MEDIAkompakt Ausgabe 37
Die Zeitung des Studiengangs Mediapublishing an der Hochschule der Medien Stuttgart - www.mediapublishing.org Das Zeitungsprojekt im 7.Semester Mediapublishing beinhaltet alle Aufgaben einer Zeitungsredaktion: vom Recherchieren, Interviews führen, Artikel verfassen, Bildmotive selektieren und natürlich dem Akquirieren von Anzeigenkunden ist alles dabei.
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DIE ZEITUNG DES STUDIENGANGS MEDIAPUBLISHING
DER HOCHSCHULE DER MEDIEN STUTTGART
AUSGABE 01/2025 30.01.2025
media
kompakt
2 KRACH
mediakompakt
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01/ 2025 KRACH
3
Gefahr
in den
eigenen
vier
Wänden
Bild: freepik
Im Durchschnitt werden allein in Stuttgart wöchentlich zwischen 30 und 40 Fälle häuslicher Gewalt
gemeldet – Tendenz steigend. Im Interview berichtet Polizeihauptkommissarin Maren Lehmann*
über die wachsende Problematik häuslicher Gewalt und deren vielfältige Ursachen.
VON ANN-KATHRIN HAAG
Im Jahr 2023 sind die Fälle häuslicher Gewalt
in Deutschland laut Bundeskriminalamt im
Vergleich zu 2022 um 6,5 Prozent gestiegen.
Konkret bedeutet das: Über 250.000 Frauen
und auch Männer wurden in den eigenen
vier Wänden zu Opfern. Auch in Stuttgart steigen
die Zahlen, wie Polizeihauptkommissarin Maren
Lehmann bestätigt. Sie ist für den Bereich des Führungs-
und Einsatzstabs bei der Koordinierungsstelle
Häusliche Gewalt des Polizeipräsidiums
Stuttgart zuständig. Ihrer Erfahrung nach wird die
Polizei bei einem gewalttätigen Vorfall zuhause
heutzutage eher informiert als die Jahre zuvor.
„Femizide, also Tötungsdelikte an Frauen, waren
vor vier Jahren noch kein Thema in der Öffentlichkeit,
die Presse hat nicht darüber berichtet.
Heute ist das anders, die Wahrnehmung der Gesellschaft
gegenüber Gewalt an Frauen ist eine andere“,
sagt Lehmann. Vor drei Jahren wurde die
Koordinierungsstelle für häusliche Gewalt eingeführt.
Seither können die Straftaten besser zugeordnet
werden. Was zuvor beispielsweise als Körperverletzung
von der Polizei eingeordnet wurde,
gilt heute als Fall von häuslicher Gewalt. Dies ist
durch die Einführung der qualitätssichernden
Stelle möglich.
Die Dunkelziffer an Fällen häuslicher Gewalt
ist unbekannt. Die steigenden Zahlen beziehen
sich auf die gemeldeten Delikte. Die Hauptkommissarin
appelliert an potenzielle Opfer und
Zeug:innen, sich an die zuständigen Stellen zu
wenden. Nur dann könne die Polizei helfen.
80 Prozent der Opfer sind Frauen
Deutschlandweit, aber auch in Stuttgart, sind es
mehr Frauen als Männer, die Opfer häuslicher Gewalt
werden. 80 Prozent der Betroffenen sind
weiblich, 20 Prozent männlich. Die meisten sind
zwischen 25 und 60 Jahre alt, viele von ihnen haben
Kinder. „Ab 60 Jahren steigt die Zahl ebenfalls,
denn in dieser Altersgruppe besteht oft auf
Täter- oder Opferseite eine Pflegebedürftigkeit“,
erklärt die Expertin.
Was in den eigenen vier Wänden beginnt,
wird immer öfter im digitalen Raum verstärkt und
weitergeführt: Von Beleidigungen oder Bedrohungen
über die sozialen Netzwerke bis hin zur
Überwachung per Tracker auf dem Smartphone.
Die Täter:innen greifen zu verschiedenen Mitteln,
um den Opfern Schaden zuzufügen oder deren
Standort herauszufinden. Dazu gehört die Erstellung
von Fake-Profilen in sozialen Netzwerken
oder die direkte Observation in der Nähe des
Wohnorts.
Viele Risikofaktoren
Die Gründe, warum Menschen zu Täter:innen
werden, sind vielfältig: Zum einen können finanzielle
Probleme wie der Arbeitsplatzverlust oder
hohe Schulden dazu führen, dass häusliche Gewalt
angewendet wird. Zum anderen gelten auch
kulturelle Faktoren wie beispielsweise der verminderte
Stellenwert der Frau als Auslöser. „Viele Kinder
können eine Überforderung darstellen, auch
Suchtmittel wie Drogen oder Alkohol können eine
Rolle spielen“, zählt Lehmann auf.
Schutzmaßnahmen
Im Jahr 2001 wurde die Stuttgarter Ordnungspartnerschaft
gegen häusliche Gewalt (kurz STOP) gegründet.
Seither arbeiten Polizei, Sozialberatung,
Fraueninterventionsstellen und nicht staatliche
Organisationen (NGOs) eng miteinander zusam-
men und stehen vierteljährlich im Austausch. Gemeinsam
wird versucht, wirkungsvolle Gewaltprävention
und Gewaltintervention zu gewährleisten.
Die Schutzmaßnahmen, die durch die
mitwirkenden Institutionen eingeleitet werden,
sind individuell auf jeden Fall abgestimmt.
„Grundsätzlich wird darauf hingewiesen, dass das
Opfer nach dem Gewaltschutzgesetz einen Beschluss
beim Amtsgericht ablegen kann“, sagt die
Polizeihauptkommissarin. Die Opferschutzbroschüre
des Landes Baden-Württemberg dient zur
Aufklärung. Weitere Maßnahmen, die Schutz bieten
sollen, sind zum Beispiel die Unterbringung in
Frauenhäusern oder die Zeugenbegleitung vor Gericht.
Darüber hinaus hat die betroffene Person
das Recht auf Auskunft. „Wenn die Haft eines Täters
oder einer Täterin endet, wird das Opfer von
der Justiz benachrichtigt.“
*Name von der Redaktion geändert.
Hilfe gegen Gewalt
Die Stuttgarter Ordnungspartnerschaft gegen
häusliche Gewalt (STOP) ist ein Netzwerk,
das von der Stadt Stuttgart koordiniert
wird. Die Partnerschaft fördert die Zusammenarbeit
zwischen Polizei, Sozialeinrichtungen
und Beratungsstellen, um
schnelle und effektive Hilfe zu gewährleistet.
Auf der Webseite der Stadt Stuttgart findet
man alle wichtigen Informationen und
Hilfsangebote unter dem Stichwort Stop.
Bild: Felix Herder
4 KRACH
mediakompakt
Bild: Flavia Jacquier auf Pexels
Jeden Tag ein Todesurteil
Fast jeden Tag wird in Deutschland eine Frau aufgrund ihres Geschlechts ermordet. Aktivistin Alina
spricht über Femizide und die strukturelle Gewalt, die dahintersteckt – und darüber, was passieren
muss, damit Frauen endlich sicher leben können.
VON ROSLINDA SODOLI
Die Nachbar:innen hören den Lärm
schon länger. Erst die Schreie, dann
die dumpfen Schläge, gefolgt von
dieser drückenden Stille, die alles
noch schlimmer macht. Niemand
klingelt. „Das ist Privatsache“, sagt die ältere Dame
aus dem zweiten Stock, als jemand fragt, ob
man nicht die Polizei rufen sollte. Zwei Wochen
später: Blaulicht, Absperrband, ein Leichenspürhund.
Die Ermittler:innen finden die Leiche der
vermissten Frau hinter der Wohnungswand. Der
Mann hat seine Partnerin ermordet und Stück für
Stück eingemauert.
Später titelt die Lokalzeitung: „Liebesdrama
eskaliert. Mann tötet Partnerin nach Streit.“ Doch
die wenigen Zeilen erklären nicht, warum sie tot
ist. Kein Wort über die Nächte, in denen sie zitternd
auf dem Badezimmerboden saß, weil er wieder
gewalttätig wurde. Kein Wort davon, wie oft
sie heimlich mit Beratungsstellen telefonierte:
„Ich weiß nicht, wie lange ich das noch schaffe.”
Was bleibt, ist eine Statistik: 360 Frauen wurden
2023 in Deutschland getötet. Sie wird eine
Zahl in einem Bericht, ein Einzelfall in der Berichterstattung.
Doch hinter jeder Zahl steht ein
Leben, eine Familie, eine Tragödie. Dieser Fall ist
kein „Liebesdrama“. Es ist ein Femizid – ein
Verbrechen, das patriarchale Gewaltstrukturen
offenbart, die Frauen noch immer nicht ausreichend
schützen.
„Vor ein paar Jahren habe ich noch gesagt:
‚Jeden dritten Tag wird eine Frau von ihrem Partner
ermordet.‘ Letztes Jahr war es ‚jeden zweiten
Tag‘, und jetzt heißt es ‚jeden einzelnen Tag.‘ Das
ist erschreckend“, verdeutlicht Alina, die sich als
Aktivistin nur mit ihrem Vornamen in der Öffentlichkeit
äußert. Die Gründerin der feministischen
Talkshow The Monday Talks engagiert sich seit
über sieben Jahren für den Schutz gewaltbetroffener
Frauen und erreicht mit ihrer feministischen
Aufklärungsarbeit über 40.000 Menschen auf
Social Media. In ihrer Arbeit hat sie unzählige
Horror-Geschichten gehört: Frauen, die in Todesangst
leben, verzweifelt Schutz suchen und oft
keinen finden.
„Es geht um Leben und Tod”, betont die Aktivistin.
Während ihrer Arbeit bei der National
Domestic Violence Helpline in England, haben
Frauen in ganz akuten Notsituationen angerufen
und dringend Schutz gesucht. „Manche mussten
jeden Tag anrufen und nachfragen, ob ein Platz
frei geworden ist“, sagt Alina. Auch in Deutschland
fehlen mehr als 14.000 Schutzplätze. Dabei
ist das Frauenhaus oft der letzte Ausweg. „Diese
Frauen sind in akuter Gefahr. Wer flieht, muss oft
sein ganzes Leben aufgeben – Job, Freunde,
Familie.“
Deutschland hat sich 2018 mit der Ratifizierung
der Istanbul-Konvention verpflichtet, Gewalt
gegen Frauen systematisch zu bekämpfen.
Doch die Umsetzung bleibt in vielen Bereichen
unzureichend – vor allem, was den Ausbau von
Frauenhausplätzen und präventive Maßnahmen
betrifft.
Hoffnung könnte der Entwurf für ein Gewalthilfegesetz
bringen, den das Bundeskabinett im
November 2024 verabschiedete. Es verspricht einen
Rechtsanspruch auf Schutz und Unterstützung
– und die finanzielle Absicherung für Frauenhäuser.
Jedoch ist die Umsetzung ungewiss:
Ohne die Zustimmung von Bundestag und Bundesrat
wird das Gesetz nicht Realität. Insbesondere
die bevorstehenden Neuwahlen im Februar
könnten es in den politischen Stillstand drängen.
Hilfetelefon „Gewalt
gegen Frauen“
• Telefon: 116 016 (24/7 erreichbar,
anonym und kostenfrei)
• Sofort-Chat-Beratung (12 – 20 Uhr,
jeden Tag)
• Online-Beratung:
www.hilfetelefon.de
• Frauenhäuser und Beratungsstellen:
weitere Informationen unter
frauenhauskoordinierung.de
01/ 2025
KRACH
5
Sylvia Haller, Vorstandsmitglied im Deutschen
Frauenrat, warnt eindringlich: „Jede weitere Verzögerung
kostet Frauenleben. Der Bundestag
muss jetzt den Weg für das Gewalthilfegesetz freimachen
– ohne parteipolitische Manöver.“
Ein systematisches Versagen
Doch was ist ein Femizid wirklich? Die Strafverteidigerin
Christina Clemm definiert den Begriff in
ihrem Buch “Gegen Frauenhass” als die Tötung
von Frauen oder Mädchen aufgrund ihres
Geschlechts – ein Verbrechen, das in den meisten
Fällen von (Ex-)Partnern begangen wird. Diese
Taten sind Ausdruck von Macht, Kontrolle und
patriarchalen Strukturen. Dennoch gibt es in
Deutschland bis heute keinen eigenständigen
Straftatbestand für Femizide. Stattdessen werden
sie juristisch als Totschlag oder Mord eingeordnet,
ohne die geschlechtsspezifischen Hintergründe
zu berücksichtigen.
„Gewalt gegen Frauen finden alle grundsätzlich
schlimm – bis es um einen konkreten Täter
geht, den man kennt. Dann heißt es oft: ‚Weiß ich
nicht, ob das so stimmt‘“, sagt Alina. Diese Haltung
mache deutlich, wie tief Verharmlosung und
Wegsehen in der Gesellschaft verankert sind.
„Es geht um
Leben und Tod.“
Andere Länder wie Spanien haben gezielte
Maßnahmen gegen Täter eingeführt, darunter
GPS-überwachte Fußfesseln, die sowohl die betroffene
Frau als auch die Polizei alarmieren, sobald
sich der Täter nähert. Diese Maßnahme wurde
2009 eingeführt und hat die Zahl der Femizide
signifikant gesenkt. Auch in Deutschland wurde
die Einführung solcher Fußfesseln diskutiert:
Bundesinnenministerin Nancy Faeser hat sich öffentlich
dafür ausgesprochen.
Bild: Flavia Jacquier auf Pexels
Femizide sind laut der Aktivistin mehr als das
individuelle Versagen eines gewalttätigen Mannes.
Sie sind Ausdruck einer Gesellschaft, die Gewalt
gegen Frauen nicht ausreichend thematisiert,
Betroffenen nicht genug Schutz bietet und
Täter nicht konsequent zur Rechenschaft zieht.
„Diese Gewalt ist strukturell“, erklärt Alina. „Es
wird Frauen zu oft nicht geglaubt. Wenn sie
Schutz suchen, fehlt es an Kapazitäten – und vor
Gericht sind die Strafen oft lächerlich.“ Deutschland
müsse Fortschritte machen – es brauche den
politischen und gesellschaftlichen Willen, entschlossen
gegen Femizide vorzugehen.
Ein Weckruf an Gesellschaft und Politik
Die Aktivistin sieht den Schlüssel zur Bekämpfung
von Gewalt gegen Frauen in drei zentralen Bereichen:
Aufklärung, Engagement und konsequente
Strafen für Täter. „Ich wünsche mir, dass wirklich
jeder über das Ausmaß von Gewalt gegen Frauen
Bescheid weiß“, betont sie. Doch Aufklärung allein
reicht nicht aus. „Es muss sich aktiv mehr dagegen
eingesetzt werden – nicht nur von Betroffenen,
sondern von der gesamten Gesellschaft,
auch von denjenigen, die vielleicht zur Tätergruppe
gehören könnten.“
Weiterbilden & Verstehen
Bücher
„Gegen Frauenhass“ von Christina
Clemm
„Unlearn Patriarchy 2“ von Emilia Roig
(Hrsg.)
„We Should All Be Feminists“ von
Chimamanda Ngozi Adichie
Podcasts
„Feminismus für alle. Der Lila Podcast“
„Feminismus mit Vorsatz“
Dokumentationen & Filme
„#FemalePleasure“ (2018)
„Strong Island“ (2017)
Trotz der Schwere des Themas und der erschreckenden
Zahlen gibt die Feministin nicht auf.
Hoffnung gibt ihr die wachsende feministische
Bewegung und die Unterstützung, die sie auf
Social Media erfährt. „Manchmal fühle ich mich
ohnmächtig, wenn ich die vielen schrecklichen
Geschichten höre“, sagt sie. „Aber Social Media
gibt mir das Gefühl, dass ich aufklären und etwas
bewirken kann.“
Für Alina ist klar: Jede:r kann im Alltag einen
Beitrag leisten. „Bildet euch weiter, sprecht über
das Thema und setzt euch gegen Sexismus ein –
auch wenn es nur darum geht, einen sexistischen
Witz zu hinterfragen.“
Der Kampf gegen Femizide ist kein persönlicher
Kampf einzelner Aktivist:innen – es ist eine
gesamtgesellschaftliche Aufgabe: „Ich wünsche
mir eine Welt, in der ich nicht jeden Tag über Gewalt
gegen Frauen sprechen muss. Aber solange
noch jeden Tag eine Frau ermordet wird, bleibt
uns nichts anderes übrig.“ Alina betont, diese Geschichten
dürften nicht länger nur erzählt, sondern
müssten endlich gehört werden. Es sei Zeit
für konkrete Maßnahmen, die Frauen schützen
und Femizide verhindern.
Bild: Roman Biernacki auf Pexels
6 KRACH
mediakompakt
Ein Leben gegen den Strom
Pooja Raichand* wächst in
Mumbai inmitten von sozialen
Erwartungen auf. In Deutschland
entscheidet sich die
33-Jährige dazu ihren eigenen
Weg zu gehen. Wie verändert
die Distanz ihre Sicht auf die
Ehe, Unabhängigkeit und
Selbstliebe?
VON ARIDHA KUOY
In ihrer Familie erfährt die Personalleiterin
viel Unterstützung und wird in allen Lebensbereichen
dazu ermutigt, eigene Entscheidungen
zu treffen. Ihre Ehe ist dagegen von
den Erwartungen ihrer Schwiegereltern geprägt.
„Alle großen Entscheidungen, wie das
Hochzeitsdatum oder der Wohnort, wurden von
meinem Ehemann oder seiner Familie getroffen“,
erzählt sie. Auch nach der Heirat ist sie mit traditionellen
Rollen und Erwartungen konfrontiert.
„Von mir wurde erwartet, dass ich die komplette
Haushaltsarbeit übernehme, während von ihm
nichts dergleichen verlangt wurde“, erklärt Raichand.
Sie erlebt häufig, wie Frauen in ihrer Gemeinde
auf Rollen beschränkt werden, die sich
um familiäre Pflichten drehen. Eine berufliche
Karriere gerät dabei oft in den Hintergrund.
In Deutschland ändert sich alles radikal. Die
Personalleiterin verlässt Indien zum ersten Mal,
nachdem ihr Unternehmen ihr eine berufliche
Chance bietet und ihr Mentor sie ermutigt, diese
zu ergreifen. Er glaubt, dass dies eine einmalige
Chance ist, sich persönlich und beruflich
weiterzuentwickeln.
Zum ersten Mal ist sie auf sich alleine gestellt
und muss sich in einer neuen Kultur zurechtfinden.
Alltägliche Dinge, wie die Nutzung von Google
Maps oder einen Besuch bei der Bank, beschreibt
die Personalleiterin als Herausforderung.
„Jede auch noch so kleine Tat hat mein Selbstbewusstsein
gestärkt“, sagt sie heute. Die Zeit und
Ruhe in Deutschland nutzt Pooja Raichand, um
über ihre Ehe nachzudenken: „Diese Beziehung
verleiht meinem Leben in keiner Weise einen
Mehrwert“, stellt sie dabei fest. Die Distanz hat ihr
dabei geholfen, sich selbst und ihre Bedürfnisse
besser kennen- und verstehen zu lernen. „Ich verdiene
es, besser behandelt zu werden“, realisiert
die 33-Jährige.
Nach acht Monaten in Deutschland kehrt die
Personalleiterin erstmals für einen Besuch nach
Mumbai zurück. Ihr Ehemann unternimmt keine
Anstrengungen, sie dort zu treffen. Schließlich
kommt es zu keinem Wiedersehen. „Da wurde
mir klar, dass ich in seinem Leben keine Priorität
bin und es auch nie sein werde“, sagt sie. Der
Druck der Gesellschaft und die Angst vor dem
Stigma einer Scheidung werfen bei ihr Zweifel auf:
„Ich wusste, dass meine Eltern aufgrund meiner
Entscheidung Kritik ausgesetzt sein werden.“
Trotzdem beschließt die 33-Jährige, einen neuen
Weg einzuschlagen: „Es lohnt sich nicht, mein Leben
nach den Erwartungen der Gesellschaft zu leben.“
Mit der Entscheidung zur Scheidung stellt
sich Pooja Raichand gegen gesellschaftliche Normen.
„Auch wenn es schwer ist, musst du deinen
eigenen Weg gehen, denn am Ende musst du mit
den Konsequenzen leben“, sagt sie entschlossen.
Ihre Entscheidung beruht auf einer tieferen
Erkenntnis: „Ich habe gelernt, dass Selbstwertgefühl
und innerer Frieden die Grundlagen eines erfüllten
Lebens sind.“
Deutschland hat sich für sie als Wendepunkt
erwiesen. „Wenn es Deutschland nicht gegeben
hätte, hätten wir früher oder später Kinder bekommen
und ich wäre in der Ehe stecken geblieben“,
sagt sie. Die 33-Jährige räumt ein, dass Kinder
in einer solchen Ehe die bestehenden Konflikte
eher verstärkt als gelöst hätten.
Heute ist Pooja Raichand stolz auf ihre Unabhängigkeit
und betont, wie wichtig Selbstliebe ist.
„Man muss lernen, sich selbst an die erste Stelle zu
setzen“, sagt sie. Die Personalleiterin findet
Freude an kleinen Dingen, wie beispielsweise
alleine einkaufen zu gehen. „Früher habe ich
immer die Bestätigung von anderen gesucht. Jetzt
kaufe ich Dinge, weil sie mir gefallen“, erzählt sie.
Die 33-Jährige habe auch neue Hobbys wie das
Joggen entdeckt. Es helfe ihr dabei, ihre Gedanken
zu ordnen. Mit der Unterstützung ihrer Eltern
und Freunde hat sie einen Neuanfang gewagt. „Es
ist mein Leben – wenn es dir nicht gefällt, ist das
dein Problem.“
*Name von der Redaktion geändert
Bild: Pixabay Pexels
01/ 2025 KRACH
7
Bild: Pexels
Die Macht der Sprache
Wie mächtig kann Sprache
sein? Ökonom Daniel Stähr
und Literatur- und Kulturwissenschaftler
Simon Sahner gehen
der Sprache des Kapitalismus
auf den Grund. Stähr beleuchtet,
warum Sprache auch
als Krach wahrgenommen wird
- und wie dieser Krach Veränderungen
anstoßen kann.
VON JANINA M. HEINZ
Heute darf man nichts mehr sagen“
ist ein Satz, der heutzutage
in keiner Diskussion um
Sprache fehlt – weder in privaten,
noch in öffentlichen Gesprächen.
Auch Prominente und Politiker:innen
klagen über ein Gefühl der Ausgeschlossenheit,
weil sie befürchten, sich nicht mehr frei äußern zu
können. In dieser Debatte geht es um mehr als nur
bloße Worte: Es geht um die Macht, die Sprache
entfalten kann.
„Ein einfacher Doppelpunkt oder Asterisk ist
für manche Menschen unerträglich laut“, sagt
Stähr und deutet damit auf die Debatte um
gendergerechte Sprache hin. Er ist freier Autor,
Ökonom und promoviert zum Thema „Narrative
Economics“. Zusammen mit Simon Sahner, einem
langjährigen Freund und Autor, hat er das
Buch „Die Sprache des Kapitalismus“ geschrieben.
Sahner ist in Heidelberg aufgewachsen, Stähr in
Rostock. Kennengelernt haben sie sich auf Twitter,
durch ihr gemeinsames Interesse an Literatur.
Früher hat Sahner Stährs Texte für das
Magazin „54books“ lektoriert, wofür er Mitherausgeber
ist.
„Der Titel des Buchs versucht das einzufangen,
was wir in den letzten Jahren angefangen haben,
über rassistische und patriarchale Sprache
aufzuarbeiten. Die kapitalistische Sprache – ich
hoffe, man hat sofort eine Vorstellung, worum es
geht“, erklärt Stähr. Es meint, Sprache sei tief in
der Gesellschaft verwurzelt, festige Machtstrukturen
und schaffe Realitäten. Meist sei das zu Gunsten
Weniger und zum Übel Mehrerer.
Doch wann kann Sprache mächtig werden?
Wie kann sie Krach machen? Stähr meint: „Immer
dann, wenn sich Sprache dem Gewohnten entzieht,
kommt ihr diese lärmende Funktion zu.“
Er erklärt, dass das bereits in der Debatte um
das Gendern bemerkbar wurde. Selbst kleine
sprachliche Veränderungen wie Doppelpunkte
oder Asteriske könnten laut sein, weil sie gewohnte
Narrative und Ausdrucksweisen hinterfragen
würden. Das spiegelt auch das gemeinsame Buch
„Die Sprache des Kapitalismus“ wider. Darin plädieren
die Autoren auch für sprachliche Veränderung.
Beim Beispiel des Kapitalismus gibt es laut
Stähr nämlich zu wenig Geschichten. „Wir brauchen
bessere Erzählungen. Sei es durch Bücher
oder Filme, die über eine bloße Systemkritik am
Status quo hinausgehen und zeigen: So könnten
kleine Veränderungen aussehen.“
Er empfindet Krach als ambivalent. Krach
könne aufrütteln, auf Gefahren aufmerksam
machen und aus ihrer Lethargie befreien. Er betont,
dass Krach auch etwas Verbindendes hat,
nämlich in Bars oder auf Konzerten. Allerdings gäbe
es eine Kehrseite: Krach könne anstrengend
und belastend sein. „Eine Grunddefinition von
Krach ist, dass er stört“, erklärt er weiter. Der
Krach in seiner liebsten Kneipe an einem Samstagabend
hätte auch etwas Störendes, nur ließe er
sich dabei auf die Störung ein. Der springende
Punkt laut Stähr ist: Dann, wenn eine Störung aufgezwungen
werde oder sich aufgezwungen anfühle,
würde Krach zu einem Ballast werden.
„Die Menschen wehren sich gegen diesen
Krach, weil sie das Gefühl haben, dass er ihre Position
in der Gesellschaft oder die gesellschaftlichen
Strukturen in Frage stellt“, stellt er fest. Neben
der Kritik an der Sprache des Kapitalismus erkenne
man auch in der Debatte um das Gendern,
dass Sprache emotionale Reaktionen auslöse.
Besonders dann, wenn es um die eigene Identität
ginge. „Sprache wird immer dann zu Krach, wenn
sie bestehende Ordnungen in Frage stellt“, fügt er
hinzu.
Auf die Frage, wie er als Autor die Wahrnehmung
von Sprache und Krach herausfordern
kann, antwortet er: „Als Autor besteht für mich
die Pflicht darin, meine Sprache immer wieder zu
reflektieren. Das ist für mich die größte Aufgabe,
die Autor:innen auf sprachlicher Ebene haben.“
Sprache kann mächtig sein, doch in ihrer
Macht liegt auch ihr Konfliktpotenzial. Stähr
zeigt: Es könne sich lohnen, Krach zuzulassen. Er
ließe sich sogar als Chance verstehen. Krach habe
das Potenzial, Veränderung zu schaffen – sei es in
der Wirtschaft, in der Gesellschaft oder im
persönlichen Umgang mit Worten.
Zum Buch
Das Buch „Die Sprache des Kapitalismus“ ist
2024 bei S. Fischer erschienen. Die Autoren
untersuchen, wie die Sprache des Kapitalismus
das Denken und Sprechen prägt.
Sie plädieren für ein gerechteres Miteinander,
indem anders über Geld und Wirtschaft
gesprochen werden soll.
8 KRACH
mediakompakt
Krach als Kreativmotor
In der Kreativszene ist das Arbeitsumfeld ein sensibles Thema. Geräusche beeinflussen
Stimmung, Motivation und Schaffenskraft – und das auf ganz unterschiedliche Weise.
Doch was passiert, wenn Klang in Krach umschlägt?
VON DANI MENDES
Bild: Dani Mendes
Musik treibt Kreative an. „Gerade
wenn die Musik etwas treibender
ist, komme ich gut in den Flow“,
betont der 33-jährige Senior-Art-
Director Tobias Keller*, der auf
animierende Beats setzt. Während die 27-jährige
Art-Direktorin Sophie Brandner* und die 27-jährige
Social Media Managerin Lena Vogt* Pop oder
Lo-Fi bevorzugen – je nach Stimmung. Für den
30-jährigen selbstständigen Videografen Jonas
Maier* wird Musik zur Stütze, wenn die
Motivation nachlässt. Dabei sind die Genres so
vielfältig, wie die Projekte, an denen er arbeitet:
von Hardcore und Deep House bis hin zu
orchestralen Klängen. Die „Noise-Related
Annoyance, Cognition, and Health“-Studie
(NORAH) aus dem Jahr 2014 zeigt, dass harmonische
Geräuschkulissen die Konzentration fördern
können. Auch das Fraunhofer-Institut fand im
Jahr 2016 heraus, dass Musik eine motivierende
Wirkung entfaltet, wenn sie passend zur Aufgabe
gewählt wird. Kreative können vor allem dann
profitieren, wenn der Rhythmus anregend, aber
nicht ablenkend ist.
Aber auch die Stille hat ihre Fans. Sie wird vor
allem in den frühen Phasen des kreativen
Prozesses geschätzt. Auch Jonas Maier betont,
ebenso wie die Studierenden Paul Fischer* und
Lukas Weber*, dass Stille beim Brainstorming und
bei konzeptionellen Arbeiten unentbehrlich ist.
Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO)
hilft eine ruhige Umgebung, kognitive Fähigkeiten
zu bewahren. Vor allem in Phasen hoher Konzentration,
wie der Konzeptentwicklung, führt
unnötiger Lärm zu Fehlern und mentaler Erschöpfung.
„Erst wenn es um die Umsetzung und
Abarbeitung geht, dann höre ich Musik oder habe
Hintergrundgeräusche“, erzählt Sophie Brandner.
In Gemeinschaftsbüros sorgen Geräusche oft
dazu, dass Menschen an ihre sozialen Grenzen
stoßen: Gespräche und Stadtlärm wirken auf viele
störend. Noise-Cancelling Kopfhörer sind für
einige unverzichtbar. Andere schaffen Abhilfe mit
lauter Musik oder räumlicher Abgrenzung.
Trotzdem berichten erfahrene Kreative, dass
monotone Geräuschkulissen wie Naturklänge
den Fokus in einer solchen Umgebung stärken
können.
Studien des Umweltbundesamtes aus dem
Jahr 2024 zeigen, dass 76 Prozent der Deutschen
sich durch Straßenverkehr gestört fühlen. Lärm,
der regelmäßig über 55 Dezibel liegt, beeinträchtigt
nicht nur die Lebensqualität, sondern auch
die Arbeitsleistung. Menschen, die unkontrollierbare
Geräuschquellen meiden, profitieren nachweislich
von gesteigerter Produktivität und
niedrigeren Stresswerten.
Neben den Klassikern wie Spotify und selbst
erstellten Playlists greifen viele zu modernen
Tools. Von Noise-Cancelling-Kopfhörern bis hin
zu Apps, die Ablenkungen minimieren – Technik
wird vielfältig eingesetzt, um störende Einflüsse
zu kontrollieren. Das Fraunhofer-Institut hebt
hervor, wie smarte Akustiklösungen die Arbeitsumgebung
positiv beeinflussen können, etwa
durch geräuschdämmende Materialien oder gezielte
Schallschutzkonzepte.
Auffällig ist der Unterschied zwischen den
Altersgruppen: Ältere Kreative, wie die 60– jährige
Art-Direktorin Clara Hofmann*, legen mehr Wert
auf Ruhe und monotone Klänge. Jüngere
experimentieren mit Musikrichtungen und lassen
sich von aktuellen Trends wie Lo-Fi inspirieren.
Am Ende bleibt eines klar: Wenn Klang in
Krach umschlägt, wird Inspiration schnell zur
Belastung. Kreative Prozesse, wie beispielsweise
der Ideenfindung benötigen Ruhe und Fokus –
impulsiver Lärm oder ein ständiger Geräuschpegel
können die Produktivität senken und den
Stress erhöhen. Studien zeigen: Gezielt gestaltete
Arbeitsräume mit geräuschdämmenden
Materialien und individuell einstellbaren Klangwelten
sind entscheidend, um Krach in
kontrollierte Inspiration zu verwandeln.
*Namen wurden von der Redaktion geändert.
01/ 2025 KRACH
9
Wenn es im
Job kracht
Bild: Pixabay
Vom Kollegen angeschrien,
von der Chefin verspottet, von
der Gruppe ausgegrenzt. Im
Arbeitsumfeld kann es verschiedene,
feindselige Atmosphären
geben. Mediakompakt
spricht mit Betriebsseelsorger
Christian Gojowczyk über das
Thema Krach bei der Arbeit.
VON MICHAELA DELIVOU
Menschen verbringen einen großen
Teil ihrer Zeit bei der Arbeit.
Deswegen ist es umso schwieriger,
wenn es im Arbeitsumfeld
nicht optimal läuft. Wo Menschen
miteinander arbeiten, können leicht Konflikte
entstehen. Wenn aber systematisches
Mobbing und Schikane zum Arbeitsalltag gehören,
muss etwas unternommen werden. Christian
Gojowczyk betont, wie wichtig es dabei ist, den
Unterschied zwischen einem Konflikt und Mobbing
klarzumachen.
„Auch ein Konflikt kann krank machen. Aber
es ist trotzdem noch mal in den Lösungswegen
und in den Möglichkeiten, die ich habe, etwas anderes“,
sagt der Experte von der katholischen Betriebsseelsorge
Rottenburg Stuttgart. Konflikte
können zwar auch belastend sein, aber man könne
sie lösen und „sie haben zumeist einen Sachkern“,
sagt Gojowczyk. Mobbing auf der anderen
Seite ist „das Ausüben von Macht gegenüber einer
Einzelperson durch andere Personen oder durch
eine Gruppe und diese Form der einseitigen
Machtausübung schafft immer eine Unterlegenheit“,
erklärt der Betriebsseelsorger. Dabei gehe es
auch nicht um eine inhaltliche Auseinandersetzung:
„Bei Mobbing spielen Sacherwägungen keine
Rolle mehr, dann wird dieser Konflikt völlig
asymmetrisch und wird personalisiert“, führt
Gojowczyk aus. Eskalieren Konflikte, kann es zu
einer Mobbingsituation kommen.
Wenn das Mobbing von der Führungskraft
ausgeht, kann das zum Beispiel so aussehen, dass
dem Mitarbeitenden nur noch Aufgaben gegeben
werden, die unterfordernd sind. Oder sie sind
ständiger Kritik ausgesetzt. „Unfaire Kritik ist eine
klassische Mobbinghandlung. Die Leute werden
ständig und oft auch vor versammelter
Mannschaft herabgewürdigt“, erklärt der Experte.
Wenn diese aggressiven Handlungen über einen
längeren Zeitraum gehen, dann kann Mobbing
vorliegen. Betroffene geben sich laut dem Fachmann
dabei oft selbst die Schuld an der Situation
und fragen sich sehr häufig, was sie falsch gemacht
haben. Gojowczyk verdeutlicht hierbei:
„Mobbing ist letztendlich etwas, was darauf zielt,
Menschen zu vertreiben und im Extremfall zu vernichten
und dafür gibt es keine Rechtfertigung.“
Wenn Mobbing vorliegt, ist es im ersten Schritt
wichtig, Betroffene ernst zu nehmen und ihnen
zuzuhören. Dafür sind die anonyme Konflikthotline
Baden-Württemberg und auch die persönliche
Beratung der Fachkräfte da.
Mobbing und auch Konflikte können für Betroffene
sehr isolierend sein, daher ist es ausschlaggebend,
dass der Mensch gesehen und ihm
Raum gegeben wird. „Die Menschen erst mal annehmen,
in ihrer Not, ist extrem wichtig. Nicht zu
sagen, es ist schon nicht so schlimm, stell dich
nicht so an. Das geht am Bedarf der Menschen
vorbei“, erklärt Gojowczyk. Der Wert des Menschen
stehe hier im Vordergrund.
Der Betriebsseelsorger rät Betroffenen zudem,
sich so früh wie möglich externe Unterstützung
zu suchen: „Das macht es den Leuten dann auch
einfacher, erste kleine Schritte zu unternehmen
und selbst wieder handlungsfähig zu werden.“
Begünstigende Faktoren für Mobbing sieht
Gojowczyk in verschiedenen Punkten. Zunächst
ist die Unternehmenskultur sehr wichtig. Wie
wertschätzend ist die Grundhaltung im Unternehmen?
Werden die Beiträge, die Mitarbeitende
leisten anerkannt oder werden sie als austauschbar
gesehen? Zudem ist eine Fehlerkultur sehr
wichtig: Die Frage „Suche ich Lösungen oder suche
ich Schuldige?“, ist laut Gojowczyk von großer
Bedeutung. Entscheidend ist ebenfalls die
Führungsebene. Führungskräfte müssten qualifiziert
sein und sensibel mit dem Thema Konfliktmanagement
umgehen.
Große Hoffnung für das komplexe Thema
sieht Gojowczyk in der Veröffentlichung des neuen
Mobbingreports, der die Wichtigkeit des Themas
mit Zahlen und Fakten unterstreicht.
Die letzte repräsentative Studie über Mobbing am
Arbeitsplatz in Deutschland wurde 2002 von der
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
vorgelegt. Sie belegt, dass damals jährlich
etwa eine Million Menschen von Mobbing
betroffen waren.
Hier findet man anonym
und kostenlos Hilfe:
Menschen, die von Konflikten oder
Mobbing am Arbeitsplatz betroffen
sind, können sich an die Konflikthotline
Baden-Württemberg wenden. Dort
beraten speziell geschulte Ehrenamtliche
mit betrieblicher Erfahrung.
konflikthotline-bw.de
10 KRACH
mediakompakt
Laut und
entschlossen
Bild: Adobe Stock
Luk Bornhak ist Inklusionsaktivist. Er arbeitet als Kinderpfleger, ist Teil der Grünen Jugend
und Spieler einer inklusiven Fußballmannschaft beim TSV Musberg. Seinen Weg zur Inklusion
beschreibt er in einem eigenen Beitrag im Buch „Angry Cripples“.
VON JULIA EGGERDER
Der 20-jährige Kinderpfleger kommt
direkt von der Arbeit zum Interview
ins Foodsharing-Café in Stuttgart-
West. Trotz eines langen Arbeitstages
bringt er gute Laune mit. Der
Stuttgarter setzt sich für Inklusion, gegen jegliche
Art von Diskriminierung und gegen Ableismus
ein. Ob Inklusion in der Schule oder beim Start in
den Berufsalltag, Luk Bornhak möchte Aufmerksamkeit
für das Thema schaffen und seine Erfahrungen
teilen.
Schritte in den Aktivismus
„Als ich meinen Aktivismus gestartet habe, war
ich gerade in der neunten Klasse. Das war der Zeitpunkt,
an dem ich gemerkt habe, ich durchlaufe
ein Schulsystem, das mich diskriminiert“, sagt
Luk Bornhak. Er hat ein Schulsystem erlebt, das
ihn als Schüler mit Behinderung vor viele Barrieren
gestellt hat. „In der Debatte darüber hat mir
die Perspektive derjenigen gefehlt, die das System
gerade selbst durchlaufen“, betont Bornhak. Der
Stuttgarter wurde im Kindergarten sowie von der
ersten bis zur neunten Klasse inklusiv beschult. In
Stuttgart hat er ein inklusives Gymnasium besucht,
bevor er auf ein sonderpädagogisches Bildungs-
und Beratungszentrum (SBBZ) gewechselt
ist. Nicht ganz freiwillig, wie er selbst sagt. Luk
Bornhak kennt also die positiven und negativen
Seiten verschiedener Bildungssysteme. In vielen
Bereichen unterliegt die Gesellschaft einem starren
Leistungssystem zum Nachteil von Menschen
mit Behinderung, kritisiert der Inklusionsaktivist.
„Es gibt einfach immer wieder Themen, wo ich
weiß, da muss ich aktiv werden“, sagt Bornhak.
„Wenn wir nicht laut
bleiben, wird die Politik
uns nicht hören.“
Auch auf politischer Ebene engagiert sich Luk
Bornhak bei der Grünen Jugend und war bereits
Teil des Jugendrates Stuttgart. „Ableismus hat viele
Facetten“, betont Bornhak 2022 bei Fridays for
01/ 2025 KRACH
11
Bild: Luk Bornhak
Future auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Als Beispiel
führt er die Bezahlung in Werkstätten für
Menschen mit Behinderung an: „Dort verdient
man keinen Mindestlohn – ein Hungerlohn von
1,35 Euro pro Stunde ist an der Tagesordnung!“
Ein Meilenstein in seiner Arbeit als Inklusionsaktivist,
sagt Luk Bornhak, war sein Beitrag im Buch
„Angry Cripples.“ Im Buch, das die Aktivistinnen
Alina Buschmann und Luisa L’Audace 2023 herausgegeben
haben, sind ausschließlich Menschen
mit Behinderung zu Wort gekommen. Sie
setzen sich dafür ein, eine inklusive Gesellschaft
aktiv mitzuprägen. Neben Beiträgen über selbstbestimmte
Sexualität, Sichtbarkeit in der Gesellschaft
und Social-Media-Präsenz hat Luk Bornhak
einen Beitrag geschrieben, in dem er über seine Erfahrungen
im Schulsystem berichtet.
#Inkluencer
Seit 2019 ist Luk Bornhak unter dem Namen
@all_inklusiv auf Instagram aktiv. Mittlerweile
folgen seinem Kanal über 8000 Menschen. Was
Bornhak dabei antreibt, ist vor allem der Zusammenhalt
und Austausch mit der Community. „Ich
sehe, dass Leute die Beiträge lesen, ich mehr Leute
erreiche, und Follower dazukommen“, der Stuttgarter
ist stolz auf die Community und Reichweite,
die er sich aufgebaut hat. Viel Arbeit hat er vor
Kurzem in seinen Adventskalender auf Instagram
gesteckt. „Ich habe eine große Reichweite und
dachte mir, wie wäre es, wenn ich auch anderen
Menschen mit Behinderung eine Plattform biete?“
Also hat er vor Weihnachten in einem täglichen
Post andere Inklusionsaktivist:innen zu
Wort kommen lassen. Luk Bornhak schafft auf
seinem Kanal Sichtbarkeit und erreicht Menschen,
die bisher keine Berührungspunkte mit Inklusion
hatten.
Laut bleiben
„Wenn wir nicht laut bleiben, wird die Politik uns
nicht hören“, betont Bornhak. Er weist auf die in
Deutschland seit 2009 in Kraft getretene UN-Behindertenrechtskonvention
hin. „Die Politik hat
vor mehr als zehn Jahren die UN-Behindertenrechtskonvention
unterschrieben, die besagt, dass
Förderschulen und Werkstätten abgeschafft werden
sollen, dass Schule inklusiv werden soll. Davon
ist noch wenig zu spüren.“
„Damit Inklusion
gelingt, muss sie von klein
auf stattfinden.“
Die Konvention zielt darauf ab, die Rechte von
Menschen mit Behinderungen zu stärken und ihre
volle gesellschaftliche Teilhabe zu sichern. Sie
fördert Gleichberechtigung, Barrierefreiheit und
die Abschaffung von Diskriminierung in allen Lebensbereichen.
Viele Ziele sieht der 20-Jährige
noch nicht erreicht, zum Beispiel im Bildungsbereich:
„Noch immer gibt es zu wenig Regelschulen,
die inklusiv sind.“ „Zusätzlich mangelt es an
ausgebildeten Sonderpädagog:innen, was Unterrichtsausfälle
zur Folge hat“, sagt Bornhak. Der Inklusionsaktivist
hofft darauf, dass seine Botschaft
Gehör findet.
Wie gelingt Inklusion?
Die Grundlagen für einen respektvollen Umgang
mit Vielfalt und gegenseitigem Respekt sollten so
früh wie möglich gelegt werden – betont Bornhak
und ergänzt: „Damit Inklusion gelingt, muss sie
von klein auf stattfinden.“ Diese Überzeugung
prägt auch seine Arbeit im Kindergarten. Dort erleben
ihn die Kinder als eine Bezugsperson – genau
wie alle anderen Erzieher:innen. Für ihn ist
das der Schlüssel zu echter Inklusion: sich in eine
Haltung hinein zu leben, die Vielfalt selbstverständlich
macht.
Ein wichtiger Schritt in Richtung Inklusion ist
es, Menschen mit Behinderung zuzuhören, ob online
oder im realen Leben, und sich auf Kritik einzulassen,
wenn zum Beispiel auf ableistische Sprache
hingewiesen wird. „Wenn der Begriff Ableismus
auftaucht, hört man häufig ‚Was ist das?‘“
Das zeige, wie wichtig die Arbeit des Inklusionsaktivisten
ist. „Behindert ist kein Schimpfwort, es ist
eine Lebensrealität für viele Menschen.“
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Was ist Ableismus?
Ableismus bezeichnet die Abwertung, Diskriminierung und Marginalisierung von Menschen
mit Behinderung oder chronisch Kranken aufgrund ihrer Fähigkeiten. Ableismus
zeigt sich in der Ungleichbehandlung von Menschen mit Behinderung, etwa durch Abwertung
oder vermeintliche Aufwertung. Dabei wird eine Person entweder herabgesetzt oder für
etwas gelobt, das sie „trotz ihrer Behinderung“ erreicht hat. Beides ist diskriminierend.
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12 KRACH
mediakompakt
Kultur. Krise. Grenze.
Bild: Huberto – stock.adobe.com
Wie Gavin Wickham, ein 22-jähriger Student aus
San Diego, die Wiederwahl von Donald Trump erlebt.
VON LOUIS KARLICZEK
San Diego, eine Millionenstadt voller
kultureller Vielfalt, steht durch die erneute
Präsidentschaft Donald Trumps
vor großen Herausforderungen. Direkt
an der Grenze zu Mexiko gelegen, ist
die Stadt von mexikanischer Kultur und engen
Verbindungen zu ihrem südlichen Nachbarn
geprägt. Doch die aktuellen politischen Entwicklungen
sorgen für Unsicherheiten, besonders für
Menschen mit Migrationsgeschichte.
Gavin Wickham, 22 Jahre alt, ist in San Diego
geboren und kennt die Dynamik der Grenzregion
aus eigener Erfahrung. Seine Urgroßmutter
stammt aus Mexiko, und die kulturellen Wurzeln
seiner Familie sind lebendig geblieben. „Jeder hier
hat ein Stück Mexiko in sich“, erklärt er. Viele
Bewohner:innen identifizieren sich trotz ihrer USamerikanischen
Staatsbürgerschaft stark mit
ihren mexikanischen Wurzeln. Spanisch ist
allgegenwärtig und mexikanisches Essen, wie
Tacos und Burritos, gehört selbstverständlich zur
lokalen Kulinarik.
Die geografische Nähe zu Mexiko beeinflusst
auch den Alltag der Stadt. „Auf dem Weg zur
Arbeit kann ich Tijuana sehen“, erzählt Gavin
Wickham. Tijuana, direkt hinter der Grenze, ist
ein bedeutendes Zentrum für Migration und eine
der am schnellsten wachsenden Städte Mexikos.
Jeden Tag überqueren Tausende die weltweit
meistfrequentierte Landesgrenze. Während viele
Migrant:innen von Tijuana aus versuchen, in die
USA zu gelangen, ist die wirtschaftliche Kluft
Bild: Privat
zwischen den beiden Städten offensichtlich.
„Tijuana ist so anders als San Diego“, sagt der
Kalifornier. Während seine Heimatstadt von wirtschaftlicher
Stabilität, Bildungsvielfalt und
vergleichsweise hohem Lebensstandard geprägt
ist, kämpft Tijuana mit großen sozialen Herausforderungen.
Die politischen Entscheidungen der Trump-
Regierung haben die Stimmung in der Grenzregion
spürbar verändert. Gavin Wickham erinnert sich
an die Enttäuschung nach den Präsidentschaftswahlen
2024: „Ein Arbeitskollege von mir
befürchtet, dass er abgeschoben werden könnte.
Da wurde mir klar, wie real die Sorgen für viele
Menschen sind.“
Doch nicht nur Migrant:innen sind betroffen.
Gavin Wickham selbst hat erlebt, wie sich Trumps
Einfluss auf ihn auswirkt. „Sobald ich erzählt
habe, dass ich Christ bin, gingen viele davon aus,
dass ich Trump unterstütze. Dabei hat das eine
nichts mit dem anderen zu tun.“ Sein Glaube sei
keine politische Zugehörigkeit, sondern ein
persönliches Fundament, das Mitgefühl und
Nächstenliebe betont.
Trotz der Spannungen bietet Kalifornien auch
Hoffnung auf Widerstand gegen Trumps Politik.
Der Staat ist bekannt für seine liberale Haltung
und San Diego gilt trotz seiner Nähe zu konservativeren
Regionen als demokratische Hochburg.
Doch die Sorge, dass Trump in seiner zweiten
Amtszeit seine Pläne noch entschlossener verfolgt,
ist groß. „Er hatte jetzt vier Jahre Zeit, um
sich vorzubereiten. Viele hier befürchten, dass er
diesmal weiter geht als zuvor“, erklärt der
gebürtige US-Amerikaner.
Die Stadt steht vor der Herausforderung, ihre
kulturelle Vielfalt und Stabilität zu bewahren,
während sie mit den politischen Realitäten ringt.
Für Gavin Wickham bleibt seine Stadt ein Symbol
für die Verbindung zweier Welten – der USA und
Mexikos – und ist zuversichtlich, dass Gemeinschaft
und Diversität auch in schwierigen Zeiten
Bestand haben können.
01/ 2025
KRACH
13
Ein neues Land, eine fremde
Sprache, und eine Vergangenheit,
die ihn nicht loslässt: der
gebürtige Russe Alexej Makarow*
muss alles zurücklassen,
um ein neues Leben zu beginnen.
Was als Reise beginnt,
endet in einer Entscheidung,
die keine Rückkehr mehr zulässt
– doch die Erinnerungen
und die Angst begleiten ihn bis
heute.
VON ALEXANDRA VOLK
Die Tasse Tee in seinen Händen wärmt
Alexej Makarow an diesem kalten
Morgen nur wenig. Er blickt auf die
verschneiten Straßen seiner neuen
Heimat, doch in Gedanken ist er in
Russland – dem Land, das er einst geliebt hat. Seinen
aktuellen Aufenthaltsort möchte er aus
Selbstschutz nicht verraten. „Der Begriff ‚Flucht‘
fühlt sich nicht richtig an. Ich war zuerst ein Tourist,
doch als die Situation in Russland immer
schlimmer wurde, blieb mir keine Wahl.“ Diese
Worte klingen fast nüchtern, doch der Blick des
jungen Mannes verrät, wie sehr ihn diese Entscheidung
geprägt hat.
Alexej Makarow, Mitte 30, wächst in einem
kleinen Dorf im Ural auf. Später zieht er nach
Moskau, wo er sich ein Leben aufbaut – erfolgreich,
wie er selbst sagt. Doch auch in der scheinbaren
Sicherheit der Großstadt spürt er die Unruhe.
„Man wusste, dass es gefährlich ist, sich offen
zu äußern. Ich kannte einige, die die Regierung
kritisierten, aber es waren wenige. Die Angst war
zu groß, die Konsequenzen zu schwerwiegend“,
erzählt der gebürtige Russe nachdenklich.
Mit der Invasion der Ukraine ändert sich alles.
„Irgendwann konnte ich nicht mehr schweigen.“
Seine Worte der Kritik in sozialen Medien und seine
Verbindung zu Menschen, die den Krieg offen
als solchen benennen, bleiben nicht unbemerkt.
Seine Reichweite auf Instagram wächst stetig. Die
Stimmung um Alexej Makarow wurde immer bedrohlicher.
„Plötzlich war man nicht mehr nur
ein Kritiker, sondern ein Verräter.“
Alexej Makarow entscheidet sich, Russland zu
verlassen. Anfangs war es nur ein Urlaub, ein vorübergehendes
Entkommen aus der drückenden
Enge. Doch bald wird klar, dass eine Rückkehr
nicht mehr zur Diskussion steht. Seine öffentliche
Kritik am Kreml hatte ihn ins Visier der Behörden
gebracht. „Ich wusste, wenn ich zurückgehe, bin
ich nicht sicher.“ Er erinnert sich an die ersten
Wochen in einem Auffanglager, dessen genauer
Ort zum Schutz seiner Person nicht genannt werden
soll. „Das waren Momente, die ich nie vergessen
werde. Die Enge, die Kälte, das Warten. Es war
eine harte Zeit, aber sie hat mir auch gezeigt, wie
„Meine Stimme
hat mich meine
Heimat gekostet“
wichtig Freiheit ist.“ Alexej Makarow hat seine Familie,
seinen Job und seine Freunde in Russland
zurückgelassen. Seine geliebte Katze muss bei
Freunden untergebracht werden. Der Kontakt zu
ihnen ist spärlich, belastet durch die Angst vor
Überwachung. „Jedes Gespräch könnte uns beide
in Gefahr bringen“, sagt er. Dennoch bleibt er aktiv.
Über Social-Media-Kanäle spricht er über seine
Erfahrungen, äußert weiterhin Kritik und beschreibt
die Situation in seiner Heimat. „Es wäre
einfacher, zu schweigen“, gibt er zu. „Aber ich sehe,
was passiert, und ich kann dabei nicht still
bleiben.“ Die Entscheidung, im Reiseland zu bleiben,
hatte auch finanzielle Konsequenzen. „Ich
hatte keinen Zugang mehr zu meinen Konten,
keine Möglichkeit, mein Leben zu finanzieren. Alles,
was ich hatte, musste ich hinter mir lassen.“
Trotzdem fühlt er sich freier als je zuvor.
„Meine Heimat wurde mir genommen“, sagt
Alexej Makarow, während er aus dem Fenster
blickt. „Russland, das Land, das ich liebte, exis-
Bild: Pixabay
tiert so nicht mehr. Es wurde durch ein System ersetzt,
das Menschen einschüchtert und Freiheit
nimmt.“ Für Alexej Makarow ist der Gedanke, eines
Tages zurückzukehren, ein ferner Traum:
„Wenn sich das System ändert, wenn die Gesetze,
die Freiheit ersticken, abgeschafft werden – dann
vielleicht.“ Diese Aussage lässt ihn müde lächeln,
denn bis dahin bleibt ihm seine Stimme.
Seine Botschaft an die Menschen in Deutschland
ist eindringlich. „Stellt euch vor, euer Zuhause
wird in einen Albtraum verwandelt, und ihr
könnt nichts dagegen tun. Das ist meine Realität“,
verdeutlicht der junge Mann mit brüchiger Stimme.
Alexej Makarows Geschichte zeigt nicht nur
die persönliche Tragödie eines Mannes, der alles
zurücklassen musste. Sie ist auch ein Zeugnis für
Mut und Widerstand in einer Zeit, in der Schweigen
oft einfacher wäre.
*Anmerkung: Der Name und persönliche Daten
wurden zum Schutz der Identität geändert.
14 KRACH
mediakompakt
Adopt, don‘t shop!
Tiere adoptieren, statt beim Züchter zu kaufen. Diese Entscheidung ermöglicht vielen Tieren ein
besseres Leben. Doch wie einfach ist es, zu adoptieren?
Petra Veiel, Pressesprecherin des Tierschutzvereins Stuttgart, klärt auf.
VON LEONIE EUL
Viele Menschen kaufen ihre Haustiere
bei einem Züchter. Laut einer Statista-
Umfrage aus dem Jahr 2024 sind es
46,6 Prozent der Haustierbesitzer:innen
in Deutschland. Gleichzeitig liest
man auf Social-Media-Plattformen wie TikTok immer
wieder, wie schwer es ist, zu adoptieren. Einige
Nutzer:innen berichten, dass sie kein Tier bekommen
haben und sich deshalb zum Kauf entschlossen
haben. „Die Auflagen sind zu hoch“, so
der Tenor auf TikTok.
Petra Veiel teilt diese Einschätzung nicht: „Für
uns steht das Wohl der Tiere im Vordergrund.“
Dabei sei es wichtig, dass die zukünftigen Besitzer:innen
mit Bedacht ausgewählt werden. Relevante
Kriterien wie Sachkunde über die Tierart,
Zeitaufwand und das Einkommen werden von
den Tierheimen überprüft. Für einen gesunden
Hund fallen im Schnitt 2000 Euro pro Jahr an Kosten
an, bei Krankheiten können diese deutlich
steigen. Züchter:innen oder „Vermehrer:innen“
wie Veiel sie nennt, würden darauf nicht achten.
Ihnen gehe es nur um den Profit. Trotz der negativen
Kommentare, die man auf Social-Media-Plattformen
wie zum Beispiel TikTok lesen kann, haben
laut Statista-Umfrage 35 Prozent der Haustierbesitzer
in Deutschland adoptiert.
„Der Mensch hat kein Problem sich ein gebrauchtes
Auto zu kaufen – warum also nicht ein
Tier mit Vorleben?“, fragt Veiel provokativ. Sie
weist darauf hin, dass viele Menschen glauben,
ein Welpe entwickle sich genau nach ihren Vorstellungen.
Doch laut der Pressesprecherin sind es
oft solche Hunde, die im Tierheim abgegeben
werden und nicht richtig erzogen wurden. Erwachsene
Tiere bieten dagegen klare Vorteile, sagt
die Tierschützerin. Sie bringen häufig grundlegende
Verhaltensweisen mit, wie zum Beispiel die
Nutzung der Katzentoilette bei Katzen. Oder bei
Hunden auf Kommando zu sitzen.
Laut der Tierschützerin haben Tierheime fast
alle Tierarten vor Ort. „Wir haben sogar Hühner“,
sagt sie schmunzelnd. Adoption bietet nicht nur
jungen, sondern auch älteren Tieren die Chance
auf ein besseres Leben. Das zeigt es die Geschichte
von Pablo, einem 17-jährigen Pinscher. Dieser
wurde trotz seines hohen Alters adoptiert und
durfte seine letzten zwei Jahre in vollen Zügen genießen.
Zum Beispiel durch einen eigens für ihn
angebrachten Treppenlift oder einen Erste-Klasse-
Flug in den Urlaub.
Adoption kann sich lohnen: Tiere bekommen
eine zweite Chance und Menschen einen besonderen
Freund. Veiels Empfehlung: Bevor jemand
den Weg zum Züchter wählt, sollte man auf jeden
Fall zuerst im Tierheim vorbeischauen. Das Tierheim
Stuttgart in Botnang hat jährlich Kosten
von zwei Millionen Euro. Ein Viertel davon wird
von der Stadt Stuttgart gestellt, erklärt Veiel. Dies
liegt daran, dass das Tierheim als Dienstleistung
Fund- und Verwahrtiere aufnehmen muss.
„Den Rest müssen wir selbst stemmen“, sagt
„Wir haben sogar Hühner“
die Tierschützerin. Denn das Tierheim muss nicht
nur die laufenden Kosten der Tiere zahlen, sondern
auch den Lohn ihrer Mitarbeitenden. Durch
Spenden und Erbschaften wird das Tierheim unterstützt.
„Erbschaften werden immer weniger“,
erzählt Veiel. Für die Zukunft sieht sie ein Problem
für die Tierheime: „Denn es wird immer einfacher,
Tiere zu kaufen“, sagt die Pressesprecherin.
Es wurde festgestellt, dass Tiere oft teurer seien
als gedacht oder den Menschen die Sachkunde
fehle, sodass sie immer häufiger im Tierheim abgegeben
würden. Dies führt dazu, dass die Kosten
der Tierheime steigen. Zusätzlich erhöhen sich
die Mitarbeiter-, Strom- und Futterkosten, während
Erbschaften weniger werden und damit die
Bereitschaft zum Spenden sinkt. „Wir denken
trotzdem positiv“, sagt Veiel. Denn vor circa elf
Bild: Leonie Eul
Jahren stand das größte Tierheim Baden-Württembergs
bereits kurz vor dem Aus. Durch eine
Neukalkulation der Kosten für Fund- und Verwahrtiere
kamen 250.000 Euro pro Jahr von der
Stadt Stuttgart hinzu.
Eine Unterstützung des Tierheims sei auch ohne
Adoption möglich, beispielsweise durch Spenden.
„Am liebsten Geldspenden“, betont Veiel mit
einem Lächeln. Möglich sei auch eine Partnerschaft,
mit der man das Tierheim ab zehn Euro
monatlich unterstützen kann. Außerdem kann
man eine Mitgliedschaft abschließen. Diese liegt
bei 25 Euro regulär oder vergünstigt für Rentner:innen
und Studierende bei 12,50 Euro pro
Jahr.
Alle weiteren Informationen gibt es unter
www.stuttgarter-tierschutz.de.
Spendenkonto
Tierschutzverein Stuttgart und Umgebung e.V.
BW Bank
IBAN: DE37 6005 0101 0002 9201 57
BIC:SOLADEST600
01/ 2025
Stadt. Land. Krach?
KRACH
15
Ein Rascheln im Garten, ein
Knarzen unterm Dach. Füchse
und Waschbären in der Nähe
des Menschen sind längst
nichts Neues mehr. Warum
sich der Mensch mehr mit der
Natur auseinandersetzen
sollte, weiß Dominic Urschler,
Wildtierbeauftragter der
Landeshauptstadt Stuttgart.
VON JANA JACOBS
Brummende Automotoren, vibrierende
Presslufthammer oder kreischende
Menschenmassen gehören in der
Stadt Stuttgart zu Alltagsgeräuschen.
Die Stadtbewohner:innen sind an
den Krach von Autobahnen, Baustellen und
Nachtleben gewöhnt. Doch was passiert, wenn
Wildtiere den Krach verursachen?
„Die Mensch-Wildtierkonflikte versuchen wir
als Wildtierbeauftragte durch präventive Maßnahmen
zu lösen“, sagt Dominic Urschler. Der
Mensch breitet seinen Lebensraum immer weiter
aus und nimmt dafür mehr und mehr Raum ein.
Viele Tiere sind daher gezwungen, ihren Lebensraum
mit den Menschen zu teilen. „Ich werde oft
gerufen, wenn sich Wildtiere in die Häuser und
Gärten der Menschen verirren“, erklärt der Wildtierbeauftragte
der Stadt Stuttgart.
Tiere wie der Waschbär oder der Fuchs verlagern
ihren Lebensraum vom Wald in die Stadt.
Diese anpassungsfähigen Tiere fühlen sich von
dem Lärm der Großstadt weniger gestört. Sie haben
sich an das Leben in der Stadt gewöhnt.
Denn: Wo der Mensch lebt, gibt es auch Futter.
Laut Dominic Urschler spielt der Lärm in ihrem
Habitat eine untergeordnete Rolle.
„Die Tiere passen sich an die Gegebenheiten
an. Sie leben dort, wo Nahrung, Schutz und Deckung
vorhanden sind“, weiß der Stuttgarter. Und
diese Faktoren seien in der Nähe des Menschen
gegeben. In Stuttgart sorge zurzeit gerade der
Waschbär für Unruhe. Er sucht in Mülleimern
nach Futter, veranstaltet Chaos oder bricht in
Wohnhäuser ein. Auch kommt es immer häufiger
vor, dass Tiere auf die Straße laufen und Wildunfälle
verursachen. Das Überlappen der Lebensräume
führt immer mehr zu Spannungen. „Die Tiere
kommen dem Menschen immer näher, teilweise
auch schon bis vor die Gartentür.“
Der Lärm störe sie nicht. Teilweise verursachen
sie ihn auch selbst, denn viele Arten sind
nachtaktiv. Das Klappern von umfallenden Mülltonnen,
das Rascheln von aufgerissenen Müllbeuteln
oder der nächtliche Kampf um Nahrung und
Revier gehören im Lebensraum Stadt dazu.
Bild: Pixabay
Waschbären im Garten, Füchse auf der Autobahn
oder Wild- und Nilgänse in Freibädern oder im
Schlossgarten. Laut wird es dann, wenn der
Mensch ihnen zu nahekommt. „Gerade die Nilgänse
im Schlossgarten verteidigen ihre Jungen
oft aggressiv vor den Besuchern“, verdeutlicht
Urschler.
Und nicht nur das Aufeinandertreffen mit
dem Menschen sorgt in der Tierwelt für Ärger.
„Durch den ständigen Lärm haben sich viele Arten
an den hohen Lautstärkepegel angepasst. Viele
Singvögel, die in großen Ballungsgebieten des
Menschen leben, können nicht mehr mit Artgenossen
aus der Wildnis kommunizieren. Sie haben
die Lautstärke ihrer Gesänge an den Lärm angepasst“,
sagt Urschler.
Die höhere Frequenz ihres Gezwitschers führe
dazu, dass sie sich mit Artgenossen aus ländlicheren
Gebieten nicht mehr verständigen können.
Das hat folglich auch Auswirkungen auf ihr Paarungsverhalten
und ihre Kommunikation. Es besteht
auch die Gefahr, dass sie Warnrufe ihrer Art-
Info:
genossen nicht hören und somit Fressfeinden
zum Opfer fallen.
„Der Mensch wird immer naturfremder“
Aber was passiert, wenn der Mensch sich komplett
von der Natur distanziert? Wenn der Mensch die
Natur nicht mehr versteht, hat das Folgen. Gerade
in hohen Ballungsgebieten wachsen immer mehr
Menschen naturfremd auf. „Sie haben oft gar keinen
Bezug mehr zur Natur“, sagt Urschler.
Besorgte Bürger:innen rufen ihn häufig besorgt
an, weil sie einen Fuchs oder einen Marder
in ihrem Garten gesehen haben und sind ratlos,
was sie nun tun sollen. Dabei verhalten sich diese
Tiere ihrer Art entsprechend.
Urschler meint: „Es ist wichtig für Sensibilisierung
zu sorgen. Dafür ist viel Aufklärungsarbeit
notwendig.“ So können Konflikte mit Wildtieren
vermieden werden, wenn man beispielsweise die
Hauskatze nicht mehr auf der Terrasse füttert,
oder seinen Müll nicht auf oder neben der Straße
entsorgt. Denn es ist schließlich das Futter, was
die Tiere in die Stadt lockt.
Für mehr Aufklärung in Bezug auf Wildtiere in der Stadt sorgen verschiedene Anlaufstellen:
• Wildtierbeauftragte des zuständigen Landkreises
• Wildtierbeauftragter Stuttgart: Dominic Urschler, Dominic.Urschler@stuttgart.de
Bild: Cottonbro Studio auf Pexels
• Das Wildtierportal Baden-Württemberg: wildtierportal-bw.de
16 KRACH
mediakompakt
Die stummen Schreie
der Ozeane
Bild: Pixabay
Vom Summen der Schifffahrt
bis hin zu den Schallkanonen
der Industrie: Unterwasserlärm
stört Orientierung und Kommunikation
von Meerestieren. Bioakustikerin
Dr. Ilse van Opzeeland
erklärt, wie der Mensch
die Balance gefährdet.
VON MICHAELA SCHMIDT
Das Meer klingt nicht, wie wir es uns
vorstellen. Statt sanften Plätscherns
dominieren Dröhnen, Knallen und
konstantes Brummen. Der Lärm unter
Wasser nimmt zu – und die Auswirkungen
auf das Leben in den Ozeanen sind
enorm. Dr. Ilse van Opzeeland, Bioakustikerin am
Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven, hat sich
darauf spezialisiert, diese Geräuschkulisse zu erforschen.
Lärmverschmutzung im Meer stammt
aus vielen Quellen. „Unterwasserlärm kann in
zwei Hauptkategorien unterteilt werden“, erklärt
die Spezialistin für Unterwasserakustik. Da sind
zum einen kurze, impulsartige Geräusche wie die
von Maschinenarbeiten oder seismischen Tests.
Zum anderen gibt es den ständigen, diffusen Lärm
von Schiffsmotoren. Beide Arten stören die marine
Tierwelt massiv: Laute Impulse lösen Fluchtreaktionen
aus und können das Gehör schädigen.
Ständiger Lärm hingegen stört Tiere bei der Orientierung,
der Nahrungssuche und der Kommunikation.
Besonders betroffen sind große Häfen und
stark befahrene Meeresgebiete. Aber Lärm verschwindet
nicht an der Wasseroberfläche. Durch
den sogenannten „Sofar-Kanal“, eine Wasserschicht
im Ozean, die wie ein Wellenleiter wirkt,
kann sich der Lärm über tausende Kilometer weit
ausbreiten. Selbst in entlegenen Regionen ist er
hörbar. In der Arktis, wo die gebürtige Dänin und
ihr Team forschen, ist der Lärm menschlicher Aktivitäten
allgegenwärtig. Die Antarktis sei zwar,
akustisch gesehen, sauberer, doch auch hier erzeugen
Eisbergkollisionen und das Abbrechen
von größeren Eismassen eine laute Kulisse. Diese
natürlichen Geräusche sind ein Teil der Umwelt
und schaffen, in bestimmten Phasen der Ruhe,
wichtige Rückzugsräume für viele Tiere. Etwa im
Winter, wenn das Meer unter einer dicken Eisschicht
liegt. „Diese jahreszeitlichen Schwankungen
bieten Zeitfenster, in denen die akustische
Kommunikation sehr effizient ist. Während in der
Framstraße, in der Arktis, ein ständiges Brummen
und Hämmern im Hintergrund der seismischen
Untersuchungen zu hören ist“, beschreibt die Bioakustikerin.
Die Folgen für die Tierwelt sind komplex: „Es
gibt keine einheitliche Reaktion“, stellt die Forscherin
dar. Arten reagieren unterschiedlich, abhängig
von Alter, Geschlecht und ihrer Lebensweise.
Manche Tiere fliehen, andere leiden still.
01/2025
KRACH
17
Ein erschreckendes Beispiel sind Schnabelwale,
die durch Marine-Sonare in die Tiefe gedrängt
werden. Sie tauchen panisch auf und erleiden dabei
eine tödliche Dekompressionskrankheit. Diese
Krankheit tritt auf, wenn Tiere oder Menschen
nach einem tiefen Tauchgang zu schnell auftauchen.
Dabei bilden sich Gasblasen im Körper, die
Schmerzen, Schäden an Organen oder sogar den
Tod verursachen können. Es ist mittlerweile bekannt,
dass diese tief tauchenden Arten auf Sonargeräusche
mit einer Fluchtreaktion reagieren. Die
Töne klingen für sie wie die Rufe ihrer größten
Feinde, den Orcas.
Die Bioakustikerin zeigt auf, dass für andere
Tiere der Schaden weniger sichtbar, aber genauso
gravierend ist. Die Kommunikation wird ineffizient.
Delfine finden ihre Partner nicht. Wale verlieren
ihre Jungtiere. Fische entkommen ihren
Feinden nicht. Sie äußert, dass die langfristigen
Auswirkungen nur schwer messbar sind, da viele
Stressfaktoren in den meisten Modellen nicht berücksichtigt
werden. „Es gibt Modelle, die die Auswirkungen
addieren und dadurch Schätzungen
oder abstrakte Maße dafür liefern können, wie
sich eine Lärmquelle auf den Lebensverlauf von
Tieren auswirkt. Aber das bleibt alles sehr abstrakt“,
erklärt sie.
Doch es geht nicht nur um das Überleben einzelner
Arten. Die Balance ganzer Ökosysteme gerät
ins Wanken. Die in Wiesmoor lebende Expertin
beschreibt, wie andauernder Lärm die Chancen
verringert, Beute oder Raubtiere zu entde-
cken, einen Partner zu finden oder sich mit Nachwuchs
zu verständigen. „Dauerlärm sollte nicht
unterschätzt werden“, warnt sie.
„Die Herausforderung bei Unterwasserproblemen
ist, dass sie nicht sichtbar sind und nicht zu
unserer Alltagswelt gehören“, fasst die Bioakustikerin
zusammen. Ihr Team nutzt Unterwasserschall,
um die Meeresumwelt zu erforschen. Die
akustischen Daten sprechen dabei eine Sprache,
die jeder verstehen kann. Die Aufnahmen werden
für die Öffentlichkeitsarbeit verwendet und sollen
nicht nur faszinieren, sondern aufklären: über
Krisen, die die Ozeane bedrohen und darüber, was
jeder dagegen tun kann. Zu finden sind die Klänge
auf der Website https://citiesandmemory.com/
polar-sounds/.
„Klimabedingte Veränderungen sind meiner
Meinung nach derzeit eine noch größere Bedrohung
für das Meeresleben als das Problem des Unterwasserlärms“,
äußert sie und betont, dass steigende
Meerestemperaturen die Eigenschaften des
Wassers beeinflussen. Schallwellen breiten sich in
warmem Wasser schneller aus, was den Effekt von
Lärmquellen verstärkt. Gleichzeitig führt der höhere
Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre dazu,
dass die Ozeane saurer werden, da der pH-Wert
sinkt. Diese Veränderung sorgt dafür, dass Geräusche
über größere Distanzen hörbar bleiben. Empfindliche
Ökosysteme, die schon mit schmelzendem
Eis und wandernden Arten zu kämpfen haben,
stehen dadurch noch stärker unter Druck. In
Kombination mit der chemischen Verschmutzung
und Überfischung entsteht ein unsichtbarer
Angriff auf die marine Welt. Dabei betrifft die
Lärmverschmutzung nicht nur belebte Regionen.
Selbst die Tiefsee, die oft als stilles Refugium wahrgenommen
wird, ist betroffen.
Die Forscherin beschreibt einige positive Entwicklungen.
Elektromotoren und leisere Schiffsantriebe
sind auf dem Vormarsch. Häfen fordern
inzwischen von Schiffen, ihre Lärmemissionen zu
reduzieren. Es gibt Blasennetze, die bei Bauarbeiten
helfen, den Schall zu dämpfen. Doch viele
Technologien, die Lärm mindern könnten, sind
teuer und werden nicht flächendeckend eingesetzt.
Zudem fehlen in internationalen Gewässern
oft verbindliche Regeln, um Lärmemissionen
wirksam zu reduzieren. „Doch wie bei allen Veränderungen,
die kein Geld einbringen, sondern
Geld kosten, verläuft der Prozess langsam. In bestimmten
Bereichen zu langsam“, betont sie.
Was kann jeder Einzelne tun? Die Wissenschaftlerin
glaubt an die Macht kleiner Schritte:
bewusster konsumieren, lokal kaufen, weniger
Fleisch essen. Diese Veränderungen können helfen,
die Ozeane zu schützen.
Wenn die Welt den Ozeanen nicht zuhört,
könnte das Meer eines Tages still werden. Nicht,
weil es ruhiger ist, sondern weil es leer ist. Dr. Ilse
van Opzeeland macht deutlich: „Wenn die Lärmverschmutzung
der Meere nicht eingedämmt
wird, führt dies zum Verlust der biologischen Vielfalt
der Meere, zu unausgewogenen Ökosystemen
und letztendlich zu leeren Ozeanen.“
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18 KRACH
mediakompakt
Zwischen Lärm und Leben
Das Bauhäusle auf dem Campus
Vaihingen ist ein Unikat
unter den Wohnheimen – ein
besonderes Zuhause für 30
Studierende. Im Interview erzählt
Bewohnerin Leonie Friedrich,
wie das Zusammenleben
trotz – oder gerade wegen –
der Lautstärke gelingt.
VON KATJA MÜLLER
Donnerstagnachmittag im Bauhäusle,
ruhig, doch nicht still. Der Geruch
von Tee und Holz liegt in der Luft. Eine
der beiden Katzen schläft auf dem
Sofa. Aus den Gängen hallen gedämpfte
Gespräche – Alltag im außergewöhnlichsten
Wohnheim Stuttgarts.
„Manchmal fühlt es sich an wie eine nie endende
Klassenfahrt, so hat meine Schwester es
einmal passend beschrieben“, erzählt Leonie
Friedrich, die seit fünf Jahren Teil des Bauhäusles
ist, und ergänzt: „Es stimmt – man ist ständig von
Menschen umgeben, es ist chaotisch und schön
zugleich.“ Als stellvertretende Wohnheimsprecherin
sorgt sie zusammen mit Wohnheimssprecher
Jonathan Schäfer dafür, dass die Interessen
Gut zu wissen
Der Name „Bauhäusle“ ist eine humorvolle
Anspielung auf das Bauhaus der
1920er Jahre. Doch anders als dessen
klare Linien und funktionale Ästhetik
ist das Bauhäusle individuell, verspielt
und voller krummer Wände.
aller berücksichtigt werden: „Die größte Herausforderung
ist, zwei Lager mit völlig gegensätzlichen
Meinungen an einen Tisch zu bringen und
trotzdem neutral zu bleiben.“
Das Bauhäusle ist nicht nur ein Wohnort, sondern
ein Mitmachprojekt. 1980 wurde es unter
der Leitung von Professor Peter Hübner als experimentelles
Architekturprojekt ins Leben gerufen –
ein Wohnheim, das Studierende größtenteils
selbst geplant, errichtet und bis heute weiterentwickelt
haben. Aktuell soll ein Pavillon im Garten
als neuer Gemeinschaftsraum entstehen.
„Bei 30 Leuten
kann einem nie alles
recht sein.“
Die Gemeinschaft lebt auch von Traditionen.
„Eine meiner Lieblingstraditionen ist der Adventskalender“,
bemerkt Friedrich. Jeden Tag im
Dezember organisiert jemand eine gemeinschaftliche
Aktion. „Es ist eine wunderbare Möglichkeit,
neue Bewohnende ins Haus zu integrieren und
den Zusammenhalt zu stärken“, erklärt Friedrich.
Auch die internen Partys oder spontane Aktionen
in der Küche fördern das Miteinander. „Einmal
haben wir mitten in der Nacht eine Schildkröte an
die Wand eines Zimmers gemalt.“
Krach als ständiger Begleiter
Ruhig ist es im Bauhäusle selten. Stimmen aus den
Küchen, knarrende Treppen und gelegentlich
Musik aus einem der Zimmer gehören zur akustischen
Kulisse des Hauses. „Natürlich gibt es
manchmal Konflikte wegen Lärm“, betont Friedrich.
„Das Wichtigste ist, dass wir Rücksicht nehmen
und offen miteinander reden.“ Es gibt wenige
feste Regeln, doch gegenseitiges Verständnis ist
die Basis. Wer im Wintergarten mit Freund:innen
verweilt, im Kino einen Film schaut oder laut Musik
hört, informiert vorher die anderen: „Das
funktioniert meistens ganz gut.“
Umgang mit Konflikten
Wie in jeder WG gibt es Themen, die immer wieder
Anlass für Diskussionen und Konflikte bieten.
Die Frage nach Sauberkeit steht ganz oben auf der
Liste. „Bei 30 Menschen hat jede:r andere Ansprüche
an Ordnung“, erklärt Friedrich. Auch politische
Themen oder unterschiedliche Lebensweisen
können zu Auseinandersetzungen führen.
Friedrich erzählt von einem „Stickerkrieg“: eine
lang anhaltende Diskussion über das Anbringen,
Überkleben und Entfernen von politischen und
nicht-politischen Stickern in Gemeinschaftsbereichen.
Auch heute sorgen die Sticker noch für Gesprächsstoff.
Doch die Bewohnenden setzen auf
offene Kommunikation. „Der Konflikt wurde auf
unterschiedlichen Ebenen ausgetragen“, erzählt
die Wohnheimsprecherin. „Bei 30 Leuten kann
einem nie alles recht sein.“
Ein Ort voller Individualität
Jedes Zimmer ist anders – ein Spiegel der Persönlichkeit
seiner Bewohnenden. Leonie Friedrich
zeigt ihr Zimmer, eines der beliebtesten im Haus.
Es erstreckt sich über drei Ebenen, mit einer
Schaukel, vielen Pflanzen und einem kleinen
Weinkühlschrank. Auch die Architektur des Hauses
ist einzigartig. Unterschiedlich gestaltete
Wohnkomplexe mit Namen wie Mühle, Camembert
und Tonne machen das Bauhäusle zu einem
unverwechselbaren Ort. „Man merkt, dass das
Haus von Studierenden gebaut wurde. Es ist nicht
perfekt, aber genau das macht es besonders“, sagt
Friedrich.
Wie man Teil des Bauhäusles wird
Studierende können sich über das Studierendenwerk
Stuttgart bewerben, doch die finale Entscheidung
treffen die Bewohnenden in sogenannten
Vorstellungsrunden. Dabei lernen die Bewerbenden
das Haus und die Bewohnenden kennen –
und beantworten eine ungewöhnliche Frage:
„Welches Teil am Fahrrad wärst du und warum?“
Leonie Friedrich erinnert sich an ihre eigene Antwort:
„Ich habe gesagt, ich wäre das Licht, weil
meine Eltern immer meinten, ich leuchte ein bisschen
wie die Sonne.“
Bild: Anna Evgen
01/ 2025
KRACH
19
Krach im Kopf
Telefonate, Interaktionen in
Gruppen oder das Sprechen
vor Menschen – viele alltägliche
Situationen sind für
Mandy Fleer eine Mutprobe.
Die 28-Jährige lebt mit einer
Angststörung. Wie schafft sie
es dennoch, sich täglich ihren
Ängsten zu stellen?
VON SELINA KLEY
Mandy Fleer lebt mit einer Erkrankung,
die für andere unsichtbar
ist. Täglich kämpft sie gegen die
Herausforderungen an. Mit Therapie,
Selbsthilfe und dem Austausch
mit anderen auf Social Media hat sie gelernt,
sich ihren Ängsten zu stellen und nicht von
diesen kontrolliert zu werden.
Schon früh bemerkt Mandy Fleer, dass gewisse
Situationen für sie eine große Herausforderung
sind. „Ich war schon immer sehr schüchtern und
habe es gehasst zu telefonieren“, beschreibt die
28-Jährige. Situationen in der Schule, wie das aktive
Mitmachen im Unterricht oder das Halten von
Präsentationen, sind für sie immer größere Hürden
gewesen und zeigen, wie ausgeprägt ihre
Ängste schon damals sind. „Ich wusste lange
nicht, dass ich unter einer Angststörung leide“, erzählt
Fleer. Diese Diagnose erhält sie erst Jahre
später.
Trotz dieser Diagnose zeigen Personen in ihrem
Umfeld oft wenig Verständnis. Oftmals wird
ihr gesagt, sie solle sich nicht so anstellen. Während
des Studiums stößt die Bloggerin vor allem
bei Dozierenden oft auf fehlendes Verständnis
und Vorurteile. Auch im Berufsleben wird ihre Erkrankung
manchmal nicht ernst genommen.
„Man muss funktionieren – das wird oft vorausgesetzt.“
Andere Personen in ihrem Umfeld, wie ihr
Partner oder ihre Schwester, sind jedoch eine Stütze
für die 28-Jährige und zeigen volles Verständnis.
Dennoch nimmt die Angststörung eine große
Rolle in ihrem Leben ein und macht ihren Alltag
anstrengend: „Ich bin schnell erschöpft, da es viel
Energie kostet.“ Die Intensität der Ängste ist oftmals
von Fleers Grundstimmung abhängig. Die
Angststörung wird intensiver, wenn sie generell
schon angespannt ist. Wochen, in denen viele
persönliche Herausforderungen auf sie warten,
verstärken die Gefühle.
Ihre Ängste spürt die 28-Jährige sowohl durch
belastende Gedanken als auch durch körperliche
Symptome. „Ich fühle eine innere Anspannung,
mein Herz schlägt schneller, meine Beine werden
wackelig und ich bekomme kaum Luft“, beschreibt
Fleer, wie sich ihre körperlichen Symptome
auswirken können. „In solchen Momenten
denke ich, dass ich gleich ersticken und sterben
werde“, erläutert sie. Auch ihre Gedanken verschlimmern
die Situation. „Ich denke oft, dass ich
komisch wirke und die Menschen das merken. Je
mehr ich mich darauf konzentriere, desto unsicherer
werde ich. In solchen Momenten fühlt sich
meine Angst wie ein schwerer, dunkler Mantel an,
der sich immer weiter zuschnürt und mir die Luft
nimmt“, beschreibt Fleer ihre Gedankenspirale in
Momenten der Angst.
Früher hat Mandy Fleer ihre Tage genau geplant,
um angstauslösende Situationen zu vermeiden.
Heute stellt sie sich diesen bewusst, um die
Kontrolle über ihren Alltag zurückzugewinnen.
Durch eine Therapie hat Fleer Methoden gefunden,
die sie in Momenten intensiver Angst beruhigen.
Besonders helfen ihr hierbei Atemübungen.
„Das bewusste Atmen bringt mich zurück ins
Hier und Jetzt und hilft mir, die Kontrolle über
meinen Körper zu gewinnen“. Auch das Hinter-
fragen ihrer Gedanken hilft ihr. Außerdem hat sie
für herausfordernde Momente immer scharfe
Bonbons oder Lakritz dabei. Der starke Geschmack
löst eine körperliche Reaktion aus und
ihre Gedanken geraten in den Hintergrund.
Fleer hat sich zudem einer Selbsthilfegruppe
angeschlossen. Hier kann sie sich offen mit anderen
Personen austauschen, die ähnliche Erfahrungen
mit der Erkrankung gesammelt haben. Die
Mitglieder der Selbsthilfegruppe sind sich dadurch
eine gegenseitige Stütze.
Neben Therapie und der Selbsthilfegruppe
spricht Mandy Fleer aber auch auf Social Media
über ihre Angststörung. Der Schritt in die Öffentlichkeit
hat ihr geholfen, offen über ihre Ängste
zu sprechen und sich mit anderen Betroffenen
austauschen. Indem sie ihre Erfahrungen teilt,
möchte sie anderen Mut machen: „Es ist völlig in
Ordnung, sich Hilfe zu suchen und sich jemandem
anzuvertrauen. Oft sind es die kleinen Schritte,
die einen weiterbringen.“
20 KRACH
mediakompakt
Der Klang
Bild: Pixabay
des Lebens
Der erste Schrei nach der Geburt eines Neugeborenen ist ein
Moment voller Emotionen – für die Eltern, das Neugeborene und
das medizinische Personal. Hebamme Lisa Hobelsberger spricht
über die ersten Minuten im Leben eines Babys.
VON LISA MÜHLENBROCK
Seit zwölf Jahren arbeitet Lisa Hobelsberger
als freiberufliche Hebamme und
hat dabei bereits unzählige Geburten
begleitet. Die Geburt eines Neugeborenen
ist immer wieder ein magischer
Moment für sie: „Natürlich ist man bei der 1000.
Geburt nicht mehr so unruhig und nervös wie bei
der ersten Geburt, die man begleitet. Dennoch
bleibt sie immer ein Wunder, das man miterleben
darf.“
Ein Zeichen des Lebens
Im Allgemeinen warten vor allem die Eltern in
den ersten Momenten nach der Geburt auf den
ersten Schrei ihres Babys. Dieser zeigt an, dass das
Kind eigenständig atmen kann. Im Bauch wird
das Kind über die Nabelschnur von der Mutter mit
Sauerstoff versorgt. „Durch das erste Weinen
schafft das Kind es eigenständig, seine Lunge zu
entfalten und die Atmung zu aktivieren“, erklärt
Hobelsberger, die selbst drei Kinder zur Welt gebracht
hat. Auch Faktoren wie die plötzliche Zufuhr
von kühler Luft oder die Schwerkraft können
das Schreien begünstigen.
Warum schreit nicht jedes Baby?
Die Hebamme betont, dass Babys nicht immer
laut schreien müssen, um gesund zu sein. Ein Baby
kann auch erfolgreich ins Leben starten, ohne
gleich laut auf sich aufmerksam zu machen. „Man
muss nicht ankommen und schreien, man kann
als Baby auch ankommen und staunen“, sagt sie.
Solange das Neugeborene eigenständig atmen
kann und auch sonst gesund ist, müssen Eltern
sich keine Sorgen machen, wenn das Baby nicht
direkt nach der Geburt schreit.
Der Apgar-Test
Den Gesundheitszustand des Babys beurteilen
Hebammen und Ärzt:innen mit dem sogenannten
„Apgar-Test“. Die Abkürzung steht im Deutschen
für die Begriffe Atmung, Puls, Grundtonus,
Aussehen und Reflexe. Jeder dieser Faktoren wird
nach einer, fünf und zehn Minuten beurteilt und
mit einer Punktzahl bewertet. Bis zu zwei Punkte
können pro Kriterium vergeben werden. Wenn
das Kind nach dem letzten Test einen guten Apgar-Wert
hat (sieben bis zehn Punkte), besteht
kein Grund zur Sorge, erklärt die Hebamme.
Emotionale Bedeutung für die Eltern
Für die frischgebackenen Eltern bleibt der erste
Schrei trotzdem ein beruhigender Faktor. Der erste
Schrei symbolisiert den Beginn des Lebens als
Familie und bleibt für die meisten ein unvergesslicher
Augenblick. „Viele Eltern fühlen sich erst beruhigt,
wenn sie ihr Baby weinen hören. Es ist ein
Zeichen: ‚Es ist da, es atmet‘“, erklärt die dreifache
Mutter.
Vertrauen in die Eltern
Eine Sache, die die Hebamme werdenden Eltern
mitgeben möchte, ist Vertrauen in sich selbst zu
haben. Oftmals haben Mütter und Väter große
Ansprüche an sich und möchten mit ihrem kleinen
Baby gleich alles perfekt machen, erklärt Lisa
Hobelsberger. „Auch für Eltern ist das alles neu.
Man darf gemeinsam mit dem Kind lernen, eine
Familie zu werden“, möchte sie deutlich machen.
Die eigene Intuition ist meistens der richtige Weg,
um eine Situation zu lösen. Jedes Kind verhält sich
anders und es gibt nicht „die perfekte Lösung“.
Lisa Hobelsberger
Lisa Hobelsberger ist freiberufliche Hebamme.
In ihrem Buch „Hallo Wochenbett“
bereitet sie Mütter auf die
Zeit nach der Geburt vor. Auf ihrer eigenen
Webseite meilenstein-akade
mie.com bietet sie Online-Kurse rund
um Geburt und Familienleben an.
01/ 2025 KRACH
21
Stille Schmerzen, lauter Kampf
Endometriose betrifft Millionen Frauen, doch die Krankheit bleibt oft lange unentdeckt. Ivonne van
der Lee, Gründerin des Netzwerks „Endo Ladies“ und selbst Betroffene, kämpft für mehr Sichtbarkeit
und eine bessere medizinische Versorgung.
VON ANNIKA MAIER
Ich wusste teilweise nicht, wie ich den Alltag
mit drei kleinen Kindern und diesen
Schmerzen schaffen sollte.“ Ivonne van der
Lee erinnert sich an die Jahre voller Unsicherheit,
bevor sie endlich die Diagnose Endometriose
erhielt. Für die Gründerin der Selbsthilfegruppe
„Endo Ladies“ war dies der Beginn einer
Reise, die sie zu einer Unterstützerin machte –
ein Engagement, das vielen Betroffenen Hoffnung
gibt.
Ein langer Weg zur Diagnose
Endometriose betrifft etwa zehn Prozent aller
Frauen im reproduktiven Alter, was in Deutschland
auf rund ein bis zwei Millionen Betroffene
schließen lässt. Doch diese Zahlen bleiben Schätzungen,
wie Prof. Dr. med. Stefan P. Renner, Chefarzt
und Leiter des Endometriosezentrums am Klinikum
Böblingen, erklärt: „Die genaue Anzahl der
Betroffenen ist unklar. Auch bei den geschätzten
30.000 Neuerkrankungen pro Jahr fehlen exakte
Daten.“
Die Krankheit, bei der gebärmutterschleimhaut-ähnliches
Gewebe außerhalb der Gebärmutter
wächst, bleibt oft lange unentdeckt. „Die
durchschnittliche Diagnosezeit liegt bei sieben bis
zehn Jahren“, sagt Ivonne van der Lee. Während
dieser Zeit fühlen sich viele Frauen allein gelassen.
„Mir wurde oft gesagt, das bilde ich mir nur ein“,
erinnert sie sich.
Medizinische Versorgungslücken
Neben der langen Diagnosezeit bestehen große
Lücken in der Versorgung. „Endometriose ist eine
chronische, oft schmerzhafte Erkrankung, die
ganzheitlich behandelt werden muss“, erklärt
Prof. Renner. Dazu gehören nicht nur Operationen
oder Medikamente, sondern auch langfristige
Therapiepläne. Besonders für Frauen mit Kinderwunsch
spielt die richtige Behandlung eine große
Rolle: „Etwa 50 Prozent der Kinderwunschpatient:innen,
die operiert werden, haben Endometriose.“
Doch nicht alle Betroffenen benötigen eine
Operation. „Die Erkrankung muss individuell
betrachtet werden und nicht jede Behandlung
passt für jede Patientin“, sagt Prof. Renner. Oft
hilft auch eine Kombination aus Ernährungsanpassung
und Schmerztherapie.
Um die Versorgung zu verbessern, setzt sich
Ivonne van der Lee als „Endo Nurse“ in einer Frauenklinik
ein – eine Rolle, die sie aus ihrer Erfahrung
heraus entwickelte. In Deutschland wächst
das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Endo
Nurses. „Mehrere Kliniken arbeiten daran, dieses
Konzept zu etablieren“, sagt Prof. Renner.
Ein Netzwerk für Betroffene
Neben ihrer beruflichen Tätigkeit gründete Ivonne
van der Lee das Netzwerk „Endo Ladies“. „Viele
Betroffene fühlen sich isoliert“, erklärt sie. „In der
Gruppe finden sie Austausch, Unterstützung und
neue Perspektiven.“
Dieses Engagement zeigt, wie wichtig es ist,
nicht nur medizinische, sondern auch emotionale
Hilfe anzubieten. Zudem leistet die Gruppe
wertvolle Aufklärungsarbeit. „Wir wollen, dass
Endometriose endlich als ernsthafte Erkrankung
wahrgenommen wird“, betont van der Lee.
Hoffnung und Appell
Trotz Fortschritten bleibt viel zu tun. Ivonne van
der Lee betont: „Endometriose sollte so bekannt
sein wie Diabetes.“ Prof. Renner ergänzt: „Die Diagnose
bedeutet nicht automatisch, dass man
ständig Schmerzen hat oder nie schwanger werden
kann. Es braucht jedoch Expert:innen, die die
Erkrankung ganzheitlich betrachten.“
Der Kampf gegen die „stille Krankheit“ geht
weiter – getragen von Menschen wie Ivonne van
der Lee, die mit persönlichem Einsatz und Fachwissen
Betroffenen eine Stimme geben.
Anlaufstellen für
Betroffene
Endometriose-Zentren in der Gegend:
• Medius Klinik in Ostfildern-Ruit
• Klinik für Frauenheilkunde & Geburtshilfe
am Klinikum Böblingen
• Klinikum Esslingen
• Universitäts-Frauenklinik Tübingen
Selbsthilfegruppe:
• @endoladies.stuttgart (Instagram)
Bild: Marion Hasshold
22 KRACH
mediakompakt
Bild: Pixabay
Abschied in Würde
Es gibt Orte, an denen Leben und Tod in einzigartiger Harmonie koexistieren. Das Hospiz Esslingen
ist ein solcher Ort – ein Zuhause für schwerkranke Menschen in ihrer letzten Lebensphase.
Die stellvertretende Pflegedienstleiterin Sylvia Schulze spricht über die emotionalen
Herausforderungen und den Fachkräftemangel im Hospiz.
VON JELENA ZEC
Abschied in Würde bedeutet für mich,
jeden Gast in seiner Einzigartigkeit zu
respektieren“, sagt Sylvia Schulze,
Pflegefachkraft und stellvertretende
Pflegedienstleiterin im Hospiz Esslingen.
2015 wechselt die ehemalige Kinderkrankenschwester
in die Hospizarbeit. Als Pflegedienstleiterin
entscheidet sie über die Aufnahme der Gäste.
Sie berät Angehörige und koordiniert den Kontakt
zu Ärzten, sowie die wöchentlichen Visiten
der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung
(SAPV).
„Ein bis zwei
Gäste sterben hier
pro Woche“
Das Team des Esslinger Hospiz, bestehend aus 20
Pflegekräften und zahlreichen Ehrenamtlichen,
betreut und begleitet acht Gäste auf ihrem letzten
Lebensabschnitt. Diese Aufgabe erfordert nicht
nur Hingabe und Empathie, sondern ist auch mit
emotionalen Herausforderungen verbunden.
„Ein bis zwei Gäste sterben hier pro Woche“,
betont Schulze, die gemeinsam mit ihrem Team
diese Abschiede begleitet. Besonders schwer wiegen
die Abschiede von Eltern, die ihre kleinen
Kinder zurücklassen, oder von Menschen, die ihre
Diagnose erst wenige Wochen vor ihrem Tod erhalten
haben. „Diese Verluste belasten uns sehr“,
gesteht sie. Um mit diesen Herausforderungen
umzugehen, ist der Austausch im Team unerlässlich.
Regelmäßige Gespräche, Supervisionen und
Rituale wie das Aufstellen einer Laterne vor dem
Zimmer eines Verstorbenen oder kleine Abschiedszeremonien
helfen, die Belastungen zu
verarbeiten.
Fachkräftemangel: Eine wachsende Herausforderung
Wie viele Pflegeeinrichtungen spürt auch das
Hospiz in Esslingen die Auswirkungen des Fachkräftemangels.
„Ein eingespieltes Team mit offener
Kommunikation ist für uns unerlässlich“, betont
Schulze. Der Einsatz von Zeitarbeitskräften
sei auf Dauer aber keine Lösung, denn die Gäste
brauchen Nähe, Sicherheit und Vertrautheit. Viele
Pflegekräfte ziehen Berufe mit geregelteren Arbeitszeiten
vor, da der Drei-Schichtdienst sehr belastend
sein kann.
Auch die Generalistik in der Pflegeausbildung
wird kritisch gesehen: „Themen und Inhalte, welche
mehr Zeit erfordern, können in den drei Jahren
oft nicht ausreichend behandelt werden“, erklärt
die Esslinger Pflegedienstleiterin. Sie verweist
auf hohe Durchfallquoten, die abschreckend
wirken können.
Was braucht es für die Pflege der Zukunft?
Um den Pflegeberuf attraktiver zu gestalten, fordert
Sylvia Schulze vor allem bessere Arbeitsbedingungen
und flexiblere Dienstpläne. „Es muss
gewährleistet sein, dass Arbeitszeiten auch eingehalten
werden“, betont sie.
Besonders in diesem Berufsfeld sei es entscheidend,
dass die Mitarbeiter:innen regelmäßig „ihre
Batterien wieder aufladen können“, um langfristig
motiviert und leistungsfähig zu bleiben. Deshalb
arbeiten die Pflegekräfte im Esslinger Hospiz
in Teilzeit. Nur so könne gewährleistet werden,
dass die Qualität der Betreuung erhalten bleibt.
Doch es braucht mehr: „Wir müssen als Gesellschaft
den Tod als Teil des Lebens akzeptieren und
offener darüber sprechen“, fordert die Pflegedienstleiterin.
Im Esslinger Hospiz wird der Tod nicht verdrängt,
sondern als Teil des Lebens gesehen. „Bei
uns wird mindestens genauso viel gelacht wie geweint“,
betont sie.
Besuche von Schulklassen oder Kindern seien
stets willkommen, um Berührungsängste abzubauen
und den Tod als natürlichen Bestandteil
des Lebens zu vermitteln. „Das Thema sollte in die
Schulen getragen werden, damit die Hemmschwelle
sinkt und es nicht mehr als Tabu wahrgenommen
wird. Früher oder später trifft uns der
Tod alle.“
Generalistik in der Pflege
Seit 2020 umfasst die generalistische
Pflegeausbildung die Bereiche Alten-,
Kranken- und Kinderkrankenpflege.
Ziel ist es, Pflegekräfte breit auszubilden,
damit sie flexibel in verschiedenen
Bereichen der Pflege arbeiten können.
Kritiker:innen bemängeln, dass die
Ausbildung dadurch zu umfangreich
wird und spezialisierte Themen zu kurz
kommen, was Auszubildende überfordert
und abschreckt.
01/ 2025 KRACH
23
Stille und Alarm
Zwischen Notfall und Leben retten:
Krankenschwester Sigrid Philippsen zwischen Lärm,
Tod und dem Stress der Nachtschicht.
VON TAYLA MARBURGER
Es ist 22.30 Uhr. Die Flure des Katharinenhospital
in Stuttgart sind in grelles
Neonlicht getaucht. Für Sigrid Philippsen
beginnt eine lange Nacht. Noch
herrscht Ruhe, doch das kann sich jederzeit
ändern. Während die Stadt draußen in
Stille versinkt, prägen in den Zimmern die typischen
Klänge der Intensivmedizin die Atmosphäre:
das regelmäßige Piepen der Monitore, summende
Geräte und Alarme, die plötzlich durch die
Nacht gellen. Die Geräuschkulisse der Station ist
rund um die Uhr gleich, doch nachts wirken die
Monitoralarme belastender – einfach, weil alles
andere ansonsten leise ist. „Vor ein paar Jahren
habe ich 80 verschiedene Alarme und Töne gezählt“,
erzählt die Krankenschwester aus Leonberg.
Auf der Intensivstation ist jede Nacht unvorhersehbar
und jederzeit kann der nächste Notfall
kommen. „Man hat keinen Plan, sondern man
reagiert nur die ganze Zeit.“ Das liege in der Natur
des Berufs und das sei nicht für jeden etwas. Für
die erfahrene Krankenschwester aber ist der ständige
Druck kein Problem. Sie sieht es als Typsache
und habe sich an die psychische und physische
Belastung gewöhnt. In jedem Moment kann sich
etwas ändern, in jedem Moment kann etwas passieren.
Dadurch bleibt der Körper während der gesamten
Schicht in Alarmbereitschaft. Das hilft,
auch in den späten Stunden der zehnstündigen
Schicht aufmerksam zu bleiben. „Man muss die
ganze Zeit unter Spannung sein, sonst hat man
verloren“, erklärt Philippsen. Wer das nicht schaffe,
würde von den ständigen Alarmsignalen gestresst,
reagiere zu langsam oder mache gefährliche
Fehler aus Übermüdung. Während der Nachtschicht
ist hauptsächlich Notfallarbeit angesagt.
„Wir reagieren auf den Patienten – immer.“
Der Tod gehört für Philippsen zum Berufsalltag
dazu. Die Sterberate liege trotz moderner Medizin
bei schockierenden 40 Prozent. „Wir haben
es oft genug, dass die Leute trotzdem sterben oder
nichts wirklich hilft, aber wir haben es dann wenigstens
probiert.“ Seitdem Philippsen in einem
ähnlichen Alter wie viele ihrer Patient:innen ist,
fällt ihr der Umgang mit Sterbefällen immer
schwerer. „Dann geht es einem viel näher, weil
das hätte genauso gut ich sein können oder mein
Mann.“ Ihr christlicher Glaube hilft ihr dabei, diese
Erlebnisse zu verarbeiten: „Insgeheim weiß ich:
solche schlimmen Sachen passieren nicht ohne
Grund und das gibt mir Halt.“ Außerdem kann
Philippsen den Arbeitsalltag durch schöne Unternehmungen
wie Gartenarbeit und Ausflüge verarbeiten.
Die Arbeitsbedingungen auf der Station
sind hart. Offiziell soll eine Pflegekraft maximal
zwei Patient:innen betreuen, doch der gesetzliche
Betreuungsschlüssel kann bei Notfällen nicht eingehalten
werden. Zusätzlich erschwert der Fachkräftemangel
die Arbeit. „Viele neue Kolleg:innen
kommen direkt von der Schule und haben keine
Berufserfahrung“, meint sie. Die 50–Jährige selbst
hat nach ihrem Diplom als Krankenschwester eine
zweijährige Weiterbildung für die Intensivstation
absolviert – heute ist das keine Voraussetzung
mehr. Unter diesen Bedingungen leide die Qualität
der Arbeit. Auch körperlich fordert die Nachtschicht
Tribut. „Nachts zu arbeiten ist einfach
nicht gesund und nicht normal.“ Die Kranken-
Bild: Unsplash
schwester leidet häufiger unter starker Migräne
und schläft nach den Nachtschichten schlecht, da
das grelle Licht der Neonröhren den natürlichen
Biorhythmus erheblich stört. Durch Routinen,
wie keinen Kaffee während der Nachtschicht zu
trinken oder ihre Schichten nicht auf den Zeitraum
ihrer Periode zu legen, versucht sie die Belastung
auf ihren Körper geringer zu halten.
Die Intensivkrankenschwester ist nicht die Alleinverdienerin
ihrer Familie, könnte es aber mit
ihrem Gehalt auch nicht sein. Viele ihrer Kolleg:innen
müssen einen zweiten Job neben einer
Vollzeitbeschäftigung aufnehmen. In den zwei
freien Tagen nach den Nachtschichten arbeiten
sie weiter im Schichtbetrieb anderer Pflegeeinrichtungen.
„Finanziell wird unsere Arbeit nicht
honoriert. Der Zuschlag für eine Nachtschicht ist
nur 2,50 Euro pro Stunde.“ Trotz aller Belastungen
würde Sigrid Philippsen ihren Beruf nie eintauschen.
Auch wenn die Nächte lang sind, gibt
sie bei jeder Person 100 Prozent.
24 KRACH
mediakompakt
Ich höre was, was
du nicht hörst.
Bild: Pauline Rieger
Ein ständiger Krach im Ohr:
Rund drei Millionen Menschen
in Deutschland leiden an Tinnitus.
Was hinter dem Pfeifen
steckt, warum die Behandlung
oft schwierig ist und wie
Patient:innen damit leben,
erklären HNO-Arzt Dr. Josef
Zech und der Betroffene
Walter Rieger.
VON PAULINE RIEGER
Tinnitus – ein Pfeifen, Rauschen oder
Summen, das die Betroffenen ständig
begleitet. Es wird von Außenstehenden
nicht wahrgenommen, da es keiner äußeren
Schallquelle zugeordnet werden
kann. Doch was steckt dahinter? Dr. Josef Zech,
Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde (HNO),
erklärt: „Tinnitus ist kein eigenständiges Krankheitsbild,
sondern ein Symptom. Ursachen können
im äußeren Ohr, Mittelohr oder Innenohr liegen.“
Besonders im Innenohr, in der Hörschnecke,
sind die feinen Haarzellen betroffen. Diese können
durch Lärm geschädigt werden, insbesondere
durch Impulslärm, also plötzlich auftretende,
sehr laute Geräusche, oder durch dauerhafte
Lärmbelastung. Ein Wert von 85 Dezibel gilt als
kritischer Richtwert, ab dem das Risiko für Ohrgeräusche
steigt. „Aber auch die zentrale Hörbahn,
also die Nervenleitung bis zur Hirnrinde, kann an
der Entstehung von Tinnitus beteiligt sein“, erklärt
Dr. Zech.
Da Tinnitus kein eigenständiges Krankheitsbild,
sondern ein Symptom ist, steht die Suche
nach der zugrunde liegenden Ursache im Mittelpunkt
jeder Behandlung. Dr. Zech betont: „Das
Wichtigste ist, die Grundkrankheit zu identifizieren
und zu behandeln.“
Herausfordernd wird es jedoch, wenn keine
klare Ursache gefunden wird und der Tinnitus auf
eine Schädigung der Haarzellen im Innenohr zurückzuführen
ist. „In solchen Fällen gibt es keine
kausale Therapie, da sich diese Zellen nicht regenerieren
können“, erklärt Zech. Für Betroffene
bleibt dann vor allem die Möglichkeit, durch Verhaltenstherapie
zu lernen, mit dem Geräusch zu
leben. Diese psychotherapeutischen Ansätze helfen
dabei, den Tinnitus weniger belastend wahrzunehmen
und die eigene Lebensqualität zu verbessern.
Darüber hinaus können auch andere Geräuschquellen,
wie Hintergrundgeräusche sowie
Hobbys und Ablenkung im Alltag dabei helfen,
den Tinnitus weniger wahrzunehmen.
Vor etwa zehn Jahren hat Walter Rieger zum
ersten Mal ein dumpfes Geräusch in seinem Ohr
bemerkt. „Ich konnte es nicht einordnen“, erzählt
er. Der Hausarzt diagnostiziert einen Hörsturz
und überweist ihn zum HNO-Arzt. Der bestätigt
die Einschätzung und leitet schließlich eine Infusionstherapie
ein. „Die Infusionen haben nichts
gebracht“, erinnert sich Rieger. Der dumpfe Ton
hat sich in ein konstantes, hohes Piepen verwandelt,
das ihn seither begleitet. „Das musste ich einfach
hinnehmen.“
„Der normale Lärm
hilft, den Tinnitus nach
hinten zu drängen.“
Walter Rieger beschreibt seinen Tinnitus als
einen sehr hohen Piepton, der besonders in ruhigen
Momenten, wie beim Einschlafen und Aufwachen,
präsent ist. Doch im Alltag gelingt es ihm,
das Geräusch auszublenden: „Der normale Lärm
hilft, den Tinnitus nach hinten zu drängen.“
Schwieriger wird es in Stresssituationen. „Da fällt
es mir schwer, ihn zu ignorieren.“
Heute hat sich Walter Rieger an den Tinnitus
gewöhnt und spürt kaum noch Auswirkungen auf
sein Wohlbefinden. Zu Beginn sei das anders gewesen:
„Es fühlte sich an, als würde man in einer
Halle stehen, in der alles durcheinander geht.“
Mit der Zeit wurde das jedoch besser. Sein größter
Wunsch? „Am liebsten ist es mir, wenn mich niemand
direkt darauf anspricht. Sobald ich daran
erinnert werde, wird es wieder präsenter, und ich
muss mich wieder damit befassen.“
01/ 2025
KRACH
25
Unfallkrach und Totenstille
Körperlich und mental jeden
Tag alles geben, um Leben zu
retten: Der Rettungsdienst hat
schöne Seiten, doch die
Belastung durch tragische
Schicksale und emotionalen
Stress ist groß. Wie geht eine
junge Rettungssanitäterin
damit um?
VON ENRICA NIEDERLE
Tilly Meißner* ist 22 Jahre alt, doch ihr
Alltag könnte kaum weiter entfernt
sein von dem, was viele Gleichaltrige
erleben: Seit drei Jahren arbeitet sie im
Rettungsdienst, fährt Einsätze, die ihr
alles abverlangen. „Es gibt Momente, da geht es
um Sekunden, und jeder Fehler kann entscheidend
sein.“ Dabei bleibt es nicht nur bei der Verantwortung
– auch die Bilder der Einsätze, schwer
verletzte Menschen und Begegnungen mit dem
Tod, begleiten sie oft noch lange danach. Wie
schafft sie es, trotz der Belastung stark zu bleiben?
„Für mich funktioniert eine Mischung aus Erfahrung
und Selbstabgrenzung.“
Nach dem Abitur steht für sie fest, dass ihre
Zukunft im medizinischen Bereich liegt. Sie entscheidet
sich für den Rettungsdienst. Dort fährt
die junge Frau zunächst als Rettungssanitäterin
Einsatzfahrzeuge, hat eine unterstützende Funktion.
Aktuell ist sie in ihrem letzten Ausbildungsjahr
zur staatlich geprüften Notfallsanitäterin und
leitet selbstständig Einsätze beim Deutschen Roten
Kreuz.
Die 22-jährige erzählt viel Positives über ihre
Arbeit. „Aber sie hat auch ihre Schattenseiten“,
sagt sie. Der Rettungsdienst sei enorm vielschichtig:
„Kein Tag ist wie der andere“. Manche Einsätze
erfordern medizinisches Fachwissen, bei anderen
liegt der Fokus auf dem Zwischenmenschlichen
– trösten, beruhigen, auch mal zuhören. Am
schönsten findet Tilly Meißner: „In der Not für
die Menschen da sein. Ich erkenne sofort den Effekt,
den meine Handlungen auf die Patienten haben.“
Wie selbstverständlich benutzt die junge
Frau aus dem Großraum Stuttgart medizinische
Abkürzungen und erklärt Handlungsschemata –
denn diese geben ihr in den unvorhersehbaren Situationen
Sicherheit. Jeden Tag wendet sie ihre
Routine an. „Auch in schlimmen Situationen,
egal, wie der Notfall aussieht, funktioniert man“,
öffnet sie sich. „Sich abgrenzen“, erwähnt sie immer
wieder. Es ist für sie das Wichtigste, um ihren
Job mental aushalten zu können. Sie gesteht, dass
„Reas immer kacke sind.“ Tilly Meißner spricht
von Reanimationen. „Diese Einsätze gehen mir
immer besonders nahe.“ Nicht nur wegen der Verantwortung
und des Drucks, sondern wegen der
Angehörigen, die in diesen ungewissen Momenten
viel Leid und Angst verspüren.
Ihre „Lieblingseinsätze“ involvieren häufig ältere
Menschen. „Oft ist da auch einfach viel Redebedarf,
dann erzählen die Patient:innen mir auf
der Fahrt ihre halbe Lebensgeschichte“, erzählt
die Auszubildende lachend. Findet sie es denn
nicht schade, diese Menschen unter Umständen
nie wieder zu sehen? Für die 22-jährige ist die Antwort
darauf ein klares Nein. „Tatsächlich finde ich
es gut, die Menschen nie wieder zu sehen. So kann
ich eine persönliche Bindung verhindern und
mich abgrenzen.“
Wenn ihr ein Einsatz näher geht als sonst, rede
sie im Vertrauen mit befreundeten Kolleg:innen
darüber. Das ist auch, was ihr in der Ausbildung
beigebracht wird: „Wir sollen immer über alles reden,
was uns belastet.“ Manchmal sei dies aber
dann doch nicht ganz so leicht. „Bei gewissen Kolleg:innen
ist einfach eine Hemmschwelle da – ich
möchte nicht die Schwache sein.“
Für sie sind ihre Kolleg:innen auch ein großer
Pluspunkt des Berufs. „Die Gemeinschaft auf den
Wachen ist ganz anders als zum Beispiel in einem
Bürojob“, beschreibt sie. „Wir verbringen so viel
Zeit miteinander. In Ausnahmesituationen müssen
wir zusammenarbeiten – sonst kann das Konsequenzen
haben.“ Doch nach vier Jahren merkt
auch sie die Belastung der harten Arbeit. Der Job
ist körperlich und mental anstrengend. Sie schildert:
„Man sieht zwölf Stunden am Tag, fünf Tage
die Woche nur Leid.“ Das setze auch ihrer mentalen
Gesundheit zu. Sie stellt sich die Frage:
„Möchte ich das für immer machen oder kann ich
das überhaupt?“
Und das möchte sie nicht ausreizen. „Fast niemand
macht den Job für immer“ – auch die Auszubildende
nicht. Tilly Meißner wendet sich nach
ihrer Ausbildung einem anderen medizinischen
Fach zu: Einem Studium der Hebammenwissenschaften.
Hier hofft sie auf weniger Leid und mehr
Freude.
*Name von der Redaktion geändert
Bild: Unsplash
26 KRACH
mediakompakt
„Ein Teil meiner
Jugend ist gestorben“
Bild: Alexa Wolff
One Direction – eine Band, die Millionen Herzen erobert und die Jugend vieler geprägt hat. Doch mit
dem tragischen Tod von Liam Payne erleben derzeit viele Fans eine emotionale Erschütterung. Ein
langjähriges „Fangirl“ Lina Schmid* teilt ihre Geschichte.
VON ALEXA WOLFF
Die Nachricht des plötzlichen Todes
von Liam Payne mit gerade einmal
31 Jahren, traf sie unerwartet. „Ich
war noch im Bett, als meine Mutter
mir schrieb: ‚Wie geht’s dir, armer Liam.‘
Ich war verwirrt und schaute auf TikTok – alles
war voll mit Beiträgen über seinen Tod. Als Erstes
wollte ich es nicht glauben, aber Google bestätigte
es. Ich war geschockt, konnte nicht richtig
nachdenken, musste mich aber für die Arbeit fertig
machen. Es war ein Gefühl, als würde die Zeit
stillstehen.“ Liam Payne war für Lina Schmid und
die Fan-Gemeinschaft mehr als nur ein Musiker.
„Er war der größte ‚One Direction‘-Fan von uns allen.
Liam hat immer gezeigt, wie viel ihm die
Band und die Fans bedeuteten. Leider wurde er oft
unterschätzt, obwohl er stimmlich und als
Songwriter eine tragende Rolle spielte.“
Ein Verlust, der schmerzt
Den Verlust eines Stars zu verarbeiten, ist nicht
einfach. „Ich weiß, dass ich ihn nicht persönlich
kannte, aber Liam war ein großer Teil meines Lebens.
Die Jungs haben meine Jugend begleitet,
waren immer da – durch ihre Musik, Konzerte, Videos
und die Verbindung zu anderen Fans.“
Sie beschreibt das Gefühl als eine Mischung
aus Trauer und Leere: „An dem Tag, an dem ich
von Liams Tod erfuhr, ist ein Teil meiner Jugend
gestorben. Viele verstehen diese Traurigkeit nicht,
aber für uns Fans war Liam wie ein Freund, der immer
da war.“ Für Lina Schmid ist auch die Art und
Weise wie er starb, schwer zu verarbeiten: „Die
Tragödie, dass er von einem Balkon stürzte und
bis heute nicht klar ist, was genau passiert ist,
macht das Verarbeiten noch schwerer.“
Obwohl sie One Direction nie als Band live erleben
konnte, fand sie Trost in den Solokarrieren
der Mitglieder, Harry Styles, Louis Tomlinson,
Zayn Mailk, Niall Horan und Liam Payne. „Ich habe
mittlerweile alle mehrmals als Solokünstler gesehen.
Es ist unbeschreiblich, die Jungs nach so
vielen Jahren live zu erleben.“ Doch die Erinnerungen
an die gemeinsame Zeit als Band bleiben
besonders. „‚Best Song Ever‘ ist wohl das Musikvideo,
das jeder Fan auswendig kennt. Es ist ein
Stück Fan-Kultur.“ Ihr Lieblingslied ist jedoch ein
anderes: „‚Walking in the Wind‘. Es handelt davon,
nicht zu traurig zu sein, wenn man jemanden
verliert, weil man die Person eines Tages wiedersehen
wird. Diese Bedeutung wurde für mich
nach Liams Tod noch intensiver.“
Ein Vermächtnis, das bleibt
Als sie über Liams Einfluss spricht, nennt sie ihn
„Daddy Directioner“ – ein Spitzname, der unter
Fans weit verbreitet ist. Dies machte den Tod noch
dramatischer, da Liam einen siebenjährigen Sohn
hinterlässt. „Er war derjenige, der die Band zusammenhielt,
der die Jungs unterstützte, auch während
ihrer Solokarrieren. Liam war immer für sie
da.“ Wenn sie sich von ihm verabschieden könnte,
würde sie ihm vor allem danken: „Danke, dass du
uns immer das Gefühl gegeben hast, geliebt zu werden.“
Sie verweist auf eine seiner Lebenslektionen:
„Die wertvollsten Lektionen im Leben können
nicht gelehrt werden, sie müssen erlebt werde.“ Liam
Payne mag gegangen sein, aber sein Vermächtnis
lebt weiter – in der Musik, in den Herzen
der Fans und in den Erinnerungen an eine Zeit,
die für viele unvergesslich bleibt. „Wir vermissen
ihn alle unendlich“, sagt sie, „aber sein Licht wird
immer scheinen, solange wir uns an ihn erinnern.“
„Lustige Geschichte“, erzählt der Fan mit einem
Lächeln, das in Nostalgie schwelgt. „Ich war
in der fünften Klasse und alle hatten einen Lieblingssänger
oder eine Lieblingsband – nur ich
nicht. Meine Schwester hatte ein Poster von One
Direction, und ohne groß nachzudenken, sagte
ich einfach: ‚Ich mag One Direction.‘ Und so begann
mein ‚Fangirl sein‘.“ Die Band wurde schnell
zu einem festen Bestandteil ihres Lebens. „Harry
war immer mein Lieblingsmitglied – ganz Basic“,
sagt sie schmunzelnd.
Das Schönste am Fan sein
Trotz Liams Tod bleibt die Gemeinschaft der Fans
ein heller Lichtpunkt. „Das Warten vor den Konzerten
ist etwas, das ich liebe. Für ein Konzert von
Louis Tomlinson habe ich 48 Stunden lang in der
Kälte gewartet, nur, um in der ersten Reihe zu stehen.
Dabei lernt man großartige Menschen kennen
– es ist wie Zelten mit Freunden. Das Konzert
selbst ist dann das Highlight.“Mit einem Lächeln
fügt sie hinzu, was ihre Mutter dazu sagt: „Lieber
Geld für One Direction ausgeben als für Drogen.“
*Name von der Redaktion geändert
01/ 2025 KRACH
27
Sexismus unplugged
Mit dem Flutwelle Magazin hat die Journalistin Jule Detlefsen eine Lücke in der Musiklandschaft
geschlossen. Im Interview erzählt sie, wie aus einer Studienaufgabe ein Herzensprojekt wurde,
welche Herausforderungen sie sieht und welche Vision sie für mehr Diversität in der Branche hat.
VON HANNA CAMILLE WENDT
Was war der Auslöser für die Gründung vom Flutwelle
Magazin?
Neben meiner Bachelorarbeit im Studiengang
Event- und Musikmanagement sollten wir ein Abschlussprojekt
machen. Da ich schon immer
schreiben wollte, habe ich gedacht: Okay, dann
machst du halt ein feministisches Musikmagazin.
Es ging mir gar nicht darum, eine krass feministische
Agenda zu verbreiten oder besonders politisch
zu sein. Ich wollte einfach ein Musikmagazin
machen, das ich mit 16 gerne gelesen hätte.
Was macht Flutwelle als Magazin einzigartig, und worin
unterscheidet es sich von anderen Publikationen in der
Musikbranche?
Wir wollen eine Selbstverständlichkeit von Flinta-
Personen in der Musikbranche schaffen. Wir machen
das natürlich auf der Artist-Ebene, aber wir
wollen das auch als Team: Wir wollen repräsentieren,
dass wir junge Frauen sind, die Bock auf sowas
haben und sich den Raum auch nehmen.
Welche Bedeutung hat das Thema Geschlechtergerechtigkeit
aktuell in der Musikbranche?
Ich denke, es gibt Fortschritte, auch wenn diese
bei weitem nicht ausreichen. Dennoch habe ich
den Eindruck, dass in der jüngeren Generation ein
größeres Bewusstsein für diese Themen vorhanden
ist. Es zeigt sich zumindest eine gewisse Offenheit
und ein wachsendes Verständnis dafür,
dass Frauen selbstverständlich denselben Wert
wie Männer haben. Es bleibt noch viel zu tun,
aber es bewegt sich etwas.
stärker auf Diversität achten, insbesondere wie
beispielsweise in Marketing-Teams. Ein diverses
Team bietet den Vorteil, ein breiteres Publikum
anzusprechen und ein besseres Verständnis dafür
zu entwickeln, wie verschiedene Zielgruppen Medien
konsumieren. Auch Booker:innen müssen
sich ihrer Verantwortung bewusst werden und gezielt
für diverse Line-ups sorgen. Hier ist deutlich
mehr Mut gefragt.
Und was können Konsument:innen tun?
Ich sehe die Hauptverantwortung weniger bei den
Konsument:innen, sondern vielmehr in der Musikbranche
selbst. Konsument:innen können jedoch
Künstler:innen unterstützen und Missstände
hinterfragen. Beim Jeremias-Vorfall (Anm. der
Red. Die Band hatte mit einem Fotografen zusammengearbeitet,
dem Machtmissbrauch vorgeworfen
wird.) fand ich es bemerkenswert und positiv,
dass sich die hauptsächlich weiblichen Fans selbst
ermächtigt haben und deutlich gemacht haben,
dass sie den respektlosen Umgang nicht akzeptie-
ren. Das ist ein starkes Zeichen, das es vor zehn
Jahren in dieser Form vermutlich noch nicht gegeben
hätte. Es wird oft argumentiert, dass Kunst
und Künstler:in getrennt betrachtet werden sollten.
Diese Haltung ist leicht für diejenigen, die
nicht als potenzielle Opfer betroffen sind und sich
nicht bedroht fühlen.
Welche Flinta-Artists hörst du gerade gerne?
Zurzeit höre ich viel das neue Album von Gracie
Abrams. Auf Platz eins steht aber immer noch Olivia
Dean. Ich bin auch ein großer Fan von Amilli.
Eine sehr gute Freundin von mir: Muryel. Außerdem
höre ich gerne Clairo und Philine Sonny.
Flinta
Der Begriff Flinta steht für Frauen, Lesben,
intergeschlechtliche, nicht binäre, transgeschlechtliche
und agender Personen.
Welchen Herausforderungen begegnen Flinta-Personen
in der deutschen Musiklandschaft?
Diese Branche ist unglaublich hart und wird vor
allem von Männern dominiert, die sich selbst mega
geil finden und als die größten Macker auftreten.
Für Frauen ist es eine echte Herausforderung,
sich dazwischen zu stellen und zu sagen: Ich bin
auch ein geiler Macker.
Ich habe jahrelang erfolglos nach einem Job
gesucht. Es gibt Stellen, und ich bringe Qualifikationen
mit. Trotzdem werden diese Stellen oft einfach
nach dem Motto ‚Den kenne ich, dem gebe
ich den Job‘ vergeben. Häufig hatte ich auch das
Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, sondern
eher als die kleine Maus oder das Fangirl
wahrgenommen zu werden.
Welche Verantwortung trägt die Musikindustrie, um die
bestehenden Ungleichheiten zu beseitigen?
Die Musikbranche hat die Verantwortung, ihre
Strukturen grundlegend zu verändern, da sie über
die entsprechende Macht verfügt. Labels sollten
Bild: Zeitfang
28 KRACH
mediakompakt
Dancefloor vs. Smartphone
Das Nachtleben in Deutschland
hat sich in den letzten 30
Jahren stark gewandelt. Ein
Diskothekenbetreiber gewährt
einen exklusiven Einblick in
seine Erfahrungen und die Veränderungen
der Branche – von
den Hochzeiten der 90er bis
zu den Herausforderungen der
heutigen Zeit.
VON MAXIMILIAN OBER
Der Bass dröhnt, Lichter flackern über
die Tanzfläche und zwischen Bar
und DJ-Pult entstehen neue Freundschaften.
Doch was früher selbstverständlich
war, wird immer seltener.
In den frühen 90er Jahren war der Clubbesuch für
viele junge Menschen nicht nur eine Freizeitbeschäftigung,
sondern ein zentraler Teil ihres sozialen
Lebens. Diskotheken waren die Kontaktbörse
für junge Menschen. Markus Jung*, der mehrere
Clubs im süddeutschen Raum betreibt, erinnert
sich an diese goldenen Jahre: „Es war völlig normal,
dass Gäste mehrmals pro Woche – oft sogar
fünfmal – in die Diskothek kamen. Damals hatte
fast jeder seine Stammdiskothek. Es war selbstverständlich,
regelmäßig dorthin zu gehen – nicht
nur, um Musik zu hören oder zu tanzen, sondern
vor allem, um Freunde zu treffen und neue Bekanntschaften
zu machen.“
Die Erwartungen der Gäste waren relativ einfach:
Eine stimmige Atmosphäre, gute Musik und
eine funktionierende Technik reichten aus. Die
Ausstattung der Diskotheken war pragmatisch gehalten,
mit Stehplätzen und Barhockern – Luxus
oder individueller Service spielten kaum eine Rolle.
„Erst Anfang der 2000er veränderten sich die
Ansprüche unserer Gäste“, erklärt Markus Jung.
Die Diskotheken wurden optisch aufgewertet und
stilvoller gestaltet. Gäste legten laut dem Betreiber
mehr Wert auf ein schickes Ambiente. Die Möglichkeit,
privat zu sitzen, Flaschen mit spektakulärer
Präsentation und Feuerwerk zu bestellen sowie
ein individueller, hochwertiger Service wurden
zunehmend wertgeschätzt.
„Die Diskothek hat sich von einem reinen
Treffpunkt hin zu einem Eventort entwickelt, der
stets Neues bieten muss. Es gilt am Puls der Zeit zu
bleiben und keinen Trend zu verpassen.“ Ein
Schlüssel zum Erfolg sei es, laut dem Besitzer, immer
nah an den Gästen zu sein, ihre Wünsche
und Bedürfnisse zu verstehen und kontinuierlich
auf sie einzugehen. Um innovative Ideen zu entwickeln,
blickt er regelmäßig über den eigenen
Tellerrand hinaus, besucht Clubs in Großstädten
und anderen Regionen, um sich inspirieren zu lassen
und angesagte Konzepte sowie Trends zu
identifizieren.
Für den Diskothekenbesitzer war die Konkurrenz
innerhalb der Gastronomie nie das zentrale
Problem. Im Gegenteil, er betont die Bedeutung
eines lebendigen Gastronomieangebots in der
Stadt. „Ein vielfältiges Angebot an Bars, Restaurants
und Diskotheken sorgt dafür, dass mehr
Menschen in die Stadt kommen. Die eigentliche
Konkurrenz aus meiner Sicht ist das Smartphone.“
Die Verlagerung der sozialen Interaktionen
ins Digitale und der abnehmende „Zwang“,
abends auszugehen, sieht er als eine der zentralen
Herausforderungen in der heutigen Gastronomiebranche.
Diese Entwicklung wurde durch die Corona-Pandemie
verstärkt – zwei Jahre lang mussten
Diskotheken ihre Türen geschlossen halten
und aufgrund von laufenden Fixkosten wie Pachtund
Mietzahlungen finanzielle Einbußen hinnehmen.
Anders als die akuten finanziellen Belastungen
während der Pandemie zeigten sich die
Nachwehen der Zwangsschließung erst einige Zeit
später. „Nach der Wiedereröffnung im März 2022
gab es zunächst einen massiven Ansturm auf Diskotheken
und Clubs. Die Gäste hatten einen enormen
Nachholbedarf, wollten feiern und soziale
Kontakte pflegen“, erzählt der Clubbetreiber. Dieses
Hoch hielt etwa ein halbes Jahr an, ab 2023 änderte
sich die Lage. „Viele Jugendliche, die während
der Pandemie 15 oder 16 Jahre alt waren und
eigentlich in das Diskothekenalter hätten hineinwachsen
sollen, hatten keine Gelegenheit, die tollen
Seiten eines Clubabends kennenzulernen.
Diese Lücke wirkt sich spürbar auf die Branche
aus, da eine ganze Generation weniger discoaffin
geworden ist“, vermutet der Besitzer. Deutlich
rückläufige Besucherzahlen sind die Folge.
Trotz aller aktuellen Schwierigkeiten gibt der
Betreiber die Hoffnung auf eine Wiederbelebung
des Nachtlebens nicht auf. „Ich glaube fest daran,
dass wir eine Renaissance der Clubkultur erleben
werden“, sagt er. „Die Menschen sind von Natur
aus soziale Wesen, und sie brauchen den Kontakt
von Mensch zu Mensch.“
Ungeachtet der vielen Herausforderungen
trägt Markus Jung eine Fülle schöner Erinnerungen
aus seiner Zeit im Nachtleben mit sich. „Die
besten Momente waren immer dann, wenn ich
die Menschen glücklich gesehen habe – wenn sie
zusammen gefeiert haben, gelacht haben und
neue Verbindungen geknüpft haben.“ Diese positiven
Erlebnisse motivieren ihn, seit über 30 Jahren
leidenschaftlich in der Branche tätig zu sein.
* Name wurde von der Redaktion geändert.
Bild: Pixabay Pexels
01/ 2025 KRACH
29
Bild: Lukas Ruprecht
Ein Club schreibt die Regeln neu
Das Grün und Gold lockt seit
März 2024 Musikliebhaber:innen,
Künstler:innen und
Kreative in seine denkmalgeschützten
Räume. Hier treffen
regionale Vielfalt und kulturelle
Freiheit aufeinander.
Ein Ort, der mehr als Partys
bietet – er ist ein Impulsgeber
für die Heidelberger Subkultur.
VON LUKAS RUPRECHT
Das Grün und Gold bringt seit März
frischen Wind in Heidelbergs Nachtleben.
Der kleine Club, untergebracht
in den Räumen des ehemaligen
Club K, dient als Dreh- und Angelpunkt
für kulturelle Vielfalt und elektronische
Klänge. Nina Schandorf, organisatorische Leiterin,
prägt mit ihrem Team die Entwicklung des
Projekts, das aus dem Engagement des HipHop
Heidelberg e.V. entstanden ist.
Die Heidelberger Clubkultur beschreibt
Schandorf nüchtern: „Verarmt und einseitig. „Die
Stadt habe nur wenige Optionen für Nachtschwärmer.
Neben der Halle02 und dem Karlstorbahnhof
zählen Toniq und Cave54 zu den wenigen
bekannten Anlaufstellen. Mit dem Grün und
Gold wollen sie neue Perspektiven schaffen – und
den jungen Menschen eine Plattform bieten.
Das Grün und Gold hat als Initiative des Vereins
HipHop Heidelberg begonnen, der sich der Förderung
von Hip-Hop-Kultur widmet. Ursprünglich
sollten die Räume vor allem Kurse und Workshops
beherbergen. Doch die Stadt stellte bei der
Vergabe der Fläche klar: Ein Nachtkulturprogramm
war ebenfalls erwünscht. Schandorf beschreibt
den Zuschlag als Glücksfall. Die Stadt habe
Vertrauen in das Konzept gehabt, das Hip-Hop
mit kulturellen Veranstaltungen kombinierte.
„Die Anerkennung von Hip-Hop als Weltkulturerbe
hat uns in die Karten gespielt“, erklärt sie.
Schnell hat sich der Fokus von Hip-Hop-
Workshops zu elektronischer Musik verschoben.
Schandorf erzählt, dass von Anfang an elektronische
Kollektive auf sie zukamen: „Das war nicht
geplant, aber wir haben es dankbar angenommen.“
Heute bietet der Club vor allem lokalen DJs
eine Bühne. Die meisten Veranstaltungen werden
von externen Veranstalter:innen organisiert. Der
Club stellt die Technik – darunter CDJs, Mixer
und Licht.
Die Kollektive kümmern sich um Programm,
Deko und Werbung. Die Offenheit gegenüber
neuen Ideen ist ein Grundpfeiler des Grün und
Gold. Schandorf beschreibt, dass Kollektive weitgehend
frei sind, ihr Konzept umzusetzen, solange
es den Grundsätzen des Clubs entspricht. „Diskriminierende
Inhalte oder ähnliche Dinge sind
natürlich tabu, aber sonst sind die Veranstalter:innen
unabhängig. „Diese Freiheit lockt junge
Künstler:innen und Teams aus der Region an. Ein
Großteil der Veranstalter:innen kommt aus Heidelberg
und Umgebung, selten reist jemand auch
aus weiter entfernten Städten an. Die Flexibilität
zahlt sich aus: Der Club ist fast immer ausgebucht.
Nur wenige Veranstaltungen werden vom Team
selbst kuratiert. „Wir probieren alles aus. Wenn
etwas nicht gut läuft, merken wir das schnell und
passen uns an. „Auch technisch entwickelt sich
der Club stetig weiter. Schandorf erwähnt, dass
Einnahmen regelmäßig in neues Equipment fließen.
Ziel sei es, Künstler:innen eine professionelle
Plattform zu bieten, auf der sie direkt starten können,
ohne eigenes Material mitzubringen.
Das Team hinter dem Grün und Gold arbeitet
eng zusammen. Neben einem Festangestellten
kümmern sich neun Aushilfen und Schandorf um
den Betrieb. Ihre Aufgaben reichen von Booking
und Öffentlichkeitsarbeit bis zu Bestellungen und
Personalmanagement. Sie schätzt besonders die
familiäre Atmosphäre: „Jeder hilft mit, das macht
den Club einzigartig.“
Doch die Zukunft des Clubs bleibt ungewiss.
Der Mietvertrag läuft vorerst bis 2026, da die Stadt
langfristig andere Pläne für das Gebäude hat.
Schandorf hofft auf eine Verlängerung. Der Club
soll auch weiterhin ein Ort bleiben, der Kultur,
Musik und Gemeinschaft verbindet. Bis dahin
will das Team die Heidelberger Nachtkultur mit
Leben füllen – und zeigen, dass auch in kleineren
Städten Innovation möglich ist.
30 KRACH
mediakompakt
Zwischen Lärm
Bild: AdobeStock
und Besinnlichkeit
Silvester – ein Fest, das weltweit gefeiert wird, aber dennoch
ganz unterschiedlich klingt. Eine Reise durch Traditionen, Kritik
und neue Trends.
VON MILENA MITROVIC
Wir essen um Mitternacht zwölf
Weintrauben und trinken Sekt.
In den Sekt legen wir einen goldenen
Ring. Das bringt Glück und
Reichtum für das neue Jahr. So
beschreibt Felisa Gómez aus Sevilla in Spanien eine
typische Silvesternacht. Während sich in Spanien
die Stimmung knallend und ausgelassen
zeigt, bleibt es in Westaustralien vergleichsweise
still. „Feuerwerke gibt es hier nur Offizielle, wegen
der Brandgefahr“, erklärt Oliver Ryan aus Fremantle.
Silvester ist ein globales Fest, doch die Art und
Weise, wie es gefeiert wird, könnte nicht unterschiedlicher
sein. Werner Mezger, Professor für
Volkskunde in Freiburg, erläutert, dass unter
Bräuchen wiederkehrende, ritualisierte Handlungen
verstanden werden. Diese drücken dabei bestimmte
Botschaften aus und werden von einer
Gruppe von Menschen ausgeführt. Über Jahre
entwickeln sich so Traditionen für unterschiedliche
Anlässe. Auch an Silvester haben sich solche
Bräuche etabliert. Sie spiegeln das Bedürfnis nach
einem Neubeginn und Glück für die Zukunft wider.
Eine Umfrage im Bekanntenkreis hat spannende
Einblicke in die vielfältigen Traditionen
und persönlichen Perspektiven rund um den Jahreswechsel
ergeben. Sie zeigen, wie unterschiedlich
Silvester gefeiert wird und welche Bedeutung
das Fest für jeden Einzelnen hat.
Lärm und Silvester gehören für viele untrennbar
zusammen. „Bei uns bedeutet Krach Stimmung.
Jeder will das hellste und lauteste Feuerwerk“,
betont Rosa García, die in Peru geboren
wurde und seit einigen Jahren in den USA lebt.
Doch diese Liebe zum Lärm habe auch ihre Schattenseiten.
Tiere leiden und Diskussionen um Umweltfolgen
werden lauter.
„Hier in den USA sieht die Situation anders
aus“, erklärt die 45-Jährige. Vor allem in urbanen
Zentren entwickeln sich hier Alternativen. Die ge-
bürtige Peruanerin erwähnt Drohnenshows, die
immer mehr Menschen anziehen. „Es kommen
Drohnen statt Raketen zum Einsatz. Das schont
die Umwelt und ist trotzdem beeindruckend“,
sagt sie.
In Australien, wo die Gefahr von Buschfeuern
sehr hoch ist, bleiben Privatfeuerwerke ganz verboten.
Stattdessen schauen Familien, wie die von
Oliver Ryan, lieber das spektakuläre Sydney-Feuerwerk
im Fernsehen an. Statt ausgelassen zu feiern,
erlebt er Silvester als entspanntes Sommerfest.
Der Familienvater erklärt: „BBQs im Garten
sind bei uns Standard – mit Bier und Musik im
Hintergrund.“ Ein friedlicher Ausklang des Jahres,
weit entfernt von der Knallerei anderer Länder.
Während in Australien Gelassenheit und Gemeinschaft
im Vordergrund stehen, werden auch
in anderen Ländern zunehmend kritische Stimmen
laut. Silvester, ein Fest für Neuanfang und
Freude, gerät zunehmend in die Diskussion. Ist
das exzessive Feiern noch zeitgemäß? Feuerwerke
01/ 2025
KRACH
31
sind für viele Menschen Höhepunkt der Feierlichkeiten.
Doch sie belasten nicht nur die Umwelt,
sie schrecken Tiere auf, hinterlassen Berge von
Müll und kosten viel Geld. „Bei uns in Spanien
wird nun mal laut gefeiert“, erzählt Felisa Gómez,
„meiner Katze gefällt das aber gar nicht, sie versteckt
sich jedes Jahr ängstlich unter dem Sofa.“
Viele Silvestertraditionen sind tief verwurzelt
und lassen sich nur schwer brechen. In Peru halten
sich Rituale wie das Tragen roter Unterwäsche
weiterhin fest im Bewusstsein der Menschen. „Es
ist ein Moment, über das alte Jahr nachzudenken
und mit kleinen Symbolen Glück ins neue Jahr zu
holen“, erklärt Rosa García.
Ein weiterer ungewöhnlicher Brauch: Geld
wird über den Körper gerieben, um finanziellen
Wohlstand für das kommende Jahr zu sichern.
Ähnlich ist es in Spanien, wo Bräuche wie das Essen
von zwölf Weintrauben um Mitternacht und
das Platzieren eines goldenen Rings im Sektglas
fest zum Jahreswechsel dazu gehören. Sie alle stehen
für den Wunsch nach einem glücklichen und
erfolgreichen neuen Jahr.
In Australien fehlen die alten Silvestertraditionen.
Das multikulturelle Land vereint unterschiedliche
Einflüsse, während indigene Gemeinschaften
den Jahreswechsel gar nicht feiern.
Trotz aller Unterschiede in den Bräuchen und
der Art zu feiern, verbindet Silvester die Menschen
weltweit. Es ist ein Moment, innezuhalten
und das vergangene Jahr zu reflektieren. Jede Kul-
tur hat dabei ihre eigene Art, den Jahreswechsel zu
gestalten. Doch ob laut oder leise, traditionell
oder modern – Silvester bleibt ein Moment des Innehaltens.
Ein Blick zurück und ein Hoffen auf ein
gutes neues Jahr.
Skurrile Silvesterbräuche
In Brasilien startet man traditionell ganz in
weiß gekleidet ins neue Jahr und legt Blumen
ins Meer. Symbolisch steht das für Frieden,
bringt Glück fürs neue Jahr und soll die
Meeresgöttin ehren.
Ein besonders glückliches Jahr steht demjenigen
bevor, der eine Münze in seinem
Stück Brot findet. Das glaubt man in Griechenland,
denn hier ist es Tradition das sogenannte
Basiliusbrot unter den Liebsten zu
verteilen. Dabei wurde zuvor ein Geldstück
im Teig eingebacken.
Um Mitternacht werden in Ecuador Puppen
mit Böllern gefüllt und angezündet, oft in
Form von Hexenköpfen oder Nachbildungen
bekannter Persönlichkeiten wie Politikern.
Dieser Brauch symbolisiert das Verbrennen
und Loslassen von Schlechtem aus
dem vergangenen Jahr.
I M P R E S S U M
mediakompakt
Zeitung des Studiengangs Mediapublishing
Hochschule der Medien Stuttgart
HERAUSGEBER
Professor Christof Seeger
Hochschule der Medien
Nobelstraße 10, 70569 Stuttgart
REDAKTION
Bianca Menzel, Corinna Pehar (v.i.S.d.P.)
menzelb@hdm-stuttgart.de, pehar@hdm-stuttgart.de
Nicole Fröhlich (CvD) froehlich@hdm-stuttgart.de
TITELSEITE
Louis Karliczek, Annika Maier, Dani Mendes, Alexa Wolff,
Hanna Camille Wendt, Lukas Ruprecht
PRODUKTION
Alle
ANZEIGENVERKAUF
Rosie Sodoli, Janina Heinz, Maximilian Ober, Leonie Eul
BLATTKRITIK
Lisa Mühlenbrock, Enrica Niederle, Pauline Rieger,
Milena Mitrovic
MEDIA NIGHT
Selina Kley, Tayla Marburger, Aridha Kuoy,
Michaela Schmidt, Katja Müller
LEKTORAT
Ann-Kathrin Haag, Jana Jacobs, Jelena Zec,
Alexandra Volk, Julia Eggerder, Michaela Delivou
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