verantwortungsbewusste Individuen zu entfalten.<br />
Vertiefende Fragen hierzu:<br />
• Bilden wir unsere Studierenden ausreichend in<br />
den Unterrichtsfächern Ethik und Persönlichkeitsbildung<br />
aus?<br />
• Welches Stundenausmaß an unserer Schule ist<br />
persönlichkeitsbildenden Fächern gewidmet<br />
bzw. wie fördern wir das ethische Wertebewusstsein<br />
unserer Schüler:innen?<br />
2. Schlussfolgerungen<br />
Die Persönlichkeitsbildung von Lernenden ist eine zentrale<br />
Aufgabe des Schulwesens, um sie auf ein erfolgreiches<br />
Leben in einer sich wandelnden Welt vorzubereiten.<br />
Das Internat und die Lehrer:innenpersönlichkeit spielen<br />
eine entscheidende Rolle, indem sie den Schüler:innen<br />
Raum und Unterstützung bieten. Es ist daher entscheidend,<br />
Ressourcen und Engagement in die Persönlichkeitsbildung<br />
und -entwicklung zu investieren, um den<br />
Schüler:innen die bestmöglichen Voraussetzungen für<br />
ihre Zukunft zu bieten. Die im Artikel genannten Fragen<br />
sind ein erster Ansporn für weitere Denkprozesse.<br />
Daraus ergeben sich folgende Denkansätze:<br />
• Erlernen die Studierenden Grundkompetenzen<br />
in relevanten Bereichen der Persönlichkeitsbildung<br />
und was kann getan werden, um die stetige<br />
persönliche Weiterentwicklung der Einzelnen<br />
zu forcieren?<br />
• Wird an unserem Schulstandort die Persönlichkeitsentwicklung<br />
der Lehrkräfte gefördert?<br />
3. Literaturverzeichnis<br />
Forstner-Ebhart, A., Katschnig, T., Poterpin, E., Schroll,<br />
C. (2022): Zur Förderung von Ambiguitätstoleranz in<br />
der Nachhaltigkeitsbildung. Pädagogische Hochschule<br />
Niederösterreich: R&E Source.<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
13
Forstner-Ebhart, A., Linder, W. (2020): Changing the<br />
mindset – Anforderungen an Lernsettings für berufsbildende<br />
Schulen in einer VUCA-Welt. In:<br />
Sippl, C., Rauscher, E., Scheuch, M. (Hrsg.), Das<br />
Anthropozän lernen und lehren. S. 237–246. Studienverlag.<br />
Hofmann-Reiter, S., Kulhanek-Wehlend, G. (2020):<br />
Förderung sozialer Lernprozesse. In: Kraker, N.,<br />
Forstner-Ebhart, A., Schwetz, H. (Hrsg.), Impulse<br />
für Forschung und Masterarbeiten. S. 108–115. Facultas<br />
Verlags- und BuchhandelsAG.<br />
Rothland, M. (2021): Die „Lehrerpersönlichkeit“: das<br />
Geheimnis des Lehrberufs? In: Gewerkschaft Erziehung<br />
und Wissenschaft im DGB (Hrsg.), Die<br />
deutsche Schule, Jg. 113. S. 188–198. Waxman.<br />
Waak, S. (2015): Hattie-Rangliste: Einflussgrößen und<br />
Effekte in Bezug auf den Lernerfolg. Visible Learning.<br />
https://visible-learning.org/de/hattie-rangliste-einflussgroessen-effekte-lernerfolg/<br />
4. Autorin<br />
j.weiskopf@tsn.at<br />
Ing. Julia Weiskopf, BEd<br />
Hochschule für Agrar- und<br />
Umweltpädagogik<br />
Landwirtschaftliche Lehranstalt Lienz,<br />
Josef-Müller-Straße 1, 9900 Lienz |<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
14
BACHELORARBEIT LÄSST KÄRNTENS<br />
SCHULEN ERBLÜHEN<br />
Corina Rainer, Sabrina Schuschnig, Carmen Wallner<br />
Zusammenfassung<br />
Die Bedeutung grüner Lernumgebungen gegenüber<br />
kahlem Klassenzimmer nimmt immer mehr zu. Neben<br />
dem nachgewiesenen positiven Einfluss von<br />
Zimmerpflanzen auf das Raumklima tragen sie auch<br />
maßgeblich zum Wohlbefinden und zur Leistungsfähigkeit<br />
bei. Jedoch findet man kaum in einer Schule<br />
in Österreich Zimmerpflanzen in den Klassenzimmern.<br />
Dies sollte sich ändern. Ein Beispiel dafür ist das Bildungszentrum<br />
Ehrental, wo eine Initiative zur Begrünung<br />
von Klassenzimmern gestartet wurde.<br />
Schlüsselwörter<br />
Klassenzimmer | Lernklima | Zimmerpflanzen |<br />
Begrünung | Lernmotivation<br />
1. Grüne Lernumgebungen<br />
statt kahler Klassenzimmer<br />
Studien belegen eindeutig den positiven Einfluss von<br />
Zimmerpflanzen auf das Raumklima. Doch ihre Vorteile<br />
beschränken sich nicht nur darauf. Die grünen<br />
Mitbewohner verbessern nachweislich das Wohlbefinden<br />
und steigern die Leistungsfähigkeit der Menschen<br />
in ihrem Umfeld. Diese Erkenntnisse legen<br />
nahe, dass die Begrünung von Innenräumen eine<br />
bedeutende Rolle für das Wohlergehen der Personen<br />
spielt, die sich in solchen Räumen aufhalten. Insbesondere<br />
in „Standardklassenzimmern“ ohne jegliche<br />
Begrünung könnten Schüler:innen daher beeinträchtigt<br />
sein, sowohl in ihrer Lernmotivation als auch in<br />
ihrem allgemeinen Wohlbefinden, dies haben die Untersuchungen<br />
von Ralf Bonn bestätigt.<br />
2. Das Bildungszentrum<br />
Ehrental blüht auf<br />
Laut der Befragung „Wirkungsweisen von Innenraumbegrünung<br />
in Büros“ nach Reimherr und Kötter<br />
im Jahre 2001 haben Pflanzen vor allem eine gesundheitsfördernde<br />
Wirkung. 55 Prozent der befragten<br />
Personen gaben an, dass sie nach der Begrünung ein<br />
verbessertes Raumgefühl wahrgenommen haben.<br />
Weiters wurde eine angenehme Luftbefeuchtung als<br />
sehr positiv empfunden, auchStaub- und Lärmreduktion<br />
wurden angegeben.<br />
Trotz all dieser positiven Aspekte findet man in Österreichs<br />
Klassenzimmern kaum bis gar keine Zimmerpflanzen<br />
oder Innenraumbegrünung. Dies sollte<br />
sich ändern!<br />
Im Rahmen unserer Bachelorarbeit nahmen wir die<br />
Pflanzen in die Hand und begrünten ein Klassenzimmer<br />
des Bildungszentrums Ehrentals in Klagenfurt.<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
15
2.1 Grün, grüner, Ehrentals<br />
Klassenzimmer<br />
Nach einigen Tagen Planung haben wir uns für das<br />
Trogsystem entschieden. Dazu benötigten wir einige<br />
Paletten mit Pflanzeinsätzen, die uns freundlicherweise<br />
die Hausmeister der Schule an die Wand befestigten.<br />
Nach Absprache mit dem Abteilungsleiter<br />
des Fachbereichs Gartenbau durften wir uns alle benötigten<br />
Zimmerpflanzen aus den Gewächshäusern<br />
der Schule nehmen. Gemeinsam mit vier freiwilligen<br />
Schüler:innen des Internats wurde das Klassenzimmer<br />
eines Abends umgestaltet und mit verschiedensten<br />
Zimmerpflanzen begrünt.<br />
Am nächsten Morgen war die Freude groß! Als die<br />
Schüler:innen ihr grünes Klassenzimmer betraten,<br />
kamen sie aus dem Staunen nicht mehr heraus. Einige<br />
stellten sich schon zu Beginn eine Pflanze auf<br />
ihren Schülertisch.<br />
CO2-Konzentration erreicht wurde. Somit kommen<br />
die Kinder und Jugendlichen mit den wichtigsten Daten<br />
über die Pflanzen und dem daraus resultierenden<br />
Zusammenhang mit ihrer Pflege in Berührung (Universitat<br />
Pompeu Fabra Barcelona, 2019).<br />
3. Ein Selbstläufer<br />
Unsere Arbeit hatte sich gelohnt. Das Projekt wurde<br />
zum Selbstläufer. Im Laufe des Schuljahres wurden<br />
weitere Klassenzimmer auf Wunsch der Schüler:innen<br />
als auch der Lehrer:innen begrünt. Einige Schüler:innen<br />
wünschten sich sogar eine Begrünung in<br />
ihren Internatszimmern, andere nahmen die Pflanzen,<br />
welche auf ihren Schreibtischen standen, über<br />
die Ferien mit nach Hause, um sie nächstes Schuljahr<br />
wieder platzieren zu können.<br />
Abb. 1: Trogsystem als vertikale Begrünung in der Versuchsklassebildung<br />
an Schulen<br />
2.2 Teaspils und CO2 in<br />
Klassenräumen<br />
Abb. 2: Bepflanzte Tröge extra für die Paletten<br />
Abb. 3: Vertikale Begrünung in der Klasse<br />
Für unsere Forschung wurde uns von der Hochschule<br />
für Agrar- und Umweltpädagogik das Gerät „Teaspils“<br />
zur Verfügung gestellt.<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
Beim Gerät Teaspils handelt es sich um ein EU-Projekt,<br />
welches sich auf die Thematik Umweltbewusstsein<br />
hinsichtlich von Zimmerpflanzen in Klassenräumen<br />
fokussiert. Teaspils verfügt über einen Sensor,<br />
über diesen misst er beispielsweise die Raumtemperatur,<br />
den CO2-Gehalt, die Lichtstärke, Luftfeuchte<br />
und die Bodentemperatur. Darüber hinaus leuchtet er<br />
rot, wenn gelüftet werden sollte, weil eine gewisse<br />
16
4. Literaturverzeichnis<br />
Universitat Pompeu Fabra Barcelona (2019): Teaspils.<br />
Von Projekt-Nr.: 2020-1ES01-KA203-082258. Abgerufen<br />
am 18.04.2024 unter https://www.teaspils.<br />
eu/<br />
Bonn, R. (2012): Kinderzimmer Haus. Mein grünes<br />
Kinderzimmer. Abgerufen am 18.04.2024 unter https://www.kinderzimmer-haus.de/gesund-wohnen/<br />
mein-gruenes-kinderzimmer.pdf<br />
5. Autorinnen<br />
Sabrina Schuschnig, BEd<br />
Hochschule für Agrar- und<br />
Umweltpädagogik<br />
Kreuth 30, 9065 Ebenthal<br />
sabrina.schuschnig@haup.ac.at<br />
Carmen Wallner<br />
Hochschule für Agrar- und<br />
Umweltpädagogik<br />
Münichsdorferplatz 2,9375 Hüttenberg<br />
| carmen.wallner@haup.ac.at<br />
Corina Rainer, BEd<br />
Hochschule für Agrar- und<br />
Umweltpädagogik<br />
Lacknerbichlweg 10a, 9500 Villach<br />
corina.rainer@haup.ac.at<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
17
MIT „GRÜN“ (AUF)WACH(S)EN<br />
Tina Jungegger<br />
Zusammenfassung<br />
Die direkte Erfahrung mit der Natur spielt in außerschulischen<br />
Lernorten für Kinder eine zentrale Rolle.<br />
In diesem Beitrag wird die persönliche Beziehung<br />
zum Garten und die Ausbildung der Gartenpädagogik<br />
beschrieben. Neben der Geschichte eines Kindes<br />
und seiner Bohne wird die Wichtigkeit von Selbsterfahrung<br />
und die praktische Umsetzung pädagogischer<br />
Konzepte für Studierende hervorgehoben. Insbesondere<br />
wird die Frage beleuchtet, warum Pflanzen<br />
in pädagogische Angebote implementiert werden<br />
sollen.<br />
Schlüsselwörter<br />
Gartenpädagogik | Selbsterfahrung | außerschulischer<br />
Lernort | Käferbohne<br />
1. Entdeckungsreise in die<br />
Pflanzenwelt<br />
Auf jedem Fensterbrett stehen Aussaatschalen, in<br />
denen kleine Pflänzchen sprießen und darauf warten,<br />
pikiert zu werden. Es riecht nach frischer Erde<br />
und die Terrasse ist mit Schaufeln, Töpfen und einem<br />
Pflanztisch ausgestattet. Bücher und Magazine<br />
zum Thema Gemüsegarten stapeln sich am Küchentisch.<br />
Meine Großmutter ist eine leidenschaftliche<br />
Hobbygärtnerin und kümmert sich jeden Tag um ihre<br />
Pflänzchen. Als ich noch in Kinderschuhen steckte,<br />
hat sie mir den Bezug zum Garten, zum eigenen Gemüse<br />
und der Natur vorgelebt und die Motivation<br />
mitgegeben, in diesem Themenfeld weiterzuarbeiten.<br />
Das Bachelorstudium Umweltpädagogik hat mir<br />
weitere Grundsteine in der Naturvermittlung gelegt.<br />
Neben dem Studium absolvierte ich den Lehrgang<br />
Gartenpädagogik, welcher in Kooperation der Hochschule<br />
für Agrar- und Umweltpädagogik mit Natur<br />
im Garten geleitet wird. Die Ausbildung ermöglicht,<br />
den Schulgarten und das Klassenzimmer als Lernund<br />
Erlebnisraum zu nützen. In meiner Tätigkeit als<br />
Freizeitpädagogin integriere ich meine Leidenschaft<br />
für den Garten auf vielfältige Weise in die Planung<br />
meiner Aktivitäten. Kommen Sie mit auf eine Reise<br />
in die Praxis.<br />
1.1 Natur erleben – auch drinnen!<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
Wieso ist die Pflanze so schnell gewachsen? Warum<br />
kommen unterschiedliche Blätter heraus? Wie muss<br />
ich die Pflanze pflegen? Wann kann ich sie einsetzen?<br />
All das sind Fragen von einem Kind, welches stolz<br />
seine Käferbohne am letzten Tag der Betreuungswoche<br />
in den Händen hält. Die Fragen zur Pflanze sind<br />
beim Projekt „Die Käferbohne als Keimwunder“ entstanden.<br />
Die Natur ist für Kinder so wichtig wie eine gute Ernährung.<br />
Sie dient als Entwicklungsraum und Quelle<br />
für Erfahrungen, die das Fundament des Lebens prägt<br />
(Renz-Polster & Hüther, 2019, S. 9). Die Gartenpädagogik<br />
verbindet gärtnerische Arbeit mit der Päda-<br />
18
gogik, wo Forschen und aktives Tun mit Emotionen<br />
verknüpft sind. (Wappel, 2023, S. 70).<br />
Das Kind, welches am Ende so viele Fragen an mich<br />
stellte, hatte zu Beginn zunächst wenig Interesse, am<br />
Projekt mit der Bohne teilzunehmen. Nach einer kurzen<br />
Einführung und Anleitung habe ich den Kindern<br />
die Wahl gelassen, ob sie am Experiment mitmachen<br />
möchten oder nicht. Die Entscheidungsmöglichkeit<br />
und die damit verbundene Autonomie sind im Kindesalter<br />
von großer Bedeutung. Nachdem das erste<br />
Kind seine Bohne in das Glas gegeben hat, folgten<br />
die anderen Kinder, auch jenes, das zu Beginn kein<br />
Interesse gezeigt hat.<br />
1.2 Pädagogische Angebote und<br />
ihre Wirkung<br />
Pädagogische Fachkräfte brauchen Geduld und Mut<br />
und die Kompetenz, loslassen zu können, wenn pädagogische<br />
Planungen an ihre Grenzen stoßen und<br />
erst später oder nicht angenommen werden. In meiner<br />
Ausbildung werden pädagogische Konzepte<br />
entworfen, die nicht alle in der Umsetzung landen.<br />
Somit bleiben sie ein theoretisches Konstrukt am<br />
Papier und es wird gehofft, dass sie in der Praxis zu<br />
100 Prozent umsetzbar sind. Erst in der Praxis wird<br />
erkannt, ob eine Methode funktioniert oder nicht. Ist<br />
das Angebot richtig an die Zielgruppe angepasst?<br />
Ist eine Umsetzung möglich? Für Pädagogik-Student:innen<br />
in Ausbildung sind die Praxiserfahrungen<br />
von hohem Wert und steigern die Qualität der Lernund<br />
Lehrinhalte.<br />
Wichtig dabei ist, den Kindern die Möglichkeit zu<br />
geben, eigene Erfahrungen zu sammeln und selbst<br />
Entscheidungen zu treffen, um das forschende Lernen<br />
zu fördern. Lude nennt die erkundende Dimension<br />
das Beobachten und Erforschen der Natur, in der<br />
Naturerfahrung. Die Erfahrung fördert die Naturverbundenheit<br />
und ist zugleich ein großes Potenzial für<br />
BNE in pädagogischen Angeboten für Kinder (Gröber<br />
& Kühn, 2023, S. 13–14).<br />
Jeden Tag hat das Kind, bei dem ich zu Beginn auf<br />
Widerwillen gestoßen bin, die Pflanze gegossen und<br />
eine Verbindung dazu aufgebaut. Die strahlenden<br />
Augen und die Fragen, die aus dem Kind heraussprudelten,<br />
sind Momente, die einen erfreuen lassen<br />
und zeigen, dass die kleinen Berührungen mit Pflanzen<br />
große Wirkung erreichen. Der Bezug zur Natur<br />
musste sich, wie die Pflanze, erst entwickeln.<br />
Ein einfaches Experiment gibt den Kindern Bezug<br />
zur Natur und lässt forschendes Lernen zu. Pädagogische<br />
Fachkräfte tragen die Verantwortung, die Natur<br />
und den Garten in Angebote einzubeziehen. Die<br />
Selbsterfahrung ist der Schlüssel zum Lernen. Die<br />
Natur und ihre Vielfaltals interdisziplinäres Lernfeld<br />
kann die Entwicklung von Kindern in allen Bildungsbereichen<br />
fördern.<br />
2. Literaturverzeichnis<br />
Gröber, J., Kühn, L. (2023): Naturerfahrungen von<br />
Grundschulkindern im Kontext von BNE. ZEP –<br />
Zeitschrift für internationale Bildungsforschung<br />
und Entwicklungspädagogik, 2023(4), S. 12–16.<br />
Abgerufen am 4.4.24 unter https://doi.org/10.31244/<br />
zep<br />
Renz-Polster, H., Hüther, G. (2019): Wie Kinder heute<br />
wachsen: Natur als Entwicklungsraum: ein neuer<br />
Blick auf das kindliche Lernen, Denken und Fühlen<br />
(5. Auflage). Beltz.<br />
Wappel, M. (2023): Auf ins grüne Klassenzimmer:<br />
Schulfreiräume als Lernorte nutzen. #schuleverantworten,<br />
3(1), Article 1. Abgerufen am 4.4.24<br />
unter https://doi.org/10.53349/sv.2023.i1.a303<br />
3. Autorin<br />
Tina Jungegger, BEd<br />
Masterstudentin Umweltpädagogik<br />
Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik<br />
tina.jungegger@haup.ac.at<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
19
DIE BUNTEN SPUREN DER HOCHSCHULE<br />
Julia Deitermann<br />
Zusammenfassung<br />
Als Beraterin und Trainerin in der Erwachsenenbildung<br />
habe ich kein klassisches Feld der Umweltpädagogik<br />
gewählt. Doch meine Ausbildung an der<br />
Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik hat<br />
eine Vielzahl an Spuren in meinem Arbeitsalltag hinterlassen.<br />
Schlüsselwörter<br />
Erwachsenenbildung | Beratung | Grüne Pädagogik |<br />
Deutsch als Zweitsprache<br />
1. Grüne Spuren in der<br />
Erwachsenenbildung<br />
Meine Arbeit als Trainerin und Beraterin in der Erwachsenenbildung<br />
bringt täglich neue Herausforderungen,<br />
Bereicherungen und Überraschungen mit<br />
sich. Ich gebe Kurse für Deutsch als Zweitsprache<br />
und berate bei Berufs- und Ausbildungsfragen. Nicht<br />
selten lässt mich die ein oder andere Situation dabei<br />
gedanklich auf die Hochschule reisen.<br />
Um meinen Arbeitstag in der Früh zu beginnen, ist<br />
schon einige Vorarbeit nötig. Bei der Unterrichtsvorbereitung<br />
hinterlässt die Hochschule die ersten<br />
Spuren in meinem Arbeitsalltag. Zwar unterrichte<br />
ich nicht im klassischen Schulsetting, doch für meine<br />
Kurse nütze ich die altbekannten Planungsraster. Von<br />
der umfangreichen Planungsvorlage ist inzwischen<br />
eine kurze, kompakte Tabelle übriggeblieben, die<br />
mich durch den Unterricht begleitet. Bei der Planung<br />
kann ich oft auf kreative und interaktive Impulse von<br />
Kolleg:innen und Lehrkräften von der Hochschule<br />
zurückgreifen.<br />
Ich nütze verschiedene Modelle, um den Unterricht<br />
zu gestalten. Den Einstieg bildet fast immer ein „Ice<br />
Breaker“ – ein Sprechanlass, der die Lernenden, die<br />
ihren Alltag eher selten auf Deutsch bestreiten, in die<br />
deutsche Sprache holt. Besonders in dieser Phase ist<br />
es mir wichtig, flüssiges Sprechen zu fördern. Das<br />
Augenmerk liegt auf der Interaktion, Fehler sind dabei<br />
nebensächlich.<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
Nach dem sanften „Warm-up“ leite ich in die Arbeits-,<br />
Übungs- oder Inputphasen des Unterrichts<br />
über. Wie auch in der Schule ist es in der Arbeit mit<br />
Erwachsenen essenziell, dass die Themen einen persönlichen<br />
Bezug zum Alltag der Lernenden haben.<br />
Die vorhandenen Lehrwerke für Deutsch als Zweitsprache<br />
knüpfen kaum am Alltag meiner Zielgruppe<br />
an. Beispieldialoge, die sich um die Buchung eines<br />
Hotelzimmers oder den Urlaub in Italien drehen,<br />
20
spiegeln nicht den Alltag meiner Zielgruppe wider.<br />
Im Sinne der Spirale der Grünen Pädagogik konfrontiere<br />
ich meine Lernenden mit einem „Hot Spot“,<br />
also einem für sie relevanten Thema. Dazu knüpfe<br />
ich gerne an der Expertise der Teilnehmenden an.<br />
Die Themen reichen vom Schulsystem in den Herkunftsländern<br />
über den öffentlichen Nahverkehr in<br />
Wien bis zu Charakteristika der verschiedenen Sprachen.<br />
Nur was einen persönlichen Bezug hat, ist für<br />
die Lernenden von Bedeutung. Die Sprache hat dabei<br />
eine spannende Doppelfunktion, da sie gleichzeitig<br />
Unterrichtsmittel und Unterrichtsinhalt darstellt.<br />
Hieraus entsteht jedoch auch ein hohes Frustrationspotenzial.<br />
Deshalb ist es mir wichtig, Fehler als notwendiges<br />
und wertvolles Element des Unterrichts zu<br />
nützen. Ein spannendes Erlebnis hatte ich mit einer<br />
Teilnehmerin, die sich zu Beginn des Kurses immer<br />
beschämt und ausführlich entschuldigte, wenn sie einen<br />
Fehler machte. Im Laufe des Kurses begann sie<br />
ihre Fehler als Teile des Lernprozesses zu akzeptieren,<br />
die den Wert ihrer Beiträge nicht schmälerten.<br />
Das Thema Binnendifferenzierung stellt eine große<br />
Herausforderung in meinem Unterricht dar. Die<br />
Teilnehmenden haben nicht nur unterschiedliche<br />
Niveaus in der deutschen Sprache, sondern bringen<br />
vielfältige Erstsprachen mit. Dadurch gibt es eine<br />
große Bandbreite an Sprachkonzepten, aus denen<br />
verschiedene Herangehensweisen an Sprachproduktion<br />
resultieren. Außerdem ist jede:r Teilnehmende in<br />
einem anderen Schulsystem, mit anderen Strukturen<br />
und Lehr-Lern-Konzepten aufgewachsen. Didaktische<br />
Konzepte lassen sich auf dieses Setting nicht<br />
leicht übertragen. Doch die große Vielfalt bereichert<br />
meinen Unterricht sehr. In pädagogischer, didaktischer<br />
und auch kulinarischer Hinsicht lerne ich täglich<br />
dazu.<br />
Oft kommen Personen beim ersten Termin mit einer<br />
verschlossenen oder sogar ängstlichen Haltung in<br />
den Raum. Was ich auf der Hochschule gelernt habe:<br />
Ausreichend Zeit und eine ruhige, wertschätzende<br />
Atmosphäre in einem klaren Rahmen können einen<br />
großen Unterschied machen. Gedanklich reise ich<br />
dabei zurück in die Seminare zum Thema Beratung<br />
und Kommunikation. Ich erinnere mich an Floskeln<br />
wie „Ich bin ok, du bist ok“ oder „Hart in der Sache,<br />
weich in der Person“, die sich nun mit Bedeutung<br />
füllen. Ich will die Person mit all ihren Eigenheiten<br />
annehmen. Manchmal kann ich das Verhalten einer<br />
Person nicht nachvollziehen. Dann versuche ich die<br />
Ursache zu erkennen, aber nicht zu beurteilen.<br />
Die Übertragung der theoretischen Modelle in den<br />
Beratungsalltag gelingt mal ganz von selbst, an anderen<br />
Tagen stolpere ich über viele Hürden. Insbesondere<br />
sprachliche Grenzen erschweren die Nutzung<br />
von klassischen Kommunikationstools. Dann hilft<br />
es, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen: mit viel Geduld,<br />
einer bejahenden Einstellung zum Gegenüber<br />
und humorvoller Kommunikation mit Händen und<br />
Füßen.<br />
3. Autorin<br />
Julia Deitermann, BEd BSc<br />
Studentin im Masterlehrgang |<br />
Hochschule für Agrar- und<br />
Umweltpädagogik<br />
julia.deitermann@haup.ac.at<br />
2. Bunte Spuren in der<br />
Beratung<br />
Nachdem ich meinen chaotischen, aber geschätzten<br />
Klassenraum zusperre, führt mich mein Weg meist<br />
direkt in mein Büro. Dort wartet der zweite Teil meiner<br />
Arbeit auf mich: Bildungs- und Berufsberatung.<br />
Hier zeigt sich immer wieder, dass Vertrauen die<br />
Grundlage jedes guten Beratungsgesprächs ist. Mir<br />
ist es wichtig, dass meine Beratung ein sicherer Ort<br />
ist, an dem keine Be- oder Verurteilung stattfindet.<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
21
WAS TRIGGERT MICH IM KLASSENZIMMER?<br />
Daniela Holub<br />
Zusammenfassung<br />
1. Trigger im Klassenzimmer<br />
In der Schulumgebung stehen Lehrpersonen vor einer<br />
Vielzahl von Herausforderungen, von strukturellen<br />
Defiziten wie dem weitverbreiteten Lehrermangel bis<br />
hin zur effektiven Stoffvermittlung. Diese komplexe<br />
Dynamik beeinflusst das Lehrer-Schüler-Verhältnis.<br />
Der Lehrermangel geht oft mit Überlastung, emotionalem<br />
Stress und erhöhtem Druck einher, was die<br />
Anfälligkeit für emotionale Auslöser signifikant erhöht.<br />
Diese Interaktionen im Klassenzimmer können<br />
zu unverhältnismäßigen Reaktionen der Lehrpersonen<br />
führen und zu einem Teufelskreis von Belastungen<br />
beitragen, der sich negativ auf ihre Gesundheit<br />
auswirkt.<br />
Schlüsselwörter<br />
Lehrer:innenprofessionalisierung | Werte | Reflexion<br />
| Stress | Trigger<br />
Es läutet zum Stundenbeginn und Herr Z., ein Lehrer,<br />
der sich eigentlich in den Welten der Mathematik und<br />
Biologie zu Hause fühlt, steht nun vor der Aufgabe,<br />
die komplexe deutsche Sprache zu unterrichten. Sein<br />
Entschluss, diese neue Aufgabe zu übernehmen, war<br />
kein leichtfertiger. Die Entscheidung fiel ihm umso<br />
schwerer, weil er wusste, dass sich die Klasse, die<br />
er unterrichten würde, aus Schüler:innen mit unterschiedlichem<br />
sprachlichem Hintergrund zusammensetzt.<br />
Viele von ihnen sprechen zu Hause eine andere<br />
Erstsprache. Dennoch, zum Wohlergehen seiner<br />
Schüler:innen ließ er sich überreden, das Fach zu<br />
übernehmen.<br />
Als er die Hausaufgaben einsammelt, wirkt der Geräuschpegel<br />
im Raum für einen Moment gedämpft,<br />
aber nur kurz, um sich dann in ein unruhiges Gemurmel<br />
zu verwandeln. Er geht durch die Reihen und<br />
beginnt zu registrieren, dass nur zehn von 24 Hausübungen<br />
gemacht wurden.<br />
Daraufhin beginnt sich ein körperliches Unwohlsein<br />
in ihm zu regen. Er fühlt, wie sich sein Magen zusammenkrampft<br />
und sich sein Herzschlag beschleunigt.<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
Wütend hebt er die zehn <strong>Heft</strong>e in die Höhe. Sein<br />
Blick schweift durch die Klasse: „Wo sind die restlichen<br />
Hausübungen?“ Bekannte Ausreden – von vergessenen<br />
<strong>Heft</strong>en bis zu Wochenenden im Park – prasseln<br />
auf ihn ein. Janine lehnt sich zurück, die Arme<br />
verschränkend bemerkt sie im frechen Ton: „Herr Z.,<br />
wissen Sie, am Wochenende ist einfach keine Zeit für<br />
Hausaufgaben. Wir müssen doch das Leben genießen,<br />
solange wir noch jung sind. Das Buch ist einfach<br />
langweilig. Wer braucht das schon?“<br />
Plötzlich entladen sich seine aufgestauten Emotionen:<br />
„Was ist los mit euch? Euer Verhalten ist respektlos!“<br />
Seine Stimme durchschneidet das Stimmengewirr<br />
wie ein Messer. Einige Schüler:innen zucken<br />
22
zusammen, die Gespräche verstummen augenblicklich.<br />
„Ihr seid anscheinend zu blöd zu kapieren, dass<br />
ihr ohne Leistung und Disziplin es zu nichts bringen<br />
werdet! Den Schulabschluss könnt ihr so vergessen.<br />
Wie wollt ihr ohne Abschlusszeugnis eine Lehrstelle<br />
finden? So wird euch niemand nehmen.“<br />
In der Psychologie werden Trigger als bestimmte<br />
Sinneseindrücke oder Reize definiert, die starke<br />
emotionale Reaktionen auslösen können, indem sie<br />
unangenehme Erinnerungen oder Gefühle in Verbindung<br />
mit früheren negativen Erfahrungen wachrufen.<br />
Diese können eine Vielzahl von Formen annehmen.<br />
Die durch Trigger ausgelösten emotionalen Reaktionen<br />
sind oft tief in den individuellen Erfahrungen<br />
verankert und können somit zu Reaktionen führen,<br />
die in ihrer Intensität oder Art als unverhältnismäßig<br />
bewertet werden müssen (Stangl, 2024). Im Fall von<br />
Herrn Z. könnte der Moment, in dem ihm klar wird,<br />
dass ein Großteil seiner Schüler:innen die Hausaufgaben<br />
nicht erledigt hat, als ein Trigger gewirkt haben,<br />
der nicht nur seine pädagogischen, sondern auch<br />
seine persönlichen Grenzen herausfordert.<br />
2. Werte und Bedürfnisse<br />
Werte prägen das pädagogische Denken und Handeln.<br />
Der Begriff „Wert“ bezieht sich in der Alltagssprache<br />
auf ein Qualitätsversprechen, das Ergebnis<br />
einer Messung oder die Bedeutung, die einer Sache<br />
beigemessen wird. Ursprünglich aus der Philosophie<br />
kommend, definiert Wert eine erstrebenswerte<br />
Orientierungshilfe, die Wahrnehmung, Zielsetzungen<br />
und Handeln beeinflusst (Frey, 2015). Respekt<br />
ist für Lehrende ein unverzichtbarer Wert und somit<br />
eine Grundlage ihrer beruflichen Tätigkeit (Bangert,<br />
2020). Lehrkräfte zeigen Respekt gegenüber ihren<br />
Schüler:innen und wollen eine Atmosphäre des<br />
gegenseitigen Respekts und der Wertschätzung im<br />
Klassenzimmer erzeugen (Bangert, 2020). Herr Z.<br />
fühlt sich durch die fehlende Hausaufgabe möglicherweise<br />
in seinem Wert des Respekts gekränkt und<br />
nicht ausreichend gewürdigt.<br />
Zutrauen und Anspruch sind weitere wichtige Werte,<br />
die das Verhalten von Lehrer:innen prägen. Lehrende,<br />
die ihren Schüler:innen vertrauen und hohe Ansprüche<br />
an sie stellen, motivieren vielfach zu besonderen<br />
Leistungen. Erfolgreiche Lehrkräfte streben kontinuierlich<br />
nach Verbesserung und setzen hohe Standards<br />
für sich selbst und Lernende ein (Bangert, 2020).<br />
Lehrkräfte mit hoher Selbstwirksamkeit glauben<br />
an ihre Fähigkeit, pädagogische Ziele zu erreichen<br />
(Skaalvik & Skaalvik, 2010). Herr Z. könnte sich<br />
getriggert fühlen, da seine Erwartungen, seine Ansprüche<br />
nicht erfüllt wurden. Die Entscheidung von<br />
Herrn Z., Deutsch zu unterrichten, obwohl er sich<br />
unsicher fühlt, könnte mit seinem Wert von Selbstwirksamkeit<br />
verbunden sein. Im Bereich der Selbstwirksamkeit<br />
könnten Herrn Z. die fehlenden Hausaufgaben<br />
triggern, da er möglicherweise an seiner<br />
Selbstwirksamkeit zweifelt, den Schülerinnen und<br />
Schülern Deutsch beizubringen. Das Gefühl, dass<br />
seine Anstrengungen nicht ausreichen, um Schüler:innen<br />
zu einem angemessenen Lernverhalten zu<br />
bewegen, könnte ihn stressen.<br />
Lehrpersonen sind mit einer Vielzahl von Aufgaben<br />
konfrontiert, die hohe Aufmerksamkeit erfordern<br />
und oft von hoher Lautstärke und unerwarteten Unterbrechungen<br />
begleitet sind. Multitasking ist zur<br />
Norm geworden, um den steigenden Anforderungen<br />
gerecht zu werden. Zusätzlich stehen Lehrkräfte<br />
unter dem Druck des akuten Lehrer:innenmangels.<br />
Daraus folgt, dass sie nicht nur ihren regulären Unterricht<br />
vorbereiten und durchführen, sondern auch<br />
fachfremde Gegenstände unterrichten und spontane<br />
Vertretungsstunden übernehmen müssen. Diese zusätzliche<br />
Belastung führt zu einer Vermischung von<br />
Arbeits- und Freizeitleben, wobei die Zeit für Erholung<br />
oft zu kurz kommt. Selbst in der Freizeit finden<br />
Lehrpersonen kaum Entspannung, da sie durch die<br />
permanente Verfügbarkeit und die ständige Kommunikation<br />
über digitale Medien mit der Schule verbunden<br />
bleiben.<br />
Die Wahrnehmung einer Situation als Risiko oder<br />
Chance hängt von individuellen psychologischen<br />
Merkmalen ab. Emotionen dienen als Signal- und<br />
Alarmsystem, das uns überleben lässt und unsere<br />
evolutionäre Anpassung sichert. Diese Emotionen<br />
bieten Orientierung und aktivieren Handlungsbereitschaften,<br />
gestützt auf Erfahrungen und gelernte Verhaltensweisen.<br />
Informationen/Reize gelangen in das<br />
Gehirn und lösen dort eine emotionale Reaktion aus.<br />
Diese Reaktion erfolgt zunächst auf physiologischer<br />
Ebene, wobei Hormone freigesetzt werden, die innerhalb<br />
von Sekundenbruchteilen verschiedene körperliche<br />
Veränderungen bewirken, wie zum Beispiel<br />
einen Anstieg des Blutdrucks und der Herzfrequenz.<br />
Gleichzeitig wird im Präfrontalhirn eine kognitive<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
23
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
Verarbeitung der Reize durchgeführt. Dabei werden<br />
Erinnerungen herangezogen, um basierend auf früheren<br />
Erfahrungen die bestmögliche Reaktion auszuwählen.<br />
Diese kognitive Verarbeitung ermöglicht<br />
es, alternative Reaktionen zu generieren, wie zum<br />
Beispiel ein verzeihendes Lächeln anstelle einer aggressiven<br />
Handlung (Seidel, 2004).<br />
3. Reflexion als pädagogische<br />
Grundhaltung<br />
Sich wiederholende Triggersituationen können Auswirkungen<br />
auf das Schulklima und Lernende haben.<br />
Dies kann sich auf unterschiedliche Weise manifestieren:<br />
• Geringere Motivation und Engagement der<br />
Lehrkräfte<br />
• Schlechtere Lernergebnisse<br />
• Negatives Vorbildverhalten<br />
• Erhöhte Fluktuation von Lehrpersonen<br />
• Schlechtes Schulklima<br />
• Auswirkung auf die Lehrer:innengesundheit<br />
Die Reflexion der eigenen Haltung ist „Kern pädagogischer<br />
Expertise“ (Hattie & Zierer, 2016). Lehrpersonen<br />
können ihre emotionale Intelligenz stärken,<br />
indem sie reflektieren, wie ihre Erfahrungen aus vergangenen<br />
Ereignissen ihre Emotionen und ihr Verhalten<br />
beeinflussten. Diese Reflexion hilft Lehrpersonen,<br />
zu überprüfen, ob ihre Reaktion angemessen<br />
war und ob sie von wenig kontrollierten Emotionen<br />
beeinflusst wurden. Wenn Lehrpersonen lernen, das<br />
beste Ergebnis aus vergangenen Erfahrungen zu extrahieren,<br />
dann könnten sie in zukünftigen Triggersituationen<br />
gelassener reagieren und ihre Fähigkeit zur<br />
Emotionsregulation verbessern. Diese bewusste Reflexion<br />
und das Lernen aus vergangenen Erfahrungen<br />
sind entscheidend für die berufliche Weiterentwicklung.<br />
Selbstreflexion nimmt immer Einfluss auf die<br />
eigene Identität (Matter & Brosziewski, 2014). Besonders<br />
wertvoll wäre es für Herrn Z, sich bewusst<br />
Zeit zu nehmen und auch aktiv Feedback von anderen<br />
Lehrpersonen einzuholen, um die Übereinstimmung<br />
zwischen Selbst- und Fremdbild zu überprüfen.<br />
Wichtig wäre dabei, sich zu fragen, was man aus<br />
den neuen Erkenntnissen lernt und wie diese Trigger<br />
vermieden werden können.<br />
Schulen sind komplexe systemische Organisationen,<br />
in denen verschiedene Personen miteinander interagieren.<br />
Damit Schule erfolgreich funktioniert, ist es<br />
wesentlich, dass diese Akteure in Verbindung stehen<br />
und reflektieren können. Ansätze wie Supervision,<br />
kollegiale Hospitation und Intervision zur Unterstützung<br />
von Selbstreflexion, emotionaler Intelligenz<br />
und Werteorientierung sollten entwickelt und implementiert<br />
werden. Solch ein Schulsystem trägt zur<br />
Schaffung einer lernförderlichen Umgebung bei, in<br />
der alle Beteiligten ihr volles Potenzial entfalten können.<br />
Die Reflexion der eigenen Haltung, Werte und<br />
Trigger ist somit nicht nur ein individueller Entwicklungsprozess,<br />
sondern auch eine gemeinschaftliche<br />
Aufgabe. Damit leisten Schulen einen wesentlichen<br />
Beitrag zur Bildung einer resilienten und zukunftsfähigen<br />
Gesellschaft.<br />
4. Literaturverzeichnis<br />
Bangert, C. (2020): Was gute Lehrerinnen und Lehrer<br />
ausmacht. Beltz.<br />
Frey, D. (Ed.) (2015): Psychologie der Werte: Von<br />
Achtsamkeit bis Zivilcourage – Basiswissen aus<br />
Psychologie und Philosophie. Springer. Berlin/<br />
Heidelberg.<br />
Hattie, J., Zierer, K. (2016): Kenne deinen Einfluss!:<br />
„Visible Learning“ für die Unterrichtspraxis. Baltmannsweiler:<br />
Schneider-Verlag. Hohengehren.<br />
Matter, C., Brosziewski, A. (2014): Routinierte Reflexion:<br />
Zur Individualisierung pädagogischer Reflexionsprobleme.<br />
Zeitschrift für Soziologie der Erziehung<br />
und Sozialisation, 34(1).<br />
Skaalvik, E., Skaalvik, S. (2010): Teacher Self-Efficacy<br />
and Teacher Burnout: A Study of Relations.<br />
Teaching and Teacher Education, S. 26.<br />
Stangl, W. (2024, 11. Jänner): Trigger. Online Lexikon<br />
für Psychologie & Pädagogik. https://lexikon.<br />
stangl.eu/21840/trigger<br />
Seidel, W. (2004): Emotionen und Selbstbeherrschung<br />
– den Motor auch mal bremsen. In: W. Seidel<br />
(Hrsg.): Emotionale Kompetenz. Gehirnforschung<br />
und Lebenskunst. München: Elsevier, Spektrum<br />
Akademischer Verlag.<br />
24
5. Autorin<br />
Dipl.Rel.Päd. in Daniela Holub,<br />
MSc. BEd.<br />
Kirchlich Pädagogische Hochschule<br />
Wien/Krems<br />
daniela.holub@kphvie.ac.at<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
25
KINDLICHE ZUGÄNGE ERSCHLIESSEN<br />
WELTEN<br />
Hans Christian Ringer<br />
Zusammenfassung<br />
Trotz des gesellschaftlichen Auftrags zur Kulturübertragung<br />
basiert Bildung auf der individuellen Auseinandersetzung<br />
mit Fragen, die das Leben und die Welt<br />
an uns persönlich stellen. Die gewissenhafte Vorbereitung<br />
von Bildungsangeboten gilt als unabdingbares<br />
Qualitätsmerkmal gelingenden Unterrichts. Welche<br />
Gedankengänge, Wahrnehmungen und Wertungen<br />
bei Lernenden zu tiefen Erkenntnissen, Einsichten<br />
und Erfahrungen führen, ist nicht eindeutig planbar.<br />
Bildung ist nicht bloß Wissensvermittlung, sondern<br />
ein Prozess, der individuelles Entdecken, kritisches<br />
Denken und persönliches Verstehen fördern soll. Ein<br />
ergebnisoffener Blick sowie die phänomenologische<br />
Grundhaltung der Pädagog:innen in Respekt und<br />
Demut vor kindlichen Zugängen zu Lerninhalten ermöglichen<br />
nachhaltig Prägendes.<br />
Schlüsselwörter<br />
Horizonterweiterung | Ermöglichungsräume |<br />
Staunen | Einsicht | Reflexionskompetenz<br />
1. Bildung ist nicht nur<br />
Wissensvermittlung<br />
Konstruktive Mitarbeit und das Einbringen eigener<br />
Standpunkte beleben den Unterricht, sie ermöglichen<br />
die Vernetzung persönlicher Erfahrungen und Sichtweisen<br />
der Kinder mit Bildungsinhalten, zu denen<br />
wir Lehrpersonen in der Planung der Unterrichtseinheiten<br />
Lehrziele und Kompetenzbereiche in kognitiven,<br />
instrumentellen, pragmatischen oder affektiven<br />
Kategorien formulieren. Zeigen Kinder während des<br />
Unterrichts auf, um Ihnen Bedeutsames und Wichtiges<br />
zu erfragen oder anzubringen, erfährt der vorgesehene<br />
Themenzugang eine kurzzeitige Unterbrechung<br />
und es eröffnen sich Chancen für unvorhersehbare<br />
Bereicherungen, einen Perspektivenwechsel<br />
und Horizonterweiterung. Zu den eindrucksvollsten<br />
Beiträgen, die ich in meiner Unterrichtstätigkeit an<br />
Volksschulen erleben durfte, zähle ich jenen Moment,<br />
als ein neunjähriger Bub in einer Mathematikstunde<br />
aufzeigte und meinte: „Herr Lehrer, ich glaube ich<br />
weiß, warum Gott den Menschen erschaffen hat.“<br />
So eine Ankündigung weckt Neugierde, unabhängig<br />
davon, um welches Thema sich das aktuelle Unterrichtsgeschehen<br />
dreht. „Ich glaube, Gott hat den<br />
Menschen erschaffen, damit es außer ihm noch irgendwen<br />
gibt, der sich Gedanken macht und alles zu<br />
schätzen weiß.“<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
Nachdenklich blieb ich erstmal ruhig, ließ diese Worte<br />
wirken. Die Versuchung, seine wohlformulierten<br />
Überlegungen überhastet aufzugreifen und sich ihrer<br />
im Unterrichtsgespräch zu bedienen, war nicht gegeben.<br />
Respekt und Demut vor der Einmaligkeit des<br />
Augenblicks verlangten nach einem Innehalten, nicht<br />
aber nach Ergänzung des Gehörten durch einen sich<br />
seiner Rolle bewussten Wissensvermittler.<br />
Bildung ist nicht bloß Wissensvermittlung, sie ist<br />
das Resultat eines Prozesses, der über individuelles<br />
Entdecken, kritisches Denken und persönliches Verstehen<br />
zu Einsichten und Erkenntnissen führt. Als<br />
Lehrperson leiste ich einen verantwortungsbewuss-<br />
26
ten Beitrag, indem ich Ermöglichungsräume schaffe,<br />
inspiriere, begleite und eine begründete Vorahnung<br />
dessen definiere, worauf ein Blick zu lenken sich<br />
lohnen könnte. Dorthin, wo es Wissenswertes zu entdecken<br />
geben könnte, das im Sinne der Kulturübertragung<br />
zu bewahren wertvoll ist oder sich bei noch<br />
nicht absehbaren, künftigen Herausforderungen und<br />
Aufgabenstellungen bewähren wird können (Heis,<br />
E., Mascotti-Knoflach, S., 2022).<br />
Wenn du einem Kind etwas beibringst, nimmst du<br />
ihm die Chance, es selbst zu entdecken – Jean Piaget<br />
rät uns Pädagog:innen davon ab, zu versuchen,<br />
Kindern bloß unsere Überzeugungen vorzusagen und<br />
beizubringen, und wertet damit wie viele andere die<br />
Bedeutung der Eigenverantwortlichkeit für Lernprozesse<br />
auf (Koop, Riefling, 2017).<br />
Aurelius Augustinus, ein bedeutender Kirchenlehrer,<br />
stellte bereits 400 nach Christus fest, dass Lernen<br />
nicht passives Empfangen, sondern aktives Fürwahrhalten,<br />
Fürwerthalten und Fürschönhalten ist (Böhm,<br />
Schiefelbein, Seichter, 2010). Lehren erschöpft sich<br />
keinesfalls im Vermitteln von Kenntnissen und Inhalten,<br />
es ist vielmehr als Anstoß zum Selber-Glauben<br />
und zu eigener Einsicht zu verstehen. Dasselbe gilt<br />
für Erziehung, deren Ziel in unserem Kulturraum<br />
niemals Fremdgestaltung, sondern Selbstgestaltung<br />
der Person durch Einsicht, Wahl und Entscheidung<br />
sein sollte. Galileo Galilei erkannte schon im 17.<br />
Jahrhundert, dass man einen Menschen nicht lehren<br />
kann, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu<br />
tun (Koop, Riefling, 2017). Aus Respekt vor der individuellen,<br />
einmaligen Persönlichkeit ist Bildung<br />
seiner Meinung nach in erster Linie Begleitung und<br />
Unterstützung der Selbstentwicklung, ein Hinführen<br />
zur Selbstkompetenz. In diesem Sinne mahnt Janusz<br />
Korczak ein, dass Erziehung nicht heißt, ein Kind zu<br />
formen, sondern in Dialog mit ihm zu treten (Andresen,<br />
S., 2018).<br />
Aus seinen Erkenntnissen leitete er die Forderung<br />
nach einer Dichtung, Philosophie und Bildung der<br />
Einsicht statt der Überlieferung ab und vertraute der<br />
Offenbarung im Hier und Jetzt. „Wir leben für kurze<br />
Zeit im Schoße der Natur, deren Lebensfluten uns<br />
umströmen und durchwallen und die durch ihre Kräfte<br />
uns einlädt, ihr gemäß zu handeln; warum sollten<br />
wir da in den trockenen Knochen der Vergangenheit<br />
herumwühlen oder die jetzt lebende Generation mit<br />
den Masken ihrer verstaubten Gewänder verkleiden?“<br />
(Emerson, 1982, S. 9)<br />
Ein interessierter Blick auf die neuen Lehrpläne der<br />
Primarpädagogik bestärkt positive Erwartungshaltungen.<br />
Insbesondere bei den übergreifenden Themen,<br />
früher Unterrichtsprinzipien genannt, ist sowohl von<br />
Handlungs- als auch von Reflexionskompetenz zu lesen.<br />
Denn beim Lernen geht nicht nur um Resultate,<br />
Ergebnisse, Zahlen und Statistiken, sondern auch um<br />
Nachdenkprozesse, persönliche Auseinandersetzung,<br />
um Meinungsbildung und Offenheit gegenüber dem<br />
noch Unbekannten, Neuen, vielleicht auch ewig Geheimnisvollen.<br />
Wozu lernen wir im Grunde genommen und inwieweit<br />
gefährden vermeintliche Sicherheiten mitunter<br />
sogar unseren Zugang, unsere phänomenologische<br />
Grundhaltung zu Fragen, die das Leben an uns persönlich<br />
stellt? Auf welche Weise kann es Lehrpersonen<br />
gelingen, die ihnen anvertrauten Kinder zu einer<br />
Grundhaltung des interessierten Staunens anzuleiten,<br />
im Vertrauen auf das Aufgehobensein im großen<br />
Kontext, das Eingebettetsein in haltgebende Strukturen,<br />
deren Aufbau und Wirkungsweise wir lediglich<br />
erahnen können? (Längle, 2014)<br />
Attraktiv gestaltete Bücher und Lernmaterialien sind<br />
wertvoll, aber viel schöner ist es doch, die Wunder<br />
der Welt mit den eigenen Sinnen wahrzunehmen.<br />
Ralph Waldo Emerson, ein amerikanischer Philosoph<br />
und Schriftsteller, schrieb in seinem 1836 erschienenen<br />
buchlangen Aufsatz „Natur“ Kindern ein ursprüngliches<br />
Verhältnis zum Universum zu: „Um die<br />
Wahrheit zu sagen, wenige Erwachsene können die<br />
Natur sehen. Zumindest ist ihr Sehen sehr oberflächlich.<br />
Die Sonne bescheint nur das Auge des Mannes,<br />
aber in das Auge und das Herz des Kindes scheint sie<br />
hinein.“ (Emerson, 1982, S. 15)<br />
In der Existenzanalyse wird dieser tiefe, letzte Halt<br />
in der Welt, zu dem wir aus allen Vertrauenserfahrungen<br />
das Grundvertrauen entwickeln, Seinsgrund<br />
genannt und anerkannt, dass diese Brücke über das<br />
Restrisiko des Lebens jede und jeder für sich persönlich<br />
woanders finden kann (Längle, 2014).<br />
Alles Leben ist Begegnung, Beziehung und Bindung,<br />
in der vorbehaltlosen Interaktion entwickeln sich<br />
Existenz und gegenseitiges Verständnis – und oft ermöglichen<br />
uns Kinder mit ihrer Wahrnehmung überzeugende<br />
Zugänge.<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
27
2. Literaturverzeichnis<br />
3. Autor<br />
Andresen, S. (Hrsg.) (2018): Wie man ein Kind lieben<br />
soll. Vandenhoeck und Ruprecht GmbH & Co. KG.<br />
Göttingen.<br />
Böhm, W., Schiefelbein, E., Seichter, S. (2010): Projekt<br />
Erziehung. Brill/Schöningh<br />
Emerson, R. W. (1982). Natur. Diogenes.<br />
Heis, E., Mascotti-Knoflach, S. (2022). An der Schule<br />
wachsen: Selbstprofessionalisierung von Pädagog:innen.<br />
Klinkhardt.-<br />
Koop, Ch., Riefling, M. (Hrsg.) (2017): Alles eine Frage<br />
der Haltung!? Karg-Stiftung. Frankfurt.<br />
Längle, A. (2014). Lehrbuch zur Existenzanalyse (2.<br />
Auflage). Facultas.<br />
VOL SR/Dipl.Päd. Mag. Hans<br />
Christian Ringer<br />
Institut für Elementar- und PrimarpädagogikPraktikumsbüro,<br />
Pädagogische Hochschule Tirol<br />
h.ringer@ph-tirol.ac.at<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
28
NAVIGIEREN DURCH DIE INDUKTIONSPHASE<br />
Ein Erfahrungsbericht aus der Perspektive von Mentees<br />
Katrin Garger<br />
Zusammenfassung<br />
Die Induktionsphase wurde gemeinsam mit der Pädagog:innenbildung<br />
NEU und der Änderung des<br />
Dienstrechts im Jahr 2019 in Österreich eingeführt<br />
(vgl. Prenzel et al., 2021, S. 7). In dieser Phase stehen<br />
den angehenden Lehrpersonen Mentor:innen zur Seite,<br />
die in diesem ersten Berufsjahr begleiten, beraten<br />
und unterstützen. Ziel ist es, den Junglehrer:innen bei<br />
der Entwicklung ihrer pädagogischen Fähigkeiten<br />
sowie beim Aufbau ihrer professionellen Identität zu<br />
unterstützen. Die Induktionsphase bietet für Junglehrer:innen<br />
viele Chancen, jedoch auch Herausforderungen<br />
Schlüsselwörter<br />
Erfahrungsbericht | Induktionsphase | Chancen |<br />
Herausforderungen<br />
1. Die Induktionsphase im<br />
Kontext der Pädagog:innenbildung<br />
NEU<br />
Gemeinsam mit der Pädagog:innenbildung NEU und<br />
der Änderung des Dienstrechts im Jahr 2019 wurde<br />
in Österreich die sogenannte Induktionsphase für<br />
den Berufseinstieg in das Lehramt eingeführt (vgl.<br />
Prenzel et al., 2021, S. 7). Die Induktionsphase ist für<br />
Lehrpersonen im Pädagogischen Dienst vorgesehen<br />
und erstreckt sich im Allgemeinen über einen Zeitraum<br />
von zwölf Monaten. Ziel der Induktionsphase<br />
ist es, gemeinsam mit einer Mentorin beziehungsweise<br />
einem Mentor zusammenzuarbeiten und nach<br />
Möglichkeit den Unterricht anderer Lehrpersonen zu<br />
beobachten und an Beratungs- und Vernetzungsveranstaltungen<br />
teilzunehmen. Der Fokus des Mentoring<br />
liegt auf der Analyse, der Reflexion, der Anleitung<br />
sowie der Unterstützung im Berufseinstieg (vgl.<br />
Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und<br />
Forschung, 2023, o.S.). Im Rahmen einer Evaluation<br />
an der Volksschule Premstätten wurden zwei Berufseinsteigerinnen<br />
zu ihren Erfahrungen während<br />
der Induktionsphase mittels Interviews befragt.<br />
Dieser Erfahrungsbericht wirft einen Blick auf die<br />
Chancen sowie die Herausforderungen dieses entscheidenden<br />
Zeitraums im Lehrberuf.<br />
2. Die Chancen der Induktionsphase<br />
im Lehrberuf<br />
Für beide Junglehrerinnen war der Einstieg in den<br />
Lehrberuf laut eigenen Aussagen eine aufregende,<br />
aber auch herausfordernde Zeit. Trotzdem könnte<br />
der Einstieg der beiden nicht unterschiedlicher erlebt<br />
werden. Während die eine Pädagogin einen angenehmen<br />
Start an ihrer Volksschule erfuhr und aus ihrer<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
29
Sicht von Anfang an gut betreut wurde, erlebte die<br />
andere Pädagogin aus unterschiedlichen Gründen<br />
einen mehrfachen Wechsel der Mentorin und einen<br />
Mangel an strukturierter Unterstützung. Trotz dieser<br />
Unterschiede in ihren Erfahrungen teilen beide Lehrerinnen<br />
die Überzeugung, dass die Induktionsphase<br />
entscheidende Vorteile für ihren beruflichen Werdegang<br />
bietet. Als größte Chance der Induktionsphase<br />
sehen die beiden die Möglichkeit, von Beginn an<br />
wertvolle Praxiserfahrungen zu sammeln und Neues<br />
zu erproben.<br />
Der Berufseinstieg von Junglehrer:innen ist täglich<br />
von neuen Anforderungen und Eigenverantwortung<br />
geprägt, welche im Studium nicht erlernt werden<br />
können (vgl. Helsper, 2016, S. 103). Keller-Schneider<br />
(2020) beschreibt die Berufseinstiegsphase<br />
als die Phase der ersten beruflichen Tätigkeiten im<br />
Schulumfeld, welche eigenverantwortlich ausgeübt<br />
werden. Diese Phase beginnt mit dem Studienabschluss<br />
und der Übernahme der ersten Anstellung<br />
und endet mit dem subjektiv wahrgenommenen Ankommen<br />
im Lehrberuf (S. 65). In der Zeit der Induktionsphase<br />
können laut den interviewten Junglehrerinnen<br />
verschiedene pädagogische Methoden sowie<br />
Unterrichtstechniken ausprobiert und das eigene pädagogische<br />
Repertoire erweitert werden. Durch die<br />
direkte Arbeit mit den Schüler:innen besteht laufend<br />
die Möglichkeit, auf deren Bedürfnisse einzugehen<br />
und den Unterricht entsprechend anzupassen und zu<br />
evaluieren. Darüber hinaus trägt die Induktionsphase<br />
maßgeblich zur beruflichen Weiterentwicklung und<br />
Professionalisierung der beiden Junglehrerinnen bei.<br />
Lehrer:in sein ist ein kontinuierlicher Entwicklungsprozess<br />
und erfordert es, nicht nur eine Professionalität<br />
aufzubauen, sondern diese stetig weiterzuentwickeln<br />
und zu erhalten, um die sich verändernden beruflichen<br />
Anforderungen bewältigen zu können (vgl.<br />
Hericks & Keller-Schneider, 2017, S. 302f.). Die regelmäßigen<br />
Hospitationen und Reflexionsgespräche<br />
mit der Mentorin:dem Mentor ermöglichen ein fortlaufendes<br />
Verbessern und Weiterentwickeln des Unterrichts.<br />
Gezielte Beobachtungen und konstruktives<br />
Feedback vonseiten des Mentorings gewährleisten<br />
das Erkennen von Stärken und das Verbessern von<br />
Schwächen. Die nachfolgende Grafik visualisiert die<br />
von den interviewten Lehrpersonen genannten Chancen<br />
der Induktionsphase.<br />
Insgesamt kann zusammengefasst werden, dass die<br />
Induktionsphase von beiden Berufseinsteigerinnen<br />
als große Chance wahrgenommen wird.<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
Abb. 1: Chancen der Induktionsphase (eigene Darstellung, Interviewdaten)<br />
30
Abb. 2: Herausforderungen der Induktionsphase (eigene Darstellung, Interviewdaten)<br />
3. Herausforderungen für<br />
Junglehrer:innen<br />
Die erste Evaluation der Induktionsphase im Zuge<br />
der Pädagog:innenausbildung NEU zeigt die Vielfalt<br />
der Ausführung in der Induktionsphase. Die<br />
Befragung ergab, dass Berufseinsteiger:innen daran<br />
zweifeln, ob sich Mentor:innen ausreichend mit ihren<br />
Pflichten auskennen und beobachten, dass Mentor:innen<br />
mit ihren zugeteilten Aufgaben überfordert<br />
sind (vgl. Prezel et al., 2021, S. 71). Ähnliches äußern<br />
die interviewten Junglehrerinnen in Bezug auf Mentor:innen<br />
ihrer Studienkolleg:innen. Während die interviewten<br />
Lehrerinnen mit ihrer Mentorin zufrieden<br />
sind und sich gut begleitet fühlen, ergehe es anderen<br />
Kolleg:innen in ihrer Induktionsphase nicht optimal.<br />
Außerdem äußern die beiden Studierenden des Lehramts<br />
für Primarstufe, dass sie sich gut in fachlicher<br />
Hinsicht auf den Berufsalltag vorbereitet fühlen, jedoch<br />
weniger in pädagogischer Hinsicht. Des Weiteren<br />
wird die Abhängigkeit zu den Mentor:innen<br />
erwähnt. Zwar werden Mentor:innen als wichtige<br />
Quellen von Wissen, Unterstützung und Orientierung<br />
wahrgenommen, allerdings kann eine zu starke Abhängigkeit<br />
die Entwicklung der Selbstständigkeit der<br />
Lernenden behindern. Die administrativen Anforderungen<br />
wie die Leistungsbeurteilung und die Arbeit<br />
mit Eltern werden als anstrengend empfunden. Die<br />
Notwendigkeit, Formulare und Anträge auszufüllen,<br />
Berichte zu schreiben und Termine zu koordinieren,<br />
kann zeitgleich zum Studium zu einem erhöhten Arbeitsaufwand<br />
und zu Überforderung führen. Außerdem<br />
wird eine hohe Anzahl an Fortbildungsstunden<br />
von den Mentees erwartet, was den zeitlichen Druck<br />
zusätzlich erhöht.<br />
Die Grafik oben (Abb.2) stellt die von den interviewten<br />
Lehrpersonen genannten Herausforderungen der<br />
Induktionsphase dar.<br />
Die Ergebnisse der Befragung unterstreichen die<br />
vielfältigen Chancen, jedoch auch Herausforderungen,<br />
mit denen Auszubildende während der Induktionsphase<br />
konfrontiert sind. Ein besseres Verständnis<br />
dieser Herausforderungen kann dazu beitragen,<br />
gezielte Unterstützungsmaßnahmen zu entwickeln,<br />
um Mentees bei der Bewältigung dieser Herausforderungen<br />
zu unterstützen und ihren Lernprozess zu<br />
verbessern.<br />
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Induktionsphase<br />
von beiden Junglehrerinnen mit der<br />
entsprechenden Begleitung einer Mentorin:eines<br />
Mentors als positiv und lehrreich empfunden wird.<br />
Das Definieren von klaren Zielen sowie das Annehmen<br />
von konstruktivem Feedback sind ebenso entscheidend<br />
wie die Bereitschaft, sich persönlich und<br />
beruflich weiterzuentwickeln. Eine offene, wertschätzende<br />
Kommunikation zwischen Mentor:in und<br />
Mentee wird in den Interviews des Öfteren betont<br />
und bildet eine gute Basis für die Mentoring-Zusammenarbeit.<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
31
4. Literaturverzeichnis<br />
Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und<br />
Forschung (2023): Induktionsphase. Abgerufen<br />
am 14.4.24 von https://www.bmbwf.gv.at/Themen/<br />
schule/fpp/ip.html.<br />
Helsper, W. (2016): Lehrerprofessionalität – Der strukturtheoretische<br />
Ansatz. In: M. Rothland (Hg.): Beruf<br />
Lehrer/Lehrerin (S. 104–127). Münster: Waxmann<br />
Verlag.<br />
Hericks, U., Keller-Schneider, M. (2017): Professionalisierung<br />
von Lehrpersonen – Berufseinstieg als<br />
Gelenkstelle zwischen Aus- und Weiterbildung.<br />
In: Beiträge zur Lehrerinnen- und Lehrerbildung,<br />
35(2), S. 301–317.<br />
Keller-Schneider, M. (2020): Berufseinstieg von<br />
Lehrpersonen. Herausforderungen, Ressourcen<br />
und Angebote der Berufseinführung. Journal für<br />
LehrerInnenbildung, 3(20), S. 64–73. https://doi.<br />
org/10.35468/jlb-03-2020_06<br />
Prenzel, M., Huber, M., Muller, C., Höger, B., Reitinger,<br />
J., Becker, M., Hoyer, S., Höfer, M., Lüftenegger,<br />
M. (2021): Der Berufseinstieg in das Lehramt.<br />
Eine formative Evaluation der neuen Induktionsphase<br />
in Österreich. Münster: Waxmann Verlag.<br />
5. Autorin<br />
Katrin Garger BEd MA<br />
Volksschule Premstätten,<br />
8141 Premstätten<br />
k.garger@vsprem.at<br />
https://www.vsprem.at<br />
sowie Private Pädagogische Hochschule Augustinum,<br />
Lange Gasse 2 OG 3, 8010 Graz | katrin.garger@<br />
pph-augustinum.at | https://pph-augustinum.at/<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
32
BAOBAB: GLOBALES LERNEN FÜR DIE<br />
UNTERRICHTSPRAXIS<br />
Sara Mohammadi<br />
Zusammenfassung<br />
Global Citizenship Education, Bildung für Nachhaltige<br />
Entwicklung und Globales Lernen sind teils sich<br />
überschneidende, teils komplementäre pädagogische<br />
Konzepte, die sich mit komplexen Themen unserer<br />
Zeit im Rahmen der Bildungsarbeit beschäftigen.<br />
Baobab bietet Bildungsmaterialien und Workshops<br />
zu diesen Themen für die Unterrichtspraxis an. In<br />
diesem Artikel werden drei Angebote von Baobab als<br />
Praxisbeispiele für Globales Lernen im Unterricht<br />
vorgestellt.<br />
Schlüsselwörter<br />
Globales Lernen | Bildung für nachhaltige Entwicklung<br />
| Global Citizenship Education | Unterrichtsmaterialien<br />
| Bildungsangebote<br />
1. Transformation durch<br />
Bildung<br />
Wie entsteht mein T-Shirt? Wie landet das Plastik im<br />
Meer? Warum müssen Menschen flüchten? Diese<br />
Fragen beschäftigen nicht nur Erwachsene, sondern<br />
auch Kinder. Globales Lernen, Global Citizenship<br />
Education (GCE) sowie auch Bildung für nachhaltige<br />
Entwicklung sind pädagogische Konzepte, die<br />
sich genau mit diesen Fragen und deren Vermittlung<br />
auseinandersetzen. Gemäß Stein & Andreotti<br />
(2021) beschreibt GCE die Fähigkeit, sich als Teil<br />
eines größeren Ganzen zu begreifen und Verantwortung<br />
für alternative Formen des (Co-)Existierens auf<br />
diesem Planeten zu übernehmen. Die UNESCO hat<br />
GCE gemeinsam mit der Bildung für nachhaltige<br />
Entwicklung (BNE) als komplementäre Konzepte<br />
zur Erreichung von Ziel 4 der Sustainable Development<br />
Goals (SDGs) festgelegt, das auf transformative<br />
Bildung abzielt und Bildung als treibende Kraft<br />
für gesellschaftliche Veränderungen betrachtet (vgl.<br />
Peterlini et al., 2023, S. 32f.). BNE strebt laut Leicht,<br />
Heiss & Byun (2018) Veränderungen in Wissen,<br />
Werten und Einstellungen an, um eine nachhaltigere<br />
und gerechtere Gesellschaft zu schaffen. Elemen-<br />
Abb. 1: Dreisäulenmodell der BNE Interviewdaten)<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
33
tar ist dabei der integrative Charakter von BNE. So<br />
werden für nachhaltige Entwicklung mehrere Aspekte,<br />
wie wirtschaftliche, soziale und ökologische<br />
nach dem Dreisäulenmodell, berücksichtigt.<br />
2. Komplexe Themen für<br />
Kinder und Jugendliche<br />
aufbereiten<br />
Seit den 1990er Jahren wird das Konzept des Globalen<br />
Lernens in Verbindung mit BNE und GCE<br />
verstärkt in Bildungskontexten angewendet. Globales<br />
Lernen geht davon aus, dass Kinder bereits<br />
früh ein Interesse an globalen Zusammenhängen<br />
haben, wenn sie sich zum Beispiel fragen, warum<br />
bestimmte Lebensmittel nicht lokal angebaut werden<br />
oder Wasser nicht überall aus dem Wasserhahn<br />
fließt (vgl. Südwind, 2017).<br />
GCE, BNE und Globales Lernen behandeln Themen<br />
wie Klimawandel, globale Ungleichheit, Armut,<br />
globale Wertschöpfungsketten, Migration, Flucht,<br />
Krieg und Frieden sowie auch Diversität. Die Herausforderung<br />
besteht darin, diese komplexe Welt<br />
jungen Menschen verständlich und altersgerecht zu<br />
vermitteln, ohne plakativ zu werden. Ein zentraler<br />
Aspekt ist, Inhalte aus verschiedenen Perspektiven<br />
zu betrachten und uns unserer eurozentristischen<br />
Sichtweise bewusst zu werden. Diese Konzepte<br />
fördern kritisches und vernetztes Denken, sensibilisieren<br />
für Ungleichheiten und Diskriminierung und<br />
setzen dabei auf eine Vielfalt an Methoden und Materialien<br />
(vgl. Baobab, o.D.).<br />
in Schulen, Kindergärten und im außerschulischen<br />
Bereich richtet. Die Bildungsreferent:innen von<br />
Baobab bieten Beratungen und Workshops zu den<br />
Kernthemen der Bibliothek an und stellen individuelle<br />
Medienpakete zusammen. Zudem entwickelt<br />
Baobab innovative und methodisch abwechslungsreiche<br />
Bildungsmaterialien. Alle Materialien können<br />
vier Wochen entlehnt und, sofern nicht vorbestellt,<br />
2x2 Wochen verlängert werden.<br />
3.1. Beispiele für die Praxis<br />
Weltspiel<br />
Beim Weltspiel geht es darum, große Zahlen zu begreifen<br />
und Verteilungsfragen zu diskutieren. Gemeinsam<br />
wird die Verteilung der Weltbevölkerung<br />
und das Einkommen geschätzt. Das Spiel wurde<br />
vom Welthaus Österreich mittlerweile in vierter<br />
Auflage produziert und um die Themen Weltenergieverbrauch<br />
und Welt-CO2-Ausstoß erweitert, um zu<br />
verdeutlichen, welcher Kontinent wie viel des weltweiten<br />
Energieverbrauchs in Anspruch nimmt und<br />
für welchen Anteil der weltweiten CO2-Emissionen<br />
verantwortlich ist. Es eignet sich für den Einsatz im<br />
Unterricht oder Workshops mit Erwachsenen und<br />
kann als Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit<br />
verschiedenen Themen wie Ernährung, Verteilungsgerechtigkeit<br />
oder Klimawandel dienen. Die Mindestspieldauer<br />
ist etwa 20 Minuten, das Spiel ist für<br />
Gruppen ab fünf Personen ab zwölf Jahren geeignet.<br />
3. Beratung und Materialien bei<br />
Baobab<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
In der pädagogischen Fachbibliothek Baobab stehen<br />
über 8000 Bildungsmaterialien, Filme mit Didaktik,<br />
Kinderbücher, Spiele und Online-Ressourcen zu<br />
Themen wie globale Zusammenhänge, soziale Gerechtigkeit,<br />
Diversität, Mehrsprachigkeit und nachhaltige<br />
Entwicklung zur Verfügung. Baobab fungiert<br />
als Bildungs- und Beratungszentrum, das sich<br />
sowohl an Studierende als auch an Pädagog:innen<br />
Abb. 2: Weltspiel © Ernst Zerche<br />
34
SDG-Koffer<br />
Der SDG-Koffer, entwickelt von Baobab in Zusammenarbeit<br />
mit Praktikant:innen der HAUP, bietet<br />
ein ganzes Package an Materialien zu den SDGs. Er<br />
enthält Sachbücher, Spiele, Filme und Bildungsmaterialien.<br />
In der Auseinandersetzung mit den SDGs<br />
ist es besonders wichtig, die Verflechtung der Ziele<br />
mit den Schüler:innen zu besprechen. Zum Beispiel<br />
kann das Ziel „Kein Hunger“ nicht ohne die Ziele<br />
„Keine Armut“, „Geschlechtergerechtigkeit“ u.a.<br />
erreicht werden. Zu den Sachbüchern gibt es Impulsfragen,<br />
das Ergebnis kann ein Lapbook, Video<br />
oder Podcast sein. Zum Koffer gibt es ein Padlet,<br />
das die Aufgaben, digitale Ergänzungen, kurze Filme<br />
und Recherchetipps enthält.<br />
Abb. 4: Ausschnitt aus dem Film „Bigger Than Us“<br />
4. Literaturverzeichnis<br />
Baobab. (o. D.): www.baobab.at. Abgerufen am<br />
12.4.2024 unter https://www.baobab.at/ueber-uns/<br />
leitbild-und-ansaetze/globales-lernen-2/<br />
Leicht, A., Heiss, J., Byun, W. (2018): Issues and<br />
trends in Education for Sustainable Development.<br />
Paris: United Nations Educational, Scientific and<br />
Cultural Organization.<br />
Abb. 3: Der SDG-Koffer<br />
Bigger Than Us<br />
Melati Wijsen aus Indonesien ist bekannt für ihren<br />
Kampf gegen Plastikmüll auf Bali. Im Film „Bigger<br />
Than Us“ der französischen Regisseurin Flore<br />
Vasseur reist Melati, um junge Aktivist:innen aus<br />
der ganzen Welt zu treffen. Die Jugendlichen erzählen<br />
über ihre Arbeit und nehmen Melati mit zu<br />
ihren Orten des Aktivismus. Themen wie Plastikverschmutzung,<br />
Frauenrechte, Bildung, Seenotrettung,<br />
Klimawandel und Meinungsfreiheit werden<br />
behandelt. Der Film, der 2021 erschienen ist, ist ab<br />
zwölf Jahren geeignet und zeigt die Betroffenheit<br />
und das Engagement der Protagonist:innen und motiviert<br />
Zuschauer:innen, dass jede:r etwas bewegen<br />
kann. Er ist über das Streamingangebot von Baobab<br />
verfügbar, genauso wie das didaktische Begleitmaterial.<br />
Peterlini, H., Wintersteiner, W., Glettler, C., Grobbauer,<br />
H., Rauch, F., Steiner, R. (2023): Transformative<br />
Bildung, Global Citizenship Education<br />
und Bildung für Nachhaltige Entwicklung. Eine<br />
Erkundung. Abgerufen am 12.4.2024 unter https://www.unesco.at/fileadmin/user_upload/D_<br />
OEUK__Hrsg.__2023__Transformative_Bildung__GCED__BNE._Eine_Erkundung_Dossier_des_Fachbeirats.pdf<br />
Stein, S., De Oliveira Andreotti, V. (2021): Global Citizenship<br />
Otherwise. 10.4324/9780429346897-2.<br />
Südwind (2017). Leitfaden Globales Lernen in der<br />
Volksschule. Abgerufen am 12.4.2024 unter https://www.suedwind.at/fileadmin/user_upload/<br />
suedwind/Regionalstelle_Tirol/Download_diverses/Leitfaden_Globales_Lernen_in_der_Volksschule_web-version.pdf<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
35
5. Abbildungsverzeichnis<br />
6. Autorin<br />
Abbildung 1: Dreisäulenmodell der BNE. Abgerufen<br />
am 12.4.2024 unter https://www.education21.ch/<br />
sites/default/files/uploads/pdf-d/BNE-Artikel_<br />
Umweltbildung-ch_2012-2.pdf<br />
Abbildung 2: Das Weltspiel des Welthauses Österreich.<br />
Welthaus Graz (2016).<br />
Abbildung 3: Der SDG-Koffer. Baobab (2024).<br />
Abbildung 4: Ausschnitt aus dem Film „Bigger Than<br />
Us“. https://drive.google.com/drive/folders/1QnN-<br />
GzkWAn0iQ96SEJrivEQ9Rdc6QC5pe (2021)<br />
Sara Mohammadi BA<br />
Baobab – Lernen eröffnet Welten<br />
Sensengasse 3, 1090 Wien<br />
s.mohammadi@baobab.at<br />
www.baobab.at<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
36
LANDWISSEN<br />
Sabine Kahrer & Petra Markolin<br />
Zusammenfassung<br />
1. Wo finde ich Wissen über’s<br />
Land?<br />
Wieder eine neue Plattform mit Unterrichtsmaterialien?!<br />
Ja! Die Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik erstellte<br />
im Auftrag des Bundesministerium für Land- und<br />
Forstwirtschaft, Regionen und Wasserwirtschaft (BML)<br />
die Wissens-Plattform www.landwissen.at. Sie beendet<br />
die Suche nach Materialien zu den Themen Landwirtschaft,<br />
Lebensmittel, Wasser, Wald und Klima.<br />
Das stetig wachsende Angebot von online abrufbaren<br />
Wissensangeboten und die immer schwieriger werdende<br />
Verifizierung der fachlichen Inhalte gab den Anstoß für<br />
die Installation einer Webseite mit fachlich und pädagogisch<br />
geprüften Unterrichts- und Informationsmaterialien.<br />
Denn in der Wissensvermittlung rund um Landwirtschaft,<br />
Lebensmittel, Forst-, Umwelt- und Wasserwirtschaft<br />
übernehmen die Lehrkräfte aller Schulstufen und<br />
Schultypen eine zentrale Rolle. Die Suche nach objektiven<br />
Unterlagen ist für Lehrende aber nicht immer einfach<br />
und kostet viel Zeit.<br />
Auf landwissen.at findet man vielfältige Unterrichts- und<br />
Informationsmaterialien zu den Themen Landwirtschaft,<br />
Lebensmittelproduktion- und -verarbeitung, Wald und<br />
Naturgefahren sowie rund ums Wasser und zum Thema<br />
Klima. Alle verlinkten Angebote sind fachlich geprüft<br />
und nach Themengebieten übersichtlich geclustert. Von<br />
der Elementarstufe bis hin zur Sekundarstufe II und für<br />
Agrarschulen bietet die Plattform gut aufbereitetes, objektives<br />
Wissen zu einem breiten Themenspektrum – von<br />
Arbeitsblättern oder der konkreten Stundenvorbereitung<br />
über Learning-Apps bis zu Videos und Podcasts. Um die<br />
Suche nach dem gewünschten Angebot zu erleichtern,<br />
gibt es die Möglichkeit der Stichwortsuche oder Filtermöglichkeit<br />
anhand von verschiedensten Kriterien.<br />
Schlüsselwörter<br />
Land-, Forst-, Umwelt- und Wasserwirtschaft |<br />
Materialdatenbank | Lebensmittelwissen |<br />
Landwissen<br />
Die Antwort heißt: www.landwissen.at<br />
Die Wissens-Plattform beendet die Suche nach Materialien<br />
zu den Themen Land- und Forstwirtschaft,<br />
Lebensmittel, Wasser und Klima.<br />
In der Wissensvermittlung rund um die Landwirtschaft,<br />
Lebensmittelproduktion und -verarbeitung<br />
sowie Forst- und Wasserwirtschaft haben die Pädagog:innen<br />
aller Schulstufen und Schultypen eine<br />
wegweisende Rolle. Wissensangebote zu den Themen<br />
Land- und Forstwirtschaft, Lebensmittel, Wasser<br />
und Klima gibt es viele. Die Suche nach objektiven<br />
Unterlagen ist für die Lehrer:innen aber nicht<br />
immer einfach und kostet viel Zeit.<br />
Diese Tatsache hat das Bundesministerium für Landund<br />
Forstwirtschaft, Regionen und Wasserwirtschaft<br />
(BML) zum Anlass genommen und möchte das Lehrpersonal<br />
bei seiner wichtigen Aufgabe unterstützen.<br />
Die Plattform www.landwissen.at bietet die einmalige<br />
Möglichkeit, geprüfte Bildungsmaterialien zu<br />
Landwirtschaft, Lebensmitteln, Wald, Wasser und<br />
Klima erstmals auf einer Plattform abzurufen.<br />
„Bildung bedeutet nicht, einen Eimer zu füllen,<br />
sondern ein Feuer anzuzünden.“<br />
William Butler Yeats<br />
Um das Feuer für Landwirtschaft, Lebensmittelproduktion<br />
und die Auswirkungen auf die Umwelt,<br />
Lebensqualität und Gesellschaft fachlich fundiert<br />
zu entzünden, finden Lehrkräfte und Interessierte<br />
auf www.landwissen.at vielfältige Unterrichts- und<br />
Informationsmaterialien zu den Themen Landwirtschaft,<br />
Lebensmittelproduktion und -verarbeitung,<br />
Wald und Naturgefahren sowie rund ums Wasser<br />
und zum Klima. Alle Angebote, auf die über www.<br />
landwissen.at verlinkt wird, sind fachlich geprüft<br />
und nach Themengebieten übersichtlich geclustert.<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
37
Von der Primarstufe bis zur Sekundarstufe II sowie<br />
für Agrarschulen bietet die Plattform objektives<br />
Wissen zu einem breiten Themenspektrum – von<br />
Arbeitsblättern oder der konkreten Stundenvorbereitung<br />
über Learning-Apps bis zu Videos und<br />
Podcasts. Um die Suche nach dem gewünschten<br />
Angebot zu erleichtern, gibt es Suchkriterien nach<br />
Themen, Materialart und Schulstufe sowie pädagogischen<br />
und methodischen Möglichkeiten.<br />
Über www.landwissen.at sind derzeit mehr als 1100<br />
Unterrichts- und Informationsmaterialien abrufbar.<br />
Für die Plattform wird mit fachlich einschlägigen Organisationen<br />
und Institutionen zusammengearbeitet.<br />
Über 30 Partner:innen stellen derzeit ihre vielfältigen<br />
Bildungs- und Unterrichtsmaterialien zur Verfügung.<br />
Wissen aus erster Hand bieten unter anderem AGES,<br />
AMA, ARGE Bäuerinnen Österreich, BFW, Forum<br />
Umweltbildung, HBLFA Raumberg-Gumpenstein,<br />
Land schafft Leben, Ökosoziales Forum, Schweinehaltung<br />
Österreich, Sipcan, Wald trifft Schule und<br />
viele mehr.<br />
Das Angebot in der Datenbank wird stetig erweitert<br />
und ausgebaut.<br />
3. Landwissen – Fakten statt<br />
Fake News<br />
„Was wir heute tun, entscheidet darüber,<br />
wie die Welt morgen aussieht.“<br />
Marie von Ebner-Eschenbach<br />
Für eine erfolgreiche und nachhaltige Land- und<br />
Forstwirtschaft werden nicht nur gut ausgebildete<br />
Bäuer:innen gebraucht, sondern auch eine Gesellschaft,<br />
der bewusst ist, woher das Essen kommt und<br />
wie es produziert wird, wie man Wasser, Boden und<br />
Lebensräume schützt und welche Leistungen die<br />
Landwirtschaft dafür erbringt.<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
Abb. 1:<br />
Screen Webseite Landwissen.at<br />
2. Die Seite mit Wissen rund<br />
ums Land aus erster Hand<br />
Zahlreiche Institutionen und Organisationen bringen<br />
Wissen aus erster Hand in die Schulen und bieten<br />
Bildungsmaterialien zu den verschiedensten Themen<br />
rund um Landwirtschaft, Lebensmittel, Wald, Wasser<br />
und Klima an. Auf der Website www.landwissen.at<br />
werden diese vielfältigen Angebote erstmals gebündelt<br />
und sind über eine einzige Plattform sichtbar.<br />
Es ist wichtig, Kinder und Jugendliche zu diesen<br />
Themen zu sensibilisieren und ihnen anhand von<br />
fachlich fundierten Informationen die Relevanz<br />
der heimischen Landwirtschaft vor Augen zu führen,<br />
denn:<br />
• Die Land-, Forst- und Wasserwirtschaft betrifft<br />
alle Menschen ganz unmittelbar.<br />
• Mangelndes Wissen über die Landwirtschaft<br />
führt leicht zu Missverständnissen, unrealistischen<br />
Erwartungen und Konflikten.<br />
• Die meisten Schüler:innen in Österreich haben<br />
wenig oder keinerlei Bezug zur Landwirtschaft<br />
und wissen nicht, wie die Lebensmittel,<br />
die sie essen, produziert werden.<br />
• In den offiziellen Schulbüchern gibt es zum<br />
Teil nur wenige Informationen über die Landund<br />
Forstwirtschaft sowie die Lebensmittelproduktion.<br />
Oft ist die Darstellung in den<br />
Schulbüchern unrealistisch bzw. längst überholt.<br />
• Will man die Wissensvermittlung zu diesen<br />
Themen verbessern, muss man das Lehrpersonal<br />
unterstützen und ihm möglichst viele<br />
objektive Unterrichtsmaterialien sowie Informationsquellen<br />
anbieten.<br />
38
• Auf dieser Plattform sind diese und weitere<br />
Angebote erstmal gebündelt und über eine<br />
einzige Website abrufbar. Das erspart den<br />
Usern eine langwierige Suche.<br />
Diese Tatsachen fassen die Intentionen der Plattform<br />
sehr gut zusammen, und es spricht für ihre Notwendigkeit<br />
für die Gesellschaft und den Bildungssektor.<br />
Abgerufen am 28.05.2024 unter https://www.landschafftleben.at/umfrageergebnisse_essen-in-derschule.<br />
LFI Österreich (2021): Bevölkerungsbefragung Österreich<br />
„Bild der Landwirtschaft in der Gesellschaft“,<br />
S. 6–7. Abgerufen am 28.05.2024 unter<br />
https://www.baeuerinnen.at/keyquest-studie-bildder-landwirtschaft-in-der-gesellschaft-april-2021+<br />
2400+2735590<br />
5. Autorinnen<br />
Sabine Kahrer<br />
Abb. 2:<br />
Einschaltung Landwissen.at<br />
Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik,<br />
Eigene Rechtspersönlichkeit<br />
Angermayergasse 1, 1130 Wien<br />
landwissen@haup.ac.at | www.landwissen.at<br />
4. Literaturverzeichnis<br />
BML – Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft,<br />
Regionen und Wasserwirtschaft (2024): Vision<br />
2028+, S. 27. Abgerufen am 28.05.2024 unter<br />
https://info.bml.gv.at/service/publikationen/landwirtschaft/vision-2028-broschuere.html<br />
Land schafft Leben, (2024): Österreichweite Schüler:innen-Umfrage<br />
„Essen in der Schule“, S. 6.<br />
Petra Markolin<br />
Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik,<br />
Eigene Rechtspersönlichkeit<br />
Angermayergasse 1, 1130 Wien<br />
landwissen@haup.ac.at | www.landwissen.at<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
39
PORTFOLIOARBEIT IN DER SEKUNDARSTUFE I<br />
Katrin Zwanziger<br />
Zusammenfassung<br />
1. Portfolio<br />
Portfolios fungieren als Bindeglied zwischen Lernen<br />
und Bewertung, fördern das Bewusstsein und<br />
die Reflexion sowie die Entwicklung von Kompetenzen<br />
für das lebenslange Lernen. Aufgrund dieser<br />
Eigenschaften eignen sie sich in vielfältiger Weise<br />
für den Einsatz im pädagogischen Kontext. Im Rahmen<br />
des Biologie- und Umweltbildungsunterrichts<br />
der Sekundarstufe I ermöglicht das hier dargestellte<br />
Präsentationsportfolio den Lernenden, ihre individuellen<br />
Lernfortschritte darzustellen und ihren<br />
Lernprozess zu steuern. Die präsentierten Ergebnisse<br />
zweier Schüler:innen veranschaulichen die kreative<br />
Umsetzung der Portfolio-Vorgaben. Die Methode<br />
des Portfolios entspricht den Anforderungen des aktuellen<br />
Lehrplans und demonstriert, dass diese Praxis<br />
den Bildungsprozess bereichert. Die Reflexion<br />
der Lernenden belegt, dass die selbstständige Arbeit<br />
am Portfolio den Schüler:innen Freude bereitet, ihre<br />
Selbstwirksamkeit fördert und ihre Persönlichkeit<br />
stärkt. Diese positiven Ergebnisse sprechen für den<br />
Einsatz von Portfolios im Unterricht.<br />
Schlüsselwörter<br />
Selbstgesteuertes Lernen | Lernprozess |<br />
Präsentationsportfolio | Lebenslanges Lernen<br />
Das Portfolio erfreut sich großer Beliebtheit im pädagogischen<br />
Bereich. Portfolios finden in verschiedenen<br />
Kontexten Anwendung, beispielsweise als<br />
Arbeits-, Bewerbungs-, Prüfungs- oder Beurteilungsportfolio<br />
(Gläser-Zikuda & Hascher, 2007).<br />
Lernende erstellen in einem Portfolio eine persönliche,<br />
bewusste und zielgerichtete Sammlung von<br />
Artefakten, die sie ihrer Umwelt präsentieren und<br />
reflektieren (Schütz-Pitan et al., 2019). Diese Präsentation<br />
und Reflexion der eigenen Arbeit beschreiben<br />
Ziegelbauer und Gläser-Zikuda (2016) als pädagogisch-didaktische<br />
Innovation, da die Lernenden<br />
einen Lehr-, Lern- und Entwicklungsprozess erleben.<br />
Dadurch werden bedeutsame Fähigkeiten der<br />
Schüler:innen im Bereich des selbstgesteuerten oder<br />
selbstregulierten Lernens gefördert. Durch die Integration<br />
des Portfolios erwerben die Lernenden nicht<br />
nur deklaratives Wissen, sondern auch prozedurales<br />
und metakognitives Wissen. Diese Entwicklung ist<br />
von grundlegender Bedeutung für die Förderung der<br />
lebenslangen Lernfähigkeit (Gläser-Zikuda & Hascher,<br />
2007).<br />
Zudem wird beabsichtigt, die Lücke zwischen dem<br />
eigentlichen Lerngeschehen und der Leistungsbeurteilung<br />
zu schließen. Die Förderung von Bewusstsein<br />
soll die Lernenden dazu anregen, (sich selbst) zu reflektieren<br />
und somit den Anfang reflektiver Lernprozesse<br />
einzuleiten (Egloffstein et al., 2010). Zusätzlich<br />
trägt das Hervorheben der individuellen Fähigkeiten<br />
dazu bei, das Bewusstsein für die persönlichen Stärken<br />
zu schärfen (Wagner, 2016).<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
2. Praxisbeispiel<br />
In dem hier dargestellte Praxisbeispiel kommt ein<br />
sogenanntes Präsentationsportfolio zum Einsatz.<br />
40
Die Ergebnisse der eigenen Arbeit werden am Ende<br />
vorgestellt und die Lernenden haben so die Möglichkeit,<br />
ihre persönliche Lernentwicklung für ein großes<br />
Publikum sichtbar zu machen. Die positiven Effekte<br />
der Präsentation erstrecken sich auf die Motivation,<br />
das Selbstwertgefühl und das Selbstbewusstsein der<br />
Schüler:innen (Rachbauer & Rachbauer, 2022).<br />
5. Lernziele<br />
Die Lernziele werden mithilfe des Lehrplanes und<br />
den sich daraus ergebenen Kompetenzbereichen formuliert.<br />
Die Schüler:innen …<br />
3. Konzeption<br />
Die Konzeption dieses Präsentationsportfolios zeichnet<br />
sich durch einen umfassenden Ansatz aus, indem<br />
ein thematisch auf den Lehrplan abgestimmtes sowie<br />
jahrgangsbezogenes Thema aus dem Biologie- und<br />
Umweltbildungsunterricht eingebunden wurde. Es<br />
werden sowohl relevante biologische Aspekte als<br />
auch Umweltbezüge und gesundheitliche Aspekte<br />
einbezogen, um eine ganzheitliche und interdisziplinäre<br />
Herangehensweise zu gewährleisten. Hier bietet<br />
sich das Thema „Lebensmittel“ sehr gut an. Im Anschluss<br />
werden die Lernziele unter der Berücksichtigung<br />
der Kompetenzbereiche des Lehrplanes formuliert,<br />
um die Wissensentwicklung zu ermöglichen,<br />
den Gewinn von Erkenntnissen sowie die Reflexion<br />
zu fördern.<br />
• können ein von ihnen gewähltes Lebensmittel<br />
benennen und beschreiben (W)<br />
• können Informationen zu ihrem ausgewählten<br />
Lebensmittel aus unterschiedlichen Medien und<br />
Quellen erschließen und fachgerecht darstellen<br />
(W)<br />
• können ihr gewähltes Lebensmittel mit anderen<br />
vergleichen (E)<br />
• können ihr ausgewähltes Lebensmittel in Form<br />
der Lebensmittelpyramide einordnen (E)<br />
• können erhobene Daten fachgerecht darstellen<br />
(E)<br />
Die Schüler:innen bekamen folgende Aufgabenstellung<br />
ausgehändigt und setzten diese individuell und<br />
kreativ um:<br />
4. Lehrplanbezug<br />
Das Unterrichtskonzept ist auf der Grundlage des<br />
neuen Lehrplanes des Unterrichtsfaches Biologie und<br />
Umweltbildung aufgebaut. Der Lehrplan der 1. Klasse<br />
im Unterrichtsfach Biologie und Umweltbildung<br />
der Sekundarstufe 1 sieht vor, dass das Thema „Bedarfsgerechte<br />
Ernährung des Menschen“ behandelt<br />
wird. Das Thema wird mit den drei Kompetenzbereichen<br />
Wissen aneignen, anwenden und kommunizieren<br />
(W), Erkenntnisse gewinnen (E) und Standpunkte<br />
begründen und reflektiert handeln (S) vermittelt.<br />
Abbildung 1: Aufgabenstellung Portfolio<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
41
Abb. 4:Umsetzungsbeispiel zum Thema Fisch<br />
Anschließend wurden die Schüler:innen zur Reflexion<br />
angeregt. Die folgenden Antworten zeigen, dass<br />
die Schüler:innen sehr viel Spaß bei der Gestaltung<br />
des Portfolios hatten. Außerdem schätzten die Schüler:innen<br />
ihre eigene Arbeit. Als Schwierigkeiten<br />
wurde das Auseinandersetzen mit einem Thema und<br />
die Recherchearbeit genannt.<br />
Abbildung 2: Aufgabenstellung Portfolio<br />
Die beiden folgenden Abbildungen zeigen zwei unterschiedliche<br />
Umsetzungsbeispiele von zwei Schüler:innen.<br />
Ein Portfolio wurde digital und das andere<br />
analog bearbeitet. Beide Schüler:innen haben das<br />
Portfolio mit Bildern umgesetzt.<br />
Abbildung 5: Reflexionen der Schüler:innen<br />
6. Fazit<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
Abbildung 3: Umsetzungsbeispiel zum Thema Apfel<br />
Insgesamt zeigt der Artikel die Verbindung zwischen<br />
der innovativen Methode des Präsentationsportfolios,<br />
dem aktuellen Lehrplan und dem Thema Lebensmittel<br />
im Biologie- und Umweltbildungsunterricht der<br />
Sekundarstufe I auf. Der Beitrag gibt einen Einblick<br />
in eine zeitgemäße und praxisnahe Lehr- und<br />
Lernmethode, die die Schüler:innen aktiv in ihren<br />
Bildungsprozess einbezieht. Die selbstständige und<br />
selbstgesteuerte Arbeit am Portfolio macht den Schüler:innen<br />
viel Spaß und Freude, sie sind stolz auf ihre<br />
eigenen Leistungen und empfinden das Lernen mit<br />
dem Portfolio als einfach. Diese positiven Aspekte<br />
zeigen, dass das Portfolio einen Platz im Unterricht<br />
42
haben sollte, da es die Selbstwirksamkeit der Schüler:innen<br />
fördert und sie in ihrer Persönlichkeit stärkt,<br />
was einen lebenslangen Lernprozess ermöglicht.<br />
7. Literatur<br />
Egloffstein, M., Baierlein, J., Frötschl, C. (2010): ePortfolios<br />
zwischen Reflexion und Assessment – Erfahrungen<br />
aus der Lehrpersonenbildung. Medien-<br />
Pädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der<br />
Medienbildung, 18, 1–20. https://doi.org/10.21240/<br />
mpaed/18/2010.04.30.X<br />
Gläser-Zikuda, M., Hascher, T. (2007): Zum Potenzial<br />
von Lerntagebuch und Portfolio. In: M. Gläser-Zikuda<br />
(Hrsg.), T. Hascher (Hrsg.): Lernprozesse<br />
dokumentieren, reflektieren und beurteilen.<br />
Lerntagebuch und Portfolio in Bildungsforschung<br />
Bildungspraxis (S. 9–21). Verlag Julius Klinkhardt.<br />
Rachbauer, T., Rachbauer, M. (2022): E-Portfolio<br />
macht Schule! Mit der Online-Lernplattform ePapyrus<br />
auf abenteuerliche Reise in das geheimnisvolle<br />
Land am Nil. #schuleverantworten, 2(1), S.<br />
201–205. https://doi.org/10.53349/sv.2022.i1.a149<br />
Schütz-Pitan, J., Seidl, T., Hense, J. (2019): Wirksamkeit<br />
eines fächer- und modulübergreifenden ePort-<br />
folio-Einsatzes in der Hochschullehre. Einflussfaktoren<br />
auf den Kompetenzerwerb. die hochschullehre,<br />
5, S. 769–796.<br />
Wagner, H., Himpsl-Gutermann, K., Bauer, R., Zagler,<br />
A. (2016): E-Portfolios aus der Perspektive<br />
von Hochschullehrenden. Von der kollegialen Zusammenarbeit<br />
zur nachhaltigen Entwicklung von<br />
Lehrkompetenzen. In: J. Wachtler, M. Ebner, O.<br />
Gröblinger, M. Kopp, E. Bratengeyer, H. Steinbacher,<br />
C. Feisleben-Teutscher, C. Kapper (Hrsg.):<br />
Digitale Medien: Zusammenarbeit in der Bildung<br />
(S. 168–178). Waxmann Verlag.<br />
Ziegelbauer, S., Gläser-Zikuda M. (2016): Das Portfolio<br />
als Innovation in Schule, Hochschule und LehrerInnenbildung.<br />
Verlag Julius Klinkhardt.<br />
8. Autorin<br />
Katrin Zwanziger<br />
Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik<br />
Wien<br />
katrin.zwanziger@haup.ac.at<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
43
INTERDISZIPLINARITÄT IM SPARKLING<br />
SCIENCE PROJEKT „CO2-UMWANDLUNG“<br />
Patrizia Bartl, Thomas Ruh<br />
Zusammenfassung<br />
1. Motivation<br />
Interdisziplinarität spielt eine wichtige Rolle bei der<br />
Lösung der großen Probleme, denen wir uns heute<br />
gegenübersehen. Unterschiedliche Sichtweisen und<br />
die Expertise aus verschiedenen Fachbereichen (sozial-<br />
und naturwissenschaftlich, technisch…) sind<br />
unverzichtbar, wenn diese Herausforderungen erfolgreich<br />
gemeistert werden sollen. Im Zuge des Projekts<br />
„CO 2 Umwandlung“ bietet sich für Lernende<br />
und Lehrende aus zwei Höheren Technischen Lehranstalten<br />
(HTL Kramsach und HTL Innsbruck) die<br />
Möglichkeit, gemeinsam mit Wissenschaftler:innen<br />
Lösungsansätze im Kontext der Klimakrise zu erarbeiten<br />
Schlüsselwörter<br />
Interdisziplinäre Projekte | Citizen Science | Klimawandel<br />
| CO 2 -Umwandlung | Erneuerbare Energien<br />
Die Polykrise – ein Begriff, der bereits 1993 von<br />
Morin geprägt wurde und die Verknüpfung, die gegenseitige<br />
Beeinflussung sowie die Verstärkung verschiedener<br />
Probleme beschreibt, ist in der heutigen<br />
Zeit allgegenwärtig. Der Klimawandel ist ein Beispiel<br />
für eine solche Polykrise: Sie wirkt sich nicht<br />
nur auf das globale Klima aus, sondern löst eine<br />
Folge weiterer mit ihr verknüpfter Krisen aus (bspw.<br />
Dürren und in weiterer Folge Probleme mit der Nahrungsmittel-<br />
und Wasserversorgung, Migrationsströme<br />
etc.). Interdisziplinäre Lösungsstrategien werden<br />
daher immer wichtiger.<br />
Lernende und Lehrende wissen um die vielfältigen<br />
Herausforderungen in Anbetracht voranschreitender<br />
Klimaproblematik. Hier institutionen- und fächerübergreifend<br />
– etwa mit Universitäten – zusammenzuarbeiten,<br />
kann Schüler:innen den Wert interdisziplinären<br />
Arbeitens vermitteln. Gemeinsam kann in<br />
wissenschaftlichen Projekten an Lösungsstrategien<br />
im Bereich der erneuerbaren Energien gearbeitet<br />
werden.<br />
Da es österreichweit bisher wenige interdisziplinäre<br />
Projekte gibt, die die Kooperation zwischen Schulen<br />
und Universitäten stärken, wird hier ein innovatives<br />
Projekt vorgestellt.<br />
2. Das Projekt<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
Im Zuge des Projektes „CO 2 -Umwandlung“ arbeiten<br />
zwei Partnerschulen – die HTLs „Bau Informatik<br />
Design“ (Innsbruck) und „Glas und Chemie“<br />
(Kramsach) – mit Wissenschaftler:innen der Montanuniversität<br />
Leoben an Prozessen zur CO 2 -Nutzung,<br />
die im kleinen Maßstab getestet werden. Ziel des<br />
44
Projekts ist die vertiefte Beschäftigung mit der Thematik<br />
„Klimawandel“, die Erkenntnis, dass jede:r<br />
Einzelne einen wertvollen Beitrag leisten kann, und<br />
das Entwickeln innovativer Lösungsstrategien. Um<br />
dem Klimawandel entgegenzuwirken, brauchen wir<br />
neue Ansätze aus der Forschung, wobei die Nutzbarmachung<br />
von schädlichem CO 2 ein vielversprechender<br />
Weg ist. Mit unserem Projekt wollen wir einen<br />
Beitrag zur Bewusstseinsbildung leisten, indem Beispiele<br />
und Schritte zur aktiven CO 2 -Reduktion unter<br />
wissenschaftlicher Anleitung erarbeitet werden. Dies<br />
ermöglicht Schüler:innen Einblicke in die universitäre<br />
Forschung, was hoffentlich dazu beiträgt, den wissenschaftlichen<br />
Nachwuchs zu begeistern.<br />
Modell auf eine industriell anwendbare Größe zu<br />
übertragen. All die notwendigen Überlegungen hierfür<br />
und die Umsetzung im kleinen Maßstab ergänzen<br />
die bestehende Ausbildung an der Chemie-HTL<br />
durch praktische Arbeiten im Chemieingenieurwesen.<br />
Auch diese Ergebnisse wer den durch die HTL<br />
Inns bruck vi suell auf be rei tet. Die Wissenschaft ler:innen<br />
pro fi tieren so wohl vom Elan und Input der jungen<br />
Ge ne ra tion als auch vom Know-how hin sicht lich<br />
der gra fischen Auf be rei tung.<br />
3. Interdisziplinäre Workshops<br />
Dabei handelt es sich um eine Win-win-Situation,<br />
denn die teilnehmenden Schüler:innen bereichern<br />
das Projekt durch ihre jeweilige Expertise – im Gegenzug<br />
erhalten die jungen Leute durch die Zusammenarbeit<br />
wissenschaftliche Perspektiven. Die Schüler:innen<br />
der HTL Innsbruck entwerfen Infografiken<br />
zum Thema, erarbeiten sich hierzu technische Hintergründe<br />
und stellen diese anhand von Grafiken für<br />
bestimmte Zielgruppen dar (Abb. 1). Schüler:innen<br />
der HTL Kramsach bauen im Rahmen ihrer Expertise<br />
einen Testreaktor, um CO 2 in nachhaltiges Methanol<br />
umzuwandeln (Methanol gehört zu den wichtigsten<br />
Grundstoffen der chemischen Industrie). Im kleinen<br />
Maßstab funktioniert das schon, Herausforderungen<br />
liegen allerdings darin, CO 2 einzufangen und das<br />
Abb. 1: Beispiel einer Infotafel, die von einem Schüler der HTL Innsbruck erstellt<br />
wurde. © Nikolaus Betz<br />
Citizen-Science-Projekte ermöglichen es der allgemeinen<br />
Bevölkerung, an wissenschaftlichen Fragestellungen<br />
mitzuarbeiten. Hierfür bieten wir als Wissenschaftler:innen<br />
in Zusammenarbeit mit Lehrenden<br />
beider HTLs laufend Workshops an, bei denen<br />
Teilnehmende mit verschiedensten Bildungsschwerpunkten<br />
gemeinsam an unterschiedlichen Problemstellungen<br />
arbeiten. Diese Workshops (im Rahmen<br />
des Projektes) umfassen den Themenkomplex „Klimawandel“<br />
und ermöglichen es den Teilnehmenden,<br />
ihr Wissen hinsichtlich der Thematik zu vertiefen und<br />
Lösungsstrategien zu entwickeln. So werden weitere<br />
Perspektiven und Expertise generiert. Dadurch entwickelt<br />
sich ein Diskurs zwischen den Beteiligten,<br />
der unterschiedliche Sichtweisen und Lösungsansätze<br />
zur jeweiligen Problemstellung umfasst.<br />
Unser Workshop zum Thema der Sustainable Development<br />
Goals (SDGs, dt. „Ziele für nachhaltige<br />
Entwicklung) der UNO (UNO, 2015) soll hier als<br />
Praxisbeispiel dienen: Im Rahmen des Workshops<br />
bekamen knapp 50 Schüler:innen beider HTLs in gemischten<br />
Kleingruppen die Aufgabe, innovative Ideen<br />
zu ausgewählten SDGs (insbesondere SDG 6, 9,<br />
12 und 13) zu entwickeln. Ausdrückliches Ziel dieser<br />
Zusammenarbeit von Schüler:innen aus den verschiedenen<br />
HTLs war eine intensive Auseinandersetzung<br />
mit der Problemstellung, nicht nur aus dem eigenen<br />
Blickwinkel, sondern auch aus den Perspektiven der<br />
anderen Gruppenmitglieder.<br />
Impulsvorträge zu den Themen „Kreislaufwirtschaft“<br />
und „Geschichte der SDGs“ dienten als Einstieg.<br />
Anschließend wurden in der Gesamtgruppe eigene<br />
Erfahrungen mit den bzw. Einschätzungen der<br />
Herausforderung bei der Erreichung der 17 SDGs<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
45
gesammelt. Ausgewählte Ideen bzw. Lösungsansätze<br />
wurden auf die Kleingruppen verteilt, diskutiert und<br />
konkretisiert. Die Wissenschaftler:innen unterstützten<br />
hierbei die Schüler:innen. Abschließend wurden<br />
„Prototypen“ entwickelt (d. h., Konzepte und reale<br />
Modelle des jeweiligen Lösungsansatzes wurden entworfen,<br />
Abb. 2) und im letzten Teil des Workshops<br />
im Plenum präsentiert.<br />
Die Vielfalt der präsentierten Lösungsansätze (Wasseraufbereitungsanlagen<br />
für Dörfer ohne ausreichend<br />
Trinkwasser, Tauschbörsenkonzepte für arme Familie<br />
usw.) verdeutlicht in beeindruckender Weise den<br />
Vorteil der Zusammenarbeit von Personen mit unterschiedlichen<br />
Blickwinkeln und Expertisen.<br />
fitieren auch Wissenschaftler:innen von innovativen<br />
Ideen der jungen Generation. Insbesondere Projekte<br />
mit Teilnehmer:innen aus Bildungseinrichtungen mit<br />
verschiedenen Schwerpunkten (z. B. einer Chemietechnik-HTL<br />
sowie einer Design-HTL) stellen hier<br />
eine interessante Möglichkeit dar, die Zusammenarbeit<br />
zwischen Personen mit unterschiedlichem (Bildungs-)Hintergrund<br />
im Konnex von aktuellen, relevanten<br />
Problemstellungen zu nützen und zu fördern.<br />
5. Literaturverzeichnis<br />
Morin, E., Kern, A. B. (1993): Terre-Patrie. Paris:<br />
Seuil.<br />
U.N. General Assembly (2015): Transforming our<br />
world: The 2030 Agenda for Sustainable Development,<br />
A/RES/70/1.<br />
6. Autor:innen<br />
Abb. 2: Prototyp für eine Entsalzungsanlage zur Trinkwasseraufbereitung<br />
4. Fazit<br />
Mag. a Patrizia Bartl, BEd<br />
Pädagogische Hochschule Tirol<br />
Pastorstraße 7, 6010 Innsbruck<br />
patrizia.bartl@ph-tirol.ac.at<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
Die gemeinsame Arbeit an Forschungsprojekten im<br />
Rahmen von Citizen-Science-Programmen bietet<br />
Lernenden und Lehrenden die Möglichkeit, wissenschaftliche<br />
Sicht- und Arbeitsweisen kennen zu lernen.<br />
Sie stellen zudem ein Tool für Lehrende dar,<br />
ihre Schüler:innen mit der Notwendigkeit eines interdisziplinären<br />
Fächerkanons zur Lösung aktueller<br />
komplexer Probleme vertraut zu machen. Ferner pro-<br />
Dr. Thomas Ruh<br />
Montanuniversität Leoben<br />
Franz-Josef-Str. 18, 8700 Leoben<br />
thomas.ruh@unileoben.ac.at,<br />
www.co2-umwandlung.at<br />
46
DAS FUNDAMENT IM SCHATTEN –<br />
PHILOSOPHIEGESCHICHTE VERSTEHEN<br />
Christian Dürnberger<br />
Zusammenfassung<br />
1. Umwelt- und Tierethik im<br />
Unterricht<br />
Essenzielle Fragen rund um Nachhaltigkeit und Umweltbildung<br />
basieren auf philosophischen und ethischen<br />
Positionen, zugleich kann die Philosophiegeschichte<br />
und ihre großen Namen einschüchternd wirken.<br />
Der Artikel diskutiert die besondere Relevanz<br />
von tier- und umweltethischen Fragen für den Unterricht<br />
und stellt eine spielerische, literarische Einführung<br />
in die Philosophie vor: Der Roman „Die Nacht<br />
der Fragen und der Morgen danach“ ist ein Krimi, der<br />
zugleich das Denken von 24 Philosoph:innen vermittelt<br />
und sich dabei im Besonderen an Ethik-Lehrende<br />
und Schüler:innen wendet<br />
Schlüsselwörter<br />
Philosophie | Ethik | Tierethik | Nachhaltigkeit |<br />
Umweltethik<br />
Laut österreichischem Bildungsministerium soll<br />
der Ethikunterricht Schüler:innen zu (1) selbstständiger<br />
Reflexion im Hinblick auf Wege gelingender<br />
Lebensgestaltung befähigen; (2) ihnen Orientierungshilfen<br />
geben und sie zur fundierten Auseinandersetzung<br />
mit den Grundfragen des Lebens<br />
anleiten. (3) In der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen<br />
Traditionen und Menschenbildern soll<br />
der Ethikunterricht einen Beitrag zur individuellen<br />
Persönlichkeitsentwicklung leisten. (4) Hierbei soll<br />
die Bereitschaft gestärkt werden, Verantwortung<br />
für das eigene Leben und das Zusammenleben mit<br />
anderen zu übernehmen. (BMBWF 2021) Umweltund<br />
Tierethik haben mit Blick auf diese Ziele besondere<br />
Potenziale (vgl. für das Folgende: Camenzind<br />
et al., 2019): (1) Umwelt- und tierethische Fragen<br />
sind unmittelbar anschlussfähig an die alltägliche<br />
Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen. Beispielhaft:<br />
Die ethische Frage nach der eigenen Ernährungsweise<br />
betrifft jeden Menschen tagtäglich.<br />
(2) Umwelt- und tierethische Fragen fordern etwas<br />
ein, das für jedwede selbstständige Reflexion in einer<br />
komplexen Technologiegesellschaft notwendig<br />
ist: Interdisziplinarität. Wer beispielsweise über den<br />
moralischen Umgang mit Tieren nachdenkt, braucht<br />
notwendigerweise biologisches Fachwissen. (3)<br />
Schließlich ist unser gesellschaftlicher Umgang<br />
mit Umwelt und Tieren stark durch Traditionen und<br />
Kultur geprägt. Ethik kommt hierbei einer Aufgabe<br />
nach, wie sie der Philosophie immer schon tief eingeschrieben<br />
war, nämlich dem kritischen Hinterfragen<br />
von scheinbar Selbstverständlichem.<br />
Zugleich mögen gerade die Dringlichkeit, Emotionalität<br />
und Vertrautheit von umwelt- und tierethischen<br />
Fragestellungen oftmals vorschnell zu einer<br />
simplen „Pro-und-Kontra-Debatte“ einladen, welche<br />
jedoch die zugrundeliegenden Positionen, wie<br />
sie in der zweitausendjährigen Ideengeschichte der<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
47
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
Philosophie entwickelt worden sind, ausblendet.<br />
Genau diese zu entdecken, wäre jedoch ebenso Aufgabe<br />
eines Ethikunterrichts.<br />
2. Die Ideen „dahinter“<br />
Essenzielle Fragen rund um Nachhaltigkeit und Umweltbildung<br />
basieren auf philosophischen und ethischen<br />
Positionen in der Ideengeschichte und lassen<br />
sich nur dann in ihrer Tiefe verstehen, wenn diese<br />
berücksichtigt werden. Um hierfür drei Beispiele<br />
zu bringen: (1) Das Konzept der Nachhaltigkeit basiert<br />
auf der moralphilosophischen Prämisse, wie sie<br />
Hans Jonas in seinem Werk „Das Prinzip Verantwortung“<br />
(Jonas, 1984) auf den ersten Seiten darlegt,<br />
nämlich, dass es ein Gut ist, dass vernunftbegabtes<br />
Leben existiert – alle weiteren Überlegungen rund<br />
um unsere Verantwortung für zukünftig lebende Generationen<br />
leiten sich erst aus dieser Setzung ab. (2)<br />
Die Debatte um die „Grüne Gentechnik“ berührt die<br />
Frage nach dem moralischen Eigenwert von pflanzlichem<br />
Leben. Braucht es für einen inhärenten Wert<br />
Vernunft- oder zumindest Empfindungsfähigkeit?<br />
Oder genügt hierfür – wie der Biozentrismus im 20.<br />
Jahrhundert argumentiert (Taylor, 1997) – „Leben“<br />
als Kriterium? (3) Auch die gegenwärtige Diskussion<br />
rund um Fleischkonsum lässt sich in einem philosophiegeschichtlichen<br />
Licht lesen, und zwar als Streitgespräch<br />
zwischen einer anthropozentrischen Ethik,<br />
dem Pathozentrismus und der Tierrechte-Position,<br />
wie sie von Tom Regan (1984) begründet wurde. Die<br />
drei Beispiele machen deutlich, dass im „Schatten“<br />
aktueller Debatten ein philosophiegeschichtliches<br />
Fundament ruht, das in einem Ethikunterricht nicht<br />
vergessen werden darf.<br />
3. Philosophiegeschichte<br />
verstehen<br />
Zugleich kann Philosophiegeschichte einschüchternd<br />
wirken. Die Werke der großen Namen gelten oft als<br />
hermetisch. Der vorliegende Artikel stellt einen Roman<br />
vor, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, relevante<br />
Positionen der Philosophie – und hierbei nicht<br />
ausschließlich, aber eben doch auch der Umwelt- und<br />
Tierethik – spielerisch bzw. literarisch zu vermitteln.<br />
„Die Nacht der Fragen und der Morgen danach“<br />
(Dürnberger, 2022), erschienen bei Dittrich, ist ein<br />
Roman, genauer eine Kriminalgeschichte. Man begleitet<br />
eine Ich-Figur auf eine rauschende Party, in<br />
dessen Verlauf ein Verbrechen aufgedeckt wird. Der<br />
Clou: Jede Figur, die der Ich-Erzähler im Laufe der<br />
Geschichte kennen lernt, steht für das Denken eines<br />
berühmten Philosophen oder einer berühmten Philosophin.<br />
Wer ist die vermögende Frau mit Hund,<br />
die davon überzeugt ist, dass das Leben stets Leid<br />
bedeutet? Wer verbirgt sich hinter dem Gothic-Teenager,<br />
der das Internat so schrecklich findet, dass er<br />
nicht mehr an das Gute im Menschen glauben will?<br />
Hierbei gelten zwei „Spielregeln“: (1) Die Hinweise<br />
auf einen Philosophen, auf eine Philosophin sind im<br />
Laufe des Romans mit erweitertem Abstand gesetzt.<br />
(2) Äußerlichkeiten spielen keine Rolle: Der berühmte<br />
Tierethiker Peter Singer kann im Roman z.B.<br />
als fünfjähriges Mädchen auftauchen. Nach dem Roman<br />
folgt die Auflösung: Das Denken der 24 Philosoph:innen,<br />
die im Roman ihren Auftritt haben, wird<br />
erläutert.<br />
Abb. 1: Cover des Romans<br />
„Die Nacht der Fragen und der<br />
Morgen danach<br />
Das Buch stellt den Versuch dar, relevante Positionen<br />
der Philosophiegeschichte gerade auch mit Blick auf<br />
den Ethikunterricht rund um die Themen „Umwelt“,<br />
„Nachhaltigkeit“ und „Tiere“ allgemein verständlich<br />
und spielerisch zu vermitteln und wendet sich dabei<br />
an Schüler:innen und Lehrer:innen – im Besonderen<br />
an Berufseinsteiger:innen, die auf der Suche danach<br />
sind, aktuelle gesellschaftliche Fragen philosophiegeschichtlich<br />
zu „untermauern“.<br />
48
4. Literaturverzeichnis<br />
BMBWF (2021): Ethik – Pflichtgegenstand für alle<br />
Schülerinnen und Schüler, die keinen schulischen<br />
Religionsunterricht besuchen. Abgerufen am<br />
6.3.24 unter https://www.bmbwf.gv.at/Themen/<br />
schule/schulpraxis/ugbm/ethik.html<br />
Dürnberger, C. (2022). Die Nacht der Fragen und der<br />
Morgen danach. Weilerswist-Metternich: Dittrich.<br />
Jonas, H. (1984): Das Prinzip Verantwortung. Versuch<br />
einer Ethik für die technologische Zivilisation.<br />
Frankfurt am Main: Suhrkamp.<br />
Regan, T. (1984): The case for animal rights. London:<br />
Routledge.<br />
Taylor, P. W. (1997): Die Ethik der Achtung gegenüber<br />
der Natur. In: A. Krebs (Hrsg.), Naturethik.<br />
Grundtexte der gegenwärtigen tier- und ökoethischen<br />
Diskussion. S. 111–143. Frankfurt am Main:<br />
Suhrkamp.<br />
5. Autor<br />
Dr. Christian Dürnberger<br />
Veterinärmedizinische Universität<br />
Wien, Messerli Forschungsinstitut<br />
Veterinärplatz 1, 1210 Wien<br />
Christian.duernberger@vetmeduni.ac.at<br />
www.christianduernberger.at<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
49
VOLKSSCHULE UND MUSIKSCHULE:<br />
Ein multiprofessionelles Kooperationsprojekt<br />
Andreas Schreier<br />
Zusammenfassung<br />
1. Einleitung<br />
Im Fokus dieses Beitrags stehen Aussagen zur multiprofessionellen<br />
Zusammenarbeit zwischen Akteur:innen<br />
einer Volksschule und einer Musikschule.<br />
Die qualitative Analyse der schriftlichen Erfahrungsberichte<br />
(N=6) zeigt, dass Teamfähigkeit, Kommunikationsbereitschaft,<br />
der Umgang mit großen Schüler:innengruppen<br />
und organisatorische Fähigkeiten<br />
gestärkt wurden. Zudem wurde der pädagogische<br />
Austausch, insbesondere bei fachspezifischen Herausforderungen,<br />
als besonders wertvoll erachtet.<br />
Schlüsselwörter<br />
Multiprofessionelle Kooperation | Erfahrungsbericht |<br />
Praxisbeispiel | Volksschule | Musikschule<br />
Das Kooperationsprojekt „Zwölf Kinder hat das<br />
Jahr“, eine Initiative zwischen Volksschule, Musikschule<br />
und lokalen Vereinen, zielte darauf ab, die<br />
musikalische, kreative und gestalterische Entwicklung<br />
der Schüler:innen zu fördern (BMUKK, 2013).<br />
Gleichzeitig sollte es soziale, kommunikative, personale<br />
und interkulturelle Kompetenzen stärken<br />
(AGMÖ, 2013). Ein weiteres Ziel war die Förderung<br />
der multiprofessionellen Zusammenarbeit zwischen<br />
Lehrpersonen der Volksschule und der Musikschule,<br />
um den Lehrplan vertieft umzusetzen und eine<br />
wechselseitige Qualifizierungsdynamik anzuregen<br />
(BMUKK, 2013, S. 8). Die Ergebnisse dieser Bemühungen<br />
werden nach einer theoretischen Einführung<br />
zur multiprofessionellen Kooperation durch die Auswertung<br />
schriftlicher Erfahrungsberichte von Lehrpersonen,<br />
Schulleitungen und Elternvertretung präsentiert<br />
und diskutiert.<br />
2. Multiprofessionelle<br />
Kooperation<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
In der Schulentwicklungsforschung wird, insbesondere<br />
im Kontext von Ganztagsschulen, die multiprofessionelle<br />
Kooperation von Lehrpersonen als zentraler<br />
Faktor für professionellen und kompetenzorientierten<br />
Unterricht betrachtet (Fabel-Lamla & Gräsel,<br />
2022). Diese Bedeutung ergibt sich aus gestiegenen<br />
Anforderungen an fachliche und überfachliche Kompetenzen<br />
sowie der zunehmenden Wichtigkeit, kulturelle<br />
und soziale Lerngelegenheiten zu bieten (Preis<br />
& Wissinger, 2018, S. 71). Zudem wird multiprofessionelle<br />
Kooperation als eine potenzielle Quelle beruflicher<br />
Erleichterung diskutiert (Schendel, 2020).<br />
Nach Trautmann (2017) besteht multiprofessionelle<br />
Kooperation aus einer berufsübergreifenden, insti-<br />
50
tutionalisierten und fallbezogenen Zusammenarbeit<br />
von Fachleuten. Im Primarbereich arbeiten häufig<br />
Trainer:innen aus Sportvereinen oder Kulturschaffende<br />
mit Lehrpersonen zusammen (vgl. Fabel-Lamla<br />
& Gräsel, 2022, S. 1200).<br />
Bisherige Forschungsergebnisse zur multiprofessionellen<br />
Kooperation zeigen u. a., dass Konflikte<br />
auftreten können und die Nutzung unterschiedlicher<br />
beruflicher Kompetenzen im schulischen Bereich<br />
nicht selbstverständlich ist (Schendel, 2020, S. 18).<br />
Weiters wird die Kooperation zwischen verschiedenen<br />
professionellen Akteur:innen in der schulischen<br />
Praxis unterschiedlich umgesetzt (Preis & Wissinger,<br />
2018, S. 72).<br />
„Kooperation entlang (A) von Hauptzuständigkeit<br />
und Zuarbeit, (B) der Entdifferenzierung der Zuständigkeiten<br />
bzw. (C) fachbezogener Zuständigkeiten“<br />
(Breuer, 2015; zit. n. Fabel-Lamla & Gräsel, 2022,<br />
S. 1197).<br />
Ausgewertet wurden die Erfahrungsberichte mittels<br />
strukturierender Inhaltsanalyse (Mayring & Fenzl,<br />
2019). Hierbei wurden alle relevanten Aussagen im<br />
Kontext der Forschungsfrage codiert. Nach der Identifikation<br />
und Markierung der Analyseeinheiten wurden<br />
die zentralen Textstellen paraphrasiert, generalisiert<br />
und zusammengefasst (vgl. ebd.). Anschließend<br />
erfolgte die Formulierung neuer Aussagen anhand<br />
der deduktiven Kategorie und eine abschließende<br />
Überprüfung mit dem Ausgangsmaterial.<br />
4. Untersuchungsergebnisse<br />
Die Analyse der Erfahrungsberichte zeigt, dass das<br />
Projekt eine engere Zusammenarbeit zwischen Akteur:innen<br />
der Volksschule und der Musikschule<br />
bewirkte und den inhaltlichen Austausch verstärkte<br />
(SLMS, 2018). Insbesondere die direkt Beteiligten<br />
profitierten von einem pädagogisch-didaktischen<br />
Austausch, der sowohl die Personen als auch die Institutionen<br />
bereicherte und die Teamfähigkeit über<br />
Schulgrenzen hinweg stärkte (LMS, 2018).<br />
Ebenfalls lässt sich konstatieren, dass vor allem<br />
Lehrpersonen zustimmende Auswirkungen markieren,<br />
indem sie u. a. ihre eigene Arbeitstätigkeit unterstützt<br />
sehen, vom Erfahrungsaustausch profitieren<br />
und Kompetenzen erweitern können (Hochfeld &<br />
Rothland, 2022, S. 477).<br />
3. Untersuchungsdesign<br />
Die Forschungsfrage, inwieweit Schulleitende, Lehrpersonen<br />
und die Elternvertretung die multiprofessionelle<br />
Kooperation als gewinnbringend einschätzen,<br />
wurde durch Auswertung schriftlicher Erfahrungsberichte<br />
beantwortet (Grüning & Winkler, 2018). Die<br />
beteiligten Personen, die ihre Erfahrungen dokumentiert<br />
haben, werden wie folgt abgekürzt: Schulleiter<br />
Volksschule (SLVS, 2018), Schulleiter Musikschule<br />
(SLMS, 2018), Lehrerin (1) Volksschule (LVS1,<br />
2018), Lehrerin (2) Volksschule (LVS2, 2018),<br />
Lehrer Musikschule (LMS, 2018), Elternvertreterin<br />
Volksschule (EVVS, 2018).<br />
Musikschullehrer:innen eigneten sich Fähigkeiten<br />
im Umgang mit Großgruppen (Disziplin) an, während<br />
Volksschullehrer:innen Auftrittsvorbereitungen<br />
einschließlich Logistik und Zeitmanagement sowie<br />
Methoden zur didaktischen Erarbeitung von Liedern<br />
kennenlernten (LMS, 2018). Ebenso förderte das<br />
Projekt die fächerübergreifende Zusammenarbeit in<br />
der Volksschule erheblich, da mehrere Lehrpersonen<br />
und Klassen gemeinsam an der Herstellung von Kostümen,<br />
Kulissen und Einladungen arbeiteten, jeweils<br />
unter Berücksichtigung des kulturellen Hintergrunds<br />
und der inhaltlichen Ausrichtung des Projekts (SLVS,<br />
2018; LMS, 2018).<br />
Zusammenfassend verbesserten sich die Kommunikationsstrukturen<br />
unter dem Lehrpersonal bereits<br />
nach wenigen Wochen merklich (SLMS, 2018).<br />
Lehrpersonen, die im regulären Schulalltag der<br />
Volksschule nur selten kommunizierten, traten durch<br />
das Projekt häufiger in Kontakt (LVS1, 2018).<br />
Das Projekt förderte<br />
„eine stärkere Durchlässigkeit der Kooperationspartner,<br />
in der gegenseitige Wertschätzung, Raum<br />
für Kreativität und Gestaltungswille entstanden.<br />
Durch Aufführungen ergab sich der Link zur regionalen<br />
Kulturszene.“ (SLMS, 2018)<br />
Für die Elternvertretung illustrierte das Projekt die<br />
Bedeutung von intra- und interkultureller Zusam-<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
51
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
menarbeit im schulischen Kontext (EVVS, 2018).<br />
Schule und das schulische Umfeld erlebten durch das<br />
Engagement der Lehrpersonen dynamische Unterrichtsstunden<br />
und Aufführungen, die die Wirkung der<br />
Schulen über ihre Grenzen hinaus erweiterten und<br />
sie für die Öffentlichkeit sichtbar machten (EVVS,<br />
2018; SLVS, 2018).<br />
5. Fazit<br />
Im Kontext multiprofessioneller Kooperation zeigen<br />
die Ergebnisse positive Effekte auf das Handeln der<br />
Lehrpersonen und bestätigen frühere Forschungsergebnisse<br />
(siehe Kapitel 2). Die Annahme, dass<br />
multiprofessionelle Kooperation zu einem erhöhten<br />
Konfliktpotenzial führt, konnte nicht bestätigt werden.<br />
Weiters kann mit den Ergebnissen davon ausgegangen<br />
werden, dass in der multiprofessionellen<br />
Zusammenarbeit häufig das Modell der Fachzuständigkeit<br />
angewandt wurde (siehe Kapitel 2). Diese<br />
Kooperationsform führte offenbar zu einem intensiven<br />
und inhaltlich reichhaltigen Austausch, der die<br />
pädagogisch-didaktischen Praktiken der beteiligten<br />
Akteur:innen positiv beeinflusste. Zudem erweiterten<br />
die Beteiligten ihre individuellen Fähigkeiten und<br />
Fertigkeiten durch gegenseitiges Lernen (Hochfeld<br />
& Rothland, 2022). Keine Schlussfolgerungen erlauben<br />
die Daten darüber, ob die multiprofessionelle<br />
Kooperation individuelle berufliche Erleichterungen<br />
mit sich brachte (Schendel, 2020). Zukünftige Forschungen<br />
könnten diesen Aspekt vertiefen, indem sie<br />
beispielsweise längsschnittlich die beruflichen Wahrnehmungen<br />
vor und nach einer längeren Phase der<br />
multiprofessionellen Kooperation untersuchen.<br />
6. Literaturverzeichnis<br />
AGMÖ [Arbeitsgemeinschaft Musikerziehung Österreich]<br />
(Hrsg.) (2013). Kompetenzen in Musik. Ein<br />
aufbauendes musikpädagogisches Konzept von<br />
der Volksschule bis zur kompetenzorientierten<br />
Reife- und Diplomprüfung. Musik Erziehung SPE-<br />
ZIAL, 66(3).<br />
BMUKK [Bundesministerium für Unterricht,<br />
Kunst und Kultur] (Hrsg.) (2013). Kooperationen<br />
von Schulen und Musikschulen. Abgerufen am<br />
02.03.2024 unter https://www.bmbwf.gv.at/Themen/schule/schulpraxis/schwerpunkte/kulturvermittlung.html.<br />
Fabel-Lamla, M. & Gräsel, C. (2022). Professionelle<br />
Kooperation in der Schule. In T. Hascher, T-S. Idel<br />
& W. Helsper (Hrsg.), Handbuch Schulforschung<br />
(Band 2, 3., überarbeitete und aktualisierte Auflage,<br />
S. 1189–1209). Wiesbaden: Springer VS.<br />
Grüning, M. & Winkler, A. (2018). Dokumentenanalyse<br />
und Ratingkonferenzen als Instrumente zur<br />
Erfassung differenter Praktikumskulturen von<br />
Lehrerinnen- und Lehrerbildungseinrichtungen. In<br />
M. Rothland & I. Biederbeck (Hrsg.), Praxisphasen<br />
in der Lehrerbildung im Fokus der Bildungsforschung<br />
(Band 4, S. 209–218). Münster: Waxmann.<br />
Hochfeld, L. & Rothland, M. (2022). Multiprofessionelle<br />
Kooperation an Ganztags(grund)schulen. Ein<br />
systematisches Review. Zeitschrift für Bildungsforschung,<br />
15, 453–485. Abgerufen am 02.03.2024<br />
unter https://doi.org/10.1007/s42278-022-00146-x.<br />
Mayring, P. & Fenzl, T. (2019). Qualitative Inhaltsanalyse.<br />
In N. Baur & J. Blasius (Hrsg.), Handbuch<br />
Methoden der empirischen Sozialforschung (2.,<br />
vollständig überarbeitet und erweiterte Auflage, S.<br />
633–648). Wiesbaden: Springer VS.<br />
Preis, N. & Wissinger, J. (2018). Arbeiten in multiprofessionellen<br />
Teams – eine Herausforderung,<br />
die bereits im Lehramtsstudium beginnt. Beiträge<br />
zur Lehrerinnen- und Lehrerbildung, 36(1), 71–81.<br />
DOI: 10.25656/01:17091.<br />
Schendel, G. (2020). Multiprofessionalität und mehr.<br />
Multiprofessionelle Teams in der evangelischen<br />
Kirche ― Konzepte, Erfahrungen, Perspektiven.<br />
SI Kompakt, 3. Abgerufen am 28.02.2024<br />
unter https://www.siekd.de/multiprofessionalitaet-und-mehr/.<br />
Trautmann, M. (2017). Mit anderen Professionen zusammenarbeiten?!<br />
Konzepte – Handlungsmöglichkeiten<br />
– Probleme. Pädagogik, 11, 6–8. DOI<br />
10.3262/PAED1711006.<br />
52
7. Autor<br />
Andreas Schreier PhD<br />
Pädagogische Hochschule Tirol<br />
Institut für Personal- & Organisationsentwicklung<br />
Pastorstraße 7, 6010 Innsbruck<br />
Universität Innsbruck, Institut für LehrerInnenbildung<br />
und Schulforschung. Forschungsschwerpunkte:<br />
Schulentwicklung, Professionsentwicklung, Leadership.<br />
Zum Zeitpunkt des Kooperationsprojekts<br />
(SJ 2017/2018) Teil des Lehrer:innen-Teams.<br />
andreas.schreier@ph-tirol.ac.at |<br />
andreas.schreier@uibk.ac.at<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
53
GRÜNE PÄDAGOGIK – DER KOMPASS FÜR<br />
ZUKÜNFTIGE BILDUNG<br />
Die Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik ist das Kompetenzzentrum für Grüne Pädagogik und bündelt<br />
seit 20 Jahren ihre Expertise im Bereich nachhaltige Bildung und Entwicklung, bildet Multiplikator*innen<br />
aus und kooperiert mit nationalen und internationalen Bildungs- und Forschungsinstitutionen.<br />
Wir laden Sie ein, die Homepage mit zahlreichen Impulsen aus Praxis, Wissenschaft und Forschung zu<br />
besuchen!<br />
www.gruene-paedagogik.at<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
54
GRÜNE PÄDAGOGIK...<br />
... hilft Modelle für zukunftsfähige Lebensstile<br />
zu entwickeln<br />
... heißt Widersprüche als Lernanlass zu nehmen<br />
... kennzeichnet ein mehrperspektivischer Zugang<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
55
... verbindet Emotion und Kognition<br />
... fordert auf zur systemischen Auseinandersetzung<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
... verdeutlicht in ihrer Spirale die Anordnung<br />
von Elementen eines Lernarrangements und<br />
ist gleichzeitig ein Leitfaden für die Planung<br />
und Konzeption, aber niemals ein Rezept, das<br />
es abzuarbeiten gilt<br />
56
Meine Notizen<br />
<strong>HAUPtsache</strong> 5|2024<br />
57
Meine Notizen