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BEST OF

Otto Brenner Preis 2005

Kritischer Journalismus –

Gründliche Recherche statt bestellter Wahrheiten:

Preisträger 2005 · Recherche-Stipendien · Weitere nominierte

Beiträge · Begründung der Jury · Ausschreibung 2006


BEST OF

Otto Brenner Preis 2005

Kritischer Journalismus –

Gründliche Recherche statt bestellter Wahrheiten


INHALT

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Vorwort

Elke Eller / Manfred Schallmeyer

Rede Preisverleihung 2005

Jürgen Peters

Laudatio Preisverleihung 2005

Heribert Prantl

Ergebnisse Recherche-Stipendien

Julia Friedrichs

„McKinsey und ich“

Astrid Geisler

„Das vergessene Land“

Die Preisträger 2005

Marcus Rohwetter

„Ihr Wort wird Gesetz“

Nikola Sellmair

„Kollege Angst“

Brigitte Baetz

„Meinung für Millionen“

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Newcomer-Preis

Maximilian Popp

„Passauer Neue Mitte“

Medien-Projekt

Andreas Hamann & Gudrun Giese

„Schwarzbuch Lidl“

Auswahl weiterer nominierter

Beiträge

Die Jury

Rede Frank A. Meyer

Hamburg 2006

Ausschreibung

Otto Brenner Preis 2006


EINLEITUNG

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Otto Brenner Preis 2005 für kritischen Journalismus –

Gründliche Recherche statt bestellter Wahrheiten

Das Leitbild Otto Brenners ist heute so aktuell wie zu seiner Schaffenszeit. Und wenn

wir heute wie er eine »wachsame Demokratie« fordern, dann reden wir auch über die

vierte Macht im Staat: Wir reden über die Journalistinnen und Journalisten.

Um all jenen unsere Anerkennung und Unterstützung auszudrücken, die kritisch be -

richten und bei ihren Recherchen den Mut haben, auch gegen den Strom zu schwimmen,

hat die Otto Brenner Stiftung 2005 den traditionellen Otto Brenner Preis als

Journalistenpreis ausgelobt.

Bei der Auswahl der Preisträger kamen im Geist des Stiftungsvaters folgende Beurteilungskriterien

zur Anwendung:

Rechercheleistung (Aufwand, persönlicher Einsatz, Widerstände)

Themenauswahl (Relevanz)

Journalistische Qualität (Sprache und Umsetzung)

Persönlicher Einsatz (Hartnäckigkeit, »Dranbleiben« am Thema)

Für die Jury konnte die Otto Brenner Stiftung Sonia Mikich (Redaktionsleitung des

ARD-Politmagazins »Monitor«), Heribert Prantl (Redakteur bei der Süddeutschen

Zeitung), Harald Schumann (Redakteur beim Tagesspiegel), Dr. Volker Lilienthal

(Leitung epd-Medien) sowie Dr. Thomas Leif (Netzwerk Recherche) gewinnen.

Mit 135 Einsendungen wurde der Wettbewerb sehr gut angenommen. Und auch die

inhaltliche und journalistische Qualität der Beiträge sowie die Vielzahl der Themen

und unterschiedlichen Genres überzeugte; es war keine leichte Wahl für die Jury. Sie

kam einstimmig zu dem Votum, dass diese Ausschreibung als Erfolg zu werten ist.

Das hat auch den Verwaltungsrat der Otto Brenner Stiftung überzeugt. Es besteht die

Absicht, den Otto Brenner Preis weiterhin jährlich auszuschreiben, um auf diesem

Wege demokratische Wachsamkeit zu fördern und zu unterstützen.

Elke Eller Manfred Schallmeyer

Geschäftsführerin Geschäftsführer

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23. NOVEMBER 2005, BERLIN

Eröffnungsrede zur Preisverleihung

des Otto Brenner Preises für

Kritischen Journalismus 2005

Gründliche Recherche statt

bestellter Wahrheiten

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen!

Wir sind in den letzten Tagen mehrmals

gefragt worden, warum sich die Otto

Brenner Stiftung entschieden hat, den

Otto Brenner Preis in diesem Jahr für kritischen

Journalismus zu vergeben? Lassen

Sie mich das ohne Umschweife auf direktem

Wege sagen:

Weil wir glauben: Es ist höchste Zeit, die

öffentliche Aufmerksamkeit auf den Zustand

des Journalismus in Deutschland zu

lenken. Vielen Medien droht derzeit ein

Substanzverlust, wenn sie sich von einem

temporeichen blinden Mainstream treiben

lassen.

Oft genug drängt sich einem der Eindruck

auf, dass sich die Medienwelt eine Art

„eigene Wirklichkeit“ geschaffen hat, in

der es immer weniger auf die Inhalte

selbst ankommt, sondern immer mehr

auf die Art und Weise der Präsentation.

Auffallend ist außerdem, dass sich die

Architektur der Leitmedien in den vergan-

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genen Jahren grundlegend verändert hat.

Ich habe den Eindruck, immer öfter schrei -

ben neoliberale Medieneliten, was ihnen

die Initiative „Neue soziale Marktwirtschaft“

und die mit ihr assoziierten Institute

aufgeschrieben haben.

Allein die Initiative „Neue soziale Marktwirtschaft“

steckt seit ihrer Gründung in

2003, dreistellige Millionenbeträge in ihre

PR-Arbeit. Nicht folgenlos! Eine solide Pluralität

im wirtschaftspolitischen Diskurs

um die besten Ideen und Konzepte sehen

wir nicht mehr.

Ich darf einmal zitieren:

„Wenn die Medien Themen hochgeigen

und nur mit einem Hot-Dressing servieren,

trifft sie das irgendwann selbst. Sie

verlieren Glaubwürdigkeit.“

Diese „weise“ Analyse stammt vom Juni

diesen Jahres von einem Stern-Chefredakteur.

Drei Monate vor der Bundestagswahl

im Stern-Media-Business

(6/2005) abgedruckt. Nach der Wahl

gewinnt die Prophezeiung freilich eine

besondere Bedeutung. Spätestens nach

dieser Bundestagswahl muss auch dem

normalen Bundesbürger aufgefallen sein,

dass in den Medien mit größter Gewiss -

heit eine Scheinrealität herbeibeschworen

wird, die – wie man an den Ergebnis-

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sen der Bundestagswahl überdeutlich

sehen konnte – nicht zwangsweise etwas

mit der Realität in der Bevölkerung zu tun

haben muss.

Die Medien müssten nach diesem fulminanten

Medienwahlkampf, spätestens

jetzt ihre Rolle als Akteure in der Mediendemokratie

kritisch reflektieren. Warum

wird so viel von vermeintlichen Experten

abgeschrieben und nur noch so wenig bei

den Betroffenen in der Bevölkerung und

bei den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern

in diesem Land nachgefragt?

Über Meinungsumfragen zu berichten, ist

eben bequemer, als selbst zu recherchieren.

Ich weiß: Daran sind nicht nur die

einzelnen Redakteure schuld, sondern

eben auch der Spardruck der Chefredaktionen,

die Journalisten heute kaum Zeit

und Luft zu einer tiefgehenden Recherche

geben.

Und trotzdem: Hier müssen wir diese Entwicklung

hinterfragen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen!

Es geht um die Rolle der Medien als 4.

Gewalt in unserem Staat. Es geht um das

Selbstverständnis der Medien. Über die

Chancen und Grenzen des Journalismus


in der Demokratie. Die Verantwortung der

Medien für den demokratischen Diskurs

braucht Fundamente, die Wissen, Werte

und Haltung mit einbeziehen.

Wir wollen, dass die „bestellten Wahrheiten“

es künftig wieder schwerer haben,

den öffentlichen Diskurs zu bestimmen.

Wir brauchen eine öffentliche Debatte

über Rolle und Selbstverständnis der Me -

dien als 4. Gewalt um auch somit dazu

beizutragen, die Arbeitsmöglichkeiten für

einen unabhängigen und recherchierenden

Journalismus auf allen Ebenen wieder

zu verbessern.

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen!

Mit unserer diesjährigen Ausschreibung

des Otto Brenner Preises für Kritischen

Journalismus wollen wir dazu einen positiven

Trend für die Zukunft des kritischen

Journalismus in Deutschland mit setzen.

Wir waren überrascht über die positive

Resonanz. 135 Einsendungen – trotz der

vielen Journalistenpreise.

Wir haben für die Jury namhafte Vertreter

aus der Zunft der Journalisten gefunden.

Ich darf mich an dieser Stelle nochmals

ganz herzlich und ausdrücklich bei Frau

Mikich, Herrn Dr. Prantl, Herrn Schumann,

Herrn Dr. Lilienthal und Herrn Dr. Leif für

die ausgezeichnete, differenzierte und

kritische Jury-Arbeit bedanken.

Meine Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen!

Ohne der konkreten Preisverleihung mit

den hier persönlich anwesenden Preisträgerinnen

und Preisträgern vorgreifen zu

wollen, darf ich bereits jetzt sagen:

1.

Wir beabsichtigen den Brenner Preis für

kritischen Journalismus zukünftig jährlich

zu vergeben.

2.

Wir haben ebenfalls die Absicht, die Mitglieder

der Jury zu bitten, dauerhaft als

solche zur Verfügung zu stehen.

3.

Wir planen aufgrund der Vielzahl der ausgezeichneten

Beiträge Mitte des nächsten

Jahres einen Sammelband heraus zu ge -

ben, der über die Preisträger hinaus eine

weitere Auswahl von lesenswerten Bei -

trägen einer breiteren Öffentlichkeit

zugänglich macht.

(...)

8


Jürgen Peters ist 1. Vorsitzender der

IG Metall und Vorsitzender des

Verwaltungsrats der Otto Brenner Stiftung

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LAUDATIO


Heribert Prantl

Laudatio zur Verleihung

des Otto Brenner Preises am

23. N0vember 2005 in Berlin


Von Albert Camus stammt der bittere

Satz: „Die Presse besitzt ihre Zuhälter

und ihre Polizei. Der Zuhälter erniedrigt

sie, der Polizist knebelt sie und jeder be -

ruft sich auf den anderen, um seine Machtübergriffe

zu rechtfertigen.“ Es gibt wieder

Anlass, über diesen Satz nachzudenken.

Journalisten, die über ihr Metier nachdenken

sollen, geraten allerdings leicht

in die Situation eines Tausendfüßlers, der

sich überlegt, mit welchem Fuß er anfangen

soll: Er verhakt sich dann leicht. Wir

Journalisten sind nicht sehr gut beim De -

fi nieren unseres Selbstverständnisses,

wir überlassen das Feld gern den ahnungslosen,

aber ungehetzten Kommunikationswissenschaftlern.

In Redaktionskonferenzen

ist das diskussionsfreudige

Klima verschwunden, offenbar haben die

wirtschaftlichen Schwierigkeiten, in die

viele Zeitungen geraten sind, und die Existenzängste

nicht weniger Redakteure

damit zu tun. Der alte Satz „wes Brot ich

ess, des Lied ich sing“ hat durchaus wieder

Bedeutung. Oft ist es auch so, dass

wir mit dem vertieften Nachdenken über

unser Tun solange warten, bis wir pensioniert

oder sonst wie abgefunden sind.

Beides steht bei mir, so viel ich weiß,

nicht an. Aber die Verleihung von Journalistenpreisen

„für kritischen Journalismus“

unter dem Motto „Gründliche Recherchen

statt bestellter Wahrheiten“ ist eine Aufforderung,

sich als Tausendfüßler zu versuchen.

Es liegt nahe, bei Cicero zu beginnen,

weil das Wort Pressefreiheit in diesem

Zusammenhang so oft gefallen ist wie

schon lange nicht mehr. Das Monatsmagazin

Cicero ist in den vergangenen

Monaten erst so richtig bekannt geworden

– es gibt bekanntlich keinen Schaden, bei

dem nicht auch ein Nutzen dabei ist –

weil erstens Staatsanwaltschaft und Polizei

den Fehler gemacht haben, die Reda k -

tion und auch noch gleich die Privatwohnung

eines Journalisten zu durchsuchen,

und weil zweitens der bis gestern

amtierende Bundesinnenminister diesen

Fehler auch noch heftig verteidigt und so

getan hat, als mache sich jeder, der die

Durchsucherei und Beschlagnahmerei

kri tisiert, zumindest der versuchten Strafvereitelung

schuldig. Diese Maßnahmen

und die Maßlosigkeit des Innenministers

Schily sind oft genug kritisiert worden;

sie interessieren mich an dieser Stelle

weniger.

Mich interessiert, wie es so weit hat kommen

können, dass Razzien in Redaktionen

und in den Privatwohnungen von Journalisten

beinah zum strafrechtlichen Alltag

12


gehören. Das Ganze geht ja mittlerweile

so weit, dass die Wohnungen von Richtern

durchsucht werden, weil sie einen

Journalisten kennen. In dem Fall, der heute

vor dem Bundesverfassungsgericht verhandelt

wurde, haben die Ermittlungsbehörden

einer Richterin unterstellt,

dass sie einem Journalisten Informationen

über einen Haftbefehl gegeben habe

(was nach der Chronologie der Ereignisse

völlig ausgeschlossen war); und weil ja

eine Wohnungsdurchsuchung in diesem

Land relativ leicht erhältlich ist, hat die

Polizei bei dieser Gelegenheit auch gleich

E-Mails und Handyverbindungen eingesammelt

– ohne dass eine Telefonüberwachung

angeordnet war. So leicht geht

das heute, und so wenig Protest gibt es

dagegen. Offensichtlich hat die Pressefreiheit

ihre Kraft verloren. Man schätzt

sie nicht mehr, man fürchtet sie nicht

mehr. Ich fürchte, das hat auch mit dem

Journalismus zu tun, mit dem Journalismus,

wie er sich heute darstellt.

Nach der Spiegel-Affäre hat man sich das

eigentlich nicht mehr vorstellen können.

Aber der Fall Cicero ist ja mitnichten ein

Einzelfall. Schon seit Jahren wird durchsucht

und beschlagnahmt, was das Zeug

hält. 1962, beim Spiegel, musste noch

ein Vorwurf herhalten, der Tradition hat,

wenn der herrschenden Politik eine Kritik

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nicht passt: Landesverrat. Heute reicht es

schon drei Nummern kleiner, um eine

Razzia gegen Zeitungs- und Fernsehhäuser

anzuordnen: Durchsucht wird wegen

des Verdachts der „verbotenen Mitteilung

über eine Gerichtsverhandlung“

oder wegen der „Beihilfe zur Verletzung

des Dienstgeheimnisses“. Wenn sich also

ein Redakteur, unter Berufung auf sein

Zeugnisverweigerungsrecht, weigert zu

sagen, was er weiß und woher er brisante

Informationen hat – dann wird eben

durchsucht. So einfach ist das geworden.

Warum? Wohl auch, weil die Pressefreiheit

in Verruf geraten ist.

Die Presse sei ein „ständiges Verbindungs-

und Kontrollorgan zwischen dem

Volk und seinen gewählten Vertretern in

Parlament und Regierung“, heißt es im

Spiegel-Urteil von 1965. Eine „freie, nicht

von der öffentlichen Gewalt gelenkte,

keiner Zensur unterworfene Presse“ sei

ein „Wesenselement des freien Staates“.

So schrieb das Bundesverfassungsgericht

vor vierzig Jahren. Für einen solchen

Satz haben vor 160 Jahren in Deutschland

Demokraten wie Johann Georg August

Wirth auf den Barrikaden gekämpft, für

einen solchen Satz wurde Jakob Philipp

Siebenpfeiffer in Landau ins Gefängnis

geworfen, und musste dort, wie es den


Gefangenen damals zur Auflage gemacht

wurde, wöchentlich drei wollene Socken

stricken. Hätte er geahnt, dass sein Satz

eines Tages vom höchsten Gericht so ge -

rühmt werden würde und hätte er lesen

können wie sich unser heutigen Preisträger

diesem Ruhm würdig erweisen – er

hätte vor Freude sechs paar Socken

gestrickt.

Das Spiegel-Urteil des Bundesverfassungsgerichts

stammt von 1965. Es war

der Höhepunkt im Leben der Pressefreiheit

in Deutschland. Vierzig Jahre später

ist festzustellen, dass mit den feierlichen

Sätzen des Urteils umgegangen wird wie

das eine deutsche Familie mit dem Weihnachtsschmuck

tut: Einmal im Jahr wird

der glitzernde Tand an den Baum gehängt

– und dann wieder weggepackt. Das

Spiegel-Urteil des Bundesverfassungsgerichts

stammt, wie gesagt, von 1965. Das

Spiegel-Urteil von heute wird auf diversen

Medien-Tagen und auf den Redaktions-Flur-Gesprächen

gefällt. Es fällt nicht

mehr so feierlich und nicht mehr so re -

spekt voll aus, das große Leitmedium ist

der Spiegel nicht mehr – und das hat

damit zu tun, das Mainstreaming, das

Schwimmen im Strom, wie es der Spiegel

heute pflegt, eigentlich nicht zu den

Hauptaufgaben des Journalismus gehört.

Im Zweifel schwimmt guter Journalismus

gegen den Strom. Unsere Preisträger

zeigen, wie aufregend, wie spannend,

wie aufklärerisch das sein kann. Ich habe

schon etlichen Preis-Jurys angehört:

Noch nie habe ich eine solche Fülle von

ausgezeichneten Arbeiten lesen dürfen.

Ich habe soeben von den Medientagen

gesprochen, auf denen immerhin noch

über Anspruch und Wirklichkeit der Pressefreiheit

nachgedacht wird. Ansonsten,

da soll man sich nichts vormachen –

siehe die Vielzahl der Durchsuchungsaktionen

– interessiert sie eigentlich keinen

mehr. Die Pressefreiheit steht zwar nach

wie vor in der Verfassung, aber dort steht

bekanntlich viel, was nicht unbedingt zu

den heutigen Herzensangelegenheiten

zählt, zum Beispiel der Satz „Eigentum

verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich

dem Wohl der Allgemeinheit dienen“.

Es gibt eine Reihe von wirtschaftsfinanzierten

Interessengruppen wie „Bürgerkonvent“

oder die „Initiative soziale

Marktwirtschaft“ (die Preisträgerin

Brigitte Baetz hat sich ihnen gewidmet)

die gerne dafür werben, dass es nicht nur

Grundrechte, sondern auch Grundpflichten

gibt und die solche Grundpflichten auch

gerne ins Grundgesetz aufgenommen

sähen. Über die Grundpflicht, die schon

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in der Verfassung steht, sieht, hört und

liest man bei diesen Initiativen leider

sehr wenig: „Eigentum verpflichtet. Sein

Gebrauch soll zugleich dem Wohl der Allgemeinheit

dienen“. Ich wünsche mir von

den vielen sogenannten Reforminitiativen,

die ja mit allerlei Kampagnen den Wandel

in Deutschland fordern, ich wünsche mir

von diesen Reforminitiativen einmal eine

schöne Anzeigenserie zu diesem schönen

Artikel 14 Absatz 2 des Grundgesetzes,

vielleicht auch herunter ladbare, fertige

Beiträge für Hörfunksender und die Vermittlung

von Interviewpartnern, die

erzählen können, was aus diesem Satz

alles folgt und wie man ihn für Reformen

nutzbar machen kann.

Wer heute die Pressefreiheit verteidigt,

der kommt schnell in den Verdacht, ihre

Missstände zu goutieren: die Entgleisungen

im Boulevard-Journalismus, den

Schwachsinn unsäglicher Talkrunden im

Nachmittagsfernsehen, eine oberflächliche

journalistische Nassforschheit, die um

sich greift, eine potente Ahnungslosigkeit,

die auch daher rührt, dass in Ausbildung

und Archive nicht mehr so viel investiert

wird wie früher. Wer heute die Pressefreiheit

verteidigt, der kommt in den

Verdacht, die aggressive Rechthaberei zu

loben, die sich in jüngerer Zeit vor allem

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bei der journalistischen Begleitung der

sogenannten Reformpolitik gezeigt hat.

Es gab eine zunehmende Neigung der

journalistischen Elite, sich an die Stelle

des Souveräns, des Wählers also, zu

setzen, und ihm, in fürsorglicher Bevormundung,

einzureden, welche Reformen

er braucht, auch wenn sie ihm schaden.

Journalisten wollten immer radikalere

Reformen und sie empfahlen auch gleich

die politischen Konstellationen, in denen

sich diese verwirklichen lassen – so kam

es im vergangenen Wahlkampf zu einer

partiellen Selbstgleichschaltung des

deutschen Spitzen-Journalismus. Es hat

sich dann allerdings gezeigt, dass die

Wähler den Medien in Sachen Differenziertheit

weit überlegen waren. Verstehen

Sie mich bitte nicht falsch: Ich bin der

Meinung, dass zur Pressefreiheit auch

die Freiheit zur notfalls auch selbstschädigenden

Kampagne gehört, wie wir sie

in jüngerer Zeit erlebt haben. Ich meine

aber auch, dass sich jeder blamiert, so

gut er kann. Man schadet sich halt, wenn

man so arbeitet.

Der Otto-Brenner-Preis heißt „Preis für

kritischen Journalismus“. Kritischer Journalismus:

das sollte eigentlich eine Tautologie

sein, ist es aber nicht. Zu beklagen

ist eine Tendenz zur Vermischung von


Information und Unterhaltung. Zu beklagen

ist die Vermischung von Journalismus

und PR. Zu beklagen ist die Verquickung

von Journalismus und Politik, die Tatsache

also, dass sich immer mehr Journalisten

zu Büchsenspannern und Handlangern

machen lassen. Zu beklagen ist also eine

Tendenz zur Berlusconisierung der deutschen

Medienlandschaft. Unter dem

Mantel der Pressefreiheit verstecken sich

auch allerhand Scharlatanerie und Dreistigkeit.

Es gibt bunte Blätter, die ihr Geld

damit verdienen, erfundene Interviews zu

veröffentlichen. Es gibt Blätter, deren

Exklusivgeschichten sich allenfalls durch

exklusive Lügen auszeichnen. Das alles

gibt es allerdings schon ziemlich lange,

wenngleich sich die Emanationen heute

vervielfachen. Das Vergnügen am Komischen

und Kuriosen, am Absonderlichen

und Spektakelhaften ist früher auf dem

Jahrmarkt befriedigt worden. Heute

haben Medien diese Aufgabe übernommen.

Es mag ja sein, dass dabei sozial

wertvolle Emotionen freigesetzt werden –

nur: was hat das mit Journalismus zu

tun? Ein Journalismus, dem es ausschließlich

darum geht, möglichst hohe Einschaltquoten

und möglichst hohe Auflagen

zu erzielen, ganz gleich mit welchen

Mitteln, ist ein ganz normaler Wirtschaftsbetrieb.

Er ist nicht besser und nicht

schlechter als ein Hersteller von Taschenrechnern

oder Plastikfolien. Im Grundgesetz

gibt es allerdings zu Recht keinen

Artikel, der die Herstellung von Taschenrechnern

oder Plastikfolien schützt.

Der Ruf des Journalismus hat gelitten –

und mit ihm leidet der Wert der Pressefreiheit.

Wie sehr er gelitten hat, dafür

sind die steigenden Zahlen von Durchsuchungs-

und Beschlagnahmeaktionen ein

Indiz. Ein Indiz ist vor allem die in der

Regel eher matte Reaktion der Öffentlichkeit

darauf. Beschlagnahmeaktionen in

Redaktionen werden betrachtet und

bewertet wie die Durchsuchungen in

Wurstfabriken: Irgendetwas Verdorbenes

wird sich schon finden. Heute, im 56. Jahr

des Grundgesetzes, ist die Pressefreiheit

ein einbalsamiertes Grundrecht. Sie ist

prächtig präpariert von den Verfassungsrichtern

in Karlsruhe, so dass sie fast

ausschaut wie lebendig. Aber nur fast:

Von Zeit zu Zeit wird das Tier abgestaubt,

der Biologielehrer stellt es vor der Klasse

auf und erzählt dann, was das Tier ge -

macht hat, als es noch gelebt, gejagt und

gefressen hat.

Manchmal geschieht ein Wunder – dann

wird die Pressefreiheit gefährlich lebendig.

Viele dieser Wunder haben früher im

Spiegel gestanden, der einmal die große

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Schule des deutschen Journalismus war.

Man braucht solche Nachrichtenmagazine,

man braucht solche Zeitungen, die das

leisten können, weil die Demokratie

immer wieder solche Wunder braucht.

Wenn so ein Wunder geschieht, wenn die

Pressefreiheit also den Mächtigen nahe

rückt, wenn sie also einen wirklichen

Großskandal entdeckt, wie in jüngerer

Zeit den Spendenskandal Helmut Kohls,

den Schwarzgeldskandal der hessischen

CDU oder den VW-Skandal, dann ist das

eine Sternstunde des Journalismus. Aber

so ein Skandal hält leider meist nur für

gewisse Zeit, denn alsbald wird schon

wieder, wie es im Jargon heißt, eine andere

Sau durchs Dorf getrieben. Es fehlt, in

der Politik wie in den Medien, der lange

Atem. Gleichwohl: Die Wochen, in denen

investigativer Journalismus in die dunklen

Ecken unseres Gemeinwesens leuchtet,

haben auch mir eine Kompetenz der Me -

dien wieder gezeigt und gelehrt, an der

ich immer wieder zu zweifeln beginne: Die

Aufklärungs- und Aufdeckungsmacht der

Presse, ihre überlegene Aufdeckungskompetenz.

Ich sage das als ein politischer

Jour nalist und Leiter eines politischen

Ressorts, der früher einmal Richter und

Staatsanwalt war.

Die Staatsanwaltschaft hat bekanntlich

alle möglichen Zwangsmittel zur Verfü-

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gung, bis hin zum Haftbefehl. Täuscht

mein Eindruck, dass Publizität (die gut

belegte Enthüllungsgeschichte, die untermauerte

Analyse, der pointierte Leitartikel

dazu) bisweilen ein wirksameres Mittel

sein kann? Die Macht und die Kraft

der Medien kann bei der Aufklärung politischer

Skandale mit strafrechtlichem Einschlag

in besonderer Weise deutlich werden

– gerade dann, wenn man die Rolle

der Medien vergleicht mit der bescheidenen

Rolle, die dabei Richter und Staatsanwalt

spielen. Welcher der großen politischen

Skandale der Bundesrepublik ist

eigentlich strafrechtlich aufgearbeitet

worden? Die Instrumente des Strafrechts

kratzten, wenn überhaupt, dann ziemlich

an der Oberfläche. Die politischen Krisen

mit strafrechtlichem Einschlag sind nicht

wirklich gefährlich – solange sie aufgedeckt

werden können. Gefährlich wird es,

wenn sie nicht mehr aufgedeckt werden

können.

DER KIKERIKI-JOURNALISMUS

Nicht jede Woche und nicht jeden Monat

kann ein Großskandal entdeckt werden.

So etwas kostet im übrigen viel Zeit und

Kraft und redaktionelle Kapazitäten. Gern

tut unsere Branche, gern tun Verleger, die

diese redaktionellen Kapazitäten aus


Kostengründen nicht mehr so sehr gern

vorhalten wollen, so, als sei das nicht

weiter tragisch, weil es ja angeblich nicht

so schwer sei, zu Exklusivgeschichten zu

kommen. Das führt zu einer besonderen

Art von journalistischer Kreativität: Wenn

etwa über die Vermögens- oder eine Reichensteuer

diskutiert wird, schlägt man

sein Verzeichnis der üblichen Verdächtigen

in der Union oder SPD auf. Schon

bevor man mit ihnen gesprochen hat,

weiß man, dass hinterher die Schlagzeile

„Streit in der SPD (bzw. Union) geht

weiter/spitzt sich zu“ berechtigt sein

wird. Am nächsten Tag reagieren darauf

andere, darunter vielleicht Kanzler bzw.

Kanzlerin. So entstehen aus vier Telefonaten

oder zwei Morgeninterviews Ermahnungen

im Präsidium, neue Stellungnahmen,

Forderungen der Fraktionen,

Machtworte – also Politik.

Diese Art von Exklusiveritis ist eine journalistische

Krankheit. Sie gehört zum Formenkreis

des Kikeriki-Journalismus, also

der aufgeregten Kräherei, die seit einiger

Zeit unsere Publizistik prägt.

Vor einiger Zeit, zum 15. Jahrestag der

deutschen Einheit, habe ich in einem

Leitartikel darüber nachgedacht, ob man

dem Land aus diesem Anlass nicht eine

Ent-Hysterisierungs-Behandlung schenken

sollte – sagen wir, zum Ausprobieren,

erst mal für zehn Wochen: In dieser Zeit

müsste dann in Zeitungen, Rundfunk und

Fernsehen auf alles Aufgeblasene, auf

Wichtigtuereien und Hypertrophien verzichtet

werden, gleichfalls auf die Wiederholung

des immer Gleichen und auf

die Produktion von Nachrichten, wenn es

keine Neuigkeiten gibt. Nach Ablauf der

Zehn-Wochen-Frist würde man dann

erfahren, dass die neue Bundesregierung

schon ordentlich arbeitet – weil ihre Mitglieder

nicht damit beschäftigt waren, in

Talkrunden zu sitzen. Aber das liefe auf

den ebenso revolutionären wie verfassungswidrigen

Vorschlag hinaus, den

Journalismus für zehn Wochen mehr oder

weniger einzustellen; und unsere heutige

Preisverleihung müsste dann womöglich

mit gutem Beispiel vorangehen und das

wäre gar nicht gut, weil wir uns hier ja

vor Augen halten, wie guter Journalismus

aussieht.

Nehmen wir das aufregende Feature

unseres ersten Preisträgers, nehmen wir

den Beitrag von Marcus Rohwetter vom

6. Oktober 2005 aus der Wochenzeitung

Die Zeit: Er handelt von internationalen

Anwaltskanzleien, die komplette Gesetzesvorlagen

entwerfen und sich so zum

Gebrechlichkeitspfleger für den Gesetz-

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geber machen. So war es etwa beim

Gesetz über Öffentlich-Private-Partnerschaften,

das erst vor kurzem in Kraft

trat. Rohwetter befasst sich mit weltweit

operierenden Rechtskonzernen, aus deren

Expertisen die Politik abschreibt, und

deren Handschrift sich im Gesundheits-,

Energie-, Telekommunikationsrecht und

Arbeitsrecht wiederfindet. Rohwetters

ausgezeichneter Text ist ein Musterbeispiel

für aufklärend-aufdeckenden Journalismus.

Es handelt sich um einen

Schlüssel-Text, der auch einem Fachmann

den Kopf aufsperrt. Hier zeigt sich die

Kraft, die Qualitätsjournalismus haben

kann.

Ein Text ist nicht automatisch dann gut,

wenn er „modern“ oder „modisch“ ist,

wenn er also etwa im neoliberalen Zeitgeist

schwimmt. Er ist dann gut, wenn er

aufklärt, wenn er vor Gefahren warnt.

An dieser Stelle passt eine meiner Lieblingsgeschichten,

die vom Huhn und vom

Schwein. Eines Tages schlug das Huhn

dem Schwein eine enge Zusammenarbeit

vor. Das Huhn sprach also von Kooperation,

es sprach von Fusion und es

schwärmte von den Chancen, die darin

stecken – nach einer „gewissen Durststrecke

am Anfang“ freilich. Das Schwein

hörte sich die Sache schweigend an und

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fragte dann, wie die Sache denn genau

aussähe. „Wir gründen die Firma „ham

and eggs“ sagte das Huhn. Darauf das

Schwein irritiert: „Du bist verrückt, das

bedeutet doch meinen sicheren Tod!“ Das

sei der Sinn einer Kooperation, bemerkte

das Huhn trocken.

Pfiffige Redenschreiber bei Firmen wie

Daimler und Mannesmann oder bei Ex-

Firmen wie Dasa und Hoechst schreiben

oder schrieben ihren Vorstandsvorsitzenden

womöglich zur Feier des Tages solche

Geschichten gern in die Ansprache; beim

Vortrag schmunzelt dann die gemischte

Runde der Vorständler und Aufsichtsräte

der fusionierten Firmen A und B, weil sich

natürlich keiner der Herren in der Rolle

des Schweins sieht. Das ist verständlich,

denn ihnen geht es ja auch nicht an den

Kragen und wenn, dann ist die Freisetzung

gut abgesichert. Schon eher sind

die Mitarbeiter der fusionierten Firmen in

der Rolle des armen Schweins, weil bei

einer Fusion üblicherweise ein nicht ge -

ringer Teil von ihnen geopfert, also entlassen

wird.

Solche Massenentlassungen gehören zu

den wenigen Gelegenheiten, bei denen

die Verachtung der Schwachen, der Verlierer

und der Ausgesonderten der Märkte


sich in den Medien noch vorübergehend

in empathische Resignation verwandelt:

„Mein Gott, die armen Leute, aber was

soll man machen, die Globalisierung!“

Nach kurzer Kondolenz fährt man, als

handele es sich um Trauerarbeit, noch

angestrengter damit fort, die „Entzauberung

des Sozialstaats“, den „Abschied

vom Sozialpatriotismus“ und die „Entmachtung

des Tarifkartells“ zu beschwö -

ren, vom „verlogenen sozialen Frieden“

zu reden, über die lähmende „Konsensgesellschaft“

und das „Hochsteuerland“

Deutschland zu klagen. So soll die Notwendigkeit

dokumentiert werden, den

Sozialstaat nicht nur zu redimensionieren,

sondern ihn Schicht um Schicht ab -

zu bauen.

Beginnend in den neunziger Jahren hat

eine wuchtige Kampagne erst die Sprache,

dann das Denken erobert, die Me -

dien haben dabei mitgewirkt: Es begann

damit, dass aus dem sozialen Netz die

soziale Hängematte wurde und statt von

der Massenarbeitslosigkeit vom kollektiven

Freizeitpark die Rede war; mittlerweile

wird die Kürzung von Arbeitgeberbeiträgen

zur Rentenversicherung als

„Beitrag zur Generationengerechtigkeit“

verkauft und eine allgemeine Lohnsenkung

als Rezept zur Gesundung des Landes

ausgegeben.

Die Verbetriebswirtschaftlichung des

Gemeinwesens ist über Jahre hin zumal

in den Wirtschaftsteilen der deutschen

Zeitungen wie ein Dogma verkündet

worden. Es gibt in der Nachkriegsgeschichte

kaum eine andere Frage, in der

die veröffentlichte Meinung über Jahre

hin so eng, so undifferenziert, so festgefügt

gewesen wäre wie hier. Alle anderen

politischen Fragen wurden und werden

kontrovers diskutiert. Diese nicht. In

allen anderen politischen Fragen gibt es

ein breites Spektrum von Meinungen.

Hier nicht. Die veröffentlichte Meinung

zu Fragen der Verteidigungspolitik, der

Außenpolitik, der Rechtspolitik oder der

inneren Sicherheit waren und sind weit

gefächert. Die Meinungen zur Wirtschaftspolitik

nicht. Sie unterscheiden

sich in der Darstellungsform, nicht im

Inhalt. So stieg das Recht auf ungestörte

Investitionsausübung auf zum ungeschriebenen

deutschen Super-Grundrecht.

Artikel 1: „Der Standort Deutschland

ist unantastbar. Ihn zu schützen und

zu fördern ist oberste Verpflichtung aller

staatlicher Gewalt.“ Absatz 2: „Die ungestörte

Investitionsausübung ist gewährleistet.

Niemand darf gegen sein Gewissen

zum Umweltschutz, zum Datenschutz,

zum Kündigungsschutz oder zu

sonst ihn beeinträchtigenden Maßnah-

20


men verpflichtet werden. Das Nähere

regelt ein Bundesgesetz.“. Die so pointierte

neoklassische Ökonomie ist in

Deutschland nicht die vorherrschende,

sondern die fast allein herrschende Lehre.

Sie läuft darauf hinaus, dass Staaten

gemanagt werden wie Firmen und sich

unterwürfig um Investoren bewerben wie

verzweifelte Arbeitslose. Ich hoffe, die

Hochzeit dieser gefährlichen Epoche geht

allmählich zu Ende. Der deutsche Journalismus

hat sich leider lang in ihren Dienst

gestellt. Es fallen einem dazu die bösen

Worte ein, mit denen Heiner Geißler einmal

den Zustand der CDU in der späten

Ära Kohl beschrieben hat: Konform, uniform,

chloroform.

Das Ganze kulminierte kurz nach der

Bundestagswahl 2002 und in den Monaten

vor der Bundestagswahl von 2005:

Die Bundesrepublik fand sich, jedenfalls

nach den landläufigen Beschreibungen,

wie weiland Gregor Samsa in Franz Kafkas

„Verwandlung“ reglos auf dem Rücken

liegend. Es war auf einmal, als sei das

Land sich selbst zum Feind geworden. Es

herrschte Erregung, es herrschte Panik,

Publizisten wurden zu Klageweibern, His -

to riker zu Hysterikern. Es herrschte eine

seltsame Lust am Untergang, ein Defätismus

gerade so, als sei Deutschland über

21

Nacht ein Nachbarland von Dschibuti

oder Burkina Faso geworden. Man hätte

das Ganze als lächerlich abtun können,

wenn sich nicht dabei ein unheilvoller

Zug deutscher Mentalität enthüllt hätte:

Nur in großer Gefahr, nur im Ausnahmezustand,

werden angeblich die notwendigen

Kräfte geweckt, erwacht angeblich

der Lebensernst. Anders gesagt: Nur

wenn es uns schlecht geht, geht es uns

gut. Also müssen Extremsituationen aufgesucht,

also muss der Abgrund zumindest

erblickt, muss die Existenz womöglich

preisgegeben werden, wenn es zu

einer existentiellen Bestätigung kommen

soll.

Es wurde ein wirtschafts- und innenpolitischer

Ausnahmezustand herbeigeredet.

Mit der defätistischen Beschreibung der

Situation des Landes, mit der Katastrophalisierung

Deutschlands, wurde eine Stimmung

erzeugt, in der einige Zeit lang

schon beinah egal war, was geschieht,

wenn nur etwas geschieht. Die veröffentlichte

Meinung im Land war so, dass kaum

mehr jemand fragte, was in den Reformen

drin ist; es genügte, wenn Reform

draufstand. Reform wurde ein Wert für

sich, Reform stand für Tat, und Tat stand

für Lösung. Errungenschaften, die gestern

noch behütet wurden wie der Nibelungen-


schatz, sollten jetzt in die Spree befördert

werden. Das Land war auf der Flucht,

auf der Flucht vor der Krise, und es war

bereit, fast alles wegzuwerfen, was beim

Laufen hindert: den sozialen Frieden, das

Verhältniswahlrecht, den gewohnten Ge -

setzgebungsgang. Es gab eine trotzige

Bereitschaft, auch all das zu opfern, worin

die Stärke der Bundesrepublik seit 1949

bestanden hatte: und wer nicht zu opfern

bereit war, machte sich verdächtig.

Es wird das erste große Verdienst der

großen Koalition sein, wenn das endlich

aufhört.

Was hat der Journalismus damit zu tun?

Journalismus ist Aufklärung. Und was ist

Aufklärung? Aufklärung ist der Ausgang

aus selbstverschuldeter Unmündigkeit.

Und wie kommt man aus dieser Unmündigkeit

heraus, wo ist der Ausgang? Das

zeigen die Stücke, die wir heute auszeichnen.

Sie sind Leuchttürme. Wenn

unsere Branche wissen will, mit welchen

Themen, mit welcher Arbeit, mit welcher

Qualität die Pressefreiheit wieder Rang

und Wert, wieder ihren Glanz erhalten –

dann empfehle ich die Lektüre der Beiträge,

die heute den „Otto Brenner Preis“

erhalten.

Dr. Heribert Prantl ist Leiter der

innenpolitischen Redaktion der

Süddeutschen Zeitung

22


DIE ERGEBNISSE DER

RECHERCHE-STIPENDIEN


Julia Friedrichs

Astrid Geisler


BEGRÜNDUNG DER JURY

Julia Friedrichs betritt mit der geplanten Berichterstattung

über das Innenleben von großen Unternehmensberatungen

Neuland. Bislang gilt, dass die einflussreichen Berater -

firmen zwar nach außen publikumswirksam auftreten,

interne Strukturen, Methoden und Abläufe aber bewusst

als „Betriebsgeheimnis“ behandleln. Sei es, um einen

Mythos zu pflegen oder aus Furcht vor möglicher Entzauberung.

Die Autorin wird auf ganz legale Weise in das

„System“ eindringen, Eindrücke aus erster Hand sammeln

und über die mehrstufigen Auswahlverfahren zum Beraterjob

berichten. Mit anderen Worten: Der Schleier wird

zumindest ein Stück weit gelüftet.

26


27

Julia Friedrichs

McKinsey und ich

Veröffentlicht in der Wochenzeitung

„Die Zeit“ am 18.05.2006


McKinsey und ich

Zwecks verdeckter Recherche bewarb sich die Journalistin Julia Friedrichs bei

McKinsey, einer mächtigen, aber zugeknöpften Beraterfirma. Ein halbes Jahr dauerte

das bizarre Auswahlverfahren, in dem sie Menschenbild, Größenwahn und Verführungskünste

des Unternehmens kennen lernte.

Alles begann im Sommer 2005. Ich war Journalistikstudentin, kurz vor dem Abschluss.

Im Internet las ich, dass McKinsey junge Berater suchte. Ich bewarb mich, weil ich

herausfinden wollte, wer diese Mächtigen sind, die neuerdings nicht nur Unternehmen

beraten, sondern auch die Politik. »Wir wählen Eliten aus«, behauptet McKinsey

über sein Auswahlverfahren. Wie das funktioniert, wollte ich wissen. Am Anfang war

es eine ausschließlich journalistische Recherche, aber aus ihr wurde mehr als ein

flüchtiger Flirt. Julia Friedrichs vor dem Firmenbüro in Köln, in dem ihr ein Vertrag

angeboten wurde.

Meine schriftliche Bewerbung schien McKinsey gefallen zu haben. Und so klingelte

am ersten Tag meines Lebens als Berater-Anwärter der Wecker um 4 Uhr 30 – ich sollte

mich wohl an die 80-Stunden-Wochen, in Beraterkreisen üblich, gewöhnen. »Der erste

Monat wird schmerzen. Egal, was ihr vorher gemacht habt, McKinsey wird härter sein«,

wird der Berater Sean aus Irland am Abend sagen. McKinsey hat 120 Studenten aus

ganz Europa zum Kennenlernen vier Tage lang nach Griechenland eingeladen, nach

Kap Sounio unter dem Poseidon-Tempel in der Nähe von Athen. Das Unternehmen be -

zahlt Business-Class-Flüge, Fünf-Sterne-Hotel und einen Segeltörn.

Am Flughafen Berlin-Tegel suche ich die anderen Bewerber, halte Ausschau nach Polohemden,

Anzugsäcken oder dicken Uhren. Stattdessen sehe ich eine Frau mit den

gleichen Sneakern, wie ich sie besitze. Goldgelb sind die Turnschuhe und nicht wirklich

business-like. Ich trage meine jeden Tag, nur heute habe ich mich in die schicken

Stiefel meiner Mitbewohnerin gequetscht.

Die Sneakers gehören zu Johanna. Sie hat Medizin studiert und würde gerne als Gynäkologin

in der Uniklinik arbeiten, um Brustkrebspatientinnen zu helfen. Aber Johanna

stört, dass sie im OP oft angeschrien wird, dass sie endlos lange Schichten schiebt

und trotzdem nur 1800 Euro brutto verdient. Deshalb überlegt sie jetzt, bei McKinsey

anzufangen. Ein Angebot für ein Praktikum hat sie schon, unglaubliche 4000 Euro

brutto würde sie pro Monat verdienen. »Das viele Arbeiten schockt mich nicht«, sagt sie.

28


»Das mache ich in der Klinik ja auch.« Das alles klingt sehr logisch. Ich bin verwirrt.

Ich hatte nicht erwartet, hier Menschen wie Johanna zu begegnen.

Am Nachmittag ziehen wir zu Carmina Burana-Klängen in den großen Konferenzsaal

des griechischen Luxushotels ein. »Hello, hello, hello«, ruft ein Berater zur Be grüßung.

»Ihr wollt wissen, warum ihr hier seid? Ihr seid brillant in dem, was ihr tut. Deshalb

haben wir euch hierher eingeladen.« Wir alle hätten es in der Schule oder an der Uni

zu echtem leadership gebracht. Ich schaue durch die Reihen und sehe, dass die meis -

ten sehr zufrieden zuhören. Ich bin irritiert, denn es ist das erste Mal, dass mich

jemand als Elite bezeichnet. Es schmeichelt mir, ich will aber nicht zulassen, dass es

mir gefällt.

Wir können es mit ihnen nach ganz oben schaffen, sagt uns McKinsey. Teure Hotels,

schnelle Autos, schöne Reisen, Macht und Einfluss: Das alles kann uns gehören, wenn

wir uns für das Unternehmen entscheiden. Beim Begrüßungsdinner bringt uns ein

McKinsey-Berater gleich die entscheidende Lektion in Sachen Weltbild bei. Er saniert

gerade eine große italienische Fluggesellschaft. Ob er auch Angestellte feuern müsse,

frage ich. Ja, das käme vor und sei natürlich nicht schön, antwortet er. Wichtig sei, es

gut zu machen. Es gäbe eben Gewinner und Verlierer im Leben, und vor allem Letztere

seien resistent gegen Veränderung. Denen müsse man helfen, einzusehen, dass sie

am falschen Platz seien. Für viele würde sich das Ausscheiden aus dem aktuellen Job

auf lange Sicht auch als positiv erweisen. Ich will wissen, ob die Einteilung in Gewinner

und Verlierer nicht deswegen so angenehm sei, weil man selbst zu den Gewin nern

gehöre? »Provokante Frage«, er scheint sich darüber zu freuen. Aber was könne er

dafür, dass er ein Gewinner sei?

In den Unterlagen, die McKinsey mir vor der Reise zugeschickt hat, steht, dass trueleaders

vier Eigenschaften haben sollten: Schwäche zeigen können, Instinkt beweisen,

sich in ihre Mitarbeiter hineinversetzen und anders sein als alle anderen. Klingt

nicht sehr konkret, aber John Kent soll das Ganze jetzt mit Inhalt füllen. Er ist Direktor

im Londoner Büro. Er zeigt ein Video, in dem Spieler mit weißen und schwarzen Shirts

einen Basketball hin- und herpassen. »Zählt, wie oft die Weißen den Ball spielen«,

fordert uns John auf. Ich zähle die Pässe, ein komischer Gorilla läuft durchs Bild, ich

zähle weiter. Danach will John wissen, wie oft der Ball gepasst wurde. Dreizehn, vierzehn,

siebzehn Mal? Wir sind uns nicht einig. John sagt, dass die Realität für jeden

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eben anders sei. Ein wahrer Führer müsse in der Lage sein, für seine Gefolgschaft die

Realität zu definieren. Dieser Gedanke beschäftigt und erschreckt mich. Werden

Führungskräfte wirklich dafür ausgebildet, die Mitarbeiter im Sinne der Firma zu manipulieren,

gar zu täuschen? Rät McKinsey den Vorständen, so vorzugehen? Vielleicht

bin ich naiv. John ist derweil schon beim Kern seiner Vorführung. »Wer hat im Film

einen Gorilla gesehen?«, will er wissen. Ich melde mich. Die meisten aber lassen die

Hand unten. John freut sich. Dieser Test würde beweisen, dass wir ihn in diesem

Moment als Führer akzeptiert hätten. Er hätte uns angewiesen, auf die Pässe zu achten.

Die meisten seien gefolgt. »Leadership is about seeing the gorilla«, wiederholt John

mehrmals. Führer würden die Aufmerksamkeit ihrer Mitarbeiter auf bestimmte Aufgaben

lenken können, selbst aber gleichzeitig das wirklich Wichtige, den Gorilla, sehen.

Diese Veranstaltung verwirrt mich immer mehr. Johns Weisheiten finde ich bedenklich

und banal zugleich. Aber seine Vorführung wirkt: Viele meiner Kollegen werden in den

nächsten Tagen begeistert von der Gorillageschichte erzählen.

Am nächsten Tag dürfen wir segeln. Mein Vater träumt seit Ewigkeiten davon, einmal

in der Ägäis zu segeln. Für uns hat McKinsey 21 Jachten gemietet. Neben mir an Deck

sitzt Charlotte. Sie erzählt von ihren Kinderwünschen. »Ich will mindestens vier oder

sechs«, sagt sie. Charlotte ist offener als die Berater, die ich bislang getroffen habe,

sie ist nicht so künstlich begeistert von allem, was sie tut. Als sie 22 war, hat sie bei

McKinsey angefangen. »Ich war völlig naiv damals«, erzählt mir Charlotte. »Ich habe

gesagt, ich mache nur kulturelle Projekte und ich werde niemals Kosten reduzieren,

also Leute entlassen.« Ihr erstes großes Projekt sei dann bei einem Hersteller von

Kupferrohren gewesen. »Es war klar«, sagt Charlotte »dass die entweder Kosten

sparen oder ganz dicht machen mussten.« Charlotte legte fest, in welchen Abteilungen

wie viele Personen entlassen werden mussten und tat, was kurz vorher für sie

undenkbar gewesen wäre. Danach saß Charlotte in einer wichtigen politischen Kommission,

kümmerte sich um die Arbeitsagentur. »Ich habe den Mitarbeitern gesagt,

wie sie die Arbeitslosen begrüßen sollen, habe die Laufwege in den Ämtern gemessen

und versucht, das alles zu optimieren.« Ich fühle mich langsam überwacht. Weiß

McKinsey, dass mich Zahlen und Bilanzen nicht locken, dass es mich eher reizt, als

Berater Einfluss auf politische Prozesse zu nehmen? Sitzt deshalb Charlotte neben

mir im Boot und berichtet von den Möglichkeiten jenseits der Privatwirtschaft?

30


Mit Rosa, einer Spanierin, rede ich am Abend über unsere Mitbewerber. »Diese Leute

sind mir unheimlich«, sagt sie. Das Unternehmen hat sich hier vor allem leistungsbereite

junge Leute, meistens aus wohlhabenden Verhältnissen, eingeladen, die den

Gedanken, dass sie Europas Elite sind, nicht nur reizvoll, sondern auch nachvollziehbar

finden. McKinsey suggeriert uns, dass wir wertvolle Persönlichkeiten sind, die das

leadership-Gen in sich tragen. Das schmeichelt jedem hier. Die Tage in Athen sollen

der erste Schritt dazu sein, aus uns eine Gruppe zu machen, die sich überlegen fühlt.

Am Abschlussabend gibt es eine Party. McKinsey hat einen DJ gebucht, in der Hotellobby

einen großen Tresen aufgebaut, hinter dem zwei Barkeeper mit Wodkaflaschen

und einem Cocktailshaker jonglieren. Die Berater tanzen ausgelassen. Unser Leben

macht Spaß, suggeriert jede Drehung. »Work hard, party hard« ist das Motto der

McKinseys. Für viele der gerade 20-jährigen Studenten, die zum Teil noch zu Hause

wohnen, wird das eine der eindrucksvollsten Partys ihres Lebens werden. Sie werden

trinken, tanzen, schwimmen und knutschen. McKinsey hat alles getan, damit sie diese

Nacht nicht vergessen werden.

Am nächsten Tag fliege ich wieder zurück nach Berlin, ins normale Leben, zurück in

meine Hinterhaus-WG. »Du bist anders als vor vier Tagen«, sagt mein Freund. »Du

redest so betont cool. Du schwärmst von den tollen, hochintelligenten Leuten. Von

ihren acht Sprachen, ihren ausgefallenen Hobbys. Ich hoffe, du kannst jetzt hier mit

den Normalen auch wieder leben.« Die Normalen, meine Freunde, jobben, schreiben

Bewerbungen, haben Angst vor der Zukunft. Nach McKinsey-Maßstäben sind die

meisten Menschen, die ich mag, wohl eher Verlierer.

Zwei Wochen nach meiner Rückkehr nimmt die ferne McKinsey-Welt dann wieder Kontakt

mit mir auf. Erst spricht mir Charlotte auf die Mailbox, dann lädt man mich zum

Auswahltag ins Berliner Büro ein – nach dem Kennenlernen in Griechenland wollen sie

mich nun testen. Am Tag darauf bereits meldet sich Charlotte per Mail. »Bist du jetzt

in einer Art Sekte?«, scherzt mein Freund. Ich finde das wenig lustig und bin kurz

davor, meine Erkundungen abzubrechen. Doch die Neugier siegt. Ich melde mich zum

Auswahltag an. Am Abend zuvor soll ich noch zu einem Essen bei einem Italiener

kommen.

Johanna, die Gynäkologin, hat alles inzwischen schon hinter sich. 80.000 pro Jahr und

ein Auto – die Gynäkologie kann da nicht mithalten. Im nächsten Frühjahr fängt sie bei

31


McKinsey an. »Wenn ich mich verändere, höre ich sofort auf«, sagt sie. Ich frage mich,

ob die Stereotype, die unter »Berater« in meinem Kopf abgelegt sind, nicht zu simpel

sind. Ich mag Johanna. Sie ist weder ein kalter cost cutter noch ein Workaholic.

Das Restaurant La Vigna liegt nur ein paar hundert Meter vom Berliner Büro der Firma

entfernt. »Wir sind heute nur zu eurem Entertainment da. Wir können über Gott und

die Welt reden«, sagt ein Berater. Nette Geste, dieses Dinner, denke ich. Später wird

über Privates gesprochen, teilweise sehr lustig.

Ein Berater erzählt von seinem Umzug, in den Norden der Stadt. Warum?, will ich wissen.

»Ich möchte zwar«, sagt Christian, »dass mein Kind zweisprachig aufwächst.

Aber deutsch-türkisch muss es nun wirklich nicht sein.« Ich trete mir auf den Fuß und

schlucke eine bissige Antwort hinunter. Als Imke gehen will, komme ich mit. Sie fragt,

wie mir der Abend gefallen habe. »Einige Leute waren nett, einige nervig. Wie überall«,

antworte ich.

In dieser Nacht schlafe ich kaum. Meine Mitbewohnerin hat Gäste, die bis zum Morgen

kiffen. Der Rauch zieht auch in mein Zimmer. Ich stelle mir vor, wie sich die Klamotten,

die ich extra gekauft habe, mit schweren, süßen Düften vollziehen. Sie werden mich

gleich wieder wegschicken, wenn ich so rieche, denke ich.

Am nächsten Morgen fahre ich müde zum Kurfürstendamm, um kurz nach acht Uhr,

gerade noch pünktlich, finde ich das McKinsey-Büro. »Headquarter Bewerber« steht

an einer Tür. Hier muss ich rein. Obwohl ich mich in Bluse und Cordjackett fast verkleidet

fühle, bin ich völlig underdressed. Meine neun Mitbewerber tragen schwarze

Anzüge und Krawatte. Ich bin froh, als es endlich losgeht. Zuerst muss ich rechnen.

15 Aufgaben in 45 Minuten. Bei den meisten genügt es, ein paar Dreisätze aneinander

zu hängen. Mathematik neunte Klasse, gepaart mit Denksport. Doch es sind viel zu

viele Aufgaben, und mein Problem ist, dass ich schon seit Jahren nicht mehr schriftlich

dividiert habe. Ich nehme mir vor, bei den Interviews alles zu geben, schon der Ehre

wegen.

Die Interviews laufen gut. Ich werde über meine Psyche ausgefragt, wie ich mich in

Konflikten verhalte. Danach muss ich Beispielfälle lösen. Ich soll eine Kalkulation für

ein Theater aufstellen und erklären, warum eine Tankstelle zu wenig verdient. Die Aufgaben

sind teilweise banal, teilweise knifflig. Was das mit der späteren Consultant-

Arbeit zu tun haben soll, verstehe ich nicht. Warum das Lösen dieser Denksporttests

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mich als berechtigt elitär ausweist, begreife ich erst recht nicht. Außerdem wundere

ich mich, dass niemanden hier stutzig macht, dass ich als Journalistin arbeite, in

einem Gespräch habe ich ihnen auch erzählt, dass ich für das ARD-Magazin Monitor

arbeite. Keiner scheint sich zu fragen, ob ich den Job vielleicht gar nicht will, ob ich

nur auf verdeckter Recherche bin. McKinsey scheint so von sich überzeugt zu sein,

dass es diesen Gedanken gar nicht in Erwägung zieht.

Knapp zwei Stunden müssen wir warten, bis die Berater unsere Leistung bewertet

haben. Sieben von uns werden ausscheiden, nur drei werden die nächste Runde erreichen.

Einzeln werden wir schließlich aus dem Raum geführt. »Es ist gut ausgegangen«,

sagt mein Berater sofort. »Wir waren ganz begeistert. Wir hatten nur zwei

Sachen zu kritisieren: Sie sind zu konfrontativ, und Sie schießen oft aus der Hüfte,

ohne genau Bescheid zu wissen.« Ich bin beeindruckt. Genau diese Schwächen hätte

ich mir auch attestiert. Mit einem Unterschied: Ich kenne mich schon länger als einen

Vormittag.

In einem weiteren Interview am Nachmittag soll ich nun zeigen, dass ich kompromissbereit

bin und nicht permanent bluffe, wenn ich etwas nicht weiß. Bis ich dran bin,

dauert es noch über eine Stunde. Ich gehe raus, in den Schnee, vorbei an Läden von

Prada und Piaget. Das könnte jetzt meine Welt werden, denke ich. Ich schaue in die

Schaufenster, sehe Stiefel für 800, eine Tasche für fast 1000 Euro. Das alles kannst

du haben, flüstert mein materialistisches Ich. Meine Großmutter, die in der Fabrik

gearbeitet hat und für die Journalismus eher ein Hirngespinst ist, würde stolz von mir

erzählen. Meine Eltern würden aufhören, sich um meine Zukunft zu sorgen. Bisher

prägten Praktika und freie Mitarbeit mein Arbeitsleben. Eine feste Stelle, Sicherheit,

eine relativ sorglose Zukunft – das alles gehörte für mich bisher zu dem Leben, das

die Generation meiner Eltern führt. Jetzt wäre das alles zu haben, ich müsste nur noch

ein Gespräch überstehen.

An diesem Nachmittag um kurz nach vier erscheint mir die Idee, tatsächlich Unternehmensberater

zu werden, zum allerersten Mal real. Warum eigentlich nicht? Dieser

Gedanke hat sich in meinem Kopf festgesetzt.

Ich gehe zurück ins Headquarter. Eine Beraterin besorgt mir einen Tee, weil ich so verfroren

aussehe. Nette Leute hier, denke ich und lese mir zum ersten Mal genau durch,

wie McKinsey die Stelle beschreibt, für die ich mich beworben habe. »Zunächst sind

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Sie zwei Jahre als Berater tätig und werden im dritten Jahr – unter Fortzahlung Ihres

Gehalts – für einen MBA oder eine Promotion freigestellt.« Die bezahlen tatsächlich

meine Doktorarbeit?

»Kommen Sie mit?«, reißt mich Frank Schloss aus meinen Gedanken. Er soll feststellen,

ob ich tatsächlich zu gern streite und nie nachgebe. »Was war denn«, fragt er,

»der größte Kompromiss in Ihrem Leben?« Ich denke sehr lange nach, zu lange,

glaube ich. Jetzt gelte ich doch als stur und nicht teamfähig. »Wir haben Mäuse in der

WG«, fange ich vorsichtig an. »Und mein Mitbewohner ist Veganer, ziemlich streng.

Für ihn sind Schlagfallen Mordinstrumente. Ich finde Mäuse aber unhygienisch.«

Frank Schloss grinst. Ich erzähle weiter: »Er war lange auch gegen Lebendfallen, weil

man ja nicht wisse, ob Mäuse dort, wo man sie aussetzt, sozialen Anschluss finden.

Vier Wochen ist nichts passiert. Die Mäuse wurden immer frecher. Dann durften wir

doch Lebendfallen aufstellen, allerdings nur mit Nutella, nicht mit Speck.« Ich berichte,

wie ich tagelang die Lebendfallen toleriert habe und dass am Vortag eine Maus

direkt an dem für sie gedachten Käfig vorbeigelaufen sei. »Der Kompromiss dauert

jetzt ein paar Wochen«, sage ich. »Aber morgen werden wir Schlagfallen neben die

Lebendfallen stellen. Dann können die Mäuse zwischen Exil und Freitod wählen.«

Schloss lacht. »Diese Geschichte ist jetzt schon legendär«, sagt er. »Ich weiß zwar

immer noch nicht, was Sie bei uns wollen, aber ich finde, dass Sie unser Büro bereichern

würden.«

Ich habe es also geschafft. Verwirrt gehe ich zum Aufzug. 15.000 Kandidaten bewerben

sich pro Jahr, nur ein Prozent wird genommen. Warum eigentlich nicht?

»Und?«, schickt mein Freund mir aufs Handy. »Sie haben mich genommen«, sage ich

leise, als ich ihn zurückrufe. »Und?«, fragt er wieder. »Ich weiß nicht«, druckse ich.

»Machst du’s?«, fragt er empört. »Ich weiß nicht«, sage ich wieder. Von Johanna

kommt eine SMS. »Siehste«, schreibt sie. »Jetzt bist du offiziell Elite. Tja, was bedeutet

das jetzt? Wir sind toll? Doch alles Schmu?«

»Du musst jetzt selber entscheiden, was Du tust«, sagen meine Eltern und meinen

damit, dass ich Ja sagen soll. Mein Vater ist Sozialdemokrat und somit ein natürlicher

Feind des Unternehmensberater-Kapitalismus, dachte ich bislang zumindest. Aber

gegen den Journalismus hatte er schon immer etwas.

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Und ich? Ich bin müde. Sofort werfe ich mich zu Hause mit meinen schicken Beraterbewerbungsklamotten

aufs Bett und schaue Verbotene Liebe. Nur nicht nachdenken.

Ein paar Tage später ruft McKinsey an: »Herzlichen Glückwunsch. Das hat ja alles toll

geklappt.« Ich soll Anfang Dezember nach Köln kommen und dort mit einem McKinsey-

Partner alles klar machen. Bis dahin sind ja noch zwei Wochen, denke ich und sage zu.

In Köln residiert McKinsey in einem Glastempel. Als ich reingehe, bin ich unsicher, fühle

mich fremd. Ich schleiche durch die Empfangshalle und sage leise: »Ich hatte hier

einen Termin.« – Für das Final Interview?«, fragen die Damen hinter dem Tresen strahlend

und führen mich sofort zu meinem McKinsey-Berater. Er hat silbrigen Glitzer im

Gesicht, winzige Lamettateilchen. Ich starre die ganze Zeit auf den Glitzer, statt mich

auf unser Gespräch zu konzentrieren.

Das ist aber auch nicht nötig. Denn nach einem kurzen Small Talk zieht er bereits den

Vertrag aus der Tasche. Mein Name steht schon drauf. Alles ist geregelt: Ich bekomme

einen dreiwöchigen Wirtschaftskurs in Kitzbühel, darf 25 Tage Urlaub pro Jahr machen

und mir natürlich ein Auto aussuchen. Und dann steht da auch noch mein Gehalt: Im

ersten McKinsey-Jahr verdiene ich mehr als 60.000 Euro, je nach Leistung maximal

67.000 Euro. Ein bisschen weniger als Johanna, weil ich keinen Doktortitel habe.

67.000. Bis vor einem Jahr habe ich von 600 Euro pro Monat gelebt. Mir wird heiß.

Ich merke, dass sich mein Gesicht knallrot verfärbt.

»Und?«, will der Berater wissen, als wir in seinem Büro sitzen. »Noch Fragen?« Ich

nicke. »Woher kommt der Glitter in Ihrem Gesicht?« Er lacht und erzählt, dass er in

seinem Büro einen Adventskalender für seine Söhne gebastelt habe und ihm eine

Tube mit silbriger Dekorationspaste explodiert sei. »Das Zeug ist überall, geht auch

nicht mehr weg.« Und wieder finde ich einen McKinsey-Mitarbeiter nett.

Er schlägt vor, dass ich gleich unterschreibe. Ich sage, dass ich den Vertrag erst einmal

mit nach Hause nehmen will. Ich zögere und zweifle. Die McKinsey-Welt mag

strahlen und glitzern, mich würde sie unglücklich machen. Nach einigen Tagen beginne

ich eine E-Mail: »Ich möchte Ihnen mitteilen, dass ich das Vertragsangebot leider

ablehne. So attraktiv der Vertrag auch ist, ich möchte nicht darauf verzichten, weiterhin

als Journalistin zu arbeiten. Außerdem glaube ich, dass ich nicht die Richtige

wäre, um in einem Unternehmen Entscheidungen zu treffen, die eventuell das beruf-

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liche Aus für manchen Arbeitnehmer bedeuten würden.« Es dauert lange, bis ich

schließlich auf »Senden« klicke.

Ein halbes Jahr ist seitdem vergangen. McKinsey hat sich für meine offenen Zeilen

bedankt und das Vertragsangebot bis zuletzt trotz meiner Absage aufrechterhalten.

Ich war nie wieder versucht, doch noch zu unterschreiben. Johanna ist inzwischen

Beraterin, und ich mag sie noch immer. Sie hat nur selten Zeit. Mein Freund hat sich

von der ganzen Geschichte noch nicht erholt. Er müsse, sagt er, nun mit der ständigen

Angst leben, dass ich wieder schwach werde, sobald mir jemand Geld, tolle Reisen

und ein schickes Auto anbietet.

*Die Autorin ist 26 Jahre alt, wohnt in Berlin. Dieser Artikel erschien in längerer Fassung

auch in Thomas Leifs Buch »Beraten & Verkauft« bei Bertelsmann.

Thomas Leif

„Beraten & Verkauft.

McKinsey & Co – der große Bluff der Unternehmensberater

448 Seiten

€ 19,95 [D] / sFr 35-/ € 20,60 [A]

36


BEGRÜNDUNG DER JURY

Die Begründung der Jury bei der Preisverleihung 2005:

»Die Preisträgerin will in Ostvorpommern mehrere Wochen

recherchieren und der Frage nachgehen, worauf der wachsende

und überregional kaum beachtete Erfolg der Rechts -

extremen in dieser Region zurückzuführen ist. Dazu wird sie

neben der Aufarbeitung von Dokumenten und Sekundäranalysen

Interviews mit Bürgern und Bürgerinnen sowie mit

Vertretern von Politik, Wissenschaft und Verwaltung aus der

Region führen. Da die Preisträgerin schon in anderen Zusammenhängen

ihre Kompetenz im Bereich der Bericht -

erstattung über Rechtsextremismus bewiesen hat und das

Thema leider nach wie vor von hoher Bedeutung ist, hat

sich die Jury für die Vergabe des Stipendiums entschieden.«

Für ihren Beitrag wurde Astrid Geisler am 20.06.2006 mit

dem Medienpreis Mecklenburg-Vorpommern ausgezeichnet,

den der DGB-Nord, die Heinrich-Böll-Stiftung und die

Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-

Vorpommern vergibt.

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Astrid Geisler

Das vergessene Land

Dossier in der „Tageszeitung“

am 8. April 2006


Das vergessene Land

In Ostvorpommern sind Neonazis die netten Jungs von nebenan.

Ihr Kapital: Bürger, die vom Staat nichts mehr erwarten.

Am Ende der Sackgasse wird renoviert. Wer über die buckelig gepflasterte Allee ins

Dorf holpert, erkennt es von weitem. Grau liegt die Siedlung da unter dem fahlen Mittagshimmel,

nur eine einzige Fassade leuchtet. Ein kleiner Flachbau aus DDR-Zeiten,

himmelblau, frisch gestrichen – das Jugendhaus von Bargischow.

Auf dem Nachbargrundstück geht die Tür auf. Eine junge Frau blickt herüber aus der

stillgelegten Dorfkita. „Das haben die Glatzen gemacht“, sagt sie. „Das Jugendhaus

ist deren Ding.“ Es klingt nebensächlich. Hinter ihr im ehemaligen Gemeinschaftssaal

sitzt ein Mann um die zwanzig und schweigt. Er ist tief in den Stuhl gerutscht, sieht

nach unten auf seine kräftigen, tätowierten Arme. Die beiden sind Kollegen und bei

der Arbeit hier, den ganzen Tag schon: sie als 1-Euro-Jobberin, er als ABM-Kraft.

Aber was heißt das schon? Ab und zu rauchen sie eine Marlboro aus Polen, trinken

roten Saft aus der Einwegflasche. „Unsere Arbeit“, sagt die junge Frau zögernd, „im

Moment ist unsere Arbeit, dass wir gar nichts machen.“ Ihr Kollege sagt nichts.

Gut zwei Stunden noch, dann haben beide ihr Tagessoll erfüllt. Gewartet bis zum

Feierabend.

Beim Nachbarn kläfft der Hund. Sonst ist es still in Bargischow. Selbst der Platz vor

der gotischen Feldsteinkirche liegt verlassen da. Eine Katze springt über die Straße,

verschwindet zwischen Dorflinde und Kriegerdenkmal. Warum sollten Menschen auch

vor die Tür gehen? Es gibt keinen Bäcker, keine Schule, keine Vereine mehr. Selbst

das Wirtshaus macht nur noch ein paar Stunden die Woche auf. Hinter der Gemeinde

beginnt das Stettiner Haff und dahinter Polen. Urlauber rauschen nur vorbei an dieser

Gegend auf der Fahrt nach Usedom.

Verfassungsschützer und Kriminalisten aber kennen den Ort. Bargischow ist eine

jener Gemeinden im äußersten Nordosten, wo die NPD seit gut zwei Jahren einen

Rekord nach dem anderen feiert. Bei der Bundestagswahl im Herbst kamen die

Rechtsextremen auf 17,2 Prozent. So stark wollen sie überall werden in der Region.

Die NPD arbeitet an einer weiteren Zone wie der Sächsischen Schweiz, jenem Land-

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strich südöstlich von Dresden, wo sie sich etabliert hat in Dörfern und Kleinstädten.

Das soll auch in Ostvorpommern gelingen.

Karl-Heinz Thurow versteht die Aufregung nicht. Der ehrenamtliche Bürgermeister von

Bargischow sagt es noch auf dem Weg von der Haustür zum Küchentisch, bevor seine

Frau den Kaffee angeboten hat. „Glauben Sie nicht, dass es rechtes Gedankengut

immer gibt?“, fragt er gereizt. „Das ist eben eine Strömung. Die muss man akzeptieren.

Es ist nun mal so. Die Rechten sind da.“

Thurow sitzt in der Wohnküche seines reetgedeckten Hauses hinter der Dorfkirche.

Auf dem Fensterbrett unter der Häkelgardine schnurrt die Katze. Als es die DDR noch

gab, waren die Thurows überzeugte CDU-Mitglieder. Heute, mit 49 Jahren, ist der Bürgermeister

parteilos. Die Partei, die nicht mehr seine ist, hat eine große Initiative für

Demokratie und Toleranz ausgerufen. Alle Bürgermeister sollen mithelfen, damit die

NPD nicht in den Landtag einzieht bei den Wahlen im Herbst. Thurow hat es aus der

Zeitung erfahren. Er fragt sich, was das soll. Über Hartz IV müssten die reden! „Das

wird sich bei der Wahl durchschlagen.“ Für wen, ist klar.

Bargischow liegt fünf Kilometer östlich von Anklam. 420 Menschen, verteilt auf vier

Dörfer. Jahrhunderte lebten die Weiler von dem, was Äcker und Wiesen hergaben, bis

die Marktwirtschaft kam mit ihren neuen Gesetzen. Seither siechen sie. Man kann

ebenso gut einige Kilometer weiter nach Westen fahren bis nach Postlow. In Postlow

gewannen die Rechtsextremen bei der Bundestagswahl 17,4 Prozent – mehr als in

irgendeiner anderen Gemeinde Mecklenburg-Vorpommerns, mehr sogar als die örtliche

SPD. In Schwerin war man entsetzt. In Postlow nicht mal überrascht. Norbert Mielke

nimmt die braune Lederkappe ab und wiegt verzweifelt den Kopf. Landwirt ist er,

Geflügelzüchter und nebenbei auch Bürgermeister von Postlow. „Frust ist das hier“,

ruft Mielke. „Frust! Die Leute haben allen Parteien eine Chance gegeben. Aber es hat

doch nicht eine mal einen Lösungsansatz fertig gebracht. Das haben die Leute hier

auch kapiert.“ Er holt tief Luft. Das Thema, sagt er entschuldigend, das könne ihn

„heiß machen“.

Wer die Dorfstraße entlang geht, immer geradeaus, bis ganz ans Ende, bis zu Mielkes

Hof, der ahnt, was den Bürgermeister umtreibt. Von der Landstraße führt der Weg vorbei

an einer Villa mit Erker und Turmzimmer. In Bahnen blättert die Farbe ab. Aus den

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zerborstenen Fenstern wird niemand mehr herunterblicken auf die leere Straße. Viele

solcher Fenster gibt es im Ort. Es sieht aus, als sei die Zeit weitergezogen und hätte

Postlow zurückgelassen.

Ein Mann zieht im Handkarren den Einkauf nach Hause. Kartoffeln, Apfelsinen, eine

Kiste Bier. Gut drei Kilometer sind es von hier bis zum nächsten Supermarkt in Anklam,

ein Klacks mit dem passenden Gefährt. Aber das Sozialgesetzbuch kennt keinen

Anspruch auf ein Auto. Und die Postlower kennen den Aushang an der Bushaltestelle.

Da steht: Abfahrt nach Anklam um 6.39 Uhr und um 16.53 Uhr. Früher gab es einen

Konsum gegenüber. Das Schaufensterglas ist zur Hälfte herausgebrochen. „Laden

geschlossen“, hat jemand auf einen Zettel geschrieben. Im Nachbarhaus der Mielkes,

Dorfstraße 26, sind die Eingangstüren von Hand gearbeitet. Das Holz fault von unten

weg. Die Bewohner beschweren sich nicht: Es sind nur noch Hühner.

„Schauen wir uns doch mal um: Wer hat denn noch Arbeit hier?“, ruft Mielke. „Diese

Statistiken, das ist doch Trickserei. Wir liegen hier inzwischen bei über 50 Prozent

Arbeitslosen, über 50 Prozent!“ Und dieses Gerede von Investoren, die kommen sollen

mit viel Geld und viel Arbeit. „Vergessen Sie’s!“ Mielkes Familie lebt seit Generationen

in Postlow. Früher, sagt Mielke, da sei Leben im Dorf gewesen, die Leute bekamen

einen Besen in die Hand, mussten wenigstens den Hof fegen. „Heute, da gehen sie

zur Sozialagentur und lassen sich von dem frischen Geld am nächsten Imbiss den

Hals voll laufen.“

Seine Lebensgefährtin kommt zur Tür rein, sie hat eine Schrippe in der Hand – für

Mielkes Blutzuckerspiegel. Mielke beißt ab, schluckt hastig. Wo war er gleich stehen

geblieben? „Der normale Mensch hier, der sagt sich – ja, die DDR war gut. Die war nur

zu sozial, daran ist sie gescheitert.“ Er klingt matt. „Ich sag’s Ihnen, wir kriegen hier

noch ‘nen neuen Kaiser. Dieser Staat, der geht schneller kaputt als die DDR.“

Ostvorpommern zählt zu den Gegenden Deutschlands, die man in Statistiken meist

am schlechten Ende findet. Mindestens jeder Vierte ist offiziell arbeitslos, Tendenz

steigend. Die Einkommen liegen weit unter dem Bundesdurchschnitt. In den vergangenen

fünf Jahren verlor der Kreis mehr als 3.500 Einwohner. Wer jung ist und anderswo

eine Chance hat, der geht. Es bleiben die Alten und die aussichtslosen Fälle.

Michael Andrejewski freut sich daran – wo sonst ist die Lage schon so schön trostlos?

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Der NPD-Politiker zog vor drei Jahren nach Anklam. Damals hatte er gerade das Jura-

Examen bestanden. Nach 36 Studiensemestern und Jahren in ausländerfeindlichen

Gruppen suchte er sein persönliches Testfeld, das ideale Gebiet für rechtsextreme

Politik. Er entschied sich für Ostvorpommern. Die Gegend sei „freies Pionierland“

mit idealen Standortfaktoren, schwärmt der Lehrerssohn aus dem Schwarzwald:

„Wenige Regionen sind so heruntergewirtschaftet. In kaum einer gibt es eine geringere

Systembindung als hier. Die Leute hatten mal riesige Erwartungen, jetzt sind sie

wahnsinnig enttäuscht.“ Die Enttäuschten sind seine Hoffnung. Er will ihr Vertrauen

gewinnen, ihre Stimmen, ihre Region. Spätestens 2018 soll ein NPD-Bürgermeister ins

Anklamer Rathaus einziehen. Das ist sein Ziel.

Andrejewski sitzt im Einkaufszentrum am Markt. Ein Großteil der Ladenflächen steht

leer. Sogar „Pfennigland“ hat kapituliert. An den Tischen des Bistros in der Eingangshalle

warten schon vormittags Menschen vor leeren Gläsern, auf dass der Tag preisgünstig

vorbeiziehe. Niemand schaut sich um nach dem schmächtigen Mann im grauen

wattierten Anorak, der sein grob gemustertes Hemd bis zum obersten Knopf geschlossen

trägt. Andrejewski kippt ordentlich Zucker in den Kaffee. Seine Augen

flackern hinter den Brillengläsern. „Vermutlich ist das für Sie ein Kulturschock hier.“

Er grinst schräg: „War es für mich anfangs auch – nur eben positiv!“

2004 gewann der Wessi bei der Kommunalwahl auf Anhieb acht Prozent der Stimmen

und zwei Sitze im Stadtrat. Einer der Posten blieb unbesetzt. Außer ihm war kein NPDler

angetreten. Dafür zog er gleich auch in den Kreistag ein. Bei der Bundestagswahl

2005 lief es noch besser. „Für das System muss das gruselig sein“, sagt er. „Es hat

die Hauptarbeit schon gemacht. Wir müssen uns nur noch hinstellen und sagen: Da

sind wir.“ Nicht ganz. Intelligent und äußerst strebsam sei Andrejewski, sagen selbst

seine Gegner im Stadtrat. Der Jurist arbeitet Vollzeit, staatlich finanziert. Er lebt in

einer Plattenbausiedlung, oberster Stock, wo der Blick auf ein Heizwerk geht, auf ein

Beerdigungsinstitut und die Wiese davor. Allein, von Hartz IV. Grundsätzlich, sagt der

NPD-Mann, unterstütze er als Politiker alles, was „den Kollaps noch ein bisschen beschleunigt“.

Je überschuldeter eine Gemeinde, desto besser. Zugleich wolle er „jeden

Fußbreit Heimat“ verteidigen, jedes Krankenhaus, jede Stadtbibliothek, jeden Schulbus.

Das kommt an bei den Wählern. Und, sagt Andrejewski: „Es soll noch möglichst

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viel Substanz übrig sein, wenn eines Tages das System weg ist.“

Als Andrejewski nach Anklam kam, war die NPD unbedeutend. Aber es gab ambitionierte

rechtsextreme Kameradschaften. Andrejewski suchte die Freundschaft der militanten

Neonazis. „Ideologisch sind wir doch sowieso identisch“, sagt der NPD-Politiker.

„Also habe ich mich einfach integriert.“ Im Namen der Kameraden leite er deren

„Spezialtruppe für den Parlamentskram“.

Verfassungsschützer halten die Neonazis für die wichtigste Größe im rechtsextremen

Spektrum der Region. Ihre Strategien gelten in der deutschen Kameradschaftsszene

als wegweisend. Die Wortführer begnügen sich nicht mehr mit der Arbeit in Untergrundzirkeln.

Sie haben einen Volkstanzverein gegründet und eine Jugendgruppe, die

Wanderungen und Ferienlager organisiert. Sie verlegen ein lokales Nachrichtenblatt,

das kostenlos an 30.000 Haushalte verteilt wird. Sie treten bei Neonazi-Demonstrationen

im ganzen Bundesgebiet auf. Der Dachverband „Soziales und Nationales Bündnis

Pommern“ präsentiert auf einer schicken Internetseite beinahe täglich aktuelle Nachrichten.

Wer die Website der CDU besucht, bekommt nur eine Fehlermeldung.

Der Jurist aus dem Westen und die Landjugend – inzwischen nehmen auch die Volksparteien

in der Gegend das Bündnis ernst. SPD, CDU und PDS kriegen in ganz Ostvorpommern

gemeinsam etwa 15 junge Leute zusammen. In den rechtsextremen Kameradschaften

der Region und ihren Satellitengruppen sind 200 Nachwuchskräfte aktiv,

schätzen Szenebeobachter. Die Jugendlichen ziehen von Haus zu Haus, stecken Informationshefte

in die Briefkästen, besuchen Bürgerversammlungen. Andrejewski muss

nicht über die Dörfer tingeln, nicht an Gartenzäunen für sein Projekt werben. Das erledigt

die Jugend. Und niemand stört sie. Warum sollte er sie auch stören, fragt Karl-

Heinz Thurow, der Bürgermeister von Bargischow. Die „rechten Jungs“ hätten bisher

keinen Ärger gemacht. Und die NPD sei nicht verboten, sondern „eine Partei wie jede

andere“. Umsturzpläne? Parteiengeschwätz, glaubt Thurow. Die einen schwafelten

von Gerechtigkeit, die anderen vom Ende des Systems – was daraus werde, wisse

man ja. Unlängst stellte Thurow den Jugendlichen den Flachbau am Dorfrand neben

der stillgelegten Kita zur Verfügung. Damit sie nicht an der Bushaltestelle herumgammeln,

sagt er. Auch seine Frau findet das richtig. Sie hat bis vor kurzem das Anklamer

Sozialamt geleitet. Diese „Jungs“, sagt Frau Thurow, seien „wirklich keine dummen

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Leute“, es seien Jugendliche, die etwas erreichen wollten, und das Clubhaus hätten

sie sich ganz alleine renoviert.

Der Flachbau ist inzwischen über den Ort hinaus bekannt – als Neonazi-Treff. Die Neonazis

haben natürlich auch einen Schlüssel. Er liegt gegenüber im Haus der Familie

Roser. Das weiß jeder, auch die junge 1-Euro-Kraft, die nebenan in der stillgelegten

Kita herumsitzt. Sie muss nur eine SMS schreiben, dann erscheint vor dem Haus der

Roser-Sohn, ein kleiner, kräftiger Kerl um die zwanzig. Er will mit Journalisten eigentlich

nichts zu tun haben, behält seinen Namen lieber für sich. „Egal, was wir hier

machen. Ihr schreibt doch wieder nur: Da laufen braune Sachen“, brummelt er. „Dass

wir auch den Rasen von der Kita im Sommer mähen, das würdet ihr doch zum Beispiel

nie erwähnen.“ Dabei könne in den Jugendclub jeder rein: „Jeder, der will.“ Zum Beweis

schließt er die Eingangstür auf, führt in einen unbeheizten Bar-Raum. Ein Kumpel

mit lockigem Pferdeschwanz und ein Mädchen in Jeans und Rollkragenpulli folgen ihm.

Fremde, die spontan an der Tür klopfen? Was soll das? Die drei wirken misstrauisch.

Wer die Wortführer der Neonazi-Szene anruft und um ein Gespräch bittet, ahnt warum.

Keine Chance, sagt selbst Tino Müller, der für die NPD in den Landtag einziehen will

und als Sprecher der Bürgerinitiative „Schöner und sicherer wohnen“ im benachbarten

Ueckermünde offene Briefe unterzeichnet. Interviews mit der „Feindpresse“ sind

in seinen Kreisen verpönt. Deren „Hetzjournalisten“, warnte das Neonazi-Magazin

Volk in Bewegung kürzlich, seien „bewusst ausgewählte geistig-seelisch und körperlich

minderwertige Menschen“. Jedes Gespräch mit ihnen unterstütze die „Totengräberarbeit

am deutschen Volk“.

Der Roser-Sohn macht sich erst mal eine Cola auf, lehnt sich an den Tresen, lässt den

Schlüssel an einer groben Metallkette zappeln. Er trägt kurze braune Haare, Jeans,

Turnschuhe. Ein unverdächtiges Outfit, stünde auf dem Pulli nicht „Die Liebenfels

Kapelle“. Die Band hieß früher „Skalinger“, dann gab sie sich den Namen des Rassetheoretikers

Jörg Lanz von Liebenfels. Auf ihren CD-Hüllen geht schon mal ein Hakenkreuz

hinter dem Brandenburger Tor auf, sie singt Texte wie: „Auch mit Geld erkauft

ihr keinen Freispruch für eure liebe Demokratie. Es wird nun nicht mehr lange dauern,

bis der große Vorhang fällt. Nichts wird eure Ärsche retten, wenn sich das Volk gegen

euch stellt.“ Rechts und links, erklärt der Roser-Sohn, das spiele hier in der Gegend

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längst keine Rolle mehr. Im Übrigen sei das Problem doch, dass Jugendlichen nichts

geboten werde. Früher, da habe es wenigstens beim Dorffest noch die ein oder andere

Attraktion gegeben, Wettkämpfe wie „Aal-Greifen“. Selbst das sei vorbei. „Aber wenn

jemand mal was organisiert, dann heißt es gleich: Die rekrutieren!“, wirft der Kumpel

ein. „Dabei – singen, tanzen, wandern, das ist doch nicht schlecht, oder?“ Die Jungs

blicken sich grinsend an. Singen, tanzen, wandern? Es gibt Fotos von Neonazi-Demos,

wo man sie anders sehen kann: Den Roser-Sohn im blauen T-Shirt mit dem Logo des

Kameradschaftsbundes Ducherow. Auch den Zopfträger im Kapuzenpulli.

Natürlich wird in den Dörfern über die „Jungs“ geschwatzt – so wie über jeden geschwatzt

wird: Haben sie Arbeit? Wie laufen sie herum? Saufen sie zu viel? Prügeln

sie sich? Rüdiger Thieme aus Postlow redet darüber. Offen. Das ist ungewöhnlich.

Denn die meisten wollen ihre Meinung über den rechten Nachwuchs lieber nicht in

der Zeitung lesen, schon gar nicht mit Namen. „Weiß ich nicht. Interessiert mich auch

nicht“, sagen sie. „Man ist doch damit beschäftigt, über den Monat zu kommen.“

Oder: „Ich kenn’ viele, klar. Aber das ist deren Sache, ich sag da nichts zu.“

Rüdiger Thieme, 35, bittet gleich ins Wohnzimmer. Mit seiner Bau- und Abrissfirma

zählt der Unternehmer zu den Erfolgreichen im Ort, ein Kerl, groß und wuchtig, wie

gemacht fürs harte Geschäft in harten Zeiten. Zupacken, machen, weitermachen, da

hält er was drauf. Er findet, die „Jungs“ haben sich verändert in den letzten Jahren.

Er meint: zum Positiven. Früher, da habe man kahle Schädel gesehen, Springerstiefel,

Schlägereien. Das gebe es kaum noch. „Heute ist das friedlicher geworden. Normaler.“

Die Thiemes haben es sich schön gemacht in ihrem blanken Neubau am Dorfrand.

Blumengestecke zieren den Wohnzimmertisch, Tüllpüppchen die Couch. Einmal, erzählt

Thieme, da hatte er einen Praktikanten. „Top Typ, sag ich Ihnen. Der sagte mir

irgendwann: Ick steh dazu. Der ging mal zu diesen Demos mit und so. Aber der sagte

auch ganz klar: Keine Gewalt.“ Am Ende der Anekdote schaut Thieme zufrieden. „Das

ist jetzt lockerer. Man spricht drüber und gut ist.“ Wie viele der Jugendlichen inzwischen

so denken? „Über die Hälfte“, sagt er. Und nach einer kurzen Pause: „Ich bin überzeugt,

das wird noch mehr.“

Wenn man den Hausherren nach den Ursachen der politischen Entwicklung fragt,

zögert er. Er sagt auch, warum: Er will nicht als Rechtsradikaler dastehen. Schließlich

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erzählt er doch. Von den Umzügen, die seine Firma erledigt, einige auf Rechnung der

Sozialkasse, auch für Ausländer. „Wenn ich das sehe“, sagt der Unternehmer: „Da

sind Neger – die schönsten Klamotten, die Taschen voller Geld. Ich meine, die lassen

sich den Bauch in der Sonne braun werden und kriegen noch den Umzug bezahlt.“

Für ihn steht fest, die NPD hat teilweise einfach Recht. „Ich sag mal: Ausländer raus!“,

sagt Thieme. In Postlow kann Thieme das unbesorgt sagen. Es eine Meinung, die niemanden

erstaunt. Wenige Kilometer weiter in Ducherow, wo die NPD zuletzt auf gut

zwölf Prozent kam, verkauft der Dorfbäcker dunkelbraunes Mischbrot der Sorte „Glatze“.

Auch normal. Der Bäcker denkt sich nichts dabei. „Keine Frage“, sagt der Postlower

Bürgermeister Norbert Mielke. „Ich hab nix gegen Ausländer. Niemand hier hat etwas

gegen einen Asylbewerber. Niemand. Aber irgendwann muss ja mal Schluss sein.“

Dass Leute jahrelang staatliche Unterstützung bekämen, ohne dafür zu arbeiten – wie

solle er das Hartz-IV-Empfängern aus dem Dorf erklären, gestandenen Männern mit

30 Jahren Dienst im Kreuz?

Im Landkreis leben kaum zwei Prozent Ausländer. Was aber sind Zahlen gegen ein

Gefühl? Das Gefühl, abgeschrieben zu sein. Unverstanden. Die Fernsehnachrichten

bestätigen es jeden Abend: Die Welt da draußen ist eine andere. Da wird gestritten,

wie schnell Schröder wieder viele Jobs annehmen darf. Da eröffnet die Kanzlerin in der

vorpommerschen Nachbarschaft die A 20, schwärmt von den großartigen Perspektiven

für die Region. Perspektiven? Postlow liegt abseits der Strecke. Und es ist einfach,

Postlow zu vergessen. Warum sollten die Menschen aus den Nachrichten ausgerechnet

nach Postlow kommen? Es gibt ja nicht mal mehr etwas zu eröffnen.

„Hier verwahrlost ein ganzer Landstrich“, sagt Günther Hoffmann. „In dieses Vakuum

stoßen die Rechten. Die bürgerlichen Parteien haben versagt. Aber nicht nur die. Das

Problem wird in Berlin völlig unterschätzt.“ Hoffmann kennt die rechtsextreme Szene

in der Gegend wie kein Zweiter. Bis Januar hat er das Anklamer Büro des „Civitas“-

Netzwerks geleitet, das von der Bundesregierung gefördert die Arbeit gegen Rechtsextremismus

in Ostdeutschland unterstützen soll. Dann flog der Familienvater raus.

Auch das ist Teil der Geschichte.

Günther Hoffmann, ehemals Produktionsleiter am Berliner Schillertheater und Fachmann

für Ökobaustoffe, kam Ende der 90er mit Frau und Kind nach Bugewitz, einen

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Weiler südlich von Bargischow. Nicht etwa, weil er Neonazis bekämpfen wollte. Er hatte

sich bei einem Ausflug ans Haff verliebt – in die Landschaft und die Einheimischen,

die ihn so offen empfingen. „Die Mentalität der Leute hier gefällt mir ausgesprochen

gut“, sagt Hoffmann. „Das ist nach wie vor so.“ Es klingt trotzig. Er zieht kräftig an

seiner Zigarette, Schwarzer Krauser selbst gedreht. Hoffmann sitzt im Dorfgasthof.

Wie verkrüppelte Wachen säumen Bäume die Straße dorthin. Wildgänse schnattern.

Harter Wind vom Haff drückt die Gräser zur Erde. Drinnen riecht es nach Zigarettenqualm

und Bratfett. Man erkennt Hoffmann sofort zwischen den Einheimischen: ein

hagerer Herr mit kinnlangem, grau meliertem Haar und Cordsakko. Er spricht halblaut.

Hoffmann fallen auf Anhieb dutzende Gründe ein, warum es Neonazis in der Gegend

so leicht haben. „Nach der Wende wurde versäumt, hier eine demokratische Kultur

aufzubauen“, sagt er. Die Schule habe sich nach 1989 völlig entpolitisiert. Die Kirchen

seien ein hermetischer Raum. Professionelle Jugendarbeit könne sich kaum ein Ort

leisten. „Und die demokratischen Parteien“, sagt er, „sind in einem desolaten Zustand.“

Man hört unterdrückte Wut in seiner Stimme. „Eigentlich wäre hier ein Reeducation-

Programm nötig.“ Sein süddeutscher Akzent gibt den Worten eine besondere Würze.

Hoffmann wird als Fachmann für Rechtsextremismus auf dem Land inzwischen bis

nach Bayern geladen. Ein Thema: „Allein auf weiter Flur“. Allein? Es gibt natürlich

andere in der Region, die den Aufstieg der Rechtsextremen stoppen wollen. Aber

außer dem gemeinsamen Gegner verbindet sie alle wenig. Zu wenig. Günther Hoffmann

lebt bald zehn Jahre in Bugewitz. Er macht in der Freiwilligen Feuerwehr mit, er

war Elternrat an der Schule, engagiert sich im örtlichen Kulturverein und in der Bür -

gerinitiative „Bunt statt Braun“ in Anklam. Er bleibt einer von außen. Hoffmann hat

sich Feinde gemacht. Er war lästig. Er glaubt: Es ging nicht anders. In vielen kleinen

Orten sei inzwischen fast jeder mit einem Neonazi verwandt. „Das geht bis hinein in

die Amtsverwaltungen.

Oft sind die Überschneidungen zu groß, als dass die Bürgermeister offen agieren

könnten. Die haben mir regelmäßig ganz deutlich gesagt: Das jetzt bitte nicht bekannt

machen!“ Hoffmann aber hält nichts vom Verschweigen. Als Anfang des Jahres die

Civitas-Stelle in Anklam wackelte, rettete der Landkreis das Projekt. Und warf als

erstes Hoffmann raus. Sein Nachfolger sagte der Lokalzeitung, ihm sei von rechts-

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extremen Strukturen „wenig bekannt“. Die Neonazis frohlockten. Inzwischen ist die

Stelle wieder ausgeschrieben. Über die Gründe schweigt der zuständige Vizelandrat.

Er muss nichts fürchten. Bisher hat sich niemand in der Gegend lautstark für Hoffmann

eingesetzt. Kein Pfarrer, kein Parteichef. Auch der Anklamer Bürgermeister nicht.

Der heißt Michael Galander und sagt: „Ich will der NPD nicht die Plattform bieten, die

sie gerne hätte. Ich kümmere mich lieber um Wirtschaft und Arbeit.“ Galander wurde

2002 als parteiloser Jungunternehmer ins Anklamer Rathaus gewählt. Seine Verheißung:

Er wollte die insolvente Kreisstadt sanieren, so erfolgreich wie er seine Baufirma

in Anklam hochgezogen hatte. Seine Firma meldete kürzlich Insolvenz an. Im

Rathaus ist die Lage kaum erfreulicher. „Wir sind hier nicht in Pessimismushausen“,

sagt Galander. Aber wenn er vom Schreibtisch aus dem Fenster blickt, sieht er: Vor

dem Einkaufszentrum gegenüber kippen sich Männer Dosenbier in den Rachen.

Rechts fehlt die gesamte Häuserflanke. Abgerissen. Dahinter Wohnblocks mit leeren

Fenstern, die aussehen, als warteten sie nur noch auf die Bagger. Galander spottet

über das ausländerfeindliche Gerede seiner Wähler: „Hier haben 17 Ausländer eine

Dönerbude, 15 putzen Toiletten. Da können doch keine Jobs freiwerden!“ Im Stadtparlament

hat er die meisten Abgeordneten inzwischen gegen sich. Sie werfen ihm

vor, er habe tausende Euro für Dienstreisen verschleudert. Er fühlt sich ausgebremst

von ihrem „fast grenzenlosen Halbwissen“. Galander lacht gallig, wenn er an die

Stadtratssitzungen denkt. Da sitzt der NPD-Mann Andrejewski im Rund – und profitiert

von den Feindseligkeiten. Die Mehrheiten sind knapp, notfalls nehmen die Kollegen

auch mal seine Stimme mit. Andrejewski trete „gepflegt, relativ sachlich, relativ

zurückhaltend“ auf, sagt der Bürgermeister. „Es wäre schön, wenn die anderen wenigs -

tens kurze, knappe Stellungnahmen halten könnten. So wie der.“ Galander verzieht

gequält das Gesicht. „Manchmal träume ich hier inzwischen von einer Demokratur.“

Er muss sich kurz entschuldigen. Sein Telefon bimmelt. Es spielt das Deutschlandlied.

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DIE PREISTRÄGER 2005


Marcus Rohwetter

Nikola Sellmair

Brigitte Baetz

Maximilian Popp

Andreas Hamann & Gudrun Giese


BEGRÜNDUNG DER JURY

»Ihr Wort, das ist das Wort internationaler Anwaltskanzleien,

die bei Gesetzgebungsverfahren nicht mehr

nur beratend mitwirken, sondern komplette Gesetzesvorlagen

entwerfen. Am Beispiel des „Public Private Partnership“

beschreibt der Autor anschaulich den Einfluss von

Akteuren, die in keiner Weise demokratisch legitimiert sind.

Der Preisträger schildert erstmals die besondere Qualität

dieser „Dienstleistung“, die auf eine Entmachtung des

Parlaments hinausläuft. Anzumerken bleibt, dass selbst

Experten, die sich mit Fragen des Lobbyismus und des Einflusses

von Interessengruppen intensiv beschäftigt haben,

keine Kenntnis über die Reichweite dieser Auslagerung

legislativer Kernkompetenzen haben. Die Preisverleihung

wird ganz wesentlich dazu beitragen, diese Entwicklung

nicht nur transparent, sondern auch zum Gegenstand

öffentlicher Debatten zu machen.«

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Markus Rohwetter

Ihr Wort wird Gesetz

Beitrag aus der Wochenzeitung „Die Zeit“

vom 6. Oktober 2005

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1. Preis


Ihr Wort wird Gesetz

Wenn Ministerien und Parlament die Gesetzesarbeit zu schwierig wird, springen

internationale Anwaltskanzleien gern ein.

Der amerikanische Milliardär Haim Saban hat sie beauftragt, den Verkauf seiner Pro-

SiebenSat.1-Anteile an den Zeitungskonzern Axel Springer zu begleiten. Damit das

Kartellamt nicht dazwischengeht.

Der Regierung in Moskau helfen sie bei der Umsetzung des Kyoto-Protokolls. Damit

die russische Industrie ihre Abgase unter Kontrolle bekommt. Und als es darum ging,

die Sammlung des New Yorker Museum of Modern Art vorübergehend nach Berlin zu

holen, haben sie Museumsdirektor Glenn Lowry so lange gut zugeredet, bis er einverstanden

war. Damit Berlin auch kulturell zur Hauptstadt wird.

Drei Jobs, eine Firma. Ihr Name: Hogan & Hartson Raue L.L.P., Potsdamer Platz, Berlin,

Ableger einer mehr als 100 Jahre alten Anwaltskanzlei aus den Vereinigten Staaten.

Geschäfte im Spannungsfeld zwischen Wirtschaft und Politik sind das Spezialgebiet

dieser law firm, und neuerdings mischen ihre Juristen auch bei der deutschen Gesetzgebung

mit. »Die heutige Rechtsmaterie ist so komplex, dass sie mit den Mitteln, die

den Ministerien und den Abgeordneten zur Verfügung stehen, kaum noch bewältigt

werden kann«, sagt Kornelius Kleinlein, Partner bei Hogan & Hartson. Er hat der SPD-

Bundestagsfraktion beim Entwurf eines Gesetzes geholfen, das den 700 Milliarden

Euro schweren Investitionsstau in Deutschland mit auflösen soll. In nur drei Wochen

wurde es von Bundestag und Bundesrat abgesegnet, Anfang September trat es in Kraft.

Ein deutsches Gesetz, geprägt von einer amerikanischen Anwaltskanzlei?

Neue Spieler haben die Berliner Arena betreten und beginnen, im politischen Leben

ihre Spuren zu hinterlassen. Es sind weltweit operierende Rechtskonzerne, von denen

sich in Berlin inzwischen gut zwei Dutzend niedergelassen haben. Ihre juristische

Expertise ist zunehmend gefragt, unabhängig davon, wer gerade regiert. Ihre Handschrift

findet sich im Gesundheits- ebenso wie im Energie-, Telekommunikations- oder

Arbeitsrecht.

Dass sich die Legislative bei ihrer Arbeit helfen lässt, hat zwar Tradition. Wissenschaftler

schreiben seit Jahrzehnten ihre Gutachten, Kommissionen entwickeln Reformvor-

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schläge, der Bundesverband der Deutschen Industrie prägte bereits in den fünfziger

Jahren das Kartell- und Wettbewerbsrecht.

Dennoch erhält die Rechtsetzung durch die jüngste Entwicklung eine neue Dimension,

weil der Staat seine juristischen Berater immer früher in den Prozess einbindet. Neuerdings

sogar so früh, dass diese gemeinsam mit den Ministerialbeamten ein Gesetz

von Anfang an entwickeln. Als »absolutes Novum« bezeichnet der Abgeordnete

Michael Bürsch die Entstehungsgeschichte des vor wenigen Wochen in Kraft getretenen

Gesetzes über Öffentlich-Private Partnerschaften (ÖPP). Bürsch hat die verantwortliche

Arbeitsgruppe der SPD-Fraktion geleitet und das klassische Verfahren praktisch

umgedreht. Während früher ein Ministerium Gesetzestexte entworfen und andere

erst dann nach ihrer Meinung gefragt habe, sagt er, »war es hier ein umgekehrter und

völlig offener Prozess, bei dem wir unsere Berater um Vorschläge gebeten haben«.

Dieses Vorgehen bringt Risiken mit sich. »Gesetzesentwürfe müssen von der Ministerialbürokratie

erdacht und geschrieben werden«, sagt Everhard Holtmann, Professor

für Politikwissenschaft an der Universität Halle-Wittenberg. »Wenn sie externe Berater

schon am Anfang der Entwicklungsarbeit mit einbezieht, läuft sie Gefahr, einen Teil

ihrer Gestaltungsmacht aus der Hand zu geben.«

Doch dessen ungeachtet suchen die Politiker den Sachverstand und die Anwälte ihrerseits

die Nähe zur Politik. Es ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit, und das ÖPP-Gesetz

zeigt beispielhaft, wie es funktioniert.

Die Wege von Rechtsanwalt Kleinlein und dem SPD-Abgeordneten Bürsch kreuzten

sich schon vor einigen Jahren. Man traf sich in Berlin, unter anderem in der britischen

Botschaft, wo ein Vortrag gehalten wurde über die Erfahrungen mit Public Private

Partnerships. Darüber, dass der Staat rund zehn Prozent seiner Kosten sparen könne,

wenn er nicht mehr Eigentümer von Gerichtsgebäuden, Schulen, Straßen und Kasernen

ist, sondern bloß noch Mieter. In Großbritannien wird heute schon eines von fünf

staatlichen Projekten als Öffentlich-Private Partnerschaft verwirklicht. In Deutschland

sind es deutlich weniger, vor allem wegen juristischer Hindernisse. Praktisch alle

Parteien hatten bereits gefordert, diese zu beseitigen, und nach der Bundestagswahl

2002 wollte Bürsch nun endlich für ein entsprechendes Gesetz sorgen.

Aber wie?

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Der Jurist Kleinlein wusste es. Damals arbeitete er noch für die Großkanzlei Linklaters,

hatte gemeinsam mit deren ÖPP-Spezialisten Jan Endler eine Reihe von Projekten betreut

und kannte daher die bürokratischen Hürden genau. Außerdem hatte er eine

Ahnung davon, wie sie sich beseitigen ließen, wenn man hier einen Paragrafen streicht,

dort einen Halbsatz umhebt oder einen Absatz einfügt. »Als Anwalt befasst man sich

ständig mit der juristischen Lösung von Problemen«, sagt er. »Man spricht die gleiche

Sprache wie der Gesetzgeber.« So fand man zueinander.

Kleinlein war überzeugt davon, dass der Bund zunächst die Möglichkeit bekommen

musste, seine Fernstraßen, Kasernen und Gebäude zu verkaufen. Bislang war das

grundsätzlich verboten. Um das zu ändern, schlug Kleinlein vor, mit Hilfe des ÖPP-

Gesetzes die Bundeshaushaltsordnung zu überarbeiten. »Darin kam eine bestimmte

Vorstellung zum Ausdruck, die längst nicht mehr zeitgemäß ist. Nämlich, dass der

Staat Verwaltungsgebäude, Schulen oder andere Infrastruktureinrichtungen am wirtschaftlichsten

nutzt, wenn sie ihm auch gehören«, sagt er. »In der Privatwirtschaft hat

sich diese Vorstellung schon lange als falsch erwiesen. Warum sollte das für den Staat

anders sein?«

So wurde die Idee geboren, das grundsätzliche Veräußerungsverbot aufzuheben, damit

der Bund sein Eigentum verkaufen und anschließend zurückmieten kann. In diesem

Fall wäre er nämlich nicht mehr für die kostenträchtige Instandhaltung verantwortlich,

sondern könnte beispielsweise für eine heruntergekommene Straße ganz einfach die

Miete kürzen. Kleinleins Vorarbeit zu dieser grundsätzlichen Passage spiegelte sich im

offiziellen Entwurf wider und später im fertigen Gesetz.

Bürsch bezeichnet den Anwalt denn auch als »einen der Motoren des ganzen Projekts«,

wenngleich Kleinlein mitnichten der einzige Geburtshelfer des Gesetzes war. Die

Ministerialbürokratie stellte rund 40 Leute ab, die Privatwirtschaft etwa 60, darunter

die Elite der internationalen Anwaltschaft von Freshfields bis Norton Rose, von

Clifford Chance bis Linklaters.

Rechtlich gesehen sei die enge Zusammenarbeit mit den Beratern »kaum angreifbar«,

sagt Martin Burgi. Er ist Professor für öffentliches Recht an der Universität Bochum

und forscht über die Zusammenarbeit von Staat und Unternehmensberatern. »Solange

das Parlament letztendlich die Entscheidung fällt, ist das nicht zu beanstanden.«

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Juristisch nicht. Aber politisch? Der Politologe Holtmann glaubt, dass viele Weichen

schon gestellt werden, bevor die öffentliche Debatte beginnt. »Je intensiver der Staat

mit außenstehenden Beratern zusammenarbeitet, desto undurchsichtiger wird der

Prozess der politischen Willensbildung«, sagt er.

Für die Kanzleien ist die Beteiligung mehr als eine Dienstleistung. Gerade in einer Zeit

des Umbruchs, in der sich der Staat von einigen Aufgaben trennt, wenn er dereguliert

und privatisiert, entstehen fast täglich juristische Grauzonen, man könnte auch

sagen: Möglichkeitsräume. Was genau ist anders als vorher? Was dürfen Unternehmen

jetzt, was nicht? Sich im Dickicht neuer Gesetze zurechtzufinden wird für Kanzleien

zum Wettbewerbsvorteil im Kampf um kommerzielle Mandate und wer kennt sich

besser aus als jemand, der die Vorschriften mitentwickelt hat? »Strategisch wird es

für Großkanzleien wichtiger, möglichst nah an politischen Entscheidungsprozessen

dran zu sein«, sagt Christoph Tillmanns vom juristischen Branchendienst Juve.

Vor allem amerikanisch und britisch geprägte Sozietäten suchen die Nähe zur Politik.

Freshfields baut gerade eine Public-Affairs-Abteilung in Berlin auf; die Firma gehört

zum magic circle jener fünf Kanzleien aus London, die als besonders mächtig gelten.

Andere haben prominente Politiker mit Anwaltszulassung angeworben: Der CDU-

Finanzexperte Friedrich Merz arbeitet für die US-Kanzlei Mayer Brown Rowe & Maw,

FDP-Senior Otto Graf Lambsdorff für Taylor Wessing. Und Wilmer, Cutler & Pickering

(»Ihre ständige Vertretung in Washington und Berlin«) beschäftigt den Exbundesverkehrsminister

Matthias Wissmann. Der hat zu Amtszeiten die Lufthansa privatisiert,

die heute ein Kunde seiner Sozietät ist, auch wenn er sich inzwischen vor allem mit

energierechtlichen Fragen befasst.

Kleinleins Firma Hogan & Hartson beschäftigt weltweit 1000 Anwälte, jährlich nehmen

sie gut 630 Millionen Dollar an Honoraren ein. In Berlin eröffnete die Kanzlei vor vier

Jahren ein Büro, um dort zu werden, was sie in Washington längst ist: eine politische

Institution mit besten Beziehungen. Der konservative Jurist John Roberts, der vergangene

Woche zum Vorsitzenden Richter am U. S. Supreme Court ernannt wurde, arbeitete

lange als Partner bei Hogan & Hartson. Auch Sandy Berger, der Sicherheitsberater

von Bill Clinton, war Anwalt der Kanzlei.

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Juristen wissen, dass jede Regierung früher oder später vor ähnlichen Problemen

steht. Irgendwann nämlich ist der Punkt erreicht, an dem Politiker nicht mehr nur darüber

diskutieren können, was man eigentlich tun sollte. Dann müssen jene hochkomplexen

Texte geschrieben werden, ohne die eine moderne Gesellschaft ebenso wenig

funktioniert wie ein Computer ohne Betriebssystem. Dann wird es konkret. Und dann

sollte man da sein. Diskret. Verbindlich. Perfekt vorbereitet.

Die Bauwirtschaft war hocherfreut, dass die ÖPP-Novelle trotz Wahlkampf so zügig

verabschiedet wurde. »Wir rechnen mit einem Auftragsschub«, kommentierte Hans-

Peter Keitel, Präsident des Hauptverbandes der deutschen Bauindustrie und Vorstandschef

des Essener Baukonzerns Hochtief. »Das Gesetz kommt zum richtigen

Zeitpunkt.«

Nicht bloß das. Es bietet privaten Unternehmen weitere Vorteile. So müssen sie künftig

keine Grundsteuern mehr zahlen, wenn sie von einer Stadt etwa ein Schulgelände

übernehmen und betreiben. »Die kommunalen Spitzenverbände waren davon gar

nicht begeistert, weil das Aufkommen aus der Grundsteuer den Kommunen zusteht«,

erinnert sich Kleinlein. »Allerdings lief das Ganze so schnell durch das Gesetzgebungsverfahren,

dass sie gar keinen Widerstand mehr organisieren konnten.«

Der Grundsteuereffekt illustriert, dass kleine Formulierungen große Auswirkungen

haben können. Daraus erwächst die Möglichkeit von Einflussnahme. Schließlich könnten

die Spezialisten versucht sein, einem Gesetzesentwurf einen harmlos scheinenden

Halbsatz beizumischen, der zwar nicht im Sinne des Staates, wohl aber im Sinne ihrer

kommerziellen Mandanten ist. Das zu beweisen wäre schwierig, denn Anwälte können

sich meistens auf ihr Schweigerecht berufen.

Der Abgeordnete Bürsch ist jedenfalls zufrieden mit Anwalt Kleinlein, den er als »außergewöhnlich

engagiert und kompetent« bezeichnet. Man darf so etwas auch erwarten

bei einem Juristen, der üblicherweise 350 Euro für jede Stunde berechnet, in der er

über die Probleme anderer Leute nachdenkt.

»Wie viel hat Ihnen die SPD-Fraktion gezahlt, Herr Kleinlein?«

»Nichts.«

»Wer hat Sie dann bezahlt? Die Bauindustrie?«

»Nein, ich habe von niemandem ein Honorar erhalten.«

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»Wofür dann die Arbeit? Oder ist Ihre Kanzlei in Wahrheit eine gemeinnützige Organisation?«

»Es ist Teil unserer angelsächsisch geprägten Unternehmenskultur, der Gesellschaft

auch etwas zurückzugeben, pro bono sozusagen. Dabei gibt es übrigens keine parteipolitischen

Präferenzen, grundsätzlich würden wir jeden beraten. Na ja, vielleicht mit

Ausnahme der Linkspartei.«

»Leben können Sie davon nicht.«

»Natürlich helfen solche Aufträge auch, die eigene Expertise auszubauen. Das kann

sehr hilfreich sein, wenn es darum geht, später einmal kommerzielle Mandate von

Unternehmen zu gewinnen, die ÖPP-Projekte planen. So gesehen, war das Ganze hier

auch eine Art Investition.«

Am 18. November werden Kleinlein und einige andere am Gesetz beteiligte Anwälte

vor den Abgesandten ebenjener Unternehmen stehen, auf einem Seminar in Berlin.

Dann werden sie ihnen erklären, was die neuen Vorschriften bedeuten und wie man

von ihnen profitieren kann.

59


BEGRÜNDUNG DER JURY

»Anhand ganz unterschiedlicher Schicksale schildert die

Preisträgerin, was es im Alltag heißt, Angst vor dem Verlust

des eigenen Arbeitsplatzes zu haben. Vom Facharbeiter bis

zum Manager porträtiert die Autorin verschiedene Berufsgruppen,

die sich trotz ganz unterschiedlicher Erwerbsbiographien

mit ähnlichen Problemen und Nöten konfrontiert

sehen. Dabei wird sehr deutlich, dass der drohende

Arbeitsplatzverlust nicht „nur“ die individuelle „Tragödie

des Alltags“ ist, sondern das Betriebsklima in Deutschland

nachhaltig verändert und zu einer – aus Arbeitnehmersicht

nachteiligen – Neuinterpretation von Arbeitnehmerrechten

führt. Aufgrund der Bedeutung des Themas, der lebensnahen

Schilderung der Schicksale und der Einordnung in

größere Zusammenhänge hat sich die Jury für eine Berücksichtung

bei der Preisverleihung entschieden.«

60


Nikola Sellmair

Kollege Angst

Beitrag aus dem Wochenmagazin „Stern“

vom 31. März 2005

61

2. Preis


Kollege Angst

Die Arbeitslosigkeit steigt. Und mit ihr die Zahl der Unternehmen, in denen sich

Furcht und Misstrauen ausbreiten: Wen der Kollegen trifft es als Nächsten? Eine

Klima-Studie in deutschen Betrieben.

Unten im Erdgeschoss ist die Vorhölle. Dort laufen geduckte Gestalten mit ausdruckslosen

Gesichtern über die Flure. Im ersten Stock sehen die Patienten ein bisschen

ansprechbarer aus, und im zweiten wartet Ralf Vogler*, ein kleiner, freundlicher Mann

mit Lachfalten um die Augen. In seinem Leben ging es immer aufwärts: Abitur, als

Einziger aus seinem bayerischen 200-Seelen-Dorf. Studium, viele Jahre im Ausland,

dann ein guter Job bei einem großen deutschen Versicherungskonzern. Frau, zwei

Kinder, Eigenheim. Alles perfekt.

Anfang 2000 flüstern die Kollegen auf einmal von „einschneidenden Maßnahmen“,

von „Rationalisierung“ und „Outsourcing“, und Ralf Vogler arbeitet noch ein bisschen

härter. Weihnachten 2002 kommt die Kündigung, da schluckt er Johanniskraut und

geht joggen um drei Uhr nachts. Seine Frau versteht nicht, was ihm den Schlaf raubt.

„Du hast doch studiert, du musst doch was kriegen. Jetzt lach doch mal wieder“, sagt

sie. Er weiß nicht, ob er mit Ende 40 eine neue Arbeit findet; wie soll er das Haus ab -

bezahlen, den Kindern das Studium finanzieren? Sie findet, er grübelt zu viel. „Über

Geld redet man nicht, Geld hat man.“ Da brüllt der freundliche Ralf Vogler sie an, wie

sie es noch nie erlebt hat in ihrer Ehe.

Ostern 2003 ist auf einmal sein Chef am Telefon: „Ralf, ich habe für dich gekämpft, du

bist wieder eingestellt.“ Über ein Jahr geht alles gut. Weihnachten 2004 kommt die

zweite Kündigung: Die ganze Abteilung ist jetzt überflüssig, heißt es aus der Zentrale,

auch sein Chef. Da trinkt Ralf Vogler Alkohol, um die Angst vor der Zukunft zu betäuben,

und rast nachts mit dem Auto bei lauter Musik über die Straßen. Sein Hausarzt

schickt ihn in die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie eines Hamburger Krankenhauses,

Abteilung 162b, zwei Stockwerke über der Vorhölle, wie Ralf Vogler die Station

für schwere Fälle nennt. Er sitzt im Behandlungsraum zwischen Gummibäumen

und versucht, den Menschen wiederzufinden, „der ich einmal war: offen, optimistisch,

neugierig auf die Welt“.

Aber die Welt hat sich verändert: „Wenn es Hartz IV nicht gäbe, wenn es Deutschland

besser ginge, wenn man wüsste, es geht aufwärts, dann wäre ich nicht so aufge-

62


wühlt“, sagt Ralf Vogler. An diesem Donnerstag werden die neuen Arbeitsmarktzahlen

bekannt gegeben. Weit über 5,2 Millionen sind ohne Job, mehr als je zuvor. Nach vier

Jahren Wirtschaftskrise hat die Angst vor dem Jobverlust jeden erwischt, den einfachen

Handwerker auf dem Land, die Bank- und Versicherungsangestellten in glitzernden

Konzernzentralen und auch die Facharbeiter, die sich bis vor kurzem „beim Daimler“

oder der „Siemens-Familie“ noch wie verbeamtet fühlten. Laut einer Studie der OECD

(Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) fürchten mehr als

70 Prozent der Deutschen, sie könnten ihren Job verlieren. Fast die Hälfte der Deutschen

erwartet laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag des Stern, dass sich die wirtschaftlichen

Verhältnisse weiter verschlechtern werden, ein knappes Drittel hat Angst,

in Armut abzurutschen.

Ralf Voglers Geschichte ist eine ganz normale Geschichte in diesen Tagen, sagt sein

behandelnder Arzt Hans-Peter Unger. „Es sind keine Psycho-Wracks, die bei einer

Krise am Arbeitsplatz plötzlich den Halt verlieren, es sind oft ehrgeizige, im Leben

stehende Menschen, denen ihr Job besonders wichtig ist. „Ängste und Depressionen

nehmen vor allem in Betrieben zu, die früher Sicherheit geboten haben: Staatsbetriebe,

Banken, Versicherungen, Kliniken. Alle meine Patienten, vom Pförtner bis zum

Topmanager, leiden darunter, dass der deutsche Nachkriegstraum vom immerwährenden

Aufstieg zerplatzt ist“, sagt Unger.

Plötzlich sind wir alle Ossis: Die Ungewissheit, die nach dem Mauerfall fast alle ostdeutschen

Arbeitnehmer beschlich, ist heute gesamtdeutsche Realität. Doch was

passiert in einer Job-Welt, in der Angst eines der vorherrschenden Gefühle ist? Wie

verändert sich das Betriebsklima? Kämpft jeder nur noch für sich selbst? Kleben alle

an ihrem Sessel, werden zu Jasagern und Duckmäusern – nur nicht auffallen, nur

keinen Fehler machen?

DER CHIPDESIGNER Joseph Hielscher* war einer von den ersten 900 Mitarbeitern,

die 2003 bei Siemens in München gehen sollten. Auf einmal stand sein Projektleiter

vor ihm und den Kollegen, schwitzte und druckste: „So eine Scheiße, dass ich das

machen muss, aber ich soll acht Leuten kündigen.“ Sofort kühlte das Klima in der

Abteilung ab: Es wurde nicht mehr locker auf dem Flur geplaudert, alle arbeiteten

verbissen vor sich hin, um die eigene Position zu retten. Die Gekündigten wurden

63


gemieden, aus Scham, Hilflosigkeit und Angst. Joseph Hielscher nahm die Abfindung

und ging: „Ich wollte einfach nur noch raus.“

Mark Stausen* ist immer noch drin, er nennt sich selbst einen „Überlebenden“. Vor

knapp zwei Jahren, erzählt er, hat er die „Reise nach Jerusalem“ mitgemacht, als

Standorte der Dresdner Bank zusammengelegt wurden und in seiner Abteilung von

25 Mitarbeitern 15 gehen sollten. Alle wurden einzeln zum Chef gerufen. „Es war wie

ein zweites Bewerbungsgespräch. Vorher hatte die Geschäftsleitung eine Formel

gemailt, mit der man seine Sozialpunkte ausrechnen konnte: Ich bin nicht verheiratet,

kinderlos – schlecht. Ich bin seit der Lehre bei der Bank – gut.“ Mark Stausen ertappte

sich dabei, wie er seinen verheirateten Lieblingskollegen taxierte und sich fragte:

„Der oder ich?“ Mehrere Wochen vergingen bis zur Entscheidung: „Keiner hat mehr

richtig gearbeitet. Wir fühlten uns wie bei einem Survival-Camp, brachten uns gegenseitig

Schokolade oder umarmten uns spontan auf dem Flur.“ Dann war klar: „Ich

darf bleiben.“

Jetzt pendelt Mark Stausen jeden Tag insgesamt vier Stunden zu der Filiale, der er

zugewiesen wurde, um fünf Uhr morgens klingelt der Wecker – und dann „gehöre ich

der Bank, 16 Stunden lang“. Früher konnte er relativ eigenständig seine Kunden

betreuen, heute gibt es jede Woche neue Zielvorgaben aus der Zentrale in Frankfurt:

„Es gibt die Top Five, das sind Fonds und Kredite, die wir in dieser Woche an Kunden

bringen sollen.“ Die Kunden seien in diesem System nur Erfüllungsgehilfen: „Denen

soll ich Hasenköttel als Kaffeebohnen verkaufen. Kein schönes Gefühl.“ Die ganze

Woche stehe er unter Strom, sagt Mark Stausen, denn am Ende werde geprüft, was

er verkauft habe. Sein Ergebnis wird dann in einem Ranking mit dem anderer Filialen

verglichen.

DAS ALTE PRINZIP von Stechuhr und ständiger Kontrolle ist zurück – in modernem

Gewand. Kassiererinnen müssen pro Minute eine bestimmte Zahl von Artikeln abrechnen,

bei Reinigungskräften und Verkäuferinnen wird die Quadratmeterzahl hochgesetzt,

um die sie sich zu kümmern haben. In einer Forsa-Umfrage für den Stern gaben mehr

als 70 Prozent der Beschäftigten an, die Situation an ihrem Arbeitsplatz sei härter

geworden.

In diesem Jahr hat Mark Stausen bislang überdurchschnittliche Ergebnisse, das gibt

64


ihm ein gutes Gefühl. 2004 lag er unter Durchschnitt – „da habe ich nicht mehr durchgeschlafen“.

Kündigen? „Wie denn? Die ganze Branche ist in der Krise. Und wenn ich

als Letzter an einen neuen Arbeitsplatz komme, bin ich bei einer Entlassungswelle der

Erste, der gehen muss.“ Aufbegehren, demonstrieren, mit Kollegen zusammen für

bessere Arbeitsbedingungen kämpfen? „Wogegen sollen wir denn kämpfen? Gegen

die Gesetze des Kapitalismus? Dagegen, dass es da draußen ein Heer von Arbeitslosen

gibt, die unsere Jobs williger und billiger machen würden? Im Vergleich zu denen

geht’s uns doch noch gut.“

Noch nie war die Position der Beschäftigten so schwach. Die Unternehmen machen

Druck. Bei vielen Mittelständlern, bei manchen Konzernen steckt dahinter der Kampf

ums wirtschaftliche Überleben, manchmal aber auch die Gier nach mehr Rendite. Ob

bei Opel oder Karstadt, Miele oder Siemens – die Unternehmen stellen ihre Mitarbeiter

vor die Wahl: weniger Lohn, weniger Urlaub, mehr Arbeit – oder sie können gehen.

Robert Koehler, Chef des Graphitherstellers SGL Carbon, früher einmal ein Teil von

Hoechst, schickt Mitarbeiter, „die die Trendwende in den Köpfen noch nicht vollzogen

haben“, gern nach China: „Die kommen geläutert zurück. Kennen Sie den Ausdruck

24/7? Der kommt aus China: 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Damit müssen

wir konkurrieren“, sagt Koehler. 3.000 Stellen hat er seit 1999 gestrichen, auch von

den Topmanagern haben 80 Prozent eine neue Position oder sind nicht mehr im

Unternehmen: „Am Ende muss man Leute auswechseln, die es nicht mehr schaffen,

sich auf neue Umstände einzustellen.“ Das größte Problem sei die mittlere Führungsschicht

mit ihrem „Beharrungsvermögen“. Aber die Basis im Unternehmen, die Arbeiter,

die sehen, dass uns Inder und Polen die Aufträge wegschnappen, „die sehen die

Macht des Faktischen. Die sagen, auch wenn es nötig ist, die 40-Stunden-Woche wieder

einzuführen, dann machen wir das“.

Und es muss ja nicht einmal Polen oder Indien sein: Festangestellte sitzen in vielen

Firmen neben Zeitarbeitern, die die gleiche Arbeit erledigen, aber weniger Geld verdienen

und schon morgen rausfliegen können. Die Zahl der Leiharbeiter hat sich in

den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt, auch die Zahl der befristeten Stellen

ist rasant gewachsen. Ganze Firmenteile werden ausgegliedert, so zum Beispiel

beim Chemieriesen Bayer, der rund ein Fünftel seiner 110 000 Angestellten in die

65


Chemie-Neugründung Lanxess verstößt. Christian Berg muss sich erst daran gewöhnen,

dass er jetzt nicht mehr „beim Bayer“, sondern bei Lanxess arbeitet: „Es heißt, bei

Lanxess sind die Betriebsteile, die keine oder geringe Rendite machen. Ja, bin ich

dann auch ein scheiß-unrentabler Mitarbeiter?“ Ab Mai wird der Wirkstoff, den er in

seinem Labor als Betriebsmeister herstellt, nicht mehr gebraucht. Christian Berg sagt,

er sei offen für Veränderungen, aber die ständige Ungewissheit zermürbe: „Ich habe

manchmal das Gefühl, ich fahre im Blindflug auf eine Straßenkreuzung zu und weiß

nicht, ob’s da weitergeht.“ Sogar wer Gott als Arbeitgeber hat, ist nicht mehr sicher.

Silke Walter* arbeitet hinter dicken Klostermauern als Kellnerin im Tagungshotel

Walberberg bei Bonn. Ihre Chefs sind Mönche des Dominikanerordens, und deshalb

hat sie sich hier immer gefühlt wie in „Abrahams Schoß“. Doch jetzt wird das Hotel

geschlossen, es sei nicht mehr profitabel genug, sagt die Ordensleitung. „Über 40

Mitarbeiter müssen Ende des Jahres gehen“, sagt Silke Walter. Pater Bernhard, der

Mönch, der für das Klosterhotel zuständig ist, hat bei der Ordensleitung für die Mitarbeiter

gekämpft, bis nach Rom hat er geschrieben, aber es half alles nichts. Jetzt

wird er nach Hamburg strafversetzt und darf über den Fall nicht mehr öffentlich

sprechen. Aber eine Rede zum Betriebsjubiläum von Dorthe Hackbusch* hält er heute

noch. 25 Jahre ist sie jetzt als Kellnerin dabei. Pater Bernhard in weißer Kutte, mit

dickem Bauch und Ohrring, umarmt sie. Ein junges Zimmermädchen sagt, eine solche

Feier werde sie wahrscheinlich nicht mehr erleben: „Wenn ich älter bin, gibt’s keine

25-jährigen Betriebsjubiläen mehr.“

Gerade unter den Jüngeren hätten die Zukunftssorgen deutlich zugenommen, so der

Wirtschaftswissenschaftler Wolfgang Stegmann von der Fachhochschule Köln, der seit

15 Jahren Menschen zu ihren Ängsten am Arbeitsplatz befragt. Stegmann bemerkt den

Wandel schon bei seinen Studenten: „Früher haben die von ihrem Traumjob gesprochen.

Heute gehen sie pragmatischer und sorgenvoller an die Zukunftsplanung heran. Sie

haben Panik, die Probezeit nicht zu bestehen. Sie wissen, dass ihre Einstiegsgehälter

deutlich niedriger sein werden als die vor ein paar Jahren. Immer mehr werden auch

als ewige Praktikanten ausgebeutet.“

Stegmann hat berechnet, dass die Folgen der Angst die deutschen Unternehmen im

vergangenen Jahr 100 Milliarden Euro gekostet haben – doppelt so viel wie vor acht

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Jahren. Angstgesteuerte Mitarbeiter bringen mindestens 20 Prozent weniger Leistung,

sind häufiger demotiviert, greifen öfter zu Alkohol oder Aufputschmitteln, auch mobben

sie häufiger Kollegen.

EIN BISSCHEN ANGST am Arbeitsplatz sei ja ganz gut, meint Stegmann: „Wohldosierte

Angst steigert die Produktivität. Wer sich zu sicher fühlt, schlafft manchmal ab oder

trifft leichtsinnige Entscheidungen.“ Doch schlimm sei es, wenn Angst missbraucht

würde, etwa, um Mitarbeitern ständig mehr abzuverlangen, als sie eigentlich leisten

könnten: „Dann lähmt die Angst irgendwann nur noch, alle ducken sich, passen sich an.

Kreativität braucht einen gewissen angstfreien Raum. Langfristig verschleißen sie mit

einem hohen Angstpegel ihre Mitarbeiter.“

Anja Franke* sitzt in einem Café. Als ein Mann am Nebentisch hustet, blickt sie gereizt

in seine Richtung: „Ich fürchte mich vor jedem Virus.“ Sie war im vorigen Jahr oft

krank, da haben ihre Chefs im Architekturbüro sie zu sich gerufen: „Wir können uns

dich nicht mehr leisten, du fehlst zu oft. Bei der nächsten Krankheit fliegst du.“ Jetzt

schleppt sich die 29-Jährige jeden Tag zur Arbeit, egal, wie schlecht sie sich fühlt,

„zum Arzt gehe ich gar nicht mehr, der schreibt mich nur krank“. Sie schämt sich, weil

sie sich so unter Druck setzen lässt, weil sie nicht einfach kündigt: „Ich sollte erhobenen

Hauptes gehen.“ So wie einige Kollegen vor ihr. Aber die sind jetzt arbeitslos.

Früher wurden Leistungsschwächen in den meisten Betrieben noch toleriert; wer ein

paar Tage Liebeskummer hatte oder ein paar Monate die kranke Mutter pflegen musste,

wurde halt eine Zeit lang mitgezogen. Heute trauen sich viele Angestellte nicht mehr

zu zeigen, wenn es ihnen schlecht geht. Der Krankenstand in deutschen Betrieben ist

auf einem Rekordtief. 2003 arbeiteten laut einer AOK-Studie mehr als 70 Prozent der

Beschäftigten auch dann, „wenn sie sich richtig krank“ fühlten. Auch im öffentlichen

Dienst sei „nischt mehr mit Gemütlichkeit“, meint Doris Reimann, Frauenbeauftragte

im Sächsischen Staatsministerium für Umwelt und Landwirtschaft. Frauen hätten

Angst, Auszeiten für die Pflege kranker Angehöriger zu nehmen oder in Erziehungsurlaub

zu gehen: „Die sagen, ich kann doch jetzt nicht raus, sonst bin ich ganz raus.“

Clara Dietrich* hat ihr Kind im Job als „eine Art Behinderung“ erlebt. Sieben Jahre hatte

sie als Teamleiterin in einer Hamburger Werbeagentur geschuftet, und auch mit Baby-

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auch saß sie bis acht Uhr abends am Schreibtisch. Doch nach dem halben Jahr Erziehungsurlaub

sagte ihr Chef zur Begrüßung, sie sei ja jetzt leider nicht mehr voll einsetzbar.

Sie bekam nur noch Praktikantenjobs, musste den Firmenwagen abgeben.

Ihr Chef suchte nach Fehlern bei allem, was sie tat. Und tatsächlich, sie machte Fehler:

„Ich saß völlig angstgesteuert am Schreibtisch, mein Herz raste, ich kriegte nichts

mehr hin.“ Irgendwann kapitulierte sie. Nun ist die Alleinerziehende arbeitslos. In

Hamburg registrierte das Amt für Arbeitsschutz voriges Jahr 300 Versuche, Schwangeren

und Müttern im Erziehungsurlaub zu kündigen – gesetzlich ist das verboten,

immer mehr Firmen versuchen es trotzdem.

„Mit dem Kuschelklima in Betrieben ist es vorbei“, sagt Ute Schmidt-Brasse, die seit

1977 als Unternehmensberaterin arbeitet. Waren Entlassungen früher etwas Unanständiges,

so seien sie heute Mittel der ersten Wahl. In einer Studie der Unternehmensberatung

Roland Berger mit dem Titel „Restrukturierung in Deutschland – früher,

schneller, härter, aber noch nicht gut genug“ geben 99 Prozent der befragten Firmen

an, in einer Krise das Personal zu reduzieren.

WO DIE MITARBEITER FROH SIND, dass sie überhaupt noch einen Job haben, wird

auch weniger dafür getan, sie zu motivieren. Wenn ein Hamburger Verlag die Weihnachtsfeier

für die Mitarbeiter „aus Kostengründen“ in den Januar verlegt, wenn der

Chef der Justizbehörde in Nürnberg seinen Mitarbeitern das Halten von Topfpflanzen

auf Fensterbänken verbietet – Grund: die Pflege beanspruche kostbare Dienstzeit –,

dann sind das nur lächerliche Vorkommnisse. Aber auch sie tragen bei zum schlechteren

Betriebsklima, weil sie dem einzelnen Mitarbeiter zeigen: Du bist uns nicht mehr

so wichtig. Auch in Weiterbildung wird weniger investiert, hat Unternehmensberaterin

Schmidt-Brasse festgestellt. „Firmen müssten ihre Mitarbeiter aber fachlich fit halten,

wenn sie ihnen keinen sicheren Arbeitsplatz mehr garantieren können.“

Alexander Fräßle hat seine Weiterbildung selbst in die Hand genommen. Der 28-jährige

Elektroniker arbeitet bei Opel Rüsselsheim. Die Diskussion über Werksschließungen

bei Opel haben ihn „aus der heilen Welt gerissen“, sagt Alexander Fräßle. Er habe

viele gestandene Männer weinen sehen in den vergangenen Monaten, er habe Solidarität

erlebt, aber auch Duckmäuser- und Mitläuferturm, sogar einen Kollegen, der

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gezielt andere anschwärzte, um seinen Arbeitsplatz zu retten. Alexander Fräßle

begann, sich nach Feierabend durch Wirtschaftsbücher zu kämpfen: „Das war viel

Fachlatein, aber ich wollte begreifen, was da mit uns passiert. Das Leben ist eben

mehr als ‚Bild’ und Glotze“, sagt er. Er überlegt, seine Aktien zu verkaufen: „Jeder,

der Aktien hat oder Lebensversicherungsfonds, sägt an seinem eigenen Stuhl. Die

Aktie geht rauf, wenn ich rausgeschmissen werde.“ Er ist in die SPD eingetreten,

„um von der Basis her was zu verändern“, und er will sich neben dem Opel-Job noch

selbstständig machen. Vor der Krise, sagt Fräßle, wollte er sein Leben genießen. Jetzt

will er es verstehen und selbst bestimmen. „Denn es kann doch nicht sein, dass ich

irgendwann einfach entlassen werde, und das ist es dann. Dass plötzlich nicht mehr

zählt, was ich die letzten Jahre getan habe.“

* Name von der Redaktion geändert

Mitarbeit:

Catrin Boldebuck, Markus Grill, Carola Kleinschmidt, Constanze Löffler,

Brigitte Zander

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BEGRÜNDUNG DER JURY

»Der Beitrag schildert sehr anschaulich und hintergründig,

wie und unter Einsatz welcher Methoden bestimmte

Interessengruppen – Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft,

Bertelsmann Stiftung, Centrum für Hochschulentwicklung,

Bürgerkonvent etc. – erfolgreich die öffentliche Meinung

„manipulieren“. Anhand von Beispielen wird aufgezeigt,

wie die genannten Interessengruppen als Dienstleister

gegenüber den Medien fungieren, sich erfolgreich als

neutral bzw. überparteilich darstellen, in welcher Weise

neueste Erkenntnisse der Kommunikationsforschung nutzbar

gemacht werden und schließlich Deutungshoheit über be -

stimmte gesellschaftliche Entwicklungen erlangt wird – eine

Deutungshoheit, die bei nüchterner Analyse ihren Ursprung

in der Befriedigung von Partikularinteressen hat. Aufgrund

der Tatsache, dass die genannten Initiativen sich als extrem

effektiv und effizient erwiesen haben, dies den öffentlichen

Diskurs nachhaltig beeinflusst und das Denken in Alternati -

ven somit immer schwieriger erscheint, hat sich die Jury für

die Berücksichtigung dieses Hörfunkbeitrags bei der

Preisverleihung entschieden.«

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Brigitte Baetz

Meinung für Millionen –

Wie Interessengruppen die öffentliche

Meinungsbildung beeinflussen

Auszüge aus dem ca. 45-minütigen

Hörfunkbeitrag gesendet im Deutschlandfunk

am 26. August 2005

3. Preis


Meinung für Millionen – Wie Interessengruppen die

öffentliche Meinungsbildung beeinflussen

Sprecherin:

Sie heißen Bürgerkonvent, Deutschland packt’s an, Konvent für Deutschland, Initiative

Neue Soziale Marktwirtschaft. So genannte Reforminitiativen fordern mit großen

und kleinen Kampagnen den Wandel in Deutschland: hin zu weniger Sozialstaat und

mehr Freiheit für den Markt. Weg von Regulierungen, die als lähmende Besitzstände

empfunden werden, hin zu mehr Eigenverantwortung. Weg von Sozialversicherungssystemen,

die über die Lohnnebenkosten finanziert werden hin zu privaten Vorsorgeanstrengungen.

Mehr Engagement des Einzelnen, mehr unternehmerisches Handeln,

Ruck statt Lähmung. „Fauler Sack, beweg Dich“, titelte der Bürgerkonvent in seinen

Zeitungsanzeigen (...)

Zehn Millionen pro Jahr ist die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft ihren Geldgebern

wert. Sie ist die größte aller Reforminitiativen. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall,

also der Dachverband der deutschen Metall- und Elektroindustrie, ließ die INSM

gründen, nachdem eine Allensbach-Umfrage ergeben hatte, dass eine Mehrheit der

Deutschen von der Marktwirtschaft nicht überzeugt ist. 42 Prozent hielten gar einen

Dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus für wichtig. Einen Bewusstseinswandel

sollte die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft vorantreiben, so der Präsident

von Gesamtmetall Martin Kannegießer, zugunsten der Interessen der Wirtschaft.

Und das tut sie: mit Plakataktionen, mit herunterladbaren, fertigen Beiträgen für Hörfunksender,

mit dem Erstellen von Studien, mit der Vermittlung von Interviewpartner

und und und (...)

Dabei gibt sich die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft das Image des Überparteilichen,

des Beratenden, des Wissenschaftlichen (...)

O-Ton Müller:

„Sie wissen was von Public-Relations-Arbeit. Sie wissen davon, dass man Aktionen

machen muss, wie etwa dieses Plakat, das in die Spree gehängt worden ist in Berlin

und den Untergang Deutschlands symbolisiert, wenn nicht Reformen passieren. Also,

sie sind professionell schon ganz gut. Allerdings muss ich dazu sagen, wird es ihnen

von den Medien auch leicht gemacht. Also, es liegt so offenbar auf der Hand, dass

das eine Propagandaorganisation ist und dennoch wird diese Organisation, wenn sie

einmal einen Kongress zu fachlichen Fragen macht, als eine Art Fachorganisation, als

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eine objektive Organisation gewertet. Das dürfte überhaupt nicht passieren und das

wundert mich völlig. Wie kann ein Journalist, wie können Medien diese Organisationen

als sachliche Instanz wahrnehmen und vergessen, dass das eine Propagandakompanie

ist?“ (...)

Sprecherin:

(...) die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft sammelt Leute aus allen Lagern um

sich, zumindest, was die politische Couleur betrifft. Und doch haben die Botschafter,

Kuratoren und sonstige Werbeträger der Initiative durchaus schon immer wirtschaftsliberale

Tendenzen vertreten (...)

O-Ton Leif:

„Die haben sich dann einspannen lassen, teilweise aus Naivität, teilweise wahrscheinlich

auch aus Überzeugung, für eine Ideologie. Und das Besondere bei dieser

Initiative Soziale Marktwirtschaft ist, dass sie im Grunde professionell die klassischen

Kriterien der Werbung verknüpft mit perfekter PR im Sinne der Beeinflussung von

Journalisten. D.h. man hat alle professionellen Kriterien auf seiner Seite. Man hat ein

großes Budget von weit über zehn Millionen Euro, man hat perfekte Agenturen. An

der Spitze stehen früher sehr geschätzte Journalisten, die wissen, wie die Medien

funktionieren und aus diesem Konglomerat des professionellen Handwerks sucht

man die Öffentlichkeit zu beeinflussen, zu manipulieren und hat dafür diese Politiker

auch noch als Botschafter gewonnen.“ (...)

Sprecherin:

Neoliberale Thesen und Meinungen bestimmen heute die politische Agenda aller

etablierten Parteien, sogar von Teilen der Gewerkschaften und der Kirchen, sowie der

Mehrheit der Medien und Wissenschaft (...). Thomas Leif, Chefreporter des SWR und

Vorsitzender der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche, nennt dies den Siegeszug

des TINA-Prinzips: „There is no alternative“– Es gibt keine Alternativen. Ein Slogan

Margaret Thatchers. Abweichende Meinungen zum Thema Umbau des Sozialstaates

finden – soweit überhaupt noch vorhanden, kaum noch den Weg in die öffentliche

Diskussion. Wenn der Zeitgeist der 70er Jahre Reform war: Reform als Begriff für den

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Ausbau sozialer Leistungen, so ist der Zeitgeist heute: Reform als Begriff für den

Abbau sozialer Leistungen. Im Gegensatz zu den 70er Jahren gibt es darüber allerdings

keine politische Debatte mehr (...)

Es gibt in Deutschland kein Politikfeld, das in seiner publizistischen Begleitung so

einheitlich dokumentiert wird wie die Wirtschaftspolitik. Mit wenigen Ausnahmen,

auch z.B. innerhalb der Financial Times Deutschland, neigen die Blätter und Sender

den neoliberalen Reformkräften zu. Eine wirkliche inhaltlich kontroverse Diskussion

jenseits von Beitragsbemessungsgrenzen und Renteneintrittsalter über die Frage, in

welcher Art von Staat die Deutschen in Zukunft leben wollen, findet kaum statt.

O-Ton Leif:

„Und da spielen die zwei Ankerpunkte Stern und Spiegel eine ganz besondere Rolle,

die in der deutschen Publizistik, in der Nachkriegsgeschichte eine ganz besondere

Funktion hatten, die, merkt man jetzt erst, im Umkehrschluss, wie wichtig das war.

Indem der Spiegel quasi einen Turnaround in eine überwiegend neoliberale Position

wahrgenommen hat, gibt es auch für die anderen Redaktionen, die ohnehin eher dem

Mainstream zugeneigt waren, kein Widerpart mehr.“ (...)

Sprecherin:

Parallel zum neoliberalen Mainstream, der den Erfolg der Tüchtigen preist und deshalb

die soziale Absicherung stärker privatisieren will, hat der Einfluss der PR auf den

Journalisten deutlich zugenommen. Was das Recht von Lobbygruppen ist: nämlich zu

versuchen, ihr Anliegen darzustellen und auch Einfluss geltend zu machen, wird

immer mehr zum Problem, weil immer weniger Zeit in den Redaktionen auf Recherche

verwendet wird. Themensetzung durch PR-Arbeit, wie sie von der Initiative Neue

Soziale Marktwirtschaft versucht wird, wird deshalb tendenziell immer leichter, so

Ulrike Kaiser, Chefredakteurin der Fachzeitschrift Journalist.

O-Ton Kaiser:

„Natürlich spielt da (..., Auslassung im Original) eine Rolle, dass es in den Redaktionen

immer knapper wird, mit dem Etat auch für freie Mitarbeiter, dass es immer knapper

wird mit redaktionellen Recherchemöglichkeiten, allein personell, aber mit Sicherheit

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auch materiell, und da stößt natürlich die Initiative mit ihren „Hilfestellungen“ auf

einen durchaus fruchtbaren Boden.“ (...)

Sprecherin:

In einer Mediendemokratie findet die politische Willensbildung weniger innerhalb der

Parteien als durch die Medien statt. Die traditionellen Milieus, die traditionellen

Diskussionsforen existieren nicht mehr. Wähler wie Politiker orientieren sich an dem,

was über die Medien transportiert wird und wie es transportiert wird. Themensetzung,

das so genannte Agenda-Setting, findet mehr und mehr durch Interessengruppen

statt, die außerhalb des parlamentarischen Systems agieren. Das kann durch einmalige

und spektakuläre Aktionen geschehen, wie sie z.B. Greenpeace oder Robin Wood

durchführen, oder durch eine kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit. Das spricht nicht

per se gegen die Themen, die verhandelt werden. Doch für den Außenstehenden, den

Bürger, den Mediennutzer ist die Art und Weise, wie Themen gemacht werden, nicht

immer transparent.

O-Ton Mohn:

„Es ist nicht die Erkenntnis eines besseren Weges, sondern es ist die Einführung einer

anderen Lösung, die wirklich nachher den Fortschritt ausmacht. Wie wir es besser

machen können, ist in dieser Welt an so vielen Orten und Ländern bewiesen. Die Frage

ist nur: begreifen wir das, wollen wir das, können wir das ändern, ist unsere Verwaltung,

ist unser Staat fähig zur Evolution?“

Sprecherin:

Richard Mohn wurde von der Wochenzeitung „Die Zeit“ zum Unternehmer des Jahres

gekürt. Und wirklich, sein Lebenswerk ist erstaunlich. Nicht nur, dass Bertelsmann

eines der wichtigsten Medienunternehmen weltweit ist. Die von Mohn gegründete

Bertelsmann-Stiftung ist mit über 200 Mitarbeitern der wichtigste Think Tank der

Bundesrepublik. Im Unterschied zu anderen Stiftungen ist sie keine Geldgeberin für

Projekte, die dann von Dritten in eigener Verantwortung durchgeführt werden. Sie ist

operativ tätig, d.h. sie legt ihre Themen und Projekte selber fest, setzt sie eigenständig

um und evaluiert den Erfolg selbst. Seit ihrem Bestehen hat sie 428 Millionen Euro

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ausgegeben. 63 Millionen Euro betrug ihr Etat allein im Jahr 2003. Ob Kommunaloder

Europapolitik, ob Sozial- oder Gesundheitspolitik, ob Wirtschafts- oder Bildungspolitik

– die Bertelsmann-Stiftung tut nicht nur Gutes und redet darüber. Sie setzt

Themen und Trends (...)

Die Zahl der Initiativen und Projekte, die die Gütersloher Stiftung anschiebt, ist kaum

überschaubar. Allerdings geht es fast immer um Effizienz, Messbarkeit der Ergebnisse,

Eigenverantwortung des Einzelnen und die Minimierung staatlichen Einflusses und

staatlicher Verantwortung. (...)

Wissenschaftler, Politiker und Journalisten sind über Projekte, Kommissionen und Veranstaltungen

der Stiftung mehr oder weniger verbunden. Es gilt als Ehre, eingeladen

zu sein, denn damit wird signalisiert, dass man zu den Wichtigen und Gefragten im

Land gehört (...). Was das Setzen öffentlicher Themen angeht, war die Stiftung besonders

erfolgreich im Bereich der Hochschulpolitik. Detlef Müller-Böling, der Leiter

des von der Bertelsmann-Stiftung weitgehend finanzierten Centrum für Hochschulentwicklung

CHE, erläuterte gegenüber dem Journalisten Armin Himmelrath die

Strategie der CHE.

O-Ton Müller-Böling:

(...) da haben wir unterschiedliche Instrumente. Wir haben das Instrument der Symposien,

mit denen wir Agenda-Setting betreiben, also Themen zum ersten Mal auf die

Tagesordnung bringen. Häufig außerordentlich umstritten. Also ich kann mich an sehr

viele Symposien erinnern, wo dann heftigst diskutiert wurde, Themen im übrigen, die

heute völlig in der Tagesordnung verschwunden sind. Also, ob das ‘ne leistungsorientierte

Mittelverteilung, Budgetierung ist, ob das neue Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse,

ob Hochschulräte sind und ähnliches. Die sind heute gang und gäbe

im Hochschulsystem. Die wurden damals zum ersten Mal äußerst umstritten diskutiert.

Wir haben das selber mit guten Beispielen, meist aus dem Ausland, garniert. Das ist

ein wesentliches Instrumentarium. (...)

Sprecherin:

Wolfgang Lieb, ehemaliger Staatssekretär im Wissenschaftsministerium von Nordrhein-Westfalen

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O-Ton Lieb:

(...) Im Prinzip ist auch das Centrum für Hochschulentwicklung an der Hauptlinie der

Bertelsmann-Stiftung ausgerichtet: (...) Privatisierung der Politik, Eigeninitiative statt

Sozialstaat, Wettbewerb statt politischer Gestaltung oder Wettbewerb statt demokratischer

Gestaltung, und allenthalben betriebswirtschaftliche Effizienz, auch im Hochschulbereich

und in allen Lebensbereichen.

Sprecherin:

Mitte der 90er Jahre startete das CHE eine Kampagne zur Einführung von Studiengebühren.

Private Finanzierungsquellen sollten stärker zur Hochschulfinanzierung

herangezogen werden, um Elemente des Wettbewerbs auch in die Hochschulfinanzierung

einzubringen.

O-Ton Lieb:

„Das Centrum für Hochschulentwicklung hat es geschafft, die Hochschulrektorenkonferenz

auf seine Seite zu bringen. Beide veröffentlichen unter einem Kopfbogen

ihre jeweiligen Studien. Es arbeitet mit wissenschaftlichen Untersuchungen, die untermauern

sollen, dass Studiengebühren zum Vorteil der Hochschulen wären. Sie arbeiten

mit Umfragen, teilweise sogar mit manipulierten Umfragen. (...) Es gab eine große

Umfrage, wonach 2/3 aller Studierenden für Studiengebühren seien. Gefragt wurde

aber nur danach, ob man schon zu Beginn des Studiums oder im Verlauf des Studiums

Studiengebühren bezahlen soll oder erst am Ende. Die Frage, ob überhaupt, wurde

gar nicht mehr gestellt (...)

Und man muss fast sagen, es gibt kaum ein Wissenschaftsministerium mehr in

Deutschland, das nicht Studien beim Centrum für Hochschulentwicklung in Auftrag

gibt und dadurch übt natürlich die Bertelsmann-Stiftung einen massiven Einfluss auf

die Länder, aber auch auf den Bund aus. Und man kann sagen: die Philosophie, die

hier durch das Centrum für Hochschulentwicklung propagiert wird, ist inzwischen in

allen Köpfen verbreitet und hat in allen, auch politischen, Institutionen oder den

Parteien, voll und ganz Eingang gefunden. Ohne Bertelsmann-Stiftung läuft heute

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kaum ein Kongress mehr und ohne Bertelsmann-Stiftung macht kaum mehr ein

Rektor eine Konzeptentwicklung für seine Hochschule.“ (...)

Sprecherin:

Sommerfest des Bürgerkonvents Bonn. Es sind nur ungefähr 20 Personen, die auf der

Terrasse des Hotels Königshof mit Blick auf den Rhein den warmen Abend genießen.

Gesponsert wird das Fest von der Signal Iduna. Zwei Vertreter des Versicherungskonzerns

hatten zuvor ihre Ansichten zur Renten- und Gesundheitspolitik in Deutschland

zum öffentlichen Vortrag gebracht (...)

(...)

Sprecherin:

Norbert Anhalt, Rechtsanwalt, Vorsitzender des Bürgerkonvents Bonn

O-Ton Anhalt:

„(...) der Bürgerkonvent ist der Versuch, der überparteiliche Versuch, den Reformstau

im Land zu lösen. Wir haben gut fünf Millionen offizielle Arbeitslose, wir haben eine

Rekordverschuldung und wir haben so gut wie kein Wachstum und vor dem Hintergrund

hilft das alte Parteiengezänk nicht mehr weiter. Der Bürgerkonvent ist keine

Partei, sondern ein Zusammenschluss von Bürgern, die versuchen, diesen Reformstau,

so wie Herr Miegel und Herr Biedenkopf das seit 30 Jahre versuchen, diesen

Reformstau in den sieben Kernthemen aufzulösen. (...) Also vieles auch von Frau

Merkel und Herrn Westerwelle geht in die richtige Richtung, aber bei weitem ist

dieser Wurf noch nicht weit genug.“ (...)

Sprecherin:

(...) Dass sich hier eine Bewegung empörter Bürger gegründet hätte, lässt sich vor Ort

nicht feststellen. 2.500 Mitglieder sollen es bundesweit sein. Doch die angekündigten

Arbeitsgruppen und eine kontroverse Diskussion von Themen sind nicht die Regel,

sondern die Ausnahme. Der Internetauftritt und die so genannten Bürgerbriefe, die

auf Anfrage an Interessierte verschickt werden, wirken wie eine Art verlängerte

Öffentlichkeitsarbeit für den Spiritus Rector des Bürgerkonvents Meinhard Miegel.

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Der langjährige geistige Weggefährte des CDU Politikers Kurt Biedenkopf ist ein gern

gesehener Talkshowgast. Als Leiter des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft hat er

einen wissenschaftlichen Nimbus, den er auch für seine Bücher nutzt. Seine Themen

sind auch die des Bürgerkonvents.

O-Ton Anhalt:

„Wir gehen davon aus, dass das Steuersystem nicht nur vereinfacht werden muss,

sondern die Sätze müssen weiter reduziert werden.“

Sprecherin:

Norbert Anhalt, Vorsitzender des Bürgerkonvents Bonn

O-Ton Anhalt:

„Wir gehen davon aus, dass der Arbeitsmarkt in Gänze dereguliert werden muss.

Wenn man mit den Bürgern ehrlich umgeht, werden wir uns in Deutschland auf Dauer,

was Gesundheit und Rente angeht, nur eine Grundversorgung leisten können.“

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BEGRÜNDUNG DER JURY

»Die „Passauer Neue Mitte“ sollte nach den Wunschvorstellungen

einer einflussreichen Allianz aus (Lokal-) Politik und

Wirtschaft ein Jahrhundertprojekt werden, wurde aber eher

zu einem Jahrhundertflop. Der Autor hat sich die Mühe

gemacht, den Ablauf des Gesamtprojekts zu verfolgen

und dabei eine ganze Reihe von Details recherchiert, die

geradezu ein Lehrbeispiel dafür abgeben, wie Demokratie

nicht funktioniert. Amts- und Machtmissbrauch, Manipulation,

Entmündigung der Bürger sind nur einige Stichwörter,

die die Vorgänge beschreiben. Die Jury hat sich für die

Berücksichtigung dieses Beitrags entschieden, weil der

Autor einflussreiche Akteure herausgefordert hat, dabei

„ehrenamtlich“ arbeitete und insgesamt ein Beispiel dafür

liefert, wie Einsatz und Engagement im Auftrag des Gemeinwohls

aussehen kann. Nachahmer sind natürlich herzlich

eingeladen.«

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81

Maximilian Popp

Passauer Neue Mitte

Auszug aus der Schülerzeitung

„Rückenwind“ März 2005

Newcomer-Preis


Passauer Neue Mitte

JAHRHUNDERTFLOP

Es sollte das „Passauer Jahrhundertprojekt“ werden: Die Gestaltung der Innenstadt

nach dem Abriss der Nibelungenhalle. Doch von den ehemals großen

Visionen ist nur ein kümmerlicher Rest geblieben. Am Ende war es eine politische

Schlammschlacht. Medien und Politiker machten sich zum Handlanger eines

dubiosen Hamburger Konzerns. Hintergründe eines lokalen Trauerspiels.

(...) Dass der „Krieg um Passau“, wie ein Mitglied des Stadtrates es formulierte, nicht

mit friedlichen Umarmungen enden würde, war vorab klar. Zu hart waren die Auseinandersetzungen

in den vorausgegangenen Wochen, zu brisant das Thema. Seit sich

ein Bürgerbegehren für eine „maßvolle Gestaltung der Neuen Mitte“ abzeichnete und

seit Oberbürgermeister Zankl dieses als „die größte Gefahr für Passau seit den Nazis“

ausgemacht hatte, war die Stadt polarisiert. Unerbittlich wurde über die Frage gestritten,

wie die durch den Abriss der Nibelungenhalle entstandene Lücke im Stadtzentrum

geschlossen werden könne.

Bereits im April 2003 segnete der Stadtrat ein Konzept ab, das auf dem Nibelungenhallengelände

ein Hotel nebst Parkhaus vorsah. Wenige Meter westlich davon sollte

der Hamburger Konzern ECE ein Einkaufszentrum errichten. Das Areal dafür hatte die

Stadt erst wenige Monate zuvor für 4 Millionen Euro von der Deutschen Bahn AG

erworben.

Das Modell „Neue Mitte“ scheint abgemacht, die Verträge mit Hauptinvestor ECE und

weiteren Nebeninvestoren stehen kurz vor der Unterzeichnung, als sich drei Herrschaften

an einem Sonntag Mittag im März 2004 im Gasthof Bayerischer Löwe zu

einer konspirativen Sitzung treffen. Es ist ungewöhnlich kalt an diesem Tag im März.

Drinnen ist man sich bei Weißwurst und Kaffee sehr schnell einig: Die „Neue Mitte“

nach derzeitigem Planungsstand ist eine Katastrophe für Passau und muss verhindert

werden, so der Konsens.

„Wir wollten Passau vor einem Jahrhundertfehler bewahren“, sagt Professor Dr.

Bernhard Haffke, Dekan der juristischen Fakultät Passau und Initiator des Aufstandes.

Anselm Lienen, der zweite in dem Dreierbund, hatte die Idee eines Bürgerbegehrens,

Dr. Werner von Glasenapp stimmte zu, somit war das Bürgerbegehren für eine

„Maßvolle Neue Mitte“ geboren, der „Sturm aufs Rathaus“ beschlossen. Bis zum

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13. April sammeln Haffke, Lienen und von Glasenapp 2400 Unterschriften, genug, um

das Bürgerbegehren zur Abstimmung zu bringen. Genug auch, um alle weiteren

Planungsschritte vorerst zu stoppen. (...)

Anfang Juli folgt der nächste Streich der ECE-Strategen. Im Zuge einer bezahlten

Werbefahrt karren sie 500 Passauer nach Kempten. In den Bussen servieren adrett

gekleidete Hostessen den Reisenden Brötchen und kalte Getränke. In Kempten angekommen,

werden sie durch das „Forum Allgäu“ geführt, ein ECE-Einkaufszentrum

nach dem selben Muster, wie es in Passau entstehen sollte. Was die Reisenden

besonders begeistert: In der Kemptner Innenstadt ist mächtig was los. Menschenmengen

drängeln sich durch die Gassen, Jazzmusik spielt, Luftballons wirbeln über

den Dächern. ECE-Manager Joseph Schüller verkündet stolz: „Gerade wegen des ECE-

Centers steppt hier in der Kemptner Innenstadt wieder der Bär. Die Leute des Bürgerbegehrens

lügen, wenn sie behaupten, unser Center würde zum Aussterben der

Fußgängerzone führen. Am Beispiel Kempten sieht man, dass das genaue Gegenteil

der Fall ist.“ Am nächsten Tag berichten Passauer Neue Presse und Passauer Woche

unisono von dem Heilsbringer ECE, der es schaffe „selbst tote Städte wie Kempten

wieder zum Leben zu erwecken“. Was beide Zeitungen verschweigen: das gesamte

Spektakel war inszeniert. Denn just an dem Tage der Passauer Kaffeefahrt fand das

Kemptner Stadtfest statt. Die ausgelassene Stimmung und die vielen Menschen

waren also nicht, wie von Schüller behauptet, Folge des Einkaufszentrums, sondern

eines Festes.

Der Kemptner Alltag sieht anders aus. Der Einzelhandel vermeldet Umsatzeinbußen

von 20 %, fast wöchentlich müssen Geschäfte schließen, sie werden von der Last

des Konkurrenten „Forum Allgäu“ erdrückt. „Seit das Kaufhaus hier steht, verödet

die Stadt. Man kann Passau nur vor diesen Leuten warnen“, sagt Rüdiger Mayer,

Vorsitzender des schwäbischen Einzelhandelsverbandes. Rückenwind spricht Joseph

Schüller auf die offensichtliche Augenwischerei seines Konzerns an. „Ich stehe zu

unseren Kaffeefahrten“, entgegnet dieser nur. (...)

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BEGRÜNDUNG DER JURY

»Betriebsratsgründungen werden verhindert, Mitarbeiter

ohne Grund gekündigt, die Rechte von Arbeitnehmer/innen

mit Füßen getreten, der gezahlte Lohn reicht kaum zum

Leben. Dies ist keine Beschreibung von Arbeitsverhältnissen

aus vergangenen Tagen, sondern spiegelt aktuelle und reale

Erfahrungen im Einzelhandel wieder – wobei der Befund

auch auf andere Bereiche des Dienstleistungsgewerbes ausgedehnt

werden kann. Das Schwarzbuch Lidl dokumentiert

solche Fälle, präsentiert sie einer größeren Öffentlichkeit

und sorgt dafür, dass die offene Missachtung des Gesetzes

und aller guten Sitten nicht stillschweigend hingenommen

wird. Die Jury hat sich für eine Berücksichtigung bei der

Preisverleihung entschieden, weil mutig gegen Missstände

angegangen wird, gründlich recherchiert wurde (keine

Niederlagen vor Gericht) und das Schwarzbuch Lidl

inzwischen zu einer Art Referenzgröße für ähnliche

Projekte geworden ist.«

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Andreas Hamann

Gudrun Giese

Schwarzbuch Lidl

Buchauszüge

Medienprojekt


Schwarzbuch Lidl (Buchauszüge)

„Eine Stunde früher kommen ist Pflicht“

Kein seltener Fall: Ehemännern oder Freunden von Lidl-Kolleginnen platzt irgendwann

der Kragen, weil sie ganz nah mitbekommen, unter welchen Bedingungen ihre Frauen

bzw. Partnerinnen vor Ort in der Filiale ackern. Zum Beispiel Herr L. aus Halle/Sachsen-

Anhalt. »Meine Frau arbeitet seit fast drei Jahren bei Lidl und ich könnte ein Buch über

die teilweise katastrophalen Zustände verfassen«, schrieb er im November 2004 an

ver.di. Hier sein Einblick in den Arbeitsalltag, der beim Thema unbezahlte Mehrarbeit

in dieser Filiale offenbar besonders krass ist. »Arbeitszeit: Es wird so gehandhabt,

dass es z.B. bei der Frühschicht eine Schicht gibt von 8.00 bis 12.30, was bedeutet,

dass man spätestens um 7.00 auf Arbeit sein muss und frühestens um 14.30 die Kasse

verlassen darf. Was ich sagen möchte: Eine Stunde früher kommen ist Pflicht. Wer

nicht mitmacht, bei dem werden Testwagen gefahren usw.

Seit neuestem werden Praktikanten im Schichtplan als volle Arbeitskraft eingerechnet

mit 8 Stunden, was wiederum bedeutet, dass festeingestellte Kassiererinnen (trotz

Überstunden) nicht auf ihre Stunden kommen. In der Spätschicht gibt es dasselbe

Spiel: Eine Stunde mindestens früher kommen, bis Ladenschluss wird bezahlt,

aber bis 21.00 oder später wird gearbeitet. Samstags sind immer dieselben dran,

3 Samstage hintereinander sind keine Seltenheit.

Arbeitsbedingungen: Den ganzen Tag in der Kasse sitzen, ohne Pause, ist der Alltag

bei Lidl. Nebenbei wird verlangt, Paletten abzupacken. Wer es nicht schafft, arbeitet

nach (umsonst). Dabei im Kopf immer der Druck: Keine Kassendifferenz, Testwagen,

nicht zu wenige Positionen beim Kassieren. Meine Frau hat wegen Testwagen schon

eine Abmahnung, wegen Kassendifferenz zwei.

Das Motto ist bei Lidl, wer mit dem Strom mitschwimmt, hat seine Ruhe. Manchmal

gibt es von irgendwoher die Anweisung, die Richtlinien im Punkt Arbeitszeit einzuhalten,

aber nach 2 Wochen ist meistens wieder alles beim alten, leider

Protokoll vom November 2004: Erlebnisse einer Lidl-Beschäftigten

Einarbeitung: »Bei der Einstellung hieß es, niemand sei hier zum Denken da, sondern

nur zum Arbeiten. Nach ein oder zwei Arbeitstagen wurde ich zum Vertriebsleiter ins

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Büro gerufen; er blieb sitzen, ich stand vor dem Schreibtisch. Dann fragte er mich ab

wie eine Schulanfängerin: Er nannte eine Obst- oder Gemüsesorte aus dem Sortiment,

und ich musste ihm die korrekte Wiegenummer nennen. Ebenso wurde ich zum

Vertriebsleiter gerufen, wenn ein Kassensturz anstand. Bei zu hohem Fehlbetrag gab

es dann gleich einen lautstarken Kommentar.«

Beleidigungen und Drohungen: »Der Vertriebsleiter setzt die Verkäufer/innen und

Filialverantwortlichen stark unter Druck. Einige Standardsprüche lauten: ,Sie sind zu

blöd zum Bestellen. Sie sollten aufhören zu arbeiten; sie sind zu alt. Sind Sie zu doof,

das Brot einzuräumen? Es gibt über vier Millionen Arbeitslose, wollen Sie dazugehören?’«

Neue Aufgaben: »Das gesamte Lidl-Personal wird seit einiger Zeit in Bezug auf Pharmaerzeugnisse

geschult – wobei das Unternehmen bis heute nicht zugegeben hat,

dass es demnächst solche Produkte verkaufen wird. Mir stellt sich die Frage, woher

die Zeit und auch – trotz Schulung – das Wissen kommen soll, um potenzielle Kunden

richtig zu beraten. Was soll ich denn antworten, wenn ein älterer Mensch mich nach

der Verträglichkeit eines Pharmaproduktes mit seinen sonstigen Arzneien fragt? Wir

Lidl-Verkäufer/innen sind doch keine Apotheker oder Ärzte!

Seit einiger Zeit müssen die Kassierer/innen das Pfandgut entgegennehmen – auf

diese Weise wurde eine Stelle gespart. Dafür leidet die Hygiene unter dieser Zusatzarbeit,

denn oft enthalten die Flaschen noch Getränkereste, die uns Kassiererinnen an

den Händen kleben. Zum Händewaschen zwischendurch ist aber nie Zeit, so dass wir

mit verschmutzten Fingern Obst, Gemüse und die übrigen Waren anfassen.«

Sauberkeit & Schwerstarbeit: »Wir haben zwar keine Zeit, unsere Hände zu waschen,

aber der Laden muss blitzen. Vor einiger Zeit wurde das Reinigungsrepertoire erweitert:

Regalränder werden nun mit Zahnbürste und Schwamm geschrubbt. Handschuhe

stellt Lidl weder für Reinigungsarbeiten noch für die Auspackerei. Da wir ständig zwischen

Kasse, Auspacken und Putzen wechseln, sehen unsere Hände oft unsauber und

meistens auch zerschrammt aus. Denn Auspacken müssen wir unter enormem Zeitdruck,

und bei Lidl wird jede Ecke Platz genutzt. Da splittern dann die Fingernägel,

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Arme und Hände bekommen manchen Kratzer ab, wenn innerhalb von zehn Minuten

eine Konservenpalette abgeräumt sein soll. Da bei den Lieferanten in der Mehrzahl

Männer arbeiten, sind die Paletten bis zu 1,80 Meter hoch. Kartons wiegen im Einzelfall

zwanzig bis dreißig Kilo. Da müssen wir Verkäuferinnen beim Abladen zwangsläufig

über uns hinauswachsen. Die Rückenbeschwerden kommen später.«

Arbeitszeiten: »Lidl hat – wie andere Handelsunternehmen – seine Ladenöffnungszeiten

ausgedehnt, aber für diese Mehrstunden nicht etwa neues Personal eingestellt.

Die zusätzliche Arbeitszeit wurde einfach auf die vorhandenen Mitarbeiter/innen verteilt.

Bezahlt wird immer erst ab morgens 7 Uhr, doch wir fangen um 6 an, um die

Arbeit zu schaffen. Genauso ist es am Abend: bis 20 Uhr wird gezahlt, doch oft genug

arbeiten wir bis 20.45, ja manchmal sogar bis 21.30 Uhr. Früh- und Spätdienst wechseln

ständig ab, und viele von uns bekommen im Lauf der Zeit echte Schlafprobleme.

Eine Pause dauert maximal 15 Minuten, aber oft genug fällt sie aus oder wird mehrmals

unterbrochen. Ich selbst habe – wie viele – einen 80-Stunden-Vertrag. Doch

tatsächlich komme ich auf mehr als hundert, in manchen Monaten sogar auf 130

Arbeitsstunden. An freien Tagen besteht ständig die Möglichkeit, in die Filiale beordert

zu werden, weil die eingeteilten Kolleginnen die Arbeit nicht schaffen können.«

An der Kasse: »Seit kurzem gilt die Anweisung, dass die Kassiererin nach einer Kollegin

klingeln soll, sobald sich der oder die dritte Kunde/in an die Kasse anstellt. In der

Praxis funktioniert das nicht gut: Angenommen, der dritte Kunde hat bereits seine

Waren auf mein Band gelegt, die Kollegin macht die zweite Kasse auf, aber es kommen

in nächster Zeit keine weiteren Kunden zum Bezahlen. Dann eilt sie zurück in den

Laden, um weiter Ware auszupacken. Kurz darauf klingelt es wieder ...

Weiterer Stress entsteht durch die ständigen Tests: Manchmal sind es Mitarbeiter aus

Sicherheitsfirmen, manchmal aber auch Lidl-Kollegen oder Freunde von Vertriebsleitern,

die uns ,auf die Probe’ stellen. Im Lauf der Zeit lernt man die Tricks: Mitarbeiter

von Sicherheitsfirmen etwa legen oftmals vier Artikel aufs Band, drei weitere sind im

Wagen versteckt. Etwa im ,toten Winkel’, den wir Kassiererinnen schwer einsehen

können oder unter einem Prospekt, einem Karton oder, oder. Manche Testkäufer bringen

aber auch Kinder mit, die dann ein Produkt in der Hand halten. Waren werden in

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Milchkartons versteckt oder hinter Getränkeflaschen. Für uns bedeutet das, dass wir

uns vom Kassenraum aus vorbeugen und schwere Kartons hochheben müssen. Das

geht ziemlich schnell auf den Rücken. Wer allerdings zweimal bei Testkäufen etwas

übersieht, bekommt eine Abmahnung.«

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AUSWAHL WEITERER

NOMINIERTER BEITRÄGE


BEGRÜNDUNG DER JURY

Die Jury des Otto Brenner Preises für kritischen Journalismus

hatte die schwierige Aufgabe zu lösen, aus über 130

Einsendungen die Gewinner des Wettbewerbs auszuwählen.

Neben den drei prämierten Beiträgen „schafften“ es weitere

Einsendungen in die letzte Runde. Auch diese Beiträge

treffen den Kern der Ausschreibung und haben es nach

Ansicht der Otto Brenner Stiftung verdient, einer größeren

Öffentlichkeit bekannt gemacht zu werden. Da es sich teilweise

um Bücher und längere Fernsehberichte handelt, war

eine vollständige Dokumentation an dieser Stelle nicht

möglich. In der Hoffnung, dass die kurzen Skizzen „Appetit“

auf mehr wecken, stehen jeweils zu Beginn der Kurzbeschreibung

und Würdigung die notwendigen bibliographischen

Angaben

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Jörg Blech

Frank Jansen

Bernd Kastner

Hermann Lorenz, Leslie Franke

Volker Steinhoff

Ingolf Gritschneder, Georg Wellmann

Rainer Kahrs, Christoph Köster,

Rene Schulthoff, Michael Denk,

Olaf Kretschmer, Andreas Neumann,

Andreas Hötzel

Klaus Ott


Jörg Blech

Heillose Medizin – Fragwürdige Therapien und wie Sie sich davor schützen

können. S. Fischer Verlag, 2. Auflage, August 2005

Menschen werden systematisch zu Patienten gemacht. Dies ist die zentrale These des

Wissenschaftsjournalisten Jörg Blech. Kenntnisreich, ohne Polemik und mit großer

Sorgfalt schildert er in „Heillose Medizin“ das Interesse des medizinisch-industrielle

Komplexes – bestehend aus Pharmaindustrie, Ärztegruppen und PR-Firmen – an einer

„kranken“ Gesellschaft. Denn, je vermeintlich kränker die Gesellschaft, desto höher

die Profite. Natürliche Prozesse wie z.B. das Älterwerden werden zunächst zu medizinischen

Problem umetikettiert, um anschließend eine ganze Bandbreite von Therapiemöglichkeiten

anzubieten. Die Gesellschaft wird „medikalisiert“, der Markt künstlich

erzeugt. Was nicht nur unnötige Kosten verursacht, sondern in vielen Fällen auch

medizinisch mehr als fragwürdig bzw. sogar kontraproduktiv ist.

„Heillose Medizin“ wurde aus mehreren Gründen in die engere Auswahlliste für den

Otto Brenner Preis aufgenommen. Zunächst gelingt es dem Autor in überzeugender

Weise, die Fabrikation bestellter Wahrheiten klar herauszuarbeiten. Blech beweist

dabei den sprichwörtlichen „langem Atem“, da er sich seit mehreren Jahren diesem

wichtigen Thema widmet. Schließlich liefert er im Kontext der schnellen Abfolge von

Gesundheitsreformen wichtige Hinweise darüber, woran das System (auch) krankt

und wo Einsparungen möglich sind, ohne die Gesamtqualität der Versorgung zu verschlechtern,

womöglich sie sogar zu verbessern. Dazu bedarf es zunächst öffentlicher

Aufklärung, und Blechs Buch ist ein erster Schritt in diese Richtung. Worüber die

insgesamt hohe Resonanz in den Medien Zeugnis ablegt.

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Frank Jansen

Der Exzess. Der Tagesspiegel vom 13. Juni 2003

Der Autor beschreibt zunächst, wie eine Gruppe Jugendlicher Skinheads einen ehemaligen

„Punker“ auf geradezu bestialische Weise erniedrigt und foltert. So schwer,

dass das Leben des Opfers überhaupt nur durch intensivmedizinische Betreuung

gerettet werden konnte. Neben schwersten Narben sind tiefe psychische „Wunden“

zurückgeblieben, die nur sehr langsam oder gar nicht verheilen. Das Opfer ist seit der

Tat arbeitsunfähig, lebt von einer schmalen Rente und aus Angst in fast vollständiger

Isolation. Das es sich bei dem Opfer um keinen Einzelfall handelt, belegt der Autor

durch den Verweis auf ähnliche Taten in den Jahren zuvor, über die er in einem ähnlichen

Stil berichtet hat.

Jansen widmet sich in seinen Reportagen den Opfern von gewalttätigen Neonazis.

Entgegen der ansonsten vielfach vorherrschenden schnelllebigen Berichterstattung

nimmt sich der Autor für seine Recherchen viel Zeit. Er beschreibt dabei insofern

einen Perspektivenwechsel, als dass er über die Nöte und Ängste der Opfer berichtet,

deren Leben seit der Tat von einem Vor- und Nachher bestimmt wird. Und zwar auch

dann, wenn die Tat an sich schon längst aus dem Blickfeld des öffentlichen Interesses

verschwunden ist. Die Beiträge von Frank Jansen kamen in die engere Auswahl der

Preisverleihung, weil ein wichtiges aber kaum behandeltes Thema immer wieder

Gegenstand von längeren Reportagen ist, der Autor die „Story“ hinter der „Story“

beschreibt, Betroffene zu Wort kommen lässt und dabei der Gesellschaft einen Spiegel

vorhält. Denn, die weitgehende Ausblendung der Situation der Opfer nach der Tat

ist nicht den Tätern anzulasten.

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Bernd Kastner

Wir möchten uns von Ihnen trennen“. Süddeutsche Zeitung vom 21. Sept.2005

Im Jahr 2005 gab es nur bei acht von etwa 2800 Filialen der Einzelhandelskette Lidl

einen Betriebsrat. Ähnliche Größenordnungen finden sich bei Schlecker und Aldi.

Ein Umstand, der wohl kaum mit dem schieren Unwillen der (meist weiblichen) Beschäftigten

erklärt werden kann. Vielmehr spiegelt sich eine Firmenphilosophie wider,

die ganz bewusst auf die Verhinderung rechtlich abgesicherter Interessenvertretungsgremien

setzt. Bernd Kastner zeigt anhand vieler Beispiele und Interviews auf, wie

das „System“ funktioniert, unter Einsatz welcher Methoden Betriebsratsgründungen

verhindert werden (z.B. auch durch im Rahmen von interner Fortbildung und Beratung

entwickelte „Abwehrstrategien“), mit welchen Konsequenzen Mitarbeiterinnen und

Mitarbeiter rechnen müssen, die sich zunächst nicht einschüchtern lassen.

Dabei greift der Autor ein wichtiges Thema nicht nur punktuell auf, sondern verfolgt

die skizzierten Vorgänge über einen Zeitraum von nunmehr mehreren Jahren. Erst die

Kontinuität der Berichterstattung enttarnt die hinter dieser Firmenstrategie liegende

Motivation. Die Behinderung betrieblicher Interessenvertretung ist vor allem dem

Umstand geschuldet, dass man effektive Kontrolle der Arbeitsbedingungen fürchtet,

mit anderen Worten etwas zu verbergen hat. Anderenfalls gäbe es für dieses Verhalten

keinen plausiblen Grund.

Die Beiträge wurden in die engere Auswahl zum Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus

aufgenommen, weil Kastner Missstände offen benennt, Betroffenen ein

Forum bietet und hartnäckig Aufklärungsarbeit leistet. Auch gegen Widerstände, wie

ein Anzeigenstopp von Aldi in der Süddeutschen Zeitung deutlich macht.

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Hermann Lorenz und Leslie Franke

„Wasser unterm Hammer“. Norddeutscher Rundfunk, 30. Mai 2005

Sauberes Trinkwasser gilt gemeinhin als das wichtigste Lebensmittel überhaupt. In

Deutschland scheint es, im Gegensatz zu manch anderem Lebensmittelskandal, weder

hinsichtlich der Qualität noch der Versorgungssicherheit Probleme zu geben. Noch

nicht, möchte man nach dem Anschauen von „Wasser unterm Hammer“ kritisch

anmerken.

Die Autoren schildern, wie die bisher öffentlich finanzierte Versorgung mit Trinkwasser

angesichts knapper öffentlicher Kassen immer mehr zu Objekt der Begierde

von Finanzinvestoren wird. Die hohe Qualität der Infrastruktur und des „Produktes“

sowie die garantierte Abnahme wecken Begehrlichkeiten; Haushaltsnotlagen die

Motivation zum Verkauf. Dass aber eine Übernahme von privaten Wasserunternehmen

durchaus risikobehaftet ist, zeigt ein Blick nach England, wo die Privatisierung bereits

1989 erfolgte. Mit dem zweifelhaften Erfolg, dass notwendige Erhaltungsinvestitionen

unterblieben und in London ca. 60 Prozent des Trinkwassers im Erdboden versickern.

Die Kosten hierfür wurden selbstverständlich auf den Kunden abgewälzt, der bezüglich

des Anbieters keine Wahl hat. Neu ist, dass auch deutsche Kommunen ihre Wasserwerke

in jüngster Zeit verkaufen, wie geschehen z.B. in Berlin, Kiel und möglicherweise

bald in Hamburg. Übrigens an die selben Investoren, die auch in London die

Wasserversorgung übernommen haben.

Der Filmbeitrag von Hermann Lorenz und Leslie Franke wurde in den engeren Kreis

möglicher Preisträger aufgenommen, weil die gründlich recherchierte Dokumentation

die Schattenseiten eines „Ausverkaufs“ kommunaler Infrastruktur verdeutlicht, die

Konsequenzen für den Endkunden aufzeigt und ein Thema in das öffentliche Blickfeld

rückt, was gemessen an seiner Bedeutung völlig unterrepräsentiert ist. Ganz zu

schweigen davon, dass die Bürgerinnen und Bürger erst gar nicht um ihre Meinung

gefragt werden.

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Volker Steinhoff

Wahlkampf der NPD in Schleswig-Holstein. Norddeutscher Rundfunk,

06. Januar 2005 (Panorama)

Der Filmbeitrag von Volker Steinhoff beginnt mit einer Auswahl von Originaltönen von

NPD-Funktionären. So tätigt z.B. Ingo Stawitz (NPD-Landtagskandidat in Schleswig-

Holstein) die Aussage: „Ich habe es nicht ein einziges Mal erlebt, dass von unserer

Seite aus Gewalt gegen politisch anders Denkende ausgeübt wurde.“ Den Gegenbeweis

liefern die Aufnahmen von Volker Steinhoff. Als aus einer kleiner Gruppe von

Gegendemonstranten Steine fliegen, eskaliert die Situation sofort. Was zunächst noch

als möglicherweise verständliche Gegenwehr aussieht, entwickelt sich in Minuten zu

einer regelrechten Gewaltorgie, in der die NPD-Funktionäre mit äußerster Brutalität

gegen die Demonstranten vorgehen. Eine bereits am Boden liegende Frau wird mehrfach

getreten, ein Polizist gibt in seiner Not zwei Signalschüsse ab, als er beobachtet,

wie ein ebenfalls am Boden liegender Gegendemonstrant mit einen Stuhl geschlagen

wird. Der Versuch der NPD-Führung, die eigene Partei als ordnungsliebend, gesetzestreu

und gewaltfrei – also wählbar – darzustellen, ist durch die Aufnahmen vorerst

gescheitert.

Der Filmbeitrag wurde in die engere Auswahl zur Preisverleihung aufgenommen, weil

es dem Autor gelungen ist, die Gewaltbereitschaft der NPD zu dokumentieren.

Anstelle von moralisch unterfütterter Aufklärung lässt Steinhoff Bilder sprechen, die

im schärfsten Kontrast zu der oben zitierten Aussage des NPD-Landtagskandidaten

stehen. Die „Wahlschlappe“ der NPD im Landtagswahlkampf in Schleswig-Holstein

hat hier mit Sicherheit eine ihrer wesentlichen Ursachen.

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Ingolf Gritschneder und Georg Wellmann

Die Story – Milliarden Monopoly. Die verschwiegenen Geschäfte der

Oppenheim-Esch Holding. Westdeutscher Rundfunk, 04. Juni 2005

Das Kölner Bankhaus Sal. Oppenheim ist die größte Privatbank Europas. Seit mehr als

200 Jahre legt Deutschlands „Geldadel“ hier sein Vermögen gewinnbringend an. Wohl

auch, weil die Bank als verschwiegen und seriös gilt. Ein besonders guter Kunde ist

Josef Esch, mit dem Sal. Oppenheim einen Immobilienfond betreibt (Oppenheim-Esch

Holding). Dieser Fond finanziert der Stadt Köln milliardenschwere Großprojekte und

kassiert dafür über Jahrzehnte sichere und lukrative Mieten, für die letztlich der Steuerzahler

aufkommen muss. Der Film zeigt an mehreren Beispielen, wie Entscheidungen

über Großprojekte hinter verschlossenen Türen „eingefädelt“ werden, ohne Konkurrenz

aber mit garantierten Renditen. Dabei nutzt der Fond die guten „Geschäftsbeziehungen“

zur Stadt Köln.

Den Autoren gelingt es, ein komplexes und vor allem intransparentes Netz von Abhängigkeiten

bei der Vergabe von öffentlichen Aufträgen aufzuzeigen. Die Probleme des

sogenannten „Public Private Partnership“ werden anschaulich gemacht, und zwar in

einer Art und Weise, dass sich auch die Staatsanwaltschaft Köln des Falls angenommen

hat. Der Fernsehbeitrag wurde in die engere Auswahl zum Otto Brenner Preis für kritischen

Journalismus aufgenommen, weil die Autoren sich gründlich in die Materie eingearbeitet

haben, einen Missstand mit aller Deutlichkeit benennen und Aufklärung im

besten Sinne betreiben.

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Rainer Kahrs, Christoph Köster, Rene Schulthoff, Michael

Denk, Olaf Kretschmer, Andreas Neumann, Andreas Hötzel

Zwangsweiser Einsatz von Brechmitteln. Radio Bremen TV, 04. Januar 2005

Ein mutmaßlicher Drogendealer wird von der Bremer Polizei festgenommen. Aufgrund

des dringenden Tatverdachts sogenannte „Drogenkügelchen“ geschluckt zu haben,

wird ihm zur Sicherstellung von Beweismaterial unter Zwang ein Brechmittel eingeflößt.

Der Festgenommene verliert darauf hin das Bewusstsein, fällt ins Koma und

stirbt zehn Tage später.

Ohne die Recherche des Teams von Radio Bremen hätte der „Vorfall“ keinen Einzug

in die öffentlichen Berichterstattung gefunden hätte. Dies erscheint insofern aber

dringend notwendig, als dass die in Bremen gängige Praxis der Vergabe von Brechmitteln

sowohl unter ethischen als auch medizinischen Gesichtspunkten mehr als

kritikwürdig erscheint und im gezeigten Fall den Tod eines Menschen zur Folge hatte.

Das Autorenteam hat sich eines Themas angenommen hat, welches von Anfang an

starken Widerspruch provoziert hat. Selbst der Innensenator ist sich, wie das Interview

mit ihm zeigt, keiner politischen Verantwortung bewusst und verweist wiederholt

darauf, dass man Opfer und Täter im konkreten Fall nicht durcheinander bringen

dürfe.

Der Beitrag wurde in die engere Auswahl des Wettbewerbs aufgenommen, da durch

die Recherche eine nicht tolerierbare Praxis staatlichen Handels aufgedeckt wurde,

die Autoren vor den absehbaren Konsequenzen (Vorwurf der Parteinahme für Drogendealer)

nicht zurückgeschreckt sind und deutlich gemacht haben, dass die Menschenwürde

und das Recht auf körperliche Unversehrtheit nicht relativierbar sind.

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Klaus Ott

Die Spezialisten – Wie der frühere SAT 1 Manager Doetz und ein Münchner TV-

Unternehmen Schleichwerbung organisierten. Süddeutsche Zeitung vom

06. Oktober 2005

Das Gesetz ist unmissverständlich. Werbung und redaktionell gestaltetes Programm

sind klar voneinander zu trennen. Dennoch erwiesen sich vermeintlich gut gemeinte

Tipps als teuer bezahlte PR-Botschaften, die das Publikum dazu verleiten sollen,

Medikamente zu schlucken, Versicherungen abzuschließen oder sich bestimmten

Finanzdienstleistern anzuvertrauen. Klaus Ott beschreibt in mehreren Artikeln wie ein

solches System der Schleichwerbung funktioniert, welche Unternehmen daran beteiligt

sind, wie Beiträge „arrangiert“ werden und ihren Weg in das SAT 1 Frühstücksfernsehen

gefunden haben.

Der Autor trifft mit seinen Enthüllungen den Nerv des Preises für kritischen Journalismus.

Anstelle seriöser und unabhängiger Berichterstattung wird der Konsument

„bestellten“ und in diesem Fall auch bezahlten „Wahrheiten“ ausgesetzt; finanzielle

Interessen obsiegen über journalistische Integrität eines großen TV Senders. Was

wiederum die Glaubwürdigkeit der Medien insgesamt untergräbt. Es ist Klaus Ott zu

verdanken, die skizzierten Missstände durch seine Recherchearbeit an das Licht der

Öffentlichkeit gebracht zu haben; einiges deutet darauf hin, dass dies zu einer

Sensibilisierung der Programmmacher beigetragen hat. Ein (Mit-) Verdienst des

Autors, welches durch die Aufnahme in die Endauswahl des Wettbewerbs gewürdigt

wurde.

101


DIE JURY


Sonja Mikich

Dr. Heribert Prantl

Harald Schumann

Dr. Volker Lilienthal

Dr. Thomas Leif

Jürgen Peters


Sonia Mikich

Geboren 1951 in Oxford, in London aufgewachsen

Redaktionsleitung des ARD-Politmagazins Monitor

Werdegang:

■ Seit Februar 2004: Redaktionsleitung der ARD/WDR-Dokumentationsreihe „die story“

■ Seit Januar 2002: Redaktionsleitung des ARD-Politmagazins Monitor, WDR Köln

■ 1998 bis 2001: Korrespondentin und Studioleitung des Deutschen Fernsehens in Paris

■ Ab 1995: Studioleitung

■ 1992 bis 1998: Korrespondentin des Deutschen Fernsehens in Moskau

■ 1982 bis 1984: Volontariat beim Westdeutschen Rundfunk, Redakteurin und Reporterin in der

Programmgruppe Ausland Fernsehen des WDR.

■ 1979 bis 1981: wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arnold-Gehlen-Forschungsgruppe am Institut für

Soziologie an der RWTH Aachen. Freie Journalistin für Zeitschriften, Tageszeitungen und Aufsatzsammlungen.

■ 1972 bis 1979: Studium Politologie, Soziologie und Philosophie an der RWTH Aachen mit Magisterabschluss

Februar 1979

■ 1970 bis 1972: Volontariat bei der Aachener Volkszeitung

Auszeichnungen:

1998 erhielt Sonia Mikich für ihre Arbeit als ARD-Korrespondentin in Russland das Bundesverdienstkreuz.

Für ihre Russlandberichterstattung erhielt sie 1996 den Telestar, 2001 für ihre Berichterstattung

aus Tschetschenien, Afghanistan und anderen Krisengebieten sowie für ihre Zeit als Leiterin des ARD-

Studios Moskaus den Kritikerpreis 2001.

Veröffentlichungen:

„Der Wille zum Glück“ Lesebuch über Simone de Beauvoir (1986)

„Planet Moskau – Geschichten aus dem neuen Russland“ (1998)

104


Dr. Heribert Prantl

Geboren 1953 in Nittenau/Oberpfalz

Ressortchef Innenpolitik bei der Süddeutschen Zeitung

Werdegang:

■ Seit 1995: Ressortchef Innenpolitik bei der Süddeutschen Zeitung

■ Seit 1992: stellvertretender Ressortleiter

■ 1992: leitender Redakteur

■ Seit 1988: politischer Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung. Zunächst innenpolitischer

Kommentator und innenpolitischer Redakteur mit Schwerpunkt Rechtspolitik

■ 1981 bis 1987: Richter an verschiedenen bayerischen Amts- und Landgerichten sowie Staatsanwalt

■ Studium der Philosophie, der Geschichte und der Rechtswissenschaften. Erstes und Zweites

Juristisches Staatsexamen, juristische Promotion bei Professor Dr. Dieter Schwab in Regensburg,

■ Juristisches Referendariat. Parallel dazu journalistische Ausbildung.

Auszeichnungen:

Thurn und Taxis- Preis für die Wirtschafts- und Rechtswissenschaften/Universität Regensburg (1982);

Franz Karl Meier Leitartikelpreis der Pressestiftung Tagesspiegel Berlin (1989); Pressepreis des

Deutschen Anwaltvereins (1992); Geschwister-Scholl-Preis der Landeshauptstadt München (1994);

Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik (1996); Siebenpfeiffer-Preis (1998/99);

Theodor-Wolff-Preis für essayistischen Journalismus (2001); Rhetorikpreis für die Rede des Jahres 2004

der Eberhard-Karls-Universität Tübingen

105


Harald Schumann

Geboren 1957

Redakteur für besondere Aufgaben bei „Der Tagesspiegel“, Berlin

Werdegang:

■ Seit Oktober 2004: Redakteur „Der Tagesspiegel“ Berlin

■ 2003 bis 2004: Redakteur im Berliner Büro des SPIEGEL

■ 2000 bis 2002: Ressortleiter Politik bei SPIEGEL ONLINE

■ 1992 bis 2000: Redakteur im Berliner Büro des SPIEGEL

■ 1990 bis 1991: Leitender Redakteur beim Ost-Berliner „Morgen“

■ 1986 bis 1990: Wissenschaftsredakteur beim SPIEGEL

■ 1984 bis 1986: Redakteur für Umwelt und Wissenschaft bei der Berliner Tageszeitung

Veröffentlichungen:

■ Futtermittel und Welthunger, Reinbek, 1986

■ Die Globalisierungsfalle (gemeinsam mit Hans-Peter Martin), Reinbek 1996

■ attac – Was wollen die Globalisierungskritiker? (Gemeinsam mit Christiane Grefe und

Mathias Greffrath), Berlin 2002

106


Dr. Volker Lilienthal

Geboren 1959 in Minden/Westfalen

Ressortleiter und Verantwortlicher Redakteur von „epd medien“

Werdegang:

■ Seit 2005: Ressortleiter und Verantwortlicher Redakteur von „epd medien“

■ 1997 bis 2005: stellvertretender Ressortleiter von „epd medien“

■ Seit 1989: Redakteur beim Evangelischen Pressedienst (epd)

■ Seit 1999: Lehrbeauftragter für Medienkritik und Medienjournalismus an der Goethe-Universität

Frankfurt am Main

■ 1996 bis 1998: journalistischer Berater und ständiger Autor der Hamburger Wochenzeitung

„DIE ZEIT“, dort Kolumnist für „Zeit-Takte“

■ 1988: Redakteur von „COPY“ (Handelsblatt-Verlag)

■ 1988: freier Fachautor für Hörfunk und Zeitschriften

■ 1983: Diplom-Journalist der Universität Dortmund

■ 1987: Dr. phil. in Germanistik der Universität-GH Siegen

Auszeichnungen:

Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen der Journalistenvereinigung „Netzwerk Recherche“

2004; zweiter Preis „Bester wissenschaftlicher Zeitschriftenaufsatz“ der Deutschen Gesellschaft für

Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) 2004; „Besondere Ehrung“ beim Bert-Donnepp-

Preis für Medienpublizistik 2002; ans-Bausch-Mediapreis des Süddeutschen Rundfunks Stuttgart 1997;

Deutscher Preis für Medienpublizistik der Freunde des Adolf-Grimme-Preises 1991.

Veröffentlichungen:

„Literaturkritik als politische Lektüre, Am Beispiel der Rezeption der ,Ästhetik des Widerstands’ von

Peter Weiss“ (Volker Spiess: Berlin 1988) und „Sendefertig abgesetzt. ZDF. SAT.1 und der Soldatenmord

von Lebach“ (Vistas-Verlag: Berlin 2001), TV-Dokumentation „Der Giftschrank des deutschen Fernsehens“

1994 auf VOX/DCTP.

107


Dr. Thomas Leif

Geboren 1959 in Daun/Eifel

Chefreporter Fernsehen SWR, Landessender Mainz

Vorsitzender netzwerk recherche e. V.

www.netzwerkrecherche.de

Veröffentlichungen:

Die fünfte Gewalt, Anatomie des Lobbyismus in Deutschland, Bonn 2006 (Hrsg. und Autor)

Beraten & Verkauft, McKinsey & Co – der große Bluff der Unternehmensberater, München 2006 (Autor)

108


Jürgen Peters

Geboren 1944 in Bolko/Oppeln, Oberschlesien

1. Vorsitzender der IG Metall und Vorsitzender des Verwaltungsrates der Otto Brenner Stiftung

Werdegang:

■ Seit 2003: 1. Vorsitzender der IG Metall

■ Seit 2003: Präsident des Internationalen Metallerbundes (IMB)

■ 1998 bis 2003: 2. Vorsitzender der IG Metall

■ 1988 bis 1998: Bezirksleiter des Bezirks Hannover der IG Metall

■ 1976 bis 1988: Vorstand der IG Metall, Zweigbüro Düsseldorf

■ 1971 bis 1976: Lehrer IG Metall Bildungsstätte Lohr

■ 1969 bis 1971: Lehrerassistent in der IG Metall Bildungsstätte Lohr

■ 1964 bis 1968: Maschinenschlosser bei Rheinstahl Hanomag AG

■ 1968 bis 1969: Besuch der Akademie der Arbeit in Frankfurt am Main

■ 1961 bis 1964: Ausbildung als Maschinenschlosser bei Rheinstahl Hanomag AG in Hannover,

in dieser Zeit: Besuch der Berufsaufbauschule mit Abschluß der Fachschulreife

seit 1961 Mitglied der IG Metall, seit 1966 Mitglied der SPD

Aufsichtsratsmandate:

Volkswagen AG, Personal- Produktions- u. Servicegesellschaft mbH (PPS),

Mannesmann-Röhren-Werke AG

109


20. MAI 2006, HAMBURG

© NDR/Marcus Krüger

Eröffnungsrede des Jahrestreffens der

Journalistenvereinigung „netzwerk

recherche

Sehr verehrte Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen!

Die Einladung von Netzwerk Recherche,

vor Ihnen eine kurze Rede zu halten, findet

ihre Begründung auch darin, dass ich

von außen komme: aus der Schweiz, die

für Sie, die Deutschen, politisch zwar

fremd, aber kulturell doch nahe ist, also

vertraut.

Ich habe bei der Verfertigung dieser Rede

gemerkt, dass ich nicht nur von außen

komme, weil ich Schweizer bin. Auch was

meine journalistische Tradition und meine

Vorstellungen von unserem Beruf betrifft,

komme ich irgendwie von außen.

Darf ich Ihnen dazu zwei Beispiele vortragen:

Das erste Beispiel: Im Hamburger Schauspielhaus

wurde vor einer Woche der

Henri-Nannen-Preis vergeben. Einen Journalistenpreis!

Ein Preis für journalistische

Leistung!

Die Feier wurde, wie ich lesen durfte, inszeniert

als glamouröses gesellschaftliches

Ereignis, mit abgesperrten Straßen zur

110


Vorfahrt der Limousinen, mit rotem Teppich,

mit Hostessen, mit Showeffekten.

Das Programm versprach übrigens, es

werde Qualitätsjournalismus erlebbar

gemacht.

Die geehrten Kollegen nahmen die Preise

zum Teil im Smoking entgegen. Sie hatten

über Sterbehilfe und Arbeitslosigkeit, über

Kriegsversehrte und Mord und Globalisierungsopfer

geschrieben. Sie strahlten,

die Henri Nannen-Büste in den Händen.

Aus einem journalistischen Monument

meiner Generation hat man ein Bambi

gemacht. Die Auszeichnung von Journalismus

als ballähnliche Veranstaltung?

Eine Gala für Gala. Das irritiert mich. Das

macht mich, liebe Kolleginnen und Kollegen,

doch irgendwie ratlos.

Gehören wir jetzt alle dazu? Müssen wir

dazugehören wollen? Zur Gesellschaft

der Erfolgreichen und Reichen, der Schönen

und Prominenten? Also zu einer

Gesellschaft, der wir doch so lange Zeit

skeptisch und mit ätzender Kritik gegen -

überstanden? Ich frage ja nur.

Und nun das zweite Beispiel: In der

Tageszeitung „Die Welt“ las ich, ebenfalls

vor einer Woche, wie sehr die Medien

unzufrieden seien über die Große Koali -

111

tion von CDU/CSU und SPD. Ich zitiere

aus dem Artikel folgenden Satz: „Die

Große Koalition stellt in der Tat für die

Medien ein großes Dilemma dar.“

Das Klagelied über die medial so unergiebige

Große Koalition erklingt seit einiger

Zeit auch in andern Zeitungen und Zeitschriften.

Man ist ganz offensichtlich

ungehalten unter den Kollegen über diese

Regierung, die den Anforderungen und

Wünschen der Medien so ganz und gar

nicht gerecht wird.

Die Medien als selbstbezogene gesellschaftliche

Kraft, die es zu befriedigen

gilt, neben, ja sogar vor allen anderen

Kräften wie Wirtschaft und Kultur – und

Volk. Noch nie habe ich dieses neue journalistische

Selbstverständnis so unverhüllt

erlebt wie jetzt gerade in Deutschland.

Vierzig Jahre lang, liebe Kolleginnen und

Kollegen, betrieb ich meinen Beruf im

Bemühen, als politischer Journalist dem

Begriff Medium gerecht zu werden. Das

heißt: vermittelndes Element zu sein,

also Vermittler zu sein von Meinungen

und Stimmungen und Nöten und Freuden.

Auch betrieb ich mein Metier im

Bewusstsein, nur eine Stimme zu sein

unter vielen Stimmen.


Schließlich war ich stolz darauf, dass

mein Berufsstand mit all den eigensinnigen

und eigenständigen Kolleginnen und

Kollegen die Vermittlerrolle wahrnahm

zwischen den verschiedenen Kräften der

Gesellschaft, zwischen den verschiedenen

Strömungen der Gesellschaft, vor

allem zwischen den Bürgern unterschiedlichster

kultureller und sozialer Herkunft.

Auch hier bin ich irritiert, sogar befremdet:

Die deutschen Medien betrachten

sich offenbar als eigenständige Macht,

noch vor dem Volk bestimmend für die

Politik, insbesondere für die Regierungspolitik.

Da diese neu erwachte Medienmacht

gegenwärtig ungehalten ist, überlegt sie

sich – anders kann ich es nicht lesen –,

ob sie der gewählten Regierung ihre

Gunst entziehen will oder nicht. Wie ich

es verstehe, kann sich die Regierung

auch bessern, indem sie den Medien liefert,

was diese fordern, nämlich Hauskrach

und Spektakel.

Sehr verehrte Damen und Herren, liebe

Kolleginnen und Kollegen, das neue Rollenverständnis

der Medien bringt, wie

könnte es anders sein, die Bild-Zeitung

auf den Punkt. Im April habe ich dort die

folgende Titelzeile gelesen: „Bild-Verhör

mit dem früheren Arbeitsminister.“

Sie haben richtig gehört: „Bild-Verhör“ –

Bild verhörte Norbert Blüm. Die Zeitung

als Staatsanwaltschaft. Solch mediale

Anmaßung ist mir noch nicht vorgekommen.

Hybris ist das. Bei der Auflage-Macht von

Bild gefährliche Hybris.

Ich betrachtete die bizzare deutsche Szenerie

allerdings bereits während des letzten

Wahlkampfes ratlos von außen. Ich

war verwundert über die gleichförmig

vorgetragene Entschlossenheit praktisch

aller bedeutenden Medien, die damalige

Regierung abzuwählen: abzuwählen

gewissermaßen durch die Medien selbst!

Natürlich – leider – durch Mitwirkung der

im Grundgesetz immer noch vorgesehenen

Wählerinnen und Wähler.

Es hat mich erschreckt. Es hat mich mehr

erschreckt, als Berlusconi mich erschreckt

hat. In Italien missbrauchte ein Medienmogul

seine politische Macht. In Deutschland

spielten die Journalisten ganz von

selbst konzertierte Macht aus, mit politisch

subtiler Bildwahl, mit politisch gezielter

Wortwahl, mit der ganzen Kunst

des Handwerks. Es war eine Machtdemonstration

sondergleichen. Sie stieß,

gottlob, auf den demokratischen Widerstand

der Bürger.

112


Lassen Sie mich einige Gedanken – wie

gesagt, sehr persönliche Gedanken – vortragen

über dieses neue Selbstgefühl der

Medien. Und wenn ich Medien sage, meine

ich Journalistinnen und Journalisten.

Also uns hier:

Neben der Finanzwirtschaft bilden die

Medien die einzige Branche, die tatsächlich

vollständig globalisiert ist. Die Medien

haben ihr Netz über den Erdball geworfen.

Niemand entgeht ihnen. Sie sind

immer schon da. Rund um den Globus

und rund um die Uhr.

Sie sind omnipräsent.

Oh, ich weiß! Wir sind nicht schuld daran,

wir nutzen nur die Technik, und wir wären

pflichtvergessen, täten wir es nicht. Auch

sind wir zurückhaltend, geradezu kleinlaut,

wenn man uns fragt, wie wir es denn

mit dieser Omnipräsenz ethisch und moralisch

halten. Wir tun unsern Job. Nach

bestem Wissen und Gewissen. Was sollen

wir sonst tun?

Für die Konsumenten, wie ja heute Leser,

Zuhörer und Zuschauer genannt werden,

wirkt unsere Omnipräsenz – glauben Sie

mir! – wie Omnipotenz. Und es ist auch

so, dass Quantität in eine neue Qualität

umschlagen kann. In der Wahrnehmung

113

der Menschen, die sich den Medien, die

sich uns Journalistinnen und Journalisten

ausgeliefert fühlen, ist dies bereits geschehen.

Ich möchte auch dazu ein Beispiel anführen:

Die mächtige, die unbeirrbare,

die dogmatisch immer noch so gefestigte

katholische Kirche hat erfahren müssen,

dass die Medien die größere Macht sind

als der Vatikan.

Sie erinnern sich an das quälend langsame

Sterben des Papstes Johannes-Paul II.

Sie haben das Bild noch vor Augen, wie

er moribund am Fenster sitzt, einen

Ölzweig hilflos in der zitternden Hand,

den Mund aufgerissen, das Gesicht verzweifelt,

der Stimme beraubt.

Showtime mit einem Sterbenden.

Fanden wir diese Bilder unwürdig,

schamlos, impertinent? Ich habe sie auch

hingenommen als Magic moment im

Fernsehen, in den Zeitungen und Zeitschriften.

Wann hat man schon einen

solch dramatischen Augenblick vor der

Kamera?

Können wir uns darauf hinaus reden,

dass der Vatikan diese Inszenierung seinerseits

betrieben habe? Der Vatikan hat

sich den Anforderungen des Medienzeitalters

angepasst.


Er hat sogar Rituale angepasst. Das Beispiel:

Seit Jahrhunderten pflegt der Vatikan,

die Tore zu schließen, wenn der

Papst tot ist. Auch diesmal wurde das Tor

geschlossen.

Doch durch die Hintertür bat die Kurie eilfertig

das Fernsehen an den Sarg. Auch

der tote Papst hatte dem Anspruch der

medial total vernetzten Welt-Gesellschaft

zu genügen. Darf ich zum Begriff „total“

eine ganz böse Provokation hinzufügen:

Total und totalitär liegen sehr nahe beieinander.

Hat nicht das totale mediale

Erfassen von allem und jedem, das totale

Entblößen von allem und jedem, das

totale Beschwatzen von allem und jedem

– hat das nicht etwas Totalitäres?

Die Menschen zappeln in unserem Netz.

Das beängstigt sie. Wir Journalisten waren

einst die besten Verbündeten Machtloser

im Kampf gegen Mächtige, gegen Mächte,

vor allem gegen Herrschaftswissen,

das die Mächtigen für sich nutzten.

Heute sind wir selbst Mächtige: Wir wissen,

wie wir unsere Macht umsetzen und

einsetzen. Und unsere Medienmacht ist

dem einfachen Bürger ganz und gar nicht

transparent. Wir verfügen über Herrschaftswissen.

Wir sind zu Machtträgern

von eigenen Gnaden geworden.

So hat sich der Beruf verändert, den ich

in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts

erlernte. Es war damals ein Laufberuf.

Ich fuhr zu den Politikern, von denen

ich etwas wissen wollte, zu den Beamten,

Unternehmern, Künstlern, Forschern.

Ich lebte journalistisch von Begegnungen,

von sinnlichen Eindrücken, von

Gesichtern, die meine Recherchenarbeit

begleiteten. Ich eilte zu Versammlungen

und Protestmärschen. Es war ein ununterbrochenes

Kennenlernen anderer

Menschen.

Wie gestaltet sich der journalistische Alltag

heute bei meinen jungen Kolleginnen

und Kollegen? Ich sehe sie gebannt am

Laptop sitzen. Sie rufen ab, was andere

schon formuliert haben. Sie schreiben

Geschichten, die sie aus anderen, vorgeformten

Geschichten im Netz verfertigen.

Sie zeichnen Portraits aus biographischen

Versatzstücken und Gerüchten, wie sie

auf dem Internet in Unzahl vorzufinden

sind. So werden Vorurteile und Falschurteile,

Unwahrheiten und Unterstellungen

über Menschen im System nicht nur konserviert,

sondern auch regelmäßig neu

aufbereitet.

Oft sind es vernichtende Bilder, die so

gezeichnet werden, in der Regel sind es

Bilder voller Häme. Häme hat sich ja mitt-

114


lerweile durchgesetzt als Stilersatz –

Muckefuck statt Kaffee.

Am Bildschirm lässt es sich sehr bequem

über Politiker oder Unternehmer journa -

listisch zu Gericht sitzen. Man begegnet

den Opfern nur noch selten. Richter sollten

für einige Monate ins Gefängnis gesteckt

werden, bevor sie richten dürfen.

Dann wüssten sie, was sie tun. Auch Journalisten

sollten einer Kampagne von Kollegen

ausgesetzt werden. Dann wüssten

sie, was sie anrichten können.

Mehr und mehr lebt unser Berufsstand

vom Copy-&-Paste. Sie kopiert sich fortwährend

selbst. Seit Jahren schon. Und

wie es aussieht, auch in Zukunft.

Ja, so viele – allzuviele – Journalistinnen

und Journalisten verlernen es, fiebernd

vor Spannung hinauszugehen und nachzusehen,

bevor sie schreiben.

Könnte es damit zu tun haben, dass – um

ein deutsches Beispiel anzuführen – die

Resultate der CDU/CSU und, vor allem,

der SPD bei den letzten deutschen Wahlen

so viele Kollegen so gewaltig überraschten?

Lasen sie womöglich, vom Laptop hypnotisiert,

allzu ausschließlich die Meinungsumfragen?

Und die Meinungen der Kollegen?

Vergaßen sie womöglich, an die Wahlver-

115

anstaltungen zu eilen, wo sie die Wählerinnen

und Wähler hätten erleben können?

Wo sie hätten spüren können, was

die Menschen begeistert, wen sie mögen,

zu wem sie hinstreben?

Auch das nur die Frage eines verwunderten

und etwas ratlosen Schweizers.

Erfahren wir noch genügend sinnliches,

wirkliches Leben in unserem Beruf?

Küssen Sie einmal einen Bildschirm,

dann wissen Sie, woran uns mangelt.

Doch es gibt noch ein weiteres Netz, das

uns gefangen hält. Ein intimeres: Wir bewegen

uns mehr und mehr und am liebs -

ten untereinander. Neben dem Arbeits-

Bildschirm ist die Medienszene unsere

engere, unsere enge Heimat geworden.

Wir sind auf dem besten Weg, eine Kaste

zu werden. Und die eherne Regel jeder

Kaste heißt: Eine Krähe hackt der anderen

kein Auge aus.

Ja, man kennt sich in unserem Beruf. Man

verhilft sich zu Prominenz: Man interviewt

sich gegenseitig, man lädt zu Talkshows

ein, der eine den andern, der andere den

einen, reihum, man lanciert die Bücher

von guten Kollegen, man ignoriert die

Bücher von Kollegen, die aus der Reihe


tanzen. Was ist gegen so wunderbare

Kollegialiät einzuwenden? Nichts.

Nirgends eine Verschwörung.

Und dennoch ergeben sich ob so vieler

verständlicher Gemeinsamkeiten auch

fatale Gemeinsamkeiten: Zum Beispiel

ganz plötzlich und ganz ohne böse Absicht

ein Mainstream in der Einschätzung

von Politik oder Wirtschaft, von Politikern

und Unternehmern, von Parteien und Verbänden

und Gewerkschaften.

Gesellschaftliche Entwicklungen werden

plötzlich, ohne böse Absicht, von den

führenden Medien, von den Stimmungsund

Meinungsmachern unter den Journalisten

sehr, sehr ähnlich gesehen – fatal

ähnlich.

Erliege ich einer Sinnestäuschung, wenn

ich mich beim Lesen deutscher Zeitungen

und Zeitschriften, beim Konsum deutscher

Fernseh- und Radioprogramme des Eindrucks

frappierender Gleichförmigkeit

nicht erwehren kann?

Die Kanzlerin gestern hui, morgen pfui?

Bereits zeichnet sich der neuste Mainstream

ab.

Wer wagt es noch auszubrechen, andersherum

zu denken, neu zu denken? Wer

wagt noch den Konflikt, den Schlagab-

tausch – mit Florett oder mit Schwert –

von Blatt zu Blatt, von Journalist zu Journalist?

Und wer wagt noch Kritik an einem Kollegen?

Jüngst sah ich die ganzseitigen Annoncen,

auf denen Groß-Talkmaster Kerner

für die Aktien von Air Berlin warb. Ich will

nicht davon reden, was aus diesen Aktien

nach dem Börsengang wurde. Ich will

auch nicht reden vom Schicksal der einfachen

Kerner-Zuschauer, die sich auf die

Empfehlung ihres Idols eingelassen

haben und Air Berlin-Aktien kauften.

Ich frage mich nur, wie ein Journalist –

notabene des öffentlich-rechtlichen Programms

– dazu kommt, sich für kommerzielle

Werbung kaufen zu lassen. Eigentlich

hätte ihn die Anfrage von Herrn Hu -

nold in der journalistischen Ehre treffen

müssen.

Er hätte das Angebot mit der Frage beantworten

müssen: Wofür halten Sie

mich, Herr Hunold, dass Sie es wagen,

mir, einem Journalisten, ein solch sittenwidriges

Angebot zu machen?

Nicht anders hätte Beckmann, der andere

Groß-Talkmaster, reagieren müssen, als

man ihn als Werbe-Model entdeckte. Als

Journalist hätte er reagieren müssen!

116


Oder kollidieren solche Angebote gar nicht

mehr mit den journalistischen Sitten, mit

dem Ehrgefühl der Journalisten?

Jedenfalls gab es in der Kaste keinen Aufschrei,

nur Nachfragen, ob so etwas denn

nicht doch eventuell und überhaupt anrüchig

sein könnte. Man wird ja noch fragen

dürfen.

Was hätte der deutsche Journalismus mit

der geballten Kraft des Mainstreams aus

einem Politiker gemacht, der auf ähnliche

Weise amts- und funktionsvergessen dem

leichten Geldverdienen erlegen wäre? Ja,

was macht der deutsche Journalismus

mit Ministern, die nur mal auf offiziellem

Papier einen Chip für Einkaufswagen empfehlen

oder sich von einer PR-Agentur

modisch ausstaffieren lassen? Doch Kerner

und Beckmann sind die Szene. Unsere

Szene. Kerner und Beckmann sind prominent,

sind überaus erfolgreich. Mit Prominenten

und Erfolgreichen ist gut dabei

sein – und schlecht Kirschen essen.

Man möchte doch so gerne dabei sein,

dazugehören, bei Wahlen zu den Siegern,

am Wahlabend in der richtigen Parteizentrale.

Wehe man steht in der falschen!

Ich habe Ihnen gesagt, dass ich hier ganz

persönliche Eindrücke vortrage. Hunderte

von Artikeln, zahlreiche Sendungen der

117

deutschen Medien haben mir diese Eindrücke

vermittelt.

Ich habe noch die Zeit erlebt, da fochten

Münchner Journalisten gegen Hamburger

Journalisten gegen Berliner Journalisten.

Da war der deutsche journalistische Pluralismus

fester Bestandteil der demokratischen

Kultur.

Es war die große Zeit der Krokodile im

Tempelweiher der deutschen Medien:

Bucerius, Nannen, Augstein, Springer.

Ihre vielen Schreiber und Denker und

sogar Pamphletisten dazugezählt: von

Doenhoff bis Boenisch.

Sie haben sich durchaus immer mal wieder

am Hamburger Leinpfad oder auf Sylt

zum Butterbrot getroffen – aber sie

schenkten sich nichts.

Wie steht es heute mit der gegenseitigen

Kritik? Mit der kritischen Berichterstattung

der Medien über die Medien? Wir

bestehen doch sonst berufsstolz darauf,

dass wir keine tabuisierten Bereiche der

Gesellschaft kennen.

Das aber würde doch heißen, dass auch

wir uns selbst kein Tabu sind. Gerade

angesichts der anschwellenden Medien-

Macht dürften wir uns selbst kein Tabu

sein!


Liebe Kolleginnen und Kollegen, während

Monaten war der Versuch des Hauses

Springer, ProSieben-Sat.1 zu übernehmen,

das große, auch das spannende politische,

wirtschaftliche und kulturelle Thema

Deutschlands. Sogar im Ausland wurde

darüber berichtet.

Weshalb fand dieses Thema im Spiegel –

meinem Blatt, das ich seit 40 Jahren lese,

dessen Gründer und Verleger ich verehrte!

– warum fand dieses Thema im Spiegel

keinen Niederschlag als Titelgeschichte?

Natürlich wurde berichtet, gerade so,

dass die wohltemperierte Tonalität dem

mit journalistischen Usanzen unvertrauten

Leser nicht auffiel – also ohne Biss,

Dienst nach Vorschrift sozusagen.

Wie ist das zu erklären? Vielleicht wissen

Sie mir die Antwort? Meine Ratlosigkeit

ist groß.

Wenn die Journalisten sich zur Kaste formieren,

wenn die Medienwelt eine in sich

geschlossene Welt wird, wenn die journalistischen

Chefs und ihre Ideologen sich

informell immer stärker vernetzen, dann

kommt jemand zu kurz: Der Bürger! Und

damit die lebendige Demokratie!

Der Chefredaktor des Stern hat im vergangenen

März über einen Kommentar

den Titel gesetzt: „Eine kranke Gesell-

schaft.“ Darauf haben sich die deutschen

Medien offenbar geeinigt: Die deutsche

Gesellschaft ist krank. Ist in der Krise: die

Politik ganz grundsätzlich, die Parteien

im besonderen, schlimm befallen natürlich

die Wirtschaft, aber auch das Theater,

der Fußball, die Familie, die Schule, die

Universität – alles in kritischem Zustand,

bettlägerig, auf der Notfallstation oder

bereits im Koma.

Nur die Medien werden von den Medien

nicht krank gemeldet, erfreuen sich also

in den Augen der Journalisten allerbester

Gesundheit! Kann das sein?

Vielleicht kann das sein. Aber ich glaub’s

nicht.

Sehr verehrte Damen und Herren, liebe

Kolleginnen und Kollegen, ich komme

zum Schluss noch auf eine Erscheinung

zu sprechen, die viel zu tun hat mit der

künftigen Entwicklung unseres Berufes,

nicht nur in Deutschland, auch, zum Beispiel,

in der Schweiz:

Welcher Weg führt junge Menschen heute

in den Journalismus?

Einst führten ganz verschiedenartige

Wege in den Journalismus: verschlungene,

mühselige, sozusagen ungepflasterte.

Junge und mitunter sogar ältere Menschen

ganz und gar unterschiedlicher Herkunft

118


fanden durch ihr Talent, ihre Intelligenz

und ihr „feu sacré“ in unseren Beruf.

Es fanden sich darunter gescheiterte

Dichter, erschöpfte Weltenbummler,

engagierte Weltverbesserer, geläuterte

Knastbrüder, bildungshungrige Autodidakten,

Menschen mit Berufsabschluss

und ohne Berufsabschluss.

Sie alle verkörperten mit ihren divergierenden

und konträren Lebenserfahrungen

in den Redaktionen den sozialen und

kulturellen Pluralismus unserer Gesellschaft

– Multikulti im bestem Sinne. Sie

garantierten dadurch auch die ganz unterschiedliche

Sicht auf das gesellschaftliche

Leben, auf Politik und Wirtschaft und

Kultur.

Sie hatten das wirkliche Leben schon

einmal geschmeckt.

Wie ist das heute? Heute lautet die Herkunft

in der Regel so: Studium, allenfalls

abgebrochenes Studium, Journalistenschule

– also Lebenserfahrung in Form

von fünf Paar Markenjeans, die auf Schulbänken

durchgescheuert wurden.

Oh ja, ich drücke mich drastisch aus.

Aber das werden Sie mir ja wohl als Journalisten

nicht ankreiden.

119

Sehr verehrte Damen und Herren, liebe

Kolleginnen und Kollegen, wir reden täglich

und mit Lust über die Probleme, am

liebsten über die Katastrophen anderer.

Es ist Zeit, dass wir über uns reden. Kritisch.

Am besten sehr kritisch. Und schonungslos.

So schonungslos und unpfleglich,

wie wir mit den Andern umzugehen

pflegen.

Ich danke den Veranstaltern, dass sie mir

hier vor Ihnen genau dazu eine Gelegenheit

eingeräumt haben.

Es ist keine Gala, es gibt keinen Preis,

schon gar nicht für meine böse Rede;

nirgends liegt ein roter Teppich, ich sehe

keine Smokings. Wunderbar. Ich atme

Journalismus.

Ich bin glücklich, dass ich meine Sorgen

kritischen Kollegen mitteilen durfte.

Danke.

Frank A. Meyer ist Chefpublizist des

Ringier-Verlags in der Schweiz.


Ausschreibung – Otto Brenner Preis 2006

120


121

Der Otto Brenner Preis / Ziel des wettbewerbs

Verlängerter Einsendeschluss

Die schreibt für das Jahr 2006 wieder

den Otto Brenner Preis aus, der im Rahmen der Jahrestagung

am 8. November 2006 in Berlin verliehen wird.

Der Preis steht unter dem Motto:

»Kritischer Journalismus – Gründliche Recherche statt bestellter Wahrheiten«

und soll an Journalistinnen und Journalisten vergeben werden.

Einsendeschluss für Bewerbungen ist der 15. August 2006 (es gilt der Poststempel).

Eingereicht werden können alle Beiträge, die nach dem 1. August 2005 in deutscher

Sprache erschienen sind. Es besteht keine Einschränkung in Bezug auf das Me dium,

Thema, Ressort oder Genre sowie Länge der Veröffentlichung. Es werden nur Einsen -

dungen berücksichtigt, die unter Verwendung des offiziellen Bewerbungsbogen

(siehe www.otto-brenner-preis.de) erfolgen. Vorschläge von preiswürdigen Beiträgen

sind herzlich willkommen.

Ziel des Wettbewerbs zur Förde rung eines kritischen

Journalismus ist es:

■ gesellschaftlich relevante aber gemessen an deren Bedeutung nicht ausreichend

behandelte Themen in das Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken. Beispiele hierfür

könnten sein „unternehmerische Verantwortung“, »Macht- oder Amts missbrauch«,

»Diskriminierung«, »Fremdenfeindlichkeit«, »Manipulation der öffentlichen

Meinung«, »soziale Kälte« usw.

■ Journalistinnen und Journalisten zu ermutigen, ungeachtet möglicher Konse quenzen

unbequeme Fragen zu stellen und Missstände klar zu benennen. Dies schließt eine

kritische Neubewertung vermeintlich bekannter Entwick lungen ausdrücklich mit ein.

■ Beiträge zu prämieren, die sich von der breiten Masse durch eine eigenständige

und vor allem gründliche Rechercheleistung positiv absetzen und in Sprache, Stil

und Darstellungsweise Maßstäbe setzen.


Die Philosophie / das preisgeld

Der Preis für kritischen Journalismus orientiert sich am politischen Vermächtnis Otto

Brenners, der Zivilcourage zum Maßstab seines Handels machte und dies auch von

anderen einforderte. Der »aufrechte« Gang ist die entsprechende Symbolik.

„Nicht Ruhe und Unterwürfigkeit gegenüber der Obrigkeit ist die erste Bürgerpflicht,

sondern Kritik und ständige demokratische Wachsamkeit.“

(Otto Brenner 1968)

Ganz in diesem Sinne und um das Andenken an den Namensgeber lebendig zu halten,

vergibt die Otto Brenner Stiftung zum zweiten Mal den Otto Brenner Preis unter dem Titel

»Kritischer Journa lismus – Gründliche Recherche statt bestellter Wahrheiten«.

Der Otto Brenner Preis ist mit einem Preisgeld von 20.000 Euro dotiert, das sich wie folgt

aufteilt:

Der erste Preis ist mit 5.000 Euro dotiert.

Der zweite Preis ist mit 3.000 Euro dotiert.

Der dritte Preis ist mit 2.000 Euro dotiert.

Für Nachwuchs-Journalisten aus Schüler- und Jugendzeitungen, aus Videogruppen oder

anderen innovativen Medienprojekten gibt es einen

»newcomer-Sonderpreis« in Höhe von 2.500 Euro.

122


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das preisgeld / die jury

Außerdem werden mit diesem Journalisten-Wettbewerb zum Themenfeld kritischer

Journalis mus in Zusammenarbeit mit netzwerk recherche drei »Recherche-Stipendien«

in Höhe von je 2.500 Euro ausgelobt. Die jeweiligen Stipen dia ten werden von erfahrenen

Journalisten begleitet, die als Mentoren bei der journalistischen Arbeit zur Seite stehen.

Ein ausführliches Themen-Exposé, ein genauer Recherche-, -kosten- und -zeitplan sind die

Voraussetzung für die Teilnahme am Wettbewerb.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden informiert, sobald die Jury getagt hat.

Jurymitglieder sind ...

Sonia Mikich (WDR, Monitor),

Dr. Heribert Prantl (Süddeutsche Zeitung),

Harald Schumann (Der Tagesspiegel),

Dr. Volker Lilienthal (epd medien),

Dr. Thomas Leif (netzwerk recherche) und

Jürgen Peters (Verwaltungsratsvorsitzender der Otto Brenner Stiftung).

Die Preisträger werden unter Ausschluss des Rechtswegs ermittelt.

Ihre Bewerbung schicken Sie bitte an:

Otto Brenner Stiftung

Antje Kirschner

Wilhelm-Leuschner-Str. 79

60329 Frankfurt am Main

E-mail: obs@igmetall.de

Tel: 069 / 6693 - 2390

Fax: 069 / 6693 - 2323

Die Bewerbungsbögen mit allen erforderlichen Informationen erhalten Sie unter

www.otto-brenner-preis.de.

Für weitere Fragen wenden Sie sich bitte an die Mitarbeiter der Otto Brenner Stiftung.


Impressum

Otto Brenner Stiftung

Wilhelm-Leuschner-Straße 79

60329 Frankfurt / Main

Verantwortlich

Elke Eller

Redaktion

Christian Steffen, Christoph Scheld

Artwork

N. Faber de.sign, Wiesbaden

Druck

ColorDruck Leimen GmbH

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PRÄAMBEL

Neue Technologien und zunehmender ökonomischer Druck

gefährden den Journalismus. Um seine Qualität und

Unabhängigkeit zu sichern, setzt sich das netzwerk

recherche für dieses Leitbild ein.

1. Journalisten* berichten unabhängig, sorgfältig, umfassend und

wahrhaftig.

Sie achten die Menschenwürde und Persönlichkeitsrechte.

2. Journalisten recherchieren, gewichten und veröffentlichen nach dem

Grundsatz „Sicherheit vor Schnelligkeit“.

3. Journalisten garantieren uneingeschränkten Informantenschutz als

Voraussetzung für eine seriöse Berichterstattung.

4. Journalisten garantieren handwerklich saubere und ausführliche

Recherche aller zur Verfügung stehenden Quellen.

5. Journalisten machen keine PR.

6. Journalisten verzichten auf jegliche Vorteilsnahme und Vergünstigung.

7. Journalisten unterscheiden erkennbar zwischen Fakten und Meinungen.

8. Journalisten verpflichten sich zur sorgfältigen Kontrolle ihrer Arbeit

und, wenn nötig, umgehend zur Korrektur.

9. Journalisten ermöglichen und nutzen Fortbildung zur

Qualitätsverbesserung ihrer Arbeit.

10. Journalisten erwarten bei der Umsetzung dieses Leitbildes die

Unterstützung der in den Medienunternehmen Verantwortlichen. Wichtige

Funktionen haben dabei Redaktions- und Beschwerdeausschüsse sowie

Ombudsstellen und eine kritische Medienberichterstattung.

* Es sind stets beide Geschlechter gemeint.

www.netzwerkrecherche.de

info∑netzwerkrecherche.de

@


www.otto-brenner-preis.de

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