Pressemitteilung - Universität Koblenz · Landau

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Pressemitteilung - Universität Koblenz · Landau

Ist das Krankenhaus Ev. Stift Koblenz ein „Krankenhaus der Zukunft“?

Ein „Krankenhaus der Zukunft“ aus architekturpsychologischer Sicht.

PD Dr. Rotraut Walden, Architekturpsychologin

University in Koblenz, Germany, walden@uni-koblenz.de

Tel. 0261/287-1930, Fax: 02621/18621

Bericht: Dennis Lamby & Fabienne Henrich

Der Begriff „Krankenhaus“ ist häufig mit negativen Assoziationen belegt. Gerade

Krankenhäuser gelten oft als Räume, die schon bei jungen Patienten zu traumatischen

Erfahrungen wie Stress und Angst beitragen können. Die Patienten werden aus ihrer

gewohnten Umgebung herausgerissen und haben Angst vor bevorstehenden invasiven

Eingriffen. Des Weiteren kann sich die Krankenhausgestaltung bei Patienten im

fortgeschrittenen Alter auf den Gesundheitszustand sowohl im positiven als auch im

negativen auswirken. Die Auswirkungen der Gestaltungsmaßnahmen auf die Gesundung der

Patienten zu untersuchen war das Ziel dieser architekturpsychologischen Studie, an der 34

Patienten, 75 Mitarbeiter und 43 Studierende („Experten“) mitgewirkt haben. Begleitet und

unterstützt wurde die Privatdozentin Dr. Rotraut Walden durch den studentischen Mitarbeiter

Ron Niedermowwe, sowie 25 Studierende des Seminars „Methoden der empirischen

Sozialforschung“. Die Gruppe wurde zusätzlich durch die „Fotografin“ Fabienne Henrich

unterstützt.

Abb.1: Luftaufnahme des Stiftungsklinikum Mittelrhein Standort Koblenz


Gebäudedaten:

• 1844 gegründet

• Seit 1996 Gesundheitszentrum

• Seit 2003 ist das Stiftungsklinikum Mittelrhein ein Verbundklinikum aus drei

Krankenhäuser: Ev. Stift St. Martin in Koblenz, Gesundheitszentrum zum heiligen

Geist in Boppard und Diakoniezentrum Paulinenstift in Nastätten

Ärzte, Patienten und Bettenzahlen:

• 356 Betten

• 92 Mitarbeiter im ärztlichen Dienst

• 400 Mitarbeiter im Pflegedienst

In dieser User-Needs Analysis im Stiftungsklinikum Mittelrhein Standort Koblenz wurden,

nach einen Rundgang durch das Gebäude, vielfältige Aspekte, die zur Heilung beitragen

sollen, in einem `Koblenzer Architekturfragenbogen´ beurteilt. Der Gang führte vom

Standort/Infrastruktur über die Fassade/Außenbereich, den Eingang, den Verkehrsbereich, den

Warte- und Aufenthaltsräumen für Patienten, der Intensivstation, dem Ambulanzbereich und

den Räumen der Palliativstation zu einem Gesamteindruck. Gezielte Kriterien für den Erfolg

von Krankenhäusern wurden zusätzlich erfasst. 3 offene Fragen ermöglichten eine ergänzende

Auswertung.

Die 5-stufigen Ratingskalen zu den Anzahlen von Items für die Patienten, die zu den

Stationen passen, 310 Items für das Personal und 310 Items für die Studierenden reichen von

�� = sehr gut (+2) über �� = mittelmäßig (0) bis �� = sehr schlecht (-2) und keine

Antwort möglich. Die Studierenden wurden anhand einer weiteren Ratingskala auch nach der

Wichtigkeit der Aspekte für ein „Krankenhaus der Zukunft“ befragt. Außerdem wurden auch

das Personal und die Patienten gezielt nach der Wichtigkeit der Wirkung des Gesamtgebäudes

auf die Beurteilungskriterien befragt. Als Methoden dienten der Facettenansatz, deskriptive

Maße, t-Tests sowie die Regressions- und Faktorenanalyse.

Aus den Ergebnissen konnten weitreichende Schlussfolgerungen für den Neu- und Umbau

von Krankenhäusern im Allgemeinen gezogen werden. So wurde ein Schema zur Beurteilung

der Qualität von Krankenhäusern anhand der Ergebnisse weiterentwickelt.

Das Klinikum trägt durch die individuelle Gestaltung zur Hoffnung auf ein Gesunden, dem

Gegenteil von erlernter Hilflosigkeit der Patienten bei.

Zu den Ergebnissen:

Alles in allem wurde die Klinik insbesondere von den Patienten und von den Studierenden

sehr positiv beurteilt, während das Personal die Gegebenheiten vor Ort weitaus kritischer sah.

Dass die Sichtweise der unabhängigen und in der Regel ebenfalls sehr kritischen Studierenden

sehr wohlwollend ausgefallen ist, unterstützt die ebenfalls sehr guten Urteile der Patienten,

die aufgrund von kognitiver Dissonanz unter Umständen auch negativere Aspekte im


Allgemeinen positiver beurteilen, da sie oftmals hilflos den örtlichen Gegebenheiten

ausgeliefert sind.

Ergebnisse aus Sicht von 43 Studierenden, die das Klinikum „vor Ort“ in Koblenz

beurteilten:

Abb.2: Ausfüllen der Fragebögen durch die Studenten Abb.3: Intensivstation

Zum Standort/Infrastruktur:

Als gut sind die Verkehrsanbindung (M=1,24) sowie die angrenzenden Restaurants und

Cafeterien (M=0,96) beurteilt worden.

Zur Fassade:

Die äußere Gestaltung wurde hierbei von den Studierenden als verbesserungswürdig

empfunden. Sie erhielt bei der Befragung einen Mittelwert von 0,07 und wurde somit als

negativster Aspekt der äußeren Fassade gesehen.

Zur Notaufnahme:

Die Gestaltung der Notaufnahme wurde von den Studenten durchweg als schlecht angesehen

(M = -0,76)

Die nicht vorhandenen Fenster (M = -0,63) tragen nach Meinung der Studenten zum

allgemeinen negativ gesehenen Gesamteindruck der Gestaltung der Notaufnahme bei.

Zur Palliativstation:

Durchweg herausragende Befragungs-Ergebnisse erzielte die Palliativstation, die von allen

Studierenden in allen Aspekten als äußerst positiv beurteilt wurde. Erwähnenswert wären

hierbei die als sehr gut bewertete Leistung des Personals (1,85) sowie der erste Eindruck bei

Betreten der Station (1,70).


Zur Intensivstation:

Neben der Sauberkeit erzielten hier die besonderen Hygienemaßnahmen sehr gute

Befragungsergebnisse was sich in den Mittelwerten 1,8 bzw. 1,7 äußert.

Zum Gesamtgebäude:

Als sehr wichtig und sehr gut ist der Bereich der Ergotherapie (1,3) sowie die Kriterien

Sauberkeit (1,3) und die Gesamtleistung des Personals (1,1) von den 43 Studierenden beurteilt

worden.

Erwähnenswert ist, dass von den Studierenden in den Bereichen Notaufnahme, Bettenhaus

und Reha jeweils das Fehlen der für die Sicherheit und Mobilität einiger Patienten

unabdingbaren Handläufe bemängelt wurde.

Ergebnisse aus Sicht des Personals (75 Mitarbeiter des Krankenhauses von 492),

welches seinen Arbeitsplatz im Stiftungsklinikum Mittelrhein in Koblenz beurteilte:

Bei den Bewertungen des Personals ist zu erkennen, dass dieses insgesamt weitaus kritischer

urteilt, als die Studierenden und Patienten. Eine Begründung hierfür könnte in der täglichen

Auseinandersetzung mit ihrem Arbeitsplatz liegen.

Bei der Fassade wird als besonders negativ die Gestaltung der Grünanlagen (-0,35), sowie die

Rückzugsmöglichkeiten (-0,32) erachtet.

Zu der Notaufnahme:

Aus Sicht des Personals fehlt es bei der Notaufnahme an Rückzugsmöglichkeiten (-1,18),

damit eingeschlossen ist die negative Beurteilung der Privatheit (-1,0), sowie die Abgrenzung

und die Abgeschlossenheit des Wartezimmers (0,89)

Die Lage der Station im Krankenhaus jedoch wird vom Personal als positiv angesehen (0,44)

Zu dem Bettenhaus:

Das Bettenhaus wird allgemein negativ bewertet. Auffallend ist hierbei die schlechte

Beurteilung der Toiletten (-0,67), sowie die akustische und visuelle Intimsphäre der Betten

(0,87).

Zur Palliativstation:

Die Palliativstation erzeugt, wie auch schon bei den Studierenden, beim Personal durchweg

herausragende Befragungsergebnisse. Als besonders positiv wird neben dem ersten Eindruck

der Station (1,92) die Möblierung gesehen (1,83).

Zur Pobe:

Der Pobe überzeugt das Personal besonders aufgrund seiner Größe (1.67) und der Gestaltung

(1,60). Die Lärmbelästigung durch diverse Notsignale wird hingegen als störend und somit

negativ empfunden (-0,08). Dieser Aspekt wurde auch in der Intensivstation mit einem

Mittelwert von -1,07 bemängelt. Für beide Bereiche gilt jedoch, dass Notsignale auch in ihrer

Lautstärke unabdingbar sind.


Abb.4: Pobe/ Aufwachraum Abb.5; Parkanlage des Krankenhauses

Zur Onkologie:

Die Privatheit wurde im Bereich der Onkologie mit einem Mittelwert von -1,60 als sehr

negativ bewertet. Die vorhandenen Fenster, der Ausblick (0,60) und der daraus resultierende

natürliche Lichteinfall (0,80) wurden hingegen sehr positiv bewertet.

Zum Gesamtgebäude:

Die Ergotherapie (0,87) wurde hier, wie bereits von den Studierenden, als gut erachtet. Das

Personal sah zudem auch in der Kapelle einen Lichtblick und beurteilte sie mit einem

Mittelwert von 1,49. Allerdings erzielte die Belüftung mit einem Mittelwert von -0,45 kein

gutes Ergebnis.

Ergebnisse aus Sicht von 34 Patienten (von 356 Betten):

Für den Eingangsbereich gilt: Sowohl die Sauberkeit (1,24) als auch die zweckmäßige

Beleuchtung (1,17) wurden positiv eingeschätzt.

Zur Notaufnahme:

Wie bereits von den Mitarbeitern und den Studierenden bemängelt, wurden auch hier die

nicht vorhandenen Fenster (-0,25) und der damit verbundene Mangel an natürlichem

Lichteinfall (-0,19) als unzufriedenstellend angesehen.

Zum Bettenhaus:

Im Gegensatz zur Privatheit (-0,31) wurde die allgemeine Sauberkeit (1,0) insbesondere auf

den Toiletten (0,94) von den Patienten als gut angesehen.

Zur Palliativstation:

Diese Station schnitt bei jeder der drei Befragungsgruppen am besten ab. Die Patienten

bemängelten hierbei ausschließlich die individuelle Regulierbarkeit des Lichts (-1,0).

In den Teilbereichen Leistung des Personals, erster Eindruck, Orientierung und Wohlbefinden

erzielte diese Station jeweils den Höchstwert von 2,0.

Lediglich die Intensivstation konnte unter dem Aspekt Wohlbefinden ebenso den Höchstwert

erreichen.


Zu berücksichtigen ist hierbei jedoch, dass aufgrund der gegebenen Umstände auf der

Palliativstation, nur eine Person an der Befragung zu den hier genannten Aspekten teilnehmen

konnte.

Abb.6: Warteraum der Palliativstation Abb.7: Laufband im Rehabereich

Wie bereits die beiden Vorgängergruppen, bewerten auch die davon betroffenen Patienten die

nicht vorhandenen Handläufe in der Reha als negativ (-0,40).

Geldwert

Aus der Sicht der Studierenden:

In der Palliativstation wurde bereits die Ergonomische Anpassung verbessert. Hierfür wurden

finanzielle Mittel in Höhe von 467.267,52 Euro beanschlagt.

Des Weiteren soll in ferner Zukunft die individuelle Gestaltung in der Radiologie/Endoskopie

angegangen werden. Der Geldwert hierfür beläuft sich auf 387.619,65 Euro.

Aus der Sicht des Personals:

Die neue Möbilierung im Bettenhaus wird in Zukunft mit einem kalkulierten Betrag von

42.155,75 Euro versucht in die Tat umzusetzen.

Die Palliativstation schnitt nicht zuletzt wegen der im Rahmen der Generalüberholung

renovierten Toilettenanlagen sehr gut ab. Für dieses Vorhaben wurde ein Geldwert von

232.940,61 Euro veranschlagt.

Aus der Sicht der Patienten:

Aus der Sicht der Pateinten ist die Relevanz der Abgrenzung sowie der Abgeschlossenheit des

Wartezimmers in der Notaufnahme mit einem Beta-Koeffizienten von 0,451 als recht hoch

angesehen. Diese durchaus schwierige Umgestaltung der Notaufnahme würde eine Investition

von 92.597,43 Euro mit sich bringen.

Dagegen wurden die Therapiemöglichkeiten in der Physikalischen Therapie/Reha bei einem

Geldwert von 194.844,41 bereits realisiert.


Zusammenfassung:

Alles in allem wurde das Klinikum insbesondere von den Patienten und den Studierenden als

gelungen beurteilt, während das Personal kritischer urteilte. Dass die Sichtweise der

unabhängigen und in der Regel ebenfalls sehr kritischen Studierenden sehr wohlwollend

ausgefallen ist, unterstützt die ebenfalls guten Urteile der Patienten, besonders in der

Palliativstation. Diese positiven Ureile lassen sich dadurch begründen, dass die Patienten

oftmals hilflos den gegebenen Umständen im Klinikum ausgesetzt sind.

Auffallend ist, dass die Stationen, die im Stiftungsklinikum Mittelrhein erst kürzlich renoviert

wurden, bei allen Beurteilten der drei Gruppen am besten abgeschnitten haben. Hierzu

gehören die Pobe, die Rehastation, sowie die Palliativstation, welche jeweils gute bis sehr

gute Ergebnisse erzielten. Daraus erschließt sich der Eindruck, dass die Gesundung der

Patienten durch die Gebäudegestaltung unterstützt wird und die Leistung des Personals durch

Gestaltung des Klinikums gefördert werden kann. Das Wissen über die Wichtigkeit der

kontinuierlichen Neu- und Umgestaltung ist somit Grundvoraussetzung auf dem Weg ein

„Krankenhaus der Zukunft“ zu werden.

Schon Winston Churchill erkannte den Zusammenhang, zwischen der besagten Gestaltung

eines Gebäudes und dem damit verbundenen Wohlfühlfaktor der Personen, die sich in diesem

Gebäude aufhalten: „First we shape our buildings and afterwards our buildings shape us.“


Wir bedanken uns herzlich bei:

• Verwaltungsrat Dr. Hans D. Fricke

• Geschäftsführung Lutz Hecht

• Geschäftsführung des Ärztl. Vorstandes Dr. Johann Paula

• Pflegedirektion Katja Schwenk

• Ambulante Pflege Doris Seis

• Personalleitung Konrad Einig

• Verwaltungsleitung Jürgen Schlepper

• Leitung Technik, Service, Bau Kristian Brinkmann

• Leiter Bau Robert Maniel-Hirschböck

• Prof. Dr. Ralph Naumann (Klinikdirektor u. Chefarzt)

• Dipl.-Psych. Renate Hülsmann

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