Baumeister 1/2025
Weniger
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B1
BAU
Januar 2025
122. JAHRGANG
Das Architektur-
Magazin
MEISTER
Weniger
4 194673 018502
01
D 18,50 €
A,L 20,95 €
CH 2 4 , 9 0 S F R
Herzlich
willkommen
COVERFOTO: RAFAEL GARCIN/UNSPLASH
TITELBILD Goldene Opulenz wie
an der reich ver zierten Decke
im Königspalast von Turin
sollte der Vergangenheit angehören.
Wir konzen trieren uns
in dieser Ausgabe auf eine zurückhaltendere
Gestaltung.
… im neuen Jahr, liebe
Leserinnen und Leser! Wir
starten 2025 mit einem
Thema, das aktueller nicht
sein könnte – und doch so zeitlos scheint wie die immer
wiederkehrenden Silvestervorsätze: weniger. Denn
„weniger“ ist nicht nur ein Lebensmotto, sondern längst
auch die Devise einer Branche, die zwischen Nachhaltigkeit,
Sparzwängen und den Überbleibseln neo liberaler
Wohlstandsversprechen balanciert.
Es geht in dieser Ausgabe jedoch nicht darum, einfach auf
das Offensichtliche zu verzichten. Nein, wir fragen, wie
man mit weniger Ressourcen mehr erreichen kann: weniger
Bauzeit, weniger Technik, weniger Material – und doch
möglichst ohne den Verlust von Qualität, Komfort oder gar
Stil. Es klingt wie ein hehres Ziel oder vielleicht eher wie
eine Ausrede für stagnierende Baustellen und leergefegte
Innenstädte. Doch hinter dem Minimalismus steckt mehr
als der bloße Chic. Er ist, vielleicht unfreiwillig, das Sinnbild
unserer Zeit: ein ständiger Drahtseilakt zwischen
ökologischen Ambitionen und ökonomischen Realitäten.
Dass „weniger“ tatsächlich funktionieren kann, zeigen
uns die Projekte in dieser Ausgabe. Architekten auf der
ganzen Welt loten aus, wie Materialreduktion, Lowtech-Ansätze
oder minimalistisches Design die Branche
voranbringen können. Es geht dabei nicht nur um Nachhaltigkeit,
sondern auch um kluge Gestaltung – darum,
mit wenig viel Wirkung zu erzielen. Gleichzeitig werfen
wir einen kritischen Blick darauf, wann „weniger“ zur
Zierde verkommt oder lediglich eine hübsche Verpackung
für das „Zu wenig“ ist. Außerdem stellen wir mit Erstaunen
fest, dass der Markt längst verstanden hat, wie profitabel
das „Weniger“ sein kann.
Ja, die stillstehenden Baustellen bleiben ein Symbol unserer
Zeit – angefangene Projekte, die sich zwischen Kostenexplosion
und politischer Lethargie verlieren. Aber trotzdem
blicken wir positiv in die Zukunft. Denn während die
Politik in Deutschland dieser Tage im selbst verschuldeten
Chaos versinkt, gehen Architekten, Designer und Bauherren
längst voran. Sie beweisen, dass man mit intelligentem
Design und neuen Denkansätzen auch im Krisenmodus
zukunftsweisende Architektur schaffen kann.
Lassen Sie uns also gemeinsam auf das Jahr 2025 blicken –
mit weniger Ballast, aber umso mehr Hoffnung auf
kluge Lösungen und vor allem weniger Zweifel. Ich wünsche
Ihnen ein erfolgreiches, gesundes und inspiriertes
neues Jahr!
Außerdem hoffe ich, dass Ihnen unsere feinen Layout- und
Designanpassungen zusagen, mit denen wir unseren BAU-
MEISTER nochmal leserfreundlicher daherkommen lassen
möchten. Ich freue mich sehr auf Ihr Feedback!
Herzlichst,
Tobias Hager
Chefredakteur
t.hager@georg-media.de
03
Ideen
„Weniger“ ist bekanntlich mehr. Ein Gebot in Zeiten
der Nachhaltigkeitsdebatten. Doch wie weit sollte das
Reduzieren gehen? Über die Kunst des Weglassens
16 Umbau eines
Supermarkts
in Karwe
26 Lager- und
Produktionshalle
in Altenkirchen
34 Nachverdichtung der
Pappelhöfe
in Langenthal
52 Pilotprojekt Holz-Ziegel-Lehm
in Berlin
64 Mini-Apartment
in Rotterdam
72 Flexibel wohnen
in München
Positionen
Seite 44
Warum brauchen wir
einen Gebäudetyp E?
Seite 47
Weniger Asphalt
Seite 62
Wann ist weniger
wirklich mehr?
15
Eine typische Situation bei
Umbauprojekten: Im Bauverlauf
musste mehr Substanz
ersetzt werden als zunächst
beabsichtigt. Trotzdem
hielten die Architekten am
ursprünglichen Entwurf
fest, und so entstand ein ungewöhnliches
räumliches
Konzept, das gut funktioniert
und flexibel ist.
S TANDORT
Karwe, Neuruppin,
Brandenburg
BAUHERR
Johanna Meyer-
Grohbrügge und
Sebastian Behmann,
Berlin
ARCHITEKTUR
Meyer-Grohbrügge, Berlin,
und
Studio Other Spaces, Berlin
TEAM MEYER-GROHBRÜGGE
Johanna Meyer-Grohbrügge,
Nina Gromoll,
Thibault Trouve
TEAM STUDIO OTHER SPACES
Sebastian Behmann,
Benjamin Albrecht,
Laura Freiling
TRAGWERKSPLANUNG
ifb Frohloff Staffa
Kühl Ecker,
Berlin
BAUPHYSIK
Müller-BBM, Berlin
FERTIGSTELLUNG
2022
Viereck, Dreieck,
Viereck
ARCH I TE K T U R
Meyer-Grohbrügge mit
Studio Other Spaces
FOTOS
Thomas Meyer/
Ostkreuz
TEXT
Florian Heilmeyer
Einst ein Standort der ehemaligen genossenschaftlichen
DDR-Supermarktkette Konsum, blieb
das Gebäude in Karwe, einem Dorf am
Neuruppiner See in Brandenburg, 25 Jahre lang
Ruine. 2017 erwarben Johanna Meyer-Grohbrügge
und Sebastian Behmann das desolate Bau -
werk gemeinsam und machten daraus ein
Archi tekturprojekt.
17
OBEN Die Straßenseite. Anstatt
als Ferienhaus Privatbesitz zu
bleiben, zielt der Entwurf darauf
ab, das Gebäude in der Dorf -
mitte künftig leicht wieder in
einen öffentlichen Raum zurückzuverwandeln.
UNTEN Unfreiwillige Rekonstruktion:
Beim Abtragen der morschen
Dachsparren gab es eine
böse Überraschung. Die Wände
hatten tiefe Risse und konnten
nicht erhalten werden. Da die
Baugenehmigung bereits erteilt
war und alle Firmen beauftragt
waren, entschlossen sich die
Architekten, die Wände „über
Nacht“ mit Blähtonsteinen neu
aufzubauen.
20 B1 / 25 – WENIGER IMPULS IDEEN INSPIRATION
In Karwe, einem kleinen Dorf am Ostufer des Neuruppiner
Sees, etwa eine Autostunde nordwestlich von Berlin,
stand der örtliche Konsum schon seit über 20 Jahren leer.
Von dem kleinen Mauerwerksbau aus den 1950er-Jahren
war nur eine Ruine übrig, die an einem Knick der Landstraße
ungefähr die Dorfmitte markiert. Bis 2017 die beiden
Berliner Architekten Johanna Meyer-Grohbrügge und
Sebastian Behmann auf das kleine Gebäude aufmerksam
wurden und Lust hatten, daraus ein Wohnhaus zu machen
für die kleine, aber regelmäßige Stadtflucht.
Vom Bestand wollten sie das Maximum erhalten. Um den
quadratischen Grundriss der fünf kleinen Räume –
13 auf 13 Meter mit Verkaufsraum, Lager, Anschlüssen,
Technik – legten sie einen zweiten Grundriss, der mit
19 auf 19 Meter ebenfalls ein Quadrat bildet, aber gegen den
Bestand um exakt 45 Grad gedreht wird. So entstehen an
drei Seiten neue Erweiterungsräume als Dreiecke mit raumhoch
verglasten Außenwänden. Sie wirken als ungeheizte
Wintergärten wie ein Klimapuffer rings um den robusten
Kern mit seinen Mauerwerkswänden. Nur zur Straße hin
haben sie das Dreieck gekappt. Hier ist die Wand jetzt
hellgrau gestrichen und bis auf das auffällige, silberne Falttor
vollständig geschlossen. In den Mauerwerkssockel
unter dem Tor ist ein Loch geschnitten, das ein robustes und
gefaltetes Profilblech als Schwelle zwischen privat und
öffentlich ausfüllt. Das erinnert an die Eingänge zu Scheunen
oder Nebengelassen in der ländlichen Umgebung.
Selbst der silbern gebogene Standard-Briefkasten wird so
zu einem kleinen Statement, das den Autor unwillkürlich an
die legendären, amerikanischen Airstream-Wohnwagen
denken lässt.
LEICHTGEWICHTIGE ADDITIONEN
Überhaupt ist der ganze Entwurf von heiterer Leichtigkeit.
Das alte Dach wurde ganz entfernt und durch eine kräftige,
leicht begrünte Holzkonstruktion ersetzt. Die holzsichtige
Dachkante hat ungefähr die gleiche Dimension wie der
Mauerwerkssockel, sodass sich der Eindruck eines leichtgewichtigen
Sandwichs ergibt, das man jederzeit einfach
wegnehmen und an anderer Stelle wieder absetzen könnte.
Die tiefliegenden Glasfassaden lassen bequem Platz für die
139er-Stahlrohre, die, zum Teil schräg stehend zu Dreiecken
gebündelt, das Dach tragen. Mit raumhohen Vorhängen
können die Bewohnerinnen und Bewohner jederzeit
ein angemessenes Maß an Privatheit in den Wintergärten
herstellen.
Ganz so einfach, wie es aussieht, war der Umbau dann aber
doch nicht. Beim Entfernen der morschen Dachsparren
entstanden große Risse in den Mauerwerkswänden, die also
abgerissen werden mussten. Die Baugenehmigung war
jedoch bereits erteilt, die Firmen waren beauftragt. So entschlossen
sich Behmann und Meyer-Grohbrügge, die alten
Wände „über Nacht“, wie sie sagen, wieder aufzubauen,
dieses Mal mit Blähtonsteinen, die ihres geringen Gewichts
und der wärmedämmenden Eigenschaften wegen als nachhaltiges
Material gelten. Eine zusätzliche Dämmung dieser
Wände war nicht nötig, sodass das Haus innen so wunderbar
unfertig bleibt, wie man es vor allem von belgischen
Hausumbauten kennt. „Man könnte sagen“, so Meyer-
Grohbrügge, „dass es sich um eine unfreiwillige Rekonstruktion
handelt, oder eben ein Umbauprojekt, bei dem die
vorhandene Bodenplatte erhalten blieb und die Innenräume
als Präsenz im Dorf bewahrt wurden. Wären wir von
Anfang an vom Abriss der Wände ausgegangen, wäre wohl
ein ganz anderes Haus entstanden.“
RÄUMLICHE VIELFALT
Einer der überraschendsten Räume findet sich direkt hinter
dem silbernen Eingangstor. Denn das Dach über dem ehemaligen
Verkaufsraum wurde entfernt, sodass man von
außen direkt in einen kleinen Innenhof tritt. Rings um den
Hof und an der Eingangswand musste das Mauerwerk gegen
Feuchtigkeit hellgrau geschlämmt werden. Die Struktur der
Steine bleibt allerdings überall sichtbar. Der Hof wird zum
zentralen Verteilerraum, über den alle anderen Räume direkt
erreichbar sind. Die Vielzahl an Verbindungen aller Zimmer,
des Innenhofs und der Wintergärten schafft eine Vielzahl
an Wegen, Abkürzungen und Nutzungskombinationen.
Dieser Wegereichtum in dem kleinen Haus ergibt zusammen
mit den Glasfassaden eine erstaunliche Weite.
Im Innenhof sollte ursprünglich auch eine Wendeltreppe
aufs Flachdach führen. Der „begehbare Garten“ sollte
im Kontrast zur Umgebung wild und naturbelassen sein, in
dem nur wächst, „was durch den Wind gesät wird“, sagt
Meyer-Grohbrügge. Die Ausführung aber ist zunächst vertagt,
„bis wieder Geld da ist“. Fallen lassen will sie den Plan
nicht, dafür ist das Dach zu wichtig. Von dort oben kann
man bis zum See schauen und den Sonnenuntergang am
waldigen Horizont erleben. Meyer-Grohbrügge sagt, dass
der Konsum zudem das einzige Flachdach im ganzen Dorf
hat und dass man dessen Potenzial zeigen möchte.
Die drei Wintergärten bleiben ohne fest definierte Funktion.
Sie können je nach Jahreszeit als Erweiterungszonen
um den Kern genutzt werden. Im Kern selbst bleiben hingegen
Küche, Schlafen, Bad und Hausanschlussraum. Dieses
Thema verknüpft sich wiederum mit anderen zeitgenössischen
Hausbauten in Brandenburg, bei denen mit beheiztem
Kern und flexiblen Erweiterungsflächen experimentiert
wird – etwa bei der „Anti-Villa“ von Arno Brandlhuber in
Krampnitz, dem „Thermo-Haus“ von Praeger Richter
Architekten in Guben oder dem Wohnhaus „Where the
Wild Morels Grow“, das c/o now in Schmergow in eine leerstehende
Lagerhalle einbauen ließen. Mit den steigenden
Immobilienpreisen in Berlin scheint es, als müsste man für
gut gemachte Architektur, innovativ und spielfreudig,
aktuell vor allem ins Umland fahren.
WEITER
21
Die 60 Meter lange Halle
S//46 im Industrieund
Gewerbegebiet von
Altenkirchen
S TANDORT
Altenkirchen
BAUHERR
Schumann Project
GmbH
ARCHITEKTUR
Aretz Dürr Architektur, Köln
TEAM
Sven Aretz, Jakob Dürr,
Ben Schumann
TRAGWERK HOLZBAU
Ripkens Wiesenkämper
Beratende Ingenieure PartGmbB
FERTIGSTELLUNG
2024
Einfach
lagern
ARCH I TE K T U R
Aretz Dürr
FOTOS
Ben Schumann
INTERVIEW
Helke Kölschbach
Die neue Lagerhalle in Altenkirchen, entworfen von
Aretz Dürr Architektur für die Schumann Project GmbH,
überzeugt durch ihre klare „Träger auf Stütze“-
Konstruktion und nachhaltige Bauweise. Mit einem
Fokus auf Langlebigkeit und Wandelbarkeit nutzt
das Gebäude Holz als zentrales Element und bietet
eine flexible Produktionsstätte, die sich ideal an
zukünftige Anforderungen anpassen lässt.
27
OBEN Lichtdurchflutet: Polycarbonat-Mehrkammerelemente
sorgen für helle Räume und
hohe Wärmedämmung.
UNTEN Für eine natürliche Be- und
Entlüftung sind die Rauchabzugsöffnungen
im Dach zusammen
mit der Kippfunktion der Tore
zuständig.
RECHTE SEITE Die Trägerquerschnitte
mit 24 x 120 Zentimetern bilden
das Tragwerk durch eine gezielte
Verteilung der Dachlasten und
sorgen für eine strukturelle Ordnung.
Im Sommer und Winter
dient die massive Bodenplatte als
Speichermedium für solare
Zugewinne, aber auch als Kühlspeicher
im Sommer.
30 B1 / 25 – WENIGER IMPULS IDEEN INSPIRATION
Die Schumann Möbelwerkstätte ist ein traditionsreiches
Unternehmen, das sich auf den Entwurf und die Realisierung
von Designprojekten, Möbeln und Wohnräumen
spezialisiert hat. Das 1890 gegründete Unternehmen blickt
auf über 130 Jahre Erfahrung im Möbel- und Innenausbau
zurück. Da liegt der Wunsch nach einem repräsentativen
Lager nahe, den die Architekten Aretz Dürr erfüllen
konnten.
BAUMEISTER Welche Bauaufgabe stand im Fokus, und welche
Vorstellungen und Wünsche hatte der Bauherr Schumann
Project GmbH für das Projekt?
ARETZ DÜRR Auftrag war die Konzeption und Umsetzung einer
Lagerhalle, die kurz-, mittel- oder langfristig erweitert
und oder als Produktionsstätte genutzt werden kann. Der
Gedanke der Langlebigkeit, Wandelbarkeit und Robustheit
als Grundgedanke einer ganzheitlichen Betrachtung stand
hier im Vordergrund.
Die Bedarfe der Schumann Project wachsen; die langfristigen
Nutzungsszenarien der Räumlichkeiten können
nicht immer punktgenau prognostiziert werden. Daher galt
es, in der Grund-DNA der Halle die maximalen Möglichkeiten
durch Erweiterbarkeit, Teilbarkeit und Nutzbarkeit
an zu legen. Gewünscht war die Ausführung als Holzkonstruktion.
BAUMEISTER In welcher Umgebung befindet sich die Halle?
Handelt es sich um ein klassisches Gewerbegebiet oder um
ein grünes Umfeld, das die zurückhaltende Gestaltung
der Halle begünstigt hat?
ARETZ DÜRR Die Halle liegt in einem Industriegebiet mit einem
gigantischen Potenzial des naturräumlichen Kon texts
des Westerwalds. Gerade hier gilt es, Bauwerke sensibelzurücknehmend,
leicht-transparent und angemessen
entstehen zulassen. Darauf legt auch die Bauherrschaft
größten Wert.
BAUMEISTER Was waren die Gründe für den zügigen Bauablauf ?
Spielten Materialverfügbarkeit oder -wahl eine Rolle?
Warum fiel die Wahl auf Holz, und welche Überlegungen
führten zu dieser spezifischen Konstruktion?
ARETZ DÜRR Konstruiert ist die Halle nach dem Prinzip von
Trägern auf Stützen. Die 40 Meter langen Leimholz binder
im Achsabstand von sechs Metern spannen 24 Meter frei
und kragen gen Osten und Westen weitere acht Meter
aus. Durch Koppel- und horizontale Druckstäbe verbunden
und mit Trapezblech eingedeckt, wird das fein austarierte
und weit auskragende Tragwerk durch die gezielte Verteilung
der Dachlasten in Kombi nation mit der strukturellen
Ordnung optimiert; es entstehen Trägerquerschnitte
von 24 auf 120 Zentimetern.
WEITER
31
Weniger
Asphalt
POSITION
Die Projektbeschreibungen
stammen von Helke Kölschbach (HK),
Julia Korn (JK), Laura Puttkamer (LP),
Arian Schlichenmayer (AS) und Julia Treichel (JT),
zusammengestellt von der Redaktion G+L.
FOTO: EGOR MYZNIK/UNSPLASH
Stadtoasen können Orte zum Durchatmen
an heißen Sommertagen sein, bei Lärmreduktion und
Überflutungsschutz unterstützen, zum Mikroklima
der Stadt und zum Hitzeschutz beitragen. Selbst kleine
grüne Nischen bilden so komplementär eine wertvolle
Ergänzung zur Architektur. Idealerweise werden
die Oasen von Anfang an mitgedacht.
47
Rund um die Dresdner Altstadt entsteht ein
Promenadenring, der die Außenkante der
Altstadt definiert und den Verlauf der
früheren Festungsanlage wieder erlebbar
macht. Dieser grüne Gürtel bietet hohe
Aufenthaltsqualität und macht die Stadt
klimafitter. Das Studio plancontext hat den
westlichen Promenadenring entworfen,
realisiert zwischen 2020 bis 2022. Es wählte
klare, räumliche Kanten, die durch einen
breiten Granitrahmen und eine umlaufende
Platanen-Baumreihe gebildet werden.
Leicht abgesenkte Wiesenflächen zeigen,
wo früher der Festungsgraben verlief.
Zusammen mit überarbeiteten Brunnenanlagen
auf den Plätzen hat das Projekt einen
hohen Stellenwert für die Klimaanpassung
der Dresdener Innenstadt und bildet als
breiter Boulevard rund um die Innenstadt
eine Verbindung zwischen den begrünten
Stadträumen. (LP)
ORT
Westlicher Promenadenring in Dresden
PLANUNG
Plancontext
Zuvor prägten den Straßenraum
vor der Schule in der
Wiener Pfeilgasse Autos,
Parkplätze und Asphalt. Nun
finden sich dort Grünräume
und eine neue Pflasterung,
die Autos sind verschwunden,
die Wege dienen Fußgängern und Fahrrädern.
Bunte Sitzgelegenheiten sind zwischen
attraktiven, buntblühenden Staudenflächen
platziert. Möglich gemacht hat diese Verwandlung
des Schulvorplatzes die Stadt
Wien, die das Büro Korbwurf Landschaftsarchitektur
mit der Neugestaltung der
Fläche beauftragte, da der Bezirk Josefstadt
dicht bebaut ist, über wenig Grünflächen
verfügt und demzufolge auch ein Hitze-Hotspot
der Stadt ist. Inzwischen ist mit dem
vorhandenen Baumbestand und der Neubepflanzung
eine wahre Kühloase entstanden,
nebst Wasserspiel und Sprühnebel. (JK)
ORT
Pfeilgasse in Wien-Josefstadt
PLANUNG
Korbwurf Landschaftsarchitektur
OBEN Ein Teil des neuen Dresdner
Grüngürtels, derzeit das
wichtigste Grünprojekt der Stadt
LINKS Die Autos vor der Wiener
Schule wurden verbannt
und machen blühenden Stauden
Platz.
FOTO OBEN: LICHTSCHWÄRMER/CHRISTO LIBUDA; UNTEN: SEBASTIAN SCHUBERT/ARCHITEKTUR-BILD.AT
48 B1 / 25 – WENIGER IMPULS IDEEN INSPIRATION
Inspiration
Die Messe BAU 2025 steht an. Zwar zeigt sie sich in der
Vorausschau auf die Produkte und Innovationen immer
noch eher zurückhaltend im Vergleich zu den Jahren
vor der Pandemie, doch wird auch deutlich: Der Sanierungs -
sektor gewinnt maßgeblich an Bedeutung.
80 Weitwinkel:
Tiny Living
im Trend
86 Branchenfeature:
Der Mittelstand
in der Baukrise
89 Innovationen:
Vorschau auf die
BAU 2025
Rubriken
Seite 83
Kleines Werk
Seite 84
Unterwegs
Seite 96
Referenz
Seite 98
Vorschau
und
Impressum
79
Weniger
Raum,
mehr Leben
W E I T W I N KE L
Tobias Hager
Ein kleiner Raum zwingt dazu, Besitz kritisch zu
hinterfragen – das kann befreiend sein.
So gibt es nur Platz für Dinge, die man wirklich braucht.
Für Architekten eine gewohnte Übung: durch
Reduktion zur Perfektion
Warum
Tiny Living die
Freiheit
zurückbringt
80 B1 / 25 – WENIGER IMPULS IDEEN INSPIRATION
Nicht nur für die Ferien: Wohnen
auf kleinem Raum wie hier
in Yallingup, Westaustralien,
fällt leichter mit einem ansprechenden
Freiraum ringsum.
Man stelle sich vor: ein
Leben ohne Keller, Dachboden
oder ungenutzte Ecken,
in denen Kisten mit alten
Urlaubsandenken Staub
ansetzen. Keine Schränke voller „Was-wäre-wenn“-Kleidung,
kein Gästezimmer, das nur einmal im Jahr benutzt
wird. Stattdessen: 20 Quadratmeter, auf denen alles Platz
hat, was man wirklich braucht. Willkommen in der Welt
des „Tiny Living“ – einer Lebensweise, die nicht nur Platz
spart, sondern auch die Architekturwelt und unsere Vorstellungen
von Komfort radikal hinterfragt.
Tiny Living ist keine Kapitulation vor Platzmangel, sondern
ein rebellisches Manifest gegen übermäßigen Konsum
und Platzverschwendung. Es ist ein architektonisches
Experiment, das sich fragt: Was passiert, wenn wir den
Raum, in dem wir leben, auf das Wesentliche reduzieren –
und dafür unser Leben erweitern?
DER URSPRUNG: ARCHITEKTEN ALS MINIMALISTEN?
NA KLAR!
FOTOS: RACHEL CLAIRE
Das „Tiny House“ ist die architektonische Antwort auf die
Big-Mac-Mentalität der letzten Jahrzehnte: mehr, größer,
teurer. Die Bewegung entstand als Protest gegen überdimensionierte
Einfamilienhäuser, die mehr Statussymbol als
WEITER
81
funktionales Zuhause waren. Jay Shafer, Architekt und
Pionier der Tiny-House-Bewegung, brachte 1999 das erste
„wirklich winzige“ Haus auf die Bühne: zwölf Quadratmeter
auf einem Anhänger. Seine Idee? Platz ist kein Luxus,
sondern eine bewusste Entscheidung.
Technologien gebaut wurde, ist kein Verzicht, sondern eine
bewusste Entscheidung für Qualität über Quantität.
DIE GESELLSCHAFTLICHE DIMENSION:
KÖNNEN TINY HOUSES DIE WELT RETTEN?
Tiny Houses sind dabei weit mehr als Miniaturen des klassischen
Hauses. Sie sind sorgfältig durchdachte Bauwerke,
die durch ihre Reduktion zur Perfektion streben. Jedes
Detail – von der Treppe, die gleichzeitig als Schrank dient,
bis zur cleveren Platzierung von Fenstern für maximale
Lichtnutzung – ist ein Statement gegen Verschwendung
und für Funktionalität. Die Bewegung hat weltweit
Anhänger gefunden, von Japan bis Skandinavien, wo Minimalismus
ohnehin zum kulturellen Selbstverständnis
gehört.
ARCHITEKTONISCHE PRINZIPIEN:
WENIGER QUADRATMETER, MEHR INNOVATION
Wie plant man ein Haus, in dem der Platz so kostbar ist wie
eine Bauparzelle in der Berliner Innenstadt? Mit Intelligenz
und einem guten Sinn für Humor, könnte man sagen. Im
Tiny House ist nichts überflüssig, und doch gibt es für fast
alles Platz. Der Schlüssel liegt in multifunktionalem Design.
Ein Beispiel: eine Sitzbank, die sich zur Gästecouch ausklappen
lässt, darunter Stauraum für Bettwäsche. Eine
Wand, die nicht nur Träger ist, sondern auch eine ausklappbare
Arbeitsfläche beherbergt. Oder die berühmte Schubladentreppe,
die sowohl als Zugang zum Schlaf bereich dient
als auch Töpfe, Schuhe oder Bücher verstaut.
Tiny Houses sind mehr als ein Trend. Sie sind eine mögliche
Antwort auf die drängenden Fragen unserer Zeit:
Wohnraumkrise, Klimawandel und Konsumüberf luss. In
Deutschland könnten Tiny Houses in städtischen Randgebieten
oder als temporäre Lösungen für Obdachlosigkeit
eingesetzt werden.
Ein weiterer Pluspunkt: Gemeinschaft. Viele Tiny-House-
Bewohner schließen sich zu „Tiny Villages“ zusammen, in
denen Gemeinschaftsflächen wie Gärten oder Werkstätten
geteilt werden. Dies ist nicht nur nachhaltig, sondern
schafft auch sozialen Zusammenhalt.
FAZIT:
KLEIN DENKEN, GROSS TRÄUMEN
Tiny Living ist kein Rückschritt, sondern ein bewusster
Schritt nach vorne. Es fordert die Architektur heraus,
Räume zu überdenken, und erinnert uns daran, dass Größe
nicht gleich Komfort bedeutet. Und obwohl ein Tiny House
nicht für jeden geeignet ist, kann die Philosophie des
Weniger für alle inspirierend sein. Vielleicht brauchen wir
nicht unbedingt ein Tiny House – aber vielleicht einen
„Tiny Mindset“: weniger Dinge, mehr Leben.
Doch die Architektur dieser Mini-Häuser geht über cleveres
Design hinaus. Tiny Houses sind oft Vorreiter in Sachen
nachhaltiges Bauen: recycelte Materialien, Solarenergie,
Regenwassernutzung – hier wird das Haus zur persönlichen
Umwelt-Oase. Es ist die perfekte Verbindung von
Funktionalität und Ethik, eine Art „grüne Bauhaus-Idee“ in
Miniaturform.
DIE PHILOSOPHIE:
REDUKTION ALS GEWINN
Tiny Living bedeutet nicht nur, weniger Platz zu nutzen. Es
ist ein komplettes Umdenken im Umgang mit Besitz und
Komfort. Die Bewohner dieser Häuser stellen sich eine radikale
Frage: „Was brauche ich wirklich?“ Die Antwort ist oft
überraschend bescheiden. Ein kleiner Raum zwingt dazu,
Besitz kritisch zu hinterfragen – und das kann befreiend sein.
Architekten sehen Tiny Houses als Möglichkeit, Wohnräume
neu zu definieren: nicht als Statussymbol, sondern
als Instrument zur Verbesserung der Lebensqualität. Der
Clou? Diese minimalistische Lebensweise bietet oft mehr
Komfort, als man erwarten würde. Ein Tiny House, das mit
hochwertigen Materialien, gutem Design und modernen
82 B1 / 25 – WENIGER IMPULS IDEEN INSPIRATION