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Wortreich Empfehlungskatalog 2024

Unsere Lieblingsbücher aus dem aktuellen Lesejahr.

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Liebe Menschen,<br />

neues Jahr, neuer Katalog. Ist es nicht schön, dass auf manche Dinge Verlass ist? Die Welt ist<br />

voller Unsicherheiten, aber unser Heft mit all den persönlichen Empfehlungen kommt immer<br />

wieder. Erneut haben wir für Sie Ausschau gehalten nach all den besonderen Perlen in der Flut der<br />

Neuerscheinungen und wir hoffen, dass wir Sie für die ein oder andere Lektüre begeistern können.<br />

Natürlich ist auch das Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels dabei. Pi mal Daumen von<br />

Alina Bronsky hat in diesem Jahr die Auszeichnung gewonnen, die wir für die schönste und<br />

wichtigste in der Buchhandelswelt halten, weil sie von den Menschen kommt, die jeden Tag aufs<br />

Neue ihre Türen zur Welt der Geschichten öffnen und immer wieder aufs Neue beweisen, wie<br />

gut sie Menschen und Bücher zusammenbringen können. Dass wir zu diesen Menschen gehören,<br />

erfüllt uns gleichermaßen mit Stolz und Dankbarkeit. Wir bleiben dabei: Es gibt keinen besseren<br />

Beruf als den unseren und es gibt kaum einen besseren Begleiter durch das Leben als ein Buch.<br />

Unser Dank gilt nach wie vor Ihnen, dass wir unsere Begeisterung leben dürfen. Dieser Katalog<br />

zeigt all die Bücher, die uns in diesem Jahr berührt, unterhalten, informiert und so manche<br />

Nacht gekostet haben. Wir wünschen Ihnen, dass es Ihnen ebenso geht.<br />

Herzlichst<br />

Ihr WortReich-Team<br />

Wir danken allen Übersetzer:innen für Ihre Arbeit. Ohne Sie wäre die Welt der Bücher ärmer.<br />

Dieser Katalog ist mit allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung bedarf der schriftlichen Zustimmung. Alle Rechte vorbehalten. Die<br />

im Katalog genannten Preise und bibliographischen Angaben sind sorgfältig überprüft. Irrtum bleibt aber vorbehalten. Die €-Preise gelten für Deutschland.<br />

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Ländliche Frauenemanzipation<br />

Eine Bauerntochter kehrt, weil sie die Natur vermisst, aus der Kreisstadt, in der sie eine Lehre zur<br />

Schneiderin gemacht hat, auf den elterlichen Hof zurück und die Frau des örtlichen Pfarrers wartet<br />

sehnsüchtig darauf, diesen ländlichen Ort endlich wieder verlassen zu können und zurück in die geliebte<br />

Großstadt zu ziehen.<br />

Jede in ihrer Welt, leben beide Frauen am selben Ort und sind unmerklich verbunden durch ihre jeweilige<br />

Liebe zu Wilhelm, dem Pfarrhaussohn. Wie sich das Leben der beiden unterschiedlichen Frauen<br />

entwickelt, wie sie durch individuelle Entscheidungen dem gesellschaftlichen Konventions- und<br />

Pflichtkorsett, in dem sie gefangen sind, kleine Risse zufügen und wie sie trotz Schicksalsschlägen<br />

selbstbestimmt ihren eigenen Weg finden, davon erzählt Zwei Leben. Mit großer Sympathie für seine<br />

Figuren und einem feinen Gespür für menschliche Beziehungen, ihre Mechanismen und Zwischentöne,<br />

eingebettet in eine immer präsente und sich jahreszeitlich wandelnde Natur, erzählt Ewald Arenz mit<br />

untrüglichem Gespür für die Nuancen im Verhältnis der Menschen untereinander eine Geschichte von<br />

Entwicklung und Liebe, der man voll Empathie bis zum Ende folgt.<br />

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Wo Leben und Tod einander berühren<br />

Dieser Roman ist der beste Beweis dafür, dass Geschichten gleichzeitig heiter und ernst, komplex und<br />

leicht sein können. Hier werden große Themen behandelt, ohne dass es schmerzt. Ganz im Gegenteil,<br />

dieses Buch zu lesen tut sogar sehr gut.<br />

Mit einer besonderen Mischung aus Humor und Tiefgang erzählt Husch Josten in Die Gleichzeitigkeit<br />

der Dinge von der Verbindung zwischen Leben und Sterben und zeigt dabei, wie existenzielle Themen<br />

überraschend leicht und zugänglich gestaltet werden können. Die Fotografin Tessa, die den Verlust ihrer<br />

Eltern verarbeiten muss, lernt den jungen, belesenen Sourie kennen, dessen Liebe zur Philosophie und<br />

zum Thema Vergänglichkeit ihn in ein Seniorenheim geführt hat. Sourie, benannt nach dem<br />

französischen „Lächeln“, und Tessa begegnen sich dort in einem Projekt, das alten, oft einsamen<br />

Menschen Trost bringt – und finden in der Begegnung selbst neue Lebensfreude und eine<br />

unkonventionelle Liebe.<br />

Die Besuche bei den Heimbewohnern gestalten sich dabei nicht nur als ernste Abschiedsrituale, sondern<br />

auch als humorvolle, lebendige Erinnerungen an gelebte Jahre, wie wenn der frühere Zoodirektor das<br />

Paarungsverhalten von Insekten erklärt oder eine Ex-Schauspielerin Sourie aus der Hand liest. Mit<br />

poetischer und klarer Sprache bringt Josten ihre Figuren und deren Erlebnisse zum Leuchten und stellt<br />

die Frage, wie wir dem Unabwendbaren Sinn und Würde verleihen können. Ein leiser und zugleich<br />

kraftvoller Roman, der nachklingt und eine neue Sicht auf das Leben und die letzte Reise eröffnet.<br />

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Mathematik und ein wenig Leben<br />

Wenn Sie auf der Suche nach einem Roman sind, der Herz und Verstand gleichermaßen anspricht, dann<br />

ist Pi Mal Daumen von Alina Bronsky genau das Richtige für Sie! Der Roman erzählt die Geschichte von<br />

Moni, einer Frau, die mit knapp über 50 Jahren den Mut fasst, ein Mathematikstudium zu beginnen,<br />

trotz der Herausforderungen ihres Alltags mit drei Enkelkindern und einem grummeligen Ehemann. An<br />

ihrer Seite steht der hochbegabte, aber sozial unbeholfene Oscar, der bereits mit 16 Jahren sein<br />

Mathestudium beginnt. Oscar hält Moni anfangs für die Putzfrau, doch erkennt bald ihre Intelligenz und<br />

Beharrlichkeit, trotz ihrer Wissenslücken. Ihre unwahrscheinliche Freundschaft entwickelt sich zu einer<br />

wunderbaren Win-Win-Situation: Während Oscar Schwierigkeiten hat, sich sozial anzupassen, hilft Moni<br />

ihm, sich in der Welt der Erwachsenen zurechtzufinden und er ihr wiederum bei Mathe. Gemeinsam<br />

meistern sie die Herausforderungen des Studiums und entwickeln eine tiefe Freundschaft, die beide<br />

verändert. Alina Bronsky versteht es meisterhaft, runde und liebenswerte Charaktere zu erschaffen, die<br />

einem noch lange im Gedächtnis bleiben. Pi Mal Daumen ist ein Roman, der mit bissigem Humor und<br />

viel Wärme die Höhen und Tiefen des Lebens beleuchtet und zeigt, dass Mut und Veränderungen das<br />

Leben bereichern können.<br />

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Loslassen oder festhalten?<br />

In ihrem Roman Lass uns doch noch etwas bleiben entführt Lionel Shriver die Leser:innen in ein ebenso<br />

tiefsinniges wie unterhaltsames Gedankenexperiment über das Altern, den Tod und die Frage, wie wir<br />

unser Leben – und sein Ende – selbst bestimmen können. Im Zentrum der Geschichte steht das Londoner<br />

Ehepaar Kay und Cyril Wilkinson, beide in ihren Fünfzigern, die nach dem Tod von Kays Vater mit einem<br />

schicksalhaften Entschluss ringen: Sie wollen mit 80 Jahren gemeinsam freiwillig aus dem Leben<br />

scheiden, um dem körperlichen und geistigen Verfall zu entgehen. Doch wie so oft kommt das Leben den<br />

besten Plänen in die Quere. Was Lass uns doch noch etwas bleiben so besonders macht, ist Shrivers<br />

virtuose Erzählweise: In zwölf alternativen Szenarien stellt sie die Frage, was passiert, wenn der<br />

Selbstmordpakt am 80. Geburtstag tatsächlich umgesetzt wird – oder eben nicht. Die Figuren durchleben<br />

ihre letzten Jahre in parallelen Welten, die mal tragisch, mal skurril, aber immer tief berührend sind. So<br />

bleibt die Frage, was passiert, wenn die Wilkinsons doch noch einen Tag länger bleiben oder sich<br />

entscheiden, den Pakt aufzugeben, stets aktuell und fesselnd.<br />

Besonders bemerkenswert ist Shrivers Fähigkeit, ernste Themen wie den Tod und die Endlichkeit des<br />

Lebens mit Leichtigkeit und Humor zu durchdringen. Die Frage, ob wir gehen oder bleiben sollten, ist<br />

universell, und Lionel Shriver verleiht ihr in diesem Roman eine facettenreiche und unterhaltsame<br />

Antwort, die uns daran erinnert: Egal, wie alt man ist, das Leben hält immer noch Überraschungen bereit.<br />

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Roh und dennoch zart<br />

Hof ist der Debütroman von Thomas Korsgaard und erzählt die Geschichte des jungen Tue, der in einer<br />

sozial prekären Familie aufwächst. Die Handlung spielt auf einem heruntergekommenen Bauernhof, der<br />

für Tue mehr ein Ort des emotionalen wie physischen Überlebenskampfes als ein Zuhause ist. Korsgaard<br />

beschreibt eindringlich, wie Tue unter der Kälte und Aggressivität seines Vaters sowie der emotionalen<br />

Abwesenheit seiner Mutter leidet. Die Mutter flüchtet sich in Online-Glücksspiele, während der Vater<br />

zwischen gewalttätigen Ausbrüchen und seltenen Momenten der Zuneigung schwankt. Das Buch bietet<br />

eine rohe, fast schon gnadenlose Darstellung des ländlichen Lebens, das von wirtschaftlichen<br />

Schwierigkeiten, familiären Spannungen und der beklemmenden Einsamkeit geprägt ist. Es wird aus der<br />

Perspektive des jungen Tue erzählt, dessen kindliche Wahrnehmung der schrecklichen Ereignisse die<br />

Erzählung besonders eindringlich macht. Korsgaards Erzählstil ist von einer beeindruckenden Balance<br />

zwischen Härte und Zartheit geprägt, und er schafft es, selbst in den dunkelsten Momenten eine subtile,<br />

teils schwarze Komik einzuflechten. Trotz aller Schwere gelingt es Korsgaard dennoch, eine gewisse<br />

Lebendigkeit und Menschlichkeit in den Figuren zu bewahren. Dies verleiht dem Buch Tiefe und macht<br />

es trotz seiner düsteren Thematik lesenswert. Besonders bemerkenswert ist Korsgaards Fähigkeit, die<br />

Perspektive eines Kindes authentisch und sensibel einzufangen, was die emotionale Wirkung des<br />

Romans verstärkt.<br />

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Ungewöhnliche Bekenntnisse<br />

Wenn ein Schriftsteller für jedes Wort, das er schreibt, bezahlt wird, kann er sich durchaus vorstellen<br />

einer zu werden. Das schreibt ein selbstbewusster Fünfzehnjähriger, der wegen Mordes mit zahlreichen<br />

Gleichaltrigen in einem italienischen Inselgefängnis einsitzt. Von seiner Italienischlehrerin ermutigt und<br />

mit der Aussicht auf einen Freigang zur geliebten Mutter an Weihnachten belohnt, beginnt Zeno mit der<br />

Aufzeichnung seins Lebens, das alle Klischees, die einem zu Süditalien und Neapel einfallen, erfüllt:<br />

Armut, Camorra, Prostitution, Drogenhandel, Verbrechen und ein vom Schicksal vorgezeichneter<br />

Lebensweg. Zenos Leben spiegelt all diese Aspekte, aber seine Individualität weist gleichzeitig über sie<br />

hinaus.<br />

Unmittelbar, ehrlich und in breitestem Straßenitalienisch, anfänglich schüchtern, im Verlauf dann immer<br />

selbstbewusster, erzählt er von sich, seiner Familie, seiner Kindheit, seiner Mutter, seiner Schwester,<br />

seinem Lebensalltag, seinen Werten, seiner Freundin und den Zuständen im Gefängnis. Dabei gelingt es<br />

ihm, seine eigene Situation zu reflektieren und auch seine Zukunft immer im Blick zu halten.<br />

Francesca Maria Benvenutos Debüt Dieses Meer, dieses unerbittliche Meer strotzt vor Kraft, ist intensiv<br />

und direkt, individualisiert eine skandalöse Tatsache, ohne sie direkt anzuprangern und entreißt sie<br />

unserer gleichgültigen Hinnahme. Ein zutiefst unsentimentaler und aufrüttelnder Roman.<br />

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Von der wundervollen Leichtigkeit im Interim<br />

Das Sommerparadies ist nicht auf Anhieb zu erreichen, ein Unwetter zwingt das Flugzeug zurück aufs<br />

Festland, aber im zweiten Anlauf gelingt die Landung auf der Ferieninsel und für acht Personen kann die<br />

schönste Zeit des Jahres beginnen. Und vollkommen anders, als von ihnen erwartet, wird diese Zeit ihre<br />

leichteste, menschlichste, liebevollste und eine, die nur das Beste in ihnen hervorbringt. Das Paradies<br />

könnte vollkommen sein, wenn nicht, erst sporadisch, dann sich vermehrend, Seltsamkeiten auftreten<br />

würden. Die anderen Inselbewohner scheinen sie nicht wahrzunehmen, ihr Bewegungsradius ist<br />

eingeschränkt und ihr Gedächtnis zunehmend löchrig. Als 002 und 007, ein Privatdetektiv und seine<br />

Controllerin, ihre Welt betreten, zieht sich die unsichtbare Schlinge, in der die Urlauber gefangen sind,<br />

immer fester zusammen.<br />

Nach uns der Himmel feiert das große Fest vom Abgang, einem Schicksal, dem die vier Ferienpaare<br />

selbstbewusst entgegentreten und es feiert mit seinen zahlreichen cineastischen Verweisen und Zitaten<br />

das Kino. Simone Buchholz mischt frei und mit einem Schuss Ironie Mystery, Noir, Horror, Komödie,<br />

Gesellschaft und Liebe, und sorgt mit dieser Mischung für einen enorm großen Lesespaß.<br />

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Zauber und Schrecken des Unbekannten<br />

Ich bin mit meinem Mann hierher aufs Land gezogen. So unspektakulär dieser erste Satz auch ist, so<br />

faszinierend ist alles, was in Das Loch noch auf ihn folgt. Da ihr Mann versetzt wird, zieht Asahi mit ihm<br />

in das Haus direkt neben ihren Schwiegereltern. Der Preis ist beinahe derselbe und so weicht die Zwei-<br />

Zimmer-Wohnung im lauten und hektischen Tokio einem zweistöckigen Haus in einer Gegend, wo es<br />

außer Feldern und Zikaden nicht viel zu geben scheint. Da sie nicht mehr arbeiten muss, versinkt Asahi<br />

schnell in einen eintönigen Trott. Ihren Mann sieht sie erst abends, und ihre Schwiegereltern kriegt sie<br />

kaum zu Gesicht. Einzig dem Großvater der Familie kann sie täglich dabei zusehen, wie er unbeirrt den<br />

Rasen sprengt. Diese Eintönigkeit wird erst unterbrochen, als Asahi auf ihrem Weg zum Dorfladen etwas<br />

ins Auge fällt: Ein ihr völlig unbekanntes Tier. Sie beschließt, ihm ins Gebüsch abseits der Straße zu folgen,<br />

doch kurz darauf findet sie sich in einem tiefen Loch wieder, aus dem sie nur mit Hilfe der mysteriösen<br />

Frau Sera entkommen kann. Von nun an häufen sich merkwürdige Zufälle und Begegnungen und Asahi<br />

fängt an, sich Fragen zu stellen. Was genau ist dieses mysteriöse Tier? Ist der Mann, der in einem<br />

Schuppen zu leben scheint, tatsächlich ihr Schwager? Die Grenzen zwischen Realität und Illusion<br />

verschieben sich allmählich und verschwinden mitunter völlig. Hiroko Oyamada schafft es, aus einer<br />

augenscheinlich banalen Situation, wie einem Umzug aufs Land, eine Art Horror herauszuarbeiten, die<br />

durch Isolation und Konfrontation mit dem Unbekannten entsteht. Trotz strahlendem Sonnenschein<br />

wirkt die Atmosphäre zwischendurch fast schon bedrohlich und Asahi muss sich fragen, was ihre<br />

Bestimmung in alledem ist und ob es ihr wert ist, diese zu verfolgen. Ein kurzes, aber packendes<br />

Lesevergnügen.<br />

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Best Friends Forever<br />

Agnes Lee und Polly Wister haben über achtzig Sommer gemeinsam verbracht, in den Sommerhäusern<br />

ihrer Familien an der malerischen Küste Maines, umgeben von der unberührten Natur von Fellowship<br />

Point. Auch im hohen Alter bleibt ihre Freundschaft unerschütterlich, trotz der unterschiedlichen Wege,<br />

die sie im Leben eingeschlagen haben. Polly widmete sich zeitlebens vor allem der Fürsorge für andere:<br />

ihrem Ehemann Dick, der als Philosophieprofessor Karriere machte, und ihren drei Söhnen, denen sie<br />

eine behütete Kindheit in einem warmen Zuhause schenkte. Agnes hingegen wählte ein anderes Leben.<br />

Sie blieb unverheiratet, lebte allein und konzentrierte sich auf ihre erfolgreiche Karriere als<br />

Kinderbuchautorin. Nun drängt ihre Verlegerin sie, ihre Memoiren zu schreiben, was alte Wunden<br />

aufreißt und längst verdrängte Sehnsüchte ans Licht bringt.<br />

Unsere Jahre auf Fellowship Point ist ein tiefgründiger, einfühlsamer Roman der sich über das gesamte<br />

20. Jahrhundert erstreckt. Alice Elliott Dark erzählt darin von zwei Frauen, deren Leben zwar<br />

unterschiedlich verliefen, die jedoch eine lebenslange, tiefe Verbundenheit und ein tiefes Verständnis<br />

füreinander teilen. Ein Buch voller Emotionen, das lange nachhallt.<br />

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Mein Lieblingsbuch <strong>2024</strong><br />

Vor zwei Jahren durfte ich mit Die Hungrigen begeistert das Debüt eines jungen Italieners vorstellen, bei<br />

dem vor allem die präzise Sprache, die rohen Emotionen und eine gewisse Kompromisslosigkeit zu<br />

überzeugen wussten. Mit Brennende Himmel bleibt Mattia Insolia seinen Anfängen thematisch sowie<br />

sprachlich treu, entwickelt sich jedoch in einigen anderen Aspekten derart weiter, dass ich sein<br />

Zweitwerk als nahezu perfekt bezeichnen würde. Ich präsentiere mein Lieblingsbuch des Jahres.<br />

Niccolo lebt mit seinen 19 Jahren einfach in den Tag hinein. Party, Sex und Drogen gehören zum Alltag.<br />

Obwohl er sich von seiner Mutter Teresa und vor allem von ihrem neuen Lebensgefährten nichts sagen<br />

lässt, leben die drei einigermaßen harmonisch zusammen. Einzig die unausgesprochene Vergangenheit<br />

Niccolos Vater Riccardo betreffend schwebt wie ein Damoklesschwert über dem Hausfrieden. Eines<br />

Tages steht dieser vor der Tür und möchte seinen Sohn auf eine Reise mitnehmen, die ihn an den Ort<br />

führt, an dem seine Eltern sich vor 19 Jahren kennenlernten. Es beginnt eine Geschichte um Schuld,<br />

Sühne, Verdrängung und Vererbbarkeit, die zeitgleich auf zwei zeitlichen Ebenen die Geschichten von<br />

Niccolo, Teresa und Riccardo erzählt.<br />

Mattia Insolia hat in den letzten zwei Jahren nichts von der Wucht und den rohen Gefühlen verloren, die<br />

sein erstes Werk auszeichneten. Gewonnen hingegen hat er an sanften Zwischentönen, die Brennende<br />

Himmel hoffnungsvoller erscheinen lassen, ohne je kitschig zu sein. Sein zweiter Roman ist am Ende nicht<br />

weniger hart als Die Hungrigen, kommt jedoch weitaus nuancierter daher und ist tatsächlich der einzige<br />

Roman dieses Jahres, der mich zum Weinen gebracht hat.<br />

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Von Gießkannen und Proberäumen des Lebens<br />

Der aus Bosnien stammende und in Hamburg lebende Autor Saša Stanišić wurde 2019 für seinen Roman<br />

Herkunft mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. In seinem neuen Werk, bestehend aus 12<br />

Kurzgeschichten, greift er erneut das Thema der Herkunft auf. Doch vor allem setzt er sich mit der<br />

philosophischen Frage auseinander: Was wäre, wenn ich in entscheidenden Momenten meines Lebens<br />

andere Entscheidungen getroffen hätte? Stanišić führt uns an Orte, an denen Menschen tagtäglich ihr<br />

Dasein fristen, und zeigt auf, was geschieht, wenn diese plötzlich beginnen, ihre Lebensentscheidungen<br />

zu hinterfragen. Er öffnet uns Türen zu Räumen, in denen auf einmal scheinbar alles möglich wird.<br />

Da ist die Reinigungskraft, die mit einer Ziegenhaarbürste in der Hand beschließt, endlich ihr Leben selbst<br />

in die Hand zu nehmen. Oder der Vater, der bereit ist, zu betrügen, nur um endlich gegen seinen<br />

achtjährigen Sohn im Memory-Spiel zu gewinnen. Und dann ist da noch der deutsch-bosnische<br />

Schriftsteller, der zum ersten Mal nach Helgoland reist, nur um festzustellen, dass er bereits einmal dort<br />

gewesen ist. Mit Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne<br />

mit dem Ausguss nach vorne beweist Stanišić wieder seine Begabung, sich nachdenklichen Themen zu<br />

nähern und sie auf meisterhafte Weise zu behandeln. Die Frage „Was wäre, wenn?“ hat sich wohl jeder<br />

von uns schon einmal gestellt. So bringt er uns Leser:innen nicht nur zum Nachdenken, sondern auch<br />

zum Schmunzeln, und bietet uns die Möglichkeit, unser eigenes Leben zu reflektieren.<br />

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Was wir uns nicht erzählen<br />

Nacht ohne Morgen von Benoît d'Halluin ist ein intensiver, feinfühliger und streckenweise auch äußerst<br />

spannender Roman über kleine und große Geheimnisse, Familie und die Verstrickungen menschlicher<br />

Beziehungen. Im Zentrum stehen Alexis und Marc, zwei Männer, deren Leben auf unterschiedliche<br />

Weise von familiären Erwartungen und ihrer Suche nach sich selbst geprägt sind. Als Alexis von einem<br />

Auto angefahren wird und im Anschluss ins Koma fällt, entfaltet sich eine berührende und packende<br />

Geschichte, die zwischen Gegenwart und Rückblenden wechselt. Dabei beleuchtet d'Halluin die<br />

Schwierigkeiten und Schönheiten des Lebens – immer mit einer gewissen Melancholie, aber auch mit<br />

Hoffnung. Als Leser begleitet man Alexis Mutter Catherine, die sich von Frankreich auf den Weg in die<br />

USA macht, um dem mit dem Tod ringenden Sohn nahe zu sein. Während dieser Reise erfährt sie und<br />

erfahren auch wir immer mehr über all die Dinge, die Alexis sich nie zu erzählen getraut hat. Zwangsläufig<br />

stellt sich beim Lesen die Frage nach all den Dingen, die wir selber für uns behalten und nach den<br />

geheimen Welten, die jeder in sich trägt. Der Autor schafft es, Elemente aus Thriller, Liebesgeschichte<br />

und Entwicklungsroman miteinander zu verknüpfen und daraus eine Geschichte zu zaubern, die berührt,<br />

unterhält und fesselt.<br />

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Eine Frage der Moral<br />

Während Rebecca F. Kuang im letzten Jahr noch mit klassischer, aber sehr lesenswerter Fantasy<br />

begeisterte, die an politischen und gesellschaftlichen Themen nicht sparte, verschlägt es sie mit<br />

Yellowface nun zurück ins Hier und Jetzt, doch die brisanten Themen bleiben.<br />

June Hayward und Athena Lui sind ehemalige Kommilitoninnen, die sich als junge Autorinnen einen<br />

Namen machen wollen. Während Athena mit ihrem ersten Roman den Durchbruch schafft und gefeiert<br />

wird, fristet June ein erfolgloses Schattendasein. Obwohl durchaus befreundet, ist die erfolgreiche und<br />

hübsche Athena, die chinesische Wurzeln besitzt, June ein Dorn im Auge. Als Athena bei einem Treffen<br />

der beiden durch einen Unfall ums Leben kommt, schnappt sich June kurzerhand das nahezu fertige<br />

Manuskript des nächsten Romans ihrer Freundin, in dem es um die Heldentaten chinesischer Arbeiter<br />

im ersten Weltkrieg geht, und veröffentlicht es kurze Zeit später unter ihrem Namen. Der Roman wird<br />

ein Erfolg – doch zu welchem Preis? Im Internet wird schnell diskutiert, ob Haywards Roman als kulturelle<br />

Aneignung gesehen werden muss. Und damit beginnt für June ihr persönlicher Albtraum.<br />

Mit Yellowface ist Rebecca F. Kuang ein fantastischer Roman über die heutige Debattenkultur,<br />

Internethetze und das schwierige Thema kulturelle Aneignung gelungen. Mal Drama, mal Literatursatire,<br />

mal Paranoiathriller - Yellowface wechselt spielend leicht mehrmals den Ton und entwickelt einen Sog,<br />

dem man sich nur schwer entziehen kann.<br />

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Kennen Sie die Mitfords?<br />

Die amerikanische Schriftstellerin Marie Benedict stieß während eines Auslandssemesters in<br />

Großbritannien zufällig auf die Geschichte der Mitford-Schwestern und war sofort fasziniert von dieser<br />

unkonventionellen Familie der englischen Upperclass. Genauso ging es mir auch, als ich vor einigen<br />

Jahren über einen Roman von Nancy Mitford stolperte, und in der Folge alles las, was von oder über sie<br />

und ihre Familie zu bekommen war.<br />

Benedict hat sich für ihren Roman Die Mitford Schwestern einen der spannendsten Abschnitte dieser<br />

Familiengeschichte ausgesucht, die 30er und frühen 40er Jahre. Hier treten die unterschiedlichen<br />

Überzeugungen der Schwestern besonders stark zu Tage. Nancy, die Älteste, ist Schriftstellerin und<br />

überzeugte Sozialdemokratin. Ihre Schwester Diana lässt sich von ihrem reichen Ehemann scheiden, um<br />

die Geliebte des britischen Faschistenführers zu werden und die beiden jüngeren Schwestern Jessica und<br />

Unity sind sich einerseits besonders nah, andererseits könnten sie politisch nicht weiter voneinander<br />

entfernt sein. Während Jessica überzeugte Kommunistin ist, ist Unity ganz dem Faschismus und<br />

besonders Adolf Hitler verfallen. Sie zieht sogar nach München und versucht alles, um ihn<br />

kennenzulernen. Je mehr sich die Situation in Europa zuspitzt, desto schwieriger wird es für Nancy.<br />

Nachdem sie beunruhigende Gespräche belauscht und verräterische Dokumente gefunden hat, muss sie<br />

eine schwere Entscheidung treffen, während Großbritannien in den Krieg gegen Deutschland zieht.<br />

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…und nochmal Mitford<br />

Trotz Krieg und familiären Problemen schrieb Nancy Mitford auch in dieser Zeit weiter. Zwar sind die in<br />

diesem Buch vorkommenden Romane von ihr zur Zeit nicht auf Deutsch erhältlich, dafür wurde aber<br />

gerade eines ihrer früheren Werke frisch ins Deutsche übersetzt. Passend zur Weihnachtszeit erschien<br />

Schöne Bescherung auf Compton Bobbin. Wie in all ihren Romanen zeichnet sie ein schillerndes und<br />

spöttisches Bild der Englischen Upperclass, zu der sie ja selbst gehörte.<br />

Der Schriftsteller Paul Fotheringay ist am Boden zerstört; sein tödlich ernst gemeintes Romandebut wird<br />

von den Kritikern als lustigstes Buch des Jahres gefeiert. Um seinen literarischen Ruf wiederherzustellen<br />

möchte er eine Biographie über die viktorianische Schriftstellerin Mary Bobbin verfassen, und schleicht<br />

sich daher kurz vor Weihnachten unter falschem Namen als Hauslehrer auf Compton Bobbin ein. Lady<br />

Bobbin, die jagdbesessene Hausherrin, organisiert unterdessen ihre jährliche Weihnachtsgesellschaft,<br />

ein wild zusammengewürfelter Querschnitt der englischen Oberschicht. Aufeinander treffen ihre<br />

rebellische Tochter, deren Verehrer, eine Schar ungezogener Kinder, eine schöne Ex-Kurtisane, sowie<br />

diverse Lords und Ladys. Ein bisschen Downton Abbey, ein bisschen Little Britain. Eine kurzweilige<br />

Lektüre voll bissigem Humor und Situationskomik.<br />

Wer noch mehr über die Mitfords erfahren möchte, dem sei die Biographie Das rote Schaf der Familie –<br />

Jessica Mitford und ihre Schwestern empfohlen.<br />

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Wenn man alles verliert<br />

Daniela Krien ist schon lange kein Geheimtipp mehr. Mit ihrem neuen Buch ist ihr sogar der Sprung auf<br />

die Longlist für den Deutschen Buchpreis gelungen. In all ihren Büchern widmet sie sich Menschen im<br />

Umbruch, die ins Taumeln geraten sind und sich verloren haben. So auch in Mein drittes Leben.<br />

Linda, einst erfolgreiche Kunstmaklerin und in einer Kulturstiftung tätig, hat durch den Unfalltod ihrer<br />

17-jährigen Tochter Sonja alles verloren. Am Boden zerstört und zerrissen kündigt sie ihren Job, verlässt<br />

ihren Mann und zieht sich in ein verlassenes Dorf in Ostdeutschland zurück. Durch die Arbeit an und auf<br />

einem verwahrlosten Hof versucht sie, den quälenden Schuldgefühlen und der Trauer zu entkommen<br />

und Stück für Stück findet Linda wieder zu sich und zu dem, was Weiterleben für sie bedeuten könnte.<br />

Daniela Krien erzählt in Mein drittes Leben die bewegende Geschichte einer Frau, die am Abgrund steht<br />

und erst langsam den Weg zurück ins Leben findet. Linda ist die Ich-Erzählerin, die sich mit ihrer tiefen<br />

Trauer, dem Rückzug von der Welt und dem schmerzhaften Prozess des Wiederaufstehens<br />

auseinandersetzt. Mit präzisen Dialogen und eindringlichen Bildern schafft Krien ein sensibles Porträt<br />

von Verlust, Einsamkeit und der Kraft, trotz allem weiterzumachen.<br />

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Künstlerisches Schauspiel an der Côte D‘Azur<br />

In diesem Werk treffen zwei meiner großen Lieben aufeinander. Meine Liebe für Literatur und meine<br />

Liebe für den Film. Garniert mit schöner Sprache und einem gewissen Urlaubsgefühl, serviert uns der<br />

ehemalige Filmschaffende Emanuel Bergmann mit Tahara einen Einblick in die Welt der Schönen und<br />

Reichen – und derer, die meinen es zu sein.<br />

Marcel Klein sitzt wie jedes Jahr beim Filmfestival in Cannes bei seinem morgendlichen Espresso, als er<br />

die verführerische Französin Heloise erblickt. In seinem Job als Filmkritiker ist er, aufgrund seiner<br />

unorthodoxen Art, Interviews zu führen, zu einer kleinen Berühmtheit gereift, die sich von nichts aus der<br />

Ruhe bringen lässt. Während Heloise ihn von Tag zu Tag mehr fasziniert und die Beziehung der beiden<br />

sich intensiviert, verliert Marcel immer mehr die Kontrolle über seinen Job und all die Geheimnisse, die<br />

er jahrelang in sich getragen hat. Aber auch Heloise trägt einigen Ballast. Die beiden versuchen<br />

auszubrechen und begeben sich auf eine Reise unter der Sonne der Cote d’Azur, an deren Ende sowohl<br />

Glück als auch Verderben stehen können.<br />

Tahara ist unterhaltsam wie wenige andere Bücher, die ich in diesem Jahr lesen durfte. In der ersten<br />

Hälfte eine entlarvende Beobachtung der Filmkritikerszene, entwickelt sich der Roman zu einer<br />

dramatischen Roadnovel über Liebe, Vergänglichkeit, Ehrlichkeit und Wahrheit vor wunderschöner<br />

Kulisse.<br />

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Von eigenen Welten und Zwischentönen<br />

Das Cover ein Körper im Wasser. Der Titel spielt ebenfalls mit Wasserassoziationen. Die Themen reichen<br />

von Selbstfindung über Verantwortung bis hin zum Erwachsenwerden und den Umgang mit Verlust. Dazu<br />

gefeiert von den unabhängigen Buchhandlungen. Petra Pellinis Der Bademeister ohne Himmel weckt<br />

Erinnerungen an einige Überraschungshits der letzten Jahre und überzeugt am Ende mit ganz eigenen,<br />

oftmals eher leisen Tönen.<br />

Linda ist fünfzehn und hat, wegen ihrer traumatischen Kindheit und einem unterkühlten Verhältnis zu ihrer<br />

Mutter, den Willen, zu leben, verloren. Lediglich ihr einziger Freund Kevin, der sich mehr für die großen<br />

Probleme dieser Welt interessiert als mit ihr Zeit zu verbringen, sowie der an Demenz erkrankte, 86-jährige<br />

ehemalige Bademeister Hubert aus der Nachbarswohnung, um den sie sich drei Tage die Woche kümmert,<br />

geben ihr die Hoffnung und die Lust am Leben zurück. Während Linda versucht, Kevins harte Schale<br />

aufzubrechen, wird Huberts Zustand von Tag zu Tag schlechter.<br />

Von Caroline Wahl und Ewald Arenz in höchsten Tönen gelobt und u.a. mit 22 Bahnen verglichen, könnte<br />

man meinen, dass Petra Pellini hier die nächste große Coming-of-age-Achterbahnfahrt der Gefühle<br />

geschrieben hat. Doch Der Bademeister ohne Himmel schreibt seine eigene Geschichte. Ein wunderschönes<br />

Werk, das in Ruhe von den Zwischentönen unseres Lebens erzählt. Mal melancholisch, mal traurig, mal das<br />

Leben feiernd. Ein Roman, der zeigt, dass die kleinen Momente das Leben lebenswert machen.<br />

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Bröckelnde Fassaden und tiefe Abgründe<br />

Ich mag Geschichten, die spannend wie ein Krimi sind und gleichzeitig tiefgreifende Fragen zum<br />

menschlichen Miteinander aufwerfen. Der Honigmann ist ein packender Gegenwartsroman, der den<br />

Zerfall einer scheinbar idyllischen Vorstadtgemeinschaft meisterhaft in Szene setzt. Der Autor, Peter<br />

Huth, entführt uns in das fiktive Dorf Fischbach, in dem sich Familien ein Leben im Einklang mit Natur<br />

und Nachbarschaft aufgebaut haben. Die Ankunft eines Ladenbesitzers, der Honigmann, scheint die<br />

Idylle perfekt zu machen, bis ein dunkles Gerücht über seine Vergangenheit die Dorfgemeinschaft in<br />

Aufruhr versetzt. Huth zeichnet ein scharfes Bild der modernen Mittelschicht: Nach außen hin freundlich<br />

und hilfsbereit, aber in Wahrheit geprägt von Oberflächlichkeit, Konkurrenzdenken und Sensationslust.<br />

Das Gerücht um den Honigmann verbreitet sich rasend schnell, angefeuert durch soziale Medien und<br />

den Drang, moralische Überlegenheit zu demonstrieren. Besonders faszinierend ist die Dynamik<br />

zwischen den Figuren, deren Beziehungen und Fassaden durch das Gerücht Stück für Stück aufbrechen.<br />

Leser:innen erleben, wie eine Gemeinschaft, die auf Selbsttäuschung aufgebaut ist, unter dem Druck von<br />

Misstrauen und Angst auseinanderbricht. Der Honigmann ist ein eindringlicher Gesellschaftsroman, der<br />

sich durch seinen aktuellen Bezug und seine feine Beobachtungsgabe auszeichnet – eine Lektüre, die<br />

nicht nur unterhält, sondern auch nachdenklich macht. Für Fans von gesellschaftskritischen Romanen,<br />

die menschliche Abgründe ausleuchten, ist dieses Buch ein Muss.<br />

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Ich und die anderen<br />

Wer bin ich? Was will ich vom Leben und wie gehe ich mit<br />

Verlusten um? Diese zentralen Fragen stellt Coco Mellors in<br />

Blue Sisters. Erzählt wird die bewegende Geschichte von vier<br />

Schwestern, deren Leben nach dem Tod der drittjüngsten<br />

Schwester aus den Fugen gerät. Ein Jahr nach deren Unfalltod<br />

versammeln sie sich, um das Elternhaus vor dem Verkauf zu<br />

bewahren. Avery, die als erfolgreiche Anwältin in London lebt,<br />

kämpft mit einem Geheimnis, das ihre Ehe auf die Probe stellt.<br />

Bonnie, eine Profiboxerin, ist nach einer Niederlage nach Los<br />

Angeles geflohen und arbeitet als Türsteherin. Lucky, das<br />

rebellische Model, taumelt durchs Leben, während sie mit<br />

Drogenproblemen ringt. Blue Sisters ist mehr als nur die<br />

Geschichte von vier Schwestern, es ist ein intensives Buch<br />

über Identität, Verlust und Selbstfindung. Mellors schafft es,<br />

die widersprüchlichen Gefühle ihrer Figuren zu einem<br />

überwältigenden Bild zu verweben. Mit ihrer kraftvollen<br />

Sprache und tiefgründigen Figurenzeichnung hat die Autorin<br />

ein Werk geschaffen, das noch lange in Erinnerung bleibt.<br />

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Von einem, der auszog<br />

Es hat ja auch nur sieben Jahre gedauert. Aber endlich ist Meinrad Braun zurück, mit einem neuen<br />

Roman im Gepäck, der uns in einen wilden Westen entführt, der diesen Namen auch verdient.<br />

1820. Der junge Gregor Schoenheit wächst im Schwarzwald auf. Sein Vater lebt nicht mehr; er ist bei der<br />

Völkerschlacht bei Leipzig ums Leben gekommen. Gregors Mutter muss alleine für ihren Sohn sorgen<br />

und verdient ihr Geld damit, Schilder für Kuckucksuhren zu bemalen. Die Mechanik hinter den Türen<br />

dieser kleinen Häuschen fasziniert Gregor schnell und sein Lebenstraum ist schon sehr früh klar. Er will<br />

Uhrmacher werden. Doch der Weg dahin ist noch weit. Zunächst muss er seine Heimat fluchtartig<br />

verlassen, allein aus dem Grund, dass er Jude ist. Wie so viele zu dieser Zeit, beschließt er, sich ein neues<br />

Leben in der neuen Welt aufzubauen und besteigt ein Schiff Richtung Amerika. Dieses Land ist noch lange<br />

nicht vollständig erkundet und besiedelt und so wird Gregor in die unsanfte und bedrohliche<br />

Lebensrealität derer gestoßen, die versuchen, in diesem Land ihr Glück zu finden. Aber seine Faszination<br />

für Zahlen und Technik ist ihm oft eine Hilfe und so schafft er es immer wieder, sich ans Leben zu<br />

klammern und so dem unerbittlichen wilden Westen ein Schnippchen zu schlagen.<br />

Meinrad Braun schafft es auch mit Tausend Meilen weites Land einen Abenteuerroman zu schreiben,<br />

der sich sehr real anfühlt und mich durch die Seiten getrieben hat wie ein Cowboy seine Herde. Die<br />

Charaktere, denen Gregor begegnet, sind einzigartig skurril und trotz aller Widerstände hofft man, dass<br />

sich für ihn am Ende alles zum Guten wendet. Unbedingt lesen!<br />

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Über Schicksal, Vorbestimmung und Aufbegehren<br />

In Das andere Tal von Scott Alexander Howard treffen philosophische Reflexionen auf eine zutiefst<br />

bewegende Geschichte über Schicksal, Zeit und menschliche Entscheidungen. Der Roman spielt an<br />

einem Ort, in dem verschiedene Täler parallel zueinander existieren – jedes durch zwanzig Jahre<br />

voneinander getrennt. Der Zugang zu diesen Tälern wird streng kontrolliert von einer Behörde, die es<br />

den Menschen erlaubt, in benachbarte Täler zu reisen, jedoch nur als stille Beobachter ihrer<br />

Vergangenheit oder Zukunft. Jede Form der Einflussnahme wird mit schwerwiegenden Konsequenzen<br />

bestraft. Im Zentrum der Geschichte steht Odile, eine junge Frau, die sich mit ihrem Platz in dieser<br />

außergewöhnlichen Welt auseinandersetzt. Ihre Reise, die als unschuldige Teilnahme an einem<br />

Berufungsprogramm beginnt, entwickelt sich zu einem tiefgreifenden moralischen Dilemma: Welche<br />

Rolle spielt das Individuum in einem System, das Zeitreisen zulässt, aber jede Veränderung der<br />

Vergangenheit oder Zukunft unterbindet?<br />

Howard gelingt es meisterhaft, die Frage nach freiem Willen und Vorherbestimmung in eine packende<br />

Handlung zu verflechten. Odiles persönliche Entwicklung – von der hoffnungsvollen Jugendlichen zur<br />

desillusionierten Erwachsenen – wird durch Begegnungen mit Menschen aus anderen Tälern geprägt,<br />

die ihr Leben unwiderruflich verändern. Die Spannung baut sich subtil auf, und die Fragen, die der Roman<br />

aufwirft, wirken lange nach der letzten Seite nach. Ein packendes, nachdenklich stimmendes Debüt, das<br />

die Fragilität unserer Realität hinterfragt und dazu einlädt, die Grenzen von Zeit, Moral und Identität zu<br />

überdenken.<br />

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Zwischen Schweigen und Geheimnissen<br />

Una Mannion erzählt in Sag mir, was ich bin die beklemmende Geschichte zweier Frauen, deren Leben<br />

durch das Verschwinden von Deena, Nessas Schwester, für immer verändert wird. Nessa glaubt fest<br />

daran, dass Deenas Ex-Mann für ihr Verschwinden verantwortlich ist, doch es fehlt jeglicher Beweis.<br />

Währenddessen wächst Deenas Tochter Ruby in der Obhut ihres Vaters auf, der sie isoliert und ihre<br />

Vergangenheit verschleiert.<br />

Mannion erschafft in diesem Roman eine fesselnde Atmosphäre, die von der Macht familiärer Gewalt<br />

und emotionaler Kontrolle geprägt ist. Die Handlung bewegt sich zwischen verschiedenen Zeitebenen<br />

und erzählt von Rubys langsamer Erkenntnis, dass die Wahrheiten, die ihr aufgetischt wurden, nur Lügen<br />

sind. Besonders faszinierend ist, wie die Autorin Rubys Perspektive als junger Mensch beschreibt, der<br />

sich auf die Suche nach seiner eigenen Identität begibt – immer mit der schmerzhaften Frage: Was ist<br />

wirklich mit meiner Mutter passiert? Die Autorin verwebt dabei subtil Themen, wie häusliche Gewalt,<br />

toxische Beziehungen und das Erbe traumatischer Familiengeheimnisse zu einer mitreißenden<br />

Geschichte über Schuld, Verlust und die Suche nach der Wahrheit. Die langsame Annäherung der beiden<br />

Frauen aneinander und an die düsteren Geheimnisse, die ihr Leben bestimmen, macht das Buch zu<br />

einem packenden Roman, der lange nachwirkt.<br />

Für Leser:innen, die psychologisch tiefgründige Spannungsromane schätzen.<br />

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Das Leben ist hart in den Bergen …<br />

… die Menschen sind noch härter. Diese Erfahrung macht Theres bereits sehr früh in ihrer Kindheit. Als<br />

einzige Tochter eines Tiroler Großbauern ist ihr Werdegang schon vorbestimmt. Sie soll einen<br />

anständigen Mann heiraten, Kinder kriegen und den Hof nach den Vorstellungen ihres Vaters fortführen.<br />

Doch Theres fühlt sich eingeengt. Das Dorf, in dem sie lebt, die tiefe Gottesfurcht der Bewohner, selbst<br />

die Liebe ihres Freundes Leopold, die sie jedoch nicht erwidern möchte, all das fühlt sich nach dem Leben<br />

einer anderen Frau an. Sie möchte anders, möchte frei sein. Und als ein junger Mann namens Xaver im<br />

Dorf ankommt, scheint ihre Chance gekommen zu sein. Doch selbst dieses kleine Glück ist ihr nicht<br />

vergönnt und Xaver muss bald angesichts von Vorwürfen der Wilderei fluchtartig das Dorf verlassen. Nur<br />

eines lässt er da: ein Kind, das Theres nun unter ihrem Herzen trägt. Und mit diesem Kind verlässt sie das<br />

Dorf, wird zur Kräuterfrau, zur Schwarzgeherin hoch in den Bergen und nimmt sich die Freiheit, die ihr<br />

zusteht, auch wenn sie vom Rest des Dorfes fortan mit bösen Worten und Missbilligung bedacht wird.<br />

Dieses Buch ist eines meiner absoluten Highlights in diesem Jahr. Regina Denk webt mit ihren Worten<br />

eine Erzählung, die an Wucht und Intensität schwer zu überbieten ist. Der Tiroler Dialekt der Figuren<br />

trägt zur Authentizität bei und so verfolgt man mal atemlos, mal mit einem Lächeln das Schicksal von<br />

Theres und ihrer Tochter Maria. Die Schwarzgeherin ist eine packende Geschichte über das Unerlaubte,<br />

über Freiheit und eine Frau, die sich traut, nach ihr zu greifen.<br />

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Kraftvolles Debüt<br />

Auch in diesem Jahr gab es wieder einige interessante Autor:innen-Debüts, die zu überzeugen wussten.<br />

Eines davon ist Schlaglicht von Rita Bullwinkel. Das tolle an Debüts ist oftmals, dass sie sich noch nicht<br />

einer gewissen Formelhaftigkeit unterwerfen. Sie sind frei, wild und strotzen nur so vor Kraft und<br />

Energie. Diese Energie spürt man in Rita Bullwinkels erstem Roman bereits beim Blick auf das Buchcover,<br />

das Boxutensilien in ein Meer aus Neonfarben hüllt. Doch worum geht es?<br />

In Nevada steht ein alljährliches Boxturnier für die besten Boxerinnen der Juniorinnen an. Acht<br />

Kämpferinnen, zwischen 15 und 18 Jahren alt, bringen acht verschiedene Geschichten mit, die sie an<br />

diesen Punkt, in dieses Turnier, gebracht haben. Runde für Runde und Kampf für Kampf bekommen wir<br />

die Kämpfe nahezu in Echtzeit präsentiert, immer wieder unterbrochen von kleinen Einschüben zu den<br />

einzelnen Kämpferinnen, deren Hintergründe stets bewegend, immer individuell und nie langweilig sind.<br />

So simpel die Geschichte erscheinen mag, so kraftvoll und formal besonders bietet Bullwinkel ihr Debüt<br />

dar. Wie ein Wirbelsturm fegt man durch den zu Beginn aufgezeigten Turnierbaum, die einzelnen Kapitel,<br />

die Kämpfe und die Schlagabtausche und fühlt sich beim Verlassen des Boxrings am Ende ähnlich<br />

erschöpft wie die Heldinnen dieser Geschichte.<br />

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Fantasy mit Augenzwinkern<br />

Was wäre Fantasy ohne Drachen? Die geschuppten Scheusale sind spätestens seit dem Hobbit eine wahre<br />

Bereicherung für jede Abenteuergeschichte. Es gibt äußerst gerissene Drachen, besonders tumbe, kleine,<br />

gewaltige, zahme und mordsgefährliche Drachen. Gar nicht mal so leicht, sich für eine Art zu entscheiden,<br />

die in der eigenen Geschichte vorkommen soll. Das hat sich Peter S. Beagle offenbar auch gedacht, denn<br />

in seinem neuen Roman kommen alle möglichen Arten von Drachen vor. Und das ist auch gut so. Das<br />

Königreich Bellemontagne ist in Ekstase. Die junge Prinzessin Cerise hat sich entschieden, den Prinzen<br />

Reginald aus dem benachbarten Königreich zum Gemahl zu nehmen. Doch während man beinahe schon<br />

die Hochzeitsglocken läuten hört, steht dem Adel der Angstschweiß auf der Stirn. Denn das Schloss von<br />

Cerises Eltern hat ein großes Problem: es ist von oben bis unten mit Drachen bevölkert. Sowohl<br />

katzengroße als auch monströse Exemplare tummeln sich dort. Und bevor diesen Schädlingen kein<br />

Einhalt geboten wird, kann die geplante Hochzeit nicht stattfinden. Auch der Kronprinz Reginald kann<br />

der Ehe mit Cerise nicht ohne weiteres entgegenblicken, denn ihm wird gesagt, dass er vorher die ein<br />

oder andere Heldentat zu vollbringen hat. Da kommt ihm eine Drachenplage ganz recht und er schnappt<br />

sich kurzerhand den Drachenbekämpfer Robert, dessen Faszination für diese schuppigen Wesen ihm den<br />

Beruf oftmals nicht unbedingt erleichtert. Ich fürchte, Ihr habt Drachen ist ein unterhaltsames Loblied<br />

auf das vielleicht berühmteste Fantasiewesen der Welt und schafft es, die Balance zwischen Komik und<br />

geerdeter Fantasy zu halten. Reginald und Robert sind mir ebenso ans Herz gewachsen wie die Prinzessin<br />

Cerise und ich werde diesen Roman zu den anderen auf meinem Bücherhort legen.<br />

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Ferne Zeiten, fremde Welten<br />

Mindestens einmal im Jahr brauche ich eine Spur Eskapismus, die selten besser erreicht wird, als mit<br />

Büchern in fremde Welten und ferne Zeiten zu reisen. Dieses Jahr wurde Ann Liangs A Song to Drown<br />

Rivers zu meinem Zufluchtsort. Eine berührende Erzählung über Liebe, Verrat und den Krieg zweier<br />

Königreiche im China des Jahres 500 n.Chr.<br />

Das wunderschöne und aus einfachen Verhältnissen stammende Dorfmädchen Xishi wird von dem<br />

Berater des Königs, Fanli, für eine äußerst gefährliche Mission ausgewählt. Sie soll ausgebildet werden,<br />

den Herrscher des befeindeten Wu-Königreichs zu umgarnen und geheime Informationen für ihr<br />

Königreich zu gewinnen. Während ihrer mehrwöchigen Ausbildung durch Fanli, entwickeln sich langsam<br />

Gefühle zwischen den beiden, die jäh ausgebremst werden, als Xishi ihren Auftrag antreten muss. In Wu<br />

angekommen, merkt sie schnell, dass ihr Herrscher nicht das unbarmherzige Monster ist, für das ihn alle<br />

halten und die Grenzen zwischen Gut und Böse oft fluider sind, als man meinen mag.<br />

Eine klassische, aber extrem gute Tragödie hat Ann Liang hier geschaffen. Ein Werk, das sprachlich<br />

wunderschön ist und mit zunehmender Dauer an Spannung stetig gewinnt, während einige Wendungen<br />

eingebaut sind, die den Roman zu einem waschechten Pageturner werden lassen. Außerdem macht sich<br />

A Song to Drown Rivers mit seinem tollen Cover und dem gelungenen Farbschnitt extrem gut in jedem<br />

Bücherregal.<br />

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Das dramatische Schicksal der Keplerin<br />

Jeder weiß, dass deine Mutter eine Hexe ist erzählt die Geschichte eines der bekanntesten<br />

Hexenprozesse Deutschlands. Dabei blicken wir durch die Augen einer ganz besonderen Frau. In<br />

Deutschland steht der Dreißigjährige Krieg unmittelbar bevor. Doch das ist nicht die größte Sorge von<br />

Katharina Kepler, denn sie sieht sich mit einer Anschuldigung konfrontiert, die genauso lächerlich wie<br />

gefährlich ist. Sie, die Keplerin, soll eine Hexe sein und die Leute mit bösen Zaubern belegt haben. Was<br />

sie zuerst als Unfug abtut, entwickelt sich schnell zu einer bedrohlichen Situation, denn zu dieser Zeit<br />

braucht es nicht viel, um das Misstrauen und vor allem die Angst der Leute zu wecken und schnell ist sie<br />

in der Nachbarschaft verschrien und wird gemieden. Als Katharina sich endlich einen Rechtsbeistand<br />

sucht, ist der größte Schaden allerdings schon angerichtet und selbst der Protest ihres Sohnes, dem<br />

Hofastronomen Johannes Kepler, scheint keine Wirkung zu zeigen. Und so sieht Katharina sich einer<br />

Mauer aus Lügen, Neid und Missgunst gegenüber. Jeder weiß, dass deine Mutter eine Hexe ist, ist einer<br />

dieser Romane, die anfangs unscheinbar daherkommen, aber nach ein paar Seiten eine unheimliche<br />

Sogwirkung entwickeln. Rivka Galchen schafft es mit einer unaufgeregten Sprache, dieses Stück<br />

Zeitgeschichte zum Leben zu erwecken und so folgt man gebannt den Aussagen von Klägerinnen, Klägern<br />

und der beschuldigten Keplerin. Gerade in den Gesprächen mit ihrem Rechtsbeistand Simon erfährt man<br />

viel über diese eigenwillige und vor allem eigenständige Frau und ihr resolutes, aber gutherziges Wesen.<br />

Ich war erstaunt, wie leicht sich Parallelen zu unserer heutigen Gesellschaft ziehen lassen, in der es auch<br />

nicht viel benötigt, um vor allem Frauen vorschnell zu verurteilen.<br />

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Gefährten auf großer Mission<br />

Ich will nicht lügen. Die Entscheidung, mehr Young-Adult- und Fantasy-Titel zu lesen, kam nicht komplett<br />

aus freien Stücken. Doch auch wir müssen mit der Zeit gehen und so habe ich – ein wenig aus der Not<br />

geboren sowie der Lust, wieder mehr Fantasy zu lesen – in diesem Jahr den einen oder anderen Roman<br />

besagter Richtung gelesen. Mai Corland greift in Five Broken Blades nun auf vieles zurück, was für mich<br />

einen unterhaltsamen sowie rasanten Fantasy-Roman ausmacht und hat mich so regelrecht an die Seiten<br />

gefesselt wie die Figuren des Buches an ihren Auftrag.<br />

Die Menschen von Yusan leiden unter der ruchlosen Herrschaft von König Joon, der gemeinhin als<br />

Gottkönig gesehen wird und aufgrund seiner magischen Krone dem Tod abgeschworen hat. Um seiner<br />

Tyrannei ein Ende zu setzen, wird ein Komplott bis in die tiefsten politischen Ebenen ins Leben gerufen.<br />

Ausführen sollen den Plan der Meisterspion des Königs, eine Gift-Assassine, eine Diebin, ein<br />

Auftragsmörder, der Sohn eines Fürsten sowie der verbannte Bruder des Königs, der an seiner Statt auf<br />

den Thron steigen soll. Doch ist alles so, wie es scheint? Kann die Gruppe einander vertrauen? Und was<br />

wird aus den Gefühlen, die untereinander gehegt werden?<br />

Das Thema, dass Charaktere verschiedenster Richtungen zusammenkommen und an einem Strang<br />

ziehen müssen, liebe ich, seit sich neun Gefährten zum Schicksalsberg aufgemacht haben, um einen Ring<br />

zu zerstören. Und auch wenn Five Broken Blades diese Höhen nicht erreicht, ist es ein sehr gutes Werk,<br />

das mit vielschichtigen Figuren, einer rasanten Erzählweise, tollen Wendungen und, ja, auch Romantik<br />

zu überzeugen weiß.<br />

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Ein packender Weckruf<br />

Was braucht es eigentlich für einen faschistischen Staat? Und was, wenn man ins Visier eines solchen<br />

gerät? Genau damit sieht sich Eilish Stack konfrontiert, als eines Abends die Geheimpolizei Irlands an<br />

ihrer Tür klopft und sich nach ihrem Mann Larry erkundigt. Dieser neu gegründete Polizeiapparat hat<br />

offenbar ein Auge auf Gewerkschafter und andere organisierte Gruppierungen geworfen. Eilish schafft<br />

es, die Polizisten abzuwimmeln, lebt aber von nun an in Angst. Als einige Tage später Larry nicht mehr<br />

nach Hause kommt, gerät ihr Leben völlig aus den Fugen. Schnell wird klar, dass ihr Mann verhaftet<br />

wurde. Weswegen, und wie lange, wird ihr nicht mitgeteilt. Besuchen darf sie Larry auch nicht. Immer<br />

mehr Leute verschwinden und Eilish wird schnell klar, dass sie ihre vier Kinder um jeden Preis schützen<br />

muss. Doch vor allem Mark, ihr ältester Sohn, will sich mit dieser neuen Situation nicht abfinden,<br />

schleicht sich oft davon, redet kaum mehr mit ihr und beginnt, sich mit dem aufkeimenden Widerstand<br />

zu identifizieren. Eilish merkt, wie ihr die Situation immer mehr entgleitet, denn zwischen all der Angst<br />

um ihren Mann, der Sorge um ihre Kinder und der Pflege ihres dementen Vaters, bleibt ihr kaum mehr<br />

Luft zum Atmen. Aber sie muss stark bleiben; sie muss einfach.<br />

Das Lied des Propheten hält uns den Spiegel vor und stellt uns die Frage, wie wir uns in einem autoritären<br />

Regime verhalten würden. Paul Lynch lässt die Politik oder eher das Versagen derselben außer Acht und<br />

konzentriert sich auf die persönlichen Schicksale derer, die dieser neuen Situation ausgesetzt sind. Ein<br />

atemberaubender Roman, der noch lange nachhallt.<br />

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Trauer, Träume, Trailer … und Drogen<br />

Pulitzer Preis, Women`s Prize for Fiction und weitere Auszeichnungen. Die Vergangenheit hat uns gelehrt,<br />

dass das nicht automatisch heißt, dass es sich um unterhaltsame oder auch gute Literatur handelt.<br />

Barbara Kingsolver liefert mit Demon Copperhead jedoch ein Erlebnis, das jede Auszeichnung wert ist.<br />

Unter widrigsten Umständen geboren, lernt Damon Fields, von allen aufgrund seines Aussehens nur<br />

Demon Copperhead genannt, früh, dass das Leben brutal sein kann. Während sein Vater tot ist, seine<br />

Mutter mit ihrer Drogensucht zu kämpfen hat und ihr neuer Freund Demon durchgehend schikaniert,<br />

um aus ihm einen Mann zu machen, hat er einzig die Nachbarsfamilie, die ihm Halt gibt. Doch durch<br />

seine positiv-naive Art trotzt Demon jedem noch so harten Schicksalsschlag und behält sich auf seiner<br />

Odyssee des Erwachsenwerdens, die von Drogen, Missgunst und verlorener Liebe geprägt ist, stets ein<br />

Lächeln.<br />

Man kommt nicht umher, Demon Copperhead als Meisterwerk zu bezeichnen. Die Geschichte um Demon<br />

ist trotz seiner enormen Länge von über 800 Seiten ein Pageturner sondergleichen, in dem es der<br />

titelgebenden Hauptfigur als Erzählstimme stets gelingt, selbst aus den bedrückendsten Situationen<br />

Hoffnung zu schöpfen. Barbara Kingsolver hat mit Demon Copperhead ein wahrhaftiges Epos geschaffen,<br />

das irgendwo zwischen großem Gesellschaftsroman und individueller Coming-of-Age-Story anzusiedeln<br />

ist. Ein grandioses Buch.<br />

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Roaring Twenties<br />

The Diviners – Aller Anfang ist böse von Libba Bray entführt die<br />

Leser in das schillernde New York der 20er Jahre, wo Glanz und<br />

Glamour auf eine düstere Welt des Okkulten treffen. Evie, eine<br />

junge Frau mit einer rebellischen Ader, wird nach einem Skandal,<br />

aus der Provinz zu ihrem Onkel in die Großstadt verbannt – was<br />

für sie jedoch alles andere als eine Strafe ist. Schnell verfällt<br />

sie der Faszination der pulsierenden Metropole, doch New York<br />

wird von einer unheimlichen Mordserie überschattet.<br />

Bray verwebt geschickt historische Details mit übersinnlichen<br />

Elementen: Der bedrohliche NaughtyJohn und seine grausamen<br />

Taten lassen einen erschaudern, während sich die Diviners -<br />

Menschen mit besonderen Fähigkeiten - der Gefahr stellen<br />

müssen. Die Spannung wird durch die dichte Atmosphäre<br />

verstärkt, die sowohl die Glitzerwelt der Clubs als auch die<br />

dunklen Ecken der Stadt einfängt. Die Geschichte ist voller<br />

überraschender Wendungen, faszinierender Charaktere und<br />

einer Prise schwarzen Humors. Ein idealer Schmöker für alle,<br />

die sich gerne von dunklen Geheimnissen in eine andere Zeit<br />

entführen lassen.<br />

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1000 Mal berührt....<br />

Robert verliebt sich als Schüler sofort in die 15jährige Friederike, die er Frie (free) nennt. Für Frie ist er<br />

immer der allerbeste Freund, auch nach 10 und 20 Jahren, oder ist da noch etwas anderes? Immer<br />

wieder treffen die beiden aufeinander in unterschiedlichen Lebens-Situationen, mal ist sie und mal er<br />

anderweitig verbandelt, aber immer ist da etwas zwischen ihnen, in der Warte-Position. Immer wieder<br />

ist es der falsche Zeitpunkt...Julia Karnick spannt in Man sieht sich einen Bogen über 35 Jahre, das<br />

Lebens-Gefühl der späten 80er und 90er Jahre mit WGs und der passenden Play-List ist wunderbar<br />

eingefangen. Ein echtes Wohlfühl-Buch, das man gerne liest.<br />

In Not in Love von Ali Hazelwood treffen die Leser:innen auf Rue, die sich in der Welt der Wissenschaft<br />

bewegt. Ihre vermeintlich geordnete Welt gerät ins Wanken, als sie erfährt, dass ihr One-Night-Stand Eli<br />

tatsächlich ein wichtiger Akteur in einem finanziellen Übernahmeversuch des Labors ist, in dem sie<br />

arbeitet. Was zunächst wie eine typische Enemies-to-Lovers-Geschichte beginnt, entwickelt sich schnell<br />

zu einem tiefgründigen Roman über Vertrauen, Identität und persönliche Veränderung. Mit Leichtigkeit<br />

und einer Prise Humor kombiniert Hazelwood romantische Spannungen mit ernsteren Themen, wie<br />

beruflichen Herausforderungen und der Suche nach dem eigenen Weg.<br />

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Zwischen Muttersein und Selbstfindung<br />

Ava, 43 Jahre alt, verheiratet und Mutter von drei Kindern, steckt in einem festgefahrenen Alltag, der<br />

von Care-Arbeit und Haushaltsaufgaben geprägt ist. Ihr Mann macht Karriere, während sie sich selbst<br />

und ihre Bedürfnisse immer mehr verliert. Als sie auf den jungen Schwimmlehrer Kieran trifft, verändert<br />

sich ihr Leben radikal. Zum ersten Mal seit Jahren fühlt Ava sich wieder als Frau wahrgenommen und<br />

beginnt eine leidenschaftliche Affäre, die sie an den Rand einer existenziellen Entscheidung bringt: Soll<br />

sie das fragile Konstrukt ihrer Familie für ihre eigene Sehnsucht nach Freiheit und Selbstverwirklichung<br />

riskieren?<br />

Vera Zischke zeigt in ihrem Debütroman Ava liebt noch die Zerrissenheit einer Frau, die zwischen<br />

gesellschaftlichen Erwartungen und ihrem tiefen Bedürfnis nach Selbstbestimmung hin- und hergerissen<br />

ist. In klarer, authentischer Sprache schafft sie es, Avas innere Kämpfe greifbar zu machen und ihre Leser<br />

emotional mitzureißen.<br />

Dieser Roman ist nicht nur ein bewegendes Porträt einer Frau auf der Suche nach sich selbst, sondern<br />

auch ein scharfsinniger Blick auf die oft unausgesprochenen Herausforderungen von Mutterschaft und<br />

Partnerschaft. Ein Buch für alle, die sich fragen, was es bedeutet, als Frau mehr zu wollen als nur die<br />

Erfüllung in der Familie.<br />

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Liebe, Leben und alles, was dazu gehört<br />

Klassisch, aber nicht minder lesenswert kommt mit Okaye Tage von Jenny Mustard dieses Debüt daher,<br />

das mich mit seinen Themen umgehend für sich gewinnen konnte. Es geht um Liebe, Heimat, den<br />

richtigen Weg finden und Zufriedenheit. Vor allem geht es um die ganz normalen Probleme zweier<br />

Menschen in den Zwanzigern, die nicht ohne einander können. Sam, 28, ist für ein Praktikum von<br />

Stockholm nach London gereist und verbringt dort den Sommer bei ihrer Cousine. Seit ihrem ersten<br />

Besuch vor zehn Jahren, hat Sam sich in die Stadt verliebt und sucht nach Möglichkeiten in London<br />

sesshaft zu werden. Luc, 27, ist nach dem Studium noch auf der Suche nach seinem Weg und schlägt sich<br />

so gut es geht durch. Beide fühlen sich unter Druck gesetzt von den Möglichkeiten, die ihnen<br />

offenstehen. Als die zwei sich auf einer Party über den Weg laufen, ist es um sie geschehen und sie<br />

können nicht mehr voneinander ablassen. Die Tage kommen und gehen. Sam und Luc leben im Moment<br />

und machen sich über die Zukunft wenig Gedanken, doch der Tag von Sams Abreise rückt immer näher<br />

und das Leben geht weiter - Inklusive aller Fragen, die zum tatsächlichen Erwachsenwerden<br />

dazugehören. Womit möchte ich in Zukunft mein Geld verdienen? Was mache ich mit all den<br />

Möglichkeiten, die mir zur Verfügung stehen? Wo fühle ich mich zuhause? Möchte ich eine Familie<br />

gründen? Sam und Luc stellen sich all diese Fragen und stehen damit stellvertretend für all die Personen,<br />

die von der Zukunft und den zu treffenden Entscheidungen überwältigt sind. Trotz all dieser Themen<br />

besitzt Okaye Tage jedoch stets eine gewisse Leichtigkeit, die sich in der wunderschönen<br />

Liebesgeschichte unserer Protagonist:innen wiederspiegelt.<br />

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Tee mit der Queen?<br />

Kate Bulloch, aus der Arbeiterklasse stammend und bekennende Gegnerin der Monarchie, lässt sich von<br />

einer Freundin überreden, an einer Führung durch Windsor Castle teilzunehmen. Widerwillig begleitet<br />

sie die Besuchergruppe, bis ein dringendes Bedürfnis sie dazu bringt, sich durch eine unscheinbare<br />

Tapetentür davonzustehlen. Unvermittelt landet sie so im wahrsten Sinne des Wortes hinter den<br />

Kulissen. Hinter den luxuriösen, königlichen Räumen existiert noch eine andere Welt, in der die<br />

Dienstboten ihren ganz gewöhnlichen Aufgaben nachgehen. Hier begegnet sie Betty, einer freundlichen<br />

älteren Dame, die sie spontan zu einer Tasse Tee einlädt. Aus der einen Tasse Tee werden zwei<br />

gemeinsame Tage, gefüllt mit tiefgründigen und teilweise kontroversen Gesprächen sowie einigen<br />

kleinen Abenteuern. Trotz ihrer unterschiedlichen Hintergründe eröffnen sich die beiden Frauen<br />

gegenseitig neue Perspektiven und Denkweisen und schließen schließlich Freundschaft. Einige von<br />

Bettys Sprüchen könnten gut als Lebensweisheiten durchgehen.<br />

In Tee auf Windsor Castle lässt Claire Parker zwei völlig verschiedene Welten aufeinandertreffen –<br />

charmant, humorvoll und mit einer Prise typisch britischen Feingeists. Ein unterhaltsames und zugleich<br />

feinsinniges Lesevergnügen.<br />

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Eine Reise durch zwei Epochen voller Hoffnung und Herzschmerz<br />

Charlotte Indens Roman Im Warten sind wir wundervoll entführt die Leser:innen in eine bewegende<br />

Geschichte, die auf zwei Zeitebenen spielt und das Leben zweier Frauen, Großmutter und Enkelin,<br />

miteinander verwebt.<br />

Im Zentrum steht Luise Adler, eine sogenannte "War Bride", die 1948 von Deutschland nach New York<br />

reist, um ihren Verlobten, den amerikanischen GI Jo, zu heiraten. Doch er erscheint nicht, und Luise<br />

bleibt allein am Flughafen zurück – eine Situation, die sie bald zur Berühmtheit in den New Yorker<br />

Zeitungen macht. Ihre Enkelin Elfie begibt sich Jahrzehnte später auf eine ähnliche Reise, getrieben von<br />

der Sehnsucht nach Liebe und inspiriert vom Schicksal ihrer Großmutter.<br />

Indens Roman besticht durch seinen feinsinnigen Schreibstil und die authentische Darstellung der<br />

Nachkriegszeit, in der sich Luises Geschichte abspielt. Besonders die historischen Passagen berühren, da<br />

sie das harte Leben in Deutschland nach dem Krieg und die Unsicherheiten der Zeit schildern. Der<br />

parallele Handlungsstrang um Elfie bringt eine moderne Note in die Erzählung. Doch gerade die<br />

Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart macht den Roman besonders, indem er zeigt, wie<br />

Liebe Generationen überdauern kann.<br />

Wer sich für berührende Familiengeschichten und historische Romane interessiert, die auch das Thema<br />

der War Brides aufgreifen, wird Im Warten sind wir wundervoll als faszinierende und bewegende Lektüre<br />

erleben.<br />

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Mörderjagd mit viel Humor<br />

Andreas Winkelmann kennt man bisher eher als erfolgreichen Thriller-Autor. Mit Mord im Himmelreich<br />

beweist er, dass er auch Cosy-Crime kann.<br />

Der ehemalige Schauspieler Björn Kopernikus hat es sich in seinem Ruhestand auf dem Campingplatz<br />

Himmelreich gemütlich gemacht. Dieser liegt ganz idyllisch direkt am Ufer des Templiner Sees. Eines<br />

Morgens, noch vor seinem ersten Kaffee, muss er einen Hund retten, der auf einem Paddleboard auf<br />

dem See treibt. Er zieht das Board samt Hund an Land und muss feststellen, dass unter dem Board eine<br />

Leiche verschnürt ist. Die Polizei geht von einem Unfall aus, Kopernikus nicht, folgerichtig fängt er selbst<br />

zu ermitteln an, schließlich wollte er immer schon einen Tatort-Kommissar spielen. Unterstützt wird er<br />

dabei von Annabelle, einer ortsansässigen Künstlerin und natürlich dem geretteten Hund. Dabei decken<br />

sie mehr als nur einen Mord auf.<br />

Mord im Himmelreich ist der Auftakt zu einer neuen Reihe rund um den etwas brummigen aber<br />

humorvollen Björn Kopernikus und die lebenslustige Annabelle. Gemeinsam sind sie der Polizei immer<br />

einen klugen Gedanken voraus. Fazit: Andreas Winkelmann kann auch ohne Blut spannend unterhalten.<br />

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Wo ist die Leiche?<br />

Wann geschieht es endlich? Wann verschwindet die<br />

Person, die laut Klappentext spurlos verschwinden soll?<br />

Ja, das lässt erstaunlich lange auf sich warten und zieht<br />

sich über viele Seiten hin. Doch gleichzeitig schafft es<br />

Josephine Tey, ihre Charaktere mit so viel feinem<br />

Humor und warmherziger Ironie zu zeichnen, dass man<br />

die Wartezeit gern in Kauf nimmt, bis der Krimi wirklich<br />

Fahrt aufnimmt. Allerdings erwartet uns hier kein<br />

klassischer Whodunnit – doch mehr soll an dieser Stelle<br />

nicht verraten werden, um das überraschende Ende<br />

nicht vorwegzunehmen.<br />

Wie ein Hauch im Wind ist ein friedlicher und<br />

hinterlistiger Kriminalroman. Es macht einfach Spass, in<br />

das britische Landleben der 40er Jahre einzutauchen<br />

und Ermittler Alan Grant bei der Lösung dieses Falles zu<br />

begleiten.<br />

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Das Leben im Kleinen und Großen<br />

Während ich in den letzten Jahren an dieser Stelle oft von Romanen über das Erwachsenwerden oder<br />

über die Fragen meiner Generation geschrieben habe, ist ein Thema, das mich seit jeher fasziniert, leider<br />

etwas untergegangen. Es geht um kleine, persönliche Geschichten aus bestimmten Mikrokosmen. Eine<br />

solche erzählt Jose Henrique Bortoluci in Was von meinem Vater bleibt über einen Mann, der fünfzig<br />

Jahre in Brasilien Lkw gefahren ist, wenig hatte, viel erlebt hat und seinem Sohn noch mehr hinterlassen<br />

hat.<br />

Didi Bortoluci war nie ein Mann der großen Worte. Selbst als sein Sohn Jose es lange aus den ärmlicheren<br />

Verhältnissen der brasilianischen Mittelschicht herausgeschafft hat, ist das Leben seines Vaters für ihn<br />

ein leeres Blatt. Als sein Vater die Diagnose Krebs erhält, beschließt Jose ihn zu fragen, wie das Leben<br />

eines brasilianischen Lkw-Fahrers in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausgesehen hat. Und dieser<br />

erzählt. Nüchtern, distanziert, naiv, nostalgisch. Über absurde Gefahren, alte Freunde, politische<br />

Umschwünge und die Liebe zur Familie.<br />

Was von meinem Vater bleibt ist meine Überraschung des Jahres. Ganz ruhig und entspannt berichtet<br />

Jose Bortoluci vom Leben seines Vaters, der mit seinen Erzählungen fast beiläufig einen Teil der<br />

politischen und gesellschaftlichen Entwicklung Brasiliens skizziert. Eine melancholische Wucht voller<br />

Liebe und Respekt für den einfachen Mann und seinen Mikrokosmos.<br />

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Bewegte Zeiten<br />

Seit jeher habe ich eine große Faszination für die deutsche Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts,<br />

die rauschhaften 20er Jahre mit all ihren großen Persönlichkeiten und den politischen sowie<br />

gesellschaftlichen Wandel der 30er Jahre. Mit seiner Chronik Man lebt sein Leben nur einmal über die<br />

Liebesaffäre zwischen Erich Maria Remarque und Marlene Dietrich entführt uns Autor Thomas Hüetlin<br />

zurück in diese Zeit und lässt uns Teil werden von Aufstieg und Krise zweier deutscher Größen sowie eines<br />

ganzen Landes.<br />

Es beginnt im Jahre 1937, als die beiden bei den Filmfestspielen von Venedig das erste Mal<br />

aufeinandertreffen und sich nahezu sofort blendend verstehen und zueinander hingezogen fühlen. Thomas<br />

Hüetlin erzählt in unchronologischer Reihenfolge von der kurzen aber intensiven Beziehung, den jeweiligen<br />

Werdegängen und dem politischen Umschwung des gesamten Landes.<br />

Wer gerne über diese Zeit oder die jeweiligen Personen liest oder beispielsweise die Werke eines Florian<br />

Illies verschlingt, der sollte um Man lebt sein Leben nur einmal keinen Bogen machen. Hüetlin versteht es<br />

perfekt die einzelnen Abschnitte zu ordnen und nie Langeweile aufkommen zu lassen, während man<br />

Remarque und Dietrich bei ihrer wilden Liebelei, den Avancen des NS-Regimes sowie den Krisen folgt.<br />

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Action hinter den Seiten<br />

Wie spannend kann das Leben von Schriftstellern wirklich sein? 111 Action-Szenen der Weltliteratur<br />

zeigt bekannte Menschen der Literatur von einer ganz anderen Seite. Herausgegeben von Mara Delius<br />

und Marc Reichwein, führt dieses Buch hinter die Kulissen literarischer Meisterwerke und präsentiert<br />

überraschende, abenteuerliche und manchmal absurde Geschichten über ihre Schöpfer. Das Buch<br />

nimmt uns mit auf eine Reise durch die Zeit und zeigt uns die großen Schriftsteller inmitten von Action-<br />

Szenen, die spannender nicht sein könnten: Da kämpft Miguel de Cervantes in der berühmten<br />

Seeschlacht von Lepanto, Fjodor Dostojewski entgeht nur knapp der Hinrichtung, und die Schwestern<br />

Brontë sehen sich mit einem vermeintlich bevorstehenden Weltuntergang konfrontiert. Ganz egal, ob<br />

Marcel Proust sich duelliert, Agatha Christie spurlos verschwindet oder Ernest Hemingway mit dem<br />

Flugzeug abstürzt: Jede dieser Szenen wird lebendig erzählt und eröffnet einen faszinierenden Blick auf<br />

die Persönlichkeiten, die die Literaturgeschichte geprägt haben. Die kurzen, prägnanten Texte sind ideal<br />

zum Schmökern und Entdecken – und bieten nebenbei noch jede Menge Gesprächsstoff für den<br />

nächsten Smalltalk. Unterstützt werden die Erzählungen durch eindrucksvolle Illustrationen von Paul<br />

Fretter, die das Gelesene visuell untermalen und den Texten noch mehr Leben einhauchen. 111 Action-<br />

Szenen der Weltliteratur ist nicht nur für Literaturbegeisterte ein echtes Highlight, sondern auch für alle,<br />

die gern Geschichten abseits der Schulklassiker entdecken wollen. Es beweist, dass das Leben der großen<br />

Literaten oft ebenso aufregend war wie ihre Werke – und dass man beim Lesen einer Biografie manchmal<br />

mehr Action finden kann als in so manchem Roman. Ein Buch zum Staunen, Lachen und Nachdenken –<br />

und perfekt für alle, die sich von der Lebendigkeit der Literaturgeschichte mitreißen lassen wollen.<br />

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Lust auf eine Zeitreise?<br />

Deutsche Dinge – Eine Geschichte in 75 Objekten blickt anlässlich des 75-jährigen Bestehens der<br />

Bundesrepublik auf die deutsche Geschichte zurück – erzählt durch 75 Alltagsgegenstände aus Ost und<br />

West. Für jedes Jahr hat Andreas Matlé ein Objekt ausgewählt, das den jeweiligen Zeitgeist mal mehr,<br />

mal weniger treffend widerspiegelt. Von Henkelmann, Hula-Hoop-Reifen und den einst beliebten<br />

Brokatbezügen für Wählscheibentelefone, über Prilblume, Trabant und Billy-Regal, bis hin zu Selfiestick<br />

und Corona-Maske – Matlé schafft es, mit seinen pointierten Beobachtungen ein kulturgeschichtliches<br />

Panorama beider deutscher Staaten zu zeichnen. Doch es geht um mehr: Anhand von Geschichten rund<br />

um den Toast Hawaii, den gelben Sack oder den Weber-Grill spürt er einem gesamtdeutschen<br />

Lebensgefühl nach.<br />

Dieses Buch ist der ideale Begleiter für alle, die die Geschichte der Bundesrepublik auf unterhaltsame<br />

Weise entdecken wollen. Man taucht mit einer Leichtigkeit in die deutsche Geschichte ein, es weckt<br />

Kindheitserinnerungen und macht einfach nur Spaß. Der Vielfalt sind hier wirklich keine Grenzen gesetzt,<br />

sodass jedem etliche Dinge aus der eigenen Vergangenheit begegnen, an die man sich gern<br />

zurückerinnert.<br />

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Von Kopf bis Fuß<br />

In Aua! Die Geschichte meines Körpers beleuchtet Axel Hacke in 15 pointierten Kapiteln die Geheimnisse<br />

und Spuren, die das Leben an seinem Körper hinterlassen hat. Mit gewohntem Humor und einer guten<br />

Portion Selbstironie führt Hacke seine Leserinnen und Leser von der Haut über das Gehirn bis zu den<br />

Füßen, und lässt sie teilhaben an den Narben, Schmerzen und gelegentlichen Triumphen des Alterns.<br />

Hacke versteht es, biografische Anekdoten mit philosophischen Gedanken zu verknüpfen und dabei<br />

universelle Fragen aufzuwerfen: Haben wir einen Körper oder sind wir ein Körper? Was sagt uns unser<br />

Körper über das Leben?<br />

Sein Stil ist geprägt von Leichtigkeit und Witz, ohne dabei den tieferen Ernst der Themen aus den Augen<br />

zu verlieren. Hacke zeigt, dass der Körper nicht nur als physische Hülle betrachtet werden kann, sondern<br />

als das Medium, durch das wir die Welt erleben. Er hinterfragt die gesellschaftliche Fixierung auf<br />

Körperoptimierung und lenkt den Blick auf die Unvollkommenheit, die uns alle verbindet. Besonders<br />

lesenswert ist das Buch, weil es nicht nur humorvolle Anekdoten bietet, sondern auch die kleinen Tabus<br />

anspricht, die oft im Zusammenhang mit dem Körper stehen. Ob Verdauungsprobleme, Tinnitus oder<br />

der Verlust von Haaren – Hacke spricht offen und humorvoll darüber und schafft es dabei, die Leserinnen<br />

und Leser gleichzeitig zum Lachen und Nachdenken zu bringen.<br />

Wer eine unterhaltsame und zugleich tiefgründige Auseinandersetzung mit den Höhen und Tiefen des<br />

menschlichen Körpers sucht, wird in Aua! ein wunderbares Buch finden, das sowohl Leichtigkeit als auch<br />

Reflexion bietet<br />

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Zwischen Nostalgie und Krise<br />

Niclas Seydacks Geile Zeit wirft einen intensiven Blick auf die Jugend<br />

der Millennials, einer Generation, die zwischen Unbeschwertheit<br />

und Krisen aufgewachsen ist. Seydack nimmt die Leser mit auf<br />

eine Reise durch die 90er und frühen 2000er Jahre, eine Zeit,<br />

die geprägt war von Serien, Talkshows, und dem Aufstieg der<br />

digitalen Welt. Mit einem lockeren und humorvollen Ton<br />

beschreibt er die jugendliche Leichtigkeit und den Optimismus<br />

dieser Jahre, ohne dabei die Schattenseiten der Zeit – wie<br />

Terroranschläge und Krisen – zu verschweigen.<br />

Das Buch überzeugt durch eine Mischung aus Selbstironie und<br />

Melancholie, die oft für Schmunzler sorgt, aber auch zum<br />

Nachdenken anregt. Seydack schafft es, sowohl die angenehmen als<br />

auch die dunklen Momente dieser Ära authentisch<br />

einzufangen, was das Lesen zu einem nostalgischen Erlebnis<br />

macht. Für alle, die diese Zeit miterlebt haben oder die Geschichte<br />

dieser Ära verstehen wollen, ist Geile Zeit eine lesenswerte<br />

Hommage an eine komplexe Zeit, die nostalgische Erinnerungen<br />

weckt und gleichzeitig die Herausforderungen einer Generation<br />

beleuchtet, die mit großen Erwartungen aufwuchs.<br />

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Der gefährliche Traum vom ewigen Leben<br />

Auf dem Weg zurück in sein Büro stößt der Privatdetektiv Lee Crowe in den frühen Morgenstunden auf<br />

die noch temperierte Leiche einer jungen Frau. Ihr Körper liegt auf einem Luxuswagen, dessen Dach er<br />

komplett eingedrückt hat. Amerikas fünftreichste Frau ist die Mutter der Toten und glaubt nicht an die<br />

polizeiliche Selbstmordtheorie. Sie engagiert Crowe, um die Wahrheit über den Tod ihrer Tochter<br />

herauszufinden. Crowe ist ein cleverer, hartgesottener Typ, der, wenn nötig, austeilen, aber auch<br />

einstecken kann und seine Vorgehensweisen schrammen in der Regel an der Legalität vorbei. Er ist<br />

unbestechlich und hartnäckig und kommt mit seinen Ermittlungen der Wahrheit unaufhörlich näher,<br />

aber je weiter er vordringt, desto stärker weht der Gegenwind.<br />

Es geht um Wissenschaft, Gentechnik, Reproduktionsmedizin, das große Geld und Allmachtsphantasien.<br />

Bis in alle Endlichkeit von James Kestrel ist ein Genremix aus Hardboiled und Noir und setzt den<br />

Unsterblichkeitstraum der Menschheit äußerst spannend und sehr unterhaltsam in Szene.<br />

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Intelligente Spannung<br />

Im vergangenen Jahr habe ich bereits von Der Botaniker des britischen Autors M.W. Craven geschwärmt<br />

und nun liegt mit Der Zögling endlich der Auftakt zur Washington-Poe-Reihe vor. Von Anfang an gelingt<br />

es hier dem Autor, eine düstere, faszinierende Atmosphäre zu schaffen, die in der rauen Landschaft von<br />

Cumbria, England spielt. Der suspendierte Ermittler Washington Poe wird unfreiwillig in die Jagd nach<br />

einem Serienmörder hineingezogen, als sein eigener Name auf der Brust eines der Opfer eingebrannt<br />

gefunden wird. Was dieses Buch besonders macht, sind die außergewöhnlichen Charaktere. Washington<br />

Poe, ein eigenwilliger, hartnäckiger Ermittler, und Tilly Bradshaw, eine brillante, aber sozial ungeschickte<br />

Datenanalystin, bilden ein ungleiches Duo, das schnell ans Herz wächst. Tillys Entwicklung unter Poes<br />

Schutz ist rührend und verleiht der Geschichte eine menschliche Note, die über die typische Thriller-<br />

Handlung hinausgeht. Die Handlung selbst ist rasant, mit brutalen Morden und einem intelligenten,<br />

spannungsgeladenen Plot, der die Leser:innen bis zur letzten Seite in Atem hält. Die Dynamik zwischen<br />

den Charakteren, kombiniert mit unerwarteten Wendungen und einem grausamen, aber faszinierenden<br />

Mörder, macht Der Zögling zu einem Muss für Fans von Spannungsliteratur. Ein weiterer Pluspunkt sind<br />

die messerscharfen und oft von einem trockenen, britischen Humor durchzogenen Dialoge, die das<br />

düstere Thema immer wieder auflockern. Für Leser:innen, die intelligente und atmosphärisch dichte<br />

Kriminalromane schätzen, ist dieses Buch eine ausgezeichnete Wahl.<br />

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Atmosphärische Spannung aus Japan<br />

Es ist wieder Zeit für eine meiner seltenen Krimi-Empfehlungen. Seishi Yokomizo beweist erneut, dass man<br />

auch ohne eimerweise Blut und exzessive Gewalt einen spannenden Krimi schreiben kann.<br />

Das Leben des jungen Tatsuya wird auf den Kopf gestellt, als er von einem gewaltigen Erbe erfährt, das er<br />

anzutreten hat. Ursprünglich kommt er aus einer Gemeinde, die im Volksmund den Namen Das Dorf der<br />

acht Gräber trägt. Grund für diese makabre Bezeichnung ist eine Mordserie, die sich vor Jahrhunderten in<br />

einer einzigen Nacht zutrug und der acht Samurai zum Opfer fielen. Von Anfang an beschleicht Tatsuya das<br />

Gefühl, dass mehr hinter der ganzen Angelegenheit steckt. Nicht nur, dass wie aus dem Nichts eine<br />

beträchtliche Geldsumme auf ihn wartet, zudem erfährt er nun von einem komplett neuen Zweig seiner<br />

Familie. Doch mit der Hilfe seiner Schwägerin Miyako beschließt er, in das Dorf der acht Gräber zu reisen<br />

und sich seinem Erbe zu stellen. Dort angekommen, schlägt Tatsuya eine Welle von Misstrauen entgegen,<br />

und nur mühsam erfährt er mehr über seine Familie und eine weitere Mordserie vor einigen Jahren,<br />

begangen vom wahnsinnigen Familienoberhaupt Yozo. Bevor Tatsuya sich jedoch um die Angelegenheit<br />

des Erbes kümmern kann, sterben erneut Leute, offenbar vergiftet und das anfängliche Misstrauen gegen<br />

ihn schlägt in Wut um. Verzweifelt bittet er den etwas schrulligen Kosuke Kindaichi um Hilfe, während die<br />

Schlinge um Tatsuyas Hals sich immer mehr zuzieht.<br />

In Das Dorf der acht Gräber zeigt Yokomizo erneut, was seine Krimis so besonders macht. Die bedrohliche<br />

Atmosphäre kann sich durch das eher gemächliche Tempo immer mehr verdichten und mündet in einem<br />

packenden Finale.<br />

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Erbarmungsloser Racheengel<br />

Yoko von Bernhard Aichner ist ein fesselnder Thriller des österreichischen Autors, von dem mir noch die<br />

Blum-Trilogie in guter Erinnerung ist. Aichner hat offensichtlich große Freude an Rache-Thrillern und<br />

liefert auch hier wieder Lesestoff vom Feinsten. Er erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die sich in<br />

eine gefährliche Situation begibt und schließlich erbarmungslos rächt.<br />

Yoko, die Protagonistin, erbt die Metzgerei ihres Vaters und verwandelt sie in eine kleine Glückskeks-<br />

Manufaktur. Ihre Mutter verstarb sehr jung und Yoko wurde von ihrem Vater alleine erzogen. Früh<br />

brachte er ihr das Metzgerei-Handwerk bei und Yoko half schon als junges Mädchen im Betrieb. Heute<br />

scheint ihr Leben erfüllt und glücklich, bis sie eines Tages Zeugin wird, wie zwei Männer einen kleinen<br />

Hund misshandeln. Als sie versucht, dem Hund zu helfen, wird sie von den Tätern brutal angegriffen und<br />

entführt. Dieses traumatische Erlebnis weckt in ihr einen tiefen Hass und den Wunsch nach Rache. Yoko<br />

nutzt ihre Kenntnisse aus der Metzgerei, um sich an ihren Peinigern zu rächen. Zwischen Rachegedanken<br />

und traumatischen Erinnerungsfetzen aus der Vergangenheit lernen wir eine unbarmherzige Frau<br />

kennen, die alle Register zieht, um ihren inneren Frieden zu finden.<br />

Bernhard Aichner ist bekannt für seine schonungslose Erzählweise und punktet mit einer intensiven<br />

Darstellung von Yokos innerem Kampf und ihrer Verwandlung von einem Opfer zur Täterin. Die Motive<br />

Liebe, Verlust und Vergeltung durchziehen das Buch wie ein fesselnder roter Faden und verleihen ihm<br />

eine emotionale Tiefe, die den gewöhnlichen Nervenkitzel weit übertrifft.<br />

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Viele Bücher in einem<br />

Dass ich nicht der größte Liebhaber von Krimis bin, ist vielleicht bekannt. Es sei denn, sie haben mehr zu<br />

bieten als reine Spannung und Nervenkitzel. Wenn sie viel mehr Kriminalroman als einfacher Krimi sind<br />

und neben dem Fall an sich mit weiteren interessanten Ausführungen zu überzeugen wissen. Leonardo<br />

Paduras neuer Roman Anständige Leute bietet genau das. Hier treffen Spannung und charismatische<br />

Figuren auf Politik und Historie.<br />

Havanna im Ausnahmezustand. Nicht nur Obama, auch die Rolling Stones sind in der Stadt. Mario Conde<br />

aber wird ein unliebsamer Fall übertragen – Ein verhasster Kunst-Zensor wurde ermordet. Gleichzeitig<br />

vertieft sich Conde in einen legendären Rotlichtmord von 1909. In einem Havanna zwischen Rausch und<br />

Verzweiflung entfaltet sich ein Kriminalfall von historischem Ausmaß.<br />

Spannung, Gesellschaftsroman und Geschichtsstunde vor der malerischen Kulisse Kubas vereint<br />

Leonardo Padura in einem Werk, das gleichermaßen für Krimifans und solche, die es eher etwas ruhiger<br />

mögen, geeignet ist. Die charismatischen Figuren und gut geschriebenen Dialoge geben ihr Übriges. Eine<br />

große Leseempfehlung.<br />

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Die Schatten der Vergangenheit<br />

Im Mai 1949 steht Kriminalinspektor Carl Bruns vor einem heiklen Fall: Der Richter Dr. Vahrendonk<br />

wurde vergiftet. Carl ermittelt unter Hochdruck, doch für einige Kollegen des Richters gräbt er zu tief in<br />

der Vergangenheit. Immer wieder wird er ausgebremst. Der ermordete Richter hat viele Feinde – sowohl<br />

unter den Hinterbliebenen der Opfer seiner Todesurteile zu NS-Zeiten als auch in seinem aktuellen<br />

Umfeld. Die Zeit drängt, denn Carl steht kurz vor seiner Hochzeit mit Anne. Da taucht unerwartet ein<br />

ehemaliger Kamerad von Annes totgeglaubtem Ehemann Heinz auf und behauptet, Heinz sei noch am<br />

Leben. Diese Nachricht wirft die gemeinsame Zukunft von Anne und Carl völlig durcheinander. Auch<br />

Annes Schwestern Frieda und Lotti stehen vor Herausforderungen, die sie jedoch gemeinsam meistern<br />

wollen. Alle hoffen auf ruhigere Zeiten.<br />

Mit Alte Taten, neuer Zorn, dem zweiten Teil ihrer Nachkriegskrimi-Serie aus dem Ruhrgebiet, liefert Eva<br />

Völler wieder einen packenden Roman ab. Sie thematisiert dabei die umstrittenen Karrieren vieler<br />

Richter und Staatsanwälte, die nach dem Krieg unverändert im Staatsdienst blieben. Völler beschreibt<br />

die Schicksale ihrer Figuren mit viel Empathie, sodass man als Leser tief in diese Zeit eintauchen kann.<br />

Bis zur letzten Seite bleibt die Lösung des Falls ein Rätsel – genau das, was einen gelungenen,<br />

realistischen Krimi ausmacht: spannend und zugleich menschlich.<br />

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Selten waren Ethik und Philosophie so spannend<br />

Eins vorweg: Es steht zwar Thriller auf dem Cover dieses Buches, aber wer hier eine actionreiche<br />

Handlung und einen Cliffhanger nach dem anderen erwartet, wird keine Freude an Die Abschaffung des<br />

Todes haben. Wer allerdings auch Spannung daraus ziehen kann, wenn er mit den zentralen Fragen um<br />

das, was den Menschen zum Menschen macht, konfrontiert wird, wird an diesem neuen Buch von<br />

Andreas Eschbach seine Freude haben. Ich mag fast alle seine Bücher und dieses neue Werk ist mit<br />

Sicherheit anders als viele seiner Vorgänger, aber genau deswegen ist es für mich so empfehlenswert.<br />

Im Mittelpunkt steht der Journalist James Windower, der die dunklen Geheimnisse eines<br />

milliardenschweren Projekts aus dem Silicon Valley aufdeckt, das den Tod überwinden will. Seine<br />

Nachforschungen führen ihn auf eine gefährliche Flucht quer durch Europa. Eschbach vereint in diesem<br />

Werk fesselnde Spannungs-Elemente mit tiefgründigen ethischen und philosophischen Überlegungen über<br />

die menschliche Seele und die Grenzen der Wissenschaft. Andreas Eschbach ist der Meister der Was-wärewenn-Romane<br />

und mit diesem Roman zeigt er einmal mehr, was ihn auszeichnet. Er wirft Fragen auf, deren<br />

Beantwortung jeder nach dem Lesen selber finden muss, füttert den Geist mit neuen Gedanken und<br />

verknüpft so Wissenschaft mit ganz Alltäglichem.<br />

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Im Bann der Musik<br />

Ich habe einfach…Gefühle, könnte man wohl sagen. Dieser Satz fasst das neueste Meisterwerk von John<br />

Wray ziemlich gut zusammen und ich bin sehr froh, es gelesen zu haben.<br />

Kip Norvald ist ein Teenager, der in Venice, Florida bei seiner Großmutter aufwächst. Dieser Ort, an dem<br />

die Zeit zäh wie Sirup an ihm vorbeizieht, beraubt ihn jeglicher Energie. Zumindest, bis er Leslie trifft, der<br />

ihm etwas zeigt, das fortan sein Leben bestimmen wird: Metal. Kip ist fasziniert und wird in den Bann<br />

dieser unangepassten, schnellen und harten Musik gezogen. Und so, wie sich der Metal in den folgenden<br />

Jahren verändern wird, wird auch Kip ein anderer werden, wird das träge Venice verlassen, das sich<br />

anscheinend von Unschuld und Hoffnung nährt, wird versuchen, im turbulenten L.A. Fuß zu fassen, wird<br />

verzweifeln, triumphieren und durch mehrere Höllen gehen, bis er in den Wäldern Norwegens seinem<br />

Schicksal entgegen treten wird. Die einzige Konstante ist seine Liebe zu Kira, einem Mädchen, das ihn,<br />

ebenso wie der Metal, gebannt hat. Eben jene Liebe wird ihn mehr als einmal auf die Probe stellen.<br />

Unter Wölfen ist ein Roman, der es meisterlich versteht, das selbstzerstörerische, leidenschaftliche und<br />

intensive Wesen des Erwachsenwerdens darzustellen und es mit dem kathartischen Chaos des Metal in<br />

Einklang zu bringen. Ein kompromissloses, echtes Buch.<br />

Falls Sie das Buch mit der dazu passenden Musik lesen wollen, hat Philipp Buir hier<br />

eine kleine Playlist für Sie zusammengestellt. Einfach den QR-Code scannen und<br />

los geht’s.<br />

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Thriller-Tipps von der Expertin<br />

Vermisst - Der Fall Anna ist der erste Band einer neuen Cold-Case-Krimireihe von Christine Brand. Die<br />

Geschichte dreht sich um die Schweizer Ermittlerin Malou Löwenberg, die mit den Dämonen ihrer<br />

Vergangenheit kämpft. Als sie Dario über Tinder kennenlernt, ist sie fasziniert von seiner Geschichte:<br />

Darios Mutter verschwand spurlos an seinem fünften Geburtstag. Trotz aller Widrigkeiten glaubt Dario<br />

fest daran, dass seine Mutter noch lebt. Denn er erhält jedes Jahr zu seinem Geburtstag eine Karte mit<br />

dem Satz: Mama hat dich lieb. Während ihrer Ermittlungen stößt Malou auf weitere ungelöste Fälle und<br />

deckt dabei schockierende Geheimnisse auf. Die Geschichte ist packend und mitreißend, und sie zeigt<br />

die unkonventionellen Methoden einer klugen und ehrgeizigen Ermittlerin.<br />

Auch mit Wenn sie lügt von Linus Geschke werden Thrillerfans ihre wahre Freude haben. Die 17jährige<br />

Norah verliebt sich in den vier Jahre älteren David. Doch die Beziehung zerbricht schnell, den David umgibt<br />

etwas Gefährliches. Bald darauf tötet David ein junges Liebespaar auf einem Parkplatz, verschwindet auf<br />

der Flucht und wird für tot erklärt. Norah ist von nun an nur noch die Freundin des Killers. 20 Jahre später<br />

erhält Norah Drohbriefe, die so scheinen als wären sie von David. Ist er wirklich schon seit vielen Jahren<br />

tot? Goran, Norahs Jugendfreund, kehrt daraufhin in die Heimat zurück, die er damals überstürzt verlies<br />

und die beiden versuchen herauszufinden, wer hinter den Drohungen steckt. Ein gefährliches Katz- und<br />

Maus Spiel beginnt und die beiden versuchen alle Puzzleteile zusammenzusetzen und die Wahrheit ans<br />

Licht zu bringen. Feinster Thriller Stoff für alle die den Nervenkitzel lieben!<br />

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Und noch einer:<br />

Nachtfahrt, das Debüt von Annika Strauß, hat es<br />

wirklich in sich. Der fesselnde Thriller handelt von<br />

Katharina, die nach dem Tod ihres Vaters in ihre<br />

Heimat zurückkehrt, um sich um den Nachlass zu<br />

kümmern. Dort wird sie von ihrer eigenen<br />

Vergangenheit eingeholt. Währenddessen wird<br />

ihre Nichte entführt und Katharina begibt sich auf<br />

eine schier ausweglose Odyssee, um diese zu<br />

retten. Zudem muss sie herausfinden, worin ihre<br />

Familie verstrickt ist.<br />

Dieser Thriller ist rasant, brutal und mit<br />

unglaublichen Wendungen gespickt. Sie werden<br />

dieses Buch nicht aus der Hand legen können.<br />

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Manga-Empfehlungen des Jahres<br />

Mangas sind nach wie vor ein großes Thema und so beliebt wie noch nie. Um zumindest einen kleinen<br />

Überblick über die vielen Neuerscheinungen des Jahres zu geben, habe ich vier Empfehlungen aus<br />

unterschiedlichen Richtungen hier zusammengefasst.<br />

Mit Yuzu – die kleine Tierärztin ist bei Carlsen dieses Jahr ein Titel erschienen, der speziell für die ganz<br />

kleinen Einsteiger:innen bestens geeignet ist. Wir folgen der 11-Jährigen Yuzu, die bei ihrem Onkel in<br />

einer Tierarztpraxis aushilft, während sie ihre ersten Erfahrungen mit den verschiedenen Zyklen des<br />

Lebens macht. Bisher sind drei Bände erschienen.<br />

Manga Cult hat mit YuYu Hakusho einem Actionklassiker aus der Tradition von Naruto, Dragon Ball und<br />

Co. zu einem Revival verholfen. Der Manga überzeugt mit tollen Charakteren, schönen altmodischen<br />

Zeichnungen sowie gutem Humor und ist für alle ab 12 geeignet.<br />

Planetes von Makoto Yukimura, dem Autor von u.a. Vinland Saga hat es dieses Jahr ebenfalls endlich zu<br />

uns geschafft. Die wunderbar bebilderte Geschichte eines jungen Mannes, der Astronaut werden<br />

möchte, überzeugt mit einer ruhigen Erzählweise und zutiefst menschlichen Themen. Der dritte und<br />

letzte Band der schön gestalteten Edition erscheint im November bei Carlsen.<br />

Egmont hat es geschafft, einen absoluten Klassiker zurück nach Deutschland zu holen. Takehiko Inoues<br />

Vagabond über den legendären Samurai Musashi Miyamoto gilt als einer der besten Manga aller Zeiten<br />

und besticht mit Tiefe, grandioser Action und den vielleicht besten Zeichnungen des Genres. Der erste<br />

Band der aufwendig gestalteten Edition erscheint im November.<br />

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Raatsch… klack klack klack klack … Ping!<br />

Carsten Henn hat in den vergangenen Jahren bewiesen, dass er Romane schreiben kann, die berühren und<br />

bewegen. Nun hat er sein erstes Jugendbuch geschrieben und auch hier gelingt es ihm, eine schöne und<br />

bezaubernde Geschichte zu erzählen, die auch etwas älteren Menschen eine fantastische kleine Reise ermöglicht.<br />

Die Goldene Schreibmaschine versprüht Magie und Wärme und ist eine wahrhaft wunderbare Lektüre.<br />

Als Emily eines Tages erneut Opfer der Stimmungsschwankungen ihres grausamen Lehrers Dr.Dresskau und den<br />

Papierattacken ihrer Mitschüler:innen wird, kann sie einmal mehr auf ihre guten Freunde Frederik und Charly<br />

sowie die Gedanken an die alte Bibliothek ihrer Großmutter zählen. Die Nachmittage in jener Bibliothek sind<br />

Emilys größte Freude, bis sie mitbekommt wie ausgerechnet Dr. Dresskau an ihrem Lieblingsort erscheint.<br />

Während sie ihn bei der Suche nach etwas beobachtet, bemerkt das junge Mädchen ein kurzes Leuchten, das sie<br />

kurze Zeit später in einen geheimen Raum zu einer goldenen Schreibmaschine führt, die magische Kräfte zu<br />

besitzen scheint.<br />

Viel schöner kann ein fantasievolles Abenteuer für junge Leute nicht geschrieben werden. Temporeich,<br />

träumerisch und leicht verständlich, schafft es Carsten Henn die Kraft der Wörter und der Fantasie zu beschreiben.<br />

Ein schönes Buch für alle Kinder ab 10, das perfekt in die kälter werdende Jahreszeit passt und durchaus auch<br />

erwachsene Kinder in eine andere Welt entführen kann. Zauberhaft wie Die unendliche Geschichte.<br />

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„Die Neue“ empfiehlt:<br />

Gabi Küsgen, erfahrene und gestandene Buchhändlerin, bereichert<br />

unser Team seit Kurzem und hat direkt ein paar Empfehlungen für<br />

junge Bücherwürmer mitgebracht.<br />

Ada und die Künstliche Blödheit - Ein Roboter auf der Flucht<br />

Ada hat lange gespart, um sich bei der K.I.E.F. eine eigene<br />

Lernfroindin bestellen zu können, eine kluge Androidin, die alle<br />

Fragen beantworten könnte und<br />

eine verlässliche Freundin sein<br />

würde. Was stattdessen ins Haus gestürmt kommt, ist ein männlicher<br />

Androide, der nichts Besonderes kann, tollpatschig ist, falsche Antworten<br />

gibt und sich als erstes mit Adas nervigem Opa verbrüdert. Definitiv keine<br />

künstliche Intelligenz, sondern eine künstliche Blödheit. Obendrein wird<br />

der Roboter von der Organisation wegen angeblicher Herstellungsmängel<br />

gesucht und verfolgt...<br />

Ein wirklich lustiger Kinderroman von Franziska Gehm über die<br />

Möglichkeiten und Grenzen der K.I., Wunderbar illustriert von Stefanie<br />

Jeschke. Ab 10 Jahren. (S.Fischer, 14,90 €)<br />

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Marie Bot – Ein Kindermädchen zum Aufladen<br />

Nachdem mehrere Kindermädchen davongelaufen sind, organisieren die<br />

Eltern für Karla und Finn bei einer Agentur ein Roboter-Kindermädchen.<br />

Finn ist begeistert, Karla ablehnend, die Eltern erleichtert, dass sie ihren<br />

Berufen wieder nachgehen können, die Kinder versorgt sind und abends<br />

sogar gekocht ist. Aber es mangelt Marie Bot an Empathie und so geschieht<br />

einiges, was einer menschlichen Betreuung nicht passiert wäre...<br />

Sehr witzige Familien-Geschichte, die die Grenzen der künstlichen<br />

Intelligenz sehr schön darstellt! Erfunden von Liza Szabo, illustriert von<br />

Wilm Lindenblatt. Ab 9 Jahren (dtv, 13,- €)<br />

Tonis Tag | Und was machen eigentlich die anderen die ganze Zeit?<br />

Toni ist jeden Morgen voller Tatendrang, er wird um kurz<br />

vor acht Uhr in die Kita gebracht. Aber was machen die<br />

anderen? Als Comics gezeichnet ist in jeder Stunde des<br />

Tages zu sehen, was die Eltern im Beruf, die große<br />

Schwester in der Schule oder Baby Elias mit der Oma<br />

erleben. Das Ganze ist von Lilli L´Arronge lustig und fröhlich<br />

gezeichnet und mit liebevollen kurzen Kommentaren<br />

versehen. Ein Hochgenuss für die ganze Familie und Kinder<br />

ab 3 Jahren! (Klett Kinderbuch, 14,- €)<br />

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Ein Klassiker in Großformat<br />

Der Kinderbuch-Klassiker von Sven Nordqvist in<br />

Großer Neuauflage. Gute Geschichten sind zeitlos<br />

und werden von einer Generation zur nächsten<br />

weitergegeben. Und oft sind gute Geschichten<br />

diejenigen, denen wir als Kinder bereits gerne<br />

gelauscht haben. Für uns und für viele andere sind<br />

das die Geschichten vom alten Pettersson und<br />

seinem neugierigen Kater Findus. Die Abenteuer,<br />

die die beiden auf ihrem Hof zwischen all den<br />

Mucklas und verrückten Hühnern erleben, haben<br />

mich schon als Kind begeistert und haben bis<br />

heute nichts von ihrem Zauber verloren. Umso<br />

schöner, dass es jetzt Wie Findus zu Pettersson<br />

kam als XXL Pappbilderbuch gibt, damit den<br />

neugierigen Kinderaugen auch ja keine Muckla<br />

abhandenkommt. Diese Geschichte ist der Anfang<br />

einer wunderbaren Freundschaft, und wir<br />

möchten sie Ihnen wärmstens ans Herz legen.<br />

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