05.12.2024 Aufrufe

Nr. 119 «Kylie» - Winter 2024

Die Winterausgabe mit 132 Seiten MANNSCHAFT ist da: Wie du dich auf den ESC in Basel vorbereiten kannst, wie es der Community im «Wieder Trump»-Land geht und warum die bekannteste trans Frau der Schweiz ihre Transition bereut. Und haben wir schon Kylie Minogue erwähnt?

Die Winterausgabe mit 132 Seiten MANNSCHAFT ist da: Wie du dich auf den ESC in Basel vorbereiten kannst, wie es der Community im «Wieder Trump»-Land geht und warum die bekannteste trans Frau der Schweiz ihre Transition bereut. Und haben wir schon Kylie Minogue erwähnt?

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Deine Community, dein Team.

Nr 119

Winter 2024/25

mannschaft.com

Kylie Minogue: «Ich

bin oft die letzte auf

der Tanzfläche»

Seite 88

Heiraten ohne

Klischees: Die queere

Hochzeitsrevolution

Seite 28

Eurovision 2025:

Basel will neue

Massstäbe setzen

Seite 6

CHF 20


01.02.25 - THE HALL ZÜRICH

SNOW PATROL

29.03.25 - KOMPLEX 457 ZÜRICH

OLLY ALEXANDER

04.04.25 - KOFMEHL SOLOTHURN

BABY LASAGNA

08.04.25 - KOMPLEX 457 ZÜRICH

BABY LASAGNA

11.05.25 - ALHAMBRA GENÈVE

NEMO

14.05.25 - X-TRA ZÜRICH

NEMO

TICKETS: TICKETMASTER.CH

INFO: MAINLANDMUSIC.COM


Deine Community, dein Team.

CHF 20

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EDITORIAL

Bunt wie die

Community

MANNSCHAFT entstand 2010

als Monatsmagazin für schwule

und bi Männer. Seit 2020 sprechen

wir als Quartalsmagazin

die ganze queere Community

an. Einige Inhalte behandeln

LGBTIQ-Themen generell,

andere sind explizit schwul,

lesbisch, trans oder ein Mosaik

diverser Identitäten. So bunt

wie die Community eben.

Foto: Jasmin Zaccone

Neun Storys bilden das Herzstück

der MANNSCHAFT und

stehen jeweils für eine Farbe

der von Gilbert Baker 2017

entworfenen Regenbogenfahne.

MANNSCHAFT MAGAZIN

Nr. 119, Winter 2024/25

Das LGBTIQ-Magazin für die

Schweiz, Deutschland, Österreich

und Liechtenstein.

Comedian Nico Stank

über Zweifel, Erfolg und

Selbstakzeptanz

Seite 80

Nico

Eurovision 2025:

Basel will neue

Massstäbe setzen

Seite 6

Foto: Timo Gerber

Verschiedene Rubriken zu

Film, Lifestyle, Literatur und

Musik sowie aktuelle Meldungen

runden das Magazin ab.

Kylie Minogue: «Ich

bin oft die letzte auf

der Tanzfläche»

Seite 88

Nr 119

Winter 2024/25

mannschaft.com

Kylie Minogue: «Ich

bin oft die letzte auf

der Tanzfläche»

Seite 88

Kylie

Heiraten ohne

Klischees: Die queere

Hochzeitsrevolution

Seite 28

Eurovision 2025:

Basel will neue

Massstäbe setzen

Seite 6

Foto: Charlotte Rutherford

Nr 119

Winter 2024/25

mannschaft.com

Liebe Mannschaft

Juni 2024, Bern, Küche: «Mama, ich will kurze Haare.» «Wie kurz

denn?» «Wie Papa.» «Warum gerade wie Papa?» «Einfach.»

Daraufhin suchte ich mit meiner achtjährigen Tochter in der Bildersuche

des Internets nach Haarschnitten. Es dauerte nicht lange, bis sie

rief: «Das!» Auf dem Bild sah ich einen Jungen mit strahlblauen Augen

und verwuscheltem Kurzhaar.

«Das steht dir sicher gut. Es sind deine Haare. Schneid’ sie wie du

willst. Bedenke: Andere werden dich für einen Jungen halten. Wirst du

damit klarkommen?» «Sicher, ich weiss ja, dass ich kein Schnäbi hab’.»

(Schnäbi ist im Schweizerdeutschen ein kindlicher Ausdruck für Penis.)

Drei Tage später trägt meine Tochter kurzes Haar – und es steht ihr so

gut, dass ich denke: «Meine Kleine ist eine coole Socke.»

Eine Woche später beim Sportferienkurs sagt die Leiterin bei der

Anmeldung: «Die Gruppe ist nur für Mädchen.» Mein Mann, der sie

hingebracht hat: «Genau, sie ist ja ein Mädchen.» Vor der Umkleide

sagen die Kinder zu ihr: «Die ist nur für Mädchen.» Sie ist tapfer, zuckt

mit den Schultern. Ich frage sie, ob sie möchte, dass wir es richtigstellen,

wenn Fremde sie als Junge ansprechen. «Ja.» Jedes Mal, wenn ich

es tue, bin ich stolz auf unsere Tochter, weil sie der Gesellschaft den

Spiegel vorhält. Ich wusste, dass die Gesellschaft in Kurzhaar-Männlein

und Langhaar-Weiblein gepolt ist, aber wie allumfassend hat mich erst

das Schnipp-Schnapp unserer Tochter gelehrt. Auf dem Wuschelkopfbild

im Internet sah ich selbst einen Jungen. Inzwischen kann ich mir

unsere Tochter nicht mehr langhaarig vorstellen.

Letzte Woche: «Mama, ich lass mir die Haare wieder wachsen.»

«Echt? Wieso?» «Einfach.»

Haare sind eine haarige Sache. Darüber schreibt auch mein Co-Chefredaktionskollege

Greg Zwygart in seinem feinfühligen Porträt über die

bekannteste trans Person der Schweiz. Und das beginnt auf Seite 70 so:

«Wenn sich Nadia Brönimann eine neue Frisur zulegt, dann ruft gleich

die Presse an.»

Denise Liebchen, Co-Chefredaktorin

Winter 2024/25

3


Mannschaftsaufstellung

In dieser Ausgabe haben unter anderem diese Personen

für uns geschrieben, gezeichnet und fotografiert.

Foto: privat

Elizabeth Rushton ist freie

Journalistin. Sie schreibt

gern über Osteuropa, ihre

britisch-irische Heimat und,

wie in dieser Ausgabe, über

ihre lebenslange Leidenschaft

für den Eurovision

Song Contest.

→ Seite 6

2018 reiste Angela Weiß

nach Indien, um für MANN-

SCHAFT über arrangierte

queere Ehen zu schreiben.

In Texas erlebte sie die

US-Präsidentschaftswahlen

live mit und fing die Stimmung

der Community ein.

→ Seite 42

Magnus von Keil arbeitet als

Autor, Moderator, Sprecher und

Produzent bei Hörfunk und

Fernsehen – u.a. regelmässig als

Games-Experte im SAT.1 Frühstücksfernsehen

und neu auch

bei der MANNSCHAFT als Gayming-Experte.

Nachts dreht der

hoffnungslose 80er-Jahre-

Fetischist Original-Vinyls seiner

Lieblingsdekade in Berlin.

→ Seite 98

Foto: zvg

Von klein auf wusste Raffi p.n. Falchi, dass

er Fotograf werden wollte. Die Welt in Bilder zu

fassen ist seine Passion. Seit Ausgabe eins unseres

MANNSCHAFT Magazins verantwortet er

die Bildredaktion. Danke Raffi für deine

Profi-Äuglein.

→ Seite 68

4 Winter 2024/25

Timo Gerber ist gebürtiger

Basler und zog 2016 nach Berlin.

Er kreiert eigene Fotostrecken,

fotografiert Modekampagnen

sowie Kunstschaffende, die ihn

inspirieren – zum Beispiel

Comedian Nico Stank.

→ Seite 80

Maja Schirrle schreibt

gerne über Aussenseiter*innen,

Gestrandete

und Unterschätzte und

lieferte im Winter 2023 die

Reportage über Paris

Galán aus Bolivien. Für

uns führte sie das Interview

mit Nico Stank.

→ Seite 80

Kolumnen:

Mann, Frau Mona!, 37

Reden ist Gold, 97

Die trans Perspektive, 117


Storys

1 2 3

Kultur

«Die Musik

muss wieder

in den Mittelpunkt»

Lifestyle

Hopsassa

Heiraten

Ausland

Wieder

Trump

6

28 42

4 5 6

Fotografie

«Ich schämte

mich

für meine

Lunchbox»

Trans

«Ich hätte

niemals

transitionieren

dürfen»

Comedy

«Ich habe

mir selbst

nicht mehr

vertraut»

56

7

Gayming

«Our

Princess Is

In Another

Castle»

68 84

8 9

Reisen

Urlaub

mit meinem

besten

Kumpel

Community

Das grosse

Jahresquiz

100 108 122

Winter 2024/25

5


Story — 1

1

«Die Musik

muss wieder

in den Mittelpunkt»

6 Winter 2024/25


Story — 1

Text – Elizabeth Rushton

Nach Nemos Sieg beim Eurovision

Song Contest wird der

weltgrösste Musikwettbewerb in

Basel ausgerichtet. Die Organisator*innen

wünschen sich eine

bunte Feier mit Festivalstimmung.

Doch können sie die Fragen zu

hohen Kosten und die Kontroversen

von Malmö überwinden?

Winter 2024/25

7


Story — 1

Die Mammutaufgabe

Bis zum Finale des ESC in Basel am 17. Mai 2025 bleiben weniger

als sechs Monate, und der drittgrössten Stadt der Schweiz steht

eine Mammutaufgabe bevor. Sie muss Platz für Tausende Medienvertreter*innen

und bis zu 500 000 Fans schaffen, gemeinsam

mit der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG

SSR eine Show für mindestens 160 Millionen Zuschauende veranstalten

und dabei die immer komplexeren und sensiblen Anforderungen

der allmächtigen European Broadcasting Union (EBU)

stets im Auge haben.

Es ist kein kleiner Auftrag – selbst ohne die geopolitischen

Spannungen, die stets ihren Weg auf die Bühne dieses Wettbewerbs

finden, der sich gerne unpolitisch gibt. Fans und Feinde des

ESC blicken gleichermassen auf Basel und die Vorbereitungen auf

den ESC 2025. Wir sprachen mit Organisator*innen und Insidern

darüber, was von der dritten Austragung des ESC in der Schweiz

zu erwarten ist.

enau drei Minuten – so wenig Zeit kann es brauchen,

um 36 Jahre hoffnungsvollen Wartens zu beenden.

Und genau diese drei Minuten hat das 24-jährige Talent

Nemo aus Biel genutzt, um ganz Europa mit dem

Song «The Code», seinen operatischen Höhen und

einer schwindelerregenden Choreografie zu überzeugen

– und damit der Schweiz den ersten Platz beim

Eurovision Song Contest 2024 zu sichern. So etwas

hatte es seit 1988 nicht mehr gegeben.

Es war ein Moment, auf den Fans wie Lili Fröschl

aus St. Gallen jahrelang gewartet hatten. «Ich habe

geweint und bin herumgesprungen», erzählt Lili von

jener Nacht. «Das war sehr emotional für mich.» Sie

verfolgt den ESC seit ihrer Kindheit und hat den Musikwettbewerb

mit seiner kitschigen Theatralik und

den Balladen über Liebe und Frieden immer mit ihrer

Familie geschaut. Nun wird der 69. Eurovision Song

Contest in Basel ausgerichtet – und auf die Chance,

bei einem ESC in der Schweiz live dabei zu sein, haben

Fans wie Lili seit Jahren gewartet.

Lys Assia, Céline Dion, Nemo

Die Geschichte der Schweiz am ESC ist lang, glanzvoll und kompliziert.

1956 erblickte das «Gran Premio Eurovisione della Canzone

Europea» in Lugano das Licht der Welt und wurde direkt

von der Schweizerin Lys Assia mit dem Lied «Refrain» gewonnen.

32 Jahre vergingen bis zum nächsten Sieg: 1988 triumphierte

eine damals relativ unbekannte Sängerin namens Céline Dion.

Seitdem verlief es für die Schweiz beim ESC nicht immer reibungslos:

Zwischen 2004 und 2024 schaffte es der Schweizer

Song nur neun Mal aus dem Halbfinale. Am 11. Mai 2024 änderte

sich jedoch alles: Nemo gewann als dritter Act für die Schweiz –

und zwar als erste offen nicht-binäre Person.

Melisa Kaymaz muss sich immer noch daran gewöhnen. Sie

ist Präsidentin des Eurovision Club Switzerland, eines offiziellen

Fanclubs mit über 300 Mitglieder*innen aus der Schweiz. «Es

fühlt sich immer noch komisch an, nicht mehr sagen zu müssen,

dass unser letzter Sieg mit Céline war», sagt sie. Die riesige

Unterstützung für Nemo hat sie vor Ort beim ESC 2024 im

schwedischen Malmö miterlebt: «Es war unglaublich, wie alle die

Botschaft unseres Songs unterstützt und gefeiert haben.» Genau

das macht den ESC für sie aus: die Momente der Zusammenkunft

Bild: Eurovision

Der Countdown läuft:

Die Timeline bis zum ESC in Basel

MITTWOCH,

27. NOVEMBER

Bereits Ende November findet

der erste nationale Vorentscheid

statt mit dem montenegrinischen

Montesong.

BIS ENDE

DEZEMBER 2024

Nach Angaben der SRG sollen

Tickets für die zwei Halbfinals

am 13. und 15. Mai 2025, das

grosse Finale am 17. Mai und

die sechs Preview-Shows noch

vor Weihnachten in den Verkauf

gehen.

JANUAR

2025

Stabsübergabe und Auslosung der

Halbfinals. Als symbolische Übergabe

entwirft jede Host-City einen Schlüsselanhänger

für den ESC-Schlüsselbund, der

der nächsten gastgebenden Stadt übergeben

wird. Danach folgt die Verteilung

der teilnehmenden Länder über die zwei

Halbfinals, die zuletzt immer live übertragen

wurde.

8 Winter 2024/25


Story — 1

Nemo wurde in Malmö

umjubelt, die israelische

Sängerin Eden Golan

ausgebuht.

SAMSTAG,

25. JANUAR

SAMSTAG,

1. FEBRUAR

SAMSTAG,

8. FEBRUAR

SAMSTAG,

15. FEBRUAR

Luxembourg wählt beim

Mit dem Finale des spani-

Noch ein Wochenende mit

Heute haben ESC-Fans die

Luxembourg Song Contest

schen Benidorm Fest könnte

zwei Vorentscheiden: An die-

Wahl zwischen drei Vorent-

seinen zweiten ESC-Akt seit

der erste Akt der «Big 5»-Län-

sem Tag findet das finnische

scheiden mit dem estnischen

der Rückkehr zum ESC nach

der feststehen. Auch Slowe-

Uuden Musiikin Kilpailu sowie

Eesti Laul, dem litauischen

31 Jahren im Jahr 2024.

nien wählt an diesem Abend

das Finale des Malta Eurovi-

Eurovizija.LT und dem Finale

seinen Song mit dem Vorent-

sion Song Contest statt.

des italienischen Sanremo-

scheid EMA.

Festivals.

Winter 2024/25

9


Story — 1

«Queere Gäste sollen sich willkommen

und sicher fühlen.»

Bild: Kanton Basel Stadt

Eventmanager

Beat Läuchli

durch die Musik. In Basel wird sie nun selbst solche

Momente schaffen müssen: Fanorganisationen wie

der Eurovision Club Switzerland sind eingeladen, das

Begleitprogramm des Wettbewerbs mitzugestalten.

Eine halbe Million Menschen in Basel

Das Finalrennen zwischen Basel und Genf um die

Gastgeberschaft des ESC 2025 war knapp. Am Ende

konnte jedoch das Basler Konzept überzeugen, das

unter dem Motto «Grenzen überwinden» die gesamte

Stadt einbeziehen soll. In der St. Jakobshalle werden

bis zu 11 000 Zuschauende bei insgesamt neun

Shows, drei davon live im Fernsehen, den ESC hautnah

miterleben. Am Tag des Finales gibt es ausserdem

die «Arena Plus» im St. Jakob-Park mit Auftritten

von ESC-Stars und Public Viewing für 34 000 Besuchende.

Im Stadtzentrum ist einiges los auf offenen

Bühnen, mit Essensständen und dem «Eurovision

Village» in der Messehalle mit Public Viewings für bis

zu 10 000 Zuschauende. Um die erwarteten 500 000

ESC-Besuchenden zwischen den beiden Standorten zu befördern,

wird das Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln deutlich ausgeweitet.

Verantwortlich für die Umsetzung des Begleitprogramms ist

der Eventmanager Beat Läuchli. Er hat bereits Veranstaltungen in

Basel, wie die Kunstturn-EM 2021 und das «Drummeli» im Rahmen

der Basler Fasnacht, verantwortet und ist nun Gesamtprojektleiter

für das ESC-Programm. «Herausfordernd ist die kurze

Zeit bis zum Anlass im nächsten Mai», sagt Beat. Die Vorbereitungen

im Koordinationsdreieck der SRG, EBU und dem «Host-

City»-Team des Kantons Basel-Stadt laufen «auf Hochtouren» und

machen «unglaublich Spass», sagt er.

Beats Motto für das Rahmenprogramm ist «vielfältig, kreativ

und inklusiv»: Dabei legt er einen Schwerpunkt darauf, dass sich

queere Gäste als «wichtiger Teil der ESC-Community» willkommen

und sicher fühlen. Geplant sind Sensibilisierungsschulungen

für die 700 ESC-Volunteers und die Tourismusbranche sowie

Awareness-Massnahmen auf der Strasse und an den Veranstaltungsorten.

Auch Anlaufstellen für Betroffene von Gewalt und

Feindlichkeit wird es in Basel geben.

Auf offenen Bühnen, in Schulen und Altersheimen

Darüber hinaus laden die Organisator*innen die gesamte Stadt

und Region ein, den Basler ESC mitzugestalten. Musiker*innen

aus Basel und dem Dreiland, also der grenznahen Region zwischen

Deutschland, Frankreich und der Schweiz, können sich für

Auftritte auf den vielen offenen Bühnen während der ESC-Woche

bewerben. Auch die Gastronomie kann die Stimmung etwa mit

Karaoke-Partys befeuern – und womöglich dafür finanzielle Unterstützung

bekommen. Wie beim ESC in Liverpool 2023 sollen

die Feierlichkeiten auch in Schulen, Altersheimen und Pflegeeinrichtungen

stattfinden. «Es soll ein buntes, fröhliches und grosses

Fest werden für alle, die daran teilnehmen möchten», so Beat.

SAMSTAG,

22. FEBRUAR

MÄRZ

2025

SAMSTAG,

1. MÄRZ

SAMSTAG,

8. MÄRZ

Das kleinste teilnehmende

Land wählt seinen ESC-Akt im

Finale des Vorentscheids Una

Voce per San Marino.

Head of Delegations Meeting.

Die Leiter*innen der Delegationen

aus allen teilnehmenden

Ländern werden zu Besuch in

Basel sein und schauen sich

die St. Jakobshalle an. Ein

wichtiger Moment, denn damit

fällt die Frist, bis zu der die Länder

der EBU Angaben zu ihrem

ausgewählten Lied machen

müssen.

Mit Stefan Raab wieder an der

Spitze sucht Deutschland

seinen ESC-Act und ein Ende

seines miserablen ESC-Glücks

mit dem neuen Format «Chefsache

ESC 2025 – Wer singt für

Deutschland?». Zwei weitere

teilnehmende Künstler*innen

werden auch bekannt beim

dänischen Melodi Grand Prix

und dem serbischen Pesma za

Evroviziju.

Nach fünf Halbfinals findet

das Finale des wohl grössten

ESC-Vorentscheids statt – des

schwedischen Melodifestivalen.

10 Winter 2024/25


Story — 1

Vor Nemo gewannen

diese zwei Grand Dames

den ESC für die Schweiz:

Lys Assia (1956, unten),

Céline Dion (1988).

Bilder: Eurovision

Die Geldfrage

Die Party in Basel sollte also keine kleine sein – zumal die Kassen,

die sie finanzieren, es auch nicht sind. 38,5 Millionen Franken hat

der Kanton Basel-Stadt für das Budget zugelassen, das unter anderem

folgende Kosten umfasst: 450 000 Franken für eine temporäre

Deckenverstärkung an der St.-Jakobshalle, 8 Millionen für

Sicherheit, Rettung und Cyberabwehr, 14,6 Millionen für Technik

und Strom bei den Shows – und vieles mehr.

Dabei erzählt die Finanzlage bei der SRG und ihren Tochterunternehmen

eine andere Geschichte. In vielen Bereichen muss

gespart werden; allein das SRF kündigte im September an, 75

Vollzeitstellen abzubauen und die Redaktionen von

Radio und Fernsehen zusammenzulegen. Der Anteil

der SRG an den ESC-Kosten ist noch nicht bekannt –

aber wie lassen sich solche Sparpläne mit einem Grossevent

wie dem ESC vereinbaren?

Ein Sprecher der SRG räumt ein, dass der ESC für

jedes Austragungsland eine Herausforderung darstellt

– sowohl organisatorisch als auch finanziell. Aber:

«Die SRG konnte seit dem letzten Schweizer ESC 1989

in Lausanne 35 Mal von einem Grossereignis profitieren

und ihre Talente schicken, ohne selbst viel Geld

auszugeben.» Es sei daher «solidarisch und gerecht»,

dass die SRG erneut Gastgeberin sei, was auch «eine

Ehre und eine grosse Freude» für den Sender sei.

Die Organisator*innen sehen eine grosse Chance.

«Die Steuergelder, die der Kanton Basel-Stadt für den

ESC ausgibt, kommen massgeblich dem lokalen Gewerbe

und der Bevölkerung zugute», sagt eine Sprecherin

der Host-City Basel. Eine Studie der Universität

Liverpool gibt dazu Hoffnung: Der ESC 2023 soll

eine Wertschöpfung von etwa 62 Millionen Franken

für die Stadt generiert haben. Weitere Beiträge zur

SONNTAG,

11. MAI

DIENSTAG,

13. MAI

DONNERSTAG,

15. MAI

SAMSTAG,

17. MAI

Am Sonntagabend vor der

Um 21 Uhr Mitteleuropäischer

Nach dem zweiten Halbfinale

Das Finale des Eurovision

Show-Woche findet auf dem

Sommerzeit beginnt das erste

wird die Aufstellung für das

Song Contest wird live aus

Messeplatz in Basel die

Halbfinale.

grosse Finale feststehen.

Basel zu einem Fernseh-

Eröffnungsfeier des ESC

publikum von Hunderten

statt. Die Artists stellen sich

Millionen Zuschauenden aus-

Fans und Medien auf dem

gestrahlt. Nemos Nachfol-

«Turquoise Carpet» vor und

ger*in wird ausgewählt – und

werden bei einem Empfang

dann geht alles wieder von

durch den Kanton Basel-

vorne los . . .

Stadt, die SRG und geladene

Gäste begrüsst.

Winter 2024/25

11


Story — 1

Finanzierung des ESC werden aus Ticketverkäufen und Sponsoring-Partnerschaften

kommen – etwa mit dem Pharmakonzern

Novartis.

Melisa Kaymaz präsidiert den Eurovision Club Switzerland.

Laute Gegner*innen in der Politik

Für den Grossteil der Basler Politik ist die Ausrichtung des ESC

den grossen Aufwand wert: Am 11. September bewilligte der

Grosse Rat den Nachtragskredit für den ESC mit 87 zu 4 Stimmen

und 4 Enthaltungen. Doch es gab auch laute Gegner*innen,

vor allem in der Eidgenössisch-Demokratischen Union (EDU), die

eine Volksabstimmung gegen die Bereitstellung von 38,5 Millionen

Franken öffentlicher Gelder für den «woken» ESC forderten.

Die konservative christliche Kleinpartei behauptet, ihre Ablehnung

des ESC basiere allein auf dieser Geldfrage und weist den

Vorwurf zurück, ihre Kampagne sei queerfeindlich. Auf der Webseite

der Referendumskampagne wird der ESC als reine «Propaganda-Veranstaltung»

bezeichnet, bei der Nemo «Gender-Ideologie»

verbreite und der ebenfalls nicht-binäre irische Akt Bambie

Thug «Okkultismus und Satanismus» zelebriere.

Nachdem die EDU 4203 Unterschriften für ein Referendum gesammelt

hatte, fand am 24. November die Abstimmung über den

ESC-Kredit statt. (Das Ergebnis war zum Redaktionsschluss noch

nicht bekannt, ist aber auf mannschaft.com nachzulesen.)

Zvi Josef, ein Fan aus Israel.

Alan Tubery: lebenslanger Fan und DJ bei ESC-Partys.

Bilder: Eurovision

Ausgebuchte Hotels, überteuerte Hostels

Auch viele ESC-Fans sehen sich mit der Geldfrage konfrontiert.

Denn die meisten Basler Hotelzimmer sind bereits ausgebucht,

und die wenigen verfügbaren sind erschreckend teuer. Ein Hotelzimmer

für die gesamte Woche kostet selten weniger als zehntausende

Franken; selbst ein Hostelbett in einem Schlafsaal für

16 Personen kostet in der ESC-Woche 230 Franken die Nacht.

Könnten die hohen Unterkunftskosten selbst leidenschaftliche

ESC-Fans davon abhalten, nach Basel zu kommen?

Lili Fröschl stört sich daran nicht. «Die Schweiz ist kein grosses

Land – wer dort wohnt, muss in Basel kein Hotel buchen»,

sagt sie. «Ich brauche von St. Gallen nach Basel nur zwei Stunden

– dann fahre ich lieber mit dem Auto nach Hause.» Einige

internationale Fans, die normalerweise beim ESC dabei sind, sind

allerdings noch nicht überzeugt. «Es ist buchstäblich unmöglich,

für den 13. bis 18. Mai 2025 ein Hotel in der Stadt zu finden», beklagt

Zvi Josef, ein Fan aus Israel. «Deshalb habe ich meine Pläne

abgesagt.» Von der Möglichkeit, in einer anderen Stadt zu übernachten

und nach Basel zu pendeln, hält er wenig, das habe er

schon einmal bei einer Familienangelegenheit in Basel gemacht:

«Das war zu kompliziert.»

Kontroversen und die gespaltene Community

Zvi spricht ein weiteres Thema an, über das viele ESC-Fans Aufklärung

wünschen: die dramatischen Geschehnisse beim ESC

2024 in Malmö. «Die EBU darf Hass und Mobbing nicht mehr

tolerieren, wie sie es in Malmö so unverblümt getan hat», sagt

er. Vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts kam es in Malmö

zu Demonstrationen gegen die Teilnahme Israels, die israelische

12 Winter 2024/25


Story — 1

Sängerin Eden Golan erhielt Morddrohungen. Hinter den Kulissen

gab es wiederholt Spannungen zwischen den Delegationen

Israels und anderen Ländern; dreizehn Delegationen beschwerten

sich bei der EBU über eine «unsichere Arbeitsumgebung».

Diese Spannungen waren auch in der Arena spürbar, wie Alan

Tubery berichtet. Alan ist lebenslanger ESC-Fan und in der Fan-

Community bekannt für seine DJ-Auftritte bei ESC-Partys und

offiziellen Veranstaltungen – auch in Malmö, trotz Terrorbedrohungen

und hoher Polizeipräsenz. «Ich habe mich nie in Gefahr

gefühlt, aber die Situation hatte Auswirkungen auf die Publikumsgrösse,

und viele Künstler*innen sagten ihre Auftritte aus

Angst ab», sagt er.

Was er aber in der Arena erlebte, schockierte ihn. «Einige Leute

neben uns protestierten gegen das israelische Lied, indem sie

Eden während ihres Auftritts den Rücken kehrten», sagt er. Diese

Protestform konnte er akzeptieren, doch dann eskalierte die Situation.

«Andere in der Reihe über und neben uns buhten lautstark,

und da wir nicht mitmachten, wurden wir geschubst und angeschrien.

Das war erschütternd.»

Mittendrin kam es zu einem weiteren Drama: Der niederländische

Vertreter Joost Klein, ein Favorit für den Sieg, wurde nur

Stunden vor dem Finale disqualifiziert, weil er eine Kamerafrau

gewalttätig bedroht haben soll. Die schwedische Polizei ermittelte,

stellte den Fall aber schliesslich ein. In den sozialen Medien

und auf Fanseiten überschlugen sich die Gerüchte zu den zwei

Skandalen. Die mediale Aufmerksamkeit für den ESC wuchs, und

der Umgang der EBU mit dem Chaos spaltet die Fan-Community

bis heute.

Das schwierige Erbe

Basel erhält nun dieses schwierige Erbe. Der Druck von den Fans

ist gross, wieder etwas Ruhe herzustellen. «Nächstes Jahr muss

die Musik wieder in den Mittelpunkt», so Melisa Kaymaz. «Malmö

war eine Erfahrung, aus der man lernen muss, damit sich

solche Vorfälle nicht wiederholen.» Nach dem ESC in Malmö beauftragte

die EBU einen unabhängigen Bericht über die Geschehnisse.

Darin wurden drei Bereiche für Verbesserungen ermittelt:

Klarheit aus den EBU-Aufsichtsorganen, Sicherheits- und Risikomanagement

und das öffentliche Engagement für die ESC-Marke.

Die EBU teilt mit, dass Arbeitsgruppen aktuell damit beschäftigt

seien, Änderungen gemäss den Empfehlungen vorzunehmen.

So sollen in Zukunft alle, «unabhängig von der Rolle, eine positive

und sichere Erfahrung beim ESC machen können». Einige Änderungen

sind bereits bekannt: In Basel wird es Rückzugsräume

für die teilnehmenden Künstler*innen geben, in denen sie nicht

gefilmt werden dürfen. Der britische Fernsehproduzent Martin

Green wird als neuer «ESC Director» das Image des Wettbewerbs

verantworten und Aufgaben des Executive Supervisors, Martin

Österdahl, übernehmen. Während des Finales in Malmö wurde

Österdahl mehrfach ausgebuht.

Werden solche Schritte ausreichen, um die Kontroversen aus

Malmö hinter sich zu lassen? Der SRG-Sprecher zeigt sich optimistisch.

«Die EBU hat die Ereignisse analysiert, Lehren daraus

gezogen, Massnahmen vorgesehen. Diese werden wir gemeinsam

im Dreieck Host City, SRG und EBU in Basel umsetzen.» Im

Interview mit dem Sonntagsblick appellierte auch Bakel Walden,

ehemaliges Mitglied der SRG-Geschäftsleitung und Chef des

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Story — 1

ESC-Aufsichtsrats, an die Teilnehmenden und Fans: «Wir

können während des ESC die vielen Kriege und Konflikte auf

der Welt nicht lösen. Aber es ist ein starkes Statement, wenn

wir fair, friedlich und respektvoll miteinander umgehen.»

Der Beweis, ob dies tatsächlich gelingt, wird erst in der ESC-

Woche selbst zu sehen sein.

Melisa Kaymaz setzt ihre Hoffnung für die Zukunft des

ESC nicht in die EBU, sondern in die neue Generation von

Fans: «Die Fans sind und werden immer hier sein – trotz Erfahrungen

wie in Malmö.» Sie spürt einen Wertewandel bei

den überwiegend jungen Menschen, die jetzt an der Spitze

der Fanclubs stehen. «Diese Leute sind sehr offen und fordern

mehr Diversität und Inklusivität.» Ihre grösste Hoffnung

für diesen Heimat-ESC ist, dass die Werte, die Nemo in «The

Code» besungen hat, die Menschen durch die Musik in Basel

zusammenbringen.

Bild: Basel Tourismus

Die «Eurovision Street» führt durch Kleinbasel.

Die wichtigsten Fragen zum ESC in Basel

Wann gehen die Tickets in den Verkauf und

was werden sie kosten?

Ein Sprecher der SRG SSR schreibt auf Anfrage: «Der Vorverkauf

für den ESC soll möglichst noch vor Weihnachten

starten.» Es sei allerdings noch zu früh, um Angaben zur

Preisstruktur zu machen. In Malmö kostete ein Ticket zum

Finale bis zu 315 Franken.

Wie finde ich noch ein Hotelzimmer?

Derzeit kosten die einzigen verfügbaren Hotelzimmer für die

ESC-Woche in Basel mehrere Zehntausende von Franken,

aber die Hoffnung ist noch nicht verloren. Auf Anfrage

schreibt Basel Tourismus, das nötige Kontingent an Unterkünften

für ESC-Offizielle (etwa 40 000 Übernachtungen verteilt

über zweieinhalb Wochen) sei während der Kandidatur

Basels provisorisch reserviert worden. Es kommen also noch

weitere Zimmer auf den Markt, sobald mehr über die genaue

Planung der ESC-Woche bekannt ist. Dazu soll es auch ein

Angebot an temporären Übernachtungsmöglichkeiten geben,

etwa mit einem Hotelschiff.

Wer wird die Schweiz nach Nemo vertreten?

Als Gastgeberin hat sich die Schweiz bereits einen Platz

im Finale neben den sogenannten «Big 5» – Deutschland,

Frankreich, das Vereinigte Königreich, Italien und Spanien

– als grösster Geldgeberin für den ESC gesichert. Das SRF

sucht schon nach dem Act, der sein Land auf heimischem

Boden vertreten darf. Bis zum 22. August konnten Künstler*innen,

Produzierende und Songwriter ihre Lieder für den

ESC einreichen, die Ergebnisse werden nun in einem mehrstufigen

Selektionsprozess durch Publikum- und Fachjurys

ausgewertet. Anfang 2025 soll der Schweizer Song für Basel

bekannt werden.

Was kann man in der ESC-Woche ausserhalb

der St.-Jakobshalle erleben?

Basel sieht eine «Eurovision Street» mit Musik und Essensständen

in der Steinenvorstadt und entlang des Kleinbasler

Rheinbords vor wie auch einen «Eurovision Boulevard» vom

Messeplatz über den Barfüsserplatz bis zur Heuwaage. In

der Messehalle werden das «Eurovision Village» beheimatet

sein mit Public Viewings und einem musikalischen

Begleitprogramm mit kostenlosem Eintritt und Platz für

10 000 Besuchende sowie der «EuroClub», in dem während

der ESC-Woche jeden Abend bis 5 Uhr morgens gefeiert

wird. Er wird im Austausch mit den ESC-Fanclubs, dem

Dachverband OGAE International und dem Schweizer und

dem schwedischen OGAE organisiert. Eventmanager Beat

Läuchli ist von der Zusammenarbeit schon beeindruckt: «Ich

bin begeistert, wie gross und gut organisiert die ESC-Fanorganisationen

sind!»

Wird Céline Dion auftreten?

Den zweiten ESC-Sieg der Schweiz sicherte sich die

20-jährige Céline Dion 1988 mit dem Lied «Ne partez pas

sans moi». Seit einigen Jahren bleibt der Weltstar dem

Rampenlicht fern aufgrund von gesundheitlichen Schwierigkeiten,

doch ihr Auftritt bei der Eröffnungsfeier der Olympischen

Spiele in Paris gibt nun vielen ESC-Fans Hoffnung.

Könnte Céline Dion im Rahmen des ESC in der St. Jakobshalle

auftreten?

Die SRG will erstmal nichts zum Inhalt der drei ESC-Shows

verraten. «Lassen Sie sich überraschen», schreibt ein

Sprecher auf Anfrage. Auch Bakel Walden verspricht «viel

Überraschendes» und gibt zu: «Ich war von Céline Dions

Auftritt und der gesamten Eröffnungsshow in Paris begeistert.»

Wichtig ist Fans wie Zvi Josef nur, dass es die «echte»

Céline wäre. «Bloss nicht wieder diese lächerlichen Avatars

wie von ABBA in Malmö!»

14 Winter 2024/25


AUSZEIT – WERBUNG

Was du in Washington

nicht verpassen solltest

AUSZEIT

mit der Mannschaft

Auf keinen Fall die WorldPride vom 23. Mai bis 8. Juni 2025. Millionen von Menschen

werden sich global solidarisieren und Vielfalt, Gleichheit, Liebe feiern.

Alle paar Jahre findet die weltweit grösste

LGBTIQ-Veranstaltung in wechselnden

Städten statt: In wenigen Monaten in

Washington, was zeitgleich das 50-jährige

Jubiläum der Pride-Feierlichkeiten in der

Stadt markiert. Wenn das keine aussergewöhnliche

Gelegenheit ist, die Hauptstadt

der Vereinigten Staaten zu besuchen.

Wer sich zur WorldPride aufmacht, sollte

dabei keines dieser fünf Washington-Must-

Dos verpassen.

1. BESUCHE (MINDESTENS) EINES DER

17 SMITHSONIAN MUSEEN

In Washington, DC, erwarten dich die

17 Smithsonian Museen – verwaltet von

der Smithsonian Institution, die grösste

Bildungseinrichtung der Welt. Egal ob

Kunst, Geschichte, Naturkunde oder

Technologie, der Eintritt ist kostenlos!

Bestaune zum Beispiel im National Air

and Space Museum echte Raumfähren

oder entdecke im National Museum of

African American History and Culture

bewegende Geschichten.

2. BETRACHTE DIE NATIONAL

MALL BEI NACHT

Die fast drei Kilometer lange National

Mall im Herzen von Washington erstreckt

sich vom US-Kapitol bis zum

Lincoln Memorial. Dort befinden sich

zahlreiche imposante Gedenkstätten.

Ein absoluter Geheimtipp: Die Monumente

im Abendlicht zu betrachten,

da sie wunderschön illuminiert sind

und zauberhafte Fotomotive bieten.

Am besten zu Fuss oder per Fahrrad

erkunden.

3. BRECHE AUF IN DIE NATUR

Washington ist die grünste Stadt der

USA. Mit dem Fahrrad aufbrechen, ein

Kajak mieten und den Potomac River

entlangfahren oder im Rock Creek Park

wandern? Unbedingt! Der Rock Creek

Park liegt im Norden der Stadt und ist

mit 708 Hektar etwa doppelt so gross

wie der berühmte Central Park in New

York.

4. TREIB ES BUNT IM DUPONT CIRCLE

Dupont Circle ist eines der beliebtesten

und ältesten Stadtviertel in DC. Hier

findest du zahlreiche LGBTIQ-Bars,

darunter JR’s Bar and Grill und die Bar

Number Nine. Das Viertel liegt auch auf

der Route der Capital Pride, die jedes

Jahr in Washington stattfindet, und

gilt als Herz der Queer-Community.

Natürlich wird es auch ein Hotspot der

Worldpride sein.

5. WASCH DEINE HÄNDE IN

SCHOKOLADE

In Washington gibt es alles, von entspannten,

kleinen Lokalen bis hin zu

Restaurants mit Michelin-Sternen. Die

Küche zeichnet sich durch unterschiedliche

ethnische Einflüsse aus, da die

Stadt als ein Schmelztiegel der Kulturen

gilt. Im Restaurant El Cielo gibt es zum

Beispiel eine «Chocotherapy», bei der

man sich die Hände in Schokolade

wäscht. Ein weiteres traditionsreiches

Lokal ist Ben’s Chili Bowl, wo auch

schon Michelle Obama gegessen hat.

Bilder: © washington.org

Bist du neugierig geworden? Dann

empfehlen wir dir folgende Seiten zum

Weiterstöbern:

washington.org und

worldpridedc.org

Winter 2024/25

15


LIFESTYLE

TREND BIS TRASH

Zusammengestellt von der

MANNSCHAFT-Redaktion.

Slowmance

«Slow Romance», kurz «Slowmance», trendet gemäss

der Dating-App Hinge: Besonders die Queer-Community

will bewusster daten und sich mehr Zeit nehmen, um

eine Person kennenzulernen.

Wurde auch langsam Zeit für ein Gegengift

gegen Ghosting, Situationships und

Swipe-Burnout. Feiern wir!

Bild: KI, Adobe Firefly

Lustiger Latte

Aus Manila kommt der «Bibingka

Latte»: ein Espresso mit gedämpfter

Milch, gekrönt mit gesalzenem Ei und

zerkleinertem Queso de Bola – ein

philippinischer Käse, der an einen

überdimensionierten Babybel erinnert

– und dekoriert mit einem verbrannten

Bananenblatt.

Ausgedacht von Gemini, dem

generativen KI-Modell von

Google, verfeinert von

Baristas der Firma Commune.

Interessant.

Bild: trendwatching.com

Kuschelroboter

Der kleine Roboter Moflin sieht aus wie ein Meerschweinchen, will

kuscheln und sehnt sich – mithilfe von KI – nach einer tiefen Bindung.

Der japanische Elektronikkonzern Casio will mit Moflin Menschen

helfen, denen es nicht möglich ist, ein Haustier zu halten. Moflin lernt

Gefühle über Streicheln, Halten und Zusprache. Eine dazugehörige

App zeigt den Stand der Beziehung mit ihren Emotionen:

Eine solche App wäre auch hilfreich für Beziehungen

zwischen Menschen. Abgesehen davon sind

wir kein Fan davon, das Umsorgen unserer Gefühle

an die KI auszulagern.

Bild: Casio

16 Winter 2024/25


LIFESTYLE

Aquatektur

Und noch so ein Kofferwort: Aus «Aqua» und «Architektur» wird die Aquatektur, die

Baukunst in und auf Wasser. Pinterest sagt der Gen X und den Millennials

nach, dass sie sich kreativ in Aquarien austoben.

Für alle, die Goldfische im Glas langweilig

finden, ein entschleunigendes und

hübsch anzusehendes Hobby.

Bild: Tetra

Bild: Erdinger Active Team

Winter Arc

Der Winter naht und die Selbstoptimierung

ist ihm auf den Fersen: Der

Trend «Winter Arc» fordert etwa

Single und nüchtern sein, 5 Uhr

aufstehen und pumpen, damit es

uns im Januar erspart bleibt.

Unsere Redaktion ist

gespaltet: Team «Kuscheldecke,

Sofa, TV» vs. Team

«Power, Passion, Energy».

Eine denkbare Lösung des

Konflikts: Balance, Baby.

Bild: Sungai

Flussplastikmöbel

Eine Idee geboren aus Plastiktüten: Die Firma Sungai sammelt

Flussplastik in Indonesien ein und stellt daraus Hocker, Stühle und

Bänke her. Ihr Ziel: Die Flussreinigung auf der ganzen Welt finanzieren.

Handwerkskunst trifft auf ethische Praxis und

Naturfürsorge. Finden wir geil, wenn es nicht

einen Haken hätte: der lange Lieferweg zu uns.

Telefonmaske

Mit der Skyted-Maske können wir im Zug sitzen oder im Grossraumbüro und

vertrauliche Geschäftszahlen besprechen, den Absturz vom letzten Wochenende

bequatschen oder einfach lästern, ohne Lauschangriff. Per Kabel oder Bluetooth

mit Telefonen, Kopfhörern oder Videocall-Software verbindbar.

Grosses ABER: die Optik. Erinnert uns an Darth Vader und

Puppys. Alles und jede*r hat seinen Platz. Ob dieser in

unserem Gesicht im öffentlichen Verkehr sein muss? Nö.

Bild: Skyted

Winter 2024/25

17


ALTER EGO

Die ach so gute Stimme

der Vernunft

Unsere Agentur an einem Montagmorgen. Ich lese die Mail

einer Kundin, für die wir eine Website für ein neues Yogazentrum

erstellen.

Kundin: Wie ich feststellen muss, wurden meine Änderungswünsche

noch nicht umgesetzt. Bitte schnellstmöglich erledigen! Und

wann geht der Shop online?

Ich (tippe): Guten Morgen. Wir haben Ihre Sprachnachricht am

Samstagabend erhalten. Die Änderungen werden wir umsetzen.

Der Shop steht, die Produkte müssen noch abgefüllt werden.

Können Sie uns bitte noch die Preise mitteilen?

Alter Ego: Nimm den Samstagabend raus. Das klingt sonst so

vorwurfsvoll.

Ich: Das soll es ja auch. Was erwartet sie denn? Dass wir jedes

Wochenende für sie durcharbeiten?

Alter Ego: Bleib einfach professionell und freundlich.

Ich lösche das Beanstandete und schicke die Mail ab.

Zehn Minuten später kommt die Antwort.

Kundin: Ich bin schon sehr erstaunt, wie lange Sie für diesen Shop

brauchen. Können Sie bitte noch den CV ergänzen (s. Anhang)?

Ich: Was? Wir wissen ja erst seit vorletzter Woche, dass es

überhaupt einen Shop geben soll!

Alter Ego: Reg dich nicht auf, du weisst doch, wie sie tickt.

Ich: Aber gleich wieder das Nächste schicken. Ihr CV ist doch

schon jetzt total überfrachtet.

Ich öffne den Anhang.

Ich: Ein Makramee-Kurs?! Was bitte hat das mit Yoga zu tun?

Ich (tippe): Wie schon mitgeteilt, ist das Abfüllen des Shops sehr

aufwändig. Und sind Sie sicher wegen des Handarbeitskurses?

Die CV-Seite ist schon sehr voll.

Alter Ego: Nicht abschicken. Ergänz es einfach und schweig.

Alter Ego: …beratungsresistent. Das wissen wir ja schon.

Wir arbeiten weiter. Mitte Nachmittag pingt meine Mailbox.

Kundin: Das Bild ist noch nicht ausgetauscht. Gibt es ein

Problem? Bitte im CV den Kurs rausnehmen. Wie weit sind

Sie mit dem Shop?

Ich: Hallo! Wir können uns doch nicht vierteilen!

Alter Ego: Ruhig bleiben.

Ich (tippe): Der Shop ist zur Hälfte abgefüllt. Um das Bild

kümmern wir uns danach. Bitte denken Sie an die Verkaufspreise.

Kundin (umgehend): Das Bild zuerst austauschen!

Allgemeines Stöhnen im Büro. Für die Bearbeitung und

die grafischen Anpassungen brauchen wir in der Folge gut

zwei Stunden.

Text: Mirko Beetschen

Illustration: Dominik Schefer

Eine halbe Stunde später erhalte ich die nächste Mail mit der

Anweisung, die Aufnahme des Yogaraums auszutauschen.

Ich (tippe grummelnd): Das neue Bild ist im Querformat – das

heisst, wir müssten das Layout komplett umstellen. Und für die Ansicht

auf dem Handy ist es nicht ideal.

Kundin (umgehend): Sie finden eine Lösung. Das Bild muss man

noch etwas bearbeiten.

Ich (baff): Sie ist absolut . . .

18 Winter 2024/25

Mirko Beetschen ist Schriftsteller –

ausgezeichnet mit dem Literaturpreis

des Kantons Bern.

Er liebt Design und Architektur,

seinen Vizsla-Rüde Puccini, Bäume,

Tee und London.

– alterego@mannschaft.com

Ich (tippe): Das Bild ist ersetzt. Und könnten Sie uns bitte

noch die Verkaufspreise schicken?

Kundin (nach einer Stunde): Bitte wieder das alte Bild rein.

Das neue sieht auf dem Handy nicht gut aus. Wie weit ist

der Shop?

Sprachlosigkeit im Büro.

Ich: Es reicht! Darf ich ihr jetzt bitte die Meinung geigen?

Alter Ego: Nein.

Ich verlasse das Büro, fahre mit dem Lift in den Keller, öffne

den Abfallcontainer und schreie fünf Minuten lang rein.

Zurück am Pult bedanke ich mich bei meinem Alter Ego

und schreibe betont höflich zurück. Auf die Preise warten

wir immer noch.


Let’s date

happy.




MANNSCHAFT+

ARTS

Bild: zVg

Ein Film wie

ein Gemälde

Poetisches Plädoyer für selbstbestimmtes Sterben: Julianne

Moore und Tilda Swinton sind die Stars in Pedro Almodóvars

Film «The Room Next Door», der den Goldenen Löwen in Venedig

gewonnen hat – nach einer 18-minütigen stehenden Ovation.

Das Drama von einer todkranken Frau, die ihr Leben beenden

will – und dabei von ihrer Freundin (im Zimmer nebenan)

unterstützt wird, erzählt der 74-Jährige mit leuchtenden Farben

und Bildkompositionen, die wie Gemälde gerahmt sind. Trotz

der Schwere des Themas leichtfüssig und mitunter lustig.

Startet in Deutschschweizer Kinos ab 12. Dezember.

Caring Communities

22 Winter 2024/25

Was brauchen Alternde, was braucht die Welt zum Überleben?

Sind «Sorgende Gemeinschaften» – im Privaten

wie im Globalen – die letzte Hoffnung? Die Laientheatergruppe

Senior Lab Zürich und der Verein Queer Altern

Zürich haben sich zusammengetan, um diese Fragen auf

der Bühne zu untersuchen. In ihrem neuen Stück «Caring

Communities oder wie wir gemeinsam grasen» unter der

Regie von Ron Rosenberg (Gorki-Theater in Berlin) teilen

16 Senior*innen ihre persönlichen Vorstellungen des

Alterns mit all ihren Hürden. Die Vorstellungen finden vom

17. bis 21. Dezember 2024 im Kulturmarkt Zürich statt.

Tickets:

Foto: El Deseo, photo by Iglesias Más

Queer Kids

Was bedeutet queer sein als junger Mensch

heute? Die Journalistin und Autorin Christina

Caprez liest am 2. Dezember im Progr in Bern

aus ihrem neuen Buch «Queer Kids». Darin

erzählen 15 Kinder und Jugendliche aus ihrem

Leben: das Grundschulkind, das weiss,

dass es ein Mädchen ist, obschon alle denken,

es sei ein Junge. Der schwule Jugendliche auf

dem Land, der in der Schule isoliert ist. Und die

nicht-binäre Aktivist*in, die ihre «Falschsexualität»

selbstbewusst nach aussen trägt. Das

Buch hilft zu verstehen, warum Fragen der

Geschlechtsidentität, der sexuellen Orientierung

und des Selbstausdrucks für Jugendliche

ein brennendes Thema sind. Moderiert von

Anna Rosenwasser. – progr.ch

Polarized:

Klischeetrotzende

Romanze

Als Kreuzung zwischen «Wild Rose» und

«Brokeback Mountain» zeigt diese

romantische Geschichte in der kanadischen

Prärie die Anziehungskraft zwischen

zwei gegensätzlichen Frauen: auf

der einen Seite Lisa, eine arme Sängerin

und Songschreiberin mit konservativ -

christlichem Hintergrund, die auf einer

Agri-Tech-Farm arbeitet, und auf der

anderen Seite Dalia, ihre fortschrittliche

muslimisch-palästinensische Chefin.

Allen Klischees trotzend, wird diese

queere Romanze von einem hervorragenden

Schauspielerinnenduo und

einem berauschenden Soundtrack

getragen mit arabischem Rap und

amerikanischem Country. «Polarized»

läuft am 10. und 11. Dezember im Kino

Rex Bern.

Bild: zVg


Konzert

und

Theater

St.Gallen

Jetzt im

Grossen Haus

konzertundtheater.ch

RICHARD

O’BRIEN’S

Mit grosszügiger

Unterstützung:

Hauptsponsor:

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Medienpartner:

BY ARRANGEMENT WITH ATG

ENTERTAINMENT GMBH AND

THE ROCKY HORROR COMPANY LTD.


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MANNSCHAFT+

BRANDS

Backen mit Pride

Hol den Spritzbeutel raus und backe nach, was Janusz

Domagala in diese unwiderstehliche Sammlung süsser

Leckereien gesteckt hat: In «Baking With Pride» teilt der

Star von «Great British Bake Off» seine Rezepte für die

Retro-Liebesherz-Torte, Date-Night-Brownies, eine

Prosecco-Erdbeer-Mousse-Torte, Kekse fürs Selbstbewusstsein,

eine Pride-Flaggen-Torte und sogar für

hundefreundliche Leckereien. Yummy!

Bild: zvg

Adventskalender

für alle

Der Rainbowshop verpackt Geschenke

in 24 dekorativen Taschen mit passenden

Klammern und einem Seil, an dem

du alle aufhängen kannst. Erhältlich in

den Ausführungen: Rainbow, Gay,

Lesbisch, Bisexuell, Transgender,

Pansexuell. Für 139.90 Franken auf:

– rainbowshop.ch

Bild: zvg

Bild: zvg

«Machokultur» in

der Schweizer Armee

Seit 2023 bekennt sich die Armee zu einer Nulltoleranz-Strategie,

doch nun legt eine Studie erschreckende Zahlen offen.

Von 764 befragten Frauen und 362 Männern waren 50

Prozent von Diskriminierung betroffen, 40 Prozent von

sexualisierter Gewalt, 81 Prozent sprachen von einer Kultur,

die von sexistischen Bemerkungen und Witzen im Dienst

geprägt ist. Queere Personen sind häufiger betroffen als der

Durchschnitt. Die Dachverbände Transgender Network

Switzerland (TGNS), Pink Cross und die Lesbenorganisation

Schweiz (LOS) sprechen von einer «alarmierenden Realität»,

die zeige, dass die patriarchale Kultur tief in den Strukturen

der Armee verankert sei. Die Armee fungiere als Ort, «wo

kriegerische Männlichkeit reproduziert und Gewalt legitimiert

wird». Die Armee plant zusätzliche Massnahmen und

im Jahr 2027 eine nächste Befragung.

Volvo

vollelektrisch

Ein Fahrzeug der Zukunft. Der neue Volvo

EX90 rollt frisch gefertigt vom Band auf

die Strasse. Der vollelektrische SUV

verbindet Leistung und Nachhaltigkeit:

mit bis zu 517 PS, einer Reichweite von 614

Kilometern und Konfigurationen für bis zu

sieben Personen. Modernste Sensorik

und KI-basierte Steuerung machen ihn

sicher und komfortabel.

– volvocars.ch/EX90

24 Winter 2024/25


Mit Pink Cloud und United Airlines

zur World Pride 2025 nach Washington D.C.

United Airlines fliegt nonstop von Genf und Zürich zur amerikanischen Hauptstadt Washington, D.C.

Und gerne auch weiter zu über 200 Reisezielen in den USA. Vielfalt gibt es auch an Bord von United:

Economy, Economy Plus, Premium Plus und Polaris Business Class.


MANNSCHAFT+

COMMUNITY

Hosen runter

Die sexpositive Online-Community Joyclub hat die eigenproduzierte

Video-Reportage «Penis! Hosen runter, let's talk» veröffentlicht.

Darin sprechen fünf Männer und eine nicht-binäre Person

offen über ihre Penisse, was Mannsein 2024 für sie bedeutet, und

reflektieren Mythen und Stereotype. Sexualmediziner Stefan

Buntrock klärt auf über Erektionsprobleme, Unlust und multiple

Orgasmen. Bei einem Besuch im queeren Sexshop Juicy zeigt

Mitbegründer*in Julez, welche Sexspielzeuge und geschlechtsbejahenden

Hilfsmittel es für trans Personen gibt. Kostenlos

streambar auf: joyclub.de

Speedfriending

Gemeinsam mit Dr. Gay führt Pink Cross Speedfriendings

durch: An einem Abend lernst du mehrere

Queers kennen – aber ganz ohne den Druck eines

Dates. Denn dort suchen alle für einmal Friends. Es

ist eine Gelegenheit, um Queers zu treffen, die du

sonst vielleicht nie kennenlernen würdest. Lausche

anderen Geschichten und teile deine eigenen, so viel

du willst. Wer weiss, womöglich ist es der Anfang

einer wunderbaren Freundschaft, chilligen WG oder

eines Sportduos. Finde es heraus am

10. Dezember um 18:30 Uhr im Kweer in Zürich.

– pinkcross.ch/speedfriending

Bild: Taras Chernus Unsplash

Offener Brief:

STI-Tests gratis

für alle

In einem offenen Brief an den Bundesrat mahnt die

Schweizer Aids-Hilfe, dass die Lebenshaltungskosten

ebenso wie die Krankenkassenprämien immer teurer

würden. Darunter leide die Prävention von HIV und

anderen sexuell übertragbaren Krankheiten (STIs).

Gerade für junge Menschen und solche mit kleinem

Einkommen bleiben Infektionen mit HIV, Syphilis oder

Hepatitis C zu lange unentdeckt. «Das ist auch ein

Grund, weshalb sich diese Infektionen wieder stärker

verbreiten», schreibt die Schweizer Aids-Hilfe und

fordert: «Mehr Prävention, Test und Beratung: gratis

für alle, die es brauchen!»

– gratis-sti-test.ch

Bild: privat

Lilly &

Aurélie

Die Leichtathletin Lilly Nägeli und die

Fussballnationalspielerin Aurélie

Csillag haben im Oktober ihre Beziehung

öffentlich gemacht. Lilly gegenüber

MANNSCHAFT: «Wir haben so viel

Liebe, Wärme und Ermutigung von so

vielen von euch gespürt, und dafür

sind wir zutiefst dankbar.» Bevor sich

Lilly und Aurélie im Tages-Anzeiger

outeten, habe es auf Instagram auch

abfällige Kommentare gegeben («Ihr

sündigt» oder «Wollt ihr einen Dreier?»).

Immer stecken Männer hinter

diesen Kommentaren. «Eigentlich ist

es erschreckend», sagt Lilly über die

Häufigkeit dieser Angriffe. Während

der Frauenfussball ein sicheres Umfeld

für homosexuelle Athletinnen biete,

sei es in Einzelsportarten wie der

Leichtathletik schwieriger, sich offen

zu zeigen.

26 Winter 2024/25


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Journalismus

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Story — 2

2

Hopsassa

Heiraten

28 Winter 2024/25


Story — 2

Text – Denise Liebchen

Willst du mich heiraten? Mmh. Der

Hafen der Ehe wartet mit allerhand

Konventionen und Klischees auf.

Lohnt es sich, diese Tradition in der

queeren Liebe fortzuführen? Die

Kölner Hochzeitsplanerin Cora weiss,

wie heiraten geht, wenn du darauf

pfeifst, was andere denken.

Winter 2024/25

29


Story — 2

«Oh, I wanna dance with somebody

I wanna feel the heat with somebody

Yeah, I wanna dance with somebody

With somebody who loves me»

(The one and only Whitney)

Liebe wirbelt Menschen über die Tanzfläche ihres Lebens. Dabei

kann es zu verschiedenen Begleiterscheinungen kommen: hochfrequente

Schreie der Ektase, Schweissperlen im Dekolletee,

Schwindelgefühle und – falls es zu einer Sturzlandung kommt

– möglicherweise Prellung des Steissbeines oder Bruch des

Herzens.

Nehmen wir den glücklichsten aller Fälle: die grosse Liebe. Sie

legt beherzt eine heisse Sohle aufs Parkett und schliesslich, zum

ruhigen Song, wandert sie mit ihren elektrisierten Händen über

die Haut, schaut einem abgrundtief in die Augen . . . und manchmal

fragt sie um Mitternacht: Heiraten?

Die Tradition

Heiraten? Ich kenne schwule Männer, die diese Frage mit spitzen

Lippen wegpusten, andere Queers halten es sich offen, manche

wünschen es sich sehnlichst (prominentes Beispiel Bill Kaulitz).

Heiraten in der heteronormativen Variante umklammert Konventionen

und schreitet durch Klischees: Der aktive Mann macht

der passiven Frau einen Antrag. Sie trägt reines und unschuldiges

Weiss. Der Vater bringt die Tochter zum Altar und übergibt sie in

die Obhut des nächsten Mannes. Sie übernimmt den Nachnamen

ihres Gatten. Ist heiraten etwas, das es sich lohnt fortzuführen?

Model und Schauspielerin Cara Delevingne (31) ist kein Fan

der Ehe. In einem Interview mit The Times sagte sie: «Ich glaube,

ich gehöre zu den Homosexuellen, denen die Ehe ein wenig auf

die Nerven geht – warum müssen wir uns dieser sehr alten Idee,

einen Vertrag abzuschliessen, anschliessen?»

Wie heiraten abseits von Normen geht, weiss Cora Gäbel, die

weibliche und nicht-binäre Pronomen nutzt. Die promovierte

Ethnologin ist seit zwei Jahren Hochzeitsplanerin, spezialisiert

auf inklusive und nachhaltige Events. In diese Branche eingestiegen

ist sie nicht, weil sie sich fürs Heiraten begeisterte:

«Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich kaum mit Hochzeiten

befasst und in meinem privaten Umfeld nur wenige miterlebt»,

sagt Cora.

Bilder: Karsten Reifer

30 Winter 2024/25


Story — 2

Die genderfluide Cora

Gäbel aka «Cora with love»

traut Menschen inklusiv,

queer, individuell.

Winter 2024/25

31


Story — 2

I can't change, even if I tried

Even if I wanted to

And I can't change, even if I tried

Even if I wanted to

My love, my love, my love, my love

She keeps me warm

She keeps me warm

(Mary Lambert)

Die 40-Jährige wohnt mit ihrer Verlobten Carina in Köln;

ihr Liebesglück teilen beide auf Instagram aka Else und Ilse mit

fast 50 000 Followern. 2021 wurden sie gefragt, ob sie bei einem

Style-Shooting das Hochzeitspaar spielen möchten. «Das Shooting

machte mir bewusst, wie stark die Hochzeitsbranche von

heteronormativen und binären Vorstellungen geprägt ist und

wie wenig sichtbar queere Heiratende sind. Mein Ziel wurde es,

Hochzeiten inklusiver zu gestalten und zu zeigen, dass es Alternativen

gibt.»

Auf Coras Entschluss, Traurednerin und Hochzeitsplanerin zu

werden, reagierte ihr Umfeld gemischt. Einige fanden es grossartig,

allen voran ihre Partnerin Carina. Andere waren skeptisch

und empfanden Hochzeiten als veraltet und heteronormativ.

«Und das stimmt natürlich. Also die Grundlage von Hochzeiten

ist quasi, dass der Mann sich die Frau einkauft. Als Arbeitskraft

und Gebärmaschine. Für mich war jedoch klar, dass ich genau das

ändern möchte.»

Die Zahlen

Nur wenige der Hetero-Paare, mit denen Cora befreundet ist, sind

verheiratet. «Ich habe das Gefühl, dass anteilsmässig queere Menschen

öfter heiraten als Nicht-Queere, seitdem die Ehe für alle erlaubt

ist, weil sie es so lange nicht konnten und es für uns noch

etwas Besonderes ist. Womöglich auch, weil unsere Beziehungen

als nicht so ernst angesehen werden wie die von Heteros.» Was

sagen die Zahlen zu Coras Gefühl?

> In der Schweiz, Deutschland und Österreich sind die Statistiken

zu Heiraten von gleich- und verschiedengeschlechtlichen

Paaren recht unterschiedlich, da sich die Gesetzgebung und

die Erhebung der Daten in den letzten Jahren verändert haben.

Auch Corona hat durch Versammlungsverbote und Einschränkungen

die Anzahl der Heiraten von 2019 auf 2020 einbrechen

lassen.

> Der grösste Teil aller Eheschliessungen stammt nach wie vor

von gemischtgeschlechtlichen Paaren, was demografisch auf

der Hand liegt.

> Langfristig betrachtet sind die Eheschliessungen gemischtgeschlechtlicher

Paare rückläufig, wobei die Zahlen jährlich

schwanken.

> Mit der Einführung der Ehe für alle stiegen die Eheschliessungen

gleichgeschlechtlicher Paare an, schwanken seither aber

auch.

Deutschland: Ehe für alle eingeführt 2017, Anstieg von 11 147

(2017) auf 21 757 (2018), aktuell 9228 (2023, davon Männerpaare

4319, Frauenpaare 4909) (Quelle Statista)

Der Vater bringt die Braut? Nicht nötig. Heiratende können auch

gemeinsam zur Trauung einlaufen, egal mit welchem Geschlecht.

Österreich: Ehe für alle eingeführt 2019, von 1300 (2019) auf

695 (2020) gesunken, aktuell 785 (2023, davon Männerpaare

359, Frauenpaare 413) (Quelle Statistik Austria)

Schweiz: Ehe für alle eingeführt 1. Juli 2022, Anstieg von 749

(2022, davon 394 Männerpaare, 355 Frauenpaare) auf 949

(2023) (Quelle Bundesamt für Statistik)

Da gleichgeschlechtliche Paare erst seit wenigen Jahren heiraten

können, bleibt abzuwarten, wie sich ihre Eheschliessungen

verglichen zu gemischtgeschlechtlichen einpendeln werden.

32 Winter 2024/25


Story — 2

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Der Versicherungstipp

Fondssparen.

Rendite.

Chancen.

Bild: Patrick Hess

I was born to love you

With every single beat of my heart

Yes, I was born to take care

of you, honey

Every single day of my life

(Queen)

Die Branche

Per Gesetz ist die Ehe offen für alle. Doch wie offen für alle ist die

Hochzeitsbranche? Queere Paare, die zu Cora kommen, berichten

von negativen Erlebnissen: etwa Frauenpaare, die von Hochzeitsplanenden

gefragt wurden, wer von ihnen «der Mann» sei. «Wenn

diese Paare zu mir kommen und merken, dass ich sie verstehe,

sind sie erleichtert», sagt Cora. Auch Formulare und Systeme, die

auf Braut und Bräutigam zugeschnitten sind, seien noch weit verbreitet.

Coras grösste Hürde in ihrem Job ist es, Leute zu finden, mit

denen sie arbeiten kann. Rainbow-Washing steht an der Tagesordnung.

«Viele Dienstleistende sagen, bei ihnen seien alle willkommen,

aber ausserhalb des Pride-Monats ist davon nicht viel

zu sehen.» Cora wünscht sich mehr echte Queer-Freundlichkeit

von der Branche: «Dazu gehört auch, dass die Anbietenden ihre

Sprache anpassen, sich selbst aufklären und reflektieren, ob sie

wirklich so inklusiv sind, wie sie denken, und überlegen, wo sie

sich verbessern können. «Es gibt Heiratende, die zu dritt oder

viert heiraten wollen, und auch das sollte akzeptiert werden.»

Doch Queersein heisst nicht automatisch offen sein. Auch innerhalb

der queeren Gemeinschaft gibt es Diskriminierungen wie

Rassismus oder Fettscham. «Bei uns in Köln sind viele schwule

Männer fettfeindlich.» Cora passt selbst nicht in Kleidergrösse 38.

Wenn Hochzeitsmodegeschäfte nur kleine Grössen führen und

argumentieren, dass es genüge, das Kleid hinten einfach nicht

zu schliessen und sich den Rest des Schnittes vorzustellen, entlarvt

Cora das mangelnde Verständnis für diverse Körper: «Das

funktioniert nicht. Wer will denn so viel Geld für ein Kleid ausgeben,

ohne es anzuprobieren, ohne zu sehen, wie es von hinten

aussieht? Wer will sich für etwas entscheiden, das nur vorstellbar

ist?»

Bei einem Projekt in der Nähe von Frankfurt fand Cora keine

Fachperson für Make-up, die mit Schwarzer Haut vertraut war.

«Wenn mir mehrere Artists absagen, weil sie – teilweise nach der

Zusage – plötzlich doch keine Zeit hätten, weiss ich, dass das eigentliche

Problem woanders liegt.» Cora kennt ebenso Geschichten

von Make-up-Artists, die Schwarzen Frauen sagen, sie müssten

ihre Haare glätten. «Das klingt wie eine Szene aus einem Film

der 60er-Jahre.»

«Lohnt sich ein Fondskonto

in der Säule 3a?»

Ein Fondskonto in der Säule 3a ermöglicht

es Ihnen, von den Ertragschancen der

Finanzmärkte zu profitieren. Durch die

Investition in Anlagefonds streuen Sie das

Risiko und nutzen das Potenzial unterschiedlicher

Märkte und Branchen. So

kann Ihr Vorsorgevermögen langfristig

und renditeorientiert wachsen.

«Steuerbegünstigtes

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sich vom steuerbaren Einkommen abziehen,

was die Steuerlast senkt. Und wenn

Sie den Maximalbeitrag einzahlen, kann

die Steuerersparnis erheblich sein. Bei der

Auszahlung Ihres Fondskontos wird

das Vorsorgekapital zu einem speziellen

Steuersatz einmalig separat versteuert.

Und: Wussten Sie, dass sich der Sparprozess

mit einer Sparversicherung auch bei

Fonds absichern lässt? Lassen Sie sich von

einer erfahrenen Fachperson zu einer

passenden Fonds-Sparlösung beraten.

André Albisser

Generalagent

Generalagentur Zürichsee

Weitere Informationen

helvetia.ch/fonds


Story — 2

Sprachlos wurde Cora, als ein Dienstleister in einem Gespräch

das N-Wort benutzte. «Da wusste ich sofort, dass ich mit dieser

Person nicht zusammenarbeiten kann. Auch queere Menschen

können rassistisch sein, nicht alle, aber es kommt vor.»

In solchen Momenten merkt Cora, dass die Arbeit mit inklusiven

und nachhaltigen Werten noch nicht von allen geteilt wird.

Man ist nicht automatisch vielfältig, nur weil man queer ist. Da

spielen viele Faktoren zusammen. Auch das Alter ist ein Faktor.

«Ich wünsche mir schon lange ein älteres Paar.» Umso wichtiger

ist es für sie, ein Netzwerk von Dienstleistenden aufzubauen, die

die gleichen inklusiven und nachhaltigen Standards haben wie

sie selbst.

Doch die Branche entwickelt sich auch weiter: Queere Heiratende

seien inzwischen sichtbarer geworden, beobachtet Cora.

Ein Schritt in diese Richtung ging Anfang November die Hochzeitsmesse

love* in Heidelberg, wo Cora zu den Ausstellenden

gehörte, die sich «Inspiration für queere Heiratende & Menschen

mit Behinderungen, unabhängig von Mr. & Mrs.» auf die Fahne

geschrieben hat. Es tut sich was, wenn auch langsam.

Before you came into my life

Everything was black and white

Now all I see is colour

Like a rainbow in the sky

So, tell me your love will never fade

That I won't see no clouds of grey

'Cause I don't want another

You bring colour to my life, baby

(MNEK feat. Hailee Steinfeld)

Die Tipps

Die Ehe lässt sich historisch als heteronormativ abtun und ablehnen.

Oder sie wird von diesen Normen befreit und als Institution

neu definiert: Die Ehe als queerer Raum mit eigenen, kreativen

und alternativen Vorstellungen von Partnerschaft und Familie.

Das ist Coras Welt. Ihr Credo dabei: Wenn geheiratet wird, dann

so, wie es wirklich passt. Es gibt tatsächlich Dinge, die sich anders

gestalten lassen. Hier ein paar Tipps von Cora.

> Plant eure Hochzeit so, wie ihr sie haben wollt. Sobald ihr anderen

davon erzählt, werdet ihr viele Meinungen hören. Aber

es ist euer Tag, ihr investiert viel Zeit und Geld, und es soll so

werden, wie ihr es wollt. Ihr könnt es nie allen recht machen.

> Hinterfragt traditionelle Hochzeitsabläufe. Alternative Möglichkeiten

können sein, dass die Heiratenden zusammen den

Gang zur Trauung entlanggehen, anstatt dass der Vater die

Braut «überreicht». Diese Tradition spiegelt eine problematische

Geschlechterrolle wider – ist aber natürlich auch eine

valide Option. Wichtig ist, dass ihr als Heiratende bewusst

entscheidet und nicht einfach Traditionen übernehmt, ohne

sie zu hinterfragen.

> Schaut euch die Portfolios der Dienstleistenden an. Wenn diese

keine queeren Heiratenden im Portfolio haben, sind sie oft

nicht sensibilisiert. Führt Vorgespräche, besonders bei Fotograf*innen,

um herauszufinden, ob sie Erfahrungen mit queeren

Paaren haben. Queere Dienstleistende zu suchen, kann

helfen, ist aber nicht zwingend notwendig.

> Bleibt flexibel und erwartet nicht den perfekten Tag. Etwas

wird immer schief gehen – sei es Regen oder eine wichtige

Person, die nicht kommen kann. Aber das macht den Tag nicht

weniger schön.

> Denkt über Nachhaltigkeit nach: Versucht regionale und saisonale

Blumen zu verwenden, die oft billiger sind als importierte

oder solche aus dem Gewächshaus. Trockenblumen, die

viele für nachhaltiger halten, kommen oft aus China und sind

durch Transport und Chemikalien weniger umweltfreundlich

als frische Blumen. Beim Catering kann auf tierische Produkte

verzichtet werden. Bei der Kleidung gibt es Second-Hand-Optionen

oder Zweiteiler, die später wieder neu kombiniert getragen

werden können.

> Frühzeitig mit der Planung beginnen, idealerweise eineinhalb

Jahre im Voraus. Viele Dienstleistende sind schnell ausgebucht.

Besonders bei wichtigen Positionen wie Hochzeitsplaner*innen,

Trauredner*innen oder Fotograf*innen empfehle

ich, mehrere zu vergleichen. Das Preisspektrum in der Hochzeitsbranche

ist enorm. Günstigere Anbietende haben oft weniger

Zeit, um sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Qualität

hat ihren Preis.

> Ihr verdient eine Hochzeit, die genau so ist, wie ihr sie euch

vorstellt. Wenn jemand sagt, etwas geht nicht, dann sucht woanders.

At last

My love has come along

My lonely days are over

And life is like a song

Oh, yeah, yeah

(Etta James)

Mit einer Sache hadert Cora noch: Einerseits hat die promovierte

Ethnologin zweieinhalb Jahre in Indien gelebt, liebt Sprachen,

Kulturen und Reisen und liebäugelt mit einer Hochzeit in

Italien. Andererseits schwärmt sie von nachhaltigen Hochzeiten.

Ist das noch eine grüne Hochzeit, wenn Menschen dafür ins Flugzeug

steigen müssen?

«Fliegen ist meine grosse Schwäche. Ich habe kein Auto, esse

nur vegan und kaufe regional ein, aber ohne Reisen kann ich nicht

leben. Heiraten passiert – im besten Fall – nur einmal im Leben,

und dann soll es genau so sein, wie es von Herzen gewünscht ist.

Wenn es also eine Feier in Italien sein soll, wie bei Carina und mir,

dann soll es genau so sein.» Das ist nicht per se nachhaltig, aber

es gibt einen Spielraum für Bewusstsein: Wie viele Leute will ich

einladen? Wie früh kann ich alle einladen, damit sie noch einen

Urlaub in der Region planen können? Wie viel CO2 will ich kompensieren?

Wo gestalte ich das Catering und die Deko nachhaltig?

Das grosse, rauschende Fest darf ebenso hinterfragt werden

wie alle anderen tief verinnerlichten Vorstellungen. Mittlerweile

tun sich sogenannte Micro-Weddings als Trend hervor, also kleine

Feiern im Kreis mit bis zu 30 Engvertrauten. Lieber ein Gourmet-Essen

mit den Liebsten als ein mittelmässiges Menü für 100

Personen. Das kann ein Grund sein.

34 Winter 2024/25


Story — 2

Cora: «Es gibt Heiratende, die zu dritt oder viert heiraten wollen, und auch das sollte akzeptiert werden.»

Man kann Hochzeit und Ehe als altbacken abtun – oder man definiert sie neu nach eigenen Vorlieben.

Winter 2024/25

Bild: Karsten Reifer Bild: Team Elena Barba

35


Story — 2

Cora und Carina haben nie ernsthaft über Heirat oder Hochzeiten

gesprochen, bis sie für das Hochzeitsshooting vor der Kamera

standen. Zu diesem Zeitpunkt waren sie seit zwei Jahren zusammen.

Als sie beschlossen zu heiraten, war ihnen klar, dass sie

beide einen Antrag machen wollten. «Ich war nicht so versessen

auf den fragenden Part, denn es ist schon eine Herausforderung,

die eigenen Gefühle in einem einzigen Moment auszudrücken.

Zudem es ist ein unglaublich gleichberechtigtes Gefühl, wenn

beide – beziehungsweise alle – es tun.».

Der Antrag ist etwas, das typischerweise als etwas angesehen

wird, das der Mann macht. Cora erinnert sich an ein heterosexuelles

Paar, das sie einmal traf: «Die Frau meinte, sie warte auf

den Antrag, und als ich sagte, sie könne ihn doch selbst machen,

antwortete sie: ‹Nee, nee, das muss schon er tun.›»

Ob queer oder nicht, es sollte jeder Person freistehen, zu heiraten,

wie sie will, wenn sie will. Konventionen und Klischees sind

keine Gesetze – und sie sollten auch keine Gitter sein. Auch bei

Hochzeiten gilt: Pfeif drauf, was andere sagen. Macht den Antrag

gemeinsam, schreitet oder hüpft zusammen zur Trauung, tragt

Rot, Gold, Grün, behaltet euren Nachnamen. Das sind nur vier

von so vielen Varianten, wie eine Hochzeit diamanten kann.

Zwei mal drei macht vier,

widdewiddewitt und drei macht neune,

ich mach' mir die Welt,

widdewidde wie sie mir gefällt.

Hopsassa, hopsassa, hopsassa,

widdewidde wie sie mir gefällt.

(Strophe aus «Hey, Pippi Langstrumpf»)

Willst du mehr über Coras Angebot erfahren?

Webseite: corawithlove.gay

Instagram-Account: @cora_with_love

Instagram-Account von Cora & Carina: @elseundilse

Bild: Karsten Reifer

Trend Micro-Wedding: Klein feiern im Kreis mit bis zu 30 Engvertrauten.

36 Winter 2024/25


KOLUMNE

Welcome

home!

Geschätzte Leser*innen, so eine Diva wie ich

ist natürlich ständig auf Reisen. Schliesslich gilt es

ja, nicht nur meine Verehrer*innen zuhause mit meiner

Gegenwart zu beglücken, sondern auch jene in

den vielen anderen Ländern und Erdteilen. Und da

gibt es eine Sache, die mir auf meinen bisherigen

Reisen immer wieder aufgefallen ist – und die ich

Ihnen nicht vorenthalten möchte: Ergoogeln Sie

sich jeweils auch die nächste lesbische Bar, den

nächsten schwulen Club, eine queere Community-

Veranstaltung, wenn Sie sich an einem anderen Ort

befinden? Ich jedenfalls brauche auch auf Reisen

Anschluss an die Queerness vor Ort. Und mir fällt

auf, egal wo ich mich befinde, sehen diese Orte

irgendwie gleich aus. Sie werden nun vielleicht

protestieren: Ein Berliner Club unterscheidet sich

doch gewaltig von einer New Yorker Bar? Mag sein,

dass die Ziegelsteine, Türknaufe, Lichtschalter anders

sind. Aber glauben Sie mir – irgendetwas gibt

es, was die Orte gleich aussehen lässt. Manchmal

sind es geschmacklose Lounge-Möbel, die man

überall findet, manchmal ist es der gleiche billige

Wodka, der im kitschig beleuchteten Regal hinter

der Bar steht. Manchmal sind es die muskulösen

Barkeeper in ihren viel zu engen Tanktops, die genauso

gut in Zürich, Paris oder London ausschenken

könnten, manchmal ist es auch einfach die (wundervoll!)

trashige Popmusik, die aus Lautsprechern

dröhnt. Und wenn es auf den ersten Blick wirklich

gar keine Anknüpfpunkte zu geben scheint, dann ist

es vielleicht einfach eine Regenbogenfahne, die in

einem Eckchen hängt und einen an zuhause erinnert.

Und nicht nur das: Auch die Menschen sehen

irgendwie gleich aus. Als ich letztens mit einem

Freund in einer Gay-Bar in Brooklyn tanzen war, haben

wir uns einen Spass daraus gemacht, unsere

Freund*innen von zuhause in den Barbesuchenden

«wiederzuerkennen»: «Ist das nicht Deborah? Mit

dem Karabiner an der Jeans?» – «Diese Person dort

könnte Lou sein! Wegen der ausgefallenen Hose und

dem kecken Haarschnitt!» Vielleicht denken Sie

jetzt: Ja, will uns Mademoiselle Gamie nun sagen, es

gebe keine Individualität mehr und alle queeren

Menschen seien Teil eines fürchterlichen Einheitsbreis?

Keineswegs! Wir alle sind wunderbare,

einzigartige Wesen. Aber trotzdem wird uns durch

unsere queere Identität etwas geschenkt, das

uns alle verbindet: Die Zugehörigkeit zu einer

Community. Und weil es überall auf der Welt queere

Menschen gibt, gibt es auch überall eine queere

Community. Vielleicht sind es doch nicht die Äusserlichkeiten

– also die Lounge-Möbel, der Wodka oder

die Tanktops – die mir dieses Déjà-vu (oder besser:

Déjà-éprouvé) bescheren. Vielleicht ist es vielmehr

dieses fabelhafte Gefühl, sich auch in der Fremde

zuhause zu fühlen. Denn meine Heimat habe ich in

meiner queeren Familie gefunden. Darum hat es

mich auch gar nicht erstaunt, als uns der Barkeeper

in dieser New Yorker Bar, in der wir wirklich zum

allerersten Mal waren, mit den Worten begrüsste:

«Welcome home!»

MANN, FRAU MONA!

«Mona Gamie: Dragqueen mit

popkulturellem Schalk und

nostalgischem Charme. Diven-

Expertin, Chansonnière und

queere Aktivistin.»

mona@mannschaft.com

Winter 2024/25

37


Interview

«Ich muss es

niemandem

recht machen»

Isaac Powell ist noch längst kein Star, dessen Name jeder kennt. Doch der

Schauspieler macht immer häufiger von sich reden – nicht nur in der Welt

der New Yorker Bühnen. Nun ist der 29-Jährige neben Daniel Brühl in der

herrlich komischen Serie «The Franchise» zu sehen.

Interview – Patrick Heidmann

38

Isaac, deine neue Serie «The Franchise» handelt von den

Dreharbeiten zu einem Superheldenfilm und ist eine ziemlich

böse Satire nicht nur auf Comicverfilmungen, sondern auf die

Filmindustrie im Allgemeinen. Was hat dich an diesem Projekt

gereizt?

Isaac Powell: Zunächst einmal haben mich die Drehbücher wirklich

umgehauen. Ich habe selten etwas gelesen, wo die Dialoge

einen so speziellen Rhythmus hatten, das las sich teilweise wie

Musik. Ganz zu schweigen davon, dass ich beim Lesen ziemlich

oft laut gelacht habe. Ich glaube wirklich, dass jede*r diesen Witz

und diese Welt verstehen wird. Aber als jemand, der selbst in der

Unterhaltungsbranche arbeitet, habe ich natürlich besonders viele

Details und Kleinigkeiten in der Geschichte und ihren Figuren

entdeckt, die ich aus meinem wirklichen Leben kenne.

Deine Figur Bryson ist der persönliche Assistent des Studiobosses,

der für diese Produktionen verantwortlich ist, die an

das Marvel- oder DC-Universum erinnern. Hast du für diese

Rolle etwas aus deinem Berufsalltag übernommen?

Tatsächlich bin ich in meiner Arbeit schon vielen Assistent*innen

begegnet und habe mich davon inspirieren lassen. Die Armen

müssen immer mindestens zwei Dinge gleichzeitig tun. Selbst

wenn sie mit dir reden, haben sie ihre Antenne ausgefahren, um

zu hören, was sonst noch passiert. Und ob der Chef vielleicht etwas

will. Bryson zum Beispiel hat immer einen AirPod im Ohr,

damit er allzeit erreichbar ist und antworten kann. Deshalb hat er

auch das, was ich gerne das «Personal-Assistant-Starren» nenne.

Das ist der Moment, wenn mitten im Gespräch plötzlich das Lächeln

gefriert und man an den Augen sieht, dass er gar nicht mehr

zuhört, weil gerade der Boss anruft und plötzlich Wichtigeres zu

tun ist.

Winter 2024/25

Auch deshalb ist jemand wie Bryson als Figur schwer zu

fassen. Zu Beginn weiss man nicht so recht, ob er nur – sozusagen

– ein Arschkriecher ist oder einfach ein enthusiastischer

junger Mann, der vor allem einen guten Job machen

will.

Oh ja, am Anfang ist es leicht, ihn als seelenlosen Roboter abzutun,

der alles tut, um in der Branche aufzusteigen. Aber je weiter

die Serie voranschreitet, desto mehr menschliche Facetten kommen

zum Vorschein. Der Kerl hat ein echtes Herz – und er brennt

für diese Comics und ihre Verfilmungen. Seine Begeisterung, ein

Teil dieser Welt zu sein, hat mir besonders gut gefallen.

Als «The Franchise» vor zwei Jahren angekündigt wurde, hast

du auf Instagram «Let’s hope I’m funny» geschrieben. Du hast

dich nicht ernsthaft gesorgt, oder?

In gewisser Weise schon. Generell hatte ich schon immer eine

grosse Vorliebe für das Komische, und in meiner Arbeit fühle

ich mich normalerweise besonders zu Projekten hingezogen, in

denen auch Humor seinen Raum hat. Aber allzu oft hatte ich in

meiner Karriere noch nicht die Gelegenheit, Teil einer waschechten

Komödie zu sein. Deswegen finde ich das jetzt besonders

aufregend. Und ich hoffe immer noch, dass ich witzig genug war!

Erinnerst du dich noch an das erste Mal, als du als Musical-

und Theaterschauspieler plötzlich vor der Kamera standest?

Das werde ich nie vergessen. Abgesehen von ein paar winzigen

Kurzfilmproduktionen war mein erstes Set das für eine Episode

der Serie «Modern Love». Da stand ich plötzlich vor der Kamera

– und fühlte mich auf einmal so nackt und unsicher wie noch nie

zuvor in meinem Leben. Ich war sechs Wochen Proben gewohnt,

in denen man sich seine Rolle erarbeitet. Stattdessen machten wir

Bild: zVg.


Interview

Winter 2024/25

39


«Ich habe keine

Lust, meine Identität

zu verstecken.»

Die Comedy-Serie folgt der Crew eines ungeliebten Franchise-Films, die um ihren Platz kämpft.

eine kurze Stellprobe und schon rief jemand «Action»! Der ganze

Ablauf war mir völlig fremd und ich war ein bisschen verloren.

Erst als die Folge im Kasten war, bekam ich ein Gefühl dafür, wie

die Arbeit vor der Kamera wirklich abläuft. Es ist ein anderer Job

als auf der Bühne, aber ich liebe ich ihn inzwischen genauso.

Früher hatten es Musicaldarstellende schwer, als Schauspielende

ernst genommen zu werden. Hast du das auch erlebt?

Zum Glück war das für mich nie ein Problem. Ich habe meinen

Musical-Background nie als etwas empfunden, das mich limitiert,

und ich habe das auch nie so gespiegelt bekommen. Ich hoffe, dass

sich die Zeiten diesbezüglich geändert haben.

Auch sonst hat sich einiges verändert. Als du deine

erste grosse Theaterrolle bekommen hast, hast du

noch die Fotos deines Freundes von deinem Instagram-

Account gelöscht, weil dir nahegelegt wurde, dass das

hinderlich sein könnte. Würde so etwas heute noch

passieren?

Vermutlich nicht. Zum Glück. Wobei mich damals auch niemand

zu etwas gedrängt hat und ich mich letztendlich auch nie verstecken

musste. Ich habe sehr schnell gelernt, dass ich keine Lust

habe, meine Identität oder Teile meines Privatlebens zu verstecken

– und trotzdem hatte ich nie das Gefühl, dass das meine

Arbeit beeinflusst. Im Gegenteil freue ich mich sehr, dass ich


schwule Rollen genauso spielen darf wie heterosexuelle oder

solche, bei denen man nicht weiss, wie sie sich identifizieren.

Viele Kolleg*innen, von Ariana DeBose bis Joe Locke, haben

zuletzt darüber gesprochen, wie seltsam es anfangs sein

kann, dass man automatisch in eine Vorbildrolle gedrängt

wird, sobald man öffentlich über seine Queerness spricht.

Wie erlebst du das?

Ich hatte nie das Gefühl, dass man diesbezüglich etwas von mir

erwartet. Ich fühle mich nur mir selbst gegenüber verantwortlich,

ich muss niemandem sonst gerecht werden. Aber gerade zu

Beginn meiner Karriere ist es wirklich oft vorgekommen, dass

mir junge Menschen auf Instagram geschrieben haben oder am

Bühnenausgang auf mich gewartet haben, um ihre eigenen Geschichten

mit mir zu teilen. Ich habe es immer als grosse Ehre

empfunden, dass jemand mich und meine Arbeit sieht und sich

dadurch inspiriert fühlt, zu sich selbst zu stehen und das teilen

möchte.

Isaac

Powell

Der Sohn eines dreifachen

CrossFit-Champions entdeckte

bereits als Schüler seine Liebe zu

Musicals. Auf New Yorks Bühnen

war er u.a. zu sehen in «Once

on This Island» (inszeniert vom

schwulen Tony-Gewinner Michael

Arden) und in der Neuauflage

von «West Side Story». Auch

in den Kinofilmen «Dear Evan

Hansen» mit Ben Platt und dem

Oscar-nominierten «Past Lives»

war er dabei sowie in zwei Staffeln

von «American Horror Story».

Nun ist der Schauspieler, der sich

2021 nach fünf Jahren von seinem

Partner Wesley Taylor («Only

Murders in the Building») trennte,

in der Serie «The Franchise» zu

sehen. Ab dem 6. Dezember bei

Sky & Wow.

Bild: Home Box Office, Inc

Hattest du selbst solche Vorbilder?

Ja. (Powell schweigt erst einen Moment und beginnt dann zu

schluchzen). Vor ein paar Stunden habe ich erfahren, dass eines

meiner grössten Vorbilder heute seiner schweren Krankheit erlegen

ist. Gavin Creel, ein wunderbarer Mensch und Theaterschauspieler.

(Der schwule Musicalstar, der u.a. mit dem Tony und dem

Grammy ausgezeichnet wurde, starb am 30.9.2024 im Alter von

48 Jahren an den Folgen eines seltenen Nervenscheidentumors,

Anm. d. Red.) Ich habe ihn seit meiner Jugend bewundert, seine

Arbeit hat mir unglaublich viel bedeutet. Dass ich ihn kennenlernen

und mit ihm arbeiten durfte, gehört zu den wichtigsten

und prägendsten Erfahrungen meines Lebens. Als ich jung war,

wünschte ich mir nichts sehnlicher als eine Karriere zu haben

wie er.

Kürzlich hast du mit der Musikerin Florence Welch alias

Florence + the Machine für ihr Musical «Gatsby: An American

Myth» zusammengearbeitet, das auf dem legendären Roman

von F. Scott Fitzgerald basiert. Das Stück wurde im

Sommer für gut zwei Monate in Cambridge aufgeführt. Wird

daraus mehr?

Da muss man geduldig sein und abwarten. Aber so viel kann ich

sagen: Es war nicht das letzte Mal, dass diese Inszenierung zu

sehen war. Und ich freue mich schon darauf, wenn das Publikum

sie in einer grossen Stadt auf einer grossen Bühne sieht. Florence

ist eine brillante Künstlerin, ein wahres Genie. Ich war so fasziniert,

wie gemeinschaftlich sie arbeitet, wie grosszügig sie mit

ihrem Talent umgeht und wie sie diese weltberühmte Geschichte

in ein völlig neues Musical verwandelt hat, ohne dass sie so etwas

je vorher gemacht hätte. Ich kann nicht genug von den Monaten

schwärmen, die wir gemeinsam an «Gatsby» gearbeitet haben.

Das klingt, als wäre 2024 ein tolles Jahr für dich gewesen.

Freust du dich auf die Zukunft – und auf deinen 30. Geburtstag,

den du am 30. Dezember feierst?

Ich freue mich schon eine Weile darauf, endlich in die Dreissiger

zu kommen. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ein gutes Jahrzehnt

vor mir liegt. Vielleicht liegt es daran, dass ich in den letzten

Jahren so viele wunderbare Dinge in meiner Arbeit erleben

und mir so manchen Traum erfüllen durfte. Jetzt würde ich als

Nächstes gerne eine grosse Kinorolle bekommen. Das wäre ein

wunderbares neues Kapitel in meiner Karriere.

Winter 2024/25

41


Story — 3

3

Wieder Trump:

Was queeren

Menschen

in den USA

jetzt Hoffnung

macht

42

Winter 2024/25


Story — 3

Text – Angela Weiß

Es war alles andere als knapp:

Mit klarem Abstand setzte sich der

Republikaner Donald Trump bei den

Präsidentschaftswahlen in den USA

gegen die Demokratin Kamala Harris

durch. Queere Menschen sind schockiert,

steht Trumps Politik doch für

Hass, Hetze und Desinformation. Die

texanische Dragqueen Brigitte Bandit

blickt der Zukunft ihrer Heimat mutig

entgegen.

Winter 2024/25

43


Story — 3

bscheu, Angst, Enttäuschung, Frust und Wut – mit diesem Gefühls-Cocktail

ist Brigitte Bandit am Abend des 5. November 2024

in Austin, Texas, ins Bett gegangen. Ihre Hoffnung auf eine Demokratin

und die erste Frau an der Spitze der USA hat sich im

Laufe des Wahlabends in Luft aufgelöst. Für Kamala Harris hat es

nicht gereicht. Es ist einmal mehr Donald Trump, der im Januar

2025 ins Weisse Haus einziehen wird. Nach seiner ersten Amtszeit

zwischen 2017 und 2021 und der verlorenen Kandidatur von 2020

schenkt die Mehrheit der Menschen dem 78-Jährigen erneut das

Vertrauen für das höchste Amt des Landes.

«Ich war zum Glück mit Freund*innen vor dem Fernseher,

als ich realisierte, dass Trump hier gerade wirklich gewinnt»,

sagt Brigitte Bandit. Doch mit Trumps Triumph in nahezu allen

wichtigen Swing-States legte sich die Realität wie eine schwere,

dunkle Decke auf alle, die bis zuletzt auf die Demokratin gehofft

hatten. Gleichzeitig ist Trumps Sieg für die Künstlerin keine Überraschung:

«Anders als 2016 hatte ich mich schon vorab mit dem

Gedanken auseinandergesetzt, dass seine Rhetorik offenbar bei

vielen Menschen gut ankommt, so frustrierend und enttäuschend

das auch ist.»

Fassungslosigkeit nach Trumps Wiederwahl

Schätzungen zufolge leben in den USA rund 1,6 Millionen trans

Menschen, genaue Zahlen gibt es nicht. Die Republikanische

Partei hat im Rahmen des Wahlkampfs fast 215 Millionen Dollar

allein für Anti-Trans-Werbeclips ausgegeben. Von Steuerzahlenden

finanzierte Geschlechtsangleichungen in Gefängnissen, trans

Frauen beim Schulsport und in Mädchenumkleiden: Solche aus

dem Zusammenhang gerissenen und verkürzten Inhalte liefen

unter dem Slogan «Kamala is for they/them. President Trump is

for you» zur besten Sendezeit. Sie wurden millionenfach geteilt

und regelmässig in Strassenumfragen als Begründung für die

eigene Wahlentscheidung und Unterstützung Trumps angebracht.

Bild: Angela Weiss

44 Winter 2024/25


Story — 3

In ihren Shows verbindet Dragqueen Brigitte Bandit Unterhaltung mit Aktivismus und Politik.

Winter 2024/25

45


Story — 3

Wahlnacht an der Howard University in Washington, D.C.:

Die Enttäuschung steht den Unterstützer*innen von Kamala

Harris ins Gesicht geschrieben.

46 Winter 2024/25


Story — 3

Bild: Carol Guzy/ZUMA Press Wire/dpa

Winter 2024/25

47


Story — 3

In den USA wie auch in Europa treibt viele Menschen ein Gedanke

um: Wie konnte das passieren? «2016 wussten viele nicht

so genau, wem sie da ihre Stimme gaben oder haben es zumindest

drauf ankommen lassen», glaubt der Politexperte Matthew Dowd

rückblickend. Acht Jahre später sehe dies anders aus. «Rund 40

Prozent der Wählerschaft, die ihr Kreuz bei den Republikanern

gesetzt hat, tat dies ganz bewusst und explizit wegen der Person

Donald Trump. Weitere zehn Prozent wählten die Partei aufgrund

persönlicher, meist wirtschaftlicher, Gründe – obwohl sie dem

Kandidaten nicht trauen und ihn nicht mögen», so Dowd. Diese

Wähler*innen setzten ihr Kreuz bei der Republikanischen Partei

– trotz eines Donald Trump als potenziellen nächsten Präsidenten

– und verhalfen ihm damit zur entscheidenden Mehrheit.

Keine Zeit zu verlieren

Brigitte Bandits Gefühlschaos hatte sich bereits am Tag nach der

Wahl schon wieder geordnet. In ihrem pinken Bühnenoutfit und

mit blonder Perücke absolvierte die Aktivistin im texanischen

Parlamentsgebäude, dem Kapitol in Austin, ein Fotoshooting für

ein Magazin. «Es ist nicht an der Zeit, zu verzweifeln. Vielmehr

möchte ich das Wahlergebnis zum Anlass nehmen, unsere Gemeinschaft

zu motivieren und mobilisieren», sagt die gebürtige

Texanerin. Die queere Community in Austin gehe sehr unterschiedlich

mit dem Gedanken an vier weitere Jahre unter Trump

um. Neben Trauer und Angst sei da auch viel Verzweiflung und

Hoffnungslosigkeit, die es zu verarbeiten gelte. «In diesen Zeiten

queer zu sein, ist beängstigend. Ich fühle mich trotzdem bereit

für den Kampf», sagt sie. Der Terminkalender der Dragqueen ist

voll: Neben Öffentlichkeitsarbeit und regelmässigen Auftritten in

queeren Clubs reist die 32-Jährige für Auftritte auch quer durch

Texas, besucht politische Veranstaltungen, steht bei Pride-Events

auf der Bühne und mag es, mit Leuten ins Gespräch zu kommen.

Tolerante Inseln in einem erzkonservativen Bundesstaat

Texas zählt zu den Südstaaten der USA, ist weitaus grösser als

die Schweiz, Deutschland und Österreich zusammen und grenzt

auf über 2000 Kilometern an Mexiko. Mit Wüsten, Küsten, Bergen,

Canyons und Sümpfen ist der Staat landschaftlich divers –

alles andere als eine staubige Einöde. Gesellschaftspolitisch sieht

das anders aus. Weite Teile von Texas sind konservativ geprägt,

insbesondere ländliche Gebiete stehen voll und ganz hinter der

Republikanischen Partei, ihren Werten und den teils extremen

Ansichten gegenüber Minderheiten. So verbietet beispielsweise

ein Bundesgesetz seit Mai 2023 geschlechtsangleichende Behandlungen

von Minderjährigen. Wenige Monate später klagte eine

Gruppe von Aktivist*innen, der auch Brigitte Bandit angehörte,

gegen ein geplantes Anti-Drag-Gesetz. Das Verbot von Dragshows

wurde vorerst auf Eis gelegt, der endgültige Ausgang ist

aber noch offen. Der Demokrat und ehemalige Präsident Jimmy

Carter hat es zum letzten Mal geschafft, das tief rote Texas blau

zu färben. 47 Jahre ist das her.

In den Millionenstädten Austin, Houston und Dallas herrscht

dagegen ein anderes Klima. Hier gibt es aktive LGBTIQ-Communitys

und eine weitaus grössere Akzeptanz gegenüber queeren

Menschen als auf dem Land. In Austin und Houston regieren Demokrat*innen

und insbesondere die Hauptstadt ist so etwas wie

eine regenbogenfarbene Insel inmitten eines sehr konservativen

Bundestaats, ein toleranter Zufluchtsort für queere Menschen,

Donald Trump zeigt

sich in der Wahlnacht

bei einem Public

Viewing in Palm Beach

County.

Künstler*innen und Musikschaffende. Doch selbst hier habe sich

der Umgang miteinander in den vergangenen Jahren verändert.

«Während der Corona-Pandemie sind wir noch bei Leuten im

Vorgarten aufgetreten, Dragshows in der Form sind jetzt nicht

mehr möglich», sagt Brigitte Bandit und verweist auf immer häufigere

Protestaktionen. Selbst bei Spaziergängen in ihrer Nachbarschaft

wurde sie bereits beleidigt und abschätzig beäugt.

Einschüchterungen, Drohungen, Stalking

Mit ihrer wachsenden Bekanntheit nahmen auch der Hass und

die Drohungen zu. Bei Auftritten denke sie nicht daran, was alles

passieren könne. «Als aber im Internet plötzlich meine persönlichen

Daten veröffentlicht wurden und sie mich gestalkt haben,

da hatte ich wirklich Angst um meine Sicherheit und wollte mich

nur noch verstecken. Plötzlich waren sensible Informationen in

den Händen von Menschen, die meine Existenz nicht tolerieren»,

erinnert sich die Aktivistin. Ob es das alles wert sei, habe sie sich

damals gefragt. Doch die anfängliche Schockstarre schlug in Mut

um. Sie teilte den Hass und die Lügen, die auf Social Media über

sie verbreitet wurden. Die queere Community wiederum teilte

die Posts der Dragqueen und forderte Facebook und Instagram

auf zu handeln. Der offensive Umgang zahlte sich aus, die Plattformen

sperrten die Profile derer, die die Drohungen verbreitet

hatten. «In dem Moment wurde mir klar: Diese Leute wollen, dass

wir uns verstecken und nachgeben». Aus Sicherheitsgründen verwendet

sie bis heute stets nur einen Namen: Brigitte Bandit.

Drag ist für alle da

Ihre Mutter arbeitete einst als Stripperin in Nachtclubs, ihr Bühnenname

lautete «The Bandit», häufig stand sie auch als Cher

auf der Bühne. Beides sollte später auch Teil der Bühnenidentität

ihres Kindes werden. Brigitte Bandit kam vor sechs Jahren

durch einen Zufall zum Drag. Im Internet stiess sie auf ein Video

britischer Dragqueens, die als cis Frauen bei einer Dragshow

teilnahmen. «Ich habe angefangen zu weinen und gleichzeitig

realisiert, dass Drag auch für mich eine Option ist», erzählt sie.

Brigitte Bandit ist nicht-binär, verwendet die Pronomen she/her

und they/them, wurde bei der Geburt dem weiblichen Geschlecht

zugeordnet und inszeniert sich bei ihren Auftritten ebenfalls als

weibliche Figur. Brigitte kann auf der Bühne sie selbst sein, frei

von gesellschaftlichen Normen und Erwartungen. Sie habe stets

unter dem Radar laufen müssen, um sich möglichst leise in die

Bild: Matias J. Ocner/Miami Herald via ZUMA Press/dpa

48 Winter 2024/25


Story — 3

In ländlichen Gebieten

tritt Brigitte Bandit als

Dolly Parton auf – die

Figur sei «leichter zu

verdauen».

Bild: Angela Weiss

Winter 2024/25

49


Story — 3

«Menschen auf dem Land

haben oft kaum die Chance, je

eine Dragshow live zu erleben.»

Gesellschaft einzufügen. «Auf der Bühne kann ich überdimensionale

Gummi-Brüste tragen, albern sein und Spass haben», sagt

die Freiberuflerin und lacht. Die Dragszene ihrer Heimatstadt sei

sehr alternativ, alles sei erlaubt, auch, wenn es nicht gerade besonders

hübsch sei. «In Dallas und Houston stehen Dragqueens

mit gigantischen Frisuren, edlem Schmuck und tollen Kleidern

auf der Bühne. In Austin darf es auch mal gruselig oder ausgefallener

sein», erklärt die 32-Jährige.

Dolly Parton ist «leicht zu verdauen»

In die ländlichen Gebiete von Texas fährt sie auch ausserhalb von

Wahlkampfzeiten. Mit Menschen ins Gespräch kommen und ihnen

die Furcht vor Drag zu nehmen, macht ihr Spass. «Menschen

auf dem Land haben oft kaum die Chance, je eine Dragshow live

zu erleben», vermutet Brigitte Bandit. Zudem ist sie überzeugt:

«Queere Menschen gibt es überall, auch in den entlegensten Winkeln

der Erde.» Bei Auftritten im ländlichen Raum verwandelt sie

sich meistens in die Bühnenfigur Dolly Parton. Die US-Sängerin

ist gerade bei älteren Generationen eine Ikone und «leicht zu verdauen».

Queere Menschen rücken zusammen

Zusammenstehen, aktiv und sichtbar bleiben, sich gegenseitig

stärken und beschützen ist nach Trumps Wahlsieg das Gebot der

Stunde für queere Menschen und zahlreiche LGBTIQ-Organisationen.

Kelley Robinson steht an der Spitze von Human Rights

Campaign, der grössten LGBTIQ- und Bürgerrechtsorganisation

der USA. Nach Bekanntwerden des Wahlergebnisses richtet sie

klare Worte an die queere Gemeinschaft. «Unsere Herzen sind

gebrochen, Menschen haben Angst, sind wütend und machen

sich Sorgen, wie was für sie und ihre Familien weitergeht», so

Robinson. Die Zukunft werde eine Herausforderung, dennoch sei

man vorbereitet für den Schutz der queeren Community und weiteren

Fortschritt. Parents, Families and Friends of Lesbians and

Gays, kurz PFLAG, ist seit 1973 und mit über 40 Ortsgruppen im

Land aktiv. In einem gemeinsamen Statement sieht die Organisation

einer ungewissen Zukunft entgegen. «Die Wahlergebnisse

auf nationaler, bundesstaatlicher und lokaler Ebene werden sich

auf unsere Gesundheit, unsere Sicherheit und unsere Rechte als

LGBTIQ-Menschen und -Familien auswirken.» Dennoch stehe

man fest zusammen und werde weiterarbeiten. Die queere Gemeinschaft

sei in der Vergangenheit in Momenten, die ihre Rechte,

Menschlichkeit und Freiheit in Frage gestellt hätten, immer

wieder aufgestanden. Gleiches gelte für dieses Wahlergebnis.

«We’ve got this. We’ve got us», so der Appell. Wir schaffen das.

Wir sind für uns da.

Queere Politiker*innen schreiben Geschichte

Trotz unzähliger Wahlkampf-Attacken auf queere Menschen

sind auch politische Erfolge mit Blick auf Diversität und Vielfalt

zu verbuchen. Die Demokratin Sarah McBride repräsentiert als

erste trans Person der Geschichte ihren Bundesstaat Delaware

im künftigen Kongress. Julie Johnson aus Texas zieht als erste

LGBTIQ-Politikerin aus den Südstaaten der USA in den Kongress

ein und Emily Randall ist dort als erste offen lesbische Latina

vertreten. Zudem hat sich die Mehrheit der Wählerschaft in Kalifornien,

Colorado und Hawaii für den verfassungsrechtlichen

Schutz der gleichgeschlechtlichen Ehe ausgesprochen.

Die nationale Organisation Equality Federation, die sich für

Gerechtigkeit am Arbeitsplatz, die Anerkennung von queeren

Familien und gegen Anti-Transgender-Gesetze einsetzt, betont

gleichzeitig die Tragweite von Trumps Sieg. «Ich bin äusserst

besorgt darüber, dass eine Person, die unsere Gemeinschaft entmenschlichen

will, erneut das höchste Amt unseres Landes bekleidet»,

sagt Geschäftsführerin Fran Hutchins. Insbesondere

die Bundesstaaten, die von extremistischen Gesetzgeber*innen

regiert und trans Personen weiterhin ins Visier nehmen würden,

seien eine Herausforderung, so Hutchins.

Selbst aus dem demokratischen Lager waren trans Menschen

nach der Wahl die Zielscheibe von Schuldzuweisungen. In Texas

trat Gilberto Hinojosa, der Vorsitzende der Texas Democrats, von

seinem Posten zurück, nachdem er die klare Wahlniederlage seiner

Partei gegen den amtierenden Senator Ted Cruz, ausgerechnet

an der Unterstützung von trans Personen im Wahlkampf festmachte

und dafür Kritik von allen Seiten erntete. Auch Brigitte

Bandit war von seiner Aussage enttäuscht und schockiert. «Die

Demokratische Partei wird die Kontrolle nicht zurückgewinnen,

indem sie versucht, an die Menschen zu appellieren, die gegen sie

gestimmt haben, sondern indem sie diejenigen, die sie gewählt

haben, angemessen verteidigen und schützen. Sie müssen mehr

für uns tun. Das muss das ganze Land», sagt die Dragqueen. Auch

wenn sich der Ton und die Politik gegenüber queeren Menschen

im Land und Bundesstaat Texas unter Trump und Cruz wohl weiter

verschärfen wird, Austin zu verlassen ist für Brigitte Bandit

keine Option. «Das hier ist meine Heimat, mein zuhause und es

ist wichtig, dass wir bleiben.»

50 Winter 2024/25


HAUPTSACHE

GESUND.

10. November 2024 bis 26. Oktober 2025

Eine Ausstellung

mit Nebenwirkungen


Story — 4

4

«Ich

schämte

mich für

meine

Lunch-

52 Winter 2024/25box»


Story — 4

Interview – Greg Zwygart

Fotografie – Daniel Chek-Su Housley

Queer, asiatisch, britisch:

Fotograf Daniel Chek-Su

Housley verbindet in seiner

Arbeit die verschiedenen

Facetten seiner Identität.

Dabei steht für ihn Natürlichkeit

an oberster Stelle. Ein

Gespräch über Scham und

Stolz.

Winter 2024/25

53


Story — 4

Daniel Chek-Su Housley spezialisiert sich

auf Reportagen und Modefotografie und

ist im Norden Londons aufgewachsen.

Was der Fotograf mit dem Interviewer

verbindet: Beide haben einen weissen und

einen asiatischen Elternteil. Der Videocall

beginnt mit einem Gespräch über das

Aufwachsen zwischen den Kulturen.

Daniel, die englische Bezeichnung «Wasian» steht für eine

gemischte weisse und asiatische Herkunft. Ich kannte nur

«Gaysian» für schwule Asiaten. Was wäre denn ein schwuler

Wasian?

Ich weiss nicht, vielleicht «Gwaysian»? (lacht)

Gab’s in deiner Erfahrung Momente, in denen deine weisse

und asiatische Identität miteinander im Konflikt standen?

Auf jeden Fall. Ich erinnere mich an die Lunchbox in der Schule.

Weisse Kinder brachten geruchlose Sandwiches mit, bei Kindern

of Colour war das mitgebrachte Essen sehr geruchsintensiv. Meine

Mutter packte uns immer Zongzi ein, das ist in Bambusblätter

eingewickelter Klebreis. Ich erinnere mich an die starrenden

Blicke und Kommentare meiner Freund*innen und wie sehr ich

mich für meine Lunchbox schämte. Ich weiss, dass es meinen

Schwestern ähnlich ging. Wir schämten uns auch, wenn wir chinesisch

sprechen mussten oder dass wir einen chinesischen Mittelnamen

hatten. Wir wollten einfach nur britisch sein.

Heute verwendest du deinen chinesischen Mittelnamen auch

beruflich: Daniel Chek-Su Housley.

Er ist ein wichtiger Teil meiner Identität. Heute versuche ich, stolz

auf meine chinesische Herkunft zu sein, statt sie zu hassen.

Löste auch dein Queersein Schamgefühle aus?

Definitiv. Ich glaube, vieles in meiner Kindheit und Jugend ist mit

Scham verbunden. Neben meiner Herkunft und meinem Queersein

war der niedrige sozioökonomische Status meiner Familie

ein weiterer Faktor. Diese drei Dinge hatten einen grossen Einfluss

auf mich und lösten Schamgefühle auf. Aus diesem Grund

will ich heute diese drei Teile von mir annehmen und in meine

Fotografie einfliessen lassen.

Welche Aspekte der queeren Kultur inspirieren

dich in deiner Arbeit?

Zurzeit bin ich von der Rave- und Partyszene angetan und lerne

dort gerne neue Leute kennen. Menschen in queeren Räumen

sind viel freundlicher und tendenziell offener. Manchmal spreche

ich Leute an und frage sie, ob ich sie fotografieren darf. Viele davon

gehören heute zu meinen besten Freund*innen und tauchen

oft auch in meiner Arbeit auf. Wenn ich eine interessante Person

sehe oder das Gefühl habe, dass sie der Welt etwas zu zeigen hat,

dann entstehen oft meine besten Bilder.

Mit einem Bild von zwei Männern auf einem Bett hast du eine

Förderung der Organisation POCC und von Shutterstock

gewonnen.

Dieses Bild ist genauso entstanden! Auf dem Bild ist Soony, einer

meiner besten Freunde. Wenn ich reise, nutze ich oft Grindr, um

Anschluss zu finden. Als wir in Lissabon waren, lernten wir so

neue Leute kennen und gingen mit ihnen auf einen Drink. Einer

von ihnen war Anta, der schliesslich Soonys Freund wurde. Das

Foto zeigt sie in einem intimen Augenblick. Die Aufnahme entstand

spontan, sie realisierten nicht einmal, dass ich sie fotografierte.

Natürlichkeit ist mir beim Fotografieren sehr wichtig.

Ist Grindr also gar nicht so schlimm, wie alle immer sagen?

Für mich war Grindr nie eine App für eine schnelle Nummer. Natürlich

ist das eines der Hauptzwecke und die meisten Menschen

nutzen sie dafür, aber ich habe so auch viele Freunde gefunden.

Ich finde die App ein gutes Mittel, um Leute in deiner Nähe zu

finden, mit denen du auf einer Wellenlänge bist. Ich weiss, warum

viele negativ über Grindr sprechen, aber wenn man die App clever

nutzt, können gute Freundschaften und Verbindungen entstehen.

Persönlich hatte ich immer etwas Schwierigkeiten mit der

Bezeichnung «Person of Colour» und wie sie auf mich zutreffen

könnte. Wie stehst du zum Begriff?

Dass ich halb britisch bin, eliminiert nicht die andere Hälfte

meiner Identität. In meiner Kindheit und Jugend habe ich viele

negativ behaftete Erfahrungen gemacht, die den Realitäten

anderer People of Colour nahekommen. Daher nehme ich den

Begriff lieber an, statt dass ich mich davon abwende.

Deine Bilder wurden bereits von der Vogue und der Gay Times

gezeigt. Was hat dich am meisten geprägt?

Zweifellos die Gay Times. Das war vor rund zwei Jahren und ich

stand mit meiner Fotografie noch ziemlich am Anfang. Ich erhielt

Fördergelder von 1000 Pfund, um ein Projekt umzusetzen, und

stand erst einmal unter Schock. Im Nachhinein denke ich, dass

diese Erfahrung meinen Werdegang als Fotograf massgeblich beeinflusste.

Worum ging es in deinem Projekt?

Ich begleitete Dragqueens zurück an den Ort, an dem sie aufgewachsen

sind. Dabei wollte ich mich auf asiatisch-stämmige

Drag-Künstler*innen konzentrieren, weil diese in der Community

untervertreten sind. Mit Dragqueen Le Fil ging ich in die Grafschaft

Yorkshire, ein ländliches Gebiet in Nordengland. Dort gibt

es kein grosses Kulturangebot und nicht viel Diversität – Le Fils

Familie war die einzige asiatische Familie im ganzen Städtchen.

Wir klapperten wichtige Orte aus Le Fils Kindheit ab, darunter

auch das Theater, in dem Le Fil zum ersten Mal auf der Bühne

stand und die Liebe zu Kunst, Kostümen und Schauspiel entdeckte.

Ich hatte fälschlicherweise angenommen, dass uns die Leute

abschätzig behandeln würden, aber das Gegenteil war der Fall.

Die Einheimischen waren sehr freundlich und jubelten uns teilweise

sogar beim Fotografieren zu.

Warum sind asiatische Dragqueens untervertreten?

In vielen asiatischen Kulturen ist das Queersein nicht so akzeptiert

wie im Westen. In der Folge ist es für junge asiatische Queers

viel schwieriger, sich so auszudrücken, sofern sie das wollen. Das

sieht man gut in Sendungen wie «Ru Paul’s Drag Race», in denen

oft nur ein Quoten-Asiate dabei ist. Le Fil sagte zum Beispiel, dass

es ein enttäuschendes Gefühl sei, wenn du erkennst, dass niemand

oder nur eine andere Person auf der Bühne so ist wie du. Aber die

Zeiten ändern sich. In Grossbritannien gibt es mit «The Bitten Peach»

zum Beispiel ein queer-asiatisches Cabaret-Kollektiv.

Was steht noch auf deiner Fotografie-Bucket-List?

Ich würde gerne für eine längere Dauer ins Ausland gehen, zum

Beispiel nach Hongkong. Zum einen möchte ich mehr Zeit mit

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meiner chinesischen Familie verbringen. Zum anderen möchte

ich in die queere Kultur und die asiatische Kultur eines komplett

anderen Landes eintauchen. Hongkong soll über eine spannende

Untergrundszene verfügen, die ich gerne erkunden würde.

@instagram.com/danielhousley

Story — 4

«Heute versuche

ich, stolz auf

meine chinesische

Herkunft

zu sein, statt sie

zu hassen.»

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Story — 4


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Soony und Anta in einem intimen Moment.

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Story — 4


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Links: Dragqueen Le Fil zu Besuch in der Heimatstadt.

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Family is

where

love is

(celebrate your duality)

Photography: @pascaltriponez | Styling: @forlovearth @mariannealvoni @fizzenswitzerland

@confiserietschirren | Models: @mmooaannaa @joel.rathgeb @paleindividuall @elenaluisetanner

@lu.v.b @christinastacho @camillaelinejen


Musik

Neue

Musik

Bodies

Bodies

Wozu braucht man Instrumente,

wenn man mit Händen, Füssen

und Stimmbändern – also mit

dem Körper – Klänge erzeugen

kann? Kat Frankie hatte schon

immer ein Faible für A-cappella-

Songs und baute diese gerne in

ihre Konzerte ein. Irgendwann

entstand die Idee, daraus ein eigenständiges

Konzept zu entwickeln.

«Bodies» war geboren.

Gemeinsam mit sechs nicht

minder talentierten Kolleginnen

aus der feministisch-queeren

Berliner Musikszene trat die Australierin

in Locations wie der berühmten

Elbphilharmonie auf

und hat nun ein erstes Album realisiert:

Das selbstbetitelte

«Bodies». Neun A-cappella-Titel

sind darauf zu finden, die zum

Teil während früheren Tourneen

live zu hören waren, zum Teil aber

auf der Platte auch zum ersten

Mal erscheinen. Was «Bodies» so

faszinierend macht, ist seine klare,

schnörkellose Schönheit. Jede

Melodie steht für sich und versteckt

sich nicht hinter aufgeplusterten

Produktionen. Die intelligenten,

gesellschaftskritischen

Texte von Kat Frankie schweben

über den intimen, berührenden

Harmoniegesängen von Albertine

Sarges, Barbara Greshake, Erika

Emerson, Fama M'Boup, Liza

Wolowicz, Tara Nome Doyle und

Trinidad Doherty.

Erscheint am 6.12.2024

(Grönland Records)

The Cure

Songs of a Lost World

16 Jahre ist es her, dass The Cure

ihr letztes Album veröffentlicht

haben. Umso verständlicher also,

dass «Songs of a Lost World» von

den Fans sehnsüchtig erwartet

wurde. Wer die britische Band

schon in ihren Anfangstagen

feierte, dürfte sich über diese LP

besonders freuen. Denn Frontmann

Robert Smith, der das

Lippenstift-Tragen für Rockstars

salonfähig machte, und seine

Kollegen kehren zu dem Sound

zurück, der ihre frühen Werke prägte:

ein kantiger Stil, der tief im Punk

verwurzelt ist, aber auch mit Ambient

und New Wave liebäugelt.

Erschienen am 1.11.2024

(Polydor, Universal Music)

Asbjørn

The Secret our Bodies

Hold

Tanz und Musik gehören untrennbar

zusammen. Diesen Ansatz verfolgt

auch der Däne Asbjørn auf «The Secret

our Bodies Hold». Die elf Tracks sind

allesamt darauf angelegt, in Bewegungen

umgesetzt zu werden, schliesslich

waren es auch Bewegungen, die den

Avant-Pop-Künstler zu den Stücken

inspirierten. Die Platte strahlt dabei eine

ungeheure Vitalität aus, die es schwer

macht, still sitzen zu bleiben. Stattdessen

lohnt es sich, alle Gliedmassen in

Schwingung zu versetzen und sich ganz

den flirrenden Sounds hinzugeben.

Erschienen am 1.11.2024

(Body of Work)

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Story — 5

5

«Ich hätte

niemals

transitionieren

dürfen»

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Story — 5

Text – Greg Zwygart

Fotos – Raffi p.n. Falchi

Als Nadia Brönimann vor

bald 27 Jahren ihre Transition

zur Frau durchlief, liess

sie die ganze Schweiz daran

teilhaben. Heute befindet

sie sich in der Detransition,

spricht öffentlich darüber

und stösst damit einem Teil

der queeren Community

vor den Kopf. Eine Entdeckungsreise

in drei Akten.

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Story — 5

enn sich Nadia Brönimann eine neue Frisur zulegt, dann ruft

gleich die Presse an. Nicht irgendein Boulevardblatt, sondern eine

der grössten Tageszeitungen der Deutschschweiz. Der Tages-Anzeiger

wertet den Kurzhaarschnitt als Bekenntnis zur Männlichkeit.

«Die bekannteste trans Frau der Schweiz will zurück zu

ihrem alten Ich», so die Schlagzeile. Nadia hatte aber nur Lust auf

einen Pixie-Cut.

Es stimmt jedoch, dass die weibliche Identität für Nadia nicht

mehr ganz stimmig ist – ein Gefühl, das sie schon länger begleitet.

Die Reise zurück auf dem Spektrum in Richtung Männlichkeit ist

aber schleichend und keine kurzfristige Entscheidung wie beim

Friseur. Der Kurzhaarschnitt macht Nadia nicht mehr Mann und

nicht weniger Frau. «Es ist krass, wie sehr die Gesellschaft lange

Haare mit Weiblichkeit assoziiert», sagt Nadia. Wir treffen uns an

einem angenehmen Oktober-Nachmittag in Lachen am Zürichsee

und sprechen fast anderthalb Stunden über ihren Weg. Über

Labels und Schubladen, über Detransition und Retransition und

über Reue.

Für diesen Artikel verwenden wir mit Nadias Einverständnis

ihren weiblichen Namen und weibliche Pronomen. «Nadia war

seit fast 30 Jahren Jahre ein Teil von mir und ist es auch heute

noch. Aber Chris ist es eben auch», sagt sie.

Akt 1: Die Entfremdung Nadias von sich selbst

Nadia signiert ihre E-Mails mit Chris/Nadia und lässt sowohl

männliche als auch weibliche Pronomen zu. Chris als Kurzform

von Christian, ihr Geburtsname. Auf die Frage des Fotografen,

welchen Namen sie bevorzugt, sagt sie lachend: «Das ist mir egal.

Nenn mich einfach nicht Michael, weil dann reagiere ich nicht.»

Fragen hatte auch ihr Umfeld. Ob sie denn jetzt wieder Christian

sei, will man wissen. Nadia verneint. Nicht-binär? Auch das

passt nicht. Das Geschlecht ist kein Schalter, den man einfach

umlegt. Nadia will nicht zurück zu Christian, sondern verortet

sich irgendwo dazwischen. Sie weiss, dass das für eine Mehrheit

der Gesellschaft nicht einfach nachzuvollziehen ist: «Menschen

mögen Schubladen, das gibt ihnen ein Gefühl der Sicherheit. Aber

zurück in eine Schublade möchte ich nicht.»

Nadias Geschichte fällt unter Detransition. Diese Bezeichnung

wird verwendet, wenn eine trans Person eine Geschlechtsangleichung

rückgängig macht. Oft identifiziert sich diese dann wieder

mit dem Geschlecht, das ihr bei der Geburt zugewiesen wurde.

Aber nicht immer. Wenn Nadia von ihrer eigenen Geschichte erzählt,

zieht sie die weniger gängige Bezeichnung «Retransition»

«Der Weg, den

ich gehe, ist

wie eine neue

Transition, nach

vorne im Leben,

hin zu etwas

Neuem.»

vor. «Der Weg, den ich gehe, ist wie eine neue Transition, nach

vorne im Leben, hin zu etwas Neuem – einer anderen Geschlechterrolle»,

sagt sie. «Detransition nehme ich persönlich als ein Zurück

wahr. Daher trifft dieses Wort meine persönliche Empfindung

nicht.»

Nadias Entfremdung von sich selbst äusserte sich unter anderem

frühmorgens mit einem Gefühl der Schockstarre. Der Gedanke

ins Bad zu gehen und sich im Spiegel zu sehen, beschreibt

sie als lähmend. Sich als Frau zu frisieren, schminken, kleiden

und sich auch so zu verhalten wurde zu einem Korsett, das ihr allmählich

die Luft abschnürte. Der Selbsthass, ein alter Bekannter

Nadias, machte sich bemerkbar, kroch in ihr auf. Sie realisierte,

dass sie einen Schlussstrich ziehen musste.

Jahrelang erhielt sie Komplimente zu ihrem Passing, Bemerkungen

wie «Du siehst aus wie eine richtige Frau» spornten sie an.

So sehr, dass sie mit diesen Bestätigungen ihr eigenes Gefängnis

baute. Heute hat sie keine Lust mehr, diese Ansprüche zu erfüllen.

«Die Gesellschaft erwartet von trans Frauen Perfektionismus –

viel mehr als von cis Frauen», sagt sie. Ein Beispiel dafür sei die

Körperbehaarung. Während viele cis Frauen natürlich behaarte

Unterarme haben oder sich im Zeitalter der Body Positivity gegen

eine Rasur der Achsel- und Beinhaare entscheiden, wird eine solche

Behaarung bei trans Frauen als Makel gesehen, als Indiz einer

nicht kompletten Weiblichkeit. «Die Leute sehen diese Makel als

Beweise, dass man ‹eben einmal ein Mann war›.»

Es ist jedoch nicht nur ihre Psyche, die mit ihrer Identität als

Frau ins Hadern gekommen ist. Ihr Körper machte 16 Operationen

durch. Nadia hat Osteoporose und kardiovaskuläre Probleme,

die sie als Langzeitfolge ihrer Hormontherapie erachtet. Studien

70 Winter 2024/25


Story — 5

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Story — 5

Die Transition war für

Chris/Nadia kein Mittel

zur wahren Identität,

sondern eine Flucht.

belegen, dass eine Abnahme der Knochendichte und eine Entwicklung

von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei trans Personen

vermehrt auftreten können. Seit ihrer operativen Transition

1998 ist ihr Lustempfinden gestört, das Erleben von körperlicher

Sexualität nahezu unmöglich.

Akt 2: Christian hätte Christian bleiben müssen

Mit dem Selbsthass machte Nadia bereits als Kind Bekanntschaft,

im Jugend- und frühen Erwachsenenalter wurde er zu ihrem Begleiter.

Schon in jungen Jahren war sie seelischen Misshandlungen

ausgesetzt. «Ich kriegte nie zu hören, dass man mich gern hatte,

dass es okay ist, wie ich bin», erinnert sich Nadia. Sie kam ins

Kinderheim, mit sieben Jahren wurde sie adoptiert. «Irgendwann

kam das Gefühl, dass ich mit einem anderen Körper jemand Neues

werden konnte. Dass mein Leben endlich beginnen würde.»

Die Identität als Frau wurde für den damaligen Christian zur

Rettung aus dem alten Leben. Mit 29 Jahren liess er sich 1998 im

Universitätsspital Zürich operativ angleichen – oder, wie man damals

sagte, «zur Frau umoperieren». In dieser Zeit galten in der

Schweiz noch andere, strikte Regelungen für trans Personen. Damit

Christian auch rechtlich als Nadia anerkannt werden konnte,

mussten invasive und aus heutiger Sicht menschenunwürdige

Behandlungen durchgeführt werden: Neben einer vollständig

geschlechtsangleichenden Operation war auch eine irreversible

Sterilisierung vorgegeben. Erst ab den 2010er-Jahren legten

Gerichte in der Schweiz die Vorgaben für den Wechsel des amtlichen

Geschlechts lockerer aus. Für Signalwirkung sorgte ein

Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte 2017,

das Zwangssterilisationen und -operationen als Verstoss gegen

das Recht auf das Privatleben einstufte. In der Schweiz können

trans Personen seit 2022 mit einer einfachen Erklärung ihr Geschlecht

in ihren Dokumenten ändern lassen, in Deutschland seit

dem 1. November 2024. In Österreich sind dafür weiterhin psychiatrische

Gutachten nötig.

Für Nadia ist heute klar: Christian hätte Christian bleiben müssen.

«Ich hätte niemals transitionieren dürfen», sagt sie. Während

für viele trans Menschen eine Geschlechtsangleichung ein Mittel

zur wahren Identität darstellt, war es für Christian eine Flucht.

Doch in den 90er-Jahren mangelte es an Ressourcen, an geschultem

Fachpersonal. «Ich hatte niemand, der mich beriet, und mir

fehlte es an Möglichkeiten, mich zu informieren», sagt sie.

Nadia war Pionierin. Sie gehörte zu den ersten Personen, die

der Transidentität in der Schweiz ein Gesicht gaben. Sie wurde

zur «berühmtesten trans Frau der Schweiz» und war beliebtes

Fotomotiv der Klatschpresse. Sie veröffentlichte zwei Bücher, in

denen sie ihre schwierige Kindheit und Jugend und ihren neuen

Alltag als Frau beschrieb. 2004 war sie Protagonistin von «Sex-

Change. Wie Christian zu Nadia wurde», ein Dokumentarfilm des

Schweizer Fernsehens.

«Rückblickend finde ich es krass, wie viele Auffälligkeiten

in meiner Biografie deutlich machen, dass die Transition völlig

falsch war», sagt Nadia. «Ich hätte an meiner Seele arbeiten sollen,

statt zum Skalpell zu greifen.»

Weiterlesen auf Seite 75.

72 Winter 2024/25


Story — 5

«Das diagnostische

Verfahren wird

sorgfältig durchgeführt»

Raphaël Guillet ist Trans-Berater beim Checkpoint Bern.

Raphaël, habt ihr beim Checkpoint Bern

bereits Menschen in der Detransition

betreut?

Es kommt vor, aber nicht häufig. In der

Beratung hatten wir bereits Personen, die

eine Transition entweder abbrachen, unterbrachen,

rückgängig machten oder sich

allgemein neu orientierten. Wichtig anzumerken

ist, dass nicht alle sich als detrans

oder ihren Weg als Detransition beschreiben.

Wir beim Checkpoint wollen auch für

diese Menschen da sein, denn es gibt eine

grosse Versorgungslücke.

Was kann dazu führen, dass eine trans

Person den Wunsch einer Detransition

äussert?

Häufige Gründe sind Diskriminierung und

mangelnde Unterstützung nach der Transition.

Oft hängt dies mit der Realisation

zusammen, dass sichtbares Trans-Sein

zu Gewalt, Ausgrenzung, Schwierigkeiten

bei der Jobsuche oder zu Konflikten in

der Beziehung oder in der Familie führen

kann. Neben diesen externen Faktoren

gibt es auch interne, zum Beispiel Behandlungen,

die nicht das erhoffte Ergebnis

erzielen, oder eine Unverträglichkeit mit

Medikamenten. Schliesslich gibt es auch

strukturelle Faktoren: fehlende Ärzt*innen,

Wartelisten oder zu teure Behandlungskosten.

Oder die betroffene Person hat neue

Prioritäten, um die sie sich kümmern muss.

Oder sie erlebt eine Weiterentwicklung

ihrer Geschlechtsidentität.

Wie meinst du das?

Wie die sexuelle Orientierung ist die

Geschlechtsidentität nicht konstant – sie

kann sich im Verlauf des Lebens ändern.

Facetten und Nuancen kommen hinzu,

andere fallen weg. Manchmal bleibt sie

stabil, manchmal schlägt sie komplett um.

Wir erachten die Geschlechtsidentität als

bio-psycho-sozial, das heisst, sie entwickelt

sich nicht nur im Zusammenspiel mit

dem Körper und der Psyche, sondern auch

mit der Gesellschaft und der Umwelt. Ein

Beispiel: Vor 50 Jahren gab es den Begriff

der Nicht-Binarität nicht. Viele Menschen

wussten nicht, dass sie nicht-binär waren.

Erst, nachdem sie das Wort gehört hatten,

sagten sie: «Das drückt aus, wie ich mich

fühle.» Niemand kann wissen, wie sich die

Geschlechtsidentität einer Person weiterentwickeln

wird. Wichtig ist, dass man

diesen Prozess nicht als Bedrohung, als

Täuschung oder gar als Scheitern wahrnimmt.

Eine Auseinandersetzung mit dem

Geschlecht ist ein gesunder Prozess, ein

Weg zum authentischen Geschlecht und

zu sich selbst.

Rapid-onset gender dysphoria (ROGD)

beschreibt eine «plötzlich auftretende

Gender-Dysphorie». Die Theorie wird

wissenschaftlich kontrovers diskutiert.

Wie stehst du dazu?

Die Theorie beruht auf einer Studie, die

methologische Mängel und Biases aufweist

und wissenschaftlich nicht bestätigt

ist. Die Autorin, die Ärztin Lisa Littmann,

definiert ROGD als sozial bedingte Geschlechtsdysphorie

und als medizinische

Diagnose. In meiner beruflichen Praxis hat

sich das nicht bestätigt. Ich betreue sehr

viele Jugendliche. Bei keiner einzigen

jungen Person kam die Geschlechtsdysphorie

von aussen, so wie das von ROGD

postuliert wird. Ich kann aber nachvollziehen,

weshalb es für das Umfeld der Person

so aussieht.

Bild: zvg.

Wie denn?

Jugendliche machen sich lange Gedanken

über ihre Geschlechtsidentität, trauen

sich aber nicht, darüber zu sprechen. Sie

recherchieren im Internet, sprechen mit

Gleichgesinnten und haben dann ihr Coming-out.

Die Familie stellt jedoch eine

Kausalität her: «Mein Kind ist zu dieser

LGBTIQ-Gruppe gegangen oder hat diese

Website besucht und ist jetzt trans.» Wenn

man die Jugendlichen jedoch bittet, ihre

Geschichte zu erzählen, dann beginnen

sie immer mit den Fragen, die sie sich

gestellt haben, und ihrer Suche nach

Antworten.

Viele Eltern haben Angst vor

medizinischen Eingriffen.

Mir ist die Klarstellung wichtig, dass im

Umgang mit Trans-Identität heute ergebnisoffen

gearbeitet wird. Kindern, die sich

als trans beschreiben oder Geschlechtsvarianz

zeigen, soll die Möglichkeit gegeben

werden, die Geschlechtsidentität

zu erkunden, zum Beispiel mit sozialen

Rollen – gerade im Wissen, dass sich vieles

ändern kann. Medizinisch wird nichts

gemacht, das ist auch gar nicht möglich.

Selbst bei Jugendlichen und Erwachsenen

kann medizinisch nicht interveniert

werden, sofern keine diagnostischen Abklärungen

getroffen wurden. Ein Kernkriterium

für die Diagnose ist die Persistenz der

Winter 2024/25

73


Story — 5

Geschlechtsidentität über eine gewisse

Zeit, mindestens sechs Monate. Dazu

muss gesagt werden, dass in der Schweiz

derzeit ein derart grosser Engpass in der

medizinischen Betreuung für trans Menschen

besteht, dass sich die Wartezeiten

oft über ein Jahr erstrecken. Die Prozesse

gehen sehr langsam vorwärts.

Nadia Brönimann kritisiert, dass die

Transition der falsche Weg war. Wie

stehst du zu ihrer Kritik?

Nadia Brönimanns Geschichte berührt

mich sehr und ich bewundere ihren Mut,

damit an die Öffentlichkeit gehen. Zu

unterscheiden ist jedoch zwischen der

Kritik an ihrer eigenen Transition und zwischen

der Kritik an der medizinischen Versorgung

von trans Personen allgemein. In

Nadias Fall haben Ärzt*innen sie offenbar

zu wenig zur Reflektion animiert und sind

ungenügend auf unterliegende psychische

Faktoren eingegangen. Ich verstehe

ihre Vorwürfe.

Aus meiner beruflichen Praxis kann ich

sagen, dass ihre Erfahrungen eine Ausnahme

sind. Ich stelle fest, dass das

diagnostische Verfahren sorgfältig und

fachgerecht nach internationalen Richtlinien

durchgeführt wird. Es stimmt, dass

sich hinter einem Transitionswunsch eine

andere Ursache als Transidentität verstecken

kann. Es gibt jedoch klare Richtlinien

für den diagnostischen Umgang damit.

Wie stark kann man sich auf eine

Trans-Diagnose verlassen?

Auf die Diagnose kann man sich verlassen.

Man kann aber die Verantwortung für die

Folgen der beschlossenen Massnahmen

nicht den Fachpersonen abschieben.

Psychiater*innen können nicht garantieren,

dass eine Geschlechtsdysphorie auch in

zehn Jahren noch besteht oder dass die

Entscheidung für eine medizinische Transition

die richtige ist. Diese Fragen sind

eine grosse ethische Herausforderung für

alle Beteiligten. Was aber klar ist: Nichtstun

kann genauso verheerende Folgen haben

wie das Tun.

Wie haben sich die diagnostischen Verfahren

zu den 90er-Jahren verändert,

als Nadia Brönimann transitioniert ist?

Es hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden.

Früher gab es vorgegebene Schritte,

die man für eine Transition absolvieren

musste. Davon ist man komplett weggekommen.

Heute stehen die Selbstbestimmung

und die individuellen Bedürfnisse im

Vordergrund. Welche Massnahmen sind in

74 Winter 2024/25

welcher Reihenfolge und in welcher Kombination

hilfreich? Wie kann man das Wohlbefinden

einer Person mit Geschlechtsdysphorie

optimieren? Aus einem Mann

eine Frau zu machen und umgekehrt ist

heute nicht mehr das Ziel.

Ist es möglich, das Risiko einer Detransition

zu minimieren, bevor eine Person

eine medizinische Transition beginnt?

In der Beratung, Begleitung und Diagnostik

muss die Person zur Reflektion angeregt

und kritisch hinterfragt werden: «Kann

man deine Aussagen anders interpretieren?

Lassen sich deine Gefühle mit etwas

anderem in Verbindung bringen?» Diese

Fragen müssen gestellt werden. Unsicherheiten,

Zweifel und Ambivalenzen müssen

Raum bekommen und normalisiert

werden, denn sie sind Teil von wichtigen

Lebensschritten.

Ich bin ein Befürworter des Entscheidungsfindungsmodells

«Shared Decision

Making»: Fachpersonen orientieren sich

am Wertesystem der Person und fällen den

Entscheid gemeinsam mit ihr. Beide tragen

die Verantwortung mit allen Konsequenzen.

Shared Decision Making führt vermutlich

nicht zu weniger Detransitionen, aber

sicherlich zu weniger Fällen von Reue.

In den Medien kritisierte Nadia Brönimann,

dass die Schweizer Trans-Community

ihr Anliegen nicht ernst nimmt.

Sie hat absolut Recht, wenn sie sagt, dass

Personen, die eine Transition abbrechen

oder rückgängig machen, nicht gehört

oder gar zum Schweigen gebracht

werden. Diese Personen finden nirgends

Anschluss oder Unterstützung, weder im

eigenen Umfeld, in der Community oder

bei Fachpersonen. Das macht mich wütend

und traurig. Menschen, die detransitionieren,

sind genauso Teil der Community

wie alle anderen auch. Es ist wichtig und

dringend, dass wir Vorurteile abbauen,

denn wir können voneinander lernen und

haben viele gemeinsame Anliegen.


Story — 5

«Ich hätte

an meiner

Seele arbeiten

sollen, statt

zum Skalpell

zu greifen.»

Akt 3: Chris/Nadia geht in die Zukunft

Nadia bereut ihre Transition – bereut, was sie Christian und seinem

gesunden Körper angetan hat. Wer ihre Geschichte kennt,

weiss, weshalb sie nicht zurück zu Christian kann, weshalb sie

von Retransition statt von Detransition spricht. Sie will als Chris/

Nadia in die Zukunft gehen. Nadia bleibt Pionierin.

Heute geht es Nadia manchmal gut, manchmal weniger. Gut

geht es ihr, wenn sie sich im Alltag befindet. Wenn sie in der Natur

sein kann oder im Café am Zürichsee arbeitet, in dem wir

unser Interview führen. Eher weniger gut geht es ihr, wenn sie

körperliche Schmerzen hat oder wenn Fragen und Ängste sie

plagen. In solchen Situationen will Nadia nach vorne blicken.

«Ich will weiter vorwärts gehen, jetzt habe ich eine Abzweigung

hinter mir und schaue, wohin mein Weg als Chris/Nadia mich

führt», sagt sie.

Die Abzweigung steht einerseits für einen Abschied von Nadia,

vom Frausein, andererseits für ihr zweites Coming-out, das

sie mit einem Haarschnitt losgetreten hat. «Der erste Schritt war

schwierig, denn du trägst es ewig mit dir rum. Danach kommt die

Erleichterung», sagt sie.

In der Schweiz gibt es keine etablierte Anlaufstelle oder offizielle

Organisation für Detransition. Nadia ist in Kontakt mit

Personen, die in einer ähnlichen Situation sind wie sie und betreibt

die Instagram-Seite «detrans_schweiz». Damit will sie ihre

Geschichte erzählen und dazu beitragen, dass andere nicht denselben

Fehler machen wie sie. Sie setzt sich dafür ein, dass nur

Personen mit einer gefestigten psychischen Gesundheit und einer

klinisch abgesicherten Diagnose einen Zugang zu medizinischen

Massnahmen für eine Geschlechtsangleichung erhalten.

Von Trans-Organisationen in der Community fühlt sich Nadia

nicht gehört und nicht verstanden – eine Steilvorlage für Medien,

um die Thematik mit der gegenwärtigen Gender-Debatte in Verbindung

zu bringen, teils mit reisserischen Behauptungen. Uneinigkeit

besteht unter anderem über die von Nadia unterstützte

ROGD-Theorie. Rapid-onset gender Dysphoria (ROGD) ist wissenschaftlich

umstritten und besagt, vereinfacht ausgedrückt,

dass eine Geschlechtsinkongruenz von aussen herbeigeführt

werden könne. Bestärkt durch Social Media seien Jugendliche

«plötzlich aus dem Nichts überzeugt», trans zu sein.

Am 7. November sprach Nadia vor dem Grossen Rat der Menschenrechtskommission

in Genf und plädierte für ein Verbot von

Hormonen und Pubertätsblockern bei Minderjährigen mit möglichen

Ausnahmen. Einige Kinderärzt*innen und Fachpersonen

teilen ihre Meinung und fordern neue Leitlinien. Andere widersprechen

ihr, darunter Transgender Network Switzerland TGNS.

Ein Pauschalverbot würde denjenigen Jugendlichen schaden, die

auf gezielte Massnahmen angewiesen seien, so der Tenor in verschiedenen

Medien. Schliesslich könne auch die fortschreitende

Pubertät bei gewissen trans Jugendlichen irreversible Schäden

zur Folge haben. Und: Sich für eine medizinische Geschlechtsangleichung

zu entscheiden und sie anschliessend zu bereuen, habe

nichts mit dem Alter zu tun.

Nadia will Detransition sichtbar machen und offen darüber

mit der Community diskutieren. Wichtig ist ihr aber, dass sie

nicht als transphob oder als Gegnerin von Geschlechtsangleichungen

wahrgenommen wird. «Ich kenne trans Menschen, bei

denen die medizinische Massnahme richtig war und bei denen

gesundheitlich alles rund läuft. Das ist wunderbar. Ich kenne

aber auch andere, die viele Probleme mit den Langzeitfolgen ihrer

Transition haben», sagt sie. «Beides ist real und findet statt. Wenn

ich kritisch rede, dann tue ich das, weil ich auch mögliche negative

Seiten thematisieren will.»

Winter 2024/25

75


REISEN

Mongolei

Die wilde Schönheit. Das Steppenland in Fernost begeistert

mit atemberaubenden Landschaften, beeindruckenden Klöstern

und einer einzigartigen Nomadenkultur. Gleich hinter der

glitzernden Skyline der Hauptstadt Ulan Bator beginnen endlose

Weiten, die nur darauf warten, entdeckt zu werden.

Das buddhistische Gandantegchinlen-Kloster

in Ulan

Bator beherbergt die grösste

Buddha-Statue des Landes.

Die wechselreiche Geschichte der

Mongolei reicht zurück bis zum Reich

von Dschingis Khan im 13. Jahrhundert.

Damals schufen sich die

Mongolen ein riesiges Imperium, das

sich von Osteuropa bis nach Asien

erstreckte. Dschingis Khan wird noch

heute als Nationalheld verehrt. Sein

Erbe ist in der Kultur und den Traditionen

des Landes allgegenwärtig.

Die Mongolei hat im Laufe der Jahrhunderte

zahlreiche Veränderungen

durchgemacht, vom zweitgrössten

Reich aller Zeiten bis zur Sowjetära

und schliesslich zur Unabhängigkeit

im Jahr 1990. In den letzten Jahrzehnten

hat der Tourismus kontinuierlich

zugenommen, wobei besonders die

unberührte Natur und die einzigartige

Nomadenkultur des Landes Besuchende

aus aller Welt anziehen. Die

wichtigsten Wirtschaftszweige sind

jedoch bis heute die Viehzucht und

der Bergbau.

Für die MANNSCHAFT

unterwegs:

Andreas Gurtner

76 Winter 2024/25


REISEN

Der Sukhbaatar-Platz bildet das Zentrum der modernen Wirtschaftsmetropole

Ulan Bator.

Stadtleben

Ulan Bator, die Hauptstadt der Mongolei,

ist das politische, kulturelle und

wirtschaftliche Zentrum des Landes. Die

Stadt liegt am Ufer des Tuul-Flusses und

ist von vier heiligen Bergen umgeben,

die der Metropole eine beeindruckende

Kulisse verleihen. Eines der bekanntesten

Wahrzeichen der Stadt ist das imposante

Dschingis-Khan-Denkmal auf dem zentralen

Sukhbaatar-Platz. Ein weiterer Höhepunkt

ist das Gandantegchinlen-Kloster,

ein buddhistisches Kloster aus dem 19.

Jahrhundert, das heute ein wichtiger Ort

des spirituellen Lebens in der Mongolei

ist. Das eindrückliche Kloster beherbergt

eine 26 Meter hohe Statue des Buddha

und zählt zum Pflichtprogramm jeden

Stadtrundgangs.

Das Nationalmuseum der Mongolei bietet

einen umfassenden Überblick über die

Geschichte und Kultur des Landes, von

prähistorischen Funden bis zur modernen

Ära. Es ist ein idealer Ort, um mehr über

die reiche Geschichte der Mongolei und

die verschiedenen Epochen der mongolischen

Zivilisation zu erfahren. Neben

der historischen und kulturellen Seite hat

Ulan Bator auch eine moderne, lebendige

Seite. Die Stadt ist bekannt für ihre

zahlreichen Parks, die als grüne Oasen

inmitten des urbanen Trubels dienen.

Besonders beliebt ist der Zaisan Hill, ein

Aussichtspunkt, dessen Blick über die

Stadt und die umliegende Landschaft

einem den Atem raubt. Die vielfältige

Gastronomieszene krönt einen Tag voller

Entdeckungen kulinarisch.

Küche

Die mongolische Küche ist geprägt

von den rauen klimatischen

Bedingungen und der nomadischen

Lebensweise. Sie besteht hauptsächlich

aus Fleisch, Milchprodukten

und Teigwaren. Das Nationalgericht

der Mongolei ist

«Buuz», gedämpfte Teigtaschen,

die traditionell mit Lamm- oder

Rindfleisch gefüllt sind. Diese

Teigtaschen werden oft bei

Festen und Feierlichkeiten

serviert. Ein weiteres beliebtes

Gericht ist «Khuushuur», eine

Art frittierte Teigtasche,

ebenfalls meist mit Fleisch

gefüllt. Neben diesen Fleischgerichten

spielen Milchprodukte

wie Joghurt, Käse und Airag eine

wichtige Rolle in der mongolischen

Ernährung. Bei Airag

handelt es sich um fermentierte

Stutenmilch. Für die meisten

Tourist*innen ist der Geschmack

dieses Getränks, das die Einheimischen

gerne als Erfrischung

geniessen, jedoch ziemlich

gewöhnungsbedürftig.

Winter 2024/25

77


REISEN

Must do

Ein mehrtägiger Ausflug in die mongolische

Steppe führt in die unberührte Natur

und die traditionelle Lebensweise der

Nomad*innen. Nachdem man Ulan Bator

hinter sich gelassen hat, erreicht man

nach einer rund vierstündigen Fahrt die

Sanddünen von Bayan Gobi. Diese werden

oft auch Mini-Gobi genannt, da sie

landschaftlich an die grössere Gobi-Wüste

erinnern, jedoch bedeutend kleiner

sind. Hier bietet sich eine Kameltour

durch die weitläufige Dünenlandschaft

an, bevor man die Nacht in einem traditionellen

mongolischen Zelt, einem «Ger»,

verbringt und die Stille sowie den klaren

Sternenhimmel geniessen kann. Am

nächsten Tag geht die Reise weiter nach

Karakorum, der ehemaligen Hauptstadt

des Mongolischen Reiches: ein historisch

bedeutsamer Ort, der einst das Zentrum

des mächtigen Reiches von Dschingis

Khan war. Hier darf ein Besuch des Erdenezuu-Klosters,

dem ältesten buddhistischen

Kloster der Mongolei, keinesfalls

fehlen. Aus dem 16. Jahrhundert stammend

ist es von einer beeindruckenden

Mauer umgeben und beherbergt zahlreiche

Tempel und Schreine, die in die

spirituelle und kulturelle Geschichte der

Mongolei blicken lassen.

Rund 80 Kilometer von Karakorum entfernt

erreicht man den wunderschönen

Ugii-See, der für seine reiche Vogelwelt

und Landschaft berühmt ist. Hier hat

man die Gelegenheit, zu schwimmen, zu

angeln oder einfach die Ruhe und Schönheit

der Natur zu geniessen. Auf dem

Rückweg nach Ulan Bator lohnt es sich,

einen Abstecher zum Hustai National

Park zu machen, wo man mit etwas Glück

die wilden Przewalski-Pferde beobachten

kann. Bei diesen Tieren handelt es sich

um die letzten echten Wildpferde der

Welt. Wer anschliessend noch ein paar

Tage Zeit hat, kann per Flugzeug in die

faszinierende Gobi-Wüste im Süden des

Landes weiterreisen. Diese ist bekannt für

ihre weiten Sanddünen, atemberaubenden

Felsformationen und tiefen Schluchten.

Hier lässt sich die wilde Schönheit

der mongolischen Landschaft nochmals

hautnah erleben, bevor die Reise durch

dieses faszinierende Land zu Ende geht.

Die windgeformten Sanddünen von

Bayan Gobi verschmelzen mit der

endlosen Weite der mongolischen

Steppenlandschaft.

Mongolei

Queer Life

Hauptstadt — Ulan Bator

Landessprachen — Mongolisch

Einwohner*innen — ca. 3 Millionen

Beste Reisezeit — In den warmen

Sommermonaten von Mai bis September.

Einreise — Schweizer*innen und

EU-Bürger*innen benötigen einen

gültigen Reisepass. Bei einem Aufenthalt

bis zu 30 Tagen ist kein Visum

erforderlich.

Sicherheit — Die Mongolei gilt als

sicheres Reiseziel.

In der Mongolei ist Homosexualität

seit 1993 legalisiert.

Zudem wurden seit 2017 verschiedene

Anti-Diskriminierungs-Gesetze

verabschiedet,

die unter anderem die sexuelle

Orientierung in die Gesetze

gegen Hassverbrechen aufgenommen

haben. Dennoch gibt es bis

heute keine rechtliche Anerkennung

gleichgeschlechtlicher

Ehen oder eingetragener Lebenspartnerschaften.

In städtischen

Gebieten wie Ulan

Bator hat die Toleranz gegenüber

der LGBTIQ-Community in

den letzten Jahren spürbar

zugenommen. In ländlichen

Regionen hingegen dominieren

weiterhin konservative Ansichten,

weshalb es ratsam

ist, ein gewisses Mass an

Zurückhaltung zu wahren.

Eine kleine, aber wachsende

Gayszene findet man in der

Millionenstadt Ulan Bator.

Ein jährliches Pride-Event

namens Equity Walk im August

zeigt die wachsende Sichtbarkeit

und Unterstützung

für LGBTIQ-Rechte. Die Bar

«Henzo» im Miami Hotel ist

die einzige Gay-Bar in der

gesamten Mongolei und ein

wichtiger Treffpunkt für die

Community.

Queerometer:

78 Winter 2024/25


REISEN

Sommer in der Mongolei: Pferde weiden am satten Grün der Flussufer und tanken Kraft.

Insidertipps

KEMPINSKI HOTEL KHAN PALACE,

UGII KHISHIG RESORT,

ULAN BATOR

UGII-SEE

Von diesem Hotel, welches im Herzen der Direkt am Ugii-See gelegen, bietet diese

mongolischen Hauptstadt liegt, lassen sich Unterkunft Ausblicke über die atemberaubende

Landschaft. Das Resort verfügt über

die meisten Sehenswürdigkeiten gut zu Fuss

erreichen. Das Kempinski verfügt über 102 komfortable Jurten und Zimmer, die traditionellen

Charme mit modernen Annehm-

elegant eingerichtete Zimmer und Suiten, die

mit modernen Annehmlichkeiten wie Minibar lichkeiten wie einer Heizung und kostenlosem

WLAN verbinden. Zudem beherbergt

und kostenlosem WLAN ausgestattet sind. Für

das leibliche Wohl sorgen zwei Restaurants, es ein Restaurant sowie eine gemütliche

die sowohl internationale als auch traditionelle

mongolische Küche servieren. Zudem ausklingen lassen kann. Zu den angebote-

Bar, in der man den Tag bei einem Drink

kann man in der stilvollen Sushi-Bar leichte nen Freizeitmöglichkeiten gehören Angeln,

japanische Gerichte sowie leckere Cocktails Vogelbeobachtungen, Reiten und Bootsfahrten.

Die Stadt Karakorum erreicht man in

geniessen. Darüber hinaus bietet das Hotel

einen Wellness- und Fitnessbereich. Der internationale

Flughafen liegt rund eine Stunde – facebook.com/ugiikhishigresort

rund 90 Minuten.

entfernt. – kempinski.com

«Die Mongolei

verzaubert mit

endlosen Steppen,

einer reichen

Geschichte

und tief

verwurzelten

Traditionen.»

Winter 2024/25

79


Story — 6

6

«Ich habe

mir selbst

nicht mehr

vertraut»

80 Winter 2024/25


Story — 6

Text – Maja Schirrle

Fotos – Timo Gerber

Nico Stank ist Musical-Darsteller,

Comedian und Schauspieler.

Er hat einen Blitzaufstieg hingelegt.

Warum er dennoch an

sich zweifelt.

Winter 2024/25

81


Story — 6

So war es nicht geplant. Theateraufführung der vierten Klasse, die

Halle ist voll besetzt. Eltern, Grosseltern, Geschwister, alle starren auf

das Mädchen, das ausgestreckt auf der Bühne liegt. Sie ist gestolpert

und der Länge nach auf den Boden geknallt. Was jetzt? Der 10-jährige

Nico Stank tritt vor. Er spielt einen Müllmann mit Besen und Warnweste.

«Jetzt werfen die hier den Müll schon auf die Strasse!», ruft er,

dann fegt er das Mädchen weg. Sie spielt mit und rollt beiseite. Das

Publikum lacht. Besser hätte es nicht laufen können.

Das war deine erste Improvisation. Wie hat sich dein Leben

nach diesem Moment verändert?

Mein Traum war es immer, Schauspieler zu sein – ich hatte nie einen

anderen. Deswegen hat mir Theater so Spass gemacht. Manche

sind auf der Bühne nervös, ich war nie aufgeregt. Das Schauspielen

war mein Safe Space. Auch bei diesem Theaterstück hatte

ich keine Angst, deshalb habe ich den Spruch gesagt. Es hat mich

danach schon beschäftigt. Von da an habe ich Situationen nachgeahmt.

Ich habe angefangen, Comedians zu parodieren. Wenn

Freund*innen meiner Eltern zu Besuch waren, habe ich Sketche

vorgeführt.

Aus was für einem Elternhaus kommst du?

Ich bin Einzelkind und hatte Glück, viel erleben zu dürfen. Wir

waren oft im Theater und im Musical. Meine Eltern haben viel

gearbeitet, damit wir jeden Winter in den Urlaub fliegen konnten.

Meine Mutter hat eine Boutique eröffnet und sonntags an einem

Marktstand Kränze und Kleidung verkauft. Mein Vater hat die

ganze Woche auf der Deponie gearbeitet. Jeden Montag ist er in

den Grossmarkt gefahren, um Waren für die Boutique und den

Marktstand zu kaufen.

Hattest du als Kind das Gefühl, gesehen zu werden,

oder musstest du dich beweisen?

Vorgestern habe ich meine Erinnerungskiste gefunden. Darin

sind viele Karten meiner Eltern. Mein Vater war oft auf Montage

und hat mir Briefe hinterlassen. «Denk an den Test» und «Ich hab

dich lieb». Jeden Abend hat er mir zum Einschlafen vorgesungen.

Ich hatte einen Kassettenrekorder von «König der Löwen». Wenn

mein Vater auf Montage war, hat er die Lieder zuvor extra auf

dem Kassettenrekorder eingesungen, damit ich sie jeden Abend

hören konnte. Ich hatte eine liebevolle Kindheit. Meine Eltern haben

mich immer gefördert und unterstützt. Mein Vater war auch

derjenige, der gesagt hat, ich soll doch Musical-Darsteller werden.

Eigentlich wollte ich gar kein Musical machen.

«Das Schauspielen

war mein Safe Space.»

82 Winter 2024/25


Story — 6

Winter 2024/25

83


Story — 6

Es war immer dein Traum, Schauspieler zu werden. Trotzdem

bist du auf die «Stage School» in Hamburg gegangen, eine

private Schule für Musical-Darsteller*innen. Warum?

Ich habe früher in einer Latein-Formation getanzt und war Teil

des Jungen Ensembles im Schauspielhaus Bochum. Ich wollte

Schauspieler werden, doch mein Papa meinte, mach doch Musical.

Wir gehen doch so oft ins Musical und du tanzt doch auch so

gerne. Also habe ich mich für Musical entschieden.

Fiel dir die Entscheidung schwer?

Die fiel mir nicht schwer, weil es trotzdem ein kreativer Beruf

ist. Musical verbindet Gesang, Tanz und Schauspiel. Mein Papa

meinte, warum eins machen, wenn man auch drei machen kann.

Wie wichtig ist dir der Rat deines Vaters?

Der war mir immer wichtig. Ich mache nichts, ohne zu Hause zu

fragen, was meine Eltern darüber denken. Sie haben mich immer

unterstützt und ich weiss, ich kann mich auf ihren Rat verlassen.

Ich bin generell eine Person, die immer alle fragt. Wenn ich etwas

mit einem Typen habe, muss ich das mit fünf Leuten besprechen.

Ich glaube, das liegt daran, dass ich oft nicht auf mein Bauchgefühl

gehört habe. Zum Beispiel: Zu Abi-Zeiten konnten wir ein

Praktikum in London machen. Wir wurden von der Lehrerin gefragt,

was für ein Praktikum wir machen wollen.

Ich: Schauspiel

Sie: Das geht nicht

84 Winter 2024/25


Story — 6

«Das Kreative

wurde immer

belächelt. Für

Aussenstehende

war das

kein richtiger

Job.»

Ich: Und Tanz?

Sie: Ne, das haben die da nicht so

Ich: Äh, dann Fotografie?

Sie: Ne, das geht auch nicht

Das Kreative wurde immer belächelt. Für Aussenstehende war

das kein richtiger Job. Deswegen habe ich oft an mir gezweifelt.

Ich habe immer eine Meinung eingeholt, weil ich mir selbst nicht

mehr vertraut habe.

Deine Musical-Ausbildung ging über drei Jahre. Hast du

darüber nachgedacht, doch noch auf eine Schauspielschule

zu gehen?

Im letzten Jahr habe ich mich für die «Ernst Busch» beworben.

Ich war auch beim Vorsprechen, das war kurz vor der Abschlussprüfung.

Zu dieser Zeit hatte ich schon erste Musical-Jobangebote.

Ich konnte auf die Bühne, ich konnte jetzt Geld verdienen mit

dem, was mir Spass machte. Da fand ich es unlogisch, nochmal

vier Jahre Schauspiel zu studieren. Ich blieb beim Musical.

Manchmal kommt er heim und seine ganze Wohnung ist umgestellt.

Die Untermieterin hat das «Fühl dich wie zuhause» mal wieder zu

ernst genommen. Monatelang ist er nicht da gewesen. Er lebt aus einem

orangenen Koffer mit nur zwei Rollen. Den hat er nach Wien geschleppt,

nach Dortmund, Gelsenkirchen, Essen und Hamburg. Überall

dahin, wo es freie Musical-Rollen gibt. Die Proben beginnen meist

um zehn und enden, wenn er Glück hat, gegen 18 Uhr, ansonsten um

Mitternacht. Seine Eltern kommen zu jeder Premiere und weinen vor

Stolz.

Dann hast du dich vom Musical abgewandt. Warum?

Ich bin mit meinem Papa oft im Kino gewesen. Am Ende habe

ich immer fast geweint, weil ich mir so gewünscht habe, dass

irgendwann mein Name im Abspann steht. Beim Musical hat

Schauspiel nicht die höchste Priorität. Das fehlte mir. Ich wollte

vor die Kamera. Manchmal hatte ich Castings – für «Pfefferkörner»

und sowas. Ich konnte aber keine Rollen annehmen, weil

ich Sperrtermine vom Musical hatte. Das Musical versperrte mir

den Weg, Schauspieler zu werden. Dazu kam, dass meine Stimme

nur normal war. Bei den Hauptfiguren steht der Gesang an erster

Stelle. Ich war immer nur der Lustige – nicht die Heldenfigur. Ich

wusste, ich würde nie Hauptrollen bekommen. Deswegen habe

ich aufgehört.

Das stimmt nicht. Beim Musical «Yakari» hattest du eine

Hauptrolle. Warum zweifelst du so an dir?

Das ist schon immer so gewesen. Ich glaube das kam, weil alle

anderen an mir zweifelten. Ich wurde von den Leuten nie für voll

genommen, wenn ich sagte, ich werde Schauspieler. Ich hatte den

Traum, erfolgreich zu sein. Die Leute belächelten das. Dann wurde

ich 30 und dachte: Habe ich eine falsche Selbstwahrnehmung?

Bin ich der Einzige, der an mich glaubt? Natürlich wusste ich,

dass meine Eltern an mich glauben und mich unterstützen. Aber

wer schafft es schon berühmt zu werden? Irgendwann dachte ich:

Vielleicht schaffe ich es nicht.

Wie ging es weiter?

Ich habe alles versucht, um meinem Ziel näher zu kommen. 2016

hatte ich meinen ersten Stand-up-Auftritt. Ich habe nur mit

Stand-up angefangen, weil ich hoffte, erfolgreich zu werden und

so in Filmrollen zu rutschen. Carolin Kebekus und Chris Tall

Winter 2024/25

85


Story — 6

spielen ja auch in Filmen mit. Ich dachte, wenn ich es auf dem

normalen Weg nicht schaffe, dann vielleicht über den Umweg Comedy.

Zu dieser Zeit hatte ich keine Einnahmen. Ich habe mit dem

Synchronsprechen begonnen, um Geld zu verdienen. Mit Musical

aufzuhören war total der Geldeinbruch. Ich musste wieder bei

Null anfangen.

Du hast dir selbst den Boden unter den Füssen weggezogen.

Dazu kam, dass sich meine Schauspielagentur auflöste. Ich bin

nie in eine andere Agentur gekommen, weil die meine Stimme

komisch fanden. Ich hatte keine Möglichkeit auf Schauspieljobs.

2017 habe ich über ein Portal eine Rolle bei der Serie «Die Spezialisten»

bekommen. Das habe ich dann gedreht. Die Rolle war

schwul. Ich dachte: Oh mein Gott! Sie haben es entdeckt.

Ich habe immer gesagt, wenn ich Schauspieler sein möchte, darf

ich keine Skandale haben. Ich war nie betrunken, habe nie Drogen

genommen und dachte, ich darf niemals schwul sein.

Du dachtest, deine Homosexualität ist ein Skandal?

Ich habe mich sehr spät als schwulen Mann akzeptiert. Ich habe

nicht zu dem gestanden, wer ich bin, mich immer angepasst, damit

ich nicht auffalle. Mein erster Freund war geheim. Er durfte

niemandem erzählen, dass wir zusammen waren. Ich habe ihm

gesagt, dass ich mich in Menschen verliebe. Ich hatte vorher ja

auch schon Freundinnen. So habe ich für mich gerechtfertigt,

dass es diesmal zufällig ein Mann war. Aber als wir uns das erste

Mal geküsst haben, wusste ich sofort: Genau das hat mir in meinem

Leben immer gefehlt.

Die Perücke hat er seit Jahren. Sie ist aus dem Fundus des «König der

Löwen»-Musicals und hat fünf Euro gekostet. Er weiss, wie witzig er

aussieht, wenn er sie falsch herum trägt. Er weiss auch, dass ihm für

seine Idee nur ein Kleid und etwas Make-Up fehlen. Ist das zu feminin?

Seine Freund*innen sagen: «Mach es, es ist zum Schreien!» Er traut

sich und postet ein Video. Nico Stank in der Rolle der Nicola. Eine Friseurin

mit sächsischem Dialekt und Hang zu Leomustern. Die Leute

lieben sie. Während der Pandemie postet er täglich. Heute hat er über

400’000 Follower*innen auf Instagram.

Zeitgleich mit Social Media bist du in der Comedy-Szene

aufgestiegen. 2022 hast den Comedy-Preis als bester

Newcomer gewonnen. Im Juni bist du in der Kölner Lanxess

Arena aufgetreten.

Ich habe den ganzen Tag geweint, weil ich nicht glauben konnte,

dass ich alleine in so einer Arena stehe. Zum ersten Mal war

meine ganze Familie da, bestimmt 30 Leute. Ich hatte das Gefühl,

danach haben sie mich anders gesehen. Ich dachte, jetzt haben sie

verstanden, dass es kein Traum mehr ist.

Auftritt im Quatsch-Comedy-Club. Nico Stank witzelt über seine Ex-

Freundin. Was niemand weiss: diese Frau, deren Stimme und Aussehen

er so ausschweifend beschreibt, existiert überhaupt nicht. Nach

der Show nimmt ihn die Künstlerische Leiterin Renate Berger beiseite.

«Wie wäre es, wenn du aus deinem echten Leben erzählst?», sagt sie.

Er sieht sie an und versteht. Von nun an will er nicht mehr lügen.

Wie war dein öffentliches Coming-out?

Ich habe einfach angefangen, über meine Sexualität zu sprechen

und keinen Hehl daraus gemacht. Ich habe von meinem

Ex-Freund und von Dates erzählt und den Leuten keine Chance

mehr gelassen, meine Sexualität zu erraten.

Dein neues Comedy-Programm heisst «Akte Ex».

Wie lange schreibst du schon daran?

Ende August habe ich ein Moodboard erstellt. Ich bin jetzt bei 16

Seiten. Das letzte Programm waren 20 Seiten. Immer wenn etwas

passiert, schreibe ich es unter dem Betreff «Comedy» in meine E-

Mail-Entwürfe. Daraus kann ich schöpfen, und natürlich aus der

Vergangenheit. Es gibt viel, über das man erzählen kann.

Über deine Ex-Freunde?

Ich weiss noch nicht, ob ich über alle erzähle. Aber ich erzähle

mein komplettes Coming-out und von meinem ersten Freund.

Das ist das Hauptthema.

Im Podcast «Free Hugs» von Riccardo Simonetti und Anke

Engelke erzählst du von einem Ex-Partner, der dir zu dieser

Zeit sehr zugesetzt hat.

Er sagte immer: Dein Traum geht nie in Erfüllung, du bist peinlich,

deine Eltern schämen sich für dich. Ich habe ihm geglaubt,

weil er mein Partner war. Selbst als er weg war, fiel es mir schwer,

mich zu öffnen. Ich hatte immer im Hinterkopf, dass er vielleicht

Recht hatte. Dann habe ich Riccardo Simonetti und Strify kennengelernt

und ein neues Umfeld bekommen. Da waren viele Leute

aus der queeren Bubble und viele Influencer*innen. Ich wollte

jetzt einfach auf mein Bauchgefühl hören – einfach ich sein.

In den letzten zwei Jahren konnten wir dich auch im Kino

sehen. Unter anderem in «Liebesdings» neben Elyas M’Barek.

Lass uns zurück an den Anfang gehen. Wie wäre dein Leben

wohl verlaufen, wenn dieses Mädchen beim Auftritt in der

vierten Klasse nicht hingefallen wäre?

Ich wollte immer Schauspieler sein. Ich glaube, Talent findet einen

Weg. In den letzten Jahren habe ich gelernt, dass man dranbleiben

muss, wenn man einen Traum hat. Manche sagen: «Du

hattest super viel Glück.» Ja, es gehört eine Portion Glück dazu,

aber auch Arbeit. Vor ein paar Jahren noch sass ich mit meinem

Ex auf dem Bett. Ich hatte minus 8000 Euro auf dem Konto. Ich

dachte: Wie soll ich das alles schaffen? Es muss jetzt funktionieren.

Du musst weiter an dich glauben. Wenn du dran bleibst und

gut bist, kann es klappen.

86 Winter 2024/25


Story — 6

Tour

2025 ist Nico Stank mit

seinem Soloprogramm

«Akte Ex» in ganz

Deutschland unterwegs,

eine Show führt

ihn nach Österreich: am

22. Mai in Wien.

Termine und Tickets:

nicostank.de

Winter 2024/25

87


Winter 2024/25


Interview

«Ich bin oft

die letzte auf

der Tanzfläche»

Sie hat gerade den Lauf ihres Lebens. Die letztjährige Single «Padam

Padam» katapultierte Kylie Minogue zurück in höchste Chartregionen.

Plötzlich ist die australische Popveteranin wieder cool und angesagt. Wir

treffen sie in London. In einem dezenten gelben Pulli zur blauen Jeans ist

sie eher unauffällig gestylt. Während des Gesprächs, für das sportliche

fünfzehn Minuten angesetzt sind, das dann aber doch ein bisschen länger

geht, bekommt die 56-Jährige das Strahlen kaum aus dem Gesicht.

Interview – Steffen Rüth

Bild: Erik Melvin

Kylie, im Video zu deinem Song «Lights Camera Action»

spielst du eine Schauspielerin, die zu Beginn miese Laune hat.

Es wirkt, als wäre es dir schwergefallen, dieses Gefühl glaubhaft

zu verkörpern.

Kylie Minogue: Gott, ja. Die Anweisung meiner Stammregisseurin

Sophie Muller lautete, ich solle so mürrisch gucken wie nur möglich.

Ganz ehrlich, das war nicht leicht. Es entspricht nicht meiner

Natur, unfreundlich oder kratzbürstig zu sein. Ich bin die meiste

Zeit ganz zufrieden. Und ich habe ein Herz für Menschen.

Umgekehrt haben die Menschen auch ein Herz für dich. Und

das ist grösser denn je. Wie fühlt es sich gerade an, Kylie

Minogue zu sein?

Fantastisch. Ich geniesse es extrem, auf dieser Welle zu reiten,

deren Ausmass mich wirklich überrascht hat.

Oh, kannst du etwa surfen?

Leider nicht. Ich komme zwar aus Melbourne, aber ich habe das

Surfen nie gelernt. Trotzdem habe ich oft genug zugeschaut und

verstehe das Prinzip. Du paddelst im Wasser, und wenn die Welle

endlich kommt, dann musst du bereit sein. Du willst sie ja nicht

verpassen.

Der Erfolg von «Padam Padam» ist deine grösste Welle seit

«Can’t Get You Out Of My Head» vor mehr als zwanzig Jahren.

Popmusik ist ein flüchtiges Geschäft. Du bist seit 1988 immer

dagewesen, hast nie wirklichen Käse veröffentlicht. Wie

schafft man das?

Ich finde es schön, dass du sagst, ich sei verlässlich (lächelt). Ich

selbst habe das nicht immer so empfunden. Auch ich habe es nicht

vermocht mit jeder neuen Single oder jedem Album, jede Höhe

zu meistern – speziell, wenn die Latte wegen vorheriger Erfolge

besonders hoch lag. Doch ich denke, dass auf meiner Reise als

Künstlerin auch die Durststrecken wichtig waren. Meine Misserfolge

haben mich weitergebracht.

Bist du auch in schwierigen Momenten immer überzeugt

gewesen, dass dein nächster Hit höchstens eine Frage der

Zeit ist?

Nein, ich bin zwar selbstbewusst, aber so sehr von mir selbst überzeugt

dann doch nicht. Ich habe einfach weitergemacht, immer

weitergemacht. So bin ich meine gesamte Karriere über programmiert

gewesen: Wenn ein Projekt abgeschlossen ist, starte ich das

nächste. Ich habe nie lange innegehalten und über den Verlauf

meiner Karriere nachgedacht. Was ich aber sagen kann: Ich liebe

das Musikmachen im Augenblick mehr als je zuvor in meinem

Leben. Denn der Job macht selbstverständlich mehr Spass, wenn

du Erfolg hast und viele Menschen erreichst.

Neben Glück und Timing spielt aber auch Können eine Rolle,

oder?

Ich finde auch, dass ich mich entwickelt habe und noch besser

geworden bin. Ich weiss heute mehr, kann mehr, achte stärker auf

Nuancen in meinen Liedern, gehe tiefer als früher. Ich fühle mich

von meiner eigenen Kreativität gerade sehr angezogen. Und da

kann und möchte ich nicht widerstehen.

Dass auf «Tension» ein Jahr später die Fortsetzung «Tension

II» folgt, war also ausgemachte Sache?

Nein, das war einer dieser positiven Unfälle, die ja meistens dann

passieren, wenn es sowieso gerade läuft. Ich wollte «Tension» ursprünglich

nur mit zwei, drei neuen Stücken anreichern. Doch

Winter 2024/25

89


Interview

«Um sich zu finden,

ist es wichtig, sich auch

mal zu verlieren.»

90 Winter 2024/25


Interview

dann entstanden schnell viele coole Songs, dass wir den Plan

kurzerhand über den Haufen geworfen haben.

Wie lief das ab?

Ich war in Las Vegas, wo ich im Frühjahr zwanzig Konzerte im

«Voltaire»-Club spielte. In den Pausen fuhr ich nach Los Angeles,

um mit verschiedenen Autor*innen an ein paar neuen Stücken

zu arbeiten. Wir dachten, wir motzen «Tension» ein bisschen auf,

mit zwei neuen Nummern, und veröffentlichen es nochmal. Ist

ja heutzutage so üblich. Doch dann stellte ich fest, wie viel Lust

ich hatte, neue Musik zu machen, richtig viel neue Musik. Wir

schrieben einen Song nach dem anderen. Und so nahm «Tension

II» wahnsinnig schnell Gestalt an.

Ruhst du dich auch mal aus?

Die Mussezeit kommt momentan zu kurz, keine Frage. Aber ich

glaube daran, dass man das Eisen schmieden sollte, so lange es

heiss ist. Ich hänge mich jedenfalls voll rein. Was mich besonders

motiviert und glücklich macht, sind die vielen jungen Leute, die

jetzt in meine Konzerte kommen. So viele Kinder sind da, so viele

Teenager. Im Sommer trat ich im Hyde Park in London auf, und

es waren wirklich alle Altersgruppen vertreten. Ganz viele waren

vorher noch nie bei einem Kylie-Konzert.

Woran liegt das?

Dank «Padam Padam» sind die Kids auf mich gestossen. Viele

kannten erst den Song, vor allem durch Social Media, bevor sie

überhaupt herausfanden, wer ich bin. Und dank der Streamingdienste

ist es ja superleicht, weiter zu graben, meine Musik zurückzuverfolgen

und nach dreissig, vierzig Jahren für sich zu

entdecken. Ich habe Teens belauscht, die meinten, «Padam» und

«Tension» seien super, aber diese ganz neue Nummer, «The Loco-

Motion», die sei so richtig krass. Ha! «The Loco-Motion» war mein

erster Hit, 1987 in Australien.

Bild: Erik Melvin

Kaum einen Popstar hat die queere Community so ins Herz

geschlossen wie dich. Was empfindest du angesichts so viel

Liebe?

Tiefe Dankbarkeit. Meine LGBTIQ-Fans standen immer treu und

solidarisch an meiner Seite. Auch, wenn es mal nicht so lief bei

mir, konnte ich auf sie zählen. Und umgekehrt tue ich alles, um

die queere Gemeinde nicht nur zu unterstützen, sondern sie auch

gut zu unterhalten. Ich glaube fest daran, dass eine Gemeinschaft

immer stärker ist als Einzelne. Die Idee der Inklusion, des Wirschliessen-niemanden-aus,

der Gedanke des Freiseins, all das

hast du in einem Nachtclub, wo Menschen mit unterschiedlichsten

Geschichten und Identitäten zusammenkommen. Ich liebe es,

wenn wir Menschen uns alle zusammen genussvoll fallen und

treiben lassen. Denn, um sich zu finden, ist es wichtig, sich auch

mal zu verlieren.

Winter 2024/25

91


92 Winter 2024/25

Interview


Interview

Bild: Erik Melvin

Wie sehr fieberst du deiner Tournee nächstes Jahr entgegen?

Meine Aufregung und Vorfreude sind gigantisch. Zum ersten

Mal seit neun Jahren werde ich wieder in diesen grossen Arenen

spielen. Und ich bin superglücklich über den bunten Mix an Menschen,

jung, nicht mehr jung, Männer, Frauen, alles. Die Fans sind

kolossal vielfältig, und wir werden alle zusammen feiern, Spass

haben und tanzen.

Im Grunde geht es auf deinem ganzen Album genau darum

– ums gemeinsame Feiern, ums Flirten, um Nächte im Club,

um Sex. Wie intensiv lebst du das aus, was du singst?

Ich muss dich enttäuschen. So voller Abenteuer wie meine Songs

verläuft mein Leben leider nicht. Ansonsten hätte ich keine Chance,

mein Arbeitspensum zu bewältigen. Wenn ich allerdings Lust

habe zu tanzen, dann richtig. Ich bin oft die letzte auf der Tanzfläche.

Im vergangenen Jahr bist du auf deiner Album-Party in Berlin

so richtig aus dir rausgegangen. Und das zu deinen eigenen

Songs.

Ich erinnere mich. Ein Superabend.

Im Text zu «Taboo», einem deiner neuen Songs, kommst du

einer anderen Person auf der Tanzfläche gefährlich nah. Ist

das eine Szene aus deinem Leben?

Nun ja, wer hätte solch einen Augenblick denn noch nie erlebt?

Ich mag dieses Lied besonders gern. Es ist echt hypnotisch, hat

aber auch ein paar kleine, dunkle Widerhäkchen. Ich singe gerne

solche spassigen Flirtsongs, die zwar erwachsen sind, aber auch

ein wenig neckisch.

Wo wir schon dabei sind. In «Someone For Me» begleitest du

eine Freundin und ihren heissen Lover in den Club. Und du

sagst: Hey, kannst du mir nicht auch so einen besorgen?

(Lacht.) Den Song habe ich selbst nicht geschrieben, ich bin aber

sofort auf das Szenario angesprungen. Weil es so putzig ist, und

doch so real. Ich meine, ich gönne meinen Freundinnen alles

Glück und allen Spass der Welt. Aber hin und wieder denke ich

auch: Ja, und was ist jetzt mit mir?

Pop ist eine kleine Flucht aus dem Alltag. Für dich auch?

Natürlich. Pop ist Poesie. Hier kannst du für ein paar Minuten

oder ein paar Stunden jemand anders sein. Ich denke, Eskapismus

ist wichtig und gesund. Und ich bin sehr dankbar, dass ich mit

meiner Arbeit die Fantasie so vieler Menschen anregen kann.

Kylie

Ende der achtziger Jahre

wurde Kylie Minogue

als Schauspielerin in der

Seifenoper «Neighbours»

bekannt, mit «Loco-Motion»

landete sie 1987 ihren ersten

Hit. Nach ihrem letztjährigen

Erfolgsalbum «Tension»

und der Single «Padam

Padam» hat sie diesen Oktober

überraschend schnell

den Nachfolger «Tension

II» veröffentlicht, ihr siebzehntes

Album: mit dreizehn

hochenergetischen Disco-Pop-Electro-Krachern,

darunter der Dance-Hit

«Edge of Saturday Night»

mit The Blessed Madonna,

Kollaborationen mit Orville

Peck, Bebe Rexha, Tove

Lo und Sia, und die Single

«Lights Camera Action».

Willst du reinschauen? Hier:

«Ich geniesse

es, die Welle

zu reiten.»

Ihre «Tension Tour» führt

Kylie auch in unsere Nähe:

Berlin – 16. Juni

Zürich – 6. Juli

Düsseldorf – 7. Juli

Winter 2024/25

93


FILM

Filmguru

Patrick Schneller

filmguru@mannschaft.com

Young Hearts

Eine erste Liebe mit Happy End

Schwule Geschichten über die erste

Liebe endeten früher nie gut. Heute sieht es

anders aus, auch wenn im erschütternden

«Close» (B/NL/F 2022) von Lukas Dhont

die Liebe zweier 13-Jähriger durch einen

Suizid jäh zerstört wird. Filme wie «Beautiful

Thing» (GB 1996), «Sommersturm»

(D 2004) und «Mit siebzehn» (F 2016)

zeigen auf, dass die erste schwule Liebe

genauso befreiend sein kann wie anderswo;

egal, wie sie ausgeht.

Apropos «Close»: Verliebte Jungs unter

16 Jahren sind schon aufgrund der gesellschaftlichen

Wahrnehmung heikler. Rare

Beispiele sind der Pionier «You Are Not

Alone» (DK 1978), in dem ein Zwölfjähriger

und sein Mitschüler zusammenfinden,

und der beflügelnde «Softie» (F 2021) über

einen Zehnjährigen, der für seinen Lehrer

94 Winter 2024/25

schwärmt. Von Anthony Schatteman folgt

nun «Young Hearts», für den Dhont als

Berater mitwirkte.

Der 14-jährige Elias (Lou Goossens)

lernt den gleichaltrigen Alexander (Marius

De Saeger) kennen, der aus Brüssel in die

Provinz gezogen ist. Zwischen den beiden

funkt's bald, doch bis Elias zu seinen

Gefühlen steht, dauert es eine Weile.

Schatteman folgt allen Regeln der klassischen

Lovestory, dennoch wirkt «Young

Hearts» frisch und einzigartig, auch dank

augenzwinkernder Details. So startet

Elias’ Vater Luk (Geert Van Rampelberg)

gerade mit der Schnulze «Eerste Liefde»

als Schlagersänger durch, rafft aber nicht,

dass sein Sohn an den Gefühlswirren eben

dieser ersten Liebe nagt. Ein besonderes

Highlight ist zudem die bodenständige

Musik verbindet:

Elias (l.) realisiert,

wie sehr er von

Alexander angetan ist.

Zusprache von Opa Fred (Dirk van Dijck)

gegenüber Elias, die dem legendären

Vater-Sohn-Gespräch in «Call Me by Your

Name» (I/USA/BR 2017) in nichts nachsteht.

Der Trumpf aber sind Goossens und

De Saeger, die das Publikum mit ihrem

herzerwärmenden Spiel schlicht verzaubern.

Liebesfilm, B/NL 2024. Regie & Drehbuch:

Anthony Schatteman. Mit Lou

Goossens, Marius De Saeger, Geert Van

Rampelberg, Emilie De Roo, Dirk van

Dijk, Saar Rogiers, Ezra Van Dongen.

Kinostart D: 16. Januar; CH/A: tba

Bild: Thomas Nolf


Ich hoffe, dass

Luca Guadagninos

ursprüngliche,

gut 60 Minuten (!)

längere Schnittfassung

von «Queer»

auch noch veröffentlicht

wird.

Patrick Schneller

Drama, I/USA 2024. Regie:

Luca Guadagnino. Kinostart

D: 2. Januar; CH/A: tba

FILM/SERIEN

Queer

William S. Burroughs (1914–97)

schilderte unverblümt die Eskapaden

seines literarischen Alter

Egos, des schwulen Junkies William

Lee. Sein bekanntester Roman

«Naked Lunch» (1959) galt als

unverfilmbar, bis Regie-Genie David

Cronenberg 1991 das Gegenteil

bewies. Nun setzte Luca Guadagnino

(«Call Me by Your Name»)

die Vorlage «Queer» um, die 1951

bis 1953 entstand, aber erst 1985

publiziert wurde.

William Lee (souverän: Daniel

Craig) frönt im mexikanischen

Exil Sex, Drogen und Alkohol.

Da lernt er Eugene (Drew Starkey)

kennen. Es entfaltet sich eine

Amour fou, die durch halb Lateinamerika

in den Urwald führt, wo

Lee die berauschende Yage-Pflanze

sucht.

Bild: Yannis Drakoulidis

Guadagnino übersetzt den

Geist von Burroughs’ Prosa fast

so genial auf die Leinwand wie

Cronenberg. Im letzten Drittel

driftet er gar regelrecht in «Naked

Lunch»-Gefilde ab. Zuvor

zeigt er indes pointiert und prickelnd

auf, dass die Schwulenszene

vor 70 Jahren nicht viel

anders funktionierte als heute.

Serienjunkie

Robin Schmerer

robin@mannschaft.com

«Severance» Staffel 2 – Die Sache

mit der Work-Life-Balance

Ab dem 17. Januar wöchentlich bei Apple+

Bild: Apple

Die Scifi-Thriller-Serie «Severeance» ist sicherlich eine der ambitioniertesten

der letzten Jahre, lief hierzulande aber noch weitgehend

unter dem Radar. Erzählt wird von den Arbeitenden einer

Firma, die mittels eines chirurgischen Eingriffs am Gehirn,die Erinnerungen

der Mitarbeitenden an ihr Privatleben von den Erinnerungen

an den Arbeitsalltag trennen lässt. Das Arbeits-Ich weiss

also nicht, was daheim geschieht, und das Privat-Ich nicht, was

im Büro passiert. Doch Mark (Adam Scott) fallen immer mehr Ungereimtheiten

auf und er beginnt das sogenannte Severance-Programm

zu hinterfragen, an dem auch er teilgenommen hat. Welche

Absichten verfolgt sein Arbeitgeber? Und ist seine Ehefrau wirklich

gestorben?

Auch eine queere Storyline spielt von Anfang an eine zentrale

Rolle. Die Liebesgeschichte von Irving (John Turturro) und Burt

(Christopher Walken) ist auch deshalb so besonders, weil die beiden

Männer im fortgeschrittenen Alter sind. Leider noch immer

eine Seltenheit in der TV-Landschaft. Vor allem der Autorenstreik

in Hollywood hat dafür gesorgt, dass wir vergleichsweise

lange auf eine zweite Staffel warten mussten. Die neuen Folgen

der von Ben Stiller produzierten Serie werden ab dem 17. Januar

wöchentlich bei Apple+ zu sehen sein.

Winter 2024/25

95


SERIEN

Drama auf dem Traumschiff:

«Doctor Odyssey»

Ab dem 28. November bei Disney+

Was? Wo? Wann?

WAS WO & WANN IN EINEM SATZ

House Of The

Dragon

Fantasy

Staffel 2

21. November

DVD/Bluray

(Warner Bros.)

/ Streaming:

Wow

Auch im «Game of Thrones»-Prequel

geht es heiss her. In Staffel

2 gab es endlich einen Kuss zwischen

Königin Rhaenyra Targaryen

und ihrer Vertrauten, was konservative

Zuschauende auf die Palme

brachte.

Chicago Fire

Drama

Staffel 12

21. November

DVD/Bluray

(Universal

Pictures) /

Streaming:

Wow / RTL+

Neben nett anzusehenden Feuerwehrmännern

hat die langlebige

Serie auch einige queere Charaktere

zu bieten, wie den schwulen

Darren, der Job und Privatleben

unter einen Hut bringen will.

Sisi

Historienserie

Staffeln 1-3 Gesamtedition

12. Dezember

DVD/Bluray

(Filmjuwelen) /

Stream: RTL+

Wer sich an Romy Schneider satt

gesehen hat, kann die Vorweihnachtszeit

mit «Sisi» im Serienformat

zubringen. Mit dem schwulen

Schauspieler Jannik Schümann

als Franz-Josef.

Virgin River

Drama

Staffel 6

19. Dezember

Netflix

Die beliebte Serie ist inklusiver

und diverser geworden. In der

letzten Staffel kam mit Ava eine

neue lesbische Figur hinzu, deren

Story nun weiter beleuchtet wird.

Der offen schwule Regisseur und Produzent Ryan

Murphy hat sich nicht nur zum derzeit wohl erfolgreichsten

Serienmacher gemacht und uns einige der beliebtesten

Serien der letzten Jahre wie «American Horror

Story», «Monsters» oder «Pose» beschert, er hat in

seinen Produktionen auch stets eine Vielzahlt von

LGBTIQ-Inhalten und -Themen untergerbacht und auf

diese Weise für eine gesteigerte Sichtbarkeit in der TV-

Landschaft gesorgt. Nachdem wir im Herbst erst seine

nicht ganz unumstrittene True-Crime-Serie «The Lyle

and Eric Menendez Story» gebinged haben, startet am

28. November mit «Doctor Odyssey» bereits seine

nächste Serie auf Disney+.

Darin spielt Joshua Jackson («Dawson’s Creek») einen

Schiffsarzt auf einem Kreuzfahrtschiff der Luxusklasse,

der sich mit den neuen Kolleg*innen und den mitunter

schwierigen Passagieren herumschlagen muss. Ein Szenario,

das für reichlich Unterhaltung sorgen dürfte.

Ryan Murphy wäre nicht Ryan Murphy, dürften wir

nicht auch in seinem Hochsee-Drama die eine oder andere

queere Figur mit entsprechender Storyline erwarten.

Zwar war davon in den ersten Episoden noch nichts

zu sehen, doch gehören zu den bereits angekündigten

namhaften Gaststars unter anderem der schwule Schauspieler

Cheyenne Jackson oder der als menschlicher Ken

bekannte Influencer Justin Jedlica. Erste Reviews aus

den USA fielen eher durchwachsen aus und attestierten

der Serie überladen zu sein und sich nicht recht zwischen

Medical Drama und Soap Opera entscheiden zu

können. Machen wir uns nun selbst ein Bild davon, ob

«Doctor Odyssey» überzeichnete Unterhaltung bietet

oder ob der Doktor baden geht und sich zu den wenigen

Flops in Murphys Karriere gesellt.

Bild: Disney/Tina Thorpe

96 Winter 2024/25


KOLUMNE

Die erste

Dragqueen

Es war einmal ein König, den das

ganze Land liebte und bewunderte. Er

konnte singen, tanzen, schauspielern,

parodieren und lustig sein, ohne jemanden

zu verletzen. Die Herzen der Frauen

flogen ihm zu, niemand verlor je ein

schlechtes Wort über ihn. Wenn er einmal

im Jahr – kurz vor Weihnachten – seine

Freunde einlud, sassen bis zu 35 Millionen

Menschen in Deutschland, Österreich

und der Schweiz vor ihren Fernsehern.

Dieser König war Peter Alexander

– und seine Shows so etwas wie der

fünfte Advent.

Aber er war nicht nur König,

sondern immer wieder auch Königin.

Nämlich dann, wenn er Zarah Leander,

Prinzessin Diana, Queen Mum, die Golden

Girls und unzählige andere Frauenfiguren

verkörperte und parodierte. Sowohl

in seinen grossen Abendshows als

auch in seinen Filmen, die inzwischen

über 60 Jahre zurückliegen. Peter Alexander

hat zu einer Zeit zu Liedern gelipsynct,

als es das Wort Lipsync noch lange

nicht geben würde. Vom Kleinkind bis

zum Opa schauten alle zu.

Trotzdem bin ich immer wieder erstaunt,

wie gerne übersehen wird, dass

Peter Alexander im Grunde so etwas wie

die erste Dragqueen im deutschsprachigen

Fernsehen war und mit seiner Darstellung

von Frauen vor einem Millionenpublikum

eher Begeisterung als

Kontroversen ausgelöst hat. Alle konnten

sich auf ihn einigen und lachten nicht

über ihn, sondern mit ihm, wenn er «endlich»

wieder als Frau auf die Bühne kam.

Natürlich, die Zeiten waren andere.

Peter Alexander hatte keine queerfeministische

Agenda. Identitätspolitik

und Selbstbestimmungsgesetz waren

noch lange kein Thema. Er hätte sich

wohl auch nicht als Dragqueen gesehen

oder so bezeichnet. Aber Drag war es allemal.

Für mich geht es aber auch um etwas

Anderes: Man sah ihm den Spass

und die Freude an, die er dabei hatte,

ohne sich über die Rolle lustig zu machen

oder Frauen damit abzuwerten. Als

heterosexueller Mann, der von den

1960er bis 1990er Jahren in der Öffentlichkeit

stand, hatte er keine Angst, seine

weiblichen Wesenszüge zu zeigen. Er

schämte sich nicht, als Frauenfigur vor

ein Millionenpublikum zu treten, sondern

strahlte im Gegenteil eine grosse Leichtigkeit

aus. Er hat gezeigt, wie man sich

mit Freude und Selbstbewusstsein in beiden

Geschlechterrollen bewegen kann.

Für ihn als Star gar nicht so einfach:

Mit seiner Prominenz und Strahlkraft

konnte er nie – wie ein Schauspieler

– hinter der Figur verschwinden, sich sozusagen

hinter der Maske verstecken. Er

war immer Peter Alexander. Als Prinzessin

Diana, als Zarah Leander, als Golden

Girls. Ein Vorbild, das indirekt gesagt hat:

«Wenn ich den Spass und den Mut habe,

kannst du das auch.» Das Einzige, was

jetzt noch fehlt, ist eine Dragqueen, die

im Stil der grossen Samstagabendshows

berühmte Gäste begrüsst. Dragname:

Petra Alexandra.

REDEN IST GOLD

Peter Fässlacher ist

Moderator und Sendungsverantwortlicher

bei

ORF III und Stimme des

Podcasts «Reden ist Gold»

über die Liebe und das

Leben mit Menschen

der LGBTIQ-Community.

Er lebt in Wien.

peter@mannschaft.com

Illustration: Sascha Düvel

Winter 2024/25

97


Story — 7

7

«Our

Princess

Is In

Another

Castle»

98 Winter 2024/25


Story — 7

Text – Magnus von Keil

Jungfrauen in Nöten, halbnackte Heldinnen:

Über viele Jahre hinweg bedienten

Videospiele vorwiegend ein Publikum,

das männlich, jung und heterosexuell ist.

Das hat sich gewaltig verändert. Gaming

ist heute so divers wie nie – aber ist es

trotzdem divers genug?

Winter 2024/25

99


Story — 7

oment mal, hat der mich gerade angemacht!? Na klar, kein Zweifel.

Und jetzt . . . die KNUTSCHEN ja!!!»

Es war einer der einschneidendsten Momente meiner Gamer-

Laufbahn, als ich erstmals Zeuge wurde, wie mein Sim einen anderen

Typen küsste. Es war im Frühjahr 2000, ich hatte gerade

meinen ersten Freund kennen gelernt und in Deutschland wurde

eifrig darüber debattiert, ob Menschen in gleichgeschlechtlichen

Partnerschaften rechtlich anerkannt werden sollten. Eine Debatte,

die man in der Welt der «Sims» nicht zu führen brauchte: Hier

liess sich lieben, wen und wie man wollte.

Wer von all dem noch nie gehört hat: «Die Sims» ist eine Lebenssimulation,

die den Zeitgeist der Tamagotchi- und Big-Brother-Ära

einfing wie kaum ein anderes Spiel jener Epoche. Man

erstellt sich zunächst einen Avatar (seinen «Sim»), baut ihm ein

Haus, richtet es ein, kümmert sich darum, dass er ausreichend isst,

schläft, zur Arbeit geht oder auf die Toilette. Das digitale Abbild

des alltäglichen Lebens eben. Und wie im echten Leben gibt es

neben dem klassisch-heteronormativen Beziehungsmodell auch

andere Lebenskonzepte. Das fand damals auch «Sims»-Chefentwickler

Jamie Doornbos, übrigens selbst schwul. Heimlich änderte

er über Nacht den Code des Spiels, sodass man mit seiner

Spielfigur auch homosexuelle Partnerschaften eingehen konnte.

Hersteller Maxis nahm Doornbos’ Anpassungen gelassen hin –

ging man ja ohnehin davon aus, dass das Spiel eher ein Nischenprodukt

bleiben und keine grosse Wellen schlagen würde. Heute,

ein gutes Vierteljahrhundert später, ist «Die Sims» eine der beliebtesten

und meistverkauften Computerspiel-Reihen der Welt.

«Leg nicht gleich den Pimmel

auf die Tastatur!»

Um zu verstehen, dass man gegenüber queeren Inhalten in Videospielen

nicht immer so gelassen war, braucht man nur ein wenig

weiter zurück in die Vergangenheit zu schauen. In den 80er-Jahren,

zur goldenen Ära des Commodore 64, sorgte hierzulande beispielsweise

der «schwule Computer von Karstadt» für peinliche

100 Winter 2024/25


Story — 7

«Birdo», Nintendos

pinker Dino mit

Schleife, trat erstmals

1988 in «Super Mario

Bros.» auf und gilt

heute als beliebter

Frauencharakter.

Winter 2024/25

101


Story — 7

In «The Last Of Us 2» wird die Beziehung der Protagonistin Ellie (l.) mit einer Frau wunderbar nonchalant erzählt.

Momente und Lacher unter pubertierenden Heranwachsenden.

Und so hat’s funktioniert: Man schmuggelte eine Diskette in die

Computerabteilung des Kaufhauses seiner Wahl, lud das Programm

heimlich auf eines der Ausstellungsgeräte und wartete

aus sicherer Entfernung auf das erste Opfer. Kam kurz darauf

ein argloser Kunde vorbei und versuchte, etwas auf der Tastatur

einzutippen, wurde in donnernder Lautstärke ein Soundfile abgespielt:

«Alle Schwulen mal hergehört, hier ist der erste schwule

Computer von Karstadt», schepperte eine blecherne Männerstimme

aus den Lautsprechern. «Und eine Bitte: Leg nicht gleich

den Pimmel auf die Tastatur!»

Aber es war damals nicht nur die Schulhof-Fraktion, die das

seinerzeit beliebte Motiv des triebgesteuerten und somit potenziell

gefährlichen Nicht-Heterosexuellen aufgriff. Selbst Nintendo,

das vermutlich liebenswürdigste Videospiel-Unternehmen

der Welt, schlug mit der Darstellung von «Birdo» Ende der 80er-

Jahre in dieselbe Kerbe. Birdo trat erstmals als Zwischengegner

im legendären NES-Plattformer «Super Mario Bros.» von 1988

in Erscheinung: ein pinkfarbenes, dinosaurierartiges Wesen mit

Make-up und einer grossen, roten Schleife auf dem Kopf. In der

Anleitung des Spiels stand: «Er denkt, er wäre ein Mädchen und

spuckt Eier aus seinem Mund. Er will lieber Birdetta genannt

werden.»

Noch einen Schritt weiter ging man in «Leisure Suit Larry»

von Sierra On-Line, einem der führenden Spieleanbieter seiner

Zeit. In Teil 6 der aus heutiger Sicht ziemlich mies gealterten

Kult-Spielereihe um Dauersingle Larry Laffer führt ein harmloser

Flirt mit dem Fitnesstrainer, der auf den wenig subtilen Namen

«Gary Fairy» hört, im Spiel zum sofortigen Tod. «Oh no, what

have I done?» kommentiert Larry noch, dann verschwindet das

Paar Hand in Hand im Sonnenuntergang. Zack, aus, Game Over.

Eigentlich ein schönes Ende für zwei einsame Herzen, oder? Nicht

1996. Damals waren Computerspieler in aller Regel jung, männlich

– und mehrheitlich heterosexuell.

«Expelliarmus The Patriarchy»

Und heute? Laut des Verbands der deutschen Games-Branche

spielen 58 Prozent der 6- bis 69-Jährigen regelmässig Videospiele,

davon ist gut die Hälfte weiblich (Stand: Juni 2024). Wie divers

die Schar der Spielenden inzwischen geworden ist, zeigt sich auch

an den Spielen selbst. Besonders die Darstellung weiblicher Charaktere

hat sich in den vergangenen zehn Jahren entscheidend

102 Winter 2024/25


Story — 7

Das erste queere

Computerspiel

«Caper In The Castro» war das erste

Computerspiel, das LGBTIQ-Themen

behandelte. Es erschien 1989 und

erzählt die Geschichte der lesbischen

Privatdetektivin Tracker Mc-

Dyke, die im berühmten schwulen

Stadtviertel Castro in San Francisco

nach einer entführten Dragqueen

namens Tessa LaFemme sucht.

Das Spiel wurde damals kostenlos

verteilt, um Spendengelder für die

AIDS-Hilfe zu akquirieren.

Das Patriarchat bekommt Risse: In «The Legend of Zelda: Echoes of Wisdom» schlüpfen

Spielende erstmals in die Rolle von Prinzessin Zelda.

Winter 2024/25

103


Story — 7

Das grandiose Umzugsspiel «Unpacking» erzählt queere Geschichten selbstverständlich, unaufgeregt und ohne Herumeierei.

verändert. Ein jüngstes Beispiel ist das neue «The Legend Of Zelda:

Echoes Of Wisdom». Zum ersten Mal in der fast 40-jährigen

Geschichte der Reihe spielen wir hier die titelgebende Prinzessin

Zelda selbst, anstatt sie, wie sonst üblich, erretten zu müssen.

Auch Super Marios Herzensdame Prinzessin Peach erlebt mittlerweile

ihre eigenen Abenteuer und weiss sich aus eigener Kraft

gegen Bowser zu wehren. Zumindest in dieser Hinsicht scheint

das Patriarchat spürbare Risse bekommen zu haben. Aber wie

steht es um die queere Sichtbarkeit in Videospielen?

Die US-amerikanische Medienüberwachungsorganisation

GLAAD hat im vergangenen Februar Zahlen herausgegeben, aus

denen hervorgeht, dass 17 Prozent der aktiven Videospielenden

sich der LGBTIQ-Community zugehörig fühlen. Konkret bedeutet

das: Eine*r von fünf Spielenden identifiziert sich als schwul,

lesbisch, trans oder queer. Und das ist eine ganze Menge. Trotzdem

sind queere Inhalte in den Spielen noch immer verschwindend

gering. Das gilt besonders für Produktionen, die aus grossen

Spielestudios kommen.

Eine erfrischende Ausnahme dieser Regel hat uns Naughty

Dogs apokalyptischer Action-Blockbuster «The Last Of Us 2» im

Jahr 2020 beschert. Die Beziehung der Protagonistin Ellie mit

einer Frau wird so wunderbar nonchalant erzählt – genau so, wie

Hollywood uns seit Jahrzehnten auf heteronormative Lebensweisen

als Goldstandard einschwört. Dennoch fühlte sich eine

kleine, aber laute Minderheit offenbar so stark provoziert, dass es

sogar zu Morddrohungen gegen Mitarbeitende des Studios kam.

Auch das herrlich opulente Harry-Potter-Abenteuer «Hogwarts

Legacy» musste im vergangenen Jahr Kritik einstecken:

Die unvermeidbare inhaltliche Verbindung zur Autorin J.K.

Rowling wegen ihrer transfeindlichen Äusserungen löste erheblichen

Gegenwind aus. Obwohl das Entwicklerstudio Avalanche

Software daraufhin ausdrücklich jede Form von Diskriminierung

verurteilte und sogar Transpersonen im Spiel einbaute, erntete

es dafür wiederum Kritik von anderer Seite und wurde wegen

seiner «Wokeness» boykottiert. Wie man’s macht, macht man’s

scheinbar verkehrt.

Anders sieht es bei den kleinen, unabhängigen Studios aus.

Spiele wie «Coffee Talk» oder das grandiose Umzugsspiel «Unpacking»

erzählen queere Geschichten selbstverständlich, unaufgeregt

und ohne Herumeierei. Die progressiven Ideen spielen sich

nach wie vor überwiegend im Indie-Bereich ab. Auch wenn es Bemühungen

gibt, mehr LGBTIQ-Inhalte im Spiele-Mainstream zu

integrieren, sind spielbare queere Hauptfiguren dort noch immer

unterrepräsentiert. Besonders ein schwuler männlicher Protagonist

wird nach wie vor schmerzlich vermisst.

«Select Your Player»

Jetzt stellt sich die Frage: Warum sollte die sexuelle Ausrichtung

eines Videospielcharakters eine Rolle spielen? Auf den ersten Blick

scheint das überflüssig. Ob «Resident Evil»-Hottie Chris Redfield

privat mit einer Frau oder einem Mann in die Kiste steigt, ist beim

Zombie-Wegballern in Raccoon City marginal relevant – zumindest

für mich als gestandenen, seit Jahren geouteten Mann Mitte

40. Doch welches Signal könnte das an den 16-jährigen Youngster

senden, der in seiner kurpfälzischen Kleinstadt auf der Suche

nach sich selbst ist und auf dem Bildschirm endlich eine Identifikationsfigur

entdeckt? Diese Überlegung lässt die Ausgangsfrage

in einem anderen Licht erscheinen.

104 Winter 2024/25


Story — 7

Nicht nur das: Die bereits erwähnte GLAAD-Erhebung hat

auch herausgefunden, dass der überwiegende Teil aller Spielenden

– LGBTIQ und Nicht-LGBTIQ – es positiv bewertet, im Spielkontext

eine andere Perspektive einnehmen zu können. Denn

genau das lieben wir am Spielen: Geschichten zu erleben, die uns

im Alltag so nicht passieren würden. Die wenigsten von uns sind

Ritter, Zombiejäger, Klempner oder Ninjas von Beruf. Aber im

Spiel können wir die unvergleichliche Erfahrung machen, wie es

sich anfühlt, im Mittelalter gegen Drachen zu kämpfen, in einem

Raumschiff durchs All zu düsen oder allgemein gesagt: Lebensrealitäten

von Menschen kennenzulernen, die anders leben als

wir selbst.

Letztlich sind Videospiele – genau wie Literatur, Film oder Musik

– immer auch ein Spiegel der Gesellschaft, und gesellschaftliche

Veränderungen brauchen Zeit. Das Medium Videospiel wurde

hierzulande vor 20 bis 30 Jahren anders bewertet als heute.

Inzwischen weiss man, dass es weder per se doof noch aggressiv

macht – im Gegenteil: Videospiele trainieren die Hand-Hirn-Koordination

und können nachweislich einen positiven Effekt auf

das psychische Wohlbefinden von Menschen aller Altersklassen

haben. Sie ermöglichen es, Geschichten jenseits der eigenen Bubble

aktiv zu erleben und voranzutreiben – auch wenn aus queerer

Perspektive noch Luft nach oben ist.

Seinen schwulen Crush richtig ehelichen konnte man bei den

Sims erst 2009 im dritten Teil der Serie. Und Birdo? Birdo wird

heute als Frau definiert und gehört zu Nintendos beliebtesten

Charakteren. Hier gilt jedenfalls: Level completed. Also auf zum

nächsten!

Gayming-Tipps

von Magnus

Magnus von Keil ist Autor,

Sprecher und Games-Experte.

Im Frühstücksfernsehen von

Sat.1 und bei Radioeins (RBB)

ist er regelmässig im Einsatz.

Nun gibt der Wahlberliner bei

MANNSCHAFT jeden Monat

Gayming-Tipps. Hier entlang:

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The Room Next Door

ab 12.12. im Kino


Literatur

Die guten Seiten

Claus Daniel Herrmann

Pinke Monster

In welches Regal?

Zu den autofiktionalen Coming-of-Age Graphic

Novels oder Romanen, die das Aufwachsen

Jugendlicher in Verbindung setzen zu der

Glaubenslehre, den ideologischen Überzeugungen

und Dogmen ihrer Umgebung.

Wie sieht es aus?

Pinke Monster beginnt wie ein Film – ohne

Worte, aber mit bildlicher Tonspur: akustische

Signale, ein aussagekräftiger 90er-Jahre Musiksoundtrack

aus Take That, Jamiroquai und

REM, aber eben auch die Abwesenheit von

gewohnten Geräuschen eines funktionalen

Familienlebens. Die Panels sind grosszügig,

nahe und flächig in schwarz-weiss und Graustufen,

bis die Sonderfarbe Pink einbricht und

Akzente setzt. Diese unterstreichen Franks individuelle

und emotionale Entwicklung – die

zunehmende Sicherheit, was seine Sexualität

angeht und seine Gefühle für den Schulkameraden

Michael.

Simone Veenstra hat «Pinke Monster»

für dich gelesen.

Worum geht es?

Franks Vater leidet an Depressionen, nichts

scheint zu helfen und so greift seine Frau nach

einem Strohhalm. Sie wendet sich an Thea,

eine Heilerin. Theas fragwürdige Methoden,

negative Energien zu vertreiben, treffen zunächst

auf Franks von Horrorfilmen inspirierte

Zeichnungen, dann auf seine Beziehung zu Michael,

Franks Schulkamerad und Schwarm . . .

Wie finden wir es?

Wunderbar klar und geradlinig entrollt sich

eine Geschichte, die nichts an Aktualität

verloren hat: Wo der Glaube zu einem geschlossenen

Zirkel wird, ist kein Miteinander

möglich. Folgerichtig kann eine gesunde

Emanzipation nur mit einem Befreiungsschlag

gelingen. Dass «Pinke Monster» dabei weder

bedrückend schwer noch erklärungslastig

daherkommt, ist der feinen Ironie zu verdanken,

der belastbaren Beziehung zwischen

Frank und seiner Mutter und der geschickten

Szenenkonzeption.

Graphic Novel, Reprodukt Verlag, 208 Seiten

106 Winter 2024/25


Literatur

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Bist du ein Bücherwurm?

Wühle dich hier

weiter durch:

Franziska Schutzbach

Revolution der Verbundenheit

Ein leidenschaftliches Plädoyer für ermutigende

Frauenbeziehungen. Die

Soziologin Franziska Schutzbach zeigt mit

fesselnden Beispielen aus Vergangenheit

und Gegenwart, Essays und Briefen,

wie Frauen trotz Spaltung Revolutionen

ermöglicht haben. Wie sie patriarchale

Strukturen in Alltag und Politik lockerten,

weil sie sich verbündeten und befreundeten.

Sie beschreibt, was möglich ist, wenn

Frauen sich an anderen Frauen orientieren.

Wir finden: Stark als Werk und stärkend

im Ton. Schutzbach balanciert zwischen

erlesenen Quellen, persönlichen Briefen

und revolutionärer Absicht. Sätze wie «Wir

alle sind tief in Machtverhältnisse verstrickt

und stehen nie einfach als rundum

Gute ausserhalb der Gesellschaft. Auch

unterdrückte Menschen üben Unterdrückung

aus.» beweisen seitenweise,

dass die Autorin auf dem Boden bleibt,

während sie ihre Rakete aus Buchstaben

und Haltung zündet.

Sachbuch, Droemer Knaur, 320 Seiten

Selma Kay Matter

Muskeln aus Plastik

Das erste deutschsprachige Chronic-Illness-Memoir.

Kay ist schwer verknallt – und

schwer erkrankt. Auf den Crush folgt jedes

Mal ein Crash, auf starkes Herzklopfen

Migräne, auf Knutschen Gliederschmerzen.

Während Kay versucht, den Folgen von

Long Covid zu entkommen, bringen nur

die Sehnsucht nach Aron und der Wunsch

nach einem starken, androgynen Körper

Linderung. «Muskeln aus Plastik» beschäftigt

sich mit chronischer Erkrankung und

Transness – und der Art und Weise, wie

unsere Gesellschaft über «gesunde» Körper

nachdenkt und spricht.

Wir finden: Das Debüt von Selma Kay Matter

reizt mit seiner intuitiven Feder, fernab von

formalen und intellektuellen Traditionen –

eine dünne Linie entlangfahrend zwischen

Lust und Schmerz. Für alle, die sich an

junger Sprache erfreuen und nicht vor Seiten

zurückschrecken, die ab und an einen

Überhang an Quellenverweisen vorweisen.

Essay, Hanser Berlin, 240 Seiten

Neuerscheinungen

TITEL GATTUNG VERLAG SEITEN IN EINEM SATZ

Tiepolo Blau

James Cahill

«Man kann die Liebe

nicht stärker erleben»

Oliver Fischer

All dies könnte anders

sein

Sarah Thankam Mathews

Fickt euch!

Missy Magazine

Roman Albino 448 Nicht nur die augenzwinkernde Coming-of-Age-Geschichte

eines kauzigen Intellektuellen in der Midlife-

Crisis, sondern auch ein liebevolles Porträt mit Feingefühl,

Witz und Ironie.

Biografie Rowolth 304 Die Begegnung mit Paul Ehrenberg reisst den schüchternen

Thomas Mann aus seiner sorgsam gepflegten Distanz.

Eine Nachzeichnung beider Leben.

Roman Nagel & Kimche 448 Ein schillerndes Debüt mitten aus dem Leben voller Existenzkämpfe,

Hoffnung, Liebe und die Suche nach einem

Zuhause.

Kolumnen Edition Nautilus 192 Die Sexkolumnen aus dem Missy Magazine als Buch . . .

ohne Tabus und Klischees.

Winter 2024/25

107


Story — 8

8

Urlaub

mit meinem

besten

Kumpel

108 Winter 2024/25


Story — 8

Text – Kriss Rudolph

Mit dem Hund verreisen?

Ist das eine gute Idee?

Unbedingt, findet unser

Autor. Wobei: Es kommt

wie immer darauf an.

Winter 2024/25

109


110 Winter 2024/25

Story — 8


Story — 8

Lieber lasse ich mir mein Sofa

versauen als das ganze Leben –

lautet ein geflügeltes Wort von

Hundeliebhaber*innen, die damit

deutlich machen, dass sie Beziehungen

mit anderen Menschen

für überschätzt, das Zusammensein

mit Vierbeinern dagegen für

deutlich lohnenswerter halten.

Abgesehen davon zeigen Studien aus Australien und

Grossbritannien: Wer einen Hund hat, ist deutlich weniger

anfällig für Herzleiden, ausserdem lindert so ein

haariger Begleiter die Einsamkeit.

«Jeder hat ein’ Hund, aber keinen zum Reden»,

rappte Peter Fox in «Schwarz zu Blau». Schon möglich.

Aber ich halte reden ohnehin für überschätzt.

Seit ich denken kann, mache ich alleine Urlaub.

Mit wenigen Ausnahmen. Ab und an gab es Kerle

in meinem Leben, stand vorübergehend eine zweite

Zahnbürste in meinem Badezimmer, und irgendwann

waren sie wieder verschwunden, die Männer

und ihre Bürsten (nie lag es am gemeinsamen Urlaub).

Ich kann prima allein sein, ob an der Ostsee oder in

Spanien, aber ich habe vor etlichen Jahren festgestellt,

dass es etwas gibt, das viel schöner ist als allein

wegzufahren: verreisen mit Hund.

Mit meinem ersten Vierbeiner, der Hundegott hab

ihn selig, war ich beispielsweise mit dem Auto in Paris

und Dubrovnik, per Zug in der Toskana, zu Schiff

in Newcastle und gleich mehrfach mit dem Flugzeug

in Tel Aviv. Mompa war ein Labrador-Retriever-

Riesenschnauzer-Mix (nur die besten Zutaten!) und

ohne Übertreibung: der beste Hund der Welt. Absolut

robust, pflegeleicht und abenteuerlustig.

Reisen bildet, auf ganz vielen Ebenen. Im Rahmen

unserer Englandreise, einer Mini-Kreuzfahrt von

Amsterdam nach Newcastle mit Auto an Bord, erfuhr

ich zum Beispiel, dass der Gute locker 20 Stunden

lang dichthalten kann. Ich hatte mich extra vor der

Buchung beim Reiseveranstalter erkundigt, wie und

wo denn Hunde an Bord ihr Geschäft verrichten

würden? Es gebe dafür eigens einen Ort an Deck,

sagte man mir und ich war beruhigt. Aber auch neugierig.

Ein Grashalm zu wenig

Tatsächlich hatte man auf einem Zwischendeck ein

Kiesbett bereitgestellt, das zum Pinkeln und Grösserem

einladen sollte. Mompa zeigte sich unbeeindruckt.

Zweimal suchten wir in der Nacht diesen Ort

auf. Mein Hund stieg artig auf die Pieselvorrichtung

und schaute mich schwanzwedelnd an. Mehr nicht.

Kein Tropfen. Ein Grashalm wäre hilfreich gewesen,

der animiert fast jeden Hund zum Pinkeln. Vielleicht

hätte ich es ihm auch einfach vormachen sollen, aber

die Idee kam mir leider erst später.

Andererseits: Es gab keine Anzeichen von Zappeligkeit,

weil er gerne etwas losgeworden wäre, aber

nicht konnte. Ich war deutlich nervöser als er. Als wir

schliesslich vom Schiff rollten, hielt ich darum bei

Winter 2024/25

111


Story — 8

erster Gelegenheit an und liess den Hund auf einer

Wiese aussteigen. Mompa schnappte sich einen Ball

aus dem Auto und wollte spielen. Ans Pieseln verschwendete

er immer noch keinen Gedanken. Seitdem

weiss ich: So eine Hundeblase hat ein Fassungsvermögen,

von dem ich als Mann über 50 nur noch

träumen kann.

Beim Fliegen mit Hund hat man es mit ganz anderen

Herausforderungen zu tun. Nicht jede Airline

nimmt Tiere mit, allein der Buchungsvorgang ist aufwändig,

billig ist der Spass auch nicht, und am Zielort

hat man die Hundebox am Hacken, denn die muss

man für seine Reisen selber besorgen.

Schweden: Ohne Hund im Restaurant

Das ist aber noch längst nicht die einzige Problemstellung

am Urlaubsort: Kann er mich ins Restaurant

begleiten? In Schweden nicht mal im Aussenbereich.

Darf der Hund im Bus mitfahren? In Andalusien war

das nur in seiner Box möglich. Und so lernte ich die

nächste Lektion: Er, der eben erst aus der Flugbox geklettert

war, musste umgehend wieder rein.

Ich sagte: «Mompa, geh in die Box!« Und Mompa

ging in die Box.

Als bös traumatisch hatte er den Flug ganz offenbar

nicht abgespeichert.

Und noch was entdeckte ich in Malaga: ein

Restaurant, so hundefreundlich, dass vor Mompa,

noch bevor ich meine Nase in die Speisekarte stecken

konnte, je ein Napf Wasser und einer mit Trockenfutter

standen.

Unterm Strich gilt aber: Es gibt nur wenige Länder,

in Europa wenigstens, die so hundefreundlich

sind wie Deutschland. Israel wäre unbedingt noch

zu nennen, jedenfalls Tel Aviv. Dort kam es einst in

einem Buchladen unweit vom Strand zu einer denkwürdigen

Begegnung. Wir waren schwimmen und

Mompa war nass und dreckig, also liess ich ihn vor

dem Laden warten. Als ich reinging, begrüsste mich

die Verkäuferin mit den Worten: «Bringen Sie ihn

ruhig mit rein. Hunde mögen wir hier eh lieber als

Menschen.»

Mit nichts vergleichbar ist der Empfang am Airport

Ben Gurion, dem wohl bestgesicherten Flughafen

der Welt. Jedes Mal, wenn ich mit Mompa,

Hund Nr. 1, dort eintraf, kamen Sicherheitsleute mit

Maschinengewehr über der Schulter, bückten sich

entzückt zu meinem Hund und streichelten ihn ausgiebig.

Offiziell müssen Reisende für ihren Vierbeiner bei

der Einreise nach Israel einen Bluttest vorlegen. Der

kostet 100 Euro, aber am Flughafen will ihn dann

niemand sehen. Darum habe ich mir das nach dem

ersten Mal gespart. Als dann doch mal jemand fragte,

stellte ich mich doof. Echt, wusste ich gar nicht! Einreisen

durften wir trotzdem.

Hummus ja, Wellen nein

Meinem Walter, Hund Nr. 2, muss ich mit Israel nicht

kommen. Hummus mag er zwar sehr gerne, aber den

Strand weiss er so gar nicht zu schätzen. Der kleine

Schisser fürchtet sich vor Wellen. Vom Krieg in Nahost

ahnt er nichts. Hund müsste man sein.

Natürlich haben meine haarigen Lebensabschnittsgefährten

immer auch ein Wörtchen mitzubellen,

wenn es um die Urlaubsplanung geht. Walter

fliegt nicht gerne, weniger aus ökologischen Gründen.

Schon wenn wir den Flughafen betreten, fängt

er an zu zittern. Da ich aber am liebsten und zwangsläufig

im Januar verreise, um den grauen Berliner

112 Winter 2024/25


Story — 8

«Es kommt auf

den Hund an»

Interview mit dem schwulen Tierarzt

Volker Borchers aus Dortmund

Wie oft kommen Hundehalter*innen in deine Praxis, die mit Tier

verreisen wollen?

Regelmässig, in der Hauptreisesaison natürlich häufiger. Die Menschen

erkundigen sich dann, was man machen kann gegen die

Angst des Tieres, aber auch nach den Vorschriften in Bezug auf

Impfungen oder was bei der Parasitenvorsorge zu tun ist. Auch zu

beachten: Bei der Einreise aus bestimmten Ländern in die Europäische

Union braucht es den Nachweis gegen das Tollwut-Virus, die

sogenannte Titerbestimmung.

Spricht ganz allgemein etwas dagegen, mit Hund zu fliegen?

Meiner Meinung nach nicht. Es kommt letztendlich darauf an, wie

der Hund mit der Situation an sich zurecht kommt. Man muss auch

schauen, wie das Tier mit Trennungen von seinem Menschen zurechtkommt,

ob nun im Käfig oder ohne Käfig. Vielleicht muss man

ihm etwas zur Beruhigung geben, ein paar Tropfen Diazepam zum

Beispiel. Manchmal kommt es vor, dass ich kurzfristig zum Flughafen

Dortmund gerufen werde: «Hier rastet ein Hund gerade in seinem

Käfig aus. Können Sie kommen und ihm vielleicht was zur Beruhigung

geben?», heisst es dann. Möglicherweise hat ihn sein Mensch

gerade eingecheckt und ist nicht mehr in der Nähe. Und wenn der

Hund dann zappelt und jault, macht er vielleicht noch andere Hunde

im Flughafen irre.

Kommt es vor, dass du Menschen abrätst, mit dem Hund

zu fliegen oder überhaupt zu verreisen?

Das würde ich zuerst einmal von der medizinischen und der gesundheitlichen

Situation abhängig machen. Man muss sich fragen, ob

es sinnvoll ist, mit dem Tier zu reisen, wenn es unter einer fortgeschrittenen

Tumorerkrankung leidet oder sich gerade von einer sehr

schweren Infektionskrankheit erholt hat. Aber sowas ist immer eine

Einzelfallentscheidung. Ich würde den Besitzenden sicherlich sagen,

dass jetzt vielleicht nicht der optimale Zeitpunkt ist, den Hund mitzunehmen.

Bestimmte Rassen dürfen gar nicht fliegen. Seit 2020 gilt das bei

vielen Airlines für sogenannte brachycephale, also stumpfnasige

Hunde wie z.B. Möpse.

Die haben verengte Atemwege, man hört es am Schnaufen, Röcheln

oder Grunzen. Ganz häufig haben die – auch wenn es das Wort

nicht trifft – ein verlängertes Gaumensegel. Das ist das Ding, was

ein bisschen flattert hinten im Rachen. Das ist natürlich an sich nicht

verlängert, sondern wurde bei der Zucht verkürzt. Damit ist es anatomisch

trotzdem zu lang für den kurzen Kopf. Diese schnarchenden

Atemgeräusche sind ein Zeichen starker Belastung, eventuell ist

auch die Sauerstoffzufuhr geringer. Wenn diese Tiere sich dann zu

sehr aufregen, noch dazu unbeaufsichtigt, könnte es zu Kreislaufversagen

kommen. Sie könnten gesundheitliche Schäden davontragen

oder sogar während der Reise sterben.

Winter zu schwänzen und den entsprechend übellaunigen

Zweibeiner*innen aus dem Weg zu gehen,

müssten wir sehr lange im Auto und im Zug sitzen,

um irgendwo anzukommen, wo es spürbar wärmer

ist.

Walter stammt aus Thailand, dort hat er auch seinen

Namen erhalten. Überwintern im Süden kommt

ihm entgegen, weil er wenig Fell hat und bei Temperaturen

unter 20 Grad (plus!) anfängt zu zittern. Nur

zeigt sich mein kleiner Thai Boy leider nicht offen für

vernünftige Argumente, darum muss er mir einfach

vertrauen: Wenn er aus dem Flugzeug steigt, ist es

wie durch Zauberhand wieder angenehm warm.

Der Hund als Vielflieger

Dort, wo er im Frachtraum untergebracht wird, wird

die Temperatur auf etwa 15–20 Grad reguliert, versichert

mir eine Sprecherin von Condor. Die deutsche

Fluggesellschaft, die im kommenden Jahr ihr 70. Bestehen

feiert, tranportiert jedes Jahr rund 20 000

Hunde in der Kabine oder im Frachtraum.

Walter (17kg) muss in einer Box im Cargobauch

der Maschine fliegen, zur Beruhigung bekommt er

ein paar Tropfen Diazepam. Und ein getragenes T-

Shirt, möge ihn mein Geruch ein wenig trösten.

In die Kabine darf er nicht. Das ist kleineren Hunden

vorbehalten, bis 8 oder 10 kg, das variiert von

Airline zu Airline. Oder Assistenzhunden. Neidvoll

sehe ich bei Instagram immer die Videos von Golden

Retrievern, die in der Kabine mitfliegen dürfen und

das Herz der Mitreisenden erfreuen.

Warum es diese Unterscheidung nach Gewicht

gibt, ist mir schleierhaft. Sie erscheint mir willkürlich.

Menschen werden vor Antritt des Fluges ja auch

nicht gewogen und die halten an Bord immer noch

die Mehrheit.

Winter 2024/25

113


Story — 8

Überwintern ohne Böller

Letztes Jahr waren wir zum Überwintern auf Malta,

wo man – ein tolles Bonusfeature der Insel! – böllerfrei

Silvester feiern kann. Ganz kurz nur, vielleicht für

die Dauer von 30 Sekunden, haben wir am 31. Dezember

kurz nach 20 Uhr ein bisschen Knall und Bums

gehört. In Deutschland wäre eine solche pyrotechnische

Zurückhaltung unvorstellbar, schon gar nicht aus

Rücksicht auf Tiere. Dabei weiss wirklich jedes Kind:

Der unvermittelt einsetzende Explosionsdonner gepaart

mit Qualm sind eine Tortur für das gute Gehör

und die fein entwickelten Nasen von Hund und Katze.

Bei vielen löst das Stress und Angst oder sogar Panik

aus.

Der Tierarzt Ralph Rückert aus Ulm, auf den sich

etwa der Hundetrainer-Star Martin Rütter beruft,

empfiehlt als Sedativum an Silvester einen Esslöffel

Eierlikör, bei seinem 10kg-Hund habe sich das bewährt:

zwei Löffel, im Abstand von 3 Stunden am

Silvesterabend.

Mein Tipp: Malta. In knapp 3 Stunden Flugzeit ist

man da - mehr würde ich Walter nicht zumuten. Ein

Flug mit Zwischenstopp kommt gar nicht in Frage.

Gemeinsame Urlaube in seiner Heimat scheiden nicht

nur aufgrund der Entfernung aus: Er müsste bei der

Wiedereinreise nach Deutschland drei Monate in

Quarantäne verbringen, das Problem hat man bei

innereuropäischen Reisen nicht.

Nun vermutet man Hunde eher nicht in der Luft,

die einzigen Säugetiere, die fliegen können, sind

Fledermäuse und, nun ja, Flughunde, die aber (bisher)

nicht in Europa vorkommen. Der eine oder die andere

mag nun sagen: Ein Hund gehört doch nicht ins Flugzeug!

In der Regel sagen sowas Menschen, die selber

keinen Hund besitzen.

Und was sagt der Fachmann? Volker Borchers

betreibt in Dortmund eine Kleintierpraxis mit über

15 Mitarbeiter*innen. Er sagt: Grundsätzlich, etwa

aus allgemeingesundheitlichen Gründen, spricht gar

nichts gegen die Mitnahme von Hunden im Flugzeug,

aber natürlich gibt es Ausnahmen (siehe Kasten).

Gelebte Polyamorie

Weil aber nun mein Walterchen so ungerne fliegt und

ich ebenso ungerne des Winters in Deutschland verweile,

urlaube ich ohne ihn. An meinem Zielort wird

mein polyamores Alter Ego als House- und Petsitter

Weihnachten mit einem anderen Hund feiern, während

Walter mitsamt unserer Wohnung von einem

house- und petsittenden Pärchen aus Argentinien behütet

und umsorgt wird. Hundetausch – vielleicht ergibt

sich daraus mal ein Reality-Format auf RTL2.

Unterm Strich bleibe ich aber dabei: Urlaub mit

Hund ist eine tolle Sache. Es muss ja nicht immer der

eigene sein.

114 Winter 2024/25


Zu zweit pro Person ab

WORLD PRIDE 2025 IN WASHINGTON, DC

€ 1.699,–

6-tägige Städtereise in die LGBTQ-Hochburg. Mit Flügen und 4-Sterne-Unterkunft im Mai 2025.

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ZITIERT

Gehört, gelesen, gesehen:

«Meine Zukunft ist nicht

in den USA»

Vivian Jenna Wilson,

trans Tochter von Elon

Musk, auf Social Media

nach den US-Wahlen.

Selbst, wenn Donald

Trump nur vier Jahre im

Amt sei, würden seine

Wähler*innen so schnell

nirgendwo hingehen.

«Elena ist schon mal

ein toller Anfang»

Die türkischstämmige Schauspielerin

Hayal Kaya spielt im «Bodensee-Krimi»

zum zweiten Mal die trans Kommissarin

Elena Barin. Sie wünscht sich mehr solche

Vorbilder im TV.

«Ich wurde gemobbt, weil

ich schwul war, bevor ich

überhaupt verstand, was

das bedeutete»

Schauspieler Luke Evans in

seinen Memoiren «Boy from

the Valleys: An Unexpected

Journey».

«Schwulen fällt

es oft schwer,

andere Schwule zu

unterstützen»

Mike Taveira lässt tief blicken – sowohl musikalisch als

auch emotional. Der offen pansexuelle Singer-Songwriter

mit portugiesischen Wurzeln singt offen über

Herzschmerz, Sex und Liebe. Mit MANNSCHAFT.com

sprach der in Los Angeles ansässige Musiker über seine

Pläne und verriet, was genau ein «Straight Summer»

ist. Als Abonnent*in liest du das Interview kostenlos.

Bilder (im Uhrzeigersinn von oben links): Annette Riedl/dpa,

instagram.com/_vivian_jenna_wilson_, Ed Cooke, Jon Stars

116 Winter 2024/25


KOLUMNE

FLINTA

Seit einigen Jahren bin ich Teil eines

(wunderbaren) queer-feministischen

Kollektivs in Berlin. Viermal im Jahr veranstalten

wir eine sexpositive Techno-Party.

Unser Fokus: FLINTA. Aber auch

queer-freundlich. Und natürlich all genders

welcome. Das ist unser Ansatz, seit

es diese Partyreihe gibt. Wir verstehen

uns als inklusiv. FLINTA stehen im Vordergrund.

Angefangen an der Tür, über die

Auswahl unserer DJs, bis hin zum Dancefloor

und natürlich im Darkroom. F für

Frauen, L für Lesben, I für Intergeschlechtliche,

N für Nicht-Binäre, T für

trans Personen und A für Agender. Die

Party bietet einen sexpositiven Raum, in

dem sich FLINTA-Personen sicher fühlen

können und nicht an den Rand gedrängt

werden, wo sie ihren Platz einfordern

können und sollen. Consent und Awareness

sind unverhandelbare Leitprinzipien

für uns als Veranstalter*innen sowie für

unsere Gäste. Wir kommunizieren unsere

Werte über unsere Social-Media-Kanäle

vor jeder Party und in Gesprächen während

der Party. Die Kommunikation mit

und in der Community ist für uns unfassbar

wichtig.

Es ist für uns immer wieder eine

neue Herausforderung, in einem solchen

Raum Sicherheit mit Achtsamkeit und

gleichzeitig Inklusion zu verwirklichen.

Wir wollen Menschen nicht kategorisch

ausschliessen. Das erlebe ich zu oft in

der queeren, meist cis-männlich schwulen

Szene. Der kalte Hinweis «Men Only»

zieht eine klare Grenze und schliesst kategorisch

aus. Zu oft auch noch trans

männliche und AFAB-Personen (1). Wir

sind kein FLINTA-Only-Raum. Und wir

sind kein Raum für nur weiblich gelesene

Personen. Und das können wir per Definition

auch nicht sein. An der Tür sehe ich

nicht, wer FLINTA ist und wer nicht. Und

wir fragen bestimmt auch nicht danach.

Wir teilen Menschen nicht in Kategorien

ein, um sie in unseren Raum zu lassen.

Das widerspricht zutiefst unseren Werten.

Die Tür ist oft ein traumatischer Ort für

viele Menschen, die einen Club betreten

wollen. Eine Abweisung aufgrund des

Aussehens ist verletzend und respektlos.

Trans Personen zu fragen, ob sie «wirklich»

trans sind, ist transfeindlich. Fragen

zur Geschlechtlichkeit verbieten sich.

Wahrnehmbare sichtbare Merkmale als

Kriterium zu nehmen, verkennt die Vielfalt

unserer Community und spricht Menschen

das Recht auf eine selbstbestimmte

Identität ab.

Was wir aber erwarten, ist, dass

sich unsere Gäste mit der Party und ihren

Werten auseinandergesetzt und zumindest

unser Instagram-Profil gelesen haben.

Das Gespräch in der Begegnung mit

uns ist für uns entscheidend. Meistens

geht es um die Frage, ob die Person

glaubt, dass diese Party der richtige Ort

für sie ist. Wir setzen auf Vertrauen und

Ehrlichkeit in Bezug auf die eigenen Privilegien.

Wir setzen auf einen fortwährenden

Dialog, gerne auch einen kritischen

Diskurs mit uns. Wir alle haben nicht die

Deutungshoheit über Geschlecht oder

dessen Wahrnehmung, also massen wir

sie uns auch nicht an. Nicht an der Tür,

nicht auf dem Dancefloor und erst recht

nicht im Darkroom. Und so bleibt auch

das all ewig deutende und bestimmende

Patriarchat draussen. Getreu dem Motto:

Du heute nicht.

(1) AFAB = «Assigned Female at Birth» und bezeichnet

Personen, denen bei der Geburt aufgrund ihrer körperlichen

Merkmale das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde.

Nicht alle identifizieren sich im späteren Leben als Frauen;

einige können sich z.B. als nicht-binär, trans oder genderqueer

identifizieren.

DIE TRANS PERSPEKTIVE

Anastasia war die erste

trans Kommandeurin der

deutschen Bundeswehr und

Protagonistin des Films

«Ich bin Anastasia». Sie

wohnt in Berlin.

anastasia@mannschaft.com

Illustration: Sascha Düvel

Winter 2024/25

117


mannschaft.com

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118 Winter 2024/25


VERURTEILUNGEN NACH MORD

AN STADTRÄTIN

Rio de Janeiro – Mehr als sechs Jahre

nach der Ermordung der bisexuellen

Politikerin Marielle Franco wurden zwei

geständige Ex-Polizisten zu langen Haftstrafen

von 78 und 59 Jahren verurteilt. Sie

müssen zudem Entschädigungen an die

Angehörigen zahlen. Franco, Stadträtin

in Rio de Janeiro, engagierte sich gegen

Polizeigewalt und setzte sich für die Bewohnenden

der Favelas ein. Der Mordprozess

gegen die mutmasslichen Drahtzieher,

darunter zwei Politiker und ein früherer

Polizeichef, steht noch aus. Ein Streit um

die kommerzielle Nutzung von Land gilt

als mögliches Motiv für die Tat. Aufgrund

von Francos Prominenz als Aktivistin und

Politikerin sorgt der Fall in Brasilien für

grosses Interesse.

MALI STELLT HOMOSEXUALITÄT

UNTER STRAFE

Bamako – In Mali hat das Militärparlament

ein Gesetz verabschiedet, das homosexuelle

Handlungen unter Strafe stellt. Am

31. Oktober stimmte der Nationale Übergangsrat

(CNT) mit 132 zu 1 Stimme dafür,

das Gesetz muss noch von der Militärführung

unterzeichnet werden. Bisher waren

homosexuelle Handlungen in Mali zwar

tabuisiert, aber nicht strafbar. Justizminister

Mamadou Kassogue kündigte an, dass

künftig jede Förderung oder Ausübung

von Homosexualität strafrechtlich verfolgt

werde, um «Bräuche und Werte» des Landes

zu schützen. Das Gesetz ist Teil eines

neuen Strafgesetzbuchs, das auch elektronische

Fussfesseln und Massnahmen

gegen Hochverrat und Sklaverei umfasst.

Details zu den Strafen für Verstösse sind

noch unklar.

Mali steht mit dieser Entscheidung in einer

Reihe von afrikanischen Ländern, die die

Rechte von LGBTIQ-Personen massiv einschränken,

darunter Uganda.

ARCHÄOLOGISCHE FUNDE

REGEN ZUM UMDENKEN AN

Pompeji – Neue archäologische DNA-

Analysen stellen traditionelle Geschlechterklischees

und Familienbilder infrage.

Funde in Pompeji, wie etwa eine Figur mit

Schmuck und einem Kind auf dem Schoss,

wurden lange als Frau und Mutter interpretiert,

doch genetische Untersuchungen

identifizierten die Person als Mann, der

nicht mit dem Kind verwandt war. Weitere

Ergebnisse widerlegten Verwandtschaftsannahmen,

die auf körperlicher Nähe

und Accessoires basierten, und zeigen,

dass konventionelle Vorstellungen oft auf

die Antike projiziert wurden. Die Studienergebnisse,

veröffentlicht in Current

Biology, verweisen auf Pompejis kosmopolitische

Bevölkerung mit vielfältigen

Wurzeln im östlichen Mittelmeerraum und

darüber hinaus. Die Ergebnisse sollten

«zum Nachdenken über die Vorstellungen

und Konstruktionen von Geschlecht und

Familie in historischen Gesellschaften

sowie im akademischen Diskurs anregen».

schreiben die Autor*innen.

In der Antike wurde

Schmuck nicht nur

von Frauen getragen

RAZZIA IN ZWEI

SCHWULENCLUBS

Moskau – In der russischen Hauptstadt

wurden bei Razzien in den Schwulenclubs

Central Station und Three Monkeys über

50 Personen verhaftet, offiziell wegen

Drogenverdachts. Die Durchsuchungen

fanden ausgerechnet am Coming-out-Tag

am 11. Oktober statt und Videos zeigen,

wie Gäste gewaltsam festgehalten

wurden. Gerüchten zufolge wurden die

Clubs geschlossen, weil dort Dragqueens

die russische Militäraktion in der Ukraine

verspottet hätten. Diese beliebten Treffpunkte

der queeren Szene stehen bereits

seit Jahren durch verschärfte Gesetze und

homophobe Angriffe unter Druck. Unklar

bleibt, ob die Clubs dauerhaft geschlossen

bleiben.

Streamingdienst sagt

Festival aus Protest

gegen Verbot ab

FILM «QUEER» VERBOTEN,

FESTIVAL ABGESAGT

Istanbul – Der Film «Queer» mit Daniel

Craig wurde beim Filmfestival in Venedig

gefeiert, in Istanbul jedoch verboten. Die

Bezirksregierung im Stadtteil Kadiköy

untersagte die Vorführung des Films, der

von der Liebe zwischen zwei Männern

handelt, mit der Begründung, er gefährde

den «gesellschaftlichen Frieden» durch

«provokativen Inhalt.» Aus Protest sagte

der Streamingdienst Mubi das geplante

viertägige Festival ab. Obwohl Homosexualität

in der Türkei legal ist, stösst sie in

konservativen Kreisen auf Ablehnung, und

die Regierung äussert sich zunehmend

homofeindlich, was zu einem Anstieg von

Anfeindungen gegen LGBTIQ-Personen

führt.

NEUE MPOX-WELLE IN

AUSTRALIEN

Australien erlebt den grössten Mpox-

Ausbruch seit 2022, besonders in den

Bundesstaaten Victoria und New South

Wales. Bis zum 17. Oktober wurde in allein

in Victoria seit April 330 Mpox diagnostiziert,

es gab 27 Krankenhauseinweisungen.

Vorrangig betroffen sind schwule,

bisexuelle und andere Männer, die Sex

mit Männern haben. In Victoria gibt es

aber inzwischen auch mehrere Fälle bei

Frauen und es wurde über heterosexuelle

Übertragungen berichtet. Um die Ausbreitung

zu stoppen, werden Ärzt*innen

aufgefordert, mehr Tests durchzuführen

und Impfungen zu fördern. Mpox wird

durch engen Kontakt übertragen und verursacht

Symptome wie Hautausschläge,

Fieber und Lymphknotenschwellungen.

Symptome können bis zu 21 Tage nach

Kontakt mit Mpox auftreten. Dazu gehören

Läsionen oder Ausschläge überall am

Körper, einschliesslich des Anogenitalbereichs.

Eine neue Virusvariante wurde

bisher in Australien nicht festgestellt.

330 Mpox-Fälle von

April bis Oktober in

Victoria

Winter 2024/25

119


9

120 Winter 2024/25

Story — 9

Das grosse

MANNSCHAFT-

Jahresquiz


Story — 9

Text – Denise Liebchen

24 Fragen, 72 mögliche Antworten und

ein laaaaaaaaaaaaaaaaaaanges Lösungswort.

Wer unser grosses Quiz knackt,

hat die Chance, eines von fünf Jahresabos

zu gewinnen. Spicken ist übrigens

erlaubt: Du findest alle Antworten auf

mannschaft.com, wenn du gründlich

suchst.

Winter 2024/25

121


Story — 9

Das Jahr 2024 winkt zum Abschied. Bevor wir

zurückwinken, halten wir inne und lassen es

Revue passieren – mit diesen 24 queeren Fragen.

Und so funktioniert das grosse MANNSCHAFT-

Jahresquiz: Schreibe die Buchstaben der richtigen

Antworten chronologisch auf, um das lange Lösungswort zu

finden. Scanne dann den QR-Code auf Seite 129. Dieser führt

dich zu einem Formular, in das du das Lösungswort eintragen

kannst, um an der Verlosung teilzunehmen. Einsendeschluss ist

der 31. Dezember 2024. Unter allen Schlauerchen verlosen wir

fünf Jahresabos: für sich selbst oder zum Verschenken.

1

Mit welchem Lied gewann Nemo

den ESC in Malmö?

S) Eurostar

D) The Code

X) Himalaya

Bild: SRF/Ella Mettler

2

Wer spielt im Film «Queer»

Sexszenen mit einem jüngeren Mann?

A) Pedro Pascal

C) Brad Pitt

E) Daniel Craig

122 Winter 2024/25


Story — 9

3

Welchen Namen trägt

das erste queere Hotel

Österreichs? «Absteige ...

H) ... zum schnurrenden

Löwen

V) ... zur starken Stute

I) ... zur bärtigen

Therese

4

Wer sind die Queeros 2023 aus

Deutschland, Österreich und

der Schweiz, die das Voting auf

mannschaft.com gewannen?

N) Das schwule Kommunikations-

und Kulturzentrum

München, die Aktivistin

Brigitte Zika-Holoubek und

das Berner Projekt Schwul-

60plusminus

A) Die Hamburger Bi+Pride,

der Wiener Verein

Queer Base und die Eurogames

Bern 2023

I) Die Regensburger Regenbogenparade,

die RosaLila PantherInnen aus

Graz und die lesbische Organisation

Lestime aus Genf

5

In welcher Sendung gab die

lesbische No-Angels-Sängerin

Lucy Diakovska Einblicke in ihr

Liebesleben?

S) Ich bin ein Star –

Holt mich hier raus!

B) Temptation

Island V.I.P.

T) The Voice

Bild: Stefan Brending/ CC BY-SA 3.0 de

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Story — 9

Wie heisst die erste trans Frau

im US-Kongress?

6

C) Sarah McBride

I) Danica Roem

K) Rachel

Levine

7

Welches Doppel zierte das

MANNSCHAFT-Magazincover

NICHT?

L) Glammy & Angel

H) Bruno & Bonnie

B) Bill & Bianca

8

Wer sang an der

Eröffnungsfeier der Eurogames

in Wien?

Bild: Martin Darling

O) Mavi Phoenix

A) Conchita Wurst

Z) Candy Licious

124 Winter 2024/25


Story — 9

9

Welcher verstorbene Sänger wurde

mit einer Gedenkmünze geehrt – mit

Genehmigung von König Charles III.?

T) George Michael

D) Freddie Mercury

M) David Bowie

Z) Deutschland

10

Welches Land führte dieses

Jahr die erleichterte Änderung

des Geschlechtseintrags und

Vornamens ein?

X) Österreich

Y) Schweiz

11

Welcher erste Deutschschweizer

Kanton verankerte die Gleichstellung

von LGBTIQ explizit im

Gesetz?

B) Zürich

U) Basel-Stadt

E) Genf

12

Wer erklärte die eigene trans

Tochter Vivian Jenna Wilson in

einem Interview für tot?

N) Elon Musk

C) Cher

M) Jamie Lee Curtis

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13

Story — 9

Wie heissen der erste schwule

Jodlerclub und der erste feministische

Jodelchor der Schweiz?

T) Männertreu & das Echo

vom Eierstock

S) Kummerbuben &

Streicheltreichlerinnen

Bild: Christian Felber

A) Adamsapfel & die

Kehlchen von Eva

14

Wie viele queere Athlet*innen

nahmen teil an den Olympischen

Spielen in Paris?

E) mindestens 108

J) mindestens 18

H) mindestens 81

15

Welchen Namen trägt die

MANNSCHAFT-Playlist?

R) Can't Get It Out

Of My Head

F) We Are Family

Ü) Oops . . . I Played

it again

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Story — 9

16

Wie alt ist die Antidiskriminierungsstelle

in Wien geworden?

Ä) 35 Jahre

Ö) 15 Jahre

M) 25 Jahre

17

Welcher ehemalige, schwule

Sportprofi veröffentlichte dieses

Jahr seine Autobiografie?

Z) Hape Kerkeling

T) Ralf Schumacher

R) Thomas

Hitzlsperger

18

In welchem Jahr gründeten

Thomas Künzi und Greg Zwygart

die MANNSCHAFT in Bern?

A) 2020

U) 2001

E) 2010

19

Welcher nicht-binäre Musicact

outete sich dieses Jahr als

pansexuell?

H) DJ Bobo

Y) Troye Sivan

G) Felix Jaehn

Winter 2024/25

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Story — 9

20

Welches Land hat jüngst die Ehe

für alle erlaubt?

O) Tansania

L) Türkei

E) Thailand

W) Ellen DeGeneres

21

Welche lesbische Ikone hatte

eine Affäre mit Madonna und

Angelina Jolie?

Bild: chrisweger /CC BY-SA

N) Jenny Shimizu

P) Portia de

Rossi

22

Welcher schwule Autor wäre

am 30. September 100 Jahre alt

geworden?

J) Oscar Wilde

X) James Baldwin

B) Truman

Capote

128 Winter 2024/25


Story — 9

23

Bei den Wahlen in Österreich ging die rechtsextreme

und queerfeindliche FPÖ als stimmenstärkste

Partei hervor. Wie viele queere Politiker*innen

waren es, die es im Oktober in den

Nationalrat geschafft haben?

L) 2

V) 8

O) 5

24

Welche dieser Songs werden

dieses Jahr 40 Jahre alt (Mehrfachnennungen

möglich)?

G) Girls Just Want to

Have Fun von Cyndi

Lauper

E) Thriller von Michael

Jackson

N) Last Christmas

von Wham!

Lösungswort:

Gewinne

eines von

fünf Jahresabos.

1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26

Schreibe die Buchstaben der richtigen Antworten chronologisch auf, um das lange Lösungswort zu

finden. Scanne den nebenstehenden QR-Code und trage das Lösungswort in das Onlineformular ein.

Teilnahmeschluss: 31. Dezember 2024.

Winter 2024/25

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COMIC

IMPRESSUM

Mannschaft Magazin Nr. 119, Winter 2024/25, Ausgabe für die Schweiz, Deutschland, Österreich und Liechtenstein

Auflage 22 000 Ex. Abo service Mannschaft Magazin ist im Abo (CHF 79/EUR 59 Jahr) sowie im Spezialabo für Studierende/Lernende

und Menschen ab 65 (CHF 49/EUR 39 Jahr) erhältlich, mannschaft.com/shop, kontakt@mannschaft.com

Herausgeberin Lautes Haus GmbH, Blumensteinstrasse 2, CH-3012 Bern Redaktionsverantwortung Denise Liebchen,

Greg Zwygart Art Direction Sandro Soncin Bildredaktion Raffi p.n. Falchi Korrektorat Curdin Seeli, Schaumkino

Anzeigenverkauf Christina Kipshoven, medien@lauteshaus.com Druck Radin Print Rechtschreibung Mannschaft

Magazin nimmt die Schweizer Rechtschreibung als Vorlage. Urheberrecht Jegliche Wiedergabe und Vervielfältigung

von Artikeln und Bildern ist nur mit ausdrück licher Genehmigung des Verlags gestattet. Mannschaft Magazin

erscheint quartalsweise. Die nächste Ausgabe erscheint am 19. März 2025.

FSC

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NICHT

NACHWEISBAR

ABER

DEUTLICH

SPÜRBAR

Welche Bedeutung hat das U=U-

Statement für meine Lebensqualität?

Agenturfoto. Mit Models gestellt

Eine Initiative von Gilead für ein

positives Leben mit HIV

10/2024 CH-UNB-0796


Geniessen können muss man können. Kann man lernen.

Am liebsten hier. Inmitten einzigartiger Winterlandschaften.

Auf endlosen Pisten, Loipen und verschneiten Wanderwegen.

Draussen in warmen Bädern und drinnen in heissen Saunen.

In gemütlichen Fondue-Stübli und in Gourmet-Küchen.

Eigentlich überall hier oben. Denn hier ist Geniessen einfach.

Hier hat alles Zeit. Willkommen in Gstaad.

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