architektur FACHMAGAZIN People #7
Zum siebten Mal versammelt die Sonderausgabe „People“ die Stimmen, Visionen und Erfahrungen von Architekturschaffenden, deren Ideen und Ansätze die gegenwärtige Baukultur prägen und diese über rein funktionale Grenzen hinaus erweitern. In dieser Ausgabe stehen nicht die Gebäude im Mittelpunkt, sondern die Menschen, die sie entwerfen, sowie die Geschichten hinter ihrer Arbeit. Architektur ist weit mehr als das Errichten von Strukturen – sie ist eine zutiefst menschliche Disziplin, die unser Leben und die Umwelt, in der wir uns bewegen, formt. Diese Überzeugung bildet den Leitgedanken dieser Ausgabe. Mit 14 ausführlichen Interviews tauchen wir tief in die Gedankenwelt von Architekturpersönlichkeiten ein, die sich nicht nur durch ihre Projekte, sondern auch durch ihre Haltung, Visionen und ihren Mut auszeichnen.
Zum siebten Mal versammelt die Sonderausgabe „People“ die Stimmen, Visionen und Erfahrungen von Architekturschaffenden, deren Ideen und Ansätze die gegenwärtige Baukultur prägen und diese über rein funktionale Grenzen hinaus erweitern. In dieser Ausgabe stehen nicht die Gebäude im Mittelpunkt, sondern die Menschen, die sie entwerfen, sowie die Geschichten hinter ihrer Arbeit.
Architektur ist weit mehr als das Errichten von Strukturen – sie ist eine zutiefst menschliche Disziplin, die unser Leben und die Umwelt, in der wir uns bewegen, formt. Diese Überzeugung bildet den Leitgedanken dieser Ausgabe. Mit 14 ausführlichen Interviews tauchen wir tief in die Gedankenwelt von Architekturpersönlichkeiten ein, die sich nicht nur durch ihre Projekte, sondern auch durch ihre Haltung, Visionen und ihren Mut auszeichnen.
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FACHMAGAZIN
WISSEN, BILDUNG, INFORMATION FÜR DIE BAUWIRTSCHAFT
Erscheinungsort Vösendorf, Verlagspostamt 2331 Vösendorf. P.b.b. 02Z033056; ISSN: 1606-4550
PEOPLE
#7
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3
Intro
Vierzehn auf
einen Streich
Zum siebten Mal versammelt die Sonderausgabe „People“ die Stimmen, Visionen
und Erfahrungen von Architekturschaffenden, deren Ideen und Ansätze die
gegenwärtige Baukultur prägen und diese über rein funktionale Grenzen hinaus
erweitern. In dieser Ausgabe stehen nicht die Gebäude im Mittelpunkt, sondern
die Menschen, die sie entwerfen, sowie die Geschichten hinter ihrer Arbeit.
Architektur ist weit mehr als das Errichten
von Strukturen – sie ist eine zutiefst
menschliche Disziplin, die unser Leben und
die Umwelt, in der wir uns bewegen, formt.
Diese Überzeugung bildet den Leitgedanken
dieser Ausgabe. Mit 14 ausführlichen
Interviews tauchen wir tief in die Gedankenwelt
von Architekturpersönlichkeiten
ein, die sich nicht nur durch ihre Projekte,
sondern auch durch ihre Haltung, Visionen
und ihren Mut auszeichnen.
Unsere Reise beginnt mit Arno Ritter, der
seit Jahrzehnten die Architekturvermittlung
durch Ausstellungen und Programme
belebt. In unserem Gespräch beschreibt er
Architektur als ein „synästhetisches Phänomen“
und reflektiert, wie unsere Wahrnehmung
von Raum weit über das Visuelle
hinausgeht. Dieser Ansatz findet Parallelen
in den Arbeiten von Teresa Stillebacher, die
in ihrer interdisziplinären Praxis Architektur
und Kunst miteinander verwebt und auf innovative
Weise gesellschaftliche und ökologische
Fragen behandelt.
Ein zentrales Motiv der Gespräche ist die
Verantwortung gegenüber Umwelt und
Gesellschaft. Im Interview mit Catherine
de Wolf, Professorin an der ETH Zürich,
diskutieren wir die Kreislaufwirtschaft und
wie zirkuläres Bauen durch digitale Technologien
nicht nur wirtschaftlich, sondern
auch kreativer gestaltet werden kann. Diese
Haltung spiegelt sich auch bei Dominik
Scheuch wider, der in seinem Landschaftsarchitekturbüro
YEWO LANDSCAPES innovative
Ansätze entwickelt, um auf den
Klimawandel zu reagieren und neue Wege
in der Landschaftsarchitektur zu eröffnen.
Klaus Ransmayr von Delta Pods Architects
reflektiert über die Notwendigkeit,
ökologische Verantwortung in den Fokus
von Architekturprojekten zu rücken, und
hebt die Bedeutung der Teamarbeit auf
Augenhöhe hervor, um die Vision der Projekte
gemeinsam zu verwirklichen. Auch
dem Architekturbüro KENH gelingt es mit
seinem starken interdisziplinären Ansatz
und teamorientierter Arbeitsweise sowie
dem Fokus auf nachhaltige Bauweisen, die
Bedürfnisse von Nutzern und Umwelt gleichermaßen
zu berücksichtigen.
Dieses Verantwortungsbewusstsein zieht
sich durch die gesamte Architektur-Community
und beeinflusst zahlreiche Stimmen
und Perspektiven. So spricht auch die österreichische
Architekturikone Albert Wimmer
leidenschaftlich über die Verantwortung,
die Architektur für das Gemeinwohl
trägt. Seine Vision, stets neue Lösungen zu
suchen, findet ein Echo bei silberpfeil-architekten,
die durch Nutzerorientierung
und Dynamik neue Wege beschreiten. Die
Offenheit gegenüber Veränderungen und
der hohe Anspruch an Qualität und Nutzerfreundlichkeit
spiegeln sich auch in ihren
Projekten wider.
Ebenfalls spannend ist der generationenübergreifende
Dialog in der Architekturpraxis.
So sprechen mohr niklas architekten
über ihr Verständnis eines partnerschaftlichen,
nicht-hierarchischen Umgangs, der
den Kern ihrer Zusammenarbeit bildet und
in dem das architektonische Ergebnis aus
einem gemeinsamen Prozess entsteht.
Eine weitere Facette dieser Ausgabe ist die
kulturelle Verwurzelung im regionalen Kontext.
Besonders deutlich wird dies im Interview
mit Nina Beck, die traditionelle Bauweisen
des Bregenzerwaldes mit modernen
Holzbautechniken kombiniert. Auch das
Vorarlberger Büro Ludescher + Lutz integriert
Handwerk und Tradition in ihre Projekte
und versteht Architektur als Resonanzraum,
der im Einklang mit der Umgebung
stehen muss. Diese Haltung, Architektur als
Antwort auf lokale Gegebenheiten zu begreifen,
zieht sich durch viele der Gespräche
und zeigt die Vielfalt der Ansätze, die
das Bauen wesentlich beinflussen. Tradition
und Moderne, Verantwortung und Innovation
– diese Spannungsfelder prägen auch
das Schaffen von Moser und Hager, die sich
vorrangig der Herausforderung widmen,
historische Gebäude an moderne Anforderungen
anzupassen.
Einen Abstecher machen wir auch in die
Welt der Büroarchitektur und stellen die
Frage, wie der Arbeitsplatz der Zukunft
gestaltet werden sollte. Natalie Pichler
und Jürgen Holler von OFFORA setzen auf
ganzheitliche, nutzerzentrierte Konzepte,
die nicht nur funktional, sondern auch ästhetisch
und zukunftsweisend sind – ein
Ansatz, der in Zeiten von Homeoffice und
Flexibilität aktueller denn je ist.
Die Gespräche in dieser Ausgabe verdeutlichen,
dass es nicht um das „Bauen an sich“
geht, sondern um die Frage, wie wir als Gemeinschaft
in Zukunft leben, arbeiten und
unsere Umwelt gestalten wollen.
Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen mit
dieser besonderen Ausgabe.
Andreas Laser
MEDIENINHABER UND HERAUSGEBER Laser Verlag GmbH; Ortsstraße 212/2/5, 2331 Vösendorf, Österreich
CHEFREDAKTION Andreas Laser(andreas.laser@laserverlag.at) REDAKTION Linda Pezzei, Edina Obermoser, Roland Kanfer LEKTORAT Heidrun Schwinger
GESCHÄFTSLEITUNG Silvia Laser (silvia.laser@laserverlag.at) MEDIASERVICE Nicolas Paga (nicolas.paga@laserverlag.at) Tel.: +43-1-869 5829-14
GRAFISCHE GESTALTUNG Andreas Laser DRUCK Bauer Medien & Handels GmbH
architektur PEOPLE
4
Inhalt
PEOPLE
Der Körper und der Raum
Arno Ritter über den Mythos des Auges
in der Architekturvermittlung
Mit Herzblut& Engagement
Interview mit Günter Mohr und Markus Niklas
von mohr niklas architekten
Mut zurTransformation
Interview mit Dominik Scheuch
von YEWO LANDSCAPES
(K)eine Zeit fürArchitekturikonen?
Interview mit Architektin Nina Beck
Architektur und Technik müssen zusammenfließen
Interview mit Klaus Ransmayr
von Delta Pods Architects
Die Kunst des Weiterbauens
Interview mit Anna Moser und Michael Hager
von Moser und Hager
Es ist wichtig, dass Architektur Fragen stellt
Interview mit Eric-Emanuel Tschaikner,
Kim Tien und Natalie Neubauer
vom Büro KENH Architekten
Gute Architektur beinhaltet drei Schritte
Interview mit Architekt Albert Wimmer
Auf der Suche nach neuen Lösungen
Interview mit Peter Rogl, Christian Koblinger
und Christina Lang von Silberpfeil Architekten
Pionierprojekt für echte Kreislaufwirtschaft
Interview mit Christophe Lenderoth,
Marcel Bartsch und Moritz Feid
In Resonanz mit der Umgebung
Interview mit Elmar Ludescher und Philip Lutz
von Ludescher + Lutz
Mehr Home im Office
Interview mit Natalie Pichler von OFFORA
Abseits jeglicher Schubladen
Interview mit Teresa Stillebacher
Durch Wiederverwendung zu kreativeren Lösungen
Interview mit Catherine de Wolf
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architektur PEOPLE
6
Arno Ritter
Der Körper
und der Raum
Arno Ritter über den Mythos des Auges in der Architekturvermittlung
Interview: Linda Pezzei
Der Architekturvermittler Arno Ritter studierte Publizistik,
Geschichte und Philosophie an der Universität Wien.
Zuerst Sekretär der Österreichischen Gesellschaft für
Architektur, leitet er seit 1995 den Ausstellungsraum „aut.
architektur und tirol“ in Innsbruck, wo er Ausstellungen
und Programme entwickelt, die sich mit Architektur und
anderen gestalterischen Themen auseinandersetzen. Ritter
war Kommissär der Architektur-Biennale Venedig 2012 und
hatte Lehraufträge an der Universität Innsbruck und der
Universität für Angewandte Kunst in Wien. Darüber hinaus
ist der gebürtige Wiener auch als Autor und Herausgeber
tätig, mit einem Fokus auf Architektur, Fotografie und
Kunst. In seinem Vortrag „Der Körper und der Raum“ im
Rahmen des 30-jährigen Jubiläums des aut beleuchtete
dessen langjähriger Leiter die Architektur als „ein synästhetisches
Phänomen, das nicht nur mit den Augen erfahren
wird“. Im Gespräch gewährt Ritter Einblicke, wie sich die
sinnliche Erfahrung von Architektur auch auf die Konzeption
von Ausstellungen übertragen lässt.
Aus dem Vortrag: Architektur geht
im wahrsten Sinne unter die Haut.
Mit der Erfindung der Zentralperspektive
begann allerdings das visuell
zentrierte Denken von Architektur
und Stadt zu dominieren. Betrachtet
man heute Renderings, Architekturfotografie
und das Bilderrauschen
auf Instagram, so kann man
erkennen, dass die Vermittlung von
Architektur vorwiegend bildlastig
geworden ist und alle anderen Sinneswahrnehmungen
ausgeblendet
werden. In der Architekturkritik, in
Ausstellungen und Büchern dominiert
die Sprache des Sehens und
des geschönten Scheins, ohne Spuren
des alltäglichen Lebens.
© Florian Lechner
www.architektur-online.com
7
Arno Ritter
Wie reagieren Sie in Ihrer Arbeit der
Architekturvermittlung auf dieses
Phänomen?
Es gibt unterschiedliche Ansätze
von Ausstellungen. Wenn man mit
dem Material der Architekt:innen –
also mit Plänen, Skizzen, Modellen,
Fotografien, Filmen und Texten über
die Projekte – arbeitet, tendiert man
dazu, Architektur mit „Abfallprodukten“
deren Produktion oder ihrer
Vermittlung zu zeigen. Eine andere
Möglichkeit besteht darin, eine Ausstellung
als ein eigenständiges architektonisches
Projekt zu konzipieren,
wie jene mit selgascano arquitectos,
die in unsere Räume ihre architektonische
Haltung eingeschrieben
haben. Diese Art von Präsentation
macht deren Vorstellungen von Architektur
mit allen Sinnen spür- und
erlebbar. Ich verstehe eine derartige
Herangehensweise als eine Art der
Übersetzung von architektonischen
Haltungen in einen Raum. Es entsteht
eine synästhetische Erfahrung,
da sich die Besucher:innen IN der Architektur
befinden und diese unvermittelt
wahrnehmen können.
Treppen, Brücken,
schiefe Ebenen – alle
Räume des aut, umgebaut
von Volker
Giencke, 2015
Aus dem Vortrag: Insofern spielt für
mich beim Konzipieren von Ausstellungen
eine zentrale Rolle, wie man
unterschiedliche sinnliche Aspekte
von konkreter, letztlich aber physisch
abwesender Architektur in einen
Raum abseits von Bildmedien auch
haptisch, materiell, atmosphärisch,
akustisch oder olfaktorisch übersetzen
kann. Es geht dabei um das
Erzeugen einer inhaltlichen wie atmosphärischen
Dichte, die berühren
und das Abwesende vermitteln soll.
Architekturausstellungen sind Orte
der Verdichtung von gestalterischem
Denken, bieten gesellschaftspolitische
Konzepte und räumliche Lösungen
an und kreieren eine „Stimmung“,
die im Idealfall dazu führt, sich die
Bauten vor Ort anzusehen.
Wie nehmen die Gäste des aut
dieses Angebot an?
Bei der Konzeption von Ausstellungen
ist für mich wichtig, dass Besucher:innen,
die wenig Zeit haben,
einen guten Überblick erhalten, aber
andere theoretisch auch stundenlang
in der Ausstellung verweilen können.
Extrem gesagt: Wer möchte, kann
die momentan laufende Installation
„unstable zones“ drei Monate lang
sieben Stunden am Tag besuchen,
da sie über die Ausstellungsdauer,
je nach Witterung und Tageszeit,
ganz unterschiedlich erscheint. Vor
einigen Jahren hatten wir für die
Ausstellung „konstantmodern“ alle
Räume im Sommer abgedunkelt und
damit von der Außenwelt abgeschottet,
um den Fokus auf die Interviews
und die Projekte der Ausgestellten
zu lenken. Dabei konnte ich beobachten,
wie einige Besucher:innen, die
eigentlich nur kurz bleiben wollten,
nach Stunden völlig vertieft aus der
Ausstellung „gewankt“ sind. Es geht
also darum, wie man Räume dramaturgisch
in einer Weise bespielt, sodass
für ein hastiges Publikum ein informativer
erster Eindruck entsteht,
aber auch eine Angebotsdichte für
jene Personen vorhanden ist, die tiefer
in die Thematik eintauchen und
sich darin verlieren wollen. u
© Wett
© B&R
Netzinstallation von Numen/for Use, 2015
architektur PEOPLE
8
Arno Ritter
© Wett
Vier, durch die Öffnungen der ehemaligen Sudkessel ragende Türme, die zentrale
Fragen der Gestaltung unserer Zukunft aufwerfen – realisiert von MVRDV, 2019
© Wett
Die Ausstellung „SelgasCano Arquitectos: Unstable Zones“ verwandelte das aut in
eine sinnliche Installation, 2024
Aus dem Vortrag: Grundsätzlich
stellt sich bei jeder Ausstellung die
Frage, was ausgesagt werden soll
und mit welchen Mitteln man eine
„Geschichte“ erzählen will. Ähnlich
einem Bühnenbild werden Versatzstücke
des Realen arrangiert, um
eine architektonische Aussage spürbar
zu machen, indem unterschiedliche
Objekte räumlich in Beziehung
gesetzt werden, oder der Raum als
Thema architektonisch gestaltet
bzw. transformiert wird. Letztendlich
sind Inhalt und Form nicht trennbar
und bedingen einander, denn Inhalt
wird Form und Form ist Inhalt – beides
zusammen bedeutet Information
und Kommunikation.
Welche Rolle spielt also der Raum
des aut an sich?
Die Räumlichkeiten des ehemaligen
Sudhauses der Brauerei Adambräu,
die wir seit 2005 nutzen und bespielen
dürfen, sind zwar schwierig
zu bespielen und funktional suboptimal,
aber perfekt für unsere
Nutzung. Die verschiedenen Ebenen,
die über Galerien und Treppen
verbunden sind, eröffnen phantastische
Möglichkeiten. Ein besonderes
Highlight sind die vier „Löcher“
der ehemaligen Sud kessel, die zwar
temporär geschlossen sind, aber immer
wieder für Ausstellungen geöffnet
werden können. Begehbare Installationen
wie „unstable zones“ von
selgascano, „Tube Innsbruck“ von
Numen/For Use, „eins zu zwei – zwei
zu eins“ von the next enterprise und
Eoos oder die komplexe Raumtransformation
von Volker Giencke haben
unsere Räume über die Jahre in vielen
verschiedenen Facetten gezeigt
und bewiesen, dass die Vermittlung
von Architektur räumlich spannend
sein kann.
Aus dem Vortrag: Im Gegensatz zur
Dominanz des visuellen Aspekts von
Architektur, kommt der Hand in der
Vermittlung derselben eine zentrale
Funktion zu, sowohl was Ausstellungen
wie das reale Erleben von
Gebäuden betrifft. Jede Architektur
ist von ihrer spezifischen Materialität
geprägt, die entweder weich oder
hart, rau oder glatt, reflektierend
oder matt, sinnlich oder aseptisch,
anziehend oder abweisend ist und
die über den ganzen Körper wahrgenommen
wird.
Welche Ausstellungen im aut sind Ihnen
in diesem Kontext in Erinnerung?
Wir hatten einmal eine Ausstellung
von Miller + Maranta mit schönen
Flügelmappen, in die lose Blätter aus
büttenartigem Papier zum Durchblättern
eingelegt waren. Zu Anfang hatten
wir die Befürchtung, dass wir einige
nachdrucken lassen müssten, dazu
bestand aber trotz mehr als 2.000
Besucher:innen keine Notwendigkeit.
Denn je qualitativer und hochwertiger
der Widerschein des gewählten
Materials ist, desto sensibler gehen
die Besucher:innen in der Regel damit
um. Nichts ist sinnvoller, als wenn Besucher:innen
Architekturausstellungen
„angreifen“ und damit körperlich
begreifen können.
Aus dem Vortrag: Der perfekte Ort
der Architekturvermittlung ist letztendlich
das Bauwerk selbst, sein
Kontext und seine Räume. Denn dort
erfährt man mit allen Sinnen und
durch die eigene körperliche Bewegung
das, worum es eigentlich geht.
Im Idealfall besucht man ein Gebäude
oder einen öffentlichen Raum
nicht nur einmal, sondern immer
wieder, sowohl an Regentagen, in
Winterstunden oder unter der Sommersonne,
um möglichst viele Stimmungen,
Qualitäten oder Defizite zu
erfahren. Darüber hinaus gibt es keine
bessere Methode, um Architektur
zu überprüfen als die Nutzer:innen
zu beobachten, wie sie sich in den
architektonischen Konzepten verhalten
und diese auch Jahre später
beleben. Denn gute Architektur ist
im besten Sinne Hintergrund für das
Leben und bereichert dieses. •
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architektur PEOPLE
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mohr niklas architekten
© Michael Teso
Mit Herzblut
& Engagement
Interview mit Günter Mohr und Markus Niklas
Interview: Linda Pezzei
mohr niklas architekten verstehen sich als Generationen-Unternehmen.
Während Günter Mohr bereits seit
2006 selbständig arbeitet, ist Markus Niklas seit 2013 im
Team und seit 2023 Partner im Büro. Ein Miteinander auf
Augenhöhe wird dabei nicht nur in dem rund 12-köpfigen
Team gepflegt, sondern auch gegenüber allen Projektpartnern:
„Wir gehen nie dogmatisch oder formal an
Aufgaben heran – die Lösung steckt im Problem. Am
kritischsten sind wir dabei immer mit uns selbst.“ Mohr
und Niklas ist dabei besonders wichtig, in ihrer Rolle als
Architekten das große Ganze im Blick zu behalten, auch
wenn dem Duo bewusst ist, dass es für einzelne Fachdisziplinen
Spezialisten braucht. In ihrer täglichen Arbeit
scheuen sie nicht davor zurück, Verantwortung zu übernehmen
und Initiative zu ergreifen, um ihre Architektur
mit Leidenschaft und Herz zu planen.
„Ein Haus baut man immer gemeinsam“
– was bedeutet dieses Motto
für Sie?
Markus Niklas: Der Satz unterstreicht
unseren Teamgedanken:
Im Büro darf sich jede Mitarbeiterin
und jeder Mitarbeiter einbringen. Wir
wollen alle mitnehmen auf die Reise
und gemeinsam auf Augenhöhe an
unseren Projekten arbeiten. Da geht
es also weniger um Druck und Vorgaben
von oben herab, sondern um
die Motivation jedes Einzelnen.
Günter Mohr: Jeder soll und darf
Verantwortung übernehmen, sein
Herzblut in die Arbeit stecken, um
am Ende gemeinsam zu bauen. Uns
geht es um die Wertschätzung des
Gegenübers – seien es die Bauherren,
Nutzer oder Fachplaner. Am
Ende schließt sich der Kreis und wie
man so schön sagt: Man trifft sich
immer zweimal im Leben. Auch Fehler
müssen also möglich sein, das ist
menschlich und erfordert von allen
Seiten ein gewisses Maß an Verständnis.
Wenn wir damit offen umgehen,
können wir letztlich alle nur
lernen und wachsen.
Markus Niklas: Das ist die einzige
Möglichkeit, wie eine gute Zusammenarbeit
funktionieren kann.
www.architektur-online.com
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mohr niklas architekten
Günter Mohr: Dieses Vertrauen
aufzubauen, ist aber gerade bei öffentlichen
Bauherren oft schwierig,
da man meist nur einmal gemeinsam
baut und Folgeprojekte über neue
Wettbewerbe ausgeschrieben werden.
Wenn es uns aber trotzdem gelingt,
ein Bewusstsein für ein gutes
Miteinander zu schaffen, ist schon
viel erreicht. Bei unserem Projekt
Ágnes-Heller-Haus und dem Haus
der Physik arbeiten wir zufällig wieder
mit den gleichen Beteiligten zusammen
– da profitieren wir nun natürlich
von der bereits geschaffenen
Vertrauensbasis.
© Schreyer David
Die städtebauliche Leitidee des Ágnes-Heller-Hauses der Universität Innsbruck ist die Komprimierung
der Bebauung am Innrain und die konsequente Maximierung städtischer Raumreserven.
Sind Architekt:innen und Bauherren
einer solchen Denkweise gegenüber in
Ihren Augen generell offen eingestellt?
Markus Niklas: Ich würde sagen, das
kommt ganz auf die Personen an, die
involviert sind. Wir befinden uns hier
in einem offenen Wettbewerb und
man muss sich immer wieder messen,
das hält uns fit. Wir überlegen
aber durchaus, wie man Bauherren
dazu bringen kann, die Dinge möglichst
offen auszuschreiben, sodass
man für die beste Lösung empfänglich
bleiben kann.
Günter Mohr: Im Westen Österreichs
ist man vielleicht eher damit vertraut,
nicht nur auf die nackten Zahlen und
Fakten zu blicken. Die Frage ist doch,
was der Bauherr in einem Projekt
sieht – geht es um die reine Quadratmeterzahl,
die Kosten oder vielleicht
doch um die Qualität der Architektur?
Da müssen wir uns auch in der
eigenen Zunft an die Nase greifen,
© THIRD
wenn in der Vergangenheit oftmals
von oben herab gehandelt wurde.
Wenn der Bauherr weiß, was er will,
und das einfordern kann, dann wird
er letztlich profitieren. Da kommt es
wieder darauf an, wie geschult die
entsprechenden Personen sind. Ich
sage ganz provokant: Nehmt uns Architekten
(qualitativ) mehr aus! Um
mehr zu bekommen, als man wollte,
muss man dies aber natürlich auch
kommunizieren können …
Was, würden Sie sagen, war eines Ihrer
herausforderndsten Projekte?
Markus Niklas: Herausforderungen
gibt es eigentlich bei jedem Projekt,
mal große und mal kleine.
Günter Mohr: Es kommt darauf an,
wie man damit umgeht. Für das Ágnes-Heller-Haus
war im Wettbewerb
eine Tiefgarage gefordert. Wir konnten
über ein Mobilitätsgutachten zeigen,
dass es auch ohne diese geht
und das Geld sinnvoller für die Architektur
ausgegeben werden kann.
Uns ist es wichtig, Dinge zu hinterfragen,
das Vertrauen der Bauherren
zu gewinnen und auf menschlicher
Ebene zusammenzukommen.
Markus Niklas: Wir entwickeln Lösungen
oft aus Eigeninitiative und
aus dem Prozess heraus – das dient
letztlich nicht nur der Architektur,
sondern auch dem Bauherren.
Günter Mohr: Wie beim Haus der
Physik: Auch hier haben wir den Zugang
über den Städtebau gewählt
und erst einmal geprüft, was die
richtige Lösung für uns ist. Durch die
Nachverdichtung auf dem Grundstück
lässt sich die gesamte Fläche
nun besser ausnützen.
Markus Niklas: Unsere Analyse hat
Potenziale aufgedeckt, mit denen
Teile des Campus energetisch betrieben
werden können – solche Erkenntnisse
aufzugreifen und weiterzuspinnen,
zählt eigentlich nicht zu
den klassischen Architektenthemen.
Günter Mohr: Ich sehe uns als Generalisten,
die auch ohne Fachplaner erkennen
sollten, wie Dinge funktionieren.
Markus Niklas: Ganz ohne geht es
aber auch nicht …
Günter Mohr: Das ist klar, die Idee
kann aber auch vom Architekten
kommen. Wir sollten den Blick über
den Tellerrand haben und alles zusammenführen.
u
Das Haus der Physik am Campus Technik
folgt der Prämisse einer kompakten
Bauweise und eines schonenden Flächenverbrauchs
am Grundstück.
architektur PEOPLE
12
mohr niklas architekten
angeregt, um die Kunst in die Architektur
integrieren zu können. Durch
das zusätzliche Budget konnte der
von uns gestaltete Haupteingang
durch die Arbeit von Peter Sandbichler
optisch erweitert werden.
Schätzen Bauherren Ihre
Herangehensweise?
Günter Mohr: Ich denke, dass ein
solches Engagement nicht unbedingt
in die Breite getragen wird,
solange aber alle an einem Strang
ziehen und ein gutes Projekt dabei
herauskommt, ist das Erfolgserlebnis
genug für uns.
Markus Niklas: Unsere Bestätigung
besteht darin, dass Dinge umgesetzt
werden, dass sich auch gesellschaftlich
etwas tut.
Günter Mohr: Letztlich profitieren
alle, auch wir wachsen mit unseren
Projekten – und hoffen, dass in Zukunft
(noch) mehr Bauherren ihren
Weg von sich aus zu uns finden.
Markus Niklas: PR ist nicht unser
oberstes Ziel.
Günter Mohr: Wir beobachten, dass
vieles nur Schein ist – was ist schon
wirklich nachhaltig? Dafür gibt es
nicht ein einfaches, objektives Kriterium
– für das Haus der Physik wird
aus funktionalen Gründen Beton zum
Einsatz kommen; ein Physiklabor mit
Schwingungsanforderungen ist in
Holzbauweise ganz einfach nicht
realisierbar. Ein Holzbau ist nicht
immer die Lösung. Wir versuchen,
Architektur langlebig und nachhaltig
über den Lebenszyklus zu planen.
Ihre Projekte leben von einer starken
Ausstrahlung und klaren Architektursprache
– wie wichtig sind in diesem
Zusammenhang die Materialien
und Oberflächen?
Günter Mohr: Die Lesbarkeit der
Tektonik und die Wahl der Materialien
sind uns neben vielen anderen
Aspekten sehr wichtig.
© Schreyer David
Das Bürohaus Praterstern 4 stammt aus den frühen 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Unter
einem engen Kostenkorsett sollte die Würde des Gebäudes ins Heute getragen werden.
Markus Niklas: Vieles entsteht aber
auch aus der Notwendigkeit heraus,
robust und langlebig zu bauen, da
braucht es Materialien, die gut altern
und in ihrem Lebenszyklus nachhaltig
sind.
Günter Mohr: Wir stellen uns immer
die Frage, wieviel kann man roh belassen,
wie können wir mit der Wahl
der Oberflächen allen Nutzergruppen
gerecht werden? Ein Haus sollte
den ersten Fototermin überdauern,
dafür braucht es Service und Wartung
– das muss man vorab mit dem
Bauherren besprechen und den Weg
gemeinsam gehen.
Markus Niklas: Da hilft es wenig,
sich selbst zu belügen. Wir versuchen,
die Dinge schon früh zu Ende
zu denken.
Günter Mohr: Manchmal muss man
hierfür auch die Gelegenheit beim
Schopf packen – für das Ágnes-Heller-Haus
war relativ früh klar, dass
die BIG Kunst am Bau fördern wollte.
Also haben wir einen Wettbewerb
Ein Rat an alle Bauherren?
Markus Niklas: Man sollte Vertrauen
in die Planung und Mut zum Kontrollverlust
haben. Dinge einfach entstehen
zu lassen, ist oft schwer, das Ergebnis
den Weg aber fast immer wert.
Günter Mohr: Bauherren sollten sich
auch selber dahingehend bilden, was
sie fordern können. Das hängt natürlich
auch vom Architekten ab, man
sollte dem Glück aber immer eine
Chance geben – oder besser noch
des Glückes eigener Schmied sein.
Eine Ausbildung für Bauherren gibt
es leider nicht, die Herangehensweise
erfolgt immer von der Planerseite
her – wenn aber bei der Ausschreibung
schon vieles bedacht ist, kann
etwas Gutes entstehen. Diese Kompetenzen
geben viele Bauherren ab.
Markus Niklas: Es ist ein Irrglaube,
dass große Strukturen und juristische
Konstrukte Sicherheit geben
oder man sich Sicherheit erkaufen
kann – diese Konstrukte kosten nur
viel – vor allem die eigene Kontrolle.
Günter Mohr: Einen Wettbewerb
von Juristen ausschreiben zu lassen:
Was soll das bringen? Diese falsche
Sicherheit macht die Architektur
nicht besser oder billiger. Bauherren
sollten lieber mit Mut für sich selbst
bauen und wissen, was sie wollen.
Dafür brauchen sie inhouse eine Kultur
der Offenheit und die Kompetenz,
um diese umzusetzen.
•
www.mohr-niklas.at
Die Architektur der Haltestelle Neulengbach zeichnet sich durch eine moderne
und funktionale Gestaltung aus, die sowohl den ästhetischen als auch den praktischen
Anforderungen eines öffentlichen Verkehrsknotenpunkts gerecht wird.
© Schreyer David
www.architektur-online.com
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querkraft
Bonfiglioli, Bologna - Foto © Alex Filz
Wir gestalten die Zukunft
Zukunft braucht Veränderung, und großartige Ideen verlangen nach Umsetzung. Unser Herz schlägt für
außergewöhnliche Projekte aus Stahl und für Fassaden, die jegliche Vorstellungskraft sprengen.
Die Zukunft ist jetzt. www.pichler.pro
© querkraft - Lisa Rastl
architektur PEOPLE
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YEWO LANDSCAPES
Mut zur
Transformation
Interview mit Dominik Scheuch von YEWO LANDSCAPES
Interview: Edina Obermoser
An der BOKU der „Künstler“, an der TU
der „Öko“ und an der Angewandten der
„Techniker“ – bereits während seiner
Studienzeit ging es Dominik Scheuch
darum, über den Tellerrand zu schauen
und interdisziplinär zu denken. An diesem
Ansatz hält er mit seinem Wiener
Landschaftsarchitekturbüro YEWO
LANDSCAPES bis heute fest, indem
er sich von anderen Ländern inspirieren
lässt und Projekte in Österreich,
Deutschland, Ungarn, Tschechien und
der Schweiz umsetzt. Im Gespräch
spricht der Gründer und Geschäftsführer
darüber, wie wichtig innovative
Ansätze in der Landschaftsarchitektur
in Hinblick auf Extremwetterereignisse
sind. Außerdem thematisiert er die
Herausforderungen dieses Transformationsprozesses
und verrät, was ihn
trotz dunkler Prognosen beim Thema
Klimakrise optimistisch stimmt.
Wie selbstverständlich wird die
Landschaftsarchitektur heute in der
Architektur berücksichtigt? Ist ihr
Stellenwert groß genug?
Während die Landschaftsarchitektur
2009, als ich mich selbstständig
gemacht habe, in Österreich noch
eine Randerscheinung war, stellt sie
heute eine der Zukunftsdisziplinen
in Hinblick auf die Klimakrise dar.
Wir haben etliche Partner:innen-Büros,
die uns von Anfang an in die
Planung miteinbeziehen und auch
das generelle Bewusstsein für die
Wertigkeit von Freiräumen ist deutlich
gestiegen.
© Claudia Feierfeil
www.architektur-online.com
15
YEWO LANDSCAPES
Was interessiert Sie als Landschaftsarchitekt
im städtischen und im ländlichen
Kontext jeweils am meisten?
Wir befassen uns im Büro mit beiden
Bereichen. In der Stadt ist die
Landschaftsarchitektur bereits gut
etabliert, aber auch im ländlichen
Raum steigt ihr Stellenwert bedingt
durch Fragen von Klimaresilienz,
Versiegelung und Renaturierung.
Was am Land oft noch fehlt, ist das
Bewusstsein für die Chancen bzw.
Qualitäten, die Begrünung und Freiraumgestaltung
bieten. Ein schönes
Beispiel ist der Stadtsee Horn, ein
Projekt, bei dem wir ein in die Jahre
gekommenes Freibad durch einen
parkartigen See ersetzen konnten.
Dieser zieht nicht nur die Bewohner:innen
von Horn, sondern auch
aus umliegenden Gemeinden und
sogar Tourist:innen an und wirkt
sich damit positiv auf die gesamte
Region aus. Meines Erachtens ist es
wichtig, urbane und ländliche Räume
nicht getrennt voneinander zu
betrachten oder gar gegeneinander
auszuspielen. Vielmehr sollten wir
die jeweiligen Vorteile von beiden
nutzen und kombinieren – sei es die
gute Infrastruktur in der Stadt oder
das Gemeinschaftsdenken am Land.
Wo sehen Sie in der Landschaftsarchitektur
das größte Potenzial für
Innovation und Weiterentwicklung?
Wir stellen im Büro fest, dass es in der
Planung einen Paradigmenwechsel
gibt. Das bedeutet: Klassischerweise
war es so, dass es ein Problem gab, das
es zu lösen galt. Heute ist ein großer
Teil der Nutzer:innen zu den Themen
Grünraum, Nachhaltigkeit, Klimaresilienz
etc. aber bereits sehr sensibilisiert
und teilweise schon weiter bzw.
kreativer, als die Planung selbst. Wir
sehen es als unsere Aufgabe innovativ
zu sein, zu forschen und zu riechen,
was es gerade braucht. Dazu gehören
für uns vier Hauptthemen, bei denen
wir auch am meisten Potenzial sehen:
Wasser (zum einen Regen- bzw. Grauwassernutzung,
zum anderen Entwässerung
bzw. Speicherung), Transformation
von Grünräumen (Überdenken
von Standards), Bestand (inkl. unversiegelter
Freiflächen) und freiraumorientierte
Stadt- und Raumentwicklung
(Stadt als Raum zwischen den Gebäuden
verstehen).
© Kurt Hoerbst
In Bad Vöslau galt es, das Stadtzentrum fit für die Zukunft zu machen: Das Konzept
optimiert die Verkehrssituation, greift das Thema Schwammstadt auf und schafft
einen Begegnungsort mit hoher Aufenthaltsqualität.
Worin liegen in Hinblick auf neue
Lösungen die größten Herausforderungen?
Klassische Top-down-Planungsprozesse
funktionieren so nicht mehr.
Vielmehr müssen wir Zusammenhänge
verstehen und uns Dinge wie
Kontext, Mobilität und Nutzungsverhalten
ansehen. Auf einer Rundreise
durch Italien habe ich ein schönes
Beispiel kennengelernt: Ferrara, la
città delle biciclette, die Stadt der
Fahrräder. Dort wurden Push- und
Pull-Faktoren so genutzt, dass sie
das Auto verdrängen und Anreize
für Alternativen schaffen. Ein solcher
Transformationsprozess braucht
vor allem eines: Mut. Die Herausforderung
besteht darin, frühzeitig
beherzte, raumplanerische Entscheidungen
zu treffen – und nicht erst im
Nachhinein mit Grünräumen reparieren
zu wollen.
Extremwetterereignisse werden immer
häufiger. Wie schafft man Freiräume,
die mit dem Klimawandel umgehen
können, ihm entgegensteuern?
Für mich ist es essenziell Ursache
und Wirkung zu verstehen. Die hohe
Versiegelungs- und Kanalisierungsrate
führt dazu, dass vorhandene
Systeme nicht mit Extremwetterereignissen
umgehen können. Wir
müssen überlegen, wie wir die Wassermenge
reduzieren bzw. Oberflächenwasser
im urbanen und ländlichen
Raum nach dem Modell der
Schwammstadt vor Ort aufnehmen,
speichern und schließlich langsam
wieder abgeben. Schweden ist hier
Vorreiter, der seine Parkanlagen bereits
nach diesem Vorbild errichtet.
Wir setzen auch sogenannte Raingardens
ein – (Spiel-)wiesen, die bei
starkem Regen als Retentions- bzw.
Sickerflächen fungieren. u
Bad Vöslau
© Kurt Hoerbst
architektur PEOPLE
16
YEWO LANDSCAPES
In Sachen Klimawandel stößt man oft
auf sehr dunkle Prognosen von Expert:innen.
Was stimmt Sie optimistisch,
wo sehen Sie positive Entwicklungen
in Ihrem Arbeitsfeld?
Generell wirkt sich das Bewusstsein
für die Klimakrise positiv auf unsere
Branche und die Nachfrage danach
aus. Das Thema Klima ist jetzt so im
Fokus, dass man Grün- und Freiräume
nicht mehr wegsparen kann. Bei
Stadt- und Ortsentwicklungsprojekten
stehen von Beginn an nicht mehr
nur Kosten, Hochbau oder Fassaden,
sondern auch freiraumorientierte
Fragestellungen im Mittelpunkt. Einige
rechtliche Grundlagen seitens der
Politik und der EU haben wir bereits,
es gibt aber noch Luft nach oben.
Auf Ihrer Website rücken Sie neben
der Funktion von Außenräumen
auch deren Ästhetik & Design in den
Mittelpunkt. (Wo) ist dafür in Zeiten
der Klimakrise noch Zeit und Raum?
Wir verstehen die Landschaftsarchitektur
als sehr integrale Disziplin.
Über die Jahrzehnte hinweg gab es
unterschiedliche Trends in der Planung:
Auf einen designorientierten
Ansatz mit perfekten Betonfertigteilen
und Farben in den 90ern, folgten
die 00er-Jahre mit Fokus auf die
Nutzung, bevor man sich ab 2010
verstärkt auf die Mobilitätswende
konzentrierte. In den 20er-Jahren
steht jetzt das Thema Nachhaltigkeit
im Mittelpunkt. Klimaresilienz
schließt die übrigen Planungsparameter
aber nicht aus – ganz im Gegenteil:
Besonders spannend finde
ich z.B. das Rewilding, das Zurück
zur Natur, aus dem sich eine neue
Ästhetik entwickelt, die unperfekte
Elemente wie eine Schotterflur
oder eine Gstätten zulässt und mehr
Raum für Veränderung ermöglicht.
© Kurt Hoerbst
Auf welche Parameter dürfen abseits
von Klimaresilienz & Co. in Sachen
Landschaftsarchitektur keinesfalls
vergessen werden?
Das impliziert, dass es zwischen den
einzelnen Bereichen Zielkonflikte
gibt – was aber nicht so sein sollte,
wenn man das Thema Freiraum
ganzheitlich betrachtet.
Wir wollen gut nutzbare Räume für
Menschen schaffen und diese so inklusiv
wie möglich gestalten. Manchmal
gerät man aber an den Punkt,
wo z.B. die Entscheidung zwischen
einer nachhaltigen Schotterflur und
einem barrierefreien Weg notwendig
ist. Dann muss man es sich auch
leisten wollen, einen Holzsteg über
diese Schotterflur zu legen. Guter
Freiraum – egal wie naturnah – kostet
etwas. Sicherheit spielt ebenfalls
eine große Rolle, sowohl beim Verletzungsrisiko
in Spielbereichen als
auch in Hinblick auf Angsträume
und eine ausreichende Beleuchtung.
Identität, Mobilität und schließlich
das Thema Technik (Aufbauhöhen
bei Dachbegrünung oder Bepflanzung
von unterkellerten Flächen)
sind weitere wichtige Parameter, die
die Planung beeinflussen und – im
Idealfall – die Klimaresilienz eines
Außenraums stets mitbedenken.
Wie gestaltet man Freiräume, in denen
sich alle gleichermaßen wohlfühlen?
Mit welchen Maßnahmen bezieht
man Nutzer:innen bestmöglich
in die Freiraumplanung mit ein?
In der Planung und der Umsetzung
von Projekten passiert ein Umdenken.
Anstelle von Top-down- haben
wir es mit Bottom-up-Prozessen zu
tun, bei denen Nutzer:innen mithilfe
von Bürger:innenforen und Ausstellungen
involviert werden. Wichtig
bei diesem partizipativen Ansatz
ist es, die Menschen möglichst früh
miteinzubeziehen und auf deren Anregungen
und Wünsche zu reagieren.
Dadurch identifizieren sich die
Menschen mehr mit den Räumen
und nehmen diese besser an. Nutzungsoffenheit
begünstigt die Akzeptanz
ebenfalls: Man darf nicht zu
monofunktional planen, gleichzeitig
braucht es für manche Nutzer:innengruppen
wie Kleinkinder, Jugendliche
und Ältere aber ein spezifisches
Angebot. Gelingt es, das alles in
einem Projekt unterzubringen, hat
man schon gewonnen.
Ein von Ihnen realisiertes Projekt,
bei dem ein solcher partizipativer
Planungsprozess besonders erfolgreich
war?
Die Zentrumszone in Bad Vöslau
konnten wir als Bürger:innenbeteiligungsprojekt
umsetzen. Dort
haben wir bei einer Art World-Café
spannenden Input erhalten: Mehrere
Leute kamen mit Bedenken auf uns
zu, ob die neue Begrünung nicht die
Sichtachse zum denkmalgeschützten
Schloss störe. Als Reaktion darauf
wurden die Hochstammbäume
leicht erhöht gepflanzt, um Grün und
Beschattung zu integrieren, ohne
den historischen Bau zu verdecken.
Das zeigt, dass es diesen Blick von
außen manchmal braucht.
Beim Wiener Kirschblütenpark setzte man
neben fernöstlichen Elementen auf Naturbelassenheit.
So schmiegen sich z.B. niedrige
Stampfbeton-Mauern an die Wege und
sorgen für eine raue, natürliche Ästhetik.
www.architektur-online.com
17
YEWO LANDSCAPES
© Kurt Hoerbst
Der – nun frei zugängliche – Stadtsee im niederösterreichischen Horn lädt mit großzügigen Holzdecks und einer Seebühne zu
Veranstaltungen und zum Verweilen am Wasser ein. Er wird zum neuen Treffpunkt für Stadtbewohner:innen und Besucher:innen.
Gibt es spannende Entwicklungen
in anderen Ländern, die wir uns abschauen
können? Wo hinken wir in
Österreich besonders hinterher?
Da gibt es definitiv jede Menge zu
lernen: Während uns die Schwed:innen
in Hinblick auf die Schwammstadt-Thematik
sehr viel gelehrt haben,
geht der Trend in der Schweiz
hin zu naturnahen, offenen Freiräumen
mit einer natürlichen Ästhetik.
Diese Learnings konnten wir z.B. in
Form von Ressourcenschonung und
Wasserdurchlässigkeit beim Kirschblütenpark,
einem Projekt in Kagran
einfließen lassen. In China wird das
Thema Renaturierung zur Verbesserung
der Wasserqualität in Maßstäben
umgesetzt, die für uns teils
unvorstellbar sind. Und Deutschland
beeindruckt vor allem mit prozessorientierten
Entwicklungen und mit
dem großen Stellenwert, den man
der Landschaftsarchitektur dort
schon seit Langen beimisst.
Wie sieht die Stadt von morgen für
Sie aus, wenn alles möglich ist?
Generell sehe ich Mittel- und Kleinstädte
mit der nötigen Infrastruktur
als große Gewinnerinnen der Zukunft.
In der Stadt von morgen gibt es für
mich ein ausgewogenes Verhältnis
an Dichte, Angebot und Grün – ein
Stadtidyll wie es z.B. südeuropäische
Städte vormachen. Die Stadt von
morgen ist für mich menschgerecht,
nachhaltig, lebendig und entschleunigt.
Sie lässt Raum für Entwicklung
und man lebt nicht nur neben-, sondern
vielmehr miteinander. In dem
Wiener Grätzel, in dem ich wohne,
habe ich das Gefühl, dass ich mich
bereits in einem Ausschnitt einer solchen
Stadt von morgen befinde. •
www.yewo.at
© Kurt Hoerbst
architektur PEOPLE
18
Nina Beck
(K)eine Zeit für
Architekturikonen?
Architektin Nina Beck im Interview
Interview: Linda Pezzei
Nach ihrem Studium und einigen Lehrjahren
in einem renommierten Büro
gründete die Architektin Nina Beck
2023 ihr eigenes Büro in Dornbirn. Ihre
Arbeit zeichnet sich durch innovative
Ansätze im Bereich des Holzbaus und
der nachhaltigen Architektur aus und
konzentriert sich auf die Integration
von traditionellen Bauweisen mit
modernen Techniken. Beck stellt sich
dabei der Herausforderung, Gebäude
so zu gestalten, dass sie in funktionaler
wie ästhetischer Hinsicht sowohl den
Anforderungen der Bauherrschaft als
auch der Umgebung gerecht werden.
Die Kultur und die Werte des Bregenzerwaldes
spielen dabei eine tragende
Rolle. Im Interview spricht Nina Beck
über ihren Planungsalltag als junge Architektin
und ihre Sicht auf die Zukunft
kommender Generationen.
© Dominic Kummer
www.architektur-online.com
19
Nina Beck
Frau Beck, ist die Zeit der
Architekturikonen vorbei?
Ich habe mir diese Frage bereits
selbst gestellt, was mich dazu gebracht
hat, über unser Verständnis
von einer Architekturikone nachzudenken.
Im Moment sehen wir darin
wohl etwas oder jemanden, das, der
oder die groß, wichtig und laut erscheint
– typischerweise ein Bauwerk
auf freier Fläche. Eine Ikone sollte in
meinen Augen zukunftsweisend sein
bzw. eine Bedeutung für die Zukunft
und die Menschen in der Umgebung
haben. Wenn wir diese Sichtweise
auf das Jetzt übertragen, mag uns
die Gestik aktueller Vorzeigebauten
nicht mehr so groß und laut erscheinen,
sie wirken eher im Kleinen. Die
Zeit der Architekturikonen ist damit
aber nicht vorüber, es sind vielmehr
das Verständnis und die Wahrnehmung,
die sich ändern müssen. Das
ist gerade für uns junge Architekt:innen
wichtig und spannend. Für uns
stellt sich in diesem Kontext ja häufig
die Frage: Haben wir überhaupt noch
die Möglichkeit, so sichtbar und renommiert
zu sein wie unsere Vorgänger:innen?
Ich glaube ja, zumindest
wenn sich gewisse Auffassungen
ändern. Dafür gilt es zu analysieren,
was es in Zukunft benötigt und wie
wir mit dem interagieren, was bereits
da ist. Dies erfordert eine gewisse
Sensitivität gegenüber der Bauherrschaft
und dem Bestand – eine echte
Herausforderung also und daher
ist meiner Meinung nach genau die
richtige Zeit für die Schaffung neuer
Architekturikonen.
© Angela Lamprecht
Bestand und Leerstand – wie können
Architekt:innen aktiv Lösungen finden
und zu einem zukunftsfähigen
Verständnis von Architektur (auch in
der breiten Masse) beitragen?
Das ist tatsächlich die Frage, die mich
im Arbeitsalltag am meisten beschäftigt:
Wie können wir mit unserem
Anspruch an Architektur im Bestand
arbeiten – und zwar so, dass es wirtschaftlich
und finanzierbar bleibt?
Aus meiner Sicht geht es darum,
alternative Ansätze zu finden, partiell
ist unsere Aufgabe auch eine Art
Bewusstseinsbildung bei der Bauherrschaft,
was ein solcher Zugang
für uns und unsere Zukunft bedeutet.
Momentan werden viele schöne Projekte
publiziert – der Anspruch der
Bauherren an so präzise, elegante, ja
perfekte Gebäude ist also entsprechend
hoch. Muss es aber immer so
niet- und nagellos, so perfekt sein?
Meiner Meinung nach ist das in der
Breite nicht mehr finanzierbar. Es
geht also darum, die Bauherrschaft
zu begleiten. Nur gemeinsam mit ihnen
und den Handwerksbetrieben
können wir das Finden alternativer,
kostengünstiger Antworten vorantreiben.
Mein Alltag besteht nicht
mehr nur aus dem Entwerfen oder
Plänezeichnen, sondern häufig suche
ich nach Lösungen. Das ist spannend
und herausfordernd zugleich.
Ich habe gerade mit einem Handwerksbetrieb
zusammen eine Sanierung
fertiggestellt. Der Bauherr-
Umnutzung eines ehemaligen Verwaltungsgebäudes: Mit bestehenden Oberflächen
zu arbeiten, heißt für Nina Beck, sich bewusst zu werden, was bleiben darf
oder was weichen und angepasst werden muss.
schaft war bewusst, was Bauen im
Bestand bedeutet – man muss einfach
mit gewissen Einschränkungen
rechnen und mit dem arbeiten, was
da ist. Eine solche Konsequenz hat
auch eine Veränderung des Entwurfsprozesses
zur Folge: Wenn man
mit Altem und Vorgegebenem leben
kann, bekommt man im Austausch
Geschichten, so etwas lässt ein Objekt
erst richtig leben. Ob man das
möchte oder nicht, das kommt natürlich
ganz auf die Bauherrschaft
an. Das merke ich auch an mir selbst:
Vor Kurzem habe ich ein altes Haus
bezogen und lebe das Experiment
und den Reiz des Unvorhergesehenen
mit allen schönen Seiten und
allen Konsequenzen.
u
architektur PEOPLE
20
Nina Beck
© Elisa Moosbrugger © Elisa Moosbrugger
Adaptierung eines kleinen Handwerksbetriebes: Der in den 90er-Jahren
errichtete Betrieb wird erhalten, saniert, an die heutigen Arbeitsabläufe und
Anforderungen angepasst und durch einen kleinen Zubau ergänzt. Alles in enger
Zusammenarbeit mit den Handwerkern und dem Bauherren.
Adaptierung eines kleinen Handwerksbetriebes: Die Auswahl
der Materialien ergab sich aus der Analyse des vorhandenen
Materials und der verfügbaren Arbeitsressourcen.
Das Holz stammt aus dem eigenen Wald, die Schlosserarbeiten
wurden im Betrieb geleistet, die Steine selbst verlegt.
War das bereits Thema während
Ihres Studiums oder wie gelingt es
Ihnen, Arbeitsprozesse und Arbeitsabläufe
neu zu denken?
In meinem Studium – das noch gar
nicht so lange her ist – wurde eine
solche Herangehensweise kaum unterrichtet.
Die meisten Aufgabenstellungen
haben sich auf ein leeres
Grundstück bezogen, maximal einen
„Unort“. Auch während meiner Zeit in
einem renommierten Büro waren die
Arbeitsprozesse auf den Neubau und
daher eher linear ausgelegt. Alte Gebäude
haben mich schon immer interessiert,
obwohl mir nicht bewusst war,
was es wirklich heißt, damit zu arbeiten.
So gesehen war das für mich ein
Sprung ins kalte Wasser: Man denkt,
die Arbeitsprozesse funktionieren
immer gleich, nach dem Schema Vorentwurf,
Entwurf, Detaillierung usw.,
im Bestand aber laufen die Kommunikationsprozesse
meist anders, es
braucht eine intensivere Auseinandersetzung
mit dem Handwerk und
das zu einem frühen Zeitpunkt.
Wenn man dann in den Austausch mit
den Handwerksfirmen geht, merkt
man recht schnell, dass auch sie auf
relativ schematische Arbeitsprozesse
setzen. Wir müssen hier also alle
gemeinsam umdenken – weggehen
von der Industrialisierung und hinterfragen,
was wir für Arbeitsmethoden
benötigen für die Arbeit mit dem Bestand.
Im Bregenzerwald dürfen wir
uns da glücklich schätzen, ich finde
beispielsweise noch immer motivierte
Mitstreiter:innen, die offen sind, wenn
es um alternative Lösungen geht.
Ich sage damit aber nicht, früher war
alles besser – die moderne Technik
kann unsere Arbeit auch erleichtern
– ich denke dabei konkret an die
3D-Ausmessung von Gebäuden oder
Abbundroboter. Insgesamt wird diese
Entwicklung bis zu einem Standard
aber wohl noch Zeit benötigen. Auf
der anderen Seite habe ich in Gesprächen
von Handwerker:innen erfahren,
die gerne wieder selbst etwas gestalten
würden, anstatt alles nur von Maschinen
fertigen zu lassen. Da ist die
Wirtschaftlichkeit dann wieder die
große Frage. Früher war das Material
teuer, aber die Arbeitskraft günstig,
heute ist es genau umgekehrt. Präzision
und Handwerk werden damit zur
finanziellen Frage. Eine Lösung ist,
dass die Bauherrschaft mehr Eigenleistung
erbringt, was auch die Bin-
dung zur eigenen Architektur stärken
kann. Als Architektin sehe ich hier
einen Wandel in unserer Aufgabe:
weg vom reinen Planen und hin zur
Begleitung der Bauherrschaft.
Wie gehen Sie mit der Geschichte
bestehender Bauten um – zeigen,
kaschieren, ersetzen?
Grundsätzlich vertrete ich die Meinung,
dass man die Geschichte eines
Bauwerks auf jeden Fall zeigen darf,
wobei es hin und wieder natürlich
auch passiert, dass etwas rückgebaut
werden muss. Es kommt also – wie so
oft – auf das Projekt an. Ich arbeite
weniger damit, Dinge zu konservieren,
für mich ist meine Herangehensweise
eher eine Art Weiterstricken.
Ich nutze ein Fundament, auf dem ich
aufbaue, analysiere was da ist, woher
es kommt, und überlege mir, wie ich
die Geschichte weitererzählen kann –
immer am Stand der Technik. So lassen
sich, dort wo nötig, Dinge auch
neu interpretieren. Dabei geht es mir
nicht darum, den eigenen Fingerabdruck
zu hinterlassen, sondern zu
ergänzen, was beispielsweise noch
fehlt – im Sinne einer Art Koexistenz
von Neubau und Bestand. u
grenzen
los
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architektur PEOPLE
22
Nina Beck
Schaffen Sie als Architektin damit
dennoch etwas Neues, vielleicht
auch Bleibendes?
Ja, meiner Meinung nach schon –
hier möchte ich gerne auf die Frage
nach den Architekturikonen zurückkommen.
Die Quintessenz ist doch,
was wir als neu definieren. Wenn
ich zum Beispiel eine neue Wohnsituation
für eine Familie schaffe, die
im Bestand stattfindet, dann ist das
zwar ein kleiner, leiser, feinfühliger
Akt, doch auch etwas neu Geschaffenes.
Das merke ich auch in meinem
Wohnhaus – vielleicht gerade, weil es
sich um ein Mietobjekt handelt. Ich
frage mich, wieviel Neues verträgt
dieses alte Haus und wie schaffe
ich etwas, das auch später weiterverwendet
werden kann. Denn auf
lange Sicht werde ich das Gebäude
wohl wieder verlassen und trotzdem
besteht mein Ziel darin, dem Haus
einen Wert zu verleihen.
Welche Rolle spielen bei Ihrer Arbeit
das Handwerk, alternative Konstruktionsmethoden
oder auch moderne
Technik auf der Baustelle?
Gerade beim Arbeiten im Bestand
gibt es heute neue Methoden und
auch neues Handwerk – wie beispielsweise
die 3D-Vermessung von
Gebäuden. So erhält man ein fertiges
3D-Modell mit hunderten Fotos,
kennt für die folgende Planung jede
Wandstärke, Deckendicke und jeden
Balken. Dies hilft im Planungsprozess
enorm und ich bereite den
Plan anschließend auf und schaue
mit dem Handwerker oder der Handwerkerin,
was belassen werden kann
und was weitergebaut werden muss.
Wir interagieren sozusagen mit dem
3D-Scan. Vieles kann man dabei allerdings
erst vor Ort sehen, beispielsweise
wenn es darum geht, den Zustand
der Substanz einzuschätzen.
Ich setze also partiell auf modernen
Input, bin aber auch ganz traditionell
und konventionell vor Ort – die Kombination
ist für mich der beste Weg.
Werden wir in Ihren Augen Architekt:innen
also künftig wieder öfter
vor Ort auf der Baustelle treffen?
Das lässt sich nicht verallgemeinern,
aber für die Arbeit mit dem Bestand
wird das wohl gelten. Es geht
schließlich auch darum, die Umgebung
zu erleben und mit allen Beteiligten
in einen intensiven Austausch
zu treten. Meiner Meinung nach führt
ein Mehr an Kommunikation zu einer
umso blühenderen Planung. Ich würde
mir jedenfalls wünschen, dass wir
Architekt:innen wieder mehr vor Ort
sein können. Vor allem alte Gebäude
versprühen so viel Charisma, das
auf Bildern gar nicht sichtbar wird.
Insgesamt merke ich aber, dass ich
eine sehr individuelle Herangehensweise
habe und dass meine Generation
von verschiedenen Haltungen
geprägt ist. Da gibt es noch immer
den Neubau auf der grünen Wiese –
was per se nicht falsch ist, solange
dafür nicht zusätzliche Flächen unnötig
versiegelt werden. Mir liegt der
Charme der Bestandsobjekte näher,
aber auch das ist nicht die eine Lösung,
es wird immer beides geben. In
meinen Augen ist es aber essenziell,
dass wir junge Architektinnen und
Architekten innovative Ansätze für
die breite Masse entwickeln, sodass
auch der Bestand eine Zukunft hat.
Ich bin positiv gestimmt, dass sich
in der Zukunft viele (alte) Türen wieder
öffnen lassen und wir dazu einen
großen Beitrag leisten können. •
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Adaptierung eines Wohngebäudes: Durch das Dabeisein auf der Baustelle und den Austausch mit den Handwerkern lassen
sich erhaltenswerte Elemente sanieren und wieder integrieren. Dank kleiner Anpassungen und Modernisierungen darf ein
bestehendes und für die Familie geschichtsträchtiges Element wieder Teil des Neuen sein, anstatt weichen zu müssen.
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architektur FACHMAGAZIN
24
Delta Pods Architects
Architektur und Technik
müssen zusammenfließen
Interview mit Klaus Ransmayr von Delta Pods Architects
Interview: Roland Kanfer
Im Jahr 2020 fusionierten die Delta
Ziviltechniker GmbH Wien und die
Architekt Podsedensek ZT GmbH und
schufen damit Delta Pods Architects,
eine starke Architektursparte
innerhalb der Delta Gruppe. Mit einem
Team von über 150 Fachkräften an
Standorten in Österreich, Tschechien,
der Slowakei und der Ukraine hat sich
das Büro als multidisziplinärer Akteur
in der Baubranche etabliert. Seit 2022
führt Klaus Ransmayr, der auf internationale
Erfahrungen in New York und
Berlin zurückblickt, als Head of Design
die Vision des Unternehmens weiter.
Im folgenden Interview spricht er über
die Beweggründe und Ziele der Fusion,
den Anspruch an komplexe Architektur
sowie die Herausforderungen der
Branche in Zeiten von Klimawandel
und nachhaltigem Bauen.
© Golden Hour Pictures
www.architektur-online.com
25
Delta Pods Architects
© Boehringer Ingelheim RCV GmbH & Co KG
Beim LSCC, einer Pharma-Life-Science-Produktionsstätte für Boehringer Ingelheim in Wien,
mussten hochkomplexe technische Prozesse mit der Architektur koordiniert werden.
Wie ist es zu dem Zusammenschluss der
Delta ZT und Architekt Podsedensek
ZT gekommen, welche Strategie verfolgt
die Delta Gruppe damit?
Delta wurde ursprünglich aus dem
Zusammenschluss eines Architekten,
eines Baumeisters und eines
Betriebswirts gegründet. Der Ruf der
Delta Gruppe hat sich aber hauptsächlich
auf die Generalplanung und
das Baumanagement beschränkt.
Vor einigen Jahren kam dann der
Wunsch der Geschäftsführung, die
Architektur als Marke zu verstärken.
Ein Schritt in die Richtung war der
Zusammenschluss mit dem Architekturbüro
Podsedensek ZT in Wien
und die Umbenennung in Delta Pods
Architects. Die Standorte Wien, Wels
und Slowakei wurden 2024 unter Delta
Pods Architects zusammengefasst.
Was hat sich durch die neue Firmierung
und die neue Architekturmarke
geändert?
Die Delta Gruppe und ihre Architektursparte
hat oft in Zusammenarbeit
mit anderen Architekturbüros ge-
wirkt, die speziell die Frühphase Konzept
und Entwurf abgedeckt haben.
Wir waren schwerpunktmäßig die
klassischen ausführenden Architekten.
Wir können nun Projekte in allen
Leistungsphasen in hoher Qualität
abdecken. Durch das Büro Podsedensek
kam überdies eine starke Expertise
in der Laborplanung hinzu. Damit
sind wir bei Pharma, Life Science und
Healthcare sehr gut aufgestellt.
Wie fiel da die Wahl auf
Architekt Podsedensek?
Wir hatten mit dem Architekturbüro
Podsedensek sehr viele Überschneidungspunkte
in der Herangehensweise
und der Haltung. Dazu kam,
dass wir die Chance hatten, erfahrene
Mitarbeiter:innen zu gewinnen und
neue Geschäftsfelder zu erschließen.
Ihr Architekturanspruch lautet „komplex
und multidimensional“. Was ist
damit gemeint?
Das ist für uns deswegen relevant,
weil wir oft sehr komplizierte Projekte
mit Verwebung technischer
und architektonischer Aspekte betreuen.
Beispielsweise hat das Büro
Podsedensek für Boehringer Ingelheim
das LSCC, eine biomedizinische
Produktionsanlage im Großmaßstab,
geplant. Das sind hochkomplexe
technische Prozesse, die man mit
der Architektur koordinieren muss.
Das überfordert kleine Architekturbüros.
Multidimensional bedeutet
auch, unterschiedliche Stakeholder
zusammenzuführen.
Was muss Architektur heute leisten?
Wie der Dirigent bei einem Orchester
versucht der Architekt, alle auf
eine Ebene zu bringen, zu vermitteln
und steuern. Nicht zu intensiv einzugreifen,
sondern jedem den Freiraum
zu geben und die gemeinsamen
Interessen durchzusetzen, die ein
stimmiges Bild ergeben. Gerade bei
komplizierten Projekten darf sich der
Architekt nicht allein als Kreativer
positionieren, der nur die gestalterische
Perspektive vertritt, sondern er
muss verstehen, wo er welchem Teilgebiet
Raum verschaffen muss. u
architektur PEOPLE
26
Delta Pods Architects
Auf Ihrer Website sprechen Sie Begriffspaare
wie Architektur & Technik,
Design & Usage, Footprint & Life
Cycle an. Was ist damit gemeint?
Für uns ist es wichtig, dass die Technik
immer der Aufgabe angemessen
zum Einsatz kommt. Wir sind keine
Fans von künstlich aufgerüsteten
Gebäuden oder davon, dass man mit
Technik alle Probleme löst. Deshalb
müssen Architektur und Technik zusammenfließen
und von Anfang an
gedacht werden. Wir versuchen zu
verstehen, welche technische Lösung
für die Bauaufgabe die richtige ist.
Design & Usage geht in die ähnliche
Richtung. Delta Pods Architects haben
sicher keine wiedererkennbare
Architektursprache, wir versuchen,
ein Design zu entwickeln, das der
Nutzung des Gebäudes am besten
entspricht. Ich glaube, die Zeiten, wo
man ein Gebäude von Zaha Hadid
oder Coop Himmelb(l)au am Aussehen
erkennt, sind vorbei. Was Footprint
& Life Cycle betrifft, eine eigene
Abteilung beschäftigt sich bei uns mit
den Themen Kreislaufwirtschaft, Zertifizierungen,
Energiekonzepte. Man
muss sich bewusst sein, dass mit der
Neuplanung eines Gebäudes immer
ein größerer Footprint hinterlassen
wird, als wenn ich überlege, wie ich
aus einem Bestandsgebäude die Qualität
herausholen kann, die auch die
Anforderungen des Bauherrn erfüllt.
Wie sehen Sie den Trend zu
Lowtech-Gebäuden?
Ich finde das sehr intelligent, weil
man durch aktive Maßnahmen, wie
beim Verhältnis von opaker zu transparenter
Fassadenfläche, bei der
Orientierung des Gebäudes, beim
Verhältnis Außenfläche zu Volumen,
den höchsten Einfluss auf die Performance
haben kann. Das fasse ich als
Lowtech auf.
Die österreichische Architektenkammer
postuliert: „Österreich ist genug
bebaut“, ruft also quasi ein Ende des
Neubaus aus. Teilen Sie diese Ansicht?
Ich finde diese Aussage richtig, denn
wir sind verpflichtet, Bauherren hinzuweisen,
dass eine gute Bausubstanz
durch eine Umbaumaßnahme
aufgewertet werden kann. Man kann
auch mit Revitalisierungen tolle Architektur
machen und damit Geld
verdienen. Für die Pensionsversicherungsanstalt
in Wien planen wir gerade
ein großes Projekt, wo ein Bau
aus den Siebzigerjahren komplett
entkernt wird und eine neue Fassade
bekommt. In den Rohbau, der bestehen
bleibt, ist so viel CO 2 eingeflossen,
da sehen wir keine Notwendigkeit
für einen Neubau. Als Architekt
muss man manchmal seine eigenen
Bedürfnisse zurückstecken und sagen,
es geht auch anders.
Der Campus Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Ried ist der erste Holzbau,
der mit heimischer, schadstofffreier BauBuche realisiert wurde.
© Schreyer David
www.architektur-online.com
27
Delta Pods Architects
Würden Sie für Diktaturen wie
Russland oder China bauen?
Wir haben aufgrund unserer Präsenz
in der Ukraine natürlich eine klare
Stellung, wir vermeiden daher Geschäfte
in Russland. Das bezieht sich
aber nur auf die Regierung, nicht das
Land. Sollte sich dort etwas ändern,
ändert sich auch unsere Einstellung
dazu. Wir richten auch keinen Fokus
auf den Mittleren Osten und andere
Regionen, deren Regime keine
Wunschbauherren sind. Kann sein,
dass sich das ändert, aber es dürfte
kein Projekt sein, das unseren Werten
und unserer Haltung zu Nachhaltigkeit
widerspricht. Ich würde kein
gläsernes Hochhaus in Saudi-Arabien
bauen.
© Schreyer David
Elisabethinen Wien-Mitte (Bilder oben und unten): Auf einer Fläche von 30.000 m 2 planten Delta
Pods Architects ein Zentrum für Menschen im Alter mit zwei Internen Stationen, einer Palliativstation
sowie einer Tagesklinik für Akut-Geriatrie angesiedelt. Alle Umbaumaßnahmen erfolgten im
laufenden Betrieb.
Wie schätzen Sie die Bedeutung
von Architekturwettbewerben ein?
Sind offene Wettbewerbe Ressourcenverschleuderung
oder eine Notwendigkeit?
Der Großteil unserer Projekte kommt
nicht über Wettbewerbe, wir stellen
uns dem Wettbewerb aber, weil er ein
gesunder Teil der Architekturprofession
ist. Man muss jungen Architekturbüros
und solchen, die keine
Experten auf bestimmten Gebieten
sind, auch die Möglichkeit geben,
sich zu messen. Daher ist der Einstieg
über offene Wettbewerbe ein
richtiger. Kritisch sehe ich, wie sich
die Wettbewerbswelt in Österreich
über die Jahre verändert hat. Die
Anforderungen sind in Österreich
bei zweistufigen Wettbewerben, wo
man zur zweiten Stufe geladen wird,
teilweise so präzise, dass man am
Ende wieder bei den Büros landet,
die ein solches Projekt schon einmal
umgesetzt haben. In Skandinavien
oder Deutschland bekommt ein kleiner
Teil der geladenen Teilnehmer
eine Wildcard. So ein Modell würde
auch den großen Büros guttun, weil
sie sich dann mit den vielen kleinen
messen müssten, aus denen oft unglaublich
kreative Ideen kommen.
Wir haben den Luxus, aufgrund unseres
Portfolios bei vielen geladenen
Wettbewerben teilnehmen zu dürfen,
somit gibt es für uns keine Notwendigkeit,
an offenen teilzunehmen. Bei
den EU-weit offenen Wettbewerben
sind die Anforderungen teilweise so
klar definiert, dass die Auswahl eigentlich
von vornherein klar ist.
Wo sehen Sie Architektur und die
Rolle der Architekten in der Zukunft,
auch bezogen auf aktuelle Themen
wie den Klimawandel?
In Österreich hat der Architekt die
Herausforderung, sich gegen die
planenden Baumeister zu behaupten
und durch die Qualität seiner Arbeit
zu zeigen, dass gute Architektur einen
Mehrwert für die Gesellschaft
bietet. Das müssen wir unter einem
stetig wachsenden finanziellen
Druck aufrechterhalten und wir müssen
dafür kämpfen, dass die Qualität
in einem Projekt so lange wie möglich
erhalten bleibt. Und wir müssen
uns bewusst werden, dass wir Teil
des Klimaproblems sind, weil das
Bauen für einen unheimlich großen
Anteil an schädlichen Emissionen
verantwortlich ist. Aber dadurch sind
wir auch wieder Teil der Lösung. Die
große Herausforderung ist, mit dem
Thema gewissenhaft umzugehen,
angemessene Lösungen zu finden,
die nachhaltig und wertbeständig
sind, und die Bauherren dafür zu
sensibilisieren, dass es sich lohnt,
hochwertiger zu planen und zu bauen
und ein Gebäude von Anfang an
so flexibel zu denken, dass es zukünftig
mit geringem Aufwand umnutzbar
ist und dass es sich lohnt,
dafür mehr Geld zu investieren, auch
wenn es vielleicht aus heutiger Sicht
nicht zwingend notwendig ist. •
www.delta-pods.com
© Schreyer David
architektur PEOPLE
28
Moser und Hager
Das Architekturbüro MOSER UND HAGER, gegründet im
Jahr 2011 in Linz, hat sich seitdem zu einem bedeutenden
Akteur in der österreichischen Architekturszene entwickelt.
Im Interview geben die beiden Gründer, Anna Moser und
Michael Hager, Einblicke in ihre Motivation, ihre architektonische
Philosophie und ihre Herangehensweise an Projekte,
besonders im Bereich der Bestandsbauten. Sie sprechen
über die Herausforderungen und Chancen, die sich bei der
Arbeit mit historischen Gebäuden ergeben, und wie sie Tradition
mit modernen Ansprüchen in Einklang bringen.
Die Kunst des
Weiterbauens
Interview mit Anna Moser und Michael Hager
Interview: Andreas Laser Fotos: Gregor Graf
www.architektur-online.com
29
Moser und Hager
Frau Moser, Herr Hager, was hat Sie
motiviert, ein eigenes Büro zu eröffnen,
und welche Vision hatten Sie dabei?
Wir hatten beide diese intrinsische
Lust zu schaffen und zu entwickeln.
Es ist sehr schön, Projekte im wahrsten
Sinne des Wortes wachsen zu
sehen. Visionen hat man zu Beginn
viele, auch einige Irrwege und viel
Optimismus. Der rote Faden, der uns
aber seit dem Start begleitet, war
und ist der Anspruch baukünstlerisch
zu arbeiten.
Wie würden Sie Ihre architektonische
Philosophie beschreiben?
Unsere Projekte sind getragen von
dem Gedanken, Baugeschichte weiterzuschreiben
und nicht umzuschreiben.
Der baukulturelle Hintergrund,
bzw. das kulturelle Umfeld dienen uns
hierzu als Grundlage. Unsere Arbeit
an den klassischen Vierkanthöfen
oder Markthäusern etwa bezieht sich
immer auf die kontextuale Auseinandersetzten
mit der Bautypologie
– also mit dem baukulturellen Hintergrund.
Gleichzeitig sind diese Denkmäler
ein Speicher an immateriellen
Werten, steingewordene Zeugnisse
einer gemeinsamen Geschichte, der
man gerecht werden muss.
Woher schöpfen Sie ihre Inspiration?
Können Sie uns ein konkretes
Beispiel nennen, wie diese Elemente
Ihre Arbeit beeinflusst haben?
In den letzten Jahren konnten wir
einige Revitalisierungen und Umbauten
in Italien und der Schweiz besichtigen.
Der Umgang mit historischen
Gebäuden ist besonders in Italien viel
freier und avantgardistischer als bei
uns. Die Spuren der Vergangenheit
und die durch die Alterung entstandene
Patina werden als wertvoll und
poetisch wahrgenommen. Hier in
Österreich herrscht oft die Haltung
Altbestände in Neubauten transformieren
zu wollen. Dabei gehen Qualität,
Identität und ein eigenständiger
Charakter leider oftmals verloren.
Der Umgang mit bestehenden Gebäuden
ist auch ein zentraler Aspekt
Ihrer Arbeit. Sehen Sie das Bauen im
Bestand als eine Art von Bewahrung
oder eher als Transformation?
Bestandsbauten und vor allem historische
Bauten haben ihre Geschichte.
Baugeschichte hat tatsächlich
etwas mit Schichten zu tun, die es
gilt freizulegen, um sie sichtbar zu
machen. Unsere Arbeit ist eine beständige
Nachjustierung bekannter
und bewährter Strukturen. Ein zeitgemäßes
Fortschreiben bewährter
Typologien und erprobter Techniken.
Es ist ein Bewahren und Stärken von
Qualitäten und eine Transformation
des Selbstverständlichen, eingreifend,
wo verändert werden muss.
Wie gehen Sie mit baulichen und gestalterischen
Restriktionen um, die
oft mit der Arbeit an bestehenden
Gebäuden einhergehen?
Im Bestandsbau, sowie im Neubau
sollte immer der Kontext die entscheidende
Grundlage für Entwurfsentscheidungen
sein. Das heißt, die
Enwurfsparameter sind beim Arbeiten
im Bestand nicht restriktiver zu
bewerten. Im Bestand, vor allem bei
historischem Gebäude gibt es eine
große geistes-, bzw. kulturwissenschaftliche
Komponente, die einen
sehr inspirierenden Input darstellt.
Das ist für uns nicht Restriktion, sondern
Bereicherung.
Wie entscheiden Sie, welche Elemente
eines Bestandsgebäudes erhalten
bleiben und welche durch Neues ersetzt
werden sollen?
In einer erkenntnisorientierten Arbeitsweise
erstellen wir für jedes
Objekt einen Analysekatalog. Ursprungstypologie
und baugeschichtliche
Veränderungen werden erfasst.
Daraus ergibt sich eine sehr klare
Vorgehensweise bei der zu schützende
und erhaltenswerte Elemente
bestimmt werden. Ergänzt wird dieser
mit den persönlichen Geschichten der
Besitzer. Eine Holztür oder ein Familienerbstück
kann dadurch zu einer
zentralen Rolle des Entwurfs werden.
Wie gehen Sie mit dem Spannungsfeld
zwischen den Anforderungen an
Energieeffizienz, dem Erhalt historischer
Bausubstanz und eventuellen
Vorgaben des Denkmalschutzes um?
Der Erhalt und die Verlängerung der
Lebensdauer eines Gebäudes oder
die Reaktivierung von Leerstand ist
an sich ein ressourcenschonender
und klimaschützender Prozess. Im
Vergleich zum Neubau weisen Projekte
an Bestandsgebäuden eine Reduktion
der grauen Emission und des
Hof B, Steyr Land: Der über längere Zeit leerstehende
Wirtschaftshof sollte für reine Wohnzwecke zeitgemäß
adaptiert werden. Es galt, den ursprünglichen Charakter
des Vierkanters zu erhalten, obwohl sämtliche Räume in
ihrer Funktion abgeändert wurden.
architektur PEOPLE
30
Moser und Hager
Energieverbrauchs in der Herstellung
auf, wenn man daran denkt, welche
Masse an Baumaterial erhalten bzw.
nicht neu produziert werden muss.
Weiteres kann durch Revitalisierung
meist eine zusätzliche Bodenversiegelung
vermieden werden. Die positiven
Argumente überwiegen. Was die
Objekte selbst und ihre Energieeffizienz
betrifft, gibt es viele Möglichkeiten
und Stellschrauben, um ein saniertes
Gebäude klimafit zu machen.
Inwieweit sehen Sie sich in der
Pflicht, traditionelle Bauweisen zu
bewahren oder weiterzuentwickeln?
Welche Rolle spielt Handwerk in diesem
Kontext, und wie lassen sich traditionelle
Techniken in die moderne
Architektur integrieren?
Historische, denkmalgeschützte
Gebäude unterliegen einem klaren
Regelwerk von Denkmalamt und
Fachrestauratoren. Bei nichtdenkmalgeschützten
Gebäuden arbeiten
wir oft denkmalgerecht und materialtreu
und vorwiegend mit Firmen
mit Expertise im Umbau und Kenntnissen
von traditionellen Techniken.
Eine fachgerechte Sanierung ist ein
Qualitätsmerkmal, und nicht ein
Verweis auf moderne oder traditionelle
Architektur.
Einem der wohl emotionalsten Eckpunkte des Daseins widmeten sich Moser und Hager mit der
Konzeptionierung der Verabschiedungshalle in Kematen an der Krems. Mit dem sensiblen Entwurf
des Baus wollen die Architekten der Bedeutung des Ablebens gerecht werden – Details im Innenraum
zeigen zusätzlich den Stellenwert des Lebens auf und begleiten die Hinterbliebenen bei ihrer Trauer.
Perfekt abgestimmte und hochwertige
Materialpaletten sind ein weiteres
Markenzeichen Ihrer Arbeit. Wie
treffen Sie die Entscheidung für bestimmte
Materialien, insbesondere
in der Kombination von Alt und Neu?
Gerade der Spannungsbogen zwischen
Alt und Neu versetzt ein historisches
Gebäude in die Gegenwart.
Materialeinsatz ist neben der
funktionalen Adaption der Weg zu
einer zeitgemäßen Benutzung und
Erscheinung. Patina, Reife und auch
die herbe Schlichtheit des Bestandes
verstehen wir als Bühne, die es
gilt zu bespielen, zu ergänzen und zu
kontrastieren. Bei unserem Projekt
Hof B wurde etwa der in die Tenne
eingestellte Baukörper mit Spiegeln
verkleidet, um die umliegenden historischen
Tragstruktur der Tenne
und die Natur widerzuspiegeln, um
auf ihre Schönheit zu verweisen.
Bei der Aufbahrungshalle im
Kremstal wurde der ortsübliche und
identitätsstiftende Konglomeratstein
der Friedhofsmauer als weiterlaufendes
Element an der Fassade verwen-
www.architektur-online.com
det. Zu dieser Erdschwere des Steins
wurde eine innenliegende transparente
und zart wirkende Glasfassade
in Kontrast gestellt.
Wie sehen Sie die Entwicklung der
Architektur in den nächsten zehn
Jahren, insbesondere im Bereich des
Bauens im Bestand?
Natürlich würden wir uns ein Minimum
an Versiegelung und eine breite
Bearbeitung des vorhandenen
Bestandes wünschen. Dafür braucht
es aber ein soziales Umdenken. Sanierungen
werden meist als kostenintensiv
und mit individuellen
Einschränkungen konnotiert, die
unzähligen Qualitäten werden dagegen
kaum wahrgenommen. Eine umfassende
Diskussion und Aufklärung
über die Qualitäten und Vorzüge von
Beständen würden eine weitreichende
Entwicklung anfeuern.
31
Moser und Hager
Wie planen Sie, die Prinzipien und Werte
Ihres Büros weiterzuentwickeln?
Mit dem Schwerpunkt der Sanierung
dürfen wir einen Bereich der Architektur
bearbeiten, den wir als sehr
sinnstiftend erleben. Darüber hinaus
zeigt uns die Arbeit am Linzer
Mariendom oder am barocken Stift
Schlierbach, dass wir diese Bauwerke
nur ein Stück in ihrer oder allgemein
in der Geschichte begleiten.
Das stellt die eigene Rolle in ein neues
Verhältnis und bereichert unsere
Arbeit mit der Auseinandersetzung
von Wertbeständigkeit weg von
modischen Tendenzen. Wir leben
in einer sehr schnellen Zeit überflutet
mit appetit lichen Bildquellen.
Abweichend von diesen Tendenzen
und Einflüssen zu arbeiten und
sich als Grundlage geistes- und
kulturwissenschaftlich auseinanderzusetzten,
ist eine erfüllende Arbeitsweise,
die wir beibehalten und
intensivieren möchten.
Welche Projekte würden Sie gerne
noch realisieren, wenn Sie freie
Hand hätten?
Poetische Projekte, welche eine
bestimmte Atmosphäre und Stimmung
benötigen. Wie etwa die Aufbahrungshalle,
die der Situation einen
angemessenen Rahmen geben
muss. Ein Künstleratelier oder einen
Ausstellungsraum und ein richtig
gutes Freibad.
www.moserundhager.at
•
Oben: Das ehemalige Gasthaus, das im
Kern aus dem 15. Jahrhundert stammt,
wurde kontinuierlich erweitert und
ergänzt. Vor allem Umbauten ab den
1960er-Jahren haben den Charakter
des Gebäudes stark verfremdet. In
Rückbesinnung auf die ursprüngliche
Anlage wurden die früheren Grundrisse
im Obergeschoss wiederhergestellt.
Gewölbe, Bögen, Böden und
alte Wandöffnungen wurden komplett
rückgeführt sowie Wand- und
Deckenmalereien aus dem Neobarock
freigelegt und fachgerecht restauriert.
Das historische Stiftsgymnasium
Schlierbach gilt als eines der Hauptwerke
des österreichischen Barock um
1700. Das neue Konzept interpretiert
die Formensprache des Barock in zeitgemäßer
Form und fügt sich dadurch
selbstbewusst in den Bestand ein,
ohne mit diesem in ein Konkurrenzverhältnis
zu treten.
architektur PEOPLE
32
KENH Architekten
Es ist wichtig,
dass Architektur
Fragen stellt
Interview mit Eric-Emanuel Tschaikner, Kim Tien
und Natalie Neubauer vom Büro KENH Architekten
Interview: Roland Kanfer
KENH wurde 2005 von Kim Tien, Natalie Neubauer-Muzicant
und Eric-Emanuel Tschaikner (im Bild von rechts nach links)
als Bürogemeinschaft KENH – Büro für Architektur und
Design gegründet, seit 2018 firmiert das Büro als KENH Architekten
ZT GmbH. Geschäftsführer ist Eric-Emanuel Tschaikner.
KENH besteht aus bis zu zehn Menschen. Firmensitz ist in
der Wiener Leopoldstadt.
© Meinrad Hofer
www.architektur-online.com
33
KENH Architekten
Aus den Namen von Architekturbüros
lässt sich heute oft deren Programm
herauslesen. KENH ist ein Akronym
aus den Vornamen der Büropartner.
Welche Aussage steht dahinter?
Kim Tien: Am Anfang waren wir vier
Partner. Helmut Gruber war der vierte,
daher das stumme H. Wir haben
nach einem Namen gesucht , wollten
aber keine Botschaft damit verbinden.
Eric-Emanuel Tschaikner: Das Persönliche
im Namen war auch unser
Zugang zu unseren Auftraggebern.
Uns gefiel auch, dass der Name die
Fantasie anregt und ein Irritationsmoment
hat. Wir sehen Architektur sehr
breit, wollen lange zusammenarbeiten
und wollten einen Namen, der uns
auch nach fast 20 Jahren noch die
Möglichkeit gibt, uns zu positionieren.
Nach dem Weggang von Helmut
Gruber haben wir das H im Namen
gelassen, das könnte auch für die helfenden
Hände im Büro stehen.
Der Untertitel „Büro für Architektur
und Design“ lässt darauf schließen,
dass ihr einen Unterschied zwischen
den beiden Begriffen macht. Was unterscheidet
Ihrer Meinung nach Architektur
und Design?
Natalie Neubauer: Den Untertitel
gibt es eigentlich nicht mehr, aber er
ist natürlich Teil unserer Geschichte.
Kim Tien: Die beiden sind Architekten,
ich komme aus dem Industriedesign,
anfangs waren wir eine
Arbeitsgemeinschaft. Wir haben
schnell gemerkt, dass wir auch Gesamtkonzepte
umsetzen können.
Wo liegt für Sie der Unterschied?
Was macht gute Architektur aus, was
gutes Design?
Eric-Emanuel Tschaikner: Wir sehen
Unterschiede in der Qualifikation und
in der Arbeitsweise. Klassisch könnte
man sagen, Architektur ist raumorientiert,
Design ist objektorientiert.
Diese Unterschiede verschwimmen
immer mehr. Uns ist aufgefallen, dass
Designer viel früher als Architekten
begonnen haben, sich mit den immateriellen
Werten von Produkten auseinanderzusetzen
und viel stärker
an Themen wie Identität gearbeitet
haben. Wir haben diese Kombination
bewusst gesucht, weil wir glauben,
dass sich beides ergänzen sollte. Architekten
neigen dazu, alles zu können,
aber es gibt viele Beispiele, wo
gute Architekten nicht unbedingt gut
im Design waren und umgekehrt. Im
Team funktioniert es, wenn man sich
ergänzen kann. Diesen Anspruch der
ganzheitlichen Betrachtung gab es
schon, wenn man an das Bauhaus
oder die Wiener Werkstätten denkt.
Wir sind skeptisch, wenn das in einer
Person zusammenläuft.
Sehen Sie sichin der Tradition Bauhaus
und Wiener Werkstätten?
Eric-Emanuel Tschaikner: Tendenziell
ja, aber in der Praxis sind unsere
Projekte immer architekturlastiger
geworden, wobei wir Themen, die im
Design präsenter sind, in unsere Architektur
integriert haben. Wir haben
verstanden, dass Eingriffe im Kleinen
große Auswirkungen haben können.
Beim Praterstern haben wir mit klei-
nen Interventionen eine Fläche von
28.000 m 2 beeinflusst.
Natalie Neubauer: Das spannende
ist, dass Kim mit diesem fundierten
Designbackground die Projekte
beeinflusst und wir damit einen
Mehrwert schaffen. Wir sehen Unterschiede
in der Qualifikation und
in der Arbeitsweise. Klassisch könnte
man sagen, Architektur ist raumorientiert,
Design ist objektorientiert.
Diese Unterschiede verschwimmen
immer mehr. Uns ist aufgefallen, dass
Designer viel früher als Architekten
begonnen haben, sich mit den immateriellen
Werten von Produkten auseinanderzusetzen
und viel stärker
an Themen wie Identität gearbeitet
haben. Wir haben diese Kombination
bewusst gesucht, weil wir glauben,
dass sich beides ergänzen sollte. Architekten
neigen dazu, alles zu können,
aber es gibt viele Beispiele, wo
gute Architekten nicht unbedingt gut
im Design waren und umgekehrt. Im
Team funktioniert es, wenn man sich
ergänzen kann. Diesen Anspruch der
ganzheitlichen Betrachtung gab es
schon, wenn man an das Bauhaus
oder die Wiener Werkstätten denkt.
Wir sind skeptisch, wenn das in einer
Person zusammenläuft.
u
© Theresa Wey
Umgestaltung Wiener Praterstern: Maximierung der
Grünbereiche und Schaffung eines lebendigen urbanen Platzes
architektur PEOPLE
34
KENH Architekten
Wie ist Ihr Background und wie hat
das Team zusammengefunden?
Natalie Neubauer: Eric und ich haben
auf der Akademie studiert. Wir
haben beide bei Gustav Peichl begonnen,
ich habe bei Nasrine Seraji
abgeschlossen, Eric bei Robert Mull
und Rüdiger Lainer. Dort haben wir
uns schon früh zu einem Wohnbau-Studienprojekt
zusammengeschlossen,
wofür wir schief angeschaut
wurden.
Eric-Emanuel Tschaikner: Ich habe
schon während des Studiums begonnen,
erste Projekte zu realisieren, eines
davon war vor 20 Jahren ein Passivhaus
ohne Heizung, mit Lehmputz
und vorgefertigten Holzelementen,
das heute noch funktioniert. So habe
ich mich früh selbstständig gemacht
und zweimal mit Helmut Gruber an
Wettbewerben teilgenommen
Kim Tien: Ich habe Industriedesign
an der Angewandten studiert, bei
Matteo Thun angefangen und bei
Enzo Mari abgeschlossen. Dazwischen
war ich an der Design Academy
in Eindhoven, und schon in
meiner Diplomarbeit ging es um Architektur
und Identität, es war ein
Restaurantentwurf. Ich habe unter
anderem bei Eichinger oder Knechtl
gearbeitet, wo ich Helmut Gruber
kennengelernt habe, den ich mit Eric
zusammengebracht habe. Wir haben
uns einfach das Büro geteilt, zuerst
Helmut, ich und Eric, dann kam Natalie
mit dem ersten Projekt.
Natalie Neubauer: Das war 2005 die
Renovierung einer Anwaltskanzlei
mit der schönen Aufgabe, vom Briefpapier
über das Logo, die Homepage,
die Möbel bis hin zur Bilderaufhängung
die gesamte Architektur zu
gestalten. Das war der Einstieg, da
haben wir gemerkt, wie schön und
spannend es ist, alles auf verschiedenen
Ebenen zu machen. Aus diesem
Projekt sind dann die nächsten
entstanden.
Eric-Emanuel Tschaikner: Ich habe
auch immer an der Akademie und
an der TU unterrichtet. Kim hat auch
eine Coachingausbildung, ich eine
Mediationsausbildung. Es gibt einen
großen Mangel an Konfliktstrategien
in der Architektur- und Designpraxis.
Das kommt in beiden Studiengängen
nicht vor. Inzwischen wird
das als Zusatzqualifikation nachgefragt.
Wir haben zum Beispiel gerade
ein Wohnbauprojekt gewonnen,
weil wir verstanden haben, was der
Entwickler will, unter anderem weil
wir das entsprechende Verständnis
für ein alternatives Prozessdesign
mitbrachten. Auch das Projekt Praterstern,mit
seinen vielen Stakeholdern,
wäre ohne diese Zusatzqualifikationen
schwierig geworden. Wir
wurden auch schon gebucht, um
Raumprogramme im Vorfeld von
Ausschreibungen zu erstellen.
Worauf kommt es bei der Mediation
zwischen Bauherren, Behörden und
Ausführenden an?
Eric-Emanuel Tschaikner: Das Wichtigste
ist, die Konflikttheorie zu verstehen
und die Werkzeuge zu haben,
um Bedürfnisanalysen durchzuführen.
Konflikte können meist nur über die
Bedürfnisebene gelöst werden. Wenn
man im Vorfeld Schnittmengen sucht,
kann man als Planer anders agieren.
Man muss im Prozess Verständnis
zwischen den Beteiligten schaffen, wo
sich Interessen überlagern, um zielgerichteter
arbeiten zu können.
Natalie Neubauer: Man hat es oft
mit Bauherren zu tun, die nicht wissen,
was sie wollen oder zu viele Ansprüche
haben. Die Entscheidungsfindung
ist ein Prozess, den wir mit
Workshops moderieren. Ich habe
auch Bauherren als Bauherrenvertreterin
betreut, was spannend ist, weil
man als Architekt diese Seite nicht
immer erlebt.
© Lukas Schaller
© Bruno Klomfar
Neubau Haus Z, Wien: Für KENH Architekten hat jedes Projekt
unterschiedlich relevante Themen.
Wohnbau Franzosengraben, Wien: Farblich abgestufte Bodenfliesen
verhalfen dem 80 Meter langen Baukörper zur Identitätsstiftung.
www.architektur-online.com
35
KENH Architekten
Gibt es eine Rollenverteilung im
Team, wo liegen eure Schwerpunkte?
Natalie Neubauer: Kim Tien ist für
Konzeption, Entwurf, Design und Interieur
zuständig, Eric Tschaikner für
Konzeption, Entwurf, Hochbau und
Baurecht. Ich konzentriere mich auf
die Akquise und das Projektmanagement
und bringe die Sicht des Bauherrn
ein. Wir haben schon immer
versucht, die Projekte gemeinsam
auf Augenhöhe zu entwickeln, um
für den Bauherrn das Bestmögliche
zu schaffen.
Wie definieren Sie Ihre Rolle als Architekten
und Ihren Standort im
Spannungsfeld der Architektur zwischen
Kunst, Wirtschaft und dem
von manchen nicht gern gehörten
Begriff Dienstleistung?
Eric-Emanuel Tschaikner: Grundsätzlich
sind alle drei Faktoren notwendig.
Wir werden für eine Dienstleistung
bezahlt, wir müssen auch
wirtschaftlich handeln. Und natürlich
versuchen wir, gute Architektur
zu machen.
Natalie Neubauer: Und damit sind
wir gute Dienstleister. Wir sehen uns
in der Pflicht, den Bauherrn bestmöglich
zu betreuen.
Eric-Emanuel Tschaikner: Wir
versuchen, die Bedürfnisse des
Auftraggebers zu verstehen. In
der Ausformulierung sind wir die
Experten. Ich glaube schon, dass
gute Architektur nicht im Auge des
Betrachters liegt, sondern dass es
durchaus Kriterien gibt.
Welche sind das?
Eric-Emanuel Tschaikner: Es ist
wichtig, dass Architektur Fragen
stellt. Jedes Projekt hat verschiedene
relevante Themen, die mann nur über
die richtigen Fragen findet. Und man
muss viele Bälle synchron in der Luft
halten – Konstruktion, Raumwirkung,
Lichtführung, Akustik, Nutzung, Bewegung
müssen aus einem Guss sein.
Wenn das gelingt, ist das große Kunst
auf verschiedenen Ebenen – wirtschaftlich,
technisch, sozial. Die originäre
Qualität eines Kunstwerks sehe
ich in der Architektur untergeordnet,
weil es mehr um das Finden und
Verstehen geht als um das Erfinden,
was in der Kunst eine Grundvoraussetzung
für Qualität ist. Ein anderes
Atelierhaus am Semmering: KENH Architekten revitalisierten
ein Fertigteilhaus aus den siebziger Jahren.
Kriterium ist die Ökonomie der Mittel.
Materielle Ökonomie im Sinne einer
Kreislaufwirtschaft, aber auch gestalterische
Ökonomie.
Was ist gute Architektur für
die Designerin?
Kim Tien: Es ist eine Frage des Maßstabs.
Gute Architektur muss mit
der gleichen Sorgfalt geplant werden
wie Design. Gutes Design verbindet
Ästhetik und Funktionalität auf eine
Weise, die vom Nutzer als angenehm
empfunden wird. Im besten Fall denkt
er nicht darüber nach, warum das so
ist, sondern empfindet es intuitiv als
gut und richtig. Wie im Design gibt
es aber auch in der Architektur innovative
Ansätze, die anecken dürfen.
Eric-Emanuel Tschaikner: In der Architektur
geht es meistens um ein
maßgeschneidertes Projekt für den
Ort. Und es gibt Projekte wie Mietwohnungen,
die anpassungsfähig
sein müssen, weil wir die Nutzer nicht
kennen. Das ist eine Gratwanderung
zwischen Identität und Neutralität. Im
Design denkt man an die Reproduzierbarkeit,
wie man Objekten Identität
gibt und sie emotional auflädt.
Kim Tien: Im Industriedesign geht
es natürlich um das Massenprodukt.
Wenn es sich leicht und kostengünstig
reproduzieren lässt, ist es auch
gutes Design. Es geht auch darum,
Konsumgüter zu gestalten und Begehrlichkeiten
zu wecken. Aber das
hat mich nicht interessiert, deshalb
bin ich nicht in diesem Bereich geblieben.
Architektur ist ein tolles
Medium, in dem es immer wieder
Anlässe gibt, im Kleinen etwas Maßgeschneidertes
zu machen. u
Atzmüllerhaus, St. Veit im Mühlkreis: Das Dreigenerationenhaus
wurde nicht abgerissen, sondern umgebaut und erweitert.
© Meinrad Hofer
© KENH
architektur PEOPLE
36
KENH Architekten
Büroumbau BLOCH 3, Wien: Verwendet wurden nachhaltige neue und
bestehende Materialien.
In der Bauindustrie nimmt die serielle
Bauweise immer mehr an Bedeutung
zu. Kann man Erfahrungen aus dem
Industriedesign dort verwerten?
Kim Tien: Für mich ist es zum Beispiel
im Wohnungsbau wichtig, schöne
Benutzeroberflächen zu wählen,
mit denen die Menschen täglich konfrontiert
sind. Da gibt es oft Streit
mit den Auftraggebern. Ich verstehe
überhaupt nicht, wie man da sparen
kann. Früher haben Böden 100 Jahre
gehalten, heute wird an den falschen
Stellen gespart. Dazu gehört auch
die Schaffung von Orientierung, von
angstfreien Räumen.
Eric-Emanuel Tschaikner: Wir nennen
den Zugang in unseren Projekten
Friendly Design: Dass der Entwurf
dem Nutzer entgegenkommt.
Das sind oft ganz kleine Eingriffe,
zum Beispiel, dass ein Wohnhaus
möglichst wenig Türen hat oder dass
wir Panikbeschläge auch dort einbauen,
wo sie gar nicht nötig sind,
damit die Bewohner mit Einkaufstaschen
in beiden Händen durch die
Tür gehen können, ohne sie abstellen
zu müssen. Diese Nutzerperspektive
würde man vielleicht nicht als klassische
Aufgabe der Architektur sehen,
sondern eher dem Design zuordnen.
Natalie Neubauer: In allen Aspekten
unserer Architektur ist der Nutzer,
auch der, den wir nicht kennen, der
Key Player.
Eure Projekte spannen einen ziemlich
weiten Bogen, von Bürolayouts
über Um- und Neubau von Einfamilienhäusern
bis zur Platzgestaltung.
Gibt es einen roten Faden, einen gemeinsamen
Nenner in den Projekten?
Eric-Emanuel Tschaikner: Der rote
Faden unserer Arbeit ist eher der
Prozess, um das Verstehen. Dabei
gibt es durchaus Synergien: Beim
Praterstern, zum Beispiel, war das
Thema subjektive Sicherheit ganz
© Martin Zorn
wesentlich. Und das Wissen aus diesem
Projekt können wir jetzt auch
auf den Wohnbau übertragen.
Natalie Neubauer: Der rote Faden
ist, dass es für uns nichts gibt, das
man nicht hinterfragen darf.
Kim Tien: Jedes Projekt, ob groß
oder klein, ist für uns interessant und
erhält die gleiche Aufmerksamkeit.
Deshalb haben wir uns nicht spezialisiert.
Das Schöne daran ist, dass
man sich selbst immer wieder infrage
stellen und von den verschiedenen
Maßstäben lernen kann. Es gibt auch
den sprichwörtlichen roten Faden in
unserer Arbeit. Bei fast jedem Projekt
gibt es ein Objekt, einen Sessel,
eine Kiste oder einen Handlauf in der
Farbe RAL 3022 Lachsrot.
Wo liegen die Vorlieben und
Stärken von KENH?
Eric-Emanuel Tschaikner: Das große
Thema im Moment ist der Umbau
– ein Thema, das uns schon lange
begleitet. Es gibt zwei Projekte, auf
die wir stolz sind: Ein Atelier am Semmering,
wo wir ein Plattenbauhaus
aus den siebziger Jahren revitalisiert
haben. Alle anderen Architekten, die
man gefragt hat, haben das abgelehnt.
Wir haben aber immer schon
gesagt, wenn die Struktur da ist, soll
man sie weiterentwickeln. Wie auch
beim Atzmüllerhaus, ein Dreigenerationenhaus
am Land, das nicht abgerissen,
sondern umgebaut und erweitert
wurde und seit 20 Jahren gut dasteht.
Natalie Neubauer: Beim Wohnbau
MGC mit 140 Wohnungen, wo wir den
schwierigsten Bauplatz hatten, ist es
uns gelungen, durch Identitätsstiftung,
Adressbildung, Grundrissorientierung
die Wohnungen attraktiv
und beliebt zu machen.
Kim Tien: Was mir bei diesem Projekt
Spaß gemacht hat, ist der Gang,
den wir so gestalten konnten, dass er
nicht erdrückend wirkt. Er ist im Erdgeschoß
60 Meter lang, man beginnt
mit anthra zitfarbenen Fliesen, dann
wird es immer heller. Im letzten Bauteil
steht man plötzlich auf weißem Boden.
Welche Wünsche haben Sie, was die
Entwicklung des Bauens betrifft?
Kim Tien: Weniger Versiegelung!
Natalie Neubauer: Eine bessere
Planbarkeit in unserer Branche!
Eric-Emanuel Tschaikner: Die Verbindung
zwischen Design, Architektur
und Industrie interessiert uns sehr
im Hinblick auf die Werkzeuge, die
wir brauchen. Architektur besteht ja
zu einem großen Teil aus vorgefertigten
Industrieprodukten. Beratung von
Unternehmen bei der Produktentwicklung
würde mich daher reizen. •
kenh.at
Tanzquartier Wien
– Sanierung und
Umbau der Büros
und der Studioräume,
Neugestaltung
des Eingangsbereichs
und des Cafés.
© Paul Bauer
www.architektur-online.com
37
PEDEVILLA ARCHITEKTEN
Gebaut aus 100 %
SCHROTT
Architekt: Hadi Teherani Architects
Echte Kreislaufwirtschaft
mit End-of-Life-Aluminium.
Die beim Innovationsbogen Augsburg eingesetzten WICONA
Fassadensysteme stammen zu 100% aus recyceltem End-of-Life-
Aluminium – also Aluminiumschrott, der seinen gesamten Lebenszyklus
bereits durchlaufen hat. Das hat insgesamt 517 Tonnen CO 2
eingespart. So geht echte Kreislaufwirtschaft!
Mehr erfahren:
www.wicona.at
© HGEsch Photography
architektur PEOPLE
38
Albert Wimmer
Gute Architektur
beinhaltet drei Schritte
Interview mit Architekt Albert Wimmer
Interview: Roland Kanfer
Der Wiener Architekt Albert Wimmer zählt zu den
profiliertesten Architekten des Landes und hat über
Jahrzehnte hinweg die Architektur- und Stadtlandschaft
geprägt. Mit der Gründung seines Ateliers im Jahr
1977 und der kontinuierlichen Erweiterung seines Tätigkeitsfeldes
durch die Gründung mehrerer Gesellschaften
hat Wimmer ein beeindruckendes Portfolio aufgebaut,
das Projekte im Wohnbau, Gesundheitswesen, in der
Mobilität sowie in der Stadtplanung umfasst. In unserem
Interview spricht er über seine Ansichten zur gesellschaftlichen
Verantwortung von Architekten, seine Rolle
im Spannungsfeld zwischen Kunst und Wirtschaft und
darüber, warum sein Credo „Never do the same“ einen
zentralen Platz in seiner Arbeit einnimmt.
© Lisi Specht
www.architektur-online.com
39
Albert Wimmer
Der Einstieg auf Ihrer Website lautet:
Architektur kann und soll zur Schaffung
einer offenen Gesellschaft beitragen.
Wie genau muss dieser Beitrag
aussehen?
Zunächst muss man sich der gesellschaftlichen
Verantwortung bewusst
sein, dann in die Gesellschaft hineinhorchen
und in der Folge unter
sorgfältiger Abwägung der Argumente
das gemeinsame Wohl in den
Vordergrund stellen. Als Architekten
können wir nicht die Gesellschaft
verändern, aber wir haben alle Möglichkeiten,
die Voraussetzungen für
Veränderungen zu schaffen. Lassen
Sie mich das beispielhaft erklären:
Der öffentliche Raum befindet sich
gegenwärtig im Fokus der gesellschaftlichen
Debatte. Wir Architekten
können autogerecht planen oder
wir denken radikal und schaffen Voraussetzungen
für ein gerechtes soziales
Miteinander.
Radikale Denkansätze scheitern
aber meist an den Realitäten. Bleiben
wir beim Beispiel Auto: Welche
Lösungen kann Architektur anbieten,
um die polarisierte und polarisierende
öffentliche Debatte darüber in
eine pragmatische, von allen gesellschaftlichen
Gruppen akzeptierte
Richtung zu lenken?
Da setze ich voll auf die Haltung der
jüngeren Generation, das Thema
Auto steht nicht mehr im Fokus und
wird von wichtigeren Themen wie
dem Klima abgelöst. Die Umstrukturierung
des öffentlichen Raums ist
voll im Gang, dogmatisch beharrende
Positionen werden bestehen bleiben
und bei diesen Gruppierungen
ist kein gemeinsames Verständnis
möglich. Bei allen anderen sind Anstrengungen
für ein radikales Umdenken
zielführend.
Wie definieren Sie Ihre Rolle als Architekt
im Spannungsfeld der Architektur
zwischen Kunst, Wirtschaft
und dem von manchen nicht gern
gehörten Begriff Dienstleistung?
Ich habe mit dem Begriff Dienstleister
für die Gesellschaft kein Problem,
hingegen bin ich als Dienstleister für
eine rein profitorientierte Immobilienwirtschaft
nicht zu haben. Architektur
braucht Wirtschaft, genauso
wie Kunst, nur muss es richtig verstanden
sein, das heißt der Künstler/Architekt
muss in der Lage sein,
seine Prioritäten in seinem Werk
gekonnt richtig zu setzen, ebenso
wie der Ökonom/Architekt die wirtschaftlichen
Möglichkeiten richtig
abschätzen muss. Beispielhaft sei
zitiert: Opfert man alles einer überproduktiven
Technologie, wie es die
Automobilindustrie gerade vorlebt
und vollzieht, dann sehen eben alle
Autos gleich aus. Es gibt gegenwärtig
keine genialen Entwürfe, erinnern
Sie sich an den 2CV Citroen oder den
Citroen D Pallas.
Der modernen Architektur wird auch
oft vorgeworfen, dass alles gleich
aussieht, vor allem im großvolumigen
Wohnbau und im Bürobau. Ist
heutzutage, wo Sparen die oberste
Maxime ist, der individuelle Entwurf
noch möglich, auch wenn „Unnötiges“
Mehrkosten verursacht?
Die moderne Architektur zeigt sich
gegenwärtig in unterschiedlichen
Ausprägungen und vermittelt sich in
Hauptbahnhof Wien
verschiedensten Experimenten. Die
Vielzahl an konzeptuellen Ansätzen
erschwert es, richtungsweisende
Werke zu identifizieren und zu definieren.
Lokale Strömungen gewinnen
an Bedeutung, womit gravierendes
Umdenken auch Platz gegriffen
hat. Motor für dieses Umdenken war
und ist der architektonische Entwurf,
die visionäre Raumkonzeption, sowie
der herausfordernde Dialog jenseits
ökonomischer Zwänge.
In welcher Architekturtradition reihen
Sie sich ein? Haben Sie Vorbilder,
Lehrmeister?
Cedric Price, Georges Candilis, Superstudio,
Jaap Bakema, sowie in
die Tradition der Wettbewerbssüchtigen,
denen gleicher Zugang zu
Ressourcen für alle wichtig ist, zu
jenen, denen modische Erscheinungen
widerstreben und zu jenen, die
ihre Entwürfe erkämpfen wollen und
bei denen die Umsetzung im Vordergrund
steht.
u
© Helmut Pierer
architektur PEOPLE
40
Albert Wimmer
Klinik Floridsdorf
© Rupert Steiner
Ihr Büro kann auf Projekte in vielen
Bereichen verweisen – Wohnbau,
Gesundheitsbau, Mobilität und auch
Stadtplanung. Um ein so breites
Spektrum abzudecken, braucht es
eine gemeinsame Klammer. Können
Sie diese beschreiben?
Meine gemeinsame Klammer ist:
Never do the same, sondern beobachte
genau gesellschaftliche Veränderungen
und sei in deinen Werken
diesen visionär voraus. Meine
gemeinsame Klammer heißt auch
Wettbewerbsgewinn. Um an einem
Wettbewerb teilzunehmen, bedarf
es für mich folgender Voraussetzungen:
Qualität der Ausschreibung,
eine qualitätsvolle Jury, ein Thema,
zu dem ich mich berufen fühle, etwas
beizutragen und auszusagen.
Bei Gesundheitsbauten beispielsweise
zeigt sich sofort der Anspruch
auf soziale Gerechtigkeit für jene,
denen es verdammt schlecht geht
– hoffentlich nur vorübergehend –
und wie Architektur ein Wohlfühlambiente
schaffen kann. Architektur
kann helfen, Angst vor dem Spitalsaufenthalt
abzubauen, sogar Persönlichkeit
und Eigenständigkeit
zurückgeben. Dies haben wir bei der
Klinik Floridsdorf mit der Entwicklung
des mobilen Schranks bewiesen.
Der Sprung von Sportbauten
zu Infrastrukturbauten wie Bahnhöfen
ist ein kleiner, hat man kapiert,
was Massen bewegt. Weiß man, was
Grätzlqualität sein kann, so führt am
Wohnbau und an der Stadtplanung
kein Weg vorbei.
Haus B, Salzkammergut
Alle von Ihnen als Vorbilder genannten
Architekten waren auch stadtplanerisch
tätig. Was braucht es, um
ein guter Stadtplaner zu sein?
Ein guter Stadtplaner ist ein Visionär,
der den Kampf gegen Windmühlen
nie aufgibt.
Wie definiert sich für Sie
gute Architektur?
Gute Architektur beinhaltet drei
Schritte: Gekonntes Handwerk ist
die Basis, ein stark lesbares Konzept
folgt als nächster Schritt und die
kompromisslose Umsetzung bedeutet
die Vollendung.
Wie schätzen Sie die Bedeutung
von Architekturwettbewerben ein?
Sind offene Wettbewerbe Ressourcenverschleuderung
oder eine
Notwendigkeit?
Wettbewerbe sind Kulturbeiträge.
Was gegenwärtig falsch läuft, ist,
dass Ausschreibungen zu sehr in die
Hände der Juristen gelegt werden
und die Einschränkungen zu rigoros
stattfinden. Wenn frische junge Gedanken
ausgeschalten werden sollen,
dann kann das fatale Portfoliobewertungssystem
beibehalten werden.
Was kann man als Architekt aus einem
verlorenen Wettbewerb lernen?
Derzeit nichts, da die Wettbewerbsergebnisse
keine Spielräume mehr
akzeptieren.
© Lisi Specht
www.architektur-online.com
41
Albert Wimmer
Ist dieser Trend unaufhaltsam und
der offene Wettbewerb damit tot
oder lässt sich der Trend umkehren?
Eine Trendumkehr tritt erst dann ein,
wenn Bauherren wieder auf die Bühne
treten, die sich zu mutigen Entscheidungen
durchringen können und dafür
mediale Zustimmung erfahren.
Partizipation scheint für Sie, zumindest
im Wohnbau, ein wichtiges Element
der Planung zu sein. Verliert Architektur
damit nicht ihren originären
Charakter, wenn Laien mitplanen?
Bottom up und top down beherrschen
die Kreativität, es ist nur eine Frage
des Timings, wie diese beiden Richtungen
synchronisiert werden. Jedenfalls
dirigiert der Architekt. Respekt
vor Professionalität ist ebenso erforderlich
wie ein klares Verständnis und
Kommunikationsbereitschaft für das
Anliegen derer, für die wir arbeiten.
Welche Ihrer Projekte würden Sie
als Lieblingsprojekte bezeichnen
und warum?
Das Wort Lieblingsprojekte lehne ich
ab, da ich mit vollstem Engagement
bei jedem Projekt arbeite unabhängig
von der Größe. Wenn für die
Aufgabe kein Feuer brennt, ist das
Ergebnis Mittelmaß.
Odeongasse, Wien
Sie legen Wert auf die
Freihandskizze. Warum?
Ohne Bleistift in der Hand kann ich
nicht denken, der freihändige Strich
bündelt das gesamte Wissen, die gesammelten
Emotionen, sowie mögliche
Visionen.
Heute werden nicht nur Ausführungspläne
am Computer gezeichnet,
auch beim Entwurfsprozess
spielt er eine immer größere Rolle.
Geht damit eine Kunst verloren?
Der Computer ist ein Werkzeug, das
richtig einzusetzen ist, ein durchaus
wertvolles Tool, sowie es auch die KI
ist. Mehr steckt nicht darin.
Was können Sie jungen Architekten
mitgeben, wohin sollte sich Architektur
Ihrer Meinung nach entwickeln?
Die Kolleg:innen müssen selbst entscheiden,
was Zukunft für sie sein
kann. Ich zeige zwei Richtungen auf:
Richtung eins ist die Autoindustrie,
aufbauend auf perfekten Tools der
Industrialisierung und dem Ausblenden
von visionärem Denken.
Richtung zwei ist ein radikales Abwenden
von den aufwendigen Portfoliobewerbungen
zum Nachweis der
Fähigkeiten und Öffnung zum neuen
Denken und Forschen.
•
www.awimmer.at
© Pez Hejduk
Thierfelderstrasse, Rostock
© ZOOMVP
architektur PEOPLE
42
Silberpfeil Architekten
Auf der Suche nach
neuen Lösungen
Interview mit Peter Rogl, Christian Koblinger
und Christina Lang von Silberpfeil Architekten
Interview: Roland Kanfer
Das Architekturbüro „silberpfeil-architekten“ steht seit 2001
für dynamische und innovative Architekturentwicklungen, die
sich durch einen hohen Anspruch an Qualität und Nutzerorientierung
auszeichnen. Im Interview geben die Gründer Peter Rogl
und Christian Koblinger sowie die Architektin Christina Lang
Einblicke in ihre Arbeitsweise, ihre Philosophie und die Herausforderungen
moderner Architektur.
© SpA
www.architektur-online.com
43
Silberpfeil Architekten
© SpA
Das seit 1917 im Gartenpalais Schönborn beheimatete Volkskundemuseum Wien ist nicht nur eines der großen internationalen ethnographischen
Museen Europas, sondern auch ein offener Ort für soziale Interaktionen, Diskurse und partizipativen Austausch. Diesen Anspruch kann das Haus
gegenwärtig nicht optimal erfüllen, daher entwickeln Silberpfeil Architekten das Wettbewerbsprojekt im engen Austausch mit der Museumsleitung
weiter, um die Philosophie des Museums in Einklang mit der Architektur zu bringen.
Das Motto auf Ihrer Website lautet
„Inhalt schafft Raum“. Was ist damit
gemeint?
Peter Rogl: Mit Inhalt ist der gedankliche,
konzeptuelle Überbau gemeint,
der in all unseren Projekten die Basis
des Ergebnisses, also den Raum bildet.
Wir beschäftigen uns tiefgründig
mit jeder Thematik, die ein Auftrag
verlangt. Durch intelligente Lösungen
und Berücksichtigung von Kontext
und Inhalt schaffen wir diesen ganz
besonderen, einzigartigen Raum.
Unser Motto beschreibt also die fundierte
Auseinandersetzung mit den
Parametern jedes Projekts und den
dadurch generierten Mehrwert.
Ist der Name „Silberpfeil” Programm,
und wenn ja, was sagt er aus?
Peter Rogl: Bei Gründung von silberpfeil-architekten
vor bald 25 Jahren
war der Name Synonym für Innovation,
dynamische Prozesse und Teamgeist.
Gegenwärtig sind wir in einem
Prozess der unternehmerischen
Veränderung, in dem ein erweiterter
Personenkreis Verantwortungen bekommt.
Wir analysieren dabei unser
Unternehmen tiefgreifend, Werte,
Identität und Profil werden geschärft
und am Ende feilen wir vermutlich
auch am Unternehmensnamen. Alles
ist in Bewegung! Mehr möchten wir
aber noch nicht verraten.
Wie kann man Ihre Arbeitsweise als
Architekturbüro beschreiben?
Christian Koblinger: In dem zuvor
beschriebenen Prozess haben wir
uns selbst als harmonischen heterogenen
Haufen bezeichnet. Es wird
mehr oder weniger alles im Team erarbeitet.
Dieses Team ist multikulturell,
jung und zeichnet sich durch ein
großes Interesse an und Verständnis
für die Position der anderen aus.
Das führt bei sehr unterschiedlichen
Charakteren, Denk- und Arbeitsweisen
mitunter zu langen Diskussionen
und Entwicklungsprozessen, am
Ende aber auch zu fundierten Ergebnissen
in den Projekten.
Wie definieren Sie Ihre Rolle als Architekten
und euren Standort im
Spannungsfeld der Architektur zwischen
Kunst, Wirtschaft und dem von
manchen nicht gern gehörten Begriff
Dienstleistung?
Christina Lang: Die Architektur war
in jeder Epoche im Spannungsfeld
vielfältiger gesellschaftlicher und
wirtschaftlicher Vorgaben und Rahmenbedingen.
Wir verstehen uns in
diesem Spannungsfeld einerseits als
Mediatoren, bei denen die Rahmenbedingungen
zusammenlaufen. Auf
der anderen Seite sehen wir uns aber
auch als Fürsprecher und Verfechter
qualitätsvoller Architektur. Wir verstehen
„Dienst“ nicht als Pflicht, sondern
als Aufgabe. Damit können wir
gut leben und ich denke, wir erfüllen
unsere Rolle in dem angesprochenen
Spannungsfeld verantwortungsvoll
und zugleich selbstbewusst.
Sie haben 2023 ein wettbewerbsähnliches
Verhandlungsverfahren für die
Sanierung des Wiener Volkskundemuseums
gewonnen. Welcher Leitgedanke
steht hinter dem Projekt?
Christian Koblinger: DDas Thema
Bauen im Bestand, Sanieren, Restaurieren
und neu Strukturieren, begleitet
unser Büro seit 25 Jahren, als
wir unseren allerersten Wettbewerb
zu dem Thema gewinnen konnten.
Was wir damals als Ausflug in eine
neue Welt erlebt haben, ist seither
in den unterschiedlichsten Formen
ein Schwerpunkt unserer Tätigkeit.
In dieser Zeit haben wir gelernt, dass
unsere Konzepte und Antworten auf
die heterogenen Parameter jedes
einzelnen Projekts abzustimmen
sind. Einmal ist es eine Neustrukturierung
mit starken Interventionen,
ein anderes Mal sind die Eingriffe,
die wir planen, minimal. Einmal ist
unser architektonisches Konzept sofort
klar, ein anders mal entwickelt es
sich Schritt für Schritt als Ergebnis
von Recherche und Spurensuche. u
architektur PEOPLE
44
Silberpfeil Architekten
© janusch
Schulumbau und Erweiterung Reichsapfelgasse: Das neue Kopf- und Eingangsgebäude ist in Holzbauweise
mit einem extrem hohen Vorfertigungsgrad konzipiert, was zu kurzen Bauzeiten und einer
Reduktion der Emissionen führt. Durch die Weiterentwicklung der bestehenden Struktur und die
Verbindung mit dem Neubau entstehen spannende Innenräume mit hochwertigen multifunktionalen
Raumsequenzen und direktem Zugang zu den Freiräumen.
© janusch
Trotzdem, vielleicht aber auch weil
wir uns beim Wettbewerb für das
Volkskundemuseum sehr bald einig
waren, Interventionen unter Wahrung
der DNA der historischen Architektur
vorzunehmen, also behutsam und
respektvoll an dem Palais weiterzuarbeiten,
war jeder Eingriff, jeder
Abbruch, jede Ergänzung von langen
Diskussionen im Team begleitet. Oft
haben wir gemeint, ein optimales Ergebnis
zu haben, und am nächsten
Tag doch wieder überarbeitet. Die
kleine Intervention, die oftmals nicht
sichtbare Veränderung im historisch
wertvollen Bestand, ist eine weit komplexere
Aufgabe als die radikale Veränderung.
Ich denke wir haben durch
diese Art zu arbeiten, fernab ökonomischer
Vernunft für unser Büro,
das Haus aus den verschiedensten
Betrachtungswinkeln kennengelernt
und so unsere architektonischen
Antworten und Konzepte für die notwendigen
Veränderungen gefunden.
Dieser behutsame Umgang mit der
historischen Substanz gilt auch für
die nachhaltige und energetische
Verbesserung im Bereich der baulichen
Substanz und der Haustechnik.
Bei einem im vergangenen Jahr gewonnenen
Wettbewerb, der Generalsanierung
der Ganztagesvolksschule
Reichsapfelgasse in Wien, greifen Sie
stark in die bestehende Substanz ein.
Worauf kommt es bei derartigen Projekten
an?
Peter Rogl: Wir haben diesen Wettbewerb
zusammen mit unseren
Freunden von MAGK Architekten
gewonnen und bearbeiten das Projekt
als Arbeitsgemeinschaft. Diese
Zusammenarbeit ist sehr produktiv
und konstruktiv, weil wir unsere Expertise
zum Bauen im Bestand und
MAGK die Kompetenz im modularen
Holzbau einbringen können. Bei diesem
Projekt sind die Maßnahmen im
Bestand tiefgreifender als im Volkskundemuseum,
weil wir nur so den
Anforderungen zeitgemäßer pädagogischer
Konzepte den entsprechenden
Raum bieten können. Im Bestand
werden daher dort, wo es funktionale
und innenräumliche Verbesserungen
erforderlich machen, Umstrukturierungen
vorgenommen. Die bestehende
Volksschule soll durch die
Schaffung neuer Funktionsabfolgen
und Raumlösungen, aber vor allem
durch die sinnvolle Ergänzung des
www.architektur-online.com
45
Silberpfeil Architekten
Kopfneubaues in Holzbauweise in ihrer
Qualität gestärkt werden. Bei der
Erweiterung der Schule wird mittels
vorgefertigter Holzbauweise darauf
geachtet, dass, abgesehen von einer
energetisch hochwertig gedämmten
Gebäudehülle, Holz mit all seinen Vorteilen
als nachwachsender, nachhaltiger
Rohstoff effizient eingesetzt wird.
Die günstigen Eigenschaften des
Holzbaus kommen auch bei der Sanierung
der Gebäudehülle zu tragen.
Vorgefertigte Holzrahmenelemente
werden der Bestandsfassade vorgehängt
und verbessern damit den
U-Wert des Gesamtsystems erheblich.
Die Verbindung von Neu und
Alt ist mechanisch – nicht wie bisher
gängig verklebt – und damit trennbar
konstruiert, um eine vollständige
Zerlegbarkeit und Wiederverwendung
zu ermöglichen. All diese Aspekte
unterstützen die Stadt Wien
als Bauträgerin dabei, die „3 K‘s“ der
Nachhaltigkeitsstrategie – Klimaschutz.
Klimaanpassung, Kreislaufwirtschaft
– in diesem Schulprojekt
konsequent umzusetzen.
Viele eurer Projekte kommen aus
Wettbewerbsgewinnen. In welchem
Verhältnis stehen gewonnene und
nicht gewonnene Wettbewerbe?
Christian Koblinger: Das Verhältnis
ist noch nicht gut genug!
Steht der Gewinn eines Wettbewerbs
in einer akzeptablen Relation zum
Aufwand? Sind offene Wettbewerbe
Ressourcenverschleuderung oder
eine Notwendigkeit?
Peter Rogl: Im besten Fall ist der
Architekturwettbewerb ein Innovationsmotor
und Garant für eine Entwicklung
des Bauwesens, bei der
die Anforderungen der Zukunft in
der Entscheidung für das beste Projekt
Berücksichtigung finden. Dafür
braucht es aber weit mehr Mut der
Entscheidungsträger und Jurys als
wir gegenwärtig wahrnehmen. Wir
denken auch, dass kooperative Verfahren
und generell mehr offene Kommunikation
im Wettbewerb Sinn machen
würden und so wichtige Aspekte
der Ökologie, Soziologie, der Stadtentwicklung,
der Standortentwicklung
und natürlich der Architektur in
Einklang gebracht werden könnten.
Wenn der Wettbewerb dazu dient,
lediglich das ökonomischste Projekt
zu finden, dann ist das frustrierend
und langläufig auch nicht zielführend.
Für unser Büro war und ist der Wettbewerb
überwiegend der Weg zu den
wirklich spannenden Projekten, die
wir bearbeiten und bearbeitet haben.
Allerorts wird die Zunahme von Normen
und Regulierungen im Bauwesen
beklagt. Nimmt die Normierung aus
Ihrer Sicht tatsächlich überhand?
Christian Koblinger: Zweifelsfrei sind
wir mit einem unglaublichen Normenwahn
konfrontiert. Der ist aber auch
Abbild einer generellen gesellschaftlichen
Entwicklung und Tendenz,
wo sich jeder gegen alles absichern
möchte. Das beschränkt sich ja nicht
auf das Bauwesen alleine, das betrifft
alle Lebensbereiche. Natürlich sind wir
als Architekten davon besonders betroffen,
weil es uns so viele Spielräume,
die Architektur braucht, nimmt.
Die österreichische Architektenkammer
hat kürzlich postuliert: „Österreich
ist genug bebaut“, ruft also quasi
ein Ende des Neubaus aus. Teilen
Sie diese Ansicht?
Peter Rogl: Wir haben eine ähnliche
These bereits 2012 in Vorträgen
vertreten, ohne die Bedeutung des
Neubaus für Innovationen damit
schmälern zu wollen. Damals haben
wir gesagt: Europa ist gebaut
und wir können bei dem prozentuell
verschwindend geringen Anteil von
Neubauten in Städten wie Wien keine
großen Veränderungen an Lebensqualität,
Strukturverbesserung, oder
Energieverbrauch erreichen. Wenn
wir unsere Lebensqualität substanziell
und im breiten Rahmen verbessern
wollen, dann müssen wir beim
Gebauten ansetzen. Damals lag der
Prozentsatz von Wiener Gebäuden,
die mehr als fünfzig Jahre alt sind,
bei mehr als 70 Prozent. Der Neubauanteil
beträgt im besten Fall ein
Prozent pro Jahr. Wir sehen daher
schon seit langer Zeit den wesentlichen
Schlüssel für eine nachhaltige
Stadtentwicklung in der Verbesserung
und Neustrukturierung des
bereits Gebauten für die Anforderungen
der Zukunft. Daraus abzuleiten,
dass kein Neubau mehr erfolgen
soll, wäre allerdings kurzsichtig und
absurd. Du kannst im Bestand nicht
alle Bedürfnisse optimal erfüllen. So
sind bei der Umsetzung von „design
for all“ im Neubau bessere Lösungen
einfacher zu erreichen.
u
Um die Ecke denken, war die Leitidee zum Projekt A49. Um die Potenziale des Standorts optimal
zu nutzen, war es naheliegend, eine architektonische Gliederung mit schuppenartig angeordneten
Erkern und Freiflächen zu entwickeln. So ergeben sich interessante Blickachsen in den Straßenraum
und das Erscheinungsbild trägt zur Bereicherung und Lebendigkeit des Umfelds bei.
© LIV.at, nunofoto.com
architektur PEOPLE
46
Silberpfeil Architekten
© janusch
Zu- und Umbau am HBLA Semmelweißareal:
Im Zuge der Revitalisierung der
Parklandschaft zwischen den Häusern
1+2 formuliert sich die „Gemeinsame
Mitte“, ein attraktiver Frei- und Erholungsraum,
welcher Mehrwert für das
zukünftige Bildungsareal in Form eines
neu geschaffenen Subzentrums bietet.
Unbestritten ist, dass das Bauwesen
und damit die Architektur auf aktuelle
Themen wie Klimawandel reagieren
muss. Wo sehen Sie Architektur und die
Rolle der Architekten in der Zukunft?
Christina Lang: Der Bausektor hat
einen wesentlichen Anteil am Klimawandel
und seinen Auswirkungen.
Dieses Faktum sehen wir aber auch
als große Chance, da ein breites
Spektrum an Verbesserungspotenzial
gegeben ist. Dieser großen Verantwortung
sind wir uns bewusst,
bilden uns in Sachen nachhaltiges
und ressourcenschonendes Planen
und Bauen laufend weiter und setzen
diese Erkenntnisse in unseren
Projekten um. Die Maßnahmen sind
so individuell wie die Projekte selbst
Zu- und Umbau am HBLA Semmelweißareal
und es muss von Fall zu Fall entschieden
werden, welche Maßnahmen aus
architektonischer und wirtschaftlicher
Sicht vertretbar sind und ein
Maximum an Effekt bieten. Einmal
ist es die Wahl des Energieträgers,
ein anderes Mal die Steigerung der
Flächeneffizienz mittels intelligenter
Grundrisslösungen. Reduzierung von
Versiegelungen, Nachverdichtung
statt Bauen auf der grünen Wiese
und design for all sind uns ein großes
Anliegen und bestimmen oft auch
die Auswahl unserer Projekte.
Unsere Rolle als Architekten sehen
wir in diesem Zusammenhang als
kompetente Partner unserer Auftraggeber,
die teilweise schon recht
zukunftsorientierte Planungsvorgaben
ausgearbeitet haben. Bei der
Umsetzung geben wir uns meist aber
nicht mit diesen Mindestanforderungen
zufrieden, sondern versuchen
uns mit innovativen Ideen und Vorschlägen
zusätzlich einzubringen,
mit dem Wissen und der Verantwortung
im Hinterkopf, dass wir nur diesen
einen Planeten haben.
So haben wir uns als Generalplaner
beim Projekt Volkskundemuseum
dafür eingesetzt, dass die ursprüngliche
Projektvorgabe – nämlich der
Erhalt und die Sanierung der bestehenden
Gasheizung – abgeändert
wird und innerhalb des Sanierungsprojektes
auf eine resourcenschonende,
energiesparende Wärmepumpe
umgestellt wird.
Was macht gute Architektur aus, nach
welchen Kriterien definieren Sie sie?
Peter Rogl: Gute Architektur bietet
der Aufgabe angemessene, räumliche
Konzepte, die technisch auf höchstem
Niveau umgesetzt werden. Das
ist uns nicht genug. Sehr Gutes und
Unverwechselbares entsteht durch
die Auseinandersetzung mit der DNA
eines Standorts oder Bestandsgebäudes,
der Integration von Lösungen zu
Zukunftsthemen, den Nutzeranforderungen
und der Suche nach immer
neuen Lösungen und Innovation. Es
ist wie kommerzielle Markenmode im
Unterschied zur Haute Couture! Es
ist wie kommerzielle Kunst im Unterschied
zur Avantgarde!
•
© janusch
www.architektur-online.com
47
querkraft
SICHT- & BLENDSCHUTZ
ZUM WOHLFÜHLEN
Kollektion Twilight: Ein Spiel mit Licht,
Design und Funktion
Guter Blendschutz ist wichtig für das Wohlbefinden
der Menschen: Ausreichend Tageslicht als wesentlicher
Gesundheitsfaktor in die Räume lassen und
gleichzeitig einen optimalen Wärmeschutz gewährleisten
– mit TWILIGHT kein Problem. Nutzen Sie
aktiv das Tageslicht, vermeiden Sie Blendung und
schützen Sie Ihre Räume im Sommer vor Überhitzung.
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Terrassen und Fenster
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• im Sommer bleibt die Hitze draußen
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(Twilight PEARL)
suntex.sattler.com
architektur PEOPLE
48
Christophe Lenderoth, Marcel Bartsch & Moritz Feid
Pionierprojekt
für echte
Kreislaufwirtschaft
Interview mit Christophe Lenderoth, Marcel Bartsch und Moritz Feid
Fotos: Mediashots
Vor dem Hintergrund der ambitionierten EU-weiten
Klimaziele nimmt die Nachhaltigkeit in der Baubranche
längst einen zentralen Stellenwert ein. Speziell
die Fassadensanierung im Gebäudebestand bietet
enorme Potenziale. In einem Pilotprojekt wurde nun
am Büro- und Produktionsgebäude des Metallbau-
Unter nehmens Lenderoth in Bremen erstmalig eine
komplette Aluminium-/Glas-Fassade zurückgebaut,
recycelt und wieder montiert. Im Interview erläutern
Christophe Lenderoth (Christophe Lenderoth GmbH,
mitte), Marcel Bartsch (WICONA, rechts) und Moritz
Feid (Saint-Gobain Glass, links) die Hintergründe und
erklären, wie echte Kreislaufwirtschaft in der Praxis
funktionieren kann.
Wie zeigt sich die Nachhaltigkeit aktuell
konkret in der Baubranche?
Moritz Feid: Das Thema Nachhaltigkeit
gewinnt in der Baubranche gerade
sehr an Bedeutung. Nachhaltige
Produkte werden mehr denn je gefordert.
Zudem stellt der Markt auch
immer konkretere Anforderungen
an die Recyclingfähigkeit der bereits
verbauten Produkte. Das bedeutet für
den Glasbereich: Verglasungen sollen
aus Bestandsgebäuden zurückgebaut,
aufbereitet und im Rahmen der
Kreislaufwirtschaft wieder Einsatz in
neuen Gebäuden finden. Die Nachhaltigkeit
war lange Zeit ein nettes „Add-
On“, aber aktuell geht die Entwicklung
dahin, dass bestimmte Anforderungen
zu Standards werden.
www.architektur-online.com
49
Christophe Lenderoth, Marcel Bartsch & Moritz Feid
Christophe Lenderoth: Ich würde
das gerne ergänzen. Die Richtung
stimmt, aber es wird immer noch
viel zu wenig für die Nachhaltigkeit
getan. Beim Weltwirtschaftsforum
in Davos ist der „Circularity Gap
Report“ vorgestellt worden. Dieser
sagt aus, dass wir im gesamten Wirtschaftskreislauf
lediglich eine Quote
von 7,2 % an funktionierender Kreislaufwirtschaft
haben. Das heißt, dass
93 % eben nur lineares Wirtschaften
ist – hier liegen noch riesige Potenziale
zur Ressourcenschonung. Und
genau da setzen wir jetzt aktiv an.
Marcel Bartsch: Wir beobachten,
dass die Nachhaltigkeit vor allem
auch bei Investoren und Bauherren
einen immer wichtigeren Stellenwert
einnimmt. Aber der Druck,
nachhaltig bauen zu müssen, ist
noch immer nicht groß genug. Das
wird aber sicher kommen – auch vor
dem Hintergrund der EU-Taxonomie.
Die derzeitige Marktlage mit stark
sinkendem Neubau-Geschäft bietet
hier eine große Chance, um den Fokus
noch klarer auf Revitalisierung
und Sanierung zu richten und im
Sinne von Ressourcenschonung und
CO 2 -Einsparung die Kreislaufwirtschaft
voranzubringen.
Um hier nun konkreter zu werden.
Welchen Stellenwert hat die
Nachhaltigkeit bei Lenderoth, bei
Saint-Gobain Glass und Wicona?
Christophe Lenderoth: Die Nachhaltigkeit
ist für uns als Metallbauer
enorm wichtig – wir wollen hier
eine Vorreiterrolle einnehmen. Das
gilt nicht nur für unsere internen
Betriebsabläufe, sondern vor allem
auch für unsere Projekte. Wir
bieten unseren Kunden entweder
direkt oder als Alternative Fenster-
und Fassadenlösungen an, die
die geringstmögliche CO 2 -Emission
haben. Dabei denken wir ganzheitlich:
Wir wollen nicht nur eine
energieeffiziente Fassade bauen,
sondern legen auch größten Wert
darauf, Materialien zu verwenden,
die besonders CO 2 -sparend hergestellt
werden. Hier steht der Kreislaufgedanke
für uns im Fokus. Und
so sind wir ja auch dazu gekommen,
gemeinsam mit WICONA und
Saint-Gobain diese einzigartige
Revitalisierung an unserer eigenen
Gebäudefassade anzugehen.
Marcel Bartsch: Für uns bei WICONA
hat die Nachhaltigkeit einen extrem
hohen Stellenwert. Inzwischen haben
wir schon seit fast sechs Jahren
unsere nachhaltige Aluminiumlegierung
Hydro CIRCAL 75R im Markt.
Und seit 2023 verfügen wir mit Hydro
CIRCAL 100R über eine Legierung,
die zu 100 % aus End-of-Life-Aluminium
besteht und mit durchschnittlich
0,5 kg CO 2 pro kg Aluminium
über den im weltweiten Vergleich
geringsten CO 2 -Fußabdruck verfügt.
Moritz Feid: Auch bei Saint-Gobain
Glass steht das Thema Nachhaltigkeit
in der Mitte des Unternehmens.
Wenn wir aktuell über die wesentlichen
Handlungsfelder der nächsten
Jahre sprechen, dann ist das Vorhaben,
Vorreiter beim nachhaltigen
Bauen zu werden, eine der Hauptsäulen.
Wir können als großer Baustoffhersteller
natürlich die Synergien
der einzelnen Marken nutzen. Das
heißt, wir haben Saint-Gobain Glass,
wir haben Isover, Rigips, Weber und
so weiter. Und jede Marke hat bereits
nachhaltige Lösungen entwickelt –
wir von Saint-Gobain Glass haben
mit ORAÉ das erste CO 2 -reduzierte
Glas in den Markt eingeführt. Dieses
bietet für den Glasbereich einen
CO 2 -Fußabdruck von nur 6,64 kg
CO 2 -Äquivalent pro m² (bei 4 mm
Glasdicke). Wenn wir es jetzt schaffen,
diese einzelnen Marken miteinander
zu verbinden, verfügen wir
über einen ganzheitlichen Ansatz,
um die Materialien bzw. Rohstoffe
wirklich im Kreislauf laufen zu lassen.
Deswegen ist das hier auch ein sehr,
sehr interessantes Projekt mit der
Firma Lenderoth zusammen.
Das Bürogebäude des renommierten Metallbauunternehmens
Lenderoth in Bremen erstrahlt in neuem
Glanz – und das nicht nur aufgrund einer ästhetischen
Modernisierung, sondern vor allem dank eines wegweisenden
Schritts in Richtung echter Kreislaufwirtschaft.
Erstmalig wurde eine komplette Aluminium-Glas-Fassade
zurückgebaut, recycelt und wieder montiert.
Wie ist die Idee entstanden, bei Lenderoth
erstmals die komplette Fassade
eines Büro- und Produktionsgebäudes
zu recyceln?
Christophe Lenderoth: Wir haben
hier am Standort in Bremen eine
Fassade aus den 1970er-Jahren.
Diese entsprach nicht mehr den
heutigen Anforderungen in puncto
sommerlicher Wärmeschutz und
Wärmedämmung. Vor dem Hintergrund
der extrem gestiegenen Energiepreise
wollten wir so schnell wie
möglich tätig werden und sanieren.
So haben wir uns dazu entschieden,
eine moderne Fassade aus Glas und
Aluminium mit möglichst geringem
Ressourcenverbrauch und maximal
möglicher CO 2 -Einsparung zu realisieren.
Dabei war für uns schnell
klar, dass wir Nachhaltigkeit hier
ganzheitlich denken müssen und
auch die Entsorgung der Bestandsfassade
im Sinne der Kreislaufwirtschaft
nicht außer Acht lassen
dürfen. Für dieses ambitionierte
Projekt haben wir mit WICONA und
Saint-Gobain Glass wirklich großartige
Partner gefunden.
u
architektur PEOPLE
50
Christophe Lenderoth, Marcel Bartsch & Moritz Feid
Was ist das Besondere an dem
Projekt bzw. wie war der Ablauf?
Marcel Bartsch: Für uns ist dieses
Projekt eine Weltpremiere und ein
Vorzeigeprojekt für echte Kreislaufwirtschaft.
Hier hatten wir einfach
die Möglichkeit, in unserer bewährten
WICTEC 50 Pfosten-Riegel-Fassade
mit Hydro CIRCAL 100 R eine
Aluminiumlegierung einzusetzen,
die zu 100 % aus End-of-Life-Material
besteht. Das bedeutet: Aus Alt
macht Neu – so banal das klingt. Alte
Aluminiumelemente wurden ausgebaut,
sortiert und in unserem Recyclingwerk
in Dormagen im Rahmen
eines patentierten Recyclingprozesses
aufbereitet. Letztendlich sind so
neue Profile entstanden, die hier bei
Lenderoth wieder verbaut wurden –
echte Kreislaufwirtschaft ganz ohne
den Einsatz von Primär-Aluminium.
Moritz Feid: Das gilt für die Verglasungen
ganz genauso. Das Interessante
an dieser Fassade hier – und
das steht gleichzeitig beispielhaft für
den Ansatz der Kreislaufwirtschaft –
ist, dass das alte Glas vor Ort auf der
Baustelle ausgebaut und gesammelt,
zu Scherben aufbereitet, dann in der
Float-Anlage eingeschmolzen und
schließlich wieder zu neuen Isoliergläsern
verarbeitet wurde. Und solche
Isoliergläser aus ORAÉ Glas wurden
schlussendlich hier in der Fassade
eingebaut. Hier zeigt sich auch die erfolgreiche
Zusammenarbeit zwischen
den Abteilungen für Recycling und
Vertrieb, um eben beide Facetten des
Bauvorhabens zu bedienen – Rückbau
und Neuverglasung.
Christophe Lenderoth: Genau. Wir
wollten gemeinsam mit der Fassade
neue Wege gehen, weiterdenken und
natürlich auch für Aufmerksamkeit
sorgen. Die Fassade stellt in Norddeutschland
zum jetzigen Zeitpunkt
ein echtes Leuchtturmprojekt dar. In
Zusammenarbeit mit WICONA und
Saint-Gobain Glass haben wir unsere
Fassaden-Revitalisierung komplett
aus Sekundär-Rohstoffen realisieren
und so insgesamt 24,6 Tonnen CO 2
einsparen können.
Unterscheidet sich das vom Bauablauf
her oder vom Planungsablauf
her von einem klassischen Metallbauprojekt?
Christophe Lenderoth: Der Ablauf
ist genau wie bei jeder anderen
Fassadensanierung. Wir müssen lediglich
beim Rückbau der Fassade
etwas mehr darauf achten, dass die
Materialien getrennt und entsprechend
sortiert werden. Vor diesem
Hintergrund haben wir für Glas und
Aluminium zwei unterschiedliche
Container aufgestellt. Das heißt, der
Rückbau muss so geplant werden,
dass die Entsorgung dann auch in
die entsprechenden Recyclingwerke
von Hydro bzw. Saint-Gobain Glass
gehen kann.
Marcel Bartsch: Wenn ich das ergänzen
darf: Vor dem Hintergrund
des Urban Mining heißt das natürlich
auch ganz allgemein: Wir müssen bei
unseren Projekten heute schon an
die Zukunft denken und somit jetzt
den Rückbau der vorhandenen Ressourcen
in 30-50 Jahren mitdenken.
Produkte müssen nachhaltig designt
werden, um die Sortierung und Materialtrennung
zu vereinfachen. Nur so
können diese dann auch wiederverwendet
im Kreislauf bleiben.
Zum Abschluss noch ein Ausblick.
Was meinen Sie: Wird die kreislauffähige
Fassade in Zukunft zum Standard
beim Bauen?
Moritz Feid: Ja sicher. Wir sprechen
von einer Transformation der Sektoren.
Und die Baubranche ist ein
großer Sektor. Die Baubranche verursacht
sehr viel CO 2 -Emissionen. Und
deswegen können wir uns davor nicht
verschließen. Ich gehe sogar davon
aus, dass wir in den nächsten Jahren,
also bis 2030 spätestens, von starken
gesetzlichen Regularien dominiert
sein werden. Und wir müssen dann
zwingend Rohstoffe systematisch
zurückgewinnen, wiederverarbeiten
und wieder einbauen. Daher auch der
Aufbau einer eigenen Abteilung bei
Saint-Gobain für das Recycling von
End-of-Life-Produkten.
Christophe Lenderoth: Guter Punkt.
Gerade bei den Regularien wünsche
ich mir sehr, dass die Politik schnell
für mehr Verbindlichkeit und Sicherheit
sorgt. Die Vorgaben sind derzeit
einfach noch zu undurchsichtig. Aber
nochmal zur Frage: Ja, die kreislauffähige
Fassade wird Standard,
denn die „Circular Economy“ ist der
Schlüssel zur Eindämmung des weltweiten
Ressourcenverbrauchs. Von
daher: Wir haben keine andere Wahl.
Marcel Bartsch: Das stimmt. Auf
Dauer können wir nicht mehr einfach
so mit Primär-Rohstoffen bauen. Wir
müssen schon jetzt entschieden alles
dafür tun, die Kreislaufwirtschaft
in der Bauwirtschaft weiter voranzutreiben.
Wir haben die Technologien
und müssen jetzt aktiv werden. Das
geht jedoch nur gemeinsam mit starken
Industriepartnern.
•
Das Pionierprojekt in Bremen hat in Deutschland
zwischenzeitlich auch auf höchster Regierungsebene
Aufmerksamkeit erzielen können. Am 9. Juli war Klara
Geywitz, die Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung
und Bauwesen, zu Besuch bei Christophe
Lenderoth. Gemeinsam mit Marcel Bartsch, Torge Drews
und Christian Mettlach von WICONA wurde sie aus
erster Hand über das Paradebeispiel für echte Kreislaufwirtschaft
in der Praxis informiert.
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architektur PEOPLE
52
Ludescher + Lutz
In Resonanz
mit der Umgebung
Interview mit Elmar Ludescher und Philip Lutz
Interview: Andreas Laser
Das Vorarlberger Architekturbüro Ludescher + Lutz steht für Architektur, die weit
über das reine Bauen hinausgeht. Mit einem tiefen Verständnis für die kulturelle
und landschaftliche Einbettung ihrer Projekte, schaffen sie Räume, die sich harmonisch
in ihre Umgebung einfügen und gleichzeitig neue Potenziale freilegen. Im
Interview sprechen wir mit Elmar Ludescher und Philip Lutz über ihre Philosophie,
wie Handwerk und Tradition in ihre Arbeit einfließen, und warum Architektur
immer auch eine Form von Resonanz mit dem Umfeld sein soll.
© Klaus Vyhnalek
www.architektur-online.com
53
Ludescher + Lutz
Was hat Sie damals motiviert, ein eigenes
Büro zu eröffnen, und welche
Vision hatten Sie dabei?
Philip Lutz: Frei sein. Keinen Chef
haben.
Elmar Ludescher: Ich habe bereits
während meines Studiums bei Dietmar
Eberle praktiziert und mir gleich
gedacht, „Das Berufsbild hat sicher
noch mehr zu bieten“. Philip und ich
haben in Wien studiert – er bei Hans
Hollein auf der „Angewandten“, ich
bei Gustav Peichl auf der „Bildenden“.
Wir sind beide recht früh in
die Selbstständigkeit gegangen. Bei
mir war der Anstoß ein gewonnener
Wettbewerb 1998 oder 1999, der mir
die Chance bot, erstmalig meine eigenen
Ideen umzusetzen.
Philip Lutz: Ich war nach der „Angewandten“
noch an der Columbia
in NYC, um Städtebau zu studieren.
Dieses Thema war für mich bis dahin
immer eine Art schwarzes Loch.
Beim Studium in Wien wurden ständig
geheimnisvolle Argumente aus
dem Städtebau herangezogen und
nicht näher erläutert. Es hieß in verschiedenen
Situationen: „Städtebaulich
geht das gar nicht!“ Das war ein
Argumentationsfeld, aus dem sich
erfahrene Architekten bedienen
konnten, und das ich für mich erschließen
wollte.
Kennengelernt haben wir uns zunächst
über einen gemeinsamen
Freund, als wir unsere eigenen Büros
bereits hatten. Wirklich zueinandergefunden
haben wir über einen
gemeinsamen Wettbewerb. Diesen
haben wir zwar nicht gewonnen, aber
die Zusammenarbeit und die Kommunikation
haben funktioniert. In der
Folge konnten wir weitere Wettbewerbe
bestreiten und 2010 dann auch
gemeinsam mit Gerhard Aicher und
Zechner & Zechner den Wettbewerb
zur Seestadt Bregenz gewinnen. Das
war für uns der Anlass, unsere beiden
Büros zusammenzulegen.
© Ludescher + Lutz Architekten
Auf dem Postareal und Gemeindeplatz, Egg, schafft ein kräftiger, punktförmiger Baukörper mit
Walmdach, einen neuen Fixpunkt im Ortszentrum. Er ordnet die vielen Teilräume des Ortes um sich
herum neu und spannt einen Dorfplatz im Süden auf.
Wie würden Sie Ihre architektonische
Philosophie beschreiben?
Philip Lutz: Unser Fokus liegt immer
in einer sehr ernsthaften Aufarbeitung
eines gegebenen Ortes.
Wir sind überzeugt davon, dass in
Europa die Orte immer schlechter
werden, sie werden immer verwässerter
und chaotischer. Man braucht
sich nur alte Fotografien anzusehen
und merkt gleich, wie geschlossen
Ortsbilder und Straßenräume früher
waren und welche Rolle Fußgänger
spielen durften. Man erkennt, wie
diese Qualitäten in den letzten vielleicht
80 Jahren Zug um Zug demontiert
wurde. Autos und Einkaufszentren
haben die Welt erobert und
der Baustil dazwischen ist ein reines
Durcheinander. Mit den meisten
Ortsbildern in Österreich sind wir gar
nicht einverstanden.
Wir versuchen deshalb bei jedem
Projekt, dass es Anknüpfungspunkte
im Umfeld aufgreift, und ein guter
Teil des jeweiligen Ortes wird, damit
dieser sein Potential entwickeln
kann, ein spezifisches Aroma oder
etwas wie einen Klang – das Ganze
muss klingen. Unsere Projekte sollen
kein Schrei sein, sollen den Ort
keinesfalls dominieren oder in eine
ganz neue Richtung bringen. Wir suchen
nach der Stimmung, die dem
Ort innenwohnt und versuchen diese
Stimmung mit unserem Projekt zu
bereichern.
Elmar Ludescher: Wir suchen nicht
so sehr den Kontrast in unserer Arbeit,
sondern eher die Synthese mit
dem Ort. Wir versuchen Atmosphären
herauszuarbeiten, zu verdichten
und den Ort positiv aufzuladen. Der
Funke muss überspringen, damit wir
zur Essenz des Projektes gelangen.
Diese Essenz bewahrt und entfaltet
ihr Aroma am jeweiligen Ort. Wir
glauben, dass es vielfach übertriebene
architektonische Ambitionen gibt,
und dass es manchen Situationen
besser täte, wenn man den Ball flach
hielte. Das soll nicht heißen, dass wir
auf Gestaltung verzichten, sondern
im Gegenteil, dass diese besonders
sorgfältig sein muss, um sie in das
bestehende Umfeld einzubinden. Im
Idealfall sind unsere Projekte Puzzlestücke,
die den Ort vervollständigen
und optimal ergänzen. Wir wollen
Menschen berühren, indem wir schöne
Häuser bauen. Unsere Architektur
geht über das Notwendige hinaus,
mit dem Ziel, etwas Angemessenes
und Ganzes zu generieren.
Gibt es ein Projekt, das diese Philosophie
besonders repräsentiert?
Elmar Ludescher: Die neue Zentrumsverbauung
in Egg im Bregenzerwald,
die gerade im Fertigwerden
ist, wäre hier ein schönes Beispiel.
Egg gilt als das Tor zum Bregenzerwald
und der Platz ist ein wichtiger
Verkehrsknotenpunkt. Die Basis
war das alte Posthaus – ein langgestreckter,
freistehender Baukörper
aus den 1950er-Jahren. Unser Ansatz
war es, dass wir den Platz ganz
bewusst mit einem hohen punktförmigen
Baukörper besetzen wollten,
um dem Ort wieder eine Mitte zu
geben, die ihm über die letzten Jahrzehnte
abhandengekommen ist. Der
Teil, der für die Infrastruktur der Post
wichtig ist, wurde stehengelassen.
Unser Haus haben wir dann darauf,
bzw. daneben gesetzt. Vor dem Haus
spannt sich nun eine große einheitliche
Platzfläche auf und weitere Verbindungswege
zum neu angelegten
Busbahnhof wurden geschaffen. Der
Platz wird so zu einer neuen, einladenden
Mitte für Egg.
u
architektur PEOPLE
54
Ludescher + Lutz
Wie erreichen Sie in Ihren Projekten
die Balance zwischen den Anforderungen
moderner Architektur und
dem Respekt vor der Landschaft und
der lokalen Kultur?
Philip Lutz: Die Kraft eines Ortes
und die Landschaft sind immer der
Hintergrund, den man wahrnehmen,
erkennen und wertschätzen muss.
Dann erspart man sich auch viele
unnötige Aufregungen und Kämpfe.
Wir würden z.B. nie einfach 3.000
Kubikmeter Erde verschieben, um
künstlich eine Ebene zu planieren.
Wenn die Landschaft geneigt ist,
dann kann man vielleicht auch daraus
einen Nutzen ziehen oder muss
sich ihr anpassen, indem man das
Bauvolumen gliedert oder mit dem
Hang verknüpft. Ähnlich ist das mit
dem kulturellen Hintergrund einer
Landschaft. Die Akzeptanz der Menschen
vor Ort ist ein Schlüsselfaktor
für ein gelungenes Projekt, von der
unter anderem Gastronomieobjekte
und daher ihre Betreiber besonders
stark profitieren können. Was wir
nicht täten, wäre der Entwurf von
Fertighäusern, die nicht an einen Ort
© Adolf Bereuter
Das Stuhldesign für die Umbrüggler Alm rundet das architektonische Konzept perfekt ab. Es steht
in der Tradition alpiner Stühle mit einfachen Steckverbindungen, so genannten Stabellen.
gebunden sind. Das würde mit Sicherheit
schiefgehen.
Wie gehen Sie da konkret vor,
um das zu bewerkstelligen?
Elmar Ludescher: Wir denken über
das Grundstück hinaus und spannen
den Bogen von der Einbindung
in die Landschaft bis zur Gestaltung
der Details. In diesem Brückenschlag
zwischen öffentlicher und privater
Wahrnehmung sehen wir das Potential
von Architektur. Die Kulturlandschaft
ist unser größtes gemeinsames
Kapital. In Resonanz mit der
Umgebung verstärken gute Gebäude
die Kraft eines Ortes. Wir versuchen,
unseren Teil dazu beizutragen.
Philip Lutz: Unser Betrachtungsrahmen
ist am Anfang recht weit
gespannt. Wir ziehen einen Kreis
von etwa einem Kilometer und analysieren,
welche Gebäudegrößen,
Blickachsen und Beziehungen wir
vorfinden. Bei freistehenden Gebäuden
in einer offenen Landschaft muss
man da eventuell auch deutlich weiter
gehen. Speziell in hügeligen Gegenden
ist es oft überraschend, von
welcher Entfernung und aus welchen
Winkeln ein Gebäude einzusehen ist.
Auch lokales Handwerk und regionale
Materialien scheinen bei Ihren
Entwürfen einen hohen Stellenwert
einzunehmen.
Keramische Becher sind ein weiteres
Beispiel für Details, bei denen Ludescher
+ Lutz über die Grenzen der klassischen
Architekturgestaltung hinausgehen.
Philip Lutz: Auf jeden Fall. Wir richten
hier den Fokus auf machbare
Architektur und nicht auf komplexe
Technik. Wir halten demzufolge auch
nichts von sprunghaften Innovationen,
bei denen unser Bauherr zum
Versuchskaninchen von Industrie
und Planern wird. Man kann vielleicht
sogar sagen, wir sind der Industrie
und deren Produkten gegenüber oft
misstrauisch. Wir haben keine Lust,
irgendwelche Teile ungewisser Herkunft
einzukaufen, die dann eventuell
kaputt gehen und alle Betroffenen
ratlos zurücklassen. Bauen ist eine
alte Kunst und mit lokalen Handwerkern
und Partnern lassen sich
auch Details besser umsetzen oder
abstimmen, als wenn wir nur auf industrielle
Komponenten zurückgreifen
müssten. Natürlich sind wir froh
über z.B. Dachfenster. Solche Bauteile
kann ein Handwerker nicht einfach
anbieten. Zusammenfassend sei gesagt:
Wir haben in Österreich immer
noch eine sehr gute Handwerkerschaft,
die bereit ist, sich auch mal
den Kopf zu zerbrechen und sich auf
ein Projekt einzulassen. Das schätzen
wir sehr.
Elmar Ludescher: Es ist uns wichtig,
wie die Dinge gemacht sind. Deshalb
suchen wir den Kontakt zu den
Handwerkern. Uns gefällt das Solide,
das Echte, Materialien mit Bodenhaftung,
die langlebig und ökologisch
sinnvoll sind. Die beste aller Dekorationen
ist gutes Handwerk.
Ein weiterer Aspekt Ihrer Arbeit liegt
in den Details wie speziellen Objekten
und Möbeln. Können Sie uns
mehr dazu verraten?
Philip Lutz: In unseren Workshops
und im Windschatten von größeren
Projekten haben wir öfter allgemeinere
Details oder auch Nutzgegenstände
entwickelt. Beispielsweise
keramische Becher, oder ein
Beschriftungssystem, für die Landesbibliothek
Bregenz, das aus Eisenlettern
besteht, welche mittels
Magnethalterung einfach neu angeordnet
werden können.
Das zeigt für uns die Macht von
Architektur, die zu Ende gedacht
ist. Man könnte sich auf das Haus
beschränken, seine Arbeit machen
und heimgehen. Wenn man aber
versucht, die Fühler auszustrecken,
die Landschaft miteinzubeziehen
und auch so lange am Ball bleibt,
www.architektur-online.com
55
Ludescher + Lutz
dass man sich Gedanken über Details
macht, z.B. was auf oder neben
dem Tisch steht, dann bekommt das
Haus viel mehr Spannweite; intellektuell,
emotional und haptisch. Und da
schließt sich auch wieder der Kreis
zu den engagierten Handwerkern.
Weil sowas können wir nicht einfach
bestellen. Wir glauben, dass sich
durch die Spannweite der Betrachtung
eine große Kraft entfaltet und
ein großes Potenzial der Architektur
erschließen lässt.
Elmar Ludescher: Wir haben beispielsweise
für die Umbrüggler Alm
in Innsbruck einen Stuhl entwickelt,
der in einer Tradition alpiner Stühle
mit einfachen Steckverbindungen,
so genannten Stabellen steht. Er
nimmt Bezug auf die eigenwilligen
Stuhlentwürfe der 1920er-Jahre im
alpinen Raum. Der Stuhl mit seinen
geradlinigen Massivelementen erfordert
in seiner Herstellung viel Tischlerkunst,
Engagement und Passion.
Wir hatten eine große Freude, als der
Stuhl in den fertigen Räumen stand
und sich alle Elemente gegenseitig
perfekt unterstützten.
Wir sind der Meinung, das bereichert
ein Projekt ungemein und gibt ihm
eine neue Dimension. Es erfordert
aber auch viel Kraft und nicht zuletzt
eine Bauherrschaft, die mit solchen
Gedanken mitgeht. Wir sind sehr interessiert
daran, die Räume und ihre
Atmosphäre fertig zu denken. Das hat
auch etwas mit der Ausführung und
der handwerklichen Qualität der Dinge
zu tun, und dementsprechend auch
mit den Möbeln. Wir sind da schon
auch manchmal etwas hartnäckig.
Welche Wirkung sollen Innenräume
im besten Fall auf die Benutzer haben.
Elmar Ludescher: Dieselbe wie die
Architektur. Am besten werden Innen
und Außen zu einer inspirierenden
Gesamtsituation. Wir verbringen 90 %
unsere Zeit in Gebäuden, darum ist uns
wichtig, wie die Dinge gemacht sind.
Philip Lutz: Im Idealfall entsteht eine
neue Welt, ein eigener kleiner Kosmos,
und für den Besucher ist es im Augenblick
der Ankunft nicht mehr so,
wie es gerade vor ein paar Stunden in
Innsbruck oder vorgestern in einer anderen
Stadt gewesen ist. Man nähert
sich einer Situation von außen an, kann
immer mehr entdecken und fühlt sich
immer fester verankert in einer neuen,
einer einzigartigen Atmosphäre.
An exponierten Stelle steht das neue Weingut Schmidt, das gleichermaßen der Weinproduktion,
der Obsternte und der Gastronomie dient. Das Projekt nutzt den Höhenunterschied des Gipfels, um
ebenerdig den Weinkeller zu erschließen.
Elmar Ludescher: Man kann das
Innen vom Außen nicht wirklich
trennen. Es sollte eine durchgehend
spannungsvolle Geschichte sein, die
beim Erleben eines Gebäudes erzählt
wird.
Was wird Architektur in Zukunft leisten
müssen, um den Bedürfnissen
der Menschen gerecht zu werden?
Philip Lutz: Wenn man es gesellschaftlich
und raumplanerisch ergründet,
dann sehen wir ein Europa
der Mobiliät und des „Overtourism“.
Das wird zu einem Mega-Problem,
denn dieses ständige „Ort wechseln
müssen oder wollen“ hat den
Status einer Volkskrankheit. Was
bleibt, sind völlig belanglose und
zersiedelte Landschaften mit Straßen,
Großparkplätzen, Skistationen
– lauter Orte des Transits, und die
Menschen sind zunehmend nur noch
in Bewegung, in gewissem Ausmaß
auf der Flucht. Es wäre gut, wenn
man überall bessere Umgebungen
hätte, und es direkt im Wohnumfeld
angenehmer wäre. Dann könnten die
Menschen vielleicht mit gutem Gefühl
auf einen Teil ihrer Reisen verzichten
und hätten mehr Identifikation
mit dem eigenen Umfeld.
Wie können Sie als Architekten
das unterstützen?
Elmar Ludescher: Indem wir nicht
austauschbare Orte schaffen, sondern
unverwechselbare Situationen.
Das gibt Identifikation und in Folge
noch ganz viele weitere positive Verstärkungen.
Es gibt Nachbarschaft,
es gibt Engagement, ein Mitwirken
und ein „Bescheid wissen“. Solche
Aspekte sollte man in unserer Zeit,
ganz jenseits von billiger Heimattümelei,
zurückerobern und nicht
leichtfertig aufs Spiel setzen.
Welche Projekte würden Sie gerne
realisieren, wenn Sie sich etwas wünschen
dürften?
Philip Lutz: Ich würde gerne am
Karls platz etwas bauen. (lacht)
Elmar Ludescher: Es muss nicht
gleich der Karlsplatz sein, aber ein
innerstädtisches Passstück, ein Gelenk,
ein schwieriger Ort in Wien oder
einer anderen Großstadt wäre fantastisch.
Wir haben jetzt schon einiges
in der freien Landschaft gebaut.
Im Spannungsbogen unserer Werkschau
würde uns deshalb ein urbanes
Projekt sehr interessieren. •
www.ludescherlutz.at
© Elmar Ludescher
© Elmar Ludescher
architektur PEOPLE
56
OFFORA
Mehr Home
im Office
Interview mit Natalie Pichler von OFFORA
Interview: Edina Obermoser Fotos: Florian Schwarz
Rund ein Drittel unseres Tages verbringen
wir am Arbeitsplatz – für Natalie
Pichler und Jürgen Holler ist deshalb
klar, dass dieser Raum besondere
Aufmerksamkeit verdient. Mit OFFORA
hat sich das Duo gemeinsam der
Gestaltung zukunftsorientierter Bürokonzepte
verschrieben. Das Innenarchitektur-
und Designstudio mit Sitz in
Linz und Wien entwickelt individuelle
Lösungen, begleitet Unternehmen vom
ersten Schritt bis zur Fertigstellung
und rückt dabei stets die Nutzer:innen
in den Mittelpunkt. Im Interview
spricht die Produkt- und Interior Designerin
über ihre Herangehensweise an
Entwürfe und Herausforderungen bzw.
Trends in der Büroarchitektur. Außerdem
erklärt sie, welche Qualitäten der
Arbeitsplatz von morgen braucht und
wie man auf den Trend zum Homeoffice
reagieren sollte.
www.architektur-online.com
57
OFFORA
Der ING-Standort in Wien sollte mit viel Grün und
Vintage- Akzenten nicht nur die Wurzeln des niederländischen
Unternehmens widerspiegeln, sondern auch die
Werte bzw. Arbeitsweise der Bank repräsentieren und
die Zusammenarbeit der Mitarbeiter:innen fördern.
Was hat der Name Ihres Büros mit
einem Marktplatz zu tun? Inwiefern
beschreibt er Ihre Philosophie und
wie sind Sie zur Gestaltung von Arbeitswelten
gekommen?
Der Name OFFORA ist eine Kombination
aus den Begriffen Office
und Agora. Agora kommt aus dem
Griechischen und bedeutet Marktplatz.
Als sozialer Ort, an dem Leben
herrscht, man sich trifft und
austauscht, ist damit Arbeitsräumen
sehr ähnlich. Während Jürgen vor
der Gründung von OFFORA in der
Büromöbel-Branche tätig war, hatte
ich bereits im Studium ein großes Interesse
für die Büroraumgestaltung.
Für uns beide stellt das Büro einen
spannenden Raum dar, in dem wir
zumindest ein Drittel unseres Tages
verbringen – Tendenz steigend. Er
entwickelt sich immer mehr zum Lebensraum
und durchläuft nicht erst
seit der Corona-Pandemie einen starken
Wandel. Wir wollen Büroräumlichkeiten
gestalten, die sich positiv
auf ihre Nutzer:innen auswirken.
Sie wollen mit Ihren Kund:innen beim
Office-Design neue Wege gehen.
Wie sehen diese aus und worin unterscheiden
sie sich von traditionellen
Herangehensweisen?
Wir verstehen uns nicht nur als Designer,
sondern decken von der
Grundlagenanalyse bis hin zur örtlichen
Bauaufsicht sämtliche Leistungsphasen
ab. Dabei wollen wir
nicht unsere persönliche Vorstellung
eines idealen Büros umsetzen, sondern
jedes Projekt optimal an die
Bedürfnisse der Kund:innen anpassen.
In der Praxis sieht der Ablauf
so aus, dass wir zu Beginn in sehr
engem Kontakt mit den Auftraggeber:innen
stehen und das Konzept
in Workshops ausarbeiten. Anstatt
einen fix fertigen Entwurf zu liefern,
beraten wir, hinterfragen und geben
Anregungen, um gemeinsam eine
stimmige Gestaltung zu entwickeln.
Dieser Ansatz ist zeitintensiv und
überfordert viele zunächst. Unseres
Erachtens lässt sich ein nachhaltiges
Büro aber nur realisieren,
wenn man genügend Zeit investiert.
Der Trend zum Homeoffice senkt
den Bedarf an Büroflächen. Wie reagiert
man darauf?
Unserer Ansicht nach wirkt sich der
Trend zum Homeoffice nicht in einer
Reduktion der Büro-Gesamtfläche
aus, sondern vielmehr in einer veränderten
Aufteilung. Der eigene Tischarbeitsplatz
ist kleiner und wird in seiner
traditionellen Form zunehmend
von flexiblen Desksharing-Konzepten
abgelöst. Dazu kommt, dass es
mehr Alternativen zum Schreibtisch
gibt wie kleine, ruhige Räume zum
konzentrierten Arbeiten oder für
ungestörte Videokonferenzen sowie
eigene Workshop-, Multifunktions-,
Ruhe- und Fitnessräume. Zugleich
wächst allerdings die Sozialfläche.
Der eingesparte Platz wird heute
gerne als Working Café genutzt, in
dem man gemeinsam kocht, Kaffee
trinkt, Fußball schaut, Feste feiert,
liest und vieles mehr.
Worin besteht Ihres Erachtens die
größte Herausforderung?
Die größte Challenge ist unseres
Erachtens, die Menschen aus dem
Homeoffice ins Büro zurückzuholen.
Damit das gelingt, braucht es
einiges an Überzeugung. Ohne ein
attraktives Angebot werden Mitarbeiter:innen,
bei denen es die Umstände
zulassen, zu Hause in Ruhe
zu arbeiten, den Arbeitsweg nicht
auf sich nehmen. Neben einer angenehmen
Büroumgebung können sich
auch zusätzliche Standorte positiv
auswirken, um die Anfahrt zu verkürzen.
Flurgespräche, After-work-
Events und Co. tragen nicht nur
dazu bei, dass man sich stärker mit
dem Unternehmen identifiziert, sondern
erhöhen auch die Produktivität
durch Serendipity. Gelingt es nicht,
dem Homeoffice-Trend entgegenzuwirken,
werden Arbeitgeber:innen
schnell austauschbar, weil der zwischenmenschliche
Austausch und
das Gemeinschaftsgefühl fehlen. u
architektur PEOPLE
58
OFFORA
Das Herzstück des modern und funktional
gestalteten ING-Offices bildet
das Working Café: Mit einer großzügigen
Bar sowie einer Vintage-Lounge
lädt es Gäste und Mitarbeitende
gleichermaßen zum Verweilen und
Austauschen ein.
Welche Qualitäten müssen zukunftsorientierte
Büroräume in Ihren Augen
haben? Wie sieht das Büro von
morgen aus?
In erster Linie muss das Büro an die
unterschiedlichen Arbeitsmodi angepasst
sein. Dabei geht es zum einen
um die Qualitäten des Arbeitsplatzes
(Akustik etc.) und die Bedürfnisse der
Mitarbeiter:innen (welches Angebot
passt zu deren Interessen), zum anderen
um die Ausstattung der Räume
(allen voran eine niederschwellig für
jede:n bedien- und benutzbare Medientechnik).
Das Büro von morgen
bzw. heute ist für uns das „Office as
a service“. Wir beschäftigen uns viel
mit dem Begriff „Hotelification“. Bei
diesem geht es darum, am Arbeitsplatz
einen hotelähnlichen Rundum-Service
anzubieten, der Arbeit
und Leben erleichtert: Dazu gehören
nicht nur Infopoint, Verpflegung und
flexibel mietbare Räume, sondern
auch zunehmend ein Angebot mit
Paketannahme, Wäscherei, Friseur:in
und Kindergarten. Meines Erachtens
geht der Trend außerdem dahin, dass
es in Zukunft sogar mögliche Schlafplätze
im Büro geben wird.
Worin sehen Sie besonders großes
Potenzial für neue Workspace-Lösungen?
Gibt es spannende Entwicklungen?
Besonders spannend finden wir, wie
immer mehr „Home“ im „Office“ Einzug
hält. Im Büro fließen sukzessive
Elemente von zu Hause ein, um Mitarbeiter:innen
so viel Lebensqualität
zu bieten, dass sie sich in der
eigenen Wohnung – die ohnehin immer
teurer wird – aufs Nötigste beschränken
können. Einen ähnlichen
Trend kennen wir aus Japan, wo
sich das Leben der Menschen immer
mehr in der Stadt und außerhalb der
eigenen vier Wände abspielt. Bei uns
könnte es in den Großstädten in eine
analoge Richtung gehen.
Welche Rolle spielen identitätsstiftende
Entwürfe? Inwiefern können
sich Büroräumlichkeiten auf ein Unternehmen
auswirken?
Identitätsstiftende Entwürfe spielen
vor allem bei Konzernen mit mehreren
Büros eine große Rolle. Sehen die
verschiedenen Standorte nicht nur
gleich aus, sondern fühlen sich auch
gleich an (indem Möbel, Materialien,
Equipment und Co. die gleiche Sprache
sprechen), werden sie von Mitarbeiter:innen
besser angenommen. Ein
Büro sollte außerdem das Unternehmen
und dessen Werte widerspiegeln.
Dafür gilt es, das Design entsprechend
abzustimmen. In den Sozialbereichen
verzichten wir bewusst auf
CI-Farben, um diese wirklich neutral
zu gestalten um gefühlt eine Auszeit
von der Arbeit zu schaffen.
Gibt es dazu ein Beispiel aus der Praxis,
welches diesen Entwurfsansatz
besonders deutlich zeigt?
Der Tractive-Campus verdeutlicht
diese Thematik. Bei ihm konnten
wir in Abstimmung mit den Eigentümer:innen
besonders auf die Bedürfnisse
der Mitarbeiter:innen
eingehen. In dem Unternehmen für
GPS-Tracker für Hunde und Katzen
spielt Tierliebe eine große Rolle.
Die Büroräumlichkeiten sollten so
gestaltet sein, dass sie bei Mitarbeiter:innen
mit denselben Werten und
Interessen gut ankommen und diese
anziehen. Deshalb grenzt das Objekt
an einen riesigen Wald bzw. Park und
es gibt z.B. Auslaufstellen sowie eine
Tagesbetreuung für Hunde. Im In-
www.architektur-online.com
59
OFFORA
neren runden von den Jahreszeiten
inspirierte Farben und viele Pflanzen
das tierfreundliche Design ab und repräsentieren
den Konzern.
Wie können Büroräume einen positiven
Einfluss auf die Produktivität
der Mitarbeiter:innen haben? Welche
Faktoren gilt es zu berücksichtigen?
Das „Office as a service“ soll den Mitarbeiter:innen
so viele Alltagsdinge
abnehmen, dass sie sich ganz auf die
Arbeit konzentrieren können. Zu den
Grundvoraussetzung bei der Gestaltung
gehören auch Basics wie der
Standort (Stichwort Anbindung), die
Orientierung (schlüssiges Leitsystem
für Mitarbeiter:innen und Externe),
einfach bedienbare Medientechnik,
gute Beleuchtung und Akustik
sowie ein angenehmes Raumklima.
Weiters muss es ein Angebot für verschiedene
Arbeitsmodi geben – gearbeitet
werden kann nicht nur am
Schreibtisch, sondern auch auf einer
Couch oder an der Bar bei einem
Kaffee. Flächen für Kommunikation
und Privatsphäre tragen ebenfalls zu
einem positiven Umfeld bei. Mit kleinen
Tricks lässt sich außerdem der
Austausch der Mitarbeiter:innen fördern:
Steht die Barista-Maschine mit
dem besten Kaffee im Working Café,
verwandle ich dieses automatisch in
einen Ort, an dem unterschiedliche
Abteilungen aufeinandertreffen.
Vom historischen Industriebau bis
hin zum angrenzenden Waldstück
– wie wichtig ist der Standort eines
Projektes und wie fließt dieser in Ihre
Entwürfe mit ein?
Die Umgebung ist für unsere Projekte
insofern interessant, als wir ihr
Angebot berücksichtigen: Gibt es in
der Nachbarschaft ein Fitnessstudio,
macht eine Kooperation in Form von
Vergünstigungen für die Mitarbeiter:innen
mehr Sinn als ein hauseigener
Sportraum. So lassen sich einzelne
Funktionen auslagern und es bleibt
mehr Platz für andere. Bei dem Digital
Future Space, dem Büro von Catalysts
in der alten Tabakfabrik in Linz, spielt
zudem der Denkmalschutz eine zentrale
Rolle. Respektvoll mit dem Bestand
umzugehen, stellt einen oft vor
spannende Herausforderungen.
Mit 2.500 m 2 bietet der preisgekrönte tractive Campus Coworking-Flächen, Begegnungszonen,
Naturnähe und Raum für Kreativität für bis zu 250 Mitarbeiter:innen – und deren Vierbeiner. Offene
Working Spaces gibt es hier ebenso wie Sitzecken und Rückzugsorte.
und inwiefern spielt Nachhaltigkeit
eine Rolle?
Wir orientieren uns bei der Auswahl
– sofern es bereits ein Büro gibt –
meist am Bestand. Vorhandene Möbel
und Materialien nutzen wir bestmöglich
weiter und stimmen neue
Elemente darauf ab. Außerdem achten
wir stark auf deren Preis-Leistung,
Regionalität und einen Stil, der
zum Objekt bzw. dem Unternehmen
passt. Nachhaltigkeit bedeutet für
uns hohe Qualität und Langlebigkeit,
weshalb wir anstelle von kurzlebigen
Trends auf ein minimalistisches Design
setzen, das auch nach Jahren
noch Gefallen findet.
Mit JUNA designen Sie auch eigene
Möbel – was bieten diese, was andere
nicht können?
Bei JUNA handelt es sich um eine
Marke von Jürgen und mir, Natalie
– darum auch der Name JU-NA. Wir
konzipieren hauptsächlich flexible,
regional produzierte Möbel, die nicht
fix eingebaut werden und sich mit
ihrem schlichten Design an verschiedenste
Benutzer:innen und Verwendungszwecke
anpassen. Die multifunktionalen
Stücke lassen sich an
verschiedene Situationen anpassen.
Je nach Bedarf dienen sie als Tisch
oder Workshop-Space und ersetzen
so ganze Räume. Das spart Platz
und Kosten im Büro und ist nachhaltig.
Für den Büromöbelproduzenten
Wiesner-Hager haben wir z.B. ein
mobiles Whiteboard entwickelt. •
www.offora.at
Wonach richtet sich die Auswahl von
Materialien und Möbeln? Welche
Qualitäten müssen diese mitbringen
architektur PEOPLE
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Teresa Stillebacher
Abseits jeglicher
Schubladen
Interview mit Teresa Stillebacher
Interview: Linda Pezzei
Die Tiroler Architektin und Künstlerin Teresa Stillebacher
ist bekannt für ihre interdisziplinäre Arbeit im öffentlichen
Raum. Als Senior Scientist am ./studio3 – Institut für experimentelle
Architektur an der Universität Innsbruck, agiert sie
an der Schnittstelle zwischen Architektur, Kunstperformance
und Interventionen. Ihre Projekte, sowohl am Institut als
auch im eigenen Büro, betonen Nachhaltigkeit und gesellschaftliche
Relevanz, wie etwa ihre Installation in Wrocław,
die aus recycelten Materialien bestand und das kollektive
Kochen förderte. Stillebacher setzt sich für ressourcenschonende
Praktiken ein und integriert partizipative Elemente,
um Gemeinschaften zu stärken und Umweltthemen zu
adressieren. Ihre Arbeit verbindet künstlerische Kreativität
mit praktischen Lösungen für aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen.
Im Interview spricht die Gestalterin über
das Spannungsfeld zwischen Architektur, Kunst und Raum.
Was bedeuten für Sie Architektur und
Kunst, wo sehen Sie Schnittstellen,
was trennt die beiden Disziplinen?
In meiner Arbeit versuche ich, räumlich,
situativ und ortsbezogen zu
denken. Architektur und Kunst überschneiden
sich inhaltlich, unterscheiden
sich jedoch signifikant in der
täglichen Praxis. Während die Kunst
ein aktionistisches Potenzial besitzt,
das oft spontan und provokativ eingesetzt
wird, drückt sich dieses Potenzial
in der Architektur auf andere
Weise aus. Architektur hat nicht nur
die Fähigkeit, Produkt der Kultur zu
sein, sondern sie trägt auch aktiv
zur Kulturproduktion bei. An dieser
Schnittstelle ist wiederum die kritische
Haltung der Kunst – ebenso
wie die anderer Disziplinen – von
© Nina Ziegler
www.architektur-online.com
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Teresa Stillebacher
KULT BOGENBAR: Die Lokalgestaltung in den Innsbrucker Viaduktbögen erfolgte in Kooperation mit Lino Lanzmaier.
entscheidender Bedeutung, um die
Rolle der Architektur in der Gesellschaft
bewusst zu hinterfragen und
zu gestalten. Ein wichtiger Aspekt in
diesem Kontext ist der Moment der
Überraschung und des Besonderen.
Dieser ist nicht nur kulturell bereichernd,
sondern auch identitätsstiftend.
Gebäude, Materialien, Objekte
und Details erzählen immer auch Geschichten
– und hier bietet die Kunst
die notwendigen Werkzeuge, um bewusste
Entscheidungen zu treffen.
Während die Kunst oft Autonomie
genießt, ist die Architektur an die
praktischen Anforderungen und Bedürfnisse
der Nutzer:innen sowie an
technische, finanzielle, gesetzliche
Vorgaben gebunden. Trotz dieser
Unterschiede bietet die Architektur
Raum für künstlerische Interventionen
und kritische Reflexion. Es ist
diese Dynamik zwischen den Disziplinen,
die es ermöglicht, dass sowohl
Kunst als auch Architektur ihre jeweiligen
Potenziale voll ausschöpfen
können – sei es durch die Gestaltung
von Räumen, die den Alltag prägen,
oder durch das Schaffen von Erlebnissen,
Ereignissen und Situationen,
die überraschen und inspirieren.
Ihre Architektur ist in ihrer Sprache
immer klar, aber auch poetisch – wie
wichtig sind für Ihre Arbeit die Menschen
und Geschichten, die dahinter
stehen?
Ein Projekt entsteht immer im Prozess.
Das bedeutet, dass das Design
nicht einfach über einen Ort gestülpt
wird, sondern sich vielmehr aus dem
Dialog mit dem Ort selbst sowie in
Gesprächen mit den Bauherr:innen,
Handwerker:innen und anderen Beteiligten
entwickelt. Unsere Aufgabe
ist es, trotz unterschiedlicher Ideen
und geschmacklicher Vorlieben eine
klare und durchgängige Gestaltung
zu schaffen, in der sich individuelle
Geschichten, Ideen und Menschen
dennoch widerspiegeln. Architektur
und Interior Design entstehen immer
in engem Zusammenhang mit den
Benutzer:innen und Bewohner:innen.
Es gibt häufig vorgefasste Vorstellungen,
die ich versuche zu verstehen
und zu übersetzen, sowie auch
aufzubrechen – das bedeutet, den
Horizont zu erweitern. Bauen ist immer
Teamarbeit, sei es im Büro, am
Institut, mit den Bauherr:innen oder
den Handwerker:innen. Kommunikation
und das Finden gemeinsamer
Lösungen sind dabei unerlässlich. Im
besten Fall entsteht eine Win-Win-Situation,
in der alle Beteiligten voneinander
profitieren und sich inspirieren.
Die Materialität spielt bei der Gestaltung
eine entscheidende Rolle. Meiner
Meinung nach sollte das Material
so natürlich wie möglich zur Geltung
kommen. Es darf altern und sich im
Laufe der Zeit verändern – dies betrachte
ich als einen wichtigen Aspekt.
Am schönsten ist es, wenn am
Ende alle glücklich sind und etwas
entsteht, das sich niemand zuvor so
hätte vorstellen können. Ein Beispiel
dafür ist die Gestaltung der KULT
BOGENBAR, die ich zusammen mit
Lino Lanzmaier für zwei Bauherr:innen
aus der Metal-Szene entwickelt
habe. Es war besonders spannend,
ihre Referenzen von Bars als Sehnsuchtsorte
ernst zu nehmen und in
zahlreichen Gesprächen die Essenz
dieser Orte in eine ungeschmückte
und authentische Form zu überset-
zen. Gleichzeitig war es entscheidend,
alte und neue Narrative, Humor
und überraschende Elemente
einzubringen, um den Raum lebendig
und einladend zu gestalten. Im Sinne
der Aneignung wurde eine große
Fläche bewusst freigelassen, um sich
allmählich zur Plakatwand zu transformieren,
die Wände in den Toiletten
wurden von einem befreundeten
Künstler bemalt.
u
ALL CAKE ALL NIGHT: Die architektonische und performative
Intervention all.cake.all.night entstand im Rahmen
des Magic Carpet Artist in Residence Programms in
Wrocław in Zusammenarbeit mit dem Wroclawski Instytut
Kultury durch Teresa Stillebacher in Partnerschaft
mit AestheticAthletics+.
© Stillebacher
architektur PEOPLE
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Teresa Stillebacher
WHAT A WASTE ist ein Design Build Projekt in Kooperation mit
dem Heart of Noise Festival in Innsbruck, zusammen mit Verena
Rauch und Studierenden des ./studio3
Sie befassen sich auch mit Interventionen
und Ausstellungsdesign – wie
finden diese Projekte zu Ihnen?
Interventionen im urbanen Raum
entstehen oft aus Eigeninitiative,
durch Open Calls, Einreichungen
oder in Kooperation mit Universitäten
und der Stadt. Diese Projekte
bieten die Möglichkeit, persönliche
und gesellschaftliche Fragestellungen
zu bearbeiten. Dabei arbeite
ich häufig als Teil des Kunstkollektivs
AestheticAthletics+ oder mit
Studierenden und Kolleg:innen vom
./studio3 – Institut für experimentelle
Architektur zusammen. Die Interventionen,
die ich durchführe, bestehen
hauptsächlich aus räumlichen Eingriffen
und kleinen Architekturen,
die überwiegend im urbanen Raum
realisiert werden. Oft verfolgen sie
situationistische Ansätze, die sich
auf öffentlichen Raum, dessen Nutzung
und Partizipation konzentrieren.
Es geht darum, das alltägliche
Leben in die Straßen zu bringen und
Kunst mit dem Alltag zu verbinden.
Diese Projekte schaffen Plattformen
für neue Netzwerke, sowohl zwischen
den Besucher:innen als auch
zwischen der Kunst und dem alltäglichen
Leben.
Ein Beispiel ist das Projekt „ALL
CAKE ALL NIGHT“ in Wrocław, dessen
Ziel es war, eine offene Küche
für die lokale Gemeinschaft zu etablieren.
Wir, das Kollektiv Aesthetic-
Athletics+, wollten einen Raum
schaffen, in dem Menschen zusammenkommen,
kochen und Mahlzeiten
teilen können. Unser Ansatz war
es, Verbindungen ohne Vorurteile
zu fördern, um niederschwellige Gespräche
zu ermöglichen. Ähnlich,
wie Musik als universelle Sprache
Menschen verbindet, glauben wir,
dass gemeinsames Kochen und Essen
Barrieren zwischen Individuen
abbauen kann.
Für uns war es entscheidend, dass
dieses Projekt sowie andere Interventionen
im öffentlichen Raum
stattfinden, da diese eine zentrale
Rolle dabei spielen, Menschen zu
vernetzen. Wir wollten eine private
Aktivität in einen öffentlichen
Kontext übertragen und so eine besondere,
fast theatrale Umgebung
schaffen. Die Menschen sollten das
Gefühl haben, an einem einzigartigen
Ort zu sein und an einer besonderen
Aktivität teilzunehmen, die über den
Alltag hinausgeht und ihm eine tiefere
Bedeutung verleiht.
Die Architektur von „ALL CAKE ALL
NIGHT“ wie auch bei anderen Projekten
wurde aus gefundenen Objekten
und Materialien gebaut, die
wir bei Streifzügen durch die Stadt
gesammelt haben. Diese Arbeitsweise
ist intuitiv und reaktiv, wobei der
Entwurfsprozess nahtlos in den Bauprozess
übergeht. Im Kollektiv erfordert
diese Methode eine enge Kommunikation
und Konsensfindung, aus
der neue Designideen entstehen.
Im Ausstellungsdesign geht es vor allem
um Kommunikation und Klarheit
und darum, komplexe Themen in eine
verständliche Form zu bringen. Ich
finde Ausstellungsdesign besonders
spannend, weil es darum geht, vielfältige
Themen zu transportieren, die
mich oft persönlich interessieren. Es
stellt eine Herausforderung dar, diese
Themen zu abstrahieren und in eine
adäquate Sprache zu übersetzen, die
der Vermittlung gerecht wird.
Sie sind auch forschend tätig –
was beschäftigt Sie aktuell?
Am ./studio3 beschäftigen wir uns
derzeit unter anderem intensiv mit
dem Thema „Repair“. Dabei geht es
darum, als Architekt:innen, Gestalter:innen
und Planer:innen in Zukunft
mit vorhandenen Materialien zu arbeiten.
Meine Frage dazu lautet: Wie
können wir als Architekt:innen unsere
Handlungsfähigkeit bewahren, um
angemessen auf die Vielzahl ökologischer,
ökonomischer, politischer, gesellschaftlicher
und sozialer Herausforderungen
zu reagieren und aktiv
zu werden? Ein zentrales Anliegen
ist es, die politische Relevanz der
Architektur zurückzugewinnen und
gleichzeitig auf individueller Ebene
Strategien zu entwickeln, die auf
größere Herausforderungen übertragbar
sind. Statt neue Architekturen
zu entwerfen, konzentrieren wir
uns darauf, bestehende Gebäude
und Stadträume zu „reparieren“. Diese
Strategie kann auf verschiedenen
Ebenen umgesetzt werden, indem
wir die gebaute Umwelt als Ressource
betrachten und selbst weniger
ansprechend wirkender Architektur
neuen Wert zuschreiben.
Wir widmen uns Fragen der Adaptierung,
Sanierung, Umnutzung und
Assemblage. Dabei achten wir darauf,
dass traditionelle und unterdrückende
Gesellschaftsstrukturen nicht
durch Architektur fortwährend reproduziert
werden. Unsere Herausforderung
besteht darin, diese „Reparaturen“
nicht aus dem Blickwinkel des
Bestehenden, sondern durch neue
Ordnungsprinzipien zu betrachten.
Am ./studio3 arbeite ich auch mit
Studierenden an „Design-Build“-Projekten.
Dabei versuche ich, stets mit
gefundenen Materialien und Objek-
MOSHPIT
www.architektur-online.com
63
Teresa Stillebacher
ten zu arbeiten. In Zeiten der Ressourcenknappheit
sind zirkuläres
Bauen und die Wiederverwendung
von Baumaterialien von wesentlicher
Bedeutung und können bereits
im kleinen Maßstab erprobt werden.
Projekte wie „WHAT A WASTE“ und
„ISLA BONITA SCHROTT“ sind aus
diesem Ansatz entstanden. Beim
Eins-zu-Eins-Bauen mit Studierenden
wird der Gemeinschaftsgedanke
spürbar. Während des Entwerfens
und Planens im Kollektiv formt sich
eine Community und festigt sich
beim Bauprozess. Das intensive, gemeinsame
Arbeiten an diesen großen
Aufgaben, die für einige Wochen
das Leben bestimmen, schafft ein
starkes soziales Gefüge. Durch Design-Build-Projekte
entstehen nicht
nur bauliche Strukturen, sondern
auch sozialer Zusammenhalt, der weit
über die Bauzeit hinaus Bestand hat.
Sie sind gerade zurück aus Albanien:
Was hat Sie dort beschäftigt?
Das Projekt „CORNBREAKS &
HEARTBREAD“ war eine mehrwöchige
Fußreise, die in und um Tirana
in Albanien stattfand. Im September
reiste das Kollektiv Aesthetic-
Athletics+ nach Albanien, um vor Ort
eine mobile Küche zu konstruieren.
Zunächst wurden in Tirana Materialien
für den Bau eines Handkarrens
gesammelt, der dann gebaut wurde.
Ähnlich wie beim Projekt „ALL CAKE
ALL NIGHT“ war es unser Ziel, ausschließlich
mit gefundenen Materialien
und Objekten zu arbeiten, um
die mobile Küche zu erstellen. Dieser
Handkarren begleitete uns ständig
und wurde täglich bei unserer Wanderung
an verschiedenen Orten aufgestellt,
wo wir gemeinsam kochten
und aßen. Das Hauptziel war es, offene
Situationen zu schaffen, in denen
wir mit den Bewohner:innen sowie
der Umgebung in Kontakt treten
konnten. Das Sammeln von Materialien,
Rezepten, essbaren Pflanzen
und anderen Elementen ergänzte
das Projekt und begleitete uns kontinuierlich
auf unserer Wanderung.
Wie wichtig ist es für Sie persönlich und
Ihre Arbeit, sich nicht in Schubladen
stecken oder einschränken zu lassen?
In Schubladen zu denken, fällt mir
schwer – ich müsste dann bei mir
selbst anfangen. Als Architektin,
Künstlerin, Dozentin, Vorstandsmit-
glied, DJ und gelegentliche Veranstalterin
erlebe ich eine Vielfalt, die
sowohl bereichernd als auch herausfordernd
sein kann.
Natürlich stellt sich die Frage, wie
man vielseitige Folgeaufträge erhält.
Spezialisierung hat ihre Vorteile,
so wie die Eigeninitiative, Projekte
und Forschungsthemen zu initiieren
ein wichtiger Motor ist, um die Arbeit
frisch und spannend zu halten.
Kreativität lebt von Offenheit, und
um wirklich innovative und für mich
sinnvolle Arbeit zu leisten, muss ich
die Grenzen traditioneller Kategorien
überschreiten. Das Erforschen
verschiedener Disziplinen und das
Arbeiten an den Schnittstellen von
Kunst, Architektur und Wissenschaft
ermöglichen es mir, neue Perspektiven
zu entwickeln und mich nicht in
Routine verfallen zu lassen. Der Austausch
zwischen unterschiedlichen
Welten und Menschen fördert meine
Fähigkeit, unkonventionelle Wege zu
gehen und neue Herausforderungen
sowie Lösungen zu finden.
Ein spannendes Projekt, an
dem Sie gerade arbeiten?
Zusammen mit meinem Büropartner
Lino Lanzmaier arbeite ich derzeit
an einer Ausstellung im Ötztal, die
sich mit der NS-Zeit und der Erinnerungskultur
in der Region beschäftigt.
An diesem Projekt sind zahlreiche
Forscher:innen, Historiker:innen
und Kurator:innen beteiligt, was den
gesamten Prozess besonders spannend
macht. Verschiedene Orte und
Ausstellungen zu unterschiedlichen
Themen sind vorgesehen. Ein zentraler
Aspekt besteht darin, eine ehrliche
und kritische Haltung zu wahren,
die Themen klar zu präsentieren und
aktuelle Fragen aufzuwerfen. Es gilt
her auszufinden, wie sich die Thematik
in der Gestaltung manifestieren
und wie man den richtigen Umgang
mit diesem heiklen und präsenten
Thema finden kann, um es in der Gegenwart
angemessen darzustellen.
Ein weiteres Projekt trägt den Namen
„MOSHPIT“ und ist ein Stadtpotenziale-Projekt
der Stadt Innsbruck mit
dem Kollektiv AestheticAthletics+.
Es untersucht den öffentlichen Raum
hinsichtlich Safe Space und subkultureller
Phänomene wie das Moshpit.
Das Projekt ist stark performativ angelegt
und wird in mehreren Etappen
umgesetzt. Beispielsweise wurde
Eine zurückhaltende Farb- und Materialpalette sowie geometrische
Formen und modulare Möbel prägen das Design
des Ateliers im Augarten, das in Kooperation mit Lino Lanzmaier
entstanden ist.
Unter dem Titel „39 m 2 sind genug“ hat Teresa Stillebacher
mit Lino Lanzmaier auch ihr eigenes Apartment im Stadtzentrum
von Innsbruck ausdrucksstark adaptiert.
eine Sauna an einem Brunnen in St.
Nikolaus errichtet und es gab den
Versuch, das größte Bett der Welt zu
bauen. Diese Projekte zielen darauf
ab, durch performative Inszenierungen
der Orte und Aktivitäten deren
öffentliche Dimension sichtbar zu
machen. Auch wenn die Ideen sehr
performativ wirken, ist die Materialisierung
essenziell. Die gebaute
Struktur dient als Kommunikator
zwischen der Stadt, den Nutzer:innen
und der Aktion.
•
www.teresastillebacher.eu
architektur PEOPLE
64
Catherine de Wolf
Durch Wiederverwendung
zu kreativeren Lösungen
Interview mit Catherine de Wolf
Interview: Edina Obermoser
Catherine de Wolf hat es sich zum Ziel
gesetzt, zirkuläres Bauen mithilfe
von digitalen Technologien nicht nur
effizienter, sondern auch wirtschaftlicher
zu machen. Als Leiterin des
Lehrstuhls für Circular Engineering for
Architecture (CEA) forscht und lehrt
sie an der ETH Zürich zum Thema
Kreislaufwirtschaft. Mit dem Digital
Circular Economy Lab versucht die
Architektin und Bauingenieurin außerdem,
Recyclingbaustoffe, Expert:innen
und andere Akteur:innen der Branche
zu vernetzen. Uns erklärt die Professorin,
mit welchen Herausforderungen
sie sich dabei konfrontiert sieht und
was wir in Hinblick darauf von Apps
wie Tinder und Airbnb lernen können.
Außerdem spricht Catherine über ihr
neues Buch „The art of connecting“
und wie das Bauen mit Re-use-Materialien
zu kreativeren Lösungen führt.
Kreislaufwirtschaft und Cradle to
Cradle scheinen in aller Munde zu sein.
Sind diese Themen wirklich in der Baubranche
angekommen? Welches Verständnis
fehlt dabei immer noch?
Ich beschäftige mich seit 15 Jahren
mit dem Thema Kreislaufwirtschaft
und in dieser Zeit hat sich einiges
getan. Während das Bewusstsein für
die Thematik inzwischen groß ist,
transformiert sich die Baubranche
trotzdem nur sehr schleppend von
linearen hin zu zirkulären Prozessen.
Bei der Betrachtung des Energiebedarfs
eines Gebäudes beschränken
wir uns oft fälschlicherweise immer
noch auf dessen Betrieb – obwohl
der Lebenszyklus weit mehr als das
umfasst. Bestandsgebäude werden
nach wie vor abgerissen, da Renovierung
oder Umbau nicht ökonomisch
erscheinen. Es gibt also ein Umdenken,
der Wandel passiert aber nicht
schnell genug.
© Carina Brunnauer
© Giuilia Marthaler
www.architektur-online.com
65
Catherine de Wolf
Welcher Herausforderungen begegnen
Sie in der Baubranche im Zusammenhang
mit Stoffkreisläufen?
Eines der Hauptprobleme bei der
Verwendung von Re-use-Materialien
sehe ich in der Kommunikation. Damit
zirkuläre Prozesse funktionieren
können, müssen wir Angebot und
Nachfrage besser vernetzen. Alles
steht und fällt mit diesem „Matchmaking“
– dem Zusammenbringen von
verfügbaren Werkstoffen und potenziellen
Kund:innen. Apps wie Tinder
und Airbnb machen vor, wie es geht.
Wollen wir die Stoffkreisläufe schließen,
brauchen wir ein Pendant für
den Bausektor.
Sie konzentrieren sich bei Ihrer Forschung
nicht nur auf die Wiederverwendung
von Materialien aus Gebäuden,
die abgerissen werden sollen
– wo setzen sie an?
Beim kreislauffähigen Bauen werden
aktuell meist zwei verschiedene
Prinzipien verfolgt: Entweder
liegt der Fokus auf dem Einsatz von
Recyclingbaustoffen aus Bestandsgebäuden
oder auf der Errichtung
neuer Projekte, welche sich am Ende
ihres Lebenszyklus bestmöglich
wiederverwenden lassen. Baut man
allerdings mit Re-use-Materialien
und verklebt diese, können sie später
nicht zurückgebaut werden. Den
gleichen Fehler begeht man, wenn
man zwar einen späteren Rückbau
mitberücksichtigt, aber neue Rohstoffe
dafür abbaut. Beide Szenarien
sind lediglich zur Hälfte gedacht. Nur
mit einer Kombination der zwei Ansätze
erreichen wir komplett zirkuläre
Materialkreisläufe – und genau
an diesem Punkt setze ich mit einer
Forschung an.
Wie unterstützen digitale Innovationen
den Weg hin zu einer zirkulären,
gebauten Umwelt?
Neben der fehlenden Kommunikation
stellt das Informationsdefizit die
größte Challenge dar. Wir wissen
schlichtweg nicht, welche Werkstoffe
in unseren Gebäuden vorhanden
sind. Um einen Überblick zu bekommen,
brauchen wir eine Materialdatenbank.
Hier kommen digitale Technologien
ins Spiel: Sie können diesen
Informationsaustausch erleichtern
und mithilfe von Materialausweisen
Auskunft über die Einzelteile und
den Zustand ganzer Gebäude geben
– sowohl bei Bestands- als auch bei
Neubauten.
Können Sie genauer erklären, wie die
Erfassung der Materialien bei Bestandsbauten
technisch funktioniert
und wie Sie mit den großen Datenmengen
umgehen können?
Mittels Künstlicher Intelligenz lassen
sich Werkstoffe im Bestand erkennen
und erfassen. Dabei werden Google
Street View-Aufnahmen anhand von
Algorithmen ausgewertet. Diese Informationen
kombinieren wir dann
mit anderen digitalen Tools sowie
vorhandenen GIS- und Archivdaten
und erstellen daraus Prognosen. So
wissen wir schon im Vorfeld, welche
Bauten wann abgerissen bzw. welche
Baustoffe dadurch verfügbar werden.
Die Menge an Daten stellt dank
KI-Technologien kein Problem, sondern
sogar einen Vorteil dar: Je mehr
Informationen, desto besser.
178 gebogene Glaselemente, die einst die außenliegende
Rolltreppe des Centre Pompidou schützten,
konnten sorgfältig demontiert und von Maximum
architecture in einem Pariser Bürogebäude wiederverwendet
werden – und das kostengünstiger als mit
neuen Verglasungen.
Neben Künstlicher Intelligenz und
Virtual Reality forschen Sie an der
ETH auch mit Robotern. Welches Potenzial
bergen sie und wo kommen sie
zum Einsatz?
Das Potenzial von Robotik ist enorm:
Bauroboter helfen beim Abbruch von
Gebäuden, Laserscanner analysieren
und sortieren Bauabfälle. Wir setzen
dank ihrer Präzision und Schnelligkeit
stark auf digitale Fertigungsprozesse.
Mit 3D-Druckern lassen
sich z.B. wiederverwendete Bauteile
kosteneffizient reparieren oder verstärken
und somit für die neuerliche
Verwendung ertüchtigen. Am Circular
Engineering for Architecture
(CEA) Lehrstuhl an der ETH haben
wir eine Kuppel aus Re-use-Rohren
und CNC-gefrästen Verbindungsstücken
gebaut. Aktuell realisieren wir
für die Kunsthalle Zürich eine Pavillonstruktur.
Diese besteht ebenfalls
aus wiederverwendeten Balken, die
wir nach dem Vorbild japanischer
Holzverbindungen und mithilfe von
CNC-Technologie innerhalb kürzester
Zeit zusammenfügen konnten.
Standard-Lösungen funktionieren
bei sekundären Baustoffen meist
nicht – Roboter ermöglichen es,
maßgeschneiderte Lösungen umzusetzen,
die in Handarbeit weder
kosteneffizient noch so präzise umsetzbar
wären.
u
© Maximum Architecture Alexandra Attias
architektur PEOPLE
66
Catherine de Wolf
© Circular Engineering for Architecture (CEA) © Buser Hill Photography for Circular Engineering for Architecture (CEA)
Digitale Technologien wie Drohnenbilder und LiDAR-Scans
helfen bei der Erfassung des Bestands und Erstellung einer
Materialdatenbank. Algorithmen verarbeiten die Informationen
und legen den Grundstein für die erfolgreiche Wiederverwendung
der verfügbaren Werkstoffe.
Im Sommersemester 2022 verfolgte Catherine de Wolf mit den Studierenden des
Kurses Digitalization for Circular Construction einen praxisorientierten Ansatz:
Sie zerlegten einen ehemaligen Musikpavillon und verwendeten die Bauteile für
den Bau einer neuen Kuppel.
Nachhaltiges Bauen wird oft mit höheren
Kosten in Verbindung gebracht.
Wie reagieren Sie auf dieses Vorurteil?
Zirkuläres Bauen kann teurer sein,
muss es aber nicht. In meinen Augen
besteht der Fehler darin, dass
wir nicht die tatsächlichen Kosten
berücksichtigen, da sowohl Entsorgung
als auch die Gewinnung neuer
Materialien zu günstig ist. Durch
Wiederverwendung lassen sich diese
Posten komplett einsparen. Natürlich
gibt es Szenarien, in denen der
Rückbau kostspieliger ist, es gibt
aber auch andere Beispiele wie das
Centre Pompidou: Da die Verglasungen
nicht mehr den Sicherheitsstandards
entsprachen, mussten diese
beim Umbau ersetzt werden. Dank
Maximum architecture fanden 178
gebogene Gläser und 23 Tonnen
Stahl ein neues Zuhause. Die französischen
Architekten retteten die Materialien,
verwendeten sie als Trennwände
in einem Bürogebäude weiter
und konnten so die Projektkosten
signifikant reduzieren. Einen wesentlichen
Preisfaktor stellt die Arbeitskraft
dar. Gelingt es, Re-use-Abläufe
mithilfe von digitalen Prozessen zu
erleichtern, sinken auch die Kosten.
Wie gut funktioniert die Vernetzung
der verschiedenen Akteur:innen in
der Kreislaufszene? Gibt es Optimierungspotenzial
und besonders positive
Beispiele?
Aktuell gibt es mehrere verschiedene
Plattformen für zirkuläres Bauen,
die miteinander in Konkurrenz
stehen. Sie machen die Suche nach
Re-use-Materialien kompliziert und
unübersichtlich. Ein standardisierter
Datenaustausch würde Abhilfe
schaffen und zirkuläres Bauen attraktiver
machen.
Cirkla, ein Verein für Kreislaufwirtschaft,
ist hingegen ein großartiges
Beispiel dafür, wie die Zusammenarbeit
von Akteur:innen aus verschiedenen
– einst konkurrierenden
– Bereichen aussehen kann und
sollte. Dort arbeiten Ingenieur:innen,
Politiker:innen, Rechtsexpert:innen,
Unternehmer:innen und andere Player
aus der Kreislaufbranche auf ein
gemeinsames Ziel hin. Auch unter
den Architekturbüros gibt es unter
anderem mit baubüro in situ zahlreiche
Pionier:innen, die sich aktiv mit
zirkulären Projekten beschäftigen.
Schränkt zirkuläres Design die Kreativität
ein oder lässt Re-use genug
Platz dafür?
Ich würde sagen, das Gegenteil ist
der Fall – zirkuläres Design beflügelt
die Kreativität. An der ETH Zürich
unterrichte ich einen Kurs, der sich
diesem Thema widmet: „Digital creativity
for circular construction“ (digitale
Kreativität für zirkuläres Bauen).
In ihm geht es um das Entwerfen mit
Re-use-Materialien und wie mithilfe
von digitalen Technologien kreativere
Projekte entstehen. Diese These
konnte ich vor zwei Jahren in einem
Wettbewerb belegen: Dabei sollten
die Studierenden aus 14 ehemaligen
Dachbalken eines Campusgebäudes
ein Design erstellen, welches schließlich
von einer Expertenjury rund um
Barbara Buser von baubüro in situ
bewertet wurde. Die Ergebnisse hätten
nicht unterschiedlicher sein können
und zeigten, dass die beschränkte
Materialauswahl zu einzigartigeren
Lösungen führte. Computergesteuerte
Tools fördern die Kreativität ebenfalls:
Selbst surreale Vorschläge der
KI können neue Anregungen liefern.
Sie helfen uns dabei, konventionelle
Denkmuster zu hinterfragen und innovative
Wege zu gehen.
Sie forschen und bauen nicht nur,
sondern sind auch als Professorin
und Filmemacherin tätig und haben
mit ANKU ein eigenes Unternehmen.
Ist Interdisziplinarität der Weg
der Zukunft?
Ich würde das nicht verallgemeinern,
bin aber der Überzeugung, dass wir
das Problem der Kreislaufwirtschaft
nur interdisziplinär lösen können. Es
bringt nichts, nur zu predigen wie
wichtig die Zusammenarbeit der einzelnen
Akteur:innen im Bausektor
ist, und dann selbst nicht über den
eigenen Tellerrand zu schauen. Für
zirkuläres Bauen braucht es nicht
nur Forscher:innen, sondern auch
Lehrende, um das Wissen an die
nächste Generation weiterzugeben
sowie den Austausch mit Expert:innen,
Politiker:innen und der Bevölkerung
– darum geht es auch in meinen
neuen Buch „The art of connecting“,
welches im Januar erscheint. •
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