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Restauro 1/2025

Kunstmetropolen um 1900

Kunstmetropolen um 1900

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MAGAZIN ZUR ERHALTUNG DES KULTURERBES

01/2025 KUNST-METROPOLEN UM 1900


EDITORIAL

3

Liebe Leserin, lieber Leser,

wie fühlt es sich wohl an, wenn eine ganze Epoche auf einmal goldene

Kuppeln, florale Ornamente und drachenförmige Fassaden hervorbringt?

Willkommen im neuen Jahr und vor allem in den Kunstmetropolen um

1900, einer Zeit, in der Künstler die Grenzen des Schönen neu definierten

– und damit ebenso ihre Kritiker auf den Plan riefen. Während die einen

von „frechen Monstern“ wie dem Münchner Hofatelier Elvira schwärmten,

spotteten andere über „asiatische Provinzen“ wie Wien. Das Publikum war

jedenfalls elektrisiert.

Diese Ausgabe der Restauro nimmt Sie mit auf eine Reise durch die großen

Zentren des Jugendstils. Von Wien, wo Olbrich, Klimt und Hoffmann

die Secession als „Krauthappel“ in den Himmel oder ins Kreuzfeuer katapultierten,

über München, die Stadt der „Jugend“, bis nach Berlin, das mit

seiner Vielseitigkeit Kaiser Wilhelm II. gehörig auf die Nerven ging.

Doch auch in Berlin finden sich Spuren des Jugendstils. Die Hackschen

Höfe ziehen auch heute noch in den Bann. Zudem entführen wir Sie in die

Welt der Theaters. Und falls Sie dachten, Möbel seien damals langweilig gewesen,

belehren uns die Quadrate der Wiener Werkstätte eines Besseren.

Unsere Artikel beleuchten nicht nur die Kunst, sondern auch die Menschen

und Kämpfe dahinter. Es ging nicht allein um Ornamentik, sondern

um Visionen – vom Gesamtkunstwerk bis zur Reform des Alltags. Und

auch, wenn Karl Kraus sich über Jugendstil-Hirnwindungen mokierte, ist

eines klar: Die Bewegung hat unsere Vorstellungen von Kunst und Leben

nachhaltig geprägt.

Ich freue mich auf Ihr Feedback und wünsche Ihnen viel Vergnügen beim

Blättern durch diese faszinierende Ära der Neuerfindung!

Herzlichst, Tobias Hager & Team

t.hager@georg-media.de

instagram: @restauro_zeitschrift

Liebe Leserin, lieber

Leser,


4 INHALT

6

Secessionsbewegungen

10

Der geplatzte Traum

16

Alles Theater!

22

News

24

Eine Preziose wird

verjüngt

S. 16

30

News

34

„Fantasiereich und

enorm vielfältig“

40

Peche Pop

46

Wandelbar wie ein

Chamäleon

S. 11


KUNSTMETROPOLEN UM 1900

7

1

1898 wurde in München

die Zeitschrift

„Jugend“ gegründet.

Die Magazin war

Namenspatin für den

Jugendstil. Neben weiteren

Künstlerinnen und

Künstlern entwarf auch

Richard Riemerschmid

auch Titelblätter für die

Zeitschrift.


8 KUNSTMETROPOLEN UM 1900

„Ein Gefühl von Unruhe und mangelnder Befriedigung beherrschte uns um 1890 so allgemein“,

resümierte Henry van de Velde im Rückblick. Wie er befanden sich viele Künstler

zum Fin de Siècle in der Sinnkrise. Den Ausweg bot eine internationale Bewegung

in der westlichen Kunst, die viele Ausdrucksformen hatte – in Mitteleuropa war es vor

allem der Jugendstil. Mit seinen geschwungenen Linien und Ornamenten prägte dieser

alle gestalterischen Genres – vom Handwerk über die Innenausstattung und die Architektur

bis hin zur Grafik. Wichtige Secessions- und Reformbewegungen kamen in den

Metropolen Wien, München und Berlin auf. Gemeinsam war ihnen die Abwendung von

Historizismus und Eklektizismus sowie Einflüssen der Industrialisierung.

„Wenn ich damals in Paris von Wien gesprochen habe, hat es

stets geheißen, ‚Là bas? C’est en Roumanie? N’est-ce pas‘? Wir

waren eine asiatische Provinz“, erinnerte sich der Schriftsteller

Hermann Bahr. Zwischen 1880 und 1890 sei Wien in „Kunstsachen

von Europa ausgeschaltet“ gewesen. Doch zehn Jahre

später sah die Situation ganz anders aus.

Gustav Klimt, Josef Hoffmann und weitere junge Künstler leiteten

einen Umbruch ein, als sie sich 1897 von der konservativen

Tradition des Wiener Künstlerhauses distanzierten. Um

dem Akademismus ein Gegengewicht zu setzen, gründeten

die Künstler die „Vereinigung bildender Künstler Österreichs

Secession“. Joseph Maria Olbrich, ein Schüler Otto Wagners –

seinerseits einer der bedeutendsten Vertreter des Jugendstils

und der Wiener Moderne – erhielt den Auftrag, ein modernes

Ausstellungshaus zu errichten. In goldener Schrift ließ Olbrich

an der Front die Aufschrift „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre

Freiheit“ anbringen, die gleichsam das Programm des Jugendstils

war.

Erwartungsgemäß stieß der Kubus mit der auffälligen Goldkuppel

– vom Volksmund „Krauthappel“ getauft – erst einmal auf

viel Ablehnung in der konservativen Bevölkerung. Traditionalist:innen

verunglimpften die Secession gar als „Assyrische Bedürfnisanstalt“.

Andere Zeitgenossen, wie der Journalist Ludwig

Abels, jubilierten: „WAGNERSCHULE! Welch eigenen Reiz hat

der Klang dieses Wortes für unser Ohr, der Begriff des Wortes für

unseren inneren Sinn gewonnen! Von den schwellenden Blüten,

welche über die zerbröckelnde Gartenmauer des alten Jahrhunderts

hinüberhängen in das unbebaute Revier einer neuen Zeit,

ist diese die herrlichste, reifste: Der moderne Kunstgeist.“

Abels Artikel erschien 1898 in der Fachzeitschrift „Der Architekt“.

Dieser und viele andere, teils in Vergessenheit geratene

Schriften zur Wiener Kultur versammelt die Publikation „Metropole

Wien. Eine Anthologie zu Architektur und Stadtkultur.

1850–1945“, die 2025 im Birkhäuser Verlag erscheinen wird.

Die Publikation wirft auch ein Schlaglicht auf die Wiener Secessionsbewegung

und die damit verbundenen städtebaulichen

Kontroversen.

„Für jede Anforderung des neuzeitlichen Lebens sind die

Künstler ausgerüstet“, schrieb Abels. Die Einheit von Kunst und

Leben war ein erklärtes Ziel des Jugendstils, der die Trennlinie

zwischen Kunst und Handwerk aufhob. Mit der Wiener Werkstätte,

die die Künstler Josef Hoffmann und Kolo Moser gemeinsam

mit dem Industriellen Fritz Waerndorfer 1903 gründeten,

entstand eine Produktionsgemeinschaft bildender Künstler.

Den Künstlern war daran gelegen, Objekte zu gestalten, die

sich jeder leisten konnte. Ein funktionales, praktisches Design

im neuen Stil setzte sich durch.

Der Jugendstil hatte auch erbitterte Kritiker wie etwa den Architekten

Adolf Loos, der betonte, das Ornament werde nicht nur

von Verbrechern erzeugt, sondern sei ein Verbrechen. Und auch

dem Literaten Karl Kraus war der Formwille der Jugendstilkünstler

etwas zu viel der Guten: „Sogar die Hirnwindungen des Jugendstilmenschen

verlaufen im Ornament“, lästerte der Publizist.

München: Reform von

Kunst und Leben

Auch in München waren die Künstler zum Ende des ausgehenden

19. Jahrhunderts des akademischen Kunststils müde

geworden, den in der Bayernmetropole Franz von Lenbach

dominierte. Im Jahr 1892 spaltete sich die „Münchener Secession“

von der „Münchner Künstlergenossenschaft“ und der

„Künstlergesellschaft Allotria“ ab.

Wie vielerorts in Europa war die Zeit reif für eine Reform von

Kunst und Leben. „Aspekte wie die Gleichstellung der Geschlechter,

ein gesundes Leben im Einklang mit der Natur oder

die Demokratisierung von Kunst und Gesellschaft bilden die

Folie, vor der sich der Jugendstil als künstlerische Bewegung

entfaltete“, schreibt Roger Diederen, Direktor der Kunsthalle

der Hypo Kulturstiftung München, im Katalog zur aktuellen

Ausstellung „Jugendstil. Made in Munich“.

Die Schau, die sein Haus gemeinsam mit dem Münchner

Stadtmuseum kuratiert hat, zeigt neben Leihgaben die umfassende

Jugendstil-Sammlung des Stadtmuseums – mit weit

über 400 Objekten aus Malerei, Grafik, Skulptur, Fotografie,

Design, Mode und Schmuck die größte Kollektion weltweit.

Diederen betont die großen Umbrüche, die erstaunliche Parallelen

zur heutigen Zeit aufweisen. „Neue Technologien und Innovationen

lösten Faszination aus und beängstigten zugleich“,


22 NEWS

Die ganze Welt

auf Pergament

von Dr. Gloria Ehret

Buchkunst ist eine fragile Angelegenheit. Umso mehr, wenn sie

– wie in dieser Ausstellung – reich mit Malerei und Golddekor

ausgeschmückt ist. Das Bischöfliche Dom- und Diözesanmuseum

in Mainz bietet die seltene Gelegenheit, ihre berühmten

Karmeliter Chorbücher (nun im Original hinter Glas in einer großen,

gesicherten Schauvitrine) zu bestaunen. Das fünfbändige

Antiphonar und das Graduale wurden während der Säkularisation

dem Dom übereignet und kamen 1925 ins Museum.

Anlass zu dieser umfangmäßig kleinen, jedoch sehr sehenswerten

Sonderausstellung mit einem faktenreichen Katalog bieten

zwei hundertjährige Jubiläen: 1924 die Rückkehr der Karmeliter

in ihr Mainzer Kloster, das seit 1285 dokumentiert, 1802 im Zuge

der Säkularisation aufgelöst worden war – und die Gründung

des Dom- und Diözesanmuseums Mainz im Jahr 1925. Die Leitung

der Ausstellung unterliegt Dr. Anja Lempges, die restauratorische

Betreuung Diplom-Restaurator Johannes Schrempf.

Die sechs Prachtbände sind ab 1430 für das Karmeliterkloster

geschaffen worden. Erstaunlich, dass nicht der Adel oder ein

Patrizier, sondern ein Mann aus der Mainzer Bürgerschaft ihr

Auftraggeber war. Johannes Fabri, Sohn eines Schmieds und

Stiefsohn eines Metzgers hat sie auf eigene Kosten herstellen

lassen und dem Mainzer Karmeliterkloster gestiftet, das damals

rund 20 Ordensbrüder umfasste, und dessen Prior Fabri später

(1447–1449) selbst werden sollte. Dank zweier Widmungen

von 1430 sind sie zu datieren. Die dickleibigen fünf Bände des

Antiphonars enthalten die Anfänge der 150 Psalmen, Antiphonen,

Hymnen, Cantica und Responsorien. Um die Chorgebete

singen zu können, mussten sie aus einer gewissen Entfernung

gut lesbar sein. Denn die Mönche standen im Halbkreis um das

Pult, um die Stundengebete achtmal in 24 Stunden zu singen.

Das sechste, etwas kleinere Graduale mit den Anfängen der

Wechselgesänge kam für die tägliche Heilige Messfeier zum

Einsatz. Die folgenden Texte konnten die Fratres dann auswendig

weitersingen. Aus ihnen wurde wohl jahrhundertelang gesungen,

denn letzte Korrekturen stammen aus dem 18. Jahrhundert.

Die Schwerpunkte der Karmeliter einst wie heute liegen

bei der Seelsorge und Bildung.

kleinen Tafelbildes. Hervorgehoben seien die Szenen mit „Johannes

auf Patmos“ bzw. die „Ausgießung des Heiligen Geistes“

mit Landschaftshintergrund. Auf eine zweite Hand gehen

„Auferstehung“ und „Verkündigung“ zurück. Wobei im großartigen

Katalog darauf hingewiesen wird, dass die „Verkündigung“

die Kenntnis neuester italienischer Motiventwicklungen voraussetzt.

Ansonsten tummeln sich skurrile Fabel- und Mischwesen,

umschlungen und gerahmt von unterschiedlichsten fantastischen

Ranken, die sich teils entlang der ganzen Textlänge

hinabwinden. Den Abnutzungserscheinungen nach wurde das

Graduale häufiger gebraucht; und die Bildinitialen wirken noch

lebendiger als im Antiphonar.

Die Fülle und Vielfalt der gemalten Ranken, die meist drei, aber

auch alle vier Textblöcke umschlingen können, ist schier unerschöpflich,

und in ihren künstlerischen Ausführungen mit

feinsten teils skurrilen Figuren unübertrefflich. In einem kleinen

Raumabschnitt hat man nach ihnen einen übermannshohen

Rankenwald nachgestaltet. Auf einer Sitzbank dazwischen kann

man einem kleinen gregorianischen Chorgesang lauschen, den

acht Sänger aus einem der Psalmen mit Hilfe eines Tonmeisters

aufgenommen haben.

Kostspielige Erwerbungen

Man geht davon aus, dass ein gutes Dutzend Schreiber und

Maler ca. fünf Jahre damit beschäftigt war, die Mengen von mineralischen

Deckfarben und viel Blattgold aufs Pergament dieses

Großprojektes der Karmeliter Chorbücher zu zaubern. Als

Schreiber namentlich fassbar sind Frater Nycolaus, der wohl

auch maßgeblich an der schmückenden Ausstattung beteiligt

war, und „Johannes im Grase“, der laut Quellen aus dem Stadt-

Unerschöpfliche Fantasien

Die Prachtbände strahlen Hoffnung und Zuversicht im Glauben

aus. In allen sechs sind die Textpassagen in Minuskeln geschrieben.

Über 5000 einzeilige Initialen stehen dem Notensystem

vor. Von den wohl über 30 imposanten Bildinitialen haben

sich 14 erhalten, fünf in vier Antiphonar-Bänden, und neun im

Graduale. Zu Recht spricht man von Bildinitialen, die gleichsam

eine Gesamtschau der Welt spiegeln. Denn auf den rund 1600

Pergamentseiten der Prachthandschriften geht es quicklebendig

zu! Nichts Irdisches war diesen spätmittelalterlichen Buchmalern

fremd, selbst wenn sie Chorbücher für die mehrfach

täglich und in der Nacht verpflichtenden Chorgesänge illustrierten.

Bis zu acht Zentimeter groß, folgen sie dem gleichen Schema

und sind in eine lombardische Initiale hineinkomponiert. Ihr

quadratischer Rahmen verleiht ihnen nahezu die Wirkung eines

1

Bettina Dreis bereitet das Chorbuch für die Digitalisierung vor


NEWS

23

archiv von 1425 bis 1445 als Schreiber des weltlichen Gerichts

tätig war. Stilistisch zu erkennen gibt sich der als „Anonymus“

bezeichnete Buchkünstler. Neben den Bildinitialen treten als

zweiter Typus fast quadratische, sogenannte „Mustergrund-Initialen“

auf Goldgrund auf, die bis zu 17 Textzeilen mit reichem

vegetabilem Rankenzierwerk verbinden. Anzunehmen ist, dass

in den vom „Anonymus“ geschriebenen Passagen auch der

prächtige Initialschmuck von ihm stammt. In diesem Zusammenhang

muss das „Göttinger Musterbuch“ genannt werden,

das wohl wegen der minutiösen Übereinstimmungen ebenfalls

in Mainz um 1430 entstanden sein könnte.

Allein für die knapp 1500 Pergamentblätter des Antiphonars

brauchte man die Haut von über 700 Kälbern. Drei Buchseiten

tragen „sprechende“ Wasserzeichen, wonach das Papier

aus Wangen im Allgäu stammt. Schon die schiere Größe der

sechs Prachtbände beeindruckt, mehr noch das Gewicht der

Einzelbände von bis zu 26 Kilogramm. Den Nachbau eines der

Werke kann man hochheben. Um sich eine Vorstellung ihrer

Entstehung machen zu können, liegen die nötigen Geräte und

Werkzeuge der Schreiber und Maler inklusive der verwendeten

Materialien aus, und die einzelnen Arbeitsschritte werden anschaulich

erläutert. Ein entsprechendes Blatt Pergament, aus

dem die rund eineinhalb Tausend Buchseiten bestehen, kann

man anfassen. Wie kostbar es damals war, verdeutlicht ein Vergleich:

Das verarbeitete Pergament entsprach damals etwa der

Summe eines Stadthauses.

Wohl im 16. Jahrhundert wurden sie neu gebunden und erhielten

ihre prächtigen Renaissance-Einbände. Von den mit Leder

bezogenen hölzernen Buchdeckeln stammen immerhin die gegossenen

Messingbeschläge aus dem 15. Jahrhundert. Die Bindung

hier zu beschreiben, wäre zu Platz fordernd, in Mainz kann

man sie im Detail nachvollziehen. Leider sind auch schädliche

Eingriffe zu beklagen. So wurden von dem Geschichtsforscher

Franz Joseph Bodmann (1754–1820), der als Leiter und Konservator

in der Mainzer Stadtbibliothek tätig war, aus dem Antiphonar

über 50 Blätter herausgeschnitten. Im Zweiten Weltkrieg hat

man die Bücher vorsorglich in der Bischofsgruft eingemauert,

wo sie der Feuchtigkeit ohne Frischluft ausgesetzt waren und

Schimmel ansetzten. Erst in den 1990er Jahren waren sie der

Wissenschaft wieder zugänglich. Dank der Restaurierung 2020

sind sie nun für die Zukunft gesichert.

Neben diesen prunkvollen Gebrauchshandschriften sind zwei

weitere, als „Buchgeschwister“ bezeichnete Mainzer Handschriften

aus der Stiftskirche St. Johannis ausgestellt, die um

1405 entstanden sind, sowie das damit im Zusammenhang stehende

Mainzer „Friedensbuch“ von 1437. Wie allgemein beliebt

und zeittypisch die Motive mit ihren von Menschen, fantastischen

Mischwesen und Tieren bevölkerten grotesk-scherzhaften

Drolerien in den Prachtbänden sind, veranschaulichen zwei

Tapisserien, die jenen vergleichbar, sogenannte nackte Wilde

Männer und Frauen im Haarkleid zeigen. Vor der Schauvitrine

mit den originalen Prachtexemplaren können deren Seiten virtuell

einzeln betrachtet werden.

2

Mustergrund-Initiale „Q“; Antiphonar Band E, fol. 312r

kann man sich in etwa ein Bild von dieser restauratorischen

Mammutaufgabe machen. Was der laienhafte Besucher bei der

fachlichen Erläuterung erfährt: ohne Japanpapier sind solche

Restaurierungsarbeiten gar nicht durchzuführen. Tintenfraß gehörte

zu den Hauptschäden der rund eineinhalbtausend Pergamentseiten.

Zu den standardisierten Methoden entwickelte das

Restauratoren-Team neue, individuelle Verfahrensweisen.

Auch die Johannes Gutenberg-Universität Mainz nahm sich

dieser Karmeliter Chorbücher an und digitalisierte die Handschriften.

Gefördert wurde das Projekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft

(DFG). Darüber hinaus sind die Chorbücher

im Internet unter „https//gutenberg captureub.uni-mainz.

de/mittelalterhand“ online zugänglich.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 23. März 2025.

Langfristiges Restaurierungsprojekt

Die Restaurierungsarbeit der Chorbücher begann vor rund 13

Jahren, die umfassende Konservierung 2020. Dank dem leitenden

Diplom-Restaurator Johannes Schrempf wurde das Projekt

in das Förderprogramm „Bestandserhaltung“ des Landes

Rheinland-Pfalz aufgenommen. Die Förderdauer betrug ein

Jahr. Wenn man die im Verhältnis riesigen Bücher sieht, und

erfährt, dass kein Deckelblock abgenommen werden durfte,


KUNSTMETROPOLEN UM 1900

47

1


48 KUNSTMETROPOLEN UM 1900

Inmitten der Spandauer Vorstadt liegt das größte zusammenhängende

Hofareal Europas: die Hackeschen Höfe. Zwischen

Rosenthaler Straße und Sophienstraße gelegen, erreichen

Besucherinnen und Besucher die 8000 Quadratmeter großen

Hofanlagen von beiden Straßen aus. Während das Areal heute

als beliebte Sehenswürdigkeit und Kulturzentrum gilt, reicht

seine Geschichte weit zurück. Aufgrund der wachsenden Bevölkerung

wurde das sumpfige Areal im 19. Jahrhundert trockengelegt

und zum Hackeschen Markt, wo Handelsgeschäfte,

Textilfabriken und Wohnen den Alltag beherrschten. Am

außergewöhnlichen Grundriss der acht Höfe lassen sich noch

heute die Ursprünge des Hackeschen Marktes mit der ehemaligen

Nordbastion und dem Ravelin der Berliner Festungsanlagen

erkennen.

Funktion und Reduziertheit

Im Verlauf der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts zog die

Spandauer Vorstadt immer mehr jüdische Zuwanderer aus

dem Osten an, die dem Viertel eine neue kulturelle Vielfalt verliehen.

Außerdem setzte sich die Lebensreformbewegung für

den Bau der Hackeschen Höfe ein, um die Wohnsituation der

rund 70 000 Einwohnerinnen und Einwohner Berlins zu verbessern

und sicheres sowie modernes Wohnen zu ermöglichen.

Als Architekt und Bauherr wurde Kurt Berndt beauftragt. Neben

Berndt beeinflusste auch der Architekt und Designer August

Endell Teile der Hackeschen Höfe maßgeblich.

Obwohl zu dieser Zeit die Kunstpolitik Wilhelms II. vorherrschte,

konnte sich Endells Jugendstil-Design der Hackeschen Höfe als

eines der einflussreichsten Bauwerke dieser Stilrichtung in Berlin

etablieren. Anders als die klassischen Jugendstil-Bauten in

Riga, Wien oder Prag zeigt sich die Gestaltung in Berlin, insbesondere

bei den Hackeschen Höfen, funktional und reduziert.

Bunte Wärme

Endells Jugendstil-Design prägt vor allem den ersten Hof. Dynamische

und organische Muster in außergewöhnlichen Farbtönen

verleihen ihm einen einzigartigen Charakter. Die fantasievolle

Neuinterpretation spiegelt Endells Gestaltungsprinzipien

der Genusskultur wider und verwandelt den Hof in einen eleganten,

anspruchsvollen Gewerbehof. Zwischen glasierten,

verschiedenfarbigen Backsteinen schaffen filigrane Fenster in

vielfältigen Formen einen harmonischen Kontrast. Neben dem

ersten Hof können Besucherinnen und Besucher Endells Gestaltung

auch in den Innenräumen entdecken – etwa in den

Festsälen und Treppenhäusern.

Während im ersten Hof Gäste durch Festsäle tanzten und in

Gastronomiebetrieben feierten, fanden in den restlichen Wohnungen

interessierte Mieterinnen und Mieter ihre Heimat. Im

19. Jahrhundert waren die zentralbeheizten Hofanlagen mit

eigener Stromversorgung ihrer Zeit weit voraus – eine Vision,

die Kurt Berndt verwirklichte. Als Besonderheit der Hofanlagen

galt ebenso die moderne Ausstattung der Wohnungen, die mit

Bädern, Innentoiletten und Balkonen versehen war. Als Mittelpunkt

von Leben, Kunst und Literatur sowie dem Aufbau einer

jüdischen Studentenmensa und einem Mädchenclub entwickelten

sich die Hackeschen Höfe zu einem zentralen Bestandteil

des Viertels.

Nach dem Aufstieg kommt der Fall

Doch die glanzvollen Jahre der Hackeschen Höfe sollten nicht

von Dauer sein. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs begann der

Niedergang des einst so innovativen Gebäudekomplexes. Im


54 KUNSTMETROPOLEN UM 1900

1

Wiener Jugendstil

mitten in Deutschland

TEXT: CHUCK WINTER


KUNSTMETROPOLEN UM 1900

Joseph Maria Olbrich zählt zu den wichtigsten Architekten des Wiener Jugendstils:

Das von ihm erbaute Secessionsgebäude in Wien ist eine Architekturikone. Doch auch

mitten in Deutschland – nämlich in Darmstadt – findet man Spuren des Architekten.

Nun hat das Architekturbüro schneider + schumacher das von Olbrich entworfene Ausstellungsgebäude

auf der Darmstädter Mathildenhöhe aufwendig saniert.

55

Bei einem Besuch in Wien darf ein Besuch des Naschmarkts

nicht fehlen. Der Spaziergang beginnt an der U-Bahnstation

Kettenbrückengasse und führt geradlinig durch zwei enge Passagen,

vorbei an Otto Wagners Majolikahaus, zwischen ihre

nWaren anbietenden Händlern hindurch, bis man, nach etwa

eineinhalb Kilometern, am anderen Ende wieder frische Luft

zum Atmen und Sonnenlicht zu sehen bekommt. Hier, zwischen

Getreidemarkt und Karlsplatz, an der linken Wienzeile, funkelt

das berühmte goldene Blätterdach der Secession. Wenn man

einmal von Susana Pilar Delahante Matienzos Ausstellung

„Achievement“ im Sommer 2024 absieht – in der die Künstlerin

jedem einzelnen güldenen Blatt eine schwarze Strumpfhose

überzog – glitzert die Baumkrone jahreszeitenunabhängig

auffällig in der Sonne. Man könnte dann den Schriftzug „VER

SACRUM“, der an der linken Hauswand des ansonsten recht

schlicht in weiß gehaltenen Kubus prangert, wörtlich nehmen:

„Heiliger Frühling“. Allerdings bezogen sich die Künstlerväter

der Wiener Secession rund um Gustav Klimt hier auf den neuen

Frühling, den ihre Kunst für die Gesellschaft bringen sollte.

Denn mit der Fertigstellung des Baus 1898 gaben die Künstler

auch eine gleichnamige Kunst- und Literaturzeitschrift heraus,

die bis zu ihrer Einstellung 1903 die Philosophie der Art Nouveau

in jeden Haushalt tragen sollte.

Weiß und Gold, das sind die Farben, die sich außen um den

streng symmetrisch klotzigen Bau ziehen. Bei einem Rundgang

um das Gebäude taucht immer wieder das Blättermotiv auf, hier

und da klettert mal eine Eidechse, oder eine gewundene Schlange

zieht sich elegant in die Länge – sogar Eulen kann man entdecken

– Tiere und Natur in Einklang mit der Architektur. Ja, es

handelt sich um ein Prachtexemplar des Wiener Jugendstils!

Verantwortlich hierfür ist Joseph Maria Olbrich (1867–1908).

Ein ganzes Feld für Olbrichs Kunst

Der Wiener Jugendstil, der eines Otto Wagner, Josef Hoffmann,

Adolf Loos oder Joseph Maria Olbrich, zeichnet sich besonders

durch eine subtile Sachlichkeit aus. Hier sind die Ornamente

weniger verblümt, es herrscht klare geometrische Symmetrie.

Die Wiener Werkstätte Hoffmanns und die Architektur Wagners

und Loos (Ornament und Verbrechen) setzen sich deutlich

von der floralen Ornamentik des deutschen Jugendstils ab.

Man möchte meinen, dass es Wiener Jugendstil nur hier gibt.

Doch gibt es eine kleine Kolonie mitten in Deutschland, die fast

schon als Wiener Insel bezeichnet werden kann.

Mit gerade einmal 29 Jahren begann Olbrich mit der Planung

des Ausstellungshauses der Wiener Secession. Ziel war es,

eine eigene Ausstellungsstätte für die Künstler (u. a. Gustav

Klimt, Koloman Moser, Josef Hoffmann, Josef Engelhart, Adolf

Hölzel, Anton Nowak) zu erbauen, die sich von dem im Wiener

Künstlerhaus vorherrschenden Konservatismus abspalten wollten.

Angeblich setzte sich hierzu Josef Engelhart mit dem damaligen,

heute kontrovers diskutierten Bürgermeister Dr. Karl

Lueger auseinander (Lueger war strammer Antisemit und Wegbereiter

von Adolf Hitlers Gedankengut). Nach langem Kampf

– so die Legende – überließt der Bürgermeister den Künstlern

einen freien Platz in der Nähe des Wiener Kunsthauses. Vielleicht

in Anspielung auf das Überlassen der kleinen Freistelle

an der Wienzeile äußerte sich Joseph Maria Olbrich bei der Eröffnung

der ersten Ausstellung im Frühjahr 1898 wie folgt seinen

versammelten Künstlerkollegen gegenüber:

„Eine Stadt müssen wir erbauen, eine ganze Stadt! Alles Andere

ist nichts! Die Regierung soll uns […] ein Feld geben, und

da wollen wir dann eine Welt schaffen. Das heist doch nichts,

wenn einer bloß ein Haus baut. Wie kann das schön sein, wenn

daneben ein häßliches ist? Was nutzen drei, fünf, zehn schöne

Häuser, wenn die Anlage der Straße keine schöne ist? Was

nützt die schönste Straße mit den schönen Häusern, wenn

darin die Sessel nicht schön sind, oder die Teile nicht schön

sind? Nein – ein Feld; und da wollen wir dann zeigen, was wir

können; in der ganzen Anlage und bis ins letzte Detail, alles von

demselben Geiste beherrscht, die Straßen und die Gärten und

die Paläste und die Hütten und die Tische und die Sessel und

die Leuchter und die Löffel Ausdruck derselben Empfindung,

in der Mitte aber, wie ein Tempel in einem heiligen Haine, ein

Haus der Arbeit, zugleich Atelier der Künstler und Werkstätte

der Handwerker, wo nun der Künstler immer das beruhigende

und ordnende Handwerk, der Handwerker immer die befreiende

und reinigende Kunst neben sich hätte, bis die beiden

gleichsam zu einer einzigen Person verwachsen würden!“

So jedenfalls gab Hermann Bahr, Schriftsteller und Secessionsbruder

Olbrichs, dessen Rede 1901 retrospektiv wieder. Hellseherisch

könnte man meinen, denn Olbrich konnte damals noch

nicht ahnen, dass kein geringerer als der Großherzog Ernst

Ludwig von Hessen (1869–1837) genau das vorhatte. Er wollte

dem Architekten und Designer sein „Feld“ geben. Das Feld, das

waren die Mathildenhöhen in Darmstadt. Hier sollte eine Künstlerkolonie

entstehen, mit Fokus auf alle Künste von Architektur,

Literatur, Handwerk bis hin zu Design. „Mein Hessenland blühe

und in ihm die Kunst!“, so der Großherzog voller Hoffnung für

einen wirtschaftlichen Aufschwung seines Landes, zu dem die

Mathildenhöhen beitragen sollten. 1899 berief er also Olbrich

als einzigen Österreicher nach Deutschland, mit dem schnell

1

Joseph Maria Olbrich,

Hochzeitsturm und

Ausstellungsgebäude

Mathildenhöhe, 1908.

Das Ausstellungsgebäude

wurde 12

Jahre lang aufwendig

nach modernsten

Nachhaltigkeits- und

Ausstellungsanforderungen

renoviert. Seit

September 2024 finden

hier wieder

Ausstellungen statt.


KUNSTMETROPOLEN UM 1900

59

1

Die Villa Wieland in Ulm,

die zwischen 1909 und

1913 im Auftrag von

Max Robert Wieland

entstand, zeigt Einflüsse

des Arts and Crafts

Movement.


60 KUNSTMETROPOLEN UM 1900

Paris, München und Wien waren zweifellos richtungsweisend für die Kunst um 1900. Aber

auch abseits der großen Kunstzentren entstand um die Jahrhundertwende Bedeutendes

auf den Gebieten der Architektur, der Malerei und des Kunstgewerbes. Einige dieser kleineren

Zentren sind der Allgemeinheit kaum bekannt, aber unbedingt entdeckenswert.

Beginnen wir unsere kunsthistorische Rundreise in Thüringen.

Das Gebäude des Lindenau-Museums in Altenburg steht in

der architektonischen Tradition der Gemäldegalerie als einer

besonderen Gattung des Museumsbaus im 19. Jahrhundert.

Ihren Prototyp hatte Leo von Klenze mit der Alten Pinakothek in

München geschaffen. Aber auch hier, in der sogenannten Provinz,

findet sich überraschenderweise ein großartiger Vertreter

jenes Typs. Charakteristisch für diesen „Museumsbaustil“ ist

die Rezeption des Palastbaus der italienischen Hochrenaissance

im Sinne eines kunstgeschichtlichen Ideals, das sich in

einer neuen, ebenso repräsentativen wie zweckmäßigen Museumsarchitekur

ausdrücken sollte. Das unmittelbare Vorbild

für das Lindenau-Museum war die nach Plänen von Gottfried

Semper erbaute Dresdner Gemäldegalerie. Der Altenburger

Oberbauinspektor und Semper-Schüler Julius Robert Enger

bezog sich mit dem Neubau des Lindenau-Museum deutlich

auf das Dresdner Vorbild seines Lehrers. Enger gelang ein

Museumsgebäude, das in materieller wie baukünstlerischer

Hinsicht wesentlich vereinfacht ist und dennoch durch seine

palastartige Gesamtwirkung und seine kompositorische Ausgewogenheit

beeindruckt. 1865/66 legte Enger einen ersten

Entwurf für den Altenburger Museumsneubau vor. 1873 war

die Planung abgeschlossen. Im April 1874 begannen die Bauarbeiten,

und bereits im Oktober 1875 war das Gebäude bezugsfertig.

Am 11. Juli 1876 wurde das neue Haus als Herzogliches

Landesmuseum eröffnet. Das Lindenau-Museum erfuhr

im Laufe seiner Geschichte eine Reihe von Veränderungen

und Umbauten, darunter der 1910 erfolgte Anbau einer neobarocken

Freitreppe mit Betonbalustraden. Da das Museum in

sehr kurzer Zeit und mit billigen Materialien errichtet worden

war, fielen immer wieder Baureparaturen an. Seit 1945, vor allem

aber im Zusammenhang mit der umfassenden Sanierung

des Hauses in den 1990er-Jahren, waren alle anstehenden

Baumaßnahmen auf die Wiederherstellung eines annähernd

originalen Zustands gerichtet. Einen letzten großen Höhepunkt

historistischer Architektur in Österreich feierte Bruno Schmitz

1895 mit seinem Landesmuseum Francisco – Carolinum in

Linz. Am 29. Mai 1895 wurde der Museumsbau von Kaiser

Franz Joseph feierlich eröffnet. Der allseits freistehende Zentralbau

ohne Hof über quadratischem Grundriss dient heute

als Landesgalerie. Grandios und auf Überwältigung zielend,

ist bereits der Außenbau konzipiert. Die Eckrisalite werden

durch je zwei Obelisken akzentuiert. Das Hauptgeschoss ist

als Beletage hervorgehoben und mit groß dimensionierten dekorativen

Elementen – Säulen, Gesimsen, Verdachungen – ausgestattet.

Über dem Portal ist eine von korinthischen Säulen

gerahmte Balustrade, dahinter ein großes dem „Palladiomotiv“

nachempfundenes Fenster. Das zweite Obergeschoss ist mit

Ausnahme der Fenstergruppen in den Vorbauten hinter dem

monumentalen Fries verborgen. Über dem Fries erhebt sich

eine schmucklose Attika mit aufgesetzten Obelisken, die von

Putten umrahmt wird. Das Dach wird in der Mitte von der quadratischen

Ummauerung des Stiegenhauses und der aufgesetzten

Glaskuppel bekrönt. Während das Obergeschoss durch

einen umlaufenden antikisierenden Relieffries geziert wird,

bestimmen in den beiden unteren Geschossen Renaissanceformen

die Wandgliederung. Prachtentfaltung und Überwältigungsstrategie

à la Wiener Ringstraßenopulenz prägen auch

das Innere mit der doppelläufigen Prunktreppe im Zentrum.

Auffallend ist die betont plastische Durchbildung des Baukörpers,

wobei danach getrachtet wird, Architektur und Plastik zu

einer dekorativen Einheit zu verbinden. Durch die Steigerung

des Dekorativen nach oben, wo der Fries und die bekrönenden

Obelisken einen bewussten Gegensatz zum schmucklosen

Sockelgeschoss darstellen, entsteht eine Unausgewogenheit,

deren übersteigerte, kaum noch zu überbietende Monumentalität

bereits das Ende der historistischen Architektur andeutet.

Bewunderung von Le Corbusier

Aber auch im sich anschließenden Jugendstil bieten kleinere

Kunstzentren im deutschsprachigen Raum bedeutende Vorzeigebauten.

So entstand 1904–05 in Purkersdsorf bei Wien nach

den Plänen des Architekten Josef Hoffmann ein Sanatorium,

das der Bauherr, Victor Zuckerkandl, durch die Wiener Werkstätte

ausstatten ließ. Nach weitgehender Verwahrlosung infolge

des Zweiten Weltkrieges und mehreren den ursprünglichen

Baukörper entstellenden Anbauten konnte der frühere Zustand

des Gebäudes, das seit 2003 als Seniorenresidenz genutzt

wird, ab 1995 wiederhergestellt werden. Unbedingt erwähnenswert

sind in diesem Zusammenhang die Jugendstilvillen

von Richard Riemerschmid in Ulm. Riemerschmid machte sich

einen Namen als Entwerfer eines ersten Maschinenmöbelprogramms

für die Deutschen Werkstätten, als langjähriger 1. Vorsitzender

des Deutschen Werkbundes sowie als Architekt der

Gartenstadt Hellerau bei Dresden. Zukunftsweisend waren seine

in schlichten, schmucklosen Formen gestalteten Stühle aus

Mooreiche. 1906 schuf er die Villa Lindenhof als großbürgerliches

Wohnhaus mit Nebengebäuden in Herrlingen bei Ulm.

Die Villa ist von einem großen Park umgeben und verkörpert

ein in allen Teilen durchdachtes Gesamtkunstwerk des Jugendstils.

Bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts war Herrlingen wegen

seiner Nähe zur Stadt Ulm und seiner schönen Lage eine

bevorzugte Sommerfrische wohlhabender Ulmer Bürger, die

sich dort Landhäuser als „Sommerresidenzen“ erbauen ließen.

Dazu gehörte auch der Besitzer der Wieland-Werke, der Unternehmer

Max Robert Wieland. Er gab 1904 dem 1868 geborenen

Münchner Architekten Richard Riemerschmid den Auftrag,

hier eine Villa zu entwerfen und zu bauen, in der sich heute das

Museum Lebenslinien befindet. Das stattliche Ensemble der

Villa Lindenhof mit angegliedertem Küchenbau, einer Kegelbahn,

Torhaus, Remise und Pferdestall war 1906 bezugsfertig.

Riemerschmid zeichnete auch für die gesamte Innenausstattung

und Möblierung der Villa verantwortlich. 1919 beauftragte

der Hausherr den Bildhauer Wilhelm Nida-Rümelin, mehrere

Skulpturen zur Verschönerung des Gebäudes zu entwerfen.

Zwischen 1909 und 1913 entstand für denselben Bauherren an

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