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architektur FACHMAGAZIN People #7

Zum siebten Mal versammelt die Sonderausgabe „People“ die Stimmen, Visionen und Erfahrungen von Architekturschaffenden, deren Ideen und Ansätze die gegenwärtige Baukultur prägen und diese über rein funktionale Grenzen hinaus erweitern. In dieser Ausgabe stehen nicht die Gebäude im Mittelpunkt, sondern die Menschen, die sie entwerfen, sowie die Geschichten hinter ihrer Arbeit. Architektur ist weit mehr als das Errichten von Strukturen – sie ist eine zutiefst menschliche Disziplin, die unser Leben und die Umwelt, in der wir uns bewegen, formt. Diese Überzeugung bildet den Leitgedanken dieser Ausgabe. Mit 14 ausführlichen Interviews tauchen wir tief in die Gedankenwelt von Architekturpersönlichkeiten ein, die sich nicht nur durch ihre Projekte, sondern auch durch ihre Haltung, Visionen und ihren Mut auszeichnen.

Zum siebten Mal versammelt die Sonderausgabe „People“ die Stimmen, Visionen und Erfahrungen von Architekturschaffenden, deren Ideen und Ansätze die gegenwärtige Baukultur prägen und diese über rein funktionale Grenzen hinaus erweitern. In dieser Ausgabe stehen nicht die Gebäude im Mittelpunkt, sondern die Menschen, die sie entwerfen, sowie die Geschichten hinter ihrer Arbeit.

Architektur ist weit mehr als das Errichten von Strukturen – sie ist eine zutiefst menschliche Disziplin, die unser Leben und die Umwelt, in der wir uns bewegen, formt. Diese Überzeugung bildet den Leitgedanken dieser Ausgabe. Mit 14 ausführlichen Interviews tauchen wir tief in die Gedankenwelt von Architekturpersönlichkeiten ein, die sich nicht nur durch ihre Projekte, sondern auch durch ihre Haltung, Visionen und ihren Mut auszeichnen.

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FACHMAGAZIN

WISSEN, BILDUNG, INFORMATION FÜR DIE BAUWIRTSCHAFT

Erscheinungsort Vösendorf, Verlagspostamt 2331 Vösendorf. P.b.b. 02Z033056; ISSN: 1606-4550

PEOPLE

#7


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3

Intro

Vierzehn auf

einen Streich

Zum siebten Mal versammelt die Sonderausgabe „People“ die Stimmen, Visionen

und Erfahrungen von Architekturschaffenden, deren Ideen und Ansätze die

gegenwärtige Baukultur prägen und diese über rein funktionale Grenzen hinaus

erweitern. In dieser Ausgabe stehen nicht die Gebäude im Mittelpunkt, sondern

die Menschen, die sie entwerfen, sowie die Geschichten hinter ihrer Arbeit.

Architektur ist weit mehr als das Errichten

von Strukturen – sie ist eine zutiefst

menschliche Disziplin, die unser Leben und

die Umwelt, in der wir uns bewegen, formt.

Diese Überzeugung bildet den Leitgedanken

dieser Ausgabe. Mit 14 ausführlichen

Interviews tauchen wir tief in die Gedankenwelt

von Architekturpersönlichkeiten

ein, die sich nicht nur durch ihre Projekte,

sondern auch durch ihre Haltung, Visionen

und ihren Mut auszeichnen.

Unsere Reise beginnt mit Arno Ritter, der

seit Jahrzehnten die Architekturvermittlung

durch Ausstellungen und Programme

belebt. In unserem Gespräch beschreibt er

Architektur als ein „synästhetisches Phänomen“

und reflektiert, wie unsere Wahrnehmung

von Raum weit über das Visuelle

hinausgeht. Dieser Ansatz findet Parallelen

in den Arbeiten von Teresa Stillebacher, die

in ihrer interdisziplinären Praxis Architektur

und Kunst miteinander verwebt und auf innovative

Weise gesellschaftliche und ökologische

Fragen behandelt.

Ein zentrales Motiv der Gespräche ist die

Verantwortung gegenüber Umwelt und

Gesellschaft. Im Interview mit Catherine

de Wolf, Professorin an der ETH Zürich,

diskutieren wir die Kreislaufwirtschaft und

wie zirkuläres Bauen durch digitale Technologien

nicht nur wirtschaftlich, sondern

auch kreativer gestaltet werden kann. Diese

Haltung spiegelt sich auch bei Dominik

Scheuch wider, der in seinem Landschaftsarchitekturbüro

YEWO LANDSCAPES innovative

Ansätze entwickelt, um auf den

Klimawandel zu reagieren und neue Wege

in der Landschaftsarchitektur zu eröffnen.

Klaus Ransmayr von Delta Pods Architects

reflektiert über die Notwendigkeit,

ökologische Verantwortung in den Fokus

von Architekturprojekten zu rücken, und

hebt die Bedeutung der Teamarbeit auf

Augenhöhe hervor, um die Vision der Projekte

gemeinsam zu verwirklichen. Auch

dem Architekturbüro KENH gelingt es mit

seinem starken interdisziplinären Ansatz

und teamorientierter Arbeitsweise sowie

dem Fokus auf nachhaltige Bauweisen, die

Bedürfnisse von Nutzern und Umwelt gleichermaßen

zu berücksichtigen.

Dieses Verantwortungsbewusstsein zieht

sich durch die gesamte Architektur-Community

und beeinflusst zahlreiche Stimmen

und Perspektiven. So spricht auch die österreichische

Architekturikone Albert Wimmer

leidenschaftlich über die Verantwortung,

die Architektur für das Gemeinwohl

trägt. Seine Vision, stets neue Lösungen zu

suchen, findet ein Echo bei silberpfeil-architekten,

die durch Nutzerorientierung

und Dynamik neue Wege beschreiten. Die

Offenheit gegenüber Veränderungen und

der hohe Anspruch an Qualität und Nutzerfreundlichkeit

spiegeln sich auch in ihren

Projekten wider.

Ebenfalls spannend ist der generationenübergreifende

Dialog in der Architekturpraxis.

So sprechen mohr niklas architekten

über ihr Verständnis eines partnerschaftlichen,

nicht-hierarchischen Umgangs, der

den Kern ihrer Zusammenarbeit bildet und

in dem das architektonische Ergebnis aus

einem gemeinsamen Prozess entsteht.

Eine weitere Facette dieser Ausgabe ist die

kulturelle Verwurzelung im regionalen Kontext.

Besonders deutlich wird dies im Interview

mit Nina Beck, die traditionelle Bauweisen

des Bregenzerwaldes mit modernen

Holzbautechniken kombiniert. Auch das

Vorarlberger Büro Ludescher + Lutz integriert

Handwerk und Tradition in ihre Projekte

und versteht Architektur als Resonanzraum,

der im Einklang mit der Umgebung

stehen muss. Diese Haltung, Architektur als

Antwort auf lokale Gegebenheiten zu begreifen,

zieht sich durch viele der Gespräche

und zeigt die Vielfalt der Ansätze, die

das Bauen wesentlich beinflussen. Tradition

und Moderne, Verantwortung und Innovation

– diese Spannungsfelder prägen auch

das Schaffen von Moser und Hager, die sich

vorrangig der Herausforderung widmen,

historische Gebäude an moderne Anforderungen

anzupassen.

Einen Abstecher machen wir auch in die

Welt der Büroarchitektur und stellen die

Frage, wie der Arbeitsplatz der Zukunft

gestaltet werden sollte. Natalie Pichler

und Jürgen Holler von OFFORA setzen auf

ganzheitliche, nutzerzentrierte Konzepte,

die nicht nur funktional, sondern auch ästhetisch

und zukunftsweisend sind – ein

Ansatz, der in Zeiten von Homeoffice und

Flexibilität aktueller denn je ist.

Die Gespräche in dieser Ausgabe verdeutlichen,

dass es nicht um das „Bauen an sich“

geht, sondern um die Frage, wie wir als Gemeinschaft

in Zukunft leben, arbeiten und

unsere Umwelt gestalten wollen.

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen mit

dieser besonderen Ausgabe.

Andreas Laser

MEDIENINHABER UND HERAUSGEBER Laser Verlag GmbH; Ortsstraße 212/2/5, 2331 Vösendorf, Österreich

CHEFREDAKTION Andreas Laser(andreas.laser@laserverlag.at) REDAKTION Linda Pezzei, Edina Obermoser, Roland Kanfer LEKTORAT Heidrun Schwinger

GESCHÄFTSLEITUNG Silvia Laser (silvia.laser@laserverlag.at) MEDIASERVICE Nicolas Paga (nicolas.paga@laserverlag.at) Tel.: +43-1-869 5829-14

GRAFISCHE GESTALTUNG Andreas Laser DRUCK Bauer Medien & Handels GmbH


architektur PEOPLE

4

Inhalt

PEOPLE

Der Körper und der Raum

Arno Ritter über den Mythos des Auges

in der Architekturvermittlung

Mit Herzblut& Engagement

Interview mit Günter Mohr und Markus Niklas

von mohr niklas architekten

Mut zurTransformation

Interview mit Dominik Scheuch

von YEWO LANDSCAPES

(K)eine Zeit fürArchitekturikonen?

Interview mit Architektin Nina Beck

Architektur und Technik müssen zusammenfließen

Interview mit Klaus Ransmayr

von Delta Pods Architects

Die Kunst des Weiterbauens

Interview mit Anna Moser und Michael Hager

von Moser und Hager

Es ist wichtig, dass Architektur Fragen stellt

Interview mit Eric-Emanuel Tschaikner,

Kim Tien und Natalie Neubauer

vom Büro KENH Architekten

Gute Architektur beinhaltet drei Schritte

Interview mit Architekt Albert Wimmer

Auf der Suche nach neuen Lösungen

Interview mit Peter Rogl, Christian Koblinger

und Christina Lang von Silberpfeil Architekten

Pionierprojekt für echte Kreislaufwirtschaft

Interview mit Christophe Lenderoth,

Marcel Bartsch und Moritz Feid

In Resonanz mit der Umgebung

Interview mit Elmar Ludescher und Philip Lutz

von Ludescher + Lutz

Mehr Home im Office

Interview mit Natalie Pichler von OFFORA

Abseits jeglicher Schubladen

Interview mit Teresa Stillebacher

Durch Wiederverwendung zu kreativeren Lösungen

Interview mit Catherine de Wolf

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architektur PEOPLE

6

Arno Ritter

Der Körper

und der Raum

Arno Ritter über den Mythos des Auges in der Architekturvermittlung

Interview: Linda Pezzei

Der Architekturvermittler Arno Ritter studierte Publizistik,

Geschichte und Philosophie an der Universität Wien.

Zuerst Sekretär der Österreichischen Gesellschaft für

Architektur, leitet er seit 1995 den Ausstellungsraum „aut.

architektur und tirol“ in Innsbruck, wo er Ausstellungen

und Programme entwickelt, die sich mit Architektur und

anderen gestalterischen Themen auseinandersetzen. Ritter

war Kommissär der Architektur-Biennale Venedig 2012 und

hatte Lehraufträge an der Universität Innsbruck und der

Universität für Angewandte Kunst in Wien. Darüber hinaus

ist der gebürtige Wiener auch als Autor und Herausgeber

tätig, mit einem Fokus auf Architektur, Fotografie und

Kunst. In seinem Vortrag „Der Körper und der Raum“ im

Rahmen des 30-jährigen Jubiläums des aut beleuchtete

dessen langjähriger Leiter die Architektur als „ein synästhetisches

Phänomen, das nicht nur mit den Augen erfahren

wird“. Im Gespräch gewährt Ritter Einblicke, wie sich die

sinnliche Erfahrung von Architektur auch auf die Konzeption

von Ausstellungen übertragen lässt.

Aus dem Vortrag: Architektur geht

im wahrsten Sinne unter die Haut.

Mit der Erfindung der Zentralperspektive

begann allerdings das visuell

zentrierte Denken von Architektur

und Stadt zu dominieren. Betrachtet

man heute Renderings, Architekturfotografie

und das Bilderrauschen

auf Instagram, so kann man

erkennen, dass die Vermittlung von

Architektur vorwiegend bildlastig

geworden ist und alle anderen Sinneswahrnehmungen

ausgeblendet

werden. In der Architekturkritik, in

Ausstellungen und Büchern dominiert

die Sprache des Sehens und

des geschönten Scheins, ohne Spuren

des alltäglichen Lebens.

© Florian Lechner


www.architektur-online.com

7

Arno Ritter

Wie reagieren Sie in Ihrer Arbeit der

Architekturvermittlung auf dieses

Phänomen?

Es gibt unterschiedliche Ansätze

von Ausstellungen. Wenn man mit

dem Material der Architekt:innen –

also mit Plänen, Skizzen, Modellen,

Fotografien, Filmen und Texten über

die Projekte – arbeitet, tendiert man

dazu, Architektur mit „Abfallprodukten“

deren Produktion oder ihrer

Vermittlung zu zeigen. Eine andere

Möglichkeit besteht darin, eine Ausstellung

als ein eigenständiges architektonisches

Projekt zu konzipieren,

wie jene mit selgascano arquitectos,

die in unsere Räume ihre architektonische

Haltung eingeschrieben

haben. Diese Art von Präsentation

macht deren Vorstellungen von Architektur

mit allen Sinnen spür- und

erlebbar. Ich verstehe eine derartige

Herangehensweise als eine Art der

Übersetzung von architektonischen

Haltungen in einen Raum. Es entsteht

eine synästhetische Erfahrung,

da sich die Besucher:innen IN der Architektur

befinden und diese unvermittelt

wahrnehmen können.

Treppen, Brücken,

schiefe Ebenen – alle

Räume des aut, umgebaut

von Volker

Giencke, 2015

Aus dem Vortrag: Insofern spielt für

mich beim Konzipieren von Ausstellungen

eine zentrale Rolle, wie man

unterschiedliche sinnliche Aspekte

von konkreter, letztlich aber physisch

abwesender Architektur in einen

Raum abseits von Bildmedien auch

haptisch, materiell, atmosphärisch,

akustisch oder olfaktorisch übersetzen

kann. Es geht dabei um das

Erzeugen einer inhaltlichen wie atmosphärischen

Dichte, die berühren

und das Abwesende vermitteln soll.

Architekturausstellungen sind Orte

der Verdichtung von gestalterischem

Denken, bieten gesellschaftspolitische

Konzepte und räumliche Lösungen

an und kreieren eine „Stimmung“,

die im Idealfall dazu führt, sich die

Bauten vor Ort anzusehen.

Wie nehmen die Gäste des aut

dieses Angebot an?

Bei der Konzeption von Ausstellungen

ist für mich wichtig, dass Besucher:innen,

die wenig Zeit haben,

einen guten Überblick erhalten, aber

andere theoretisch auch stundenlang

in der Ausstellung verweilen können.

Extrem gesagt: Wer möchte, kann

die momentan laufende Installation

„unstable zones“ drei Monate lang

sieben Stunden am Tag besuchen,

da sie über die Ausstellungsdauer,

je nach Witterung und Tageszeit,

ganz unterschiedlich erscheint. Vor

einigen Jahren hatten wir für die

Ausstellung „konstantmodern“ alle

Räume im Sommer abgedunkelt und

damit von der Außenwelt abgeschottet,

um den Fokus auf die Interviews

und die Projekte der Ausgestellten

zu lenken. Dabei konnte ich beobachten,

wie einige Besucher:innen, die

eigentlich nur kurz bleiben wollten,

nach Stunden völlig vertieft aus der

Ausstellung „gewankt“ sind. Es geht

also darum, wie man Räume dramaturgisch

in einer Weise bespielt, sodass

für ein hastiges Publikum ein informativer

erster Eindruck entsteht,

aber auch eine Angebotsdichte für

jene Personen vorhanden ist, die tiefer

in die Thematik eintauchen und

sich darin verlieren wollen. u

© Wett

© B&R

Netzinstallation von Numen/for Use, 2015


architektur PEOPLE

8

Arno Ritter

© Wett

Vier, durch die Öffnungen der ehemaligen Sudkessel ragende Türme, die zentrale

Fragen der Gestaltung unserer Zukunft aufwerfen – realisiert von MVRDV, 2019

© Wett

Die Ausstellung „SelgasCano Arquitectos: Unstable Zones“ verwandelte das aut in

eine sinnliche Installation, 2024

Aus dem Vortrag: Grundsätzlich

stellt sich bei jeder Ausstellung die

Frage, was ausgesagt werden soll

und mit welchen Mitteln man eine

„Geschichte“ erzählen will. Ähnlich

einem Bühnenbild werden Versatzstücke

des Realen arrangiert, um

eine architektonische Aussage spürbar

zu machen, indem unterschiedliche

Objekte räumlich in Beziehung

gesetzt werden, oder der Raum als

Thema architektonisch gestaltet

bzw. transformiert wird. Letztendlich

sind Inhalt und Form nicht trennbar

und bedingen einander, denn Inhalt

wird Form und Form ist Inhalt – beides

zusammen bedeutet Information

und Kommunikation.

Welche Rolle spielt also der Raum

des aut an sich?

Die Räumlichkeiten des ehemaligen

Sudhauses der Brauerei Adambräu,

die wir seit 2005 nutzen und bespielen

dürfen, sind zwar schwierig

zu bespielen und funktional suboptimal,

aber perfekt für unsere

Nutzung. Die verschiedenen Ebenen,

die über Galerien und Treppen

verbunden sind, eröffnen phantastische

Möglichkeiten. Ein besonderes

Highlight sind die vier „Löcher“

der ehemaligen Sud kessel, die zwar

temporär geschlossen sind, aber immer

wieder für Ausstellungen geöffnet

werden können. Begehbare Installationen

wie „unstable zones“ von

selgascano, „Tube Innsbruck“ von

Numen/For Use, „eins zu zwei – zwei

zu eins“ von the next enterprise und

Eoos oder die komplexe Raumtransformation

von Volker Giencke haben

unsere Räume über die Jahre in vielen

verschiedenen Facetten gezeigt

und bewiesen, dass die Vermittlung

von Architektur räumlich spannend

sein kann.

Aus dem Vortrag: Im Gegensatz zur

Dominanz des visuellen Aspekts von

Architektur, kommt der Hand in der

Vermittlung derselben eine zentrale

Funktion zu, sowohl was Ausstellungen

wie das reale Erleben von

Gebäuden betrifft. Jede Architektur

ist von ihrer spezifischen Materialität

geprägt, die entweder weich oder

hart, rau oder glatt, reflektierend

oder matt, sinnlich oder aseptisch,

anziehend oder abweisend ist und

die über den ganzen Körper wahrgenommen

wird.

Welche Ausstellungen im aut sind Ihnen

in diesem Kontext in Erinnerung?

Wir hatten einmal eine Ausstellung

von Miller + Maranta mit schönen

Flügelmappen, in die lose Blätter aus

büttenartigem Papier zum Durchblättern

eingelegt waren. Zu Anfang hatten

wir die Befürchtung, dass wir einige

nachdrucken lassen müssten, dazu

bestand aber trotz mehr als 2.000

Besucher:innen keine Notwendigkeit.

Denn je qualitativer und hochwertiger

der Widerschein des gewählten

Materials ist, desto sensibler gehen

die Besucher:innen in der Regel damit

um. Nichts ist sinnvoller, als wenn Besucher:innen

Architekturausstellungen

„angreifen“ und damit körperlich

begreifen können.

Aus dem Vortrag: Der perfekte Ort

der Architekturvermittlung ist letztendlich

das Bauwerk selbst, sein

Kontext und seine Räume. Denn dort

erfährt man mit allen Sinnen und

durch die eigene körperliche Bewegung

das, worum es eigentlich geht.

Im Idealfall besucht man ein Gebäude

oder einen öffentlichen Raum

nicht nur einmal, sondern immer

wieder, sowohl an Regentagen, in

Winterstunden oder unter der Sommersonne,

um möglichst viele Stimmungen,

Qualitäten oder Defizite zu

erfahren. Darüber hinaus gibt es keine

bessere Methode, um Architektur

zu überprüfen als die Nutzer:innen

zu beobachten, wie sie sich in den

architektonischen Konzepten verhalten

und diese auch Jahre später

beleben. Denn gute Architektur ist

im besten Sinne Hintergrund für das

Leben und bereichert dieses. •

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architektur PEOPLE

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mohr niklas architekten

© Michael Teso

Mit Herzblut

& Engagement

Interview mit Günter Mohr und Markus Niklas

Interview: Linda Pezzei

mohr niklas architekten verstehen sich als Generationen-Unternehmen.

Während Günter Mohr bereits seit

2006 selbständig arbeitet, ist Markus Niklas seit 2013 im

Team und seit 2023 Partner im Büro. Ein Miteinander auf

Augenhöhe wird dabei nicht nur in dem rund 12-köpfigen

Team gepflegt, sondern auch gegenüber allen Projektpartnern:

„Wir gehen nie dogmatisch oder formal an

Aufgaben heran – die Lösung steckt im Problem. Am

kritischsten sind wir dabei immer mit uns selbst.“ Mohr

und Niklas ist dabei besonders wichtig, in ihrer Rolle als

Architekten das große Ganze im Blick zu behalten, auch

wenn dem Duo bewusst ist, dass es für einzelne Fachdisziplinen

Spezialisten braucht. In ihrer täglichen Arbeit

scheuen sie nicht davor zurück, Verantwortung zu übernehmen

und Initiative zu ergreifen, um ihre Architektur

mit Leidenschaft und Herz zu planen.

„Ein Haus baut man immer gemeinsam“

– was bedeutet dieses Motto

für Sie?

Markus Niklas: Der Satz unterstreicht

unseren Teamgedanken:

Im Büro darf sich jede Mitarbeiterin

und jeder Mitarbeiter einbringen. Wir

wollen alle mitnehmen auf die Reise

und gemeinsam auf Augenhöhe an

unseren Projekten arbeiten. Da geht

es also weniger um Druck und Vorgaben

von oben herab, sondern um

die Motivation jedes Einzelnen.

Günter Mohr: Jeder soll und darf

Verantwortung übernehmen, sein

Herzblut in die Arbeit stecken, um

am Ende gemeinsam zu bauen. Uns

geht es um die Wertschätzung des

Gegenübers – seien es die Bauherren,

Nutzer oder Fachplaner. Am

Ende schließt sich der Kreis und wie

man so schön sagt: Man trifft sich

immer zweimal im Leben. Auch Fehler

müssen also möglich sein, das ist

menschlich und erfordert von allen

Seiten ein gewisses Maß an Verständnis.

Wenn wir damit offen umgehen,

können wir letztlich alle nur

lernen und wachsen.

Markus Niklas: Das ist die einzige

Möglichkeit, wie eine gute Zusammenarbeit

funktionieren kann.


www.architektur-online.com

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mohr niklas architekten

Günter Mohr: Dieses Vertrauen

aufzubauen, ist aber gerade bei öffentlichen

Bauherren oft schwierig,

da man meist nur einmal gemeinsam

baut und Folgeprojekte über neue

Wettbewerbe ausgeschrieben werden.

Wenn es uns aber trotzdem gelingt,

ein Bewusstsein für ein gutes

Miteinander zu schaffen, ist schon

viel erreicht. Bei unserem Projekt

Ágnes-Heller-Haus und dem Haus

der Physik arbeiten wir zufällig wieder

mit den gleichen Beteiligten zusammen

– da profitieren wir nun natürlich

von der bereits geschaffenen

Vertrauensbasis.

© Schreyer David

Die städtebauliche Leitidee des Ágnes-Heller-Hauses der Universität Innsbruck ist die Komprimierung

der Bebauung am Innrain und die konsequente Maximierung städtischer Raumreserven.

Sind Architekt:innen und Bauherren

einer solchen Denkweise gegenüber in

Ihren Augen generell offen eingestellt?

Markus Niklas: Ich würde sagen, das

kommt ganz auf die Personen an, die

involviert sind. Wir befinden uns hier

in einem offenen Wettbewerb und

man muss sich immer wieder messen,

das hält uns fit. Wir überlegen

aber durchaus, wie man Bauherren

dazu bringen kann, die Dinge möglichst

offen auszuschreiben, sodass

man für die beste Lösung empfänglich

bleiben kann.

Günter Mohr: Im Westen Österreichs

ist man vielleicht eher damit vertraut,

nicht nur auf die nackten Zahlen und

Fakten zu blicken. Die Frage ist doch,

was der Bauherr in einem Projekt

sieht – geht es um die reine Quadratmeterzahl,

die Kosten oder vielleicht

doch um die Qualität der Architektur?

Da müssen wir uns auch in der

eigenen Zunft an die Nase greifen,

© THIRD

wenn in der Vergangenheit oftmals

von oben herab gehandelt wurde.

Wenn der Bauherr weiß, was er will,

und das einfordern kann, dann wird

er letztlich profitieren. Da kommt es

wieder darauf an, wie geschult die

entsprechenden Personen sind. Ich

sage ganz provokant: Nehmt uns Architekten

(qualitativ) mehr aus! Um

mehr zu bekommen, als man wollte,

muss man dies aber natürlich auch

kommunizieren können …

Was, würden Sie sagen, war eines Ihrer

herausforderndsten Projekte?

Markus Niklas: Herausforderungen

gibt es eigentlich bei jedem Projekt,

mal große und mal kleine.

Günter Mohr: Es kommt darauf an,

wie man damit umgeht. Für das Ágnes-Heller-Haus

war im Wettbewerb

eine Tiefgarage gefordert. Wir konnten

über ein Mobilitätsgutachten zeigen,

dass es auch ohne diese geht

und das Geld sinnvoller für die Architektur

ausgegeben werden kann.

Uns ist es wichtig, Dinge zu hinterfragen,

das Vertrauen der Bauherren

zu gewinnen und auf menschlicher

Ebene zusammenzukommen.

Markus Niklas: Wir entwickeln Lösungen

oft aus Eigeninitiative und

aus dem Prozess heraus – das dient

letztlich nicht nur der Architektur,

sondern auch dem Bauherren.

Günter Mohr: Wie beim Haus der

Physik: Auch hier haben wir den Zugang

über den Städtebau gewählt

und erst einmal geprüft, was die

richtige Lösung für uns ist. Durch die

Nachverdichtung auf dem Grundstück

lässt sich die gesamte Fläche

nun besser ausnützen.

Markus Niklas: Unsere Analyse hat

Potenziale aufgedeckt, mit denen

Teile des Campus energetisch betrieben

werden können – solche Erkenntnisse

aufzugreifen und weiterzuspinnen,

zählt eigentlich nicht zu

den klassischen Architektenthemen.

Günter Mohr: Ich sehe uns als Generalisten,

die auch ohne Fachplaner erkennen

sollten, wie Dinge funktionieren.

Markus Niklas: Ganz ohne geht es

aber auch nicht …

Günter Mohr: Das ist klar, die Idee

kann aber auch vom Architekten

kommen. Wir sollten den Blick über

den Tellerrand haben und alles zusammenführen.

u

Das Haus der Physik am Campus Technik

folgt der Prämisse einer kompakten

Bauweise und eines schonenden Flächenverbrauchs

am Grundstück.


architektur PEOPLE

12

mohr niklas architekten

angeregt, um die Kunst in die Architektur

integrieren zu können. Durch

das zusätzliche Budget konnte der

von uns gestaltete Haupteingang

durch die Arbeit von Peter Sandbichler

optisch erweitert werden.

Schätzen Bauherren Ihre

Herangehensweise?

Günter Mohr: Ich denke, dass ein

solches Engagement nicht unbedingt

in die Breite getragen wird,

solange aber alle an einem Strang

ziehen und ein gutes Projekt dabei

herauskommt, ist das Erfolgserlebnis

genug für uns.

Markus Niklas: Unsere Bestätigung

besteht darin, dass Dinge umgesetzt

werden, dass sich auch gesellschaftlich

etwas tut.

Günter Mohr: Letztlich profitieren

alle, auch wir wachsen mit unseren

Projekten – und hoffen, dass in Zukunft

(noch) mehr Bauherren ihren

Weg von sich aus zu uns finden.

Markus Niklas: PR ist nicht unser

oberstes Ziel.

Günter Mohr: Wir beobachten, dass

vieles nur Schein ist – was ist schon

wirklich nachhaltig? Dafür gibt es

nicht ein einfaches, objektives Kriterium

– für das Haus der Physik wird

aus funktionalen Gründen Beton zum

Einsatz kommen; ein Physiklabor mit

Schwingungsanforderungen ist in

Holzbauweise ganz einfach nicht

realisierbar. Ein Holzbau ist nicht

immer die Lösung. Wir versuchen,

Architektur langlebig und nachhaltig

über den Lebenszyklus zu planen.

Ihre Projekte leben von einer starken

Ausstrahlung und klaren Architektursprache

– wie wichtig sind in diesem

Zusammenhang die Materialien

und Oberflächen?

Günter Mohr: Die Lesbarkeit der

Tektonik und die Wahl der Materialien

sind uns neben vielen anderen

Aspekten sehr wichtig.

© Schreyer David

Das Bürohaus Praterstern 4 stammt aus den frühen 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Unter

einem engen Kostenkorsett sollte die Würde des Gebäudes ins Heute getragen werden.

Markus Niklas: Vieles entsteht aber

auch aus der Notwendigkeit heraus,

robust und langlebig zu bauen, da

braucht es Materialien, die gut altern

und in ihrem Lebenszyklus nachhaltig

sind.

Günter Mohr: Wir stellen uns immer

die Frage, wieviel kann man roh belassen,

wie können wir mit der Wahl

der Oberflächen allen Nutzergruppen

gerecht werden? Ein Haus sollte

den ersten Fototermin überdauern,

dafür braucht es Service und Wartung

– das muss man vorab mit dem

Bauherren besprechen und den Weg

gemeinsam gehen.

Markus Niklas: Da hilft es wenig,

sich selbst zu belügen. Wir versuchen,

die Dinge schon früh zu Ende

zu denken.

Günter Mohr: Manchmal muss man

hierfür auch die Gelegenheit beim

Schopf packen – für das Ágnes-Heller-Haus

war relativ früh klar, dass

die BIG Kunst am Bau fördern wollte.

Also haben wir einen Wettbewerb

Ein Rat an alle Bauherren?

Markus Niklas: Man sollte Vertrauen

in die Planung und Mut zum Kontrollverlust

haben. Dinge einfach entstehen

zu lassen, ist oft schwer, das Ergebnis

den Weg aber fast immer wert.

Günter Mohr: Bauherren sollten sich

auch selber dahingehend bilden, was

sie fordern können. Das hängt natürlich

auch vom Architekten ab, man

sollte dem Glück aber immer eine

Chance geben – oder besser noch

des Glückes eigener Schmied sein.

Eine Ausbildung für Bauherren gibt

es leider nicht, die Herangehensweise

erfolgt immer von der Planerseite

her – wenn aber bei der Ausschreibung

schon vieles bedacht ist, kann

etwas Gutes entstehen. Diese Kompetenzen

geben viele Bauherren ab.

Markus Niklas: Es ist ein Irrglaube,

dass große Strukturen und juristische

Konstrukte Sicherheit geben

oder man sich Sicherheit erkaufen

kann – diese Konstrukte kosten nur

viel – vor allem die eigene Kontrolle.

Günter Mohr: Einen Wettbewerb

von Juristen ausschreiben zu lassen:

Was soll das bringen? Diese falsche

Sicherheit macht die Architektur

nicht besser oder billiger. Bauherren

sollten lieber mit Mut für sich selbst

bauen und wissen, was sie wollen.

Dafür brauchen sie inhouse eine Kultur

der Offenheit und die Kompetenz,

um diese umzusetzen.

www.mohr-niklas.at

Die Architektur der Haltestelle Neulengbach zeichnet sich durch eine moderne

und funktionale Gestaltung aus, die sowohl den ästhetischen als auch den praktischen

Anforderungen eines öffentlichen Verkehrsknotenpunkts gerecht wird.

© Schreyer David


www.architektur-online.com

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querkraft

Bonfiglioli, Bologna - Foto © Alex Filz

Wir gestalten die Zukunft

Zukunft braucht Veränderung, und großartige Ideen verlangen nach Umsetzung. Unser Herz schlägt für

außergewöhnliche Projekte aus Stahl und für Fassaden, die jegliche Vorstellungskraft sprengen.

Die Zukunft ist jetzt. www.pichler.pro

© querkraft - Lisa Rastl


architektur PEOPLE

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YEWO LANDSCAPES

Mut zur

Transformation

Interview mit Dominik Scheuch von YEWO LANDSCAPES

Interview: Edina Obermoser

An der BOKU der „Künstler“, an der TU

der „Öko“ und an der Angewandten der

„Techniker“ – bereits während seiner

Studienzeit ging es Dominik Scheuch

darum, über den Tellerrand zu schauen

und interdisziplinär zu denken. An diesem

Ansatz hält er mit seinem Wiener

Landschaftsarchitekturbüro YEWO

LANDSCAPES bis heute fest, indem

er sich von anderen Ländern inspirieren

lässt und Projekte in Österreich,

Deutschland, Ungarn, Tschechien und

der Schweiz umsetzt. Im Gespräch

spricht der Gründer und Geschäftsführer

darüber, wie wichtig innovative

Ansätze in der Landschaftsarchitektur

in Hinblick auf Extremwetterereignisse

sind. Außerdem thematisiert er die

Herausforderungen dieses Transformationsprozesses

und verrät, was ihn

trotz dunkler Prognosen beim Thema

Klimakrise optimistisch stimmt.

Wie selbstverständlich wird die

Landschaftsarchitektur heute in der

Architektur berücksichtigt? Ist ihr

Stellenwert groß genug?

Während die Landschaftsarchitektur

2009, als ich mich selbstständig

gemacht habe, in Österreich noch

eine Randerscheinung war, stellt sie

heute eine der Zukunftsdisziplinen

in Hinblick auf die Klimakrise dar.

Wir haben etliche Partner:innen-Büros,

die uns von Anfang an in die

Planung miteinbeziehen und auch

das generelle Bewusstsein für die

Wertigkeit von Freiräumen ist deutlich

gestiegen.

© Claudia Feierfeil


www.architektur-online.com

15

YEWO LANDSCAPES

Was interessiert Sie als Landschaftsarchitekt

im städtischen und im ländlichen

Kontext jeweils am meisten?

Wir befassen uns im Büro mit beiden

Bereichen. In der Stadt ist die

Landschaftsarchitektur bereits gut

etabliert, aber auch im ländlichen

Raum steigt ihr Stellenwert bedingt

durch Fragen von Klimaresilienz,

Versiegelung und Renaturierung.

Was am Land oft noch fehlt, ist das

Bewusstsein für die Chancen bzw.

Qualitäten, die Begrünung und Freiraumgestaltung

bieten. Ein schönes

Beispiel ist der Stadtsee Horn, ein

Projekt, bei dem wir ein in die Jahre

gekommenes Freibad durch einen

parkartigen See ersetzen konnten.

Dieser zieht nicht nur die Bewohner:innen

von Horn, sondern auch

aus umliegenden Gemeinden und

sogar Tourist:innen an und wirkt

sich damit positiv auf die gesamte

Region aus. Meines Erachtens ist es

wichtig, urbane und ländliche Räume

nicht getrennt voneinander zu

betrachten oder gar gegeneinander

auszuspielen. Vielmehr sollten wir

die jeweiligen Vorteile von beiden

nutzen und kombinieren – sei es die

gute Infrastruktur in der Stadt oder

das Gemeinschaftsdenken am Land.

Wo sehen Sie in der Landschaftsarchitektur

das größte Potenzial für

Innovation und Weiterentwicklung?

Wir stellen im Büro fest, dass es in der

Planung einen Paradigmenwechsel

gibt. Das bedeutet: Klassischerweise

war es so, dass es ein Problem gab, das

es zu lösen galt. Heute ist ein großer

Teil der Nutzer:innen zu den Themen

Grünraum, Nachhaltigkeit, Klimaresilienz

etc. aber bereits sehr sensibilisiert

und teilweise schon weiter bzw.

kreativer, als die Planung selbst. Wir

sehen es als unsere Aufgabe innovativ

zu sein, zu forschen und zu riechen,

was es gerade braucht. Dazu gehören

für uns vier Hauptthemen, bei denen

wir auch am meisten Potenzial sehen:

Wasser (zum einen Regen- bzw. Grauwassernutzung,

zum anderen Entwässerung

bzw. Speicherung), Transformation

von Grünräumen (Überdenken

von Standards), Bestand (inkl. unversiegelter

Freiflächen) und freiraumorientierte

Stadt- und Raumentwicklung

(Stadt als Raum zwischen den Gebäuden

verstehen).

© Kurt Hoerbst

In Bad Vöslau galt es, das Stadtzentrum fit für die Zukunft zu machen: Das Konzept

optimiert die Verkehrssituation, greift das Thema Schwammstadt auf und schafft

einen Begegnungsort mit hoher Aufenthaltsqualität.

Worin liegen in Hinblick auf neue

Lösungen die größten Herausforderungen?

Klassische Top-down-Planungsprozesse

funktionieren so nicht mehr.

Vielmehr müssen wir Zusammenhänge

verstehen und uns Dinge wie

Kontext, Mobilität und Nutzungsverhalten

ansehen. Auf einer Rundreise

durch Italien habe ich ein schönes

Beispiel kennengelernt: Ferrara, la

città delle biciclette, die Stadt der

Fahrräder. Dort wurden Push- und

Pull-Faktoren so genutzt, dass sie

das Auto verdrängen und Anreize

für Alternativen schaffen. Ein solcher

Transformationsprozess braucht

vor allem eines: Mut. Die Herausforderung

besteht darin, frühzeitig

beherzte, raumplanerische Entscheidungen

zu treffen – und nicht erst im

Nachhinein mit Grünräumen reparieren

zu wollen.

Extremwetterereignisse werden immer

häufiger. Wie schafft man Freiräume,

die mit dem Klimawandel umgehen

können, ihm entgegensteuern?

Für mich ist es essenziell Ursache

und Wirkung zu verstehen. Die hohe

Versiegelungs- und Kanalisierungsrate

führt dazu, dass vorhandene

Systeme nicht mit Extremwetterereignissen

umgehen können. Wir

müssen überlegen, wie wir die Wassermenge

reduzieren bzw. Oberflächenwasser

im urbanen und ländlichen

Raum nach dem Modell der

Schwammstadt vor Ort aufnehmen,

speichern und schließlich langsam

wieder abgeben. Schweden ist hier

Vorreiter, der seine Parkanlagen bereits

nach diesem Vorbild errichtet.

Wir setzen auch sogenannte Raingardens

ein – (Spiel-)wiesen, die bei

starkem Regen als Retentions- bzw.

Sickerflächen fungieren. u

Bad Vöslau

© Kurt Hoerbst


architektur PEOPLE

16

YEWO LANDSCAPES

In Sachen Klimawandel stößt man oft

auf sehr dunkle Prognosen von Expert:innen.

Was stimmt Sie optimistisch,

wo sehen Sie positive Entwicklungen

in Ihrem Arbeitsfeld?

Generell wirkt sich das Bewusstsein

für die Klimakrise positiv auf unsere

Branche und die Nachfrage danach

aus. Das Thema Klima ist jetzt so im

Fokus, dass man Grün- und Freiräume

nicht mehr wegsparen kann. Bei

Stadt- und Ortsentwicklungsprojekten

stehen von Beginn an nicht mehr

nur Kosten, Hochbau oder Fassaden,

sondern auch freiraumorientierte

Fragestellungen im Mittelpunkt. Einige

rechtliche Grundlagen seitens der

Politik und der EU haben wir bereits,

es gibt aber noch Luft nach oben.

Auf Ihrer Website rücken Sie neben

der Funktion von Außenräumen

auch deren Ästhetik & Design in den

Mittelpunkt. (Wo) ist dafür in Zeiten

der Klimakrise noch Zeit und Raum?

Wir verstehen die Landschaftsarchitektur

als sehr integrale Disziplin.

Über die Jahrzehnte hinweg gab es

unterschiedliche Trends in der Planung:

Auf einen designorientierten

Ansatz mit perfekten Betonfertigteilen

und Farben in den 90ern, folgten

die 00er-Jahre mit Fokus auf die

Nutzung, bevor man sich ab 2010

verstärkt auf die Mobilitätswende

konzentrierte. In den 20er-Jahren

steht jetzt das Thema Nachhaltigkeit

im Mittelpunkt. Klimaresilienz

schließt die übrigen Planungsparameter

aber nicht aus – ganz im Gegenteil:

Besonders spannend finde

ich z.B. das Rewilding, das Zurück

zur Natur, aus dem sich eine neue

Ästhetik entwickelt, die unperfekte

Elemente wie eine Schotterflur

oder eine Gstätten zulässt und mehr

Raum für Veränderung ermöglicht.

© Kurt Hoerbst

Auf welche Parameter dürfen abseits

von Klimaresilienz & Co. in Sachen

Landschaftsarchitektur keinesfalls

vergessen werden?

Das impliziert, dass es zwischen den

einzelnen Bereichen Zielkonflikte

gibt – was aber nicht so sein sollte,

wenn man das Thema Freiraum

ganzheitlich betrachtet.

Wir wollen gut nutzbare Räume für

Menschen schaffen und diese so inklusiv

wie möglich gestalten. Manchmal

gerät man aber an den Punkt,

wo z.B. die Entscheidung zwischen

einer nachhaltigen Schotterflur und

einem barrierefreien Weg notwendig

ist. Dann muss man es sich auch

leisten wollen, einen Holzsteg über

diese Schotterflur zu legen. Guter

Freiraum – egal wie naturnah – kostet

etwas. Sicherheit spielt ebenfalls

eine große Rolle, sowohl beim Verletzungsrisiko

in Spielbereichen als

auch in Hinblick auf Angsträume

und eine ausreichende Beleuchtung.

Identität, Mobilität und schließlich

das Thema Technik (Aufbauhöhen

bei Dachbegrünung oder Bepflanzung

von unterkellerten Flächen)

sind weitere wichtige Parameter, die

die Planung beeinflussen und – im

Idealfall – die Klimaresilienz eines

Außenraums stets mitbedenken.

Wie gestaltet man Freiräume, in denen

sich alle gleichermaßen wohlfühlen?

Mit welchen Maßnahmen bezieht

man Nutzer:innen bestmöglich

in die Freiraumplanung mit ein?

In der Planung und der Umsetzung

von Projekten passiert ein Umdenken.

Anstelle von Top-down- haben

wir es mit Bottom-up-Prozessen zu

tun, bei denen Nutzer:innen mithilfe

von Bürger:innenforen und Ausstellungen

involviert werden. Wichtig

bei diesem partizipativen Ansatz

ist es, die Menschen möglichst früh

miteinzubeziehen und auf deren Anregungen

und Wünsche zu reagieren.

Dadurch identifizieren sich die

Menschen mehr mit den Räumen

und nehmen diese besser an. Nutzungsoffenheit

begünstigt die Akzeptanz

ebenfalls: Man darf nicht zu

monofunktional planen, gleichzeitig

braucht es für manche Nutzer:innengruppen

wie Kleinkinder, Jugendliche

und Ältere aber ein spezifisches

Angebot. Gelingt es, das alles in

einem Projekt unterzubringen, hat

man schon gewonnen.

Ein von Ihnen realisiertes Projekt,

bei dem ein solcher partizipativer

Planungsprozess besonders erfolgreich

war?

Die Zentrumszone in Bad Vöslau

konnten wir als Bürger:innenbeteiligungsprojekt

umsetzen. Dort

haben wir bei einer Art World-Café

spannenden Input erhalten: Mehrere

Leute kamen mit Bedenken auf uns

zu, ob die neue Begrünung nicht die

Sichtachse zum denkmalgeschützten

Schloss störe. Als Reaktion darauf

wurden die Hochstammbäume

leicht erhöht gepflanzt, um Grün und

Beschattung zu integrieren, ohne

den historischen Bau zu verdecken.

Das zeigt, dass es diesen Blick von

außen manchmal braucht.

Beim Wiener Kirschblütenpark setzte man

neben fernöstlichen Elementen auf Naturbelassenheit.

So schmiegen sich z.B. niedrige

Stampfbeton-Mauern an die Wege und

sorgen für eine raue, natürliche Ästhetik.


www.architektur-online.com

17

YEWO LANDSCAPES

© Kurt Hoerbst

Der – nun frei zugängliche – Stadtsee im niederösterreichischen Horn lädt mit großzügigen Holzdecks und einer Seebühne zu

Veranstaltungen und zum Verweilen am Wasser ein. Er wird zum neuen Treffpunkt für Stadtbewohner:innen und Besucher:innen.

Gibt es spannende Entwicklungen

in anderen Ländern, die wir uns abschauen

können? Wo hinken wir in

Österreich besonders hinterher?

Da gibt es definitiv jede Menge zu

lernen: Während uns die Schwed:innen

in Hinblick auf die Schwammstadt-Thematik

sehr viel gelehrt haben,

geht der Trend in der Schweiz

hin zu naturnahen, offenen Freiräumen

mit einer natürlichen Ästhetik.

Diese Learnings konnten wir z.B. in

Form von Ressourcenschonung und

Wasserdurchlässigkeit beim Kirschblütenpark,

einem Projekt in Kagran

einfließen lassen. In China wird das

Thema Renaturierung zur Verbesserung

der Wasserqualität in Maßstäben

umgesetzt, die für uns teils

unvorstellbar sind. Und Deutschland

beeindruckt vor allem mit prozessorientierten

Entwicklungen und mit

dem großen Stellenwert, den man

der Landschaftsarchitektur dort

schon seit Langen beimisst.

Wie sieht die Stadt von morgen für

Sie aus, wenn alles möglich ist?

Generell sehe ich Mittel- und Kleinstädte

mit der nötigen Infrastruktur

als große Gewinnerinnen der Zukunft.

In der Stadt von morgen gibt es für

mich ein ausgewogenes Verhältnis

an Dichte, Angebot und Grün – ein

Stadtidyll wie es z.B. südeuropäische

Städte vormachen. Die Stadt von

morgen ist für mich menschgerecht,

nachhaltig, lebendig und entschleunigt.

Sie lässt Raum für Entwicklung

und man lebt nicht nur neben-, sondern

vielmehr miteinander. In dem

Wiener Grätzel, in dem ich wohne,

habe ich das Gefühl, dass ich mich

bereits in einem Ausschnitt einer solchen

Stadt von morgen befinde. •

www.yewo.at

© Kurt Hoerbst


architektur PEOPLE

18

Nina Beck

(K)eine Zeit für

Architekturikonen?

Architektin Nina Beck im Interview

Interview: Linda Pezzei

Nach ihrem Studium und einigen Lehrjahren

in einem renommierten Büro

gründete die Architektin Nina Beck

2023 ihr eigenes Büro in Dornbirn. Ihre

Arbeit zeichnet sich durch innovative

Ansätze im Bereich des Holzbaus und

der nachhaltigen Architektur aus und

konzentriert sich auf die Integration

von traditionellen Bauweisen mit

modernen Techniken. Beck stellt sich

dabei der Herausforderung, Gebäude

so zu gestalten, dass sie in funktionaler

wie ästhetischer Hinsicht sowohl den

Anforderungen der Bauherrschaft als

auch der Umgebung gerecht werden.

Die Kultur und die Werte des Bregenzerwaldes

spielen dabei eine tragende

Rolle. Im Interview spricht Nina Beck

über ihren Planungsalltag als junge Architektin

und ihre Sicht auf die Zukunft

kommender Generationen.

© Dominic Kummer


www.architektur-online.com

19

Nina Beck

Frau Beck, ist die Zeit der

Architekturikonen vorbei?

Ich habe mir diese Frage bereits

selbst gestellt, was mich dazu gebracht

hat, über unser Verständnis

von einer Architekturikone nachzudenken.

Im Moment sehen wir darin

wohl etwas oder jemanden, das, der

oder die groß, wichtig und laut erscheint

– typischerweise ein Bauwerk

auf freier Fläche. Eine Ikone sollte in

meinen Augen zukunftsweisend sein

bzw. eine Bedeutung für die Zukunft

und die Menschen in der Umgebung

haben. Wenn wir diese Sichtweise

auf das Jetzt übertragen, mag uns

die Gestik aktueller Vorzeigebauten

nicht mehr so groß und laut erscheinen,

sie wirken eher im Kleinen. Die

Zeit der Architekturikonen ist damit

aber nicht vorüber, es sind vielmehr

das Verständnis und die Wahrnehmung,

die sich ändern müssen. Das

ist gerade für uns junge Architekt:innen

wichtig und spannend. Für uns

stellt sich in diesem Kontext ja häufig

die Frage: Haben wir überhaupt noch

die Möglichkeit, so sichtbar und renommiert

zu sein wie unsere Vorgänger:innen?

Ich glaube ja, zumindest

wenn sich gewisse Auffassungen

ändern. Dafür gilt es zu analysieren,

was es in Zukunft benötigt und wie

wir mit dem interagieren, was bereits

da ist. Dies erfordert eine gewisse

Sensitivität gegenüber der Bauherrschaft

und dem Bestand – eine echte

Herausforderung also und daher

ist meiner Meinung nach genau die

richtige Zeit für die Schaffung neuer

Architekturikonen.

© Angela Lamprecht

Bestand und Leerstand – wie können

Architekt:innen aktiv Lösungen finden

und zu einem zukunftsfähigen

Verständnis von Architektur (auch in

der breiten Masse) beitragen?

Das ist tatsächlich die Frage, die mich

im Arbeitsalltag am meisten beschäftigt:

Wie können wir mit unserem

Anspruch an Architektur im Bestand

arbeiten – und zwar so, dass es wirtschaftlich

und finanzierbar bleibt?

Aus meiner Sicht geht es darum,

alternative Ansätze zu finden, partiell

ist unsere Aufgabe auch eine Art

Bewusstseinsbildung bei der Bauherrschaft,

was ein solcher Zugang

für uns und unsere Zukunft bedeutet.

Momentan werden viele schöne Projekte

publiziert – der Anspruch der

Bauherren an so präzise, elegante, ja

perfekte Gebäude ist also entsprechend

hoch. Muss es aber immer so

niet- und nagellos, so perfekt sein?

Meiner Meinung nach ist das in der

Breite nicht mehr finanzierbar. Es

geht also darum, die Bauherrschaft

zu begleiten. Nur gemeinsam mit ihnen

und den Handwerksbetrieben

können wir das Finden alternativer,

kostengünstiger Antworten vorantreiben.

Mein Alltag besteht nicht

mehr nur aus dem Entwerfen oder

Plänezeichnen, sondern häufig suche

ich nach Lösungen. Das ist spannend

und herausfordernd zugleich.

Ich habe gerade mit einem Handwerksbetrieb

zusammen eine Sanierung

fertiggestellt. Der Bauherr-

Umnutzung eines ehemaligen Verwaltungsgebäudes: Mit bestehenden Oberflächen

zu arbeiten, heißt für Nina Beck, sich bewusst zu werden, was bleiben darf

oder was weichen und angepasst werden muss.

schaft war bewusst, was Bauen im

Bestand bedeutet – man muss einfach

mit gewissen Einschränkungen

rechnen und mit dem arbeiten, was

da ist. Eine solche Konsequenz hat

auch eine Veränderung des Entwurfsprozesses

zur Folge: Wenn man

mit Altem und Vorgegebenem leben

kann, bekommt man im Austausch

Geschichten, so etwas lässt ein Objekt

erst richtig leben. Ob man das

möchte oder nicht, das kommt natürlich

ganz auf die Bauherrschaft

an. Das merke ich auch an mir selbst:

Vor Kurzem habe ich ein altes Haus

bezogen und lebe das Experiment

und den Reiz des Unvorhergesehenen

mit allen schönen Seiten und

allen Konsequenzen.

u


architektur PEOPLE

20

Nina Beck

© Elisa Moosbrugger © Elisa Moosbrugger

Adaptierung eines kleinen Handwerksbetriebes: Der in den 90er-Jahren

errichtete Betrieb wird erhalten, saniert, an die heutigen Arbeitsabläufe und

Anforderungen angepasst und durch einen kleinen Zubau ergänzt. Alles in enger

Zusammenarbeit mit den Handwerkern und dem Bauherren.

Adaptierung eines kleinen Handwerksbetriebes: Die Auswahl

der Materialien ergab sich aus der Analyse des vorhandenen

Materials und der verfügbaren Arbeitsressourcen.

Das Holz stammt aus dem eigenen Wald, die Schlosserarbeiten

wurden im Betrieb geleistet, die Steine selbst verlegt.

War das bereits Thema während

Ihres Studiums oder wie gelingt es

Ihnen, Arbeitsprozesse und Arbeitsabläufe

neu zu denken?

In meinem Studium – das noch gar

nicht so lange her ist – wurde eine

solche Herangehensweise kaum unterrichtet.

Die meisten Aufgabenstellungen

haben sich auf ein leeres

Grundstück bezogen, maximal einen

„Unort“. Auch während meiner Zeit in

einem renommierten Büro waren die

Arbeitsprozesse auf den Neubau und

daher eher linear ausgelegt. Alte Gebäude

haben mich schon immer interessiert,

obwohl mir nicht bewusst war,

was es wirklich heißt, damit zu arbeiten.

So gesehen war das für mich ein

Sprung ins kalte Wasser: Man denkt,

die Arbeitsprozesse funktionieren

immer gleich, nach dem Schema Vorentwurf,

Entwurf, Detaillierung usw.,

im Bestand aber laufen die Kommunikationsprozesse

meist anders, es

braucht eine intensivere Auseinandersetzung

mit dem Handwerk und

das zu einem frühen Zeitpunkt.

Wenn man dann in den Austausch mit

den Handwerksfirmen geht, merkt

man recht schnell, dass auch sie auf

relativ schematische Arbeitsprozesse

setzen. Wir müssen hier also alle

gemeinsam umdenken – weggehen

von der Industrialisierung und hinterfragen,

was wir für Arbeitsmethoden

benötigen für die Arbeit mit dem Bestand.

Im Bregenzerwald dürfen wir

uns da glücklich schätzen, ich finde

beispielsweise noch immer motivierte

Mitstreiter:innen, die offen sind, wenn

es um alternative Lösungen geht.

Ich sage damit aber nicht, früher war

alles besser – die moderne Technik

kann unsere Arbeit auch erleichtern

– ich denke dabei konkret an die

3D-Ausmessung von Gebäuden oder

Abbundroboter. Insgesamt wird diese

Entwicklung bis zu einem Standard

aber wohl noch Zeit benötigen. Auf

der anderen Seite habe ich in Gesprächen

von Handwerker:innen erfahren,

die gerne wieder selbst etwas gestalten

würden, anstatt alles nur von Maschinen

fertigen zu lassen. Da ist die

Wirtschaftlichkeit dann wieder die

große Frage. Früher war das Material

teuer, aber die Arbeitskraft günstig,

heute ist es genau umgekehrt. Präzision

und Handwerk werden damit zur

finanziellen Frage. Eine Lösung ist,

dass die Bauherrschaft mehr Eigenleistung

erbringt, was auch die Bin-

dung zur eigenen Architektur stärken

kann. Als Architektin sehe ich hier

einen Wandel in unserer Aufgabe:

weg vom reinen Planen und hin zur

Begleitung der Bauherrschaft.

Wie gehen Sie mit der Geschichte

bestehender Bauten um – zeigen,

kaschieren, ersetzen?

Grundsätzlich vertrete ich die Meinung,

dass man die Geschichte eines

Bauwerks auf jeden Fall zeigen darf,

wobei es hin und wieder natürlich

auch passiert, dass etwas rückgebaut

werden muss. Es kommt also – wie so

oft – auf das Projekt an. Ich arbeite

weniger damit, Dinge zu konservieren,

für mich ist meine Herangehensweise

eher eine Art Weiterstricken.

Ich nutze ein Fundament, auf dem ich

aufbaue, analysiere was da ist, woher

es kommt, und überlege mir, wie ich

die Geschichte weitererzählen kann –

immer am Stand der Technik. So lassen

sich, dort wo nötig, Dinge auch

neu interpretieren. Dabei geht es mir

nicht darum, den eigenen Fingerabdruck

zu hinterlassen, sondern zu

ergänzen, was beispielsweise noch

fehlt – im Sinne einer Art Koexistenz

von Neubau und Bestand. u


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architektur PEOPLE

22

Nina Beck

Schaffen Sie als Architektin damit

dennoch etwas Neues, vielleicht

auch Bleibendes?

Ja, meiner Meinung nach schon –

hier möchte ich gerne auf die Frage

nach den Architekturikonen zurückkommen.

Die Quintessenz ist doch,

was wir als neu definieren. Wenn

ich zum Beispiel eine neue Wohnsituation

für eine Familie schaffe, die

im Bestand stattfindet, dann ist das

zwar ein kleiner, leiser, feinfühliger

Akt, doch auch etwas neu Geschaffenes.

Das merke ich auch in meinem

Wohnhaus – vielleicht gerade, weil es

sich um ein Mietobjekt handelt. Ich

frage mich, wieviel Neues verträgt

dieses alte Haus und wie schaffe

ich etwas, das auch später weiterverwendet

werden kann. Denn auf

lange Sicht werde ich das Gebäude

wohl wieder verlassen und trotzdem

besteht mein Ziel darin, dem Haus

einen Wert zu verleihen.

Welche Rolle spielen bei Ihrer Arbeit

das Handwerk, alternative Konstruktionsmethoden

oder auch moderne

Technik auf der Baustelle?

Gerade beim Arbeiten im Bestand

gibt es heute neue Methoden und

auch neues Handwerk – wie beispielsweise

die 3D-Vermessung von

Gebäuden. So erhält man ein fertiges

3D-Modell mit hunderten Fotos,

kennt für die folgende Planung jede

Wandstärke, Deckendicke und jeden

Balken. Dies hilft im Planungsprozess

enorm und ich bereite den

Plan anschließend auf und schaue

mit dem Handwerker oder der Handwerkerin,

was belassen werden kann

und was weitergebaut werden muss.

Wir interagieren sozusagen mit dem

3D-Scan. Vieles kann man dabei allerdings

erst vor Ort sehen, beispielsweise

wenn es darum geht, den Zustand

der Substanz einzuschätzen.

Ich setze also partiell auf modernen

Input, bin aber auch ganz traditionell

und konventionell vor Ort – die Kombination

ist für mich der beste Weg.

Werden wir in Ihren Augen Architekt:innen

also künftig wieder öfter

vor Ort auf der Baustelle treffen?

Das lässt sich nicht verallgemeinern,

aber für die Arbeit mit dem Bestand

wird das wohl gelten. Es geht

schließlich auch darum, die Umgebung

zu erleben und mit allen Beteiligten

in einen intensiven Austausch

zu treten. Meiner Meinung nach führt

ein Mehr an Kommunikation zu einer

umso blühenderen Planung. Ich würde

mir jedenfalls wünschen, dass wir

Architekt:innen wieder mehr vor Ort

sein können. Vor allem alte Gebäude

versprühen so viel Charisma, das

auf Bildern gar nicht sichtbar wird.

Insgesamt merke ich aber, dass ich

eine sehr individuelle Herangehensweise

habe und dass meine Generation

von verschiedenen Haltungen

geprägt ist. Da gibt es noch immer

den Neubau auf der grünen Wiese –

was per se nicht falsch ist, solange

dafür nicht zusätzliche Flächen unnötig

versiegelt werden. Mir liegt der

Charme der Bestandsobjekte näher,

aber auch das ist nicht die eine Lösung,

es wird immer beides geben. In

meinen Augen ist es aber essenziell,

dass wir junge Architektinnen und

Architekten innovative Ansätze für

die breite Masse entwickeln, sodass

auch der Bestand eine Zukunft hat.

Ich bin positiv gestimmt, dass sich

in der Zukunft viele (alte) Türen wieder

öffnen lassen und wir dazu einen

großen Beitrag leisten können. •

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Adaptierung eines Wohngebäudes: Durch das Dabeisein auf der Baustelle und den Austausch mit den Handwerkern lassen

sich erhaltenswerte Elemente sanieren und wieder integrieren. Dank kleiner Anpassungen und Modernisierungen darf ein

bestehendes und für die Familie geschichtsträchtiges Element wieder Teil des Neuen sein, anstatt weichen zu müssen.

© Nina Beck

© Dominic Kummer


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24

Delta Pods Architects

Architektur und Technik

müssen zusammenfließen

Interview mit Klaus Ransmayr von Delta Pods Architects

Interview: Roland Kanfer

Im Jahr 2020 fusionierten die Delta

Ziviltechniker GmbH Wien und die

Architekt Podsedensek ZT GmbH und

schufen damit Delta Pods Architects,

eine starke Architektursparte

innerhalb der Delta Gruppe. Mit einem

Team von über 150 Fachkräften an

Standorten in Österreich, Tschechien,

der Slowakei und der Ukraine hat sich

das Büro als multidisziplinärer Akteur

in der Baubranche etabliert. Seit 2022

führt Klaus Ransmayr, der auf internationale

Erfahrungen in New York und

Berlin zurückblickt, als Head of Design

die Vision des Unternehmens weiter.

Im folgenden Interview spricht er über

die Beweggründe und Ziele der Fusion,

den Anspruch an komplexe Architektur

sowie die Herausforderungen der

Branche in Zeiten von Klimawandel

und nachhaltigem Bauen.

© Golden Hour Pictures


www.architektur-online.com

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Delta Pods Architects

© Boehringer Ingelheim RCV GmbH & Co KG

Beim LSCC, einer Pharma-Life-Science-Produktionsstätte für Boehringer Ingelheim in Wien,

mussten hochkomplexe technische Prozesse mit der Architektur koordiniert werden.

Wie ist es zu dem Zusammenschluss der

Delta ZT und Architekt Podsedensek

ZT gekommen, welche Strategie verfolgt

die Delta Gruppe damit?

Delta wurde ursprünglich aus dem

Zusammenschluss eines Architekten,

eines Baumeisters und eines

Betriebswirts gegründet. Der Ruf der

Delta Gruppe hat sich aber hauptsächlich

auf die Generalplanung und

das Baumanagement beschränkt.

Vor einigen Jahren kam dann der

Wunsch der Geschäftsführung, die

Architektur als Marke zu verstärken.

Ein Schritt in die Richtung war der

Zusammenschluss mit dem Architekturbüro

Podsedensek ZT in Wien

und die Umbenennung in Delta Pods

Architects. Die Standorte Wien, Wels

und Slowakei wurden 2024 unter Delta

Pods Architects zusammengefasst.

Was hat sich durch die neue Firmierung

und die neue Architekturmarke

geändert?

Die Delta Gruppe und ihre Architektursparte

hat oft in Zusammenarbeit

mit anderen Architekturbüros ge-

wirkt, die speziell die Frühphase Konzept

und Entwurf abgedeckt haben.

Wir waren schwerpunktmäßig die

klassischen ausführenden Architekten.

Wir können nun Projekte in allen

Leistungsphasen in hoher Qualität

abdecken. Durch das Büro Podsedensek

kam überdies eine starke Expertise

in der Laborplanung hinzu. Damit

sind wir bei Pharma, Life Science und

Healthcare sehr gut aufgestellt.

Wie fiel da die Wahl auf

Architekt Podsedensek?

Wir hatten mit dem Architekturbüro

Podsedensek sehr viele Überschneidungspunkte

in der Herangehensweise

und der Haltung. Dazu kam,

dass wir die Chance hatten, erfahrene

Mitarbeiter:innen zu gewinnen und

neue Geschäftsfelder zu erschließen.

Ihr Architekturanspruch lautet „komplex

und multidimensional“. Was ist

damit gemeint?

Das ist für uns deswegen relevant,

weil wir oft sehr komplizierte Projekte

mit Verwebung technischer

und architektonischer Aspekte betreuen.

Beispielsweise hat das Büro

Podsedensek für Boehringer Ingelheim

das LSCC, eine biomedizinische

Produktionsanlage im Großmaßstab,

geplant. Das sind hochkomplexe

technische Prozesse, die man mit

der Architektur koordinieren muss.

Das überfordert kleine Architekturbüros.

Multidimensional bedeutet

auch, unterschiedliche Stakeholder

zusammenzuführen.

Was muss Architektur heute leisten?

Wie der Dirigent bei einem Orchester

versucht der Architekt, alle auf

eine Ebene zu bringen, zu vermitteln

und steuern. Nicht zu intensiv einzugreifen,

sondern jedem den Freiraum

zu geben und die gemeinsamen

Interessen durchzusetzen, die ein

stimmiges Bild ergeben. Gerade bei

komplizierten Projekten darf sich der

Architekt nicht allein als Kreativer

positionieren, der nur die gestalterische

Perspektive vertritt, sondern er

muss verstehen, wo er welchem Teilgebiet

Raum verschaffen muss. u


architektur PEOPLE

26

Delta Pods Architects

Auf Ihrer Website sprechen Sie Begriffspaare

wie Architektur & Technik,

Design & Usage, Footprint & Life

Cycle an. Was ist damit gemeint?

Für uns ist es wichtig, dass die Technik

immer der Aufgabe angemessen

zum Einsatz kommt. Wir sind keine

Fans von künstlich aufgerüsteten

Gebäuden oder davon, dass man mit

Technik alle Probleme löst. Deshalb

müssen Architektur und Technik zusammenfließen

und von Anfang an

gedacht werden. Wir versuchen zu

verstehen, welche technische Lösung

für die Bauaufgabe die richtige ist.

Design & Usage geht in die ähnliche

Richtung. Delta Pods Architects haben

sicher keine wiedererkennbare

Architektursprache, wir versuchen,

ein Design zu entwickeln, das der

Nutzung des Gebäudes am besten

entspricht. Ich glaube, die Zeiten, wo

man ein Gebäude von Zaha Hadid

oder Coop Himmelb(l)au am Aussehen

erkennt, sind vorbei. Was Footprint

& Life Cycle betrifft, eine eigene

Abteilung beschäftigt sich bei uns mit

den Themen Kreislaufwirtschaft, Zertifizierungen,

Energiekonzepte. Man

muss sich bewusst sein, dass mit der

Neuplanung eines Gebäudes immer

ein größerer Footprint hinterlassen

wird, als wenn ich überlege, wie ich

aus einem Bestandsgebäude die Qualität

herausholen kann, die auch die

Anforderungen des Bauherrn erfüllt.

Wie sehen Sie den Trend zu

Lowtech-Gebäuden?

Ich finde das sehr intelligent, weil

man durch aktive Maßnahmen, wie

beim Verhältnis von opaker zu transparenter

Fassadenfläche, bei der

Orientierung des Gebäudes, beim

Verhältnis Außenfläche zu Volumen,

den höchsten Einfluss auf die Performance

haben kann. Das fasse ich als

Lowtech auf.

Die österreichische Architektenkammer

postuliert: „Österreich ist genug

bebaut“, ruft also quasi ein Ende des

Neubaus aus. Teilen Sie diese Ansicht?

Ich finde diese Aussage richtig, denn

wir sind verpflichtet, Bauherren hinzuweisen,

dass eine gute Bausubstanz

durch eine Umbaumaßnahme

aufgewertet werden kann. Man kann

auch mit Revitalisierungen tolle Architektur

machen und damit Geld

verdienen. Für die Pensionsversicherungsanstalt

in Wien planen wir gerade

ein großes Projekt, wo ein Bau

aus den Siebzigerjahren komplett

entkernt wird und eine neue Fassade

bekommt. In den Rohbau, der bestehen

bleibt, ist so viel CO 2 eingeflossen,

da sehen wir keine Notwendigkeit

für einen Neubau. Als Architekt

muss man manchmal seine eigenen

Bedürfnisse zurückstecken und sagen,

es geht auch anders.

Der Campus Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Ried ist der erste Holzbau,

der mit heimischer, schadstofffreier BauBuche realisiert wurde.

© Schreyer David


www.architektur-online.com

27

Delta Pods Architects

Würden Sie für Diktaturen wie

Russland oder China bauen?

Wir haben aufgrund unserer Präsenz

in der Ukraine natürlich eine klare

Stellung, wir vermeiden daher Geschäfte

in Russland. Das bezieht sich

aber nur auf die Regierung, nicht das

Land. Sollte sich dort etwas ändern,

ändert sich auch unsere Einstellung

dazu. Wir richten auch keinen Fokus

auf den Mittleren Osten und andere

Regionen, deren Regime keine

Wunschbauherren sind. Kann sein,

dass sich das ändert, aber es dürfte

kein Projekt sein, das unseren Werten

und unserer Haltung zu Nachhaltigkeit

widerspricht. Ich würde kein

gläsernes Hochhaus in Saudi-Arabien

bauen.

© Schreyer David

Elisabethinen Wien-Mitte (Bilder oben und unten): Auf einer Fläche von 30.000 m 2 planten Delta

Pods Architects ein Zentrum für Menschen im Alter mit zwei Internen Stationen, einer Palliativstation

sowie einer Tagesklinik für Akut-Geriatrie angesiedelt. Alle Umbaumaßnahmen erfolgten im

laufenden Betrieb.

Wie schätzen Sie die Bedeutung

von Architekturwettbewerben ein?

Sind offene Wettbewerbe Ressourcenverschleuderung

oder eine Notwendigkeit?

Der Großteil unserer Projekte kommt

nicht über Wettbewerbe, wir stellen

uns dem Wettbewerb aber, weil er ein

gesunder Teil der Architekturprofession

ist. Man muss jungen Architekturbüros

und solchen, die keine

Experten auf bestimmten Gebieten

sind, auch die Möglichkeit geben,

sich zu messen. Daher ist der Einstieg

über offene Wettbewerbe ein

richtiger. Kritisch sehe ich, wie sich

die Wettbewerbswelt in Österreich

über die Jahre verändert hat. Die

Anforderungen sind in Österreich

bei zweistufigen Wettbewerben, wo

man zur zweiten Stufe geladen wird,

teilweise so präzise, dass man am

Ende wieder bei den Büros landet,

die ein solches Projekt schon einmal

umgesetzt haben. In Skandinavien

oder Deutschland bekommt ein kleiner

Teil der geladenen Teilnehmer

eine Wildcard. So ein Modell würde

auch den großen Büros guttun, weil

sie sich dann mit den vielen kleinen

messen müssten, aus denen oft unglaublich

kreative Ideen kommen.

Wir haben den Luxus, aufgrund unseres

Portfolios bei vielen geladenen

Wettbewerben teilnehmen zu dürfen,

somit gibt es für uns keine Notwendigkeit,

an offenen teilzunehmen. Bei

den EU-weit offenen Wettbewerben

sind die Anforderungen teilweise so

klar definiert, dass die Auswahl eigentlich

von vornherein klar ist.

Wo sehen Sie Architektur und die

Rolle der Architekten in der Zukunft,

auch bezogen auf aktuelle Themen

wie den Klimawandel?

In Österreich hat der Architekt die

Herausforderung, sich gegen die

planenden Baumeister zu behaupten

und durch die Qualität seiner Arbeit

zu zeigen, dass gute Architektur einen

Mehrwert für die Gesellschaft

bietet. Das müssen wir unter einem

stetig wachsenden finanziellen

Druck aufrechterhalten und wir müssen

dafür kämpfen, dass die Qualität

in einem Projekt so lange wie möglich

erhalten bleibt. Und wir müssen

uns bewusst werden, dass wir Teil

des Klimaproblems sind, weil das

Bauen für einen unheimlich großen

Anteil an schädlichen Emissionen

verantwortlich ist. Aber dadurch sind

wir auch wieder Teil der Lösung. Die

große Herausforderung ist, mit dem

Thema gewissenhaft umzugehen,

angemessene Lösungen zu finden,

die nachhaltig und wertbeständig

sind, und die Bauherren dafür zu

sensibilisieren, dass es sich lohnt,

hochwertiger zu planen und zu bauen

und ein Gebäude von Anfang an

so flexibel zu denken, dass es zukünftig

mit geringem Aufwand umnutzbar

ist und dass es sich lohnt,

dafür mehr Geld zu investieren, auch

wenn es vielleicht aus heutiger Sicht

nicht zwingend notwendig ist. •

www.delta-pods.com

© Schreyer David


architektur PEOPLE

28

Moser und Hager

Das Architekturbüro MOSER UND HAGER, gegründet im

Jahr 2011 in Linz, hat sich seitdem zu einem bedeutenden

Akteur in der österreichischen Architekturszene entwickelt.

Im Interview geben die beiden Gründer, Anna Moser und

Michael Hager, Einblicke in ihre Motivation, ihre architektonische

Philosophie und ihre Herangehensweise an Projekte,

besonders im Bereich der Bestandsbauten. Sie sprechen

über die Herausforderungen und Chancen, die sich bei der

Arbeit mit historischen Gebäuden ergeben, und wie sie Tradition

mit modernen Ansprüchen in Einklang bringen.

Die Kunst des

Weiterbauens

Interview mit Anna Moser und Michael Hager

Interview: Andreas Laser Fotos: Gregor Graf


www.architektur-online.com

29

Moser und Hager

Frau Moser, Herr Hager, was hat Sie

motiviert, ein eigenes Büro zu eröffnen,

und welche Vision hatten Sie dabei?

Wir hatten beide diese intrinsische

Lust zu schaffen und zu entwickeln.

Es ist sehr schön, Projekte im wahrsten

Sinne des Wortes wachsen zu

sehen. Visionen hat man zu Beginn

viele, auch einige Irrwege und viel

Optimismus. Der rote Faden, der uns

aber seit dem Start begleitet, war

und ist der Anspruch baukünstlerisch

zu arbeiten.

Wie würden Sie Ihre architektonische

Philosophie beschreiben?

Unsere Projekte sind getragen von

dem Gedanken, Baugeschichte weiterzuschreiben

und nicht umzuschreiben.

Der baukulturelle Hintergrund,

bzw. das kulturelle Umfeld dienen uns

hierzu als Grundlage. Unsere Arbeit

an den klassischen Vierkanthöfen

oder Markthäusern etwa bezieht sich

immer auf die kontextuale Auseinandersetzten

mit der Bautypologie

– also mit dem baukulturellen Hintergrund.

Gleichzeitig sind diese Denkmäler

ein Speicher an immateriellen

Werten, steingewordene Zeugnisse

einer gemeinsamen Geschichte, der

man gerecht werden muss.

Woher schöpfen Sie ihre Inspiration?

Können Sie uns ein konkretes

Beispiel nennen, wie diese Elemente

Ihre Arbeit beeinflusst haben?

In den letzten Jahren konnten wir

einige Revitalisierungen und Umbauten

in Italien und der Schweiz besichtigen.

Der Umgang mit historischen

Gebäuden ist besonders in Italien viel

freier und avantgardistischer als bei

uns. Die Spuren der Vergangenheit

und die durch die Alterung entstandene

Patina werden als wertvoll und

poetisch wahrgenommen. Hier in

Österreich herrscht oft die Haltung

Altbestände in Neubauten transformieren

zu wollen. Dabei gehen Qualität,

Identität und ein eigenständiger

Charakter leider oftmals verloren.

Der Umgang mit bestehenden Gebäuden

ist auch ein zentraler Aspekt

Ihrer Arbeit. Sehen Sie das Bauen im

Bestand als eine Art von Bewahrung

oder eher als Transformation?

Bestandsbauten und vor allem historische

Bauten haben ihre Geschichte.

Baugeschichte hat tatsächlich

etwas mit Schichten zu tun, die es

gilt freizulegen, um sie sichtbar zu

machen. Unsere Arbeit ist eine beständige

Nachjustierung bekannter

und bewährter Strukturen. Ein zeitgemäßes

Fortschreiben bewährter

Typologien und erprobter Techniken.

Es ist ein Bewahren und Stärken von

Qualitäten und eine Transformation

des Selbstverständlichen, eingreifend,

wo verändert werden muss.

Wie gehen Sie mit baulichen und gestalterischen

Restriktionen um, die

oft mit der Arbeit an bestehenden

Gebäuden einhergehen?

Im Bestandsbau, sowie im Neubau

sollte immer der Kontext die entscheidende

Grundlage für Entwurfsentscheidungen

sein. Das heißt, die

Enwurfsparameter sind beim Arbeiten

im Bestand nicht restriktiver zu

bewerten. Im Bestand, vor allem bei

historischem Gebäude gibt es eine

große geistes-, bzw. kulturwissenschaftliche

Komponente, die einen

sehr inspirierenden Input darstellt.

Das ist für uns nicht Restriktion, sondern

Bereicherung.

Wie entscheiden Sie, welche Elemente

eines Bestandsgebäudes erhalten

bleiben und welche durch Neues ersetzt

werden sollen?

In einer erkenntnisorientierten Arbeitsweise

erstellen wir für jedes

Objekt einen Analysekatalog. Ursprungstypologie

und baugeschichtliche

Veränderungen werden erfasst.

Daraus ergibt sich eine sehr klare

Vorgehensweise bei der zu schützende

und erhaltenswerte Elemente

bestimmt werden. Ergänzt wird dieser

mit den persönlichen Geschichten der

Besitzer. Eine Holztür oder ein Familienerbstück

kann dadurch zu einer

zentralen Rolle des Entwurfs werden.

Wie gehen Sie mit dem Spannungsfeld

zwischen den Anforderungen an

Energieeffizienz, dem Erhalt historischer

Bausubstanz und eventuellen

Vorgaben des Denkmalschutzes um?

Der Erhalt und die Verlängerung der

Lebensdauer eines Gebäudes oder

die Reaktivierung von Leerstand ist

an sich ein ressourcenschonender

und klimaschützender Prozess. Im

Vergleich zum Neubau weisen Projekte

an Bestandsgebäuden eine Reduktion

der grauen Emission und des

Hof B, Steyr Land: Der über längere Zeit leerstehende

Wirtschaftshof sollte für reine Wohnzwecke zeitgemäß

adaptiert werden. Es galt, den ursprünglichen Charakter

des Vierkanters zu erhalten, obwohl sämtliche Räume in

ihrer Funktion abgeändert wurden.


architektur PEOPLE

30

Moser und Hager

Energieverbrauchs in der Herstellung

auf, wenn man daran denkt, welche

Masse an Baumaterial erhalten bzw.

nicht neu produziert werden muss.

Weiteres kann durch Revitalisierung

meist eine zusätzliche Bodenversiegelung

vermieden werden. Die positiven

Argumente überwiegen. Was die

Objekte selbst und ihre Energieeffizienz

betrifft, gibt es viele Möglichkeiten

und Stellschrauben, um ein saniertes

Gebäude klimafit zu machen.

Inwieweit sehen Sie sich in der

Pflicht, traditionelle Bauweisen zu

bewahren oder weiterzuentwickeln?

Welche Rolle spielt Handwerk in diesem

Kontext, und wie lassen sich traditionelle

Techniken in die moderne

Architektur integrieren?

Historische, denkmalgeschützte

Gebäude unterliegen einem klaren

Regelwerk von Denkmalamt und

Fachrestauratoren. Bei nichtdenkmalgeschützten

Gebäuden arbeiten

wir oft denkmalgerecht und materialtreu

und vorwiegend mit Firmen

mit Expertise im Umbau und Kenntnissen

von traditionellen Techniken.

Eine fachgerechte Sanierung ist ein

Qualitätsmerkmal, und nicht ein

Verweis auf moderne oder traditionelle

Architektur.

Einem der wohl emotionalsten Eckpunkte des Daseins widmeten sich Moser und Hager mit der

Konzeptionierung der Verabschiedungshalle in Kematen an der Krems. Mit dem sensiblen Entwurf

des Baus wollen die Architekten der Bedeutung des Ablebens gerecht werden – Details im Innenraum

zeigen zusätzlich den Stellenwert des Lebens auf und begleiten die Hinterbliebenen bei ihrer Trauer.

Perfekt abgestimmte und hochwertige

Materialpaletten sind ein weiteres

Markenzeichen Ihrer Arbeit. Wie

treffen Sie die Entscheidung für bestimmte

Materialien, insbesondere

in der Kombination von Alt und Neu?

Gerade der Spannungsbogen zwischen

Alt und Neu versetzt ein historisches

Gebäude in die Gegenwart.

Materialeinsatz ist neben der

funktionalen Adaption der Weg zu

einer zeitgemäßen Benutzung und

Erscheinung. Patina, Reife und auch

die herbe Schlichtheit des Bestandes

verstehen wir als Bühne, die es

gilt zu bespielen, zu ergänzen und zu

kontrastieren. Bei unserem Projekt

Hof B wurde etwa der in die Tenne

eingestellte Baukörper mit Spiegeln

verkleidet, um die umliegenden historischen

Tragstruktur der Tenne

und die Natur widerzuspiegeln, um

auf ihre Schönheit zu verweisen.

Bei der Aufbahrungshalle im

Kremstal wurde der ortsübliche und

identitätsstiftende Konglomeratstein

der Friedhofsmauer als weiterlaufendes

Element an der Fassade verwen-


www.architektur-online.com

det. Zu dieser Erdschwere des Steins

wurde eine innenliegende transparente

und zart wirkende Glasfassade

in Kontrast gestellt.

Wie sehen Sie die Entwicklung der

Architektur in den nächsten zehn

Jahren, insbesondere im Bereich des

Bauens im Bestand?

Natürlich würden wir uns ein Minimum

an Versiegelung und eine breite

Bearbeitung des vorhandenen

Bestandes wünschen. Dafür braucht

es aber ein soziales Umdenken. Sanierungen

werden meist als kostenintensiv

und mit individuellen

Einschränkungen konnotiert, die

unzähligen Qualitäten werden dagegen

kaum wahrgenommen. Eine umfassende

Diskussion und Aufklärung

über die Qualitäten und Vorzüge von

Beständen würden eine weitreichende

Entwicklung anfeuern.

31

Moser und Hager

Wie planen Sie, die Prinzipien und Werte

Ihres Büros weiterzuentwickeln?

Mit dem Schwerpunkt der Sanierung

dürfen wir einen Bereich der Architektur

bearbeiten, den wir als sehr

sinnstiftend erleben. Darüber hinaus

zeigt uns die Arbeit am Linzer

Mariendom oder am barocken Stift

Schlierbach, dass wir diese Bauwerke

nur ein Stück in ihrer oder allgemein

in der Geschichte begleiten.

Das stellt die eigene Rolle in ein neues

Verhältnis und bereichert unsere

Arbeit mit der Auseinandersetzung

von Wertbeständigkeit weg von

modischen Tendenzen. Wir leben

in einer sehr schnellen Zeit überflutet

mit appetit lichen Bildquellen.

Abweichend von diesen Tendenzen

und Einflüssen zu arbeiten und

sich als Grundlage geistes- und

kulturwissenschaftlich auseinanderzusetzten,

ist eine erfüllende Arbeitsweise,

die wir beibehalten und

intensivieren möchten.

Welche Projekte würden Sie gerne

noch realisieren, wenn Sie freie

Hand hätten?

Poetische Projekte, welche eine

bestimmte Atmosphäre und Stimmung

benötigen. Wie etwa die Aufbahrungshalle,

die der Situation einen

angemessenen Rahmen geben

muss. Ein Künstleratelier oder einen

Ausstellungsraum und ein richtig

gutes Freibad.

www.moserundhager.at

Oben: Das ehemalige Gasthaus, das im

Kern aus dem 15. Jahrhundert stammt,

wurde kontinuierlich erweitert und

ergänzt. Vor allem Umbauten ab den

1960er-Jahren haben den Charakter

des Gebäudes stark verfremdet. In

Rückbesinnung auf die ursprüngliche

Anlage wurden die früheren Grundrisse

im Obergeschoss wiederhergestellt.

Gewölbe, Bögen, Böden und

alte Wandöffnungen wurden komplett

rückgeführt sowie Wand- und

Deckenmalereien aus dem Neobarock

freigelegt und fachgerecht restauriert.

Das historische Stiftsgymnasium

Schlierbach gilt als eines der Hauptwerke

des österreichischen Barock um

1700. Das neue Konzept interpretiert

die Formensprache des Barock in zeitgemäßer

Form und fügt sich dadurch

selbstbewusst in den Bestand ein,

ohne mit diesem in ein Konkurrenzverhältnis

zu treten.


architektur PEOPLE

32

KENH Architekten

Es ist wichtig,

dass Architektur

Fragen stellt

Interview mit Eric-Emanuel Tschaikner, Kim Tien

und Natalie Neubauer vom Büro KENH Architekten

Interview: Roland Kanfer

KENH wurde 2005 von Kim Tien, Natalie Neubauer-Muzicant

und Eric-Emanuel Tschaikner (im Bild von rechts nach links)

als Bürogemeinschaft KENH – Büro für Architektur und

Design gegründet, seit 2018 firmiert das Büro als KENH Architekten

ZT GmbH. Geschäftsführer ist Eric-Emanuel Tschaikner.

KENH besteht aus bis zu zehn Menschen. Firmensitz ist in

der Wiener Leopoldstadt.

© Meinrad Hofer


www.architektur-online.com

33

KENH Architekten

Aus den Namen von Architekturbüros

lässt sich heute oft deren Programm

herauslesen. KENH ist ein Akronym

aus den Vornamen der Büropartner.

Welche Aussage steht dahinter?

Kim Tien: Am Anfang waren wir vier

Partner. Helmut Gruber war der vierte,

daher das stumme H. Wir haben

nach einem Namen gesucht , wollten

aber keine Botschaft damit verbinden.

Eric-Emanuel Tschaikner: Das Persönliche

im Namen war auch unser

Zugang zu unseren Auftraggebern.

Uns gefiel auch, dass der Name die

Fantasie anregt und ein Irritationsmoment

hat. Wir sehen Architektur sehr

breit, wollen lange zusammenarbeiten

und wollten einen Namen, der uns

auch nach fast 20 Jahren noch die

Möglichkeit gibt, uns zu positionieren.

Nach dem Weggang von Helmut

Gruber haben wir das H im Namen

gelassen, das könnte auch für die helfenden

Hände im Büro stehen.

Der Untertitel „Büro für Architektur

und Design“ lässt darauf schließen,

dass ihr einen Unterschied zwischen

den beiden Begriffen macht. Was unterscheidet

Ihrer Meinung nach Architektur

und Design?

Natalie Neubauer: Den Untertitel

gibt es eigentlich nicht mehr, aber er

ist natürlich Teil unserer Geschichte.

Kim Tien: Die beiden sind Architekten,

ich komme aus dem Industriedesign,

anfangs waren wir eine

Arbeitsgemeinschaft. Wir haben

schnell gemerkt, dass wir auch Gesamtkonzepte

umsetzen können.

Wo liegt für Sie der Unterschied?

Was macht gute Architektur aus, was

gutes Design?

Eric-Emanuel Tschaikner: Wir sehen

Unterschiede in der Qualifikation und

in der Arbeitsweise. Klassisch könnte

man sagen, Architektur ist raumorientiert,

Design ist objektorientiert.

Diese Unterschiede verschwimmen

immer mehr. Uns ist aufgefallen, dass

Designer viel früher als Architekten

begonnen haben, sich mit den immateriellen

Werten von Produkten auseinanderzusetzen

und viel stärker

an Themen wie Identität gearbeitet

haben. Wir haben diese Kombination

bewusst gesucht, weil wir glauben,

dass sich beides ergänzen sollte. Architekten

neigen dazu, alles zu können,

aber es gibt viele Beispiele, wo

gute Architekten nicht unbedingt gut

im Design waren und umgekehrt. Im

Team funktioniert es, wenn man sich

ergänzen kann. Diesen Anspruch der

ganzheitlichen Betrachtung gab es

schon, wenn man an das Bauhaus

oder die Wiener Werkstätten denkt.

Wir sind skeptisch, wenn das in einer

Person zusammenläuft.

Sehen Sie sichin der Tradition Bauhaus

und Wiener Werkstätten?

Eric-Emanuel Tschaikner: Tendenziell

ja, aber in der Praxis sind unsere

Projekte immer architekturlastiger

geworden, wobei wir Themen, die im

Design präsenter sind, in unsere Architektur

integriert haben. Wir haben

verstanden, dass Eingriffe im Kleinen

große Auswirkungen haben können.

Beim Praterstern haben wir mit klei-

nen Interventionen eine Fläche von

28.000 m 2 beeinflusst.

Natalie Neubauer: Das spannende

ist, dass Kim mit diesem fundierten

Designbackground die Projekte

beeinflusst und wir damit einen

Mehrwert schaffen. Wir sehen Unterschiede

in der Qualifikation und

in der Arbeitsweise. Klassisch könnte

man sagen, Architektur ist raumorientiert,

Design ist objektorientiert.

Diese Unterschiede verschwimmen

immer mehr. Uns ist aufgefallen, dass

Designer viel früher als Architekten

begonnen haben, sich mit den immateriellen

Werten von Produkten auseinanderzusetzen

und viel stärker

an Themen wie Identität gearbeitet

haben. Wir haben diese Kombination

bewusst gesucht, weil wir glauben,

dass sich beides ergänzen sollte. Architekten

neigen dazu, alles zu können,

aber es gibt viele Beispiele, wo

gute Architekten nicht unbedingt gut

im Design waren und umgekehrt. Im

Team funktioniert es, wenn man sich

ergänzen kann. Diesen Anspruch der

ganzheitlichen Betrachtung gab es

schon, wenn man an das Bauhaus

oder die Wiener Werkstätten denkt.

Wir sind skeptisch, wenn das in einer

Person zusammenläuft.

u

© Theresa Wey

Umgestaltung Wiener Praterstern: Maximierung der

Grünbereiche und Schaffung eines lebendigen urbanen Platzes


architektur PEOPLE

34

KENH Architekten

Wie ist Ihr Background und wie hat

das Team zusammengefunden?

Natalie Neubauer: Eric und ich haben

auf der Akademie studiert. Wir

haben beide bei Gustav Peichl begonnen,

ich habe bei Nasrine Seraji

abgeschlossen, Eric bei Robert Mull

und Rüdiger Lainer. Dort haben wir

uns schon früh zu einem Wohnbau-Studienprojekt

zusammengeschlossen,

wofür wir schief angeschaut

wurden.

Eric-Emanuel Tschaikner: Ich habe

schon während des Studiums begonnen,

erste Projekte zu realisieren, eines

davon war vor 20 Jahren ein Passivhaus

ohne Heizung, mit Lehmputz

und vorgefertigten Holzelementen,

das heute noch funktioniert. So habe

ich mich früh selbstständig gemacht

und zweimal mit Helmut Gruber an

Wettbewerben teilgenommen

Kim Tien: Ich habe Industriedesign

an der Angewandten studiert, bei

Matteo Thun angefangen und bei

Enzo Mari abgeschlossen. Dazwischen

war ich an der Design Academy

in Eindhoven, und schon in

meiner Diplomarbeit ging es um Architektur

und Identität, es war ein

Restaurantentwurf. Ich habe unter

anderem bei Eichinger oder Knechtl

gearbeitet, wo ich Helmut Gruber

kennengelernt habe, den ich mit Eric

zusammengebracht habe. Wir haben

uns einfach das Büro geteilt, zuerst

Helmut, ich und Eric, dann kam Natalie

mit dem ersten Projekt.

Natalie Neubauer: Das war 2005 die

Renovierung einer Anwaltskanzlei

mit der schönen Aufgabe, vom Briefpapier

über das Logo, die Homepage,

die Möbel bis hin zur Bilderaufhängung

die gesamte Architektur zu

gestalten. Das war der Einstieg, da

haben wir gemerkt, wie schön und

spannend es ist, alles auf verschiedenen

Ebenen zu machen. Aus diesem

Projekt sind dann die nächsten

entstanden.

Eric-Emanuel Tschaikner: Ich habe

auch immer an der Akademie und

an der TU unterrichtet. Kim hat auch

eine Coachingausbildung, ich eine

Mediationsausbildung. Es gibt einen

großen Mangel an Konfliktstrategien

in der Architektur- und Designpraxis.

Das kommt in beiden Studiengängen

nicht vor. Inzwischen wird

das als Zusatzqualifikation nachgefragt.

Wir haben zum Beispiel gerade

ein Wohnbauprojekt gewonnen,

weil wir verstanden haben, was der

Entwickler will, unter anderem weil

wir das entsprechende Verständnis

für ein alternatives Prozessdesign

mitbrachten. Auch das Projekt Praterstern,mit

seinen vielen Stakeholdern,

wäre ohne diese Zusatzqualifikationen

schwierig geworden. Wir

wurden auch schon gebucht, um

Raumprogramme im Vorfeld von

Ausschreibungen zu erstellen.

Worauf kommt es bei der Mediation

zwischen Bauherren, Behörden und

Ausführenden an?

Eric-Emanuel Tschaikner: Das Wichtigste

ist, die Konflikttheorie zu verstehen

und die Werkzeuge zu haben,

um Bedürfnisanalysen durchzuführen.

Konflikte können meist nur über die

Bedürfnisebene gelöst werden. Wenn

man im Vorfeld Schnittmengen sucht,

kann man als Planer anders agieren.

Man muss im Prozess Verständnis

zwischen den Beteiligten schaffen, wo

sich Interessen überlagern, um zielgerichteter

arbeiten zu können.

Natalie Neubauer: Man hat es oft

mit Bauherren zu tun, die nicht wissen,

was sie wollen oder zu viele Ansprüche

haben. Die Entscheidungsfindung

ist ein Prozess, den wir mit

Workshops moderieren. Ich habe

auch Bauherren als Bauherrenvertreterin

betreut, was spannend ist, weil

man als Architekt diese Seite nicht

immer erlebt.

© Lukas Schaller

© Bruno Klomfar

Neubau Haus Z, Wien: Für KENH Architekten hat jedes Projekt

unterschiedlich relevante Themen.

Wohnbau Franzosengraben, Wien: Farblich abgestufte Bodenfliesen

verhalfen dem 80 Meter langen Baukörper zur Identitätsstiftung.


www.architektur-online.com

35

KENH Architekten

Gibt es eine Rollenverteilung im

Team, wo liegen eure Schwerpunkte?

Natalie Neubauer: Kim Tien ist für

Konzeption, Entwurf, Design und Interieur

zuständig, Eric Tschaikner für

Konzeption, Entwurf, Hochbau und

Baurecht. Ich konzentriere mich auf

die Akquise und das Projektmanagement

und bringe die Sicht des Bauherrn

ein. Wir haben schon immer

versucht, die Projekte gemeinsam

auf Augenhöhe zu entwickeln, um

für den Bauherrn das Bestmögliche

zu schaffen.

Wie definieren Sie Ihre Rolle als Architekten

und Ihren Standort im

Spannungsfeld der Architektur zwischen

Kunst, Wirtschaft und dem

von manchen nicht gern gehörten

Begriff Dienstleistung?

Eric-Emanuel Tschaikner: Grundsätzlich

sind alle drei Faktoren notwendig.

Wir werden für eine Dienstleistung

bezahlt, wir müssen auch

wirtschaftlich handeln. Und natürlich

versuchen wir, gute Architektur

zu machen.

Natalie Neubauer: Und damit sind

wir gute Dienstleister. Wir sehen uns

in der Pflicht, den Bauherrn bestmöglich

zu betreuen.

Eric-Emanuel Tschaikner: Wir

versuchen, die Bedürfnisse des

Auftraggebers zu verstehen. In

der Ausformulierung sind wir die

Experten. Ich glaube schon, dass

gute Architektur nicht im Auge des

Betrachters liegt, sondern dass es

durchaus Kriterien gibt.

Welche sind das?

Eric-Emanuel Tschaikner: Es ist

wichtig, dass Architektur Fragen

stellt. Jedes Projekt hat verschiedene

relevante Themen, die mann nur über

die richtigen Fragen findet. Und man

muss viele Bälle synchron in der Luft

halten – Konstruktion, Raumwirkung,

Lichtführung, Akustik, Nutzung, Bewegung

müssen aus einem Guss sein.

Wenn das gelingt, ist das große Kunst

auf verschiedenen Ebenen – wirtschaftlich,

technisch, sozial. Die originäre

Qualität eines Kunstwerks sehe

ich in der Architektur untergeordnet,

weil es mehr um das Finden und

Verstehen geht als um das Erfinden,

was in der Kunst eine Grundvoraussetzung

für Qualität ist. Ein anderes

Atelierhaus am Semmering: KENH Architekten revitalisierten

ein Fertigteilhaus aus den siebziger Jahren.

Kriterium ist die Ökonomie der Mittel.

Materielle Ökonomie im Sinne einer

Kreislaufwirtschaft, aber auch gestalterische

Ökonomie.

Was ist gute Architektur für

die Designerin?

Kim Tien: Es ist eine Frage des Maßstabs.

Gute Architektur muss mit

der gleichen Sorgfalt geplant werden

wie Design. Gutes Design verbindet

Ästhetik und Funktionalität auf eine

Weise, die vom Nutzer als angenehm

empfunden wird. Im besten Fall denkt

er nicht darüber nach, warum das so

ist, sondern empfindet es intuitiv als

gut und richtig. Wie im Design gibt

es aber auch in der Architektur innovative

Ansätze, die anecken dürfen.

Eric-Emanuel Tschaikner: In der Architektur

geht es meistens um ein

maßgeschneidertes Projekt für den

Ort. Und es gibt Projekte wie Mietwohnungen,

die anpassungsfähig

sein müssen, weil wir die Nutzer nicht

kennen. Das ist eine Gratwanderung

zwischen Identität und Neutralität. Im

Design denkt man an die Reproduzierbarkeit,

wie man Objekten Identität

gibt und sie emotional auflädt.

Kim Tien: Im Industriedesign geht

es natürlich um das Massenprodukt.

Wenn es sich leicht und kostengünstig

reproduzieren lässt, ist es auch

gutes Design. Es geht auch darum,

Konsumgüter zu gestalten und Begehrlichkeiten

zu wecken. Aber das

hat mich nicht interessiert, deshalb

bin ich nicht in diesem Bereich geblieben.

Architektur ist ein tolles

Medium, in dem es immer wieder

Anlässe gibt, im Kleinen etwas Maßgeschneidertes

zu machen. u

Atzmüllerhaus, St. Veit im Mühlkreis: Das Dreigenerationenhaus

wurde nicht abgerissen, sondern umgebaut und erweitert.

© Meinrad Hofer

© KENH


architektur PEOPLE

36

KENH Architekten

Büroumbau BLOCH 3, Wien: Verwendet wurden nachhaltige neue und

bestehende Materialien.

In der Bauindustrie nimmt die serielle

Bauweise immer mehr an Bedeutung

zu. Kann man Erfahrungen aus dem

Industriedesign dort verwerten?

Kim Tien: Für mich ist es zum Beispiel

im Wohnungsbau wichtig, schöne

Benutzeroberflächen zu wählen,

mit denen die Menschen täglich konfrontiert

sind. Da gibt es oft Streit

mit den Auftraggebern. Ich verstehe

überhaupt nicht, wie man da sparen

kann. Früher haben Böden 100 Jahre

gehalten, heute wird an den falschen

Stellen gespart. Dazu gehört auch

die Schaffung von Orientierung, von

angstfreien Räumen.

Eric-Emanuel Tschaikner: Wir nennen

den Zugang in unseren Projekten

Friendly Design: Dass der Entwurf

dem Nutzer entgegenkommt.

Das sind oft ganz kleine Eingriffe,

zum Beispiel, dass ein Wohnhaus

möglichst wenig Türen hat oder dass

wir Panikbeschläge auch dort einbauen,

wo sie gar nicht nötig sind,

damit die Bewohner mit Einkaufstaschen

in beiden Händen durch die

Tür gehen können, ohne sie abstellen

zu müssen. Diese Nutzerperspektive

würde man vielleicht nicht als klassische

Aufgabe der Architektur sehen,

sondern eher dem Design zuordnen.

Natalie Neubauer: In allen Aspekten

unserer Architektur ist der Nutzer,

auch der, den wir nicht kennen, der

Key Player.

Eure Projekte spannen einen ziemlich

weiten Bogen, von Bürolayouts

über Um- und Neubau von Einfamilienhäusern

bis zur Platzgestaltung.

Gibt es einen roten Faden, einen gemeinsamen

Nenner in den Projekten?

Eric-Emanuel Tschaikner: Der rote

Faden unserer Arbeit ist eher der

Prozess, um das Verstehen. Dabei

gibt es durchaus Synergien: Beim

Praterstern, zum Beispiel, war das

Thema subjektive Sicherheit ganz

© Martin Zorn

wesentlich. Und das Wissen aus diesem

Projekt können wir jetzt auch

auf den Wohnbau übertragen.

Natalie Neubauer: Der rote Faden

ist, dass es für uns nichts gibt, das

man nicht hinterfragen darf.

Kim Tien: Jedes Projekt, ob groß

oder klein, ist für uns interessant und

erhält die gleiche Aufmerksamkeit.

Deshalb haben wir uns nicht spezialisiert.

Das Schöne daran ist, dass

man sich selbst immer wieder infrage

stellen und von den verschiedenen

Maßstäben lernen kann. Es gibt auch

den sprichwörtlichen roten Faden in

unserer Arbeit. Bei fast jedem Projekt

gibt es ein Objekt, einen Sessel,

eine Kiste oder einen Handlauf in der

Farbe RAL 3022 Lachsrot.

Wo liegen die Vorlieben und

Stärken von KENH?

Eric-Emanuel Tschaikner: Das große

Thema im Moment ist der Umbau

– ein Thema, das uns schon lange

begleitet. Es gibt zwei Projekte, auf

die wir stolz sind: Ein Atelier am Semmering,

wo wir ein Plattenbauhaus

aus den siebziger Jahren revitalisiert

haben. Alle anderen Architekten, die

man gefragt hat, haben das abgelehnt.

Wir haben aber immer schon

gesagt, wenn die Struktur da ist, soll

man sie weiterentwickeln. Wie auch

beim Atzmüllerhaus, ein Dreigenerationenhaus

am Land, das nicht abgerissen,

sondern umgebaut und erweitert

wurde und seit 20 Jahren gut dasteht.

Natalie Neubauer: Beim Wohnbau

MGC mit 140 Wohnungen, wo wir den

schwierigsten Bauplatz hatten, ist es

uns gelungen, durch Identitätsstiftung,

Adressbildung, Grundrissorientierung

die Wohnungen attraktiv

und beliebt zu machen.

Kim Tien: Was mir bei diesem Projekt

Spaß gemacht hat, ist der Gang,

den wir so gestalten konnten, dass er

nicht erdrückend wirkt. Er ist im Erdgeschoß

60 Meter lang, man beginnt

mit anthra zitfarbenen Fliesen, dann

wird es immer heller. Im letzten Bauteil

steht man plötzlich auf weißem Boden.

Welche Wünsche haben Sie, was die

Entwicklung des Bauens betrifft?

Kim Tien: Weniger Versiegelung!

Natalie Neubauer: Eine bessere

Planbarkeit in unserer Branche!

Eric-Emanuel Tschaikner: Die Verbindung

zwischen Design, Architektur

und Industrie interessiert uns sehr

im Hinblick auf die Werkzeuge, die

wir brauchen. Architektur besteht ja

zu einem großen Teil aus vorgefertigten

Industrieprodukten. Beratung von

Unternehmen bei der Produktentwicklung

würde mich daher reizen. •

kenh.at

Tanzquartier Wien

– Sanierung und

Umbau der Büros

und der Studioräume,

Neugestaltung

des Eingangsbereichs

und des Cafés.

© Paul Bauer


www.architektur-online.com

37

PEDEVILLA ARCHITEKTEN

Gebaut aus 100 %

SCHROTT

Architekt: Hadi Teherani Architects

Echte Kreislaufwirtschaft

mit End-of-Life-Aluminium.

Die beim Innovationsbogen Augsburg eingesetzten WICONA

Fassadensysteme stammen zu 100% aus recyceltem End-of-Life-

Aluminium – also Aluminiumschrott, der seinen gesamten Lebenszyklus

bereits durchlaufen hat. Das hat insgesamt 517 Tonnen CO 2

eingespart. So geht echte Kreislaufwirtschaft!

Mehr erfahren:

www.wicona.at

© HGEsch Photography


architektur PEOPLE

38

Albert Wimmer

Gute Architektur

beinhaltet drei Schritte

Interview mit Architekt Albert Wimmer

Interview: Roland Kanfer

Der Wiener Architekt Albert Wimmer zählt zu den

profiliertesten Architekten des Landes und hat über

Jahrzehnte hinweg die Architektur- und Stadtlandschaft

geprägt. Mit der Gründung seines Ateliers im Jahr

1977 und der kontinuierlichen Erweiterung seines Tätigkeitsfeldes

durch die Gründung mehrerer Gesellschaften

hat Wimmer ein beeindruckendes Portfolio aufgebaut,

das Projekte im Wohnbau, Gesundheitswesen, in der

Mobilität sowie in der Stadtplanung umfasst. In unserem

Interview spricht er über seine Ansichten zur gesellschaftlichen

Verantwortung von Architekten, seine Rolle

im Spannungsfeld zwischen Kunst und Wirtschaft und

darüber, warum sein Credo „Never do the same“ einen

zentralen Platz in seiner Arbeit einnimmt.

© Lisi Specht


www.architektur-online.com

39

Albert Wimmer

Der Einstieg auf Ihrer Website lautet:

Architektur kann und soll zur Schaffung

einer offenen Gesellschaft beitragen.

Wie genau muss dieser Beitrag

aussehen?

Zunächst muss man sich der gesellschaftlichen

Verantwortung bewusst

sein, dann in die Gesellschaft hineinhorchen

und in der Folge unter

sorgfältiger Abwägung der Argumente

das gemeinsame Wohl in den

Vordergrund stellen. Als Architekten

können wir nicht die Gesellschaft

verändern, aber wir haben alle Möglichkeiten,

die Voraussetzungen für

Veränderungen zu schaffen. Lassen

Sie mich das beispielhaft erklären:

Der öffentliche Raum befindet sich

gegenwärtig im Fokus der gesellschaftlichen

Debatte. Wir Architekten

können autogerecht planen oder

wir denken radikal und schaffen Voraussetzungen

für ein gerechtes soziales

Miteinander.

Radikale Denkansätze scheitern

aber meist an den Realitäten. Bleiben

wir beim Beispiel Auto: Welche

Lösungen kann Architektur anbieten,

um die polarisierte und polarisierende

öffentliche Debatte darüber in

eine pragmatische, von allen gesellschaftlichen

Gruppen akzeptierte

Richtung zu lenken?

Da setze ich voll auf die Haltung der

jüngeren Generation, das Thema

Auto steht nicht mehr im Fokus und

wird von wichtigeren Themen wie

dem Klima abgelöst. Die Umstrukturierung

des öffentlichen Raums ist

voll im Gang, dogmatisch beharrende

Positionen werden bestehen bleiben

und bei diesen Gruppierungen

ist kein gemeinsames Verständnis

möglich. Bei allen anderen sind Anstrengungen

für ein radikales Umdenken

zielführend.

Wie definieren Sie Ihre Rolle als Architekt

im Spannungsfeld der Architektur

zwischen Kunst, Wirtschaft

und dem von manchen nicht gern

gehörten Begriff Dienstleistung?

Ich habe mit dem Begriff Dienstleister

für die Gesellschaft kein Problem,

hingegen bin ich als Dienstleister für

eine rein profitorientierte Immobilienwirtschaft

nicht zu haben. Architektur

braucht Wirtschaft, genauso

wie Kunst, nur muss es richtig verstanden

sein, das heißt der Künstler/Architekt

muss in der Lage sein,

seine Prioritäten in seinem Werk

gekonnt richtig zu setzen, ebenso

wie der Ökonom/Architekt die wirtschaftlichen

Möglichkeiten richtig

abschätzen muss. Beispielhaft sei

zitiert: Opfert man alles einer überproduktiven

Technologie, wie es die

Automobilindustrie gerade vorlebt

und vollzieht, dann sehen eben alle

Autos gleich aus. Es gibt gegenwärtig

keine genialen Entwürfe, erinnern

Sie sich an den 2CV Citroen oder den

Citroen D Pallas.

Der modernen Architektur wird auch

oft vorgeworfen, dass alles gleich

aussieht, vor allem im großvolumigen

Wohnbau und im Bürobau. Ist

heutzutage, wo Sparen die oberste

Maxime ist, der individuelle Entwurf

noch möglich, auch wenn „Unnötiges“

Mehrkosten verursacht?

Die moderne Architektur zeigt sich

gegenwärtig in unterschiedlichen

Ausprägungen und vermittelt sich in

Hauptbahnhof Wien

verschiedensten Experimenten. Die

Vielzahl an konzeptuellen Ansätzen

erschwert es, richtungsweisende

Werke zu identifizieren und zu definieren.

Lokale Strömungen gewinnen

an Bedeutung, womit gravierendes

Umdenken auch Platz gegriffen

hat. Motor für dieses Umdenken war

und ist der architektonische Entwurf,

die visionäre Raumkonzeption, sowie

der herausfordernde Dialog jenseits

ökonomischer Zwänge.

In welcher Architekturtradition reihen

Sie sich ein? Haben Sie Vorbilder,

Lehrmeister?

Cedric Price, Georges Candilis, Superstudio,

Jaap Bakema, sowie in

die Tradition der Wettbewerbssüchtigen,

denen gleicher Zugang zu

Ressourcen für alle wichtig ist, zu

jenen, denen modische Erscheinungen

widerstreben und zu jenen, die

ihre Entwürfe erkämpfen wollen und

bei denen die Umsetzung im Vordergrund

steht.

u

© Helmut Pierer


architektur PEOPLE

40

Albert Wimmer

Klinik Floridsdorf

© Rupert Steiner

Ihr Büro kann auf Projekte in vielen

Bereichen verweisen – Wohnbau,

Gesundheitsbau, Mobilität und auch

Stadtplanung. Um ein so breites

Spektrum abzudecken, braucht es

eine gemeinsame Klammer. Können

Sie diese beschreiben?

Meine gemeinsame Klammer ist:

Never do the same, sondern beobachte

genau gesellschaftliche Veränderungen

und sei in deinen Werken

diesen visionär voraus. Meine

gemeinsame Klammer heißt auch

Wettbewerbsgewinn. Um an einem

Wettbewerb teilzunehmen, bedarf

es für mich folgender Voraussetzungen:

Qualität der Ausschreibung,

eine qualitätsvolle Jury, ein Thema,

zu dem ich mich berufen fühle, etwas

beizutragen und auszusagen.

Bei Gesundheitsbauten beispielsweise

zeigt sich sofort der Anspruch

auf soziale Gerechtigkeit für jene,

denen es verdammt schlecht geht

– hoffentlich nur vorübergehend –

und wie Architektur ein Wohlfühlambiente

schaffen kann. Architektur

kann helfen, Angst vor dem Spitalsaufenthalt

abzubauen, sogar Persönlichkeit

und Eigenständigkeit

zurückgeben. Dies haben wir bei der

Klinik Floridsdorf mit der Entwicklung

des mobilen Schranks bewiesen.

Der Sprung von Sportbauten

zu Infrastrukturbauten wie Bahnhöfen

ist ein kleiner, hat man kapiert,

was Massen bewegt. Weiß man, was

Grätzlqualität sein kann, so führt am

Wohnbau und an der Stadtplanung

kein Weg vorbei.

Haus B, Salzkammergut

Alle von Ihnen als Vorbilder genannten

Architekten waren auch stadtplanerisch

tätig. Was braucht es, um

ein guter Stadtplaner zu sein?

Ein guter Stadtplaner ist ein Visionär,

der den Kampf gegen Windmühlen

nie aufgibt.

Wie definiert sich für Sie

gute Architektur?

Gute Architektur beinhaltet drei

Schritte: Gekonntes Handwerk ist

die Basis, ein stark lesbares Konzept

folgt als nächster Schritt und die

kompromisslose Umsetzung bedeutet

die Vollendung.

Wie schätzen Sie die Bedeutung

von Architekturwettbewerben ein?

Sind offene Wettbewerbe Ressourcenverschleuderung

oder eine

Notwendigkeit?

Wettbewerbe sind Kulturbeiträge.

Was gegenwärtig falsch läuft, ist,

dass Ausschreibungen zu sehr in die

Hände der Juristen gelegt werden

und die Einschränkungen zu rigoros

stattfinden. Wenn frische junge Gedanken

ausgeschalten werden sollen,

dann kann das fatale Portfoliobewertungssystem

beibehalten werden.

Was kann man als Architekt aus einem

verlorenen Wettbewerb lernen?

Derzeit nichts, da die Wettbewerbsergebnisse

keine Spielräume mehr

akzeptieren.

© Lisi Specht


www.architektur-online.com

41

Albert Wimmer

Ist dieser Trend unaufhaltsam und

der offene Wettbewerb damit tot

oder lässt sich der Trend umkehren?

Eine Trendumkehr tritt erst dann ein,

wenn Bauherren wieder auf die Bühne

treten, die sich zu mutigen Entscheidungen

durchringen können und dafür

mediale Zustimmung erfahren.

Partizipation scheint für Sie, zumindest

im Wohnbau, ein wichtiges Element

der Planung zu sein. Verliert Architektur

damit nicht ihren originären

Charakter, wenn Laien mitplanen?

Bottom up und top down beherrschen

die Kreativität, es ist nur eine Frage

des Timings, wie diese beiden Richtungen

synchronisiert werden. Jedenfalls

dirigiert der Architekt. Respekt

vor Professionalität ist ebenso erforderlich

wie ein klares Verständnis und

Kommunikationsbereitschaft für das

Anliegen derer, für die wir arbeiten.

Welche Ihrer Projekte würden Sie

als Lieblingsprojekte bezeichnen

und warum?

Das Wort Lieblingsprojekte lehne ich

ab, da ich mit vollstem Engagement

bei jedem Projekt arbeite unabhängig

von der Größe. Wenn für die

Aufgabe kein Feuer brennt, ist das

Ergebnis Mittelmaß.

Odeongasse, Wien

Sie legen Wert auf die

Freihandskizze. Warum?

Ohne Bleistift in der Hand kann ich

nicht denken, der freihändige Strich

bündelt das gesamte Wissen, die gesammelten

Emotionen, sowie mögliche

Visionen.

Heute werden nicht nur Ausführungspläne

am Computer gezeichnet,

auch beim Entwurfsprozess

spielt er eine immer größere Rolle.

Geht damit eine Kunst verloren?

Der Computer ist ein Werkzeug, das

richtig einzusetzen ist, ein durchaus

wertvolles Tool, sowie es auch die KI

ist. Mehr steckt nicht darin.

Was können Sie jungen Architekten

mitgeben, wohin sollte sich Architektur

Ihrer Meinung nach entwickeln?

Die Kolleg:innen müssen selbst entscheiden,

was Zukunft für sie sein

kann. Ich zeige zwei Richtungen auf:

Richtung eins ist die Autoindustrie,

aufbauend auf perfekten Tools der

Industrialisierung und dem Ausblenden

von visionärem Denken.

Richtung zwei ist ein radikales Abwenden

von den aufwendigen Portfoliobewerbungen

zum Nachweis der

Fähigkeiten und Öffnung zum neuen

Denken und Forschen.

www.awimmer.at

© Pez Hejduk

Thierfelderstrasse, Rostock

© ZOOMVP


architektur PEOPLE

42

Silberpfeil Architekten

Auf der Suche nach

neuen Lösungen

Interview mit Peter Rogl, Christian Koblinger

und Christina Lang von Silberpfeil Architekten

Interview: Roland Kanfer

Das Architekturbüro „silberpfeil-architekten“ steht seit 2001

für dynamische und innovative Architekturentwicklungen, die

sich durch einen hohen Anspruch an Qualität und Nutzerorientierung

auszeichnen. Im Interview geben die Gründer Peter Rogl

und Christian Koblinger sowie die Architektin Christina Lang

Einblicke in ihre Arbeitsweise, ihre Philosophie und die Herausforderungen

moderner Architektur.

© SpA


www.architektur-online.com

43

Silberpfeil Architekten

© SpA

Das seit 1917 im Gartenpalais Schönborn beheimatete Volkskundemuseum Wien ist nicht nur eines der großen internationalen ethnographischen

Museen Europas, sondern auch ein offener Ort für soziale Interaktionen, Diskurse und partizipativen Austausch. Diesen Anspruch kann das Haus

gegenwärtig nicht optimal erfüllen, daher entwickeln Silberpfeil Architekten das Wettbewerbsprojekt im engen Austausch mit der Museumsleitung

weiter, um die Philosophie des Museums in Einklang mit der Architektur zu bringen.

Das Motto auf Ihrer Website lautet

„Inhalt schafft Raum“. Was ist damit

gemeint?

Peter Rogl: Mit Inhalt ist der gedankliche,

konzeptuelle Überbau gemeint,

der in all unseren Projekten die Basis

des Ergebnisses, also den Raum bildet.

Wir beschäftigen uns tiefgründig

mit jeder Thematik, die ein Auftrag

verlangt. Durch intelligente Lösungen

und Berücksichtigung von Kontext

und Inhalt schaffen wir diesen ganz

besonderen, einzigartigen Raum.

Unser Motto beschreibt also die fundierte

Auseinandersetzung mit den

Parametern jedes Projekts und den

dadurch generierten Mehrwert.

Ist der Name „Silberpfeil” Programm,

und wenn ja, was sagt er aus?

Peter Rogl: Bei Gründung von silberpfeil-architekten

vor bald 25 Jahren

war der Name Synonym für Innovation,

dynamische Prozesse und Teamgeist.

Gegenwärtig sind wir in einem

Prozess der unternehmerischen

Veränderung, in dem ein erweiterter

Personenkreis Verantwortungen bekommt.

Wir analysieren dabei unser

Unternehmen tiefgreifend, Werte,

Identität und Profil werden geschärft

und am Ende feilen wir vermutlich

auch am Unternehmensnamen. Alles

ist in Bewegung! Mehr möchten wir

aber noch nicht verraten.

Wie kann man Ihre Arbeitsweise als

Architekturbüro beschreiben?

Christian Koblinger: In dem zuvor

beschriebenen Prozess haben wir

uns selbst als harmonischen heterogenen

Haufen bezeichnet. Es wird

mehr oder weniger alles im Team erarbeitet.

Dieses Team ist multikulturell,

jung und zeichnet sich durch ein

großes Interesse an und Verständnis

für die Position der anderen aus.

Das führt bei sehr unterschiedlichen

Charakteren, Denk- und Arbeitsweisen

mitunter zu langen Diskussionen

und Entwicklungsprozessen, am

Ende aber auch zu fundierten Ergebnissen

in den Projekten.

Wie definieren Sie Ihre Rolle als Architekten

und euren Standort im

Spannungsfeld der Architektur zwischen

Kunst, Wirtschaft und dem von

manchen nicht gern gehörten Begriff

Dienstleistung?

Christina Lang: Die Architektur war

in jeder Epoche im Spannungsfeld

vielfältiger gesellschaftlicher und

wirtschaftlicher Vorgaben und Rahmenbedingen.

Wir verstehen uns in

diesem Spannungsfeld einerseits als

Mediatoren, bei denen die Rahmenbedingungen

zusammenlaufen. Auf

der anderen Seite sehen wir uns aber

auch als Fürsprecher und Verfechter

qualitätsvoller Architektur. Wir verstehen

„Dienst“ nicht als Pflicht, sondern

als Aufgabe. Damit können wir

gut leben und ich denke, wir erfüllen

unsere Rolle in dem angesprochenen

Spannungsfeld verantwortungsvoll

und zugleich selbstbewusst.

Sie haben 2023 ein wettbewerbsähnliches

Verhandlungsverfahren für die

Sanierung des Wiener Volkskundemuseums

gewonnen. Welcher Leitgedanke

steht hinter dem Projekt?

Christian Koblinger: DDas Thema

Bauen im Bestand, Sanieren, Restaurieren

und neu Strukturieren, begleitet

unser Büro seit 25 Jahren, als

wir unseren allerersten Wettbewerb

zu dem Thema gewinnen konnten.

Was wir damals als Ausflug in eine

neue Welt erlebt haben, ist seither

in den unterschiedlichsten Formen

ein Schwerpunkt unserer Tätigkeit.

In dieser Zeit haben wir gelernt, dass

unsere Konzepte und Antworten auf

die heterogenen Parameter jedes

einzelnen Projekts abzustimmen

sind. Einmal ist es eine Neustrukturierung

mit starken Interventionen,

ein anderes Mal sind die Eingriffe,

die wir planen, minimal. Einmal ist

unser architektonisches Konzept sofort

klar, ein anders mal entwickelt es

sich Schritt für Schritt als Ergebnis

von Recherche und Spurensuche. u


architektur PEOPLE

44

Silberpfeil Architekten

© janusch

Schulumbau und Erweiterung Reichsapfelgasse: Das neue Kopf- und Eingangsgebäude ist in Holzbauweise

mit einem extrem hohen Vorfertigungsgrad konzipiert, was zu kurzen Bauzeiten und einer

Reduktion der Emissionen führt. Durch die Weiterentwicklung der bestehenden Struktur und die

Verbindung mit dem Neubau entstehen spannende Innenräume mit hochwertigen multifunktionalen

Raumsequenzen und direktem Zugang zu den Freiräumen.

© janusch

Trotzdem, vielleicht aber auch weil

wir uns beim Wettbewerb für das

Volkskundemuseum sehr bald einig

waren, Interventionen unter Wahrung

der DNA der historischen Architektur

vorzunehmen, also behutsam und

respektvoll an dem Palais weiterzuarbeiten,

war jeder Eingriff, jeder

Abbruch, jede Ergänzung von langen

Diskussionen im Team begleitet. Oft

haben wir gemeint, ein optimales Ergebnis

zu haben, und am nächsten

Tag doch wieder überarbeitet. Die

kleine Intervention, die oftmals nicht

sichtbare Veränderung im historisch

wertvollen Bestand, ist eine weit komplexere

Aufgabe als die radikale Veränderung.

Ich denke wir haben durch

diese Art zu arbeiten, fernab ökonomischer

Vernunft für unser Büro,

das Haus aus den verschiedensten

Betrachtungswinkeln kennengelernt

und so unsere architektonischen

Antworten und Konzepte für die notwendigen

Veränderungen gefunden.

Dieser behutsame Umgang mit der

historischen Substanz gilt auch für

die nachhaltige und energetische

Verbesserung im Bereich der baulichen

Substanz und der Haustechnik.

Bei einem im vergangenen Jahr gewonnenen

Wettbewerb, der Generalsanierung

der Ganztagesvolksschule

Reichsapfelgasse in Wien, greifen Sie

stark in die bestehende Substanz ein.

Worauf kommt es bei derartigen Projekten

an?

Peter Rogl: Wir haben diesen Wettbewerb

zusammen mit unseren

Freunden von MAGK Architekten

gewonnen und bearbeiten das Projekt

als Arbeitsgemeinschaft. Diese

Zusammenarbeit ist sehr produktiv

und konstruktiv, weil wir unsere Expertise

zum Bauen im Bestand und

MAGK die Kompetenz im modularen

Holzbau einbringen können. Bei diesem

Projekt sind die Maßnahmen im

Bestand tiefgreifender als im Volkskundemuseum,

weil wir nur so den

Anforderungen zeitgemäßer pädagogischer

Konzepte den entsprechenden

Raum bieten können. Im Bestand

werden daher dort, wo es funktionale

und innenräumliche Verbesserungen

erforderlich machen, Umstrukturierungen

vorgenommen. Die bestehende

Volksschule soll durch die

Schaffung neuer Funktionsabfolgen

und Raumlösungen, aber vor allem

durch die sinnvolle Ergänzung des


www.architektur-online.com

45

Silberpfeil Architekten

Kopfneubaues in Holzbauweise in ihrer

Qualität gestärkt werden. Bei der

Erweiterung der Schule wird mittels

vorgefertigter Holzbauweise darauf

geachtet, dass, abgesehen von einer

energetisch hochwertig gedämmten

Gebäudehülle, Holz mit all seinen Vorteilen

als nachwachsender, nachhaltiger

Rohstoff effizient eingesetzt wird.

Die günstigen Eigenschaften des

Holzbaus kommen auch bei der Sanierung

der Gebäudehülle zu tragen.

Vorgefertigte Holzrahmenelemente

werden der Bestandsfassade vorgehängt

und verbessern damit den

U-Wert des Gesamtsystems erheblich.

Die Verbindung von Neu und

Alt ist mechanisch – nicht wie bisher

gängig verklebt – und damit trennbar

konstruiert, um eine vollständige

Zerlegbarkeit und Wiederverwendung

zu ermöglichen. All diese Aspekte

unterstützen die Stadt Wien

als Bauträgerin dabei, die „3 K‘s“ der

Nachhaltigkeitsstrategie – Klimaschutz.

Klimaanpassung, Kreislaufwirtschaft

– in diesem Schulprojekt

konsequent umzusetzen.

Viele eurer Projekte kommen aus

Wettbewerbsgewinnen. In welchem

Verhältnis stehen gewonnene und

nicht gewonnene Wettbewerbe?

Christian Koblinger: Das Verhältnis

ist noch nicht gut genug!

Steht der Gewinn eines Wettbewerbs

in einer akzeptablen Relation zum

Aufwand? Sind offene Wettbewerbe

Ressourcenverschleuderung oder

eine Notwendigkeit?

Peter Rogl: Im besten Fall ist der

Architekturwettbewerb ein Innovationsmotor

und Garant für eine Entwicklung

des Bauwesens, bei der

die Anforderungen der Zukunft in

der Entscheidung für das beste Projekt

Berücksichtigung finden. Dafür

braucht es aber weit mehr Mut der

Entscheidungsträger und Jurys als

wir gegenwärtig wahrnehmen. Wir

denken auch, dass kooperative Verfahren

und generell mehr offene Kommunikation

im Wettbewerb Sinn machen

würden und so wichtige Aspekte

der Ökologie, Soziologie, der Stadtentwicklung,

der Standortentwicklung

und natürlich der Architektur in

Einklang gebracht werden könnten.

Wenn der Wettbewerb dazu dient,

lediglich das ökonomischste Projekt

zu finden, dann ist das frustrierend

und langläufig auch nicht zielführend.

Für unser Büro war und ist der Wettbewerb

überwiegend der Weg zu den

wirklich spannenden Projekten, die

wir bearbeiten und bearbeitet haben.

Allerorts wird die Zunahme von Normen

und Regulierungen im Bauwesen

beklagt. Nimmt die Normierung aus

Ihrer Sicht tatsächlich überhand?

Christian Koblinger: Zweifelsfrei sind

wir mit einem unglaublichen Normenwahn

konfrontiert. Der ist aber auch

Abbild einer generellen gesellschaftlichen

Entwicklung und Tendenz,

wo sich jeder gegen alles absichern

möchte. Das beschränkt sich ja nicht

auf das Bauwesen alleine, das betrifft

alle Lebensbereiche. Natürlich sind wir

als Architekten davon besonders betroffen,

weil es uns so viele Spielräume,

die Architektur braucht, nimmt.

Die österreichische Architektenkammer

hat kürzlich postuliert: „Österreich

ist genug bebaut“, ruft also quasi

ein Ende des Neubaus aus. Teilen

Sie diese Ansicht?

Peter Rogl: Wir haben eine ähnliche

These bereits 2012 in Vorträgen

vertreten, ohne die Bedeutung des

Neubaus für Innovationen damit

schmälern zu wollen. Damals haben

wir gesagt: Europa ist gebaut

und wir können bei dem prozentuell

verschwindend geringen Anteil von

Neubauten in Städten wie Wien keine

großen Veränderungen an Lebensqualität,

Strukturverbesserung, oder

Energieverbrauch erreichen. Wenn

wir unsere Lebensqualität substanziell

und im breiten Rahmen verbessern

wollen, dann müssen wir beim

Gebauten ansetzen. Damals lag der

Prozentsatz von Wiener Gebäuden,

die mehr als fünfzig Jahre alt sind,

bei mehr als 70 Prozent. Der Neubauanteil

beträgt im besten Fall ein

Prozent pro Jahr. Wir sehen daher

schon seit langer Zeit den wesentlichen

Schlüssel für eine nachhaltige

Stadtentwicklung in der Verbesserung

und Neustrukturierung des

bereits Gebauten für die Anforderungen

der Zukunft. Daraus abzuleiten,

dass kein Neubau mehr erfolgen

soll, wäre allerdings kurzsichtig und

absurd. Du kannst im Bestand nicht

alle Bedürfnisse optimal erfüllen. So

sind bei der Umsetzung von „design

for all“ im Neubau bessere Lösungen

einfacher zu erreichen.

u

Um die Ecke denken, war die Leitidee zum Projekt A49. Um die Potenziale des Standorts optimal

zu nutzen, war es naheliegend, eine architektonische Gliederung mit schuppenartig angeordneten

Erkern und Freiflächen zu entwickeln. So ergeben sich interessante Blickachsen in den Straßenraum

und das Erscheinungsbild trägt zur Bereicherung und Lebendigkeit des Umfelds bei.

© LIV.at, nunofoto.com


architektur PEOPLE

46

Silberpfeil Architekten

© janusch

Zu- und Umbau am HBLA Semmelweißareal:

Im Zuge der Revitalisierung der

Parklandschaft zwischen den Häusern

1+2 formuliert sich die „Gemeinsame

Mitte“, ein attraktiver Frei- und Erholungsraum,

welcher Mehrwert für das

zukünftige Bildungsareal in Form eines

neu geschaffenen Subzentrums bietet.

Unbestritten ist, dass das Bauwesen

und damit die Architektur auf aktuelle

Themen wie Klimawandel reagieren

muss. Wo sehen Sie Architektur und die

Rolle der Architekten in der Zukunft?

Christina Lang: Der Bausektor hat

einen wesentlichen Anteil am Klimawandel

und seinen Auswirkungen.

Dieses Faktum sehen wir aber auch

als große Chance, da ein breites

Spektrum an Verbesserungspotenzial

gegeben ist. Dieser großen Verantwortung

sind wir uns bewusst,

bilden uns in Sachen nachhaltiges

und ressourcenschonendes Planen

und Bauen laufend weiter und setzen

diese Erkenntnisse in unseren

Projekten um. Die Maßnahmen sind

so individuell wie die Projekte selbst

Zu- und Umbau am HBLA Semmelweißareal

und es muss von Fall zu Fall entschieden

werden, welche Maßnahmen aus

architektonischer und wirtschaftlicher

Sicht vertretbar sind und ein

Maximum an Effekt bieten. Einmal

ist es die Wahl des Energieträgers,

ein anderes Mal die Steigerung der

Flächeneffizienz mittels intelligenter

Grundrisslösungen. Reduzierung von

Versiegelungen, Nachverdichtung

statt Bauen auf der grünen Wiese

und design for all sind uns ein großes

Anliegen und bestimmen oft auch

die Auswahl unserer Projekte.

Unsere Rolle als Architekten sehen

wir in diesem Zusammenhang als

kompetente Partner unserer Auftraggeber,

die teilweise schon recht

zukunftsorientierte Planungsvorgaben

ausgearbeitet haben. Bei der

Umsetzung geben wir uns meist aber

nicht mit diesen Mindestanforderungen

zufrieden, sondern versuchen

uns mit innovativen Ideen und Vorschlägen

zusätzlich einzubringen,

mit dem Wissen und der Verantwortung

im Hinterkopf, dass wir nur diesen

einen Planeten haben.

So haben wir uns als Generalplaner

beim Projekt Volkskundemuseum

dafür eingesetzt, dass die ursprüngliche

Projektvorgabe – nämlich der

Erhalt und die Sanierung der bestehenden

Gasheizung – abgeändert

wird und innerhalb des Sanierungsprojektes

auf eine resourcenschonende,

energiesparende Wärmepumpe

umgestellt wird.

Was macht gute Architektur aus, nach

welchen Kriterien definieren Sie sie?

Peter Rogl: Gute Architektur bietet

der Aufgabe angemessene, räumliche

Konzepte, die technisch auf höchstem

Niveau umgesetzt werden. Das

ist uns nicht genug. Sehr Gutes und

Unverwechselbares entsteht durch

die Auseinandersetzung mit der DNA

eines Standorts oder Bestandsgebäudes,

der Integration von Lösungen zu

Zukunftsthemen, den Nutzeranforderungen

und der Suche nach immer

neuen Lösungen und Innovation. Es

ist wie kommerzielle Markenmode im

Unterschied zur Haute Couture! Es

ist wie kommerzielle Kunst im Unterschied

zur Avantgarde!

© janusch


www.architektur-online.com

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querkraft

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der Menschen: Ausreichend Tageslicht als wesentlicher

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architektur PEOPLE

48

Christophe Lenderoth, Marcel Bartsch & Moritz Feid

Pionierprojekt

für echte

Kreislaufwirtschaft

Interview mit Christophe Lenderoth, Marcel Bartsch und Moritz Feid

Fotos: Mediashots

Vor dem Hintergrund der ambitionierten EU-weiten

Klimaziele nimmt die Nachhaltigkeit in der Baubranche

längst einen zentralen Stellenwert ein. Speziell

die Fassadensanierung im Gebäudebestand bietet

enorme Potenziale. In einem Pilotprojekt wurde nun

am Büro- und Produktionsgebäude des Metallbau-

Unter nehmens Lenderoth in Bremen erstmalig eine

komplette Aluminium-/Glas-Fassade zurückgebaut,

recycelt und wieder montiert. Im Interview erläutern

Christophe Lenderoth (Christophe Lenderoth GmbH,

mitte), Marcel Bartsch (WICONA, rechts) und Moritz

Feid (Saint-Gobain Glass, links) die Hintergründe und

erklären, wie echte Kreislaufwirtschaft in der Praxis

funktionieren kann.

Wie zeigt sich die Nachhaltigkeit aktuell

konkret in der Baubranche?

Moritz Feid: Das Thema Nachhaltigkeit

gewinnt in der Baubranche gerade

sehr an Bedeutung. Nachhaltige

Produkte werden mehr denn je gefordert.

Zudem stellt der Markt auch

immer konkretere Anforderungen

an die Recyclingfähigkeit der bereits

verbauten Produkte. Das bedeutet für

den Glasbereich: Verglasungen sollen

aus Bestandsgebäuden zurückgebaut,

aufbereitet und im Rahmen der

Kreislaufwirtschaft wieder Einsatz in

neuen Gebäuden finden. Die Nachhaltigkeit

war lange Zeit ein nettes „Add-

On“, aber aktuell geht die Entwicklung

dahin, dass bestimmte Anforderungen

zu Standards werden.


www.architektur-online.com

49

Christophe Lenderoth, Marcel Bartsch & Moritz Feid

Christophe Lenderoth: Ich würde

das gerne ergänzen. Die Richtung

stimmt, aber es wird immer noch

viel zu wenig für die Nachhaltigkeit

getan. Beim Weltwirtschaftsforum

in Davos ist der „Circularity Gap

Report“ vorgestellt worden. Dieser

sagt aus, dass wir im gesamten Wirtschaftskreislauf

lediglich eine Quote

von 7,2 % an funktionierender Kreislaufwirtschaft

haben. Das heißt, dass

93 % eben nur lineares Wirtschaften

ist – hier liegen noch riesige Potenziale

zur Ressourcenschonung. Und

genau da setzen wir jetzt aktiv an.

Marcel Bartsch: Wir beobachten,

dass die Nachhaltigkeit vor allem

auch bei Investoren und Bauherren

einen immer wichtigeren Stellenwert

einnimmt. Aber der Druck,

nachhaltig bauen zu müssen, ist

noch immer nicht groß genug. Das

wird aber sicher kommen – auch vor

dem Hintergrund der EU-Taxonomie.

Die derzeitige Marktlage mit stark

sinkendem Neubau-Geschäft bietet

hier eine große Chance, um den Fokus

noch klarer auf Revitalisierung

und Sanierung zu richten und im

Sinne von Ressourcenschonung und

CO 2 -Einsparung die Kreislaufwirtschaft

voranzubringen.

Um hier nun konkreter zu werden.

Welchen Stellenwert hat die

Nachhaltigkeit bei Lenderoth, bei

Saint-Gobain Glass und Wicona?

Christophe Lenderoth: Die Nachhaltigkeit

ist für uns als Metallbauer

enorm wichtig – wir wollen hier

eine Vorreiterrolle einnehmen. Das

gilt nicht nur für unsere internen

Betriebsabläufe, sondern vor allem

auch für unsere Projekte. Wir

bieten unseren Kunden entweder

direkt oder als Alternative Fenster-

und Fassadenlösungen an, die

die geringstmögliche CO 2 -Emission

haben. Dabei denken wir ganzheitlich:

Wir wollen nicht nur eine

energieeffiziente Fassade bauen,

sondern legen auch größten Wert

darauf, Materialien zu verwenden,

die besonders CO 2 -sparend hergestellt

werden. Hier steht der Kreislaufgedanke

für uns im Fokus. Und

so sind wir ja auch dazu gekommen,

gemeinsam mit WICONA und

Saint-Gobain diese einzigartige

Revitalisierung an unserer eigenen

Gebäudefassade anzugehen.

Marcel Bartsch: Für uns bei WICONA

hat die Nachhaltigkeit einen extrem

hohen Stellenwert. Inzwischen haben

wir schon seit fast sechs Jahren

unsere nachhaltige Aluminiumlegierung

Hydro CIRCAL 75R im Markt.

Und seit 2023 verfügen wir mit Hydro

CIRCAL 100R über eine Legierung,

die zu 100 % aus End-of-Life-Aluminium

besteht und mit durchschnittlich

0,5 kg CO 2 pro kg Aluminium

über den im weltweiten Vergleich

geringsten CO 2 -Fußabdruck verfügt.

Moritz Feid: Auch bei Saint-Gobain

Glass steht das Thema Nachhaltigkeit

in der Mitte des Unternehmens.

Wenn wir aktuell über die wesentlichen

Handlungsfelder der nächsten

Jahre sprechen, dann ist das Vorhaben,

Vorreiter beim nachhaltigen

Bauen zu werden, eine der Hauptsäulen.

Wir können als großer Baustoffhersteller

natürlich die Synergien

der einzelnen Marken nutzen. Das

heißt, wir haben Saint-Gobain Glass,

wir haben Isover, Rigips, Weber und

so weiter. Und jede Marke hat bereits

nachhaltige Lösungen entwickelt –

wir von Saint-Gobain Glass haben

mit ORAÉ das erste CO 2 -reduzierte

Glas in den Markt eingeführt. Dieses

bietet für den Glasbereich einen

CO 2 -Fußabdruck von nur 6,64 kg

CO 2 -Äquivalent pro m² (bei 4 mm

Glasdicke). Wenn wir es jetzt schaffen,

diese einzelnen Marken miteinander

zu verbinden, verfügen wir

über einen ganzheitlichen Ansatz,

um die Materialien bzw. Rohstoffe

wirklich im Kreislauf laufen zu lassen.

Deswegen ist das hier auch ein sehr,

sehr interessantes Projekt mit der

Firma Lenderoth zusammen.

Das Bürogebäude des renommierten Metallbauunternehmens

Lenderoth in Bremen erstrahlt in neuem

Glanz – und das nicht nur aufgrund einer ästhetischen

Modernisierung, sondern vor allem dank eines wegweisenden

Schritts in Richtung echter Kreislaufwirtschaft.

Erstmalig wurde eine komplette Aluminium-Glas-Fassade

zurückgebaut, recycelt und wieder montiert.

Wie ist die Idee entstanden, bei Lenderoth

erstmals die komplette Fassade

eines Büro- und Produktionsgebäudes

zu recyceln?

Christophe Lenderoth: Wir haben

hier am Standort in Bremen eine

Fassade aus den 1970er-Jahren.

Diese entsprach nicht mehr den

heutigen Anforderungen in puncto

sommerlicher Wärmeschutz und

Wärmedämmung. Vor dem Hintergrund

der extrem gestiegenen Energiepreise

wollten wir so schnell wie

möglich tätig werden und sanieren.

So haben wir uns dazu entschieden,

eine moderne Fassade aus Glas und

Aluminium mit möglichst geringem

Ressourcenverbrauch und maximal

möglicher CO 2 -Einsparung zu realisieren.

Dabei war für uns schnell

klar, dass wir Nachhaltigkeit hier

ganzheitlich denken müssen und

auch die Entsorgung der Bestandsfassade

im Sinne der Kreislaufwirtschaft

nicht außer Acht lassen

dürfen. Für dieses ambitionierte

Projekt haben wir mit WICONA und

Saint-Gobain Glass wirklich großartige

Partner gefunden.

u


architektur PEOPLE

50

Christophe Lenderoth, Marcel Bartsch & Moritz Feid

Was ist das Besondere an dem

Projekt bzw. wie war der Ablauf?

Marcel Bartsch: Für uns ist dieses

Projekt eine Weltpremiere und ein

Vorzeigeprojekt für echte Kreislaufwirtschaft.

Hier hatten wir einfach

die Möglichkeit, in unserer bewährten

WICTEC 50 Pfosten-Riegel-Fassade

mit Hydro CIRCAL 100 R eine

Aluminiumlegierung einzusetzen,

die zu 100 % aus End-of-Life-Material

besteht. Das bedeutet: Aus Alt

macht Neu – so banal das klingt. Alte

Aluminiumelemente wurden ausgebaut,

sortiert und in unserem Recyclingwerk

in Dormagen im Rahmen

eines patentierten Recyclingprozesses

aufbereitet. Letztendlich sind so

neue Profile entstanden, die hier bei

Lenderoth wieder verbaut wurden –

echte Kreislaufwirtschaft ganz ohne

den Einsatz von Primär-Aluminium.

Moritz Feid: Das gilt für die Verglasungen

ganz genauso. Das Interessante

an dieser Fassade hier – und

das steht gleichzeitig beispielhaft für

den Ansatz der Kreislaufwirtschaft –

ist, dass das alte Glas vor Ort auf der

Baustelle ausgebaut und gesammelt,

zu Scherben aufbereitet, dann in der

Float-Anlage eingeschmolzen und

schließlich wieder zu neuen Isoliergläsern

verarbeitet wurde. Und solche

Isoliergläser aus ORAÉ Glas wurden

schlussendlich hier in der Fassade

eingebaut. Hier zeigt sich auch die erfolgreiche

Zusammenarbeit zwischen

den Abteilungen für Recycling und

Vertrieb, um eben beide Facetten des

Bauvorhabens zu bedienen – Rückbau

und Neuverglasung.

Christophe Lenderoth: Genau. Wir

wollten gemeinsam mit der Fassade

neue Wege gehen, weiterdenken und

natürlich auch für Aufmerksamkeit

sorgen. Die Fassade stellt in Norddeutschland

zum jetzigen Zeitpunkt

ein echtes Leuchtturmprojekt dar. In

Zusammenarbeit mit WICONA und

Saint-Gobain Glass haben wir unsere

Fassaden-Revitalisierung komplett

aus Sekundär-Rohstoffen realisieren

und so insgesamt 24,6 Tonnen CO 2

einsparen können.

Unterscheidet sich das vom Bauablauf

her oder vom Planungsablauf

her von einem klassischen Metallbauprojekt?

Christophe Lenderoth: Der Ablauf

ist genau wie bei jeder anderen

Fassadensanierung. Wir müssen lediglich

beim Rückbau der Fassade

etwas mehr darauf achten, dass die

Materialien getrennt und entsprechend

sortiert werden. Vor diesem

Hintergrund haben wir für Glas und

Aluminium zwei unterschiedliche

Container aufgestellt. Das heißt, der

Rückbau muss so geplant werden,

dass die Entsorgung dann auch in

die entsprechenden Recyclingwerke

von Hydro bzw. Saint-Gobain Glass

gehen kann.

Marcel Bartsch: Wenn ich das ergänzen

darf: Vor dem Hintergrund

des Urban Mining heißt das natürlich

auch ganz allgemein: Wir müssen bei

unseren Projekten heute schon an

die Zukunft denken und somit jetzt

den Rückbau der vorhandenen Ressourcen

in 30-50 Jahren mitdenken.

Produkte müssen nachhaltig designt

werden, um die Sortierung und Materialtrennung

zu vereinfachen. Nur so

können diese dann auch wiederverwendet

im Kreislauf bleiben.

Zum Abschluss noch ein Ausblick.

Was meinen Sie: Wird die kreislauffähige

Fassade in Zukunft zum Standard

beim Bauen?

Moritz Feid: Ja sicher. Wir sprechen

von einer Transformation der Sektoren.

Und die Baubranche ist ein

großer Sektor. Die Baubranche verursacht

sehr viel CO 2 -Emissionen. Und

deswegen können wir uns davor nicht

verschließen. Ich gehe sogar davon

aus, dass wir in den nächsten Jahren,

also bis 2030 spätestens, von starken

gesetzlichen Regularien dominiert

sein werden. Und wir müssen dann

zwingend Rohstoffe systematisch

zurückgewinnen, wiederverarbeiten

und wieder einbauen. Daher auch der

Aufbau einer eigenen Abteilung bei

Saint-Gobain für das Recycling von

End-of-Life-Produkten.

Christophe Lenderoth: Guter Punkt.

Gerade bei den Regularien wünsche

ich mir sehr, dass die Politik schnell

für mehr Verbindlichkeit und Sicherheit

sorgt. Die Vorgaben sind derzeit

einfach noch zu undurchsichtig. Aber

nochmal zur Frage: Ja, die kreislauffähige

Fassade wird Standard,

denn die „Circular Economy“ ist der

Schlüssel zur Eindämmung des weltweiten

Ressourcenverbrauchs. Von

daher: Wir haben keine andere Wahl.

Marcel Bartsch: Das stimmt. Auf

Dauer können wir nicht mehr einfach

so mit Primär-Rohstoffen bauen. Wir

müssen schon jetzt entschieden alles

dafür tun, die Kreislaufwirtschaft

in der Bauwirtschaft weiter voranzutreiben.

Wir haben die Technologien

und müssen jetzt aktiv werden. Das

geht jedoch nur gemeinsam mit starken

Industriepartnern.

Das Pionierprojekt in Bremen hat in Deutschland

zwischenzeitlich auch auf höchster Regierungsebene

Aufmerksamkeit erzielen können. Am 9. Juli war Klara

Geywitz, die Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung

und Bauwesen, zu Besuch bei Christophe

Lenderoth. Gemeinsam mit Marcel Bartsch, Torge Drews

und Christian Mettlach von WICONA wurde sie aus

erster Hand über das Paradebeispiel für echte Kreislaufwirtschaft

in der Praxis informiert.


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architektur PEOPLE

52

Ludescher + Lutz

In Resonanz

mit der Umgebung

Interview mit Elmar Ludescher und Philip Lutz

Interview: Andreas Laser

Das Vorarlberger Architekturbüro Ludescher + Lutz steht für Architektur, die weit

über das reine Bauen hinausgeht. Mit einem tiefen Verständnis für die kulturelle

und landschaftliche Einbettung ihrer Projekte, schaffen sie Räume, die sich harmonisch

in ihre Umgebung einfügen und gleichzeitig neue Potenziale freilegen. Im

Interview sprechen wir mit Elmar Ludescher und Philip Lutz über ihre Philosophie,

wie Handwerk und Tradition in ihre Arbeit einfließen, und warum Architektur

immer auch eine Form von Resonanz mit dem Umfeld sein soll.

© Klaus Vyhnalek


www.architektur-online.com

53

Ludescher + Lutz

Was hat Sie damals motiviert, ein eigenes

Büro zu eröffnen, und welche

Vision hatten Sie dabei?

Philip Lutz: Frei sein. Keinen Chef

haben.

Elmar Ludescher: Ich habe bereits

während meines Studiums bei Dietmar

Eberle praktiziert und mir gleich

gedacht, „Das Berufsbild hat sicher

noch mehr zu bieten“. Philip und ich

haben in Wien studiert – er bei Hans

Hollein auf der „Angewandten“, ich

bei Gustav Peichl auf der „Bildenden“.

Wir sind beide recht früh in

die Selbstständigkeit gegangen. Bei

mir war der Anstoß ein gewonnener

Wettbewerb 1998 oder 1999, der mir

die Chance bot, erstmalig meine eigenen

Ideen umzusetzen.

Philip Lutz: Ich war nach der „Angewandten“

noch an der Columbia

in NYC, um Städtebau zu studieren.

Dieses Thema war für mich bis dahin

immer eine Art schwarzes Loch.

Beim Studium in Wien wurden ständig

geheimnisvolle Argumente aus

dem Städtebau herangezogen und

nicht näher erläutert. Es hieß in verschiedenen

Situationen: „Städtebaulich

geht das gar nicht!“ Das war ein

Argumentationsfeld, aus dem sich

erfahrene Architekten bedienen

konnten, und das ich für mich erschließen

wollte.

Kennengelernt haben wir uns zunächst

über einen gemeinsamen

Freund, als wir unsere eigenen Büros

bereits hatten. Wirklich zueinandergefunden

haben wir über einen

gemeinsamen Wettbewerb. Diesen

haben wir zwar nicht gewonnen, aber

die Zusammenarbeit und die Kommunikation

haben funktioniert. In der

Folge konnten wir weitere Wettbewerbe

bestreiten und 2010 dann auch

gemeinsam mit Gerhard Aicher und

Zechner & Zechner den Wettbewerb

zur Seestadt Bregenz gewinnen. Das

war für uns der Anlass, unsere beiden

Büros zusammenzulegen.

© Ludescher + Lutz Architekten

Auf dem Postareal und Gemeindeplatz, Egg, schafft ein kräftiger, punktförmiger Baukörper mit

Walmdach, einen neuen Fixpunkt im Ortszentrum. Er ordnet die vielen Teilräume des Ortes um sich

herum neu und spannt einen Dorfplatz im Süden auf.

Wie würden Sie Ihre architektonische

Philosophie beschreiben?

Philip Lutz: Unser Fokus liegt immer

in einer sehr ernsthaften Aufarbeitung

eines gegebenen Ortes.

Wir sind überzeugt davon, dass in

Europa die Orte immer schlechter

werden, sie werden immer verwässerter

und chaotischer. Man braucht

sich nur alte Fotografien anzusehen

und merkt gleich, wie geschlossen

Ortsbilder und Straßenräume früher

waren und welche Rolle Fußgänger

spielen durften. Man erkennt, wie

diese Qualitäten in den letzten vielleicht

80 Jahren Zug um Zug demontiert

wurde. Autos und Einkaufszentren

haben die Welt erobert und

der Baustil dazwischen ist ein reines

Durcheinander. Mit den meisten

Ortsbildern in Österreich sind wir gar

nicht einverstanden.

Wir versuchen deshalb bei jedem

Projekt, dass es Anknüpfungspunkte

im Umfeld aufgreift, und ein guter

Teil des jeweiligen Ortes wird, damit

dieser sein Potential entwickeln

kann, ein spezifisches Aroma oder

etwas wie einen Klang – das Ganze

muss klingen. Unsere Projekte sollen

kein Schrei sein, sollen den Ort

keinesfalls dominieren oder in eine

ganz neue Richtung bringen. Wir suchen

nach der Stimmung, die dem

Ort innenwohnt und versuchen diese

Stimmung mit unserem Projekt zu

bereichern.

Elmar Ludescher: Wir suchen nicht

so sehr den Kontrast in unserer Arbeit,

sondern eher die Synthese mit

dem Ort. Wir versuchen Atmosphären

herauszuarbeiten, zu verdichten

und den Ort positiv aufzuladen. Der

Funke muss überspringen, damit wir

zur Essenz des Projektes gelangen.

Diese Essenz bewahrt und entfaltet

ihr Aroma am jeweiligen Ort. Wir

glauben, dass es vielfach übertriebene

architektonische Ambitionen gibt,

und dass es manchen Situationen

besser täte, wenn man den Ball flach

hielte. Das soll nicht heißen, dass wir

auf Gestaltung verzichten, sondern

im Gegenteil, dass diese besonders

sorgfältig sein muss, um sie in das

bestehende Umfeld einzubinden. Im

Idealfall sind unsere Projekte Puzzlestücke,

die den Ort vervollständigen

und optimal ergänzen. Wir wollen

Menschen berühren, indem wir schöne

Häuser bauen. Unsere Architektur

geht über das Notwendige hinaus,

mit dem Ziel, etwas Angemessenes

und Ganzes zu generieren.

Gibt es ein Projekt, das diese Philosophie

besonders repräsentiert?

Elmar Ludescher: Die neue Zentrumsverbauung

in Egg im Bregenzerwald,

die gerade im Fertigwerden

ist, wäre hier ein schönes Beispiel.

Egg gilt als das Tor zum Bregenzerwald

und der Platz ist ein wichtiger

Verkehrsknotenpunkt. Die Basis

war das alte Posthaus – ein langgestreckter,

freistehender Baukörper

aus den 1950er-Jahren. Unser Ansatz

war es, dass wir den Platz ganz

bewusst mit einem hohen punktförmigen

Baukörper besetzen wollten,

um dem Ort wieder eine Mitte zu

geben, die ihm über die letzten Jahrzehnte

abhandengekommen ist. Der

Teil, der für die Infrastruktur der Post

wichtig ist, wurde stehengelassen.

Unser Haus haben wir dann darauf,

bzw. daneben gesetzt. Vor dem Haus

spannt sich nun eine große einheitliche

Platzfläche auf und weitere Verbindungswege

zum neu angelegten

Busbahnhof wurden geschaffen. Der

Platz wird so zu einer neuen, einladenden

Mitte für Egg.

u


architektur PEOPLE

54

Ludescher + Lutz

Wie erreichen Sie in Ihren Projekten

die Balance zwischen den Anforderungen

moderner Architektur und

dem Respekt vor der Landschaft und

der lokalen Kultur?

Philip Lutz: Die Kraft eines Ortes

und die Landschaft sind immer der

Hintergrund, den man wahrnehmen,

erkennen und wertschätzen muss.

Dann erspart man sich auch viele

unnötige Aufregungen und Kämpfe.

Wir würden z.B. nie einfach 3.000

Kubikmeter Erde verschieben, um

künstlich eine Ebene zu planieren.

Wenn die Landschaft geneigt ist,

dann kann man vielleicht auch daraus

einen Nutzen ziehen oder muss

sich ihr anpassen, indem man das

Bauvolumen gliedert oder mit dem

Hang verknüpft. Ähnlich ist das mit

dem kulturellen Hintergrund einer

Landschaft. Die Akzeptanz der Menschen

vor Ort ist ein Schlüsselfaktor

für ein gelungenes Projekt, von der

unter anderem Gastronomieobjekte

und daher ihre Betreiber besonders

stark profitieren können. Was wir

nicht täten, wäre der Entwurf von

Fertighäusern, die nicht an einen Ort

© Adolf Bereuter

Das Stuhldesign für die Umbrüggler Alm rundet das architektonische Konzept perfekt ab. Es steht

in der Tradition alpiner Stühle mit einfachen Steckverbindungen, so genannten Stabellen.

gebunden sind. Das würde mit Sicherheit

schiefgehen.

Wie gehen Sie da konkret vor,

um das zu bewerkstelligen?

Elmar Ludescher: Wir denken über

das Grundstück hinaus und spannen

den Bogen von der Einbindung

in die Landschaft bis zur Gestaltung

der Details. In diesem Brückenschlag

zwischen öffentlicher und privater

Wahrnehmung sehen wir das Potential

von Architektur. Die Kulturlandschaft

ist unser größtes gemeinsames

Kapital. In Resonanz mit der

Umgebung verstärken gute Gebäude

die Kraft eines Ortes. Wir versuchen,

unseren Teil dazu beizutragen.

Philip Lutz: Unser Betrachtungsrahmen

ist am Anfang recht weit

gespannt. Wir ziehen einen Kreis

von etwa einem Kilometer und analysieren,

welche Gebäudegrößen,

Blickachsen und Beziehungen wir

vorfinden. Bei freistehenden Gebäuden

in einer offenen Landschaft muss

man da eventuell auch deutlich weiter

gehen. Speziell in hügeligen Gegenden

ist es oft überraschend, von

welcher Entfernung und aus welchen

Winkeln ein Gebäude einzusehen ist.

Auch lokales Handwerk und regionale

Materialien scheinen bei Ihren

Entwürfen einen hohen Stellenwert

einzunehmen.

Keramische Becher sind ein weiteres

Beispiel für Details, bei denen Ludescher

+ Lutz über die Grenzen der klassischen

Architekturgestaltung hinausgehen.

Philip Lutz: Auf jeden Fall. Wir richten

hier den Fokus auf machbare

Architektur und nicht auf komplexe

Technik. Wir halten demzufolge auch

nichts von sprunghaften Innovationen,

bei denen unser Bauherr zum

Versuchskaninchen von Industrie

und Planern wird. Man kann vielleicht

sogar sagen, wir sind der Industrie

und deren Produkten gegenüber oft

misstrauisch. Wir haben keine Lust,

irgendwelche Teile ungewisser Herkunft

einzukaufen, die dann eventuell

kaputt gehen und alle Betroffenen

ratlos zurücklassen. Bauen ist eine

alte Kunst und mit lokalen Handwerkern

und Partnern lassen sich

auch Details besser umsetzen oder

abstimmen, als wenn wir nur auf industrielle

Komponenten zurückgreifen

müssten. Natürlich sind wir froh

über z.B. Dachfenster. Solche Bauteile

kann ein Handwerker nicht einfach

anbieten. Zusammenfassend sei gesagt:

Wir haben in Österreich immer

noch eine sehr gute Handwerkerschaft,

die bereit ist, sich auch mal

den Kopf zu zerbrechen und sich auf

ein Projekt einzulassen. Das schätzen

wir sehr.

Elmar Ludescher: Es ist uns wichtig,

wie die Dinge gemacht sind. Deshalb

suchen wir den Kontakt zu den

Handwerkern. Uns gefällt das Solide,

das Echte, Materialien mit Bodenhaftung,

die langlebig und ökologisch

sinnvoll sind. Die beste aller Dekorationen

ist gutes Handwerk.

Ein weiterer Aspekt Ihrer Arbeit liegt

in den Details wie speziellen Objekten

und Möbeln. Können Sie uns

mehr dazu verraten?

Philip Lutz: In unseren Workshops

und im Windschatten von größeren

Projekten haben wir öfter allgemeinere

Details oder auch Nutzgegenstände

entwickelt. Beispielsweise

keramische Becher, oder ein

Beschriftungssystem, für die Landesbibliothek

Bregenz, das aus Eisenlettern

besteht, welche mittels

Magnethalterung einfach neu angeordnet

werden können.

Das zeigt für uns die Macht von

Architektur, die zu Ende gedacht

ist. Man könnte sich auf das Haus

beschränken, seine Arbeit machen

und heimgehen. Wenn man aber

versucht, die Fühler auszustrecken,

die Landschaft miteinzubeziehen

und auch so lange am Ball bleibt,


www.architektur-online.com

55

Ludescher + Lutz

dass man sich Gedanken über Details

macht, z.B. was auf oder neben

dem Tisch steht, dann bekommt das

Haus viel mehr Spannweite; intellektuell,

emotional und haptisch. Und da

schließt sich auch wieder der Kreis

zu den engagierten Handwerkern.

Weil sowas können wir nicht einfach

bestellen. Wir glauben, dass sich

durch die Spannweite der Betrachtung

eine große Kraft entfaltet und

ein großes Potenzial der Architektur

erschließen lässt.

Elmar Ludescher: Wir haben beispielsweise

für die Umbrüggler Alm

in Innsbruck einen Stuhl entwickelt,

der in einer Tradition alpiner Stühle

mit einfachen Steckverbindungen,

so genannten Stabellen steht. Er

nimmt Bezug auf die eigenwilligen

Stuhlentwürfe der 1920er-Jahre im

alpinen Raum. Der Stuhl mit seinen

geradlinigen Massivelementen erfordert

in seiner Herstellung viel Tischlerkunst,

Engagement und Passion.

Wir hatten eine große Freude, als der

Stuhl in den fertigen Räumen stand

und sich alle Elemente gegenseitig

perfekt unterstützten.

Wir sind der Meinung, das bereichert

ein Projekt ungemein und gibt ihm

eine neue Dimension. Es erfordert

aber auch viel Kraft und nicht zuletzt

eine Bauherrschaft, die mit solchen

Gedanken mitgeht. Wir sind sehr interessiert

daran, die Räume und ihre

Atmosphäre fertig zu denken. Das hat

auch etwas mit der Ausführung und

der handwerklichen Qualität der Dinge

zu tun, und dementsprechend auch

mit den Möbeln. Wir sind da schon

auch manchmal etwas hartnäckig.

Welche Wirkung sollen Innenräume

im besten Fall auf die Benutzer haben.

Elmar Ludescher: Dieselbe wie die

Architektur. Am besten werden Innen

und Außen zu einer inspirierenden

Gesamtsituation. Wir verbringen 90 %

unsere Zeit in Gebäuden, darum ist uns

wichtig, wie die Dinge gemacht sind.

Philip Lutz: Im Idealfall entsteht eine

neue Welt, ein eigener kleiner Kosmos,

und für den Besucher ist es im Augenblick

der Ankunft nicht mehr so,

wie es gerade vor ein paar Stunden in

Innsbruck oder vorgestern in einer anderen

Stadt gewesen ist. Man nähert

sich einer Situation von außen an, kann

immer mehr entdecken und fühlt sich

immer fester verankert in einer neuen,

einer einzigartigen Atmosphäre.

An exponierten Stelle steht das neue Weingut Schmidt, das gleichermaßen der Weinproduktion,

der Obsternte und der Gastronomie dient. Das Projekt nutzt den Höhenunterschied des Gipfels, um

ebenerdig den Weinkeller zu erschließen.

Elmar Ludescher: Man kann das

Innen vom Außen nicht wirklich

trennen. Es sollte eine durchgehend

spannungsvolle Geschichte sein, die

beim Erleben eines Gebäudes erzählt

wird.

Was wird Architektur in Zukunft leisten

müssen, um den Bedürfnissen

der Menschen gerecht zu werden?

Philip Lutz: Wenn man es gesellschaftlich

und raumplanerisch ergründet,

dann sehen wir ein Europa

der Mobiliät und des „Overtourism“.

Das wird zu einem Mega-Problem,

denn dieses ständige „Ort wechseln

müssen oder wollen“ hat den

Status einer Volkskrankheit. Was

bleibt, sind völlig belanglose und

zersiedelte Landschaften mit Straßen,

Großparkplätzen, Skistationen

– lauter Orte des Transits, und die

Menschen sind zunehmend nur noch

in Bewegung, in gewissem Ausmaß

auf der Flucht. Es wäre gut, wenn

man überall bessere Umgebungen

hätte, und es direkt im Wohnumfeld

angenehmer wäre. Dann könnten die

Menschen vielleicht mit gutem Gefühl

auf einen Teil ihrer Reisen verzichten

und hätten mehr Identifikation

mit dem eigenen Umfeld.

Wie können Sie als Architekten

das unterstützen?

Elmar Ludescher: Indem wir nicht

austauschbare Orte schaffen, sondern

unverwechselbare Situationen.

Das gibt Identifikation und in Folge

noch ganz viele weitere positive Verstärkungen.

Es gibt Nachbarschaft,

es gibt Engagement, ein Mitwirken

und ein „Bescheid wissen“. Solche

Aspekte sollte man in unserer Zeit,

ganz jenseits von billiger Heimattümelei,

zurückerobern und nicht

leichtfertig aufs Spiel setzen.

Welche Projekte würden Sie gerne

realisieren, wenn Sie sich etwas wünschen

dürften?

Philip Lutz: Ich würde gerne am

Karls platz etwas bauen. (lacht)

Elmar Ludescher: Es muss nicht

gleich der Karlsplatz sein, aber ein

innerstädtisches Passstück, ein Gelenk,

ein schwieriger Ort in Wien oder

einer anderen Großstadt wäre fantastisch.

Wir haben jetzt schon einiges

in der freien Landschaft gebaut.

Im Spannungsbogen unserer Werkschau

würde uns deshalb ein urbanes

Projekt sehr interessieren. •

www.ludescherlutz.at

© Elmar Ludescher

© Elmar Ludescher


architektur PEOPLE

56

OFFORA

Mehr Home

im Office

Interview mit Natalie Pichler von OFFORA

Interview: Edina Obermoser Fotos: Florian Schwarz

Rund ein Drittel unseres Tages verbringen

wir am Arbeitsplatz – für Natalie

Pichler und Jürgen Holler ist deshalb

klar, dass dieser Raum besondere

Aufmerksamkeit verdient. Mit OFFORA

hat sich das Duo gemeinsam der

Gestaltung zukunftsorientierter Bürokonzepte

verschrieben. Das Innenarchitektur-

und Designstudio mit Sitz in

Linz und Wien entwickelt individuelle

Lösungen, begleitet Unternehmen vom

ersten Schritt bis zur Fertigstellung

und rückt dabei stets die Nutzer:innen

in den Mittelpunkt. Im Interview

spricht die Produkt- und Interior Designerin

über ihre Herangehensweise an

Entwürfe und Herausforderungen bzw.

Trends in der Büroarchitektur. Außerdem

erklärt sie, welche Qualitäten der

Arbeitsplatz von morgen braucht und

wie man auf den Trend zum Homeoffice

reagieren sollte.


www.architektur-online.com

57

OFFORA

Der ING-Standort in Wien sollte mit viel Grün und

Vintage- Akzenten nicht nur die Wurzeln des niederländischen

Unternehmens widerspiegeln, sondern auch die

Werte bzw. Arbeitsweise der Bank repräsentieren und

die Zusammenarbeit der Mitarbeiter:innen fördern.

Was hat der Name Ihres Büros mit

einem Marktplatz zu tun? Inwiefern

beschreibt er Ihre Philosophie und

wie sind Sie zur Gestaltung von Arbeitswelten

gekommen?

Der Name OFFORA ist eine Kombination

aus den Begriffen Office

und Agora. Agora kommt aus dem

Griechischen und bedeutet Marktplatz.

Als sozialer Ort, an dem Leben

herrscht, man sich trifft und

austauscht, ist damit Arbeitsräumen

sehr ähnlich. Während Jürgen vor

der Gründung von OFFORA in der

Büromöbel-Branche tätig war, hatte

ich bereits im Studium ein großes Interesse

für die Büroraumgestaltung.

Für uns beide stellt das Büro einen

spannenden Raum dar, in dem wir

zumindest ein Drittel unseres Tages

verbringen – Tendenz steigend. Er

entwickelt sich immer mehr zum Lebensraum

und durchläuft nicht erst

seit der Corona-Pandemie einen starken

Wandel. Wir wollen Büroräumlichkeiten

gestalten, die sich positiv

auf ihre Nutzer:innen auswirken.

Sie wollen mit Ihren Kund:innen beim

Office-Design neue Wege gehen.

Wie sehen diese aus und worin unterscheiden

sie sich von traditionellen

Herangehensweisen?

Wir verstehen uns nicht nur als Designer,

sondern decken von der

Grundlagenanalyse bis hin zur örtlichen

Bauaufsicht sämtliche Leistungsphasen

ab. Dabei wollen wir

nicht unsere persönliche Vorstellung

eines idealen Büros umsetzen, sondern

jedes Projekt optimal an die

Bedürfnisse der Kund:innen anpassen.

In der Praxis sieht der Ablauf

so aus, dass wir zu Beginn in sehr

engem Kontakt mit den Auftraggeber:innen

stehen und das Konzept

in Workshops ausarbeiten. Anstatt

einen fix fertigen Entwurf zu liefern,

beraten wir, hinterfragen und geben

Anregungen, um gemeinsam eine

stimmige Gestaltung zu entwickeln.

Dieser Ansatz ist zeitintensiv und

überfordert viele zunächst. Unseres

Erachtens lässt sich ein nachhaltiges

Büro aber nur realisieren,

wenn man genügend Zeit investiert.

Der Trend zum Homeoffice senkt

den Bedarf an Büroflächen. Wie reagiert

man darauf?

Unserer Ansicht nach wirkt sich der

Trend zum Homeoffice nicht in einer

Reduktion der Büro-Gesamtfläche

aus, sondern vielmehr in einer veränderten

Aufteilung. Der eigene Tischarbeitsplatz

ist kleiner und wird in seiner

traditionellen Form zunehmend

von flexiblen Desksharing-Konzepten

abgelöst. Dazu kommt, dass es

mehr Alternativen zum Schreibtisch

gibt wie kleine, ruhige Räume zum

konzentrierten Arbeiten oder für

ungestörte Videokonferenzen sowie

eigene Workshop-, Multifunktions-,

Ruhe- und Fitnessräume. Zugleich

wächst allerdings die Sozialfläche.

Der eingesparte Platz wird heute

gerne als Working Café genutzt, in

dem man gemeinsam kocht, Kaffee

trinkt, Fußball schaut, Feste feiert,

liest und vieles mehr.

Worin besteht Ihres Erachtens die

größte Herausforderung?

Die größte Challenge ist unseres

Erachtens, die Menschen aus dem

Homeoffice ins Büro zurückzuholen.

Damit das gelingt, braucht es

einiges an Überzeugung. Ohne ein

attraktives Angebot werden Mitarbeiter:innen,

bei denen es die Umstände

zulassen, zu Hause in Ruhe

zu arbeiten, den Arbeitsweg nicht

auf sich nehmen. Neben einer angenehmen

Büroumgebung können sich

auch zusätzliche Standorte positiv

auswirken, um die Anfahrt zu verkürzen.

Flurgespräche, After-work-

Events und Co. tragen nicht nur

dazu bei, dass man sich stärker mit

dem Unternehmen identifiziert, sondern

erhöhen auch die Produktivität

durch Serendipity. Gelingt es nicht,

dem Homeoffice-Trend entgegenzuwirken,

werden Arbeitgeber:innen

schnell austauschbar, weil der zwischenmenschliche

Austausch und

das Gemeinschaftsgefühl fehlen. u


architektur PEOPLE

58

OFFORA

Das Herzstück des modern und funktional

gestalteten ING-Offices bildet

das Working Café: Mit einer großzügigen

Bar sowie einer Vintage-Lounge

lädt es Gäste und Mitarbeitende

gleichermaßen zum Verweilen und

Austauschen ein.

Welche Qualitäten müssen zukunftsorientierte

Büroräume in Ihren Augen

haben? Wie sieht das Büro von

morgen aus?

In erster Linie muss das Büro an die

unterschiedlichen Arbeitsmodi angepasst

sein. Dabei geht es zum einen

um die Qualitäten des Arbeitsplatzes

(Akustik etc.) und die Bedürfnisse der

Mitarbeiter:innen (welches Angebot

passt zu deren Interessen), zum anderen

um die Ausstattung der Räume

(allen voran eine niederschwellig für

jede:n bedien- und benutzbare Medientechnik).

Das Büro von morgen

bzw. heute ist für uns das „Office as

a service“. Wir beschäftigen uns viel

mit dem Begriff „Hotelification“. Bei

diesem geht es darum, am Arbeitsplatz

einen hotelähnlichen Rundum-Service

anzubieten, der Arbeit

und Leben erleichtert: Dazu gehören

nicht nur Infopoint, Verpflegung und

flexibel mietbare Räume, sondern

auch zunehmend ein Angebot mit

Paketannahme, Wäscherei, Friseur:in

und Kindergarten. Meines Erachtens

geht der Trend außerdem dahin, dass

es in Zukunft sogar mögliche Schlafplätze

im Büro geben wird.

Worin sehen Sie besonders großes

Potenzial für neue Workspace-Lösungen?

Gibt es spannende Entwicklungen?

Besonders spannend finden wir, wie

immer mehr „Home“ im „Office“ Einzug

hält. Im Büro fließen sukzessive

Elemente von zu Hause ein, um Mitarbeiter:innen

so viel Lebensqualität

zu bieten, dass sie sich in der

eigenen Wohnung – die ohnehin immer

teurer wird – aufs Nötigste beschränken

können. Einen ähnlichen

Trend kennen wir aus Japan, wo

sich das Leben der Menschen immer

mehr in der Stadt und außerhalb der

eigenen vier Wände abspielt. Bei uns

könnte es in den Großstädten in eine

analoge Richtung gehen.

Welche Rolle spielen identitätsstiftende

Entwürfe? Inwiefern können

sich Büroräumlichkeiten auf ein Unternehmen

auswirken?

Identitätsstiftende Entwürfe spielen

vor allem bei Konzernen mit mehreren

Büros eine große Rolle. Sehen die

verschiedenen Standorte nicht nur

gleich aus, sondern fühlen sich auch

gleich an (indem Möbel, Materialien,

Equipment und Co. die gleiche Sprache

sprechen), werden sie von Mitarbeiter:innen

besser angenommen. Ein

Büro sollte außerdem das Unternehmen

und dessen Werte widerspiegeln.

Dafür gilt es, das Design entsprechend

abzustimmen. In den Sozialbereichen

verzichten wir bewusst auf

CI-Farben, um diese wirklich neutral

zu gestalten um gefühlt eine Auszeit

von der Arbeit zu schaffen.

Gibt es dazu ein Beispiel aus der Praxis,

welches diesen Entwurfsansatz

besonders deutlich zeigt?

Der Tractive-Campus verdeutlicht

diese Thematik. Bei ihm konnten

wir in Abstimmung mit den Eigentümer:innen

besonders auf die Bedürfnisse

der Mitarbeiter:innen

eingehen. In dem Unternehmen für

GPS-Tracker für Hunde und Katzen

spielt Tierliebe eine große Rolle.

Die Büroräumlichkeiten sollten so

gestaltet sein, dass sie bei Mitarbeiter:innen

mit denselben Werten und

Interessen gut ankommen und diese

anziehen. Deshalb grenzt das Objekt

an einen riesigen Wald bzw. Park und

es gibt z.B. Auslaufstellen sowie eine

Tagesbetreuung für Hunde. Im In-


www.architektur-online.com

59

OFFORA

neren runden von den Jahreszeiten

inspirierte Farben und viele Pflanzen

das tierfreundliche Design ab und repräsentieren

den Konzern.

Wie können Büroräume einen positiven

Einfluss auf die Produktivität

der Mitarbeiter:innen haben? Welche

Faktoren gilt es zu berücksichtigen?

Das „Office as a service“ soll den Mitarbeiter:innen

so viele Alltagsdinge

abnehmen, dass sie sich ganz auf die

Arbeit konzentrieren können. Zu den

Grundvoraussetzung bei der Gestaltung

gehören auch Basics wie der

Standort (Stichwort Anbindung), die

Orientierung (schlüssiges Leitsystem

für Mitarbeiter:innen und Externe),

einfach bedienbare Medientechnik,

gute Beleuchtung und Akustik

sowie ein angenehmes Raumklima.

Weiters muss es ein Angebot für verschiedene

Arbeitsmodi geben – gearbeitet

werden kann nicht nur am

Schreibtisch, sondern auch auf einer

Couch oder an der Bar bei einem

Kaffee. Flächen für Kommunikation

und Privatsphäre tragen ebenfalls zu

einem positiven Umfeld bei. Mit kleinen

Tricks lässt sich außerdem der

Austausch der Mitarbeiter:innen fördern:

Steht die Barista-Maschine mit

dem besten Kaffee im Working Café,

verwandle ich dieses automatisch in

einen Ort, an dem unterschiedliche

Abteilungen aufeinandertreffen.

Vom historischen Industriebau bis

hin zum angrenzenden Waldstück

– wie wichtig ist der Standort eines

Projektes und wie fließt dieser in Ihre

Entwürfe mit ein?

Die Umgebung ist für unsere Projekte

insofern interessant, als wir ihr

Angebot berücksichtigen: Gibt es in

der Nachbarschaft ein Fitnessstudio,

macht eine Kooperation in Form von

Vergünstigungen für die Mitarbeiter:innen

mehr Sinn als ein hauseigener

Sportraum. So lassen sich einzelne

Funktionen auslagern und es bleibt

mehr Platz für andere. Bei dem Digital

Future Space, dem Büro von Catalysts

in der alten Tabakfabrik in Linz, spielt

zudem der Denkmalschutz eine zentrale

Rolle. Respektvoll mit dem Bestand

umzugehen, stellt einen oft vor

spannende Herausforderungen.

Mit 2.500 m 2 bietet der preisgekrönte tractive Campus Coworking-Flächen, Begegnungszonen,

Naturnähe und Raum für Kreativität für bis zu 250 Mitarbeiter:innen – und deren Vierbeiner. Offene

Working Spaces gibt es hier ebenso wie Sitzecken und Rückzugsorte.

und inwiefern spielt Nachhaltigkeit

eine Rolle?

Wir orientieren uns bei der Auswahl

– sofern es bereits ein Büro gibt –

meist am Bestand. Vorhandene Möbel

und Materialien nutzen wir bestmöglich

weiter und stimmen neue

Elemente darauf ab. Außerdem achten

wir stark auf deren Preis-Leistung,

Regionalität und einen Stil, der

zum Objekt bzw. dem Unternehmen

passt. Nachhaltigkeit bedeutet für

uns hohe Qualität und Langlebigkeit,

weshalb wir anstelle von kurzlebigen

Trends auf ein minimalistisches Design

setzen, das auch nach Jahren

noch Gefallen findet.

Mit JUNA designen Sie auch eigene

Möbel – was bieten diese, was andere

nicht können?

Bei JUNA handelt es sich um eine

Marke von Jürgen und mir, Natalie

– darum auch der Name JU-NA. Wir

konzipieren hauptsächlich flexible,

regional produzierte Möbel, die nicht

fix eingebaut werden und sich mit

ihrem schlichten Design an verschiedenste

Benutzer:innen und Verwendungszwecke

anpassen. Die multifunktionalen

Stücke lassen sich an

verschiedene Situationen anpassen.

Je nach Bedarf dienen sie als Tisch

oder Workshop-Space und ersetzen

so ganze Räume. Das spart Platz

und Kosten im Büro und ist nachhaltig.

Für den Büromöbelproduzenten

Wiesner-Hager haben wir z.B. ein

mobiles Whiteboard entwickelt. •

www.offora.at

Wonach richtet sich die Auswahl von

Materialien und Möbeln? Welche

Qualitäten müssen diese mitbringen


architektur PEOPLE

60

Teresa Stillebacher

Abseits jeglicher

Schubladen

Interview mit Teresa Stillebacher

Interview: Linda Pezzei

Die Tiroler Architektin und Künstlerin Teresa Stillebacher

ist bekannt für ihre interdisziplinäre Arbeit im öffentlichen

Raum. Als Senior Scientist am ./studio3 – Institut für experimentelle

Architektur an der Universität Innsbruck, agiert sie

an der Schnittstelle zwischen Architektur, Kunstperformance

und Interventionen. Ihre Projekte, sowohl am Institut als

auch im eigenen Büro, betonen Nachhaltigkeit und gesellschaftliche

Relevanz, wie etwa ihre Installation in Wrocław,

die aus recycelten Materialien bestand und das kollektive

Kochen förderte. Stillebacher setzt sich für ressourcenschonende

Praktiken ein und integriert partizipative Elemente,

um Gemeinschaften zu stärken und Umweltthemen zu

adressieren. Ihre Arbeit verbindet künstlerische Kreativität

mit praktischen Lösungen für aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen.

Im Interview spricht die Gestalterin über

das Spannungsfeld zwischen Architektur, Kunst und Raum.

Was bedeuten für Sie Architektur und

Kunst, wo sehen Sie Schnittstellen,

was trennt die beiden Disziplinen?

In meiner Arbeit versuche ich, räumlich,

situativ und ortsbezogen zu

denken. Architektur und Kunst überschneiden

sich inhaltlich, unterscheiden

sich jedoch signifikant in der

täglichen Praxis. Während die Kunst

ein aktionistisches Potenzial besitzt,

das oft spontan und provokativ eingesetzt

wird, drückt sich dieses Potenzial

in der Architektur auf andere

Weise aus. Architektur hat nicht nur

die Fähigkeit, Produkt der Kultur zu

sein, sondern sie trägt auch aktiv

zur Kulturproduktion bei. An dieser

Schnittstelle ist wiederum die kritische

Haltung der Kunst – ebenso

wie die anderer Disziplinen – von

© Nina Ziegler


www.architektur-online.com

61

Teresa Stillebacher

KULT BOGENBAR: Die Lokalgestaltung in den Innsbrucker Viaduktbögen erfolgte in Kooperation mit Lino Lanzmaier.

entscheidender Bedeutung, um die

Rolle der Architektur in der Gesellschaft

bewusst zu hinterfragen und

zu gestalten. Ein wichtiger Aspekt in

diesem Kontext ist der Moment der

Überraschung und des Besonderen.

Dieser ist nicht nur kulturell bereichernd,

sondern auch identitätsstiftend.

Gebäude, Materialien, Objekte

und Details erzählen immer auch Geschichten

– und hier bietet die Kunst

die notwendigen Werkzeuge, um bewusste

Entscheidungen zu treffen.

Während die Kunst oft Autonomie

genießt, ist die Architektur an die

praktischen Anforderungen und Bedürfnisse

der Nutzer:innen sowie an

technische, finanzielle, gesetzliche

Vorgaben gebunden. Trotz dieser

Unterschiede bietet die Architektur

Raum für künstlerische Interventionen

und kritische Reflexion. Es ist

diese Dynamik zwischen den Disziplinen,

die es ermöglicht, dass sowohl

Kunst als auch Architektur ihre jeweiligen

Potenziale voll ausschöpfen

können – sei es durch die Gestaltung

von Räumen, die den Alltag prägen,

oder durch das Schaffen von Erlebnissen,

Ereignissen und Situationen,

die überraschen und inspirieren.

Ihre Architektur ist in ihrer Sprache

immer klar, aber auch poetisch – wie

wichtig sind für Ihre Arbeit die Menschen

und Geschichten, die dahinter

stehen?

Ein Projekt entsteht immer im Prozess.

Das bedeutet, dass das Design

nicht einfach über einen Ort gestülpt

wird, sondern sich vielmehr aus dem

Dialog mit dem Ort selbst sowie in

Gesprächen mit den Bauherr:innen,

Handwerker:innen und anderen Beteiligten

entwickelt. Unsere Aufgabe

ist es, trotz unterschiedlicher Ideen

und geschmacklicher Vorlieben eine

klare und durchgängige Gestaltung

zu schaffen, in der sich individuelle

Geschichten, Ideen und Menschen

dennoch widerspiegeln. Architektur

und Interior Design entstehen immer

in engem Zusammenhang mit den

Benutzer:innen und Bewohner:innen.

Es gibt häufig vorgefasste Vorstellungen,

die ich versuche zu verstehen

und zu übersetzen, sowie auch

aufzubrechen – das bedeutet, den

Horizont zu erweitern. Bauen ist immer

Teamarbeit, sei es im Büro, am

Institut, mit den Bauherr:innen oder

den Handwerker:innen. Kommunikation

und das Finden gemeinsamer

Lösungen sind dabei unerlässlich. Im

besten Fall entsteht eine Win-Win-Situation,

in der alle Beteiligten voneinander

profitieren und sich inspirieren.

Die Materialität spielt bei der Gestaltung

eine entscheidende Rolle. Meiner

Meinung nach sollte das Material

so natürlich wie möglich zur Geltung

kommen. Es darf altern und sich im

Laufe der Zeit verändern – dies betrachte

ich als einen wichtigen Aspekt.

Am schönsten ist es, wenn am

Ende alle glücklich sind und etwas

entsteht, das sich niemand zuvor so

hätte vorstellen können. Ein Beispiel

dafür ist die Gestaltung der KULT

BOGENBAR, die ich zusammen mit

Lino Lanzmaier für zwei Bauherr:innen

aus der Metal-Szene entwickelt

habe. Es war besonders spannend,

ihre Referenzen von Bars als Sehnsuchtsorte

ernst zu nehmen und in

zahlreichen Gesprächen die Essenz

dieser Orte in eine ungeschmückte

und authentische Form zu überset-

zen. Gleichzeitig war es entscheidend,

alte und neue Narrative, Humor

und überraschende Elemente

einzubringen, um den Raum lebendig

und einladend zu gestalten. Im Sinne

der Aneignung wurde eine große

Fläche bewusst freigelassen, um sich

allmählich zur Plakatwand zu transformieren,

die Wände in den Toiletten

wurden von einem befreundeten

Künstler bemalt.

u

ALL CAKE ALL NIGHT: Die architektonische und performative

Intervention all.cake.all.night entstand im Rahmen

des Magic Carpet Artist in Residence Programms in

Wrocław in Zusammenarbeit mit dem Wroclawski Instytut

Kultury durch Teresa Stillebacher in Partnerschaft

mit AestheticAthletics+.

© Stillebacher


architektur PEOPLE

62

Teresa Stillebacher

WHAT A WASTE ist ein Design Build Projekt in Kooperation mit

dem Heart of Noise Festival in Innsbruck, zusammen mit Verena

Rauch und Studierenden des ./studio3

Sie befassen sich auch mit Interventionen

und Ausstellungsdesign – wie

finden diese Projekte zu Ihnen?

Interventionen im urbanen Raum

entstehen oft aus Eigeninitiative,

durch Open Calls, Einreichungen

oder in Kooperation mit Universitäten

und der Stadt. Diese Projekte

bieten die Möglichkeit, persönliche

und gesellschaftliche Fragestellungen

zu bearbeiten. Dabei arbeite

ich häufig als Teil des Kunstkollektivs

AestheticAthletics+ oder mit

Studierenden und Kolleg:innen vom

./studio3 – Institut für experimentelle

Architektur zusammen. Die Interventionen,

die ich durchführe, bestehen

hauptsächlich aus räumlichen Eingriffen

und kleinen Architekturen,

die überwiegend im urbanen Raum

realisiert werden. Oft verfolgen sie

situationistische Ansätze, die sich

auf öffentlichen Raum, dessen Nutzung

und Partizipation konzentrieren.

Es geht darum, das alltägliche

Leben in die Straßen zu bringen und

Kunst mit dem Alltag zu verbinden.

Diese Projekte schaffen Plattformen

für neue Netzwerke, sowohl zwischen

den Besucher:innen als auch

zwischen der Kunst und dem alltäglichen

Leben.

Ein Beispiel ist das Projekt „ALL

CAKE ALL NIGHT“ in Wrocław, dessen

Ziel es war, eine offene Küche

für die lokale Gemeinschaft zu etablieren.

Wir, das Kollektiv Aesthetic-

Athletics+, wollten einen Raum

schaffen, in dem Menschen zusammenkommen,

kochen und Mahlzeiten

teilen können. Unser Ansatz war

es, Verbindungen ohne Vorurteile

zu fördern, um niederschwellige Gespräche

zu ermöglichen. Ähnlich,

wie Musik als universelle Sprache

Menschen verbindet, glauben wir,

dass gemeinsames Kochen und Essen

Barrieren zwischen Individuen

abbauen kann.

Für uns war es entscheidend, dass

dieses Projekt sowie andere Interventionen

im öffentlichen Raum

stattfinden, da diese eine zentrale

Rolle dabei spielen, Menschen zu

vernetzen. Wir wollten eine private

Aktivität in einen öffentlichen

Kontext übertragen und so eine besondere,

fast theatrale Umgebung

schaffen. Die Menschen sollten das

Gefühl haben, an einem einzigartigen

Ort zu sein und an einer besonderen

Aktivität teilzunehmen, die über den

Alltag hinausgeht und ihm eine tiefere

Bedeutung verleiht.

Die Architektur von „ALL CAKE ALL

NIGHT“ wie auch bei anderen Projekten

wurde aus gefundenen Objekten

und Materialien gebaut, die

wir bei Streifzügen durch die Stadt

gesammelt haben. Diese Arbeitsweise

ist intuitiv und reaktiv, wobei der

Entwurfsprozess nahtlos in den Bauprozess

übergeht. Im Kollektiv erfordert

diese Methode eine enge Kommunikation

und Konsensfindung, aus

der neue Designideen entstehen.

Im Ausstellungsdesign geht es vor allem

um Kommunikation und Klarheit

und darum, komplexe Themen in eine

verständliche Form zu bringen. Ich

finde Ausstellungsdesign besonders

spannend, weil es darum geht, vielfältige

Themen zu transportieren, die

mich oft persönlich interessieren. Es

stellt eine Herausforderung dar, diese

Themen zu abstrahieren und in eine

adäquate Sprache zu übersetzen, die

der Vermittlung gerecht wird.

Sie sind auch forschend tätig –

was beschäftigt Sie aktuell?

Am ./studio3 beschäftigen wir uns

derzeit unter anderem intensiv mit

dem Thema „Repair“. Dabei geht es

darum, als Architekt:innen, Gestalter:innen

und Planer:innen in Zukunft

mit vorhandenen Materialien zu arbeiten.

Meine Frage dazu lautet: Wie

können wir als Architekt:innen unsere

Handlungsfähigkeit bewahren, um

angemessen auf die Vielzahl ökologischer,

ökonomischer, politischer, gesellschaftlicher

und sozialer Herausforderungen

zu reagieren und aktiv

zu werden? Ein zentrales Anliegen

ist es, die politische Relevanz der

Architektur zurückzugewinnen und

gleichzeitig auf individueller Ebene

Strategien zu entwickeln, die auf

größere Herausforderungen übertragbar

sind. Statt neue Architekturen

zu entwerfen, konzentrieren wir

uns darauf, bestehende Gebäude

und Stadträume zu „reparieren“. Diese

Strategie kann auf verschiedenen

Ebenen umgesetzt werden, indem

wir die gebaute Umwelt als Ressource

betrachten und selbst weniger

ansprechend wirkender Architektur

neuen Wert zuschreiben.

Wir widmen uns Fragen der Adaptierung,

Sanierung, Umnutzung und

Assemblage. Dabei achten wir darauf,

dass traditionelle und unterdrückende

Gesellschaftsstrukturen nicht

durch Architektur fortwährend reproduziert

werden. Unsere Herausforderung

besteht darin, diese „Reparaturen“

nicht aus dem Blickwinkel des

Bestehenden, sondern durch neue

Ordnungsprinzipien zu betrachten.

Am ./studio3 arbeite ich auch mit

Studierenden an „Design-Build“-Projekten.

Dabei versuche ich, stets mit

gefundenen Materialien und Objek-

MOSHPIT


www.architektur-online.com

63

Teresa Stillebacher

ten zu arbeiten. In Zeiten der Ressourcenknappheit

sind zirkuläres

Bauen und die Wiederverwendung

von Baumaterialien von wesentlicher

Bedeutung und können bereits

im kleinen Maßstab erprobt werden.

Projekte wie „WHAT A WASTE“ und

„ISLA BONITA SCHROTT“ sind aus

diesem Ansatz entstanden. Beim

Eins-zu-Eins-Bauen mit Studierenden

wird der Gemeinschaftsgedanke

spürbar. Während des Entwerfens

und Planens im Kollektiv formt sich

eine Community und festigt sich

beim Bauprozess. Das intensive, gemeinsame

Arbeiten an diesen großen

Aufgaben, die für einige Wochen

das Leben bestimmen, schafft ein

starkes soziales Gefüge. Durch Design-Build-Projekte

entstehen nicht

nur bauliche Strukturen, sondern

auch sozialer Zusammenhalt, der weit

über die Bauzeit hinaus Bestand hat.

Sie sind gerade zurück aus Albanien:

Was hat Sie dort beschäftigt?

Das Projekt „CORNBREAKS &

HEARTBREAD“ war eine mehrwöchige

Fußreise, die in und um Tirana

in Albanien stattfand. Im September

reiste das Kollektiv Aesthetic-

Athletics+ nach Albanien, um vor Ort

eine mobile Küche zu konstruieren.

Zunächst wurden in Tirana Materialien

für den Bau eines Handkarrens

gesammelt, der dann gebaut wurde.

Ähnlich wie beim Projekt „ALL CAKE

ALL NIGHT“ war es unser Ziel, ausschließlich

mit gefundenen Materialien

und Objekten zu arbeiten, um

die mobile Küche zu erstellen. Dieser

Handkarren begleitete uns ständig

und wurde täglich bei unserer Wanderung

an verschiedenen Orten aufgestellt,

wo wir gemeinsam kochten

und aßen. Das Hauptziel war es, offene

Situationen zu schaffen, in denen

wir mit den Bewohner:innen sowie

der Umgebung in Kontakt treten

konnten. Das Sammeln von Materialien,

Rezepten, essbaren Pflanzen

und anderen Elementen ergänzte

das Projekt und begleitete uns kontinuierlich

auf unserer Wanderung.

Wie wichtig ist es für Sie persönlich und

Ihre Arbeit, sich nicht in Schubladen

stecken oder einschränken zu lassen?

In Schubladen zu denken, fällt mir

schwer – ich müsste dann bei mir

selbst anfangen. Als Architektin,

Künstlerin, Dozentin, Vorstandsmit-

glied, DJ und gelegentliche Veranstalterin

erlebe ich eine Vielfalt, die

sowohl bereichernd als auch herausfordernd

sein kann.

Natürlich stellt sich die Frage, wie

man vielseitige Folgeaufträge erhält.

Spezialisierung hat ihre Vorteile,

so wie die Eigeninitiative, Projekte

und Forschungsthemen zu initiieren

ein wichtiger Motor ist, um die Arbeit

frisch und spannend zu halten.

Kreativität lebt von Offenheit, und

um wirklich innovative und für mich

sinnvolle Arbeit zu leisten, muss ich

die Grenzen traditioneller Kategorien

überschreiten. Das Erforschen

verschiedener Disziplinen und das

Arbeiten an den Schnittstellen von

Kunst, Architektur und Wissenschaft

ermöglichen es mir, neue Perspektiven

zu entwickeln und mich nicht in

Routine verfallen zu lassen. Der Austausch

zwischen unterschiedlichen

Welten und Menschen fördert meine

Fähigkeit, unkonventionelle Wege zu

gehen und neue Herausforderungen

sowie Lösungen zu finden.

Ein spannendes Projekt, an

dem Sie gerade arbeiten?

Zusammen mit meinem Büropartner

Lino Lanzmaier arbeite ich derzeit

an einer Ausstellung im Ötztal, die

sich mit der NS-Zeit und der Erinnerungskultur

in der Region beschäftigt.

An diesem Projekt sind zahlreiche

Forscher:innen, Historiker:innen

und Kurator:innen beteiligt, was den

gesamten Prozess besonders spannend

macht. Verschiedene Orte und

Ausstellungen zu unterschiedlichen

Themen sind vorgesehen. Ein zentraler

Aspekt besteht darin, eine ehrliche

und kritische Haltung zu wahren,

die Themen klar zu präsentieren und

aktuelle Fragen aufzuwerfen. Es gilt

her auszufinden, wie sich die Thematik

in der Gestaltung manifestieren

und wie man den richtigen Umgang

mit diesem heiklen und präsenten

Thema finden kann, um es in der Gegenwart

angemessen darzustellen.

Ein weiteres Projekt trägt den Namen

„MOSHPIT“ und ist ein Stadtpotenziale-Projekt

der Stadt Innsbruck mit

dem Kollektiv AestheticAthletics+.

Es untersucht den öffentlichen Raum

hinsichtlich Safe Space und subkultureller

Phänomene wie das Moshpit.

Das Projekt ist stark performativ angelegt

und wird in mehreren Etappen

umgesetzt. Beispielsweise wurde

Eine zurückhaltende Farb- und Materialpalette sowie geometrische

Formen und modulare Möbel prägen das Design

des Ateliers im Augarten, das in Kooperation mit Lino Lanzmaier

entstanden ist.

Unter dem Titel „39 m 2 sind genug“ hat Teresa Stillebacher

mit Lino Lanzmaier auch ihr eigenes Apartment im Stadtzentrum

von Innsbruck ausdrucksstark adaptiert.

eine Sauna an einem Brunnen in St.

Nikolaus errichtet und es gab den

Versuch, das größte Bett der Welt zu

bauen. Diese Projekte zielen darauf

ab, durch performative Inszenierungen

der Orte und Aktivitäten deren

öffentliche Dimension sichtbar zu

machen. Auch wenn die Ideen sehr

performativ wirken, ist die Materialisierung

essenziell. Die gebaute

Struktur dient als Kommunikator

zwischen der Stadt, den Nutzer:innen

und der Aktion.

www.teresastillebacher.eu


architektur PEOPLE

64

Catherine de Wolf

Durch Wiederverwendung

zu kreativeren Lösungen

Interview mit Catherine de Wolf

Interview: Edina Obermoser

Catherine de Wolf hat es sich zum Ziel

gesetzt, zirkuläres Bauen mithilfe

von digitalen Technologien nicht nur

effizienter, sondern auch wirtschaftlicher

zu machen. Als Leiterin des

Lehrstuhls für Circular Engineering for

Architecture (CEA) forscht und lehrt

sie an der ETH Zürich zum Thema

Kreislaufwirtschaft. Mit dem Digital

Circular Economy Lab versucht die

Architektin und Bauingenieurin außerdem,

Recyclingbaustoffe, Expert:innen

und andere Akteur:innen der Branche

zu vernetzen. Uns erklärt die Professorin,

mit welchen Herausforderungen

sie sich dabei konfrontiert sieht und

was wir in Hinblick darauf von Apps

wie Tinder und Airbnb lernen können.

Außerdem spricht Catherine über ihr

neues Buch „The art of connecting“

und wie das Bauen mit Re-use-Materialien

zu kreativeren Lösungen führt.

Kreislaufwirtschaft und Cradle to

Cradle scheinen in aller Munde zu sein.

Sind diese Themen wirklich in der Baubranche

angekommen? Welches Verständnis

fehlt dabei immer noch?

Ich beschäftige mich seit 15 Jahren

mit dem Thema Kreislaufwirtschaft

und in dieser Zeit hat sich einiges

getan. Während das Bewusstsein für

die Thematik inzwischen groß ist,

transformiert sich die Baubranche

trotzdem nur sehr schleppend von

linearen hin zu zirkulären Prozessen.

Bei der Betrachtung des Energiebedarfs

eines Gebäudes beschränken

wir uns oft fälschlicherweise immer

noch auf dessen Betrieb – obwohl

der Lebenszyklus weit mehr als das

umfasst. Bestandsgebäude werden

nach wie vor abgerissen, da Renovierung

oder Umbau nicht ökonomisch

erscheinen. Es gibt also ein Umdenken,

der Wandel passiert aber nicht

schnell genug.

© Carina Brunnauer

© Giuilia Marthaler


www.architektur-online.com

65

Catherine de Wolf

Welcher Herausforderungen begegnen

Sie in der Baubranche im Zusammenhang

mit Stoffkreisläufen?

Eines der Hauptprobleme bei der

Verwendung von Re-use-Materialien

sehe ich in der Kommunikation. Damit

zirkuläre Prozesse funktionieren

können, müssen wir Angebot und

Nachfrage besser vernetzen. Alles

steht und fällt mit diesem „Matchmaking“

– dem Zusammenbringen von

verfügbaren Werkstoffen und potenziellen

Kund:innen. Apps wie Tinder

und Airbnb machen vor, wie es geht.

Wollen wir die Stoffkreisläufe schließen,

brauchen wir ein Pendant für

den Bausektor.

Sie konzentrieren sich bei Ihrer Forschung

nicht nur auf die Wiederverwendung

von Materialien aus Gebäuden,

die abgerissen werden sollen

– wo setzen sie an?

Beim kreislauffähigen Bauen werden

aktuell meist zwei verschiedene

Prinzipien verfolgt: Entweder

liegt der Fokus auf dem Einsatz von

Recyclingbaustoffen aus Bestandsgebäuden

oder auf der Errichtung

neuer Projekte, welche sich am Ende

ihres Lebenszyklus bestmöglich

wiederverwenden lassen. Baut man

allerdings mit Re-use-Materialien

und verklebt diese, können sie später

nicht zurückgebaut werden. Den

gleichen Fehler begeht man, wenn

man zwar einen späteren Rückbau

mitberücksichtigt, aber neue Rohstoffe

dafür abbaut. Beide Szenarien

sind lediglich zur Hälfte gedacht. Nur

mit einer Kombination der zwei Ansätze

erreichen wir komplett zirkuläre

Materialkreisläufe – und genau

an diesem Punkt setze ich mit einer

Forschung an.

Wie unterstützen digitale Innovationen

den Weg hin zu einer zirkulären,

gebauten Umwelt?

Neben der fehlenden Kommunikation

stellt das Informationsdefizit die

größte Challenge dar. Wir wissen

schlichtweg nicht, welche Werkstoffe

in unseren Gebäuden vorhanden

sind. Um einen Überblick zu bekommen,

brauchen wir eine Materialdatenbank.

Hier kommen digitale Technologien

ins Spiel: Sie können diesen

Informationsaustausch erleichtern

und mithilfe von Materialausweisen

Auskunft über die Einzelteile und

den Zustand ganzer Gebäude geben

– sowohl bei Bestands- als auch bei

Neubauten.

Können Sie genauer erklären, wie die

Erfassung der Materialien bei Bestandsbauten

technisch funktioniert

und wie Sie mit den großen Datenmengen

umgehen können?

Mittels Künstlicher Intelligenz lassen

sich Werkstoffe im Bestand erkennen

und erfassen. Dabei werden Google

Street View-Aufnahmen anhand von

Algorithmen ausgewertet. Diese Informationen

kombinieren wir dann

mit anderen digitalen Tools sowie

vorhandenen GIS- und Archivdaten

und erstellen daraus Prognosen. So

wissen wir schon im Vorfeld, welche

Bauten wann abgerissen bzw. welche

Baustoffe dadurch verfügbar werden.

Die Menge an Daten stellt dank

KI-Technologien kein Problem, sondern

sogar einen Vorteil dar: Je mehr

Informationen, desto besser.

178 gebogene Glaselemente, die einst die außenliegende

Rolltreppe des Centre Pompidou schützten,

konnten sorgfältig demontiert und von Maximum

architecture in einem Pariser Bürogebäude wiederverwendet

werden – und das kostengünstiger als mit

neuen Verglasungen.

Neben Künstlicher Intelligenz und

Virtual Reality forschen Sie an der

ETH auch mit Robotern. Welches Potenzial

bergen sie und wo kommen sie

zum Einsatz?

Das Potenzial von Robotik ist enorm:

Bauroboter helfen beim Abbruch von

Gebäuden, Laserscanner analysieren

und sortieren Bauabfälle. Wir setzen

dank ihrer Präzision und Schnelligkeit

stark auf digitale Fertigungsprozesse.

Mit 3D-Druckern lassen

sich z.B. wiederverwendete Bauteile

kosteneffizient reparieren oder verstärken

und somit für die neuerliche

Verwendung ertüchtigen. Am Circular

Engineering for Architecture

(CEA) Lehrstuhl an der ETH haben

wir eine Kuppel aus Re-use-Rohren

und CNC-gefrästen Verbindungsstücken

gebaut. Aktuell realisieren wir

für die Kunsthalle Zürich eine Pavillonstruktur.

Diese besteht ebenfalls

aus wiederverwendeten Balken, die

wir nach dem Vorbild japanischer

Holzverbindungen und mithilfe von

CNC-Technologie innerhalb kürzester

Zeit zusammenfügen konnten.

Standard-Lösungen funktionieren

bei sekundären Baustoffen meist

nicht – Roboter ermöglichen es,

maßgeschneiderte Lösungen umzusetzen,

die in Handarbeit weder

kosteneffizient noch so präzise umsetzbar

wären.

u

© Maximum Architecture Alexandra Attias


architektur PEOPLE

66

Catherine de Wolf

© Circular Engineering for Architecture (CEA) © Buser Hill Photography for Circular Engineering for Architecture (CEA)

Digitale Technologien wie Drohnenbilder und LiDAR-Scans

helfen bei der Erfassung des Bestands und Erstellung einer

Materialdatenbank. Algorithmen verarbeiten die Informationen

und legen den Grundstein für die erfolgreiche Wiederverwendung

der verfügbaren Werkstoffe.

Im Sommersemester 2022 verfolgte Catherine de Wolf mit den Studierenden des

Kurses Digitalization for Circular Construction einen praxisorientierten Ansatz:

Sie zerlegten einen ehemaligen Musikpavillon und verwendeten die Bauteile für

den Bau einer neuen Kuppel.

Nachhaltiges Bauen wird oft mit höheren

Kosten in Verbindung gebracht.

Wie reagieren Sie auf dieses Vorurteil?

Zirkuläres Bauen kann teurer sein,

muss es aber nicht. In meinen Augen

besteht der Fehler darin, dass

wir nicht die tatsächlichen Kosten

berücksichtigen, da sowohl Entsorgung

als auch die Gewinnung neuer

Materialien zu günstig ist. Durch

Wiederverwendung lassen sich diese

Posten komplett einsparen. Natürlich

gibt es Szenarien, in denen der

Rückbau kostspieliger ist, es gibt

aber auch andere Beispiele wie das

Centre Pompidou: Da die Verglasungen

nicht mehr den Sicherheitsstandards

entsprachen, mussten diese

beim Umbau ersetzt werden. Dank

Maximum architecture fanden 178

gebogene Gläser und 23 Tonnen

Stahl ein neues Zuhause. Die französischen

Architekten retteten die Materialien,

verwendeten sie als Trennwände

in einem Bürogebäude weiter

und konnten so die Projektkosten

signifikant reduzieren. Einen wesentlichen

Preisfaktor stellt die Arbeitskraft

dar. Gelingt es, Re-use-Abläufe

mithilfe von digitalen Prozessen zu

erleichtern, sinken auch die Kosten.

Wie gut funktioniert die Vernetzung

der verschiedenen Akteur:innen in

der Kreislaufszene? Gibt es Optimierungspotenzial

und besonders positive

Beispiele?

Aktuell gibt es mehrere verschiedene

Plattformen für zirkuläres Bauen,

die miteinander in Konkurrenz

stehen. Sie machen die Suche nach

Re-use-Materialien kompliziert und

unübersichtlich. Ein standardisierter

Datenaustausch würde Abhilfe

schaffen und zirkuläres Bauen attraktiver

machen.

Cirkla, ein Verein für Kreislaufwirtschaft,

ist hingegen ein großartiges

Beispiel dafür, wie die Zusammenarbeit

von Akteur:innen aus verschiedenen

– einst konkurrierenden

– Bereichen aussehen kann und

sollte. Dort arbeiten Ingenieur:innen,

Politiker:innen, Rechtsexpert:innen,

Unternehmer:innen und andere Player

aus der Kreislaufbranche auf ein

gemeinsames Ziel hin. Auch unter

den Architekturbüros gibt es unter

anderem mit baubüro in situ zahlreiche

Pionier:innen, die sich aktiv mit

zirkulären Projekten beschäftigen.

Schränkt zirkuläres Design die Kreativität

ein oder lässt Re-use genug

Platz dafür?

Ich würde sagen, das Gegenteil ist

der Fall – zirkuläres Design beflügelt

die Kreativität. An der ETH Zürich

unterrichte ich einen Kurs, der sich

diesem Thema widmet: „Digital creativity

for circular construction“ (digitale

Kreativität für zirkuläres Bauen).

In ihm geht es um das Entwerfen mit

Re-use-Materialien und wie mithilfe

von digitalen Technologien kreativere

Projekte entstehen. Diese These

konnte ich vor zwei Jahren in einem

Wettbewerb belegen: Dabei sollten

die Studierenden aus 14 ehemaligen

Dachbalken eines Campusgebäudes

ein Design erstellen, welches schließlich

von einer Expertenjury rund um

Barbara Buser von baubüro in situ

bewertet wurde. Die Ergebnisse hätten

nicht unterschiedlicher sein können

und zeigten, dass die beschränkte

Materialauswahl zu einzigartigeren

Lösungen führte. Computergesteuerte

Tools fördern die Kreativität ebenfalls:

Selbst surreale Vorschläge der

KI können neue Anregungen liefern.

Sie helfen uns dabei, konventionelle

Denkmuster zu hinterfragen und innovative

Wege zu gehen.

Sie forschen und bauen nicht nur,

sondern sind auch als Professorin

und Filmemacherin tätig und haben

mit ANKU ein eigenes Unternehmen.

Ist Interdisziplinarität der Weg

der Zukunft?

Ich würde das nicht verallgemeinern,

bin aber der Überzeugung, dass wir

das Problem der Kreislaufwirtschaft

nur interdisziplinär lösen können. Es

bringt nichts, nur zu predigen wie

wichtig die Zusammenarbeit der einzelnen

Akteur:innen im Bausektor

ist, und dann selbst nicht über den

eigenen Tellerrand zu schauen. Für

zirkuläres Bauen braucht es nicht

nur Forscher:innen, sondern auch

Lehrende, um das Wissen an die

nächste Generation weiterzugeben

sowie den Austausch mit Expert:innen,

Politiker:innen und der Bevölkerung

– darum geht es auch in meinen

neuen Buch „The art of connecting“,

welches im Januar erscheint. •

www.catherinedewolf.com


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