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T. Zahn Katalog zu "Xenotaph" 2025

Katalog zur Sonderausstellung der Rauminstallation - "Xenotaph" in Schloß Neersen (D)

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TILMANN ZAHN

„Xenotaph“ – Rauminstallation

GALERIE SCHLOSS NEERSEN Ausstellungen 2025


TILMANN ZAHN

„Xenotaph“ – Rauminstallation

GALERIE SCHLOSS NEERSEN Ausstellungen 2025



TILMANN ZAHN „XENOTAPH“ – RAUMINSTALLATION

Schwebende Tücher bilden eine Allee, umwehen mich, wenn ich hindurchgehe. Ich bleibe

stehen und schaue auf die feinen Linien und Farbverläufe. Umrisse unbekannter Länder, aber

auch Landschaften und schemenhafte Figuren scheinen darin verfangen. Und ich auch. Jede

einzelne Bahn ist einzigartig, so wie die Menschen, denen hier gedacht wird.

«Xenotaph» nennt Tilmann Zahn seine Rauminstallation und knüpft damit an eine sehr alte,

aber bis in unsere Zeit hineinwirkende Tradition des Totengedenkens an. Steinerne Stelen

oder leere Grabmale – so genannte Xenotaphe (auch Kenotaphe) – stellte man auf, um an

Menschen zu erinnern, die in der Ferne gestorben waren oder deren Leichnam niemals

geborgen werden konnte. Oft sind sie Kriegsopfern gewidmet, wie etwa der Xenotaph

im Friedenspark von Hiroshima, oder aber einzelnen Menschen. Mit größeren Memorialbauten

ehrte man bedeutende Persönlichkeiten, um deren Verdienste herauszustellen (z. B.

Entwurf für den Xenotaph für Isaac Newton). Schlichte Stelen hingegen erinnerten gerade

in griechisch-römischer Zeit an Privatpersonen und dienten dazu, der Trauer um verstorbene

Familienmitglieder einen Ort zu geben, um dem Immateriellen etwas Materielles entgegenzusetzen.

Auch wenn Xenotaphe im Prinzip die gleiche Funktion erfüllen, wie es auch Gräber

tun, so markieren sie noch eindringlicher Leere und Verlust.

Spürt Tilmann Zahn in anderen Arbeiten der Vergänglichkeit architektonischer Konstruktionen

nach, so ist es jetzt die des Menschen im Zustand ständiger Veränderung und Endlichkeit.

Einzig die schwergewichtigen Schrottlegungen ausgedienter und in Schönheit verrottender

Metallobjekte als eine Art Grabbeigabe erden die scheinbar schwerelosen Tücher und

schaffen eine Verbindung zum gemeinsamen Gedankenkern «Vanitas».

Indem Tilmann Zahn «einen begehbaren Raum für das

schafft, was wir loslassen, und vielleicht auch betrauern,

müssen», und dabei Bild und Objekt als begrenztes,

künstliches Gegenüber hinter sich lässt, gelingt ihm

eine ganzheitliche Einbindung des Betrachters, die eine

andere, eben auch ganzheitliche Wahrnehmung fordert.

Im Gegensatz zum gerichteten Blick bewegt sich der

Eintretende nicht nur frei im inszenierten Raum, sondern

wird auf seiner Reise auch von Klängen umwoben, die

hoch über den Stoffbahnen ausgesendet werden. Die

fassbare Materialität der Installation wird so ins Immaterielle

aufgelöst.

Die in zwei Reihen in den Raum gehängten Bahnen

erinnern an von Stelen gesäumte antike Gräberstraßen.

Tilmann Zahn übernimmt das hoch aufragende

Rechteck der steinernen Stele, verwendet aber leichte

Tücher, solche, die denen ähneln, in die man traditionell

einen Leichnam hüllt. Ein Leichentuch, das im Turiner Dom aufbewahrt wird, ist besonders

berühmt, weil es den Abdruck des toten Körpers Christi zeigen soll. Auch hier bleibt nur die

Hülle, das Wesentliche fehlt.

Bei Tilmann Zahn sind es keine Körperabdrücke, die man auf den Tüchern findet,

sondern abstrakte Formen, die sich aber ebenfalls aus einem Abdruckverfahren heraus

ergeben. Nach einer Phase des Absteckens, Zusammenfügens und Nähen des Stoffes auf die



Größe von drei Meter hohen Bahnen wird das weiße

Gewebe mit Farbe beträufelt, anschliessend zusammengerafft

oder gefaltet in ein Farbbad gegeben.

Entsprechend der Lage des Stoffes entsteht eine All-

Over-Struktur aus mehr oder weniger durchgefärbten

Partien. Noch in feuchtem Zustand werden die gefärbten

Bahnen schichtweise aufeinandergelegt und – wie beim

Mischen von Spielkarten – immer wieder neu geordnet.

So färben sie untereinander ab und bedrucken sich

gegenseitig. Eine einheitliche, an Haut oder Leder erinnernde

Grundfärbung, lässt die Bahnen als Teile eines

Ganzen erkennen, aber im Detail zeigen sich durch die

Eigendynamik des Prozesses zufällige Strukturen wie

ausblutende Farbränder und Nass-in-Nass – Effekte,

die auch an geschundene, verletzte oder narbige

Haut denken lassen. Final eingearbeitete Zeichen und

Schriftfragmente verblassen, werden immer wieder

überarbeitet und so bis zur Unleserlichkeit verschleiert.

Diese palimpsestartige Schichtung ist nicht nur im Material fassbar, sondern die in Raum und

Zeit verfangenen Fragmente sind auch Metapher für geistige und kreative Prozesse im Sinne

einer assoziativen Neugestaltung, aber ebenso für Zerstörung, Verfall und Verlust. «Und

eigentlich ist jedes Erinnern und Abschiednehmen etwas, das mit Ferne und Entfernung zu

tun hat: Wir entfernen uns räumlich und zeitlich von etwas oder jemandem, der gleichzeitig

auch sehr nah ist.»

Die Bahnen können als einzelne Stationen eines langen Prozesses des Abschiednehmens

gelesen werden, der hier gleichsam in der Installation durchschritten wird. Wenn auch nicht

ausdrücklich darauf bezogen, liegt der Gedanke an die christliche Tradition des Passionsoder

Kreuzweges nahe, bei dem Gläubige die einzelnen Stationen des Leidensweges Christi

im Gebet nachvollziehen. Dabei gedachte man gleichzeitig auch den eigenen Verstorbenen,

füllte den Verlust durch die Erinnerung an bedeutsame gemeinsame Momente und nahm

Abschied.

Sind es beim Kreuzweg kanonisch festgelegte Ereignisse, so sind es hier frei gestaltete

bewegte Tücher, die zwar in ihrer fahlen Farbigkeit und wolkigen Struktur entfernt noch an

steinernes Material erinnern, aber durch ihre sparsame Verwendung von Zeichen und Schriftfragmenten

als Assoziationstrigger fungieren. Niemals plakativ oder konkret, schaffen sie

einen atmosphärischen Raum, der sich für eine eigene, ganz persönliche innere Zwiesprache

öffnet.

«Die schwebenden Installationen sollen diesem Prozess, die Schwere nehmen, die wir normalerweise

damit verbinden, und sollen daran erinnern, dass das Abschiednehmen ein fließender

und beweglicher Vorgang ist, der sich an jedem Tag, sogar in jedem Moment unserer

Existenz vollzieht und Teil der permanenten Veränderung ist».

Text: Jutta Saum / Zitate: Tilmann Zahn



Ohne Titel, Bleistiftzeichnung, 35 x 50 cm, 2024



Ohne Titel, Bleistiftzeichnung, 35 x 50 cm, 2024













VITA TILMANN ZAHN

IMPRESSUM

Geboren in Osnabrück, aufgewachsen in Düsseldorf,

intensive Beschäftigung mit Malerei, später zusätzlich mit Fotografie,

lebt und arbeitet in Basel (CH).

Einzelausstellungen (Auswahl)

2013 Wichtendahl Galerie, Berlin

2015 Galerie Ulrike Hrobsky, Wien

Wichtendahl Galerie, Berlin

2016 Kunstkultur Königsfeld

Kunsthalle Wil

2017 Galerie Q. Kulturforum Schorndorf

2018 Papiermachermuseum Steyrermühl, A

Kunstverein Damianstor, Bruchsal

2019 Galerie Maurer, Frankfurt

Kunstverein Eislingen

Kunstverein Speyer 2021

Galerie K, Staufen

2022 Kunstverein Radolfzell

Galerie Ulrike Hrobsky, Wien

Kunstverein Bad Nauheim

Galerie Maurer, Frankfurt

2024 Galerie Nanna Preußners, Hamburg

Neue Galerie Landshut

www.tilmannzahn.ch Instagram: tilmann_zahn

Dieser Katalog erscheint anlässlich der

Ausstellung von

Tilmann Zahn

„Xenotaph“ – Rauminstallation

vom 16. März bis 6. April 2025.

Galerie Schloss Neersen

Hauptstraße 6, 47877 Willich

Die Kunsthistorikerin Jutta Saum M. A. hat

die Ausstellungsreihe 2025 kuratiert.

Redaktion + Text: Jutta Saum

Fotos: Tilmann Zahn

Layout: Lena Kuntze

Druck: Rixen Druck oHG, Willich

Herausgeber: Kulturteam Stadt Willich 2025

Kontakt:

Stadt Willich

GB I/2 Schule Sport Kultur - Kulturteam

Jutta Saum

Albert-Oetker-Straße 98b 47877 Willich

Telefon: 02154 / 949-628

jutta.saum@stadt-willich.de

www.stadt-willich.de



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