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Luise Ullrich - Filmarchiv Austria

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LUiSE ULLricH

Luise Ullrich

Zum 100. Geburtstag

Auch Lexika vermitteln nur Näherungswerte der Wirklichkeit. Entgegen manchen offiziellen Einträgen

jährt sich bereits am 31. Oktober 2010 das Geburtsjubiläum von Luise Ullrich zum 100. Mal. Sie spielte

an namhaften Wiener und Berliner Theatern, arbeitete mit Filmregisseuren wie Ophüls, Hochbaum,

Forst und Fassbinder, kreierte lebensechte Frauencharaktere und darf sich der Nachwelt gegenüber mit

dem Goebbels-Urteil schmücken, sie habe »kein Gefühl für nationale Würde«. – Grund genug für eine

repräsentative Personale anlässlich einer beeindruckenden Karriere.


Die Unmöglichkeit, mit dem Lieben

davonzukommen

GÜNTER KRENN

ihr charme etwas brüchig wie manchmal ihre

Stimme, ihr Tonfall unverkennbar, klar und prä-

zise akzentuierend, pastellfarbenes Lächeln und

Augen, die oft den letztgültigen Kommentar zu

einer Situation vermitteln. Wo die Wessely sich ins

Unvermeidliche fügt oder, je nach Filmplot, das

Unvermeidliche in die Wessely, verhält sich die

Ullrich, wenn etwas gegen die Herzlinie verläuft, zu

Beginn und am Ende ihrer Filmkarriere contrecœur.

Zwischendurch, als man in reichen und nur mehr

bis drei zählte, übertrug man ihr das Modellbild an

Verzicht und Demut. im deutschen Nachkriegsfilm

übernahm sie charakterrollen, ab nun dominieren

die herberen ihrer Züge, spiegeln Abgeklärtheit,

manchmal korrigiert von einem verstehenden

Lächeln. Kritik an manchen ihrer Filmen und der

eigenen Leistung darin scheute sie niemals.

Geboren wird sie als Aloisia Elisabeth Ullrich am

31. Oktober 1910 in Wien-Döbling, sie absolviert die

Mädchenoberschule und danach eine Ausbildung

zur Schauspielerin an der Akademie für Musik und

darstellende Kunst. 1926 nimmt sie die Wiener

Volksbühne ins Engagement, fünf Jahre später

geht sie nach Berlin, erst an die dortige Volksbüh-

ne, später ans Berliner Staatstheater. Zu ihren Büh-

nenpartnern zählen Emil Jannings, Alexander Mois-

si, Peter Lorre, Werner Krauß, Bernhard Minetti und

Victor de Kowa. Letzterer begleitet sie auch einige

Jahre durchs Leben. Zu ihren größten Theatererfol-

gen rechnet man die Kreszenz in richard Billingers

Rauhnacht, Ödön von Horváth engagiert sie 1932

LUiSE ULLricH

für die weibliche Hauptrolle in der Erstaufführung

von Kasimir und Karoline.

1928 sieht sie in Wien ATLANTiS als ersten Tonfilm,

erlebt dessen zwiespältige Aufnahme bei der

Kollegenschaft, wenige Jahre später agiert sie

selbst auf der Leinwand. Luis Trenker engagiert

sie 1932 für sein Heldenepos DEr rEBELL. Schon

die Vorbereitungen sind lehrreich. Sie habe zu viel

Ausdruck im Gesicht, klagt der Maskenbildner, zeigt

ihr Madonnenköpfe italienischer renaissancege-

mälde als Vorbild. Die Augenbrauen werden rasiert,

die Haare blond gefärbt, das Gesicht leuchtend hell

geschminkt, damit sie »natürlich« wirke. Hinter den

Kulissen der Mehrsprachenversion beobachtet sie,

wie die englische Besetzung Vilma Banky die rolle

mit Stummfilmpathos anlegt, gestaltet die ihre

dagegen mit Natürlichkeit und bühnengeschulter

improvisationskraft. »ich spielte mit Unbekümmert-

heit, Naivität und jugendlicher Unschuld, wie ich

sie später nie mehr erreichte, diese erste Filmrolle.

Später mußte ich immer so tun, als wäre mir die

Technik wurscht. Aber ich wußte ganz genau, wo

die Kamera steht: ob es eine Großaufnahme, eine

Halbtotale oder eine Fahrt gibt. Aber diese schein-

bare Wurschtigkeit kostete mich Kraft und einen

Teil meiner Unbekümmertheit.« 1

Das Publikum merkt davon nichts, schätzt ihre

Darstellungen in Ophüls’ LiEBELEi (1933), Willi

Forsts LEiSE FLEHEN MEiNE LiEDEr (1933) oder

den Werner-Hochbaum-Streifen VOrSTADTVAri-

ETÉ (1934) und ScHATTEN DEr VErGANGENHEiT

Luise Ullrich, 1950-er Jahre

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(1936). Durchsetzungsvermögen im Filmgeschäft

hat sie sich längst angeeignet: »ich sagte: ›Das

stimmt, Sie haben recht.‹ Das muß man immer

sagen, wenn man mit einem regisseur verhandelt

und seine eigene Meinung durchsetzen will.« 2

1938 nennt sich ein Kapitel in dem Buch Schauspie-

ler erzählen dem Zeitgeschmack entsprechend:

»Weg des Künstlers – Weg des Kampfes«. Einen

Vertrag mit der MGM in Hollywood unterschreibt

Ullrich zwar 1938, lässt ihn jedoch unerfüllt. Sie

unternimmt eine ausgedehnte Südamerikareise,

schreibt den roman Sehnsucht, wohin führst du

mich?, lernt ihren späteren Ehemann, Wulf Diether,

Graf zu castell-rüdenhausen, kennen. Sie kehrt

nach Deutschland zurück, wo sie die NS-Bilderwelt

als fassbares Gegenbild zu den unerreichbaren

Diven Zarah Leander oder Olga Tschechowa

LUiSE ULLricH

instrumentalisiert. »Weder besonders schön noch

besonders tüchtig, wirkte sie auf die Zuschauer wie

ein Bild des Trostes und der Zuversicht. Blond, ohne

jede Aufdringlichkeit, schlank, aber nicht dünn,

kastanienbraune Augen unter Brauen, so dünn

wie ein Federstrich – damit schien die Ullrich für

Ehedramen, die sich im Stillen vollzogen, prädesti-

niert.« 3 Auch in jener Zeit erarbeitet sie sich ihre

Meriten mit künstlerischen Mitteln. 1941 verfehlt

der von der Politprominenz favorisierte Propagan-

da-Film HEiMKEHr auf der Biennale von Venedig

die erwarteten Preise, stattdessen erhält die Ullrich

für ihre rolle in ANNELiE den coppa Volpi. Mit wei-

teren Filmen wie DEr FALL rAiNEr (1942), NOrA

(1944) oder KAMErAD HEDWiG (1945) bleibt sie in

jener Zeit viel- aber nicht überbeschäftigt.

in den 1950er-Jahren stellte man ihr die Frage, ob

REGINE | D 1935

sie die von vielen auf ihre Körperformen redu-

zierten Schauspielerinnen Silvana Mangano oder

Marilyn Monroe lediglich als »Pullover-Episode«

der Filmgeschichte werte. ihre Antwort: »Die

Überbewertung des weiblichen Körpers halte ich

für keine Kulturgefahr, da sie nicht vom Publikum

ausgeht, sondern aus den Köpfen alternder redak-

teure und Filmproduzenten stammt.« BiTTErEr

rEiS sei ein großartig gemachter Film und die

Monroe letztlich wegen ihres Talents erfolgreich,

wenn auch die Figur nicht eben als Hindernis zu

betrachten wäre. Nachsatz: »ich kenne viele Schau-

spielerinnen, die ebenso gut gewachsen sind und

erfolglos blieben.« 4

»Balance eines Lebens« ist der Untertitel ihrer

Autobiografie, und Ausgewogenheit bestimmt de

facto ihre reflexionen. 5 Ein Studium ihrer rollen

führt nur zur praktizierenden Schauspielerin, nicht

jedoch der Person dahinter. Zu Beginn ihrer Karri-

ere verkörperte sie leichtlebig natürliche (Wiener)

Mädeln, später die Frau zwischen Ehemann und

Geliebtem und in der Nachkriegszeit in Produktio-

nen wie DiE LiEBE FAMiLiE (1956) oder iST MAMA

NicHT FABELHAFT? (1958) die, eigener Definition

zufolge, »Patentmutter«, ausgerüstet mit einem

rat für jede Lebenssituation. Sie spielt in Musicals

wie Gigi und Alexis Sorbas, erhält bundesdeutsche

Auszeichnungen wie den Bambi, das Bundesver-

dienstkreuz 1. Klasse, den Bundesfilmpreis. 1972

verschaffte ihr rainer Werner Fassbinder, in dessen

unprätentiös deutschen Filmen aus Mördergruben


wieder Herzen werden durften, eine imposante

Altersrolle als »Oma« in dem Fernseh-Fünfteiler

AcHT STUNDEN SiND KEiN TAG. Weitere TV-

Arbeiten folgen, 1986 stirbt die Schauspielerin in

München.

Vereinfachen lassen sich Luise Ullrichs Figuren

ebenso wenig wie ihre Darstellerin. »Wir sind nicht

das, was in den Büchern und Theaterstücken über

uns geschrieben steht«, sagt Mrs. Antrobus in

Thornton Wilders Stück Wir sind noch einmal da-

vongekommen, in dem Ullrich 1948 auf der Bühne

steht, über die Frauen: »Wir sind nicht, was die

inserate aus uns machen. Wir sind nicht wie im Film

und wir sind nicht wie im rundfunk. Wir sind nicht,

was man ihnen über uns erzählt und was Sie zu

sehen glauben. Wir sind – wir selbst.« 6

Enttäuschung, erklärte die Schauspielerin dem re-

gisseur Harald Braun 1949 bei den Dreharbeiten zu

NAcHTWAcHE, meine wörtlich das Ende von Täu-

schung und den Beginn von Wahrheit. Das Glück

beginne dort, wo keine illusion mehr wäre. Das mag

als Summe der von ihr gespielten Filmfiguren blei-

ben. Ohne Ansehen von Geschlecht, Jahrgang oder

Herkunft lehren uns Luise Ullrichs charaktere, dass

man zwar öfters mit dem Leben, aber viel seltener

mit dem Lieben davonkommt.

LUiSE ULLricH

LEISE FLEHEN MEINE LIEDER | A/D 1933

Anmerkungen

1 Luise Ullrich, Komm auf die Schaukel Luise. Balance eines Lebens,

Percha 1973, S. 101 f. Bereits zuvor war Ullrich 1932 in dem

GOETHE-GEDENKFiLM der Ufa zu sehen.

2 Luise Ullrich, Komm auf die Schaukel Luise. Balance eines Lebens,

Percha 1973, S. 335.

3 cinzia romani, Die Filmdiven des Dritten Reiches, München 1982,

S. 106.

4 Zit. nach Kurt J. Beck, Prominente und ihre Zeit, Wien 1957, S. 166.

5 Zu Ullrichs weiteren literarischen Arbeiten zählen u. a. Ricarda

(1954), Ferien in Zelt und Wohnwagen (1957).

6 Thornton Wilder, Wir sind noch einmal davongekommen, Frankfurt

a. M. 1978, S. 71 f.

Günter Krenn, geboren 1961 in Ferndorf/Kärnten. Studium der Philosophie,

Theater- und Musikwissenschaft an der Universität Wien; seit

1991 Mitarbeiter des Filmarchiv Austria, Koordinator und Mitarbeiter

zahlreicher filmhistorischer Projekte. Publikationen zur Filmgeschichte,

Kunst, Musik- und Literaturwissenschaft. Zuletzt erschienen: Romy

Schneider. Die Biographie (Berlin 2008).

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Programm

Luise Ullrich

4. bis 9.11.2010

Metro Kino

LUISE ULLRICH | PROGRAMM | 4. BIS 9. NOVEMBER 2010 | METRO KINO

SO 7.11., 16:00

LIEBELEI D 1933

REGIE Max Ophüls

BUCH Curt Alexander, Max

Ophüls, Felix Salten, Hans Wilhelm

nach dem gleichnamigen

Stück von Arthur Schnitzler

KAMERA Franz Planer

SCHNITT Friedl Buckow

MIT Magda Schneider, Luise

Ullrich, Paul Hörbiger, Gustaf

Gründgens, Olga Tschechowa,

Wolfgang Liebeneiner, Willy

Eichberger (aka Carl Esmond)

PRODUKTION Elite-Tonfilm-

Produktion, Berlin

LÄNGE 88 Minuten

FORMAT 35 mm, s/w

LIEBELEI ist der große Konjunktiv in Magda Schnei-

ders Karriere, zitiert bei Erörterungen, was sie alles

noch hätte spielen können, wäre sie besetzt worden

… Ursprünglich, so Luise Ullrich, hatte Ophüls sie

für die Rolle der Christine vorgesehen, nachdem

er ihren gefeierten Auftritt in Richard Billingers

Theaterstück Rauhnacht sah. Man entschied sich

schließlich für Magda Schneider, offerierte Ullrich

jedoch den Part der Mizi Schlager, in der sie bald die

für sie bessere Rolle erkannte. Mit der Leichtigkeit

ihres jungen Seins erklärt Mizi der liebeskranken

Christine die Männer, die primär einen Vorrat an

Tokajer und »ein Gemüt« haben müssen.

Als der Film 1933 Premiere hat, sind die Nationalso-

zialisten in Deutschland bereits an der Macht, kurz

danach verlässt Ophüls das Land in Richtung Frank-

reich, wo er eine französische Version des Stoffes

dreht. Als Romy Schneider 1958 für die Liebelei-Ver-

filmung CHRISTINE unterschreibt, versucht Magda,

Ophüls zu überreden, wieder die Regie zu überneh-

men. Der Regisseur lehnt mit der Begründung ab,

besser als 1933 könne er es nicht umsetzen. (gk)


SA 6.11., 16:00

LEISE FLEHEN MEINE LIEDER A/D 1933

REGIE Willi Forst

BUCH Willi Forst, Walter Reisch

KAMERA Albert Benitz, Franz

Planer

SCHNITT Viktor Gertler

MIT Hans Jaray, Marta Eggerth,

Luise Ullrich, Hans Moser, Otto

Treßler, Hans Olden

PRODUKTION Ciné-Allianz

Tonfilmproduktions GmbH,

Wien-Berlin

LÄNGE 85 Minuten

FORMAT 35 mm, s/w

Das erste Filmbild in LEISE FLEHEN MEINE LIEDER

zeigt ein Gemälde von Wien. Die Szene ist nicht

ohne Ironie: das so typische Bildnis wird, wie die

weitere Szenenfolge demonstriert, in der Pfand-

leihanstalt »Schönbrunn« deponiert. In dieser

evaluiert Luise Ullrich als Pfandleiherstochter die

Weltgeschichte, indem sie bei der Entgegennahme

der Büste Bonapartes erklärt: »Seit er die Schlacht

bei Aspern verloren halt, zahlen wir nur mehr 45

[Kreuzer].« Auch der Protagonist des Films findet

sich dort ein. Man sieht sein Konterfei als Silhouet-

te, die sich gegen eine Milchglasscheibe abhebt. Das

Publikum erkennt darin das Schattenriss-Porträt

Franz Schuberts, das die Wände so manches Bil-

dungsbürgers ziert. LEISE FLEHEN MEINE LIEDER

macht in seiner Exposition klar, worauf sich der Film

vor allem stützt: das (Wieder-)Verwerten tradierter

Grundmuster aus dem kulturellen Selbstverständnis

Österreichs. Man betreibt »Bildnerische Erziehung«,

definiert Film als Fortsetzung heimischer Kulturpoli-

tik mit denselben Mitteln. (gk)

LUISE ULLRICH | PROGRAMM | 4. BIS 9. NOVEMBER 2010 | METRO KINO

DO 4.11., 21:00 | SO 7.11., 18:00

VORSTADTVARIETÉ A 1935

REGIE Werner Hochbaum

BUCH Werner Hochbaum, Erich

Neubach

KAMERA Eduard Hoesch

SCHNITT Ludolf Grisebach

MIT Mathias Wieman, Luise Ullrich,

Hans Moser, Lina Woiwode,

Oskar Sima, Karl Skraup

PRODUKTION Styria-Film, Wien

LÄNGE 93 Minuten

FORMAT 35 mm; s/w

1935 zeigt Regisseur Werner Hochbaum in VOR-

STADTVARIETÉ ein Wien der Außenbezirke,

der sozialen Randgruppen, Landstreicher und

Menschen, die sich vor der Stellungskommission

drücken wollen. Soziale Unterschiede werden

angesprochen, da es ein Unterhaltungsfilm ist, aber

auch das Problem, wie der Ehemann seiner Frau die

Verlobung des Sohnes beichten soll. Die Interieurs

sind zumeist karg, man sieht arme Leute, die aus

gemeinsamer Suppenschüssel essen, schmuck-

lose Häuser der Vorstadt und viel – sonst nur für

Landpartien benötigte – Naturkulisse. Das barocke

Wien zeigt sich nur in Form der Gloriette, gemalt auf

ein Prospekt, vor dem das Variétéensemble agiert.

Die Sorge um Kommerzialität einerseits und eine

mögliche Imagebeschädigung Wiens andererseits

führten zu erheblichen Eingriffen der Zensur in

Hochbaums Konzept. Seine Kritik, einer durch üble

Umstände verleumdeten Frau (gespielt von Luise

Ullrich) werde keine Rechtfertigung zugebilligt,

entschärfte man durch ein nur scheinbar gnädiges,

von Männerhand herbeigeführtes Ende, das sich als

»happy« begreift. (gk)

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MO 8.11., 18:15

REGINE D 1935

REGIE, BUCH Erich Waschnek

nach der gleichnamigen Novelle

von Gottfried Keller

KAMERA Werner Brandes

SCHNITT Wolfgang Bagier

MIT Luise Ullrich, Adolf Wohlbrück,

Olga Tschechowa, Hans

Junkermann, Hans-Adalbert

Schlettow

PRODUKTION Fanal-Filmproduktion,

Berlin

LÄNGE 90 Minuten

FORMAT 35 mm, s/w

Regisseur Erich Waschnek hatte den auf eine Erzäh-

lung Gottfried Kellers zurückgehenden Stoff unter

demselben Titel bereits 1927 mit Lee Parry verfilmt.

Das Remake stieß auf großes Kritikerlob, das sich

vor allem auf die gut geführte Schauspielerriege be-

zog. Ȇber allem steht die Regine der Luise Ullrich.

Sie wächst zu ihrer bisher reifsten Filmleistung

heran. Man möchte Höhepunkte herausgreifen –

und findet kaum eine Szene, die nicht das Erwäh-

nen verdient«, schrieb der Berliner Film-Kurier im

Januar 1935. REGINE ist zunächst eine Pygmalion-

Geschichte, die Verwandlung eines Landmädchens

in eine (ehe)standesgemäße Dame, die von ihrem

»Erschaffer« auch folgerichtig geheiratet wird. Die

anschließende (Beinahe-)Tragödie entsteht aus

einer Verkettung von Misstrauen und Entfremdung,

bei der die junge Frau sich als unfähig erweist,

gesellschaftliche Intrigen mit der ihr gemäßen

Ehrlichkeit zu entgegnen. Sinn und Sinnlichkeit

wird bezwungen von Form und Förmlichkeit, nach

einigen Atemzügen Großweltluft betäubt sich Regi-

ne mit dem, was ihr aus dem geöffneten Gashahn

entgegenströmt. (gk)

LUISE ULLRICH | PROGRAMM | 4. BIS 9. NOVEMBER 2010 | METRO KINO

DI 9.11., 18:00

SCHATTEN DER VERGANGENHEIT A 1936

REGIE Werner Hochbaum

BUCH Karl Buda, Georg C. Klaren,

Walter von Hollander

KAMERA Georg Bruckbauer

SCHNITT Else Baum

MIT Luise Ullrich, Gustav Diessl,

Lucie Höflich, Oskar Sima, Tibor

Halmay, Robert Valberg, Richard

Waldemar

PRODUKTION Donau-Film,

Wien

LÄNGE 77 Minuten

FORMAT 35 mm, s/w

Nach dem tödlichen Unfall ihrer Zwillingsschwester

Betty wird Helene für diese gehalten. Als sogar

Bettys Verlobter sie nicht erkennt, setzt Helene das

Verwirrspiel fort. Ihre Motivation ist einfach: Betty

war gefeierter Revuestar, sie selbst saß unschuldig

im Gefängnis. Durch den fatalen Zwischenfall kares-

siert sie nun das Wohlwollen der Gesellschaft, bis

die Vergangenheit in Form krimineller »Freunde«

Schatten auf das neue Leben wirft.

Die Doppelrolle gibt Ullrich erneut Gelegenheit zu

facettenreichem Spiel. Wo konventioneller Weise in

Schwarz-Weiß gezeichnet wird, entfalten Regisseur

Hochbaum und seine Protagonistin eine Vielfalt

menschlicher Charakterschattierungen. In der Zeit-

schrift Mein Film freut sich vor allem der männliche

Star über seine Mitwirkung, da er sich davon ein

neues Rollenfach verspricht, nachdem er bisher

eher in dämonischen Rollen zu sehen war, und lobt

seine Partnerin: »Mit Worten höchster Begeiste-

rung spricht Gustav Diessl von Luise Ullrich, deren

unerhörte Natürlichkeit und künstlerische Intensi-

tät auch für den Partner Antrieb und Steigerung

bedeuten.« (gk)


DI 9.11., 16:00

ICH LIEBE DICH D 1938

REGIE Herbert Selpin

BUCH Viktor de Kowa, Herbert

Selpin, Felix von Eckardt nach

dem gleichnamigen Stück von

Roman Niewiarowicz

KAMERA Werner Bochmann

SCHNITT Friedl Behn-Grund

MIT Viktor de Kowa, Luise

Ullrich, Olga Limburg, Joachim

Rake, Herbert Weissbach

PRODUKTION Meteor-Film

GmbH, Berlin

LÄNGE 84 Minuten

FORMAT 35 mm, s/w

Mit freundlicher Unterstützung

der Friedrich-

Wilhelm-Murnau-Stiftung

Über die moderne Variante der Zähmung einer

Widerspenstigen befand Paimann’s Filmlisten 1938:

»Das nicht allzu umfangreiche Geschehen ist in

eine Unzahl trotz ihrer Gleichart immer reizvoller

Einzelhandlungen aufgelöst. Die Regie bewahrt sie

durch stets neue Einfälle und Verschiedenheit in

der Anwendung neuer und alter filmischer Mittel

vor Längen.« Dazu trugen vor allem die poin-

tierten Dialoge bei, mit denen man amerikanische

Screwball-Tradition in kommerzielles Deutsch über-

setzen wollte: »Sie werden, wie überhaupt neunzig

Prozent des Films, von den beiden Hauptdarstellern

bestritten, die sich spielfreudig und pointensicher

ergänzen.« Das Publikum amüsierte sich auch an

der Tatsache, dass es das Leinwandpaar im Leben

zusammen wusste; die von den Zeitungen gerne

kolportierte Beziehung erreichte jedoch im Produk-

tionsjahr des Films ihr natürliches Ablaufdatum.

»Ich habe viel von Dir gelernt«, formuliert Ullrich in

einem imaginären Abschiedsbrief, »an ästhetischem

Empfinden. An Lebensform und Diplomatie im

Umgang mit Menschen. Aber es ist aus. Ich kann es

nicht ändern.« (gk)

LUISE ULLRICH | PROGRAMM | 4. BIS 9. NOVEMBER 2010 | METRO KINO

FR 5.11., 16:00

ANNELIE D 1941

REGIE Josef von Báky

BUCH Thea von Harbou nach

dem gleichnamigen Bühnenstück

von Walter Lieck

KAMERA Werner Krien

SCHNITT Walter Wischniewsky

MIT Luise Ullrich, Werner Krauß,

Käthe Haack, Karl Ludwig Diehl,

Albert Hehn, Axel von Ambesser

PRODUKTION Ufa Berlin

LÄNGE 92 Minuten

FORMAT 35 mm, s/w

Mit freundlicher Unterstützung

der Friedrich-

Wilhelm-Murnau-Stiftung

»Annelie ist Luise Ullrich, ebenso anmutig in der

Jugend wie gütig und abgeklärt im Alter. Selbst

in Stimme und Tonfall erschien sie uns in jedem

Lebensabschnitt verändert«, berichtete die Filmwelt

im September 1941. Kurz zuvor erhielt die Schau-

spielerin für ihre darstellerische Leistung auf der

Biennale von Venedig den Coppa Volpi – und 20.000

Reichsmark steuerfrei, wie Ullrich betonte. Sie

wertet den Erfolg des Films im Nachhinein als aus-

ländischen Protest gegen NS-Propagandafilme, da

er sich gegen den favorisierten Streifen HEIMKEHR

durchsetzte. Im Mittelpunkt des zwischen 1881 und

1941 spielenden Films ANNELIE steht eine Frauenfi-

gur – zu lesen als Metapher für die Annahme jegli-

cher Probleme mit stoischer Geduld. Kein verfilmter

Entwicklungsroman freilich, sondern eher Thea von

Harbous Konstrukt an Demut und Dankbarkeit als

Vorzeigemuster einer alleinerziehenden Mutter in

Kriegszeiten. »Im Leben übersteht man alles«, gibt

Annelie ihrem ins Feld einrückenden Sohn mit, »es

ist nicht leicht, aber mit der Zeit lernt mans«. (gk)

13


14

FR 5.11., 18:00

NORA D 1944

REGIE Harald Braun

BUCH Harald Braun, Jacob Gleis

frei nach dem Bühnenstück Ein

Puppenheim von Henrik Ibsen

KAMERA Franz Weihmayr

SCHNITT Walter Wischniewsky

MIT Luise Ullrich, Viktor Staal,

Gustav Diessl, Franziska Kinz,

Ursula Herking, Bruno Hübner

PRODUKTION Ufa Berlin

LÄNGE 101 Minuten

FORMAT 35 mm, s/w

Mit freundlicher Unterstützung

der Friedrich-

Wilhelm-Murnau-Stiftung

Henrik Ibsens Drama Nora oder Ein Puppenheim,

das vom Ausbruch einer Frau aus einengenden Kon-

ventionen erzählt, verfilmt als Ufa-Produktion wäh-

rend der NS-Zeit, ist an sich bereits eine spannende

Grundkonstellation. »Zu Hause, bei Papa, wurde

ich wie eine kleine Puppe behandelt, hier wie eine

große«, klagt die Protagonistin; »und die Kinder

wiederum waren meine Puppen. Ich war recht ver-

gnügt, wenn du mit mir spieltest, so wie die Kinder

vergnügt waren, wenn ich mit ihnen spielte. Das war

unsere Ehe, Torvald.« – Mit einem »Das müssen Sie

spielen« bot Harald Braun die von vielen Schauspie-

lerinnen begehrte Rolle Luise Ullrich an. Im Jahr der

Dreharbeiten wurde ihre Tochter Gabriela geboren.

Als Paradoxon schildert Ullrich den Umstand, dass

sie in jener Zeit dieselben Umstände, denen Nora

zu entfliehen versucht, für ihre junge Familie als

durchaus erstrebenswert empfand. Allerdings nicht

ohne sich ihre als Filmschauspielerin privilegierte

Situation einzugestehen, die solche Emanzipati-

onskämpfe vermeidbar macht: »Ein gleichwertiger

Mensch war ich schon vorher gewesen.« (gk)

LUISE ULLRICH | PROGRAMM | 4. BIS 9. NOVEMBER 2010 | METRO KINO

MO 8.11., 16:00

NACHTWACHE BRD 1949

REGIE Harald Braun

BUCH Paul Alverdes, Harald

Braun nach seiner gleichnamigen

Erzählung

KAMERA Josef Illig, Franz Koch

SCHNITT Fritz Stapenhorst

MIT Luise Ullrich, René Deltgen,

Dieter Borsche, Käthe Haack,

Hans Nielsen

PRODUKTION Filmaufbau,

Göttingen; Neue Deutsche

Filmgesellschaft, München

LÄNGE 110 Minuten

FORMAT 35 mm, s/w

NACHTWACHE war der erste Film, für den Luise

Ullrich nach dem Zweiten Weltkrieg verpflichtet

wurde. Dass sie der Regisseur, mit dem sie bereits

bei NORA arbeitete, zuvor zu Probeaufnahmen

beorderte, war nur einer von vielen Misstönen,

die Ullrich im Zusammenhang mit der Produktion

schildert: »Der Ton, den Harald Braun für die Ärztin

wollte, war nicht mein Ton … Er wollte sie sanft,

mild, leise, wehmütig, und ich wollte ihr hinterrücks

eine Spritze Lebenswillen und Selbstironie verpas-

sen, und wenn es Harald nicht merkte, einen Hauch

Humor, weil ich finde, die schrecklichsten Dinge im

Leben kann man als intelligenter Mensch nur mit

Humor ertragen.« In ihrem Spiel versuchte Ullrich

in die Geschichte von Menschen, die auf Grund des

Kriegselends ihren Glauben an Gott verloren haben,

eher Sentiment anstatt Sentimentalität zu geben.

Für viele der Beteiligten ist das Aufarbeiten der

Kriegsproblematik nicht einfach. Auch viele Zuseher

erkennen sich in der Problematik wieder, der Film

wird ein Kassenerfolg. (gk)


SA 6.11., 18:00

SARAJEWO / UM THRON UND LIEBE A 1955

REGIE Fritz Kortner

BUCH Robert Thoeren

KAMERA Heinz Hölscher

SCHNITT Friederike Wieder

MIT Ewald Balser, Luise Ullrich,

Franz Stoß, Klaus Kinski, Hans

Thimig, Josef Meinrad, Erika

Remberg, Fritz Eckhardt, Harry

Hardt

PRODUKTION Wiener Mundus-

Film, Wien

LÄNGE 95 Minuten

FORMAT 35 mm, s/w

Sarajewo, 28. Juni 1914. Der österreichische Thron-

folger Franz Ferdinand und seine Gattin Sophie

sterben an den Kugeln Gavrilo Princips, der daraus

hervorgehende Krieg wird die ganze Welt betreffen

und von vielen als »Urkatastrophe des 20. Jahrhun-

derts« gedeutet. Fritz Kortners Studie zeigt die letz-

ten Stunden der Opfer. In großen Momenten, sagt

Kortner, wirken kleine Sätze menschlich, rühren ans

Herz, bleiben unvergesslich. Auch in SARAJEWO

baut er subtile Momente ein, in denen scheinbar

Triviales in solchen Sätzen formuliert den Gang der

Ereignisse vorausdeutet. »Sie hat nicht Angst um

sich«, erklärte er Luise Ullrich ihre Rolle, »sondern

um ihn. Sie liebt ihn. Der Tod kommt näher, immer

näher. Der Arzt hat Franz Ferdinand das Rauchen

verboten, das ist bekannt … Sophie lächelt ihn an,

hält ihm die Tabatiere hin und fragt: ›Willst ein

Zigarettl?‹«

Dass sich die Darsteller des Thronfolgerpaares,

Luise Ullrich und Ewald Balser, kurzzeitig Sorgen da-

rüber machten, welche Munition Klaus Kinski in der

Rolle Princips verwenden würde, mag dem Bereich

der Anekdote angehören. (gk)

LUISE ULLRICH | PROGRAMM | 4. BIS 9. NOVEMBER 2010 | METRO KINO

FR 5.11., 20:00 (Teil 1) | SA 6.11., 20:00 (Teil 2) | SO 7.11., 20:00 (Teil 3)

| MO 8.11., 20:00 (Teil 4) | DI 9.11., 20:00 (Teil 5)

ACHT STUNDEN SIND KEIN TAG BRD 1972/73

REGIE, BUCH Rainer Werner

Fassbinder

KAMERA Dietrich Lohmann

SCHNITT Marie Anne Gerhardt

MIT Gottfried John, Hanna

Schygulla, Luise Ullrich,

Werner Finck, Ulli Lommel,

Irm Hermann, Walter Sedlmayr,

Ruth Drexel

PRODUKTION Westdeutscher

Rundfunk, Köln

LÄNGE 101 Minuten (Teil 1),

100 Minuten (Teil 2), 92 Minuten

(Teil 3), 89 Minuten (Teil 4),

89 Minuten (Teil 5)

FORMAT 35 mm, Farbe

»Es müsste schön sein, sich Figuren einfallen zu

lassen, die sich was einfallen lassen und Chancen

haben, ich weiß, es ist schön!« – Lange vor David

Lynchs TWIN PEAKS interessiert sich Rainer Werner

Fassbinder für das Genre der Fernsehserie, erzählt

in fünf Teilen aus dem Leben von Werkzeugma-

chern. Anders als manche doktrinäre Kollegen

des Neuen Deutschen Films verpflichtet sich der

Regisseur und Drehbuchautor auch hier der Unter-

haltsamkeit, ohne jedoch auf Probleme zu verges-

sen und Lösungsmöglichkeiten anzubieten. Der

Hauptdarstellerin Hanna Schygulla stellt er Luise

Ullrich als resolute Oma gegenüber, schildert beider

Kampf um Glück, letztere in ihrer »sehr wilden Ehe«

mit dem Senior Gregor, den sie kennen und lieben

lernt. Einen Funken Utopie gesteht Fassbinder ein,

meint aber: »Da sind zwei, die machen was aus

ihrem Alter und ich würde meiner Oma wünschen,

dass Oma und Gregor mir schon vor zwanzig Jahren

eingefallen wären oder einem anderen und meine

Oma hätte das gesehen und würde nicht christlich

wählen heute und mit nichts sonst beschäftigt sein

als dem Sterben.« (gk)

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