KulturBetrieb-Ausgabe-3.pdf - Berthold Schmitt

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KulturBetrieb-Ausgabe-3.pdf - Berthold Schmitt

Ausstellen

Münchner Licht für Katharina die Große

Durch eine Begegnung auf der Light&Building 2010 bekam ein

seit langem bestehender Kontakt neue Impulse. Junge Lichtplaner

aus St. Petersburg stellten die Dedo Weigert Film GmbH

(DWF) in der Ermitage vor. Bereits im Jahre 1964 war Dedo Weigert

als Kameramann aktiv in Leningrad, um für das amerikanische

Fernsehen eine Dokumentation über eines der bedeutendsten

Kunstmuseen der Welt zu drehen, welches durch Zarin

Katharina II. (1729-96) gegründet wurde. Seit damals pflegte

Dedo Weigert persönlichen Kontakt in die Sowjetunion, die

heute wieder Russland heißt, wie zu Katharinas Zeit.

Ein Depot wird zum Ausstellungsraum

Ende 2010 flog der DWF-Lichtgestalter Raffael Pollak zum ersten

Mal nach St. Petersburg. Im Sitzungssaal, in dem Zar Alexander

II. 1861 das Manifest zur Befreiung der Leibeigenen

unterzeichnet hatte, stellte er dem technischen Direktor der Ermitage

und seiner Delegation die Grundsätze moderner Lichtgestaltung

in Museen und die Vorzüge der Lichtsysteme der

DWF vor. Im Anschluss wurden mehrere Objekte besichtigt, sowohl

in den historischen Gebäuden im Stadtzentrum, als auch

in dem außerhalb gelegenen Depot. Sehr schnell zeigte sich,

dass man die neuen Lichtideen

UV-freies Licht aus eigener Ent-

exemplarisch in einem Raum des

wicklung

Depots inszenieren wollte, der bis-

Kurz nach der Geburt seines „techlang

nur Wissenschaftlern zugängnischen

Kindes“ im Jahr 1984, des

lich gewesen war, nun aber für das

„dedolights“, verwendeten Kamera-

Publikum geöffnet werden sollte.

männer diese Strahler, um in Mu-

Dazu hatte man das Depot bereits

seen präzise Licht zu setzen. Einige

einige Jahre zuvor entsprechend

Häuser behielten diese Filmausleuchtung.

Erst später wurde wis-

umgebaut.

senschaftlich diskutiert, wie man

Die neue Lichtgestaltung sollte für

Schäden an unersetzlichem Kultur-

einen Raum mit christlichen Fresken

gut reduzieren und sogar vermei-

und russisch-orthodoxen Ikonen

den könne. Man lernte, Expositions-

entwickelt werden. Die vorgefunzeiten

und die spektrale Zusamdene

Situation war die eines Lagers:

mensetzung der Lichtquellen in

gleichmäßiges, flaches Licht aus

ihrer Wirkung einzuschätzen und für

Leuchtstoffröhren. Erarbeitet wurde

die Anforderungen der Museen zu

ein interaktives Konzept, das zwei

spezifizieren. Da die DWF mit dem

Ziele verfolgte: Zum einen sollte die

Lehrstuhl für Optik der ITMO Univer-

neue Lichtsetzung den Fresken aus

sität in St. Petersburg bereits einige

der Mitte des 12. Jahrhunderts, die

Film-Optik-Projekte realisiert hatte,

lange in einer Kirche verschüttet

konnte sie nun einen Filter anbieten,

waren, neues Leben einhauchen –

welcher den besonders schädli-

Depot mit urspr. Arbeitsbeleuchtung

andererseits sollte der Besucher die

chen UV-Anteil bis auf 2 μW/lm re-

Beleuchtung steuern: PIR-Sensoren

duzierte. Die im Gegensatz dazu oft standardmäßig einge- registrieren die Bewegungen der Besucher und schalten dasetzten

UV-Filter führten zu bräunlichen Verfärbungen im sichtdurch in dem jeweiligen Sektor der Ausstellungsfläche die Bebaren

Spektrum. Da im Lichtstrahl der dedolight kein UV nachleuchtung ein. Nach einer intensiven Diskussion, bei der die Vorgewiesen

werden konnte, empfahl das Institut für Restauration und Nachteile von Halogen, Entladungslampen und LED gegen-

in Moskau (GosNIIR) 1997 das System von dedolight als Beeinander abgewogen wurden, fiel die Entscheidung zugunsten

leuchtung für Museen. Seit 1986 werden dedolights mit einem

Stromschienenadapter und dem speziellen UV-Cut Filter als mo-

von Halogen.

difizierte Filmscheinwerfer in Museen weltweit für besonders an- Zur Umsetzung der Lichtgestaltung verwendete man eine Mispruchsvolle

Lichtaufgaben verwendet. In der Sowjetunion u. a. schung aus asymmetrisch fokussierbaren Leuchten mit Weitwin-

in der Tretjakow Galerie, im Pushkin Museum, in der Garage Gakelvorsatz, um die Fresken absolut gleichmäßig auszuleuchten.

lerie und bereits seit damals in den Hauptgebäuden der Ermi- Dann setzt man mit den Projektionsvorsätzen gezielte Akzente,

tage. Seit 2010 gibt es eine eigenständige Serie an die unaufdringlich wie das Licht eines Sommertages wirken, der

Museumsleuchten mit einem funktionsoptimierten Design. durch ein Kirchenfenster auf die Fresken fällt. Die interaktive An-

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