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ARCHIGRAFIE

SCHRIFT AM BAU

Agnès Laube

Michael Widrig

Birkhäuser


Teil 1

EINFÜHRUNG


LEARNING FROM HISTORY –

EINE KURZE GESCHICHTE

DER ARCHIGRAFIE

S. 10

EIGEN- UND FREMDWERBUNG –

PLÄDOYER FÜR EINE

DIFFERENZIERTE BETRACHTUNG

S. 30

ORIENTIERUNG DURCH DESIGN –

SIGNALETIK

S. 36

SEHEN ODER LESEN? –

DIE REZEPTION VON

ARCHITEKTUR UND SCHRIFT

S. 40


LEARNING FROM HISTORY

EINE KURZE GESCHICHTE DER

ARCHIGRAFIE


Learning from History

Die Geschichte bildet den Humus, aus dem Gestalterinnen

und Gestalter schöpfen und ihre Disziplinen entwickeln.

Designhistorisch betrachtet, sind nur die wenigsten Entwürfe

– sei es in der Architektur oder der Grafik – gänzlich

neue Erfindungen. Digitale Entwurfs- und Herstellungstechniken

unterstützen das permanente Variieren und

Neuinterpretieren heute zusätzlich.

Die Aktualität des Themas rechtfertigt einen Blick zurück

in die Entwicklungsgeschichte: Aus welchen Diskursen

und Gestaltungspraktiken sind die heutigen Gebäudebeschriftungen

entstanden, welche Grundmotive und Strategien

prägen sie?

Bauplastik, Ornament, Schrift

Der österreichische Architekt Adolf Loos diffamierte in

seiner Schrift Ornament und Verbrechen 1908¹ die Bauornamentik

als überflüssiges Element in der modernen

Architektur. Die Suche galt fortan der «reinen» Form; die

Fassadengliederung mittels dekorativer Elemente verlor an

Legitimation. Beschriftungen sind durch ihre informierende

und orientierende Funktion an sich keine Ornamente, können

aber durch Reihung, Wiederholung und Überlagerung

zu solchen werden. Schriften zeugen von einer gewissen

Ökonomie: Sie konnten von einer lesekundigen Bevölkerung

schneller und eindeutiger entschlüsselt werden als

ältere Symbole und Zeichen. Der Schweizer Kunsthistoriker

Christoph Bignens brachte 1995 ² das Verhältnis von

Bauplastik zu -beschriftung auf den Punkt: «Die Bauplastik

kann den Zweck eines Gebäudes bestenfalls konnotieren,

die Baubeschriftung denotiert ihn.»³ Schrift blieb als funktionales

Decorum von der Purifizierung verschont, wie sie

Loos und die Vertreter des Neuen Bauens postulierten und

praktizierten.

Architekten des Neuen Bauens leiteten die Gestalt aus

ihrer Zweckdienlichkeit ab; die Beschriftung hatte demzufolge

ebenso sachlich und modern, d. h. einfach, konstruktiv

und frei von Dekor zu sein. In den 1910er- bis 1930er-Jahren

entstanden am Bauhaus und in dessen Umfeld jedoch

nicht nur schlichte, formal reduzierte Beschriftungen wie

diejenige von Herbert Bayer am Bauhausgebäude in Dessau

selbst, sondern auch viele experimentelle Beschriftungen

und Reklamebauten wie etwa multimediale Kioske,

die bis heute zu überraschen und begeistern vermögen.

Am Bauhaus wurden unter anderem die Gestaltungsideen

des russischen Konstruktivismus aufgenommen. Auch

die Vertreter der niederländischen De-Stijl-Bewegung und

des italienischen Futurismus entwarfen spielerisch-utopische

Beschriftungen bis hin zur typografisch-tektonischen,

begehbaren Kleinarchitektur. Lange vor Las Vegas entstanden

Zeichnungen von Gebäuden als Kommunikationsmedium

– vollflächig mit Bildern, Texten und Filmen bespielte

Fassaden. Die Russen El Lissitzky und Gustav Klucis

etwa entwarfen experimentelle Rednertribünen. Die meisten

dieser Entwürfe wurden nicht realisiert oder wurden

zwischenzeitlich abgebrochen. Sie tragen aber bis heute

zur Debatte über die Beschriftung und die Mediatisierung

von Architektur bei.

Vom Handwerk zum Design:

neue Typografie, neues Bauen

Während bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts Handwerker,

Künstler, Schriftenmaler und Schilderhersteller sowie

Architekten Beschriftungen entworfen und ausgeführt haben,

kam es in der Grafik nach der Jahrhundertwende zu

einem Professionalisierungsschub. Im westeuropäischen

Raum entstanden ab den 1910er-Jahren erste Grafikklassen

an den Kunstgewerbeschulen, in denen visuelle Gestaltung

und Typografie systematisch und nach modernen

Gesichtspunkten unterrichtet wurde (Linksbündigkeit, Verwendung

von wenigen Schrifttypen, vermehrte Verwendung

von serifenlosen, d. h. Groteskschriften etc.).

Sowohl für die Grafik als auch für die Architektur war

die Ausbildung am 1919 gegründeten Staatlichen Bauhaus

in Weimar, das 1925 nach Dessau umsiedelte, bis weit in die

Nachkriegszeit wegweisend.

Am deutschen Bauhaus, aber auch in der 1920 entstandenen,

weniger bekannten Moskauer «Wchutemas»

(Höhere Künstlerisch-Technische Werkstätten), fanden

Versuche statt, Handwerk und Kunst zusammenzuführen.

In der Wchutemas unterrichtete unter anderem Wassily

Kandinsky, der 1921 Moskau verließ und später am Bauhaus

unterrichtete. Neu war bei beiden Institutionen der

explizit interdisziplinäre Ansatz: dass Architekten und

Grafiker bzw. Typografen unter einem Dach vereint waren,

beeinflusste die Entstehung und Entwicklung der neuzeitlichen

Disziplin Archigrafie zentral. Die Gestalter suchten

auch im Bereich der Gebäudebeschriftungen, die zu dieser

Zeit noch stark durch klassisch-römische Inschriften oder

verschnörkelte, schlecht lesbare Schriften geprägt waren,

nach zeitgemäßen Konzepten.

11


73 Große Empfangsgeste: das Lehigh Valley

Hospital von VSBA, Muhlenberg /USA, 2005.

74 Die Universität Minnaert von Neutelings

Riedjik Architecten steht auf einem Schriftsockel,

Utrecht, 1997.

75 Schrift aus Betonfertigelementen gefügt

und vergoldet: die Wertstoffsammelstelle von

Hild und K in Landshut, 1996.

76 Schriftskulptur mit 80er Jahre-Flair bei der

ehemaligen Fiat-Fabrik in Turin (Lingotto), 1988.

77 Gigantismus im neuen Jahrtausend. Die

Schrift am Bosch-Parkhaus bei Stuttgart ist 8 m

hoch und von innen begehbar.

78 Die Buchstaben, von der Firma Westiform

hergestellt, sind mit Spanntuch bezogen.

28


79 Realities:united etwickelten diese Medienfassade

2009 gemeinsam mit WOHA, Singapur. Ein

hochauflösender LED-Screen inmitten von 500

Farb-LED-Elementen, die seine Wirkung erweitern.

80 Eine Pixelmatrix aus 1 800 Leuchtelementen.

Kunst als Teil einer Werbeaktion für leer stehende

Büroflächen, Potsdamer Platz Berlin, 2005 (realities:united).

81 Das alte, 1969 –72 von Werner Düttmann

geplante «Ku’damm-Eck» in Berlin mit einer

300 m² großen Lichtraster-Werbefläche, die farbige

und bewegliche Bilder zeigen konnte.

82 Skizze von VSBA für einen gigantischen

Screen mit 200 000 «elektronisch programmierten

Lichtern», College Football Hall of Fame,

New Jersey, 1967.

83 Nicht realisiertes, flaggenartiges «Electronic

Billboard» beim Whitehall Ferry Terminal in

New York, VSBA, 1995.

29


Teil 2

28 CASE STUDIES

Projekt 1

NEUBAU

KUNSTMUSEUM BASEL

BASEL CH / 2016

S. 44

Projekt 2

EINKAUFSZENTRUM

STÜCKI

BASEL CH / 2009

S. 48

Projekt 3

NEW YORK TIMES

BUILDING

NEW YORK USA / 2007

S. 52

Projekt 4

PARKING GARAGE

SANTA MONICA PLACE

SANTA MONICA USA /

1980

S. 56

Projekt 5

NEUBAU WALLRAF-

RICHARTZ-MUSEUM

& FONDATION CORBOUD

KÖLN DE / 2015

S. 60

Projekt 6

E,D,E,N PAVILLON

HOTEL EDEN

RHEINFELDEN CH /

1987

S. 62

Projekt 7

RAIFFEISENBANK

NÄFELS CH / 2012

S. 64

Projekt 8

HOTEL LOUIS

MÜNCHEN DE / 2009

S. 68

Projekt 9

MUNICIPAL POOLS

POVOAÇÃO PT / 2008

S. 70

Projekt 10

MASJID AL-IRSYAD

KOTA BARU

PARAHYANGAN

PADALARANG ID / 2010

S. 74

Projekt 11

THE LYON

HOUSEMUSEUM

MELBOURNE AU / 2009

S. 78

Projekt 12

HOTEL CITY GARDEN

ZUG CH / 2009

S. 80

Projekt 13

TONI-AREAL

ZÜRICH CH / 2014

S. 84


Projekt 14

HALLE FÜR

STRASSENVERKEHR

VERKEHRSHAUS

LUZERN CH / 2009

S. 88

Projekt 15

GAS RECEIVING

STATION

DINTELOORD NL / 2013

S. 90

Projekt 16

CORPORATE DESIGN

FÜR KLEINBAUTEN

ZÜRICH CH / 2004

S. 94

Projekt 17

RAKETE

BASEL CH / 2012

S. 98

Projekt 18

SCHULHAUS

BUCHWIESEN

ZÜRICH CH / 2004

S. 102

Projekt 19

BEZIRKSGEBÄUDE

DIETIKON CH / 2010

S. 106

Projekt 20

GEMEINDEBIBLIOTHEK

DIETLIKON CH / 2013

S. 110

Projekt 21

RBC DESIGN CENTER

MONTPELLIER FR /

2012

S. 112

Projekt 22

GALERIES LAFAYETTE

BERLIN DE / 1996

S. 116

Projekt 23

HACKNEY EMPIRE

THEATRE

LONDON GB / 2004

S. 118

Projekt 24

WERKHEIM USTER

USTER CH / 2009

S. 120

Projekt 25

BIBLIOTHEK COTTBUS

COTTBUS DE / 2004

S. 124

Projekt 26

BEST ANTI-SIGN

BUILDING

RICHMOND USA / 1978

S. 128

Projekt 27

THE NEW SCHOOL

NEW YORK USA / 2014

S. 130

Projekt 28

ALTERSZENTRUM

DORFLINDE

ZÜRICH CH / 2011

S. 134


Projekt 3

NEW YORK TIMES BUILDING

NEW YORK USA / 2007

Architektur

Typografie

RENZO PIANO BUILDING WORK-

SHOP ( GENUA IT / PARIS FR )

MICHAEL BIERUT / PENTAGRAM

( NEW YORK USA )

Beim neuen Hauptsitz des renommierten New-York-Times-Verlags

mitten in Manhattan handelt es sich um ein Projekt der Superlative.

Den Wettbewerb mit hochkarätiger Beteiligung entschied der italienische

Architekt Renzo Piano im Jahr 2 000 mit seinem Entwurf für

ein elegantes und ungewöhnlich transparentes Hochhaus für sich.

Dessen Fassade besteht vollständig aus Isolierglas mit einem niedrigen

G-Wert (Gesamtenergiedurchlassgrad) und einer vorgehängten

Schicht aus horizontalen, hellen Keramikstäben. Diese zweite

Haut schützt die Mitarbeiter vor blendendem Sonnenlicht und reduziert

den Energieeintrag zusätzlich. Das Gebäude sollte möglichst

energie effizient sein und gleichzeitig den Luxus einer geschosshohen

Verglasung bieten: ein nicht lösbarer Widerspruch.

Das New-York-Times-Gebäude ist zurzeit der fünfthöchste Wolkenkratzer

im Zentrum Manhattans. Mit seinen 52 Stockwerken und

einer Höhe von 319 m prägt er die Skyline der Metropole entscheidend

mit. Dass es sich um eine der wichtigsten Corporate-Architekturen

der letzten Jahre handelte, spornte alle Projektbeteiligten zu

Höchstleistungen an, so auch die für die Beschriftung zugezogenen

Mitarbeiter der international bekannten Firma Pentagram.

Der Designer Michael Bierut stand vor der Aufgabe, den berühmten

New-York-Times-Schriftzug als 4,5 m hohe und 33,5 m lange Schrift

auf die fein ausformulierte Fassade zu bringen, ohne deren Ausdruck

zu stören. Ein schwieriger Auftrag, den die strengen kommunalen Auflagen

bezüglich Größe, Materialisierung und Applikation von Logos in

diesem historischen Stadtteil zusätzlich erschwerten. Dadurch, dass

der Sonnen- und Sichtschutz aus technischen Gründen von der Fassade

separiert und als ein sich an den Ecken und nach oben auflösender

Schleier ausformuliert wurde, bildete dieser die ideale Ausgangslage

für Bierut, um die Beschriftung in die Außenhaut des Hochhauses nicht

nur optisch, sondern auch konstruktiv zu integrieren.

In enger Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro von Renzo

Piano entwickelten Bierut und seine Mitarbeiter eine höchst raffinierte

Lösung. Der Fraktur-Schriftzug wurde in 959 Einzelteile zerlegt, die

auf die Keramiklamellen aufgezogen wurden wie Perlen auf eine

Schnur. Die im Grundriss tropfenförmigen, aus Aluminium bestehenden

Elemente wurden horizontal leicht geneigt und erfüllen so zwei

Anforderungen zugleich: Sie bieten den Mitarbeitern einen praktisch

unverstellten Blick nach außen, und der Schriftzug ist von der Straße

her optimal lesbar. Wenn das kein Kunststück ist!

52



Der New-York-Times-Hauptsitz ist zurzeit das

fünfthöchste Gebäude in New York.

Die Sicht nach außen wird durch die in die

Keramiklamellen eingewirkte Schrift kaum beeinträchtigt.

Der New-York-Times-Schriftzug wurde in 959

Teile zerlegt und einzeln auf die Keramikstäbe

aufgezogen.

54


55


Projekt 9

MUNICIPAL POOLS

POVOAÇÃO PT / 2008

Architektur

Typografie

BARBOSA & GUIMARÃES

ARQUITECTOS ( MATOSINHOS PT )

BARBOSA & GUIMARÃES

ARQUITECTOS

Das Dorf Povoação liegt an der südlichen Spitze der Azoreninsel San

Miguel. Die Gemeinde hatte bereits ein Gelände für verschiedene Sportnutzungen

aus einem sanft geschwungenen Hang geschnitten und

eingeebnet, als die portugiesischen Architekten Barbosa & Guimarães

mit dem Bau des öffentlichen Hallenbads beauftragt wurden.

Sie brachten die verschiedenen Nutzungen in mehreren länglichen

Gebäudevolumen unter und positionierten diese am Hang

bzw. schoben sie geradezu in diesen hinein, indem sie das Dach vollständig

mit Erde und Gras eindeckten. In diese natürliche Abdeckung

eingesetzte Oberlichter sorgen für eine gute Beleuchtung der darunterliegenden

Räume und symbolisieren gleichzeitig den künstlichen

Eingriff in die Landschaft.

Dass auch die Beschriftung des Baus, der wie in die Landschaft

eingegossen wirkt, derselben Intention folgte, war für die Architekten

logisch: Sie sind der Auffassung, dass jedes öffentliche Gebäude

deutlich und gleichzeitig integral gekennzeichnet werden sollte. Mit

ihrem – von Beginn an eingeplanten – Entwurf beziehen sie sich auf

klassische, in Stein gemeißelte Reliefinschriften, überführten diese

jedoch grafisch und materiell in die Neuzeit.

Die Lettern wurden positiv auf die Rückseite der Schalung montiert

und vor Ort in Beton gegossen: So entstand das Negativrelief. In

einem zweiten Arbeitsgang wurde die Fassade mit einem basalthaltigen

Material verputzt. San Miguel ist eine Vulkaninsel: Daran erinnern

die ungewöhnlich dunklen Fassaden des gesamten Komplexes.

Die Inschrift COMPLEXO DE PISCINAS COBERTAS DE MUNICÍPIO

DA POVOAÇÃO positionierten die Architekten auf der Fassadenfläche

neben dem Eingang. Den Font – der an die portugiesische Schriftkultur

der 1920er-Jahre erinnert – haben sie speziell dafür entworfen.

Dass sie die Binnenflächen einzelner Buchstaben wegließen,

führte zu dem eigenwilligen Schriftbild. Das Layout innerhalb des vorgegebenen

Felds bzw. die Spationierung der Schrift folgt mathematischen

Gesetzmäßigkeiten und ist bis auf wenige Details sorgfältig

ausgeführt. Was Laien nicht sehen, fällt Grafikprofis jedoch auf. Es

wäre hilfreich gewesen, einen Typografen beizuziehen, um die kleinen

Schönheitsfehler zu eliminieren.

70



Die Beschriftung wurde vor Ort in die Eingangsfassade

betoniert und anschließend mit einem

basalthaltigen Kellenwurf überzogen.

72


Das Ensemble schmiegt sich in das Gelände ein,

die Dächer sind mit Erde und Gras bedeckt.

Die Beschriftung war von Beginn an Teil des architektonischen

Programms.

73


Projekt 17

RAKETE

BASEL CH / 2012

Architektur

Typografie

BAUBÜRO IN SITU / NRS TEAM

( BASEL CH / ZÜRICH CH )

HAUSER, SCHWARZ ( BASEL CH )

Seit 2012 gibt es in Basel eine Raumstation. Von hier aus starten Jungdesigner

ins weite Universum der Kreativwirtschaft. Damit der Start ins

Unternehmertum möglichst gut gelingt, erhalten sie Unterstützung von

der Basler Christoph Merian Stiftung, die das Ateliergebäude initiiert

und finanziert hat. Die Atelierplätze werden durch die Stiftung nicht

subventioniert; die Mietpreise sind jedoch aufgrund der günstigen

Bauweise sehr moderat. Die Infrastruktur ist einfach, aber adäquat,

und das umgebende Dreispitz-Areal ist äußerst inspirierend.

Die 32 Ateliers sind als Zwischennutzung auf zehn Jahre angelegt

und wurden – wie das 2009 auf einer Industriebrache in Zürich eröffnete

Basislager – aus einfachen Standard-Containern modular zusammengefügt.

Die Containersiedlung in Basel wurde jedoch – unter

anderem durch einen anthrazitfarbenen Anstrich – sanft veredelt,

was der zum Teil repräsentativen Funktion des Gebäudes entspricht.

Die Ateliersiedlung bildet das Eingangstor zum Dreispitz-Areal, bei

dem es sich um eines der größten Entwicklungsprojekte der Schweiz

handelt. Im Parterre ist das Modell der Arealtransformation öffentlich

ausgestellt; vom 17 Meter hohen Aussichtsturm können die Besucher

den Projektstand mit eigenen Augen überprüfen.

Die Architekten der Firma nrs-team GmbH betonten das Temporäre

der Anlage, indem sie Treppen und umlaufende Gänge aus

marktüblichen Baugerüsten konstruierten und mit Maschendraht

verkleideten sowie sämtliche Leitungen und Installationen sichtbar

ließen. Das Basler Gestalterduo Simon Hauser und David Schwarz

nahm diese architektonische Idee auf und entwickelte daraus eine

prägnante Leuchtschrift – und mehr noch: ein ganzes Corporate-

Design-Programm. Sie übertrugen die visuell dominanten Gerüststangen

des Baus auf die Unterkonstruktion der Hauptbeschriftung

und gleichzeitig das Modulare der Containersiedlung auf die Fläche,

die jedes Zeichen einrahmt. Diese beiden Elemente bilden ein visuelles

Baukasten system, aus dem alle weiteren Anwendungen (Website,

Innenbeschriftungen, Drucksachen etc.) abgeleitet werden können.

Die Front der Leuchtschrift und 5 cm der insgesamt 12 cm tiefen

Zargen sind deckend anthrazitfarben lackiert. Das Licht tritt aus den

restlichen 7 cm der Zargen und aus der Rückseite aus, wodurch die

weiß lackierte Unterkonstruktion betont wird. Ein Element, das sonst als

notwendiges Übel behandelt wird – das Traggerüst –, wird hier quasi

zum Star erhoben, den eine geradezu magische Aura umgibt.

Was hier zuletzt angesprochen wird, stand ganz am Anfang des

Projektes: der Name. Der etwas nostalgische Begriff Rakete war einer

(und übrigens der erste) von 150 Vorschlägen, die stiftungsintern evaluiert

und zum Teil kontrovers diskutiert wurden. Dass die Gestalter es

verstanden, die Beschriftungen visuell und konstruktiv kongenial mit

dem Namen zu verbinden, verhalf diesem letztendlich zur Akzeptanz.

Zündende Ideen brauchen manchmal Zeit, bis sie sich durchsetzen,

und vor allem: viel Raum.

98



Die Gestalter schlugen eine Flucht-nach-vorn-

Strategie ein. Statt das Traggerüst zu verstecken,

machen sie es zum Hauptakteur der Beschriftungslösung.

Diese passt bestens zum Ateliergebäude,

das aus Baucontainern und Standard-

Gerüsten besteht.

Erst bei der Bemusterung mit einem dunklen

bzw. hell gestrichenen Metall zeigte sich die

magische Wirkung.

Die Buchstaben leuchten nach hinten und betonen

das weiß lackierte Gestänge nachts

noch stärker.

100


Bemusterung vor Ort mit eindrucksvollem Kran.

Blick ins Innere eines Buchstabenkörpers, der

mit LEDs ausgelegt ist.

Aus der Erscheinung der Hauptbeschriftung

leiteten die Gestalter ein Corporate-Design-

System für das ganze Projekt «Rakete» ab (Logo,

Innenwegleitung, Geschäftspapiere etc.).

101


Projekt 23

HACKNEY EMPIRE THEATRE

LONDON GB / 2004

Architektur

Typografie

TIM RONALDS ARCHITECTS

( LONDON GB )

RICHARD HOLLIS ( LONDON GB )

Das Hackney Empire Theatre liegt im Herzen des Londoner Stadtteils

Hackney, gleich neben der alten Stadthalle, und ist eines der schönsten

gut erhaltenen Varieté-Theater Großbritanniens der Jahrhundertwende.

Der Architekt Frank Matchman hat es 1901 entworfen, und viele

berühmte Schauspieler und Musiker wie Charlie Chaplin, Stan Laurel

und Louis Armstrong sind in diesem Etablissement aufgetreten.

Für die Renovierung und die Erweiterung des unter Denkmalschutz

stehenden Theaters mit 1 400 Plätzen wurde ein internationaler

Wettbewerb ausgelobt, den Tim Ronalds Architekten für sich entscheiden

konnten. Sie erstellten an der prominenten Ecklage (Mare

Street und Wilton Way) zwischen 2001 und 2004 eine neue Bühne,

eine Hinterbühne und einen großen Infrastrukturbau mit einer äußerst

ausdrucksstarken Fassadenbeschriftung.

Gemäß Tim Ronalds war der Entwurfsprozess intensiv. Es war

ihm wichtig, auf das historische Gebäude Rücksicht zu nehmen und

gleichzeitig einen neuen Ort, einen Treffpunkt für die lokale Bevölkerung

zu schaffen. Der Erweiterungsbau sollte auf die Kubatur des

alten Teils Bezug nehmen und dennoch zeitgenössisch wirken. Das

Theater sollte auf seiner Fassade prominent beschriftet und seine

wechselnden Produktionen sollten kommuniziert werden können.

Für Tim Ronalds war es wichtig, die Beschriftung als integralen

Teil der Architektur und nicht in Form applizierter Zeichen zu lösen.

Die massiven Lettern bestehen zum einen aus demselben Material

wie der Untergrund und sind zum anderen auf einem leicht wirkenden

Trägergerüst montiert, das der Ingenieur Philip Cooper speziell für

diesen Zweck entwickelt hat.

In frühen Entwurfsphasen hatten die Architekten den Font Letraset

Compacta verwendet, zogen aber später für die konkrete

Ausgestaltung der Schriften den renommierten englischen Grafikdesigner

und -historiker Richard Hollis hinzu, der für diese Aufgabe

eine fette, eng laufende versale Schrift entwarf, die auf Headline-Schriften

von Zeitungsanzeigen sowie von Theaterplakaten der

Jahrhundert wende referiert.

Die gut 3,5 m großen, mit Terrakotta verkleideten Buchstaben

bestehen im Kern aus Beton und wurden auf schlanke Stahlträger

montiert. Obwohl sie sehr massiv wirken, scheinen sie vor der Fassade

zu schweben. Dieser Eindruck wird dadurch unterstützt, dass die

Endbuchstaben Y (von HACKNEY) und E (von EMPIRE) an der rechten

Seite der Fassade über die Gebäudekante hinausragen.

118


Die mehr als 3 Meter großen Buchstaben bestehen

aus einem mit Terrakotta bekleideten

Betonkern. Trotz ihrer Größe und ihrem Gewicht

scheinen sie vor der Fassade zu schweben.

119


Projekt 27

THE NEW SCHOOL

NEW YORK USA / 2014

Architektur

Typografie

SOM ARCHITECTURE

( NEW YORK USA )

INTÉGRAL RUEDI BAUR

( PARIS FR )

Das mit handgefertigten Messingschindeln verkleidete Gebäude des

renommierten Architekturbüros Skidmore, Owen and Merill an der

Kreuzung 5th Avenue und 14th Street in Manhattan weist eine besondere

Eigenschaft auf, die die Basis für die Herleitung der verwendeten

Fonts, der dreidimensionalen Hauptbeschriftung sowie der Orientierungselemente

im Innern des Gebäudes bildete. Auffällig am sonst

orthogonal ausgerichteten 16-stöckigen Baukörper sind die abgewinkelten,

tektonisch nach innen ausformulierten – quasi in die Fassade

eingedrückten – verglasten Erschließungsgänge. Diese rues intérieures

bilden vielfältige Aufenthaltszonen für die Studierenden und

Lehrenden und sind von außen gut ablesbar.

Dass die Schriftfamilie dreidimensional wirken und umfangreich

sein sollte, war aufgrund der Analyse der Architektur früh klar; es stellte

sich jedoch die Frage, welcher Font dazu am geeignetsten wäre. Nach

mehreren Tests entschieden sich die Designer für die Schrift Irma von

Peter Bilak als Basis ihrer Entwürfe. Es entstanden 14 Schriftschnitte

mit unterschiedlichen Schattenwürfen, die eine große Variabilität in

der Anwendung ermöglichten.

Die Idee, die Hauptbeschriftung, die als Skizze bereits im Wettbewerb-Projekt

von SOM im von außen gut einsehbaren, rot ausgekleideten

Eingangsbereich auf der ersten Etage positioniert war,

dreidimensional auszuformulieren, entstand nach der Entwicklung der

Fontfamilie. Der Designer David Thoumazeaux – einer von drei Produkt-

bzw. Industriedesignern bei intégral Ruedi Baur – realisierte die

konstruktiv komplexe Schrift auf der Basis von Skizzen von Ruedi Baur.

Sie bewegt sich in verschiedene Richtungen, wird im konisch zulaufenden

Gang nicht nur kleiner, auch die Zargentiefe nimmt ab. Zusätzlich

werden die Buchstabenformen in verschiedene Richtungen projiziert

und die Oberflächen weisen unterschiedliche Neigungen auf. Einzig

die Grundlinie der weißen Schrift bleibt konstant. In Kombination mit

der roten Farbe, die die Buchstabenkörper optisch mit der Trägerwand

verschmelzen lässt, garantiert sie eine visuelle Stabilität innerhalb der

allgemeinen Bewegtheit.

Dass es nicht einfach war, einen Metallbauer zu finden, der diesen

Schriftzug in die Realität umsetzen konnte, liegt auf der Hand. Ein

amerikanischer Schlosser baute die Buchstabenkörper und rüstete sie

lichttechnisch aus. Auch die Beleuchtung ist raffiniert gelöst: Vorne

sind die Buchstabenkörper offen; etwa 5 cm zurückversetzt wurden

transluzente Plexiglasscheiben eingesetzt, die das am Buchstabengrund

montierte LED-Licht gleichmäßig nach vorne verteilen. Dass

eine profane, primär informierende Beschriftung an Kunst grenzen

kann, ist nie auszuschließen: Turrell lässt grüßen.

Baur begegnet einer Innenstülpung der Fassade mit einer inneren

Ausstülpung – einer kommunikativ prägnanten Gegengeste. Er tut

dies jedoch, ohne die Fassade zu perforieren, nimmt Rücksicht auf die

strengen Signaletik-Vorgaben in Manhattan und zeigt gleichzeitig, wie

man aus diesen das Maximum rausholen kann. Das macht Eindruck.

130



Der dreidimensionale Schriftzug wurde auf die

rot gestrichene Rückwand des Eingangskorridors

im ersten Stock montiert.

Die Buchstabenkörper sind tektonisch äußerst

komplex und – auf den ersten Blick nicht sichtbar

– vorne offen. Das Leuchtmittel im Innern

wurde um einige Zentimeter zurückversetzt.

132


Die Erschließungskorridore wurden nach außen

an die Fassade verlagert. Die Hauptbeschriftung

wurde von außen nach innen verlegt.

Die dreidimensionale Schriftfamilie wurde aus

den abgewinkelten, nach innen formulierten

Erschließungszonen abgeleitet.

133


Projekt 25

BIBLIOTHEK COTTBUS

COTTBUS DE / 2004

Architektur

Typografie

HERZOG & DE MEURON

( BASEL CH )

HERZOG & DE MEURON

Jacques Herzog und Pierre de Meuron haben die Bibliothek Cottbus

als Solitärbau konzipiert. Als Landmarke drückt sie selbstbewusst

den Geist der jungen Universität aus; gleichzeitig verbindet sich das

Gebäude – unter anderem aufgrund seiner auffälligen, biomorphen

Form – auf vielfältige Weise mit der Umgebung. Die Architekten betonen,

dass der Baukörper aus der Analyse verschiedener Bewegungsabläufe

im Innern abgeleitet sei, beziehen sich aber auch auf das Bild

von Amöben. Diese Einzeller besitzen keine feste Form, sondern verändern

permanent ihre Gestalt, indem sie zur Fortbewegung Scheinfüßchen

(Plasmafortsätze) ausbilden. Das Bild passt gut, denn auch

die Erscheinung der Bibliothek verändert sich durch unterschiedliche

Lichtverhältnisse und je nachdem, von welcher Seite man sich ihr annähert.

Das Gebäude wirkt auf den ersten Blick geschlossen; eine

Geschossigkeit etwa ist tagsüber nicht zu erkennen, sondern wird erst

nachts durch die Beleuchtung sichtbar. Der Eingang liegt in einer in

die runde, glatte Haut eingeschnittenen Spalte und ist auf das Minimum

reduziert und dennoch markant.

Die Glasfassade wurde beidseitig mit einem weißen typografischen

Ornament bedruckt, das an die auf der Innenseite mit einem

Unruheraster aus Buchstaben bedruckten Bankcouverts erinnert,

durch das die Entschlüsselbarkeit von Inhalten beim Einscannen verhindert

werden soll. Durch dieses Muster, das aus mehreren übereinandergelegten

Schichten von verschiedenen Texten, Sprachen, Alphabeten

und Schrifttypen besteht, wird der Gebäudekörper gleichzeitig

homogenisiert und aufgelöst, und dies auf mehreren Ebenen. Das

Muster bricht die Reflexion auf dem Glas, mildert die harte Anmutung

des Materials und unterstützt damit die fließend- geschlossene

Weichheit der Form des Gebäudekörpers. Die Buchstaben sind nicht

mehr lesbar. Sie wurden von den Schriftlinien gelöst und stark abstrahiert.

Durch die Reduktion auf ihren bildhaften Ausdruck passen sie

sich der Architektur an, als all-over, d. h. flächen deckendes Muster,

lösen sie deren Tektonik ein Stück weit auf. Aus rein typografischer

Sicht ist ihre Formgebung nicht ganz befriedigend.

Auch wenn es nichts Konkretes zu lesen gibt, verweist die Fassade

auf das Innere des Gebäudes, kommentiert subtil seine Nutzung

als Bibliothek. Durch die Verwebung diverser Sprachelemente wird

der Schleier zu einer Art Metatext, der auf das immense Wissen, das

in Bibliotheken gespeichert ist und dem menschlichen Erkenntnisgewinn

dient, verweist. Während das Sprachgewirr die Fertigstellung

des Turms zu Babel verhindert hatte, wird es hier zum real gebauten

Ausdruck einer globalisierten Wissensgesellschaft.

124



Teil 3

ANHANG


VON DER INSCHRIFT

ZUM INTERFACE –

DER WANDEL DER

BESCHRIFTUNGSTECHNIKEN

S. 140

ANATOMIE DER

BUCHSTABEN

S. 145

GEBÄUDEBESCHRIFTUNGS-

TECHNIKEN –

RÄUMLICHE GRAFIK –

GRAFIK IM RAUM

S. 146

PROZESSE –

PROJEKTBETEILIGTE

UND PLANUNGSPHASEN

S. 158

LITERATUR

S. 162

BILDNACHWEIS

S. 165


1. 1

INSCHRIFTEN:

MEISSELN

1. 2

INSCHRIFTEN:

FRÄSEN / GRAVIEREN

1. 3

INSCHRIFTEN:

STRAHLEN

Gemeißelte Inschriften sind eine der ältesten

Beschriftungstechniken. Die Buchstaben werden

– meist in Form einer keilförmigen Vertiefung –

mit einem Meißel aus dem Stein gehauen. Die

dabei verwendeten Schrifteisen variieren je nach

Härte des Steins und dem gewünschten Schriftbild.

Solche Vertiefungen können zur Verbesserung

der Lesbarkeit farbig ausgemalt oder

vergoldet werden. Statt dieses Negativverfahrens

können Schriften auch vertieft-erhaben oder

freistehend-erhaben ausgeführt werden. Dabei

wird das Material rund um die Sujets weggemeißelt.

Steininschriften werden nicht mehr häufig

gemacht, da sie nicht verändert werden

können. Zudem sind sie teuer, denn der Arbeitsaufwand

der Steinmetze oder Bildhauer ist

– trotz druckluftunterstützter Werkzeuge – enorm.

Fassadenmaterialien wie Metall, Holz, Beton

und Kunststoff können mit CNC-gesteuerten¹

Fräsen bearbeitet werden. Sowohl Negativoder

Posi tivreliefe als auch sehr präzise und

kleinmaßstäbliche Schriften, Logos und Ornamente

sind mit dieser Technik problemlos

umsetzbar.

Weil früher ausschließlich Quarzsand als Strahlmittel

verwendet wurde, ist im Alltag noch

heute der Begriff «Sandstrahlen» gängiger als

«Druckluftstrahlen». Glas, Holz, Beton oder

Metall wird mit unter Druck gespritzten Schleifmitteln

– Sand, Glas, Korund, Aluminium oder

Chromoxid – gestrahlt. Die unterschiedliche Körnung

der Strahlmittel führt zu verschieden matten,

gröberen oder feineren Oberflächen strukturen.

Das Motiv wird mit einer Schutzfolie oder

mit Siebdruck auf den Un ter grund appliziert.

Diese Schicht deckt die Flächen ab, die nicht

gestrahlt werden sollen.

Auf Glas gestrahlte Motive sind etwas ganz

Besonderes. Sie wirken matt, nehmen jedoch

die Umgebungsfarbe auf und reagieren damit

auf die im Lauf des Tages wechselnden Lichtverhältnisse.

Bei Regen werden die gestrahlten

Scheiben fast vollständig transparent; die Bilder

und Schriften lösen sich teilweise auf.

1 Computerized Numerical Control

148


1. 4

INSCHRIFTEN:

KRATZEN / SGRAFFITO

1. 5

ÄTZEN

2. 1

FÜGEN:

MODULAR / FLACH

Bei der Sgraffitotechnik² werden Ornamente und

Schriften «al fresco»³, d. h. in einen mehrschichtigen,

noch nicht ausgehärteten Putz geritzt bzw.

gekratzt. Damit Texte und Zeichnungen in einem

ausreichenden Kontrast zum Putz stehen und

so gut wahrnehmbar sind, verwendet man für

Deck- und Grundputz verschiedene Farben.

Je nach zu beschriftendem Material werden unterschiedliche

Ätzmittel bzw. -techniken angewendet.

Teile, die nicht vertieft und mattiert

werden sollen, werden vorgängig mit einem

Abdecklack – auch Ätzgrund genannt – geschützt.

Bei der Hochätzung wird das Motiv

durch Abdecklack geschützt, bei der Tiefätzung

dessen Umgebung.

Glas wird mit Flusssäure geätzt. Je nach

Ätzdauer entstehen unterschiedliche Mattierungsgrade.

Die Oberflächenstruktur wird feiner

und brillanter als beim Druckluftstrahlen.

Auch Betonelemente können ähnlich bearbeitet

werden. Eine Folie wird mit Abbindeverzögerer

besiebdruckt und in die Betonschalung

gelegt. An den bedruckten Stellen wird der

Aushärtungsprozess des Betons verzögert. Die

Text- oder Bildmotive können nach dem Entfernen

der Schalung freigebürstet werden.

Leitende Metalle ätzt man elektrolytisch.

Eine Schablone mit dem Sujet wird auf das

zu beschriftende Werkstück gelegt und eine

elektrolytische Paste aufgetragen, bevor das

Metallstück an den Strom angeschlossen wird.

Die nicht abgedeckten Teile werden in die

Oberfläche des Metalls geätzt. Nach diesem

(Beschriftungs-)Prozess wird das Werkstück

mit einem Neutralisator behandelt.

Mit verschiedenfarbigen Ziegeln Dächer zu beschriften,

ist eine der ältesten modularen Beschriftungsformen.

Bauernhöfe wurden mit ihrem

Entstehungsjahr versehen, Fabriken mit ihren

Namen. Derselbe Effekt lässt sich durch die Verwendung

unterschiedlicher Back- oder Klinkersteine

bei Fassaden bzw. durch jedes modular

fügbare Material (Keramik-, Eternit-, Holz- oder

Metallelemente) erzeugen. Diese Schriften

nehmen so das digitale Prinzip quasi vorweg.

Jedes Element bildet einen physischen Pixel,

und es gilt: Je kleiner die einzelnen Elemente sind

und je dichter sie beisammenliegen, desto

präziser wird das Schriftbild.

1

2 Der Begriff Sgraffito ist vom italienischen

Verb sgraffiare, zu Deutsch kratzen,

abgeleitet.

3 Ital. ins Frische

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