Nr. 119 «Kylie» - Winter 2024
Die Winterausgabe mit 132 Seiten MANNSCHAFT ist da: Wie du dich auf den ESC in Basel vorbereiten kannst, wie es der Community im «Wieder Trump»-Land geht und warum die bekannteste trans Frau der Schweiz ihre Transition bereut. Und haben wir schon Kylie Minogue erwähnt?
Die Winterausgabe mit 132 Seiten MANNSCHAFT ist da: Wie du dich auf den ESC in Basel vorbereiten kannst, wie es der Community im «Wieder Trump»-Land geht und warum die bekannteste trans Frau der Schweiz ihre Transition bereut. Und haben wir schon Kylie Minogue erwähnt?
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Deine Community, dein Team.
Nr 119
Winter 2024/25
mannschaft.com
Kylie Minogue: «Ich
bin oft die letzte auf
der Tanzfläche»
Seite 88
Heiraten ohne
Klischees: Die queere
Hochzeitsrevolution
Seite 28
Eurovision 2025:
Basel will neue
Massstäbe setzen
Seite 6
CHF 20
01.02.25 - THE HALL ZÜRICH
SNOW PATROL
29.03.25 - KOMPLEX 457 ZÜRICH
OLLY ALEXANDER
04.04.25 - KOFMEHL SOLOTHURN
BABY LASAGNA
08.04.25 - KOMPLEX 457 ZÜRICH
BABY LASAGNA
11.05.25 - ALHAMBRA GENÈVE
NEMO
14.05.25 - X-TRA ZÜRICH
NEMO
TICKETS: TICKETMASTER.CH
INFO: MAINLANDMUSIC.COM
Deine Community, dein Team.
CHF 20
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CHF 20
EDITORIAL
Bunt wie die
Community
MANNSCHAFT entstand 2010
als Monatsmagazin für schwule
und bi Männer. Seit 2020 sprechen
wir als Quartalsmagazin
die ganze queere Community
an. Einige Inhalte behandeln
LGBTIQ-Themen generell,
andere sind explizit schwul,
lesbisch, trans oder ein Mosaik
diverser Identitäten. So bunt
wie die Community eben.
Foto: Jasmin Zaccone
Neun Storys bilden das Herzstück
der MANNSCHAFT und
stehen jeweils für eine Farbe
der von Gilbert Baker 2017
entworfenen Regenbogenfahne.
MANNSCHAFT MAGAZIN
Nr. 119, Winter 2024/25
Das LGBTIQ-Magazin für die
Schweiz, Deutschland, Österreich
und Liechtenstein.
Comedian Nico Stank
über Zweifel, Erfolg und
Selbstakzeptanz
Seite 80
Nico
Eurovision 2025:
Basel will neue
Massstäbe setzen
Seite 6
Foto: Timo Gerber
Verschiedene Rubriken zu
Film, Lifestyle, Literatur und
Musik sowie aktuelle Meldungen
runden das Magazin ab.
Kylie Minogue: «Ich
bin oft die letzte auf
der Tanzfläche»
Seite 88
Nr 119
Winter 2024/25
mannschaft.com
Kylie Minogue: «Ich
bin oft die letzte auf
der Tanzfläche»
Seite 88
Kylie
Heiraten ohne
Klischees: Die queere
Hochzeitsrevolution
Seite 28
Eurovision 2025:
Basel will neue
Massstäbe setzen
Seite 6
Foto: Charlotte Rutherford
Nr 119
Winter 2024/25
mannschaft.com
Liebe Mannschaft
Juni 2024, Bern, Küche: «Mama, ich will kurze Haare.» «Wie kurz
denn?» «Wie Papa.» «Warum gerade wie Papa?» «Einfach.»
Daraufhin suchte ich mit meiner achtjährigen Tochter in der Bildersuche
des Internets nach Haarschnitten. Es dauerte nicht lange, bis sie
rief: «Das!» Auf dem Bild sah ich einen Jungen mit strahlblauen Augen
und verwuscheltem Kurzhaar.
«Das steht dir sicher gut. Es sind deine Haare. Schneid’ sie wie du
willst. Bedenke: Andere werden dich für einen Jungen halten. Wirst du
damit klarkommen?» «Sicher, ich weiss ja, dass ich kein Schnäbi hab’.»
(Schnäbi ist im Schweizerdeutschen ein kindlicher Ausdruck für Penis.)
Drei Tage später trägt meine Tochter kurzes Haar – und es steht ihr so
gut, dass ich denke: «Meine Kleine ist eine coole Socke.»
Eine Woche später beim Sportferienkurs sagt die Leiterin bei der
Anmeldung: «Die Gruppe ist nur für Mädchen.» Mein Mann, der sie
hingebracht hat: «Genau, sie ist ja ein Mädchen.» Vor der Umkleide
sagen die Kinder zu ihr: «Die ist nur für Mädchen.» Sie ist tapfer, zuckt
mit den Schultern. Ich frage sie, ob sie möchte, dass wir es richtigstellen,
wenn Fremde sie als Junge ansprechen. «Ja.» Jedes Mal, wenn ich
es tue, bin ich stolz auf unsere Tochter, weil sie der Gesellschaft den
Spiegel vorhält. Ich wusste, dass die Gesellschaft in Kurzhaar-Männlein
und Langhaar-Weiblein gepolt ist, aber wie allumfassend hat mich erst
das Schnipp-Schnapp unserer Tochter gelehrt. Auf dem Wuschelkopfbild
im Internet sah ich selbst einen Jungen. Inzwischen kann ich mir
unsere Tochter nicht mehr langhaarig vorstellen.
Letzte Woche: «Mama, ich lass mir die Haare wieder wachsen.»
«Echt? Wieso?» «Einfach.»
Haare sind eine haarige Sache. Darüber schreibt auch mein Co-Chefredaktionskollege
Greg Zwygart in seinem feinfühligen Porträt über die
bekannteste trans Person der Schweiz. Und das beginnt auf Seite 70 so:
«Wenn sich Nadia Brönimann eine neue Frisur zulegt, dann ruft gleich
die Presse an.»
Denise Liebchen, Co-Chefredaktorin
Winter 2024/25
3
Mannschaftsaufstellung
In dieser Ausgabe haben unter anderem diese Personen
für uns geschrieben, gezeichnet und fotografiert.
Foto: privat
Elizabeth Rushton ist freie
Journalistin. Sie schreibt
gern über Osteuropa, ihre
britisch-irische Heimat und,
wie in dieser Ausgabe, über
ihre lebenslange Leidenschaft
für den Eurovision
Song Contest.
→ Seite 6
2018 reiste Angela Weiß
nach Indien, um für MANN-
SCHAFT über arrangierte
queere Ehen zu schreiben.
In Texas erlebte sie die
US-Präsidentschaftswahlen
live mit und fing die Stimmung
der Community ein.
→ Seite 42
Magnus von Keil arbeitet als
Autor, Moderator, Sprecher und
Produzent bei Hörfunk und
Fernsehen – u.a. regelmässig als
Games-Experte im SAT.1 Frühstücksfernsehen
und neu auch
bei der MANNSCHAFT als Gayming-Experte.
Nachts dreht der
hoffnungslose 80er-Jahre-
Fetischist Original-Vinyls seiner
Lieblingsdekade in Berlin.
→ Seite 98
Foto: zvg
Von klein auf wusste Raffi p.n. Falchi, dass
er Fotograf werden wollte. Die Welt in Bilder zu
fassen ist seine Passion. Seit Ausgabe eins unseres
MANNSCHAFT Magazins verantwortet er
die Bildredaktion. Danke Raffi für deine
Profi-Äuglein.
→ Seite 68
4 Winter 2024/25
Timo Gerber ist gebürtiger
Basler und zog 2016 nach Berlin.
Er kreiert eigene Fotostrecken,
fotografiert Modekampagnen
sowie Kunstschaffende, die ihn
inspirieren – zum Beispiel
Comedian Nico Stank.
→ Seite 80
Maja Schirrle schreibt
gerne über Aussenseiter*innen,
Gestrandete
und Unterschätzte und
lieferte im Winter 2023 die
Reportage über Paris
Galán aus Bolivien. Für
uns führte sie das Interview
mit Nico Stank.
→ Seite 80
Kolumnen:
Mann, Frau Mona!, 37
Reden ist Gold, 97
Die trans Perspektive, 117
Storys
1 2 3
Kultur
«Die Musik
muss wieder
in den Mittelpunkt»
Lifestyle
Hopsassa
Heiraten
Ausland
Wieder
Trump
6
28 42
4 5 6
Fotografie
«Ich schämte
mich
für meine
Lunchbox»
Trans
«Ich hätte
niemals
transitionieren
dürfen»
Comedy
«Ich habe
mir selbst
nicht mehr
vertraut»
56
7
Gayming
«Our
Princess Is
In Another
Castle»
68 84
8 9
Reisen
Urlaub
mit meinem
besten
Kumpel
Community
Das grosse
Jahresquiz
100 108 122
Winter 2024/25
5
Story — 1
1
«Die Musik
muss wieder
in den Mittelpunkt»
6 Winter 2024/25
Story — 1
Text – Elizabeth Rushton
Nach Nemos Sieg beim Eurovision
Song Contest wird der
weltgrösste Musikwettbewerb in
Basel ausgerichtet. Die Organisator*innen
wünschen sich eine
bunte Feier mit Festivalstimmung.
Doch können sie die Fragen zu
hohen Kosten und die Kontroversen
von Malmö überwinden?
Winter 2024/25
7
Story — 1
Die Mammutaufgabe
Bis zum Finale des ESC in Basel am 17. Mai 2025 bleiben weniger
als sechs Monate, und der drittgrössten Stadt der Schweiz steht
eine Mammutaufgabe bevor. Sie muss Platz für Tausende Medienvertreter*innen
und bis zu 500 000 Fans schaffen, gemeinsam
mit der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG
SSR eine Show für mindestens 160 Millionen Zuschauende veranstalten
und dabei die immer komplexeren und sensiblen Anforderungen
der allmächtigen European Broadcasting Union (EBU)
stets im Auge haben.
Es ist kein kleiner Auftrag – selbst ohne die geopolitischen
Spannungen, die stets ihren Weg auf die Bühne dieses Wettbewerbs
finden, der sich gerne unpolitisch gibt. Fans und Feinde des
ESC blicken gleichermassen auf Basel und die Vorbereitungen auf
den ESC 2025. Wir sprachen mit Organisator*innen und Insidern
darüber, was von der dritten Austragung des ESC in der Schweiz
zu erwarten ist.
enau drei Minuten – so wenig Zeit kann es brauchen,
um 36 Jahre hoffnungsvollen Wartens zu beenden.
Und genau diese drei Minuten hat das 24-jährige Talent
Nemo aus Biel genutzt, um ganz Europa mit dem
Song «The Code», seinen operatischen Höhen und
einer schwindelerregenden Choreografie zu überzeugen
– und damit der Schweiz den ersten Platz beim
Eurovision Song Contest 2024 zu sichern. So etwas
hatte es seit 1988 nicht mehr gegeben.
Es war ein Moment, auf den Fans wie Lili Fröschl
aus St. Gallen jahrelang gewartet hatten. «Ich habe
geweint und bin herumgesprungen», erzählt Lili von
jener Nacht. «Das war sehr emotional für mich.» Sie
verfolgt den ESC seit ihrer Kindheit und hat den Musikwettbewerb
mit seiner kitschigen Theatralik und
den Balladen über Liebe und Frieden immer mit ihrer
Familie geschaut. Nun wird der 69. Eurovision Song
Contest in Basel ausgerichtet – und auf die Chance,
bei einem ESC in der Schweiz live dabei zu sein, haben
Fans wie Lili seit Jahren gewartet.
Lys Assia, Céline Dion, Nemo
Die Geschichte der Schweiz am ESC ist lang, glanzvoll und kompliziert.
1956 erblickte das «Gran Premio Eurovisione della Canzone
Europea» in Lugano das Licht der Welt und wurde direkt
von der Schweizerin Lys Assia mit dem Lied «Refrain» gewonnen.
32 Jahre vergingen bis zum nächsten Sieg: 1988 triumphierte
eine damals relativ unbekannte Sängerin namens Céline Dion.
Seitdem verlief es für die Schweiz beim ESC nicht immer reibungslos:
Zwischen 2004 und 2024 schaffte es der Schweizer
Song nur neun Mal aus dem Halbfinale. Am 11. Mai 2024 änderte
sich jedoch alles: Nemo gewann als dritter Act für die Schweiz –
und zwar als erste offen nicht-binäre Person.
Melisa Kaymaz muss sich immer noch daran gewöhnen. Sie
ist Präsidentin des Eurovision Club Switzerland, eines offiziellen
Fanclubs mit über 300 Mitglieder*innen aus der Schweiz. «Es
fühlt sich immer noch komisch an, nicht mehr sagen zu müssen,
dass unser letzter Sieg mit Céline war», sagt sie. Die riesige
Unterstützung für Nemo hat sie vor Ort beim ESC 2024 im
schwedischen Malmö miterlebt: «Es war unglaublich, wie alle die
Botschaft unseres Songs unterstützt und gefeiert haben.» Genau
das macht den ESC für sie aus: die Momente der Zusammenkunft
Bild: Eurovision
Der Countdown läuft:
Die Timeline bis zum ESC in Basel
MITTWOCH,
27. NOVEMBER
Bereits Ende November findet
der erste nationale Vorentscheid
statt mit dem montenegrinischen
Montesong.
BIS ENDE
DEZEMBER 2024
Nach Angaben der SRG sollen
Tickets für die zwei Halbfinals
am 13. und 15. Mai 2025, das
grosse Finale am 17. Mai und
die sechs Preview-Shows noch
vor Weihnachten in den Verkauf
gehen.
JANUAR
2025
Stabsübergabe und Auslosung der
Halbfinals. Als symbolische Übergabe
entwirft jede Host-City einen Schlüsselanhänger
für den ESC-Schlüsselbund, der
der nächsten gastgebenden Stadt übergeben
wird. Danach folgt die Verteilung
der teilnehmenden Länder über die zwei
Halbfinals, die zuletzt immer live übertragen
wurde.
8 Winter 2024/25
Story — 1
Nemo wurde in Malmö
umjubelt, die israelische
Sängerin Eden Golan
ausgebuht.
SAMSTAG,
25. JANUAR
SAMSTAG,
1. FEBRUAR
SAMSTAG,
8. FEBRUAR
SAMSTAG,
15. FEBRUAR
Luxembourg wählt beim
Mit dem Finale des spani-
Noch ein Wochenende mit
Heute haben ESC-Fans die
Luxembourg Song Contest
schen Benidorm Fest könnte
zwei Vorentscheiden: An die-
Wahl zwischen drei Vorent-
seinen zweiten ESC-Akt seit
der erste Akt der «Big 5»-Län-
sem Tag findet das finnische
scheiden mit dem estnischen
der Rückkehr zum ESC nach
der feststehen. Auch Slowe-
Uuden Musiikin Kilpailu sowie
Eesti Laul, dem litauischen
31 Jahren im Jahr 2024.
nien wählt an diesem Abend
das Finale des Malta Eurovi-
Eurovizija.LT und dem Finale
seinen Song mit dem Vorent-
sion Song Contest statt.
des italienischen Sanremo-
scheid EMA.
Festivals.
Winter 2024/25
9
Story — 1
«Queere Gäste sollen sich willkommen
und sicher fühlen.»
Bild: Kanton Basel Stadt
Eventmanager
Beat Läuchli
durch die Musik. In Basel wird sie nun selbst solche
Momente schaffen müssen: Fanorganisationen wie
der Eurovision Club Switzerland sind eingeladen, das
Begleitprogramm des Wettbewerbs mitzugestalten.
Eine halbe Million Menschen in Basel
Das Finalrennen zwischen Basel und Genf um die
Gastgeberschaft des ESC 2025 war knapp. Am Ende
konnte jedoch das Basler Konzept überzeugen, das
unter dem Motto «Grenzen überwinden» die gesamte
Stadt einbeziehen soll. In der St. Jakobshalle werden
bis zu 11 000 Zuschauende bei insgesamt neun
Shows, drei davon live im Fernsehen, den ESC hautnah
miterleben. Am Tag des Finales gibt es ausserdem
die «Arena Plus» im St. Jakob-Park mit Auftritten
von ESC-Stars und Public Viewing für 34 000 Besuchende.
Im Stadtzentrum ist einiges los auf offenen
Bühnen, mit Essensständen und dem «Eurovision
Village» in der Messehalle mit Public Viewings für bis
zu 10 000 Zuschauende. Um die erwarteten 500 000
ESC-Besuchenden zwischen den beiden Standorten zu befördern,
wird das Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln deutlich ausgeweitet.
Verantwortlich für die Umsetzung des Begleitprogramms ist
der Eventmanager Beat Läuchli. Er hat bereits Veranstaltungen in
Basel, wie die Kunstturn-EM 2021 und das «Drummeli» im Rahmen
der Basler Fasnacht, verantwortet und ist nun Gesamtprojektleiter
für das ESC-Programm. «Herausfordernd ist die kurze
Zeit bis zum Anlass im nächsten Mai», sagt Beat. Die Vorbereitungen
im Koordinationsdreieck der SRG, EBU und dem «Host-
City»-Team des Kantons Basel-Stadt laufen «auf Hochtouren» und
machen «unglaublich Spass», sagt er.
Beats Motto für das Rahmenprogramm ist «vielfältig, kreativ
und inklusiv»: Dabei legt er einen Schwerpunkt darauf, dass sich
queere Gäste als «wichtiger Teil der ESC-Community» willkommen
und sicher fühlen. Geplant sind Sensibilisierungsschulungen
für die 700 ESC-Volunteers und die Tourismusbranche sowie
Awareness-Massnahmen auf der Strasse und an den Veranstaltungsorten.
Auch Anlaufstellen für Betroffene von Gewalt und
Feindlichkeit wird es in Basel geben.
Auf offenen Bühnen, in Schulen und Altersheimen
Darüber hinaus laden die Organisator*innen die gesamte Stadt
und Region ein, den Basler ESC mitzugestalten. Musiker*innen
aus Basel und dem Dreiland, also der grenznahen Region zwischen
Deutschland, Frankreich und der Schweiz, können sich für
Auftritte auf den vielen offenen Bühnen während der ESC-Woche
bewerben. Auch die Gastronomie kann die Stimmung etwa mit
Karaoke-Partys befeuern – und womöglich dafür finanzielle Unterstützung
bekommen. Wie beim ESC in Liverpool 2023 sollen
die Feierlichkeiten auch in Schulen, Altersheimen und Pflegeeinrichtungen
stattfinden. «Es soll ein buntes, fröhliches und grosses
Fest werden für alle, die daran teilnehmen möchten», so Beat.
SAMSTAG,
22. FEBRUAR
MÄRZ
2025
SAMSTAG,
1. MÄRZ
SAMSTAG,
8. MÄRZ
Das kleinste teilnehmende
Land wählt seinen ESC-Akt im
Finale des Vorentscheids Una
Voce per San Marino.
Head of Delegations Meeting.
Die Leiter*innen der Delegationen
aus allen teilnehmenden
Ländern werden zu Besuch in
Basel sein und schauen sich
die St. Jakobshalle an. Ein
wichtiger Moment, denn damit
fällt die Frist, bis zu der die Länder
der EBU Angaben zu ihrem
ausgewählten Lied machen
müssen.
Mit Stefan Raab wieder an der
Spitze sucht Deutschland
seinen ESC-Act und ein Ende
seines miserablen ESC-Glücks
mit dem neuen Format «Chefsache
ESC 2025 – Wer singt für
Deutschland?». Zwei weitere
teilnehmende Künstler*innen
werden auch bekannt beim
dänischen Melodi Grand Prix
und dem serbischen Pesma za
Evroviziju.
Nach fünf Halbfinals findet
das Finale des wohl grössten
ESC-Vorentscheids statt – des
schwedischen Melodifestivalen.
10 Winter 2024/25
Story — 1
Vor Nemo gewannen
diese zwei Grand Dames
den ESC für die Schweiz:
Lys Assia (1956, unten),
Céline Dion (1988).
Bilder: Eurovision
Die Geldfrage
Die Party in Basel sollte also keine kleine sein – zumal die Kassen,
die sie finanzieren, es auch nicht sind. 38,5 Millionen Franken hat
der Kanton Basel-Stadt für das Budget zugelassen, das unter anderem
folgende Kosten umfasst: 450 000 Franken für eine temporäre
Deckenverstärkung an der St.-Jakobshalle, 8 Millionen für
Sicherheit, Rettung und Cyberabwehr, 14,6 Millionen für Technik
und Strom bei den Shows – und vieles mehr.
Dabei erzählt die Finanzlage bei der SRG und ihren Tochterunternehmen
eine andere Geschichte. In vielen Bereichen muss
gespart werden; allein das SRF kündigte im September an, 75
Vollzeitstellen abzubauen und die Redaktionen von
Radio und Fernsehen zusammenzulegen. Der Anteil
der SRG an den ESC-Kosten ist noch nicht bekannt –
aber wie lassen sich solche Sparpläne mit einem Grossevent
wie dem ESC vereinbaren?
Ein Sprecher der SRG räumt ein, dass der ESC für
jedes Austragungsland eine Herausforderung darstellt
– sowohl organisatorisch als auch finanziell. Aber:
«Die SRG konnte seit dem letzten Schweizer ESC 1989
in Lausanne 35 Mal von einem Grossereignis profitieren
und ihre Talente schicken, ohne selbst viel Geld
auszugeben.» Es sei daher «solidarisch und gerecht»,
dass die SRG erneut Gastgeberin sei, was auch «eine
Ehre und eine grosse Freude» für den Sender sei.
Die Organisator*innen sehen eine grosse Chance.
«Die Steuergelder, die der Kanton Basel-Stadt für den
ESC ausgibt, kommen massgeblich dem lokalen Gewerbe
und der Bevölkerung zugute», sagt eine Sprecherin
der Host-City Basel. Eine Studie der Universität
Liverpool gibt dazu Hoffnung: Der ESC 2023 soll
eine Wertschöpfung von etwa 62 Millionen Franken
für die Stadt generiert haben. Weitere Beiträge zur
SONNTAG,
11. MAI
DIENSTAG,
13. MAI
DONNERSTAG,
15. MAI
SAMSTAG,
17. MAI
Am Sonntagabend vor der
Um 21 Uhr Mitteleuropäischer
Nach dem zweiten Halbfinale
Das Finale des Eurovision
Show-Woche findet auf dem
Sommerzeit beginnt das erste
wird die Aufstellung für das
Song Contest wird live aus
Messeplatz in Basel die
Halbfinale.
grosse Finale feststehen.
Basel zu einem Fernseh-
Eröffnungsfeier des ESC
publikum von Hunderten
statt. Die Artists stellen sich
Millionen Zuschauenden aus-
Fans und Medien auf dem
gestrahlt. Nemos Nachfol-
«Turquoise Carpet» vor und
ger*in wird ausgewählt – und
werden bei einem Empfang
dann geht alles wieder von
durch den Kanton Basel-
vorne los . . .
Stadt, die SRG und geladene
Gäste begrüsst.
Winter 2024/25
11
Story — 1
Finanzierung des ESC werden aus Ticketverkäufen und Sponsoring-Partnerschaften
kommen – etwa mit dem Pharmakonzern
Novartis.
Melisa Kaymaz präsidiert den Eurovision Club Switzerland.
Laute Gegner*innen in der Politik
Für den Grossteil der Basler Politik ist die Ausrichtung des ESC
den grossen Aufwand wert: Am 11. September bewilligte der
Grosse Rat den Nachtragskredit für den ESC mit 87 zu 4 Stimmen
und 4 Enthaltungen. Doch es gab auch laute Gegner*innen,
vor allem in der Eidgenössisch-Demokratischen Union (EDU), die
eine Volksabstimmung gegen die Bereitstellung von 38,5 Millionen
Franken öffentlicher Gelder für den «woken» ESC forderten.
Die konservative christliche Kleinpartei behauptet, ihre Ablehnung
des ESC basiere allein auf dieser Geldfrage und weist den
Vorwurf zurück, ihre Kampagne sei queerfeindlich. Auf der Webseite
der Referendumskampagne wird der ESC als reine «Propaganda-Veranstaltung»
bezeichnet, bei der Nemo «Gender-Ideologie»
verbreite und der ebenfalls nicht-binäre irische Akt Bambie
Thug «Okkultismus und Satanismus» zelebriere.
Nachdem die EDU 4203 Unterschriften für ein Referendum gesammelt
hatte, fand am 24. November die Abstimmung über den
ESC-Kredit statt. (Das Ergebnis war zum Redaktionsschluss noch
nicht bekannt, ist aber auf mannschaft.com nachzulesen.)
Zvi Josef, ein Fan aus Israel.
Alan Tubery: lebenslanger Fan und DJ bei ESC-Partys.
Bilder: Eurovision
Ausgebuchte Hotels, überteuerte Hostels
Auch viele ESC-Fans sehen sich mit der Geldfrage konfrontiert.
Denn die meisten Basler Hotelzimmer sind bereits ausgebucht,
und die wenigen verfügbaren sind erschreckend teuer. Ein Hotelzimmer
für die gesamte Woche kostet selten weniger als zehntausende
Franken; selbst ein Hostelbett in einem Schlafsaal für
16 Personen kostet in der ESC-Woche 230 Franken die Nacht.
Könnten die hohen Unterkunftskosten selbst leidenschaftliche
ESC-Fans davon abhalten, nach Basel zu kommen?
Lili Fröschl stört sich daran nicht. «Die Schweiz ist kein grosses
Land – wer dort wohnt, muss in Basel kein Hotel buchen»,
sagt sie. «Ich brauche von St. Gallen nach Basel nur zwei Stunden
– dann fahre ich lieber mit dem Auto nach Hause.» Einige
internationale Fans, die normalerweise beim ESC dabei sind, sind
allerdings noch nicht überzeugt. «Es ist buchstäblich unmöglich,
für den 13. bis 18. Mai 2025 ein Hotel in der Stadt zu finden», beklagt
Zvi Josef, ein Fan aus Israel. «Deshalb habe ich meine Pläne
abgesagt.» Von der Möglichkeit, in einer anderen Stadt zu übernachten
und nach Basel zu pendeln, hält er wenig, das habe er
schon einmal bei einer Familienangelegenheit in Basel gemacht:
«Das war zu kompliziert.»
Kontroversen und die gespaltene Community
Zvi spricht ein weiteres Thema an, über das viele ESC-Fans Aufklärung
wünschen: die dramatischen Geschehnisse beim ESC
2024 in Malmö. «Die EBU darf Hass und Mobbing nicht mehr
tolerieren, wie sie es in Malmö so unverblümt getan hat», sagt
er. Vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts kam es in Malmö
zu Demonstrationen gegen die Teilnahme Israels, die israelische
12 Winter 2024/25
Story — 1
Sängerin Eden Golan erhielt Morddrohungen. Hinter den Kulissen
gab es wiederholt Spannungen zwischen den Delegationen
Israels und anderen Ländern; dreizehn Delegationen beschwerten
sich bei der EBU über eine «unsichere Arbeitsumgebung».
Diese Spannungen waren auch in der Arena spürbar, wie Alan
Tubery berichtet. Alan ist lebenslanger ESC-Fan und in der Fan-
Community bekannt für seine DJ-Auftritte bei ESC-Partys und
offiziellen Veranstaltungen – auch in Malmö, trotz Terrorbedrohungen
und hoher Polizeipräsenz. «Ich habe mich nie in Gefahr
gefühlt, aber die Situation hatte Auswirkungen auf die Publikumsgrösse,
und viele Künstler*innen sagten ihre Auftritte aus
Angst ab», sagt er.
Was er aber in der Arena erlebte, schockierte ihn. «Einige Leute
neben uns protestierten gegen das israelische Lied, indem sie
Eden während ihres Auftritts den Rücken kehrten», sagt er. Diese
Protestform konnte er akzeptieren, doch dann eskalierte die Situation.
«Andere in der Reihe über und neben uns buhten lautstark,
und da wir nicht mitmachten, wurden wir geschubst und angeschrien.
Das war erschütternd.»
Mittendrin kam es zu einem weiteren Drama: Der niederländische
Vertreter Joost Klein, ein Favorit für den Sieg, wurde nur
Stunden vor dem Finale disqualifiziert, weil er eine Kamerafrau
gewalttätig bedroht haben soll. Die schwedische Polizei ermittelte,
stellte den Fall aber schliesslich ein. In den sozialen Medien
und auf Fanseiten überschlugen sich die Gerüchte zu den zwei
Skandalen. Die mediale Aufmerksamkeit für den ESC wuchs, und
der Umgang der EBU mit dem Chaos spaltet die Fan-Community
bis heute.
Das schwierige Erbe
Basel erhält nun dieses schwierige Erbe. Der Druck von den Fans
ist gross, wieder etwas Ruhe herzustellen. «Nächstes Jahr muss
die Musik wieder in den Mittelpunkt», so Melisa Kaymaz. «Malmö
war eine Erfahrung, aus der man lernen muss, damit sich
solche Vorfälle nicht wiederholen.» Nach dem ESC in Malmö beauftragte
die EBU einen unabhängigen Bericht über die Geschehnisse.
Darin wurden drei Bereiche für Verbesserungen ermittelt:
Klarheit aus den EBU-Aufsichtsorganen, Sicherheits- und Risikomanagement
und das öffentliche Engagement für die ESC-Marke.
Die EBU teilt mit, dass Arbeitsgruppen aktuell damit beschäftigt
seien, Änderungen gemäss den Empfehlungen vorzunehmen.
So sollen in Zukunft alle, «unabhängig von der Rolle, eine positive
und sichere Erfahrung beim ESC machen können». Einige Änderungen
sind bereits bekannt: In Basel wird es Rückzugsräume
für die teilnehmenden Künstler*innen geben, in denen sie nicht
gefilmt werden dürfen. Der britische Fernsehproduzent Martin
Green wird als neuer «ESC Director» das Image des Wettbewerbs
verantworten und Aufgaben des Executive Supervisors, Martin
Österdahl, übernehmen. Während des Finales in Malmö wurde
Österdahl mehrfach ausgebuht.
Werden solche Schritte ausreichen, um die Kontroversen aus
Malmö hinter sich zu lassen? Der SRG-Sprecher zeigt sich optimistisch.
«Die EBU hat die Ereignisse analysiert, Lehren daraus
gezogen, Massnahmen vorgesehen. Diese werden wir gemeinsam
im Dreieck Host City, SRG und EBU in Basel umsetzen.» Im
Interview mit dem Sonntagsblick appellierte auch Bakel Walden,
ehemaliges Mitglied der SRG-Geschäftsleitung und Chef des
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Story — 1
ESC-Aufsichtsrats, an die Teilnehmenden und Fans: «Wir
können während des ESC die vielen Kriege und Konflikte auf
der Welt nicht lösen. Aber es ist ein starkes Statement, wenn
wir fair, friedlich und respektvoll miteinander umgehen.»
Der Beweis, ob dies tatsächlich gelingt, wird erst in der ESC-
Woche selbst zu sehen sein.
Melisa Kaymaz setzt ihre Hoffnung für die Zukunft des
ESC nicht in die EBU, sondern in die neue Generation von
Fans: «Die Fans sind und werden immer hier sein – trotz Erfahrungen
wie in Malmö.» Sie spürt einen Wertewandel bei
den überwiegend jungen Menschen, die jetzt an der Spitze
der Fanclubs stehen. «Diese Leute sind sehr offen und fordern
mehr Diversität und Inklusivität.» Ihre grösste Hoffnung
für diesen Heimat-ESC ist, dass die Werte, die Nemo in «The
Code» besungen hat, die Menschen durch die Musik in Basel
zusammenbringen.
Bild: Basel Tourismus
Die «Eurovision Street» führt durch Kleinbasel.
Die wichtigsten Fragen zum ESC in Basel
Wann gehen die Tickets in den Verkauf und
was werden sie kosten?
Ein Sprecher der SRG SSR schreibt auf Anfrage: «Der Vorverkauf
für den ESC soll möglichst noch vor Weihnachten
starten.» Es sei allerdings noch zu früh, um Angaben zur
Preisstruktur zu machen. In Malmö kostete ein Ticket zum
Finale bis zu 315 Franken.
Wie finde ich noch ein Hotelzimmer?
Derzeit kosten die einzigen verfügbaren Hotelzimmer für die
ESC-Woche in Basel mehrere Zehntausende von Franken,
aber die Hoffnung ist noch nicht verloren. Auf Anfrage
schreibt Basel Tourismus, das nötige Kontingent an Unterkünften
für ESC-Offizielle (etwa 40 000 Übernachtungen verteilt
über zweieinhalb Wochen) sei während der Kandidatur
Basels provisorisch reserviert worden. Es kommen also noch
weitere Zimmer auf den Markt, sobald mehr über die genaue
Planung der ESC-Woche bekannt ist. Dazu soll es auch ein
Angebot an temporären Übernachtungsmöglichkeiten geben,
etwa mit einem Hotelschiff.
Wer wird die Schweiz nach Nemo vertreten?
Als Gastgeberin hat sich die Schweiz bereits einen Platz
im Finale neben den sogenannten «Big 5» – Deutschland,
Frankreich, das Vereinigte Königreich, Italien und Spanien
– als grösster Geldgeberin für den ESC gesichert. Das SRF
sucht schon nach dem Act, der sein Land auf heimischem
Boden vertreten darf. Bis zum 22. August konnten Künstler*innen,
Produzierende und Songwriter ihre Lieder für den
ESC einreichen, die Ergebnisse werden nun in einem mehrstufigen
Selektionsprozess durch Publikum- und Fachjurys
ausgewertet. Anfang 2025 soll der Schweizer Song für Basel
bekannt werden.
Was kann man in der ESC-Woche ausserhalb
der St.-Jakobshalle erleben?
Basel sieht eine «Eurovision Street» mit Musik und Essensständen
in der Steinenvorstadt und entlang des Kleinbasler
Rheinbords vor wie auch einen «Eurovision Boulevard» vom
Messeplatz über den Barfüsserplatz bis zur Heuwaage. In
der Messehalle werden das «Eurovision Village» beheimatet
sein mit Public Viewings und einem musikalischen
Begleitprogramm mit kostenlosem Eintritt und Platz für
10 000 Besuchende sowie der «EuroClub», in dem während
der ESC-Woche jeden Abend bis 5 Uhr morgens gefeiert
wird. Er wird im Austausch mit den ESC-Fanclubs, dem
Dachverband OGAE International und dem Schweizer und
dem schwedischen OGAE organisiert. Eventmanager Beat
Läuchli ist von der Zusammenarbeit schon beeindruckt: «Ich
bin begeistert, wie gross und gut organisiert die ESC-Fanorganisationen
sind!»
Wird Céline Dion auftreten?
Den zweiten ESC-Sieg der Schweiz sicherte sich die
20-jährige Céline Dion 1988 mit dem Lied «Ne partez pas
sans moi». Seit einigen Jahren bleibt der Weltstar dem
Rampenlicht fern aufgrund von gesundheitlichen Schwierigkeiten,
doch ihr Auftritt bei der Eröffnungsfeier der Olympischen
Spiele in Paris gibt nun vielen ESC-Fans Hoffnung.
Könnte Céline Dion im Rahmen des ESC in der St. Jakobshalle
auftreten?
Die SRG will erstmal nichts zum Inhalt der drei ESC-Shows
verraten. «Lassen Sie sich überraschen», schreibt ein
Sprecher auf Anfrage. Auch Bakel Walden verspricht «viel
Überraschendes» und gibt zu: «Ich war von Céline Dions
Auftritt und der gesamten Eröffnungsshow in Paris begeistert.»
Wichtig ist Fans wie Zvi Josef nur, dass es die «echte»
Céline wäre. «Bloss nicht wieder diese lächerlichen Avatars
wie von ABBA in Malmö!»
14 Winter 2024/25
AUSZEIT – WERBUNG
Was du in Washington
nicht verpassen solltest
AUSZEIT
mit der Mannschaft
Auf keinen Fall die WorldPride vom 23. Mai bis 8. Juni 2025. Millionen von Menschen
werden sich global solidarisieren und Vielfalt, Gleichheit, Liebe feiern.
Alle paar Jahre findet die weltweit grösste
LGBTIQ-Veranstaltung in wechselnden
Städten statt: In wenigen Monaten in
Washington, was zeitgleich das 50-jährige
Jubiläum der Pride-Feierlichkeiten in der
Stadt markiert. Wenn das keine aussergewöhnliche
Gelegenheit ist, die Hauptstadt
der Vereinigten Staaten zu besuchen.
Wer sich zur WorldPride aufmacht, sollte
dabei keines dieser fünf Washington-Must-
Dos verpassen.
1. BESUCHE (MINDESTENS) EINES DER
17 SMITHSONIAN MUSEEN
In Washington, DC, erwarten dich die
17 Smithsonian Museen – verwaltet von
der Smithsonian Institution, die grösste
Bildungseinrichtung der Welt. Egal ob
Kunst, Geschichte, Naturkunde oder
Technologie, der Eintritt ist kostenlos!
Bestaune zum Beispiel im National Air
and Space Museum echte Raumfähren
oder entdecke im National Museum of
African American History and Culture
bewegende Geschichten.
2. BETRACHTE DIE NATIONAL
MALL BEI NACHT
Die fast drei Kilometer lange National
Mall im Herzen von Washington erstreckt
sich vom US-Kapitol bis zum
Lincoln Memorial. Dort befinden sich
zahlreiche imposante Gedenkstätten.
Ein absoluter Geheimtipp: Die Monumente
im Abendlicht zu betrachten,
da sie wunderschön illuminiert sind
und zauberhafte Fotomotive bieten.
Am besten zu Fuss oder per Fahrrad
erkunden.
3. BRECHE AUF IN DIE NATUR
Washington ist die grünste Stadt der
USA. Mit dem Fahrrad aufbrechen, ein
Kajak mieten und den Potomac River
entlangfahren oder im Rock Creek Park
wandern? Unbedingt! Der Rock Creek
Park liegt im Norden der Stadt und ist
mit 708 Hektar etwa doppelt so gross
wie der berühmte Central Park in New
York.
4. TREIB ES BUNT IM DUPONT CIRCLE
Dupont Circle ist eines der beliebtesten
und ältesten Stadtviertel in DC. Hier
findest du zahlreiche LGBTIQ-Bars,
darunter JR’s Bar and Grill und die Bar
Number Nine. Das Viertel liegt auch auf
der Route der Capital Pride, die jedes
Jahr in Washington stattfindet, und
gilt als Herz der Queer-Community.
Natürlich wird es auch ein Hotspot der
Worldpride sein.
5. WASCH DEINE HÄNDE IN
SCHOKOLADE
In Washington gibt es alles, von entspannten,
kleinen Lokalen bis hin zu
Restaurants mit Michelin-Sternen. Die
Küche zeichnet sich durch unterschiedliche
ethnische Einflüsse aus, da die
Stadt als ein Schmelztiegel der Kulturen
gilt. Im Restaurant El Cielo gibt es zum
Beispiel eine «Chocotherapy», bei der
man sich die Hände in Schokolade
wäscht. Ein weiteres traditionsreiches
Lokal ist Ben’s Chili Bowl, wo auch
schon Michelle Obama gegessen hat.
Bilder: © washington.org
Bist du neugierig geworden? Dann
empfehlen wir dir folgende Seiten zum
Weiterstöbern:
washington.org und
worldpridedc.org
Winter 2024/25
15
LIFESTYLE
TREND BIS TRASH
Zusammengestellt von der
MANNSCHAFT-Redaktion.
Slowmance
«Slow Romance», kurz «Slowmance», trendet gemäss
der Dating-App Hinge: Besonders die Queer-Community
will bewusster daten und sich mehr Zeit nehmen, um
eine Person kennenzulernen.
Wurde auch langsam Zeit für ein Gegengift
gegen Ghosting, Situationships und
Swipe-Burnout. Feiern wir!
Bild: KI, Adobe Firefly
Lustiger Latte
Aus Manila kommt der «Bibingka
Latte»: ein Espresso mit gedämpfter
Milch, gekrönt mit gesalzenem Ei und
zerkleinertem Queso de Bola – ein
philippinischer Käse, der an einen
überdimensionierten Babybel erinnert
– und dekoriert mit einem verbrannten
Bananenblatt.
Ausgedacht von Gemini, dem
generativen KI-Modell von
Google, verfeinert von
Baristas der Firma Commune.
Interessant.
Bild: trendwatching.com
Kuschelroboter
Der kleine Roboter Moflin sieht aus wie ein Meerschweinchen, will
kuscheln und sehnt sich – mithilfe von KI – nach einer tiefen Bindung.
Der japanische Elektronikkonzern Casio will mit Moflin Menschen
helfen, denen es nicht möglich ist, ein Haustier zu halten. Moflin lernt
Gefühle über Streicheln, Halten und Zusprache. Eine dazugehörige
App zeigt den Stand der Beziehung mit ihren Emotionen:
Eine solche App wäre auch hilfreich für Beziehungen
zwischen Menschen. Abgesehen davon sind
wir kein Fan davon, das Umsorgen unserer Gefühle
an die KI auszulagern.
Bild: Casio
16 Winter 2024/25
LIFESTYLE
Aquatektur
Und noch so ein Kofferwort: Aus «Aqua» und «Architektur» wird die Aquatektur, die
Baukunst in und auf Wasser. Pinterest sagt der Gen X und den Millennials
nach, dass sie sich kreativ in Aquarien austoben.
Für alle, die Goldfische im Glas langweilig
finden, ein entschleunigendes und
hübsch anzusehendes Hobby.
Bild: Tetra
Bild: Erdinger Active Team
Winter Arc
Der Winter naht und die Selbstoptimierung
ist ihm auf den Fersen: Der
Trend «Winter Arc» fordert etwa
Single und nüchtern sein, 5 Uhr
aufstehen und pumpen, damit es
uns im Januar erspart bleibt.
Unsere Redaktion ist
gespaltet: Team «Kuscheldecke,
Sofa, TV» vs. Team
«Power, Passion, Energy».
Eine denkbare Lösung des
Konflikts: Balance, Baby.
Bild: Sungai
Flussplastikmöbel
Eine Idee geboren aus Plastiktüten: Die Firma Sungai sammelt
Flussplastik in Indonesien ein und stellt daraus Hocker, Stühle und
Bänke her. Ihr Ziel: Die Flussreinigung auf der ganzen Welt finanzieren.
Handwerkskunst trifft auf ethische Praxis und
Naturfürsorge. Finden wir geil, wenn es nicht
einen Haken hätte: der lange Lieferweg zu uns.
Telefonmaske
Mit der Skyted-Maske können wir im Zug sitzen oder im Grossraumbüro und
vertrauliche Geschäftszahlen besprechen, den Absturz vom letzten Wochenende
bequatschen oder einfach lästern, ohne Lauschangriff. Per Kabel oder Bluetooth
mit Telefonen, Kopfhörern oder Videocall-Software verbindbar.
Grosses ABER: die Optik. Erinnert uns an Darth Vader und
Puppys. Alles und jede*r hat seinen Platz. Ob dieser in
unserem Gesicht im öffentlichen Verkehr sein muss? Nö.
Bild: Skyted
Winter 2024/25
17
ALTER EGO
Die ach so gute Stimme
der Vernunft
Unsere Agentur an einem Montagmorgen. Ich lese die Mail
einer Kundin, für die wir eine Website für ein neues Yogazentrum
erstellen.
Kundin: Wie ich feststellen muss, wurden meine Änderungswünsche
noch nicht umgesetzt. Bitte schnellstmöglich erledigen! Und
wann geht der Shop online?
Ich (tippe): Guten Morgen. Wir haben Ihre Sprachnachricht am
Samstagabend erhalten. Die Änderungen werden wir umsetzen.
Der Shop steht, die Produkte müssen noch abgefüllt werden.
Können Sie uns bitte noch die Preise mitteilen?
Alter Ego: Nimm den Samstagabend raus. Das klingt sonst so
vorwurfsvoll.
Ich: Das soll es ja auch. Was erwartet sie denn? Dass wir jedes
Wochenende für sie durcharbeiten?
Alter Ego: Bleib einfach professionell und freundlich.
Ich lösche das Beanstandete und schicke die Mail ab.
Zehn Minuten später kommt die Antwort.
Kundin: Ich bin schon sehr erstaunt, wie lange Sie für diesen Shop
brauchen. Können Sie bitte noch den CV ergänzen (s. Anhang)?
Ich: Was? Wir wissen ja erst seit vorletzter Woche, dass es
überhaupt einen Shop geben soll!
Alter Ego: Reg dich nicht auf, du weisst doch, wie sie tickt.
Ich: Aber gleich wieder das Nächste schicken. Ihr CV ist doch
schon jetzt total überfrachtet.
Ich öffne den Anhang.
Ich: Ein Makramee-Kurs?! Was bitte hat das mit Yoga zu tun?
Ich (tippe): Wie schon mitgeteilt, ist das Abfüllen des Shops sehr
aufwändig. Und sind Sie sicher wegen des Handarbeitskurses?
Die CV-Seite ist schon sehr voll.
Alter Ego: Nicht abschicken. Ergänz es einfach und schweig.
Alter Ego: …beratungsresistent. Das wissen wir ja schon.
Wir arbeiten weiter. Mitte Nachmittag pingt meine Mailbox.
Kundin: Das Bild ist noch nicht ausgetauscht. Gibt es ein
Problem? Bitte im CV den Kurs rausnehmen. Wie weit sind
Sie mit dem Shop?
Ich: Hallo! Wir können uns doch nicht vierteilen!
Alter Ego: Ruhig bleiben.
Ich (tippe): Der Shop ist zur Hälfte abgefüllt. Um das Bild
kümmern wir uns danach. Bitte denken Sie an die Verkaufspreise.
Kundin (umgehend): Das Bild zuerst austauschen!
Allgemeines Stöhnen im Büro. Für die Bearbeitung und
die grafischen Anpassungen brauchen wir in der Folge gut
zwei Stunden.
Text: Mirko Beetschen
Illustration: Dominik Schefer
Eine halbe Stunde später erhalte ich die nächste Mail mit der
Anweisung, die Aufnahme des Yogaraums auszutauschen.
Ich (tippe grummelnd): Das neue Bild ist im Querformat – das
heisst, wir müssten das Layout komplett umstellen. Und für die Ansicht
auf dem Handy ist es nicht ideal.
Kundin (umgehend): Sie finden eine Lösung. Das Bild muss man
noch etwas bearbeiten.
Ich (baff): Sie ist absolut . . .
18 Winter 2024/25
Mirko Beetschen ist Schriftsteller –
ausgezeichnet mit dem Literaturpreis
des Kantons Bern.
Er liebt Design und Architektur,
seinen Vizsla-Rüde Puccini, Bäume,
Tee und London.
– alterego@mannschaft.com
Ich (tippe): Das Bild ist ersetzt. Und könnten Sie uns bitte
noch die Verkaufspreise schicken?
Kundin (nach einer Stunde): Bitte wieder das alte Bild rein.
Das neue sieht auf dem Handy nicht gut aus. Wie weit ist
der Shop?
Sprachlosigkeit im Büro.
Ich: Es reicht! Darf ich ihr jetzt bitte die Meinung geigen?
Alter Ego: Nein.
Ich verlasse das Büro, fahre mit dem Lift in den Keller, öffne
den Abfallcontainer und schreie fünf Minuten lang rein.
Zurück am Pult bedanke ich mich bei meinem Alter Ego
und schreibe betont höflich zurück. Auf die Preise warten
wir immer noch.
Let’s date
happy.
MANNSCHAFT+
ARTS
Bild: zVg
Ein Film wie
ein Gemälde
Poetisches Plädoyer für selbstbestimmtes Sterben: Julianne
Moore und Tilda Swinton sind die Stars in Pedro Almodóvars
Film «The Room Next Door», der den Goldenen Löwen in Venedig
gewonnen hat – nach einer 18-minütigen stehenden Ovation.
Das Drama von einer todkranken Frau, die ihr Leben beenden
will – und dabei von ihrer Freundin (im Zimmer nebenan)
unterstützt wird, erzählt der 74-Jährige mit leuchtenden Farben
und Bildkompositionen, die wie Gemälde gerahmt sind. Trotz
der Schwere des Themas leichtfüssig und mitunter lustig.
Startet in Deutschschweizer Kinos ab 12. Dezember.
Caring Communities
22 Winter 2024/25
Was brauchen Alternde, was braucht die Welt zum Überleben?
Sind «Sorgende Gemeinschaften» – im Privaten
wie im Globalen – die letzte Hoffnung? Die Laientheatergruppe
Senior Lab Zürich und der Verein Queer Altern
Zürich haben sich zusammengetan, um diese Fragen auf
der Bühne zu untersuchen. In ihrem neuen Stück «Caring
Communities oder wie wir gemeinsam grasen» unter der
Regie von Ron Rosenberg (Gorki-Theater in Berlin) teilen
16 Senior*innen ihre persönlichen Vorstellungen des
Alterns mit all ihren Hürden. Die Vorstellungen finden vom
17. bis 21. Dezember 2024 im Kulturmarkt Zürich statt.
Tickets:
Foto: El Deseo, photo by Iglesias Más
Queer Kids
Was bedeutet queer sein als junger Mensch
heute? Die Journalistin und Autorin Christina
Caprez liest am 2. Dezember im Progr in Bern
aus ihrem neuen Buch «Queer Kids». Darin
erzählen 15 Kinder und Jugendliche aus ihrem
Leben: das Grundschulkind, das weiss,
dass es ein Mädchen ist, obschon alle denken,
es sei ein Junge. Der schwule Jugendliche auf
dem Land, der in der Schule isoliert ist. Und die
nicht-binäre Aktivist*in, die ihre «Falschsexualität»
selbstbewusst nach aussen trägt. Das
Buch hilft zu verstehen, warum Fragen der
Geschlechtsidentität, der sexuellen Orientierung
und des Selbstausdrucks für Jugendliche
ein brennendes Thema sind. Moderiert von
Anna Rosenwasser. – progr.ch
Polarized:
Klischeetrotzende
Romanze
Als Kreuzung zwischen «Wild Rose» und
«Brokeback Mountain» zeigt diese
romantische Geschichte in der kanadischen
Prärie die Anziehungskraft zwischen
zwei gegensätzlichen Frauen: auf
der einen Seite Lisa, eine arme Sängerin
und Songschreiberin mit konservativ -
christlichem Hintergrund, die auf einer
Agri-Tech-Farm arbeitet, und auf der
anderen Seite Dalia, ihre fortschrittliche
muslimisch-palästinensische Chefin.
Allen Klischees trotzend, wird diese
queere Romanze von einem hervorragenden
Schauspielerinnenduo und
einem berauschenden Soundtrack
getragen mit arabischem Rap und
amerikanischem Country. «Polarized»
läuft am 10. und 11. Dezember im Kino
Rex Bern.
Bild: zVg
Konzert
und
Theater
St.Gallen
Jetzt im
Grossen Haus
konzertundtheater.ch
RICHARD
O’BRIEN’S
Mit grosszügiger
Unterstützung:
Hauptsponsor:
Co-Sponsor:
Medienpartner:
BY ARRANGEMENT WITH ATG
ENTERTAINMENT GMBH AND
THE ROCKY HORROR COMPANY LTD.
+B
MANNSCHAFT+
BRANDS
Backen mit Pride
Hol den Spritzbeutel raus und backe nach, was Janusz
Domagala in diese unwiderstehliche Sammlung süsser
Leckereien gesteckt hat: In «Baking With Pride» teilt der
Star von «Great British Bake Off» seine Rezepte für die
Retro-Liebesherz-Torte, Date-Night-Brownies, eine
Prosecco-Erdbeer-Mousse-Torte, Kekse fürs Selbstbewusstsein,
eine Pride-Flaggen-Torte und sogar für
hundefreundliche Leckereien. Yummy!
Bild: zvg
Adventskalender
für alle
Der Rainbowshop verpackt Geschenke
in 24 dekorativen Taschen mit passenden
Klammern und einem Seil, an dem
du alle aufhängen kannst. Erhältlich in
den Ausführungen: Rainbow, Gay,
Lesbisch, Bisexuell, Transgender,
Pansexuell. Für 139.90 Franken auf:
– rainbowshop.ch
Bild: zvg
Bild: zvg
«Machokultur» in
der Schweizer Armee
Seit 2023 bekennt sich die Armee zu einer Nulltoleranz-Strategie,
doch nun legt eine Studie erschreckende Zahlen offen.
Von 764 befragten Frauen und 362 Männern waren 50
Prozent von Diskriminierung betroffen, 40 Prozent von
sexualisierter Gewalt, 81 Prozent sprachen von einer Kultur,
die von sexistischen Bemerkungen und Witzen im Dienst
geprägt ist. Queere Personen sind häufiger betroffen als der
Durchschnitt. Die Dachverbände Transgender Network
Switzerland (TGNS), Pink Cross und die Lesbenorganisation
Schweiz (LOS) sprechen von einer «alarmierenden Realität»,
die zeige, dass die patriarchale Kultur tief in den Strukturen
der Armee verankert sei. Die Armee fungiere als Ort, «wo
kriegerische Männlichkeit reproduziert und Gewalt legitimiert
wird». Die Armee plant zusätzliche Massnahmen und
im Jahr 2027 eine nächste Befragung.
Volvo
vollelektrisch
Ein Fahrzeug der Zukunft. Der neue Volvo
EX90 rollt frisch gefertigt vom Band auf
die Strasse. Der vollelektrische SUV
verbindet Leistung und Nachhaltigkeit:
mit bis zu 517 PS, einer Reichweite von 614
Kilometern und Konfigurationen für bis zu
sieben Personen. Modernste Sensorik
und KI-basierte Steuerung machen ihn
sicher und komfortabel.
– volvocars.ch/EX90
24 Winter 2024/25
Mit Pink Cloud und United Airlines
zur World Pride 2025 nach Washington D.C.
United Airlines fliegt nonstop von Genf und Zürich zur amerikanischen Hauptstadt Washington, D.C.
Und gerne auch weiter zu über 200 Reisezielen in den USA. Vielfalt gibt es auch an Bord von United:
Economy, Economy Plus, Premium Plus und Polaris Business Class.
MANNSCHAFT+
COMMUNITY
Hosen runter
Die sexpositive Online-Community Joyclub hat die eigenproduzierte
Video-Reportage «Penis! Hosen runter, let's talk» veröffentlicht.
Darin sprechen fünf Männer und eine nicht-binäre Person
offen über ihre Penisse, was Mannsein 2024 für sie bedeutet, und
reflektieren Mythen und Stereotype. Sexualmediziner Stefan
Buntrock klärt auf über Erektionsprobleme, Unlust und multiple
Orgasmen. Bei einem Besuch im queeren Sexshop Juicy zeigt
Mitbegründer*in Julez, welche Sexspielzeuge und geschlechtsbejahenden
Hilfsmittel es für trans Personen gibt. Kostenlos
streambar auf: joyclub.de
Speedfriending
Gemeinsam mit Dr. Gay führt Pink Cross Speedfriendings
durch: An einem Abend lernst du mehrere
Queers kennen – aber ganz ohne den Druck eines
Dates. Denn dort suchen alle für einmal Friends. Es
ist eine Gelegenheit, um Queers zu treffen, die du
sonst vielleicht nie kennenlernen würdest. Lausche
anderen Geschichten und teile deine eigenen, so viel
du willst. Wer weiss, womöglich ist es der Anfang
einer wunderbaren Freundschaft, chilligen WG oder
eines Sportduos. Finde es heraus am
10. Dezember um 18:30 Uhr im Kweer in Zürich.
– pinkcross.ch/speedfriending
Bild: Taras Chernus Unsplash
Offener Brief:
STI-Tests gratis
für alle
In einem offenen Brief an den Bundesrat mahnt die
Schweizer Aids-Hilfe, dass die Lebenshaltungskosten
ebenso wie die Krankenkassenprämien immer teurer
würden. Darunter leide die Prävention von HIV und
anderen sexuell übertragbaren Krankheiten (STIs).
Gerade für junge Menschen und solche mit kleinem
Einkommen bleiben Infektionen mit HIV, Syphilis oder
Hepatitis C zu lange unentdeckt. «Das ist auch ein
Grund, weshalb sich diese Infektionen wieder stärker
verbreiten», schreibt die Schweizer Aids-Hilfe und
fordert: «Mehr Prävention, Test und Beratung: gratis
für alle, die es brauchen!»
– gratis-sti-test.ch
Bild: privat
Lilly &
Aurélie
Die Leichtathletin Lilly Nägeli und die
Fussballnationalspielerin Aurélie
Csillag haben im Oktober ihre Beziehung
öffentlich gemacht. Lilly gegenüber
MANNSCHAFT: «Wir haben so viel
Liebe, Wärme und Ermutigung von so
vielen von euch gespürt, und dafür
sind wir zutiefst dankbar.» Bevor sich
Lilly und Aurélie im Tages-Anzeiger
outeten, habe es auf Instagram auch
abfällige Kommentare gegeben («Ihr
sündigt» oder «Wollt ihr einen Dreier?»).
Immer stecken Männer hinter
diesen Kommentaren. «Eigentlich ist
es erschreckend», sagt Lilly über die
Häufigkeit dieser Angriffe. Während
der Frauenfussball ein sicheres Umfeld
für homosexuelle Athletinnen biete,
sei es in Einzelsportarten wie der
Leichtathletik schwieriger, sich offen
zu zeigen.
26 Winter 2024/25
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Journalismus
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Story — 2
2
Hopsassa
Heiraten
28 Winter 2024/25
Story — 2
Text – Denise Liebchen
Willst du mich heiraten? Mmh. Der
Hafen der Ehe wartet mit allerhand
Konventionen und Klischees auf.
Lohnt es sich, diese Tradition in der
queeren Liebe fortzuführen? Die
Kölner Hochzeitsplanerin Cora weiss,
wie heiraten geht, wenn du darauf
pfeifst, was andere denken.
Winter 2024/25
29
Story — 2
«Oh, I wanna dance with somebody
I wanna feel the heat with somebody
Yeah, I wanna dance with somebody
With somebody who loves me»
(The one and only Whitney)
Liebe wirbelt Menschen über die Tanzfläche ihres Lebens. Dabei
kann es zu verschiedenen Begleiterscheinungen kommen: hochfrequente
Schreie der Ektase, Schweissperlen im Dekolletee,
Schwindelgefühle und – falls es zu einer Sturzlandung kommt
– möglicherweise Prellung des Steissbeines oder Bruch des
Herzens.
Nehmen wir den glücklichsten aller Fälle: die grosse Liebe. Sie
legt beherzt eine heisse Sohle aufs Parkett und schliesslich, zum
ruhigen Song, wandert sie mit ihren elektrisierten Händen über
die Haut, schaut einem abgrundtief in die Augen . . . und manchmal
fragt sie um Mitternacht: Heiraten?
Die Tradition
Heiraten? Ich kenne schwule Männer, die diese Frage mit spitzen
Lippen wegpusten, andere Queers halten es sich offen, manche
wünschen es sich sehnlichst (prominentes Beispiel Bill Kaulitz).
Heiraten in der heteronormativen Variante umklammert Konventionen
und schreitet durch Klischees: Der aktive Mann macht
der passiven Frau einen Antrag. Sie trägt reines und unschuldiges
Weiss. Der Vater bringt die Tochter zum Altar und übergibt sie in
die Obhut des nächsten Mannes. Sie übernimmt den Nachnamen
ihres Gatten. Ist heiraten etwas, das es sich lohnt fortzuführen?
Model und Schauspielerin Cara Delevingne (31) ist kein Fan
der Ehe. In einem Interview mit The Times sagte sie: «Ich glaube,
ich gehöre zu den Homosexuellen, denen die Ehe ein wenig auf
die Nerven geht – warum müssen wir uns dieser sehr alten Idee,
einen Vertrag abzuschliessen, anschliessen?»
Wie heiraten abseits von Normen geht, weiss Cora Gäbel, die
weibliche und nicht-binäre Pronomen nutzt. Die promovierte
Ethnologin ist seit zwei Jahren Hochzeitsplanerin, spezialisiert
auf inklusive und nachhaltige Events. In diese Branche eingestiegen
ist sie nicht, weil sie sich fürs Heiraten begeisterte:
«Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich kaum mit Hochzeiten
befasst und in meinem privaten Umfeld nur wenige miterlebt»,
sagt Cora.
Bilder: Karsten Reifer
30 Winter 2024/25
Story — 2
Die genderfluide Cora
Gäbel aka «Cora with love»
traut Menschen inklusiv,
queer, individuell.
Winter 2024/25
31
Story — 2
I can't change, even if I tried
Even if I wanted to
And I can't change, even if I tried
Even if I wanted to
My love, my love, my love, my love
She keeps me warm
She keeps me warm
(Mary Lambert)
Die 40-Jährige wohnt mit ihrer Verlobten Carina in Köln;
ihr Liebesglück teilen beide auf Instagram aka Else und Ilse mit
fast 50 000 Followern. 2021 wurden sie gefragt, ob sie bei einem
Style-Shooting das Hochzeitspaar spielen möchten. «Das Shooting
machte mir bewusst, wie stark die Hochzeitsbranche von
heteronormativen und binären Vorstellungen geprägt ist und
wie wenig sichtbar queere Heiratende sind. Mein Ziel wurde es,
Hochzeiten inklusiver zu gestalten und zu zeigen, dass es Alternativen
gibt.»
Auf Coras Entschluss, Traurednerin und Hochzeitsplanerin zu
werden, reagierte ihr Umfeld gemischt. Einige fanden es grossartig,
allen voran ihre Partnerin Carina. Andere waren skeptisch
und empfanden Hochzeiten als veraltet und heteronormativ.
«Und das stimmt natürlich. Also die Grundlage von Hochzeiten
ist quasi, dass der Mann sich die Frau einkauft. Als Arbeitskraft
und Gebärmaschine. Für mich war jedoch klar, dass ich genau das
ändern möchte.»
Die Zahlen
Nur wenige der Hetero-Paare, mit denen Cora befreundet ist, sind
verheiratet. «Ich habe das Gefühl, dass anteilsmässig queere Menschen
öfter heiraten als Nicht-Queere, seitdem die Ehe für alle erlaubt
ist, weil sie es so lange nicht konnten und es für uns noch
etwas Besonderes ist. Womöglich auch, weil unsere Beziehungen
als nicht so ernst angesehen werden wie die von Heteros.» Was
sagen die Zahlen zu Coras Gefühl?
> In der Schweiz, Deutschland und Österreich sind die Statistiken
zu Heiraten von gleich- und verschiedengeschlechtlichen
Paaren recht unterschiedlich, da sich die Gesetzgebung und
die Erhebung der Daten in den letzten Jahren verändert haben.
Auch Corona hat durch Versammlungsverbote und Einschränkungen
die Anzahl der Heiraten von 2019 auf 2020 einbrechen
lassen.
> Der grösste Teil aller Eheschliessungen stammt nach wie vor
von gemischtgeschlechtlichen Paaren, was demografisch auf
der Hand liegt.
> Langfristig betrachtet sind die Eheschliessungen gemischtgeschlechtlicher
Paare rückläufig, wobei die Zahlen jährlich
schwanken.
> Mit der Einführung der Ehe für alle stiegen die Eheschliessungen
gleichgeschlechtlicher Paare an, schwanken seither aber
auch.
Deutschland: Ehe für alle eingeführt 2017, Anstieg von 11 147
(2017) auf 21 757 (2018), aktuell 9228 (2023, davon Männerpaare
4319, Frauenpaare 4909) (Quelle Statista)
Der Vater bringt die Braut? Nicht nötig. Heiratende können auch
gemeinsam zur Trauung einlaufen, egal mit welchem Geschlecht.
Österreich: Ehe für alle eingeführt 2019, von 1300 (2019) auf
695 (2020) gesunken, aktuell 785 (2023, davon Männerpaare
359, Frauenpaare 413) (Quelle Statistik Austria)
Schweiz: Ehe für alle eingeführt 1. Juli 2022, Anstieg von 749
(2022, davon 394 Männerpaare, 355 Frauenpaare) auf 949
(2023) (Quelle Bundesamt für Statistik)
Da gleichgeschlechtliche Paare erst seit wenigen Jahren heiraten
können, bleibt abzuwarten, wie sich ihre Eheschliessungen
verglichen zu gemischtgeschlechtlichen einpendeln werden.
32 Winter 2024/25
Story — 2
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Der Versicherungstipp
Fondssparen.
Rendite.
Chancen.
Bild: Patrick Hess
I was born to love you
With every single beat of my heart
Yes, I was born to take care
of you, honey
Every single day of my life
(Queen)
Die Branche
Per Gesetz ist die Ehe offen für alle. Doch wie offen für alle ist die
Hochzeitsbranche? Queere Paare, die zu Cora kommen, berichten
von negativen Erlebnissen: etwa Frauenpaare, die von Hochzeitsplanenden
gefragt wurden, wer von ihnen «der Mann» sei. «Wenn
diese Paare zu mir kommen und merken, dass ich sie verstehe,
sind sie erleichtert», sagt Cora. Auch Formulare und Systeme, die
auf Braut und Bräutigam zugeschnitten sind, seien noch weit verbreitet.
Coras grösste Hürde in ihrem Job ist es, Leute zu finden, mit
denen sie arbeiten kann. Rainbow-Washing steht an der Tagesordnung.
«Viele Dienstleistende sagen, bei ihnen seien alle willkommen,
aber ausserhalb des Pride-Monats ist davon nicht viel
zu sehen.» Cora wünscht sich mehr echte Queer-Freundlichkeit
von der Branche: «Dazu gehört auch, dass die Anbietenden ihre
Sprache anpassen, sich selbst aufklären und reflektieren, ob sie
wirklich so inklusiv sind, wie sie denken, und überlegen, wo sie
sich verbessern können. «Es gibt Heiratende, die zu dritt oder
viert heiraten wollen, und auch das sollte akzeptiert werden.»
Doch Queersein heisst nicht automatisch offen sein. Auch innerhalb
der queeren Gemeinschaft gibt es Diskriminierungen wie
Rassismus oder Fettscham. «Bei uns in Köln sind viele schwule
Männer fettfeindlich.» Cora passt selbst nicht in Kleidergrösse 38.
Wenn Hochzeitsmodegeschäfte nur kleine Grössen führen und
argumentieren, dass es genüge, das Kleid hinten einfach nicht
zu schliessen und sich den Rest des Schnittes vorzustellen, entlarvt
Cora das mangelnde Verständnis für diverse Körper: «Das
funktioniert nicht. Wer will denn so viel Geld für ein Kleid ausgeben,
ohne es anzuprobieren, ohne zu sehen, wie es von hinten
aussieht? Wer will sich für etwas entscheiden, das nur vorstellbar
ist?»
Bei einem Projekt in der Nähe von Frankfurt fand Cora keine
Fachperson für Make-up, die mit Schwarzer Haut vertraut war.
«Wenn mir mehrere Artists absagen, weil sie – teilweise nach der
Zusage – plötzlich doch keine Zeit hätten, weiss ich, dass das eigentliche
Problem woanders liegt.» Cora kennt ebenso Geschichten
von Make-up-Artists, die Schwarzen Frauen sagen, sie müssten
ihre Haare glätten. «Das klingt wie eine Szene aus einem Film
der 60er-Jahre.»
«Lohnt sich ein Fondskonto
in der Säule 3a?»
Ein Fondskonto in der Säule 3a ermöglicht
es Ihnen, von den Ertragschancen der
Finanzmärkte zu profitieren. Durch die
Investition in Anlagefonds streuen Sie das
Risiko und nutzen das Potenzial unterschiedlicher
Märkte und Branchen. So
kann Ihr Vorsorgevermögen langfristig
und renditeorientiert wachsen.
«Steuerbegünstigtes
Sparen fürs Alter.»
Die steuerlichen Vergünstigungen sind
ein grosses Plus beim Fondskonto der
Säule 3a. Die jährlichen Beiträge lassen
sich vom steuerbaren Einkommen abziehen,
was die Steuerlast senkt. Und wenn
Sie den Maximalbeitrag einzahlen, kann
die Steuerersparnis erheblich sein. Bei der
Auszahlung Ihres Fondskontos wird
das Vorsorgekapital zu einem speziellen
Steuersatz einmalig separat versteuert.
Und: Wussten Sie, dass sich der Sparprozess
mit einer Sparversicherung auch bei
Fonds absichern lässt? Lassen Sie sich von
einer erfahrenen Fachperson zu einer
passenden Fonds-Sparlösung beraten.
André Albisser
Generalagent
Generalagentur Zürichsee
Weitere Informationen
helvetia.ch/fonds
Story — 2
Sprachlos wurde Cora, als ein Dienstleister in einem Gespräch
das N-Wort benutzte. «Da wusste ich sofort, dass ich mit dieser
Person nicht zusammenarbeiten kann. Auch queere Menschen
können rassistisch sein, nicht alle, aber es kommt vor.»
In solchen Momenten merkt Cora, dass die Arbeit mit inklusiven
und nachhaltigen Werten noch nicht von allen geteilt wird.
Man ist nicht automatisch vielfältig, nur weil man queer ist. Da
spielen viele Faktoren zusammen. Auch das Alter ist ein Faktor.
«Ich wünsche mir schon lange ein älteres Paar.» Umso wichtiger
ist es für sie, ein Netzwerk von Dienstleistenden aufzubauen, die
die gleichen inklusiven und nachhaltigen Standards haben wie
sie selbst.
Doch die Branche entwickelt sich auch weiter: Queere Heiratende
seien inzwischen sichtbarer geworden, beobachtet Cora.
Ein Schritt in diese Richtung ging Anfang November die Hochzeitsmesse
love* in Heidelberg, wo Cora zu den Ausstellenden
gehörte, die sich «Inspiration für queere Heiratende & Menschen
mit Behinderungen, unabhängig von Mr. & Mrs.» auf die Fahne
geschrieben hat. Es tut sich was, wenn auch langsam.
Before you came into my life
Everything was black and white
Now all I see is colour
Like a rainbow in the sky
So, tell me your love will never fade
That I won't see no clouds of grey
'Cause I don't want another
You bring colour to my life, baby
(MNEK feat. Hailee Steinfeld)
Die Tipps
Die Ehe lässt sich historisch als heteronormativ abtun und ablehnen.
Oder sie wird von diesen Normen befreit und als Institution
neu definiert: Die Ehe als queerer Raum mit eigenen, kreativen
und alternativen Vorstellungen von Partnerschaft und Familie.
Das ist Coras Welt. Ihr Credo dabei: Wenn geheiratet wird, dann
so, wie es wirklich passt. Es gibt tatsächlich Dinge, die sich anders
gestalten lassen. Hier ein paar Tipps von Cora.
> Plant eure Hochzeit so, wie ihr sie haben wollt. Sobald ihr anderen
davon erzählt, werdet ihr viele Meinungen hören. Aber
es ist euer Tag, ihr investiert viel Zeit und Geld, und es soll so
werden, wie ihr es wollt. Ihr könnt es nie allen recht machen.
> Hinterfragt traditionelle Hochzeitsabläufe. Alternative Möglichkeiten
können sein, dass die Heiratenden zusammen den
Gang zur Trauung entlanggehen, anstatt dass der Vater die
Braut «überreicht». Diese Tradition spiegelt eine problematische
Geschlechterrolle wider – ist aber natürlich auch eine
valide Option. Wichtig ist, dass ihr als Heiratende bewusst
entscheidet und nicht einfach Traditionen übernehmt, ohne
sie zu hinterfragen.
> Schaut euch die Portfolios der Dienstleistenden an. Wenn diese
keine queeren Heiratenden im Portfolio haben, sind sie oft
nicht sensibilisiert. Führt Vorgespräche, besonders bei Fotograf*innen,
um herauszufinden, ob sie Erfahrungen mit queeren
Paaren haben. Queere Dienstleistende zu suchen, kann
helfen, ist aber nicht zwingend notwendig.
> Bleibt flexibel und erwartet nicht den perfekten Tag. Etwas
wird immer schief gehen – sei es Regen oder eine wichtige
Person, die nicht kommen kann. Aber das macht den Tag nicht
weniger schön.
> Denkt über Nachhaltigkeit nach: Versucht regionale und saisonale
Blumen zu verwenden, die oft billiger sind als importierte
oder solche aus dem Gewächshaus. Trockenblumen, die
viele für nachhaltiger halten, kommen oft aus China und sind
durch Transport und Chemikalien weniger umweltfreundlich
als frische Blumen. Beim Catering kann auf tierische Produkte
verzichtet werden. Bei der Kleidung gibt es Second-Hand-Optionen
oder Zweiteiler, die später wieder neu kombiniert getragen
werden können.
> Frühzeitig mit der Planung beginnen, idealerweise eineinhalb
Jahre im Voraus. Viele Dienstleistende sind schnell ausgebucht.
Besonders bei wichtigen Positionen wie Hochzeitsplaner*innen,
Trauredner*innen oder Fotograf*innen empfehle
ich, mehrere zu vergleichen. Das Preisspektrum in der Hochzeitsbranche
ist enorm. Günstigere Anbietende haben oft weniger
Zeit, um sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Qualität
hat ihren Preis.
> Ihr verdient eine Hochzeit, die genau so ist, wie ihr sie euch
vorstellt. Wenn jemand sagt, etwas geht nicht, dann sucht woanders.
At last
My love has come along
My lonely days are over
And life is like a song
Oh, yeah, yeah
(Etta James)
Mit einer Sache hadert Cora noch: Einerseits hat die promovierte
Ethnologin zweieinhalb Jahre in Indien gelebt, liebt Sprachen,
Kulturen und Reisen und liebäugelt mit einer Hochzeit in
Italien. Andererseits schwärmt sie von nachhaltigen Hochzeiten.
Ist das noch eine grüne Hochzeit, wenn Menschen dafür ins Flugzeug
steigen müssen?
«Fliegen ist meine grosse Schwäche. Ich habe kein Auto, esse
nur vegan und kaufe regional ein, aber ohne Reisen kann ich nicht
leben. Heiraten passiert – im besten Fall – nur einmal im Leben,
und dann soll es genau so sein, wie es von Herzen gewünscht ist.
Wenn es also eine Feier in Italien sein soll, wie bei Carina und mir,
dann soll es genau so sein.» Das ist nicht per se nachhaltig, aber
es gibt einen Spielraum für Bewusstsein: Wie viele Leute will ich
einladen? Wie früh kann ich alle einladen, damit sie noch einen
Urlaub in der Region planen können? Wie viel CO2 will ich kompensieren?
Wo gestalte ich das Catering und die Deko nachhaltig?
Das grosse, rauschende Fest darf ebenso hinterfragt werden
wie alle anderen tief verinnerlichten Vorstellungen. Mittlerweile
tun sich sogenannte Micro-Weddings als Trend hervor, also kleine
Feiern im Kreis mit bis zu 30 Engvertrauten. Lieber ein Gourmet-Essen
mit den Liebsten als ein mittelmässiges Menü für 100
Personen. Das kann ein Grund sein.
34 Winter 2024/25
Story — 2
Cora: «Es gibt Heiratende, die zu dritt oder viert heiraten wollen, und auch das sollte akzeptiert werden.»
Man kann Hochzeit und Ehe als altbacken abtun – oder man definiert sie neu nach eigenen Vorlieben.
Winter 2024/25
Bild: Karsten Reifer Bild: Team Elena Barba
35
Story — 2
Cora und Carina haben nie ernsthaft über Heirat oder Hochzeiten
gesprochen, bis sie für das Hochzeitsshooting vor der Kamera
standen. Zu diesem Zeitpunkt waren sie seit zwei Jahren zusammen.
Als sie beschlossen zu heiraten, war ihnen klar, dass sie
beide einen Antrag machen wollten. «Ich war nicht so versessen
auf den fragenden Part, denn es ist schon eine Herausforderung,
die eigenen Gefühle in einem einzigen Moment auszudrücken.
Zudem es ist ein unglaublich gleichberechtigtes Gefühl, wenn
beide – beziehungsweise alle – es tun.».
Der Antrag ist etwas, das typischerweise als etwas angesehen
wird, das der Mann macht. Cora erinnert sich an ein heterosexuelles
Paar, das sie einmal traf: «Die Frau meinte, sie warte auf
den Antrag, und als ich sagte, sie könne ihn doch selbst machen,
antwortete sie: ‹Nee, nee, das muss schon er tun.›»
Ob queer oder nicht, es sollte jeder Person freistehen, zu heiraten,
wie sie will, wenn sie will. Konventionen und Klischees sind
keine Gesetze – und sie sollten auch keine Gitter sein. Auch bei
Hochzeiten gilt: Pfeif drauf, was andere sagen. Macht den Antrag
gemeinsam, schreitet oder hüpft zusammen zur Trauung, tragt
Rot, Gold, Grün, behaltet euren Nachnamen. Das sind nur vier
von so vielen Varianten, wie eine Hochzeit diamanten kann.
Zwei mal drei macht vier,
widdewiddewitt und drei macht neune,
ich mach' mir die Welt,
widdewidde wie sie mir gefällt.
Hopsassa, hopsassa, hopsassa,
widdewidde wie sie mir gefällt.
(Strophe aus «Hey, Pippi Langstrumpf»)
Willst du mehr über Coras Angebot erfahren?
Webseite: corawithlove.gay
Instagram-Account: @cora_with_love
Instagram-Account von Cora & Carina: @elseundilse
Bild: Karsten Reifer
Trend Micro-Wedding: Klein feiern im Kreis mit bis zu 30 Engvertrauten.
36 Winter 2024/25
KOLUMNE
Welcome
home!
Geschätzte Leser*innen, so eine Diva wie ich
ist natürlich ständig auf Reisen. Schliesslich gilt es
ja, nicht nur meine Verehrer*innen zuhause mit meiner
Gegenwart zu beglücken, sondern auch jene in
den vielen anderen Ländern und Erdteilen. Und da
gibt es eine Sache, die mir auf meinen bisherigen
Reisen immer wieder aufgefallen ist – und die ich
Ihnen nicht vorenthalten möchte: Ergoogeln Sie
sich jeweils auch die nächste lesbische Bar, den
nächsten schwulen Club, eine queere Community-
Veranstaltung, wenn Sie sich an einem anderen Ort
befinden? Ich jedenfalls brauche auch auf Reisen
Anschluss an die Queerness vor Ort. Und mir fällt
auf, egal wo ich mich befinde, sehen diese Orte
irgendwie gleich aus. Sie werden nun vielleicht
protestieren: Ein Berliner Club unterscheidet sich
doch gewaltig von einer New Yorker Bar? Mag sein,
dass die Ziegelsteine, Türknaufe, Lichtschalter anders
sind. Aber glauben Sie mir – irgendetwas gibt
es, was die Orte gleich aussehen lässt. Manchmal
sind es geschmacklose Lounge-Möbel, die man
überall findet, manchmal ist es der gleiche billige
Wodka, der im kitschig beleuchteten Regal hinter
der Bar steht. Manchmal sind es die muskulösen
Barkeeper in ihren viel zu engen Tanktops, die genauso
gut in Zürich, Paris oder London ausschenken
könnten, manchmal ist es auch einfach die (wundervoll!)
trashige Popmusik, die aus Lautsprechern
dröhnt. Und wenn es auf den ersten Blick wirklich
gar keine Anknüpfpunkte zu geben scheint, dann ist
es vielleicht einfach eine Regenbogenfahne, die in
einem Eckchen hängt und einen an zuhause erinnert.
Und nicht nur das: Auch die Menschen sehen
irgendwie gleich aus. Als ich letztens mit einem
Freund in einer Gay-Bar in Brooklyn tanzen war, haben
wir uns einen Spass daraus gemacht, unsere
Freund*innen von zuhause in den Barbesuchenden
«wiederzuerkennen»: «Ist das nicht Deborah? Mit
dem Karabiner an der Jeans?» – «Diese Person dort
könnte Lou sein! Wegen der ausgefallenen Hose und
dem kecken Haarschnitt!» Vielleicht denken Sie
jetzt: Ja, will uns Mademoiselle Gamie nun sagen, es
gebe keine Individualität mehr und alle queeren
Menschen seien Teil eines fürchterlichen Einheitsbreis?
Keineswegs! Wir alle sind wunderbare,
einzigartige Wesen. Aber trotzdem wird uns durch
unsere queere Identität etwas geschenkt, das
uns alle verbindet: Die Zugehörigkeit zu einer
Community. Und weil es überall auf der Welt queere
Menschen gibt, gibt es auch überall eine queere
Community. Vielleicht sind es doch nicht die Äusserlichkeiten
– also die Lounge-Möbel, der Wodka oder
die Tanktops – die mir dieses Déjà-vu (oder besser:
Déjà-éprouvé) bescheren. Vielleicht ist es vielmehr
dieses fabelhafte Gefühl, sich auch in der Fremde
zuhause zu fühlen. Denn meine Heimat habe ich in
meiner queeren Familie gefunden. Darum hat es
mich auch gar nicht erstaunt, als uns der Barkeeper
in dieser New Yorker Bar, in der wir wirklich zum
allerersten Mal waren, mit den Worten begrüsste:
«Welcome home!»
MANN, FRAU MONA!
«Mona Gamie: Dragqueen mit
popkulturellem Schalk und
nostalgischem Charme. Diven-
Expertin, Chansonnière und
queere Aktivistin.»
mona@mannschaft.com
Winter 2024/25
37
Interview
«Ich muss es
niemandem
recht machen»
Isaac Powell ist noch längst kein Star, dessen Name jeder kennt. Doch der
Schauspieler macht immer häufiger von sich reden – nicht nur in der Welt
der New Yorker Bühnen. Nun ist der 29-Jährige neben Daniel Brühl in der
herrlich komischen Serie «The Franchise» zu sehen.
Interview – Patrick Heidmann
38
Isaac, deine neue Serie «The Franchise» handelt von den
Dreharbeiten zu einem Superheldenfilm und ist eine ziemlich
böse Satire nicht nur auf Comicverfilmungen, sondern auf die
Filmindustrie im Allgemeinen. Was hat dich an diesem Projekt
gereizt?
Isaac Powell: Zunächst einmal haben mich die Drehbücher wirklich
umgehauen. Ich habe selten etwas gelesen, wo die Dialoge
einen so speziellen Rhythmus hatten, das las sich teilweise wie
Musik. Ganz zu schweigen davon, dass ich beim Lesen ziemlich
oft laut gelacht habe. Ich glaube wirklich, dass jede*r diesen Witz
und diese Welt verstehen wird. Aber als jemand, der selbst in der
Unterhaltungsbranche arbeitet, habe ich natürlich besonders viele
Details und Kleinigkeiten in der Geschichte und ihren Figuren
entdeckt, die ich aus meinem wirklichen Leben kenne.
Deine Figur Bryson ist der persönliche Assistent des Studiobosses,
der für diese Produktionen verantwortlich ist, die an
das Marvel- oder DC-Universum erinnern. Hast du für diese
Rolle etwas aus deinem Berufsalltag übernommen?
Tatsächlich bin ich in meiner Arbeit schon vielen Assistent*innen
begegnet und habe mich davon inspirieren lassen. Die Armen
müssen immer mindestens zwei Dinge gleichzeitig tun. Selbst
wenn sie mit dir reden, haben sie ihre Antenne ausgefahren, um
zu hören, was sonst noch passiert. Und ob der Chef vielleicht etwas
will. Bryson zum Beispiel hat immer einen AirPod im Ohr,
damit er allzeit erreichbar ist und antworten kann. Deshalb hat er
auch das, was ich gerne das «Personal-Assistant-Starren» nenne.
Das ist der Moment, wenn mitten im Gespräch plötzlich das Lächeln
gefriert und man an den Augen sieht, dass er gar nicht mehr
zuhört, weil gerade der Boss anruft und plötzlich Wichtigeres zu
tun ist.
Winter 2024/25
Auch deshalb ist jemand wie Bryson als Figur schwer zu
fassen. Zu Beginn weiss man nicht so recht, ob er nur – sozusagen
– ein Arschkriecher ist oder einfach ein enthusiastischer
junger Mann, der vor allem einen guten Job machen
will.
Oh ja, am Anfang ist es leicht, ihn als seelenlosen Roboter abzutun,
der alles tut, um in der Branche aufzusteigen. Aber je weiter
die Serie voranschreitet, desto mehr menschliche Facetten kommen
zum Vorschein. Der Kerl hat ein echtes Herz – und er brennt
für diese Comics und ihre Verfilmungen. Seine Begeisterung, ein
Teil dieser Welt zu sein, hat mir besonders gut gefallen.
Als «The Franchise» vor zwei Jahren angekündigt wurde, hast
du auf Instagram «Let’s hope I’m funny» geschrieben. Du hast
dich nicht ernsthaft gesorgt, oder?
In gewisser Weise schon. Generell hatte ich schon immer eine
grosse Vorliebe für das Komische, und in meiner Arbeit fühle
ich mich normalerweise besonders zu Projekten hingezogen, in
denen auch Humor seinen Raum hat. Aber allzu oft hatte ich in
meiner Karriere noch nicht die Gelegenheit, Teil einer waschechten
Komödie zu sein. Deswegen finde ich das jetzt besonders
aufregend. Und ich hoffe immer noch, dass ich witzig genug war!
Erinnerst du dich noch an das erste Mal, als du als Musical-
und Theaterschauspieler plötzlich vor der Kamera standest?
Das werde ich nie vergessen. Abgesehen von ein paar winzigen
Kurzfilmproduktionen war mein erstes Set das für eine Episode
der Serie «Modern Love». Da stand ich plötzlich vor der Kamera
– und fühlte mich auf einmal so nackt und unsicher wie noch nie
zuvor in meinem Leben. Ich war sechs Wochen Proben gewohnt,
in denen man sich seine Rolle erarbeitet. Stattdessen machten wir
Bild: zVg.
Interview
Winter 2024/25
39
«Ich habe keine
Lust, meine Identität
zu verstecken.»
Die Comedy-Serie folgt der Crew eines ungeliebten Franchise-Films, die um ihren Platz kämpft.
eine kurze Stellprobe und schon rief jemand «Action»! Der ganze
Ablauf war mir völlig fremd und ich war ein bisschen verloren.
Erst als die Folge im Kasten war, bekam ich ein Gefühl dafür, wie
die Arbeit vor der Kamera wirklich abläuft. Es ist ein anderer Job
als auf der Bühne, aber ich liebe ich ihn inzwischen genauso.
Früher hatten es Musicaldarstellende schwer, als Schauspielende
ernst genommen zu werden. Hast du das auch erlebt?
Zum Glück war das für mich nie ein Problem. Ich habe meinen
Musical-Background nie als etwas empfunden, das mich limitiert,
und ich habe das auch nie so gespiegelt bekommen. Ich hoffe, dass
sich die Zeiten diesbezüglich geändert haben.
Auch sonst hat sich einiges verändert. Als du deine
erste grosse Theaterrolle bekommen hast, hast du
noch die Fotos deines Freundes von deinem Instagram-
Account gelöscht, weil dir nahegelegt wurde, dass das
hinderlich sein könnte. Würde so etwas heute noch
passieren?
Vermutlich nicht. Zum Glück. Wobei mich damals auch niemand
zu etwas gedrängt hat und ich mich letztendlich auch nie verstecken
musste. Ich habe sehr schnell gelernt, dass ich keine Lust
habe, meine Identität oder Teile meines Privatlebens zu verstecken
– und trotzdem hatte ich nie das Gefühl, dass das meine
Arbeit beeinflusst. Im Gegenteil freue ich mich sehr, dass ich
schwule Rollen genauso spielen darf wie heterosexuelle oder
solche, bei denen man nicht weiss, wie sie sich identifizieren.
Viele Kolleg*innen, von Ariana DeBose bis Joe Locke, haben
zuletzt darüber gesprochen, wie seltsam es anfangs sein
kann, dass man automatisch in eine Vorbildrolle gedrängt
wird, sobald man öffentlich über seine Queerness spricht.
Wie erlebst du das?
Ich hatte nie das Gefühl, dass man diesbezüglich etwas von mir
erwartet. Ich fühle mich nur mir selbst gegenüber verantwortlich,
ich muss niemandem sonst gerecht werden. Aber gerade zu
Beginn meiner Karriere ist es wirklich oft vorgekommen, dass
mir junge Menschen auf Instagram geschrieben haben oder am
Bühnenausgang auf mich gewartet haben, um ihre eigenen Geschichten
mit mir zu teilen. Ich habe es immer als grosse Ehre
empfunden, dass jemand mich und meine Arbeit sieht und sich
dadurch inspiriert fühlt, zu sich selbst zu stehen und das teilen
möchte.
Isaac
Powell
Der Sohn eines dreifachen
CrossFit-Champions entdeckte
bereits als Schüler seine Liebe zu
Musicals. Auf New Yorks Bühnen
war er u.a. zu sehen in «Once
on This Island» (inszeniert vom
schwulen Tony-Gewinner Michael
Arden) und in der Neuauflage
von «West Side Story». Auch
in den Kinofilmen «Dear Evan
Hansen» mit Ben Platt und dem
Oscar-nominierten «Past Lives»
war er dabei sowie in zwei Staffeln
von «American Horror Story».
Nun ist der Schauspieler, der sich
2021 nach fünf Jahren von seinem
Partner Wesley Taylor («Only
Murders in the Building») trennte,
in der Serie «The Franchise» zu
sehen. Ab dem 6. Dezember bei
Sky & Wow.
Bild: Home Box Office, Inc
Hattest du selbst solche Vorbilder?
Ja. (Powell schweigt erst einen Moment und beginnt dann zu
schluchzen). Vor ein paar Stunden habe ich erfahren, dass eines
meiner grössten Vorbilder heute seiner schweren Krankheit erlegen
ist. Gavin Creel, ein wunderbarer Mensch und Theaterschauspieler.
(Der schwule Musicalstar, der u.a. mit dem Tony und dem
Grammy ausgezeichnet wurde, starb am 30.9.2024 im Alter von
48 Jahren an den Folgen eines seltenen Nervenscheidentumors,
Anm. d. Red.) Ich habe ihn seit meiner Jugend bewundert, seine
Arbeit hat mir unglaublich viel bedeutet. Dass ich ihn kennenlernen
und mit ihm arbeiten durfte, gehört zu den wichtigsten
und prägendsten Erfahrungen meines Lebens. Als ich jung war,
wünschte ich mir nichts sehnlicher als eine Karriere zu haben
wie er.
Kürzlich hast du mit der Musikerin Florence Welch alias
Florence + the Machine für ihr Musical «Gatsby: An American
Myth» zusammengearbeitet, das auf dem legendären Roman
von F. Scott Fitzgerald basiert. Das Stück wurde im
Sommer für gut zwei Monate in Cambridge aufgeführt. Wird
daraus mehr?
Da muss man geduldig sein und abwarten. Aber so viel kann ich
sagen: Es war nicht das letzte Mal, dass diese Inszenierung zu
sehen war. Und ich freue mich schon darauf, wenn das Publikum
sie in einer grossen Stadt auf einer grossen Bühne sieht. Florence
ist eine brillante Künstlerin, ein wahres Genie. Ich war so fasziniert,
wie gemeinschaftlich sie arbeitet, wie grosszügig sie mit
ihrem Talent umgeht und wie sie diese weltberühmte Geschichte
in ein völlig neues Musical verwandelt hat, ohne dass sie so etwas
je vorher gemacht hätte. Ich kann nicht genug von den Monaten
schwärmen, die wir gemeinsam an «Gatsby» gearbeitet haben.
Das klingt, als wäre 2024 ein tolles Jahr für dich gewesen.
Freust du dich auf die Zukunft – und auf deinen 30. Geburtstag,
den du am 30. Dezember feierst?
Ich freue mich schon eine Weile darauf, endlich in die Dreissiger
zu kommen. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ein gutes Jahrzehnt
vor mir liegt. Vielleicht liegt es daran, dass ich in den letzten
Jahren so viele wunderbare Dinge in meiner Arbeit erleben
und mir so manchen Traum erfüllen durfte. Jetzt würde ich als
Nächstes gerne eine grosse Kinorolle bekommen. Das wäre ein
wunderbares neues Kapitel in meiner Karriere.
Winter 2024/25
41
Story — 3
3
Wieder Trump:
Was queeren
Menschen
in den USA
jetzt Hoffnung
macht
42
Winter 2024/25
Story — 3
Text – Angela Weiß
Es war alles andere als knapp:
Mit klarem Abstand setzte sich der
Republikaner Donald Trump bei den
Präsidentschaftswahlen in den USA
gegen die Demokratin Kamala Harris
durch. Queere Menschen sind schockiert,
steht Trumps Politik doch für
Hass, Hetze und Desinformation. Die
texanische Dragqueen Brigitte Bandit
blickt der Zukunft ihrer Heimat mutig
entgegen.
Winter 2024/25
43
Story — 3
bscheu, Angst, Enttäuschung, Frust und Wut – mit diesem Gefühls-Cocktail
ist Brigitte Bandit am Abend des 5. November 2024
in Austin, Texas, ins Bett gegangen. Ihre Hoffnung auf eine Demokratin
und die erste Frau an der Spitze der USA hat sich im
Laufe des Wahlabends in Luft aufgelöst. Für Kamala Harris hat es
nicht gereicht. Es ist einmal mehr Donald Trump, der im Januar
2025 ins Weisse Haus einziehen wird. Nach seiner ersten Amtszeit
zwischen 2017 und 2021 und der verlorenen Kandidatur von 2020
schenkt die Mehrheit der Menschen dem 78-Jährigen erneut das
Vertrauen für das höchste Amt des Landes.
«Ich war zum Glück mit Freund*innen vor dem Fernseher,
als ich realisierte, dass Trump hier gerade wirklich gewinnt»,
sagt Brigitte Bandit. Doch mit Trumps Triumph in nahezu allen
wichtigen Swing-States legte sich die Realität wie eine schwere,
dunkle Decke auf alle, die bis zuletzt auf die Demokratin gehofft
hatten. Gleichzeitig ist Trumps Sieg für die Künstlerin keine Überraschung:
«Anders als 2016 hatte ich mich schon vorab mit dem
Gedanken auseinandergesetzt, dass seine Rhetorik offenbar bei
vielen Menschen gut ankommt, so frustrierend und enttäuschend
das auch ist.»
Fassungslosigkeit nach Trumps Wiederwahl
Schätzungen zufolge leben in den USA rund 1,6 Millionen trans
Menschen, genaue Zahlen gibt es nicht. Die Republikanische
Partei hat im Rahmen des Wahlkampfs fast 215 Millionen Dollar
allein für Anti-Trans-Werbeclips ausgegeben. Von Steuerzahlenden
finanzierte Geschlechtsangleichungen in Gefängnissen, trans
Frauen beim Schulsport und in Mädchenumkleiden: Solche aus
dem Zusammenhang gerissenen und verkürzten Inhalte liefen
unter dem Slogan «Kamala is for they/them. President Trump is
for you» zur besten Sendezeit. Sie wurden millionenfach geteilt
und regelmässig in Strassenumfragen als Begründung für die
eigene Wahlentscheidung und Unterstützung Trumps angebracht.
Bild: Angela Weiss
44 Winter 2024/25
Story — 3
In ihren Shows verbindet Dragqueen Brigitte Bandit Unterhaltung mit Aktivismus und Politik.
Winter 2024/25
45
Story — 3
Wahlnacht an der Howard University in Washington, D.C.:
Die Enttäuschung steht den Unterstützer*innen von Kamala
Harris ins Gesicht geschrieben.
46 Winter 2024/25
Story — 3
Bild: Carol Guzy/ZUMA Press Wire/dpa
Winter 2024/25
47
Story — 3
In den USA wie auch in Europa treibt viele Menschen ein Gedanke
um: Wie konnte das passieren? «2016 wussten viele nicht
so genau, wem sie da ihre Stimme gaben oder haben es zumindest
drauf ankommen lassen», glaubt der Politexperte Matthew Dowd
rückblickend. Acht Jahre später sehe dies anders aus. «Rund 40
Prozent der Wählerschaft, die ihr Kreuz bei den Republikanern
gesetzt hat, tat dies ganz bewusst und explizit wegen der Person
Donald Trump. Weitere zehn Prozent wählten die Partei aufgrund
persönlicher, meist wirtschaftlicher, Gründe – obwohl sie dem
Kandidaten nicht trauen und ihn nicht mögen», so Dowd. Diese
Wähler*innen setzten ihr Kreuz bei der Republikanischen Partei
– trotz eines Donald Trump als potenziellen nächsten Präsidenten
– und verhalfen ihm damit zur entscheidenden Mehrheit.
Keine Zeit zu verlieren
Brigitte Bandits Gefühlschaos hatte sich bereits am Tag nach der
Wahl schon wieder geordnet. In ihrem pinken Bühnenoutfit und
mit blonder Perücke absolvierte die Aktivistin im texanischen
Parlamentsgebäude, dem Kapitol in Austin, ein Fotoshooting für
ein Magazin. «Es ist nicht an der Zeit, zu verzweifeln. Vielmehr
möchte ich das Wahlergebnis zum Anlass nehmen, unsere Gemeinschaft
zu motivieren und mobilisieren», sagt die gebürtige
Texanerin. Die queere Community in Austin gehe sehr unterschiedlich
mit dem Gedanken an vier weitere Jahre unter Trump
um. Neben Trauer und Angst sei da auch viel Verzweiflung und
Hoffnungslosigkeit, die es zu verarbeiten gelte. «In diesen Zeiten
queer zu sein, ist beängstigend. Ich fühle mich trotzdem bereit
für den Kampf», sagt sie. Der Terminkalender der Dragqueen ist
voll: Neben Öffentlichkeitsarbeit und regelmässigen Auftritten in
queeren Clubs reist die 32-Jährige für Auftritte auch quer durch
Texas, besucht politische Veranstaltungen, steht bei Pride-Events
auf der Bühne und mag es, mit Leuten ins Gespräch zu kommen.
Tolerante Inseln in einem erzkonservativen Bundesstaat
Texas zählt zu den Südstaaten der USA, ist weitaus grösser als
die Schweiz, Deutschland und Österreich zusammen und grenzt
auf über 2000 Kilometern an Mexiko. Mit Wüsten, Küsten, Bergen,
Canyons und Sümpfen ist der Staat landschaftlich divers –
alles andere als eine staubige Einöde. Gesellschaftspolitisch sieht
das anders aus. Weite Teile von Texas sind konservativ geprägt,
insbesondere ländliche Gebiete stehen voll und ganz hinter der
Republikanischen Partei, ihren Werten und den teils extremen
Ansichten gegenüber Minderheiten. So verbietet beispielsweise
ein Bundesgesetz seit Mai 2023 geschlechtsangleichende Behandlungen
von Minderjährigen. Wenige Monate später klagte eine
Gruppe von Aktivist*innen, der auch Brigitte Bandit angehörte,
gegen ein geplantes Anti-Drag-Gesetz. Das Verbot von Dragshows
wurde vorerst auf Eis gelegt, der endgültige Ausgang ist
aber noch offen. Der Demokrat und ehemalige Präsident Jimmy
Carter hat es zum letzten Mal geschafft, das tief rote Texas blau
zu färben. 47 Jahre ist das her.
In den Millionenstädten Austin, Houston und Dallas herrscht
dagegen ein anderes Klima. Hier gibt es aktive LGBTIQ-Communitys
und eine weitaus grössere Akzeptanz gegenüber queeren
Menschen als auf dem Land. In Austin und Houston regieren Demokrat*innen
und insbesondere die Hauptstadt ist so etwas wie
eine regenbogenfarbene Insel inmitten eines sehr konservativen
Bundestaats, ein toleranter Zufluchtsort für queere Menschen,
Donald Trump zeigt
sich in der Wahlnacht
bei einem Public
Viewing in Palm Beach
County.
Künstler*innen und Musikschaffende. Doch selbst hier habe sich
der Umgang miteinander in den vergangenen Jahren verändert.
«Während der Corona-Pandemie sind wir noch bei Leuten im
Vorgarten aufgetreten, Dragshows in der Form sind jetzt nicht
mehr möglich», sagt Brigitte Bandit und verweist auf immer häufigere
Protestaktionen. Selbst bei Spaziergängen in ihrer Nachbarschaft
wurde sie bereits beleidigt und abschätzig beäugt.
Einschüchterungen, Drohungen, Stalking
Mit ihrer wachsenden Bekanntheit nahmen auch der Hass und
die Drohungen zu. Bei Auftritten denke sie nicht daran, was alles
passieren könne. «Als aber im Internet plötzlich meine persönlichen
Daten veröffentlicht wurden und sie mich gestalkt haben,
da hatte ich wirklich Angst um meine Sicherheit und wollte mich
nur noch verstecken. Plötzlich waren sensible Informationen in
den Händen von Menschen, die meine Existenz nicht tolerieren»,
erinnert sich die Aktivistin. Ob es das alles wert sei, habe sie sich
damals gefragt. Doch die anfängliche Schockstarre schlug in Mut
um. Sie teilte den Hass und die Lügen, die auf Social Media über
sie verbreitet wurden. Die queere Community wiederum teilte
die Posts der Dragqueen und forderte Facebook und Instagram
auf zu handeln. Der offensive Umgang zahlte sich aus, die Plattformen
sperrten die Profile derer, die die Drohungen verbreitet
hatten. «In dem Moment wurde mir klar: Diese Leute wollen, dass
wir uns verstecken und nachgeben». Aus Sicherheitsgründen verwendet
sie bis heute stets nur einen Namen: Brigitte Bandit.
Drag ist für alle da
Ihre Mutter arbeitete einst als Stripperin in Nachtclubs, ihr Bühnenname
lautete «The Bandit», häufig stand sie auch als Cher
auf der Bühne. Beides sollte später auch Teil der Bühnenidentität
ihres Kindes werden. Brigitte Bandit kam vor sechs Jahren
durch einen Zufall zum Drag. Im Internet stiess sie auf ein Video
britischer Dragqueens, die als cis Frauen bei einer Dragshow
teilnahmen. «Ich habe angefangen zu weinen und gleichzeitig
realisiert, dass Drag auch für mich eine Option ist», erzählt sie.
Brigitte Bandit ist nicht-binär, verwendet die Pronomen she/her
und they/them, wurde bei der Geburt dem weiblichen Geschlecht
zugeordnet und inszeniert sich bei ihren Auftritten ebenfalls als
weibliche Figur. Brigitte kann auf der Bühne sie selbst sein, frei
von gesellschaftlichen Normen und Erwartungen. Sie habe stets
unter dem Radar laufen müssen, um sich möglichst leise in die
Bild: Matias J. Ocner/Miami Herald via ZUMA Press/dpa
48 Winter 2024/25
Story — 3
In ländlichen Gebieten
tritt Brigitte Bandit als
Dolly Parton auf – die
Figur sei «leichter zu
verdauen».
Bild: Angela Weiss
Winter 2024/25
49
Story — 3
«Menschen auf dem Land
haben oft kaum die Chance, je
eine Dragshow live zu erleben.»
Gesellschaft einzufügen. «Auf der Bühne kann ich überdimensionale
Gummi-Brüste tragen, albern sein und Spass haben», sagt
die Freiberuflerin und lacht. Die Dragszene ihrer Heimatstadt sei
sehr alternativ, alles sei erlaubt, auch, wenn es nicht gerade besonders
hübsch sei. «In Dallas und Houston stehen Dragqueens
mit gigantischen Frisuren, edlem Schmuck und tollen Kleidern
auf der Bühne. In Austin darf es auch mal gruselig oder ausgefallener
sein», erklärt die 32-Jährige.
Dolly Parton ist «leicht zu verdauen»
In die ländlichen Gebiete von Texas fährt sie auch ausserhalb von
Wahlkampfzeiten. Mit Menschen ins Gespräch kommen und ihnen
die Furcht vor Drag zu nehmen, macht ihr Spass. «Menschen
auf dem Land haben oft kaum die Chance, je eine Dragshow live
zu erleben», vermutet Brigitte Bandit. Zudem ist sie überzeugt:
«Queere Menschen gibt es überall, auch in den entlegensten Winkeln
der Erde.» Bei Auftritten im ländlichen Raum verwandelt sie
sich meistens in die Bühnenfigur Dolly Parton. Die US-Sängerin
ist gerade bei älteren Generationen eine Ikone und «leicht zu verdauen».
Queere Menschen rücken zusammen
Zusammenstehen, aktiv und sichtbar bleiben, sich gegenseitig
stärken und beschützen ist nach Trumps Wahlsieg das Gebot der
Stunde für queere Menschen und zahlreiche LGBTIQ-Organisationen.
Kelley Robinson steht an der Spitze von Human Rights
Campaign, der grössten LGBTIQ- und Bürgerrechtsorganisation
der USA. Nach Bekanntwerden des Wahlergebnisses richtet sie
klare Worte an die queere Gemeinschaft. «Unsere Herzen sind
gebrochen, Menschen haben Angst, sind wütend und machen
sich Sorgen, wie was für sie und ihre Familien weitergeht», so
Robinson. Die Zukunft werde eine Herausforderung, dennoch sei
man vorbereitet für den Schutz der queeren Community und weiteren
Fortschritt. Parents, Families and Friends of Lesbians and
Gays, kurz PFLAG, ist seit 1973 und mit über 40 Ortsgruppen im
Land aktiv. In einem gemeinsamen Statement sieht die Organisation
einer ungewissen Zukunft entgegen. «Die Wahlergebnisse
auf nationaler, bundesstaatlicher und lokaler Ebene werden sich
auf unsere Gesundheit, unsere Sicherheit und unsere Rechte als
LGBTIQ-Menschen und -Familien auswirken.» Dennoch stehe
man fest zusammen und werde weiterarbeiten. Die queere Gemeinschaft
sei in der Vergangenheit in Momenten, die ihre Rechte,
Menschlichkeit und Freiheit in Frage gestellt hätten, immer
wieder aufgestanden. Gleiches gelte für dieses Wahlergebnis.
«We’ve got this. We’ve got us», so der Appell. Wir schaffen das.
Wir sind für uns da.
Queere Politiker*innen schreiben Geschichte
Trotz unzähliger Wahlkampf-Attacken auf queere Menschen
sind auch politische Erfolge mit Blick auf Diversität und Vielfalt
zu verbuchen. Die Demokratin Sarah McBride repräsentiert als
erste trans Person der Geschichte ihren Bundesstaat Delaware
im künftigen Kongress. Julie Johnson aus Texas zieht als erste
LGBTIQ-Politikerin aus den Südstaaten der USA in den Kongress
ein und Emily Randall ist dort als erste offen lesbische Latina
vertreten. Zudem hat sich die Mehrheit der Wählerschaft in Kalifornien,
Colorado und Hawaii für den verfassungsrechtlichen
Schutz der gleichgeschlechtlichen Ehe ausgesprochen.
Die nationale Organisation Equality Federation, die sich für
Gerechtigkeit am Arbeitsplatz, die Anerkennung von queeren
Familien und gegen Anti-Transgender-Gesetze einsetzt, betont
gleichzeitig die Tragweite von Trumps Sieg. «Ich bin äusserst
besorgt darüber, dass eine Person, die unsere Gemeinschaft entmenschlichen
will, erneut das höchste Amt unseres Landes bekleidet»,
sagt Geschäftsführerin Fran Hutchins. Insbesondere
die Bundesstaaten, die von extremistischen Gesetzgeber*innen
regiert und trans Personen weiterhin ins Visier nehmen würden,
seien eine Herausforderung, so Hutchins.
Selbst aus dem demokratischen Lager waren trans Menschen
nach der Wahl die Zielscheibe von Schuldzuweisungen. In Texas
trat Gilberto Hinojosa, der Vorsitzende der Texas Democrats, von
seinem Posten zurück, nachdem er die klare Wahlniederlage seiner
Partei gegen den amtierenden Senator Ted Cruz, ausgerechnet
an der Unterstützung von trans Personen im Wahlkampf festmachte
und dafür Kritik von allen Seiten erntete. Auch Brigitte
Bandit war von seiner Aussage enttäuscht und schockiert. «Die
Demokratische Partei wird die Kontrolle nicht zurückgewinnen,
indem sie versucht, an die Menschen zu appellieren, die gegen sie
gestimmt haben, sondern indem sie diejenigen, die sie gewählt
haben, angemessen verteidigen und schützen. Sie müssen mehr
für uns tun. Das muss das ganze Land», sagt die Dragqueen. Auch
wenn sich der Ton und die Politik gegenüber queeren Menschen
im Land und Bundesstaat Texas unter Trump und Cruz wohl weiter
verschärfen wird, Austin zu verlassen ist für Brigitte Bandit
keine Option. «Das hier ist meine Heimat, mein zuhause und es
ist wichtig, dass wir bleiben.»
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HAUPTSACHE
GESUND.
10. November 2024 bis 26. Oktober 2025
Eine Ausstellung
mit Nebenwirkungen
Story — 4
4
«Ich
schämte
mich für
meine
Lunch-
52 Winter 2024/25box»
Story — 4
Interview – Greg Zwygart
Fotografie – Daniel Chek-Su Housley
Queer, asiatisch, britisch:
Fotograf Daniel Chek-Su
Housley verbindet in seiner
Arbeit die verschiedenen
Facetten seiner Identität.
Dabei steht für ihn Natürlichkeit
an oberster Stelle. Ein
Gespräch über Scham und
Stolz.
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Story — 4
Daniel Chek-Su Housley spezialisiert sich
auf Reportagen und Modefotografie und
ist im Norden Londons aufgewachsen.
Was der Fotograf mit dem Interviewer
verbindet: Beide haben einen weissen und
einen asiatischen Elternteil. Der Videocall
beginnt mit einem Gespräch über das
Aufwachsen zwischen den Kulturen.
Daniel, die englische Bezeichnung «Wasian» steht für eine
gemischte weisse und asiatische Herkunft. Ich kannte nur
«Gaysian» für schwule Asiaten. Was wäre denn ein schwuler
Wasian?
Ich weiss nicht, vielleicht «Gwaysian»? (lacht)
Gab’s in deiner Erfahrung Momente, in denen deine weisse
und asiatische Identität miteinander im Konflikt standen?
Auf jeden Fall. Ich erinnere mich an die Lunchbox in der Schule.
Weisse Kinder brachten geruchlose Sandwiches mit, bei Kindern
of Colour war das mitgebrachte Essen sehr geruchsintensiv. Meine
Mutter packte uns immer Zongzi ein, das ist in Bambusblätter
eingewickelter Klebreis. Ich erinnere mich an die starrenden
Blicke und Kommentare meiner Freund*innen und wie sehr ich
mich für meine Lunchbox schämte. Ich weiss, dass es meinen
Schwestern ähnlich ging. Wir schämten uns auch, wenn wir chinesisch
sprechen mussten oder dass wir einen chinesischen Mittelnamen
hatten. Wir wollten einfach nur britisch sein.
Heute verwendest du deinen chinesischen Mittelnamen auch
beruflich: Daniel Chek-Su Housley.
Er ist ein wichtiger Teil meiner Identität. Heute versuche ich, stolz
auf meine chinesische Herkunft zu sein, statt sie zu hassen.
Löste auch dein Queersein Schamgefühle aus?
Definitiv. Ich glaube, vieles in meiner Kindheit und Jugend ist mit
Scham verbunden. Neben meiner Herkunft und meinem Queersein
war der niedrige sozioökonomische Status meiner Familie
ein weiterer Faktor. Diese drei Dinge hatten einen grossen Einfluss
auf mich und lösten Schamgefühle auf. Aus diesem Grund
will ich heute diese drei Teile von mir annehmen und in meine
Fotografie einfliessen lassen.
Welche Aspekte der queeren Kultur inspirieren
dich in deiner Arbeit?
Zurzeit bin ich von der Rave- und Partyszene angetan und lerne
dort gerne neue Leute kennen. Menschen in queeren Räumen
sind viel freundlicher und tendenziell offener. Manchmal spreche
ich Leute an und frage sie, ob ich sie fotografieren darf. Viele davon
gehören heute zu meinen besten Freund*innen und tauchen
oft auch in meiner Arbeit auf. Wenn ich eine interessante Person
sehe oder das Gefühl habe, dass sie der Welt etwas zu zeigen hat,
dann entstehen oft meine besten Bilder.
Mit einem Bild von zwei Männern auf einem Bett hast du eine
Förderung der Organisation POCC und von Shutterstock
gewonnen.
Dieses Bild ist genauso entstanden! Auf dem Bild ist Soony, einer
meiner besten Freunde. Wenn ich reise, nutze ich oft Grindr, um
Anschluss zu finden. Als wir in Lissabon waren, lernten wir so
neue Leute kennen und gingen mit ihnen auf einen Drink. Einer
von ihnen war Anta, der schliesslich Soonys Freund wurde. Das
Foto zeigt sie in einem intimen Augenblick. Die Aufnahme entstand
spontan, sie realisierten nicht einmal, dass ich sie fotografierte.
Natürlichkeit ist mir beim Fotografieren sehr wichtig.
Ist Grindr also gar nicht so schlimm, wie alle immer sagen?
Für mich war Grindr nie eine App für eine schnelle Nummer. Natürlich
ist das eines der Hauptzwecke und die meisten Menschen
nutzen sie dafür, aber ich habe so auch viele Freunde gefunden.
Ich finde die App ein gutes Mittel, um Leute in deiner Nähe zu
finden, mit denen du auf einer Wellenlänge bist. Ich weiss, warum
viele negativ über Grindr sprechen, aber wenn man die App clever
nutzt, können gute Freundschaften und Verbindungen entstehen.
Persönlich hatte ich immer etwas Schwierigkeiten mit der
Bezeichnung «Person of Colour» und wie sie auf mich zutreffen
könnte. Wie stehst du zum Begriff?
Dass ich halb britisch bin, eliminiert nicht die andere Hälfte
meiner Identität. In meiner Kindheit und Jugend habe ich viele
negativ behaftete Erfahrungen gemacht, die den Realitäten
anderer People of Colour nahekommen. Daher nehme ich den
Begriff lieber an, statt dass ich mich davon abwende.
Deine Bilder wurden bereits von der Vogue und der Gay Times
gezeigt. Was hat dich am meisten geprägt?
Zweifellos die Gay Times. Das war vor rund zwei Jahren und ich
stand mit meiner Fotografie noch ziemlich am Anfang. Ich erhielt
Fördergelder von 1000 Pfund, um ein Projekt umzusetzen, und
stand erst einmal unter Schock. Im Nachhinein denke ich, dass
diese Erfahrung meinen Werdegang als Fotograf massgeblich beeinflusste.
Worum ging es in deinem Projekt?
Ich begleitete Dragqueens zurück an den Ort, an dem sie aufgewachsen
sind. Dabei wollte ich mich auf asiatisch-stämmige
Drag-Künstler*innen konzentrieren, weil diese in der Community
untervertreten sind. Mit Dragqueen Le Fil ging ich in die Grafschaft
Yorkshire, ein ländliches Gebiet in Nordengland. Dort gibt
es kein grosses Kulturangebot und nicht viel Diversität – Le Fils
Familie war die einzige asiatische Familie im ganzen Städtchen.
Wir klapperten wichtige Orte aus Le Fils Kindheit ab, darunter
auch das Theater, in dem Le Fil zum ersten Mal auf der Bühne
stand und die Liebe zu Kunst, Kostümen und Schauspiel entdeckte.
Ich hatte fälschlicherweise angenommen, dass uns die Leute
abschätzig behandeln würden, aber das Gegenteil war der Fall.
Die Einheimischen waren sehr freundlich und jubelten uns teilweise
sogar beim Fotografieren zu.
Warum sind asiatische Dragqueens untervertreten?
In vielen asiatischen Kulturen ist das Queersein nicht so akzeptiert
wie im Westen. In der Folge ist es für junge asiatische Queers
viel schwieriger, sich so auszudrücken, sofern sie das wollen. Das
sieht man gut in Sendungen wie «Ru Paul’s Drag Race», in denen
oft nur ein Quoten-Asiate dabei ist. Le Fil sagte zum Beispiel, dass
es ein enttäuschendes Gefühl sei, wenn du erkennst, dass niemand
oder nur eine andere Person auf der Bühne so ist wie du. Aber die
Zeiten ändern sich. In Grossbritannien gibt es mit «The Bitten Peach»
zum Beispiel ein queer-asiatisches Cabaret-Kollektiv.
Was steht noch auf deiner Fotografie-Bucket-List?
Ich würde gerne für eine längere Dauer ins Ausland gehen, zum
Beispiel nach Hongkong. Zum einen möchte ich mehr Zeit mit
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meiner chinesischen Familie verbringen. Zum anderen möchte
ich in die queere Kultur und die asiatische Kultur eines komplett
anderen Landes eintauchen. Hongkong soll über eine spannende
Untergrundszene verfügen, die ich gerne erkunden würde.
@instagram.com/danielhousley
Story — 4
«Heute versuche
ich, stolz auf
meine chinesische
Herkunft
zu sein, statt sie
zu hassen.»
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Soony und Anta in einem intimen Moment.
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Links: Dragqueen Le Fil zu Besuch in der Heimatstadt.
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Family is
where
love is
(celebrate your duality)
Photography: @pascaltriponez | Styling: @forlovearth @mariannealvoni @fizzenswitzerland
@confiserietschirren | Models: @mmooaannaa @joel.rathgeb @paleindividuall @elenaluisetanner
@lu.v.b @christinastacho @camillaelinejen
Musik
Neue
Musik
Bodies
Bodies
Wozu braucht man Instrumente,
wenn man mit Händen, Füssen
und Stimmbändern – also mit
dem Körper – Klänge erzeugen
kann? Kat Frankie hatte schon
immer ein Faible für A-cappella-
Songs und baute diese gerne in
ihre Konzerte ein. Irgendwann
entstand die Idee, daraus ein eigenständiges
Konzept zu entwickeln.
«Bodies» war geboren.
Gemeinsam mit sechs nicht
minder talentierten Kolleginnen
aus der feministisch-queeren
Berliner Musikszene trat die Australierin
in Locations wie der berühmten
Elbphilharmonie auf
und hat nun ein erstes Album realisiert:
Das selbstbetitelte
«Bodies». Neun A-cappella-Titel
sind darauf zu finden, die zum
Teil während früheren Tourneen
live zu hören waren, zum Teil aber
auf der Platte auch zum ersten
Mal erscheinen. Was «Bodies» so
faszinierend macht, ist seine klare,
schnörkellose Schönheit. Jede
Melodie steht für sich und versteckt
sich nicht hinter aufgeplusterten
Produktionen. Die intelligenten,
gesellschaftskritischen
Texte von Kat Frankie schweben
über den intimen, berührenden
Harmoniegesängen von Albertine
Sarges, Barbara Greshake, Erika
Emerson, Fama M'Boup, Liza
Wolowicz, Tara Nome Doyle und
Trinidad Doherty.
Erscheint am 6.12.2024
(Grönland Records)
The Cure
Songs of a Lost World
16 Jahre ist es her, dass The Cure
ihr letztes Album veröffentlicht
haben. Umso verständlicher also,
dass «Songs of a Lost World» von
den Fans sehnsüchtig erwartet
wurde. Wer die britische Band
schon in ihren Anfangstagen
feierte, dürfte sich über diese LP
besonders freuen. Denn Frontmann
Robert Smith, der das
Lippenstift-Tragen für Rockstars
salonfähig machte, und seine
Kollegen kehren zu dem Sound
zurück, der ihre frühen Werke prägte:
ein kantiger Stil, der tief im Punk
verwurzelt ist, aber auch mit Ambient
und New Wave liebäugelt.
Erschienen am 1.11.2024
(Polydor, Universal Music)
Asbjørn
The Secret our Bodies
Hold
Tanz und Musik gehören untrennbar
zusammen. Diesen Ansatz verfolgt
auch der Däne Asbjørn auf «The Secret
our Bodies Hold». Die elf Tracks sind
allesamt darauf angelegt, in Bewegungen
umgesetzt zu werden, schliesslich
waren es auch Bewegungen, die den
Avant-Pop-Künstler zu den Stücken
inspirierten. Die Platte strahlt dabei eine
ungeheure Vitalität aus, die es schwer
macht, still sitzen zu bleiben. Stattdessen
lohnt es sich, alle Gliedmassen in
Schwingung zu versetzen und sich ganz
den flirrenden Sounds hinzugeben.
Erschienen am 1.11.2024
(Body of Work)
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«Ich hätte
niemals
transitionieren
dürfen»
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Text – Greg Zwygart
Fotos – Raffi p.n. Falchi
Als Nadia Brönimann vor
bald 27 Jahren ihre Transition
zur Frau durchlief, liess
sie die ganze Schweiz daran
teilhaben. Heute befindet
sie sich in der Detransition,
spricht öffentlich darüber
und stösst damit einem Teil
der queeren Community
vor den Kopf. Eine Entdeckungsreise
in drei Akten.
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Story — 5
enn sich Nadia Brönimann eine neue Frisur zulegt, dann ruft
gleich die Presse an. Nicht irgendein Boulevardblatt, sondern eine
der grössten Tageszeitungen der Deutschschweiz. Der Tages-Anzeiger
wertet den Kurzhaarschnitt als Bekenntnis zur Männlichkeit.
«Die bekannteste trans Frau der Schweiz will zurück zu
ihrem alten Ich», so die Schlagzeile. Nadia hatte aber nur Lust auf
einen Pixie-Cut.
Es stimmt jedoch, dass die weibliche Identität für Nadia nicht
mehr ganz stimmig ist – ein Gefühl, das sie schon länger begleitet.
Die Reise zurück auf dem Spektrum in Richtung Männlichkeit ist
aber schleichend und keine kurzfristige Entscheidung wie beim
Friseur. Der Kurzhaarschnitt macht Nadia nicht mehr Mann und
nicht weniger Frau. «Es ist krass, wie sehr die Gesellschaft lange
Haare mit Weiblichkeit assoziiert», sagt Nadia. Wir treffen uns an
einem angenehmen Oktober-Nachmittag in Lachen am Zürichsee
und sprechen fast anderthalb Stunden über ihren Weg. Über
Labels und Schubladen, über Detransition und Retransition und
über Reue.
Für diesen Artikel verwenden wir mit Nadias Einverständnis
ihren weiblichen Namen und weibliche Pronomen. «Nadia war
seit fast 30 Jahren Jahre ein Teil von mir und ist es auch heute
noch. Aber Chris ist es eben auch», sagt sie.
Akt 1: Die Entfremdung Nadias von sich selbst
Nadia signiert ihre E-Mails mit Chris/Nadia und lässt sowohl
männliche als auch weibliche Pronomen zu. Chris als Kurzform
von Christian, ihr Geburtsname. Auf die Frage des Fotografen,
welchen Namen sie bevorzugt, sagt sie lachend: «Das ist mir egal.
Nenn mich einfach nicht Michael, weil dann reagiere ich nicht.»
Fragen hatte auch ihr Umfeld. Ob sie denn jetzt wieder Christian
sei, will man wissen. Nadia verneint. Nicht-binär? Auch das
passt nicht. Das Geschlecht ist kein Schalter, den man einfach
umlegt. Nadia will nicht zurück zu Christian, sondern verortet
sich irgendwo dazwischen. Sie weiss, dass das für eine Mehrheit
der Gesellschaft nicht einfach nachzuvollziehen ist: «Menschen
mögen Schubladen, das gibt ihnen ein Gefühl der Sicherheit. Aber
zurück in eine Schublade möchte ich nicht.»
Nadias Geschichte fällt unter Detransition. Diese Bezeichnung
wird verwendet, wenn eine trans Person eine Geschlechtsangleichung
rückgängig macht. Oft identifiziert sich diese dann wieder
mit dem Geschlecht, das ihr bei der Geburt zugewiesen wurde.
Aber nicht immer. Wenn Nadia von ihrer eigenen Geschichte erzählt,
zieht sie die weniger gängige Bezeichnung «Retransition»
«Der Weg, den
ich gehe, ist
wie eine neue
Transition, nach
vorne im Leben,
hin zu etwas
Neuem.»
vor. «Der Weg, den ich gehe, ist wie eine neue Transition, nach
vorne im Leben, hin zu etwas Neuem – einer anderen Geschlechterrolle»,
sagt sie. «Detransition nehme ich persönlich als ein Zurück
wahr. Daher trifft dieses Wort meine persönliche Empfindung
nicht.»
Nadias Entfremdung von sich selbst äusserte sich unter anderem
frühmorgens mit einem Gefühl der Schockstarre. Der Gedanke
ins Bad zu gehen und sich im Spiegel zu sehen, beschreibt
sie als lähmend. Sich als Frau zu frisieren, schminken, kleiden
und sich auch so zu verhalten wurde zu einem Korsett, das ihr allmählich
die Luft abschnürte. Der Selbsthass, ein alter Bekannter
Nadias, machte sich bemerkbar, kroch in ihr auf. Sie realisierte,
dass sie einen Schlussstrich ziehen musste.
Jahrelang erhielt sie Komplimente zu ihrem Passing, Bemerkungen
wie «Du siehst aus wie eine richtige Frau» spornten sie an.
So sehr, dass sie mit diesen Bestätigungen ihr eigenes Gefängnis
baute. Heute hat sie keine Lust mehr, diese Ansprüche zu erfüllen.
«Die Gesellschaft erwartet von trans Frauen Perfektionismus –
viel mehr als von cis Frauen», sagt sie. Ein Beispiel dafür sei die
Körperbehaarung. Während viele cis Frauen natürlich behaarte
Unterarme haben oder sich im Zeitalter der Body Positivity gegen
eine Rasur der Achsel- und Beinhaare entscheiden, wird eine solche
Behaarung bei trans Frauen als Makel gesehen, als Indiz einer
nicht kompletten Weiblichkeit. «Die Leute sehen diese Makel als
Beweise, dass man ‹eben einmal ein Mann war›.»
Es ist jedoch nicht nur ihre Psyche, die mit ihrer Identität als
Frau ins Hadern gekommen ist. Ihr Körper machte 16 Operationen
durch. Nadia hat Osteoporose und kardiovaskuläre Probleme,
die sie als Langzeitfolge ihrer Hormontherapie erachtet. Studien
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Story — 5
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Story — 5
Die Transition war für
Chris/Nadia kein Mittel
zur wahren Identität,
sondern eine Flucht.
belegen, dass eine Abnahme der Knochendichte und eine Entwicklung
von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei trans Personen
vermehrt auftreten können. Seit ihrer operativen Transition
1998 ist ihr Lustempfinden gestört, das Erleben von körperlicher
Sexualität nahezu unmöglich.
Akt 2: Christian hätte Christian bleiben müssen
Mit dem Selbsthass machte Nadia bereits als Kind Bekanntschaft,
im Jugend- und frühen Erwachsenenalter wurde er zu ihrem Begleiter.
Schon in jungen Jahren war sie seelischen Misshandlungen
ausgesetzt. «Ich kriegte nie zu hören, dass man mich gern hatte,
dass es okay ist, wie ich bin», erinnert sich Nadia. Sie kam ins
Kinderheim, mit sieben Jahren wurde sie adoptiert. «Irgendwann
kam das Gefühl, dass ich mit einem anderen Körper jemand Neues
werden konnte. Dass mein Leben endlich beginnen würde.»
Die Identität als Frau wurde für den damaligen Christian zur
Rettung aus dem alten Leben. Mit 29 Jahren liess er sich 1998 im
Universitätsspital Zürich operativ angleichen – oder, wie man damals
sagte, «zur Frau umoperieren». In dieser Zeit galten in der
Schweiz noch andere, strikte Regelungen für trans Personen. Damit
Christian auch rechtlich als Nadia anerkannt werden konnte,
mussten invasive und aus heutiger Sicht menschenunwürdige
Behandlungen durchgeführt werden: Neben einer vollständig
geschlechtsangleichenden Operation war auch eine irreversible
Sterilisierung vorgegeben. Erst ab den 2010er-Jahren legten
Gerichte in der Schweiz die Vorgaben für den Wechsel des amtlichen
Geschlechts lockerer aus. Für Signalwirkung sorgte ein
Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte 2017,
das Zwangssterilisationen und -operationen als Verstoss gegen
das Recht auf das Privatleben einstufte. In der Schweiz können
trans Personen seit 2022 mit einer einfachen Erklärung ihr Geschlecht
in ihren Dokumenten ändern lassen, in Deutschland seit
dem 1. November 2024. In Österreich sind dafür weiterhin psychiatrische
Gutachten nötig.
Für Nadia ist heute klar: Christian hätte Christian bleiben müssen.
«Ich hätte niemals transitionieren dürfen», sagt sie. Während
für viele trans Menschen eine Geschlechtsangleichung ein Mittel
zur wahren Identität darstellt, war es für Christian eine Flucht.
Doch in den 90er-Jahren mangelte es an Ressourcen, an geschultem
Fachpersonal. «Ich hatte niemand, der mich beriet, und mir
fehlte es an Möglichkeiten, mich zu informieren», sagt sie.
Nadia war Pionierin. Sie gehörte zu den ersten Personen, die
der Transidentität in der Schweiz ein Gesicht gaben. Sie wurde
zur «berühmtesten trans Frau der Schweiz» und war beliebtes
Fotomotiv der Klatschpresse. Sie veröffentlichte zwei Bücher, in
denen sie ihre schwierige Kindheit und Jugend und ihren neuen
Alltag als Frau beschrieb. 2004 war sie Protagonistin von «Sex-
Change. Wie Christian zu Nadia wurde», ein Dokumentarfilm des
Schweizer Fernsehens.
«Rückblickend finde ich es krass, wie viele Auffälligkeiten
in meiner Biografie deutlich machen, dass die Transition völlig
falsch war», sagt Nadia. «Ich hätte an meiner Seele arbeiten sollen,
statt zum Skalpell zu greifen.»
Weiterlesen auf Seite 75.
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Story — 5
«Das diagnostische
Verfahren wird
sorgfältig durchgeführt»
Raphaël Guillet ist Trans-Berater beim Checkpoint Bern.
Raphaël, habt ihr beim Checkpoint Bern
bereits Menschen in der Detransition
betreut?
Es kommt vor, aber nicht häufig. In der
Beratung hatten wir bereits Personen, die
eine Transition entweder abbrachen, unterbrachen,
rückgängig machten oder sich
allgemein neu orientierten. Wichtig anzumerken
ist, dass nicht alle sich als detrans
oder ihren Weg als Detransition beschreiben.
Wir beim Checkpoint wollen auch für
diese Menschen da sein, denn es gibt eine
grosse Versorgungslücke.
Was kann dazu führen, dass eine trans
Person den Wunsch einer Detransition
äussert?
Häufige Gründe sind Diskriminierung und
mangelnde Unterstützung nach der Transition.
Oft hängt dies mit der Realisation
zusammen, dass sichtbares Trans-Sein
zu Gewalt, Ausgrenzung, Schwierigkeiten
bei der Jobsuche oder zu Konflikten in
der Beziehung oder in der Familie führen
kann. Neben diesen externen Faktoren
gibt es auch interne, zum Beispiel Behandlungen,
die nicht das erhoffte Ergebnis
erzielen, oder eine Unverträglichkeit mit
Medikamenten. Schliesslich gibt es auch
strukturelle Faktoren: fehlende Ärzt*innen,
Wartelisten oder zu teure Behandlungskosten.
Oder die betroffene Person hat neue
Prioritäten, um die sie sich kümmern muss.
Oder sie erlebt eine Weiterentwicklung
ihrer Geschlechtsidentität.
Wie meinst du das?
Wie die sexuelle Orientierung ist die
Geschlechtsidentität nicht konstant – sie
kann sich im Verlauf des Lebens ändern.
Facetten und Nuancen kommen hinzu,
andere fallen weg. Manchmal bleibt sie
stabil, manchmal schlägt sie komplett um.
Wir erachten die Geschlechtsidentität als
bio-psycho-sozial, das heisst, sie entwickelt
sich nicht nur im Zusammenspiel mit
dem Körper und der Psyche, sondern auch
mit der Gesellschaft und der Umwelt. Ein
Beispiel: Vor 50 Jahren gab es den Begriff
der Nicht-Binarität nicht. Viele Menschen
wussten nicht, dass sie nicht-binär waren.
Erst, nachdem sie das Wort gehört hatten,
sagten sie: «Das drückt aus, wie ich mich
fühle.» Niemand kann wissen, wie sich die
Geschlechtsidentität einer Person weiterentwickeln
wird. Wichtig ist, dass man
diesen Prozess nicht als Bedrohung, als
Täuschung oder gar als Scheitern wahrnimmt.
Eine Auseinandersetzung mit dem
Geschlecht ist ein gesunder Prozess, ein
Weg zum authentischen Geschlecht und
zu sich selbst.
Rapid-onset gender dysphoria (ROGD)
beschreibt eine «plötzlich auftretende
Gender-Dysphorie». Die Theorie wird
wissenschaftlich kontrovers diskutiert.
Wie stehst du dazu?
Die Theorie beruht auf einer Studie, die
methologische Mängel und Biases aufweist
und wissenschaftlich nicht bestätigt
ist. Die Autorin, die Ärztin Lisa Littmann,
definiert ROGD als sozial bedingte Geschlechtsdysphorie
und als medizinische
Diagnose. In meiner beruflichen Praxis hat
sich das nicht bestätigt. Ich betreue sehr
viele Jugendliche. Bei keiner einzigen
jungen Person kam die Geschlechtsdysphorie
von aussen, so wie das von ROGD
postuliert wird. Ich kann aber nachvollziehen,
weshalb es für das Umfeld der Person
so aussieht.
Bild: zvg.
Wie denn?
Jugendliche machen sich lange Gedanken
über ihre Geschlechtsidentität, trauen
sich aber nicht, darüber zu sprechen. Sie
recherchieren im Internet, sprechen mit
Gleichgesinnten und haben dann ihr Coming-out.
Die Familie stellt jedoch eine
Kausalität her: «Mein Kind ist zu dieser
LGBTIQ-Gruppe gegangen oder hat diese
Website besucht und ist jetzt trans.» Wenn
man die Jugendlichen jedoch bittet, ihre
Geschichte zu erzählen, dann beginnen
sie immer mit den Fragen, die sie sich
gestellt haben, und ihrer Suche nach
Antworten.
Viele Eltern haben Angst vor
medizinischen Eingriffen.
Mir ist die Klarstellung wichtig, dass im
Umgang mit Trans-Identität heute ergebnisoffen
gearbeitet wird. Kindern, die sich
als trans beschreiben oder Geschlechtsvarianz
zeigen, soll die Möglichkeit gegeben
werden, die Geschlechtsidentität
zu erkunden, zum Beispiel mit sozialen
Rollen – gerade im Wissen, dass sich vieles
ändern kann. Medizinisch wird nichts
gemacht, das ist auch gar nicht möglich.
Selbst bei Jugendlichen und Erwachsenen
kann medizinisch nicht interveniert
werden, sofern keine diagnostischen Abklärungen
getroffen wurden. Ein Kernkriterium
für die Diagnose ist die Persistenz der
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73
Story — 5
Geschlechtsidentität über eine gewisse
Zeit, mindestens sechs Monate. Dazu
muss gesagt werden, dass in der Schweiz
derzeit ein derart grosser Engpass in der
medizinischen Betreuung für trans Menschen
besteht, dass sich die Wartezeiten
oft über ein Jahr erstrecken. Die Prozesse
gehen sehr langsam vorwärts.
Nadia Brönimann kritisiert, dass die
Transition der falsche Weg war. Wie
stehst du zu ihrer Kritik?
Nadia Brönimanns Geschichte berührt
mich sehr und ich bewundere ihren Mut,
damit an die Öffentlichkeit gehen. Zu
unterscheiden ist jedoch zwischen der
Kritik an ihrer eigenen Transition und zwischen
der Kritik an der medizinischen Versorgung
von trans Personen allgemein. In
Nadias Fall haben Ärzt*innen sie offenbar
zu wenig zur Reflektion animiert und sind
ungenügend auf unterliegende psychische
Faktoren eingegangen. Ich verstehe
ihre Vorwürfe.
Aus meiner beruflichen Praxis kann ich
sagen, dass ihre Erfahrungen eine Ausnahme
sind. Ich stelle fest, dass das
diagnostische Verfahren sorgfältig und
fachgerecht nach internationalen Richtlinien
durchgeführt wird. Es stimmt, dass
sich hinter einem Transitionswunsch eine
andere Ursache als Transidentität verstecken
kann. Es gibt jedoch klare Richtlinien
für den diagnostischen Umgang damit.
Wie stark kann man sich auf eine
Trans-Diagnose verlassen?
Auf die Diagnose kann man sich verlassen.
Man kann aber die Verantwortung für die
Folgen der beschlossenen Massnahmen
nicht den Fachpersonen abschieben.
Psychiater*innen können nicht garantieren,
dass eine Geschlechtsdysphorie auch in
zehn Jahren noch besteht oder dass die
Entscheidung für eine medizinische Transition
die richtige ist. Diese Fragen sind
eine grosse ethische Herausforderung für
alle Beteiligten. Was aber klar ist: Nichtstun
kann genauso verheerende Folgen haben
wie das Tun.
Wie haben sich die diagnostischen Verfahren
zu den 90er-Jahren verändert,
als Nadia Brönimann transitioniert ist?
Es hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden.
Früher gab es vorgegebene Schritte,
die man für eine Transition absolvieren
musste. Davon ist man komplett weggekommen.
Heute stehen die Selbstbestimmung
und die individuellen Bedürfnisse im
Vordergrund. Welche Massnahmen sind in
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welcher Reihenfolge und in welcher Kombination
hilfreich? Wie kann man das Wohlbefinden
einer Person mit Geschlechtsdysphorie
optimieren? Aus einem Mann
eine Frau zu machen und umgekehrt ist
heute nicht mehr das Ziel.
Ist es möglich, das Risiko einer Detransition
zu minimieren, bevor eine Person
eine medizinische Transition beginnt?
In der Beratung, Begleitung und Diagnostik
muss die Person zur Reflektion angeregt
und kritisch hinterfragt werden: «Kann
man deine Aussagen anders interpretieren?
Lassen sich deine Gefühle mit etwas
anderem in Verbindung bringen?» Diese
Fragen müssen gestellt werden. Unsicherheiten,
Zweifel und Ambivalenzen müssen
Raum bekommen und normalisiert
werden, denn sie sind Teil von wichtigen
Lebensschritten.
Ich bin ein Befürworter des Entscheidungsfindungsmodells
«Shared Decision
Making»: Fachpersonen orientieren sich
am Wertesystem der Person und fällen den
Entscheid gemeinsam mit ihr. Beide tragen
die Verantwortung mit allen Konsequenzen.
Shared Decision Making führt vermutlich
nicht zu weniger Detransitionen, aber
sicherlich zu weniger Fällen von Reue.
In den Medien kritisierte Nadia Brönimann,
dass die Schweizer Trans-Community
ihr Anliegen nicht ernst nimmt.
Sie hat absolut Recht, wenn sie sagt, dass
Personen, die eine Transition abbrechen
oder rückgängig machen, nicht gehört
oder gar zum Schweigen gebracht
werden. Diese Personen finden nirgends
Anschluss oder Unterstützung, weder im
eigenen Umfeld, in der Community oder
bei Fachpersonen. Das macht mich wütend
und traurig. Menschen, die detransitionieren,
sind genauso Teil der Community
wie alle anderen auch. Es ist wichtig und
dringend, dass wir Vorurteile abbauen,
denn wir können voneinander lernen und
haben viele gemeinsame Anliegen.
Story — 5
«Ich hätte
an meiner
Seele arbeiten
sollen, statt
zum Skalpell
zu greifen.»
Akt 3: Chris/Nadia geht in die Zukunft
Nadia bereut ihre Transition – bereut, was sie Christian und seinem
gesunden Körper angetan hat. Wer ihre Geschichte kennt,
weiss, weshalb sie nicht zurück zu Christian kann, weshalb sie
von Retransition statt von Detransition spricht. Sie will als Chris/
Nadia in die Zukunft gehen. Nadia bleibt Pionierin.
Heute geht es Nadia manchmal gut, manchmal weniger. Gut
geht es ihr, wenn sie sich im Alltag befindet. Wenn sie in der Natur
sein kann oder im Café am Zürichsee arbeitet, in dem wir
unser Interview führen. Eher weniger gut geht es ihr, wenn sie
körperliche Schmerzen hat oder wenn Fragen und Ängste sie
plagen. In solchen Situationen will Nadia nach vorne blicken.
«Ich will weiter vorwärts gehen, jetzt habe ich eine Abzweigung
hinter mir und schaue, wohin mein Weg als Chris/Nadia mich
führt», sagt sie.
Die Abzweigung steht einerseits für einen Abschied von Nadia,
vom Frausein, andererseits für ihr zweites Coming-out, das
sie mit einem Haarschnitt losgetreten hat. «Der erste Schritt war
schwierig, denn du trägst es ewig mit dir rum. Danach kommt die
Erleichterung», sagt sie.
In der Schweiz gibt es keine etablierte Anlaufstelle oder offizielle
Organisation für Detransition. Nadia ist in Kontakt mit
Personen, die in einer ähnlichen Situation sind wie sie und betreibt
die Instagram-Seite «detrans_schweiz». Damit will sie ihre
Geschichte erzählen und dazu beitragen, dass andere nicht denselben
Fehler machen wie sie. Sie setzt sich dafür ein, dass nur
Personen mit einer gefestigten psychischen Gesundheit und einer
klinisch abgesicherten Diagnose einen Zugang zu medizinischen
Massnahmen für eine Geschlechtsangleichung erhalten.
Von Trans-Organisationen in der Community fühlt sich Nadia
nicht gehört und nicht verstanden – eine Steilvorlage für Medien,
um die Thematik mit der gegenwärtigen Gender-Debatte in Verbindung
zu bringen, teils mit reisserischen Behauptungen. Uneinigkeit
besteht unter anderem über die von Nadia unterstützte
ROGD-Theorie. Rapid-onset gender Dysphoria (ROGD) ist wissenschaftlich
umstritten und besagt, vereinfacht ausgedrückt,
dass eine Geschlechtsinkongruenz von aussen herbeigeführt
werden könne. Bestärkt durch Social Media seien Jugendliche
«plötzlich aus dem Nichts überzeugt», trans zu sein.
Am 7. November sprach Nadia vor dem Grossen Rat der Menschenrechtskommission
in Genf und plädierte für ein Verbot von
Hormonen und Pubertätsblockern bei Minderjährigen mit möglichen
Ausnahmen. Einige Kinderärzt*innen und Fachpersonen
teilen ihre Meinung und fordern neue Leitlinien. Andere widersprechen
ihr, darunter Transgender Network Switzerland TGNS.
Ein Pauschalverbot würde denjenigen Jugendlichen schaden, die
auf gezielte Massnahmen angewiesen seien, so der Tenor in verschiedenen
Medien. Schliesslich könne auch die fortschreitende
Pubertät bei gewissen trans Jugendlichen irreversible Schäden
zur Folge haben. Und: Sich für eine medizinische Geschlechtsangleichung
zu entscheiden und sie anschliessend zu bereuen, habe
nichts mit dem Alter zu tun.
Nadia will Detransition sichtbar machen und offen darüber
mit der Community diskutieren. Wichtig ist ihr aber, dass sie
nicht als transphob oder als Gegnerin von Geschlechtsangleichungen
wahrgenommen wird. «Ich kenne trans Menschen, bei
denen die medizinische Massnahme richtig war und bei denen
gesundheitlich alles rund läuft. Das ist wunderbar. Ich kenne
aber auch andere, die viele Probleme mit den Langzeitfolgen ihrer
Transition haben», sagt sie. «Beides ist real und findet statt. Wenn
ich kritisch rede, dann tue ich das, weil ich auch mögliche negative
Seiten thematisieren will.»
Winter 2024/25
75
REISEN
Mongolei
Die wilde Schönheit. Das Steppenland in Fernost begeistert
mit atemberaubenden Landschaften, beeindruckenden Klöstern
und einer einzigartigen Nomadenkultur. Gleich hinter der
glitzernden Skyline der Hauptstadt Ulan Bator beginnen endlose
Weiten, die nur darauf warten, entdeckt zu werden.
Das buddhistische Gandantegchinlen-Kloster
in Ulan
Bator beherbergt die grösste
Buddha-Statue des Landes.
Die wechselreiche Geschichte der
Mongolei reicht zurück bis zum Reich
von Dschingis Khan im 13. Jahrhundert.
Damals schufen sich die
Mongolen ein riesiges Imperium, das
sich von Osteuropa bis nach Asien
erstreckte. Dschingis Khan wird noch
heute als Nationalheld verehrt. Sein
Erbe ist in der Kultur und den Traditionen
des Landes allgegenwärtig.
Die Mongolei hat im Laufe der Jahrhunderte
zahlreiche Veränderungen
durchgemacht, vom zweitgrössten
Reich aller Zeiten bis zur Sowjetära
und schliesslich zur Unabhängigkeit
im Jahr 1990. In den letzten Jahrzehnten
hat der Tourismus kontinuierlich
zugenommen, wobei besonders die
unberührte Natur und die einzigartige
Nomadenkultur des Landes Besuchende
aus aller Welt anziehen. Die
wichtigsten Wirtschaftszweige sind
jedoch bis heute die Viehzucht und
der Bergbau.
Für die MANNSCHAFT
unterwegs:
Andreas Gurtner
76 Winter 2024/25
REISEN
Der Sukhbaatar-Platz bildet das Zentrum der modernen Wirtschaftsmetropole
Ulan Bator.
Stadtleben
Ulan Bator, die Hauptstadt der Mongolei,
ist das politische, kulturelle und
wirtschaftliche Zentrum des Landes. Die
Stadt liegt am Ufer des Tuul-Flusses und
ist von vier heiligen Bergen umgeben,
die der Metropole eine beeindruckende
Kulisse verleihen. Eines der bekanntesten
Wahrzeichen der Stadt ist das imposante
Dschingis-Khan-Denkmal auf dem zentralen
Sukhbaatar-Platz. Ein weiterer Höhepunkt
ist das Gandantegchinlen-Kloster,
ein buddhistisches Kloster aus dem 19.
Jahrhundert, das heute ein wichtiger Ort
des spirituellen Lebens in der Mongolei
ist. Das eindrückliche Kloster beherbergt
eine 26 Meter hohe Statue des Buddha
und zählt zum Pflichtprogramm jeden
Stadtrundgangs.
Das Nationalmuseum der Mongolei bietet
einen umfassenden Überblick über die
Geschichte und Kultur des Landes, von
prähistorischen Funden bis zur modernen
Ära. Es ist ein idealer Ort, um mehr über
die reiche Geschichte der Mongolei und
die verschiedenen Epochen der mongolischen
Zivilisation zu erfahren. Neben
der historischen und kulturellen Seite hat
Ulan Bator auch eine moderne, lebendige
Seite. Die Stadt ist bekannt für ihre
zahlreichen Parks, die als grüne Oasen
inmitten des urbanen Trubels dienen.
Besonders beliebt ist der Zaisan Hill, ein
Aussichtspunkt, dessen Blick über die
Stadt und die umliegende Landschaft
einem den Atem raubt. Die vielfältige
Gastronomieszene krönt einen Tag voller
Entdeckungen kulinarisch.
Küche
Die mongolische Küche ist geprägt
von den rauen klimatischen
Bedingungen und der nomadischen
Lebensweise. Sie besteht hauptsächlich
aus Fleisch, Milchprodukten
und Teigwaren. Das Nationalgericht
der Mongolei ist
«Buuz», gedämpfte Teigtaschen,
die traditionell mit Lamm- oder
Rindfleisch gefüllt sind. Diese
Teigtaschen werden oft bei
Festen und Feierlichkeiten
serviert. Ein weiteres beliebtes
Gericht ist «Khuushuur», eine
Art frittierte Teigtasche,
ebenfalls meist mit Fleisch
gefüllt. Neben diesen Fleischgerichten
spielen Milchprodukte
wie Joghurt, Käse und Airag eine
wichtige Rolle in der mongolischen
Ernährung. Bei Airag
handelt es sich um fermentierte
Stutenmilch. Für die meisten
Tourist*innen ist der Geschmack
dieses Getränks, das die Einheimischen
gerne als Erfrischung
geniessen, jedoch ziemlich
gewöhnungsbedürftig.
Winter 2024/25
77
REISEN
Must do
Ein mehrtägiger Ausflug in die mongolische
Steppe führt in die unberührte Natur
und die traditionelle Lebensweise der
Nomad*innen. Nachdem man Ulan Bator
hinter sich gelassen hat, erreicht man
nach einer rund vierstündigen Fahrt die
Sanddünen von Bayan Gobi. Diese werden
oft auch Mini-Gobi genannt, da sie
landschaftlich an die grössere Gobi-Wüste
erinnern, jedoch bedeutend kleiner
sind. Hier bietet sich eine Kameltour
durch die weitläufige Dünenlandschaft
an, bevor man die Nacht in einem traditionellen
mongolischen Zelt, einem «Ger»,
verbringt und die Stille sowie den klaren
Sternenhimmel geniessen kann. Am
nächsten Tag geht die Reise weiter nach
Karakorum, der ehemaligen Hauptstadt
des Mongolischen Reiches: ein historisch
bedeutsamer Ort, der einst das Zentrum
des mächtigen Reiches von Dschingis
Khan war. Hier darf ein Besuch des Erdenezuu-Klosters,
dem ältesten buddhistischen
Kloster der Mongolei, keinesfalls
fehlen. Aus dem 16. Jahrhundert stammend
ist es von einer beeindruckenden
Mauer umgeben und beherbergt zahlreiche
Tempel und Schreine, die in die
spirituelle und kulturelle Geschichte der
Mongolei blicken lassen.
Rund 80 Kilometer von Karakorum entfernt
erreicht man den wunderschönen
Ugii-See, der für seine reiche Vogelwelt
und Landschaft berühmt ist. Hier hat
man die Gelegenheit, zu schwimmen, zu
angeln oder einfach die Ruhe und Schönheit
der Natur zu geniessen. Auf dem
Rückweg nach Ulan Bator lohnt es sich,
einen Abstecher zum Hustai National
Park zu machen, wo man mit etwas Glück
die wilden Przewalski-Pferde beobachten
kann. Bei diesen Tieren handelt es sich
um die letzten echten Wildpferde der
Welt. Wer anschliessend noch ein paar
Tage Zeit hat, kann per Flugzeug in die
faszinierende Gobi-Wüste im Süden des
Landes weiterreisen. Diese ist bekannt für
ihre weiten Sanddünen, atemberaubenden
Felsformationen und tiefen Schluchten.
Hier lässt sich die wilde Schönheit
der mongolischen Landschaft nochmals
hautnah erleben, bevor die Reise durch
dieses faszinierende Land zu Ende geht.
Die windgeformten Sanddünen von
Bayan Gobi verschmelzen mit der
endlosen Weite der mongolischen
Steppenlandschaft.
Mongolei
Queer Life
Hauptstadt — Ulan Bator
Landessprachen — Mongolisch
Einwohner*innen — ca. 3 Millionen
Beste Reisezeit — In den warmen
Sommermonaten von Mai bis September.
Einreise — Schweizer*innen und
EU-Bürger*innen benötigen einen
gültigen Reisepass. Bei einem Aufenthalt
bis zu 30 Tagen ist kein Visum
erforderlich.
Sicherheit — Die Mongolei gilt als
sicheres Reiseziel.
In der Mongolei ist Homosexualität
seit 1993 legalisiert.
Zudem wurden seit 2017 verschiedene
Anti-Diskriminierungs-Gesetze
verabschiedet,
die unter anderem die sexuelle
Orientierung in die Gesetze
gegen Hassverbrechen aufgenommen
haben. Dennoch gibt es bis
heute keine rechtliche Anerkennung
gleichgeschlechtlicher
Ehen oder eingetragener Lebenspartnerschaften.
In städtischen
Gebieten wie Ulan
Bator hat die Toleranz gegenüber
der LGBTIQ-Community in
den letzten Jahren spürbar
zugenommen. In ländlichen
Regionen hingegen dominieren
weiterhin konservative Ansichten,
weshalb es ratsam
ist, ein gewisses Mass an
Zurückhaltung zu wahren.
Eine kleine, aber wachsende
Gayszene findet man in der
Millionenstadt Ulan Bator.
Ein jährliches Pride-Event
namens Equity Walk im August
zeigt die wachsende Sichtbarkeit
und Unterstützung
für LGBTIQ-Rechte. Die Bar
«Henzo» im Miami Hotel ist
die einzige Gay-Bar in der
gesamten Mongolei und ein
wichtiger Treffpunkt für die
Community.
Queerometer:
78 Winter 2024/25
REISEN
Sommer in der Mongolei: Pferde weiden am satten Grün der Flussufer und tanken Kraft.
Insidertipps
KEMPINSKI HOTEL KHAN PALACE,
UGII KHISHIG RESORT,
ULAN BATOR
UGII-SEE
Von diesem Hotel, welches im Herzen der Direkt am Ugii-See gelegen, bietet diese
mongolischen Hauptstadt liegt, lassen sich Unterkunft Ausblicke über die atemberaubende
Landschaft. Das Resort verfügt über
die meisten Sehenswürdigkeiten gut zu Fuss
erreichen. Das Kempinski verfügt über 102 komfortable Jurten und Zimmer, die traditionellen
Charme mit modernen Annehm-
elegant eingerichtete Zimmer und Suiten, die
mit modernen Annehmlichkeiten wie Minibar lichkeiten wie einer Heizung und kostenlosem
WLAN verbinden. Zudem beherbergt
und kostenlosem WLAN ausgestattet sind. Für
das leibliche Wohl sorgen zwei Restaurants, es ein Restaurant sowie eine gemütliche
die sowohl internationale als auch traditionelle
mongolische Küche servieren. Zudem ausklingen lassen kann. Zu den angebote-
Bar, in der man den Tag bei einem Drink
kann man in der stilvollen Sushi-Bar leichte nen Freizeitmöglichkeiten gehören Angeln,
japanische Gerichte sowie leckere Cocktails Vogelbeobachtungen, Reiten und Bootsfahrten.
Die Stadt Karakorum erreicht man in
geniessen. Darüber hinaus bietet das Hotel
einen Wellness- und Fitnessbereich. Der internationale
Flughafen liegt rund eine Stunde – facebook.com/ugiikhishigresort
rund 90 Minuten.
entfernt. – kempinski.com
«Die Mongolei
verzaubert mit
endlosen Steppen,
einer reichen
Geschichte
und tief
verwurzelten
Traditionen.»
Winter 2024/25
79
Story — 6
6
«Ich habe
mir selbst
nicht mehr
vertraut»
80 Winter 2024/25
Story — 6
Text – Maja Schirrle
Fotos – Timo Gerber
Nico Stank ist Musical-Darsteller,
Comedian und Schauspieler.
Er hat einen Blitzaufstieg hingelegt.
Warum er dennoch an
sich zweifelt.
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81
Story — 6
So war es nicht geplant. Theateraufführung der vierten Klasse, die
Halle ist voll besetzt. Eltern, Grosseltern, Geschwister, alle starren auf
das Mädchen, das ausgestreckt auf der Bühne liegt. Sie ist gestolpert
und der Länge nach auf den Boden geknallt. Was jetzt? Der 10-jährige
Nico Stank tritt vor. Er spielt einen Müllmann mit Besen und Warnweste.
«Jetzt werfen die hier den Müll schon auf die Strasse!», ruft er,
dann fegt er das Mädchen weg. Sie spielt mit und rollt beiseite. Das
Publikum lacht. Besser hätte es nicht laufen können.
Das war deine erste Improvisation. Wie hat sich dein Leben
nach diesem Moment verändert?
Mein Traum war es immer, Schauspieler zu sein – ich hatte nie einen
anderen. Deswegen hat mir Theater so Spass gemacht. Manche
sind auf der Bühne nervös, ich war nie aufgeregt. Das Schauspielen
war mein Safe Space. Auch bei diesem Theaterstück hatte
ich keine Angst, deshalb habe ich den Spruch gesagt. Es hat mich
danach schon beschäftigt. Von da an habe ich Situationen nachgeahmt.
Ich habe angefangen, Comedians zu parodieren. Wenn
Freund*innen meiner Eltern zu Besuch waren, habe ich Sketche
vorgeführt.
Aus was für einem Elternhaus kommst du?
Ich bin Einzelkind und hatte Glück, viel erleben zu dürfen. Wir
waren oft im Theater und im Musical. Meine Eltern haben viel
gearbeitet, damit wir jeden Winter in den Urlaub fliegen konnten.
Meine Mutter hat eine Boutique eröffnet und sonntags an einem
Marktstand Kränze und Kleidung verkauft. Mein Vater hat die
ganze Woche auf der Deponie gearbeitet. Jeden Montag ist er in
den Grossmarkt gefahren, um Waren für die Boutique und den
Marktstand zu kaufen.
Hattest du als Kind das Gefühl, gesehen zu werden,
oder musstest du dich beweisen?
Vorgestern habe ich meine Erinnerungskiste gefunden. Darin
sind viele Karten meiner Eltern. Mein Vater war oft auf Montage
und hat mir Briefe hinterlassen. «Denk an den Test» und «Ich hab
dich lieb». Jeden Abend hat er mir zum Einschlafen vorgesungen.
Ich hatte einen Kassettenrekorder von «König der Löwen». Wenn
mein Vater auf Montage war, hat er die Lieder zuvor extra auf
dem Kassettenrekorder eingesungen, damit ich sie jeden Abend
hören konnte. Ich hatte eine liebevolle Kindheit. Meine Eltern haben
mich immer gefördert und unterstützt. Mein Vater war auch
derjenige, der gesagt hat, ich soll doch Musical-Darsteller werden.
Eigentlich wollte ich gar kein Musical machen.
«Das Schauspielen
war mein Safe Space.»
82 Winter 2024/25
Story — 6
Winter 2024/25
83
Story — 6
Es war immer dein Traum, Schauspieler zu werden. Trotzdem
bist du auf die «Stage School» in Hamburg gegangen, eine
private Schule für Musical-Darsteller*innen. Warum?
Ich habe früher in einer Latein-Formation getanzt und war Teil
des Jungen Ensembles im Schauspielhaus Bochum. Ich wollte
Schauspieler werden, doch mein Papa meinte, mach doch Musical.
Wir gehen doch so oft ins Musical und du tanzt doch auch so
gerne. Also habe ich mich für Musical entschieden.
Fiel dir die Entscheidung schwer?
Die fiel mir nicht schwer, weil es trotzdem ein kreativer Beruf
ist. Musical verbindet Gesang, Tanz und Schauspiel. Mein Papa
meinte, warum eins machen, wenn man auch drei machen kann.
Wie wichtig ist dir der Rat deines Vaters?
Der war mir immer wichtig. Ich mache nichts, ohne zu Hause zu
fragen, was meine Eltern darüber denken. Sie haben mich immer
unterstützt und ich weiss, ich kann mich auf ihren Rat verlassen.
Ich bin generell eine Person, die immer alle fragt. Wenn ich etwas
mit einem Typen habe, muss ich das mit fünf Leuten besprechen.
Ich glaube, das liegt daran, dass ich oft nicht auf mein Bauchgefühl
gehört habe. Zum Beispiel: Zu Abi-Zeiten konnten wir ein
Praktikum in London machen. Wir wurden von der Lehrerin gefragt,
was für ein Praktikum wir machen wollen.
Ich: Schauspiel
Sie: Das geht nicht
84 Winter 2024/25
Story — 6
«Das Kreative
wurde immer
belächelt. Für
Aussenstehende
war das
kein richtiger
Job.»
Ich: Und Tanz?
Sie: Ne, das haben die da nicht so
Ich: Äh, dann Fotografie?
Sie: Ne, das geht auch nicht
Das Kreative wurde immer belächelt. Für Aussenstehende war
das kein richtiger Job. Deswegen habe ich oft an mir gezweifelt.
Ich habe immer eine Meinung eingeholt, weil ich mir selbst nicht
mehr vertraut habe.
Deine Musical-Ausbildung ging über drei Jahre. Hast du
darüber nachgedacht, doch noch auf eine Schauspielschule
zu gehen?
Im letzten Jahr habe ich mich für die «Ernst Busch» beworben.
Ich war auch beim Vorsprechen, das war kurz vor der Abschlussprüfung.
Zu dieser Zeit hatte ich schon erste Musical-Jobangebote.
Ich konnte auf die Bühne, ich konnte jetzt Geld verdienen mit
dem, was mir Spass machte. Da fand ich es unlogisch, nochmal
vier Jahre Schauspiel zu studieren. Ich blieb beim Musical.
Manchmal kommt er heim und seine ganze Wohnung ist umgestellt.
Die Untermieterin hat das «Fühl dich wie zuhause» mal wieder zu
ernst genommen. Monatelang ist er nicht da gewesen. Er lebt aus einem
orangenen Koffer mit nur zwei Rollen. Den hat er nach Wien geschleppt,
nach Dortmund, Gelsenkirchen, Essen und Hamburg. Überall
dahin, wo es freie Musical-Rollen gibt. Die Proben beginnen meist
um zehn und enden, wenn er Glück hat, gegen 18 Uhr, ansonsten um
Mitternacht. Seine Eltern kommen zu jeder Premiere und weinen vor
Stolz.
Dann hast du dich vom Musical abgewandt. Warum?
Ich bin mit meinem Papa oft im Kino gewesen. Am Ende habe
ich immer fast geweint, weil ich mir so gewünscht habe, dass
irgendwann mein Name im Abspann steht. Beim Musical hat
Schauspiel nicht die höchste Priorität. Das fehlte mir. Ich wollte
vor die Kamera. Manchmal hatte ich Castings – für «Pfefferkörner»
und sowas. Ich konnte aber keine Rollen annehmen, weil
ich Sperrtermine vom Musical hatte. Das Musical versperrte mir
den Weg, Schauspieler zu werden. Dazu kam, dass meine Stimme
nur normal war. Bei den Hauptfiguren steht der Gesang an erster
Stelle. Ich war immer nur der Lustige – nicht die Heldenfigur. Ich
wusste, ich würde nie Hauptrollen bekommen. Deswegen habe
ich aufgehört.
Das stimmt nicht. Beim Musical «Yakari» hattest du eine
Hauptrolle. Warum zweifelst du so an dir?
Das ist schon immer so gewesen. Ich glaube das kam, weil alle
anderen an mir zweifelten. Ich wurde von den Leuten nie für voll
genommen, wenn ich sagte, ich werde Schauspieler. Ich hatte den
Traum, erfolgreich zu sein. Die Leute belächelten das. Dann wurde
ich 30 und dachte: Habe ich eine falsche Selbstwahrnehmung?
Bin ich der Einzige, der an mich glaubt? Natürlich wusste ich,
dass meine Eltern an mich glauben und mich unterstützen. Aber
wer schafft es schon berühmt zu werden? Irgendwann dachte ich:
Vielleicht schaffe ich es nicht.
Wie ging es weiter?
Ich habe alles versucht, um meinem Ziel näher zu kommen. 2016
hatte ich meinen ersten Stand-up-Auftritt. Ich habe nur mit
Stand-up angefangen, weil ich hoffte, erfolgreich zu werden und
so in Filmrollen zu rutschen. Carolin Kebekus und Chris Tall
Winter 2024/25
85
Story — 6
spielen ja auch in Filmen mit. Ich dachte, wenn ich es auf dem
normalen Weg nicht schaffe, dann vielleicht über den Umweg Comedy.
Zu dieser Zeit hatte ich keine Einnahmen. Ich habe mit dem
Synchronsprechen begonnen, um Geld zu verdienen. Mit Musical
aufzuhören war total der Geldeinbruch. Ich musste wieder bei
Null anfangen.
Du hast dir selbst den Boden unter den Füssen weggezogen.
Dazu kam, dass sich meine Schauspielagentur auflöste. Ich bin
nie in eine andere Agentur gekommen, weil die meine Stimme
komisch fanden. Ich hatte keine Möglichkeit auf Schauspieljobs.
2017 habe ich über ein Portal eine Rolle bei der Serie «Die Spezialisten»
bekommen. Das habe ich dann gedreht. Die Rolle war
schwul. Ich dachte: Oh mein Gott! Sie haben es entdeckt.
Ich habe immer gesagt, wenn ich Schauspieler sein möchte, darf
ich keine Skandale haben. Ich war nie betrunken, habe nie Drogen
genommen und dachte, ich darf niemals schwul sein.
Du dachtest, deine Homosexualität ist ein Skandal?
Ich habe mich sehr spät als schwulen Mann akzeptiert. Ich habe
nicht zu dem gestanden, wer ich bin, mich immer angepasst, damit
ich nicht auffalle. Mein erster Freund war geheim. Er durfte
niemandem erzählen, dass wir zusammen waren. Ich habe ihm
gesagt, dass ich mich in Menschen verliebe. Ich hatte vorher ja
auch schon Freundinnen. So habe ich für mich gerechtfertigt,
dass es diesmal zufällig ein Mann war. Aber als wir uns das erste
Mal geküsst haben, wusste ich sofort: Genau das hat mir in meinem
Leben immer gefehlt.
Die Perücke hat er seit Jahren. Sie ist aus dem Fundus des «König der
Löwen»-Musicals und hat fünf Euro gekostet. Er weiss, wie witzig er
aussieht, wenn er sie falsch herum trägt. Er weiss auch, dass ihm für
seine Idee nur ein Kleid und etwas Make-Up fehlen. Ist das zu feminin?
Seine Freund*innen sagen: «Mach es, es ist zum Schreien!» Er traut
sich und postet ein Video. Nico Stank in der Rolle der Nicola. Eine Friseurin
mit sächsischem Dialekt und Hang zu Leomustern. Die Leute
lieben sie. Während der Pandemie postet er täglich. Heute hat er über
400’000 Follower*innen auf Instagram.
Zeitgleich mit Social Media bist du in der Comedy-Szene
aufgestiegen. 2022 hast den Comedy-Preis als bester
Newcomer gewonnen. Im Juni bist du in der Kölner Lanxess
Arena aufgetreten.
Ich habe den ganzen Tag geweint, weil ich nicht glauben konnte,
dass ich alleine in so einer Arena stehe. Zum ersten Mal war
meine ganze Familie da, bestimmt 30 Leute. Ich hatte das Gefühl,
danach haben sie mich anders gesehen. Ich dachte, jetzt haben sie
verstanden, dass es kein Traum mehr ist.
Auftritt im Quatsch-Comedy-Club. Nico Stank witzelt über seine Ex-
Freundin. Was niemand weiss: diese Frau, deren Stimme und Aussehen
er so ausschweifend beschreibt, existiert überhaupt nicht. Nach
der Show nimmt ihn die Künstlerische Leiterin Renate Berger beiseite.
«Wie wäre es, wenn du aus deinem echten Leben erzählst?», sagt sie.
Er sieht sie an und versteht. Von nun an will er nicht mehr lügen.
Wie war dein öffentliches Coming-out?
Ich habe einfach angefangen, über meine Sexualität zu sprechen
und keinen Hehl daraus gemacht. Ich habe von meinem
Ex-Freund und von Dates erzählt und den Leuten keine Chance
mehr gelassen, meine Sexualität zu erraten.
Dein neues Comedy-Programm heisst «Akte Ex».
Wie lange schreibst du schon daran?
Ende August habe ich ein Moodboard erstellt. Ich bin jetzt bei 16
Seiten. Das letzte Programm waren 20 Seiten. Immer wenn etwas
passiert, schreibe ich es unter dem Betreff «Comedy» in meine E-
Mail-Entwürfe. Daraus kann ich schöpfen, und natürlich aus der
Vergangenheit. Es gibt viel, über das man erzählen kann.
Über deine Ex-Freunde?
Ich weiss noch nicht, ob ich über alle erzähle. Aber ich erzähle
mein komplettes Coming-out und von meinem ersten Freund.
Das ist das Hauptthema.
Im Podcast «Free Hugs» von Riccardo Simonetti und Anke
Engelke erzählst du von einem Ex-Partner, der dir zu dieser
Zeit sehr zugesetzt hat.
Er sagte immer: Dein Traum geht nie in Erfüllung, du bist peinlich,
deine Eltern schämen sich für dich. Ich habe ihm geglaubt,
weil er mein Partner war. Selbst als er weg war, fiel es mir schwer,
mich zu öffnen. Ich hatte immer im Hinterkopf, dass er vielleicht
Recht hatte. Dann habe ich Riccardo Simonetti und Strify kennengelernt
und ein neues Umfeld bekommen. Da waren viele Leute
aus der queeren Bubble und viele Influencer*innen. Ich wollte
jetzt einfach auf mein Bauchgefühl hören – einfach ich sein.
In den letzten zwei Jahren konnten wir dich auch im Kino
sehen. Unter anderem in «Liebesdings» neben Elyas M’Barek.
Lass uns zurück an den Anfang gehen. Wie wäre dein Leben
wohl verlaufen, wenn dieses Mädchen beim Auftritt in der
vierten Klasse nicht hingefallen wäre?
Ich wollte immer Schauspieler sein. Ich glaube, Talent findet einen
Weg. In den letzten Jahren habe ich gelernt, dass man dranbleiben
muss, wenn man einen Traum hat. Manche sagen: «Du
hattest super viel Glück.» Ja, es gehört eine Portion Glück dazu,
aber auch Arbeit. Vor ein paar Jahren noch sass ich mit meinem
Ex auf dem Bett. Ich hatte minus 8000 Euro auf dem Konto. Ich
dachte: Wie soll ich das alles schaffen? Es muss jetzt funktionieren.
Du musst weiter an dich glauben. Wenn du dran bleibst und
gut bist, kann es klappen.
86 Winter 2024/25
Story — 6
Tour
2025 ist Nico Stank mit
seinem Soloprogramm
«Akte Ex» in ganz
Deutschland unterwegs,
eine Show führt
ihn nach Österreich: am
22. Mai in Wien.
Termine und Tickets:
nicostank.de
Winter 2024/25
87
Winter 2024/25
Interview
«Ich bin oft
die letzte auf
der Tanzfläche»
Sie hat gerade den Lauf ihres Lebens. Die letztjährige Single «Padam
Padam» katapultierte Kylie Minogue zurück in höchste Chartregionen.
Plötzlich ist die australische Popveteranin wieder cool und angesagt. Wir
treffen sie in London. In einem dezenten gelben Pulli zur blauen Jeans ist
sie eher unauffällig gestylt. Während des Gesprächs, für das sportliche
fünfzehn Minuten angesetzt sind, das dann aber doch ein bisschen länger
geht, bekommt die 56-Jährige das Strahlen kaum aus dem Gesicht.
Interview – Steffen Rüth
Bild: Erik Melvin
Kylie, im Video zu deinem Song «Lights Camera Action»
spielst du eine Schauspielerin, die zu Beginn miese Laune hat.
Es wirkt, als wäre es dir schwergefallen, dieses Gefühl glaubhaft
zu verkörpern.
Kylie Minogue: Gott, ja. Die Anweisung meiner Stammregisseurin
Sophie Muller lautete, ich solle so mürrisch gucken wie nur möglich.
Ganz ehrlich, das war nicht leicht. Es entspricht nicht meiner
Natur, unfreundlich oder kratzbürstig zu sein. Ich bin die meiste
Zeit ganz zufrieden. Und ich habe ein Herz für Menschen.
Umgekehrt haben die Menschen auch ein Herz für dich. Und
das ist grösser denn je. Wie fühlt es sich gerade an, Kylie
Minogue zu sein?
Fantastisch. Ich geniesse es extrem, auf dieser Welle zu reiten,
deren Ausmass mich wirklich überrascht hat.
Oh, kannst du etwa surfen?
Leider nicht. Ich komme zwar aus Melbourne, aber ich habe das
Surfen nie gelernt. Trotzdem habe ich oft genug zugeschaut und
verstehe das Prinzip. Du paddelst im Wasser, und wenn die Welle
endlich kommt, dann musst du bereit sein. Du willst sie ja nicht
verpassen.
Der Erfolg von «Padam Padam» ist deine grösste Welle seit
«Can’t Get You Out Of My Head» vor mehr als zwanzig Jahren.
Popmusik ist ein flüchtiges Geschäft. Du bist seit 1988 immer
dagewesen, hast nie wirklichen Käse veröffentlicht. Wie
schafft man das?
Ich finde es schön, dass du sagst, ich sei verlässlich (lächelt). Ich
selbst habe das nicht immer so empfunden. Auch ich habe es nicht
vermocht mit jeder neuen Single oder jedem Album, jede Höhe
zu meistern – speziell, wenn die Latte wegen vorheriger Erfolge
besonders hoch lag. Doch ich denke, dass auf meiner Reise als
Künstlerin auch die Durststrecken wichtig waren. Meine Misserfolge
haben mich weitergebracht.
Bist du auch in schwierigen Momenten immer überzeugt
gewesen, dass dein nächster Hit höchstens eine Frage der
Zeit ist?
Nein, ich bin zwar selbstbewusst, aber so sehr von mir selbst überzeugt
dann doch nicht. Ich habe einfach weitergemacht, immer
weitergemacht. So bin ich meine gesamte Karriere über programmiert
gewesen: Wenn ein Projekt abgeschlossen ist, starte ich das
nächste. Ich habe nie lange innegehalten und über den Verlauf
meiner Karriere nachgedacht. Was ich aber sagen kann: Ich liebe
das Musikmachen im Augenblick mehr als je zuvor in meinem
Leben. Denn der Job macht selbstverständlich mehr Spass, wenn
du Erfolg hast und viele Menschen erreichst.
Neben Glück und Timing spielt aber auch Können eine Rolle,
oder?
Ich finde auch, dass ich mich entwickelt habe und noch besser
geworden bin. Ich weiss heute mehr, kann mehr, achte stärker auf
Nuancen in meinen Liedern, gehe tiefer als früher. Ich fühle mich
von meiner eigenen Kreativität gerade sehr angezogen. Und da
kann und möchte ich nicht widerstehen.
Dass auf «Tension» ein Jahr später die Fortsetzung «Tension
II» folgt, war also ausgemachte Sache?
Nein, das war einer dieser positiven Unfälle, die ja meistens dann
passieren, wenn es sowieso gerade läuft. Ich wollte «Tension» ursprünglich
nur mit zwei, drei neuen Stücken anreichern. Doch
Winter 2024/25
89
Interview
«Um sich zu finden,
ist es wichtig, sich auch
mal zu verlieren.»
90 Winter 2024/25
Interview
dann entstanden schnell viele coole Songs, dass wir den Plan
kurzerhand über den Haufen geworfen haben.
Wie lief das ab?
Ich war in Las Vegas, wo ich im Frühjahr zwanzig Konzerte im
«Voltaire»-Club spielte. In den Pausen fuhr ich nach Los Angeles,
um mit verschiedenen Autor*innen an ein paar neuen Stücken
zu arbeiten. Wir dachten, wir motzen «Tension» ein bisschen auf,
mit zwei neuen Nummern, und veröffentlichen es nochmal. Ist
ja heutzutage so üblich. Doch dann stellte ich fest, wie viel Lust
ich hatte, neue Musik zu machen, richtig viel neue Musik. Wir
schrieben einen Song nach dem anderen. Und so nahm «Tension
II» wahnsinnig schnell Gestalt an.
Ruhst du dich auch mal aus?
Die Mussezeit kommt momentan zu kurz, keine Frage. Aber ich
glaube daran, dass man das Eisen schmieden sollte, so lange es
heiss ist. Ich hänge mich jedenfalls voll rein. Was mich besonders
motiviert und glücklich macht, sind die vielen jungen Leute, die
jetzt in meine Konzerte kommen. So viele Kinder sind da, so viele
Teenager. Im Sommer trat ich im Hyde Park in London auf, und
es waren wirklich alle Altersgruppen vertreten. Ganz viele waren
vorher noch nie bei einem Kylie-Konzert.
Woran liegt das?
Dank «Padam Padam» sind die Kids auf mich gestossen. Viele
kannten erst den Song, vor allem durch Social Media, bevor sie
überhaupt herausfanden, wer ich bin. Und dank der Streamingdienste
ist es ja superleicht, weiter zu graben, meine Musik zurückzuverfolgen
und nach dreissig, vierzig Jahren für sich zu
entdecken. Ich habe Teens belauscht, die meinten, «Padam» und
«Tension» seien super, aber diese ganz neue Nummer, «The Loco-
Motion», die sei so richtig krass. Ha! «The Loco-Motion» war mein
erster Hit, 1987 in Australien.
Bild: Erik Melvin
Kaum einen Popstar hat die queere Community so ins Herz
geschlossen wie dich. Was empfindest du angesichts so viel
Liebe?
Tiefe Dankbarkeit. Meine LGBTIQ-Fans standen immer treu und
solidarisch an meiner Seite. Auch, wenn es mal nicht so lief bei
mir, konnte ich auf sie zählen. Und umgekehrt tue ich alles, um
die queere Gemeinde nicht nur zu unterstützen, sondern sie auch
gut zu unterhalten. Ich glaube fest daran, dass eine Gemeinschaft
immer stärker ist als Einzelne. Die Idee der Inklusion, des Wirschliessen-niemanden-aus,
der Gedanke des Freiseins, all das
hast du in einem Nachtclub, wo Menschen mit unterschiedlichsten
Geschichten und Identitäten zusammenkommen. Ich liebe es,
wenn wir Menschen uns alle zusammen genussvoll fallen und
treiben lassen. Denn, um sich zu finden, ist es wichtig, sich auch
mal zu verlieren.
Winter 2024/25
91
92 Winter 2024/25
Interview
Interview
Bild: Erik Melvin
Wie sehr fieberst du deiner Tournee nächstes Jahr entgegen?
Meine Aufregung und Vorfreude sind gigantisch. Zum ersten
Mal seit neun Jahren werde ich wieder in diesen grossen Arenen
spielen. Und ich bin superglücklich über den bunten Mix an Menschen,
jung, nicht mehr jung, Männer, Frauen, alles. Die Fans sind
kolossal vielfältig, und wir werden alle zusammen feiern, Spass
haben und tanzen.
Im Grunde geht es auf deinem ganzen Album genau darum
– ums gemeinsame Feiern, ums Flirten, um Nächte im Club,
um Sex. Wie intensiv lebst du das aus, was du singst?
Ich muss dich enttäuschen. So voller Abenteuer wie meine Songs
verläuft mein Leben leider nicht. Ansonsten hätte ich keine Chance,
mein Arbeitspensum zu bewältigen. Wenn ich allerdings Lust
habe zu tanzen, dann richtig. Ich bin oft die letzte auf der Tanzfläche.
Im vergangenen Jahr bist du auf deiner Album-Party in Berlin
so richtig aus dir rausgegangen. Und das zu deinen eigenen
Songs.
Ich erinnere mich. Ein Superabend.
Im Text zu «Taboo», einem deiner neuen Songs, kommst du
einer anderen Person auf der Tanzfläche gefährlich nah. Ist
das eine Szene aus deinem Leben?
Nun ja, wer hätte solch einen Augenblick denn noch nie erlebt?
Ich mag dieses Lied besonders gern. Es ist echt hypnotisch, hat
aber auch ein paar kleine, dunkle Widerhäkchen. Ich singe gerne
solche spassigen Flirtsongs, die zwar erwachsen sind, aber auch
ein wenig neckisch.
Wo wir schon dabei sind. In «Someone For Me» begleitest du
eine Freundin und ihren heissen Lover in den Club. Und du
sagst: Hey, kannst du mir nicht auch so einen besorgen?
(Lacht.) Den Song habe ich selbst nicht geschrieben, ich bin aber
sofort auf das Szenario angesprungen. Weil es so putzig ist, und
doch so real. Ich meine, ich gönne meinen Freundinnen alles
Glück und allen Spass der Welt. Aber hin und wieder denke ich
auch: Ja, und was ist jetzt mit mir?
Pop ist eine kleine Flucht aus dem Alltag. Für dich auch?
Natürlich. Pop ist Poesie. Hier kannst du für ein paar Minuten
oder ein paar Stunden jemand anders sein. Ich denke, Eskapismus
ist wichtig und gesund. Und ich bin sehr dankbar, dass ich mit
meiner Arbeit die Fantasie so vieler Menschen anregen kann.
Kylie
Ende der achtziger Jahre
wurde Kylie Minogue
als Schauspielerin in der
Seifenoper «Neighbours»
bekannt, mit «Loco-Motion»
landete sie 1987 ihren ersten
Hit. Nach ihrem letztjährigen
Erfolgsalbum «Tension»
und der Single «Padam
Padam» hat sie diesen Oktober
überraschend schnell
den Nachfolger «Tension
II» veröffentlicht, ihr siebzehntes
Album: mit dreizehn
hochenergetischen Disco-Pop-Electro-Krachern,
darunter der Dance-Hit
«Edge of Saturday Night»
mit The Blessed Madonna,
Kollaborationen mit Orville
Peck, Bebe Rexha, Tove
Lo und Sia, und die Single
«Lights Camera Action».
Willst du reinschauen? Hier:
«Ich geniesse
es, die Welle
zu reiten.»
Ihre «Tension Tour» führt
Kylie auch in unsere Nähe:
Berlin – 16. Juni
Zürich – 6. Juli
Düsseldorf – 7. Juli
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93
FILM
Filmguru
Patrick Schneller
filmguru@mannschaft.com
Young Hearts
Eine erste Liebe mit Happy End
Schwule Geschichten über die erste
Liebe endeten früher nie gut. Heute sieht es
anders aus, auch wenn im erschütternden
«Close» (B/NL/F 2022) von Lukas Dhont
die Liebe zweier 13-Jähriger durch einen
Suizid jäh zerstört wird. Filme wie «Beautiful
Thing» (GB 1996), «Sommersturm»
(D 2004) und «Mit siebzehn» (F 2016)
zeigen auf, dass die erste schwule Liebe
genauso befreiend sein kann wie anderswo;
egal, wie sie ausgeht.
Apropos «Close»: Verliebte Jungs unter
16 Jahren sind schon aufgrund der gesellschaftlichen
Wahrnehmung heikler. Rare
Beispiele sind der Pionier «You Are Not
Alone» (DK 1978), in dem ein Zwölfjähriger
und sein Mitschüler zusammenfinden,
und der beflügelnde «Softie» (F 2021) über
einen Zehnjährigen, der für seinen Lehrer
94 Winter 2024/25
schwärmt. Von Anthony Schatteman folgt
nun «Young Hearts», für den Dhont als
Berater mitwirkte.
Der 14-jährige Elias (Lou Goossens)
lernt den gleichaltrigen Alexander (Marius
De Saeger) kennen, der aus Brüssel in die
Provinz gezogen ist. Zwischen den beiden
funkt's bald, doch bis Elias zu seinen
Gefühlen steht, dauert es eine Weile.
Schatteman folgt allen Regeln der klassischen
Lovestory, dennoch wirkt «Young
Hearts» frisch und einzigartig, auch dank
augenzwinkernder Details. So startet
Elias’ Vater Luk (Geert Van Rampelberg)
gerade mit der Schnulze «Eerste Liefde»
als Schlagersänger durch, rafft aber nicht,
dass sein Sohn an den Gefühlswirren eben
dieser ersten Liebe nagt. Ein besonderes
Highlight ist zudem die bodenständige
Musik verbindet:
Elias (l.) realisiert,
wie sehr er von
Alexander angetan ist.
Zusprache von Opa Fred (Dirk van Dijck)
gegenüber Elias, die dem legendären
Vater-Sohn-Gespräch in «Call Me by Your
Name» (I/USA/BR 2017) in nichts nachsteht.
Der Trumpf aber sind Goossens und
De Saeger, die das Publikum mit ihrem
herzerwärmenden Spiel schlicht verzaubern.
Liebesfilm, B/NL 2024. Regie & Drehbuch:
Anthony Schatteman. Mit Lou
Goossens, Marius De Saeger, Geert Van
Rampelberg, Emilie De Roo, Dirk van
Dijk, Saar Rogiers, Ezra Van Dongen.
Kinostart D: 16. Januar; CH/A: tba
Bild: Thomas Nolf
Ich hoffe, dass
Luca Guadagninos
ursprüngliche,
gut 60 Minuten (!)
längere Schnittfassung
von «Queer»
auch noch veröffentlicht
wird.
Patrick Schneller
Drama, I/USA 2024. Regie:
Luca Guadagnino. Kinostart
D: 2. Januar; CH/A: tba
FILM/SERIEN
Queer
William S. Burroughs (1914–97)
schilderte unverblümt die Eskapaden
seines literarischen Alter
Egos, des schwulen Junkies William
Lee. Sein bekanntester Roman
«Naked Lunch» (1959) galt als
unverfilmbar, bis Regie-Genie David
Cronenberg 1991 das Gegenteil
bewies. Nun setzte Luca Guadagnino
(«Call Me by Your Name»)
die Vorlage «Queer» um, die 1951
bis 1953 entstand, aber erst 1985
publiziert wurde.
William Lee (souverän: Daniel
Craig) frönt im mexikanischen
Exil Sex, Drogen und Alkohol.
Da lernt er Eugene (Drew Starkey)
kennen. Es entfaltet sich eine
Amour fou, die durch halb Lateinamerika
in den Urwald führt, wo
Lee die berauschende Yage-Pflanze
sucht.
Bild: Yannis Drakoulidis
Guadagnino übersetzt den
Geist von Burroughs’ Prosa fast
so genial auf die Leinwand wie
Cronenberg. Im letzten Drittel
driftet er gar regelrecht in «Naked
Lunch»-Gefilde ab. Zuvor
zeigt er indes pointiert und prickelnd
auf, dass die Schwulenszene
vor 70 Jahren nicht viel
anders funktionierte als heute.
Serienjunkie
Robin Schmerer
robin@mannschaft.com
«Severance» Staffel 2 – Die Sache
mit der Work-Life-Balance
Ab dem 17. Januar wöchentlich bei Apple+
Bild: Apple
Die Scifi-Thriller-Serie «Severeance» ist sicherlich eine der ambitioniertesten
der letzten Jahre, lief hierzulande aber noch weitgehend
unter dem Radar. Erzählt wird von den Arbeitenden einer
Firma, die mittels eines chirurgischen Eingriffs am Gehirn,die Erinnerungen
der Mitarbeitenden an ihr Privatleben von den Erinnerungen
an den Arbeitsalltag trennen lässt. Das Arbeits-Ich weiss
also nicht, was daheim geschieht, und das Privat-Ich nicht, was
im Büro passiert. Doch Mark (Adam Scott) fallen immer mehr Ungereimtheiten
auf und er beginnt das sogenannte Severance-Programm
zu hinterfragen, an dem auch er teilgenommen hat. Welche
Absichten verfolgt sein Arbeitgeber? Und ist seine Ehefrau wirklich
gestorben?
Auch eine queere Storyline spielt von Anfang an eine zentrale
Rolle. Die Liebesgeschichte von Irving (John Turturro) und Burt
(Christopher Walken) ist auch deshalb so besonders, weil die beiden
Männer im fortgeschrittenen Alter sind. Leider noch immer
eine Seltenheit in der TV-Landschaft. Vor allem der Autorenstreik
in Hollywood hat dafür gesorgt, dass wir vergleichsweise
lange auf eine zweite Staffel warten mussten. Die neuen Folgen
der von Ben Stiller produzierten Serie werden ab dem 17. Januar
wöchentlich bei Apple+ zu sehen sein.
Winter 2024/25
95
SERIEN
Drama auf dem Traumschiff:
«Doctor Odyssey»
Ab dem 28. November bei Disney+
Was? Wo? Wann?
WAS WO & WANN IN EINEM SATZ
House Of The
Dragon
Fantasy
Staffel 2
21. November
DVD/Bluray
(Warner Bros.)
/ Streaming:
Wow
Auch im «Game of Thrones»-Prequel
geht es heiss her. In Staffel
2 gab es endlich einen Kuss zwischen
Königin Rhaenyra Targaryen
und ihrer Vertrauten, was konservative
Zuschauende auf die Palme
brachte.
Chicago Fire
Drama
Staffel 12
21. November
DVD/Bluray
(Universal
Pictures) /
Streaming:
Wow / RTL+
Neben nett anzusehenden Feuerwehrmännern
hat die langlebige
Serie auch einige queere Charaktere
zu bieten, wie den schwulen
Darren, der Job und Privatleben
unter einen Hut bringen will.
Sisi
Historienserie
Staffeln 1-3 Gesamtedition
12. Dezember
DVD/Bluray
(Filmjuwelen) /
Stream: RTL+
Wer sich an Romy Schneider satt
gesehen hat, kann die Vorweihnachtszeit
mit «Sisi» im Serienformat
zubringen. Mit dem schwulen
Schauspieler Jannik Schümann
als Franz-Josef.
Virgin River
Drama
Staffel 6
19. Dezember
Netflix
Die beliebte Serie ist inklusiver
und diverser geworden. In der
letzten Staffel kam mit Ava eine
neue lesbische Figur hinzu, deren
Story nun weiter beleuchtet wird.
Der offen schwule Regisseur und Produzent Ryan
Murphy hat sich nicht nur zum derzeit wohl erfolgreichsten
Serienmacher gemacht und uns einige der beliebtesten
Serien der letzten Jahre wie «American Horror
Story», «Monsters» oder «Pose» beschert, er hat in
seinen Produktionen auch stets eine Vielzahlt von
LGBTIQ-Inhalten und -Themen untergerbacht und auf
diese Weise für eine gesteigerte Sichtbarkeit in der TV-
Landschaft gesorgt. Nachdem wir im Herbst erst seine
nicht ganz unumstrittene True-Crime-Serie «The Lyle
and Eric Menendez Story» gebinged haben, startet am
28. November mit «Doctor Odyssey» bereits seine
nächste Serie auf Disney+.
Darin spielt Joshua Jackson («Dawson’s Creek») einen
Schiffsarzt auf einem Kreuzfahrtschiff der Luxusklasse,
der sich mit den neuen Kolleg*innen und den mitunter
schwierigen Passagieren herumschlagen muss. Ein Szenario,
das für reichlich Unterhaltung sorgen dürfte.
Ryan Murphy wäre nicht Ryan Murphy, dürften wir
nicht auch in seinem Hochsee-Drama die eine oder andere
queere Figur mit entsprechender Storyline erwarten.
Zwar war davon in den ersten Episoden noch nichts
zu sehen, doch gehören zu den bereits angekündigten
namhaften Gaststars unter anderem der schwule Schauspieler
Cheyenne Jackson oder der als menschlicher Ken
bekannte Influencer Justin Jedlica. Erste Reviews aus
den USA fielen eher durchwachsen aus und attestierten
der Serie überladen zu sein und sich nicht recht zwischen
Medical Drama und Soap Opera entscheiden zu
können. Machen wir uns nun selbst ein Bild davon, ob
«Doctor Odyssey» überzeichnete Unterhaltung bietet
oder ob der Doktor baden geht und sich zu den wenigen
Flops in Murphys Karriere gesellt.
Bild: Disney/Tina Thorpe
96 Winter 2024/25
KOLUMNE
Die erste
Dragqueen
Es war einmal ein König, den das
ganze Land liebte und bewunderte. Er
konnte singen, tanzen, schauspielern,
parodieren und lustig sein, ohne jemanden
zu verletzen. Die Herzen der Frauen
flogen ihm zu, niemand verlor je ein
schlechtes Wort über ihn. Wenn er einmal
im Jahr – kurz vor Weihnachten – seine
Freunde einlud, sassen bis zu 35 Millionen
Menschen in Deutschland, Österreich
und der Schweiz vor ihren Fernsehern.
Dieser König war Peter Alexander
– und seine Shows so etwas wie der
fünfte Advent.
Aber er war nicht nur König,
sondern immer wieder auch Königin.
Nämlich dann, wenn er Zarah Leander,
Prinzessin Diana, Queen Mum, die Golden
Girls und unzählige andere Frauenfiguren
verkörperte und parodierte. Sowohl
in seinen grossen Abendshows als
auch in seinen Filmen, die inzwischen
über 60 Jahre zurückliegen. Peter Alexander
hat zu einer Zeit zu Liedern gelipsynct,
als es das Wort Lipsync noch lange
nicht geben würde. Vom Kleinkind bis
zum Opa schauten alle zu.
Trotzdem bin ich immer wieder erstaunt,
wie gerne übersehen wird, dass
Peter Alexander im Grunde so etwas wie
die erste Dragqueen im deutschsprachigen
Fernsehen war und mit seiner Darstellung
von Frauen vor einem Millionenpublikum
eher Begeisterung als
Kontroversen ausgelöst hat. Alle konnten
sich auf ihn einigen und lachten nicht
über ihn, sondern mit ihm, wenn er «endlich»
wieder als Frau auf die Bühne kam.
Natürlich, die Zeiten waren andere.
Peter Alexander hatte keine queerfeministische
Agenda. Identitätspolitik
und Selbstbestimmungsgesetz waren
noch lange kein Thema. Er hätte sich
wohl auch nicht als Dragqueen gesehen
oder so bezeichnet. Aber Drag war es allemal.
Für mich geht es aber auch um etwas
Anderes: Man sah ihm den Spass
und die Freude an, die er dabei hatte,
ohne sich über die Rolle lustig zu machen
oder Frauen damit abzuwerten. Als
heterosexueller Mann, der von den
1960er bis 1990er Jahren in der Öffentlichkeit
stand, hatte er keine Angst, seine
weiblichen Wesenszüge zu zeigen. Er
schämte sich nicht, als Frauenfigur vor
ein Millionenpublikum zu treten, sondern
strahlte im Gegenteil eine grosse Leichtigkeit
aus. Er hat gezeigt, wie man sich
mit Freude und Selbstbewusstsein in beiden
Geschlechterrollen bewegen kann.
Für ihn als Star gar nicht so einfach:
Mit seiner Prominenz und Strahlkraft
konnte er nie – wie ein Schauspieler
– hinter der Figur verschwinden, sich sozusagen
hinter der Maske verstecken. Er
war immer Peter Alexander. Als Prinzessin
Diana, als Zarah Leander, als Golden
Girls. Ein Vorbild, das indirekt gesagt hat:
«Wenn ich den Spass und den Mut habe,
kannst du das auch.» Das Einzige, was
jetzt noch fehlt, ist eine Dragqueen, die
im Stil der grossen Samstagabendshows
berühmte Gäste begrüsst. Dragname:
Petra Alexandra.
REDEN IST GOLD
Peter Fässlacher ist
Moderator und Sendungsverantwortlicher
bei
ORF III und Stimme des
Podcasts «Reden ist Gold»
über die Liebe und das
Leben mit Menschen
der LGBTIQ-Community.
Er lebt in Wien.
peter@mannschaft.com
Illustration: Sascha Düvel
Winter 2024/25
97
Story — 7
7
«Our
Princess
Is In
Another
Castle»
98 Winter 2024/25
Story — 7
Text – Magnus von Keil
Jungfrauen in Nöten, halbnackte Heldinnen:
Über viele Jahre hinweg bedienten
Videospiele vorwiegend ein Publikum,
das männlich, jung und heterosexuell ist.
Das hat sich gewaltig verändert. Gaming
ist heute so divers wie nie – aber ist es
trotzdem divers genug?
Winter 2024/25
99
Story — 7
oment mal, hat der mich gerade angemacht!? Na klar, kein Zweifel.
Und jetzt . . . die KNUTSCHEN ja!!!»
Es war einer der einschneidendsten Momente meiner Gamer-
Laufbahn, als ich erstmals Zeuge wurde, wie mein Sim einen anderen
Typen küsste. Es war im Frühjahr 2000, ich hatte gerade
meinen ersten Freund kennen gelernt und in Deutschland wurde
eifrig darüber debattiert, ob Menschen in gleichgeschlechtlichen
Partnerschaften rechtlich anerkannt werden sollten. Eine Debatte,
die man in der Welt der «Sims» nicht zu führen brauchte: Hier
liess sich lieben, wen und wie man wollte.
Wer von all dem noch nie gehört hat: «Die Sims» ist eine Lebenssimulation,
die den Zeitgeist der Tamagotchi- und Big-Brother-Ära
einfing wie kaum ein anderes Spiel jener Epoche. Man
erstellt sich zunächst einen Avatar (seinen «Sim»), baut ihm ein
Haus, richtet es ein, kümmert sich darum, dass er ausreichend isst,
schläft, zur Arbeit geht oder auf die Toilette. Das digitale Abbild
des alltäglichen Lebens eben. Und wie im echten Leben gibt es
neben dem klassisch-heteronormativen Beziehungsmodell auch
andere Lebenskonzepte. Das fand damals auch «Sims»-Chefentwickler
Jamie Doornbos, übrigens selbst schwul. Heimlich änderte
er über Nacht den Code des Spiels, sodass man mit seiner
Spielfigur auch homosexuelle Partnerschaften eingehen konnte.
Hersteller Maxis nahm Doornbos’ Anpassungen gelassen hin –
ging man ja ohnehin davon aus, dass das Spiel eher ein Nischenprodukt
bleiben und keine grosse Wellen schlagen würde. Heute,
ein gutes Vierteljahrhundert später, ist «Die Sims» eine der beliebtesten
und meistverkauften Computerspiel-Reihen der Welt.
«Leg nicht gleich den Pimmel
auf die Tastatur!»
Um zu verstehen, dass man gegenüber queeren Inhalten in Videospielen
nicht immer so gelassen war, braucht man nur ein wenig
weiter zurück in die Vergangenheit zu schauen. In den 80er-Jahren,
zur goldenen Ära des Commodore 64, sorgte hierzulande beispielsweise
der «schwule Computer von Karstadt» für peinliche
100 Winter 2024/25
Story — 7
«Birdo», Nintendos
pinker Dino mit
Schleife, trat erstmals
1988 in «Super Mario
Bros.» auf und gilt
heute als beliebter
Frauencharakter.
Winter 2024/25
101
Story — 7
In «The Last Of Us 2» wird die Beziehung der Protagonistin Ellie (l.) mit einer Frau wunderbar nonchalant erzählt.
Momente und Lacher unter pubertierenden Heranwachsenden.
Und so hat’s funktioniert: Man schmuggelte eine Diskette in die
Computerabteilung des Kaufhauses seiner Wahl, lud das Programm
heimlich auf eines der Ausstellungsgeräte und wartete
aus sicherer Entfernung auf das erste Opfer. Kam kurz darauf
ein argloser Kunde vorbei und versuchte, etwas auf der Tastatur
einzutippen, wurde in donnernder Lautstärke ein Soundfile abgespielt:
«Alle Schwulen mal hergehört, hier ist der erste schwule
Computer von Karstadt», schepperte eine blecherne Männerstimme
aus den Lautsprechern. «Und eine Bitte: Leg nicht gleich
den Pimmel auf die Tastatur!»
Aber es war damals nicht nur die Schulhof-Fraktion, die das
seinerzeit beliebte Motiv des triebgesteuerten und somit potenziell
gefährlichen Nicht-Heterosexuellen aufgriff. Selbst Nintendo,
das vermutlich liebenswürdigste Videospiel-Unternehmen
der Welt, schlug mit der Darstellung von «Birdo» Ende der 80er-
Jahre in dieselbe Kerbe. Birdo trat erstmals als Zwischengegner
im legendären NES-Plattformer «Super Mario Bros.» von 1988
in Erscheinung: ein pinkfarbenes, dinosaurierartiges Wesen mit
Make-up und einer grossen, roten Schleife auf dem Kopf. In der
Anleitung des Spiels stand: «Er denkt, er wäre ein Mädchen und
spuckt Eier aus seinem Mund. Er will lieber Birdetta genannt
werden.»
Noch einen Schritt weiter ging man in «Leisure Suit Larry»
von Sierra On-Line, einem der führenden Spieleanbieter seiner
Zeit. In Teil 6 der aus heutiger Sicht ziemlich mies gealterten
Kult-Spielereihe um Dauersingle Larry Laffer führt ein harmloser
Flirt mit dem Fitnesstrainer, der auf den wenig subtilen Namen
«Gary Fairy» hört, im Spiel zum sofortigen Tod. «Oh no, what
have I done?» kommentiert Larry noch, dann verschwindet das
Paar Hand in Hand im Sonnenuntergang. Zack, aus, Game Over.
Eigentlich ein schönes Ende für zwei einsame Herzen, oder? Nicht
1996. Damals waren Computerspieler in aller Regel jung, männlich
– und mehrheitlich heterosexuell.
«Expelliarmus The Patriarchy»
Und heute? Laut des Verbands der deutschen Games-Branche
spielen 58 Prozent der 6- bis 69-Jährigen regelmässig Videospiele,
davon ist gut die Hälfte weiblich (Stand: Juni 2024). Wie divers
die Schar der Spielenden inzwischen geworden ist, zeigt sich auch
an den Spielen selbst. Besonders die Darstellung weiblicher Charaktere
hat sich in den vergangenen zehn Jahren entscheidend
102 Winter 2024/25
Story — 7
Das erste queere
Computerspiel
«Caper In The Castro» war das erste
Computerspiel, das LGBTIQ-Themen
behandelte. Es erschien 1989 und
erzählt die Geschichte der lesbischen
Privatdetektivin Tracker Mc-
Dyke, die im berühmten schwulen
Stadtviertel Castro in San Francisco
nach einer entführten Dragqueen
namens Tessa LaFemme sucht.
Das Spiel wurde damals kostenlos
verteilt, um Spendengelder für die
AIDS-Hilfe zu akquirieren.
Das Patriarchat bekommt Risse: In «The Legend of Zelda: Echoes of Wisdom» schlüpfen
Spielende erstmals in die Rolle von Prinzessin Zelda.
Winter 2024/25
103
Story — 7
Das grandiose Umzugsspiel «Unpacking» erzählt queere Geschichten selbstverständlich, unaufgeregt und ohne Herumeierei.
verändert. Ein jüngstes Beispiel ist das neue «The Legend Of Zelda:
Echoes Of Wisdom». Zum ersten Mal in der fast 40-jährigen
Geschichte der Reihe spielen wir hier die titelgebende Prinzessin
Zelda selbst, anstatt sie, wie sonst üblich, erretten zu müssen.
Auch Super Marios Herzensdame Prinzessin Peach erlebt mittlerweile
ihre eigenen Abenteuer und weiss sich aus eigener Kraft
gegen Bowser zu wehren. Zumindest in dieser Hinsicht scheint
das Patriarchat spürbare Risse bekommen zu haben. Aber wie
steht es um die queere Sichtbarkeit in Videospielen?
Die US-amerikanische Medienüberwachungsorganisation
GLAAD hat im vergangenen Februar Zahlen herausgegeben, aus
denen hervorgeht, dass 17 Prozent der aktiven Videospielenden
sich der LGBTIQ-Community zugehörig fühlen. Konkret bedeutet
das: Eine*r von fünf Spielenden identifiziert sich als schwul,
lesbisch, trans oder queer. Und das ist eine ganze Menge. Trotzdem
sind queere Inhalte in den Spielen noch immer verschwindend
gering. Das gilt besonders für Produktionen, die aus grossen
Spielestudios kommen.
Eine erfrischende Ausnahme dieser Regel hat uns Naughty
Dogs apokalyptischer Action-Blockbuster «The Last Of Us 2» im
Jahr 2020 beschert. Die Beziehung der Protagonistin Ellie mit
einer Frau wird so wunderbar nonchalant erzählt – genau so, wie
Hollywood uns seit Jahrzehnten auf heteronormative Lebensweisen
als Goldstandard einschwört. Dennoch fühlte sich eine
kleine, aber laute Minderheit offenbar so stark provoziert, dass es
sogar zu Morddrohungen gegen Mitarbeitende des Studios kam.
Auch das herrlich opulente Harry-Potter-Abenteuer «Hogwarts
Legacy» musste im vergangenen Jahr Kritik einstecken:
Die unvermeidbare inhaltliche Verbindung zur Autorin J.K.
Rowling wegen ihrer transfeindlichen Äusserungen löste erheblichen
Gegenwind aus. Obwohl das Entwicklerstudio Avalanche
Software daraufhin ausdrücklich jede Form von Diskriminierung
verurteilte und sogar Transpersonen im Spiel einbaute, erntete
es dafür wiederum Kritik von anderer Seite und wurde wegen
seiner «Wokeness» boykottiert. Wie man’s macht, macht man’s
scheinbar verkehrt.
Anders sieht es bei den kleinen, unabhängigen Studios aus.
Spiele wie «Coffee Talk» oder das grandiose Umzugsspiel «Unpacking»
erzählen queere Geschichten selbstverständlich, unaufgeregt
und ohne Herumeierei. Die progressiven Ideen spielen sich
nach wie vor überwiegend im Indie-Bereich ab. Auch wenn es Bemühungen
gibt, mehr LGBTIQ-Inhalte im Spiele-Mainstream zu
integrieren, sind spielbare queere Hauptfiguren dort noch immer
unterrepräsentiert. Besonders ein schwuler männlicher Protagonist
wird nach wie vor schmerzlich vermisst.
«Select Your Player»
Jetzt stellt sich die Frage: Warum sollte die sexuelle Ausrichtung
eines Videospielcharakters eine Rolle spielen? Auf den ersten Blick
scheint das überflüssig. Ob «Resident Evil»-Hottie Chris Redfield
privat mit einer Frau oder einem Mann in die Kiste steigt, ist beim
Zombie-Wegballern in Raccoon City marginal relevant – zumindest
für mich als gestandenen, seit Jahren geouteten Mann Mitte
40. Doch welches Signal könnte das an den 16-jährigen Youngster
senden, der in seiner kurpfälzischen Kleinstadt auf der Suche
nach sich selbst ist und auf dem Bildschirm endlich eine Identifikationsfigur
entdeckt? Diese Überlegung lässt die Ausgangsfrage
in einem anderen Licht erscheinen.
104 Winter 2024/25
Story — 7
Nicht nur das: Die bereits erwähnte GLAAD-Erhebung hat
auch herausgefunden, dass der überwiegende Teil aller Spielenden
– LGBTIQ und Nicht-LGBTIQ – es positiv bewertet, im Spielkontext
eine andere Perspektive einnehmen zu können. Denn
genau das lieben wir am Spielen: Geschichten zu erleben, die uns
im Alltag so nicht passieren würden. Die wenigsten von uns sind
Ritter, Zombiejäger, Klempner oder Ninjas von Beruf. Aber im
Spiel können wir die unvergleichliche Erfahrung machen, wie es
sich anfühlt, im Mittelalter gegen Drachen zu kämpfen, in einem
Raumschiff durchs All zu düsen oder allgemein gesagt: Lebensrealitäten
von Menschen kennenzulernen, die anders leben als
wir selbst.
Letztlich sind Videospiele – genau wie Literatur, Film oder Musik
– immer auch ein Spiegel der Gesellschaft, und gesellschaftliche
Veränderungen brauchen Zeit. Das Medium Videospiel wurde
hierzulande vor 20 bis 30 Jahren anders bewertet als heute.
Inzwischen weiss man, dass es weder per se doof noch aggressiv
macht – im Gegenteil: Videospiele trainieren die Hand-Hirn-Koordination
und können nachweislich einen positiven Effekt auf
das psychische Wohlbefinden von Menschen aller Altersklassen
haben. Sie ermöglichen es, Geschichten jenseits der eigenen Bubble
aktiv zu erleben und voranzutreiben – auch wenn aus queerer
Perspektive noch Luft nach oben ist.
Seinen schwulen Crush richtig ehelichen konnte man bei den
Sims erst 2009 im dritten Teil der Serie. Und Birdo? Birdo wird
heute als Frau definiert und gehört zu Nintendos beliebtesten
Charakteren. Hier gilt jedenfalls: Level completed. Also auf zum
nächsten!
Gayming-Tipps
von Magnus
Magnus von Keil ist Autor,
Sprecher und Games-Experte.
Im Frühstücksfernsehen von
Sat.1 und bei Radioeins (RBB)
ist er regelmässig im Einsatz.
Nun gibt der Wahlberliner bei
MANNSCHAFT jeden Monat
Gayming-Tipps. Hier entlang:
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ab 12.12. im Kino
Literatur
Die guten Seiten
Claus Daniel Herrmann
Pinke Monster
In welches Regal?
Zu den autofiktionalen Coming-of-Age Graphic
Novels oder Romanen, die das Aufwachsen
Jugendlicher in Verbindung setzen zu der
Glaubenslehre, den ideologischen Überzeugungen
und Dogmen ihrer Umgebung.
Wie sieht es aus?
Pinke Monster beginnt wie ein Film – ohne
Worte, aber mit bildlicher Tonspur: akustische
Signale, ein aussagekräftiger 90er-Jahre Musiksoundtrack
aus Take That, Jamiroquai und
REM, aber eben auch die Abwesenheit von
gewohnten Geräuschen eines funktionalen
Familienlebens. Die Panels sind grosszügig,
nahe und flächig in schwarz-weiss und Graustufen,
bis die Sonderfarbe Pink einbricht und
Akzente setzt. Diese unterstreichen Franks individuelle
und emotionale Entwicklung – die
zunehmende Sicherheit, was seine Sexualität
angeht und seine Gefühle für den Schulkameraden
Michael.
Simone Veenstra hat «Pinke Monster»
für dich gelesen.
Worum geht es?
Franks Vater leidet an Depressionen, nichts
scheint zu helfen und so greift seine Frau nach
einem Strohhalm. Sie wendet sich an Thea,
eine Heilerin. Theas fragwürdige Methoden,
negative Energien zu vertreiben, treffen zunächst
auf Franks von Horrorfilmen inspirierte
Zeichnungen, dann auf seine Beziehung zu Michael,
Franks Schulkamerad und Schwarm . . .
Wie finden wir es?
Wunderbar klar und geradlinig entrollt sich
eine Geschichte, die nichts an Aktualität
verloren hat: Wo der Glaube zu einem geschlossenen
Zirkel wird, ist kein Miteinander
möglich. Folgerichtig kann eine gesunde
Emanzipation nur mit einem Befreiungsschlag
gelingen. Dass «Pinke Monster» dabei weder
bedrückend schwer noch erklärungslastig
daherkommt, ist der feinen Ironie zu verdanken,
der belastbaren Beziehung zwischen
Frank und seiner Mutter und der geschickten
Szenenkonzeption.
Graphic Novel, Reprodukt Verlag, 208 Seiten
106 Winter 2024/25
Literatur
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Bist du ein Bücherwurm?
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weiter durch:
Franziska Schutzbach
Revolution der Verbundenheit
Ein leidenschaftliches Plädoyer für ermutigende
Frauenbeziehungen. Die
Soziologin Franziska Schutzbach zeigt mit
fesselnden Beispielen aus Vergangenheit
und Gegenwart, Essays und Briefen,
wie Frauen trotz Spaltung Revolutionen
ermöglicht haben. Wie sie patriarchale
Strukturen in Alltag und Politik lockerten,
weil sie sich verbündeten und befreundeten.
Sie beschreibt, was möglich ist, wenn
Frauen sich an anderen Frauen orientieren.
Wir finden: Stark als Werk und stärkend
im Ton. Schutzbach balanciert zwischen
erlesenen Quellen, persönlichen Briefen
und revolutionärer Absicht. Sätze wie «Wir
alle sind tief in Machtverhältnisse verstrickt
und stehen nie einfach als rundum
Gute ausserhalb der Gesellschaft. Auch
unterdrückte Menschen üben Unterdrückung
aus.» beweisen seitenweise,
dass die Autorin auf dem Boden bleibt,
während sie ihre Rakete aus Buchstaben
und Haltung zündet.
Sachbuch, Droemer Knaur, 320 Seiten
Selma Kay Matter
Muskeln aus Plastik
Das erste deutschsprachige Chronic-Illness-Memoir.
Kay ist schwer verknallt – und
schwer erkrankt. Auf den Crush folgt jedes
Mal ein Crash, auf starkes Herzklopfen
Migräne, auf Knutschen Gliederschmerzen.
Während Kay versucht, den Folgen von
Long Covid zu entkommen, bringen nur
die Sehnsucht nach Aron und der Wunsch
nach einem starken, androgynen Körper
Linderung. «Muskeln aus Plastik» beschäftigt
sich mit chronischer Erkrankung und
Transness – und der Art und Weise, wie
unsere Gesellschaft über «gesunde» Körper
nachdenkt und spricht.
Wir finden: Das Debüt von Selma Kay Matter
reizt mit seiner intuitiven Feder, fernab von
formalen und intellektuellen Traditionen –
eine dünne Linie entlangfahrend zwischen
Lust und Schmerz. Für alle, die sich an
junger Sprache erfreuen und nicht vor Seiten
zurückschrecken, die ab und an einen
Überhang an Quellenverweisen vorweisen.
Essay, Hanser Berlin, 240 Seiten
Neuerscheinungen
TITEL GATTUNG VERLAG SEITEN IN EINEM SATZ
Tiepolo Blau
James Cahill
«Man kann die Liebe
nicht stärker erleben»
Oliver Fischer
All dies könnte anders
sein
Sarah Thankam Mathews
Fickt euch!
Missy Magazine
Roman Albino 448 Nicht nur die augenzwinkernde Coming-of-Age-Geschichte
eines kauzigen Intellektuellen in der Midlife-
Crisis, sondern auch ein liebevolles Porträt mit Feingefühl,
Witz und Ironie.
Biografie Rowolth 304 Die Begegnung mit Paul Ehrenberg reisst den schüchternen
Thomas Mann aus seiner sorgsam gepflegten Distanz.
Eine Nachzeichnung beider Leben.
Roman Nagel & Kimche 448 Ein schillerndes Debüt mitten aus dem Leben voller Existenzkämpfe,
Hoffnung, Liebe und die Suche nach einem
Zuhause.
Kolumnen Edition Nautilus 192 Die Sexkolumnen aus dem Missy Magazine als Buch . . .
ohne Tabus und Klischees.
Winter 2024/25
107
Story — 8
8
Urlaub
mit meinem
besten
Kumpel
108 Winter 2024/25
Story — 8
Text – Kriss Rudolph
Mit dem Hund verreisen?
Ist das eine gute Idee?
Unbedingt, findet unser
Autor. Wobei: Es kommt
wie immer darauf an.
Winter 2024/25
109
110 Winter 2024/25
Story — 8
Story — 8
Lieber lasse ich mir mein Sofa
versauen als das ganze Leben –
lautet ein geflügeltes Wort von
Hundeliebhaber*innen, die damit
deutlich machen, dass sie Beziehungen
mit anderen Menschen
für überschätzt, das Zusammensein
mit Vierbeinern dagegen für
deutlich lohnenswerter halten.
Abgesehen davon zeigen Studien aus Australien und
Grossbritannien: Wer einen Hund hat, ist deutlich weniger
anfällig für Herzleiden, ausserdem lindert so ein
haariger Begleiter die Einsamkeit.
«Jeder hat ein’ Hund, aber keinen zum Reden»,
rappte Peter Fox in «Schwarz zu Blau». Schon möglich.
Aber ich halte reden ohnehin für überschätzt.
Seit ich denken kann, mache ich alleine Urlaub.
Mit wenigen Ausnahmen. Ab und an gab es Kerle
in meinem Leben, stand vorübergehend eine zweite
Zahnbürste in meinem Badezimmer, und irgendwann
waren sie wieder verschwunden, die Männer
und ihre Bürsten (nie lag es am gemeinsamen Urlaub).
Ich kann prima allein sein, ob an der Ostsee oder in
Spanien, aber ich habe vor etlichen Jahren festgestellt,
dass es etwas gibt, das viel schöner ist als allein
wegzufahren: verreisen mit Hund.
Mit meinem ersten Vierbeiner, der Hundegott hab
ihn selig, war ich beispielsweise mit dem Auto in Paris
und Dubrovnik, per Zug in der Toskana, zu Schiff
in Newcastle und gleich mehrfach mit dem Flugzeug
in Tel Aviv. Mompa war ein Labrador-Retriever-
Riesenschnauzer-Mix (nur die besten Zutaten!) und
ohne Übertreibung: der beste Hund der Welt. Absolut
robust, pflegeleicht und abenteuerlustig.
Reisen bildet, auf ganz vielen Ebenen. Im Rahmen
unserer Englandreise, einer Mini-Kreuzfahrt von
Amsterdam nach Newcastle mit Auto an Bord, erfuhr
ich zum Beispiel, dass der Gute locker 20 Stunden
lang dichthalten kann. Ich hatte mich extra vor der
Buchung beim Reiseveranstalter erkundigt, wie und
wo denn Hunde an Bord ihr Geschäft verrichten
würden? Es gebe dafür eigens einen Ort an Deck,
sagte man mir und ich war beruhigt. Aber auch neugierig.
Ein Grashalm zu wenig
Tatsächlich hatte man auf einem Zwischendeck ein
Kiesbett bereitgestellt, das zum Pinkeln und Grösserem
einladen sollte. Mompa zeigte sich unbeeindruckt.
Zweimal suchten wir in der Nacht diesen Ort
auf. Mein Hund stieg artig auf die Pieselvorrichtung
und schaute mich schwanzwedelnd an. Mehr nicht.
Kein Tropfen. Ein Grashalm wäre hilfreich gewesen,
der animiert fast jeden Hund zum Pinkeln. Vielleicht
hätte ich es ihm auch einfach vormachen sollen, aber
die Idee kam mir leider erst später.
Andererseits: Es gab keine Anzeichen von Zappeligkeit,
weil er gerne etwas losgeworden wäre, aber
nicht konnte. Ich war deutlich nervöser als er. Als wir
schliesslich vom Schiff rollten, hielt ich darum bei
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111
Story — 8
erster Gelegenheit an und liess den Hund auf einer
Wiese aussteigen. Mompa schnappte sich einen Ball
aus dem Auto und wollte spielen. Ans Pieseln verschwendete
er immer noch keinen Gedanken. Seitdem
weiss ich: So eine Hundeblase hat ein Fassungsvermögen,
von dem ich als Mann über 50 nur noch
träumen kann.
Beim Fliegen mit Hund hat man es mit ganz anderen
Herausforderungen zu tun. Nicht jede Airline
nimmt Tiere mit, allein der Buchungsvorgang ist aufwändig,
billig ist der Spass auch nicht, und am Zielort
hat man die Hundebox am Hacken, denn die muss
man für seine Reisen selber besorgen.
Schweden: Ohne Hund im Restaurant
Das ist aber noch längst nicht die einzige Problemstellung
am Urlaubsort: Kann er mich ins Restaurant
begleiten? In Schweden nicht mal im Aussenbereich.
Darf der Hund im Bus mitfahren? In Andalusien war
das nur in seiner Box möglich. Und so lernte ich die
nächste Lektion: Er, der eben erst aus der Flugbox geklettert
war, musste umgehend wieder rein.
Ich sagte: «Mompa, geh in die Box!« Und Mompa
ging in die Box.
Als bös traumatisch hatte er den Flug ganz offenbar
nicht abgespeichert.
Und noch was entdeckte ich in Malaga: ein
Restaurant, so hundefreundlich, dass vor Mompa,
noch bevor ich meine Nase in die Speisekarte stecken
konnte, je ein Napf Wasser und einer mit Trockenfutter
standen.
Unterm Strich gilt aber: Es gibt nur wenige Länder,
in Europa wenigstens, die so hundefreundlich
sind wie Deutschland. Israel wäre unbedingt noch
zu nennen, jedenfalls Tel Aviv. Dort kam es einst in
einem Buchladen unweit vom Strand zu einer denkwürdigen
Begegnung. Wir waren schwimmen und
Mompa war nass und dreckig, also liess ich ihn vor
dem Laden warten. Als ich reinging, begrüsste mich
die Verkäuferin mit den Worten: «Bringen Sie ihn
ruhig mit rein. Hunde mögen wir hier eh lieber als
Menschen.»
Mit nichts vergleichbar ist der Empfang am Airport
Ben Gurion, dem wohl bestgesicherten Flughafen
der Welt. Jedes Mal, wenn ich mit Mompa,
Hund Nr. 1, dort eintraf, kamen Sicherheitsleute mit
Maschinengewehr über der Schulter, bückten sich
entzückt zu meinem Hund und streichelten ihn ausgiebig.
Offiziell müssen Reisende für ihren Vierbeiner bei
der Einreise nach Israel einen Bluttest vorlegen. Der
kostet 100 Euro, aber am Flughafen will ihn dann
niemand sehen. Darum habe ich mir das nach dem
ersten Mal gespart. Als dann doch mal jemand fragte,
stellte ich mich doof. Echt, wusste ich gar nicht! Einreisen
durften wir trotzdem.
Hummus ja, Wellen nein
Meinem Walter, Hund Nr. 2, muss ich mit Israel nicht
kommen. Hummus mag er zwar sehr gerne, aber den
Strand weiss er so gar nicht zu schätzen. Der kleine
Schisser fürchtet sich vor Wellen. Vom Krieg in Nahost
ahnt er nichts. Hund müsste man sein.
Natürlich haben meine haarigen Lebensabschnittsgefährten
immer auch ein Wörtchen mitzubellen,
wenn es um die Urlaubsplanung geht. Walter
fliegt nicht gerne, weniger aus ökologischen Gründen.
Schon wenn wir den Flughafen betreten, fängt
er an zu zittern. Da ich aber am liebsten und zwangsläufig
im Januar verreise, um den grauen Berliner
112 Winter 2024/25
Story — 8
«Es kommt auf
den Hund an»
Interview mit dem schwulen Tierarzt
Volker Borchers aus Dortmund
Wie oft kommen Hundehalter*innen in deine Praxis, die mit Tier
verreisen wollen?
Regelmässig, in der Hauptreisesaison natürlich häufiger. Die Menschen
erkundigen sich dann, was man machen kann gegen die
Angst des Tieres, aber auch nach den Vorschriften in Bezug auf
Impfungen oder was bei der Parasitenvorsorge zu tun ist. Auch zu
beachten: Bei der Einreise aus bestimmten Ländern in die Europäische
Union braucht es den Nachweis gegen das Tollwut-Virus, die
sogenannte Titerbestimmung.
Spricht ganz allgemein etwas dagegen, mit Hund zu fliegen?
Meiner Meinung nach nicht. Es kommt letztendlich darauf an, wie
der Hund mit der Situation an sich zurecht kommt. Man muss auch
schauen, wie das Tier mit Trennungen von seinem Menschen zurechtkommt,
ob nun im Käfig oder ohne Käfig. Vielleicht muss man
ihm etwas zur Beruhigung geben, ein paar Tropfen Diazepam zum
Beispiel. Manchmal kommt es vor, dass ich kurzfristig zum Flughafen
Dortmund gerufen werde: «Hier rastet ein Hund gerade in seinem
Käfig aus. Können Sie kommen und ihm vielleicht was zur Beruhigung
geben?», heisst es dann. Möglicherweise hat ihn sein Mensch
gerade eingecheckt und ist nicht mehr in der Nähe. Und wenn der
Hund dann zappelt und jault, macht er vielleicht noch andere Hunde
im Flughafen irre.
Kommt es vor, dass du Menschen abrätst, mit dem Hund
zu fliegen oder überhaupt zu verreisen?
Das würde ich zuerst einmal von der medizinischen und der gesundheitlichen
Situation abhängig machen. Man muss sich fragen, ob
es sinnvoll ist, mit dem Tier zu reisen, wenn es unter einer fortgeschrittenen
Tumorerkrankung leidet oder sich gerade von einer sehr
schweren Infektionskrankheit erholt hat. Aber sowas ist immer eine
Einzelfallentscheidung. Ich würde den Besitzenden sicherlich sagen,
dass jetzt vielleicht nicht der optimale Zeitpunkt ist, den Hund mitzunehmen.
Bestimmte Rassen dürfen gar nicht fliegen. Seit 2020 gilt das bei
vielen Airlines für sogenannte brachycephale, also stumpfnasige
Hunde wie z.B. Möpse.
Die haben verengte Atemwege, man hört es am Schnaufen, Röcheln
oder Grunzen. Ganz häufig haben die – auch wenn es das Wort
nicht trifft – ein verlängertes Gaumensegel. Das ist das Ding, was
ein bisschen flattert hinten im Rachen. Das ist natürlich an sich nicht
verlängert, sondern wurde bei der Zucht verkürzt. Damit ist es anatomisch
trotzdem zu lang für den kurzen Kopf. Diese schnarchenden
Atemgeräusche sind ein Zeichen starker Belastung, eventuell ist
auch die Sauerstoffzufuhr geringer. Wenn diese Tiere sich dann zu
sehr aufregen, noch dazu unbeaufsichtigt, könnte es zu Kreislaufversagen
kommen. Sie könnten gesundheitliche Schäden davontragen
oder sogar während der Reise sterben.
Winter zu schwänzen und den entsprechend übellaunigen
Zweibeiner*innen aus dem Weg zu gehen,
müssten wir sehr lange im Auto und im Zug sitzen,
um irgendwo anzukommen, wo es spürbar wärmer
ist.
Walter stammt aus Thailand, dort hat er auch seinen
Namen erhalten. Überwintern im Süden kommt
ihm entgegen, weil er wenig Fell hat und bei Temperaturen
unter 20 Grad (plus!) anfängt zu zittern. Nur
zeigt sich mein kleiner Thai Boy leider nicht offen für
vernünftige Argumente, darum muss er mir einfach
vertrauen: Wenn er aus dem Flugzeug steigt, ist es
wie durch Zauberhand wieder angenehm warm.
Der Hund als Vielflieger
Dort, wo er im Frachtraum untergebracht wird, wird
die Temperatur auf etwa 15–20 Grad reguliert, versichert
mir eine Sprecherin von Condor. Die deutsche
Fluggesellschaft, die im kommenden Jahr ihr 70. Bestehen
feiert, tranportiert jedes Jahr rund 20 000
Hunde in der Kabine oder im Frachtraum.
Walter (17kg) muss in einer Box im Cargobauch
der Maschine fliegen, zur Beruhigung bekommt er
ein paar Tropfen Diazepam. Und ein getragenes T-
Shirt, möge ihn mein Geruch ein wenig trösten.
In die Kabine darf er nicht. Das ist kleineren Hunden
vorbehalten, bis 8 oder 10 kg, das variiert von
Airline zu Airline. Oder Assistenzhunden. Neidvoll
sehe ich bei Instagram immer die Videos von Golden
Retrievern, die in der Kabine mitfliegen dürfen und
das Herz der Mitreisenden erfreuen.
Warum es diese Unterscheidung nach Gewicht
gibt, ist mir schleierhaft. Sie erscheint mir willkürlich.
Menschen werden vor Antritt des Fluges ja auch
nicht gewogen und die halten an Bord immer noch
die Mehrheit.
Winter 2024/25
113
Story — 8
Überwintern ohne Böller
Letztes Jahr waren wir zum Überwintern auf Malta,
wo man – ein tolles Bonusfeature der Insel! – böllerfrei
Silvester feiern kann. Ganz kurz nur, vielleicht für
die Dauer von 30 Sekunden, haben wir am 31. Dezember
kurz nach 20 Uhr ein bisschen Knall und Bums
gehört. In Deutschland wäre eine solche pyrotechnische
Zurückhaltung unvorstellbar, schon gar nicht aus
Rücksicht auf Tiere. Dabei weiss wirklich jedes Kind:
Der unvermittelt einsetzende Explosionsdonner gepaart
mit Qualm sind eine Tortur für das gute Gehör
und die fein entwickelten Nasen von Hund und Katze.
Bei vielen löst das Stress und Angst oder sogar Panik
aus.
Der Tierarzt Ralph Rückert aus Ulm, auf den sich
etwa der Hundetrainer-Star Martin Rütter beruft,
empfiehlt als Sedativum an Silvester einen Esslöffel
Eierlikör, bei seinem 10kg-Hund habe sich das bewährt:
zwei Löffel, im Abstand von 3 Stunden am
Silvesterabend.
Mein Tipp: Malta. In knapp 3 Stunden Flugzeit ist
man da - mehr würde ich Walter nicht zumuten. Ein
Flug mit Zwischenstopp kommt gar nicht in Frage.
Gemeinsame Urlaube in seiner Heimat scheiden nicht
nur aufgrund der Entfernung aus: Er müsste bei der
Wiedereinreise nach Deutschland drei Monate in
Quarantäne verbringen, das Problem hat man bei
innereuropäischen Reisen nicht.
Nun vermutet man Hunde eher nicht in der Luft,
die einzigen Säugetiere, die fliegen können, sind
Fledermäuse und, nun ja, Flughunde, die aber (bisher)
nicht in Europa vorkommen. Der eine oder die andere
mag nun sagen: Ein Hund gehört doch nicht ins Flugzeug!
In der Regel sagen sowas Menschen, die selber
keinen Hund besitzen.
Und was sagt der Fachmann? Volker Borchers
betreibt in Dortmund eine Kleintierpraxis mit über
15 Mitarbeiter*innen. Er sagt: Grundsätzlich, etwa
aus allgemeingesundheitlichen Gründen, spricht gar
nichts gegen die Mitnahme von Hunden im Flugzeug,
aber natürlich gibt es Ausnahmen (siehe Kasten).
Gelebte Polyamorie
Weil aber nun mein Walterchen so ungerne fliegt und
ich ebenso ungerne des Winters in Deutschland verweile,
urlaube ich ohne ihn. An meinem Zielort wird
mein polyamores Alter Ego als House- und Petsitter
Weihnachten mit einem anderen Hund feiern, während
Walter mitsamt unserer Wohnung von einem
house- und petsittenden Pärchen aus Argentinien behütet
und umsorgt wird. Hundetausch – vielleicht ergibt
sich daraus mal ein Reality-Format auf RTL2.
Unterm Strich bleibe ich aber dabei: Urlaub mit
Hund ist eine tolle Sache. Es muss ja nicht immer der
eigene sein.
114 Winter 2024/25
Zu zweit pro Person ab
WORLD PRIDE 2025 IN WASHINGTON, DC
€ 1.699,–
6-tägige Städtereise in die LGBTQ-Hochburg. Mit Flügen und 4-Sterne-Unterkunft im Mai 2025.
CANUSA TOURISTIK GmbH & Co. KG | Wir beraten Sie persönlich: Nebendahlstraße 16 | 22041 Hamburg | (040) 22 72 53-0
ham@canusa.de | und in unseren weiteren CANUSA-Büros in Hannover | Köln | Frankfurt | Stuttgart | München | Berlin.
ZITIERT
Gehört, gelesen, gesehen:
«Meine Zukunft ist nicht
in den USA»
Vivian Jenna Wilson,
trans Tochter von Elon
Musk, auf Social Media
nach den US-Wahlen.
Selbst, wenn Donald
Trump nur vier Jahre im
Amt sei, würden seine
Wähler*innen so schnell
nirgendwo hingehen.
«Elena ist schon mal
ein toller Anfang»
Die türkischstämmige Schauspielerin
Hayal Kaya spielt im «Bodensee-Krimi»
zum zweiten Mal die trans Kommissarin
Elena Barin. Sie wünscht sich mehr solche
Vorbilder im TV.
«Ich wurde gemobbt, weil
ich schwul war, bevor ich
überhaupt verstand, was
das bedeutete»
Schauspieler Luke Evans in
seinen Memoiren «Boy from
the Valleys: An Unexpected
Journey».
«Schwulen fällt
es oft schwer,
andere Schwule zu
unterstützen»
Mike Taveira lässt tief blicken – sowohl musikalisch als
auch emotional. Der offen pansexuelle Singer-Songwriter
mit portugiesischen Wurzeln singt offen über
Herzschmerz, Sex und Liebe. Mit MANNSCHAFT.com
sprach der in Los Angeles ansässige Musiker über seine
Pläne und verriet, was genau ein «Straight Summer»
ist. Als Abonnent*in liest du das Interview kostenlos.
Bilder (im Uhrzeigersinn von oben links): Annette Riedl/dpa,
instagram.com/_vivian_jenna_wilson_, Ed Cooke, Jon Stars
116 Winter 2024/25
KOLUMNE
FLINTA
Seit einigen Jahren bin ich Teil eines
(wunderbaren) queer-feministischen
Kollektivs in Berlin. Viermal im Jahr veranstalten
wir eine sexpositive Techno-Party.
Unser Fokus: FLINTA. Aber auch
queer-freundlich. Und natürlich all genders
welcome. Das ist unser Ansatz, seit
es diese Partyreihe gibt. Wir verstehen
uns als inklusiv. FLINTA stehen im Vordergrund.
Angefangen an der Tür, über die
Auswahl unserer DJs, bis hin zum Dancefloor
und natürlich im Darkroom. F für
Frauen, L für Lesben, I für Intergeschlechtliche,
N für Nicht-Binäre, T für
trans Personen und A für Agender. Die
Party bietet einen sexpositiven Raum, in
dem sich FLINTA-Personen sicher fühlen
können und nicht an den Rand gedrängt
werden, wo sie ihren Platz einfordern
können und sollen. Consent und Awareness
sind unverhandelbare Leitprinzipien
für uns als Veranstalter*innen sowie für
unsere Gäste. Wir kommunizieren unsere
Werte über unsere Social-Media-Kanäle
vor jeder Party und in Gesprächen während
der Party. Die Kommunikation mit
und in der Community ist für uns unfassbar
wichtig.
Es ist für uns immer wieder eine
neue Herausforderung, in einem solchen
Raum Sicherheit mit Achtsamkeit und
gleichzeitig Inklusion zu verwirklichen.
Wir wollen Menschen nicht kategorisch
ausschliessen. Das erlebe ich zu oft in
der queeren, meist cis-männlich schwulen
Szene. Der kalte Hinweis «Men Only»
zieht eine klare Grenze und schliesst kategorisch
aus. Zu oft auch noch trans
männliche und AFAB-Personen (1). Wir
sind kein FLINTA-Only-Raum. Und wir
sind kein Raum für nur weiblich gelesene
Personen. Und das können wir per Definition
auch nicht sein. An der Tür sehe ich
nicht, wer FLINTA ist und wer nicht. Und
wir fragen bestimmt auch nicht danach.
Wir teilen Menschen nicht in Kategorien
ein, um sie in unseren Raum zu lassen.
Das widerspricht zutiefst unseren Werten.
Die Tür ist oft ein traumatischer Ort für
viele Menschen, die einen Club betreten
wollen. Eine Abweisung aufgrund des
Aussehens ist verletzend und respektlos.
Trans Personen zu fragen, ob sie «wirklich»
trans sind, ist transfeindlich. Fragen
zur Geschlechtlichkeit verbieten sich.
Wahrnehmbare sichtbare Merkmale als
Kriterium zu nehmen, verkennt die Vielfalt
unserer Community und spricht Menschen
das Recht auf eine selbstbestimmte
Identität ab.
Was wir aber erwarten, ist, dass
sich unsere Gäste mit der Party und ihren
Werten auseinandergesetzt und zumindest
unser Instagram-Profil gelesen haben.
Das Gespräch in der Begegnung mit
uns ist für uns entscheidend. Meistens
geht es um die Frage, ob die Person
glaubt, dass diese Party der richtige Ort
für sie ist. Wir setzen auf Vertrauen und
Ehrlichkeit in Bezug auf die eigenen Privilegien.
Wir setzen auf einen fortwährenden
Dialog, gerne auch einen kritischen
Diskurs mit uns. Wir alle haben nicht die
Deutungshoheit über Geschlecht oder
dessen Wahrnehmung, also massen wir
sie uns auch nicht an. Nicht an der Tür,
nicht auf dem Dancefloor und erst recht
nicht im Darkroom. Und so bleibt auch
das all ewig deutende und bestimmende
Patriarchat draussen. Getreu dem Motto:
Du heute nicht.
(1) AFAB = «Assigned Female at Birth» und bezeichnet
Personen, denen bei der Geburt aufgrund ihrer körperlichen
Merkmale das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde.
Nicht alle identifizieren sich im späteren Leben als Frauen;
einige können sich z.B. als nicht-binär, trans oder genderqueer
identifizieren.
DIE TRANS PERSPEKTIVE
Anastasia war die erste
trans Kommandeurin der
deutschen Bundeswehr und
Protagonistin des Films
«Ich bin Anastasia». Sie
wohnt in Berlin.
anastasia@mannschaft.com
Illustration: Sascha Düvel
Winter 2024/25
117
mannschaft.com
mehr News auf
Winter 2024/25
Mehr World
News hier:
118 Winter 2024/25
VERURTEILUNGEN NACH MORD
AN STADTRÄTIN
Rio de Janeiro – Mehr als sechs Jahre
nach der Ermordung der bisexuellen
Politikerin Marielle Franco wurden zwei
geständige Ex-Polizisten zu langen Haftstrafen
von 78 und 59 Jahren verurteilt. Sie
müssen zudem Entschädigungen an die
Angehörigen zahlen. Franco, Stadträtin
in Rio de Janeiro, engagierte sich gegen
Polizeigewalt und setzte sich für die Bewohnenden
der Favelas ein. Der Mordprozess
gegen die mutmasslichen Drahtzieher,
darunter zwei Politiker und ein früherer
Polizeichef, steht noch aus. Ein Streit um
die kommerzielle Nutzung von Land gilt
als mögliches Motiv für die Tat. Aufgrund
von Francos Prominenz als Aktivistin und
Politikerin sorgt der Fall in Brasilien für
grosses Interesse.
MALI STELLT HOMOSEXUALITÄT
UNTER STRAFE
Bamako – In Mali hat das Militärparlament
ein Gesetz verabschiedet, das homosexuelle
Handlungen unter Strafe stellt. Am
31. Oktober stimmte der Nationale Übergangsrat
(CNT) mit 132 zu 1 Stimme dafür,
das Gesetz muss noch von der Militärführung
unterzeichnet werden. Bisher waren
homosexuelle Handlungen in Mali zwar
tabuisiert, aber nicht strafbar. Justizminister
Mamadou Kassogue kündigte an, dass
künftig jede Förderung oder Ausübung
von Homosexualität strafrechtlich verfolgt
werde, um «Bräuche und Werte» des Landes
zu schützen. Das Gesetz ist Teil eines
neuen Strafgesetzbuchs, das auch elektronische
Fussfesseln und Massnahmen
gegen Hochverrat und Sklaverei umfasst.
Details zu den Strafen für Verstösse sind
noch unklar.
Mali steht mit dieser Entscheidung in einer
Reihe von afrikanischen Ländern, die die
Rechte von LGBTIQ-Personen massiv einschränken,
darunter Uganda.
ARCHÄOLOGISCHE FUNDE
REGEN ZUM UMDENKEN AN
Pompeji – Neue archäologische DNA-
Analysen stellen traditionelle Geschlechterklischees
und Familienbilder infrage.
Funde in Pompeji, wie etwa eine Figur mit
Schmuck und einem Kind auf dem Schoss,
wurden lange als Frau und Mutter interpretiert,
doch genetische Untersuchungen
identifizierten die Person als Mann, der
nicht mit dem Kind verwandt war. Weitere
Ergebnisse widerlegten Verwandtschaftsannahmen,
die auf körperlicher Nähe
und Accessoires basierten, und zeigen,
dass konventionelle Vorstellungen oft auf
die Antike projiziert wurden. Die Studienergebnisse,
veröffentlicht in Current
Biology, verweisen auf Pompejis kosmopolitische
Bevölkerung mit vielfältigen
Wurzeln im östlichen Mittelmeerraum und
darüber hinaus. Die Ergebnisse sollten
«zum Nachdenken über die Vorstellungen
und Konstruktionen von Geschlecht und
Familie in historischen Gesellschaften
sowie im akademischen Diskurs anregen».
schreiben die Autor*innen.
In der Antike wurde
Schmuck nicht nur
von Frauen getragen
RAZZIA IN ZWEI
SCHWULENCLUBS
Moskau – In der russischen Hauptstadt
wurden bei Razzien in den Schwulenclubs
Central Station und Three Monkeys über
50 Personen verhaftet, offiziell wegen
Drogenverdachts. Die Durchsuchungen
fanden ausgerechnet am Coming-out-Tag
am 11. Oktober statt und Videos zeigen,
wie Gäste gewaltsam festgehalten
wurden. Gerüchten zufolge wurden die
Clubs geschlossen, weil dort Dragqueens
die russische Militäraktion in der Ukraine
verspottet hätten. Diese beliebten Treffpunkte
der queeren Szene stehen bereits
seit Jahren durch verschärfte Gesetze und
homophobe Angriffe unter Druck. Unklar
bleibt, ob die Clubs dauerhaft geschlossen
bleiben.
Streamingdienst sagt
Festival aus Protest
gegen Verbot ab
FILM «QUEER» VERBOTEN,
FESTIVAL ABGESAGT
Istanbul – Der Film «Queer» mit Daniel
Craig wurde beim Filmfestival in Venedig
gefeiert, in Istanbul jedoch verboten. Die
Bezirksregierung im Stadtteil Kadiköy
untersagte die Vorführung des Films, der
von der Liebe zwischen zwei Männern
handelt, mit der Begründung, er gefährde
den «gesellschaftlichen Frieden» durch
«provokativen Inhalt.» Aus Protest sagte
der Streamingdienst Mubi das geplante
viertägige Festival ab. Obwohl Homosexualität
in der Türkei legal ist, stösst sie in
konservativen Kreisen auf Ablehnung, und
die Regierung äussert sich zunehmend
homofeindlich, was zu einem Anstieg von
Anfeindungen gegen LGBTIQ-Personen
führt.
NEUE MPOX-WELLE IN
AUSTRALIEN
Australien erlebt den grössten Mpox-
Ausbruch seit 2022, besonders in den
Bundesstaaten Victoria und New South
Wales. Bis zum 17. Oktober wurde in allein
in Victoria seit April 330 Mpox diagnostiziert,
es gab 27 Krankenhauseinweisungen.
Vorrangig betroffen sind schwule,
bisexuelle und andere Männer, die Sex
mit Männern haben. In Victoria gibt es
aber inzwischen auch mehrere Fälle bei
Frauen und es wurde über heterosexuelle
Übertragungen berichtet. Um die Ausbreitung
zu stoppen, werden Ärzt*innen
aufgefordert, mehr Tests durchzuführen
und Impfungen zu fördern. Mpox wird
durch engen Kontakt übertragen und verursacht
Symptome wie Hautausschläge,
Fieber und Lymphknotenschwellungen.
Symptome können bis zu 21 Tage nach
Kontakt mit Mpox auftreten. Dazu gehören
Läsionen oder Ausschläge überall am
Körper, einschliesslich des Anogenitalbereichs.
Eine neue Virusvariante wurde
bisher in Australien nicht festgestellt.
330 Mpox-Fälle von
April bis Oktober in
Victoria
Winter 2024/25
119
9
120 Winter 2024/25
Story — 9
Das grosse
MANNSCHAFT-
Jahresquiz
Story — 9
Text – Denise Liebchen
24 Fragen, 72 mögliche Antworten und
ein laaaaaaaaaaaaaaaaaaanges Lösungswort.
Wer unser grosses Quiz knackt,
hat die Chance, eines von fünf Jahresabos
zu gewinnen. Spicken ist übrigens
erlaubt: Du findest alle Antworten auf
mannschaft.com, wenn du gründlich
suchst.
Winter 2024/25
121
Story — 9
Das Jahr 2024 winkt zum Abschied. Bevor wir
zurückwinken, halten wir inne und lassen es
Revue passieren – mit diesen 24 queeren Fragen.
Und so funktioniert das grosse MANNSCHAFT-
Jahresquiz: Schreibe die Buchstaben der richtigen
Antworten chronologisch auf, um das lange Lösungswort zu
finden. Scanne dann den QR-Code auf Seite 129. Dieser führt
dich zu einem Formular, in das du das Lösungswort eintragen
kannst, um an der Verlosung teilzunehmen. Einsendeschluss ist
der 31. Dezember 2024. Unter allen Schlauerchen verlosen wir
fünf Jahresabos: für sich selbst oder zum Verschenken.
1
Mit welchem Lied gewann Nemo
den ESC in Malmö?
S) Eurostar
D) The Code
X) Himalaya
Bild: SRF/Ella Mettler
2
Wer spielt im Film «Queer»
Sexszenen mit einem jüngeren Mann?
A) Pedro Pascal
C) Brad Pitt
E) Daniel Craig
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Story — 9
3
Welchen Namen trägt
das erste queere Hotel
Österreichs? «Absteige ...
H) ... zum schnurrenden
Löwen
V) ... zur starken Stute
I) ... zur bärtigen
Therese
4
Wer sind die Queeros 2023 aus
Deutschland, Österreich und
der Schweiz, die das Voting auf
mannschaft.com gewannen?
N) Das schwule Kommunikations-
und Kulturzentrum
München, die Aktivistin
Brigitte Zika-Holoubek und
das Berner Projekt Schwul-
60plusminus
A) Die Hamburger Bi+Pride,
der Wiener Verein
Queer Base und die Eurogames
Bern 2023
I) Die Regensburger Regenbogenparade,
die RosaLila PantherInnen aus
Graz und die lesbische Organisation
Lestime aus Genf
5
In welcher Sendung gab die
lesbische No-Angels-Sängerin
Lucy Diakovska Einblicke in ihr
Liebesleben?
S) Ich bin ein Star –
Holt mich hier raus!
B) Temptation
Island V.I.P.
T) The Voice
Bild: Stefan Brending/ CC BY-SA 3.0 de
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Story — 9
Wie heisst die erste trans Frau
im US-Kongress?
6
C) Sarah McBride
I) Danica Roem
K) Rachel
Levine
7
Welches Doppel zierte das
MANNSCHAFT-Magazincover
NICHT?
L) Glammy & Angel
H) Bruno & Bonnie
B) Bill & Bianca
8
Wer sang an der
Eröffnungsfeier der Eurogames
in Wien?
Bild: Martin Darling
O) Mavi Phoenix
A) Conchita Wurst
Z) Candy Licious
124 Winter 2024/25
Story — 9
9
Welcher verstorbene Sänger wurde
mit einer Gedenkmünze geehrt – mit
Genehmigung von König Charles III.?
T) George Michael
D) Freddie Mercury
M) David Bowie
Z) Deutschland
10
Welches Land führte dieses
Jahr die erleichterte Änderung
des Geschlechtseintrags und
Vornamens ein?
X) Österreich
Y) Schweiz
11
Welcher erste Deutschschweizer
Kanton verankerte die Gleichstellung
von LGBTIQ explizit im
Gesetz?
B) Zürich
U) Basel-Stadt
E) Genf
12
Wer erklärte die eigene trans
Tochter Vivian Jenna Wilson in
einem Interview für tot?
N) Elon Musk
C) Cher
M) Jamie Lee Curtis
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13
Story — 9
Wie heissen der erste schwule
Jodlerclub und der erste feministische
Jodelchor der Schweiz?
T) Männertreu & das Echo
vom Eierstock
S) Kummerbuben &
Streicheltreichlerinnen
Bild: Christian Felber
A) Adamsapfel & die
Kehlchen von Eva
14
Wie viele queere Athlet*innen
nahmen teil an den Olympischen
Spielen in Paris?
E) mindestens 108
J) mindestens 18
H) mindestens 81
15
Welchen Namen trägt die
MANNSCHAFT-Playlist?
R) Can't Get It Out
Of My Head
F) We Are Family
Ü) Oops . . . I Played
it again
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Story — 9
16
Wie alt ist die Antidiskriminierungsstelle
in Wien geworden?
Ä) 35 Jahre
Ö) 15 Jahre
M) 25 Jahre
17
Welcher ehemalige, schwule
Sportprofi veröffentlichte dieses
Jahr seine Autobiografie?
Z) Hape Kerkeling
T) Ralf Schumacher
R) Thomas
Hitzlsperger
18
In welchem Jahr gründeten
Thomas Künzi und Greg Zwygart
die MANNSCHAFT in Bern?
A) 2020
U) 2001
E) 2010
19
Welcher nicht-binäre Musicact
outete sich dieses Jahr als
pansexuell?
H) DJ Bobo
Y) Troye Sivan
G) Felix Jaehn
Winter 2024/25
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Story — 9
20
Welches Land hat jüngst die Ehe
für alle erlaubt?
O) Tansania
L) Türkei
E) Thailand
W) Ellen DeGeneres
21
Welche lesbische Ikone hatte
eine Affäre mit Madonna und
Angelina Jolie?
Bild: chrisweger /CC BY-SA
N) Jenny Shimizu
P) Portia de
Rossi
22
Welcher schwule Autor wäre
am 30. September 100 Jahre alt
geworden?
J) Oscar Wilde
X) James Baldwin
B) Truman
Capote
128 Winter 2024/25
Story — 9
23
Bei den Wahlen in Österreich ging die rechtsextreme
und queerfeindliche FPÖ als stimmenstärkste
Partei hervor. Wie viele queere Politiker*innen
waren es, die es im Oktober in den
Nationalrat geschafft haben?
L) 2
V) 8
O) 5
24
Welche dieser Songs werden
dieses Jahr 40 Jahre alt (Mehrfachnennungen
möglich)?
G) Girls Just Want to
Have Fun von Cyndi
Lauper
E) Thriller von Michael
Jackson
N) Last Christmas
von Wham!
Lösungswort:
Gewinne
eines von
fünf Jahresabos.
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26
Schreibe die Buchstaben der richtigen Antworten chronologisch auf, um das lange Lösungswort zu
finden. Scanne den nebenstehenden QR-Code und trage das Lösungswort in das Onlineformular ein.
Teilnahmeschluss: 31. Dezember 2024.
Winter 2024/25
129
COMIC
IMPRESSUM
Mannschaft Magazin Nr. 119, Winter 2024/25, Ausgabe für die Schweiz, Deutschland, Österreich und Liechtenstein
Auflage 22 000 Ex. Abo service Mannschaft Magazin ist im Abo (CHF 79/EUR 59 Jahr) sowie im Spezialabo für Studierende/Lernende
und Menschen ab 65 (CHF 49/EUR 39 Jahr) erhältlich, mannschaft.com/shop, kontakt@mannschaft.com
Herausgeberin Lautes Haus GmbH, Blumensteinstrasse 2, CH-3012 Bern Redaktionsverantwortung Denise Liebchen,
Greg Zwygart Art Direction Sandro Soncin Bildredaktion Raffi p.n. Falchi Korrektorat Curdin Seeli, Schaumkino
Anzeigenverkauf Christina Kipshoven, medien@lauteshaus.com Druck Radin Print Rechtschreibung Mannschaft
Magazin nimmt die Schweizer Rechtschreibung als Vorlage. Urheberrecht Jegliche Wiedergabe und Vervielfältigung
von Artikeln und Bildern ist nur mit ausdrück licher Genehmigung des Verlags gestattet. Mannschaft Magazin
erscheint quartalsweise. Die nächste Ausgabe erscheint am 19. März 2025.
FSC
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130 Winter 2024/25
NICHT
NACHWEISBAR
ABER
DEUTLICH
SPÜRBAR
Welche Bedeutung hat das U=U-
Statement für meine Lebensqualität?
Agenturfoto. Mit Models gestellt
Eine Initiative von Gilead für ein
positives Leben mit HIV
10/2024 CH-UNB-0796
Geniessen können muss man können. Kann man lernen.
Am liebsten hier. Inmitten einzigartiger Winterlandschaften.
Auf endlosen Pisten, Loipen und verschneiten Wanderwegen.
Draussen in warmen Bädern und drinnen in heissen Saunen.
In gemütlichen Fondue-Stübli und in Gourmet-Küchen.
Eigentlich überall hier oben. Denn hier ist Geniessen einfach.
Hier hat alles Zeit. Willkommen in Gstaad.