Restauro 7/2024
Denkmalwürdige Bausubstanz
Denkmalwürdige Bausubstanz
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MAGAZIN ZUR ERHALTUNG DES KULTURERBES<br />
07/<strong>2024</strong> DENKMALWÜRDIGE BAUSUBSTANZ
EDITORIAL<br />
3<br />
Liebe Leserin, lieber Leser,<br />
„Denkmäler brauchen Pflege!“ – Das denken wohl viele von uns, wenn wir<br />
uns die Frage stellen, wie man denkmalwürdige Bausubstanz erhalten kann.<br />
Doch wie man das am besten angeht, darüber scheiden sich die Geister.<br />
Während die einen moderne Materialien ins Spiel bringen, schwören andere<br />
auf traditionelle Handwerkskunst. In dieser Ausgabe von <strong>Restauro</strong> haben wir<br />
uns zusammen mit zahlreichen Experten mit genau diesen Fragen beschäftigt.<br />
Im Fokus stehen diesmal nicht imposante Burgen oder herrschaftliche Paläste,<br />
sondern vermeintlich unscheinbare Gebäude, die uns dennoch viele<br />
Geschichten erzählen können. So lernen wir in einem Beitrag, wie eine<br />
Schlosskirche nach jahrzehntelangem Verfall durch engagierte Restauratoren<br />
und einem Förderverein wieder zum Leben erweckt wird – mit allen Herausforderungen,<br />
die dabei auftreten können, wie die Sorge um den baulichen<br />
Zustand der Gruft oder die Wiederherstellung der historischen Kuppel.<br />
Außerdem wird das Museum Schnütgen vorgestellt, das in einer alten<br />
Kölner Kirche untergebracht ist – ein Paradebeispiel dafür, wie historische<br />
Substanz erhalten und gleichzeitig eine neue Nutzung gefunden<br />
werden kann, ohne dass der sakrale Charakter verloren geht.<br />
Wer es technisch mag, kommt ebenfalls auf seine Kosten: Wie bewahrt<br />
man historische Stahlkonstruktionen vor dem Verfall? Oder:<br />
Ist es möglich, Denkmalschutz und Klimaschutz unter einen Hut zu<br />
bringen? Dieser Spagat wird im Interview mit Prof. Mathias Pfeil thematisiert,<br />
der uns zeigt, dass Denkmalschutz und moderne Anforderungen<br />
durchaus zusammenpassen – wenn man es richtig anstellt.<br />
Mit dieser Ausgabe möchten wir Ihnen einen Einblick in die vielfältigen<br />
Facetten des Erhalts denkmalwürdiger Bauten geben. Sie werden sehen:<br />
Manchmal ist der Putz zwar bröckelig, aber der Charme – der bleibt!<br />
Herzlichst, Tobias Hager & Team<br />
t.hager@georg-media.de<br />
instagram: @restauro_zeitschrift
4 INHALT<br />
6<br />
„Chance für die künftige<br />
Stadtentwicklung“<br />
8<br />
Das Museum in der Kirche<br />
16<br />
Die Kuppel der<br />
Schlosskirche Buch<br />
22<br />
Bewahrung eines<br />
alten Handwerks<br />
26<br />
„An den bewährten<br />
Techniken der letzten<br />
Jahrhunderte orientieren“<br />
S.32<br />
32<br />
Denkmalschutz<br />
neu denken?<br />
38<br />
Lieber reparieren<br />
anstatt wegwerfen<br />
44<br />
News<br />
46<br />
Konservatives<br />
Kleid<br />
S.08
6 INTERVIEW<br />
„Chance für die künftige<br />
Stadtentwicklung“<br />
Prof. Dipl.-Ing. Architekt Mathias Pfeil<br />
FRAGEN: JULIA MARIA KORN<br />
Wie lassen sich Klimaschutz und Denkmalschutz vereinbaren?<br />
Die aktuelle Debatte, die sich um die Begrünung des Münchner<br />
Max-Joseph-Platzes dreht, lässt vermuten: nur schwer. Im<br />
Interview erklärt uns Professor Mathias Pfeil, Generalkonservator<br />
des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, dass der<br />
Eindruck täuscht.<br />
<strong>Restauro</strong>: Das Landesamt für Denkmalpflege hat die ursprünglichen<br />
Pläne der Stadt München für eine Begrünung des Max-<br />
Joseph-Platzes abgelehnt. Wenn Sie einen Wunsch frei hätten:<br />
Wie würde der Platz idealerweise gestaltet sein, um die Aufenthaltsqualität<br />
zu steigern?<br />
Prof. Mathias Pfeil: Die Maximilianstraße ist neben der Ludwigstraße<br />
sicher der wichtigste Straßenraum des 19. Jahrhunderts<br />
in München und prägt die Landeshauptstadt bis<br />
heute. Unter König Maximilian II. wurde sie als Prachtstraße<br />
zwischen Max-Joseph-Platz und Maximilianeum angelegt.<br />
Das Besondere an ihr ist, dass der König für diese Straße<br />
einen eigenen, neuen Baustil „bestellt“ hat und erstmals verwirklichen<br />
ließ, den Maximilianstil.<br />
Aufgrund dieser besonderen städtebaulichen Bedeutung der<br />
Maximilianstraße ist es wichtig, diesen trotz massiver Wiederaufbauarbeiten<br />
noch weitgehend ungestört wirkenden Straßenraum,<br />
der selbst die massiven Kriegszerstörungen des<br />
Zweiten Weltkriegs überstanden hat, auch weiterhin entsprechend<br />
zu schützen und daher verkehrstechnische Einbauten<br />
in den Straßenraum, wie Zu- und Ausfahrten der Tiefgarage<br />
mit den obligatorischen Zubauten (zum Beispiel Verkehrsschilderbrücken,<br />
Brüstungswände etc.) zu verhindern.<br />
Seitens der Stadtverwaltung wurde sehr lange darüber diskutiert,<br />
die Zu- und Abfahrten der Tiefgarage am Max-Joseph-Platz<br />
aus den 1960er Jahren in den Straßenraum der<br />
Maximilianstraße zu verlegen, um freie Hand für eine neue<br />
Platzgestaltung zu haben. Aus Sicht der Denkmalpflege wären<br />
Zu- und Abfahrten der Tiefgarage in der Maximilianstraße<br />
allerdings unverträglich mit dem Straßenensemble gewesen,<br />
weshalb das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege dies<br />
stets abgelehnt hat. Die unter städtebaulichen Aspekten
INTERVIEW<br />
7<br />
einzig sinnvolle Lösung einer Verlegung der Tiefgarage war<br />
aber aus Kostengründen für die Stadt München nicht denkbar,<br />
weshalb die sich im Stadtbesitz befindliche Garage bis<br />
zur Beendigung des laufenden Pachtzeitraums bis 2061 dort<br />
weiterhin verbleiben wird.<br />
Nach Abschluss der baulichen Maßnahmen zur Errichtung<br />
der zweiten Stammstrecke der S-Bahn im Jahr 2038 soll jedoch<br />
auf dem Max-Joseph-Platz ein bauliches Provisorium entstehen,<br />
bei dem die Zu- und Abfahrten zur Tiefgarage grundsätzlich<br />
beibehalten werden. Danach könnte eine endgültige<br />
gestalterische und funktionale Lösung der unbefriedigenden<br />
Situation im Rahmen eines internationalen städtebaulichen<br />
Ideen- und Realisierungswettbewerbs gefunden werden. Im<br />
Zuge dessen soll dann auch die Frage des grundsätzlichen<br />
Verbleibs der Tiefgarage unter dem Max-Joseph-Platz unter<br />
Berücksichtigung der dann geltenden Verkehrserfordernisse<br />
offen diskutiert werden. Damit ist die erforderliche Zeit gewonnen,<br />
um ein tragfähiges Konzept für diesen herausragenden<br />
Straßenraum zu finden. Die Gestaltung des Provisoriums<br />
wurde von der Stadt München eng mit dem Bayerischen Landesamt<br />
für Denkmalpflege abgestimmt.<br />
Basierend auf einem Planungskonzept aus dem Jahr 1835<br />
aus dem Büro von Klenze wird diese ursprünglich noch recht<br />
zufällig wirkende Planung nach den Diskussionen mit dem<br />
Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege nun durch eine<br />
schlichte, auf den Platz bezogene Begrünung geprägt. Damit<br />
konnte eine tragfähige Verbindung zwischen historischem<br />
Anspruch und heutigen Bedürfnissen geschaffen werden.<br />
Letztlich aber muss das Ziel sein, in diesem Straßenraum<br />
den Individualverkehr – der letztlich nur die Opern-Tiefgarage<br />
unter dem Max-Joseph-Platz bedient – langfristig herauszunehmen.<br />
Das wäre eine mutige, diesem herausgehobenen<br />
Straßenzug sowie dem bedeutendsten repräsentativen Platz<br />
in München würdige Lösung.<br />
<strong>Restauro</strong>: Wie glücklich sind Sie mit<br />
der nun gefundenen Lösung?<br />
MP: Bei der nun gefundenen Lösung handelt es sich um eine<br />
Interimslösung für etwa zehn Jahre, da die Maximilianstraße<br />
in diesem Zeitraum weiterhin als Zufahrtsweg für die Baustelle<br />
am Marienhof benötigt wird. Bis zum Abschluss der Baumaßnahmen<br />
an der zweiten Stammstrecke, Mitte der 2030er<br />
Jahre, soll der Max-Joseph-Platz unter Belassung der Tiefgarage<br />
mit ihrer Zufahrt gestalterisch aufgewertet und barrierefrei<br />
zugänglich gemacht werden.<br />
Diese auch mit dem Landesdenkmalrat abgestimmte Planung<br />
sieht vor, dass die Zufahrt zur Tiefgarage lediglich etwas enger<br />
gefasst und die Fußgängerflächen erweitert werden. Die neu<br />
gewonnenen Aufenthaltsflächen könnten zudem eine mobile<br />
Bepflanzung (Pflanztöpfe) erhalten. Der sanierungsbedürftige<br />
Isarkieselbelag des Rondells wird entfernt und durch Rasenfelder<br />
auf acht symmetrischen Kreissegmenten um das Max-Joseph-Denkmal<br />
ersetzt. Diesen gestalterischen Ansatz konnte<br />
das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege mittragen.<br />
<strong>Restauro</strong>: In Wien wird momentan, gegen den Widerstand von<br />
Denkmalschützerinnen und Denkmalschützern, der Michaelerplatz<br />
umgestaltet. In München gab es mit dem Fall Max-Jospeh-<br />
Platz auch Widerstand gegen die Umgestaltung. Haben Sie Sorge,<br />
dass Stadtverwaltungen unter dem Schlagwort „Klimaschutz“ nun<br />
vermehrt versuchen werden, historische Plätze umzugestalten?<br />
MP: Aufgrund der aktuellen geopolitischen Lage ist das<br />
Thema „Energiewende“ auch im Bereich der Denkmalpflege<br />
in den Fokus gerückt. Der Transformationsprozess unserer<br />
Innenstädte ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung.<br />
Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege setzt<br />
sich dafür ein, den Charakter von Orten und Gebäuden zu<br />
bewahren und mit den Anforderungen der modernen Gesellschaft<br />
zu kombinieren. Das erfordert einen offenen Dialog<br />
und einen konstruktiven Austausch zwischen allen Akteuren.<br />
<strong>Restauro</strong>: Wo gibt es in München Ihrer Ansicht nach ein ungenutztes<br />
Potenzial, um Klima- und Denkmalschutz zu vereinen?<br />
MP: Grundsätzlich bieten alle in den 1960er und 1970er<br />
Jahren nach rein verkehrstechnischen Aspekten der Nachkriegszeit<br />
gestalteten öffentlichen Räumen ein großes Potenzial<br />
für Umgestaltungen. Wenn es dabei – wie beim Max-Joseph-Platz<br />
– gelingt, historische und aktuelle Bedürfnisse<br />
aufeinander abzustimmen, kann dies eine große Chance für<br />
die künftige Stadtentwicklung darstellen.<br />
<strong>Restauro</strong>: Fühlen Sie sich manchmal von der Politik und der Gesellschaft<br />
missverstanden?<br />
MP: Verständnis beruht auf Gegenseitigkeit. Die Denkmalpflege<br />
kann bei solchen Diskussionen einen wichtigen Beitrag<br />
dazu liefern, Geschichte und Zukunft so miteinander zu<br />
verbinden, dass beide Belange für die Öffentlichkeit spürbar<br />
bleiben. Diesen Anspruch stellen wir an uns und freuen uns<br />
auf die damit verbundenen Möglichkeiten.<br />
Weitere Informationen zum Thema Klimaschutz und Denkmalpflege<br />
finden Sie hier: Klimaschutz und Denkmalpflege<br />
(bayern.de)<br />
VITA<br />
Generalkonservator Prof. Dipl.-Ing. Architekt Mathias Pfeil<br />
Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege<br />
Mathias Pfeil ist seit 1. März 2014 Leiter des Bayerischen Landesamtes für<br />
Denkmalpflege, seit 29. Juni 2016 ist er Honorarprofessor an der Technischen<br />
Universität München (TUM).<br />
Von 2006 bis 2014 war er als Leiter der Bauabteilung bei der Bayerischen Schlösserverwaltung<br />
tätig.<br />
Von 2001 bis 2006 war er, zuletzt als Ministerialrat, Referatsleiter der Bayerischen<br />
Staatskanzlei in Brüssel. Zuvor hatte er an der Obersten Baubehörde im Bayerischen<br />
Staatsministerium des Inneren sowie den Regierungen von Oberbayern<br />
und Schwaben verschiedene Positionen, vornehmlich im Bereich der Städtebauförderung<br />
durchlaufen.<br />
Von 1994 bis 1997 war er gewählter Stadtbaurat in Waldkraiburg<br />
Mathias Pfeil studierte von 1983–89 Architektur an der TU München.<br />
1991 schloss er das Referendariat mit der Zweiten Staatsprüfung ab.
22 DENKMALWÜRDIGE BAUSUBSTANZ<br />
Bewahrung eines<br />
alten Handwerks<br />
TEXT: MARTIN MIERSCH<br />
1
Die Metallverarbeitung hat in Steyr eine<br />
lange Tradition. Bereits um 600 v. Chr.<br />
wurde hier Eisen durch die Kelten, später<br />
auch durch die Römer abgebaut und verarbeitet.<br />
Dieser lokalen Tradition, die im<br />
19. Jahrhundert ihren Höhepunkt erlebte,<br />
fühlt sich Gerald Fößl verpflichtet.<br />
Der Metallrestaurator Gerald Fößl wohnt in der Altstadt von<br />
Steyr und hat hier neben dem eigenhändig restaurierten Wohnhaus,<br />
2022 sein Schmiede-Atelier errichtet. Der gebürtige<br />
Steyrer besuchte die Fachschule für Kunsthandwerk seiner Heimatstadt<br />
mit der Spezialisierung auf Kunstschmied und Metallplastiker.<br />
Seit 1995 ist er sowohl als Metallrestaurator als auch<br />
als freischaffender Künstler tätig. Fößl fasziniert der Werkstoff<br />
Eisen. Wenn er auf das von ihm bearbeitete Material angesprochen<br />
wird, kann der sonst so nüchtern auftretende Spezialist<br />
ins Schwärmen geraten: „Eisen, das wichtigste und am weitesten<br />
verbreitete Schwermetall auf unserer Erde. Vorkommen,<br />
Gewinnung, die Fähigkeit und Kenntnisse seiner Verarbeitung<br />
sind gleichzeitig Voraussetzung und Gradmesser für Kultur und<br />
Zivilisation der menschlichen Gesellschaft. Der Zauber dieses<br />
faszinierenden Werkstoffs ist das, was mich begeistert.“<br />
2014 wurde er für die Metallrestaurationen in der Steyrer Stadtpfarrkirche<br />
mit dem „Steyrer Panther“ der Stadt Steyr ausgezeichnet.<br />
Die im 15. Jahrhundert erbaute Stadtpfarrkirche liegt<br />
im Zentrum der historischen Altstadt von Steyr. 1854 wurde die<br />
vom damaligen Landeskonservator, dem Dichter und Schriftsteller<br />
Adalbert Stifter, geförderte Regotisierung in Angriff genommen.<br />
Wegen der Bedeutung der gotischen Architektur<br />
des Kirchengebäudes wurde die barocke Einrichtung aus der<br />
Kirche weithin entfernt und durch eine neugotische ersetzt.<br />
Mit der Regotisierung wollte man das Steyrer Münster auf eine<br />
vermeintliche gotische Grundsubstanz zurückführen. Nachdem<br />
die Stadtpfarrkirche 1885 bis1889 umfassend restauriert<br />
worden war, wurden in den Jahren 1901 bis 1903 vom Schmiedemeister<br />
Johann Gruber zum Schutz des Nordportals mit<br />
seinen gotischen Figuren schmiedeeiserne Portale nach den<br />
Entwürfen des Architekten und Wiener Dombaumeisters Julius<br />
Hermann im Stil der Neugotik gefertigt. Fößl bekam hier den<br />
Auftrag sowohl die schmiedeeisernen Portale in der Nordtorhalle,<br />
als auch die Nordtore zu restaurieren. Nachdem Fößl<br />
und sein Team die Gitter ausgebaut und den Eingangsbereich<br />
mit einer Bretterwandung gesichert hatten, wurden die Gitter<br />
in die nahe gelegene Werkstatt transportiert. Zunächst wurden<br />
die Gitter technisch überarbeitet, thermisch gereinigt und<br />
dann besonders schonend mittels Glasperlstrahlverfahren von<br />
jeglicher Korrosion befreit, um dann den notwendigen Korrosionsschutz<br />
mittels mehrschichtigen Ölanstrichs auftragen zu<br />
können. Es wurden teilweise Messingschrauben verwendet,<br />
um Revisionen und spätere Eingriffe einfacher zu gestalten. Vor<br />
allem im unteren, der Witterung besonders ausgesetzten Bereich<br />
wiesen die Gitter starke Korrosionsschäden auf. Bolzen,<br />
Zierscheiben und -leisten mussten nach den alten Vorbildern<br />
neu geschmiedet werden. Vor dem Schmieden auf dem Amboss<br />
wird das zu bearbeitende Werkstück auf ca. 1200 Grad<br />
DENKMALWÜRDIGE BAUSUBSTANZ<br />
erhitzt. Die Metallrestaurierungsarbeiten an der Stadtpfarrkirche<br />
Steyr dauerten insgesamt 12 Monate.<br />
Kleineteilige Puzzlearbeit<br />
2012 bis 2013 restaurierte Fößl die schmiedeeisernen Gitter<br />
der prachtvollen Kaiserstiege im nahegelegenen Augustinerchorherrenstift<br />
St. Florian. Sie wurden 1730 in der Werkstatt<br />
von Schmiedemeister Nikolaus Peigine aus Linz gefertigt. Die<br />
Kaiserstiege mit ihrem filigran gearbeiteten Gitter diente dem<br />
Empfang hochgestellter weltlicher Fürsten in den Kaiserzimmern<br />
und sollte den Besucher auf die dort zu erwartende barocke<br />
Pracht einstimmen. Entsprechend aufwendig sind auch<br />
die monumentalen Gitter am Beginn der Treppe gestaltet. Die<br />
Gitter wurden nach umfangreicher Dokumentation demontiert,<br />
in ihre einzelnen Bestandteile zerlegt und auf Korrosionsschäden<br />
hin untersucht. Es erfolgte ein umfangreiche thermische<br />
und anschließende Endreinigung mittels schonendem<br />
Glasperlstrahlverfahren.<br />
Fehlende Details wurden in der Schmiedewerkstatt originalgetreu<br />
nachgefertigt und ergänzt. Insgesamt wurden circa 45<br />
Ergänzungen vorgenommen. Das Ganze glich einem vielteiligen<br />
Puzzlespiel, wobei alle Einzelteile akribisch sortiert und<br />
in Wort und Bild dokumentiert werden mussten, um am Ende<br />
wieder ihren angestammten Platz einnehmen zu können. Zum<br />
Schluss wurden alle Teile fachgerecht mit Bleiweiß grundiert,<br />
zusammenmontiert und wieder an Ort und Stelle angebracht.<br />
Die Schlosskästen wurden ausgebaut, zerlegt, gereinigt und<br />
instandgesetzt. Die Endbeschichtung der restaurierten Gitter<br />
übernahm Restauratorin Silvia Miklin Kniefacz. Der Régence-<br />
Stil, in dem die Prunkgitter geschaffen wurden, zeichnet sich<br />
durch absolute Symmetrie aus, was dem heutigen Restaurator<br />
ebenfalls ein hohes Maß an Präzision abverlangt. Das gesamte<br />
Projekt nahm elf Monate in Anspruch.<br />
Anknüpfen an alte Traditionen<br />
Ein weiteres Projekt des engagierten Metallrestaurators war<br />
die Restaurierung der Werndl-Gruft auf dem historischen Tabor-Friedhof<br />
in Steyr, die 2020 abgeschlossen werden konnte.<br />
Die Familiengruft Ludwig Werndl stellt ein Andenken an<br />
den verstorbenen Messerfabrikanten Ludwig Werndl, dessen<br />
Gemahlin Caroline und deren Nachkommen Marie und<br />
Leopold Werndl dar. Die beeindruckende Grabstätte wurde<br />
im Oktober 1894 fertiggestellt und weist bereits gestalterische<br />
Elemente des Jugendstils auf. Die gesamte Kuppelkonstruktion<br />
besteht aus einem Ring aus Winkelprofil mit 16<br />
aufgesetzten Längsträgern die im Abstand von zwei Feldern<br />
spitz zulaufend bis zur zentralen Laterne geführt sind. Die<br />
Querteilung erfolgt durch drei Ringe aus Sprosseneisen die<br />
jeweils durch Überplattung zusammengefügt wurden. Die<br />
vertikal geführten Halbsprossen sind mit den Längsträgern<br />
zusätzlich vernietet. Die ersten drei Glasfelder sind jeweils<br />
mittig nochmals unterteilt, sodass sich die Anzahl der Scheiben<br />
verdoppelt. Die Kuppel ist mit 157 kunstvoll geätzten<br />
Gläsern bestückt. Die geätzten Glasscheiben sind von oben<br />
in die Konstruktion eingelegt und mittels Leinölkitt mit der<br />
Konstruktion verbunden und gesichert. Die ursprünglich<br />
originale Farbfassung ist an der Unterseite der Kuppel stark<br />
durch Korrosionsprodukte geschädigt und kaum erkennbar,<br />
zumal die Konstruktion in einer Renovierphase schwarz<br />
überstrichen wurde. An der Oberseite sind Teile der Erstfassung<br />
erkennbar und sichtbar jedoch auch in einem sehr<br />
schlechten Zustand. Die Verkittung ist spröde, verkreidet<br />
23
26 INTERVIEW<br />
„An den bewährten<br />
Techniken der letzten<br />
Jahrhunderte orientieren“<br />
FRAGEN: DR. CATHARINA RECKER<br />
Inmitten der idyllischen Landschaft Niederbayerns stehen sie:<br />
alte, verlassene Bauernhäuser, die von vergangenen Zeiten<br />
erzählen. Viele dieser denkmalgeschützten Gebäude drohen<br />
jedoch zu verfallen, weil die Sanierung oft als zu aufwändig<br />
gilt. Dr. Guido Giermeier und seine Familie aus Passau stellen<br />
sich dieser Herausforderung. Mit viel Liebe zum Detail haben<br />
sie nicht nur ein Altstadthaus, sondern auch vier historische<br />
Bauernhäuser im Bayerischen Wald renoviert und bieten diese<br />
heute als charmante Ferienunterkünfte an. Ihr Engagement<br />
ist eine Hommage an die traditionelle Baukunst Niederbayerns<br />
und den Erhalt des kulturellen Erbes der Region. Um mehr über<br />
diese Projekte zu erfahren, haben wir uns mit Simone Muhr, der<br />
Tochter von Dr. Giermeier, und ihrem Ehemann Johannes Muhr<br />
getroffen. Im Gespräch gewähren die beiden Wahl-Münchner<br />
spannende Einblicke in die Entstehung und Entwicklung dieser<br />
außergewöhnlichen Bauprojekte und räumen mit der verbreiteten<br />
Furcht vor dem Denkmalschutz auf.<br />
Catharina Recker: Mit dem Kauf eures Familienhauses, dem<br />
ehemaligen Porzellankabinett und späteren Parkwächterhaus<br />
im Schlosspark von Schloss Freudenhain in Passau, kam deine<br />
Familie, Simone, das erste Mal mit dem Denkmalschutz in Berührung.<br />
Doch eine vollständige Kernsanierung unter den Auflagen<br />
des Denkmalschutzes, wie beim Umbau des heutigen Hotel<br />
Cultellus in der Passauer Altstadt, ist nochmal eine ganz andere<br />
Herausforderung. Wie muss man sich diesen Prozess vorstellen?<br />
Simone Muhr: Mit einer vernünftigen Einstellung ist der Denkmalschutz<br />
halb so schlimm. Viele haben Angst vor angeblichen<br />
ständigen Vorschriften, aber wir haben das nie so erlebt. Dass<br />
in der Passauer Altstadt keine Plastikfenster erlaubt si nd, ist<br />
doch richtig! In der Innengestaltung hatten wir viele Freiräume,<br />
wichtig war vor allem die Fassade. Unsere Baustellen waren<br />
immer in unter zwei Jahren fertig – inklusive Denkmalschutz.<br />
Johannes Muhr: Meist kommt das Denkmalamt zu Beginn,<br />
vielleicht einmal zwischendurch, und am Ende, wenn alles<br />
fertig ist. Sie schauen sich alles an, man bespricht sich, und<br />
dann passt es.<br />
CR: Basierend darauf erhält man dann entsprechende Anforderungen<br />
und gewisse Förderungen in Hinblick auf die einzelnen<br />
baulichen Maßnahmen?<br />
SM: Das Denkmalamt setzt je nach Projekt unterschiedliche<br />
Schwerpunkte. Beim sogenannten Forsthaus in Regen, einem<br />
denkmalgeschützten Bauernhof, den mein Vater saniert<br />
hat, wurde zum Beispiel das historische Schindeldach stark<br />
gefördert – Holzschindeln sind ja sehr teuer. Der Denkmalschutz<br />
beteiligt sich oft an den Mehrkosten, die durch die aufwendigere<br />
Sanierung entstehen. Natürlich gibt es Auflagen,<br />
aber man darf nicht vergessen, dass dafür auch finanzielle<br />
Unterstützung bereitgestellt wird.<br />
JM: Tatsächlich war der Brandschutz beim Passauer Hotel<br />
Cultellus ein größeres Problem. Das lag vor allem an der gewerblichen<br />
Nutzung und daran, dass alle Gebäude in der Altstadt<br />
sehr nah aneinandergebaut sind.<br />
CR: Wie schwierig war es, Brandschutz und Denkmalschutz zu<br />
vereinen?<br />
SM: Natürlich gab es Konflikte, aber am Ende fanden wir immer<br />
Lösungen, die sowohl den Brandschutz als auch den<br />
Denkmalschutz berücksichtigten. Denn alle verfolgen ein<br />
Ziel: Die Gebäude sollen nicht verfallen, sondern erhalten<br />
und genutzt werden.<br />
CR: Das macht doch Mut zum Denkmal! Mit dem Hotel Cultellus<br />
habt Ihr nicht aufgehört, sondern es ging im Grunde erst los. Wie<br />
kam es zum ersten Bauernhof-Projekt im Bayerischen Wald?<br />
SM: Mein Vater hatte immer ein Auge auf den Immobilienmarkt<br />
und irgendwann stand ein Holzblockhaus im Bayerischen<br />
Wald zur Zwangsversteigerung an – zu einem sehr<br />
günstigen Preis. Der Haken war, dass es von anderen Gebäuden<br />
dicht zugebaut war und keine schöne Aussicht hatte. Er<br />
hat lange überlegt, ob er es ersteigern soll. Doch dann entdeckte<br />
er den Kostnerhof in der Nähe. Dieser Hof war nicht<br />
nur besser gelegen, sondern auch größer und schöner. Nach<br />
einiger Recherche erfuhr er, dass der Eigentümer das seit über<br />
20 Jahren leerstehende Haus verkaufen wollte. So kaufte mein<br />
Vater 2014 den Kostnerhof und begann recht bald mit den Sanierungsarbeiten,<br />
wobei vieles – wie beim Hotel Cultellus – in<br />
Eigenleistung geschah, etwa das Ausräumen und der Abriss.<br />
JM: An dieser Stelle ein Tipp: Bei denkmalgeschützten Häusern<br />
gibt es viele kleine, zeitintensive Aufgaben, die man als<br />
nicht-Fachmann machen kann. Dadurch spart man viel Geld.<br />
Oft zeigen die Handwerker einem gerne, wie es geht und erfahrungsgemäß<br />
sind sie sogar froh, wenn sie einzelne Arbeiten<br />
„auslagern“ können. Erst beim nächsten Schritt, wenn sie<br />
als Profi wieder gefragt sind, schalten sie sich wieder ein.<br />
SM: Die Handwerker sollten natürlich ein Faible für denkmalgeschützte<br />
Projekte haben. Ein historischer Bau ist eben nicht<br />
ein Neubau: Routineeingriffe, die man bei Neubauten macht,<br />
funktionieren bei denkmalgeschützten Häusern eben nicht.<br />
CR: Nicht nur dein Vater, sondern auch ihr habt eine Liebe für<br />
historische Bauernhäuser. Wie kamt ihr nun zu eurem Bauernhof<br />
in Rehberg, direkt gegenüber vom Kostnerhof?<br />
SM: Das war sehr spannend! Unser Haus stand zunächst in<br />
Albersdorf bei Vilshofen, dem Heimatdorf meiner Großmutter<br />
väterlicherseits. Ursprünglich denkmalgeschützt stand es
INTERVIEW<br />
27<br />
1<br />
2<br />
1<br />
Johannes und Simone<br />
Muhr haben mit viel Liebe<br />
zum Detail ein Bauernhaus<br />
in Niederbayern<br />
restauriert.<br />
2<br />
Das Bauernhaus, das<br />
die Muhrs restaurierten,<br />
stand urspünglich in<br />
Albersdorf bei Vilshofen.<br />
Sie entschieden sich, das<br />
Haus das am Ursprungsort<br />
zugebaut war, abzubauen<br />
und in Rehberg<br />
wieder aufzubauen.
38 MESSEBERICHT<br />
Lieber reparieren<br />
1
MESSEBERICHT<br />
39<br />
statt wegwerfen<br />
1<br />
Bei der Leipziger Messe<br />
„denkmal“ werden<br />
traditionell auch alte<br />
Handwerkskünste<br />
vorgeführt.<br />
2<br />
Zahlreiche Aussteller<br />
präsentieren auf der<br />
führenden Fachmesse<br />
für Denkmalpflege<br />
ihre Produkte.<br />
2
40 MESSEBERICHT<br />
Die „denkmal“ – Europäische Messe für Restaurierung, Denkmalpflege und Altbausanierung<br />
– hat sich im Verlauf von dreißig Jahren zum wichtigen Knotenpunkt für<br />
ein Netzwerk an Wissen und Erfahrungen entwickelt. Das Jubiläumsjahr steht im<br />
Zeichen von Klimawandel und nachhaltigem Bauen.<br />
TEXT: ALEXANDRA WACH<br />
Die erdfarbenen Bauten sehen mit ihren Türmen und Zinnen<br />
wie gigantische Sandburgen aus, die jemand an den Rand der<br />
Wüste gebaut hat. Entlang der Straße der Kasbahs im Süden<br />
Marokkos stehen zahlreiche dieser ehemaligen Wehrburgen<br />
aus Stampflehm. Das Land hat eine lange Tradition im Lehmbau<br />
und bringt diese nun als Ehrengast der „denkmal“ vom 7.<br />
bis 9. November <strong>2024</strong> nach Leipzig mit. Bereits auf der letzten<br />
Ausgabe der Europäischen Leitmesse spielte die marokkanische<br />
Expertise für den Erhalt von Kulturerbe unter der Federführung<br />
von Zouhair Bennani, unter anderem stellvertretender<br />
Generalsekretär von ICOMOS MAROC, eine Rolle: „Der Austausch<br />
mit den Ausstellern und gemeinsamen Freunden, die<br />
sich für das Kulturerbe und das Bauen mit Lehm begeistern,<br />
war sehr intensiv und die Kontakte sehr herzlich“, so Bennani.<br />
„Es entstand die Idee, auf der denkmal <strong>2024</strong> den Reichtum des<br />
historischen Erbes Marokkos und die althergebrachten Techniken<br />
des Lehmbaus zu präsentieren“.<br />
Der Austausch sei gerade nach dem Erdbeben von der Stärke<br />
6,9 in der Provinz Haouz im vergangenen Jahr besonders wichtig,<br />
Für den Wiederaufbau sei der Einsatz lokaler Materialien<br />
unter Wahrung der authentischen kulturellen Identität geplant.<br />
Wie mit Lehm errichtete Bauten erdbebensicher gemacht werden<br />
können, darüber können sich Handwerker und Ingenieure<br />
auf der denkmal austauschen, inklusive des Studiums eines<br />
1:10 Modellbau einer Kasbah. Bennani meint dazu: „Letztlich<br />
wünschen wir uns eine Verschmelzung des marokkanischen<br />
und deutschen Know-hows, sowohl traditionell als auch technologisch,<br />
um angemessene und sichere Lösungen für Projekte<br />
zur Restaurierung des marokkanischen Kulturerbes anzubieten<br />
und mit dem wachsenden weltweiten Trend zur Förderung<br />
nachhaltiger ökologischer Bauweisen im Einklang mit der Umwelt<br />
Schritt zu halten.“<br />
Expertise im Bereich Lehmbau bietet auch die Fachmesse<br />
Lehmbau an, die parallel zur Fachmesse für Museums- und<br />
Ausstellungstechnik (Mutec) im Rahmen der denkmal stattfindet.<br />
Während diese ihr 30-jähriges Jubiläum feiert, ist die Fachmesse<br />
Lehmbau bereits seit 20 Jahren in Leipzig dabei. Der<br />
Dachverband Lehm bespielt aus diesem Anlass deshalb die<br />
bisher größte Fläche auf der Europäischen Leitmesse. Neben<br />
den Einsatzmöglichkeiten für Lehmbau auch im Neubau soll es<br />
um modulare Lösungen gehen, die Serientauglichkeit haben.<br />
Weitere Schwerpunkte sind Nachhaltigkeitsaspekte und Bildung<br />
im Lehmbau. Hier zeigt sich die Fachmesse an eine der<br />
fünf inhaltlichen Säulen anschlussfähig, die sich in diesem Jahr<br />
durch die denkmal ziehen.<br />
Das Branchentreffen, das zugleich als Diskussionsplattform<br />
fungiert, ist Pflichttermin für spezialisierte Hersteller ebenso<br />
wie für erfahrene Handwerks- und Restauratorenbetriebe, bis<br />
hin zu bedeutenden Institutionen. So wird eines der Kernthemen<br />
etwa der Schutz von kulturellem Erbe in Notfallsituationen
MESSEBERICHT<br />
41<br />
sein, ein Thema, das aufgrund vieler Konflikte und Katastrophen<br />
eine immer größere Relevanz bekommt. Auch die Denkmalvermittlung<br />
und baukulturelle Bildung sowie das Bauen im<br />
und mit dem Bestand werden Schwerpunkte sein. Die Chancen<br />
durch Digitalisierung, Robotik und KI in der Denkmalpflege<br />
und Restaurierung sowie Klimaschutz und Nachhaltigkeit mit<br />
dem Fokus auf Energie- und Ressourceneffizienz werden die<br />
Messe inhaltlich ebenfalls prägen.<br />
Beispiele für eine Neuausrichtung zugunsten von Sanierung<br />
und Restaurierung als gelebte Nachhaltigkeit will die Vereinigung<br />
der Denkmalfachämter in den Ländern (VDL) mit einer<br />
großen Ausstellung präsentieren. Im Vordergrund soll dabei<br />
die Umnutzung von Industriedenkmälern als Beitrag zur Ressourcenschonung<br />
stehen. Das Team vom „Naturdorf Bärnau“<br />
ist mit einem Projekt vertreten, bei dem es darum geht, im Geschichtspark<br />
Bärnau-Tachov eine Reihe von Häusern möglichst<br />
ohne industriell verarbeitete Baumaterialien zu errichten. Auf<br />
mehreren Tagungen sollen die grundlegenden Entwicklungen<br />
des Erhalts von Kulturgut diskutiert werden. Über die aktuellen<br />
Herausforderungen bei der Vermittlung von Kulturerbestätten<br />
wie öffentlicher Schlösser und Gärten wird am 7. November<br />
unter dem Titel „Sharing Cultural Heritage - Herausforderung<br />
und Potentiale der Vermittlung und Neuverhandlung von Kulturellem<br />
Erbe in einer diversen Gesellschaft“ diskutiert werden.<br />
Einen Tag später widmet sich das Symposium „Das Prinzip<br />
Reparatur“, organisiert vom Dachverband der Restauratoren,<br />
aktuellen Herausforderungen der Weiternutzung. The Themen<br />
reichen von „Das Handwerk der Zukunft in der Reparaturgesellschaft“<br />
bis zu „Gegen Wegwerf-Architektur“. Am gleichen<br />
Tag moderiert der Präsident von Europa Nostra Deutschland,<br />
Dr. Uwe Koch, eine Inputreihe mit anschließender Podiumsdiskussion<br />
zur Frage „Kulturerbe in Gefahr - Wie können wir auf<br />
neue Herausforderungen durch Klimawandel und Kriegs- und<br />
Konfliktlagen reagieren?“ Die Internationale Tagung von ICO-<br />
MOS Deutschland und dem Auswärtigen Amt schaut parallel<br />
auf Verfahren und Mechanismen zur Stärkung des Welterbeschutzes.<br />
Am 9. November tagt zu guter Letzt unter dem Titel<br />
„Grau ist unsere Energie - Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit<br />
in der Denkmalpflege“ die Fraunhofer IRB, Vereinigung<br />
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56 DENKMALWÜRDIGE BAUSUBSTANZ<br />
1<br />
Die Stadt Hannover<br />
möchte den Andreas-<br />
Hermes-Platz umgestalten<br />
und die Brunnenanlage<br />
von Gustav Lange<br />
abreißen. Dies stößt<br />
auf Widerstand.<br />
Die Akte Andreas-<br />
Hermes-Platz<br />
TEXT: JULIA TREICHEL
Der Andreas-Hermes-Platz ist ein bedeutungsvoller<br />
Ort für Hannover. Und ein<br />
Ort, der die Stadt und Planerinnen und<br />
Planer schon seit Jahrzehnten beschäftigt.<br />
Ein Umgestaltungskonzept sieht<br />
aktuell den Abriss der Brunnenanlage<br />
von Gustav Lange vor und stößt damit<br />
auf Widerstand bei dessen Erbinnen und<br />
Erben. Der Fall wirft die Frage auf, wann<br />
und wo ikonische Bestandsarchitektur erhalten<br />
werden soll und muss – auch wenn<br />
diese nicht unter Denkmalschutz steht.<br />
Das städtebauliche Gefüge vor Ort ist komplex: Der Andreas-<br />
Hermes-Platz in Hannover liegt auf der Bahnhofsrückseite und<br />
wird im Süden durch die Berliner Allee und die Raschplatzhochstraße<br />
abgeschnitten. Über den Unterführungs¬bereich<br />
Richtung Bahnhof schließt sich nahtlos der Raschplatz an. Den<br />
Nordwesten des Andreas-Hermes-Platzes dominiert das Kulturzentrum<br />
Pavillon, eines der ältesten Kulturzentren der Bundesrepublik<br />
und ein politisch aufgeladener Ort. Doch auch der<br />
Pavillon orientiert sich nicht zum Platz, sondern zur Gegenseite<br />
hin. Durch die komplexe, abgehängte Lage bietet der Andreas-Hermes-Platz<br />
deshalb seit Langem Potenzial für städtebauliche<br />
und sozialgesellschaftliche Diskurse. In den 90er-Jahren<br />
firmierte er auch unter dem Namen Haschplatz, wegen der<br />
Drogen¬szene, die den Ort damals frequentierte und dies bis<br />
heute tut. Wohnungslose sowie Feiernde aus den angrenzenden<br />
Diskotheken gehören zu den weiteren Nutzerinnen und<br />
Nutzern des Platzes.<br />
Haltgebendes Element auf überdimensioniertem Platz<br />
„Auf diesem Platz kommen viele verschiedene Nutzungen<br />
und Emotionsstränge zusammen“, beschreibt es der Architekt<br />
Jürgen Böge, Mitbegründer von Böge Lindner K2 Architekten,<br />
der sich seit den 90er-Jahren mit dem Ort beschäftigt. 1986 gewann<br />
sein Büro den Wettbe¬werb zum Neubau der DG Bank<br />
an der Berliner Allee. Sie entwickelten einen langgestreckten<br />
Baukörper als klare Kante zum Straßenraum mit einer konvexen<br />
Fassade zum Andreas-Hermes-Platz hin. Die Bank finanzierte<br />
weiterhin eine Umge-staltung der angrenzenden Freiräume<br />
und im Jahre 1990 gewann der renommierte – und 2022 verstorbene<br />
– Landschaftsarchitekt Prof. Gustav Lange mit seiner<br />
Konzeption das Verfahren. Bei seinem Entwurf ginge es nicht<br />
um eine Begrünung, sondern um eine freiraumplanerische<br />
Antwort auf das Architekturkon¬zept an einer Stelle, die als<br />
Rest definiert war, beschreibt Stefan Tischer in einem Beitrag<br />
im Magazin topos von 1992 die gestalterisch mutige Geste.<br />
Denn Lange entwarf einen raumgreifenden, runden Wasserspiegel<br />
mit rund 50 Metern Durchmesser, durch Sitzstufen aus<br />
Sandstein gefasst. Über das Becken führt ein Steg, ebenfalls<br />
aus Sandstein. Dieser Plattenweg setzt sich über die angrenzende<br />
wassergebundene, baumbestandene Platzfläche bis ins<br />
DENKMALWÜRDIGE BAUSUBSTANZ<br />
Innere des Verwaltungsgebäudes fort und führt so Innen und<br />
Außen zusammen. Entlang der Berliner Allee ergänzte eine 60<br />
Meter lange und 3,5 Meter hohe freistehende, steinerne Wasserwand<br />
das Ensemble als schützende Geste gegen die Verkehrsschneise.<br />
Das stetig rinnende Wasser übertönte an dieser<br />
Stelle den Lärm der vorbeirasenden Autos. Stefan Tischer<br />
bricht das Konzept auf die einfachen Elemente Baum, Stein,<br />
Wasser und Sand herunter. Die einzelnen Bestandteile mögen<br />
einfach sein, simpel wirkt die Gestaltung jedoch nicht. Auch<br />
Jürgen Böge betont die Besonderheit des Entwurfs. Es sei Langes<br />
Ansinnen gewesen, dem überdimensionierten Platz, auf<br />
dem sich Passantinnen und Passanten zuvor beinahe verloren<br />
fühlten, durch den Brunnen ein Objekt gegenüberzustellen,<br />
das Halt gebe.<br />
Brunnenanlage soll neuer Nutzung weichen<br />
Die Umgestaltung ist nun rund 30 Jahre her, doch die Debatten<br />
um die Nutzungsgruppen und Herausforderungen im Bahnhofsumfeld<br />
werden weiterhin ausgefochten. Seit einigen Jahren<br />
erarbeitet die Stadt Hannover Konzepte, inwiefern eine weitere<br />
Umgestaltung auf die noch immer bestehenden sozialen Probleme<br />
des Ortes einwirken kann. Seit 2016 wurde – ebenfalls<br />
durch Böge Lindner K2 Architekten – am einstigen Standort der<br />
imposanten Wasserwand von Gustav Lange ein Hotelsolitär als<br />
Hochaus errichtet. Durch das Hotel sollte die Leerstelle an der<br />
Kreuzung neu besetzt werden. Für Jürgen Böge eine gelungene<br />
Fassung des Andreas-Hermes-Platzes und eine stadträumliche<br />
Vollendung. Auch hoffte man, dass eine Gastronomie und<br />
Außenbespielung im Erdgeschoss den Platz an dieser Stelle<br />
neu beleben würde. Doch datierte der Abschluss der Bauarbeiten<br />
genau auf das Jahr 2020, die Eröffnung verzögerte sich und<br />
im Zuge der Pandemie verschlimmerte sich die Lage auf dem<br />
Andreas-Her¬mes-Platz weiter. Hinzu kommt, dass die Brunnentechnik<br />
seit einigen Jahren sanierungsbedürftig ist und der<br />
Brunnen deshalb leer steht. Bei einer 30 Jahre alten Anlage<br />
eine durchaus erwartbare Instandhaltungsarbeit, der jedoch<br />
vonseiten der Stadt nicht nachgekommen wurde. Ganz im Sinne<br />
der Broken-Windows-Theorie wirkt sich diese Vernachlässigung<br />
auf den umgebenden Stadtraum aus. Für Jürgen Böge<br />
ein Trauerspiel: „Das ist schade, weil der Brunnen so eine Kostbarkeit<br />
ist. Er war der Versuch, den Platz wertvoll zu machen.“<br />
Die Sanierung des Brunnens steht derzeit kaum zur Debatte.<br />
Stattdessen entwickelt die Stadt seit einiger Zeit andere Konzepte<br />
zur Aufwertung bahnhofsnaher Plätze als Teil der Innenstadtentwicklung.<br />
Neben dem Andreas-Hermes-Platz fallen<br />
darunter auch der Raschplatz und der Weißekreuzplatz. Letzterer<br />
wurde bereits im Jahre 2023 umgestaltet. Für den Raschplatz<br />
und den Andreas-Hermes-Platz wurden bisher vor allem<br />
temporäre Veranstaltungskonzepte initiiert. So wurde am 20.<br />
Juni am Andreas-Hermes-Platz die diesjährige Sommerlounge<br />
eröffnet. Sie bietet bis Ende September ein buntes Programm<br />
aus Tanz, Lesungen, Konzerten und Workshops an. Dazu wird<br />
zwischen Hotel und Pavillon-Gebäude eine Holzterrasse mit<br />
einem Zeltdach als Sonnen- und Regenschutz aufgebaut. Hinzu<br />
kommen Sitz- und Spielmobiliar und Pflanzenkübel zum gemeinsamen<br />
Gärtnern. Bereits im vergangenen Jahr hatten die<br />
Oststadt-Bibliothek und das Kulturzentrum Pavillon sowie weitere<br />
Akteurinnen und Akteuren den Andreas-Hermes-Platz auf<br />
ähnliche Art bespielt. Die Anwohnerinnen und Anwohner des<br />
Quartiers reagierten, laut Stadt, positiv auf die Angebote, pflegten<br />
die Hochbeete mit und nutzten die neue Grünoase und den<br />
Lesegarten zum Aufenthalt.<br />
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