Franziskaner Mission 1-2012

st.michael.waldbroel.de

Franziskaner Mission 1-2012

1 2012

Leben teilen

Bruderschaft in Mission – Selbstverständnis und Auftrag franziskanischer Mission

Leben helfen – Missionszentrale der Franziskaner

Post aus São Luís – Unsere Schüler sind Euch dankbar

Armut unter Palmen – Franziskanische Erfahrungen einer Brasilien-Reise

Brüder in Mission


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Franziskaner Mission 1 | 2012 — Leben teilen – Brüder in Mission

Inhalt

Editorial

von Br. Augustinus Diekmann ofm

Bruderschaft in Mission

Selbstverständnis und Auftrag franziskanischer Mission

von Stefan Federbusch ofm

Die Armut von der Erde fegen

Franziskaner Mission in Dortmund

von Claudia Schmitz

Von wegen nur Verwaltung!

Franziskaner-Missions-Verein in Bayern e.V.

von Cornelius Bohl ofm

Eintreten für die Verwundbaren

Franciscans International

von Markus Heinze ofm

Leben helfen

Missionszentrale der Franziskaner

von Claudius Groß ofm

Reinhold Brumberger ofm und seine Mission

Bolivienmissionar mit vielfältigen Aufgaben

von Reinhold Brumberger ofm

Klaus Finkam ofm und seine Mission

Als Bruder auf der Suche nach Heil und Heilung

von Klaus Finkam ofm

Personalia

Am 26. Februar 2012 verstarb nach

kurzer schwerer Krankheit der Provinzialminister

der Deutschen Franziskaner,

Norbert Plogmann ofm. Als erster

gesamtdeutscher Provinzial hat Norbert

Plogmann die Deutschen Franziskaner

mit großer Besonnenheit und Kompetenz

in ein neues Zeitalter geführt.

Der Arbeit der Franziskaner Mission

galt sein besonderes Interesse, was sich

auch an den Reisen zeigt, die er gemeinsam

mit Bruder Augustinus Diekmann

nach Brasilien unternommen hat.

Wir werden Bruder Norbert stets

in dankbarer Erinnerung halten und

vertrauen ihn nun ganz der Fürsorge

Gottes an.

(siehe auch www.franziskaner.de)

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Mittelseite

Ivica Perić ofm und seine Mission

Missionar mit Herz in Ostafrika

von Ivica Perić ofm

Richard Dzierzenga ofm und seine Mission

»Mit Händen helfen« in Togo

von Richard Dzierzenga ofm

Post aus São Luís

Unsere Schüler sind Euch dankbar

ein Brief von Vinia Maria Fonseca Araujo, Maria José da Rocha Pereira,

Josenira de Jesus Linhares

FLAME

Franziskanische Lebensförderung durch Stärkung der Armen

von Michael Anand ofm

Armut unter Palmen

Franziskanische Erfahrungen einer Brasilien-Reise

von Markus Fuhrmann ofm

Kurznachrichten

Projekt

Impressum

Aus der bolivianischen Franziskanerprovinz

kam Martin Sappl ofm auf

seinen verdienten Heimaturlaub nach

München. Er war von 2005 bis 2011

Provinzial der Franziskanerprovinz

San Antonio in Bolivien. Keine einfache

Aufgabe, denn Bolivien gehört zu den

ärmsten Ländern Lateinamerikas. Martin

Sappl, geboren 1953 in Bad Tölz, wirkt

seit 1981 als Missionar in Bolivien und

ist ganz und gar Franziskaner. Seit

seiner Rückkehr ist er nun Pfarrer in

der Pfarrei El Hospicio in Cochabamba.

Dort arbeitet er zusammen mit Michael

»Miguel« Brems ofm aus Regensburg,

der übrigens 1984 der erste Provinzial

der bolivianischen Franziskanerprovinz

war.

Der Franziskaner Ignacio Harding

nahm in Cochabamba den Menschenrechtspreis

der Erzdiözese für die Arbeit

der »Cochabamba Permanent Human

Rights Assembly (APDH)« entgegen.

Ignacio Harding empfing den Preis

stellvertretend für alle Aktive der Organisation

aus den Händen von Erzbischof

Capellari. Mit dem Preis wird die APDH

einerseits für ihr Engagement für die

Menschenrechte geehrt. Andererseits

wird die Unterstützung der Menschen

in Bolivien ausgezeichnet, die sich selbst

für ihre eigenen Rechte starkmachen.

Bruder Ignacio gehört zu den

Begründern von Franciscans International,

als deren Koordinator er derzeit in

Bolivien arbeitet.

Editorial

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

liebe Freunde der Franziskaner Mission,

von wegen nur Verwaltung! So ist

einer der Beiträge dieser ersten Ausgabe

im neuen Jahr überschrieben.

Es soll um das Selbstverständnis von

franziskanischer Mission gehen. So

stellen wir die Einrichtungen und

deren Arbeit vor, die in Deutschland

das franziskanische Missionsengagement

lebendig halten – eben nicht

nur durch Verwaltung, sondern vor

allem im direkten Kontakt mit den

großen Unterstützerkreisen und

vielen Partnergruppen.

Das vorliegende Heft ist eine

Antwort auf viele Anfragen: Warum

gibt es neben der Franziskaner

Mission die Missionszentrale der

Franziskaner in Bonn? Warum gibt

es über die Franziskaner Mission

hinaus noch einen Franziskaner-

Missions-Verein in Bayern? Welche

Rolle spielt die franziskanische

Nichtregierungsorganisation

Franciscans International? All diese

Einrichtungen, die sich hier vorstellen,

sind geschichtlich gewachsen,

arbeiten eng zusammen und stimmen

ihre Arbeit untereinander ab.

Außerdem ist es uns wichtig,

die andere Seite der Medaille in

den Mittelpunkt zu rücken. Deshalb

ist der Haupttitel dieser Ausgabe

Leben teilen – Brüder in Mission. Es

geht vor allem um die Franziskaner,

die sich in vielen Ländern mutig an

der Seite der Armen engagieren.

Sie sind für die franziskanischen

Missionseinrichtungen in Deutschland

unverzichtbar. Deshalb haben

wir diesen Brüdern vor Ort auch

als Herzstück den größten Teil des

Heftes gewidmet. Vier Franziskaner

aus Bolivien, Brasilien, Ruanda und

Togo stellen ihr Missionsverständnis

und ihre konkrete Arbeit vor.

Franziskaner Mission

Franziskanerstraße 1, 44143 Dortmund

Telefon 02 31/17 63 37 5

Fax 02 31/17 63 37 70

info@franziskanermission.de

www.FranziskanerMission.de

Leben teilen – Brüder in MissionFranziskaner Mission 1 | 2012

Darüber hinaus zeugt die Collage

auf der Mittelseite von der Vielfalt

eines Lebens unter den Menschen,

mit denen die Brüder an einer

gerechten Welt für alle bauen und

so wirkliche Fülle erfahren dürfen.

Eine sehr traurige Nachricht

erreichte uns kurz vor Redaktions

schluss: Der viel zu frühe

Tod des langjährigen Provinzialministers

Bruder Norbert

Plogmann ofm hat auch die Mitarbeiterinnen

und Mit arbeiter

der franziskanischen Missionseinrichtungen

in Deutschland

zutiefst getroffen. Bruder

Norbert war ein Franziskaner

mit Mission. Er hat das Leben

mit uns und den Menschen am

Rande geteilt. Dabei hat er

über den deutschen Tellerrand

hinausgeschaut und sehr aufmerksam

und sensibel das Leben

der Verarmten und Unterdrückten

in aller Welt beobachtet. Er

war den Brüdern in der Mission

immer ein verständnisvoller Zu­

hörer und aktiver Unterstützer.

Durch seine Reisen, seine kreativen

Entscheidungen, seine

lebendige Kommunikation, sein

Mutmachen und seine Klarheit

hat Bruder Norbert neue Brücken

in die Weltkirche hineingebaut

und immer gute Antworten

auf die Zeichen unserer Zeit

gegeben. Er war kein Chef und

Verwaltungsmensch, sondern

vor allem als Bruder nahe bei

den Brüdern und den Menschen,

die uns allen am Herzen liegen.

Er wird uns mit seinem Rat und

seinem Engagement fehlen. Wir

werden unserem verstorbenen

Spenden erbitten wir, unter Angabe des

Verwendungszwecks, auf das Konto 5100,

Volksbank Hellweg eG (BLZ 414 601 16) oder

Konto 34, Sparkasse Werl (BLZ 414 517 50).

Dieser Ausgabe liegt eine Zahlkarte bei.

Bruder Norbert Plogmann (re.) mit dem ersten brasilianischen

Provinzial Frei João Muniz (Mitte) und Bruder Augustinus

Diekmann (li.) bei der Provinzversammlung im Januar 2007

in Bacabal.

Bruder Norbert in der nächsten

Ausgabe einen besonderen

Artikel widmen, vor allem mit

Beiträgen unserer Missionare.

Liebe Unterstützerinnen und

Unterstützer, ich möchte Sie um

Ihr Gebet für unseren verstorbenen

Bruder Norbert bitten. Und

ich danke Ihnen von Herzen für

Ihre treue Verbundenheit mit der

franziskanischen Missionsarbeit.

Ihr

Br. Augustinus Diekmann ofm

Leiter der Franziskaner Mission

Titel: Anton Schauerte, seit Ende

1974 in Nordostbrasilien (Maranhão

und Piauí) tätig, begleitet die jährliche

große Franziskus-Prozession am Fest

des Heiligen durch die Straßen der

Pfarrei São Francisco das Chagas in

Bacabal.

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Franziskaner Mission 1 | 2012 — Leben teilen – Brüder in Mission

Bruderschaft in Mission

Selbstverständnis und Auftrag franziskanischer Mission

Der Franziskanerorden versteht sich als

»Bruderschaft in Mission«, das heißt

als Gemeinschaft von Brüdern, die das

Evangelium leben und bezeugen. Vorbild

dafür ist der Gründer, der heilige

Franziskus, der das Evangelium für

sich als Quelle und Auftrag entdeckte.

»In den Fußspuren Christi« zu gehen,

wurde für ihn zum Maßstab und zur

Richtschnur seines Lebens. Franziskus

hatte ein Gespür dafür, dass »die Welt

Gottes so voll ist«. Davon zeugt das

kürzeste franziskanische Gebet: »Deus

meus et omnia« (»Mein Gott und alle

Dinge«). Franziskus erkannte Gott in

allen Dingen und hinter allen Dingen.

Durch und mit allen Geschöpfen preist

er Gott im Sonnengesang.

Wachstum beginnt im Kleinen

Gemäß dem Auftrag Jesu

(Mt 28,19-20) und im Geist

von Franziskus versuchen wir

Brüder zu bezeugen, dass die

neue Welt Gottes, dass das

Reich Gottes mitten in dieser

Welt unter den Menschen ist.

Die neue Welt Gottes zeigt sich

bei den Menschen, die Jesus

in der Berg predigt (Mt 5,1-12)

seligpreist. Sie wird gemäß

der Gerichtsrede (Mt 25,31 ff.)

überall da verwirklicht, wo wir

im Antlitz des Anderen Christus

erkennen und ihn als Bruder

und Schwester achten. Sie hat

die Dynamik des Wachstums,

das im Kleinen beginnt (Mt 13).

Gottes neue Welt verspricht ein

»Leben in Fülle« (Joh 10,10) im

umfassenden Sinn. Daher ist sie

nicht gleichgültig gegenüber

den Lebensverhältnissen der

Menschen. »Das Reich Gottes

ist nicht indifferent gegenüber

den Welthandelspreisen!«,

brachte es bereits die Würzburger

Synode (1971 bis 1975)

in ihrem Beschluss »Unsere Hoffnung«

auf den Punkt. Denn diese

bestimmen heute in den Zeiten

von Finanz- und Wirtschaftskrisen

mehr denn je mit, in welchen

Verhältnissen insbesondere die

Armen leben müssen.

An Gottes Welt mitbauen

Mission verstanden als Evangelisierung

beinhaltet daher stets

auch den Einsatz für Gerechtigkeit,

Frieden und Bewahrung

der Schöpfung. Evangelisierung

bedeutet, mit den Menschen

über die Werte der Frohen

Botschaft Jesu ins Gespräch zu

kommen, mit ihnen die Spuren

des Reiches Gottes in ihrem

Alltag zu entdecken und sie zu

ermutigen, an Gottes neuer

Welt mitzubauen. Evangelisierung

bedeutet, in der jeweiligen

Kultur die bereits vorhandenen

Werte zu erschließen gemäß der

Erkenntnis, dass Gott stets vor

dem Missionar da war. Evangelisierung

bedeutet, den Dialog mit

Menschen anderer Religionen zu

führen und in je eigener Weise

nach der »Fülle des Lebens« zu

streben. Für Franziskus geschieht

»Mission« in großem Respekt vor

der religiösen Einstellung und

Lebensweise des Anderen. Die

Brüder sollen allen – auch den

Andersgläubigen – »untertan«

sein, das heißt ihnen in Ehrfurcht

dienen. Hier unterscheidet sich

Franziskus deutlich von der allzu

häufig praktizierten gewaltsamen

Missionierung der Kirche. Erste

Priorität hat für ihn das Zeugnis

des Lebens unter den Menschen.

Das Vorbild des eigenen Lebens

aus dem Evangelium ist wertvoller

und wichtiger als die

Verkündigung. Das Zeugnis des

Wortes hat erst dann zu erfolgen,

wenn es der Situation angemessen

ist. Das zu erspüren ist

die große Herausforderung für

jeden Missionar.

Begegnung auf Augenhöhe

In den letzten Jahren wurde

immer deutlicher, dass Mission

keine Einbahnstraße ist, sondern

ein gemeinsames Voneinander-

Lernen. Das bedeutet, miteinander

in Beziehung zu treten

und mich auf das zunächst

Leben teilen – Brüder in MissionFranziskaner Mission 1 | 2012

Fremde beziehungsweise auf den

Fremden einzulassen. Auch Gott

begegnet uns im Fremden und

als Fremder! Eine missionarische

Spiritualität als Begegnung und

Dialog beinhaltet ein gemeinsames

Suchen. Hier liegt die

große Chance unserer weltweiten

Franziskanischen Familie,

innerhalb unserer globalisierten

Welt den dialogischen Austausch

zu pflegen und Impulse

für unser christliches Leben im

»Missionsland Deutschland« zu

bekommen. Mission im franziskanischen

Verständnis ist daher

stets Begegnung auf Augenhöhe,

vonein ander Lernen, gegenseitige

Bereicherung, miteinander

Gestalten, um zu dem beizutragen,

was das Zweite Vatikanische

Konzil als zentrale Aufgabe der

Kirche definiert hat: die Rettung

der menschlichen Person im

Sinne einer integralen Befreiung

des Menschen (AG 6) und den

rechten Aufbau der Gesellschaft

(GS 3).

Dreifaches Zeugnis

»Bruderschaft in Mission« heißt

somit ein Dreifaches: Priorität

hat das Zeugnis des Lebens, das

Leben in brüderlicher Gemeinschaft

unter den Menschen

gemäß dem Evangelium. Darauf

folgt das Zeugnis des Wortes,

die Verkündigung der Frohen

Botschaft Jesu von Gottes neuer

Welt. Das Zeugnis des Wortes

beweist seine Wahrheit und Wirkung

im gleichzeitigen Zeugnis

des Werkes. Ein »Leben in Fülle«

im jesuanischen Sinn ist keine

Vertröstung auf das Jenseits, sondern

eine erfahrbare Wirklichkeit

im Hier und Heute. Eine »Option

für die Armen« bedingt sowohl

die prophetische Anprangerung

ungerechter Strukturen wie die

Schaffung gerechterer Verhältnisse.

»Franziskaner-Mission«

bedeutet daher Projektarbeit,

die Menschen vor Ort unter-

Die Franziskanermissionare Robert Eckerstorfer (li.)

und Ignacio Harding sind Brückenbauer in Bolivien.

stützt und beispielsweise durch

Gesundheitsvorsorge, Bildung

oder Versöhnungsarbeit menschenwürdigere

Verhältnisse zu

schaffen. »Franziskaner-Mission«

schafft die Verbindung zwischen

Projektträgern und Missionaren in

den Ländern des Südens mit den

Projektunterstützern und Partnergruppen

in Deutschland. Ebenso

wichtig ist uns die Bewusstseinsarbeit

dafür, dass jeder Christ,

jede Christin den Auftrag hat,

als Missionar und Missionarin im

eigenen Umfeld zu wirken und

die Werte des Evangeliums in

dieser Welt mit den Menschen

von heute zu verwirklichen, um

eine Welt zu schaffen, die »Leben

in Fülle« für alle ermöglicht.

Stefan Federbusch ofm

Stefan Federbusch lebt im Franziskanerkloster

Großkrotzenburg und ist Mitglied in

der Provinzkommission der Franziskaner für

Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der

Schöpfung.

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Franziskaner Mission 1 | 2012 — Leben teilen – Brüder in Mission

Die Armut von der Erde fegen

Dass alle Menschen »Leben in Fülle«

haben, ist für die Franziskaner Mission,

das Hilfswerk der Deutschen Franziskanerprovinz

von der heiligen Elisabeth,

Antriebsfeder und Ziel ihrer Arbeit.

Seit über 100 Jahren unterstützt sie

deutsche Missionare und Projekte der

franziskanischen Familie in aller Welt.

Dabei sucht sie die ständige Kommunikation

mit den Missionaren und

Projektpartnern auf der einen und

mit den Unterstützerinnen und Unterstützern

auf der anderen Seite.

1907 gründete der Franziskaner

Wenzeslaus Straußfeld ofm in

Werl den Franziskaner-Missions-

Verein, aus dem die heutige

Franziskaner Mission hervorging.

Hauptaufgabe des Vereins war

zunächst die Betreuung und der

Ausbau der Shandong-Mission

der Franziskaner in China. 1922

wurde Hilarion Rieck ofm zum

Missions-Prokurator, also zum

Leiter des Vereins und zum

Schulnetz der Franziskaner im brasilianischen Bacabal

Beauftragten der Provinz für die

Mission, ernannt. Unter seiner

Leitung wurden Spenderinnen

und Spender im ganzen Land

mobilisiert. Wirksame Unterstützung

fand der Werler Missions-

Verein auch durch die weltweite

Leitung des Ordens in Rom.

Auf die Seite der Armen stellen

Ging es den Missionaren zu

Beginn des 20. Jahrhunderts

noch um die Christianisierung der

»Heiden« in fremden Ländern,

wurde nach dem Zweiten Weltkrieg

das Motiv, allen Menschen

ohne Ansehen der Nationalität

oder der Religion ein Leben ohne

Hunger und Unterdrückung zu

ermöglichen, für die Mission zum

Leitgedanken. Die sogenannte

»Option für die Armen«, also die

klare Entscheidung, sich auf die

Seite der Armen zu stellen, wurde

für die Franziskaner Mission zu

einem zentralen Begriff. Dabei

gewann auch der Anspruch der

Nachhaltigkeit in der Projekt arbeit

an Bedeutung. Bildungs- und

Ausbildungsprojekte wurden zur

wichtigsten Grundlage der Hilfe

zur Selbsthilfe.

Im Fremden Reichtum erkennen

Auch der Gedanke des Gebens und

Nehmens setzte sich im Laufe der

Jahre durch. Die Begegnung mit

anderen Werten und Kulturen zeigt

uns den Reichtum und die Schönheit

der Länder und Völker. Von

den Menschen dort können wir

hier in den Industrieländern viel

lernen. Dies zeigt sich nicht nur

im Werler Völkerkundemuseum,

dem Forum der Völker, das aus

dem Missionsmuseum der Franziskaner

entstanden ist. Es zeigt sich

auch in Artikeln unserer Zeitschrift

»Franziskaner Mission«. Sie ist

1983 aus dem »Antoniusboten«,

dem ursprünglichen Missions-Heft

der Sächsischen Franziskaner-

Vorschulprojekt der Franziskaner in Vietnam

Maurerschüler der Pater-Vjeko-Berufsschule in Kivumu/Ruanda

provinz unter Federführung des

damaligen Missions-Prokurators

Reinhard Kellerhoff ofm, hervorgegangen.

Dieses bis heute

wichtigste Kommunikationsorgan

zwischen den Projektpartnern

in den Ländern des Südens, der

Organisation Franziskaner Mission

in Dortmund und den Spenderinnen

und Spendern in Deutschland

ist Ausdruck der Vielfältigkeit und

Lebendigkeit.

Brücken zu Partnergruppen

stärken auch deren Bewusstsein

Das Besondere der Franziskaner

Mission ist, dass zum Unterstützerkreis

nicht nur Einzelspender

zählen, sondern auch eine Vielzahl

von Partnergruppen in Schulen,

Leben teilen – Brüder in MissionFranziskaner Mission 1 | 2012

Pfarr- und Kirchengemeinden.

Viele Eine-Welt-Kreise oder private

Initiativgruppen unterstützen

mit Basaren, Konzerten, Solidaritätsläufen

und anderen Aktionen

gezielt Projekte, zu dessen Initiatoren

und Organisatoren vor

Ort sie häufig in engem Kontakt

stehen. Alle Gruppen werden vom

Leiter der Franziskaner Mission,

Bruder Augustinus Diekmann,

oder auch Missionaren auf

Heimat urlaub regelmäßig besucht

und über aktuelle Entwicklungen

im jeweiligen Partnerprojekt auf

dem Laufenden gehalten. Ziel des

Partnergruppen-Konzeptes ist es,

nicht nur Gelder fließen zu lassen,

sondern bei den Spendenden in

Deutschland ein Bewusstsein für

die Lebenszusammenhänge und

die Mentalität der Menschen

in den Projektorten zu schaffen

und den Dialog zwischen den

Kulturen und Völkern zu fördern.

Ebenso ungewöhnlich ist, dass

für den größten Teil der notwendigen

Verwaltungskosten der

Franziskaner Mission keine Spendenmittel

eingesetzt werden. Die

Deutsche Franziskanerprovinz

von der heiligen Elisabeth hat für

diesen Zweck schon vor Jahren

mit Mitteln des Ordens einen

Missionsfonds eingerichtet, aus

dessen Zinserträgen die Verwaltungskosten

der Franziskaner

Mission in Dortmund finanziert

werden.

Sicherheit durch Netzwerke

Ein wichtiger Grundsatz bei der

Projekthilfe ist auch, dass alle

von der Franziskaner Mission

direkt unterstützten Projekte in

Nordost-Brasilien, Ostafrika und

Vietnam von Franziskanern oder

Franziskanerinnen geführt und

von den Ordensleitern des jeweiligen

Landes oder der Region

befürwortet werden. Durch dieses

weitreichende Netz des Ordens

ist ein reibungsloser Dialog, eine

umfassende Kontrolle und regelmäßige

Prüfung, ob die Projektgelder

bedarfs- und sachgerecht

eingesetzt werden, sichergestellt.

Ein gemeinsames Ziel

Das alles zeigt: Für die Franziskaner

Mission ist Missionsarbeit

keine Entwicklungshilfe, sondern

schon lange Entwicklungszusammenarbeit.

Sie ist keine Einbahnstraße,

auf der Geld nach Afrika,

Südamerika oder Asien transferiert

wird, sondern lebendiger

Dialog auf Augenhöhe, der ein

Ziel nie aus den Augen verliert:

Nämlich, dass wir voneinander

lernen müssen, die Schöpfung

zu bewahren und Armut und

Unterdrückung von dieser Erde

zu fegen.

Claudia Schmitz

Claudia Schmitz ist Mitarbeiterin bei

der Franziskaner Mission in Dortmund.

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Franziskaner Mission 1 | 2012 — Leben teilen – Brüder in Mission

Leben teilen – Brüder in MissionFranziskaner Mission 1 | 2012

Von wegen nur Verwaltung! Eintreten für die Verwundbaren

V.l.n.r.: Martin Sappl ofm/Bolivienmissionar, Pia Wohlgemuth/Mitarbeiterin des FMV, Alfons Schumacher ofm/Geschäftsführer des FMV

Ein paar elektronische Piepstöne

am PC verraten, dass wieder neue

E­Mails in das digitale Postfach

gepurzelt sind. Während das

Faxgerät sanft schnurrend eine

Mitteilung ausdruckt, klingelt das

Telefon. Frau Pia Wohlgemuth,

Sekretärin des Franziskaner­

Missions­Vereins in Bayern e.V.,

scheint einem tausendarmigen

Buddha Konkurrenz zu machen,

wenn sie freundlich und kompetent

in ihrem Münchner Büro

weltkirchliche Alltagsarbeit

managt. Und vielleicht betritt

gerade in diesem Moment P. Alfons

Schumacher den Raum, um mit ihr

ein neues Projekt für die nächste

Ausgabe der Zeitschrift »Franziskaner

Mission« oder den jährlichen

Projektkalender zu besprechen.

Der Geschäftsführer des Vereins

ist zugleich Guardian des Klosters

St. Anna, unter dessen Dach neben

der Leitung und Verwaltung der

Deutschen Franziskanerprovinz

auch die Anliegen der Mission

eine Heimat gefunden haben.

Vielseitige Aufgaben

auf der ganzen Welt

Tatsächlich ist hier Multitasking angesagt.

Die Antrags- und Projektbearbeitung

ist gut eingespielt zwischen München

und der Missionszentrale der Franziskaner

in Bonn. Ein Schwerpunkt des

bayerischen Missionsvereins ist nach wie

vor die Unterstützung der Ordensprovinz

in Bolivien, in der sechs deutsche

Mitbrüder arbeiten. Emanuel Graef,

in Bonn Ansprechpartner für Mexiko,

Mittel amerika und das nördliche Südamerika,

prüft die Anliegen der bolivianischen

Brüder, bevor sie nach München

kommen und dann dem Vorstand zur

Entscheidung vorgelegt werden. Ebenso

wichtig ist der Dialog mit den Spenderinnen

und Spendern. »Ich möchte auf

jede Postkarte antworten«, hat sich Frau

Wohlgemuth vorgenommen. Unterstützt

wird sie dabei von Schwester Michaela

Huber in Landshut. Dort befand sich

jahrzehntelang die Geschäftsstelle des

Missionsvereins, der in seiner inzwischen

hundertjährigen Geschichte auf vielen

Feldern eng mit den Solanusschwestern

zusammenarbeitete.

Lebendige Beziehungen und

spiritueller Geist

Von wegen nur Verwaltung! In der

Geschäftsstelle des Missionsvereins

geht es vor allem um die Pflege lebendiger

Beziehungen. Nicht zuletzt mit

den Brüdern und Schwestern, die in

anderen Teilen der Weltkirche ihren

Dienst tun und von München unterstützt

werden. Und immer wieder

kommt Besuch, Missionare auf Heimaturlaub

und Brüder anderer Provinzen.

»Wir sammeln nicht nur Geld, so wichtig

das ist«, meint Frau Wohlgemuth.

»Meine Arbeit hier hat wirklich auch eine

ausgeprägt spirituelle Seite!« Im Herbst

vergangenen Jahres war der Bischof des

Apostolischen Vikariats Ñuflo de Chávez

zu Gast, Bonifacio Antonio Reimann, ein

Minderbruder aus Polen. Seine beiden

bayerischen Vorgänger, der aus Unterfranken

gebürtige P. Kilian Pflaum und

der Oberpfälzer Antonio Eduardo Bösl,

verfolgten aus ihren Bilderahmen über

dem PC die Begegnung. Geschichte

ändert sich. Und geht weiter. Auch

dank der Münchner Geschäftsstelle

des bay erischen Missionsvereins.

Cornelius Bohl ofm

Cornelius Bohl ist Vorsitzender des Franziskaner-

Missions-Vereins in Bayern und lebt im Franziskanerkloster

München.

Konkrete Menschen auf meinem

Lebensweg – angefangen von

meinen Eltern und Geschwistern,

wie auch den Franziskanern in

meiner Heimatgemeinde in Mannheim

bis hin zu den Kindern und

Jugendlichen in Frankfurt – waren

es, die mich motivierten und mich

bei Entscheidungen für meinen

Weg unterstützten. Mission und

Sendung sind für mich nicht einfach

ein Unterwegssein mit einer

fertigen Lehre oder gar Dogmen,

und sie sind auch nicht etwas, das

mit der Priesterweihe oder einer

ähnlichen Sendung abgeschlossen

wäre. Vielmehr verwirklicht sich

Sendung im Gehen, entsprechend

dem bekannten Wort: »Der Weg

ist das Ziel.« Die Botschaft Jesu,

seine Sendung, verwirklicht sich

in den Begegnungen mit den

verschiedensten Menschen auf

dem Weg, in der jeweils erfahrenen

Gemeinschaft. Evangelium

ist nicht einfach ein gedrucktes

Schriftwerk, sondern eine gute

Nachricht, die sich im Leben

verwirklicht und durch das Leben

ausdrückt.

Evangelium im

Zwischen menschlichen

Gerade in meiner Zeit in Frankfurt

durfte ich erfahren, wie sich »Evangelium«,

»Reich Gottes« oder wie immer

wir die Inhalte unserer christlichen

Sendung beschreiben wollen, im

Miteinander mit unseren Nachbarn

verwirklicht hat. Durch das geteilte

Leben mit den Kindern und Jugendlichen

und deren Familien, mit den

Menschen in den Gefängnissen oder

jenen, die an Aids erkrankt waren, mit

jenen, aus den verschiedenen Religionsgemeinschaften

– mit all ihnen

habe ich erleben dürfen, wie sich

Gottesbeziehung und Gemeinschaft,

Evangelium und »Reich Gottes«

je neu ausdrückt und verwirklicht.

Unabhängig von einer bestimmten

Religionszugehörigkeit oder Kultur.

So bedeuten für mich Mission und

Sendung weniger ein »mit der Botschaft

des Evangeliums zu den Menschen

gehen, um diese zu verkündigen« als

vielmehr, die Botschaft vom Evangelium

im Miteinander-Leben zu entdecken und

zu erfahren. Freilich ist dies nicht direkt

ein Widerspruch, vielmehr zwei Seiten

einer Medaille. Dennoch glaube ich,

dass eine gewisse Gefahr bei den Religionen

darin besteht, die Botschaft fest zu

schreiben als letztgültige Wahrheit, um

mit dieser Menschen zu missionieren.

Einsatz für die Würde

der Geschöpfe

Seit einem Jahr arbeite ich bei

Franciscans International (FI), der

franziskanischen Nichtregierungsorganisation

bei den Vereinten Nationen

in Genf. Als Mission von FI haben wir

Folgendes formuliert: »Wir sind eine

franziskanische Stimme bei den Vereinten

Nationen, um einzutreten für die

Verwundbaren, Vergessenen und unsere

geschundene Erde.«

Diese Mission lebt aus der Vision des

Evangeliums Jesu, dem, was er das

»Reich Gottes« nannte, oder wie es die

Bewegung des Weltsozialforums nennt:

»Eine andere Welt ist möglich.« Vielfach

werde ich gefragt, ob ich glaube, dass

sich dieses Engagement bei den UN

lohne und von Erfolg gekrönt sei. Ich

glaube, wo immer Menschen, sei es in

der Politik oder in den Religionen, in

sozialen Bewegungen oder im konkreten

Alltag, für die Würde eines jeden

Geschöpfes eintreten und versuchen,

die anderen zu respektieren, da ist diese

andere Welt, das »Reich Gottes«, schon

erfahrbar und verwirklicht. Es ist der

Anfang dessen, was wir als Christen

und Christinnen erwarten. Wie Bischof

Helder Camara es formulierte: »Wenn

einer alleine träumt, ist es nur ein Traum,

wo viele miteinander träumen, ist es der

Beginn einer neuen Wirklichkeit.«

Markus Heinze ofm

Markus Heinze ist regionaler Leiter für Afrika und

Europa bei Franciscans International in Genf.

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Franziskaner Mission 1 | 2012 — Leben teilen – Brüder in Mission

Leben helfen

Ein heute schillerndes und für manche

irritierendes Wort: Mission, und: Meine

Mission als Franziskaner. Ist darauf eine

schlüssige Antwort möglich? Als ich

vor über vierzig Jahren ein Bibelwort

für meine Primiz (erste Messe nach

der Priesterweihe) wählte, fiel mir ein

Vers aus dem Römerbrief auf: »Was ich

bin, ist Sein Werk; was ich tue, Sein

Wille; zu allen Menschen zu gehen,

dass sie Ihn hören, dass sie Ihm glauben.«

Zugegeben, dies ist eine freie

Übertragung des Originaltextes (Röm

1,5). Aber ich erfahre mich bis heute in

dieser Mission. Damals dachte ich nicht

daran, auf einen anderen Kontinent

zu gehen. Ich hatte aber auch nicht

erwartet, dass mein Heimatland in

absehbarer Zeit »Missionsland« würde;

dies hat sich in den zurückliegenden

Jahrzehnten in der Weise ergeben, dass

Kirchenleitungen eine Neu­Evangelisierung

Europas proklamieren.

Mögliche Wege meiner Mission

Auf andere Kontinente kam ich

erst beim Besuch unserer Missionare

in West-Afrika, Brasilien und

Japan von 1989 bis 1997. In

unkomplizierten Begegnungen

sowie im Erleben unmittelbar

ansprechender und bewegender

Gottesdienste kam kurzzeitig, aber

nicht nachhaltig, die Vorstellung

auf, dort als Franziskaner leben

und wirken zu können. Sprachbarrieren

waren aber im Lebensalter

um die fünfzig nicht einfach

zu überspringen. Zudem war und

ist mein Engagement zuhause

gefragt.

Ebenso stellte sich mir kurzzeitig

die Frage nach einem Einsatz

östlich des gefallenen Eisernen

Vorhangs. Immerhin hatte ich vor

der Wende wiederholt die Franziskaner

und Franziskanerinnen

in der damaligen DDR besucht

und kleine katholische Gemeinden

erlebt. Ein geografischer Wechsel

hat sich nicht ergeben.

»Leben helfen« – und eigene

Erfahrungen sammeln

Heute lebe und arbeite ich in der

Missionszentrale der Franziskaner

(MZF) in Bonn mit ihren weltweiten

Kontakten und Projekten. Auftrag,

also Mission dieses Werkes ist die

im Zweiten Vatikanischen Konzil

wieder umfassender erkannte

Sendung Jesu: Gott wendet sich

unserer Welt zur Erlösung und

Befreiung aus menschenunwürdigen

Bedingungen zu – in der

innerweltlichen Realität bis zum

ewigen Heil. Diese Sendung fasse

ich so zusammen: »leben helfen«.

In den zurückliegenden Jahrzehnten

hat die MZF, sensibel für die

Wechselwirkung von christlicher

Verkündigung und sozialer Entwick-

lung, in Tausenden von Projekten

auf allen Kontinenten und für

noch mehr Zehntausende von

Menschen vermitteln können,

was menschenwürdige Existenz

in »Freiheit, Würde und Leben«

ausmacht. Diese Vermittlung ist

keineswegs eine Einbahnstraße

(etwa mit Spenden »in alle Welt«),

sondern durchaus rückwirkend

auf Bewusstsein und christliche

Lebenspraxis hierzulande, also in

Mitteleuropa.

Ich lasse mich dabei von zwei

Grundsätzen leiten, welche die

Möglichkeiten und die Chancen

von Mission sowie ihre Zumutungen

umschreiben:

»Christentum ist nicht das, was

wir für Gott tun, sondern was Gott

für uns tut.« (Louis Evely) Und: »Es

kommt auf dich an, aber es hängt

nicht von dir ab.« (nach einem

Gebet von Ignatius von Loyola)

Christliche Mission ist zuerst

das Angebot Gottes durch und in

Jesus Christus zu mehr »Freiheit,

Würde und Leben«. Wo immer ich

Menschen begegne, versuche ich

mich so einzubringen.

Orientierung am Evangelium

der Bibel

Mein Blick geht derzeit in die

weltweiten Kontakte der MZF.

Ich lebe meine Mission jetzt

etwas anders als früher. Die sich

ändernde reli giöse und kirchliche

Situation speziell in Mitteleuropa

braucht weitere und andere als

nur die bisherigen Muster, um

der christlichen Weltverantwortung

auch künftig gerecht zu

werden, zu der die Mission im

Auftrag Jesu gehört. Mit Franziskus

von Assisi orientiere ich mich

am Evangelium: Die Bergpredigt

gibt die grundlegenden Kriterien

für Gerechtigkeit, Solidarität und

Frieden in allen Gesellschaften und

Kulturen sowie gegenüber jeder

menschlichen Person vor. Franziskus

wusste darum, dass die Achtung

jedweder Geschöpflichkeit

ihre Grundlage und Dringlichkeit

in ihrer göttlichen Herkunft und

Verheißung für die Zukunft hat.

Leben teilen – Brüder in MissionFranziskaner Mission 1 | 2012

Blick und Herz öffnen

So versuche ich meine Mission als

Franziskaner zu leben in meiner

Sendung als Begleiter und Bruder,

als Priester und Seelsorger, wo ich

gerade bin und wie ich Menschen

begegne. Mir hilft dabei ein

Bekenntnis von Franziskanern in

dem Dokument »Die Berufung

unseres Ordens heute« (Generalkapitel

Madrid 1973): »Vor uns

soll niemand Angst haben.« Diese

Offenheit ermutigt mich, einladend

auf Menschen zuzugehen

und ein Gottesbild zu vermitteln,

das nach dem Zeugnis Jesu nicht

Zumutung, sondern Verheißung

ist. Mission, also Evangelisierung

überhaupt und Neu-Evangelisierung

heute, ist nur aufgrund

eines solchen Zeugnisses möglich

und glaubhaft.

Dazu gehört, auch in unserer

Kirche, Ängsten und deren

unheilvollen Auswirkungen zu

begegnen. Christentum ist nicht

in erster Linie ein Moralsystem,

sondern Vertrauen in Gott, das

uns Menschen dann zum vertrauensvollen

Miteinander und

Füreinander befähigt. Daraus

wächst die weltweite Sendung

der christlichen Kirche, die auch

ethische Konsequenzen zeitigt.

Die bewusste und entschiedene

Rückbindung (lateinisch religio/

Religion) an Gott öffnet den Blick

und das Herz gegenüber allen,

denen ausnahmslos die Verheißung

von »Freiheit, Würde und

Leben« gilt, gerade wenn alle

Lebensumstände dagegen stehen.

»Was ich bin, ist Sein Werk«

In dieser Mission erfahre ich mich

gerade in meiner derzeitigen Aufgabe

als Leiter der Missionszentrale.

Seit sich ökonomische und

soziale Nöte in Europa und später

weltweit dramatisch multipliziert

haben, waren es oftmals und

zuerst sensible Christinnen und

Christen wie Franziskus von Assisi,

die wirksame Hilfe einbrachten:

in spirituellen Gemeinschaften

bis hin zu den pastoral-sozialen

Impulsen der Befreiungstheologie.

Franziskaner sein heißt für mich

deshalb fundamental, in einer

Mission zu wirken, die anderen

leben hilft.

Das beginnt in der seelsorgerlichen

Begleitung und gottesdienstlichen

Gemeinschaft und

konkretisiert sich beispielsweise

bei mir in Engagements für Pax

Christi und amnesty international

oder Franciscans International.

Ich lasse mich bis heute darauf

ein in der Überzeugung: »Was ich

bin, ist Sein Werk; was ich tue,

Sein Wille; zu allen Menschen

zu gehen, dass sie Ihn hören,

dass sie Ihm glauben.« Ich bin

»auf Mission« nicht in eigener

Ange legenheit, jedoch in einer

persönlichen Sendung, bei der

Gott entscheidend wirkt, dass

Menschen würdig leben können

– ein wenig auch durch mich.

»Es kommt auf mich an, aber es

hängt nicht von mir ab.«

Claudius Groß ofm

Claudius Groß ist Präsident der Missionszentrale

der Franziskaner in Bonn, Bad

Godesberg.

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Franziskaner Mission 1 | 2012 — Leben teilen – Brüder in Mission

Reinhold Brumberger ofm

Bolivienmissionar mit vielfältigen Aufgaben

Pater Reinhold Brumberger in den 1970er Jahren

als junger Missionar in Santa Cruz/Bolivien

Als ich 1959 über den Chinamissionar

Pater Johann Atriora Peter zu den

Franziskanern kam, wusste ich noch

nicht, wo mich der Weg hinführen

würde. Doch in gewisser Weise war

durch diese Begegnung meine Mission

schon vorgezeichnet.

Eigentlich wollte ich bei meinem

Eintritt bei den Franziskanern ein

einfacher Laienbruder sein und

lernte im Kloster Berching in der

Oberpfalz die Gärtnerei. Doch

irgendwann erkannte ich meine

Berufung zum Priesteramt und so

machte ich das Abitur nach und

studierte Theologie in Münster

und München. 1972 wurde ich

geweiht und wurde Kaplan in der

Franziskanergemeinde St.-Anna

in München, das war damals der

Sitz der Provinzleitung der bayerischen

Franziskaner. Damals –

wie heute – kamen immer wieder

bayerische Brüder, die Missionare

in Bolivien waren, zum

sogenannten Heimaturlaub und

berichteten über ihre Arbeit. Sie

warben auch dafür, selbst in die

Mission zu gehen. Immer wieder

habe ich darüber nachgedacht

und irgendwann kam ich zu der

Überzeugung, dass jetzt der richtige

Zeitpunkt wäre. Sonst wäre

es zu spät gewesen, sich einzuarbeiten

und einzuleben.

Vielfältige Aufgaben seit

mehr als 30 Jahren

Ich stellte also einen Antrag an

die Provinzleitung, für fünf Jahre

nach Bolivien zu gehen – und

mein Ansinnen wurde angenommen.

Nach einem sechswöchigen

Sprachkurs in Madrid flog ich

1979 nach Concepción in Bolivien,

wo ich Kaplan an der dortigen

Kathedrale wurde. Zu meinem

Mentor wurde Pater Michael

Brems, der später der erste Provinzialminister

– also Leiter – der

neu errichteten bolivianischen

Franziskanerprovinz werden sollte.

Bei den fünf Jahren Bolivienaufenthalt

ist es nicht geblieben. Ich bin

jetzt über 30 Jahre dort. Und viele

schöne Aufgaben habe ich seit

1979 in Bolivien übernommen:

sei es in der Leitung der Diözese

Concepción, in der Leitung der

Provinz oder in der pastoralen

Arbeit mit den Menschen. Ich bin

dankbar für diese Erfahrungen

und bereue nicht, in die Mission

gegangen zu sein.

Solidarität lehren und leben

Für mich ist Mission auch heute

noch wichtig. Wir sind eine

missionarische Kirche und wir

Franziskaner sind ein missionarischer

Orden. Gott sei Dank ist

die Zeit, in der Mission gleichbedeutend

mit Heidenmission

war, vorüber. Franziskus lehrt

uns, dass Mission immer eine

dreifache Bekehrung bedeutet:

an sich selbst, in der Kirche und

in der Welt. Mission ist dabei

immer Lernen und Lehren gleichermaßen.

Als Missionare lernen

wir andere Sprachen, andere

Kulturen, als Kirche andere Formen

der Frömmigkeit und den Respekt

gegenüber anderen Religionen.

Und als Missionare lehren und

leben wird Solidarität. Dort, wo

Menschen unterdrückt sind und

in Armut leben, setzen wir uns für

ihre Freiheit ein und dafür, dass sie

Leben in Fülle haben.

Erfüllung in der Praxis

Mission ist dabei keine abstrakte

Theorie, sondern konkrete praktische

Arbeit vor Ort: für die

Menschen und mit den Menschen.

So hat Pater Walter in seiner Pfarrei

den Grundstein dafür gelegt, dass

junge Quarayos und Chiquitanos

lateinamerikanische Barockmusik

in Europa spielen. So haben die

Franziskanerbischöfe Bösl und

Modersbacher die alten Jesuitenkirchen

restauriert und gerettet, die

vor 20 Jahren zum Weltkulturerbe

erklärt wurden. Und aus meiner

ehemaligen Pfarrei Concepción

darf ich die Sozialarbeit erwähnen.

Es entstanden Wasserpumpen,

ein künstlicher Weiher und eine

Vieh genossenschaft. Das Projekt

» Häuser statt Hütten« wurde ins

Leben gerufen, das den ärmsten

der Armen ein Leben unter menschenwürdigen

Bedingungen

ermöglicht – unter Beibehaltung

ihrer indigenen Wohn- und Lebenskultur.

Für den Transport von

Mensch und Tier wurden Last- und

Krankenwagen gekauft, für die

medizinische Versorgung ein Röntgengerät.

Ich bin froh, als Missionar

meinen Teil zu einer Verbesserung

der Lebenssituation der Menschen

in Bolivien beitragen zu können.

Reinhold Brumberger ofm

Reinhold Brumberger ist Vizeprovinzial der

bolivianischen Franziskaner.

... und seine Mission

»Gebt ihr ihnen zu essen!«

Mittagessen für Kinder in Santa Cruz

Für Franziskanerpater Reinhold

Brumberger ist das Wort Jesu

heute noch genauso aktuell wie vor

2.000 Jahren. »Gebt ihr ihnen zu

essen!«, lautete dessen Auftrag an

seine Jünger, als es Abend wurde und

die Menschen, die ihn hören wollten,

hungrig wurden (Mk 6,37). »Sicherlich

kümmerte Jesus sich um das Wort

Gottes für die Menschen und um ihr

spirituelles Leben«, sagt Reinhold

Brumberger. »Aber dabei verwirklicht

er stets das, was Jakobus später

schreibt: ›Glaube ohne Werke ist tot!‹

Hungernden zu predigen, ohne ihnen

zu essen zu geben, bedeutet, sie zu

verspotten!«

Mit gefülltem Magen lernen

Hunger gehört auch heute noch zum

Alltag in Bolivien, Unternährung ist an

der Tagesordnung. Daher bietet die

Gemeinde San Antonio in Santa Cruz

– Bolivien, die Reinhold Brumberger als

Pfarrer leitet, täglich rund 250 Kindern ein

gutes warmes Mittagessen an. Einige der

Mädchen und Jungen kommen nach der

Schule zum Essen, andere essen zuerst

und gehen dann am Nachmittag in die

Schule.

Spielerisch Gemeinschaft erleben

In den vier Speisesälen der Gemeinde

wurden inzwischen auch kleine Büchereien

eingerichtet und Spiele organisiert.

Studierende von der Universität in Santa

Cruz helfen bei der Kinderspeisung mit.

Pater Reinhold begründet die Erweiterung

des Angebots: »Die Kinder sollen hier

nicht einfach nur ›abgespeist‹ werden,

sondern auch die Möglichkeit haben, sich

zu bilden und spielerisch Gemeinschaft zu

üben.«

Leben teilen – Brüder in MissionFranziskaner Mission 1 | 2012

Die Kinder freuen sich über eine warme Mahlzeit in einer der vier Kindersuppenküchen von

Pater Reinhold Brumberger im bolivianischen Santa Cruz.

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Franziskaner Mission 1 | 2012 — Leben teilen – Brüder in Mission

Klaus Finkam ofm

Als Bruder auf der Suche nach Heil und Heilung

Bruder Klaus sorgt sich sehr um die Gesundheit der Kinder.

»Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht

Aussätzige rein, treibt Dämonen

aus! Umsonst habt ihr empfangen,

umsonst sollt ihr geben.« Dieser Satz

hat mich immer beeindruckt, sowohl

als Bruder als auch als Arzt. Seine

Talente nicht für sich zu behalten,

sondern mit den Brüdern und Schwestern

zu teilen: Das ist für mich eine

Freude, sowohl in der Brudergemeinschaft

als auch in der Arbeit.

Als sehr franziskanischen Auftrag

sehe ich die Möglichkeiten

an, mich im Nordosten Brasiliens

für die Gesundheit in den

Familien im Rahmen der Kinderpastoral

einzusetzen. Hierbei

wird besonders armen Familien

in unserer ländlichen Region

Bacabal geholfen. Seite 1978

bin ich in Brasilien, seit 1981

hier in Bacabal. Nach meiner

Ausbildung als Sozial mediziner

sah ich die Arbeit in einer der

ärmsten Regionen der Welt als

meine missionarische Herausforderung

an. Mein Schwerpunkt

liegt auf den einfachen und

grundlegenden Methoden der

Gesundheitsfürsorge und der

Krankheitsbehandlung. Deshalb

findet auch der Ernährungsbereich

meine besondere

Beachtung. Ernährung für Leib

und Seele: Dazu gehört auch eine

verbesserte Verwertung. Bei der

Verdauung ist dies das Kauen, bei

der Seele die Meditation, oder

wie der Evangelist es über Maria

sagte, »sie bewahrte die Worte in

ihrem Herzen.«

Meine Erfahrungen des

Scheiterns der herkömmlichen

Therapie bei chronischen Krankheiten

machten mich zum

Schüler des einfachen Volkes,

zum Autodidakten in der Naturheilkunde.

Eine nachhaltige

Begebenheit am Anfang dieses

Weges möchte ich erzählen: Beim

Pfarrfest der Franziskuspfarrei in

Lago do Rodrigues bat der Pfarrer

Adolf Temme einige Personen, die

als Zeichen eines Gelübdes mit

der Bitte um Heilung das Gewand

des heiligen Franziskus trugen,

doch Zeugnis von ihrer Heilung

zu geben. Der Gemeindeleiter

Vicente trat vor und berichtete

über seine Jahre des Leidens von

den vielen Wunden an seiner Haut

(sie rührten von einer besonders

schlimmen Schuppenflechte).

»Ich fühlte mich wie ein Aussätziger,

aber Ihr habt mich nie

im Stich gelassen. Dann habe ich

auch den heiligen Franz getroffen:

Mit Gottes Hilfe und den Ratschlägen

von Frei Klaus und der

natürlichen Therapie wurde ich

geheilt!«

Diese Erfahrungen verstärkte

nur noch mein Suchen, auch in

der Heiligen Schrift: Was bringt

wirklich Heil und Heilung? Seit

vielen Jahren nun bieten wir

hier in Bacabal Kurse an: ganzheitliche

Gesundheit und Ernährungserziehung

und ebenso

Fasten-Exerzitien. Sie möchten

einen Beitrag leisten auf diesem

Weg, auf der Suche nach Heil

und Heilung.

Klaus Finkam ofm

Klaus Finkam ist Franziskaner und Arzt in

Teresina/Piauí. Er bietet Therapien an und

berät die Kinderpastoral.

Radiosendung mit Klaus Finkam ofm

Das Domradio Köln sendet in der Reihe Menschen –

Lebensläufe im Portrait, am Osterdienstag, 10. April

2012, von 10 bis 12 Uhr und von 20 bis 22 Uhr ein

Interview mit dem Franziskanermissionar und Arzt, Klaus

Finkam ofm aus Teresina im brasilianischen Nordosten.

Dieses Interview ist danach auch als Podcast unter

http://www.domradio.de/menschen/ zugänglich.

... und seine Mission

Einfach und grundlegend

Therapie in Teresina

Es gilt, die guten Praktiken und die

guten Gedanken zu trainieren, wie den

Körper und die Muskulatur, so predigt

Bruder Klaus: Er empfiehlt nicht nur auf

die Qualität der Lebensmittel, die wir

zu uns nehmen, zu achten, indem wir

drastisch die raffinierten und konservierten

Nahrungsmittel reduzieren,

sondern auch langsam zu essen, gut zu

kauen, damit unser Organismus all das,

was wir in den Mund stecken, wirklich

assimilieren und in gute Nährstoffe

umwandeln kann. Auf der anderen

Seite sollen wir auch auf die Qualität

der Einflüsse und Stimulierungen, die

über das Tor der fünf Sinne Einlass

finden, achten.

Auf Wesentliches konzentrieren

Wie ist es um das Bewusstsein der

Werte heute bestellt, hinterfragt Bruder

Klaus. Er beklagt, dass, beherrscht

durch die Medien und durch die

Hektik, die Menschen es nicht vermögen,

auf das zu achten, was wirklich

wichtig ist, sondern sich oft auf das

Nebensächliche stützen. Fasziniert vom

Einfachen glaubt Bruder Klaus, dass

es Sachen gibt, die wesentlich und

grundlegend sind. Und wenn es dem

Menschen gelingt, das zu tun, was

grundlegend ist, dann befindet er sich

im Gleichgewicht. Das Grundlegende

erlaubt, so sagt er, die Kommunikation

des Menschen mit der Welt draußen,

mittels der zwei Tore: das physische

und das der fünf Sinne. »Es ist notwendig,

die Art und Weise wie wir leben

Mittelseite

Unter den Menschen leben, ihre Freuden und

Ängste teilen und mit ihnen zusammen an einer

menschlicheren Welt bauen, das bedeutet für die

Franziskanermissionare in den verschiedensten Ländern

»ein Leben in Fülle«. Und dabei sind sie auf gar

keinen Fall nur die Schenkenden, sondern vor allem

Leben teilen – Brüder in MissionFranziskaner Mission 1 | 2012

weniger zu beschleunigen und auf die

Lebensmittel zu verzichten, die uns vergiften«

empfiehlt er und hebt hervor,

wie sehr die Emotionen und Gedanken

unser Verdauungssystem beeinflussen

und umgekehrt. Wenn wir zum Beispiel

voller Wut essen, dann »verzerren« sich

auch die Verdauungsdrüsen und eine

gute Verdauung findet nicht statt.

In der Naturheilkunde führt der

Weg zur Gesundheit über die Stärkung

des Immunsystems und nicht über das

Allheilmittel der Medikamente wie es

die konventionelle Medizin vorzieht.

Bruder Klaus erklärt »man braucht

nur die Anzahl der toxischen Stoffe zu

verringern und die Organfunktionen

verbessern sich: Das ist das Wunder

der Natur.«

Die Therapie: Schritt für Schritt

Die Therapie dauert fast zwei Wochen.

Sie findet in einem Bildungshaus der

Jesuiten statt, inmitten einer bewaldeten

einheimischen Pflanzenwelt,

entfernt von Lärm und Verschmutzung

des städtischen Lebens. Der Tagesablauf

beginnt früh: schon vor 5 Uhr

morgens. Beim Erwachen durch eine

sanfte Musik, noch im Bett, ist die

erste Übung eine Bauchmassage, um

den Turnus des Darmes zu verbessern.

Vom Bett geht’s in die Dusche zum

Rumpfsitzbad, um das »innere Fieber«

zu bekämpfen und somit den Verdauungsprozess

zu fördern und zu harmonisieren.

Um 6 Uhr früh ist die Stunde

für das Bittersalz ( Magnesiumsulfat)

gekommen – in einer sanften Dosierung,

um die Selbstreinigung des Darmes

zu verbessern. Danach beginnt die

Gymnastik mit Dehnungs- und Erwärmungsübungen.

Die erste Mahlzeit ist

um 8 Uhr: ein Tisch für Faster, meist die

Mehrzahl der Gruppe, und ein anderer

für die der milden Diät.

Mit Ruhe durch den Tag

Um 8.30 Uhr finden sich alle zum

Morgen gebet ein und um 9.00 Uhr

beginnt der tägliche Vortrag von Bruder

Klaus über ganzheitliche Gesundheit. Um

11.15 Uhr beginnen die Yoga-Übungen,

aufgeteilt in Assanas – Stellungen, um

die Flexibili tät zu verbessern – und

Pranayama – Atemübungen, die den

Energie fluss des Organismus verbessern.

Um 12.15 Uhr ist Mittagessen

und danach ist Ruhe mit einem feuchtheißen

Leberwickel zur Unterstützung

der Leberdurchblutung.

Am frühen Nachmittag gibt es noch

andere Anwendungen wie Massage,

Sauna, Lehmpackungen etc. Das nächste

Treffen ist dann um 16 Uhr mit dynamisch-harmonischen

Übungen in der

Gruppe: Sie sind eine Wohltat für die

Emotionen. Um 18 Uhr ist das Abendessen

und danach um 19 Uhr gibt es eine

große Austausch- und Gesprächsrunde.

Um 20 Uhr beschließt das Abendgebet

den Tag und danach ist Nachtruhe.

Marilda do Amaral Mascarenhas

Knepper, Journalistin

São Luís, Brasilien

die Beschenkten. Die Franziskaner an der Basis,

vor Ort, an der Seite der Armen sind unverzichtbar

für die franziskanischen Missionseinrichtungen in

Deutschland. Deshalb ist die Collage auf der Mittelseite

wie das Herzstück dieser Ausgabe. »Leben

teilen – Brüder in Mission«. >>

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Franziskaner Mission 1 | 2012 — Leben teilen – Brüder in Mission

Ivica Perić ofm

Missionar mit Herz in Ostafrika

Nach der Grundschule träumen die Kinder von einem Platz in der Berufsschule von Pater Ivica.

Ich heiße Ivica Perić, wurde 1960

im früheren Jugoslawien, dem

heutigen Bosnien und Herzegowina,

in Čubren, Distrikt Kiseljak, 18 km

von Sarajevo, geboren und bin mit

vier Brüdern und drei Schwestern

aufgewachsen. Meine Mutter lebt

noch, mein Vater verstarb 2010.

Die Grundschule besuchte ich

im Nachbardorf Lepenice und das

Gymnasium in Kiseljak. Danach

ging ich zum Wirtschaftsstudium

nach Sarajevo. Im dritten Jahr

entschied ich mich, die Universität

zu verlassen und zu den Franziskanern

zu gehen. Im Jahr 1981

begann das einjährige Noviziat

in Visoko, danach ging’s an die

Philosophisch­Theologische Hochschule

der Franziskaner nach

Sarajevo. 1987 legte ich die Feierliche

Profess ab und band mich

endgültig an die Gemeinschaft der

Franziskaner. Mein Diakonat fand

in Tuzla statt, wo ich auch nach

meiner Priesterweihe 1988 ein

weiteres Jahr arbeitete.

Von Sarajevo über London nach Afrika

1989 wurde ich nach London zum Englischstudium

geschickt, zur Vorbereitung

auf meine Aussendung nach Afrika, in

die Ostafrikanische Franziskanerprovinz

vom heiligen Franziskus von Assisi. Nach

13 Jahren Pfarrarbeit in Kashekuro und

Rushooka (Uganda) bin ich jetzt seit neun

Jahren in unserer Fraternität in Kivumu

(Ruanda), wo ich als Leiter des Berufsschulzentrum

tätig bin. Die Schule wurde

nach dem Franziskaner Pater Vjeko Ćurić

benannt, der am 31.1.1998 in Kigali

ermordet wurde.

Als ich Franziskaner wurde, war Jugoslawien

ein kommunistisches Land, und es

war nicht einfach, einem Orden beizutreten.

Aber am Ende ging doch alles gut.

Nach meinem Noviziat musste ich 1982

zum Militärdienst. Während dieser Zeit

wurde ich mit einem Monat Gefängnis

und Gehirnwäsche bestraft, da ich das

Wirtschaftstudium aufgegeben hatte und

dem Franziskanerorden beigetreten war.

Alles ist Gnade

Warum ich Franziskaner und Missionar

wurde? Alles ist Gnade und hat etwas mit

Glauben zu tun. Oft sind wir versucht,

in unserem Leben alles zu kontrollieren,

aber dann kommen Überraschungen,

die wir im Glauben annehmen können,

wenn wir offen sind für den Anruf und

die Berufung von Gott. Ich denke, es

ist ähnlich wie beim Propheten Samuel,

der als Schüler des Priesters Eli lernt,

für Gottes Stimme aufmerksam zu sein.

Anfangs verstand er den Ruf nicht, aber

am Ende kam die Einsicht: Gott hat

gerufen und berufen.

Freude durch Arbeit mit Menschen

Das Wunderbare am Missionarsberuf ist

die Arbeit mit Erwachsenen, Kindern und

Jugendlichen. Sie können es sich vorstellen,

wenn Sie lesen: In Kivumu – im Dorf

und in der Pfarrei – gibt es sechstausend

Kinder in der Grundschule (Klasse 1 bis

8)! Da ist Leben und Freude! Gern bin

ich unter ihnen und freue mich, mit

ihnen arbeiten zu können. Wie sagt

doch Franziskus von Assisi in seiner Regel

von 1223: »Wie Pilger und Fremdlinge in

dieser Welt sollen die Brüder dem Herrn

in Armut und Demut dienen.« (Kap. VI)

Ivica Perić ofm

Ivica Perić ist Franziskaner in Kivumu/Ruanda und

Leiter der Pater-Vjeko-Berufsschule.

... und seine Mission

Pater-Vjeko-Schule

Ausbildung für eine bessere Zukunft

Die Pater­Vjeko­Schule ist eine

Grundschule und ein Berufsausbildungszentrum

für angehende

Schreiner, Maurer, Elektriker,

Klempner, Schweißer und Schneider

in Kivumu. Dabei gelten alle

Ausbildungsgänge sowohl für

Jungen und Mädchen! Im Jahr

2011 wurden – zusätzlich zu den

sechs bestehenden Schulklassen

– sechs neue Klassenräume für

unsere Grundschule gebaut. So

können möglichst viele Kinder

eine Grundschulausbildung erhalten

und auf eine bessere Zukunft

vorbereitet werden.

Leben teilen – Brüder in MissionFranziskaner Mission 1 | 2012

Sich selbst helfen

Beim Bau der neuen Klassenräume

wurden die Schülerinnen und Schüler

aus dem Berufsausbildungszentrum

selbst aktiv: Die Mauerer-Lehrlinge

mauerten den Rohbau und stellen

fest, dass es auf der Baustelle immer

fröhlich und munter zugeht. Die

Tischler-Lehrlinge arbeiteten in der

Schulwerkstatt nahezu hektisch

an der Fertigstellung der neuen

Schulbänke und Stühle. Dies war

gleichzeitig ihre letzte Praxis in ihrer

Ausbildung, bevor sie die Schule

verlassen. Die Schneider-Lehrlinge

sitzen unermüdlich an ihren Nähmaschinen

und schneidern an den

Uniformen. Denn in der Pater-Vjeko-

Schule tragen alle Schülerinnen und

Schüler eine Uniform und sind so alle

gleich gut gekleidet und spüren die

Gemeinschaft.

Weitere Neuerungen

Kivumu wurde 2011 an das örtliche

Stromnetz angeschlossen. So

konnten nun endlich alle Gebäude

der Berufsschule mit den notwendigen

Elektro installationen und

Verdrah tungen ausgestattet werden.

Zusätzlich wurde im Herbst eine Biogasanlage

gebaut, wodurch nun die

Schulküche mit Brennstoff versorgt

wird. Mit der Unterstützung von

freiwilligen Helfern aus Deutschland

konnte zudem die Ausbildungsabteilung

für unsere Schweißerinnen und

Schweißer optimiert werden. Und

auch für behinderte Menschen bietet

die Schule einiges: Seit Oktober 2011

wurde ein spezielles Ausbildungsprogramm

in der Schneiderei für sechs

behinderte Menschen begonnen.

Pater-Vjeko-Berufsschule in Kivumu/Ruanda

Schneiderklasse – Umgang mit Nähmaschinen lernen

Klempnerklasse – hartes Eisen gestalten

Maurerklasse – alles im Lot bei den jungen Maurern

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Franziskaner Mission 1 | 2012 — Leben teilen – Brüder in Mission

Richard Dzierzenga ofm

»Mit Händen helfen« in Togo

Pater Richard Dzierzenga (re.) bei einer Prozession

zum Palmsonntag

Geboren wurde ich 1953 in der

Gegend von Gleiwitz in Oberschlesien.

Das gehörte vor dem Zweiten Weltkrieg

zu Deutschland – 1953 aber zu

Polen. Schon als Kind interessierte

ich mich für das Ordensleben. Bei

den Franziskanern in Gleiwitz war

ich fasziniert vom Stundengebet

der Brüder und daheim spielte ich

»Priester«. Sehr zum Ärger meiner

Mutter, denn für ein passendes Messgewand

schnitt ich ein großes Loch

in ein Handtuch. Sie hat mir dann

ein Papiermessgewand geschneidert.

Aber ich interessierte mich auch für

das Schicksal der Armen und hatte

immer den Wunsch, ihnen zu helfen.

Und so wuchs der Wunsch in mir, als

Missionar nach Afrika zu gehen.

Eines Tages sah ich dann ein

Plakat im Franziskanerkloster:

»Afrika braucht Deine Hände«

stand darauf. Da fühlte ich mich

angesprochen. Ich habe Abitur

gemacht, bin in Breslau in den

Franziskanerorden eingetreten

und wurde 1980 zum Priester

geweiht. Die ganze Zeit habe ich

meine Mission nicht vergessen

und schon im Priesterseminar in

Breslau jeden Dienstag mit zwei

Mitbrüdern über die Mission

gesprochen und für die Mission

gebetet. Einer der Mitbrüder ist

heute Missionar in Togo und der

andere Bischof in Bolivien.

Auf dem Weg nach Togo

1981 bin ich dann zum Sprachkurs

nach Frankreich gereist und

1982 nach Togo geflogen. Warum

Togo? Eines Tages war in unserem

Priesterseminar der erste Bischof

von Togo, ein Franzose. Er berichtete

uns über die Mission in Togo

und wie schwierig die Verhältnisse

seien. Da haben wir gesagt: »Nie

im Leben gehen wir nach Togo.

Wir sind doch nicht blöd!«. Aber

die Breslauer Provinz hatte gute

Beziehungen zu Togo und zum

damaligen Zaire. Zwei polnische

Provinzen hatten schon Mitbrüder

in Zaire – in Togo waren jedoch

nur zwei Mitbrüder. Also habe ich

mich entschieden, wenn es nun

Gottes Wille sei, doch nach Togo

zu gehen.

Geduld haben und zuhören

In Togo und später in der Elfenbeinküste

habe ich seitdem viele

Aufgaben übernommen: Ich

war Pfarrer, habe als Guardian

Franziskanerklöster geleitet, war

für die Ausbildung der Brüder in

meiner Provinz und später in ganz

Westafrika verantwortlich und

wurde 2001 zum ersten Provinzialminister,

also Leiter, der neu

gegründeten Franziskanerprovinz

von Westafrika, zu der die Länder

Togo, Elfenbeinküste, Benin und

Burkina Faso gehörten, ernannt.

Meine Eltern waren schon in den

1970er Jahren nach Deutschland

umgezogen und so entschied

ich mich irgendwann auch, die

deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen

und Mitglied der damals

thüringischen Franziskanerprovinz

von Fulda zu werden.

Die Arbeit in der Mission ist

mir weiterhin sehr wichtig. Sie

bedeutet Offenheit für andere

Menschen. Als Missionar muss

man Geduld haben und zuhören

können. Wir Menschen brauchen

einander – auch wenn das Gegenüber

anders ist und einer anderen

Kultur angehört. Wichtig ist der

Glaube an die eigenen Fähigkeiten

und das Wissen um die eigenen

Unzulänglichkeiten. Ich habe viel

gelernt in Afrika. Was zählt, ist zu

kommunizieren und voneinander

zu lernen.

Meine Mission

In Togo habe ich 14 Jahre im

Norden in zwei Gemeinden als

Seelsorger gearbeitet. In dieser

Zeit habe ich dort 14 Volksschulen

in Dörfern gegründet. Das

war nötig, weil die Kinder vorher

kilometerweit zur Schule gehen

mussten. Heute gibt es diese

14 Volksschulen noch immer.

Sie sind entweder zu staatlichen

Schulen oder Missions schulen

in der Diözese geworden. Auch

Brunnen haben wir gebaut.

Richard Dzierzenga ofm

Richard Dzierzenga lebt als Franziskanermissionar

in Togo und war von 2001 bis

2010 der erste Provinzialminister der

westafrikanischen Franziskanerprovinz.

... und seine Mission

Hilfe für die Kinder von Lomé

Straßenkindern Hoffnung geben

Ab 1999 arbeitete ich, Richard

Dzierzenga, mit Straßenkindern in

Lomé, der Hauptstadt von Togo. Unser

Ziel war es, die Kinder und Jugendlichen,

die in großen Schwierigkeiten

waren, die einsam und ohne jegliche

Hilfe leben mussten, zu unterstützen.

Wir halfen ihnen, einen neuen Anfang

zu wagen, damit sie später auf eigenen

Füßen stehen und ihren Lebensunterhalt

selbst bestreiten konnten.

Wir halfen ihnen dabei, sich von der

Straßenabhängigkeit zu befreien und

ein normales Leben zu führen. Als

erstes versuchten wir, den Kontakt zu

ihren Eltern wiederherzustellen, damit

sie in ihre Familie zurückkehren und

dort wieder aufgenommen werden

konnten. Aber wir ermöglichten den

Kindern auch den Schulbesuch – bis

hin zur Berufsausbildung. Es gab

Kinder, bei denen wir uns um die

gesamte Grundversorgung – Essen,

Kleidung, ärztliche Hilfe – kümmern

mussten.

Auch während meiner Zeit als

Leiter der Provinz von Westafrika habe

ich die Arbeit mit Straßenkindern und

Jugendlichen nicht aufgegeben. Nach

Ablauf meiner Zeit als Provinzial bin

ich wieder in den Norden von Togo

zurückgekehrt. Dort bin ich heute

Pfarrer in zwei Gemeinden, wobei

die eine sich noch in der Gründung

befindet. Wir sind vier Mitbrüder: zwei

Pfarrer, ein Bruder und ein Seminarist,

der sein einjähriges Praktikum bei uns

absolviert. Wir betreuen 16 Kirchen.

Die Region ist sehr arm, aber die Gläubigen

dafür sehr herzlich. Auch als

Pfarrer ist mir die Arbeit mit Kindern

und Jugendlichen auf der Straße, die

Leben teilen – Brüder in MissionFranziskaner Mission 1 | 2012

in großen Schwierigkeiten sind, weiterhin

wichtig. Auch in meinen jetzigen

Gemeinden gibt es Straßenkinder, die

dringend unsere Hilfe benötigen.

Kein Krokodil werden

Als ich nach Afrika gekommen war,

dachte ich, alles zu wissen und dachte,

alle Probleme lösen zu können. Jetzt,

nach dreißig Jahren meiner Missionsarbeit,

fühle ich mich wieder als einer,

der dabei ist, Afrika wiederzuentdecken.

Ein afrikanisches Sprichwort

besagt: »Ein Baum im Wasser wird

nie ein Krokodil werden.«

Danke an alle, die so beständig

an uns denken! Ihre Gebete helfen

uns sehr. Und eines darf man nie

vergessen: »Sogar Feldarbeit kann

nur mit dem Einsatz vieler Menschen

eine reiche Ernte bringen.«

Kinder beim Mittagessen im armen Landesinneren

von Togo

Franziskanischer Einsatz gegen Jugendarbeitslosigkeit z. B. durch eine Schreinerlehrwerkstatt

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Franziskaner Mission 1 | 2012 — Leben teilen – Brüder in Mission

Post aus São Luís

Unsere Schüler sind Euch dankbar

São Luís im Januar 2012

Liebe Freundinnen und Freunde

in Deutschland,

wir schreiben Euch, um uns für Eure

wertvolle Unterstützung zu danken.

Wir wollen Euch aber auch die aktuellen

Rahmenbedingungen beschreiben,

unter denen wir hier in Brasilien

leben und arbeiten.

Wir leben in einem Land, in dem die

Medien täglich ein Bild des Fortschritts

und der Entwicklung zeichnen. Doch

die Realität sieht ganz anders aus:

Für uns ist die Armut des heutigen

Brasiliens ein Skandal. Arme Brasilianer

sind für die Welt unsichtbar – ihnen

wird immer weniger geholfen und sie

werden mehr und mehr ausgegrenzt.

Es wird verschwiegen, dass die sozialen

Projekte der Regierung die arme

Bevölkerung nicht erreichen und die

Sozialpolitik in der Praxis nicht funktioniert.

Es gibt zwar ein Sozialbudget für

die Ärmsten der Armen, aber durch

Korruption und Misswirtschaft kommt

diese Hilfe nicht an.

In unserem Bundesstaat Maranhão

leben wir mit den beinahe schlimmsten

Zuständen des Landes. Wir sind ein

Staat, dessen Einwohner Meister im

Analphabetismus sind. Unser öffentliches

System ist nicht in der Lage,

unseren Kindern und Jugendlichen eine

gute Erziehung anzubieten. Die Mehrheit

lebt, ohne Lesen und Schreiben zu

können. Die medizinische Versorgung

ist eine der schlechtesten. Die Krankenhäuser

sind überfüllt und die Leute

kommen dorthin, um zu sterben – und

nicht, um geheilt zu werden, denn

es fehlt eine adäquate medizinische

Betreuung.

Mit der Einführung des Programms

»Brasilien ohne Elend«, dem früheren

Null-Hunger-Programm der brasilianischen

Regierung, verringerten sich

die sozialen Investitionen. Dafür gibt

es jetzt Direktzuweisung durch die

Familienkasse. Das ist aber nicht mal

Der kleine Daniel, Enkel von Dona Maria do Carmo Moraes da Silva, ist glücklicher Schulanfänger.

das Minimum, das eine Familie zum

Überleben braucht. Das System ist

ungerecht: Bezugskriterien und die

Bezugsvoraussetzungen grenzen viele

Familien aus. In den städtischen Gebieten

erhalten Personen, die Daten weglassen

oder falsche Angaben machen,

dennoch Zugang zu den Hilfen. Das

Programm ist zudem unflexibel und

kann nicht auf aktuelle wirtschaftliche

Notlagen reagieren. Es gibt keine Konzepte

und Programme, um Menschen

dauerhaft in Arbeit zu bringen. Das

zwingt sie weiterhin, von Gelegenheitsarbeiten

zu leben, ohne festes Gehalt.

Nichtstaatliche Projekte, wie die

»Frei-Alberto-Schule«, sind Initiativen,

die den Unterschied ausmachen, weil

sie nachhaltig sind und nicht den kurzfristigen

Effekt zum Ziel haben. Jedes

Jahr haben wir eine steigende Nachfrage

von Familien, die ihre Kinder

zu uns in die Einrichtungen schicken

möchten. Unsere Kinder können mit

einer guten Grundausbildung die Barrieren

der Armut überwinden und Wege

begehen, die in eine bessere Zukunft

führen. Leider haben wir nicht die

Kapazitäten, alle zu berücksichtigen.

Die »Frei-Alberto-Schule« erhält für

die Schulspeisung auch öffentliche

Mittel. Doch die reichen bei weitem

nicht aus. Zudem fließen die Mittel

nicht regelmäßig. Dennoch können

wir dank des Engagements der Eltern

und Mitarbeiter das Schulessen für die

Kinder sicherstellen. Das Engagement

hilft uns auch, andere Veranstaltungen

zu ermöglichen, wie einen Karnevalball,

Kunstausstellungen, Kulturprojekte

oder das Juni-Fest. Das ist für die

Lebendigkeit der Schule sehr wichtig

und ein Hoffnungszeichen für die

Menschen in unserer Region.

Das Projekt »Frei-Alberto-Schule« ist

für die Integration der Menschen, die

arm und ausgegrenzt sind, fundamental

wichtig. Auch um diese Menschen

in einer Gesellschaft, die frühere Armut

und heutiges Elend immer mehr vergisst,

sichtbar zu machen. Wegen der

Kenntnis dieser Verhältnisse hatten wir

auch die Idee, die Familiengeschichten

der Kinder, die in unsere Schulen

gehen oder gegangen sind, aufzuzeichnen

– auch um deutlich zu machen,

wie wichtig die Zusammenarbeit

zwischen Schule und Familie ist.

Wir mo .. chten Euch zwei von

hunderten von Familiengeschichten,

die die Frei-Alberto-Schule

ausmachen, erza .. hlen.

Eine Familie ist die von Maria do

Carmo Moraes da Silva. Der Vater –

Marias Mann – starb vor einigen Jahren

an einer schweren Krankheit und hinterließ

acht Kinder und viele Enkel. Von

den Kindern gingen sechs zur Schule.

Die Mutter arbeitete als Gesundheitshelferin

und bekam nur Hilfe von zwei

ihrer Söhne, deswegen betrugen die

Einkünfte nicht mehr als zwei Mindestlöhne

(Salário Minimos, im Jahr 2011

ca. 540 R$, das sind ca. 240 EUR).

Das Leben wurde noch erschwert

durch den Kampf, zwei ihrer Kinder

von Drogensucht zu befreien, und das

Unglück, dass ihr Haus überflutet und

zerstört wurde. Diese Frau verlor alles,

aber aufgrund des großen Engagements

der Gemeinschaft, wurde ihr

Haus behelfsmäßig wieder aufgebaut.

Einer ihrer größten Freude war

es, als ihr Sohn Joelson, der in den

1980er Jahren Schüler der »Frei-

Alberto-Schule« war, an der öffentlichen

Bundesuniversität angenommen

wurde. Er studiert heute im 7. Semester

Mathematik. Und ihr Traum ist,

dass auch ihr Enkel den Schulabschluss

schafft. Darum engagiert sie sich für

unsere Schule und die Gemeinschaft.

Was uns an der Geschichte dieser Frau

bewegt, ist die Freude, die sie trotz

aller Schwierigkeiten und der ganzen

Armut ausstrahlt. Sie hat die Hoffnung

auf bessere Tage für ihre Söhne und

ihre Enkel nicht aufgegeben und diese

Hoffnung hilft ihr im täglichen Überlebenskampf.

Das zweite Beispiel ist das der

ehemaligen Schülerin Eliane Pereira

Penha aus dem Stadtteil Coroadinho,

die unsere Schule vor drei Jahren mit

Abschluss verlassen hat. Sie wollte

gerne Ärztin werden. Aber an der

öffentlichen Schule, zu der sie zuerst

ging, waren die Lehrer oft nicht da und

sie lernte rein gar nichts. Darum wollte

sie die Schule wechseln und kam zu

uns.

Später kam wegen der guten Erfahrung

auch ihre Schwester zu uns in den

Kindergarten. Wir stellten fest, dass sie

durch Mangelernährung geschwächt

Leben teilen – Brüder in MissionFranziskaner Mission 1 | 2012

war: psychisch und physisch. Aber wir

arbeiteten mit ihr und nach ein paar

Monaten ging es ihr besser und sie

konnte die Entwicklung der anderen

Kinder aufholen.

Zehn Personen im Alter zwischen

18 Jahren und fünf Monaten leben in

der Familie zusammen. Das Monatseinkommen

liegt bei annähernd 250 R$,

etwa 110 EUR. Der Vaters arbeitet als

Krebsfänger, eine Saisonarbeit, in der

es während der viermonatigen Brutzeit

der Krebse nicht möglich ist, Geld zu

verdienen. Wenn der Vater die finanziellen

Möglichkeiten hätte, sich als

Mitglied in die Kooperative der Meeresfrüchtesammler

einzuschreiben, müsste

er monatlich 10 R$ (ca. 4,40 EUR)

einzahlen. So könnte er einen Mindestlohn

für die Ausfallzeiten beziehen und

zusätzlich noch eine Unterstützung

von 166 R$ (ca. 70 EUR) durch den

Staat erhalten. Aber er kann sich die

Mitgliedschaft nicht leisten. Immerhin

hat sich die Wohnsituation der

Familie schon verbessert. Dank Nachbarschaftshilfe

und Zuschüssen einer

Lotteriegesellschaft kann die Familie

in einem gemauerten Haus mit zwei

Räumen wohnen. Die Familie ist froh

und dankbar, dass ihre beiden Töchter

in der Schule so gute Förderung

erfahren. Das hilft allen in der Familie

und stoppt die unheilvolle Entwicklung,

dass Analphabetismus und Armut

von einer Generation auf die nächste

übergehen.

Wir hoffen, dass wir Euch einen

Eindruck von unserem Leben und

unserem Engagement hier in

Brasilien geben konnten.

Vania Maria Fonseca Araujo

Maria José da Rocha Pereira

Josenira de Jesus Linhares

Die drei Briefschreiberinnen, Vania Maria de Jesus,

Maria José und Josenira de Jesus, sind Sozialarbeiterinnen

in der Frei-Alberto-Schule in São Luís im

Nordosten Brasiliens.

Dona Jacirene Pereira (Mitte), Mutter der ehemaligen Schülerin Eliane Pereira Penha, mit vier jüngeren Kindern

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Franziskaner Mission 1 | 2012 — Leben teilen – Brüder in Mission

FLAME

Franziskanische Lebensförderung durch Stärkung der Armen

FLAME (Franciscans’ Life Affirming

Movement for Empowerment) ist eine

eingetragene Organisation in Indien,

die von den Franziskanern geleitet

wird. Ihre Hauptaufgabe besteht darin,

Menschen, die mit HIV infiziert oder

an Aids erkrankt sind, zu begleiten,

vor allem auch Kinder, die selbst oder

deren Angehörige von der Krankheit

betroffen sind. Die Organisation ist in

Dindigul angesiedelt, einem Distrikt

in dem südindischen Bundesstaat

Tamil Nadu. Die Angebote von FLAME

erreichen rund 100 Dörfer in und um

Dindigul.

Heute sind es ca. 550 Personen,

die bei uns Rat und Hilfe suchen.

Nach den ersten Jahren, in denen

wir den Blick kontinuierlich darauf

gerichtet haben, wie man sich

vor der Krankheit schützen und

wie sie kontrolliert werden kann,

zeigen sich die ersten greifbaren

Erfolge. Das wird vor allem in

einem größeren Problembewusstsein

deutlich, in einer veränderten

Einstellung zu den Kranken und

im neuen Umgang mit der Krankheit.

Ein weites Netz von Organisationen

unterstützt unsere Arbeit.

Das staatliche Krankenhaus und

verschiedene NGOs des Distrikts

führen Bewusstseinsprogramme

aus und bieten Unterkunft und

Bildung für Kinder.

Unterstützung für Bedürftige

Mit Nahrungsmittelhilfen für

ca. 150 Personen geben wir denen

Hilfe, die keine Verwandten mehr

haben und die keine körperliche

Arbeit mehr verrichten können.

Die infizierten Personen sollen

dreimal täglich zu essen haben

und dabei von niemandem im Ort

abhängig sein. Außerdem stellen

wir sicher, dass die Begünstigten

während der drei Tage, die sie bei

uns im Camp verbringen, eine

nahrhafte und geplante Diät einhalten.

Ihr CD4-Wert, das heißt die

Von FLAME aufgenommene Kinder beim Mittagessen

Zahl der krankheitsbekämpfenden

Zellen, steigt. Darüber sind die

Betroffenen sehr froh – und unserer

Organisation sehr dankbar.

Durch Schulbildung erhalten

etwa 160 Kinder jährlich Unterstützung

bei ihrer Ausbildung.

Es gibt rund 45 infizierte Kinder,

die wir mit Notizbüchern, Schuluniformen,

Büchern, Heften und

Schultaschen ausstatten. Auch

die Schulgebühren werden von

FLAME bezahlt. Die Unterstützung

erfolgt durch finanzielle

Beihilfe von Unterstützern aus

dem Distrikt Dindigul.

Wo nötig, stellt FLAME außerdem

Hilfen bei der klinischen

Versorgung sicher, nachdem

sich die infizierten Personen

einer Untersuchung unterzogen

haben. Krankenschwestern geben

liebevoll die vom Arzt verschriebene

Medizin an die betroffenen

Personen aus. In besonders

schwerwiegenden Fällen vermitteln

wir die Betroffenen an

einen Hospizdienst.

Beratung erhalten

– zur Ruhe kommen

In der Tageseinrichtung können

HIV-infizierte Menschen einige

Stunden am Tag entspannen,

Fernsehen schauen oder das

Büro besuchen. Da Dindigul der

Hauptsitz des Distrikts ist, ist der

Zustrom der infizierten Personen

entsprechend groß. Täglich

kommen etwa 5 bis 10 infizierte

Personen in unser Zentrum, um

sich zu entspannen und neue

Kraft zu schöpfen.

Die Beratung spielt eine entscheidende

Rolle für die geistige

Gesundheit. Infizierte Personen

sind in der Regel erleichtert, wenn

sie sich hierbei von ihren Sorgen

und Ängsten, die ihre Krankheit

betreffen, ein Stück weit befreien

können. Jeder neue Patient, dessen

Krankheit entweder durch den

Gesundheitsberater vor Ort oder

durch das staatliche Krankenhaus

festgestellt worden ist, durchläuft

den Beratungsprozess. Dabei werden

ausführliche Informationen

über HIV/Aids vermittelt, die zum

Beispiel darin bestehen, wie man

auf ganz praktische Weise weiter

ein möglichst gesundes Leben

führen kann.

Bewusstsein schaffen

Ziel unseres Bewusstseinsbildungsprogramms

ist es, die

Aufmerksamkeit für die Krankheit

unter den Schülerinnen und

Schülern der Bildungseinrichtungen

und in den Dörfern zu

wecken. Die Aufklärungs-Teams

versuchen, für eine Aids-freie

Gesellschaft zu werben, in dem

sie die schlimmen Auswirkungen

auf die Familie und die Gemeinschaft

deutlich machen. Für diese

Aufgabe haben wir 15 Frauen

ausgebildet, die selbst HIV-positiv

sind. Zu ihrem Repertoire gehören

Sketche, Lieder und Tänze,

deren Inhalte aufklären und

Bewusstsein schaffen.

Sommerlager, Treffen und

Trainings

Anfang Mai 2011 habe wir ein

zwölftägiges Sommercamp für

Kinder organisiert, deren Eltern

HIV-positiv sind. Fünf von ihnen

sind selbst infiziert. Die Betreuer

haben versucht, ihnen während

dieser Tage wichtige Dinge für

ihr Leben mit auf den Weg zu

geben. Ziel dieser Tage war, das

Selbstbewusstsein der Mädchen

und Jungen zu stärken und sie in

der Entwicklung ihrer Persönlichkeit

zu unterstützen.

Des Weiteren nehmen rund

140 Frauen und 30 Männer an

den monatlichen Treffen des

FLAME-Programms teil. Dabei

geht es um ganz verschiedene

praktische Fragen wie Homöopathie,

Rechtsbeistand, Gleichberechtigung,

Lebensmittelhilfe,

medizinische Versorgung, Yoga

und weitere Themen, die für die

Betreffenden wichtig sind. Jeden

Monat sind Spezialisten eingeladen,

die Veranstaltung zu leiten.

Auch rund 40 bis 50 Kinder von

HIV-positiven Eltern nehmen an

den monatlichen Treffen teil. Für

sie gibt es Spiele, Geschichten,

Malen und andere Unterhaltung.

Leben teilen – Brüder in MissionFranziskaner Mission 1 | 2012

Hilfe zur Selbsthilfe

FLAME hat 10 Selbsthilfegruppen

für Frauen und 2 Selbsthilfegruppen

für Männer eingerichtet.

Jede Gruppe besteht aus 12 Mitgliedern.

Sie alle haben Konten

bei der Indian Overseas Bank

eingerichtet. Die Bank gewährt

ihnen Kredite, so dass die Mitglieder

sich kleine Geschäfte

aufbauen können. Sie haben zum

Beispiel Gemüse oder Getreide

angepflanzt und verkauft, Ziegen,

Kühe, Puten gezüchtet und da-

durch ihr tägliches Einkommen

erheblich gesteigert. Die Mitglieder

können auf diese Weise

150 bis 200 Rupien am Tag

dazuverdienen, das sind zwischen

1,70 und 2,15 EUR – in Indien viel

Geld.

Weiteres Engagement

FLAME hat seine Aktivitäten

in der jüngsten Zeit auch auf

andere Bereiche ausgeweitet.

Dabei richten wir unseren Blick

vor allem auf die Situation der

Kinder. Um den Kindern zu helfen,

ihre Situation selbst in den

Blick zu nehmen, haben wir das

» Kinderparlament« gegründet.

HIV-infizierte Mütter mit ihren Kindern bei FLAME

Wie in dem » richtigen« indischen

Parlament lernen die Kinder, über

verschiedene Probleme der Gesellschaft

zu diskutieren. Anschließend

überbringen sie ihre Ergebnisse

den verantwortlichen Regierungsvertretern.

Dieses Programm

hilft den Kindern, selbständig zu

denken, ihre Verantwortung für die

Gesellschaft wahrzunehmen und

Leitungsfunktionen zu übernehmen.

Als franziskanische Organisation

fühlt FLAME sich ebenso dem

Schutz der Umwelt verpflichtet.

Wir haben eine Initiative gegen

Plastik gestartet und stattdessen

Jute und andere wiederverwendbare

Taschen eingeführt. Diese

Taschen werden von den Selbsthilfegruppen

hergestellt und verziert.

FLAME organisiert außerdem

bewusstseinsbildende Programme

für Schulen und führt Wettbewerbe

für Kinder durch, die den Blick auf

das Thema Umweltschutz lenken.

Michael Anand ofm

Michael Anand lebt als Franziskaner und

ausgebildeter Jurist im südindischen Dindigul

und entwickelt dort seit fast zwei Jahren das

HIV-/Aids-Projekt FLAME entschieden weiter.

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Franziskaner Mission 1 | 2012 — Leben teilen – Brüder in Mission

Armut unter Palmen

Franziskanische Erfahrungen einer Brasilien-Reise

Besuch bei einer jungen Familie am Stadtrand von Caracol

Drei Wochen lang besuchten Bruder

Augustinus Diekmann und Bruder

Markus Fuhrmann die Franziskanerprovinz

von Bacabal im Nordosten

Brasiliens. Diese Reise drückte zum

einen die Verbundenheit der Deutschen

Franziskanerprovinz mit ihrer brasilianischen

»Tochter« aus, zum anderen bot

sie die Gelegenheit, die soziale Wirklichkeit

eines anderen Landes und einer

anderen Kultur kennenzulernen und

dabei auch die missionarische Dimension

des franzis kanischen Charismas

neu zu entdecken. Markus Fuhrmann,

Obdachlosen seelsorger in Köln, engagiert

sich im Franziskanerorden auf

nationaler und internationaler Ebene

für den Bereich Gerechtigkeit, Frieden

und Bewahrung der Schöpfung. So

arbei tet er unter anderem im Aufsichtsrat

von Franciscans International mit,

der Stimme der Franziskanischen Familie

bei den Vereinten Nationen. Im folgenden

Reisebericht spürt er vor allem den

sozialen und politischen Herausforderungen

nach, denen sich die Schwestern

und Brüdern der Franziskanischen Familie

in Brasilien gegenüber sehen.

Mühsam quält sich der grüne Jeep

an vereinzelten Carnaúba-Palmen

vorbei den zerklüfteten Sandweg

hoch. Unser Ziel ist eine Ansammlung

von Lehmhütten auf dem

Alto da Torre, einer Anhöhe nahe

dem Stadtzentrum von Caracol

im Süden des brasilianischen

Bundesstaats Piauí. Hier leben

die Ärmsten der Armen, sagt Frei

Jonecildo, unser ortskundiger

Fahrer. Und tatsächlich: Je näher

wir uns auf dem staubigen Weg

von Schlagloch zu Schlagloch

nach oben durchkämpfen, umso

deutlicher sind die baufälligen

Lehmhütten zu erkennen.

Unser erster Besuch gilt einer

17-jährigen Frau (oder sollte ich

besser Mädchen sagen?), die

hochschwanger ist. Vor der Hütte

ihrer Familie rekelt sich ein magerer

Hund träge in der brütend

heißen Sonne und tapst dann auf

der Suche nach etwas Schatten

hinter einen Holzverschlag. Frei

Jonecildo ist seit zwei Jahren

der Pfarrer in Caracol. Ihm ist es

wichtig, um die Nöte und Sorgen

seiner Gemeindemitglieder zu

wissen und Hilfe zu organisieren,

wo es möglich ist. Deshalb hat er

heute auch Lebensmittel, Windeln

und eine Baby-Badewanne aus

Plastik dabei. Die Frau schaut uns

scheu an; doch sie freut sich über

die unverhoffte Hilfe. Diese Form

der Verkündigung der Frohen

Botschaft versteht sie sofort.

Wir fahren noch einige Hütten

weiter und besuchen Senhora

Andrelina. Mit weit geöffneten

Armen und lauter Stimme

empfängt sie uns: »Tudo bem?« –

Hier im Viertel kennt man sie unter

dem Namen »Dona Mocinha«.

Sie ist schwerhörig; also gerät

unser Besuch ganz von selbst zu

einer lautstarken Begegnung.

Seit 40 Jahren lebt sie nun

schon in der selbst gebauten

Hütte. Während der Woche ist ihr

Mann unterwegs und versucht, auf

einer der großen Fazendas einen

Gelegenheitsjob als Feldarbeiter zu

bekommen. Ihre Kinder sind schon

erwachsen und aus dem Haus.

Einer ihrer Söhne sucht wie so

viele junge Leute vom Land sein

Glück in der Hauptstadt Brasilia.

Tatsächlich hat er dort auch Arbeit

gefunden. Öfter schon hat er

seine Eltern eingeladen, zu ihm

zu ziehen. Doch Dona Mocinha

möchte in Caracol bleiben – nicht

zuletzt wegen ihrer alkoholabhängigen

Tochter und deren

kleinem Sohn, der immer wieder

bei ihr unterkommt, wenn seine

Mutter mal wieder nicht für ihn

sorgen kann.

»Man will ja auch spüren, dass

sich die Gemeinde um einen

kümmert!«

Stolz zeigt uns die Senhora ihren

neuen großen Kühlschrank, den

sie auf Kredit gekauft hat und

der nun den Küchenbereich der

ärmlichen Hütte dominiert. Gott

sei Dank gibt es auf dem Alto

da Torre Strom; aber das Wasser

muss sie von einem entfernter

gelegenen Brunnen holen.

Der Glaube an Gott sei für sie

sehr wichtig, versichert sie uns.

Ohne das Vertrauen, dass der Herr

immer bei ihr ist, hätte sie schon

oft alle Hoffnung aufgegeben. Sie

möchte aber auch spüren, dass

sich die Gemeinde um sie kümmert.

Deshalb sei sie auch schon

zwei Mal in eine Pfingstlerkirche

eingetreten. Doch schließlich sei

sie wieder zur katholischen Kirche

zurückgekehrt, und da wolle sie

jetzt auch bleiben. Bei diesen

Worten strahlt sie ihren jungen

Pfarrer an, der ihr freundlich

zulächelt. Er weiß, wie wichtig

diese persönlichen Besuche und

Gespräche sind. Als wir nach

einer halben Stunde weiterfahren,

drückt uns Dona Mocinha noch

schnell eine Tüte mit frisch gelegten

Hühnereiern in die Hand – das

ist ihre Art, Dank und Freude zu

zeigen.

Diese ländliche Gegend hier

werde immer mehr zu einem

Land der Witwen von lebenden

Ehemännern, meint Frei Jonecildo

nach unserem Besuch. Viele der

Männer im arbeitsfähigen Alter

seien während der Woche,

manch mal auch über Monate

Leben teilen – Brüder in MissionFranziskaner Mission 1 | 2012

Dona Mocinha vor ihrem Haus mit dem einladenden Schild »Jesus liebt Dich und ich auch«

als Lohnarbeiter auf den Fazendas

der Reichen beschäftigt oder aber

suchen in einer der großen Städte

nach Beschäftigung. Manche

fahren womöglich bis São Paulo

oder Brasilia. Nicht selten kommt

es dann dazu, dass sie dort noch

eine weitere Familie gründen – mit

allen Problemen und Herausforderungen,

die das mit sich bringt.

Jeden Morgen kann man auf dem

Busbahnhof von Caracol die klapprigen

Reisebusse sehen, in denen

junge Männer mit Reisetaschen

in die fernen Städte aufbrechen.

Auf diese Weise stirbt Caracol

allmählich aus. Zurück bleiben

allein erziehende Mütter mit ihren

kleinen Kindern und die Alten.

Armut in einem reichen Land

Ortswechsel. Wir sitzen im Büro

von Frei José Francisco in der Koordinierungsstelle

des franziskanischen

Hilfswerks SEFRAS (»Serviço

Franciscano de Solidariedade«) in

São Paulo. Besuche in den verschiedensten

Projekten der franziskanischen

Familie liegen hinter uns:

Besuche in Schulen und Pfarreien,

in einem Wäscherei-, einem Recycling-

und einem Gartenbauprojekt.

Nach all diesen Eindrücken

frage ich nach den Gründen

für die erschreckende Armut im

Nordosten Brasiliens, aber auch

in Großstädten wie São Paulo.

Wie ist das möglich, da doch das

Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2010

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Franziskaner Mission 1 | 2012 — Leben teilen – Brüder in Mission

Treffen mit dem nationalen Leitungsteam des Franziskanischen Dienstes für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung

ca. 1.720 Milliarde US-Dollar

betrug und Brasilien damit die

achtgrößte Volkswirtschaft der

Welt darstellte. Brasilien ist

weltweit eine der am schnellsten

wachsenden Volkswirtschaften.

Man erwartet, dass es 2015 die

fünftgrößte Weltwirtschaftsmacht

sein wird. Wieso leben dann so

viele Menschen in solcher Armut?

Ja, das sei wirklich ein Skandal,

meint Frei José Francisco. Unter

Präsident Lula haben sich zwar

von den rund 190 Mio. Brasilianern

30 Mio. aus der Schicht der

extrem Armen sozial verbessert,

aber das heißt letztlich nicht viel.

Die Grundbedürfnisse sind gestillt,

offiziell beträgt die Arbeitslosenrate

nur 6% und das neue

Sozial geld im Stile einer Grundsicherung,

die »bolsa família«,

entlastet die Familien ungemein.

Aber dennoch leben über 16% der

Menschen im Land in extremer

Armut. Und die Infrastruktur, also

die medizinische Versorgung, die

Versorgung mit Wasser und Strom,

der Straßenbau und vieles mehr,

ist in vielen Gegenden außerhalb

der Zentren nach wie vor mangelhaft.

Die Politiker schielen nur

auf Zahlen, auf das quantitative

Wachstum der Wirtschaftskraft.

Die gerechte Verteilung der Güter

und die notwendige ökologische

Umgestaltung der Wirtschaft

bleiben auf der Strecke. Außerdem

werde eine gerechte Entwicklung

immer wieder durch Korruption

auf allen Ebenen blockiert.

Nicht nur individuell helfen,

sondern auch strukturell tätig

werden

Das franziskanische Hilfswerk

SEFRAS setzt deshalb auf zivilgesellschaftlich

vernetzte Hilfsprojekte,

die den beteiligten Not

leidenden Menschen Hilfe zur

Selbsthilfe bieten. Nicht staatliche

Hilfe ohne soziale und politische

Bewusstseinsbildung, sondern

gesellschaftliche Ermächtigung

der Ärmsten ist das Ziel der zahlreichenNichtregierungsinitiativen;

denn es soll sich ja bei den

Hilfebedürftigen etwas nachhaltig

verändern. So wird beispielsweise

in dem Recyclingprojekt RECI-

FRAN (»Serviço Franciscano de

Apoio a Reciclagem«) nicht nur

das Recycling von Dosen, Verpackungsmaterialen,

Metallen und

Elektroschrott organisiert, sondern

auch Kurse und Fortbildungen

in Lesen und Schreiben sowie in

Gesundheitsfürsorge angeboten.

Auch die Preisverhandlungen mit

den Abnehmerfirmen der Recycling-Materialien

führen die zum

Teil obdachlosen Mitarbeiter von

RECIFRAN – unterstützt durch die

Sozialarbeiter – selber.

Eine mangelnde politische

Mobilisierung

Das Hauptproblem in der brasilianischen

Gesellschaft, meint Frei

José Francisco, sei die mangelnde

politische Mobilisierung. Das sei

vor 15 bis 20 Jahren noch anders

gewesen. Die »bolsa família«, die

neue Grundsicherung, habe die

breite Masse einfach ruhiggestellt.

Dabei habe sich strukturell

hinsichtlich der Armut und der

mangelnden Bildungschancen

im Land noch immer zu wenig

getan. Es sei auch kein Bewusstsein

dafür vorhanden, dass etwa

eine mangelhafte Versorgung

der Bevölkerung mit allgemein

bilden den Schulen eine Menschenrechtsverletzung

darstellt.

Da sei es wichtig, mit den Betroffenen

zusammen Initiativen und

auch politische Kampagnen zu

starten, damit sich das ändert.

Frei José Francisco ist auch einer

der Koordinatoren der Franziskanischen

Familie für den Dienst

an Gerechtigkeit, Frieden und

Bewahrung der Schöpfung.

Schon von daher ist es ihm wichtig,

nicht nur die individuelle Seite

des Helfens im Blick zu haben,

sondern auch stets die strukturell

politischen Aspekte in den Blick

zu nehmen.

Es kann nichts Gutes geben,

wenn man nicht selber die

Ärmel hochkrempelt

Im Untergeschoss des Franziskanerklosters

in São Paulo gibt es

in den Räumen eines ehemaligen

philippinischen Kinos die große

Teestube für Obdachlose. Auch

Gesprächskreise, Kunst- und

Theaterprojekte, Bildungsveranstaltungen

und nicht zuletzt

Beratungsangebote werden hier

gemeinsam von Obdachlosen

und Sozialarbeitern organisiert.

Hier treffe ich einen Mann

namens Robson, der für sich klar

hat, dass es nichts Gutes geben

kann, wenn man nicht selber die

Ärmel hochkrempelt. Vor über

10 Jahren, so erzählt er mir, ist er

aus dem Süden Brasiliens in die

Metropole São Paulo gekommen,

um ein neues Leben anzufangen.

Doch schon am dritten Tag nach

seiner Ankunft wurde sein Traum

vom neuen Leben durchkreuzt,

als ihm bei einem Raubüberfall

all seine Habseligkeiten geklaut

wurden. Fortan lebte er auf der

Straße, schlug sich durch mit dem

Wenigen, was in Suppen küchen

und in Kleiderkammern den

Armen angeboten wird oder was

eben beim Betteln rauskommt.

Das war für ihn auch kein großes

Problem, wie er sagt. Doch er, der

so gerne liest, vermisste schmerzlich

die Möglichkeit, Bücher

auszuleihen. Keine öffentliche

Bibliothek verleiht Bücher an

Personen ohne festen Wohnsitz.

Leben teilen – Brüder in MissionFranziskaner Mission 1 | 2012

Als es ihm gelang, mit Hilfe der

Teestuben-Initiative im Franziskanerkloster

wieder Fuß zu

fassen und sogar eine Wohnung

zu finden, da stand für ihn fest:

»Jetzt, da es mir wieder besser

geht, will ich etwas für die Menschen

auf der Straße tun. Das ist

meine Berufung!« So gründete

er eine Obdachlosen-Bewegung,

die sich für die Rechte von Menschen

auf der Straße einsetzt. Sie

verfügt mittlerweile über eine

eigene kleine Anlaufstelle ganz

in der Nähe des Klosters. Und

dann entwickelte Robson etwas

ganz Besonderes: Er erfand die

» bicicloteca« – ein Dreirad mit

einem Aufbau, in dem sich eine

kleine Bibliothek und ein batteriebetriebener

Laptop befindet.

Damit fuhr er dann durch die

Stadt, um für Obdachlose den

Tägliche Teestunde für Obdachlose im Franziskanerkloster von São Paulo

Bruder Markus im Gespräch mit Robson, dem Erfinder der biciclotecas.

Zugang zu Literatur und zum

Internet zu ermöglichen. Alles von

Spendern finanziert, die seine Idee

genial fanden. Mittlerweile gibt es

vier solcher fahrenden Bibliotheken

in São Paulo, zahlreiche Helfer und

weitere Nachahmer-Initiativen in

den USA und in Europa. Sogar

einen Preis hat Robson für seine

soziale Erfindung gewonnen.

Der ›heruntergekommene Gott‹

befreit zu neuem Leben!

Zurückgekehrt nach Deutschland,

zu ›meinen‹ Obdachlosen nach

Köln, muss ich oft an Robson und

seine »bicicloteca« denken – und

ich erzähle auch oft davon. Auch

die vielen anderen Mut machenden

Begegnungen und Erfahrungen in

den Schulen und Projekten bleiben

nachhaltig in meiner Erinnerung.

Nordost-Brasilien – eine Region,

die ich trotz ihrer zahlreichen

sozialen Probleme, ihrer schroffen

Gegensätze zwischen den wenigen

reichen, stacheldrahtumzäunten

Villen und den vielen ärmlichen

Lehmhütten als Ort lebendiger

Inspiration kennengelernt und

schätzen gelernt habe. Als einen

Ort, an dem etwas spürbar wird

von unserem ›heruntergekommen

Gott‹, der zu neuem Leben befreit!

Markus Fuhrmann ofm

Markus Fuhrmann ist Obdachlosenseelsorger

in Köln und engagiert sich im Franziskanerorden

auf nationaler und internationaler

Ebene für den Bereich Gerechtigkeit,

Frieden und Bewahrung der Schöpfung.

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Franziskaner Mission 1 | 2012 — Leben teilen – Brüder in Mission

Kurznachrichten

Die Brüder Markus Fuhrmann und Augustinus

Diekmann im Januar 2012 beim Provinztreffen in

Bacabal

Jüngste Brasilienreise der

Franziskaner Mission

Am 19. Januar ist Bruder Augustinus

Diekmann, der Leiter der Franziskaner

Mission, von einer dreiwöchigen Projektreise

durch Brasilien zurückgekehrt.

Begleitet wurde er in diesem Jahr von

Bruder Markus Fuhrmann, Obdachlosenseelsorger

in Köln und Mitglied des

internationalen Aufsichtsrates von Franciscans

International. Die Begleitung der

Brasilienreise von Bruder Augustinus durch

einen weiteren deutschen Franziskaner ist

mittlerweile Tradition und Ausdruck des

Anliegens, die missionarische Dimension

des franziskanischen Charismas auch in

die deutsche Franziskanerprovinz hineinzutragen.

Siehe Reisebericht ab Seite 26.

60 Jahre Franziskanerprovinz Bacabal

Gleich zu Beginn ihres Besuchs im

Nordosten Brasiliens nahmen Augustinus

Diekmann und Markus Fuhrmann am

Franziskaner

Treffen der Franziskanerprovinz von

Bacabal teil, die in diesem Jahr auf ihr

60-jähriges Bestehen zurückblicken

kann. Am Ende des einwöchigen

Brüdertreffens wurde dieses Jubiläum

feierlich begangen. Höhepunkte dieser

Feierlichkeiten waren eine Fotoausstellung

über die Entwicklung der Provinz

von den Anfängen bis heute, die

Aufführung des Theaterstückes »Von

Franziskus zum Heiligen Franziskus

– Der Weg eines Heiligen« durch die

Theatergruppe der Frei-Alberto-Schule

sowie ein Vortrag des Erzbischofs von

São Luís, Dom José Belisário ofm, zum

Thema »Herausforderungen für die

Franziskaner in der brasilianischen

Kirche heute«. Den Abschluss des

Jubiläums bildete ein Dankgottesdienst

in der Pfarrkirche St. Franziskus,

Bacabal mit Dom José Belisário ofm

und fast allen Brüdern der Provinz,

der unter großer Anteilnahme der

Menschen gefeiert wurde. Siehe auch

www. franziskanermission.de

Besuche von Hilfsprojekten der

Franziskaner Mission

Nach der Teilnahme am Provinztreffen

in Bacabal besuchten die beiden Reisenden

einzelne Hilfsprojekte, wie zum

Beispiel die Frei-Alberto-Schule in São

Luís, die Familienlandwirtschaftsschule

Manoel Monteiro in Lago do Junco und

das Sozialprojekt SEFRAS in São Paulo.

Die Orte Lago da Pedra und Teresina

standen ebenso auf dem Reiseplan wie

die neue Franziskanerpfarrei in Caracol.

»Franziskaner« – Das Magazin für Franziskanische Kultur und Lebensart

Schwerpunktthema der neuen Ausgabe:

Abschied und Aufbruch – Rituale

für das Leben. Gerade in der Freiheit

des Loslassens zeigt sich, was bleibt.

Im schmerzlichen Trauerprozess um

einen lieben Menschen kann mir seine

Gegenwart neu geschenkt werden.

Weitere Themen: Die Missionszentrale

der Franziskaner in Bonn //

Die franziskanische Künstlerin Berta

Hummel // Geistlicher Wegbegleiter

Um die kostenlos erhältliche

Zeitschrift »Franziskaner«

zu beziehen, wenden Sie

sich bitte an:

Franziskanerkloster

Am Frauenberg 1

36039 Fulda

Angela Heiner

Tel.: 06 61/10 95-36

E-Mail: angela.heiner@franziskaner.de

www.zeitschrift.franziskaner.de

Damit die Gesundheit auf der Erde

eine Chance bekommt

So lässt sich das Motto der diesjährigen

Fastenaktion (Campanha da Fraternidade)

der Brasilianischen Bischofskonferenz

CNBB übersetzen, das sich auf den Satz

aus dem Buch Jesus Sirach 38, 8 bezieht:

»Damit sich die Gesundheit über die Erde

ausbreite.«

Jahresbericht Caritas Somalia 2011

Vor einigen Tagen erhielten wir von

Bischof Giorgio Bertin ofm den Jahresbericht

2011 von Caritas Somalia. Bischof

Bertin, der momentan die Interessen von

Somalia bei einer Konferenz der UN in

New York vertritt, gibt in diesem Bericht

einen sehr detaillierten Einblick über die

aktuelle politische und humanitäre Lage.

Darüber hinaus wird ausführlich beschrieben,

für welche Zwecke und Projekte

die Spendengelder – auch die von der

Franziskaner Mission – verwendet wurden.

Den ausführlichen Rechenschaftsbericht

des Bischofs finden Sie unter »Aktuelles«

auf www.franziskanermission.de

Besuch bei Dona Maria do Carmo Morais am

Stadtrand von São Luís

Impressum

Projekt

Neue Mission in Caracol und Guaribas

Caracol von den Bergen aus

Caracol und Guaribas sind zwei

Landkreise mit insgesamt ca.

15.000 Einwohnern im Süden des

brasilianischen Bundesstaates Piauí,

ganz in der Nähe des Nachbarstaates

Bahia. Mit fast 5000 km

bilden sie das Territorium der

Anfang 2010 von den Franziskanern

neu übernommenen Pfarrei

Bom Jesus dos Aflitos (Pfarrei »Vom

mitleidenden Jesus«). Die Gemeinde

gehört zur Diözese São Raimundo

Nonato, einer der ärmsten Brasiliens.

Die Pfarrei Bom Jesus dos Aflitos wurde

1972 gegründet, hat aber über die

Jahre hinweg noch keine nachhaltige

Lösung gefunden, sich selbst zu finanzieren.

Die brasilianischen Franziskaner,

Franziskaner Mission erscheint viermal im Jahr

und kann als kostenfreies Abo bestellt werden

unter Tel. 0231/176337-65 oder info@franziskanermission.de.

Franziskaner Mission erscheint im

Auftrag der Deutschen Franziskanerprovinz von

der Heiligen Elisabeth (Germania), der Provinz

von Bacabal (Brasilien) sowie der Missionszentrale

der Franzis kaner in Bonn-Bad Godesberg.

Herausgeber Franziskaner Mission, Dortmund

Verantwortlich Augustinus Diekmann ofm

Redaktion Stefan Federbusch ofm,

Natanael Ganter ofm, Frank Hartmann ofm,

Thomas M. Schimmel, Alfons Schumacher ofm

Leben teilen – Brüder in MissionFranziskaner Mission 1 | 2012

Frei Jonecildo da Silva Cruz (34) und

Frei Jared Carvalho da Cruz (44),

von der Provinz Bacabal versuchen,

mit viel Geduld und Kreativität ein

Zugehörigkeitsempfinden unter den

Gemeindemitgliedern zu fördern und

Bewusstsein für den sogenannten

»dizimo« (freiwillige Kirchenabgabe)

zu schaffen. Aber vor allem möchten

die Brüder mit dem Not leidenden

Volk unterwegs sein und ihnen den

Trost ihres Pfarrpatrons, des mitleidenden

Jesus zusprechen.

Aktuelle Herausforderungen sind

vor allem:

– Die Weiterentwicklung der 57 zur

Pfarrei gehörenden Kapellengemeinden,

die zum größten Teil aber

noch gar keine Kapelle haben.

– Schulung und Weiterbildung von

Führungskräften in Gemeindeleitung

und Katechese.

– Entwicklung von sozialen Initiativen

für die Kinder vieler allein erziehender

Mütter und für Jugendliche

ohne jegliche Berufsperspektiven.

– Sorge um die Familien mit dem

Abwandern der Väter als Hilfsarbeiter

in die großen Bauprojekte

in Rio de Janeiro und anderswo.

– Eine gesicherte Wasserversorgung

für alle Menschen in der Halbwüste

von Caracol und Guaribas.

– Caracol ist das Eingangstor eines

großen und gerade erschlossenen

Nationalparks mit atemberauben-

Fotos Lukas Brägelmann: Titel, S. 3 u., 6, 14, 30 o.

Natanael Ganter: S. 2 li., Mitte, 8.

FMV-Archiv: S. 2 re., 5, 11, 12 (alle).

FM-Archiv: S. 3 o., 7 o., 31 (Karte), Partnerschaftserklärung.

Agentur Meinhardt: S. 4 (Grafik). Ivica Perić: S. 7 u.,

18 –19 (alle). Markus Heinze: S. 9. MZF-Archiv: S. 10 –11.

Richard Dzierzenga: S. 20 –21 (beide). Zacarias Nunes Lopes: S. 22 –23, 30 u.

Alfons Schumacher: S. 24 –25. Augustinus Diekmann: S. 26 –29 (beide), 31.

Adveniat-Fotoarchiv Essen: Rückseite.

Mittelseite:

FM-Archiv, FMV-Archiv.

Gestaltung sec GmbH, Osnabrück

Druck IVD, Ibbenbüren; gedruckt auf Recycling-Papier

den Felsformationen und Spuren der

Ureinwohner vom indigenen Stamm

der Tapuios. Die Franziskaner wollen

sich dort dafür einsetzen, dass die

arme Bevölkerung in der Nähe des

Parks auch von dessen Erschließung

profitiert.

Bitte helfen Sie mit, dass Frei Jonecildo

und Frei Jared in Caracol und

Guaribas ganzheitliche Seelsorge

leisten können, im Aufbau der

Pfarrei, aber vor allem auch in der

Schaffung neuer Lebensperspektiven

für die Menschen dort.

Caracol und Guaribas im Süden des brasilianischen

Bundesstaates Piauí

Spendenhinweis

Bitte nutzen Sie den

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für Ihre Spende.

Ab 50 Euro erhalten Sie

von uns automatisch eine

Spendenbescheinigung.

Für Spenden unter 50 Euro

erhalten Sie diese auf

Anfrage.

Telefon 02 31/17 63 37 5

Fax 02 31/17 63 37 70

info@franziskanermission.de

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Mission heißt aufbrechen,

sich auf den Weg machen,

alles lassen,

aus sich herausgehen,

die Kruste des Egoismus zerbrechen,

die uns in unser Ich einsperrt.

Mission heißt aufhören

sich um sich selbst zu drehen,

als wären wir allein der Mittelpunkt

der Welt und des Lebens.

Mission heißt sich nicht einschließen

in die Probleme der kleinen Welt,

zu der wir gehören.

Der Mensch ist viel größer.

Mission heißt immer aufbrechen,

aber nicht Kilometer fressen.

Mission heißt vor allem

sich öffnen für die anderen,

als Geschwister

sie finden

und ihnen begegnen.

Und wenn es nötig ist,

um sie zu finden und zu lieben,

die Meere zu durchkreuzen

und durch die Lüfte zu fliegen,

dann ist Mission aufbrechen

bis an die Grenzen der Erde.

Dom Helder Camara

1909-1999

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