03.04.2025 Aufrufe

CAROL 2025

Kulturzeitung der www.arttourist.com mit den Themen Jazz, Neue Musik, Klassik Crossover, Elektronische Musik, Kunst, Klangkunst. Jahrespublikation Laufzeit von April 2025 bis April 2026 mit Informationen, Hintergründen, Interviews und vielen Tipps mit Links.

Kulturzeitung der www.arttourist.com mit den Themen Jazz, Neue Musik, Klassik Crossover, Elektronische Musik, Kunst, Klangkunst. Jahrespublikation Laufzeit von April 2025 bis April 2026 mit Informationen, Hintergründen, Interviews und vielen Tipps mit Links.

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CAROL

arttourist.com Gazette

2025

Digital Edition

Jazz | Neue Musik | Klassik 2.0 | Klang | Elektro | Medien


2 | Discover

CAROL | 2025

cd: hidabicer.com | Foto: Vanessa Stratmann

Licht!

9. bis 18. Mai 2025

10 Tage Musik von heute

Jedes Konzert ein Aufbruch,

eine Expedition und eine Einladung


CAROL | 2025 Editorial | 3

Editorial

MEHLDAU MEETS

BACH. GLASS MEETS

STRAWINSKY. OZONE

MEETS BERNSTEIN.

Termine unter

rsb-online.de

030 202 987 15

Liebe Leserin, lieber Leser,

liebe Freunde der arttourist,

mit dem Motto „Möge vieles möglich sein und für

Kultur die beste Wahl“ sind wir ins Jahr 2025 gestartet,

die Bundestagswahl im Blick, ein hoffungsvolles

Signal sendend, dass Kultur auch in herausfordernden

Zeiten, in denen sie zur Disposition

steht und ein beliebtes Einsparpotenzial dargestellt,

sowohl seitens der Politik wie auch im Engagement

aus der Wirtschaft und dem privaten Sektor, stattfinden

muss und wird. Denn Kultur ist wichtiger

denn je. „Kultur schafft Identität, Gemeinschaft

und Zusammenhalt. „Kultur ist das, was uns Menschen

ausmacht. Sie ist das, was von einer Generation

bleibt. Sie ist das Fundament, auf dem unsere

Gesellschaft steht und auf das sie baut“, wie es die

Kulturstiftung der Länder klar verbalisiert. Auch im

Bereich der Medien, der Zeitungen und Magazine

steht Durchhalten auf der Tagesordnung. Viele Titel

wurden innerhalb des letzten Jahres eingestellt,

andere haben aufgegeben oder stehen unter großem

wirtschaftlichem Druck. Auch die Produktion unserer

Publikationen ist jedes Mal ein Ritt durch die

Kontakte, um jede einzelne Ausgabe finanziert und

verlegt zu bekommen. „Was treibt dich immer noch

an?“, werde ich oft gefragt. Verrücktheit, unbändige

Leidenschaft und ein Leben für die Kunst und Kultur

und dass wir im Eigenverlag auf Herzensbasis mit

guten Freund:innen, einem wunderbaren Grafiker,

Chris, mit dem wir seit zwanzig Jahren zusammenarbeiten,

und einer verständnisvollen und unterstützenden

Familie erscheinen. Und dass wir immer und

immer wieder den Blick nach vorne halten, offen

bleiben und uns nicht aus der Ruhe bringen lassen.

Dass einige Titel „nur noch“ Online erscheinen,

hängt einerseits an der Finanzierbarkeit, andererseits

an unserem ökologischen Fußabdruck und dem

Mitwirken in einem Projekt der Green Culture Bewegung,

dem SoilKulturLab im Schwarzwald, über das

Sie hier in CAROL neben weiteren Projekten lesen

können.

Kai Geiger © Michael Schrodt

Unterstützen Sie uns in unserer Arbeit

aus Leidenschaft für die Kultur

jenseits eines großen Medienhauses

mit einem Kaffee für unseren KUKIOSK

MÖGE VIELES MÖGLICH SEIN

UND FÜR KULTUR DIE BESTE WAHL!

JAZZ

4–24

GREEN CULTURE

26–39

NEUE MUSIK

40–49

KLASSIK 2.0

50–59

Brad Mehldau

Konzertsaison

2025/26

NEU

Abo

Jazz Classics

Kombi-Abo

Jazz & Klassik

Mo 16.2.26

Mo 3.11.25

Al Di Meola

Brad Mehldau solo

Fr 15.5.26

Anouar Brahem Quartet

Wir haben wieder spannende Inhalte recherchiert,

mit inspirierenden Menschen gesprochen und all

dies für Sie in CAROL aufgearbeitet und präsentieren

Ihnen mit großer Freude unsere Entdeckungen

in unserem Kompendium über Jazz, Neue Musik,

Klassik Crossover, Klang, Medien, Elektro und Ausstellungen

zum Thema Musik. Neu ist die Rubrik

Klassik 2.0 ab dieser Ausgabe, wo wir das genreübergreifende

Arbeiten und daraus neu entstehende,

mutige und innovative Formate vorstellen, in denen

die Klassik in den Jazz, die Neue Musik, Elektro

oder Klang hineinwirkt. Gerne mehr davon!

Namenspatronin von CAROL ist die amerikanische

Bassistin Carol Kaye, die im März 90 Jahre alt geworden

ist und immer noch auf dem Bass spielt.

Unser Gesicht ist die Bassistin, Komponistin und

Sängerin Loreen Sima aus Calw, die eine der ganz

großen Musiktalente ist, die mit der Zukunft des

Jazz verbunden sind.

NEU und aktiv ab diesem Jahr ist auch unser KU-

KIOSK, ein digitaler Kiosk, wo Sie Programmhefte

verschiedenster Kulturveranstalter und Genres finden,

darin blättern und diese downloaden können.

Ohne langwieriges Suchen im Internet können Sie

hier vieles auf einen Blick entdecken. Wir sind am

Beginn, vieles wird auch hier möglich sein, wachsen

und gedeihen. Besuchen Sie uns im KUKIOSK

und gehen Sie auf Entdeckungsreise.

Mit Richard Weizäcker, der einmal über die Kultur

sagte: „Unsere Kultur ist gewachsen wie ein kräftiger

und vielgestalteter Mischwald. Er leistet seinen

Beitrag zur lebensnotwendigen Frischluft“, bin ich

weiter für Sie und die Kultur unterwegs und an der

frischen Luft.

KLANG

60–64

MEDIEN

65

ELEKTRO

66–69

AUSSTELLUNGEN

69–73

STIMME

74–81

IMPRESSUM

64

ONLINE

auf www.arttourist.com

Danke:

Mit herzlichen Grüßen

ticketcorner.ch Billettkasse Tonhalle, 044 206 34 34 allblues.ch

Kai Geiger

Herausgeber arttourist

geiger@arttourist.com


4 | Jazz | Loreen Sima

CAROL | 2025

Der Bass ist

weiblich

Loreen Sima, Bassistin, Komponistin

und Sängerin

Die aus Calw stammende Loreen Sima gehört zu den jungen

Musiker:innen, die der Zukunft des Jazz ein Gesicht und eine

Stimme und dem männlich dominierten Bassspiel eine eigene

weibliche Note geben. Als Tochter von zwei Berufsmusikern

wurde ihr die Musik in die Wiege gelegt, und sie kam schon

früh mit Klassik und Jazz in Berührung.

Loreen Sima | © Vincent Sima


CAROL | 2025 Jazz | Loreen Sima | 5

Sie lernte klassische Querflöte, bevor sie ihre Leidenschaft für Jazz, Funk

und Fusion entdeckte und mit 13 Jahren begann, E-Bass zu lernen, an dem

sie noch während ihrer Schulzeit den ersten Bundespreis bei „Jugend musiziert“

erhielt. Sie studierte an den Musikhochschulen in Stuttgart, Dresden

und der Academy of Music in Oslo. Sie hat 2021 als Feature Guest bei der

SWR Big Band produziert und war eine der 15 Teilnehmer:innen der ersten

„Elbphilharmonie Jazz Academy“. Sie ist eine gefragte Sidewoman und ist

auf deutschen und internationalen Bühnen zu Hause. Mit ihrem neuen Projekt

„Loreen Sima Trio“ begeistert sie gerade das Publikum und die Presse.

Sie entführt ihr Publikum in ihre eigene wunderbare musikalische Welt und

setzt ganz eigene Klangakzente. Zusammen mit dem Schlagzeuger Heinrich

Eißmann und dem Pianisten Victor Möhmel vereint sie ihre tiefen, runden

Basstöne mit ihrer charismatischen Stimme und zieht ihr Publikum in den

Bann. Die Südwestpresse schrieb jüngst: „Am Bass swingt und bebopt sie

sich durch Jazz-Klassiker und legt sich mit zarter Stimme mitten in sie hinein,

um wenig später der Pop-Liebe zu frönen und mächtig funky in Richtung

Fusion zu fetzen.“

Als Namenspatronin unserer diesjährigen Ausgabe, deren Gesicht Loreen

Sima ist, steht die Grand Dame des Basses und ein absolutes Phänomen am

Bass, die amerikanische Bassistin Carol Kaye Patin, die am 24. März 90 Jahre

alt geworden ist. Auch sie hat zuerst ein anderes Instrument erlernt, die

Gitarre, um mit dem Bass große Erfolge zu feiern. Sie steht bis heute auf der

Bühne, war und ist eine der gefragtesten Studiomusikerinnen und hat mit

ihren eingängigen Basslinien unzähligen Popklassikern ihren Stempel, von

A wie Animals bis Z wie Zappa, aufgedrückt.

INTERVIEW

Wir sprachen mit

Loreen Sima

Wie kamen Sie zum Bass? Was ist

das Besondere am Bass und warum

passt er so gut zu Ihnen?

Loreen Sima: Zunächst suchte ich

mir mit sieben Jahren die Querflöte

aus, die etwa neun Jahre mein

Hauptinstrument war. Mein großer

Bruder spielte in seiner Schulzeit in

einer Jazzband, die mein Vater leitete.

Ich fand das damals unglaublich

cool und wollte unbedingt selbst

in einer solchen Band mitspielen.

Da die Querflöte in diesem Kontext

eher unüblich war, begann ich, mich

nach einem anderen Instrument

umzusehen. So kam mir plötzlich die

Idee, E-Bass zu lernen.

Ein großer Vorteil war für mich, dass

ich beim Spielen gleichzeitig singen

konnte – etwas, das ich schon immer

geliebt habe. Ein Schlüsselmoment

war eine Autofahrt, während der ich

„Just The Two Of Us“ mit Marcus

Miller am Bass hörte. Ich stellte mir

vor, dieses Stück einmal auf einer

Bühne zu spielen – und ab da gab es

für mich kein Zurück mehr.

Was mich am Bass besonders fasziniert,

ist seine Funktion innerhalb

der Musik. Er bildet das rhythmische

und harmonische Fundament, gibt

Struktur, unterstützt die Solisten und

ermöglicht es mir, mich vollkommen

im Groove zu verlieren. Es ist

ein Instrument, das verbindet und

trägt, ohne sich unbedingt in den

Vordergrund zu drängen – und genau

das liebe ich daran.

Was konnten die Querflöte und die

Klassik nicht, die sie ursprünglich

gelernt haben, und warum war

dieser Weg der genau richtige für

Sie?

Loreen Sima: Die Klassik und die

Querflöte haben mein Leben unglaublich

bereichert. Als ich den Jazz

und die damit verbundene Herangehensweise

an Musik entdeckte, fühlte

ich mich darin sofort zu Hause.

Die Besonderheit der improvisierten

Musik ist die große Freiheit und die

spontane Kommunikation zwischen

Musikern und Publikum, die sie ermöglicht.

Das Schönste für mich ist, meine eigene

Musik mit Menschen zu teilen

und mit ihnen in Austausch zu kommen.

Dennoch schätze ich die klassische

Musik nach wie vor sehr und

spiele gelegentlich klassische Projekte

– mittlerweile allerdings nicht

mehr auf der Querflöte, sondern am

Kontrabass. Besonders die impressionistische

Musik fasziniert mich und

inspiriert mich auch für meine eigenen

Kompositionen.

In welchen Musikstilen sind Sie zu

Hause und in welchen Formationen

unterwegs?

Loreen Sima | © Vincent Sima

Loreen Sima: Meine musikalische

Reise am E-Bass begann mit einer

großen Begeisterung für Fusion und

Funk – und bis heute spüre ich eine

besondere Verbindung zu dieser Musik.

Mit meinem Kontrabass-Studium

rückte der traditionelle Jazz immer

mehr in meinen Fokus. Doch meine

musikalischen Interessen sind breit

gefächert, und ich liebe es, in unterschiedlichen

Projekten mit verschiedenen

Stilrichtungen zu arbeiten.

Ich schätze die Vielfalt und die Herausforderung,

mich in neue Klangwelten

einzufühlen.

Wer und was inspiriert Sie?

Loreen Sima: Reisen sind für mich

eine große Inspirationsquelle. Oft

komme ich von einer Reise mit neuen

Ideen und voller Tatendrang zurück.

Auch Spaziergänge in der Natur

oder Gespräche mit engen Freunden

und meiner Familie geben mir viel.

Natürlich spielt auch Musik selbst

eine große Rolle. Ich finde Inspiration

sowohl in klassischer Literatur

als auch bei den unterschiedlichsten

Live-Konzerten – oft kommen mir

dort neue Ideen für eigene Projekte

oder für das, woran ich als Nächstes

arbeiten möchte.

Antwort gibt es wohl nicht. Sicherlich

spielen viele Faktoren eine Rolle.

Auch in klassischen Orchestern

waren lange Zeit kaum Frauen am

Kontrabass vertreten – schlicht, weil

Orchester früher oft ausschließlich

Männern vorbehalten waren.

Vielleicht wurde der Bass in der Jazzund

Fusion-Welt erst richtig populär,

als er durch Musiker wie Scott La

Faro oder Jaco Pastorius als virtuoses

Soloinstrument in den Vordergrund

rückte. Dann kamen Bassistinnen

wie Esperanza Spalding, Ida Nielsen

oder später Kinga Głyk als Frontfrauen

in die Öffentlichkeit, die sicherlich

heutzutage jungen Bassistinnen

als Vorbilder dienen.

Auch das Publikum hat je nach Musikrichtung

eine unterschiedliche

Zusammensetzung. Manche Genres

sprechen eher Männer an, andere

mehr Frauen – das könnte ebenfalls

eine Rolle spielen.

Loreen Sima | © Vincent Sima

Bei der Suche nach der diesjährigen

Namenspatronin, die wir in aller

Regel mit einer bereits verstorbenen

Künstlerin besetzen, haben

wir uns sehr schwergetan. Es gibt

nicht so viele weibliche Bassisten,

heute vielleicht mehr als früher.

Woran liegt es?

Loreen Sima: Diese Frage stelle ich

mir selbst oft, und eine einfache

Bei der Recherche genau nach

dieser Frage im Netz kam ich auf

merkwürdige und krude, hauptsächlich

von Männern formulierte,

unpassende Machogedanken

zum Thema Frauen und Bass. Ist

dem so? Ist es ein ständiger Kampf

um Akzeptanz und Respekt?

Loreen Sima: Ich empfinde es nicht

als ständigen Kampf, aber natürlich


6 | Jazz | Loreen Sima

CAROL | 2025

erlebe ich, dass ich als Frau am Bass

anders wahrgenommen werde.

Mit den Musikern, mit denen ich bisher

gespielt habe, habe ich fast ausschließlich

nur positive Erfahrungen

gemacht – bis auf eine Ausnahme,

als ein Musiker mich nicht in seiner

Band haben wollte, nur weil ich eine

Frau bin.

Aus dem Publikum höre ich immer

wieder Sätze wie: „Schön, eine Frau

am Bass zu sehen.“ Das zeigt mir,

dass es für viele Menschen noch ungewohnt

ist. Ich selbst habe das Gefühl,

dass es in meiner Generation

schon etwas Gewöhnliches ist.

Wie wichtig sind Ihnen eine starke

weibliche Solidarität unter Musikerinnen,

Projekte von Frauen

wie Sisters in Jazz, SOFIA (Support

Of Female Improvising Artists)

oder Festivals wie Women in

Jazz?

Loreen Sima: Mir ist es wichtig, dass

Frauen in der Musik nicht unterrepräsentiert

sind und ihr künstlerisches

Schaffen die gleiche Anerkennung

erhält wie das männlicher Musiker.

Projekte, die sich ausschließlich auf

ein Geschlecht konzentrieren, finde

ich weniger spannend, weil es für

mich gerade auf eine vielfältige Mischung

ankommt – ohne bewusst

ein Geschlecht auszuschließen. Am

Ende zählt die Qualität der Kunst.

Neben der Bassistin und Komponistin

Loreen Sima sind Sie auch

Sängerin. Im Jahr der Stimme bitte

ich Sie um ein leidenschaftliches

Plädoyer für die Stimme.

Loreen Sima: Die Stimme ist etwas

Besonderes, da sie so direkt fast

schon intim ist und man sich vor

nichts verstecken kann. Ein Instrument

ist eine Art Erweiterung der

Stimme. Wenn ich singe, habe ich

das Gefühl, mich von meiner verletzlichsten

Seite zu zeigen.

Sie kommen aus einer musikalischen

Familie. Ihr Vater Libor Sima

ist Saxophonist, Komponist und

Arrangeur und seit 2001 Solofagottist

des SWR-Symphonieorchesters,

mit dem Sie auch immer wieder

zusammen auftreten. Er spielt

mal in Ihren Formationen mit und

Sie bei seinen Kompositionen, wie

zuletzt „Eine Weihnachtsgeschichte“

von Charles Dickens am Badischen

Staatstheater. Nicht in allen

Familien geht das gut. Was haben

Ihre Eltern alles richtig gemacht

und wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrem

Vater?

TERMINE

13.04. Theaterhaus Stuttgart

„Dr. Pop goes Jazz“

26.04. Kurhaus Wiesbaden

„Chocolat“

29.04. Staatstheater Saarbrücken

„Chocolat“

23.05. Bix Stuttgart

„Band In The Bix“

26.05. Café Saite Dresden

„Pip & Loreen“

27.07. Alte Konzertmuschel Radolfzell

„Jazzgäng Süd“

03.07. Valser Musiksommer

„Jazzgäng Süd“

23.08. Weingut Grün, Sausenheim

„Loreen Sima Trio feat. Jakob Manz“

November/Dezember 2025

Tour mit „Eine Weihnachtsgeschichte“

nach Charles Dickens mit dem

„sagas.ensemble“

https://loreensima.de

(https://www.instagram.com/loreensima

https://www.youtube.com/channel/

UCpqx95S53ZiJd5n9IOPGl1w)

Loreen und Libor Sima | © Vincent Sima

Loreen Sima: In unserer Familie

haben wir schon früh gemeinsam

musiziert. Als ich mit sieben Jahren

meine erste Querflöte bekam, komponierte

mein Vater für mich Die

4 Pferde – vier kleine Stücke, bei

denen ich mit nur einem bis vier

Tönen die Hauptmelodie spielte.

Meine Mutter, die mich anfangs im

Querflötenspiel unterrichtete, spielte

mit, mein Vater auf dem Fagott,

mein großer Bruder am Schlagzeug

und mein kleiner Bruder spielte

Bongos dazu. So habe ich schon

früh positive Erfahrungen sammeln

dürfen und seit Beginn liebevolle

Unterstützung auf meinem musikalischen

Weg erhalten.

Von meinem Vater habe ich gelernt,

dass es im Musikbusiness nicht nur

darauf ankommt, sein Instrument

zu beherrschen. Zuverlässigkeit,

Vorbereitung und ein Gespür für

musikalische Details sind ebenso

entscheidend.

Mit meinem Umzug zum Studium

nach Dresden habe ich Abstand gewonnen

und vieles mit neuen Augen

gesehen. Heute weiß ich noch

mehr zu schätzen, wie wertvoll es

ist, Eltern zu haben, die nicht nur

loben, sondern auch ehrliches

Feedback geben.

Gerade im Bereich der Komposition

arbeite ich gerne im Teamwork mit

meinem Vater. Mit ihm gemeinsam

auf der Bühne zu stehen, ist ein Geschenk,

das ich sehr genieße.

Eine weitere Leidenschaft ist das

Schauspiel. Sie sind Mitglied des

freien, nicht subventionierten

Schauspiel-Ensembles „sagas“.

Wie kam es dazu und welchen

Part spielen Sie dort?

Loreen Sima: Das sagas-Ensemble

ist für mich ein besonderer Ort,

dem ich seit etwa drei Jahren angehöre.

Hier trete ich auch in die

Fußstapfen meines Vaters, der Musik

für einige Stücke komponiert

hat und seit der ersten Produktion

Teil des Ensembles ist.

Martin Mühleis, der Produzent der

Theaterstücke, erzählt Geschichten

mit starkem aktuellem Bezug,

die oft so berührend sind, dass

ich selbst beim Spielen manchmal

Tränen in den Augen habe. Er hat

ein beeindruckendes Team aus

Schauspielern und Musikern zusammengestellt.

In der Produktion

„Eine Weihnachtsgeschichte“ nach

Charles Dickens spiele ich in einem

Streichquintett und springe regelmäßig

als Bassistin für das Stück

„Chocolat“ ein.

Loreen Sima | © Vincent Sima

Von Musik allein als freischaffende

Musikerin zu leben, ist in heutiger

Zeit eine große Herausforderung

und nur wenigen vergönnt.

Die kulturpolitischen Veränderungen,

gespickt mit Etatkürzungen

überall und in allen Bereichen,

sind hierbei nicht hilfreich

als Zukunftsperspektive. Wie gehen

Sie damit um und was fehlt

aus Ihrer Sicht in der Unterstützung

von jungen Musiker:innen?

Loreen Sima: Das ist ein wirklich

spannendes und zugleich herausforderndes

Thema, das mich zurzeit

viel beschäftigt. Die aktuellen Entwicklungen,

insbesondere auch im

Hinblick auf Künstliche Intelligenz,

sind teils erschreckend.

Mir gibt es Mut, ein Konzert zu

spielen oder an einer kulturellen

Veranstaltung teilzunehmen und

dieses Gefühl von Gemeinschaft

sowie das Eintauchen in eine andere

Welt zu erleben. Es berührt mich

jedes Mal aufs Neue.

Was jedoch aus meiner Sicht fehlt

– gerade in der Ausbildung junger

Musiker:innen – ist ein stärkerer

Fokus auf die Realität des Berufslebens.

Ich würde mir wünschen, dass

an Hochschulen ein Pflichtfach wie

„Musikbusiness“ eingeführt wird.

Darin könnten Studierende lernen,

wie man sich selbst vermarktet, finanzielle

Angelegenheiten regelt

und langfristig als Selbständige:r

erfolgreich bleibt.

Auch die Fördermöglichkeiten

sind ein entscheidender Faktor. Es

gibt zwar Wettbewerbe und Programme,

aber das Angebot variiert

stark je nach Bundesland. Je mehr

solcher Initiativen es gibt, desto

besser – denn sie können jungen

Musiker:innen wichtige Chancen

eröffnen.

Dazu passend und fasst ein Dauerbrenner

der Fragen in diesem

Zusammenhang: Was wäre Loreen

Sima heute, wenn Sie keine

Musikerin geworden wäre?

Loreen Sima: Vermutlich würde

ich im kulturellen Bereich und/

oder mit Kindern arbeiten.

Was steht für 2025 auf Ihrer

Agenda und auf welches Projekt

freuen Sie sich besonders in diesem

Jahr?

Loreen Sima: In diesem Jahr werde

ich meine erste EP aufnehmen, mit

Klaviertrio, Streichquartett, Gesang

und Solisten. Ich freue mich riesig

darauf, meine Kompositionen

mit großartigen Musiker:innen auf

Band zu bringen und dieses Herzensprojekt

umzusetzen.

Was ist noch offen im Leben von

Loreen Sima, was unbedingt und

irgendwann passieren muss und

wird?

Loreen Sima: Ein Traum von mir

ist es, einen Ort zu erschaffen, an

dem Künstler verschiedener Bereiche

zusammenkommen und gemeinsam

Konzerte, Sessions, kleine

Ausstellungen, Lesungen und mehr

veranstalten können.

Das Gespräch führte Kai Geiger.


DITION.K

CAROL | 2025 Discover | 7

SOUNDSGOOD NEWS:

EDITION.KLINGT.GUT.

Jazzahead SHowcase

Matti Klein Soul Trio

meets Max Mutzke

24.04.2025 - 20:30h

@Jazzport

SOUNDSGOOD Promotion presents:

Gee Hye Lee:

Encounters

Cécile Nordegg:

Hofpalaver

Horst Hansen Trio:

Sophisticated

Woodbeez:

Pony Love

SOUNDSGOOD Artists:

ADHD | Bossarenova

Trio | Cats&Breakkies

| Esinam | Fola Dada

| GirlsInAirports |

Jazzchor Freiburg |

Jin Jim | Joo Kraus |

Joshua Idehen | Joy

Bogat | K.ZIA | Lisa

Wulff | Maier-Hauff/

DeRungs | MariFroes |

Matti Klein Soul Trio

| MOLASS | Ron Minis

| RSxT | OmarSosa/Joo

Kraus/DiegoPinera-

VibeFactor |

Webster


8 | Jazz | Bremen | jazzahead!

CAROL | 2025

Alle Bilder : © Kai Geiger

Bremen (D)

jazzahead! 2025

24. – 26.4.2025 Fachmesse & Festival

23.4.2025 Grand Opening

Die jazzahead! ist das Must-Go-Event für die internationale Jazzbranche und der Ort für hochwertigen,

zeitgenössischen Jazz aus Deutschland, Europa und Übersee. Als weltweit größte Veranstaltung

auf der sich alle Protagonisten der Szene (Musiker, Labels, Agenturen, Festivalmacher,

Booker und Medienvertreter) treffen, gilt sie bei den Fachbesuchern aus aller Welt als das „Familientreffen

des Jazz“. Denn trotz ihres steten Wachstums hat sie es geschafft, ihren familiären

Charakter nicht zu verlieren.

Die jazzahead! ist nicht nur Messe für Fachbesucher, sondern

auch offen für das breite Publikum – und zwar mit einem Programm,

das einmal jährlich die Hansestadt Bremen zur Jazzmetropole

macht.

www.jazzahead.de

„Gate Opener“

Die jazzahead! ist und bleibt auch dank ihrer hochkarätig besetzten

Jurys mit Festival- und Club-Booker:innen aus der

ganzen Welt, einer der wichtigsten „Gate Opener“ für

Jazzmusiker:innen als kommende Headliner. Es geht

darum, Zielgruppen zusammenzuführen und alle Mitglieder

der Jazzbranche miteinander zu verknüpfen –

von Musiker:innen über Veranstalter:innen und

Booker:innen, Journalist:innen, Promoter:innen und

Manager:innen bis zu Labels. Wie es das amerikanische

Magazin Downbeat formulierte:

„Wenn es um bedeutende, universelle

Jazzkonferenzen/-festivals

auf der anderen Seite des Atlantiks

geht, führen seit einigen Jahren alle

Wege nach Bremen.“

Mehr denn je steht bei der jazzahead!

2025 der Gedanke einer nachhaltigen und zukunftsweisenden

Musiklandschaft (und Musikwirtschaft) im Vordergrund.

„Der grüne Gedanke zieht sich wie ein roter

Faden durch die jazzahead!“, sagt Sybille Kornitschky, seit

bald zwanzig Jahren Leiterin der jazzahead! für die MESSE BRE-

MEN.

Auch die Tatsache, dass in diesem Jahr erstmalig kein einzelnes

Partnerland, sondern eine Partnerregion unter dem Motto

RECONNECT im Zentrum der Aktivitäten steht, erklärt sich in

diesem Sinne. „Wir haben diese drei Länder nicht nur deshalb

als Partner für 2025 ausgewählt, weil sie so zentral für die Weiterentwicklung

des europäischen Jazz und dessen internationale

Strahlkraft sind und sich seit ihrem ersten, individuellen

Auftritt als Partnerländer vor teilweise einem Jahrzehnt so viel

dort getan hat“, betonen Kornitschky und Bühler. „Wir sehen

auch in der geografischen Nachbarschaft von Spanien, Frankreich

und der Schweiz ein enormes Potential, was den musikalischen

Austausch untereinander (und natürlich

darüber hinaus) sowie die Zusammenarbeit der

dortigen Veranstalter:innen für in jeder Hinsicht

grenzüberschreitendes, aber dabei

schon im Hinblick auf die Entfernung

machbares „Green Touring“

angeht.“

Um den kreativen Austausch

mit dem Globalen

Süden weiter zu fördern,

ist „Jazz from Africa“, nach

einem erfolgreichen Start in

diesem Jahr, 2025 zum zweiten

Mal ein Schwerpunktthema

der jazzahead!. Im Rahmen der acht

Overseas-Showcases wird die Jury drei

Musiker:innen und/oder Bands aus verschiedenen

Ländern des Kontinents für

Showcases auswählen. „Der Austausch und die Verknüpfung

dürfen dabei keine Einbahnstraße sein“, sagt Artistic Advisor

Götz Bühler. „Es geht um ein besseres Verständnis – und die

Neugierde auf kreative Impulse und Innovation, ein wesentliches

Lebenselixier des Jazz.“

Hierzu sprachen mit Jakob Fraisse, der bei der jazzahead! für

das Thema Green Touring zuständig ist (siehe Seite ....)

Götz Bühler und Sybille Kornitschky © M3B GmbH Kerstin Rolfes


CAROL | 2025 Jazz | Bremen | jazzahead! | 9

Célia Kameni © Peter The Moon

Louis Matute – Large Ensemble © Nadia Tarra

jazzahead! Grand Opening Event

23.4.2025 Große Konzerthalle des Congress Centrums

Die jazzahead! 2025 startet fulminant: das Grand Opening

am Mittwochabend bietet als große internationale Gala einen

Vorgeschmack auf drei randvolle Messe- und Festivaltage (und

Nächte!) vom 24. bis 26. April 2025. Obendrein gewährt der

Konzertabend einen exklusiven Einblick in die musikalische

Bandbreite der RECONNECT-Partnerländer Spanien, Frankreich

und Schweiz.

Der Abend des 23. April in der 1200 Plätze fassenden Großen

Konzerthalle des Congress Centrums Bremen beschert der jazzahead!

endlich wieder einen glamourösen Auftakt. Das Grand

Opening: eine gemeinsame Eröffnung von Festival und Messe,

mit Vertreter:innen aus Politik, Kunst und Kultur, ein stilvoller

Empfang mit Drinks und Fingerfood, und natürlich ein hochklassiger

Konzertabend.

„Sketches of Spain, France and Switzerland“ ist das Motto der

Eröffnungsfeier. Die drei RECONNECT- Partnerländer, die zwischen

2012 und 2016 jeweils alleine Partnerland waren, sind

hier alle mit prominenten Künstler:innen vertreten.

Aus der Schweiz kommt Gitarrist Louis Matute mit seinem Large

Ensemble. Gilad Hekselman schreibt über ihn: „Louis satisfied

my need for rhythm, melody, sound and heart.“ Matute,

der auch honduranische Wurzeln hat, ist mit seinen 30 Jahren

bereits ein wichtiger Vertreter der französisch-schweizerischen

Szene. Seine „elegante Fusion-Folklore“ (Jazzthing) lebt von

der Verquickung verschiedenster Einflüsse, nicht zuletzt brasilianischer

Elemente.

Mit Matutes Band wird auch Célia Kameni aus Lyon auftreten.

Die Sängerin und Komponistin mit kamerunischen Wurzeln

gewann 2018 mit der Amazing Keystone Big Band den nicht

nur in Frankreich renommierten Preis „Les Victoires du Jazz“.

Eine enorm vielseitige Sängerin, die mit Ella-Fitzgerald- Tributalben

genauso begeistert hat wie mit dem tanzbaren Jazz der

Band Nu Genea.

Yelfris Valdés hat seinen Lebensmittelpunkt auf der spanischen

Insel Mallorca. Der in Kuba geborene Trompeter zeigte schon

im Kindesalter ein bemerkenswertes Talent; mit 16 Jahren war

er weltweit auf Tourneen unterwegs. In seiner Zeit in London

arbeitete er mit Damon Albarn und Quantic zusammen. Seine

afro-kubanischen Einflüsse verbinden sich ganz organisch mit

Pop und HipHop.

Yelfris Valdés © Angel Romo


10 | Jazz | Bremen | jazzahead!

CAROL | 2025

SHOWCASING ARTISTS

JAZZAHEAD! 2025

Thursday | Donnerstag 24.04.2025

Carlos Bica 11:11 (PT)

14:00 – 14:30 Kulturzentrum Schlachthof

Carl Wittigs Aurora Oktett (DE)

14:45 – 15:15 Halle 7.2

Korhan Futaci (TR)

15:30 – 16:00 Halle 7.1

Ilaria Capalbo (SE/IT)

16:15 – 16:45 Kulturzentrum Schlachthof

Juanjo Corbalán Quartet (PY)

17:00 – 17:45 Halle 7.2

Andreas Polyzogopoulos Trio (GR)

18:00 – 18:30 Kulturzentrum Schlachthof

Momi Maiga (ES)

18:45 – 19:15 Halle 7.1

Schubert NOW! (HU)

20:15 – 20:45 Halle 7.2

Louis Matute Large Ensemble (CH)

21:00 – 21:30 Kulturzentrum Schlachthof

Benjamin Jephta Sextet presents 'Born Coloured,

not Born-Free' (ZA)

21:45 – 22:30 Halle 7.1

Shalosh (IL)

22:45 – 23:30 Kulturzentrum Schlachthof

Monsieur Mâlâ (FR)

23:45 – 00:15 Halle 7.2

Friday | Freitag 25.04.2025

Benjamin Jephta Sextet © Simon Shiffman

Showcase-Konzerte der jazzahead! 2025

Die emotionale, sinnliche, bunte Welt des Jazz entdecken – das

geht am besten live bei der jazzahead! in Bremen. Am 24. April

2025 beginnt die Fachmesse in den Hallen der Messe Bremen.

Zum weltführenden Branchentreff für Jazz gehören seit 2006

auch die 30 bis 45 Minuten langen Showcase-Konzerte. 2025

haben Künstler:innen aus mehr als 20 Ländern die einmalige

Chance, sich der Weltöffentlichkeit zu präsentieren. Jetzt gibt

die jazzahead! die Namen dieser Acts bekannt

Yilian Canizares © Ben Depp

Nils Kugelmann Trio (DE)

14:00 – 14:30 Kulturzentrum Schlachthof

Harald Lassen (NO)

14:45 – 15:15 Halle 7.1

‘Oumuamua Orchestra (DE)

15:30 – 16:00 Halle 7.2

Maik Krahl - The Magic of Consistency (DE)

16:15 – 16:45 Kulturzentrum Schlachthof

Roger Corrêa Quartet (BR)

17:00 – 17:45 Halle 7.1

hilde (DE)

18:00 – 18:30 Kulturzentrum Schlachthof

Irene Reig quartet (ES)

18:45 – 19:15 Halle 7.2

Yilian Cañizares (CH)

20:15 – 20:45 Halle 7.1

Norman&Corrie (UK) (Scotland)

21:00 – 21:30 Kulturzentrum Schlachthof

Lucía (MX)

21:45 – 22:30 Halle 7.2

Enji (DE)

22:45 – 23:15 Kulturzentrum Schlachthof

Kasiva Mutua (KE)

23:30 – 00:15 Halle 7.1

Smag På Dig Selv (DK)

00:30 – 01:00 Kulturzentrum Schlachthof

Saturday | Samstag 26.04.2025

Manon Mullener 5tet (CH)

14:00 – 14:30 Kulturzentrum Schlachthof

Besson - Sternal - Burgwinkel Trio (DE)

14:45 – 15:15 Halle 7.2

Adèle Viret Quartet (FR)

15:30 – 16:00 Halle 7.1

Unleashed Cooperation (PL)

16:15 – 16:45 Kulturzentrum Schlachthof

Henry Spencer (UK)

17:00 – 17:45 Halle 7.2

Marco Mezquida Trio (ES)

17:45 – 18:15 Kulturzentrum Schlachthof

hilde © Anna Sorgalla

Die 38 Showcases wurden von nach Schwerpunkten zusammengesetzten

internationalen Jurys zusammengestellt. Eine

Auswahl, die die ganze Vielfalt des Jazz und verwandter Genres

abbildet. Diese über 100 Jahre alte Musik war schon immer

offen für Einflüsse aus den verschiedensten Kulturen – die

jazzahead!-Auswahl bestätigt das.

Ein besonderer Fokus liegt auf den Bands aus der Partnerregion

2025, den RECONNECT-Ländern Spanien, Frankreich

und der Schweiz. Drei von neun bemerkenswerten Konzerten:

die kubanisch-schweizerische Violinistin und Sängerin Yilian

Cañizares und der französische Sänger/Posaunist Robinson

Khoury mit seinem elektro-akustischen Trio; für Furore sorgen

dürfte auch der senegalesisch-spanische Sänger und Kora-Spieler

Momi Maiga, der westafrikanische Elemente mit Jazz und

Flamenco verbindet.

Darüber hinaus ist „Jazz from Africa“ zum zweiten Mal Fokus-

Thema der jazzahead!. Kasiva Mutua ist ein Name, der in den

nächsten Jahren öfter fallen dürfte. Die kenianische Perkussionistin

fusioniert traditionelle Musik mit modernen Einflüssen

aus Jazz, Funk und weiteren Stilen. Zentral- und Südamerika

sind außerdem mit vier Ländern so zahlreich vertreten wie nie.

Roger Correa Quartet © Tóia Oliveira

Statements der Jury

Javier Estrella Ruiz von der Plataforma Jazz España:

„Bei der Juryarbeit kommen Menschen aus verschiedenen

Ländern zusammen, um ihre unterschiedliche Perspektiven zu

verstehen und einen Konsens zu finden. Ich bin zufrieden mit

den ausgewählten Acts – sie alle haben einen Sound, der allein

ihrer ist.“

Gail Boyd, Künstlermanagerin aus den USA, über den Auswahlprozess

der Jury:

„Einige Kriterien, wie die besondere Berücksichtigung von

Frauen, waren vorgegeben. Ich hatte auch eigene, zum Beispiel:

Wirkt die Band stimmig? Genießen sie die Musik oder

lesen sie die Noten nur ab?Haben sie etwas Neues zu bieten

oder etwas, das ein bisschen anders ist?“

Antonis Zouganelis von Athens Jazz, Griechenland:

„Ein Programm zusammenzustellen, das die Lebendigkeit

des europäischen Jazz repräsentiert – sehr bereichernd! Meine

Kriterien bei der Bandauswahl waren Eigenschaften wie

Originalität und genreübergreifende Innovation. Fertigkeiten

am Instrument waren mir wichtig, genauso aber die Fähigkeit,

emotionale Geschichten zu erzählen. Das jetzige Lineup

ist eine Mischung aus etablierten undaufregenden neuen

Künstler:innen. Das Publikum wird von der Bandbreite der

Acts inspiriert und überrascht sein.

Svante Söderqvist - THE ROCKET (SE/ EE)

18:30 – 19:00 Halle 7.2

Maridalen (NO)

20:00 – 20:30 Halle 7.2

Eva Klesse Quartett – STIMMEN (DE)

20:45 – 21:15 Kulturzentrum Schlachthof

Hervé Samb & Teranga Band (SN/FR)

21:30 – 22:15 Halle 7.1

Sam Newbould Quintet (NL)

22:30 – 23:00 Kulturzentrum Schlachthof

Rolando Luna (CU)

23:15 – 00:00 Halle 7.2

Robinson Khoury (FR)

00:15 – 00:45 Kulturzentrum Schlachthof

Auch das übrige Europa präsentiert sich weltoffen.

Mit Polen, Ungarn, Griechenland, Portugal

und der Türkei gibt es 2025 Musik aus

Ländern zu entdecken, die in den letzten Jahren

auf der jazzahead! oft unterrepräsentiert

waren. Für die Internationalität der deutschen

Szene steht das in verschiedenen Ländern

ansässige Quartett hilde mit ihrer lied-haften

Kammermusik. Die mongolische Sängerin

Enji ist dagegen in München beheimatet, zu

den Fans ihrer rhythmisch-träumerischen Musik

zählt u.a. die New York Times. Die Auswahl

stammt von vier international besetzten Jurys.

Alle 38 Stimmberechtigten sind Kurator:innen

und Veranstalter:innen.

Maik Krahl The Magic Of Consistency © AlessandroDeMatteis


CAROL | 2025 Jazz | Bremen | jazzahead! | 11

© Kai Geiger

jazzahead! CLUBNIGHT

25.04. | Eine Nacht, ein Ticket, 85 Konzerte

85 Konzerte, 35 Clubs, 39 Euro (ermäßigt 19 Euro) – das sind

die Eckdaten der CLUBNIGHT. Auch aus dem Bremer Umland

bringt das im Preis eingeschlossene VBN Ticket tausende Musikfans

komfortabel durch die Nacht und zu den Theatern,

Clubs, Kirchen und Bars im ganzen Stadtgebiet. Eine lange

Nacht mit Livemusik bis in die frühen Morgenstunden.

Die CLUBNIGHT bietet 2025 wieder ein überwältigendes Angebot

für alle Vorlieben. Von Fusion bis Brazil- Folk bis hin zu

Soul, Flamenco, Rock und klassischen Einflüssen sind fast alle

Spielarten des aktuellen Jazz vertreten. Gut zwei Drittel aller

Künstler:innen kommen aus dem Ausland.

Erfreulich: die florierende junge Szene aus Großbritannien

ist in diesem Jahr wieder stärker bei der CLUBNIGHT vertreten.

Trompeter und Bandleader Mark Kavuma von der Londoner

Talentschmiede Tomorrow’s Warriors tritt genauso in

der Shakespeare Company auf wie die Sängerin Jo Harrop. Ant

Law, von der Presse als “einer der originellsten Gitarristen seiner

Generation” bezeichnet, gibt in der Stadtkirche Vegesack

ein intimes Konzert. Im Sendesaal Bremen ist der Grammyprämierte

Saxophonist Tim Garland mit seinem hochkarätigen

Lighthouse Trio zu erleben.

© Kai Geiger

Die Nordics spielen mit Bands aus Island, den Färöern, Finnland

und Schweden im Kulturzentrum Lagerhaus auf. Saxophonist

Óskar Guðjónsson (von der isländischen Indie-Jazz-Band

ADHD) widmet sich hier mit Pianist Magnús Jóhann sensiblen

Klängen. Die in Stockholm lebende Bassistin/Komponistin Ilaria

Capalbo spielt anschließend einen Mix aus Klassik, Jazz und

experimenteller Musik.

Saxophonist Bendik Hofseth, in den Achtzigern Mitglied der

legendären Fusion-Band Steps Ahead, ist heute ein weltweit

geschätzter ECM-Künstler. Der Osloer wird mit weiteren etablierten

norwegischen Künstlern im Achat Hotel Bremen City

auftreten.

Der hypnotische Minimalismus der dänischen Saxophonistin

Cecilie Strange wird in der Lila Eule zu hören sein.

Auf die Szene des Baltikums konzentriert man sich dagegen

im Zentrum für Kunst. Mit dabei: Kadri Voorand, estnische

Geschichtenerzählerin am Piano, und Weird Ugly Fish, ein

punkiges Electronica/Krautrock-Duo aus Litauen.

Im Fritz Theater tritt Tyreek McDole aus New York auf, der erste

männliche Sänger, der je den renommierten „Sarah Vaughan

Award“ erhielt. Hier außerdem im Programm: chilenischer

Indie-Jazz von María y Los Templos und das funky Eme Eme

Project aus Madrid.

Die Bühne des Metropol Theaters gehört der New Yorker

Sängerin Nicole Zuraitis. Die Grammy-Gewinnerin, gefeiert für

ihr Charisma und ihre fabelhafte Stimme, wird auf ihrem von

Christian McBride produzierten Album am Klavier von David

Cook begleitet, Musical Director von Taylor Swift.

Für Besucher:innen wird die App „Rausgegangen“ Mitte April

ein jazzahead! CLUBNIGHT Special aktivieren, inklusive interaktiver

Karte und Live-Informationen zur Auslastung der teilnehmenden

Clubs am Abend selbst.

Tickets sind hier online erhältlich.

shops.ticketmasterpartners.com/nwt-jazzahead

© Kai Geiger

Irene Reig quartet © Maria Fuster Garcia

© Kai Geiger


12 | Jazz | Bremen | jazzahead!

CAROL | 2025

© Kai Geiger

Clubnight Location Olive Weinbar

Die Olive Weinbar in der Östlichen Vorstadt von Bremen, ist einer der langjährigen

Clubnight Partner und auch in diesem Jahr wieder ein Ort der Entdeckungen,

mit nun zwei Bands, die beide aus dem Norden stammen mit

Contemporary Jazz aus Brighton UK und spannende Musiklandschaften aus

Norwegen.

Hinter einer großen Hecke liegt dieses kleine Idyll verborgen, daß das

„Wohnzimmer" der arttourist-Redaktion in Bremen ist. »Olive Brot und

Wein« in diesem schönen Altbau-Ladenlokal, eingerichtet mit wunderbaren

alten Holzstühlen und -tischen, ist ein Treffpunkt für Freunde des mediterranen

Lebensgefühls. Die „Olive“ bietet eine große Auswahl an Weinen und

mit „Tide“ auch ein Fassbier in Bio-Qualität von der Küste. Das Thema Olive

ist allgegenwärtig, vom hochwertigen Olivenöl auf dem gerösteten Brot,

sizilianischer Espressokaffee auf Olivenholz geröstet und Olivenblätter Tee.

Die Speisen, frisch geschnittener Schinken und Käse werden natürlich auf

Brettern aus Olivenholz serviert.

INTERVIEW

Wir sprachen mit Melanie

Plümer, der Gastgeberin

der Olive-Weinbar

Wer und was ist die Olive Weinbar

und wie wurde die Olive Weinbar

zu einem der schönsten, charmantesten

und kleinsten Spielstätten

der Clubnight bei der jazzahead!?

Melanie Plümer: Die Olive Weinbar

ist eine verborgene kleine Perle

in der Stadt Bremen. Eine Oase für

Kultur, gesellige Begegnungen und

inspirierende Entdeckungen. Auf

unserer Karte finden sich leckere

mediterrane Speisen, klein und rustikal

serviert und eine breite Auswahl

an ehrlichen Weinen. Wer die

Melanie Plümer

Olive entdeckt, freut sich meist über

dieses kleine Idyll und die familiäre

Atmosphäre. Die Abende sind immer

von ausgewählter Musik begleitet,

vorrangig Jazz und mediterrane

Sounds.

Wenn Musiker ankommen, um Live

zu spielen, nehmen sie wahr, dass

ich den Kontakt mit ihnen sehr

schätze und dieser geht dann auch

oftmals über den reinen Auftritt hinaus.

Die Menschen, die hier aufeinandertreffen,

bemerken, ein Teil

zu sein von etwas, das wir alle gemeinsam

in diesem einen Moment

erschaffen, manchmal wohlig, gesellig,

ergreifend. Das Motto der

jazzahead!CLUBNIGHT passt somit

voll und ganz:

„Create the Moment!“ Denn das ist,

was in uns bleibt, die Erinnerung an

diesen Moment.

Aber all dies wäre nur die halbe

Wahrheit ohne die Kulinarik. Sie

bringt die Menschen an einen Tisch

zusammen. Dieses mediterrane Lebensgefühl,

wo der hohe Stellenwert

des guten, einfachen Essens

automatisch für ein geselliges Miteinander

sorgt, ist für mich essenziell.

Man fühlt sich willkommen und gut

aufgehoben, ganz unkompliziert.

Aus meiner sizilianischen Vergangenheit

ist dies geblieben. Einer der

ersten Sätze, wenn man sich dort

begegnet, lautet: „Hai mangiato?“ –

Hast Du schon gegessen?

Olive Weinbar, Jorge De Rocha

Ich bin selbst sehr oft auf Konzerten

und vermisse die Zusammenkunft

nach dem Erlebten. Alle nehmen ihr

Gefühl allein mit nach Hause. In der

Olive kann man einfach noch sein,

bei einem Gläschen noch mit den

Musikern schnacken, was schnabulieren

und den Abend ausklingen

lassen. Wunderbar!

Die Konzerte hatten für mich nie

einen wirtschaftlichen Hintergrund

und geschehen immer aus Lust an

der Freude. Natürlich hat die CLUB-

NIGHT einen sehr großen Aufmerksamkeitseffekt,

von dem wir zunehmend

profitieren. Dafür bin ich sehr

dankbar.

Diese Abende sind für mich magische

Nächte, nach denen alle beseelt

nach Hause fahren. Früher war ich

selbst nur Gast bei diesem Festival,

bis ich zufällig auf Sybille Kornitschky

(Projektleiterin jazzahead!) im

Theater traf und wir sofort für eine

CLUBNIGHT in der Weinbar Pläne

schmiedeten. Seitdem freue ich mich

jedes Jahr aufs Neue, wenn es wieder

los geht in der kleinsten Spielstätte

der jazzahead!CLUBNIGHT. Dies

alles zusammen ist wahrscheinlich

spürbar!

Nach welchen Kriterien und Vorlieben

stellen Sie Ihr Programm

für die Olive zusammen?

Melanie Plümer: In den ersten

Jahren nutzten wir die Plattform

sofaconcerts.org, um mit Bands außerhalb

von Bremen in Kontakt zu

kommen. Durch den Pool der jazzahead!

öffneten sich dann weitere

Tore zu internationalen, hochkarätigen

Musikern. In der Regel haben

wir monatlich Konzerte.

Die Auswahl des musikalischen

Programms speist sich mittlerweile

hauptsächlich aus den Weiterempfehlungen

der Musiker, die schon

einmal bei uns waren, oder weil

bekannt ist, wer schon bei uns aufgetreten

ist. Da haben wir anscheinend

mittlerweile einen ganz guten

Ruf.

Da dieser kleine Ort sich in der Regel

keine festen Gagen leisten kann,

leben unsere Konzertabende vom

Miteinander: Musiker, die Lust auf

diese intime Atmosphäre haben und

Gäste, die es wertschätzend honorieren.

Auf „den Hut zu spielen“, ermöglicht

natürlich den Gästen sich

eher auf etwas einzulassen, was sie

nicht kennen.

Bei der jazzahead!CLUBNIGHT ist

das natürlich ganz anders! Da ist die

Auswahl am Abend ja kaum als Gast

zu bewältigen und die Kosten für

uns sehr hoch. Bei der Auswahl der

Musiker ist die jazzahead! bei Bedarf

auch behilflich, da es viele gibt, die

an dem Festival teilhaben möchten.

Für das Programm in den Spielstätten

sind wir aber als Veranstalter

selbst verantwortlich. Ich höre mir

die Musik dann an und wenn es

mich berührt, passt das für mich.

Das musikalische Programm übers

Jahr bleibt bei uns offen für unterschiedliche

Musikstile, gerne experimentell.

Es gibt eine Vielzahl von

Anfragen, die zeigen, wie groß der

Bedarf ist an Auftrittsmöglichkeiten.

Wenn mich etwas direkt anspricht,

finden wir einen gemeinsamen

Termin. Es muss in erster Linie

mir selbst gefallen und dann finden

sich immer auch Gäste, die mit dabei

sein möchten. Die Abende sind

sehr individuell und das Publikum

bestimmt den Vibe immer mit. Es

bleibt immer unberechenbar! Das

VITA

Melanie Plümer, 57, ist gebürtige

Bremerin und betreibt seit zwölf

Jahren Olive Brot und Wein. Diese

Weinbar ermöglicht ihr, ihre vielfältigen

Leidenschaften unter einen

Hut zu bringen. Den Wert von guter

Gastfreundschaft und mediterranem

Genuss lernte sie zu schätzen, als

sie in ihren Zwanzigern auf Sizilien

beheimatet war.

www.olive-weinbar.de

www.instagram.com/olivebrotundwein/


CAROL | 2025 Jazz | 13

ist toll und besonders, immer direkt.

Die Auftritte sind Live immer

spannender als jede perfektionierte

Aufnahme und hallen nach, bleiben

in einem. So geht es nicht nur mir.

JAZZFESTIVALS

Wie und durch wen wird Ihr Programm

angenommen?

Melanie Plümer: Die Gäste für Konzertabende

finden sich teils unter

unseren Stammgästen, aber immer

wieder entdecken Musikinteressierte

uns durch Veranstaltungshinweise

im Netz oder Print.

Wir haben ein sehr buntgemischtes

Publikum mit zunehmend jüngeren

Menschen. Das freut mich sehr.

Durch die jazzahead!CLUBNIGHT

haben wir so einige auch schon an

den Jazz herangeführt, denen das

breite Spektrum nicht bekannt war.

Dafür ist die CLUBNIGHT auch

sinnvoll, weitere Menschen dafür zu

gewinnen, die sich sonst nicht mit

einem Jazz-Fachpublikum mischen

würden, aber gerne in die Olive

kommen.

Welcher Mehrwert ergibt sich aus

dem Programm für Ihr „Kerngeschäft“?

Melanie Plümer: Durch unsere verschiedenen

Veranstaltungen sind

wir mehr als nur eine „Kneipe“.

Wir werden wahrgenommen als Ort

nicht nur für Begegnungen, sondern

hier passiert auch etwas, was

von kulturellem Interesse ist. Neben

den Konzerten organisieren wir Tastings,

Tanztees, Lesungen und auch

Ausstellungen. Manche können

sich gar nicht vorstellen, dass an so

einem kleinen Ort so viel passieren

kann. Das weckt das Interesse. Gäste

fragen immer wieder „Wann ist

das nächste Konzert?“ und zeigen

uns, man möchte das nicht verpassen,

man möchte dabei sein und die

Geschichte miterzählen können. Es

ist immer schön, im Gespräch zu

Olive Weinbar, Nico Wolff

bleiben und natürlich essenziell, damit

die Gäste auch im Alltag zu uns

kommen. Nach Covid ist das alles

nicht mehr so leicht.

Kooperieren Sie auch mit anderen

Bremer Kulturformaten, wie der

Breminale, Musikfest, La Strada

oder dem Filmfest Bremen?

Melanie Plümer: Es hat sich nie

eine Kooperation mit diesen größeren

Events ergeben, da ich die

Weinbar mit einem kleinen, wunderbaren

Team betreibe und der

Aufwand doch immer größer ist, als

man denkt. Wir suchen uns da eher

mal lieber die Nischen und kleinteilige

Events. Da ist die Olive schon

mal eher auf dem alteingesessenen

Fockes Fest oder bei innovativen

BikeIt Bremen Events anzutreffen.

In Bremen gibt es ein Stagebike, ein

Lastenrad mit aufklappbarer, voll

ausgestatteter Bühne, welches auch

im Rahmen der jazzahead! schon

Verwendung fand. Bei so etwas mischen

wir immer gerne mal mit. Auf

dem Lastenrad ein kleines Catering,

da gibt es dann Konzerte und Leckeres

aus der Olive mitten im Grünen.

Mit Radevents in Bremen sind wir

ganz gut vernetzt und bieten selbst

auch Radreisen als „Rad, Kultur &

Wein“ nicht nur in Weingebiete an.

In diesem Sommer besuchen wir

z.B. unsere kleine BioBrauerei an der

Küste. Bremen und das Rad gehören

ja auch irgendwie zusammen.

Wer spielt in diesem Jahr anlässlich

der CLUBNIGHT am 25.04.

bei Ihnen?

Melanie Plümer: Ich freue mich

dieses Jahr sehr auf unseren nordischen

Besuch aus England und Norwegen.

Oddgeir Berg ist ja schon ein

alter Oliven-Hase, aber diesmal mit

dem Trompeter Per Willy Aaserud

in recht neuer Zusammensetzung

als „Brothers of Melody“ auf unserer

Bühne. Beide sind sehr erfolgreiche

Musiker, nicht nur in Norwegen.

Da bekommen wir familiäre Melodien

in neuem ungewöhnlichem

Gewand zu hören. Aus Brighton

stammt das „Fred Hills Trio“, von

denen wir farbenfrohe Rhythmen

und inspirierende Spannung erleben

werden. Ich bin ein großer Fan

von diesem sphärischen, manchmal

schrägen und dann doch wieder

melodischen Sound.

Sun-Mi Hong BIDA Orchestra | © Fabian Schellhorn

Berlin

Jazzfest Berlin

30.10. – 2.11.2025

Rund um stilbildende Ikonen des Jazz wie auch junge Positionen aus verschiedensten

Stilrichtungen entwirft das Jazzfest Berlin ein Festivalprogramm

voller kreativer Grenzgänge und kollektiver Visionen. Als Berliner

Jazztage 1964 gegründet, zählt das Jazzfest Berlin zu Europas ältesten und

renommiertesten Festivals seiner Art.

Während die ersten beiden Festival-Dekaden geprägt waren von den stilbildenden

und populären Jazzgrößen aus den Vereinigten Staaten, hat

sich das Spektrum inzwischen global geweitet – mit einem ebenso deutlichen

wie naheliegenden Schwerpunkt beim gegenwärtigen Jazz europäischer

Provenienz. Ein Theatergebäude, das Haus der Berliner Festspiele

mit ca. 1000 Sitzen, betrieben von den Berliner Festspielen, unter deren

Dach das Jazzfest Berlin veranstaltet wird, ist aktueller Dreh- und Angelpunkt

des musikalischen Geschehens vor zumeist ausverkauftem Haus.

Die ARD Hörfunkstationen und das Deutschlandradio sind mit Live-

Übertragungen und Konzert-Mitschnitten am Erfolg des Jazzfest Berlin

maßgeblich beteiligt.

Das Programm erscheint im September.

www.berlinerfestspiele.de/jazzfest-berlin

Bezau Beatz | © Minima Music & Arte

Bezau (A)

Bezau Beatz

7. – 10.8.2025

Das Label des österreichischen Schlagzeugers und Festival-Machers Alfred

Vogel, BOOMSLANG RECORDS (www.boomslang-records.com),

steht laut dem New York City Jazz Records Magazine für einen „warm

and wooly musical plunge into the unusual“. Treffender könnte man das

beachtliche musikalische Universum, das der umtriebige Musiker in den

letzten Jahren geschaffen hat, wohl kaum bezeichnen. Denn auch sein

Festival BEZAU BEATZ, das in der Szene für kreative und improvisierte

Musik mittlerweile zu den führenden Adressen in Europa zählt, steht für

unkonventionelle Musik auf höchstem Niveau. Vom 7. bis 10. August

geht es in die 18. Runde. Über 20 Bands aus ganz Europa feiern in familiärer

Atmosphäre in und um das idyllische Alpendorf Bezau im schönen

Bregenzerwald ein Wochenende herausragender Live-Musik. Etwa

die Hälfte davon stammt mittlerweile aus dem Katalog des hauseigenen

Labels.

An Orten wie der Bregenzerwaldbahn-Remise,

einer

Kapelle, im Musik Club des

Hotel Post Bezau, auf einer

Aussichtsplattform auf

1650 Metern Höhe oder

etwa in einer Kunstschmiede

kann man den Klängen

von Künstlern wie STEME-

Bezau Beatz | © Minima Music & Arte

SEDER LILLINGER QUAR-

TETT, MAX STADTFELD, PAULINE RÉAGE, PULSE FEAT. TILO WEBER,

CRUTCHES, SINULARIA, FELIX HAUPTMANNS SERPENTINE, KOFI

QUARSHIE AGOO GROUP, LIUADAS MOCKUNAS TUBA QUARTETT,

SPACE, FELIX HENKELHAUSEN´S DERANGED PARTICLES, BENOÎT DEL-

Olive Weinbar, Eingang

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14 | Jazz | Allensbach

CAROL | 2025

Allensbach (D)

26. JAZZ am SEE

2025

Grenzgänge – Jazz und mehr

Auch 2025 überrascht Allensbach mit Kultur vom Allerfeinsten und wartet

mit einem spannenden, abwechslungsreichen Programm verschiedener

Kulturen, Genres und außergewöhnlicher Instrumentalist:innen

und Stimmen auf. Ob bei Jazz Am See in der über dem See liegenden

Gnadenkirche, den Konzerten bei „umsonst & draußen“ auf der KUL-

TUR am SEE-Bühne oder im Rahmen des Bodenseefestivals, bei „wine &

Die Klänge der Welt“, den „Kultur Blind Dates“ oder besonderen Highlights

für ein größeres Publikum in der Bodanrückhalle – Allensbach

hat’s und hat es wieder angerichtet für Kulturliebhaber von nah und

fern. Auch in diesem Jahr darf man auf ein feines und internationales

Programm mit Raum für musikalische Grenzgänge, Wiederbegegnungen

und Entdeckungen gespannt sein.

Was mit einem ersten Konzert mit der Musiklegende

Charlie Mariano begann, ist heute

eine etablierte Jazzdestination, fester Bestandteil

im Jazzkalender namhafter Künstler:innen

und schon lange kein Umweg mehr. Viele

Künstlerinnen lieben dieses kulturelle Kleinod

mit dem außergewöhnlichen Ambiente mit

Wohlfühlatmosphäre.

„Es gibt kein Rezept, keine Anleitung. Die

Reihe ist gewachsen und mit ihm ein offenes,

neugieriges und treues Publikum. Das Besondere

an der Reihe sind die Begegnungen von

Musikern aus unterschiedlichen Kulturen

und Genres, ein musikalischer Austausch von

höchster künstlerischer Qualität, erlebbar in

der dichten, fast intimen Atmosphäre der kleinen

Kirche. Hier entstehen intensive Dialoge

zwischen Musikern und Publikum, die beide

gleichermaßen schätzen und von denen Musiker

oft geradezu schwärmen. Die Reihe besteht

nicht zuletzt aufgrund eines guten Netzwerks

und viel Leidenschaft, hohen Engagements

eines ganzen Teams, Unterstützern, auch seitens

der Kirche. Und wir leben an einem Ort,

der Kultur als festen Bestandteil des Gemeindelebens

begreift“, so Sabine Schürnbrand, die

die Idee zu Jazz am See hatte und die Reihe bis

heute mit ihrem Team entwickelt und betreut.

Programm 26. JAZZ am SEE

Vincent Peirani JOKERS | © Stan Augris

VINCENT PEIRANI JOKERS

Mo., 28.4.2025 | ev. Gnadenkirche | 20 Uhr

Vincent Peirani - acc

Federico Casagrande - git

Ziv Ravitz - drums

„Was der aus Nizza stammende Pariser dem

Knopfakkordeon und der Akkordina entlockt,

hat man so noch nicht gehört.“ (Süddeutsche

Zeitung)

Einmal mehr mischt Akkordeonist Vincent

Peirani die Karten neu. Er gilt als Erneuerer des

Akkordeons und als einer der kreativsten Musiker

der europäischen Szene. Dafür wurde er

vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem ECHO-

Jazz und dem Victoire du Jazz. Und er ist bekannt

dafür, dass er mit seinem Instrument

immer wieder neue, einzigartige Wege betritt

und das Publikum zum Staunen bringt. Mit

seiner Trio-Besetzung Jokers taucht er mit der

Freiheit des Jazz in eine üppige Klangwelt ein,

die gleichermaßen überrascht und fasziniert:

eine fantasievolle Fusion von Jazz-Rock-Electronica

und ein unwiderstehlicher Sound voller

Spannung, Poesie, virtuosen Ausbrüchen,

Improvisation und intimen Momenten. Seine

Mitstreiter, der Italiener Federico Casagrande

an der Gitarre und der Israeli Ziv Ravitz am

Schlagzeug, erweisen sich dafür als ideale Partner.

Beide verfügen, wie Peirani, neben ihrem

Jazz-Background über einen weiten musikalischen

Horizont.

„Vincent Peirani sprengt wieder einmal alle

Grenzen“ (Kulturzeitschrift AT), „Vincent Periani

setzt sein Akkordeon so dynamisch und

innovativ ein, wie derzeit niemand sonst“

(Kieler Nachrichten)

Wollny & Parisien | © Joerg Steinmetz

MICHAEL WOLLNY & EMILE PARISIEN

Mo., 26.5.2025 | ev. Gnadenkirche | 20 Uhr

im Rahmen des 37. Bodenseefestivals

„Freiheit“

Michael Wollny – piano; artist in residence

Emile Parisien – sopransax

Michael Wollny und Emile Parisien, zwei musikalische

Freidenker und die Magie des Augenblicks.

Pianist Michael Wollny, international erfolgreicher

Jazz-Pianist und sechsfacher

ECHOJazz-Preisträger, ist diesjähriger Artist

in Residence des Bodenseefestivals. Sein Markenzeichen

ist das Unberechenbare, die Suche

nach dem bisher Ungehörten, der Mut, sich

dem Moment hinzugeben, das Unvorhergesehene

selbstverständlich klingen zu lassen

und sich klanglich wie kompositorisch immer

wieder neu zu erfinden. Das macht ihn

zu einem „vollkommenen Klaviermeister“

(FAZ) und er „zählt zu den Besten im Jazz.

Weil er aus jeder nur erdenklichen Musik ein

Erlebnis machen kann, das einem den Atem

nimmt“ (Süddeutsche Zeitung).

Emile Parisien wurde für sein vielschichtiges,

innovatives und experimentierfreudiges Spiel

ebenfalls mit dem Victoire du Jazz und dem

JAZZEcho ausgezeichnet, und wer den quirligen

Franzosen jemals live auf der Bühne erlebt

hat, weiß, dass er den Jazz mit Leib und Seele

lebt.

Beide gelten als stilprägende Vertreter ihrer

Instrumente, im Jazz und weit über dessen

Grenzen hinaus, und beiden gelingt es, aus

den unterschiedlichsten musikalischen Einflüssen

von Jazz, Klassik, Pop, Neuer Musik,

Avantgarde und Mainstream immer wieder

neue, unerwartete Ereignisse zu kreieren. Sie

sind Meister des Moments, verstehen es aufs

Sensibelste, sich auf ihr Gegenüber einzulassen

und im Austausch mit diesem, ungehörte

Musik, verblüffende Unikate in Echtzeit entstehen

und das Publikum an dieser faszinierenden

musikalischen Kommunikation teilhaben

zu lassen.

ThomasQuasthoff © Gregor Hohenberg, Sony Music Entertainment

THOMAS QUASTHOFF | SIMON OSLENDER |

DIETER ILG „For You All“

Mo., 15. + Di., 16.9.2025 | ev. Gnadenkirche

| 20 Uhr

Thomas Quasthoff - voc | Simon Oslender -

piano | Dieter Ilg - kontrabass

Thomas Quasthoff, einer der bedeutendsten

Sänger seiner Generation, hat mit seinem

wandelbaren Bassbariton in Opernarien

und Liedgesang Maßstäbe gesetzt. Er trat

mit führenden Orchestern und Dirigenten

auf den großen internationalen Bühnen auf

und wurde mit Grammys und Echo-Preisen,

nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet.

Von der Klassik hat er sich 2012

verabschiedet, dem Gesang und den Bühnen

ist er treu geblieben. Als Jazzsänger interpretiert

er das American Songbook: intensiv, leidenschaftlich,

großartig. Das Publikum dankt

es enthusiastisch und die Kritiker feiern ihn.

2024 beging er sein 50-jähriges Bühnenjubiläum

mit Jazztrio und Quartett u.a. in der Elbphilharmonie,

Philharmonie Köln, Wigmore

Hall in London, im Festhaus Baden-Baden,

Wiener Konzerthaus.

An seiner Seite sind die fantastischen Jazzmusiker

Dieter Ilg, „der mit dem Bass tanzt“ und

schon mehrfach mit seinem Trio oder Till

Brönner in Allensbach zu hören war, und der

24-jährige Pianist, u.a. Studiomusiker von Max

Mutzke und „Rising Star“ Simon Oslender.

„Der einzige Grund, warum ich Jazz singe,

ist, dass es mir wahnsinnig Spaß macht.

Mehr Gründe brauche ich nicht“, so Thomas

Quasthoff, und uns ist es eine wahnsinnige

Freude, das Trio in der intimen Atmosphäre

der Gnadenkirche erleben zu dürfen.

THE JAKOB MANZ PROJECT „The Answer“

Mo., 22.9.2025 | ev. Gnadenkirche | 20 Uhr

Jakob Manz – sax | Hannes Stollsteimer -

piano | Frieder Klein - bass | Paul Albrecht

- drums

Jakob Manz - das Ausnahmetalent. Bereits

mit 15 Jahren studierte er im Jungstudium

Jazz & Pop an der Musikhochschule Stuttgart.

Ein Jahr später wurde er ins Bundesjazzorchester

aufgenommen, mit dem er

Jakob Manz Projekt | © Kiehl

u.a. in der Elbphilharmonie sowie in verschiedenen

Ländern auftrat. 2017 gründete

der Saxofonist seine Band The Jakob Manz

Project, mit der er nur ein Jahr später und

mit gerade mal 17 Jahren den 1. Preis bei

den Future Sounds 2018 der Leverkusener

Jazztage erhielt. Weitere folgten. Inzwischen

gehört The Jakob Manz Project mit ihrem

frischen und zupackenden Sound zu den

erfolgreichsten Bands des jungen deutschen

Jazz und trat auf großen Festivals wie Jazz

Baltica, Elbjazz u.a. auf. Ihr Debüt Album

„Natural Energy“ erschien im April 2020

beim renommierten Label ACT. Konzerte auf

internationalen Festivals folgten und 2024

ein weiteres Act-Album.

Die Band spielt einen sehr groovigen Jazz,

eine Balance aus Tradition und Moderne,

die mit zahlreichen Einflüssen aus Funk,

Soul, Pop, Filmmusik, Hip-Hop, Rock oder

Weltmusik angereichert ist. Die Individualität

der Bandmitglieder spiegelt sich in den

vielfältigen Eigenkompositionen wider, jedes

gibt der Musik seine eigenen Impulse.

Jakob Manz wurde mit dem Landesjazzpreis

Baden-Württemberg 2022 ausgezeichnet –

mit 21 Jahren. 2023 trat er zum ersten Mal

bei JAZZ am SEE auf. Das Publikum feierte

mit standing ovations. Wer dabei war, kann

diesen Abend sicher nicht so schnell vergessen.

Ein Ausnahmetalent eben.

Nils Landgren CWMF | © Act Nikola Stankovic

NILS LANDGREN „CHRISTMAS WITH MY

FRIENDS“

Do., 4.12.2025 | Klosterkirche Hegne |

20 Uhr

Nils Landgren - posaune, voc | Jeanette

Köhn - voc | Sharon Dyall - voc | Jessica

Pilnäs - voc | Ida Sand - piano, voc | Jonas

Knutsson - sax | Johan Norberg - git | Clas

Lassbo - bass

Eine jazzige Weihnachtsmusik mit Gänsehautgarantie.

Alle Jahre wieder. Weil’s so

schön ist.

Festlicher kann der Abschluss der Allensbacher

Kultursaison nicht sein als mit Weihnachtsliedern,

so schön und so anders, von

„Mr. Red Horn“ Nils Landgren und seinen

virtuosen Freund:innen. Der schwedische

Posaunist, Sänger und einer der erfolgreichsten

Jazzmusiker Europas, Nils Landgren,

träumte viele Jahre davon, ein musikalisches

Weihnachtsfest zu feiern. Inzwischen

gehören die kitschfreien, wärmenden Aufnahmen

und Konzerte für viele Menschen

zur Weihnachtszeit wie Plätzchen und der

Weihnachtsbaum. Der besondere Reiz liegt

in der klaren und eindringlichen musikalischen

Sprache. Wohltönend und wärmend,

gefühlvoll und berührend. Nils Landgren

kommt auf seiner ausgewählten Tour auch

in dieser Adventszeit wieder in die Klosterkirche

Hegne und beschenkt uns mit seiner

jazzigen Weihnachtsmusik mit Gänsehautgarantie.


CAROL | 2025 Jazz | 15

LSDC 25 | © Emmanuel_Ligner

JAZZ und mehr…

RENAUD GARCIA-FONS „Le Souffle des

Cordes“ – „Der Atem der Saiten“

Mi., 5.11.2025 | Klosterkirche Hegne | 20 Uhr

Renaud Garcia-Fons, der virtuose Botschafter

zwischen den Kulturen und musikalischen

Welten. Le Souffle des Cordes, faszinierende

Meisterstücke und ein ganz besonderer

Saitenzauber.„Der Paganini des Kontrabasses“,

Renaud Garcia-Fons, zählt zu den außergewöhnlichsten

Musikern, die sich zwischen

Weltmusik, Jazz und Klassik bewegen,

und ist mit seiner einzigartigen Klangsprache

auf seinem fünfsaitigen Instrument einer der

virtuosesten Kontrabassisten der Gegenwart.

Er wurde vielfach ausgezeichnet (u.a. Gewinner

des Grand Prix de Jazz 2021) und brilliert

auf internationalen Bühnen wie der Oper in

Lyon, der Met in New York u.v.a.

Für sein neuestes Projekt hat er ein „WORLD

STRING OCTET“ zusammengestellt, in dem er

ein klassisches Streichquartett, bestehend aus

zwei Violinen, Viola und Cello, seinen fünfsaitigen

Kontrabass, die türkische Stachelgeige

Kemence, die orientalische Kastenzither

Kanun und eine spanische Flamencogitarre,

vereint. Die acht Musiker und Musikerinnen

begeben sich dabei auf eine grenzenlose

und fulminante musikalische Weltreise vom

fernen Osten nach Afrika, von Rock bis zur

Flamenco Bulería, vom Barock bis zur ausgelassenen

Balkanmusik. Gemeinsam entwickeln

sie eine Reichhaltigkeit an Klangfarben

und einen „Drive“, der den Atem der Saiteninstrumente

von der Melancholie bis zum

Sturm anwachsen lässt: kraftvoll, pulsierend,

vielschichtig, farbig schillernd und wunderschön.

„Was für eine Begegnung mit Renaud Garcia-

Fons und seinem Streichoktett! … Ihr Vibrieren,

ihre Resonanz lassen Mittelmeer und

Nahen Osten in allen Farben und Gerüchen

lebendig werden.“ (BR Klassik)

JAZZ am SEE „umsonst & draußen“

auf der KULTUR am SEE-Bühne

Volosi | © W.Meyer

VOŁOSI Weltmusik vom Besten

im Rahmen des 37. Bodenseefestivals „Freiheit“

| Mi., 4.6.2025 | 19.30 Uhr

Das polnische Streichquintett und eine unwiderstehliche

Kombination aus Klassik, traditioneller

Musik der Karpaten und virtuosen Jazzimprovisationen.

Die Geschichte von Vołosi beginnt tief im

Herzen der Karpaten. Ein klassisch ausgebildeter

Violinist plant seine Hochzeitsfeier in den

Bergen und ist auf der Suche nach einer ganz

speziellen, unvergesslich bleibenden musikalischen

Atmosphäre. Mit seinem Bruder, einem

Cellisten, entdeckt er drei außergewöhnlich

talentierte traditionelle Musiker. So trifft bei

Vołosi ein Trio der Karpatentradition auf ein

Duo mit ausgefeiltem klassischem Hintergrund.

Es folgten zahlreiche Auszeichnungen für ihr

innovatives mitreißendes Spiel und weltweite

Auftritte bei den renommiertesten Festivals.

Ihre Konzerte sind eine Explosion musikalischer

Energie, die Publikum und Kritiker gleichermaßen

begeistern.

„Vołosi sind eine Offenbarung“ (Mary Ann

Kennedy, BBC) … und für uns die Entdeckung!

Kraftvoll, hypnotisierend und voller Leidenschaft.

YOUNG & NEXT | LANDES-JUGEND-JAZZ-

ORCHESTER Baden-Württemberg

Do., 17.7.2025 | 19.30 Uhr

„Wir nehmen nur die Besten“

Seit fast drei Jahrzehnten stellt das Auswahlorchester

im Bigbandformat für Nachwuchsmusikerinnen

und -musiker im Alter

von 16 bis 22 Jahren auf der Allensbacher

Seegartenbühne seine Talente vor. „Wir nehmen

nur die Besten“, befand der bekannte Saxofonist

Bernd Konrad bereits bei der Gründung

des Lajazzo. Seither sind zahlreiche

Jazz-Preisträger aus dieser Talentschmiede

hervorgegangen, und wieder einmal dürfen

wir sehr gespannt sein.

YOUNG & NEXT | LUCA SESTAK TRIO

Mi., 13.8.2025 | 19.30 Uhr

Luca Sestak – p | Michael Goldmann – b |

Nicholas Stampf - dr

Bach und Jazz, Chopin und Funk

Lukas Sestak ist ein Phänomen und sensationell

unkonventioneller Pianist, und er weiß,

sein Publikum in den Bann zu ziehen. Er

verbindet Jazz, Klassik, Blues und Funk humorvoll

und zeigt, wie Chopin funky wird

oder Bach im Jazzclub spielen würde. Dabei

begeistert er mit feuriger Virtuosität bis hin

zu gefühlvollem Minimalismus mit Gänsehautfaktor.

Im Alter von elf Jahren veröffentlichte er

erste Videos seines Klavierspiels, bereits mit

Mitte 20 hat ihn seine Musik in die ganze

Welt geführt und zahlreiche Auszeichnungen

eingebracht. Begleitet von zwei herausragenden

Musikern bringt das Trio eine mitreißend

energetische Performance auf die

Bühne.

INFOS

Veranstalter & Kartenvorverkauf:

Kultur- und Tourismusbüro

Im Bahnhof

Konstanzer Str. 12

D-78476 Allensbach am Bodensee

+49 (0)7533 80135

www.allensbach.de

www.allensbach360.de

www.facebook.de/allensbach

www.instagram.de/allensbachambodensee

www.mühlenwegmuseum.de

BECQ SOLO PIANO u.v.a. lauschen und sich

einem wahren Musikmarathon jenseits des

Mainstreams hingeben.

Alfred Vogel und sein Drummer-Kollege

Valentin Schuster (Festival-Produktion) garantieren

dabei die neuesten Entdeckungen

der Szene genauso wie eine ganz besondere,

verbindende und schwingende Festival-Atmosphäre,

wie es sie nur in Bezau gibt. Ein

jährlich wachsendes Publikum bestätigt den

Erfolg und das Motto der BEZAU BEATZ: Alle

mögen Jazz, sie wissen es bloß noch nicht …

www.bezaubeatz.at

Hiromi | © Mitsuru Nishimura

Bonn

Jazzfest Bonn 2025

Internationale Stars und

musikalische Grenzgänge

1. – 24.5.2025 & 29.6.2025

Vom 1. bis 24. Mai und am 29. Juni 2025

verwandelt das Jazzfest Bonn die Stadt in ein

Zentrum für zeitgenössische Improvisationskunst.

In über 30 Konzerten an elf Spielstätten

treten internationale Stars, regionale

Größen und spannende Newcomer:innen

auf. Die einzigartige Mischung aus Exzellenz

und Experimentierfreude macht das

Festival zu einem Fixpunkt im Kulturkalender.

Eröffnet wird das Jazzfest Bonn vom traditionsreichen

Norwegian Wind Ensemble

mit dem skandinavischen Saxophonstar

Marius Neset. Das Finale gestaltet Pianistin

Hiromi mit ihrer Band Sonicwonder und

verwandelt das Telekom Forum in ein funky

Fusion-Wunderland. Dazwischen stehen

Highlights wie die Yellowjackets und das

explosive James Carter Organ Trio auf dem

Programm.

Mit einem Doppelkonzert mit Hayden

Chisholms Medna Roso und Florian Arbenz’

Quartett mit Saxophonist Greg Osby

u.a. zieht das Jazzfest Bonn erstmals in die

Kreuzkirche ein. Das Cross-Over der Musikkulturen

und das Spiel mit dem Klang im sakralen

Raum lässt für diesen Abend auf ein

transzendentes Erlebnis hoffen. Und auch

ein im Jazz selten gehörtes Instrument steht

im Fokus: das Akkordeon. Richard Galliano,

Simone Zanchini und Luciano Biondini –

gleich drei seiner führenden Vertreter – finden

sich dieses Jahr im Line-up.

Das Jazzfest Bonn Extended am 29. Juni

bringt zwei Höhepunkte ins Opernhaus:

Becca Stevens’ intime Songs treffen auf Michael

Wollnys grenzenlose Klangfantasie.

Und im September setzt die Supergroup

Rymden in der Bundeskunsthalle noch ein

kräftiges Ausrufezeichen, wenn sie mit innovativem

Jazz auf Weltklasse-Niveau die

Bundeskunsthalle verzaubert.

www.jazzfest-bonn.de

Bundesjazzorchester 2023 | © Deutscher Musikrat, Christian

Borchers

Bujazzo Bundesjazzorchester

Irgendwo auf der Welt: Das

Bundesjazzorchester auf

Spurensuche

Das Bundesjazzorchester (Bujazzo) widmet

sich in seinem neuen Programm „Irgendwo

auf der Welt“ einer besonderen musikalischen

Spurensuche: In Kooperation mit der

Forschungsstelle Exil und Nachkriegskultur

der Universität der Künste Berlin bringt es

Werke von Musikschaffenden auf die Bühne,

die während des Nationalsozialismus

verfolgt wurden und später Entschädigungsanträge

in der Bundesrepublik stellten. Ihre

in den Behördenakten enthaltenen Noten

dienen als Basis für neu arrangierte Bigband-

Versionen. Die musikalische Leitung übernimmt

Niels Klein, erste Konzerte finden

in Dessau (15.3.2025, Kurt-Weill-Fest) und

Burghausen (28.3.2025, Internationale Jazzwoche)

statt.

Verfolgte Künstler und ihre Musik

Ein Beispiel ist Bronisław Kaper, der 1933 aus

Berlin in die USA floh und dort als Filmkomponist

Erfolge feierte. Sein Entschädigungsantrag

von 1955 enthielt Notenalben, die

seine einstige Karriere in Deutschland belegten.

Neben Kaper werden Werke von Kurt

Lewinnek, Friedrich Hollaender und Werner

R. Heymann präsentiert.

Historische Werke in neuem Klang

Unter der künstlerischen Leitung von Niels

Klein und in Zusammenarbeit mit den

Musikwissenschaftler:innen Dörte Schmidt

und Matthias Pasdzierny wurden renommierte

Jazz-Komponist:innen wie Claudia

Döffinger, Christian Elsässer und Fabia

Mantwill beauftragt, die historischen Klavierauszüge

für Bigband neu zu arrangieren.

Klassiker wie „Ich bin von Kopf bis Fuß auf

Liebe eingestellt“ (Hollaender) oder „Irgendwo

auf der Welt“ (Heymann) erscheinen in

neuen Facetten – als moderner Jazz, Avantgarde

oder neu interpretierter Schlager, immer

im unverkennbaren Sound des Bujazzo.

www.bundesjazzorchester.de

Copenhagen Jazz Festival 2019 © Kristoffer Juel Poulsen, 2013

Copenhagen (DK)

Copenhagen Jazz Festival

4. – 13.7.2025

Copenhagen Jazz Festival Fonden is the organizer

of the two annual jazz festivals Copenhagen

Jazz Festival, Vinterjazz and live jazz

all year round in Copenhagen.

Every single summer since 1979 Copenhagen

Jazz Festival has been taking over Copenhagen

as one of Europe’s most important international

music events based on eminent artistic

quality and a sharp focus on new departures

in both Danish and international jazz. The

festival envelops the Danish capital, offering a

sumptuous musical feast to the 250.000 guests

who join us year after year. Enjoying live jazz

on the city’s streets, in its clubs, cafés and concert

halls, and at open-air night venues – all in

the very heart of historical Copenhagen.

weiter auf Seite 16 >>


16 | Jazz

CAROL | 2025

Copenhagen’s unique jazz history is a key

factor in the exceptionally high level of the

Copenhagen Jazz Festival, something that can

be experienced at the many free open-air stages

strategically located throughout the historical

city centre. Together with Copenhagen’s

record number of cafés and music venues, these

stages create a unique atmosphere, bringing

the city alive with jazz from early morning to

late at night. People don’t only come for a fantastic

musical experience, but for the unique

atmosphere throughout Copenhagen when

jazz takes over the city.

www.jazz.dk

Cully (CH)

42. Cully Jazz Festival

4. – 12.4.2025

Das Cully Jazz Festival bildet den musikalischen

Auftakt zum Frühling in der Westschweiz.

Mit mehr als 150 Konzerten und

rund 20 Veranstaltungen in neun Tagen

dreht sich im Winzerdorf Cully alles um den

Jazz. Im Jahr 2023 feierte das Festival seinen

40. Mehr als 62.000 Festivalbesucher:innen

schlenderten begeistert durch den Weinort,

um die Musik in ihrer ganzen Vielfalt zu entdecken

und zu feiern. Jedes Jahr strahlen Musik

und Festlichkeiten harmonisch durch das

gesamte Dorf, von der Intimität der Keller bis

zur großen Bühne des Chapiteau.

www.cullyjazz.ch

2024 Herbie Hancock | © Danny Clinch

Den Haag (NL)

North Sea Jazz Festival

11. – 13.7.2025

The first edition of the North Sea Jazz Festival

took place in 1976 in the Nederlands Congresgebouw

in The Hague. Some numbers in

those early days: six venues, three hundred

artists and about nine thousand visitors. In

this very first festival year internationally renowned

jazz legends performed, such as Sarah

Vaughan, Count Basie, Dizzy Gillespie and

Stan Getz, as well as most Dutch avant-garde

artists.

In 2006, the festival moved to its current, bigger,

location in Rotterdam. This year, the organisation

expects more than a thousand musicians,

spread out over 150 performances and

fifteen different stages. Though the numbers

of visitors were between 85.000 and 90.000 in

recent years, the festival still manages to retain

its intimate character.

NN North Sea Jazz Festival is the largest indoor

music festival in the world, known globally as

the event where the past, present and future

of jazz are featured within three days. Next to

a firm base of jazz many genres will pass by,

such as blues, soul, funk, hip hop, world, pop

and much more.

www.northseajazz.com

Deutscher Jazzpreis

Preisverleihung am 13.6.2025 im

E-Werk in Köln

Zum fünften Mal prämiert der Deutsche Jazzpreis

im kommenden Jahr herausragende

künstlerische Leistungen der nationalen und

internationalen Jazzszene. Vergeben werden

die Awards in insgesamt 22 Kategorien in

den Bereichen Künstler:innen, Aufnahme/

Produktion, Live, Komposition/Arrangement

und Sonderpreise bei der feierlichen Preisverleihung

am 13. Juni 2025 im E-Werk Köln.

Das Kategoriensystem des Deutschen Jazzpreises

präsentiert sich bei der nächsten Edition

mit teils überarbeiteten und auch neuen

Deutscher Jazzpreis | © Niklas Heinecke

Kategorien, um sowohl den Erfahrungen der

letzten Ausgabe als auch den aktuellen Entwicklungen

der Jazzszene gerecht zu werden.

Großes Ensemble des Jahres und Großes Ensemble

des Jahres international ersetzen die

Kategorien Ensemble des Jahres (international)

im Kategorienspektrum und gehören

in diesem Jahr erstmals zu den öffentlichen

Einreichkategorien. Fortan können sich in

diesen beiden Kategorien feste Ensembles

mit mindestens acht Musiker:innen für den

Deutschen Jazzpreis bewerben. Die Kategorien

Debüt-Album des Jahres (international)

heißen künftig Newcomer:in des Jahres (international),

um noch klarer Erstveröffentlichungen

von Nachwuchskünstler:innen

zu adressieren. Die neu etablierte Kategorie

Musikvermittlung und Teilhabe ersetzt den

bisher verliehenen Sonderpreis der Jury und

prämiert Projekte aus dem Bereich Jazz, die

sich durch kulturell herausragende Aktivitäten

im Bereich der Musikvermittlung, Inklusion

und/oder Teilhabe auszeichnen.

Die Nominierten für den Deutschen Jazzpreis

2025 sind: www.deutscher-jazzpreis.de/nominierte/

www.deutscher-jazzpreis.de

Bingen (D)

Bingen Swingt

2025

13. – 15.6.2025

Das Internationale Jazzfestival bringt

Jazz, Funk, Soul & Pop ans Tor des

UNESCO Welterbes Oberes Mittelrheintal

„Music meets Rhine & Wine“ heißt es Mitte Juni wieder in

Bingen: 26 Acts, darunter Thomas D x Flo Mega & the KBCS,

die heavytones, die Paul Reed Smith Band, Jasmin Tabatabai,

das Iiro Rantala HEL trio, Nicole Johänntgen, Anika Nilles und

viele mehr, laden zu einer dreitägigen Reise voll rhythmischer

Leidenschaft und kreativer Improvisation!

Auf vier Bühnen in der Innenstadt und mit einmaliger Aussicht

am Rhein-Nahe-Eck treffen hochkarätige Stars auf aufstrebende

Newcomer und Musik trifft auf Genuss!

Bingen Swingt kombiniert eine große Bandbreite des Jazz in all

seinen Facetten mit frischen, neuen Spielarten. Unvergessliche

Konzertmomente, ein vielfältiges Rahmenprogramm für Groß

und Klein sowie die einzigartige Kulisse inmitten von gleich

vier ausgezeichneten Weinanbaugebieten, versprechen Genuss

für alle Sinne und ein perfektes Frühsommerwochenende!

Thomas D x Flo Mega & The KBCS kombinieren zum Festivalauftakt

die unverwechselbare Stimme und die klaren Botschaften

des Rap-Pioniers mit dem rockig-bluesigen Groove von

The KBCS. BMW Young Artist Jazz Award 2024-Gewinner Moritz

Renner brilliert mit seiner ausdrucksstarken Posaune und

durchdachten Kompositionen; während die Argentinierin Lily

Dahab mit einem leidenschaftlichen Mix aus Tango, Folklore

und Jazz verzaubert.

CHRIS HOPKINS meets the YOUNG LIONS laden am Samstag

zu einem mitreißenden Streifzug durch die Swing-Klassiker von

Frank Sinatra bis Louis Armstrong ein. Nicole Johänntgens „RO-

BIN“ sorgt für karibisch geprägte Grooves. Die Band rund um

den international gefeierten Gitarrenbauer und versierten Gitarristen

Paul Reed Smith bringt mit 7 weiteren Toptalenten Baltimore-Funk,

DC Go-Go und New-Orleans-Swing nach Bingen.

Mit Blick auf Rhein & Nahe wird direkt am UNESCO Welterbe gefeiert.| © Dominik Ketz

Nicht weniger energiegeladen zeigen sich die heavytones, die

mit ihrem charakteristischen Brass- und Rhythmus-Sound jede

Bühne zum Beben bringen; sowie das Anika Nilles Sextett, das

mit explosiven Drums und filigranen Grooves begeistert. Das

Silent Explosion Orchestra verpasst zum Tagesabschluss den

Rockklassikern von TOTO ein jazziges Big-Band-Gewand.

Am Sonntag verbindet Robinson Khoury MŸA moderne Jazzstrukturen

mit nahöstlichen Klängen und elektroakustischen

Effekten. Das Iiro Rantala HEL trio begleitet den finnischen

Ausnahme-Pianisten mit einer virtuosen Melange aus Klassik,

Jazz und humorvoller Spielfreude zurück zu seinen Wurzeln.

Groovige, popaffine Jazz-Impros kommen vom Paul Scheugenpflug

Quartett, erstmaliger Preisträger des Newcomer Jazzpreis

des Landes Rheinland-Pfalz 2024. Zum fulminanten Festivalabschluss

begeistert Schauspielerin, Sängerin und Echo-Jazz

Preisträgerin Jasmin Tabatabai mit ihrer einzigartigen Stimme

und Songs zwischen Chanson und Jazz.

Zahlreiche Formationen verkörpern den innovativen Geist,

der Bingen Swingt passend zum Kultursommer Motto „Forever

Young?“ zu einem Fest der Verbindung von Jung und Alt,

musikalischen Traditionen, Aufbruch und Abenteuer macht.

Gerahmt wird das Festival von einem vielfältigen Programm;

das passende Hotelpackage kann direkt über die Tourist-Info

Bingen gebucht werden.

www.bingen-swingt.de


CAROL | 2025 Jazz | 17

Petter Eldh | © Francis Fuego

Frauenfeld (CH)

Generations

International Jazz Festival

Frauenfeld

26.9. – 4.10.205

Das Generations – International Jazz Festival

Frauenfeld, bringt auch in diesem Jahr wieder

Musikliebhaber aller Altersklassen zusammen.

Die neue Ausgabe verspricht ein hochkarätiges

Programm mit internationalen Jazzgrößen,

innovativen Klangwelten und einzigartigen

Begegnungen zwischen Künstlern verschiedener

Generationen.

Vom klassischen Jazz bis zu modernen Einflüssen

– das Festival bleibt seinem Anspruch

treu, Tradition und Zukunft der Jazzmusik zu

vereinen. Neben den Konzerten erwarten die

Besucher spannende Workshops, Talks und

ein lebendiges Festivalerlebnis in der Kantonshauptstadt

Frauenfeld.

Generations – ein Festival für Entdecker, Geniesser

und echte Jazzfans!

www.generations.ch

Konstantin Wecker | © Joel Heyd

Rolf Miller | © Sandra Schuck

Geratsreute

Einhaldenfestival

25. – 28.7.2019

Wie immer wird das Einhaldenfestival auch

2025 wieder zum Auftakt der baden-württembergischen

Sommerferien auf dem idyllischen

Kaseshof im oberschwäbischen Geratsreute

bei Fronhofen, der Heimat der Musikerfamilie

Hübner stattfinden. Vier Tage prall gefüllt mit

Musik, Kabarett, vielen lebendigen Eindrücken

und Begegnungen auf dem Bauernhof,

zwischen Wald und Wiesen.

Ein Einhaldenfestival ohne das Heinz-Hübner-

Salonorchester oder Berta Epple ist nicht denkbar.

Berta Epple, deren Namenspatronin eine

innovative schwäbische Unternehmergattin ist,

spielen wie die jungen Götter und sind doch

dem Menschlichen heute näher als je zuvor.

Nach zig erfolgreichen Jahren auf Deutschlands

Bühnen mit Tango Five sind Bobbi Fischer und

Veit und Gregor Hübner nun als Berta Epple vor

allen eins: sie selbst. Sie eröffnen das diesjährige

Festival mit ihrem Programm „on the road“

(31.7.), das Salonorchester beschließt das Festival

mit der Matinee am Sonntag (3.8).

Als Hauptact am Eröffnungsabend (31.7.)

nach Berta Epple steht das Duo Igudesmann

& Joo, die ihr Publikum im Programm „CODA

– The Final Nightmare Music“ mit musikalischer

Virtuosität und ansteckendem Humor

fesseln und die in den bedeutendsten Konzerthäusern

weltweit zu Hause sind und u.a. für

Billy Joel und Hans Zimmer gearbeitet haben.

Ein Highlight des diesjährigen Festivals ist der

Auftritt des Liedermachers Konstantin Wecker

(1.8.) mit seinem Programm „Lieder meines

Lebens“. Bekannt wurde der in München

geborene, bereits seit mehr als 50 Jahren im

deutschsprachigen Raum aktive Konstantin

Wecker mit seinen Liedern und Konzerten, in

denen es ihm sein Leben lang das wichtigste

Anliegen ist, authentisch zu bleiben und sich

für eine mitmenschliche, gleichberechtigte

und herrschaftsfreie Gesellschaft einzusetzen.

Mal streitbar, mal besinnlich, mal sanft, mal

explosiv – aber immer leidenschaftlich: So

kennt und liebt das Publikum den Poeten und

Musiker. Als Opener spielen Kolsimcha, die

Contemporary Klezmer auf die Bühne bringen.

Der Samstag (2.8.), traditionell der Kabarett-

Abend, präsentiert ein besonderes Kultur

Amuse Gueule. Es tritt das Gregor Hübner Collective:

Bel Art Trio auf. Es war 1988, als das Bel

Art Trio im gerade mal drei Jahre alten Theaterhaus

in Stuttgart-Wangen einen Abend für

Wolfgang Dauner, Mariano Saluzzi und Al Di

Meola eröffnet hat. Es war die erste Band von

Gregor Hübner, Veit Hübner und Patrick Manzecchi.

Sie hatten im Jahr zuvor den ersten Preis

für die beste Band bei „Jugend jazzt Baden-

Württemberg“ gewonnen. Seither sind 37 Jahre

vergangen und jeder der drei Musiker ging

seine eigenen, kreativen Wege. So darf man gespannt

sein, wie Gregor Hübner, Veit Hübner

und Patrick Manzecchi bei den 35. Theaterhaus

Jazztagen ihre musikalischen Schätze präsentieren

werden. Danach heißt es Bühne frei für

Rolf Miller, dem Meister der Halbsätze, der mit

seinem Kabarett- und Satire-Programm „Wenn

nicht wann, dann jetzt“ auftritt.

Das Einhaldenfestival ist ein familiäres Kulturprojekt,

tief verwurzelt in der Region Oberschwaben.

Trotzdem – oder gerade deswegen

– ist die Bühne mitten im ländlichen Grün ein

Lieblingsplatz hochkarätiger Virtuosen und

Charakterköpfe aus dem Südwesten Deutschlands

und der ganzen Welt, beliebt beim Publikum

von nah und fern.

www.einhaldenfestival.de

Einhaldenfestival | © Beate Armbruster

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Leipzig (D)

49. Leipziger

Jazztage

11. – 18.10.2025

Ein Festival zwischen

Tradition und Innovation,

Nachwuchsförderung stärkt und zugleich

etablierten Künstler:innen Platz bietet. 2024

wurde eine Ko-Produktion mit dem MDR-

Rundfunkchor mit dem Deutschen Jazzpreis

in der Kategorie „Rundfunkproduktion des

Jahres“ ausgezeichnet. 2025 sind die Leipziger

Jazztage mit ihrer „Musikjournalistischen

Medienwerkstatt“ in der Kategorie „Journalistische

Leistung“ für den Deutschen Jazzpreis

nominiert. Ein Projekt, in dessen Rahmen

angehende Journalist:innen einen kritischen

Blick auf die Festivalkonzerte werfen und darüber

berichten.

Das Festivalpublikum bringt Gründungsmitglieder

des Jazzclub Leipzig e.V. mit überregionalem

Fachpublikum, interessierten

Bürger:innen, Musikstudierenden und dem

Leipzig-typischen Clubpublikum zusammen.

Diese besondere Mischung sorgt für spannende

Begegnungen und eine lebendige Atmosphäre

– kein Wunder also, dass das Festival

2021 mit dem 1. Deutschen Jazzpreis als „Festival

des Jahres“ ausgezeichnet wurde.

Leipzig bietet der zeitgenössischen Jazzszene

als junge und dynamische Stadt den entsprechenden

Raum, sich kreativ entfalten und

neue künstlerische Ansätze entwickeln

zu können –- definitiv eine Reise wert.

www.jazzclub-leipzig.de

für lokale Held:innen und

internationale Szene

Mit den Festivals Leipziger Jazztage und MU-

SIKZEIT, einer eigenen Konzertreihe und

verschiedenen Sessions bietet der Jazzclub

Leipzig e.V. eine Plattform für aufstrebende

Talente sowie etablierte Künstler:innen. Seit

seiner Gründung vor über 51 Jahren hat sich

der Jazzclub zu einer bedeutenden Institution

entwickelt, die die lokale Jazzkultur prägt.

Die Leipziger Jazztage bilden das Herzstück des

Vereins. Das jährlich stattfindende Festival bietet

ein Programm mit über 100 Musiker:innen

an verschiedenen Spielorten in der Stadt: Von

traditionellen Locations wie der Oper Leipzig

bis zu unkonventionellen Veranstaltungsräumen

wie Kirchen und kleinen Galerien.

Das Festival spannt einen Bogen von traditionellen

Klängen bis zu experimentellen

Sounds und bietet so ein abwechslungsreiches

Programm, das die Grenzen des Genres immer

wieder neu definiert.

Die Programmgestaltung der jung und weiblich

besetzten Festivalleitung überzeugt durch

innovative Konzepte, die an der Neuerungskraft

des Genres orientiert sind. Durch jährlich

wechselnde thematische Schwerpunkte, Open

Calls und regionale, nationale und internationale

Kooperationen entsteht ein vielseitiges

Programm, das experimentelle Ansätze und

LJT 2024, Cécile McLorin Salvant | © Simon Chmel


18 | Jazz | Nantes

CAROL | 2025

Torsten Goods | © Chris Heindrich

Claire Tabouret, Deux Baigneuses, Le Voyage à Nantes | © M. Argyroglo

Nantes (F)

Reiseziel Nantes

Gronau

Jazzfest Gronau

29.4. – 4.5.2025

Vom 29. April bis zum 4. Mai 2025 verwandelt

sich die Stadt Gronau (Westf.) wieder

in ein Mekka für Jazzliebhaber aus nah und

fern mit einem abwechslungsreichen Line-up

aus internationalen Künstler:innen, aufstrebenden

Talenten und lokalen Bands.

Den Auftakt am 29.4.25 macht der österreichische

Jazzpianist David Helbock mit seinem

Projekt Random/Control feat. Fola Dada.

Das schwedische Trio Dirty Loops kombiniert

am 30.4.25 mit einer ungeheuren künstlerischen

Qualität Fusion-Jazz mit Popmusik.

Den Auftakt des Abends bestreitet die junge

französische Formation Lehmanns Brothers,

die den Jazz-Funk der 1970er-Jahre wieder

aufleben lassen.

Am 1.5.25 darf man sich auf Dominic Miller

freuen, besser bekannt als Stings treuer

Side-Kick-Gitarrist, der auch seit vielen Jahren

als Solomusiker äußerst erfolgreich ist.

Den Abend eröffnet Jazzgitarrist und Sänger

Torsten Goods fest. Viktoria Tolstoy mit einer

Mischung aus souligem Gesang, schneller Gitarre

und Wohlfühl-Grooves.

Der 2.5.25 steht traditionell wieder ganz im

Zeichen des Pop: Das Jazzfest präsentiert Ilse

DeLange, die in den Niederlanden mit ihrer

einzigartigen Mischung aus Pop und Country

zum Superstar avancierte, und Sophia, eine

der vielversprechendsten jungen Popmusikerinnen

Deutschlands.

www.jazzfest.de

Eröffnung | © Karl Jena

Kempten

40. Kemptener Jazzfrühling

26.4. – 4.5.2025

Der Kemptener Jazzfrühling feiert von

Samstag, 26. April, bis Sonntag, 4. Mai, sein

40. Jubiläum. Erstmals ging das neuntägige

Festival 1985 über die Bühne. Auf einem

Pritschenwagen fuhr am Eröffnungssamstag

eine Band als „Opener“ durch Kemptens

Straßen. Elf Veranstaltungen an gerade mal

zwei Veranstaltungsorten folgten.

Knapp 60 Konzerte auf fast 30 Bühnen haben

die Programmmacher des Klecks für den

Jubiläums-Jazzfrühling organisiert. Somit

verwandelt sich die Allgäu-Metropole in ein

wahres Jazz-Eldorado. Jeden Tag Musik vom

Feinsten, keinesfalls vom Band.

Der Verein mit seinen gut 400 Mitgliedern ist

heute aus dem kulturellen Leben im Allgäu

nicht mehr wegzudenken und der Kemptener

Jazzfrühling längst zu einem Leuchtturmprojekt

mit weitreichender Strahlkraft

geworden.

Konzerte im großen Saal des Stadttheaters

mit Dhafer Youssef und Lakecia Benjamin.

Modern Jazz im TheaterOben, Women in

Jazz in der KulturWIRtschaft, traditionelle

Spielarten im Blues-Café, Open Air auf der

Alpe Müllersberg. Ein musikalisches Speed-

Dating in neun Locations in der jazzNacht

und die klecksNights im Künstlerhaus – für

jeden Geschmack ist etwas geboten.

www.klecks.de

30 Minuten vom Atlantik entfernt liegt die

historische Hauptstadt der Bretagne: Nantes.

Heute ist die Stadt die sechstgrößte Frankreichs

und zieht immer wieder die Blicke

auf sich – Kreativität im urbanen Raum und

künstlerische Installationen machen Nantes

zu einer dynamischen Kulturstadt. Und wie

ließe sich all das besser erleben als bei einem

Bummel entlang der grünen Linie? Sie zeigt

Besucherinnen und Besuchern am Boden den

Weg, über 20 Kilometer von Ort zu Ort, vom

Botanischen Garten „Jardin des Plantes“ zum

Schloss der Herzöge der Bretagne, weiter zum

Kunstmuseum und der Pommeraye-Passage,

vom neuen Dobrée-Museum zu den faszinierenden

Machines de l’île ... Der Kunstparcours

von Le Voyage à Nantes präsentiert dauerhaft

gut einhundert Werke überall in der Stadt, die

grüne Linie ist also das ganze Jahr über einen

Besuch wert!

Sommer-Event

Le Voyage à Nantes 2025

28.6. – 31.8.2025

Zum 14. Mal weckt das

Event mit vielen Aktionen

Neugier, stillt Wissensdurst

und schafft

Entdeckerfreude, es

zeigt, was Nantes so unverwechselbar

macht:

Kreativität, Kultur und

Sinnstiftung. Le Voyage

setzt alles daran, eine barrierefreie

Destination für alle zu schaffen,

die größte Bewegungsfreiheit mit bester

Laune vereint.

Indem sie die Einzigartigkeit von Nantes

demonstrieren, greifen die Künstler das Geheimnis

der Stadt, ihre Geschichte und ihre

Gegenwart auf. Im Jahr 2025 wird Nantes

über das Thema der Fremdheit beleuchtet...

Entlang der grünen Linie werden unerwartete

Kunstwerke von Flora Moscovici, Romain

Weintzen, Ivan Argote, Eléonore Saintagnan,

Willem de Haan, Prune Nourry, Laurent Tixador,

Aurélie Ferruel & Florentine Guédon, Maison

Pelletier & Ferruel, ... zu entdecken sein.

Außerdem präsentiert der Parcours große Ausstellungen,

so Gloria Friedmann in der HAB

Galerie, Katsushika Hokusai im Schloss der

Herzöge der Bretagne oder bei unseren Kulturpartnern:

In Silento von Jeanne Vicerial

& Claire Marin im Lieu Unique, Electric Op

„de l‘art optique à l‘art numérique“ im Musée

d‘arts...

Le Voyage dans le vignoble – Reise

in die Weinberge

Le Voyage à Nantes, das ist auch die etwa 100

Kilometer lange Route durch die Muscadet-

Weinberge und an die Flüsse Sèvre und Maine.

Insgesamt ein gutes Dutzend Etappen und gute

Adressen von Weingütern, Restaurants,

Unterkünften und Freizeitaktivitäten.

Clisson, La Frémoire ... und

seit 2020 der Porte-vue von

Emmanuel Ritz, ein Belvedere

in Château-Thébaud,

dessen 30 Meter langer Steg

hoch über dem Maine über

dem Abgrund schwebt.

Pass Nantes

(24, 48, 72 h oder

7 Tage)

Mit dem Pass Nantes 7 Tage entdecken

Sie die kreativste Stadt Frankreichs und

ihr Umland und erleben Kunst, Urbanität und

Freiluftaktivitäten. Sie erhalten kostenlos Zugang

zu gut dreißig Orten, den öffentlichen

Verkehrsmitteln und dem Flughafen-Shuttle

und können Führungen, Flussfahrten, Verkostungen

und sportliche Aktivitäten buchen.

www.levoyageanantes.fr

© Istanbul Foundation for Culture and Arts (İKSV)

Istanbul (TR)

32nd Istanbul Jazz Festival

1. – 17.7.2025

Organised by the Istanbul Foundation for

Culture and Arts (IKSV) and sponsored by

Garanti BBVA, the Istanbul Jazz Festival will

once again showcase a diverse programme

reflecting the vibrant music life of the city

between 1 and 17 July 2025. This year’s festival

features Chucho Valdés Royal Quartet,

Hermanos Gutiérrez, Max Richter, Grégory

Privat, Chiara Civello, an exquisite line-up of

local artists, radiant venues, festival specials

and many more.

Istanbul Jazz Festival returns to the city for

the 32nd time. The festival brings together

groundbreaking artists who have revolutionised

the global music scene with their innovative

and experimental styles, drawing inspiration

from the liberating spirit of jazz. The

festival will host over 200 local and foreign

musicians from world-renowned masters to

rising talents at nearly 40 concerts over 17

days.

caz.iksv.org

Take Me to the River All-Stars | © Barbican

London (GB)

Barbican Summer Jazz Series 2025

Barbican and its Associate Producer Serious

today announce a summer of performances

as part of their Summer Jazz Series 2025. Across

June and July, a handpicked array of jazz

superstars and international talent take to

the stage at the Barbican. The series concludes

with an exclusive three- night residency

from the legendary Herbie Hancock.

16.6.2025 Tigran Hamasyan: The

Bird of a Thousand

Voices + Alice Zawadzki

24.6.2025 Brad Mehldau Trio

12.7.2025 Take Me to the River

All-Stars: Memphis Soul

Revue

24. – 26.7.2025 Herbie Hancock

The Barbican is a catalyst for creativity, sparking

possibilities for artists, audiences, and

communities. We showcase the most exciting

art from around the world, pushing traditional

artistic boundaries to entertain and

inspire millions of people, create connections,

provoke debate, and reflect the world

we live in. Opened in 1982, the Barbican is

a unique and audacious building, recognised

globally as an architectural icon. As well

as our theatres, galleries, concert halls and


CAROL | 2025 Jazz | 19

cinemas, we have a large conservatory with

over 1,500 species of plants and trees, a library,

conference facilities, public and community

spaces, restaurants, bars, and a picturesque

lakeside oasis.

www.barbican.org.uk

8 free concerts: Jamie Cullum, The War and

Treaty, Anari, EXTC, Judith Hill, Crystal

Murray, Bulego and Sidonie. The Keler Gunea

stage, on Zurriola beach, will once again

be Jazzaldia’s most popular and diversified

space. From July 23 to 26, eight free concerts

will be held there, and audiences will be able

to hear Jazz, rock, soul, country, blues, pop

and R&B, from Basque, British, American, Catalan

and French groups and artists.

www.jazzaldia.eus/en/

Jazzweekend Regensburg Schräglage | © Dominik Hupf

Festivalplakat © mjf

Manchester (GB)

30. Manchester Jazz Festival

16. – 25.5.2025

Manchester Jazz Festival is back with a bumper

edition in 2025, as the festival celebrates

its 30th anniversary festival from 16-25 May

2025! Lighting up venues across the city,

mjf2025 will see hundreds of northern, national

and international jazz musicians descend

on Manchester, showcasing the genre’s leading

lights alongside its most exciting emerging

talent. mjf2025 opens with a spectacular

opening weekender at the vibrant urban

neighbourhood: mjf2025 @ First Street featuring

live music, family-friendly activities,

food and drink! House of Social, a brand-new

food hall due to open at First Street in summer

’25,have joined mjf as sponsors and will

curate a section of the food offering at First

Street. There are four new venue partners for

this year: Aviva Studios, home of Factory International;

Low Four Studios, Flawd and Stage

Radio, alongside mjf regulars and returning

venues: St Ann’s Church, Matt

& Phreds, RNCM, Forsyth Music Shop, The

Stoller Hall and The Carlton Club. The festival

closes with an extended weekend-long party

at Band on the Wall, with an afternoon showcase

of international debuts at Aviva Studios.

manchesterjazz.com

MJF-Poster-30x40-2025 | © Lakwena

lischen Vielfalt und seinem herzlichen Empfang

bietet das Montreux Jazz Festival den

Musikern und dem Publikum ein einzigartiges

Erlebnis. In Montreux sind die Künstler ganz

nah bei ihren Fans, was zu unvergesslichen, ja

sogar legendären Momenten führt. Hier wird

die Musik auf einzigartige Weise erlebt, was

durch den außergewöhnlichen Komfort und

die Akustik noch verstärkt wird.

Das Montreux Jazz Festival, eine Plattform für

kreative Freiheit und Begegnungen, ist eine

einzigartige Spielwiese für die Künstler:innen.

Einige der auftretenden Künstler:innen stellen

ihre Programme neu und eigens für Montreux

zusammen, andere brillieren bei den

legendären Jam Sessions des Festivals und

bieten faszinierende Workshops an. Für viele

Künstler:innen war und ist das Montreux

Jazz Festival Sprungbrett für eine internationale

Karriere. Das diesjährige Montreux Jazz

Festival Plakat hat die Londoner Künstlerin

Lakwena entworfen. Dieses psychedelisch inspirierte,

typografische Werk zitiert den Text

des Liedes „Stars“, das 1976 von Nina Simone

bei einem glanzvollen Auftritt in Montreux

vorgetragen wurde. Das Programm des diesjährigen

Festivals wird am 10.4.2025 bekannt

gegeben.

www.montreuxjazzfestival.com

Regensburg

44. Bayerisches Jazzweekend

Regensburg

10. – 13.7.2025

Jazz in der Stadt, eine Stadt im Jazz! Vom 10.

bis 13. Juli 2025 bringt das 44. Bayerische Jazzweekend

ganz Regensburg zum Schwingen.

100 Konzerte bieten dem Publikum ein Programm

voller Highlights.

Große Open-Air-Bühnen und kleine atmosphärische

Spielorte holen zahlreiche Bands

und Ensembles aller Sparten des Jazz auf die

Bühne. Der international renommierte Tenorsaxophonist

Tobias Meinhart lädt als Artist in

Residence nach Regensburg ein. In Kooperation

mit dem Aberdeen Jazz Festival präsentieren

Musiker aus Schottland und Regensburg

ein eigens erarbeitetes Programm, u.a. mit

den beiden Profi-Jazzmusikern Markus und

Roman Fritsch.

Ob YÆLLEE aus Dresden, der Schweizer Kontrabassist

Andreas Waelti, TSOMBANIS4 um

den gefeierte Wahlwiener Tenorsaxophonistin

Andrea Tsombanis, das Alexandrina Simeon

Sextett mit dem deutschen Ausnahmetrompeter

Benny Brown aus Hamburg sowie die

fulminante Berliner Formation Tulgey Beat,

die Champagne Lovers Band aus Prag oder der

Dauerbrenner aus dem Westerwald, die bei

den Weekendbesuchern so beliebte Marching

Band Schräglage – nationale und internationale

Größen spielen Jazz vom Feinsten beim

Jazzweekend in Regensburg 2025.

www.jazzwe.de

LejdaJazz Rantala | © Henry Schulz

St. Moritz (CH)

Festival da Jazz

3. – 27.7.2025

Das Festival da Jazz zeichnet sich aus durch

eine rar gewordene Nähe zu den Künstlern.

Jazz zurück im Club. Selbst die Main Stage –

der Dracula Club – fasst nur ca. 150 Gäste. In

diesem äußerst intimen Rahmen sind schon

Stars und Legenden wie Al Jarreau, Chick

Correa, Diana Krall, Nigel Kennedy und viele

weitere aufgetreten. Trotz der mit Vorfreude

erwarteten Rückkehr in den Dracula Club

wird auch der schöne Karajan-Saal im Reine

Victoria wieder mit von der Partie sein. Neben

den Main Concerts versprüht das FDJ in und

um St. Moritz mit einer Vielzahl kostenfreier

Konzerte seinen Festival-Groove: Brunchund

Apérokonzerte auf Hauser’s Terrasse, Late

Night Konzerte in der Sunny Bar etc. Das Festival

da Jazz wurde gegründet von Christian

Jott Jenny mit gütlicher Mithilfe von Künstler

und Designer Rolf Sachs. Das Festival da Jazz

entstand nicht als Consulting-Konzept, sondern

als Leidenschafts-Gedanke, ganz organisch.

Erst waren da ein paar vereinzelte Konzerte,

dann wurde es größer. Jeweils zu Ende

der Wintersaison findet das Festival da Jazz zu

Ostern im Hotel Walther statt und präsentiert

vier variantenreiche Klavierkonzerte. Auf dem

Programm stehen Anke Helfrich (17.4.), Clara

Haberkamp (18.4.), Jesus Molina (19.4.) und

Helge Schneider (20.4.).

www.festivaldajazz.ch

Michael Wollny Trio | © ACT, Jörg Steinmetz

MJF LAC Ambiance | © Marc Ducrest

Montreux (CH)

Montreux Jazz Festival

4. – 19.7.2025

Montreux Jazz Festival, wo Legenden geboren

werden. Das Montreux Jazz Festival findet

jeden Sommer zwei Wochen lang am Ufer

des Genfer Sees statt. Das 1967 von Claude

Nobs gegründete und seit 2013 von Mathieu

Jaton geleitete Montreux Jazz Festival hat

sich im Laufe der Jahre zu einem unverzichtbaren

Ereignis entwickelt, das fantastische

Geschichten erzählt und legendäre Auftritte

hervorbringt. Nahezu 250.000 Besucherinnen

und Besucher kommen jedes Jahr zum Festival

und genießen die atemberaubende Kulisse,

die Konzerte mit der besten Akustik und

die zahlreichen freien Bühnen. Mit seinem

anspruchsvollen Programm, seiner musika-

Ramatuelle (F)

Jazz à Ramatuelle

24. – 28.6.2025

Das 1986 gegründete Jazzfestival Jazz à Ramatuelle

basiert ausschließlich auf den Musikrichtungen

Jazz und Swing. Es gewährt

den amerikanischen und französischen Jazzkünstlern

einen bedeutenden Platz und bewegt

sich zwischen neuen Talenten und berühmten

Jazzmusikern. Die Stimmungen bei

den Konzerten reichen von intimer Jazzmusik

bis hin zu mitreißenden Jazzrhythmen.

Neben dem exklusiven Programm mit Konzerten

aus zwei Teilen mit Pause bietet das

Festival Jazz in Ramatuelle auch Off-Bühnen,

auf denen Musiker aus der Region ihr Können

unter Beweis stellen können und die es

Musikfans erlauben, jeden Abend kostenlosen

Konzerten beizuwohnen. In diesem Jahr

stehen folgende Künstler:innen auf dem Programm:

14.6.2025 Sylvain Rifflet | 25.6.2025

Michael Wollny | 26.6.2025 Pierrick Pedron |

27.6.2025 Baptiste Herbin | 28.6.2025 Monthy

Alexander

www.jazzaramatuelle.com

60 JAZZALDIA Kartela-Poster-Affiche

San Sebastian (E)

60th Jazzaldia San Sebastian

The 60th Jazz Festival presents the

Keler Gunea programme

The San Sebastián Jazz Festival – Donostiako

Jazzaldia, better known as Jazzaldia, takes

place every year around the third week in July

in the Basque city of Donostia/San Sebastián.

Founded in 1966, it is Spain’s oldest Jazz Festival

and one of the longest running in Europe.

The 5 days of the Jazzaldia feature around a

hundred concerts on more than a dozen stages

while infusing the city with a festive atmosphere.

The programme is varied, with

both paying and free events, taking place in

covered venues including theatres, museums

and auditoriums, and outdoors, on beaches,

in squares and parks. The most popular events

are the free concerts on the Zurriola Beach

and the Kursaal terraces. At the 2023 edition,

total attendance was estimated to stand at

some 191,000 people.

Julian Sartorius | © Mehdi Benkler

Schaffhausen (CH)

36. Schaffhauser Jazzfestival

18. – 24.5.2025

Das Schaffhauser Jazzfestival zeigt in seiner

36. Ausgabe ein hochkarätiges und vielseitiges

Programm – ein Spiegel der aktuellen Schweizer

Jazzszene. Vom 18. bis zum 24. Mai 2025

wird die Stadt Schaffhausen zum Zentrum des

aktuellen Schweizer Jazz. Mit der viertägigen

Werkschau in den Hallen der ehemaligen

Garnspinnerei Kammgarn und dem öffentlichen,

interdisziplinären und niederschwelligen

Eröffnungsanlass in Stein am Rhein ist das

Festival ein Muss für Jazz-Liebhaber, Musikbegeisterte

und alle, die einen Einblick in das

kreative Jazzschaffen 2025 erhalten möchten.

Ein besonderer Programmpunkt sind die jährlichen

Klangwanderungen – in diesem Jahr

mit Julian Sartorius in Stein am Rhein (21. –

weiter auf Seite 23 >>


20 | Jazz | Peitz

CAROL | 2025

einige Zeit beim Tanztheater Wuppertal

in der Organisation eines internationalen

Tanzfestivals von Pina

Bausch. Hier habe ich meine Leidenschaft

entdeckt, strukturiert im Team

zu arbeiten und in stressigen Situationen

Probleme zu lösen. Erst nach

vielen weiteren spannenden Tätigkeiten

bei internationalen Tanz- und

Theaterprojekten habe ich in Berlin

die Jazzszene kennengelernt. 2011

belebte mein Vater die jazzwerkstatt

in Peitz neu, und seither habe ich

ihn in der Organisation unterstützt.

Im letzten Jahr habe ich schließlich

die künstlerische Leitung übernommen

– eine verantwortungsvolle

Aufgabe, die mich mit großer Freude

erfüllt.

Peitz (D)

62. jazzwerkstatt Peitz

Die Kunst der Freiheit — ein Festival zwischen Tradition und Wandel.

15. – 17.8.2025 & 2. Jazzpreis Brandenburg 2025

Die jazzwerkstatt Peitz zählt seit den 1970er-Jahren zu einem der bedeutendsten Festivals

der internationalen Jazz- und Improvisationsszene in Deutschland. Unter der

neuen Leitung von Marie Blobel wird der Geist von Freiheit und Offenheit kraftvoll

in die nächste Generation getragen. Das Festival ist nicht nur Konzertbühne, sondern

ein Ort für Begegnungen.

Hier trifft Altes auf Neues, Tradition verschmilzt mit

Avantgarde, und das Publikum wird Teil eines dynamischen

Entdeckungsprozesses. Musiker:innen und Gäste

aus aller Welt kommen zusammen, um ihre Leidenschaft

für experimentelle Musik und ihre Neugier auf

Unbekanntes zu teilen.

Das neue Festivalgelände am Hüttenwerk, idyllisch

eingebettet zwischen den historischen Karpfenteichen

und weitläufigen Radwegen, ist zum kreativen Zentrum

geworden. Mit Campingplätzen direkt vor Ort bietet es

eine einzigartige Atmosphäre, in der Musik, Natur und

Gemeinschaft zu einem unvergesslichen Erlebnis verschmelzen.

2. JAZZPREIS BRANDENBURG

Die „jazzwerkstatt Peitz“ hat 2024 den JAZZPREIS

BRANDENBURG ins Leben gerufen, um außergewöhnliche

künstlerische Leistungen im Jazz zu ehren. Die

Preisverleihung samt Gewinnerkonzert bilden den Programmhöhepunkt

der 62. jazzwerkstatt Peitz am Sonntag,

17.8.2025.

www.jazzwerkstatt-peitz.de

© Christina Marx, Photomusix

INTERVIEW

Wir sprachen mit der

Künstlerischen Leiterin

der jazzwerkstatt Peitz,

Marie Blobel.

© Christina Marx, Photomusix

Sie sind ein „Kind“ der Musik und

des Jazz. War dies gegeben oder

wie sind Sie zur Musik gekommen

und vor allem geblieben?

Marie Blobel: Als Kind wurde ich

vielseitig geprägt – aber die Liebe

zum Jazz ist bei mir erst spät gewachsen.

1973 gründete mein Vater gemeinsam

mit seinem Freund Peter

„Jimi“ Metag die jazzwerkstatt in

Peitz, einer kleinen Stadt in der Nähe

von Cottbus. In der DDR bildete sich

über Jahre hinweg ein Netzwerk frei

improvisierender Musiker, zu dem

auch ein treues Publikum zu zählen

war. Rund 3000 Gäste kamen zu den

Open-Airs, bis das Festival 1982 verboten

wurde. Im selben Jahr wurde

ich in Leipzig geboren. Schon ein

Jahr später konnten meine Eltern

mit einem Ausreiseantrag die DDR

verlassen, und so wuchs ich in Wuppertal

auf – einer Stadt, die damals

als Hochburg des Jazz galt. Doch in

meiner Kindheit wurde ich durch

meine Mutter eher vom Tanztheater

Pina Bausch geprägt und so träumte

ich davon, später einmal Tänzerin zu

werden. Mit 18 Jahren arbeitete ich

Sie leben in Berlin und sind dort

als Kuratorin und Veranstalterin

tätig, u.a. mit der Reihe „jazzexzess“.

Wie muss man sich Ihre Arbeit

und Ihr musikalisches Portfolio

vorstellen?

Marie Blobel: Seit 2016 kuratiere

ich in Berlin meine eigenen Jazzveranstaltungen.

Die Stadt hat sich

in den 17 Jahren, in denen ich hier

lebe, stark verändert. Besonders die

Jazzszene ist ein internationaler Hotspot

geworden – Musiker:innen aus

der ganzen Welt lassen sich in Berlin

nieder, tauchen in die einzigartige

Atmosphäre der Stadt ein und tragen

den unverkennbaren Spirit der Stadt

wieder in die Welt hinaus. So bleibt

Berlin ein Ort der ständigen Innovation

– ein kreativer Schmelztiegel,

in dem neue Projekte entstehen

und aufblühen können. Mit meiner

Konzertreihe jazzexzess verbinde ich

Club-Kultur mit einer spannenden

Mischung aus freier Improvisation,

elektronischem Innovationsgeist

und experimentellem Krautrock. Mit

einem unverwechselbaren Logo und

einem farbenfrohen Design schaffe

ich eine starke Wiedererkennbarkeit

innerhalb der Berliner Kulturszene

und möchte besonders ein jüngeres

Publikum ansprechen. Hierfür

wurde ich 2023 und 2024 mit dem

Applaus-Preis für innovatives und

trendsetzendes Livemusikprogramm

ausgezeichnet.

Aber hinter den Kulissen bedeutet

diese Arbeit weit mehr als nur das

Kuratieren und Organisieren der

Konzerte. Ein Großteil meiner Zeit

verbringe ich am Schreibtisch – mit

dem Beantworten unzähliger E-

Mails, der detaillierten Vorbereitung

der Veranstaltungen, Netzwerkarbeit,

Pressearbeit und dem Schreiben

von Förderanträgen. Dazu kommen

Buchhaltung und die aufwendige

Abrechnung der Fördermittel. Es ist

eine Mischung aus kreativer Vision

und administrativer Präzision, die es

braucht, um solche Projekte erfolgreich

am Leben zu halten.

Was treibt Sie an und was ist Ihre

künstlerische Mission?

Marie Blobel: Als ich 2008 erstmals

mit der Berliner Jazzszene in Berührung

kam, hätte ich nie gedacht,

dass ich einmal selbst Jazzveranstaltungen

kuratieren würde. Damals

fehlte es an inspirierenden Veranstaltungsorten

und innovativen Formaten,

das Publikum war klein und

die Szene vergleichsweise überschaubar.

Doch die Jazzmusiker:innen waren

unglaublich offen, herzlich und

dankbar für jedes Engagement. So

habe ich mich nach und nach mit

vielen von ihnen angefreundet und

meine vielfältigen Kenntnisse in die

Szene eingebracht.


CAROL | 2025 Jazz | 21

© Christina Marx, Photomusix

Meine Mission ist es, immer mehr

Menschen für Jazzmusik zu begeistern

und einen Raum zu schaffen, in dem

Experimente, Innovation und kreative

Synergien gefördert werden. Jazz

war schon immer mehr als nur Musik

– er ist Ausdruck von Freiheit, Protest

und gesellschaftlicher Veränderung.

Von den revolutionären Bewegungen

des Free Jazz in den 1970er-Jahren

bis hin zu aktuellen Debatten über

Rassismus oder Genderfragen – Jazz

bleibt relevant und politisch. Auch in

Deutschland positionieren sich immer

mehr Musiker:innen zu sozialen

und kulturellen Themen und nutzen

ihre Kunst als Plattform für gesellschaftliche

Diskurse.

Mit dem Festival in Brandenburg und

meiner Berliner Konzertreihe setze

ich genau hier an. Mein Ziel ist es, die

Energie und Vielfalt der Jazzszene widerzuspiegeln

– Genregrenzen sollen

verschwimmen, neue Ausdrucksformen

entstehen, und die Bühne soll

ein Ort des Austauschs sein. So möchte

ich nicht nur das kulturelle Angebot

bereichern, sondern auch ein

neues Publikum für Jazz begeistern

und die Musik in die Zukunft tragen.

Sie haben im letzten Jahr die jazzwerkstatt

Peitz übernommen. Der

Stabwechsel wurde von einem

feierlichen Jazzfestival anlässlich

35 Jahre friedliche Revolution im

Deutschen Buch- und Schriftmuseum

und der Deutschen Nationalbibliothek

in Leipzig, aber auch von

Misstönen und einem Artikel in der

TAZ begleitet. Wie war die Übernahme

für Sie? Bürde oder Chance?

Marie Blobel: Die Übernahme ist für

mich vor allem eine große Chance –

ein fortlaufender Prozess, der immer

wieder neue Herausforderungen mit

sich bringt. Mein Vater und ich haben

über sieben Jahre an der Staffelstabübergabe

gearbeitet, und in dieser

Zeit habe ich Schritt für Schritt immer

mehr Verantwortung übernommen.

Dabei standen wir vor zahlreichen

Hürden – besonders die Coronajahre

waren unglaublich schwierig und

kräftezehrend. Nun sind es die Wahlergebnisse

der AfD und die Haushaltskürzungen

für die Kultur, die mir Sorgen

bereiten.

Dass die jazzwerkstatt Peitz inzwischen

als Deutsches Kulturgut

anerkannt und in das Archiv der

Deutschen Nationalbibliothek aufgenommen

wurde, zeigt, wie wertvoll

die Arbeit ist, die mein Vater und sein

Freund Peter „Jimi“ Metag geleistet

haben. Als „Woodstock am Karpfenteich“

hat die jazzwerkstatt Peitz

Kultstatus erlangt. Die „wilden“ Jahre

habe ich selbst zwar nicht miterlebt,

doch durch Zeitzeugen und zahllose

Anekdoten kenne ich die Geschichte

dieses besonderen Ortes gut. Es ist

mir ein zentrales Anliegen, das Festival

und seine Bedeutung lebendig zu

halten.

Natürlich hat mich der schlecht recherchierte

taz-Artikel wütend gemacht

– die darin enthaltenen Vorwürfe

konnten inzwischen widerlegt

werden. Ich finde es spannender, in

die Zukunft zu blicken, anstatt in

der Vergangenheit zu verharren oder

einem Schatten hinterherzulaufen.

Mein Fokus liegt darauf, diesen einzigartigen

Ort weiterzuentwickeln

und für kommende Generationen zu

bewahren.

In der freien Wirtschaft sind Nachfolgeprozesse

in Familien mit das

schwierigste. Wie war und ist es bei

Ihnen und Ihrem Vater?

Marie Blobel: Bei uns verhält es sich

genau wie in der freien Wirtschaft

– Nachfolgeprozesse sind komplex,

und Meinungsverschiedenheiten gehören

dazu. Mein Vater ist mein größter

Kritiker, und umgekehrt bin ich es

genauso für ihn. Diese Dynamik ist

nicht immer einfach, aber sie hat uns

beide weitergebracht und neue Perspektiven

eröffnet. Was unsere Zusammenarbeit

besonders macht, ist, dass

er mir schon früh viel Verantwortung

übertragen hat und nie an meiner

Herangehensweise oder meinen Entscheidungen

gezweifelt hat. Das ist

alles andere als selbstverständlich –

gerade in einem so traditionsreichen

Projekt. Doch genau dadurch hat sich

zwischen uns ein tiefes Vertrauen aufgebaut,

das bis heute trägt.

Trotzdem war es mir wichtig, in Berlin

mit meiner eigenen Konzertreihe unabhängige

Erfahrungen zu sammeln,

neue Impulse zu setzen und nicht

ständig im direkten Austausch mit

ihm zu stehen. Dort konnte ich meine

eigene Handschrift entwickeln,

Netzwerke aufbauen und ein Gespür

für Programmgestaltung und Organisationsstrukturen

bekommen. Diese

Unabhängigkeit hat mir geholfen,

selbstbewusst in die Festivalleitung

hineinzuwachsen – nicht nur, um in

seine Fußstapfen zu treten, sondern

um meinen eigenen Weg zu gehen.

Was ist neu bei der jazzwerkstatt

Peitz seit letztem Jahr?

Marie Blobel: Mit meiner ersten

Festivalausgabe habe ich direkt einige

neue Ideen umgesetzt und frische

Impulse gesetzt. Besonders stolz bin

ich auf das neue Festivalgelände am

Industriedenkmal Hüttenwerk – ein

geschichtsträchtiger Ort, der eine

faszinierende Verbindung zwischen

Vergangenheit und Gegenwart

schafft. Idyllisch eingebettet zwischen

den historischen Karpfenteichen

und weitläufigen Radwegen,

bietet dieser besondere Ort nicht

nur eine beeindruckende Kulisse,

sondern auch einen inspirierenden

Raum für künstlerische Begegnungen.

Ein wichtiger Schritt war zudem

die Verlegung des Festivals auf Mitte

August. Dadurch wird es für die

Besucher:innen noch attraktiver,

das gesamte Wochenende vor Ort

zu verbringen und die besondere

Atmosphäre voll auszukosten. Dank

der neu geschaffenen Campingplätze

entsteht eine einzigartige Festivalstimmung,

in der Musik, Natur

und Gemeinschaft auf besondere

Weise verschmelzen. Das Festival ist

dadurch nicht nur eine Konzertbühne,

sondern ein intensives, immersives

Erlebnis geworden, das den

Besucher:innen ermöglicht, tief in

die Welt des Jazz einzutauchen.

Ein weiterer Höhepunkt ist die Einführung

des Jazzpreis Brandenburg

im vergangenen Jahr gewesen, um

die regionale Jazzszene sichtbarer

zu machen und außergewöhnliche

Künstler:innen gezielt zu fördern.

In diesem Jahr freue ich mich besonders

darauf, neben der Verleihung

des 2. Jazzpreis Brandenburg

auch das neue Projekt improviser in

residence zu präsentieren. Mit dieser

neuen Konzertreihe bekommt der

Preisträger vom Jazzpreis Brandenburg

aus dem Vorjahr die Möglichkeit,

sich intensiv mit der Region

auseinanderzusetzen, neue Inspirationen

zu sammeln und spannende

künstlerische Prozesse vor Ort zu

erarbeiten. Es ist eine Bereicherung

© jazzwerkstatt Peitz

für die Stadt Peitz und ein weiterer

Schritt, um innovative, zeitgenössische

Jazzströmungen in die Lausitz

zu bringen.

Welche Akzente und programmatischen

Inhalte sind Ihnen wichtig?

Marie Blobel: Für mich ist es besonders

wichtig, einen dramaturgischen

Bogen über die drei Festivaltage zu

spannen. Ein zentrales Merkmal des

Programms ist, dass sich kein Konzert

überschneidet – das Publikum kann

jedes Konzert in voller Länge erleben

und dabei das Festivalgelände mit

seinen verschiedenen Bühnen entdecken.

Diese Struktur schafft nicht

nur eine besondere Aufmerksamkeit

für jede einzelne Performance, sondern

fördert auch den gemeinschaftlichen

Charakter des Festivals.

Mit rund 20 Konzerten lege ich großen

Wert darauf, sowohl aufstrebende

als auch etablierte Musiker:innen

zu präsentieren und dabei eine stilistische

Bandbreite innerhalb der

Jazz- und Improvisationsmusik

abzubilden. Genregrenzen sollen

aufgebrochen, verschiedene Ausdrucksformen

sichtbar gemacht und

unerwartete Klangwelten eröffnet

werden.

Sie haben als eine der Neuerungen

den Jazzpreis Brandenburg ins Leben

gerufen. Wer oder was wird

dort ausgezeichnet und welche

Wirkung soll er haben?

Marie Blobel: Mit dem Jazzpreis

Brandenburg wird eine herausragende

künstlerische Leistung gewürdigt.

Er soll an eine Musikerin oder

einen Musiker verliehen werden, die

bzw. der in besonderer Weise einen

prägenden und inspirierenden Beitrag

zum Jazzleben in Brandenburg

leistet und mit wichtigen künstlerischen

Impulsen über das Bundesland

hinaus strahlt. Voraussetzung ist der

Erstwohnsitz in Brandenburg.

2024 hat Schlagzeuger Willi Kellers

den 1. Jazzpreis Brandenburg verliehen

bekommen. Kellers, geboren

1950 in Münster, ist seit über 45

Jahren im Bereich des Free Jazz und

der Improvisierten Musik aktiv und

arbeitete intensiv mit Keith Tippett,

Marylin Crispell, Peter Brötzmann,

Charles Gayle, Albert Mangelsdorff

und vielen anderen zusammen.

Sein Schlagzeugspiel besticht durch

außergewöhnliche Flexibilität – sein

stilistisches Spektrum reicht vom

kraftvollen „Power-Play“ bis hin

zu feinsten Klangtexturen. Kellers

ist ein Musiker, der jedes Ensemble

musikalisch zusammenhält und es

zugleich mit unermüdlicher Energie

speist.

„Als Spieler und als Mensch ist Willi

Kellers immer der Gruppe, nie dem

eigenen Ego verpflichtet. Er braucht

keine ‚eigene‘ Band, um sich zu profilieren.

Er profiliert sich seit Jahrzehnten

als Team-Player mit starker

Persönlichkeit“, so die Begründung

der Jury.

In diesem Jahr wird Willi Kellers als

improviser in residence in Peitz mehrere

Konzerte präsentieren – unter

anderem am 17. Mai mit Julie Sassoon

und Chor in der Stüler Kirche

sowie am 21. Juni mit Uschi Brüning

und Lars Rudolph in der Festungsscheune.

Die jazzwerkstatt Peitz findet in

einzigartiger Atmosphäre in der

Natur zwischen den historischen

Karpfenteichen statt, wo Musik

und Natur zusammenfließen. Wie

wichtig ist Ihnen das Thema Nachhaltigkeit

und Green Culture?

Marie Blobel: Nachhaltigkeit und

Green Culture sind mir besonders

wichtig – und das beginnt bereits

beim Thema Reisen. Für internationale

Projekte suche ich gezielt Kollaborationspartner,

damit Bands nicht

nur für ein einziges Konzert nach

Deutschland reisen. So teilen wir die

Flugkosten und reduzieren gemeinsam

den CO 2 -Abdruck.

Auch für unser Publikum gibt es

nachhaltige Anreisemöglichkeiten:

Die Anfahrt mit der Bahn ist problemlos

möglich, vom Bahnhof bieten

wir einen Shuttle-Service an. Wer

es noch umweltfreundlicher mag,

kann direkt mit dem Fahrrad zum

Festival kommen.

Bei der Versorgung vor Ort verzichten

wir bei der Ausgabe von Essen

und Getränken bewusst auf Plastik.

Zudem nutzen wir für die Stromversorgung

das örtliche Stromnetz und

benötigen daher keine benzinbetriebenen

Aggregate. So schaffen wir

eine einzigartige Verbindung zwischen

Musik und Natur.

Wohin soll und wird sich die

jazzwerkstatt Peitz entwickeln

und wer oder was steht auf Ihrer

Wunschliste ganz oben?

Marie Blobel: Für die Zukunft wünsche

ich mir, dass immer mehr Menschen

den Weg nach Peitz finden

und die jazzwerkstatt weiter als kreativer

Knotenpunkt für Jazz- und improvisierte

Musik wächst – an internationaler

Strahlkraft gewinnt und

zugleich tief in der Region anerkannt

wird.

Ganz oben auf meiner Wunschliste

stehen besondere musikalische Höhepunkte

– unerwartete, mutige und

inspirierende Kooperationen, die

sowohl das Publikum als auch die

Musikerinnen und Musiker selbst bereichern.

Und natürlich wünsche ich

mir ein begeistertes Publikum, das

sich mit uns auf diese klanglichen

Abenteuer einlässt, neugierig bleibt

und die besondere Atmosphäre von

Peitz genießt.

Das Gespräch führte Kai Geiger.


22 | Jazz| Stuttgart

CAROL | 2025

Stuttgart (D)

35. Theaterhaus Jazztage

12. – 26.4.2025

DIE 35. THEATERHAUS JAZZTAGE

ROUND

ABOUT

JAZZ

12.04. BIS 26.04.2025

Die Theaterhaus Jazztage gehen in diesem Jahr bereits in die 35. Ausgabe und präsentieren vom 12. bis zum 26. April

in gewohnter Manier erneut ein buntes, abwechslungsreiches, frisches und wie immer spannendes Programm

mit bekannten Jazzgrößen aus aller Welt und Newcomern*innen.

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Den Auftakt markiert Götz Alsmann mit seiner Band, während

das Jasper van`t Hof Trio Featuring Christof Lauer und

das Dieter Ilg Trio dann den Schlusspunkt setzen, der wahrscheinlich

einmal mehr ein kräftiges Ausrufezeichen unter

diesem Klassiker der Jazzfestivals setzen dürfte.

Dazwischen kommen Kenner und Jazz-Enthusiasten ebenso

auf ihre Kosten, wie neugierige Einsteiger*innen unbeschreiblich

vielfältige Welt des Jazz eintauchen können.

Im Line up sind bekannte Namen wie Martin Tingvall

Trio, Jan Garbarek, Sophie Hunger, Vienna Teng,Thomas D

& The KBCS oder Sven Regener zusammen mit Pappik und

Busch zu finden, die auch außerhalb der Jazzwelt einen Namen

haben.

Doch damit nicht genug, denn echtes Jazzfeeling tragen

auch die Cuban Jazz Night mit dem Alfredo Rodriguez und

dem Yilian Cañizares „Resilience Trio“, Jazzanova, Gee Hye

Lee, Nils Wogram`s Root 70, Markus Stockhausen Group,

Gismo Graf Trio, Norma Winstone & Kit Dowes, Asja Valcic

& Klaus Paier, Andreas Schaerer & A Novel of Anomaly,

die Rita Payes Band und Nik Bärtsch`s Ronin ins Festival und

auf die Bühnen im Stuttgarter Theaterhaus.

Abgerundet wird das Programm dann mit weiteren musikalischen

Highlights, wie dem Dieter Ilg Trio, 30 Years of

E.S.T., Tigram Hamasyan Quintet, Curt Cress, Wolfgang Haffner

Trio, Dexter & Urban Beats Collective sowie dem Gregor

Hübner Collective, dem NHT Trio und dem Bel Art Trio.

Eingebettet zwischen diesen unterschiedlichen Acts, die die

ganze Bandbreite des klassischen und zeitgenössischen Jazz

abdecken heißt es dann auch Dr. Pop goes Jazz: Jazz-Kenner

Nabil Atassi (SWR) im Gespräch geht er zusammen mit Dr.

Pop und mit passender musikalischer Begleitung der Frage

nach, was ist Jazz?

Und wer auf diese Frage eine Antwort sucht, der wird mit

Sicherheit bei den 35. Theaterhaus Jazztagen fündig, wenn

es wieder heißt: Round About Jazz!

www.theaterhaus.com/de/search?q=Jazztage

30 Years of E.S.T. — Tribute to Esbjörn Svensson Trioby | © Joerg Grosse Geldermann


CAROL | 2025 Jazz | 23

PROGRAMM

Samstag 12.4.20205

20:00 Uhr | T1

Götz Alsmann & Band- Bei Nacht

20:30 Uhr | T2

Curt Cress & Wolfi Schmid

24.5., jeweils 17 – 18 Uhr). Der europaweit bekannte Perkussionist

Julian Sartorius führt Besucher auf eine Klangreise durch

die Stadt, bei der er seine außergewöhnliche Fähigkeit beweist,

alltäglichen Gegenständen und präparierten Instrumenten

rhythmische Muster zu entlocken.

www.jazzfestival.ch

Sonntag 13.4.2025

19:00 Uhr | T1

Jan Garbarek Group feat Trilok Gurtu

19:30 Uhr | T2

Dr. Pop & Nabil Atassi – Dr. Pop goes Jazz

Montag 14.4.2025

20:00 Uhr | T1

30 Years of E.S.T – Tribute to E.S.T – Esbjörn Svensson

Trio

20:15 Uhr | T2

Doppelkonzert

Markus Stockhausen Group

Nils Wogram’s Root 70

Collage Andreas Schaerer & A Novel of Anomaly (Biondini/Kalima/Niggli) //

Vibe Factor (Kraus/Sosa/Piñera)

Dienstag 15.4.2025

20:00 Uhr | T1. April

Tigran Hamasyan Quintet

The Birds of a thousand Voices

Mittwoch 16.4.2024

20:00 Uhr | T1

Doppelkonzert

Jazzanova feat. Wayne Snow

Thomas D & The KBCS, special guest: Flo Mega

20:15 Uhr | T2

Sophie Hunger

Walzer für niemand – Lesung und Lieder

Stockhausen | © Nikolas Müller // Wolgram | © Corinne Hächler

Donnerstag 17.4.2025

19:30 Uhr | T1

Duo Abend

Omer Klein (p) & Silvan Strauss (dr)

Norma Winstone (voc) & Kit Downes (p)

Asja Valcic (cello) & Klaus Paier acc)

20:30 Uhr | T2

Regener / Pappik / Busch

21:30 Uhr | T3

Dexter & Urban Beats Collective

Freitag 18.4.2025

19:00 Uhr | T1

Doppelkonzert

Rita Payès & Band

Martin Tingvall Trio

19:30 Uhr | T2

Nik Bärtsch’s Ronin: Spin

Samstag 19.4.2025

20:00 Uhr | T1

Wolfgang Haffner Trio & Thomas Quasthoff

& Nils Landgren celebrating 60!

20:30 Uhr | T2

Gee Hye Lee – Sori Quartett

Sonntag 20.4.2025

19:30 Uhr |T1

Doppelkonzert CUBAN JAZZ NIGHT:

Alfredo Rodríguez Trio

Yilian Ganizares Resilience Trio

20:00 Uhr | T2

15 Jahre Gismo Graf Trio – In the spirit of Django

feat. Cheyenne Graf & Tim Kliphuis

Montag 21.4.2025

19 Uhr | T1

Doppelkonzert

Andreas Schaerer & Novel of Anomaly (Biondini,

Kalima, Niggli)

Trio Vibe Factor (Kraus, Sosa, Pinera)

19:30 Uhr | T2

Vienna Teng

Jakob Collier © Jakob Collier

Stuttgart

Stuttgart Jazz Open

2. – 13.7.2025

2025 ist das Jahr der Premieren bei den Stuttgart Jazz Open. Große

Namen und eine Neuerung bei den jazzopen 2025: Erstmals

wird während des Festivals, das im kommenden Sommer vom

2. bis zum 13. Juli stattfindet, der Stuttgarter Schlossplatz vom

7. bis 13. Juli sieben Tage lang bespielt. Mit dabei sein werden

Pop-Ikone Kylie Minogue, eine Blues/Rock-Nacht mit Joe Bonamassa

und Kenny Wayne Shepherd, eine italienische Nacht

mit Zucchero und Mario Biondi sowie Mega-Star Lionel Richie.

Die Shows auf dem Schlossplatz werden zudem mit einem

außergewöhnlichen Double-Abend beginnen: Jacob Collier,

gefolgt von der Brit-Jazz-Sängerin RAYE. Und der Pionier und

Wegbereiter für elektronische Musik, Jean-Michel Jarre, wird

erstmals und 2025 zudem exklusiv in Deutschland das Publikum

auf dem Schlossplatz elektrisieren. Den diesjährigen Auftakt

macht der britische Musiker Jacob Collier, der als eines der

größten Multitalente im Musikgeschäft gilt, und sich zum Auftakt

der Schlossplatz-Konzerte am Montag, 7. Juli, den Abend

mit der englischen Sängerin und Songwriterin RAYE teilt.

Collier ist Sänger, Arrangeur, Komponist, Multiinstrumentalist

und Video-Produzent in einem. Mit gerade mal 30 Jahren

hat er bereits mehrere Grammys gewonnen und wurde mit

Gold- und Platinplatten überhäuft. Seine genreübergreifenden

Kompositionen begeistern Fans auf der ganzen Welt durch ihre

außergewöhnlichen Harmonien. Entdeckt wurde Collier übrigens

von Quincy Jones.

www.jazzopen.com

Mittwoch 23.4.2025

20 Uhr | 20 Uhr

Gregor Hübner Collective: Bel Art Trio

Gregor Huebner (p, vio) | Veit Hübner (b) | Patrick

Manzecchi (dr)

NHT Trio

Shoko Nagai (p) | Gregor Hübner (vl) | Sathosi

Takeishi (dr)

Munich Composers Collective

Freitag 25.4.2025

20:00 Uhr |T2

Colosseum out into the fields tour

Tigran II | © Vahan Stepanyan

Samstag 26.4.2025

20 Uhr |T 1

Doppelkonzert

Jasper Van‘t Hof Trio feat. Christof Lauer

Dieter Ilg Trio

Gregory Porter Christmas Wisch | © Erik Umphery


24 | Jazz | Ulm

CAROL | 2025

Der Ulmer ist aus ganzem Herzen ein Musiker,

der am liebsten Genregrenzen und Stiletiketten

auflöst und Musik so macht, wie er lebt:

frei und fühlend. Und so geht er von seinem

Heimatplaneten Jazz aus auf immer ausgedehntere

Entdeckungsreisen, um jenseits jeder

Crossover-Orthodoxie mit Sternschnuppen

aus anderen Galaxien zu spielen – heißen

sie nun Soul, Funk, Pop, Hip-Hop, Latin oder

Elektro. Als Trompeter und Komponist hat Joo

zwar seine Wahrnehmung für Musikstile aus

aller Welt geöffnet, aber seine mal schwermütigen,

mal heiteren Melodien bleiben hundert

Prozent Joo Kraus.

Im September 2024 erschien sein neues Album

No Excuse bei Jazzhaus Records, das er am ersten

Abend mit seiner Band präsentiert, bevor

er sich an den folgenden Abenden mit geladenen

Gästen auf eine spannende musikalische

Reise begibt. Das Festival ist wie sein Album

eine bunte Tüte, Briefmarken-Sammelalbum,

gesellschaftspolitischer Diskurs und vor allem

eines: good vibes! Musik, ein Mix an Genres

und Stimmungen, der Spaß macht! Bunt, vielfältig,

spannend, experimentell, fernab von

musikalischer Konvention und doch unverkennbar

– total Joo Kraus! No Excuse!

Stattfinden wird es im einzigartigen Aegis

Café, dem Café der gleichnamigen und nebenan

liegenden Aegis Buchhandlung von

Rasmus Schöll, einem Ort, an dem guter Genuss,

Literatur, Musik und Kunst zueinanderfinden.

Aegis ist eine Buchhandlung voller Tradition

und geistigem Erbe, ein Schiff voller Schätze,

das aus dem Widerstandsgeist gegen die Nationalsozialisten

hervorging. Vom Verlagsbuchhändler

Ernst G. S. Bauer gegründet, ist es

die Buchhandlung, in der Suhrkamp-Verleger

Siegfried Unseld seine Lehre machte und Otl

Aicher für die Gestaltung verantwortlich war.

Enge Verbindungen gab es auch zur Familie

Scholl und der Ulmer HfG.

2018 übernahm Rasmus Schöll die Geschicke,

in einer Zeit, in der mal wieder das Buch „totgesagt“

wurde. Denn das „Aegis-Schiff“ sollte

wieder in offene Gewässer aufbrechen als

eines der letzten Dreispartenhäuser Deutschlands

(Verlag, Buchhandlung und Antiquariat).

Es wurde geschrubbt, lackiert und gewerkelt,

sodass Aegis wieder das ist, was es heute ist,

ein magischer Ort für Bücher und Menschen,

geführt mit viel Liebe und Leidenschaft für

das Buch. Hier werden unbegangene Wege

beschritten und dem Gründungsgedanken gefolgt:

Bücher vermitteln, die eine Bedeutung

für unsere Gesellschaft, Demokratie und letzten

Endes auch für unsere Welt haben. Ein Ort

des Wortes, der Literatur, der Begegnung und

der Mitmenschlichkeit – für die Zukunft des

Buches.

JooKraus, No Excuse | © Rob Stirner

Ulm (D)

JOOkebox Festival

11. – 13.9.2025

Anfang September findet in Ulm das erste von Joo Kraus initiierte und von Rasmus

Schöll vom Aegis Café veranstaltete JOOkebox Festival statt, das zum perfekten groovigen

Abschluss des Sommers einlädt.

2022 kam das Aegis Café als dritter Ort für Genuss,

Literatur und Kultur dazu und hat sich

schnell zu einem der gefragtesten, spannendsten

und abwechslungsreichsten Kulturorte der

Stadt entwickelt. Ein Café wie kein zweites.

Programm

Do. 11.09.2025 – Joo Kraus „No Excuse“

Fr. 12.09.2025 – Joo Kraus feat. Ameli in the

Woods & Lotti Benischka

Sa. 13.09.2025 – Joo Kraus feat. Pheel & Seba

www.jookraus.com

www.aegis-cafe.de

www.aegis-literatur.de


CAROL | 2025 Jazz | 25

INTERVIEW

Wir sprachen mit Joo Kraus

und Rasmus Schöll

Wie steht es um die Musik und die

Bedingungen für Musiker:innen in

Ulm?

Joo Kraus: Ich finde ja, dass es seit

einigen wenigen Jahren wieder viel

besser um die Livemusik und die

lokale Szene in Ulm bestellt ist. Das

liegt natürlich zum großen Teil daran,

dass viele Leute im (sub)kulturellen

Bereich, also Künstler und Veranstalter

etc. einfach machen, auch

wenn es nicht profitabel ist. Damit

zum zweiten Teil der Frage: die Bedingungen

für Künstler und Kulturschaffende

in Ulm sind verglichen

mit den Honoraren und Unterstützungen,

die es in anderen Bereichen

gibt, natürlich viel zu niedrig! Das

scheint mir aber kein Ulmer Ding,

sondern in Deutschland so üblich

leider. Wahrscheinlich weil man

weiß, dass die Macher so voller Leidenschaft

sind, dass sie es sowieso

machen.

Seit einigen Jahren sind Sie mit

verschiedensten Formaten in Ihrer

Heimatstadt präsent. Wie kam es

dazu, was ist Ihr Antrieb?

Joo Kraus: Ich bin ja ca. 90 Tage im

Jahr außerhalb Ulms unterwegs, um

Konzerte zu spielen. Und ich bin oft

so begeistert von meinen Musikern

und Bands, dass ich mir jeweils denke:

Wow, ich möchte, dass meine

Leute in Ulm das auch mitkriegen!

Und ich glaube, dass ich über die

Jahre ganz schön viel Interessantes

und Gutes und Schönes an Musik

nach Ulm reingezogen habe und

die Leute mittlerweile auch wissen,

dass es meist cool ist, was der Joo so

macht.

Nach Herzstücke im Café ANIMO,

und der durch die Perspektive

Pop Förderung des Landes Baden-

Württemberg geförderten Reihe

Next Generation im Aegis Café veranstalten

Sie dort jetzt die Music

Lesson mit Joo Kraus. Was passiert

in den Music Lessons und wie unterscheiden

sie sich von den anderen

beiden Formaten?

Joo Kraus: Ich stand mal mit Rasmus

Schöll am Tresen und er meinte, ich

solle doch öfter hier ins Café kommen

und könne eigentlich machen,

was ich will. Und da ich nicht immer

Konzerte spielen will und die Leute

irgendwann mal genug davon haben,

dachte ich mir: Was, wenn ich

den Leuten eine Stunde Musikunterricht

gebe, so wie ich mir ihn immer

gewünscht hätte! Das heißt ganz

praktisch, dass ich nur am Anfang

und am Ende ein bisschen selbst

musiziere und zwar, was thematisch

zur jeweiligen Stunde passt: Einmal

ging’s um lateinamerikanische Musik,

einmal um Pentatonic, dann um

Rhythmus im Allgemeinen oder um

Blechblasinstrumente … Ich bin immer

sehr im Stress, diesen Unterricht

vorzubereiten! Und habe ein bisschen

die Hosen voll, aber bisher war

es immer sehr, sehr amüsant!

Rasmus Schöll | © Bruno Tenschert

Joo Kraus: Es gab mal ganz kurzzeitig

in den Neunzigerjahren die sogenannte

Ulmer Jazz Guerilla. Ich glaube

für zwei Jahre oder so.

Ich spiele ja richtig viel auf Jazz Festivals

in ganz Deutschland, zum Teil in

winzigen Städten, die ein richtig großes

und langes Festival machen. Ich

habe keine Ahnung, warum es das in

Ulm nicht gibt. Vielleicht weil jeder

der einzelnen Macher/Veranstalter so

eine ganz bestimmte Sparte bedienen

will, die vielleicht einfach zu speziell

ist. Hat ja auch was. Aber ich denke,

Ulm verträgt auf jeden Fall drei bis

vier Tage Jazz and more im Jahr.

Das ändern Sie ja jetzt. Im Herbst

(11. – 13.09.2025) wird zum ersten

Mal das JOOkebox Festival in Ulm

stattfinden. Was erwartet das Publikum

dort?

Joo Kraus: Das Festival wird eine geballte

Ladung. Gute Musik, auf jeden

Fall mit Groove, mit guter Energie

mit guten Vibes! Ja, vor allem gute

Vibes für offene Geister.

Und eben clubmäßig im Saal des Aegis

Cafés. Schön nah und direkt und

echt! Joo in der Box out of the Box

– Jookebox.

Das Festival findet ebenfalls im Aegis

Café, einer eher kleinen Location,

statt. Wie wichtig ist der Ort

und die Zusammenarbeit mit Rasmus

Schöll für Sie?

Joo Kraus: Irgendwie hat sich zwischen

Rasmus und mir mit der Zeit

so eine ehrliche, organische Zusammenarbeit

entwickelt. Rasmus

hat einen sehr guten Style und Geschmack,

er weiß die Kunst und die

Künstler zu schätzen, und ich weiß

es sehr zu schätzen, was er dort mitten

in der Stadt macht und für die

Musiker und das Ulmer Publikum

durchzieht! Das ist so wichtig! Und

er macht das, obwohl er woanders

viel mehr Geld verdienen könnte,

aber darauf kommt’s ihm und mir in

erster Linie ja nicht an. Gesellschaftlich

darf man nie unterschätzen und

vergessen, wie wichtig solche Plätze

und Aktionen sind!

Literatur ist wie die Musik, der

Jazz Teil der Kultur. Keine Frage.

Daraus folgt aber nicht unbedingt,

als Buchhändler auch Konzerte zu

veranstalten. Wie kam es dazu?

Rasmus Schöll: Mich haben schon

immer die Barrieren und Blasen innerhalb

der Kultur interessiert und

wie diese zu durchbrechen sind. Wir

machen viele Lesungen und Jazz-

Konzerte, aber auch vieles, was eben

nicht unbedingt innerhalb einer

Buchhandlung oder eines Jazz Clubs

zu erwarten ist. Das heißt, ich versuche

mich daran, an unseren Orten

eine Art utopisches Publikum zu ermöglichen,

in dem Menschen in die

Buchhandlung oder in unser Café

kommen und etwas vollkommen

Unerwartetes erleben. Wir machen

z.B. auch Elektroveranstaltungen,

die aber weit über das sonst Gängige

hinausgehen, weil es noch analog

erzeugte elektronische Musik mit

Synthesizern etc. ist. Auf der einen

Seite kommen dadurch sehr junge

Menschen zu uns, auf der anderen

Seite passiert es eben auch, dass eine

80-Jährige das erste Mal in ihrem

Leben auf einmal auf einer Elektroparty

landet, weil der Kontext es ihr

ermöglicht. Dieses Schwingen zwischen

dem Publikum passiert mittlerweile

durch alle Genres und Veranstaltungsarten.

Was ist das Kulturportfolio vom

Aegis Café?

Rasmus Schöll: Ich würde sagen,

wir sind enorm breit und gleichzeitig

unglaublich kompromisslos. Wir

machen Theater, Konzerte von Klassik

bis elektronischer Musik, Lesungen,

Kunst und Perfomance-Ideen,

Kamishibai Theater für Kinder, aber

auch Diskussionsrunden und Lesekreise.

Das Wichtigste sind die Menschen,

mit denen wir zusammenarbeiten,

dass diese den Ort verstehen

und was mit diesem Ort gemeint ist,

wie es zum Beispiel mit Joo Kraus der

Fall ist. Es geht um Leidenschaft und

Feuer für die Kultur, aber eben auch

um die Begeisterung und Freude,

etwas in diese Welt zu bringen, was

sie besser macht. Und natürlich um

Qualität, die immer mit Professionalität

verbunden ist.

Ist es immer noch eine Investition

oder mittlerweile eine Win-win-

Situation für Ihr Kerngeschäft, den

Buchhandel?

Rasmus Schöll: Ich glaube Kultur

ist monetär betrachtet immer eine

Investition und es gäbe zum Geldverdienen

so viel Klügeres … Aber

gleichzeitig ist es das Beste, was ich

tun kann. Geld ist für mich eine Ermöglichung,

um Dinge zu tun, aber

nie ein Grund, warum ich Dinge tue.

Mit Sicherheit investiere ich sehr

viel Lebenszeit, die niemals finanziell

entlohnt wird (welchem Kulturschaffendem

geht es anders?), aber

gleichzeitig dürfen Sie sich mich als

einen sehr glücklichen Menschen

vorstellen – der eben einfach nur

ab und zu Geldsorgen hat. Es gibt

schlimmere Sorgen und Wichtigeres

auf der Welt.

Wie finanzieren Sie die Veranstaltungen

und in welchen Partnerschaften,

damit es ein kalkulierbares

Risko ist?

Rasmus Schöll: Wir haben vor über

zehn Jahren einen Kulturverein gegründet,

um eben dem Missverhältnis

von Geld und wie dieses in der

Kultur wirkt (viel zu wenig), Rechnung

zu tragen, ich bin kein Träumer

– aber ich möchte, dass wir uns

als Veranstalter am Ende in die Lage

bringen, die Musiker und Kulturschaffenden

in der Form zu bezahlen,

dass diese sehr gut leben können

und eben das tun, was sie am besten

können, Kunst schaffen. Und ich

sehe genau darin meine Aufgabe: zu

ermöglichen.

Wir sind leider noch nicht da, wo ich

damit zufrieden wäre. Aber es ist ein

Weg, den wir gehen.

Sind Sie in Ihrem persönlichen

Plan und mit dem Erfolg zufrieden?

Rasmus Schöll: Die Antwort ist sehr

einfach. Ja, ich bin glücklich und

unendlich dankbar, dass ich das tun

kann, was ich tue, und das ist mehr

Erfolg, als ich mir je erhofft hätte.

Wie ist die Akzeptanz des Aegis

Cafés innerhalb des Ulmer Kulturlebens

und wie und in welchen

Formaten arbeiten Sie mit anderen

Kulturträgern zusammen?

Rasmus Schöll: Es ist ja immer etwas

schwierig, von ganz innen nach außen

zu blicken, aber ich glaube, wir

stellen innerhalb der Ulmer Kulturszene

als komplett unabhängige Einrichtung

ein Singulär da und spielen

dementsprechend eine Vorreiterrolle.

Wer muss eines Tages im Aegis

Café auftreten? Die Top drei Ihrer

persönlichen Wunschliste.

Rasmus Schöll: In dieser Welt:

1. Patti Smith 2. Radiohead 3. Cat

Power. In einer anderen Welt: 1.

The Beatles 2. The Doors 3. Amy

Winehouse

www.jookraus.com

www.instagram.com/joo_kraus/

www.aegis-literatur.de

www.aegis-cafe.de

www.instagram.com/aegis.buchhandlungen

www.instagram.com/aegis.cafe

Mit dem Jazzkeller Sauschadall

seit 1962, dem Verein für moderne

Musik, dem Klanghaus Festival im

Stadthaus und dem alternativen

Kulturzentrum ROXY gibt es vier

Player, die sich dem Jazz widmen.

Aber ein eigenes Festival dieses

Genres gab es bisher nicht in Ulm.

Warum eigentlich?

Innenhof Aegis Café | © Rasmus Schöll


26 | Green Culture

CAROL | 2025

Kultur –

treibende Kraft für

nachhaltige

Entwicklung

Der Mensch und die Natur – kultureller Mut zum Wandeln

Bergolo | © Kai Geiger

Das Klimathema ist in aller Munde, wenn auch unterschiedlich und zum Teil hoch emotional

besetzt. Die Diskussionen um unser Leben und für und gegen Klimawandel sind von immer

mehr Wissen, neuen Erkenntnissen, neuen Verfahren, Engagement, großen Anstrengungen und

ersten Erfolgen geprägt genauso wie von Stammtischparolen, gefährlichem Halbwissen und politischem

Gerede, die den Fluch über den Segen stellen und Donald Trump für den Ausstieg aus

dem Pariser Klimaabkommen bejubeln.

Kultur kommt in diesem Prozess und der Erreichung der Klimaziele

eine wichtige Rolle zu und die Beschäftigung und

Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit sollte ein Muss in jeder

Kultureinrichtung und im inneren Dialog jeder einzelnen

Künstlerin und jedes Künstlers sein.

Kultur in all ihren Facetten, Ausdrucksformen und Bedeutungen

muss demnach das Herzstück eines jeden Wandels in der

menschlichen Entwicklung bilden, das Verhältnis von Menschen

und Natur zu überdenken und unsere kulturelle Vorstellungskraft

mit Blick auf eine lebenswerte, nachhaltige Zukunft

anzuregen.

„Kultur ist das Fundament unserer Gesellschaft. Sie hilft uns,

uns selbst zu hinterfragen und die Veränderungen vorzunehmen,

die uns wichtig erscheinen“, unterstrich die damalige

EU-Kulturkommissarin Mariya Gabriel schon anlässlich der

UNESCO Weltkulturkonferenz 2022 in Mexiko und forderte

die Kultur direkt zu mehr Anstrengungen, einem Umdenken,

Wandel und einem größeren Einsatz für die Erreichung der Klimaziele

vom Pariser Klimaabkommen auf.

Klimaschutz ist nur möglich, wenn die gesamte Gesellschaft

sich auf den Weg zu mehr Nachhaltigkeit begibt. Dabei kommt

es gerade auch auf Kultureinrichtungen an, etwa als Motivatoren

und Vorbilder. Kunst und Nachhaltigkeit sind wichtige gesellschaftliche

Ziele. Es braucht Nachhaltigkeit, um die Kunstfreiheit

auch für die Zukunft zu sichern.

Wichtige Handlungsfelder zur Verbesserung des Klimaschutzes

in Einrichtungen sind die Bereiche Management, Wärme,

Strom, Wasser, Mobilität, Abfall und Gebäude.

Das Erreichen dieser Ziele ist allerdings nur möglich, wenn sich

die Gesellschaft als Ganzes der Herausforderung des Klimawandels

stellt und sich aktiv bei der Gestaltung einer nachhaltigeren

Welt einbringt. Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Verwaltung

und Politik stehen in der Verantwortung.

Es gibt eine Vielzahl von Maßnahmen, die zu ergreifen sind,

um einen Beitrag zu leisten und Kultur in einem nachhaltigen

Rahmen zu ermöglichen.

Orchester, Rundfunkklangkörper, andere Kulturinstitutionen

sowie freischaffende Musikerinnen und Musiker sind lebendige

Kulturakteure ihrer Stadt oder Region. Sie bringen die klimapolitische

Diskussion, vor allem jedoch die überfällige Umsetzung

notwendiger Maßnahmen, mit den Mitteln der Kunst

voran. Sie inspirieren, begeistern und zeigen, dass Veränderung

positiv begleitet und gestaltet werden kann. Sie können

die Sehnsucht nach einer umweltschonenden Lebensweise bei

jedem Einzelnen wecken. Sie können mit gutem Beispiel vorangehen.

Damit haben sie auch die Chance, neue Publikumsschichten

anzusprechen, zum Beispiel mit Konzertformaten,

die die Umwelt thematisieren. Durch Kooperation und Vernetzung

mit Akteurinnen und Akteuren aus der Nachhaltigkeitsszene

steigen Akzeptanz und Verankerung in den jeweiligen

lokalen Zusammenhängen.

Carlos Garaicoa, Images Vevey | © Kai Geiger

Echte Klimaschutzanstrengungen in den Kulturbetrieben

selbst ermöglichen finanzielle Einsparungen, die ins Gewicht

fallen. Werden sie von Anfang an richtig konzipiert, ist die

Umsetzung oft leichter und lustvoller als erwartet.


CAROL | 2025 Green Culture | 27

Folgende Fragen stehen hierbei

unter anderem auf der Agenda:

Ökologisches Gleichgewicht zwischen Proben und Aufführungen

Renovierung, Optimierung und Umstellung auf neue Energieträger

von Proben- und Veranstaltungsorten

Berücksichtigung ökologischer Gesichtspunkte

bei der Auswahl von

Gästen, Gastdirigentinnen und -dirigenten,

Solistinnen und Solisten

sowie Orchesteraushilfen

Planung von nationalen, internationalen

und interkontinentalen Orchestertourneen

nach ökologischen

und ökonomischen Gesichtspunkten

Planung der Veranstaltungsorte in

einer geografisch sinnvollen Reihenfolge

und Vermeidung von einzelnen

Auftritten in Fernreisezielen

Francesco Bergolo

Reisen nach Möglichkeit mit dem Zug, Bus oder Schiff

Bevorzugung von Hotels, die sich zur Einhaltung ökologischer

Standards verpflichten

Einhaltung der einschlägigen ökologischen Standards und

Zertifizierungen bei der Verpflegung von Mitarbeitenden

und Publikum in Kantinen und Restaurants

Bevorzugung nachhaltiger Methoden bei der Zusammenarbeit

mit externen Dienstleistern, insbesondere bei der Produktion

von CDs und DVDs (zum Beispiel Vermeidung von

Kunststoff- und Filmverpackungen)

Reduzierung der Kosten für den Kartenverkauf (Druck, Porto

und Versand) durch Online-Tickets auf dem Smartphone

oder Print@Home

Drucksachen in Auflage und Verteilung hinterfragen und

durch etwaige andere Druckformate (zum Beispiel Postkarte

mit QR-Code) oder Online-Angebote ersetzen

Verwendung digitaler Notenmaterialien (Abspielen vom

Tablet)

Vollständige Digitalisierung des Musikarchivs und des Orchestermaterials

Eine konsequente Nachhaltigkeitsstrategie im Bereich Marketing

und Kommunikation, die auf eine gezielte Zusammenarbeit

mit ökologisch orientierten Partnerunternehmen

sowie Klima- oder Umweltkompensationsprojekten

setzt

In CAROL widmen wir uns erstmals diesem Thema. Nach

ZBIGGY im letzten Jahr erscheint auch CAROL nur digital und

wird zusätzlich mit einer Postkarte mit QR-Code umworben,

um unseren Beitrag zu leisten und einen ökologischen Fußabdruck

zu hinterlassen.

Zusätzlich engagieren wir uns in dem spannenden Projekt Soil

Music in Freiburg und Sankt Peter im Schwarzwald, über das

wir mit den Initianten Silke und Ralf Schmid von der Pädagogischen

Hochschule und Musikhochschule Freiburg sowie mit

Isabell Blattmann (Architektin und Landwirtin) und Tim Taylor

(Landwirt) vom Steingrubenhof Sankt Peter und Andreas

Dorne (Professor für Musikpädagogik) vom Holistic Compost

Lab gesprochen haben.

Wanas Konst, Knislinge Sweden | © Kai Geiger

Zusätzlich sprachen wir mit Jacob Sylvester Bilabel, Projektleitung

Green Culture Anlaufstelle des Aktionsnetzwerk Nachhaltigkeit,

einer spartenübergreifenden Anlaufstelle für das

Thema Betriebsökologie im Bereich Kultur und Medien. Mit Johannes

Schwarz, Fagottist im Ensemble Modern sprachen wir

über Nachhaltigkeit im Orchesterbetrieb und mit Jakob Fraisse

von der jazzahead! Bremen über die Green Touring Initiative

der jazzahead!.

Quellen: Green Culture – Klimaschutz für Landeskultureinrichtungen

(Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg,

2022) / Unisono, Deutsche Musik- und Orchestervereinigung, Nachhaltigkeit

im Orchester- und Konzertbetrieb

Cascina Crema, Cortemillia | © Kai Geiger

Filmabend Noirmoutier-en-l’Ille | © Kai Geiger


28 | Green Culture

CAROL | 2025

Green Culture Festival 2024 im Park Sanssouci, Potsdam | © 414films

Green Culture Anlaufstelle

Die Green Culture Anlaufstelle wurde ins Leben gerufen, um Kulturschaffende,

Kulturinstitutionen und Kreative dabei zu unterstützen, nachhaltiger zu werden.

Die Green Culture Anlaufstelle führt

Sprechstunden zur Erstberatung von

Kultur- und Medieneinrichtungen

in Deutschland durch. Das Angebot

richtet sich an unterschiedliche

Akteur:innen, die sich mit Umwelt-

und Klimaschutzfragen in der

Kultur- und Medienproduktion beschäftigen.

Sie erhalten zielgerichtete

Handlungsempfehlungen unter

Berücksichtigung der ihnen zur

Verfügung stehenden Ressourcen.

Zudem können sie sich über andere

bestehende Förderprogramme von

Bund, Ländern und Kommunen

informieren. Das Beratungsangebot

wird vom Bund aus dem Etat der

Staatsministerin für Kultur und Medien

gefördert.

www.greenculture.info

INTERVIEW

Wir sprachen mit dem

Projektleiter Jacob Bilabel.

Wie unterstützen Sie Kultureinrichtungen

und -schaffende?

Jacob Bilabel: Wir haben die Green

Culture Anlaufstelle des Bundes

ins Leben gerufen, um die Kultur-,

Kreativ- und Medienbranchen bei

der ökologischen Transformation

zu unterstützen und sie für die Herausforderungen

der Zukunft fit zu

machen. Durch Wissensvermittlung,

individuelle Beratung und

Vernetzung steht die Green Culture

Anlaufstelle dem Kultursektor stets

zur Seite. In einem partizipativen

Prozess wird dabei ein bundesweites

Netzwerk aus Akteur:innen der

Kultur, Politik, Wissenschaft, Wirtschaft

und Zivilgesellschaft kontinuierlich

ausgebaut.

Als Kompetenzzentrum strebt die

Anlaufstelle auch eine enge Zusammenarbeit

mit anderen Institutionen

und Verbänden an, wodurch

Allianzen entstehen. Im Rahmen

bundesweiter Workshops und Netzwerktreffen

kommen wir regelmäßig

an unterschiedlichsten Orten im

gesamten Bundesgebiet zusammen.

So werden wir etwa demnächst in

Kooperation mit dem Niedersächsischen

Ministerium für Wissenschaft

und Kultur und der Bundesakademie

für Kulturelle Bildung

im Künstlerhaus Hannover sowie

gemeinsam mit der Akademie für

Theater und Digitalität bei der Dortmunder

Green Culture Week Workshops

durchführen.

Darüber hinaus bietet die Green Culture

Anlaufstelle digitale Beratungsund

Wissensformate an. So können

sich Kulturinstitutionen jederzeit bei

uns für eine individuelle Sprechstunde

anmelden, in der unser Team im

Rahmen einer Erstorientierung Tipps

für initiale Maßnahmen gibt und zu

den Kernthemen Energieeffizienz,

Klimabilanzierung, Kreislaufwirtschaft,

Widerstände sowie Reporting

und Managementsysteme berät.

Ein besonderes Highlight ist zudem

das jährlich stattfindende Green

Culture Festival, das nach der Premiere

im Potsdamer Park Sanssouci

in diesem Jahr (12. & 13. Juni) bei

PACT Zollverein in Essen stattfinden

wird, diesmal unter dem Leitthema:

„Handabdruck der Kultur – Wer

wollen wir gewesen sein?“

An wen oder was richten sich Ihre

Angebote?

Jacob Bilabel: In Deutschland

gibt es ca. 20.000 Kulturinstitutionen,

von Bibliotheken, Museen

und Opernhäusern über Festivals

bis hin zu kleineren Initiativen.

Unser Angebot ist für alle da, also

sparten- und sektorübergreifend.

Das funktioniert, weil wir Schwerpunktthemen

und diesbezügliche

Lösungsansätze definiert haben, die

für alle Gültigkeit besitzen. Wir entwickeln

Standards, Werkzeuge und

Prozesse, die wir kostenlos zur Verfügung

stellen.

Wo stehen Sie nach eineinhalb

Jahren? Wie wird Ihr Angebot angenommen?

Jacob Bilabel: Sehr gut. Seit Anfang

letzten Jahres haben wir etwa

1.500 Menschen beraten. Die Termine

sind oft überbucht, der Bedarf

ist also groß. Das liegt wohl auch

oder vielleicht gerade daran, dass

Themen wie Energieeffizienz immer

wichtiger werden, weil sie mit ganz

konkreten und oft auch notwendigen

Einsparungen verbunden sind.

Welche Sparten sind hierbei am

engagiertesten und wo gibt es

noch Luft nach oben?

Jacob Bilabel: Unsere Angebote

richten sich tatsächlich an alle und

werden auch von den unterschiedlichsten

kulturellen Institutionen

und Akteur:innen an- und wahrgenommen.

Können Sie uns ein paar Good

Practice-Beispiele nennen?

Jacob Bilabel: Ein Leuchtturm ist

der im Herbst 2023 von allen maßgeblichen

Akteur:innen entwickelte

und von der Kultusministerkonferenz

beschlossene einheitliche

Standard zur Klimabilanzierung

Klimabilanz Kultur (KBK). Er ist

auf die Bedürfnisse des Kultursektors

abgestimmt, von allen Verbänden

verabschiedet worden und

europaweit bisher einzigartig. Der

KBK schafft spartenübergreifende

Transparenz und Vergleichbarkeit,

was das Thema Klimabilanzierung

im Kulturbereich betrifft, und hilft

Akteur:innen, ihre eigenen Aktivitäten

mit denen anderer abzustimmen

und abzugleichen. Im Zusammenhang

damit wurde auch der

CO 2 -Kulturrechner entwickelt, ein

einfach zu bedienendes Tool, mit

dem die Klimabilanzierung Schritt

für Schritt vorgenommen werden

kann.

Ein weiterer Meilenstein ist das Projekt

Sprint20. Durch konkrete Beratungsprozesse

in unterschiedlichsten

Institutionen wurde hier ein

Handbuch für Energieeinsparungen

in der Kultur entwickelt. Dabei stellt

Sprint20 nicht nur eine Reaktion

auf die bestehende Energiekrise dar,

sondern soll gleichzeitig der Kultur

helfen, den Transformationsprozess

in Richtung resilienter Energiebezugs-

und Verbrauchssysteme

zu beschleunigen. Im Rahmen des

Projekts wurden im Durchschnitt

24,1 % Einsparungen der Kosten für

Primärenergie realisiert.

Klimaschutz ist mehr als notwendig,

bedeutet jedoch je nach Bedarf

erst einmal eine nicht unerhebliche

Investition. Dieses Geld

steht in der Kultur grundsätzlich

zur Disposition, wie die jüngsten

schmerzhaften Budgetkürzungen

allerorts zeigen. Schränkt das Ihren

Handlungsspielraum ein?

Jacob Bilabel: Besonders seit Russlands

Angriff auf die Ukraine und

den daraus folgenden energiepolitischen

Weichenstellungen sind die

Energie-, Transport- und Materialkosten

auch im Kultursektor erheb-


CAROL | 2025 Green Culture | 29

Green Culture Festival 2024 im Park Sanssouci, Potsdam | © 414films

lich gestiegen. Das heißt, dass Energieeffizienz,

Wertstoffkreisläufe und

andere Aspekte, die früher mit dem

vermeintlichen Luxusthema Klimaschutz

oder Nachhaltigkeit verbunden

wurden, nun umso dringlicher

bearbeitet werden müssen. Das ist

einfach eine betriebswirtschaftliche

Notwendigkeit. Investitionen in die

Nachhaltigkeit sind noch mehr zu

essenziellen Zukunftsinvestitionen

geworden, mit denen mittel- und

langfristig erhebliche Einsparungen

realisiert werden können.

Stichwort Kulturbauten: Die Diskussionen

um ausufernde Renovierungen,

teure Zwischenlösungen

und/oder Neubauten in Köln,

Stuttgart oder München sind für

die „Volksstimme“ und etwaige

Bürgerbegehren weder in die eine

noch in die andere Richtung von

Vorteil. Wie dienlich oder kontraproduktiv

sind diese Projekte für

die Sache und Ihre Arbeit?

Jacob Bilabel: Die energetische Sanierung

von Gebäuden und der

effiziente Umbau im Hinblick auf

Heizung, Lüftung und Kühlung sind

ein Schlüsselthema. Gerade bei historisch

gewachsenen Kulturinstitutionen

haben wir es oft mit Gebäuden

zu tun, die aus Zeiten stammen, in

der Energieeffizienz eben noch keine

Rolle gespielt hat, oft repräsentative,

meist auch denkmalgeschützte Bauten

in Zentrumsnähe. Wie schaffen

wir es, diese Gebäude und damit

auch die darin beheimateten Institutionen

zukunftsfähig zu machen?

Sind Neubauten immer die smartere

Lösung? Das alles sind Fragen, die

man nicht generell und pauschal

beantworten kann, sondern immer

im jeweiligen Kontext diskutieren

muss.

Wie geht es weiter? Die Green Culture

Anlaufstelle wurde mit Unterstützung

der Ampel-Regierung mit

der Beauftragten der Bundesregierung

für Kultur und Medien, Claudia

Roth, geschaffen. Jetzt formieren

sich gerade neue Mehrheiten

mit womöglich anders gelagerten

Schwerpunkten, gerade im Bereich

Klima und Kultur. Wird dies

Ihre Arbeit tangieren, die Anlaufstelle

womöglich infrage stellen

oder ist diese langfristig verankert

und gesichert?

Jacob Bilabel: Die Green Culture

Anlaufstelle des Bundes wird seit

2024 von der Beauftragten der Bundesregierung

für Kultur und Medien,

Claudia Roth, gefördert. Träger ist

das 2020 gegründete Aktionsnetzwerk

Nachhaltigkeit in Kultur und

Medien, das bereits unter der Ägide

der damaligen Kulturstaatsministerin

Monica Grütters (CDU) ins

Leben gerufen wurde. Es gibt also

eine parteiübergreifende Kontinuität

und ein hohes Interesse an der

Lösung der anstehenden Herausforderungen

(Stichwort Energiekosten).

Dieser Konsens der Vernunft wird

von allen demokratischen Parteien

mitgetragen, was mir Gespräche mit

verschiedensten kulturpolitischen

Akteur:innen in den letzten Wochen

auch immer wieder bestätigt haben.

Wir wollen weg von Verlust, Verzicht

und Verbot, hin zu Wohlstand,

Wachstum und Wettbewerb in der

Kultur. Das sind Grundsätze, die

auch in der neuen Koalition grundlegend

sein werden.

Das Gespräch führte Kai Geiger.

JACOB BILABEL

Jacob Sylvester Bilabel, Projektleiter der Green Culture Anlaufstelle | © Gavin Evans

Seit 2023 leitet Jacob Sylvester

Bilabel den Aufbau der zentralen

Green Culture Anlaufstelle des

Bundes in Deutschland. Im Sommer

2020 startete er das Aktionsnetzwerk

Nachhaltigkeit in Kultur und Medien,

gefördert durch die Beauftragte der

Bundesregierung für Kultur und Medien.

Das Netzwerk wuchs seitdem

auf über 50 der wichtigsten kulturellen

Institutionen aus Deutschland,

Österreich und der Schweiz. Als

Teil eines Konsortiums entwickelte

er zudem die bundeseinheitlichen

kulturspezifischen Klimabilanzierungsstandards

KBK & KBK+ sowie

das kostenlose, dazu nutzbare Tool

der bundesdeutschen Kulturministerkonferenz.

2009 gründete Bilabel

die paneuropäischen Green Music

Initiative als eine branchenübergreifende

Denkfabrik. Die gemeinnützige

Initiative vereint heute mehr als 350

Festivals und 500 Veranstaltungsorte

in ganz Europa und erreicht mehr als

3 Millionen junge Europäer:innen.


30 | Green Culture

CAROL | 2025

Nachhaltigkeit

in der

Live-Branche

Green Touring Initiative der

jazzahead! 2025

Nachhaltigkeit in der Livemusik-Branche –

nicht bloß durch die Tourneen von Stadion-

Bands wie Coldplay ein viel diskutiertes Thema.

Festivals und Clubs bemühen sich, Müll

einzusparen und weniger Energie für Lichtund

Soundanlagen zu verbrauchen. Was zuweilen

übersehen wird: welche Strecken die

Künstler:innen zwischen den Konzerten zurücklegen.

Jazzahead! | © Kai Geiger

„Ökologisch ergibt es wenig Sinn, wenn eine Band aus Spanien

nur zur jazzahead! nach Deutschland reist“, sagt Sybille

Kornitschky, Leiterin der weltweit größten Jazz-Fachmesse in

Bremen. „Wir als jazzahead! möchten aktiv dazu beitragen,

Tourneen generell nachhaltiger zu gestalten. Besonders mit unserem

Tool für Green Touring namens CooProg Music, das wir

aktuell mithilfe unseres französischen Partners Zone Franche

entwickeln.“ Die Ergebnisse einer achtmonatigen Experimentierphase

mit CooProg Music werden der Öffentlichkeit auf der

jazzahead! 2025 präsentiert.

Bis dahin ist das jazzahead!-Team nicht untätig geblieben –

und startete eine Green Touring Initiative. Die jazzahead!

wird Interessierte verbinden, um nachhaltige

und effiziente Touren zu koordinieren. Alle

Partner:innen werden Teil des Green Touring

Networks und dürfen das neue Gütesiegel jazzahead!

Jury Selection 25 verwenden. Etablierte

Festivals und Clubs, aber auch alle anderen Bühnen,

zum Beispiel auch im ländlichen Raum, bekommen

so die Gelegenheit, ihrem Publikum die Jazz-

Headliner von morgen zu zeigen, die auf der Fachmesse dem

internationalen Publikum präsentiert werden. Die jazzahead!

bietet teilnehmenden Veranstalter:innen eine freie Registrierung

für Messe und Festival und Unterstützung bei PR-Maßnahmen

zur Tour-Promotion.

Im Oktober 2024 hat in Stockholm die erste

von der jazzahead! organisierte Green Pilot

Tour (ein Projekt des Europe Jazz Network EJN)

stattgefunden, mit der griechisch-deutschen

Bassistin Athina Kontou und ihrem Projekt

Mother. Kontou, in Frankfurt geboren und 2023

Showcase-Star der jazzahead! und für einen Deutschen

Jazzpreis nominiert, hat im Rahmen ihrer grünen

Tour acht Konzerte in Schweden geben. Dabei reiste die Künstlerin

ausschließlich mit dem Zug und engagierte sich mit ihrem

Quartett im Rahmen der Konzerte und in Workshops für

das Thema Nachhaltigkeit.

Detailliertes Fachprogramm unter www.jazzahead.de

INTERVIEW

Wir sprachen mit

Jakob Fraisse, der bei der

jazzahead! für das Thema

Green Touring zuständig ist.

Das Thema Klima ist in aller Munde

und ganz unterschiedlich besetzt.

Spätestens seit der Schaffung

der Anlaufstelle für Green Culture

der Bundesregierung im September

2023 hat das Thema Klima die

Kultureinrichtungen erreicht. Sie

haben im Oktober 2024 das Green

Touring Network der jazzahead!

ins Leben gerufen, das ein Teil einer

neuen kooperativen Booking

Initiative sein soll.

Wie kam es dazu, was beinhaltet

die Initiative und welche Ziele verfolgen

Sie?

Jakob Fraisse: Nachhaltigkeit in

der Livemusik-Branche ist nicht nur

bloß durch die Tourneen von Stadion-Bands

wie Coldplay ein viel diskutiertes

Thema. Festivals und Clubs

bemühen sich seit Jahren zunehmend,

Müll einzusparen, weniger

Energie für Licht- und Soundanlagen

zu verbrauchen und vieles mehr.

Was aber lange übersehen wurde:

welche Strecken die Künstler:innen

zwischen den Konzerten zurücklegen

und welchen Impakt Mobilität

von Besucher:innen auf den ökologischen

Fußabdruck von Veranstaltungen

hat. Bei der Frage der Mobilität

von Künstler:innen setzen wir mit

unserer Initiative an. Unser Ziel ist es

dabei, wegzukommen vom Solo-Gig,

hin zu längeren Tourplanungen entlang

von sinnvollen Routen.

Unsere DNA bei der jazzahead! ist

es, in Netzwerken zu denken. Das

kooperative Booking baut ebenfalls

auf Netzwerke auf. Diese müssen

bestmöglich miteinander und untereinander

kommunizieren. Und

das wiederum ist die initiale Idee

hinter einem digitalen Tool, was genau

das ermöglichen soll, nicht nur

in Deutschland, sondern europaweit

und irgendwann sogar darüber hinaus.

Mit einem Green Touring Tool

bieten wir Veranstalter:innen die

Möglichkeit, sich mittels einer intelligenten

Tourplanung aktiv an der

Reduzierung des CO2-Ausstoßes zu

beteiligen.

Wir waren nicht alleine mit dieser

Idee, sondern sind bei unserer Recherche

schnell auf unseren französischen

Partner ONDA (das nationale

französische Büro für die Verbreitung

zeitgenössischer darstellender Kunst)

gestoßen, der eine derartige Idee bereits

im Bereich der Performing Arts

entwickelt hatte. Mit unserem aktuellen

Partner Zone Franche (Netzwerk

für Global Music) sind wir auf

Gleichgesinnte gestoßen, die für den

Bereich der aktuellen Global Music

die gleichen Zielvorstellungen hatten.

An wen oder was richtet sich Ihre

Initiative?

Jakob Fraisse: An alle Veranstalter:innen

in Städten und ländlichen

Räumen in Deutschland und

Frankreich und mittelfristig auch in

ganz Europa. Letzteres gilt, wenn wir

es schaffen, im nächsten Schritt eine

EU-Förderung für unser Vorhaben zu

erhalten. Natürlich wenden wir uns

dabei an Clubs und Festivals, aber

eben auch an kleinere Bühnen, die

sonst gar nicht oder nur selten Teil

von Tourplanungen waren. So gesehen

ist es auch eine Idee, Kultur in

ländlichen Räumen zu stärken.

Sie bieten ein Green Touring Tool

an. Was muss man sich darunter

vorstellen und welche Maßnahmen

beinhalte das Tool hinsichtlich

Transporte & Travel, Energie,

Licht & Sound und im Bereich der

Kommunikation?

Jakob Fraisse: In einem langen Prozess

haben wir diese und andere Fragen

im Zuge eines Arbeitsprozesses

mit Veranstalter:innen, die sich als

Pilots bereiterklärt haben, daran mitzuwirken,

versucht zu beantworten.

Aktuell befinden wir uns in der Programmierphase

und freuen uns, dass

das Ergebnis bei der jazzahead! erstmalig

präsentiert werden kann.

Wer sind ihre Partner:innen im

Netzwerk?

Jakob Fraisse: Für das Green Touring

Tool arbeiten wir mit unseren französischen

Partnern Zone Franche –

Le Réseau Des Musiques Du Monde

und ONDA – Office national de diffusion

artistique zusammen.

Wo stehen Sie rund einen Monat

vor der jazzahead! mit Ihrer Initiative

und wie wird das Thema auf

der jazzahead! dargestellt und thematisiert?

Jakob Fraisse: Die Initiative Green

Touring Network befindet sich derzeit

noch im Aufbau und setzt sich

noch aus eher „handverlesenen“

Partner:innen zusammen. Der Ausbau

dieses Netzwerks soll vor allem

in der nächsten Projektphase vorangetrieben

werden, dann aber mithilfe

eines Tools.

Ihre Gedanken gehen sicherlich

auch in das Innenleben der jazzahead!

und der Messe Bremen.

Welche Maßstäbe setzen Sie für die

diesjährige und zukünftige Aufgaben

der jazzahead! hinsichtlich ihres

CO 2 -Fußabdrucks an?

Jakob Fraisse: Zunächst versuchen

wir, deutlich weniger Werbemittel

zu produzieren, die dann im Nachgang

der jazzahead! weggeschmissen

werden müssten. Wir reduzieren die

Auflage unserer eigenen Programmbroschüre

und verlagern unsere

Kampagnen zunehmend in den Bereich

des Online-Marketings. Auch

auf gedruckte Einlagen in unserer

(nachhaltig produzierte) jazzahead!-

Tasche werden wir weitestgehend

verzichten.

Wir achten zudem auf die Einlagerung

und Wiederverwendung von

Schildern, Bannern und anderen

Druckerzeugnissen. Mit unseren

Gastronomen haben wir vertragliche

Regelungen, die sie dazu anhalten,

auf Wegwerfgeschirr zu verzichten

und generell so wenig Plastik wie

möglich zu verwenden.

Und schließlich gibt es natürlich die

thematische Auseinandersetzung im

Rahmen unseres Fachprogramms in

zahlreichen Präsentationen, Panels

und Workshops.

Wie geht es nach der jazzahead!

weiter, damit diese sehr wichtige

Initiative nicht verpufft?

Jakob Fraisse: Im nächsten Schritt

soll es um die Verbreitung des Tools

gehen. Dieses Vorhaben werden

wir über die nächsten Jahre verfolgen

und sicherstellen, dass das Tool

flächendeckend in Anwendung

kommt.

JAKOB FRAISSE

ist Kulturmanager, Sozial- und

Kulturwissenschaftler und Musiker.

Er hat die deutsche Jazzszene durch

seine Arbeit für die jazzahead!, die

Deutsche Jazzunion und das Jazzfest

Berlin kennengelernt. Er ist Co-Autor

der Jazzstudie 2022 und des Berichts

zur Situation des Jazz in Deutschland

2024. Bei der jazzahead! ist er für

die Themen Partnerland, CLUBNIGHT,

Green Touring und Improvisation und

Jazz für Kinder zuständig.


CAROL | 2025 Green Culture | 31

Nachhaltigkeit im

Orchesterbetrieb

Das Ensemble Modern als international tätiges Musikensemble will seinen Beitrag zur

ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit gezielt weiter ausbauen. Dies gilt sowohl

für die Konzertreisen als auch die Nutzung seines Domizils in Frankfurt am Main für

Proben, Konzerte und Verwaltung. Die wichtigsten Aspekte sind dabei Klimaschutz,

Ressourceneffizienz und Energieeinsparung.

Die komplexe Thematik der nachhaltigen Beschaffung

von Produkten und Dienstleistungen sowie der schonende

Umgang mit ressourcenverbrauchendem Material

ist Schwerpunkt des Maßnahmenkatalogs. Das zeigt sich

auch bei einer umweltfreundlichen Reiseplanung mit Vermeidung

von Flugreisen und PKW-Fahrten, wo immer

möglich.

Dies ist nur bei gezielter Einbindung, Motivation und

Schulung der Künstler:innen und Mitarbeiter:innen möglich.

Umweltbewusstes Handeln am Arbeitsplatz, Einhaltung

bindender Umweltpflichten und die Verantwortung

INTERVIEW

Wir sprachen darüber mit

Johannes Schwarz, Fagottist

im Ensemble Modern.

Welche konkreten Maßnahmen

mit welchen Konsequenzen und

Ergebnissen haben Sie bereits umgesetzt?

Johannes Schwarz: Das Thema

„Umweltfreundliche Zukunft bei

Ensemble Modern GbR | © Salome Roessler

für die Gesellschaft gilt es im Denken und Handeln aller

als Selbstverständlichkeit zu verankern.

Klimaschutz im Kulturbereich wird im Ensemble Modern

als komplexes Thema anerkannt und durch das bestehende

Umwelt-Monitoring kontinuierlich weiterentwickelt.

Das Ensemble Modern hat 2023 das ÖKOPROFIT® Zertifikat

erhalten. Das ÖKOPROFIT®-Programm, in dessen

Rahmen die Umweltleitlinie entwickelt wurde, unterstützt

Unternehmen in Frankfurt am Main und im Rhein-Main-

Gebiet bei der Verbesserung ihrer Umweltleistungen.

Kulturensembles“ wurde von mir

2021 aufgebracht und mit dem offiziellen

Angebot „Ökoprofit“ der

Stadt Frankfurt verknüpft. Ein umfassendes

Screening bzgl. umweltrelevanter

Themen wurde 2022 beim

Ensemble Modern GbR | © Wonge Bergmann

Ensemble Modern durchgeführt

und mit einem Zertifikat erfolgreich

abgeschlossen. Dabei wurde

ein an unsere Wirkungsstätte in

Frankfurt am Main sowie an unseren

Tätigkeitsbereich angepasster

Maßnahmenkatalog erarbeitet

und für zukünftige Erweiterungen

aufgesetzt. Dieser Katalog hat jetzt

schon sehr pragmatische Handlungen

angestoßen: umweltfreundliche

Investitionen in Bürotechnik

(generalüberholte Endgeräte,

Stromabschalter, Drucker, Papier,

Toner, Stromverbrauch im Allgemeinen,

Ressourcenschonung), anpassen

der Heizungsleistung und

Beleuchtungsequipment in den unterschiedlichen

Arbeitsetagen unseres

Standortes in Frankfurt, bis hin

zur Mülltrennung. Ein Klimaboard

wurde eingerichtet, das permanent

aktuelle Daten zum Klimawandel,

zum Umgang im Kostenbereich

und z.B. Infos über Umweltlabel

u.Ä. zur Verfügung stellt. Hier werden

Sparmaßnahmen beim Einkauf

bis hin zu umweltfreundlichen

Stromtarifen dargestellt und über

aktuelle Ergebnisse des Ensemble

Modern berichtet. Eine Sensibilisierung

sämtlicher Mitarbeitenden

im Projektmanagement bis zu den

Musiker:innen wird ständig mit aktuellen

Informationen vorangetrieben.

Die Anreisen zu den Konzertorten

der Musiker:innen werden

nach den anfallenden Bahnfahrtkosten

kalkuliert. Bei Bahnfahrten

über acht Stunden werden die möglicherweise

parallel nutzbaren Flüge

mit geringerem Dienstaufwand

berechnet. Eine CO2-Kompensation

der Flüge wird konsequent angewendet.

Eine Umweltleitlinie für

den gesamten Tätigkeitskomplex

wurde entwickelt und kann im geschäftlichen

Bereich zur Sprache

gebracht werden.

Welche Ziele haben Sie sich in

welchem Zeitrahmen im Bereich

der ökologischen und sozialen

Nachhaltigkeit gesetzt?

Johannes Schwarz: Die bisher

eingeführten Maßnahmen sollen

fortgeführt werden. Das Heizungssystem

soll in ein bis zwei Jahren

saniert und ausgetauscht werden

(die Entscheidung liegt beim Vermieter),

um somit aktuellen Anforderungen

zu entsprechen. Ebenfalls

wurde ein sparsamerer Transport-

LKW angeschafft.

Wie ist die Teilhabe und Akzeptanz

bei den Künstler:innen und

Mitarbeiter:innen für das Thema

und die Maßnahmen?

Johannes Schwarz: Die Akzeptanz

bei allen Beteiligten im Ensemble

Modern ist sehr hoch. Die Teilhabe

teilweise gemischt (es gibt immer

noch Flugreisende bei Strecken, die

andere mit der Bahn zurücklegen).

Im Büro und Projektmanagement

hat sich ein sehr deutliches Verhalten

pro Energie- und Ressourcensparen

durchgesetzt, das auch in

der Projektierung der Konzertreisen

konsequent beachtet wird.

Wo stoßen Sie an Grenzen, wo

Wunschdenken und Realität

nicht zu vereinen sind?

Johannes Schwarz: Bei unserem

international wirkenden Ensemble

stehen immer wieder die zusätzlichen

Kosten von Flugkompensationen

und Reisekosten zur Diskussion.

Weiterhin ist problematisch, dass

wir nur Mieter der Immobilie in

Frankfurt sind, und daher unser

Einfluss auf eine energieeffiziente

Heizung und energetische Sanierung

enge Grenzen hat.

Wunschdenken hört leider dort

auf, wo der allgemeine Tätigkeitsrahmen

aller Beteiligten in diesem

Ensemble gesprengt wird: Finanzielle

Sicherheit steht bei diesem

freischaffenden Ensemble (wir sind

eine GbR!) an erster Stelle, und

man muss permanent Wege finden,

Umweltleitlinien gleitend in das

Tagesgeschäft einfließen zu lassen.

Auch längere Zugfahrten innerhalb

Europas wären z.B. möglich, wenn

die Projektplanungen aus Kostengründen

nicht so eng gestaltet und

z.B. auf Kosten eines zusätzlichen

Erholungstages vor Ort eingespart

werden müssten. Hier gilt es wiederum,

mit den Veranstaltern zu

reden und den herrschenden Kostendruck

zu minimieren.

Es existiert auch noch kein dem

Thema entsprechendes und ausschöpfendes

Werbeverhalten der

Veranstalter. Mit dem umweltfreundlichen

Verhalten der Ensembles

oder Orchestern werben – und

Publikum auf das Thema aufmerksam

machen? –, das findet man

noch nicht als anspornenden Konsens

in der Veranstalterszene des

konventionellen Musikbusiness.

Festivals in den Bereichen Jazz/Pop

usw. haben da teilweise schon mehr

Erfahrung und Ansätze, sind aber

im Gegensatz zu uns eben auch nur

zeitlich begrenzt geschäftlich tätig.

Der Ansporn, etwas Umweltrelevantes

zu tun, kommt meist von

den Ensembles und den Mitgliedern

selbst, insofern streckt man

sich im Business immer nur nach

dem kleinsten möglichen Machbaren,

sprich: der große Wurf in der

Kulturszene fehlt, um Umweltrelevanz

ganz klar als eine allgemeine

Marketinggrundlage zu verstehen,

einzusetzen, und mit dem Publikum

zu verbinden (z.B. Ticketpreise

transparent mit Umweltprozessen

verknüpfen und staffeln etc.).

www.ensemble-modern.com

frankfurt.de/themen/klima-und-energie/

energie/gewerbe-und-energie/oekoprofit

www.johannes-schwarz.comw

JOHANNES

SCHWARZ,

FAGOTT

Johannes Schwarz arbeitet seit

2003 als Solofagottist im Ensemble

Modern mit innovativen

Komponist:innen und Künstler:innen

zusammen und ist als Solist und

Kammermusiker in über 25 CD-Produktionen

zu hören, mit denen er ein

extrem weites künstlerisches Spektrum

abdeckt: zeitgenössische Solound

Ensemble-Werke, klassische und

barocke Musik auf Originalinstrumenten,

freie Improvisationen und

eigens für ihn entwickelte Werke mit

Einsatz von Live-Elektronik, bis hin zu

Aufnahmen im Heavy-Metal-Bereich.

Bei Soloabenden mit Elektronik

und solistischen Musiktheaterproduktionen

führt er gerne diese

Bereiche wieder zusammen. Seine

Musikperformance „UNA SOLO“ mit

dem Dramaturgen-Duo Glogowski/

Hoesch wurde 2018/19 mehrfach

erfolgreich auf Festivals präsentiert

(Förderung des Landes Hessen). Er

ist ein gefragter Gast in namhaften

deutschen Orchestern (WDR, HR, BR),

Big Bands (WDR, HR, Wien), Kammermusikformationen

und freien

Improvisationsensembles. Seit 2005

ist er Lehrbeauftragter für neue

Kammermusik an der Hochschule

für Musik und Darstellende Kunst

Frankfurt, und seit Oktober 2022 an

der Staatlichen Hochschule für Musik

und Darstellende Kunst Stuttgart.


32 | Green Culture

CAROL | 2025

INTERVIEW

Wir sprachen mit Silke und

Ralf Schmid, die Soil Music

zusammen mit Andreas Doerne

vom Holistic Compost

Lab initiiert haben und die

sich gerade auf einem intensiven

und gesellschaftlich

„wilden“ Forschungs- und

Kompositionsaufenthalt in

den USA befinden.

Sie haben im letzten Jahr Soil Music

zusammen mit Andreas Doerne

vom Holistic Compost Lab ins

Leben gerufen. Was ist Soil Music

und wie kam es dazu?

Silke und Ralf Schmid: Soil Music

möchte eine Initiative sein und zwar

im wahrsten Sinne des Wortes (von

lateinisch initium, „Anfang“): ein

Anfang, ein Anstoß zu etwas, das

natürlich weit über uns als einzelne

beteiligte Personen hinausgeht. Soil

Music ist außerdem eine Art Paradigma

– eine Weise, unsere Mitwelt und

unsere Handlungen in ihr, auch als

Musiker:innen, zu gestalten.

Das Projekt Soil Music hat seine Wurzeln

in einem Anliegen, das uns alle

eint: Angesichts der immensen globalen

Herausforderungen haben wir

– jede:r auf unterschiedliche Weise

– begonnen, unsere professionelle

Praxis zu überdenken. Wir wurden

von dem Wunsch angetrieben, neue

Wege zur Bewältigung ökologischer

Krisen zu finden. Das führte z.B. dazu,

dass Ralf während der Pandemie 26

Soil Music Live Streams gemacht

und Silke zeitgleich ihren Schwerpunkt

in Forschung und Lehre auf

die Rolle der Künste in der Bildung

für nachhaltige Entwicklung verlegt

hat. Gedanklich und auch immer

wieder handfest (z.B. beim Bauen eines

Komposts) haben wir dabei die

Entwicklung des Holistic Compost

Lab (2023) im Schwarzwald begleitet.

Unsere Expertise(n) setzen wir

jetzt ein als spielerischen Widerstand

gegen lineare, effiziente Wissensproduktion

hin zu den Möglichkeiten

einer ökologischen und kulturellen

Transformation: Es geht u.a. darum,

sich auch inmitten depressiv stimmender

Nachrichten eine blühende

postanthropozäne Welt vorstellen zu

können. Wir wollten bescheidener

werden und gleichzeitig kühner.

Daher der Wunsch, die transformative

Kraft eines übergreifenden regenerativen

Paradigmas in unserem Beruf

in den Mittelpunkt zu stellen.

SOIL MUSIC

Regenerative Network

In 2024 ist in Freiburg im Schwarzwald ein

spannendes und innovatives Projekt ins Leben

gerufen worden, das sich intensiv mit der Frage

von Klima und der Nachhaltigkeit in Musik

und Kultur beschäftigt und damit, wie Boden

und Musik, zwei vermeintlich getrennte Sphären,

zusammenhängen.

Ausgehend von den Fragen

Ralf Schmid | © Kenneth Dumevi

#food: Boden & Musik als Lebensgrundlage für Körper und Seele. Wie gehen wir mit

beidem um?

#roots: Boden & Musik als Basis der Verbindung. Welche Verbindungen nehmen wir

(nicht) wahr?

#trust: Boden & Musik als Basis für Vertrauen in langfristige Prozesse. Was kann sich

(langfristig) entwickeln?

#dream: Erde & Musik als Symbol dafür, sich eine positive Zukunft vorstellen zu können.

Welche Träume sprießen?

entstehen Tools, Foren, Formate und ein intensiver Austausch mit Kulturschaffenden aus

der ganzen Welt, die sich erstmalig im September auf dem Steingrubenhof in Sankt Peter,

im dort entstehenden SoilKulturLab treffen.

Was sind die Ziele von Soil Music

und wen und was möchten Sie damit

erreichen?

Silke und Ralf Schmid: Wir möchten

eine Plattform schaffen, die die

scheinbar getrennten Sphären von

Soil (Boden) und Musik miteinander

verbindet und ihre jeweilige fundamentale

Bedeutung für unsere Existenz

hervorhebt. Aus unserer Sicht

sind es vier Säulen, auf denen diese

Verbindung ruht:

Unter dem Stichwort FOOD betrachten

wir Soil ebenso wie Musik als

Lebensgrundlagen für Körper und

Seele. Wir möchten ein Bewusstsein

dafür schaffen, wie wir mit beiden

Elementen umgehen und wie existenziell

sie zur Lebensqualität beitragen.


CAROL | 2025 Green Culture | 33

Silke Schmid | © Ralf Schmid

Mit ROOTS thematisieren wir Soil

und Musik als essenzielle Elemente

der Verbindung. Unser Ziel ist es,

die Wahrnehmung der vielfältigen

Verbindungen, die wir oft übersehen,

zu stärken: Wir alle stehen auf

Ralf Schmid und Andreas Doerne | © Ralf Schmid

demselben Boden und sind durch

ihn miteinander verbunden, ob wir

nun glücklich, erfüllt und geschützt

sind oder uns in einer Krise befinden

oder sogar von Gewalt bedroht sind.

Musik kann all dies aufgreifen.

Dabei geht es auch um TRUST: Wir

betonen die Rolle von Soil und Musik

als Grundlage für Vertrauen in

langfristige Prozesse. Wir möchten

zeigen, welches Potenzial in langfristiger

Entwicklung liegt: Der Blick auf

Bodengesundheit ebenso wie musikalisches

Handeln fordert uns auf,

über uns selbst hinauszuschauen.

Wir säen, gießen, hegen und pflegen

und hoffen auf Wachstum und Ernte,

vielleicht sogar über unsere eigene

Lebenszeit hinaus. Dies hilft uns,

loszulassen. An den Grashalmen zu

reißen, damit sie schneller wachsen,

ist nicht der Weg; wir können nur

einen möglichst reichen und gesunden

Boden bereiten. Der Rest wird

von anderen Kräften erledigt, und

das ist auch gut so.

Schließlich stehen mit DREAM Boden

und die Musik als Symbole für

die Fähigkeit, sich positive Zukünfte

vorzustellen. Wir möchten Träume

zum Blühen bringen und eine mögliche

Vision für Hoffnung und positive

Veränderung inspirieren.

Was haben Sie konkret geplant

und wie kann man in Soil Music

partizipieren?

Silke und Ralf Schmid: Wir folgen

bei allem, was wir tun, dem Prinzip

der Regeneration. Konkret möchten

wir regeneratives Denken und künstlerisches

Schaffen verbinden. Wir

möchten dementsprechend Perspektiven

für eine Zukunft kultivieren, in

der wir die Schäden, die wir an unseren

Ökosystemen verursacht haben,

nicht nur reparieren, sondern sogar

umkehren. Dies ist möglich. Spannend

daran als Musiker:innen: Unsere

Umgangsweisen mit uns selbst

spiegeln unseren Umgang mit der

Welt wider. Musik ist in diesem Sinne

ein Spiegel zur (Selbst-)Erkenntnis

und ein Medium zum Erproben alternativer

Wirklichkeit. Dabei sehen

wir den Menschen nicht als „Krone

der Schöpfung“, sondern als integralen

Bestandteil natürlicher Ökosysteme.

Musik ermöglicht uns, die

Schönheit und Komplexität dieser

Systeme zu erahnen. Diese möchten

wir möglichst vielen Menschen zugänglich

machen, z.B. im (Agri-)Kultur

Lab: Hier entwickeln wir gemeinsam

mit Andreas, Isa und Tim das

Holistic Compost Lab zu einem Kulturort

weiter und planen ein großes

Eröffnungsevent im September. Wir

nutzen Field Recordings für die Produktion

von Sound Stories, vertonen

die faszinierenden Mikroskop-Videos

von subterranen Mikroorganismen

und planen Konzerte mit dem neu

gegründeten Soil Music Collective.

SILKE SCHMID

Silke Schmid ist Professorin für

Musik & ihre Didaktik am Institut für

Musik der PH Freiburg. Ihre Interessenschwerpunkte

reichen von empirischen

und theoretischen Zugängen

zum Musikerleben und Well Being

von Kindern im Grundschulalter bis

zu Fragen innovativer Schulentwicklung

und kultureller Teilhabe. Theoretisch

fundierte und evidenzbasierte

mutige Weiterentwicklung des

Systems Schule ist ihr ein Anliegen,

Engagement in der Bildungspolitik

immer wieder angezeigt. Mitgründerin

der Plattform Musik & Klima.

RALF SCHMID

Ralf Schmid ist ein deutscher Pianist,

Komponist, Arrangeur und Musikproduzent.

Seit 2002 ist er Professor an

der Hochschule für Musik Freiburg.

2015 begann er die Arbeit an seinem

futuristischen Piano-Electro-Projekt

PYANOOK, das er im KUBUS-Studio

des ZKM Karlsruhe 2016 als audiovisuelle

Produktion aufnahm und in

dem er u.a. Datenhandschuhe zur

Echtzeit-Klangsteuerung der Klavierklänge

einsetzte. PYANOOK wird

seit September 2017 live aufgeführt,

u.a. bei Festivals in Freiburg, Rio de

Janeiro und Berlin.


34 | Green Culture

CAROL | 2025

© Ralf Schmid


CAROL | 2025 Green Culture | 35

A Hike With No Canyon Hills | © Rio Asch Phoenix

Ceasefire Choir at the Audubon Center at Debs Park © May Rose Smebac

Colloboh at Hollyhock House | © photo by Sam Lee

Saul Williams Meets Carlos Niño & Friends at TreePeople | © photo by Adam Corey Thomas

Der fragil gewordene Status Quo erfordert

angstfreie Konzepte, es gilt,

Neues auszuprobieren! Wer bei Soil

Music partizipieren möchte, ist also

herzlich eingeladen, sich in unseren

(agri)kulturellen Projekten zu

engagieren. Auch, wenn es danach

gerade nicht aussieht: Gemeinsam

können wir eine positive Zukunft

gestalten.

Wie verändern sich Ihr künstlerisches,

privates Leben und Ihre persönlichen

Klimaziele durch Soil

Music?

Silke und Ralf Schmid: Mit Blick

auf das Weltgeschehen wussten wir,

dass wir nicht einfach mit unserem

Alltag weitermachen wollten. Soil

Music ist ein Experiment – und ein

gutes Experiment ist eines, bei dem

man den Ausgang nicht kennt. Der

Moment, in dem man weiß, dass

man nichts weiß, ist ein Moment

der Befreiung. Nicht zu wissen, dass

wir nicht wissen, ist tatsächlich ein

Hauptproblem des Anthropozäns.

Wir haben versucht, von diesem

Weg abzuweichen.

Viele von uns bewegen sich durch

ihre Tage ... und hören fast nur die

Geräusche einer einzigen Spezies:

unserer eigenen (hupende Autos,

fliegende Flugzeuge, sprechende

Menschen usw.). Für uns ist der erste

Schritt, innezuhalten und auch anderen

Stimmen auf diesem Planeten

zuzuhören – und bislang nicht Hörbares

als Klang hörbar zu machen.

Hören, lesen, zuhören, aufnehmen,

komponieren und wieder hören. Wir

haben seither eine andere Wahrnehmung

für die buchstäbliche Grundlage

unserer Existenz entwickelt. Und

essenzielles Wissen dazu gewonnen:

Die Regenerierung des Bodens ist einer

der wichtigsten Wege, um den

Kollaps abzuwenden. Um unsere

Krisen zu überwinden, brauchen

wir nicht noch mehr alarmierende

Nachrichten, die jede freie Minute

füllen. Wir müssen uns in positiver

Imagination üben, und das erfordert

geschlossene Augen, Versenkung,

Leere. Es erfordert ein wertschätzendes

Hinterfragen dessen, was da unten

unter unseren Füßen ist.

Wir tun dies, indem wir anfangen

zuzuhören.

Sich nach innen wenden, den Dingen

auf den Grund gehen, sich über

Werte klar werden.

Wir stellen Gewohnheiten infrage:

das nächste Album, die nächste Publikation,

die nächste Tournee, das

nächste Festival, das Sammeln von

Followern, ein Porträt in einer einflussreichen

Zeitschrift ... alles sehr

willkommen, aber nicht mehr oberste

Priorität. Alles ist jetzt eher verbunden

mit der Frage: „Für meinen

Profit oder für das Wohl aller?“

Sie sind gerade in den USA im

Rahmen eines lang im Voraus und

unabhängig vom Ausgang der Präsidentschaftswahlen

in den USA

geplanten Forschungsaufenthalts.

In welchem Zustand erleben Sie

die USA und die Kulturschaffenden,

denen Sie begegnen?

Silke und Ralf Schmid: Die Kulturschaffenden,

mit denen wir hier

zu tun haben, sind fassungslos. Die

Agenda und das Gebaren des Präsidenten

und der mit ihm verbundenen

mächtigen Tech-Milliardäre

scheint unendlich weit entfernt von

den Werten und Lebensrealitäten

der Kulturszenen. Das Land vollzieht

gerade einen sich atemberaubend

schnell vollziehenden Wandel und

es ist nicht klar, ob die Menschen

wirklich begriffen haben, was auf

dem Spiel steht. Viele gehen ihren

gewohnten Tätigkeiten nach, während

Bürgerrechte, Infrastruktur, das

Rechtssystem und die demokratischen

Strukturen von der Regierung

systematisch unterminiert werden.

Es ist noch nicht abzusehen, ob und

auf welche Weise sich wirksame Gegenbewegungen

bilden werden.

Auch in den USA verfolgen Sie Soil

Music weiter, recherchieren und

spüren Projekte und Initiativen

auf, die gleiche Fragestellungen

verfolgen. Was nehmen Sie an neuen

Ideen, Gedanken, Visionen und

an Vernetzungen mit?

Silke und Ralf Schmid: Wir haben

außergewöhnlich inspirierende

Menschen und Projekte kennengelernt:

Die Musikproduzentin und

Permakultur-Spezialistin Eva Soltes,

die im Haus des legendären Komponisten

Lou Harrison in der kalifornischen

Wüste nachhaltigen Landbau

unter extremen Bedingungen betreibt

und gleichzeitig internationale

Musiker:innen mit lokalen Schulen

vernetzt. Das Ecology Center in San

Juan Capistrano, das regenerativen

Landbau, Kultur und Bildung auf innovative

Weise verbindet. Die Menschen

von Living Earth Los Angeles,

die eindrucksvolle künstlerische Interventionen

in der Natur innerhalb

der Stadt kuratieren. Und viele mehr.

Diese Begegnungen haben uns tief

geprägt – wir haben viel gelernt und

arbeiten daran, ein internationales

Netzwerk zwischen diesen Projekten

aufzubauen, das den Austausch und

die gemeinsame Vision einer nachhaltigen

Zukunft weiter stärkt.

Donald Trump ist wie erwartet aus

dem Pariser Klimaabkommen ausgestiegen.

Welche Konsequenzen

hat dies auf die Projekte und die

Arbeit Ihrer amerikanischen Kontakte?

Silke und Ralf Schmid: Die Menschen

sind natürlich schockiert über

diese Entwicklung. Es wirkt, als hätte

die US-Regierung genau das Gegenteil

eines achtsamen Umgangs mit

der Natur und regenerativen Prinzipien

auf ihrer Agenda. Wir spüren

eine gespannte Atmosphäre zwischen

Resignation und Verzweiflung

auf der einen Seite und einem kämpferischen

„Jetzt erst recht!“-Aufbruch


36 | Green Culture

CAROL | 2025

The Ecology Center | © The Ecology Center

Letztlich geht es darum, positive Zukünfte

mit den Mitteln der Jetztzeit

zu gestalten – wenn Technologie uns

dabei unterstützt, ist das definitiv ein

Gewinn!

Was ist Ihre realistische und kühnste

Vision mit Soil Music?

Silke und Ralf Schmid: Die realistischste:

Mit einem tief aus dem Herzen

kommenden Projekt gestalten

wir aktiv eine positive Zukunft und

inspirieren andere, ebenfalls wirksam

zu werden.

Die kühnste: Schneeballartig verbreitet

sich weltweit die Erkenntnis, dass

Boden und Musik uns auf tiefster

Ebene verbinden und ein enormes

Heilungspotenzial in sich tragen.

Diese Einsicht löst eine weitreichende

Transformation aus, die künftigen

Generationen ein gesundes und

friedvolles Leben auf der Erde ermöglicht.

The Ecology Center | © The Ecology Center

auf der anderen. Denn trotz dieser

politischen Rückschläge gibt es zahlreiche

engagierte Menschen und

Projekte, die unermüdlich an nachhaltigen

Zukunftsmodellen arbeiten.

Sie knüpfen ein immer dichter werdendes

weltweites Netzwerk ökologischer

Innovationen, das letztlich

alternativlos sein wird. Genau hier

sehen wir Soil Music: als „interlokalen“

Baustein in einem stetig wachsenden

und klug vernetzten Gefüge,

das nachhaltige Zukunftsmodelle

weltweit miteinander verbindet.

Sie sind jetzt in Kalifornien, wo die

Folgen der Klimaveränderung gerade

erst durch die katastrophalen

Waldbrände für alle Welt sichtbar

geworden sind, und anderseits ist

es mit dem Silicon Valley bedeutendster

Standort der IT- und High-

Tech-Industrie weltweit. Konflikt,

Chance oder Ignoranz?

Silke und Ralf Schmid: Technologie

ist per se weder gut noch schlecht –

entscheidend ist, wie wir sie einsetzen.

Wenn sie mit Weitsicht und im

Einklang mit der Natur genutzt wird,

kann sie enorm zum Wohl aller beitragen.

Kalifornien ist dabei wie ein

Brennglas für die Welt: erfinderisch,

mutig, mit einem positiven Spirit,

aber zugleich turbo-kapitalistisch

und in manchen Bereichen – etwa

dem Verkehr – erstaunlich rückständig.

Trotz aller Höflichkeit und Hilfsbereitschaft

dominiert oft das Recht

des Stärkeren, und wenn sich dieses

grundlegende Denken hier nicht

wandelt, ist eine disruptive Veränderung

fast unvermeidlich. Die Region

ist hochgradig vulnerabel – die verheerenden

Waldbrände haben es gezeigt,

und auch die permanente Gefahr

eines großen Erdbebens erinnert

daran, wie fragil selbst eine Hochtechnologie-Metropole

sein kann.

Stehen Ökologie, Nachhaltigkeit

und Soil Music in einem Konflikt

mit dem Einsatz von Technik,

und der Auseinandersetzung mit

Künstlicher Intelligenz in Ihrem

künstlerischen Schaffen? Wie gehen

Sie damit um und welchen

Weg beschreiten Sie?

Silke und Ralf Schmid: Ja, KI verbraucht

viel Energie und Wasser

– das ist eine Herausforderung, die

wir nicht ignorieren. Doch zugleich

eröffnet sie künstlerisch ungeahnte

Möglichkeiten. Es wäre ein Fehler,

sie aus Nachhaltigkeitsgründen pauschal

abzulehnen, ohne ihre kreative

Dimension auszuloten. Unser Ansatz

ist, KI nicht als bloßes Werkzeug,

sondern als Sparringspartner zu begreifen

– eine Entität, mit der man

spielen, experimentieren und neue

Ausdrucksformen entdecken kann,

jenseits kommerzieller Zwänge.

... und warum ist es ein MUSS für

alle Kulturschaffenden, sich mit

dem Thema Green Culture und

den ökologischen Fragestellungen

der Branche zu beschäftigen?

Silke und Ralf Schmid: Weil es keine

Alternative gibt. Kultur hat die

Kraft, Bewusstsein zu schaffen, neue

Perspektiven zu eröffnen und gesellschaftlichen

Wandel voranzutreiben.

Wer heute Kultur schafft, gestaltet

die Zukunft mit – und eine Zukunft

ohne ökologische Verantwortung ist

nicht denkbar. Es ist nicht nur eine

Frage der Moral, sondern der kreativen

Verantwortung, sich mit Green

Culture auseinanderzusetzen – für

eine lebenswerte Welt, jetzt und für

kommende Generationen.

www.soilmusic.de

www.musik-klima.de

www.pyanook.com


CAROL | 2025 Green Culture | 37

Joshua Tree Foundation for Arts & Ecology | © Eva Soltes

Joshua Tree Foundation for Arts & Ecology – Gamin Kang teaching traditional Korean Farmer's Music

Joshua Tree Foundation for Arts & Ecology | © Eva Soltes

Joshua Tree Foundation for Arts & Ecology – Permaculture HH | © Eva Soltes

Joshua Tree Foundation for Arts & Ecology | © Eva Soltes


38 | Green Culture

CAROL | 2025

Holistic Compost Lab & Zentrum für

regenerative (Agri-)Kultur

Die Idee zum Holistic Compost Lab entstand aus der

gemeinsamen Leidenschaft für Möglichkeiten der Wiederherstellung

gesunder Böden, für regenerative Landwirtschaft

und die Regeneration von Ökosystemen im

Allgemeinen. Holistic Compost Lab sind Isabell Blattmann

(Architektin und Landwirtin), Tim Taylor (Landwirt),

Malte Tückmantel (Agrarwissenschaftler) und Andreas

Doerne (Professor für Musikpädagogik). Gemeinsam

haben sie sich vorgenommen, auf dem Steingrubenhof

in St. Peter ein Zentrum für biologische Bodengesundheit

aufzubauen. Zusammen mit dem Projekt Soil Music

entsteht dort ein Zentrum für regenerative (Agri-)Kultur.

INTERVIEW

Darüber sprachen wir mit

Isabell Blattmann, Tim Taylor

und Andreas Doerne.

Sie (Isabell Blattmann) haben

2021 den stillgelegten Familienbetrieb

Ihrer Eltern in St. Peter im

Schwarzwald übernommen und

nach Ihren Vorstellungen und

Werten wieder aufleben lassen. Für

was stehen Sie und der Steingrubenhof?

Isabell Blattmann & Tim Taylor:

Wir stehen für eine Landwirtschaft

mit Leidenschaft, die den Boden

regeneriert und dabei gesunde und

nahrhafte Lebensmittel produziert.

Wir produzieren Bio-Weidefleisch

auf artenreichem Dauergrünland im

Schwarzwald. Die Arbeit mit Tieren

ist für eine gesunde Grünland Ökologie

essenziell. Mit regenerativen

Methoden, dem holistischen Weidemanagement

und der gezielten

Verbesserung des Bodenlebens – zum

Beispiel durch den Einsatz von unserem

mikrobiell hochwertigen Kompost

– nutzen wir das große Potenzial

unserer Weiden optimal. Studien

zeigen, dass Grünland viel CO 2 speichern

und somit Humus aufbauen

kann.

Wir sind überzeugt: Die Qualität

unserer Lebensmittel steht in direktem

Zusammenhang mit der Gesundheit

unseres Bodens, die sich

im Geschmack und in der höheren

Nährstoffdichte zeigt. Regenerativ

erzeugte Lebensmittel sind deshalb

nicht nur eine Investition in eine

zukunftsfähige Landwirtschaft, sondern

bieten auch einen höheren

Nährwert und damit einen größeren

Wert für den Konsumenten.

Isabell Blattmann | © Raissa Axmann und Simon Rottler

Dort ist auch das mit Andreas

Doerne gegründete Holistic Compost

Lab. Was ist das Holistic

Compost Lab und wie kam der

Musikpädagoge Andreas Doerne,

Professor an der Musikhochschule

Freiburg, auf die Idee?

Andreas Doerne: Das Holistic

Compost Lab ist der Versuch, den

beiden drängendsten Problemen

der Menschheit – Klimakrise und

Artenverlust – mit einem ganzheitlichen

ökologischen Ansatz zu

begegnen. Dieser Ansatz fußt auf

dem Gedanken, dass nachhaltiges

Handeln nicht mehr ausreichend

ist, um den Zusammenbruch zu

verhindern, sondern wir schnellstmöglich

in die Phase aktiver Regeneration,

also eines reparierenden

Wiederaufbaus sowohl der Natur

als auch unserer Kulturlandschaften,

übergehen müssen. Wenn man

Ökosysteme regenerieren will, muss

man beim Boden anfangen. Und

fängt man beim Boden an, muss

man versuchen, das geschädigte

Mikrobiom wiederzubeleben. Hat

man damit Erfolg, kommen alle natürlich

vorhandenen Ökosystemfunktionen

fast von selbst wieder

in Gang, und das System wird in

eine sich selbst verstärkende Aufwärtspirale

gebracht, es regeneriert.

Kompost ist dafür ein wichtiges,

überaus wirkungsvolles Werkzeug.

Sowohl in der Pädagogik als auch

in der Ökologie interessiert mich,

wie es gelingt, natürlich vorhandene

Ressourcen zu aktivieren und

durch Nutzung aufzubauen, anstatt

zu verbrauchen. Beim Menschen

sind dies zum Beispiel eine intrinsische

Motivation, Autonomie, Interesse,

Neugier, Spieltrieb, Kreativität,

Freude und innere Disziplin. In

der Ökologie sind es die verschiedenen

regionalen und globalen Stoff-

© Raissa Axmann und Simon Rottler © Raissa Axmann und Simon Rottler


CAROL | 2025 Green Culture | 39

kreisläufe – von denen der Wasserkreislauf

für biologisches Leben am

wichtigsten ist –, die Nährstoffdichte

von Pflanzen, Diversität, Humus

und ganz fundamental eben auch

das Bodenmikrobiom. Von diesen

natürlichen ökologischen Ressourcen

haben wir Menschen praktisch

alle zerstört oder in eine Abwärtsspirale

geführt, die in absehbarer

Zeit zur Zerstörung führt. In unserem

Bildungssystem tun wir prinzipiell

das Gleiche: Wir unterminieren

natürliche (Lern-)Ressourcen

der involvierten Menschen, ersetzen

sie durch künstliche Substitute

und wundern uns, warum uns alles

allmählich um die Ohren fliegt.

In beiden Bereichen ist meiner

Wahrnehmung nach ein radikaler

Gesinnungswandel, ein grundlegender

Paradigmenwechsel nötig,

und zwar nicht heute, sondern

gestern. Obwohl die Zeit dafür eigentlich

schon abgelaufen ist, sind

doch faszinierend viele Lösungen

für unsere ökologischen Probleme

vorhanden, derer wir uns nur konsequent

bedienen müssen. Mich

persönlich treibt also eine seltsam

anmutende Mischung aus tiefer

Verzweiflung und großer Hoffnung.

Mit dem Holistic Compost Lab setzen

wir nun beim Bodenmikrobiom

an, das wir in großem Maßstab wieder

herstellen wollen, weil es neben

Wasser die treibende Kraft für alle

Ökosystemfunktionen darstellt.

Dazu züchten wir hochdiverse indigene

Bodenmikrobengemeinschaften,

die wir dann in wässrigen

ISABELL

BLATTMANN

Nach ihrem Master-Abschluss in

Architektur arbeitete Isabell einige

Jahre im Fachbereich an städtebaulichen

Wettbewerben für nachhaltige

Stadtteile sowie an Minergie-P &

Minergie P-Eco Projekten (äquivalent

zum deutschen Plusenergiehaus) für

private Bauherrschaften. Den Bezug

zur Landwirtschaft hat Isabell durch

ihren elterlichen Lehrbetrieb schon

früh internalisiert. In der regenerativen

Landwirtschaft sieht sie die

Chance, eine bessere Zukunft zu

gestalten.

TIM TAYLOR

Tim konnte umfassende Erfahrungen

in vielen verschiedenen Bereichen

der Landwirtschaft sammeln und hat

sich nach seiner ersten Begegnung

mit der regenerativen Landwirtschaft

gezielt weitergebildet. Schließlich

gründete er mit seiner Frau den eigenen

Betrieb, in dem er sich auf die

Verbesserung der Bodengesundheit

durch Weidemanagement spezialisiert

hat – das Holistic Compost Lab

bildet hierfür die ideale Ergänzung.

ANDREAS

DOERNE

Andreas Doerne ist nach dem

Studium zum Instrumentallehrer

und abgeschlossener Promotion

in Musikpädagogik unter anderem

tätig gewesen als Filmmusikkomponist,

Musikdigitalisierungsexperte,

wissenschaftlicher Begleiter des

Musikkindergartens Berlin, Bildungsinnovator,

Musikschulcoach und

Hochschullehrer. Seine Begeisterung

für Permakultur, Bodengesundheit

und Ökosystemregeneration hat ihn

schließlich zur Mitgründung des Holistic

Compost Lab auf dem Steingrubenhof

geführt.

Internet & Social Media

www.steingrubenhof.de

www.compostlab.de

Instagram:

@steingrubenhof

@holisticcompostlab

Lösungen großflächig auf degenerierten

Böden ausbringen. Unsere

Arbeitshypothese ist, dass sich

nach mehrmaliger Anwendung

über ein bis zwei Jahre allmählich

wieder ein natürlich diverses Mikrobiom

aufbaut und sich selbständig

am Leben erhält (vorausgesetzt,

man zerstört es nicht gleich wieder,

indem man Biozide ausbringt oder

den Boden tiefgreifend pflügt). Es

geht also nicht um ein dauerhaftes

menschliches Eingreifen, sondern

um einen konzentrierten Impuls

zur natürlichen, aber um Jahrzehnte

beschleunigten Regeneration.

... mit welchen Konsequenzen auf

und für Ihr Leben und Ihre Lehrtätigkeit?

Andreas Doerne: Ich befinde mich

momentan in einer Lebensphase,

in der ich von einem Beruf in einen

vollkommen anderen Beruf wechsel,

den es zudem so noch gar nicht

gibt – „Ökosystemregenerator“

wäre vielleicht eine passende Bezeichnung

dafür. Ob dies gelingen

wird, weiß ich noch nicht. Und ob

das, was wir im Holistic Compost

Lab tun, tatsächlich so wirkungsvoll

ist, wie wir uns das erhoffen,

steht trotz vieler positiver Indizien

auch noch in den Sternen.

Meine Lehrtätigkeit an der Hochschule

ist davon relativ unbeeinflusst

und bereitet mir unterm

Strich immer noch Freude. Von

meinem jahrzehntelangen Versuch,

die Institution Musikhochschule

zusammen mit Kollegen im

oben erwähnten Sinne zu verändern,

habe ich mich jedoch verabschiedet.

„Kompostieren und Komponieren“

auf dem Steingrubenhof,

was für ein spannendes Bild!

Als Mitinitiant der Soil Music

und der Vision eines Zentrums

für regenerative (Agri-)Kultur

wollen Sie die Kultur auf dem

Steingrubenhof den regenerativen

und nachhaltigen Prozessen

in der Natur gegenüberstellen.

Was steckt dahinter und warum

gehört beides für Sie zusammen?

Andreas Doerne: Auf den ersten

Blick haben beide Bereiche wenig

miteinander zu tun, und auf einer

konkret operativen Ebene ist das

auch so. Schaut man jedoch etwas

tiefer, sieht man, dass die zwei uns

Menschen bestimmenden Sphären,

nämlich Natur und Kultur, nicht

nur fundamental aufeinander angewiesen

sind, sondern in ihren

grundlegenden Prinzipien viele

Parallelen und Ähnlichkeiten aufweisen.

Dies lässt es überaus spannend

erscheinen, beide an einem

Ort aktiv aufeinander zu beziehen

und miteinander zu konfrontieren.

Und insbesondere das Kunstschaffen

mit seiner inhärenten Aufforderung

zur Kreativität ist mit dem

Prinzip des ebenfalls kreativen Leben-Erschaffens

in der Natur fast

schon identisch. Die Natur könnte

man ohne Übertreibung als die

größte lebende Künstlerin bezeichnen,

eine Meisterin und ein Vorbild

für jeden künstlerisch tätigen

Menschen. Und umgekehrt ist der

Mensch als Produkt genau dieser

Natur großartigerweise dazu fähig,

diesem Prinzip des spielerischen

Leben-Erschaffens in seiner Kunst

einen vielfältigen Ausdruck zu verleihen,

der ebenso erstaunlich anmutet.

Jeder regenerativ arbeitende landwirtschaftliche

Betrieb versucht

zudem, der Natur „abzuschauen“,

wie man erfolgreich Pflanzen anbaut

oder Tiere hält. Es geht darum,

grundlegende Prinzipien der Natur

zu verstehen und zu versuchen,

Tim Taylor | © Raissa Axmann und Simon Rottler

© Kai Geiger Andreas Dorne

sie in jeweils unterschiedlichen

landwirtschaftlichen Kontexten

nachzuahmen. Regenerative Landwirtschaft

ist also ein kulturelles

Handeln, dessen Vor- und Leitbild

die Natur selbst ist.

Was versprechen Sie sich vom Einzug

von Kultur und Wissenschaft

auf den Steingrubenhof für Ihre

Arbeit und die Vermittlung von

ökologischer und regenerativer

Landwirtschaft für mehr Lebensqualität

und ein Mehr als Bio?

Isabell Blattmann & Tim Taylor:

Da wir in der regenerativen Landwirtschaft

mit innovativen Ansätzen

arbeiten, ist es für uns essenziell,

unsere Praktiken regelmäßig

zu überprüfen, kritisch zu hinterfragen

und an neue wissenschaftliche

Erkenntnisse anzupassen. Das

Holistic Compost Lab macht genau

das möglich, es gibt uns den Raum,

Methoden auszuprobieren, zu überprüfen

und somit Wissen zu sammeln

und zu vermitteln. Wir haben

im letzten Jahrhundert sehr viel

über die chemischen Eigenschaften

von Pflanzen und Böden gelernt, in

der Biologie sind die Zusammenhänge

jedoch um ein vielfaches

komplexer – ein Feld, in dem wir

noch sehr viel zu lernen haben.

Der Einzug von Kultur auf dem

Steingrubenhof ist für uns einerseits

eine persönliche Bereicherung

und Inspiration, andererseits aber

auch eine wichtige Ergänzung zu

unserer Arbeit, da Kunst und Wissenschaft

neue Perspektiven eröffnen,

den Dialog fördern und dazu

beitragen, ökologische Themen auf

emotionaler und intellektueller

Ebene zugänglich zu machen.

Das Gespräch führte Kai Geiger.


40 | Neue Musik | Bern

CAROL | 2025

Ensemble in Residence ICTUS | © Christophe Urbain

Composer in Residence Svetlana Maraš | © Dieter Düvelmeyer

Das Kuratorium, v.l.: Tamriko Kordzaia, Vera Schnider, Thomas Meyer,

Martin Schütz | © Annette Boutellier

Das Romanesco Duo mit «The Third Extended Wheel» | © La Pataconera

mit «Book of Women» eine der jüngsten ICTUS-Produktionen

auf dem Programm: Das ehrgeizige Projekt erforscht weibliche

Macht im Spätmittelalter und verbindet dazu mittelalterliche

Musik für Frauenstimmen mit einem neuen Werk für Stimme,

Ensemble und elektronische Klänge.

Bern (CH)

Musikfestival Bern

Die Klangkünstlerin und Co-Direktorin des Elektronischen

Studios Basel Svetlana Maraš ist Komponistin in Residence und

trägt mit einer Installation, einem Solo-Set im Berner Münster,

einem Baustein in «Liquid Room» und ihrem unvergleichlichen

«Table Book» zum prall gefüllten Programm bei.

Ketten sprengen

3. – 7.9.2025

Das Musikfestival Bern zählt zu den bedeutendsten

Schweizer Festivals für zeitgenössische

Musik und stellt jährlich im September

Hörgewohnheiten auf den Kopf. In diesem

Jahr widmet sich das Programm dem Thema

«Kette». In mehr als zwanzig Konzerten, Performances,

Talks und Installationen wird es

vielfältig ausgelegt.

Während fünf Tagen, vom 3. bis 7. September 2025, wird Bern

zum Mekka für Liebhaber*innen kreativer Klangexperimente,

musikszenischer Wagnisse und unerhörter Musik: Das Musikfestival

Bern lädt die Berner Musikszene und internationale

Gäst*innen zum Gipfeltreffen. Das vierköpfige künstlerische

Leitungsteam hat die diesjährige Ausgabe mit dem Thema

«Kette» überschrieben – und damit einen weiten Bedeutungsraum

geöffnet: Kettenantriebe, Nahrungs- und Infektionsketten

werden auf der Bühne verhandelt; Berner mit internationalen

Musiker*innen in Verbindung gebracht; Stile, Disziplinen

und Epochen verknüpft, verflochten und gesprengt.

Als Ensemble in Residence konnte das legendäre ICTUS Ensemble

aus Belgien gewonnen werden – im Gepäck drei seiner

erfolgreichsten Produktionen, die wie für das Thema «Kette»

entwickelt scheinen: «Liquid Room» ist ein mehrstündiger

Anlass, bei welchem auf mehreren Bühnen Klangkunst, neue

Werke und modernes Repertoire erklingt. Jede Aufführung ist

eine Erweiterung ihrer Vorgängerin, die sie kommentiert oder

ihr widerspricht. Die Tanz-Musik-Matrix «Ghost Trance Sessions»

verknüpft Choreografien von Anne Teresa De Keersmaeker

mit einer Partitur von Anthony Braxton, das ICTUS Ensemble

mit Tänzer*innen und Berner Musiker*innen. Zuletzt steht

Neben diesen internationalen Gäst*innen ist das Festival auch

Plattform für die freie Berner Szene – und diese ist fast noch

plastischer in der Umsetzung des Themas «Kette»: Das Romanesco

Duo bringt mit «The Third Extended Wheel» eine Musikperformance

rund um das Fahrrad und sein Kettengetriebe auf

die Bühne. Ein Konzert rund um den US-amerikanischen Komponisten

und Jazz-Trompeter Jalalu-Kalvert Nelson setzt sich

mit den Ketten kolonialer Herrschaft auseinander. Das Barockensemble

Die Freitagsakademie und der Berner Gabrielichor

verketten in ihren Programmen Musik der Renaissance- und

Barockzeit mit neuen Kompositionen und Improvisationen.

Im Musiktheater «Plankton» untersucht das Kollektiv International

Totem das klangliche Potential von Plankton; im Projekt

«Paradoxia» das HyBra Kollektiv jenes von Robotern. Weitere

Produktionen thematisieren die Phasen einer Infektionskette,

verketten medizinische Daten des Publikums mit Klang, analysieren

die Kette als kompositorisches Element und bringen

Komponist*innen mit Goldschmied*innen auf die Bühne.

Neugierig?

www.musikfestivalbern.ch


CAROL | 2025 Neue Musik | Bremen | 41

Bremen (D)

realtime-festival 2025

Von zart bis gewaltig

28.5. – 1.6.2025

Der Raum ist dunkel und still. Dann erklingen

erste zarte Töne auf einer Violine. Langsam erhellt

sich der Raum, besser gesagt die Wände

erstrahlen in Farben und Mustern. Weitere Instrumente

setzen ein, verstärken einen Rhythmus,

der nun auch die Muster an den Wänden

mitreißt. Das Publikum lehnt sich zurück,

schaut, lauscht, staunt. Was ist hier Wirklichkeit,

was ist Illusion?

Das „realtime-festival 2025“ beeindruckt mit

vielfältigem Programm

Die Konzerte und Performances beim „realtime-festival 2025“

für Neue Musik, das im Frühjahr in Bremen über Himmelfahrt

stattfinden wird, verzaubern mit Klängen und Bildern,

die einen besonderen Sog ausüben. Mit dem Motto des Festivals

„Wirklichkeit-Illusion-Vision“ spielen, performen, tanzen,

sprechen und musizieren Künstler und Künstlerinnen aus Bremen,

Deutschland und dem Gastland Spanien, um eine Facette

dieser großen Fragen auf die Bühne zu bringen. Doch wer

weiß schon, was Wirklichkeit ist?

Ein philosophisch-musikalischer Auftakt

Erste Antworten darauf gibt es bereits im Eröffnungskonzert

am Mittwoch, 28. Mai 2025, ab 19 Uhr im Theater am Leibnizplatz.

Gemeinsam mit dem Philosophen Malte Oppermann

kombiniert Pianistin Claudia Janet Birkholz Musik, Projektionen

und Gedankenspiele und macht eine Teekanne zu einem

Musikinstrument. Und stellt Fragen, die uns alle bewegen: Was

ist real, und was ist Illusion? Das Publikum kann in die Gedankenspiele

eintauchen, die Musik und Lichtshow genießen.

Auch die Performance des spanischen Künstlers Mario Cortizo,

dessen Orchester aus Alltagsgegenständen besteht, sorgt für

Verwunderung, denn er philosophiert über die Welt, während

er mit den Gegenständen redet und fragt: Was macht das moderne

Leben aus?

Ein Festivalgelände voller Klänge und Kunst

Wenn in den nachfolgenden vier Tagen am Güterbahnhof Bremen,

dem Areal für Kunst und Kultur, Töne von ungewohnten

Instrumenten zu hören sind, Lichtkunst die Wände erhellt

oder Soundmaschinen gebaut werden, dann ist zum dritten

Mal das „realtime-internationales festival für neue musik“ in

Bremen in vollem Gange. Jedes zweite Jahr über das Himmelfahrts-Wochenende

bringt der Verein „realtime – forum neue

musik“ das Festival auf die Bühne. Nach 2021 mit dem Gastland

Polen, 2023 mit dem Gastland Frankreich, zeigt nun 2025

das Gastland Spanien, welche zeitgenössische Musik die Klassikszene

dort beherrscht.

Mario Cortizo kommt mit einer Soloperformance aus Barcelona. | © Aigi Boga

Gastland Spanien

Dafür reist aus Barcelona auch das Ensemble CrossingLines an

und sorgt für ungewohnt leise Töne im Tor 40. Fünf Werke

von jungen Komponisten aus aller Welt, aber auch aus Spanien

werden mit Lichtkunst der Bremer Künstlerin Katharina

Berndt Bühne und Raum verzaubern. Anschließend lässt der

spanische Künstler Javier Díez Ena das älteste elektronische

Instrument der Welt erklingen: das Theremin. Vor mehr als

hundert Jahren erfunden, beeindruckt es nicht nur durch seine

magisch-mystischen Klänge, sondern vor allem, dass es nur

in der Luft gespielt wird. Gemeinsam mit dem Perkussionisten

Gonzalo Maestre entsteht eine Welt aus treibenden und flirrenden

Beats – Sogwirkung garantiert.

Interessante Werke hat auch die Komponistin Elena Mendoza

im Gepäck. Das Stück „Fremdkörper/Variationen“ wird das

renommierte Stuttgarter Ensemble Ascolta auf die Bühne bringen.

Auch hier bekommen Alltagsgegenstände eine neue tönende

Bestimmung. In einer weiteren Komposition begeben

sich die Jüngsten auf eine wundersame musikalische Reise.

Die Löwenklasse einer Bremer Grundschule probt mit Begeisterung,

um ihre Ideen zu der Komposition am Festivalsamstag

aufzuführen.

Vielfältiges Programm von Jung bis Alt

Überhaupt wird viel für die Jüngsten geboten: In einer Werkstatt

können Kinder drei Tage lang aus altem Spielzeug, Deko

oder Plastik klingende bunte Soundmaschinen bauen, die am

Sonntag ihr eigenes Konzert bekommen. An diesem Familien-

Tag dürfen sich alle ausprobieren, die Kleinen in Mitmach-

Workshops, die Größeren in einem „Totally Made Up Orchestra“

aus Instrumenten und Handys, die Älteren bei einem

Klangspaziergang über das Gelände.

Das renommierte Stuttgarter Ensemble Ascolta kommt nach Bremen, eine Komposition der

spanischen Komponistin Elena Mendoza im Gespäck. | © Dominik Mentzos

Zeitgenössischen Tanz präsentiert Larumbe Danza in einer Live-Performance und über

VR-Brillen. | © Perdo Arnay

Ein vielfältiges Programm für Groß und Klein war den Veranstaltern

wichtig. „Wir möchten zeigen, was für einen Entdeckung

Neue Musik sein kann“, erklärt Claudia Janet Birkholz,

die künstlerische Leiterin des Festivals, die auch traditionsgemäß

das erste Konzert des Festivals spielt. In den nachfolgenden

Tagen führt sie in die Konzerte ein, interviewt die Künstlerinnen

und Künstler und geht ins Gespräch mit dem Publikum.

Aber auch das Konzertpublikum kann die Künstlerinnen und

Künstler direkt erleben und mit ihnen ins Gespräch kommen,

in der Pause oder beim Meet&Greet danach. Im gesamten Bereich

des Festivalareals auf dem Güterbahnhof laden Lounges,

Sessel, Bars und Kioske zum Essen, Trinken, Genießen und

Plauschen ein.

Highlight des Festivals: das Preisträgerkonzert

mit anschließender Preisverleihung.

Das besondere Highlight des Festivals findet am Samstagabend

statt, wenn das Siegerprojekt zum Köster-Preis in der „Schaulust“

aufgeführt wird. Der international hochdotierte Preis

wurde zum dritten Mal vom Bremer Unternehmer Gerd Köster

gestiftet, der mit diesem wichtigen Preis neue Konzepte fördern

und der Stadt Bremen etwas schenken möchte. Gewonnen hat

ein Ensemble, das von einer internationalen Jury ausgewählt

wurde mit einem wahrlich ausgefallenen Projekt.

Kunst für alle – zugänglich und erschwinglich

Wichtig war es den Veranstaltern auch, dass jeder Interessierte

die Möglichkeit hat, ein Konzert zu besuchen und Neue Musik

kennen zu lernen. Deshalb dauert jedes Konzert nur 45 Minuten

bei erschwinglichen Preisen. Tagespässe ermöglichen es,

das Festival ausgiebig zu genießen, denn jeden Abend werden

mehrere Konzerte nacheinander geboten.

Eine ungewöhnliche Kombi präsentieren Javier Díez-Ena und Gonzalo Maestre mit dem Programm „Therematic“ am Theremin und Schlagzeug. | © Sergio Albert

Mehr erfahren: Das vollständige Programm sowie alle Informationen

zu Tickets und Angeboten sind auf der Website des Festivals

unter realtime-bremen.de zu finden.


42 | Neue Musik

CAROL | 2025

NEUE MUSIK

Ivo Van Hove, Ruhrtriennale | © Thomas Berns, Ruhrtriennale

Takeover Festival | © Manolo Press/Michael Bode

Baden-Baden

Takeover Festival

Das junge Festival Baden-Baden

30.1. – 8.2.2026

Das Festivaljahr im Festspielhaus Baden-Baden

beginnt jedes Jahr mit dem Takeover Festival.

Vom 30. Januar bis 8. Februar 2026 feiern Fans

der elektronischen Musik, des Indie-Rocks

und des Jazz, wo sonst die Stars aus Oper und

der Klassik-Welt zu Hause sind, gemeinsam

mit dem neugierigen Klassik-Publikum. Das

fünfte Takeover Festival möchte die Musik

nahbar und die Zukunft greifbar werden lassen.

Neben Konzerten und Tanztheater bieten

die Künstlerinnen und Künstler des Wochenendes

Workshops und Mitmachmöglichkeiten

– auch für ein vorkenntnisfreies Publikum.

„Es geht um die gute alte ‚vierte Wand‘, diese

oft erforschte, unsichtbare Barriere zwischen

Bühne und Publikum soll durchlässiger werden“,

sagt Festspielhaus-Intendant Benedikt

Stampa. Das Publikum ist eingeladen, mit den

Künstlerinnen und Künstlern ins Gespräch

zu kommen, um mehr über deren Inspiration

und Motivation zu erfahren. „Baden-Baden

ist seit jeher ein Ort der Begegnung und der

Behandlung von Zukunftsfragen. Da möchten

wir uns anschließen und fragen, wie sich das

Publikum ein Festival der Zukunft vorstellt“,

so Benedikt Stampa. Nirgends kann man seine

guten Vorsätze besser ausleben: Treffen Sie

Künstlerinnen und Künstler und finden Sie

heraus, wie sie ticken, oder sind Sie bei einem

Workshop dabei und erfahren Sie, wie viel

Kunst in Ihnen steckt. Nehmen Sie die Sache

selbst in die Hand – und feiern Sie mit Leuten,

die genauso für Kunst und Musik brennen wie

Sie.

www.festspielhaus.de

Berlin, Monat zeitgenössische Musik | © Stefanie Kulisch

Berlin

Monat der zeitgenössischen Musik

13.9. – 12.10.2025

Vom 13. September bis 12. Oktober 2025 feiert

der Monat der zeitgenössischen Musik die

unvergleichliche Vielfalt der Berliner Szene

für zeitgenössische Musik: Über vier Wochen

hinweg finden in der ganzen Stadt mehr als

100 Veranstaltungen statt – von Konzerten,

Performances und Klanginstallationen bis hin

zu interdisziplinären Projekten, Gesprächsrunden

und partizipativen Formaten.

Ob in etablierten Konzerthäusern oder Orten

der Freien Szene, drinnen oder draußen – das

Festival lädt dazu ein, die neuesten Strömungen

zeitgenössischer Musik zu entdecken.

Egal, ob versierte Musikliebhaber:in oder neugierig

auf neue Musik: Der Monat der zeitgenössischen

Musik bietet Raum für Begegnungen,

Experimente und Austausch.

Zur Eröffnung am 12. September in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche

präsentiert das

Berliner Ensemble gamut inc zusammen mit

anderen internationalen Künstler:innen Werke,

die einem radikal modernen Ansatz in der

Orgelmusik folgen.

www.field-notes.berlin | www.inm-berlin.de

Bochum

Ruhrtriennale

21.8. – 21.9.2025

Die Ruhrtriennale ist das Festival der Künste

im Ruhrgebiet. Hallen, Kokereien, Maschinenhäuser

und Halden des Bergbaus und der

Stahlindustrie werden jährlich im Spätsommer

zu unverwechselbaren Protagonistinnen

für das Festival. Sie machen die Ruhrtriennale

zu einem weltweit einzigartigen Festival. Das

Programm verortet sich an den Schnittstellen

von Musiktheater, Schauspiel, Tanz, Performance,

Konzert und bildender Kunst. Die

Ruhrtriennale ist eine von vier eigenständigen

Programmsäulen der Kultur Ruhr GmbH und

wurde 2002 ins Leben gerufen, um die stillgelegten

Zechen und Hallen für neue Formen

der künstlerischen Auseinandersetzung zu

nutzen. Alle drei Jahre wechselt die Intendanz

und damit auch die programmatische Ausrichtung

des Festivals. Intendant der Ruhrtriennale

2024-2026 ist der belgische Theaterregisseur

Ivo Van Hove.

www.ruhrtriennale.de

detect, Kollektiv eigenklang | © Sophia Hegewald

Schloss Bröllin

Detect Classic Festival

8. – 10.8.2025

Vom 8. bis 10. August 2025 findet das Detect

Classic Festival zum vierten Mal auf Schloss

Bröllin statt. Erneut wurde ein spannendes

Programm auf die Beine gestellt, in dem Raves

genauso wie leise Töne, verrückte Ideen

und Raffiniertes, verborgene Kunst, Ungewohntes

und Gewohntes entdeckt werden

können. Zwischen Unbekanntem, Altbekanntem

und bisher Verkanntem werden die

Veranstalter:innen die Besucher:innen verzaubern.

An einem Wochenende im Sommer werden

sie von Chorgesängen verzaubert, bauen sie

Luftschlösser aus Livemusik und bewegen

sich die Besucher:innen bei Nacht wie Licht

und Nebel durch elektronische Klänge. Sie erforschen

Klassik und Ambient, Elektronisches

und Zeitgenössisches, Avantgarde, Beats,

Rhythmus, Raumakustik und verwischen

Grenzen zwischen Club, Konzerthaus und

Open Air. Drei Tage Forschungslabor, Alltagsurlaub

und Entdeckertum auf Schloss Bröllin.

Beim Detect Classic Festival sollen Menschen

durch Musik zueinanderfinden, unabhängig

von Herkunft, Alter, Geschlecht oder Religion.

detectclassic.com

Violeta Garcia | © Paula Suarez-low

Genf (CH)

Festival Archipel

4. – 13.4.2025

Founded in Geneva in 1992, Archipel is an

international festival which promotes creation,

contemporary music, and all forms of

musical research and sound art, offering them

recognition and sustained visibility in Swiss

cultural life. Every year and for ten days, we

discover a rich program including: concerts

of instrumental and vocal music, performan-

Donaueschingen

Donaueschinger

Musiktage 2025

16. – 19.10.2025

Jedes Jahr im Oktober verwandelt sich die kleine Stadt Donaueschingen

am Rande des Schwarzwalds für ein Wochenende

zum internationalen Treffpunkt neuester Musik, der mehr als

8.000 Besucher:innen aus aller Welt anlockt. Seit 104 Jahren

gehen von den Donaueschinger Musiktagen entscheidende

Impulse für die zeitgenössische Musik aus – hier wurde und

wird Musikgeschichte geschrieben. 2025 bietet das Festival

vom 16. bis zum 19. Oktober in gut 15 Konzerten, Klanginstallationen

und Veranstaltungen 20 Uraufführungen von internationalen

Komponist:innen, die ihre Stimme im wörtlichen

wie übertragenen Sinne erheben und gemeinsame eine große

Vielstimmigkeit erreichen. Zum ersten Mal treten die herausragende

Bratscherin Tabea Zimmermann und das Londoner Vokalensemble

Exaudi beim Festival auf. Das Klangforum Wien

ist mit gleich zwei Projekten zu Gast, und nicht zuletzt in den

Konzerten des SWR Symphonieorchesters und des SWR Experimentalstudios

feiert das Festival 75 Jahre SWR bei den Donaueschinger

Musiktagen.

www.swr.de/donaueschingen

© SWR / Ralf Brunner


CAROL | 2025 Neue Musik | 43

Esslingen

PODIUM Esslingen

TROTZ & TRÄUME

8. – 18.5.2025

Das PODIUM Festival Esslingen 2025 steht unter dem Motto

TROTZ & TRÄUME und setzt auf künstlerische Widerstandskraft

in Zeiten aktueller Herausforderungen. Mit Uraufführungen,

genreübergreifenden Formaten und neuen Perspektiven

auf den klassischen Kanon thematisiert Joosten Ellée, künstlerischer

Leiter von PODIUM, ein zentrales Element unserer

Demokratie: den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Dem von

der Kulturstiftung des Bundes maßgeblich geförderten Abschlusskonzert

DE STAAT im Autohaus Jesinger kommt dabei

eine zentrale Bedeutung zu: Mit einer Uraufführung von Zara

Ali wird dem selten gespielten Werk in ungewöhnlicher Besetzung

von Louis Andriessen eine außergewöhnliche Stimme der

zeitgenössischen Musik entgegengesetzt. Weitere Höhepunkte

sind das ERÖFFNUNGSKONZERT mit einer Neukomposition

des Finales von Beethovens 9. Sinfonie sowie die Klangausstellung

LAUTE BÄUME im Maille-Park, welche die Klimakrise aus

globaler Perspektive beleuchtet. Partizipation bleibt wichtiges

Element des Festivals und wird nochmals intensiviert: Die

STADTTEILKONZERTE schaffen Begegnungen zwischen Esslinger

Ensembles und PODIUM Musiker:innen bereits vor dem

Festivalstart, und eine neue Konzertreihe, WUNSCHKONZERT,

feiert im Rahmen des Festivals ihre Premiere. Ein lebendiges

Miteinander erwartet die Stadt Esslingen im Festival-Monat

Mai mit 23 Konzerten, rund 100 Künstler:innen an 23 verschiedenen

Orten.

www.podium-esslingen.de

2024 Cringe AF | © Sophia Hegewald

ces, concerts of improvised and electroacoustic

music, sound installations, listening sessions,

meetings and conferences. A special attention

is given to the conviviality and reception of

the works, including a listening room equipped

with an acousmonium – a loud speaker

orchestra – and meticulous staging both for

the public and the artists. The Archipel festival

invites groups and outstanding personalities,

renowned or emerging artists, musicians from

Switzerland and around the world, such as the

Ictus Ensemble, the Collegium Novum Zürich,

the Contrechamps ensemble, Eva Reiter, Clara

Iannotta, Alvin Lucier, Jürg Frey, Helmuth Lachenmann,

Eliane Radigue, Cassandra Miller,

Morton Feldman, John Cage, Kanako Abe, Rie

Nakajima, Charles Curtis, Sarah Hennies, Felicity

Mangan, Will Guthrie, Valerio Tricoli,

Michèle Bokanowski, Rashad Becker, Christine

Groult, Oren Ambarchi, David Toop, Max Eastley,

Louis Schild, Olga Kocharova, John Luther

Adams, Christina Kubisch, Attila Faravelli, Ellen

Arkbro, Michael Ranta, Oscar Bianchi, Aisha

Orazbayeva. Transmission constitutes an

important part, the program reflects this dimension

through collaborations with universities,

conservatories and other learning facilities.

www.archipel.org

Performance von Ari Benjamin Meyers | © Johanna Lamprecht

Graz (A)

steirischer herbst ’25

18.9. – 12.10.25

Von Anfang an gehören produktive Störung

und fruchtbarer Streit zum steirischen herbst –

zu einer Institution, die während ihres gesamten

Bestehens immer wieder Anstoß für kritische

Gespräche lieferte. Seit seiner Gründung

vor einem halben Jahrhundert bietet das Festival

neuen Produktionen eine Plattform, die

öffentliche Debatten unterschiedlicher Art

und quer durch alle Disziplinen und Medien

hervorrufen und konturieren. Stets hat der

steirische herbst die begrifflichen Grundlagen,

was Kultur für das Zeitgenössische – wie sie es

in Graz, der Stadt mit der zweitgrößten Bevölkerungsdichte

Österreichs, vorfinden – bedeuten

könnte, neu definiert.

www.steirischerherbst.at

Karlsruhe

Zeitgenuss 2025

fake & fantasy

22. – 26.10.2025

Das Musikfestival "ZeitGenuss – Festival für

Musik unserer Zeit" der Stadt Karlsruhe konzentriert

sich 2025 vor allem auf sein Potenzial

als konkreten Ort der Begegnung und des

Austauschs. Ein Ort, an dem Menschen in

Marlene Heiß, künstlerische Leitung ZeitGen uss 2025

© Heike Steinweg

weiter auf Seite 44 >>


44 | Neue Musik

CAROL | 2025

ihrer Vielfalt in unterschiedlichen Formaten

eingeladen werden, teilzuhaben, mitzugestalten

und einander zuzuhören. Dafür finden

Veranstaltungen über die Stadt verteilt

und im öffentlichen Raum statt: im Tollhaus,

dem ZKM, der Orangerie der Staatlichen

Kunsthalle, der Musikhochschule, der

Stadtkirche sowie an ausgewählten Orten

der Innenstadt. Als besonderes Highlight

und als Einladung zu einem sehr persönlichen

und zugleich niederschwelligen Musikerleben

wird für die Festival-Tage ein

transparentes Kuppelzelt auf dem Karlsruher

Marktplatz errichtet und für eine Stunde am

Tag bespielt.

Die Frage nach Verbundenheit in einer immer

unübersichtlicheren Welt zieht sich

durch alle Veranstaltungen: Hybride Räume

und Identitäten, das Aufeinandertreffen

von Mensch und Maschine, sowie Manipulationen

von Auge und Ohr werden befragt

- ebenso wie analoge Formen und Orte der

Begegnung, Körperlichkeit und Kommunikation.

ZeitGenuss kooperiert dafür u.a. mit

der Reihe TURNS des ZKM, dem Studio Fluffy

und TOPLAP, dem ensemble ben rentz und

Karlsruher Kantor*innen. Auch wird mit einem

Open Call die freie Musikszene der Stadt

eingeladen, das Programm zu bereichern und

für weitere Stil-Richtungen zu öffnen.

Die künstlerische Leitung von ZeitGenuss

übernimmt 2025 die Pianistin Marlene Heiß.

Ihre Arbeit definiert sich über ihre oftmalige

Doppelrolle als Musikerin und Kuratorin,

wobei sie ihre beiden größten Leidenschaften

vereint: das Erarbeiten und Aufführen

von Musik verschiedenster Epochen und Stilrichtungen

sowie das immer neue Kontextualisieren

derselben durch Genre- und disziplinenübergreifende

Kooperationen und das

Setzen intellektueller Schwerpunkte.

www.kulturbuero.karlsruhe.de

Köln

ACHT BRÜCKEN

„Licht!“

9. – 18.5.2025

ACHT BRÜCKEN | Musik für Köln bringt die

Musik der Gegenwart in die Stadt. Seit 2011

wird die Kölner Philharmonie Anfang Mai

zum genreübergreifenden Podium für renommierte

Künstlerinnen, Künstler und Ensembles

der internationalen zeitgenössischen

Musikszene, von Neuer Musik über Jazz zu

Asasello Quartett | © Wolfgang Burat

Weltmusik, Elektronischer Musik und Pop.

Konzerte mit Vertreterinnen und Vertretern

der freien Szene im urbanen Raum und in anderen

Spielstätten erweitern das Programm,

Performances, Ausstellungen und Filme stellen

eine Verbindung zu anderen Künsten her.

Darüber hinaus gibt es kostenlose Konzerte,

öffentliche Proben, Vorträge und Angebote

für Kinder. Jährlich wechselnde Schwerpunkte

laden ein breites Publikum dazu ein, sich dem

Unbekannten und Neuen zu nähern und sich

für die Musik von heute zu begeistern.

Die 15. Ausgabe von ACHT BRÜCKEN | Musik

für Köln findet vom 9. bis zum 18. Mai 2025

statt. Von den Kompositionen der Porträtkomponistin

Kaija Saariaho (1952-2023) ausgehend

öffnet sich eine Welt von Werken und

Projekten um die Phänomene Helligkeit und

Dunkelheit.

Seit 15 Jahren bringt ACHT BRÜCKEN neue

Impulse in die Stadt, realisiert innovative Projekte

und zeigt internationale Spitzenensembles

unmittelbar neben der profilierten Freien

Musikszene Kölns. Dazu gehört insbesondere

die Initiierung und Produktion von rund 150

Uraufführungen. Eine Reihe der von ACHT

BRÜCKEN in Auftrag gegebenen Werke sind

in den Kanon des zeitgenössischen Repertoires

eingegangen.

www.achtbruecken.de

Ensemble Musikfabrik | © Janet Sinica

Köln

Ensemble Musikfabrik

Seit 1990 steht das Ensemble Musikfabrik, das

Landesensemble NRW für Neue Musik, für

die Entdeckung neuer Klänge und visionäre

Konzertformate. Getreu seinem Namen ist

es ein Labor für zeitgenössische Musik – ein

Raum, in dem neue Werke nicht nur aufgeführt,

sondern in engem Austausch mit

Komponis:innen geformt und weiterentwickelt

werden. Die Musiker*innen des internationalen

Solistenensembles verstehen sich als

Klangforscher*innen, die Grenzen ausloten

und ungewohnte Hörerlebnisse schaffen. Ob

auf Festivals, in internationalen Konzerten

oder in den eigenen Reihen „Musikfabrik im

WDR“ und „Montagskonzerte“ entstehen intensive

musikalische Begegnungen – zu den

Highlights der kommenden Saison zählen

beispielsweise:

Wittener Tage für Neue Kammermusik | FR

02.05.2025| 20:00 | Saalbau (Witten)

Hotel Europa | Mi 04.06.2025 | 20:00 | Philharmonie

Berlin (Kammermusiksaal)

Kölner Philharmonie | Mo 23.06.2025 | 20:00 |

Kölner Philharmonie (Köln)

Radial System | 03.07 - 06.07.2025 | Radial System

(Berlin)

Musikfabrik im WDR 93 | 12.07.2025 | 20:00 |

WDR Funkhaus am Wallrafplatz (Köln)

Salzburger Festspiele, So, 20.07.2025 | 20:30 |

Kollegienkirche (Salzburg)

Muziekgebouw | Do 02.10.2025 | 20:15 | Muziekgebouw

aan ‹t Ij (Amsterdam)

www.musikfabrik.eu

Köln

Round

Round ist eine Konzertreihe für experimentellen

Pop und elektronische Musik

in der Kölner Philharmonie. Die musikalische

Ausrichtung der Reihe ist betont offen

und bewegt sich zwischen Elektronik, Avantgarde,

Ambient, Sound Art und neuer Improvisationsmusik.

Die Reihe lädt einerseits

junge Musiker:innen dazu ein, mit musikalischen

und visuellen, performativen und szenischen

Formen zu experimentieren und stellt

andererseits etablierte Positionen aus dem

Feld der modernen Pop- und elektronischen

Musik vor.

The Düsseldorf Düsterboys | © Katarina Geling

Kuratiert wird die Reihe von Tobias Thomas

und Thomas Meckel in Zusammenarbeit mit

KölnMusik.

www.koelner-philharmonie.de/de/reihen/

round/525

Ayla Pierrot Arendt – Death In Peace | © Robert Schittko

Krems (A)

donaufestival 2025

2. – 4.5. und 9. – 11.5. | Krems an

der Donau

Musik, Performance, Kunst, Film und Diskurs.

Das donaufestival, das seit 2017 unter der

künstlerischen Leitung von Thomas Edlinger

steht, präsentiert seit 20 Jahren abenteuerliche

Ästhetiken und Vibrationen aktueller

Gegenwartskunst. An zwei Wochenenden (jeweils

Freitag bis Sonntag) finden mehr als 55

Programmpunkte an unterschiedlichen Orten

in Krems statt.

Confusion Is Next heißt ein Song von Sonic

Youth aus dem Jahr 1983. 2025, im 20. Jahr

Freiburg

SWR Experimentalstudio

16. – 19.10.2025

Das SWR Experimentalstudio ist die einzige verbleibende

Institution ihrer Art in Deutschland.

Es leistet seit Jahren herausragende innovative

Arbeit und nimmt u.a. im Bereich der elektronischen

Neuen Musik weit über die Landesgrenzen

hinaus eine wichtige Vorreiterrolle ein.

Forschung, Wissenschaft und künstlerische Exzellenz

werden hier in einzigartiger Weise gelebt

und verkörpert.

Sein neues Zuhause wird das SWR Experimentalstudio

in den für die Musikhochschule

Freiburg vorgesehenen Räumlichkeiten der

Schöneckstraße 6a finden. Diese werden vom

zuständigen Amt des Landes, Vermögen und

Bau Baden-Württemberg, für die zukünftige

Nutzung saniert. Dort soll für das Experimentalstudio

zusätzlich ein neuer Studiosaal in Form

eines Erweiterungsbaus mit einer Fläche von

167 Quadratmetern entstehen. Dadurch ist sichergestellt,

dass die spezifischen Belange des

Experimentalstudios an seinem neuen Standort

adäquat berücksichtigt werden. Der neue Studiosaal

wie auch weitere Räumlichkeiten des

Gebäudes stehen dem Experimentalstudio zur

exklusiven Nutzung zur Verfügung.

www.swr.de

SWR Experimentalstudio | © SWR/Marco Borggreve


CAROL | 2025 Neue Musik | 45

des donaufestivals in seiner heutigen Form,

blühen Paranoia, Misstrauen, Empörungslust

und Desinformationsspiralen im Zeichen des

Need for Chaos. In diesen vernebelten Zuständen

agieren Künstler:innen selbst mit Irritationen

und reagieren mit ihrer Musik und auf

ihre ganz eigene Weise auf eine Welt aus den

Fugen und tragen zu einem spannenden und

außergewöhnlichen Festivalprogramm in diesem

Jahr bei.

www.donaufestival.at

Rainy Days 2024, Hands | © Eric Engel

Luxemburg (L)

Rainy Days

Embracing the Physicality of Sound

19. – 23.11.2025

From November 19 to 23, 2025, the rainy

rays festival at the Philharmonie Luxembourg

will boldly challenge the cliché that contemporary

music is overly intellectual. With the

theme bodies, the festival curated by the Luxembourgish

composer Catherine Kontz will

explore the profound connection between

the physical and the spiritual, highlighting

how the body and its movements are integral

to the creation and perception of music.

The festival’s programme will offer a diverse

and immersive experience, catering to both

contemporary music enthusiasts and curious

newcomers of all ages. A standout performance

will feature the unique fusion of music

and judo, where two judoka will demonstrate

the harmony between martial art and sound.

This innovative approach will showcase the

body’s functions, limitations, and expressive

potential as a resounding instrument. The

members of Percussions de Strasbourg will

take the stage to masterfully transform their

bodies into instruments, producing a rich

sonic tapestry. Other renowned ensembles,

such as Ensemble Recherche and the collaborative

project of Explore and Exaudi, will

guide audiences through physical journeys

of sound discovery. Visitors will also have

the chance to become performers themselves

through sound walks, installations, and

interactive performances that will transform

the concert hall into a resounding, walk-in

body. A special highlight of this year’s edition

will be the focus on British composer Michael

Parsons, whose work will be featured

prominently.

Heiden (CH)

heiden festival 2025

Musik ohne Grenzen!

23. – 25.5.2025

Vom 23. bis 25. Mai 2025 wird Heiden, das charmante Biedermeierdorf

hoch über dem Bodensee, zum pulsierenden Zentrum für Neue Volksmusik

und Weltmusik. Zum neunten Mal feiert das heiden festival unter dem

diesjährigen Motto „grenzenlos“ die Vielfalt der Klänge und Kulturen.

Auf diversen Indoor- und Outdoor-Bühnen sorgen knapp 30 Bands mit über

50 Stunden Live-Musik für mitreißende Konzerte und Tanzfieber. Ob auf

der Tanzbühne, beim Lauschen an einem der einzigartigen Spielorte, u.a.

mit einem atemberaubenden Blick auf das Schwäbische Meer, oder beim

Genießen der vielseitigen Kulinarik – das Festival verspricht ein unvergleichliches

Erlebnis.

Deitsch v.l.n.r. Jürgen Treyz, Barbara Walther, Barbara Hintermeier und Steffen Gabriel | © Claus Jahn

Ein weiteres Mal setzt das heiden festival neue Maßstäbe und präsentiert

ein Programm, das musikalische Grenzen sprengt. Die diesjährige Ausgabe

vereint hochkarätige Künstlerinnen und Künstler – wie u.a. Oesch’s die

Dritten, Thomas Gansch mit Alpen & Glühen, um nur die bekanntesten

Acts zu nennen – die das breite Spektrum der Neuen Volksmusik und Weltmusik

in all ihren Facetten erlebbar machen. Kraftvolle Jodelkunst trifft

auf virtuose Blech- und Holzbläserklänge, filigrane Folk-Melodien verschmelzen

mit alpinen Rhythmen, und irgendwo zwischen den Welten

entsteht eine musikalische Reise, die das Publikum in ihren Bann zieht.

Dabei begegnen sich nicht nur verschiedene Stilrichtungen, sondern auch

Kulturen: Traditionelle Klänge aus den Alpen verschmelzen mit Einflüssen

aus ganz Europa und darüber hinaus. Ob feinsinnige Arrangements oder

energiegeladene Bühnenauftritte – das Festival schafft eine Atmosphäre,

in der Musik nicht nur gehört, sondern erlebt wird. Und wer sich auf Unerwartetes

einlässt, wird belohnt: Wenn beispielsweise südpolynesische

Rhythmen auf appenzellische Klangwelten treffen, entstehen Momente,

die man so schnell nicht vergisst.

2025 präsentiert sich der Westschweizer Kanton Fribourg als musikalischer

und kulinarischer Ehrengast. Seine traditionellen und innovativen Klänge

sowie regionale Spezialitäten bringen einen besonderen Touch ins Festivalgeschehen

und schaffen eine kulturelle Brücke zwischen den Sprachregionen

der Schweiz und der Welt.

www.heiden-festival.ch

Rainy Days, Foyer Inside Out Piano | © Ines Rebelo de Andrade

Whether attendees will choose to experience

a single concert or immerse themselves in the

entire festival weekend, rainy days 2025 will

guarantee unexpected insights and moments

of recognition, redefining the relationship

between body and sound.

www.philharmonie.lu/de/konzerte-tickets/

festivals/das-festival-rainy-days

weiter auf Seite 46 >>

Maxjoseph v.l.n.r. Georg Unterholzner, Florian Mayrhofer, Nathanael Turban, Andreas Winkler | © Jessica Elsner


46 | Neue Musik

CAROL | 2025

Florentin Ginot | © Frederike Wetzels

Mailand (I)

Milano Musica Festival

26.4. – 6.6.2025

Das 34. Milano Musica Festival (MMF) feiert

die künstlerische Vision von Francesco Filidei

und markiert die lang erwartete Uraufführung

seiner neuen Oper Il nome della rosa, die auf

dem Roman von Umberto Eco basiert. Dieses

Werk, das vom Teatro alla Scala, der Opéra

National de Paris und dem Teatro Carlo Felice

di Genova gemeinsam in Auftrag gegeben

und von der SIAE-Società Italiana degli Autori

ed Editori unterstützt wurde, ist das Herzstück

des Festivals. Das Festival bietet mehrere

wichtige Aufführungen, beginnend mit dem

Eröffnungskonzert in der Mailänder Scala am

26. April, einem speziellen Programm, das Filidei

gewidmet ist und vom Ensemble Intercontemporain

und Les Métaboles aufgeführt

wird. Am 2. Mai wird das OSN-Rai-Konzert

die italienische Erstaufführung von Aureliano

Cattaneos Violinkonzert und die Weltpremiere

von Stefano Gervasonis Violinkonzert beinhalten.

Die italienische Erstaufführung von Filideis

Violakonzert findet am 15. und 16. Mai

statt, aufgeführt von Antoine Tamestit und

dem Orchestra Sinfonica di Milano. Das Festival

umfasst auch eine Reihe von Orgelkonzerten

am 29. April, 22. Mai und 29. Mai, bei

denen Filideis Instrumentalmusik erkundet

wird, mit Auftritten von Hampus Lindmann

und Filidei selbst.

Um den Zugang zur Kultur zu erleichtern und

junge Menschen an zeitgenössische Musik heranzuführen,

hat Milano Musica Bildungsprogramme

für Workshops an weiterführenden

Schulen und Studientage mit den Universitäten

Mailand und Pavia entwickelt. Darüber

hinaus wird MMF seine Wirkung durch Programme

zur Kontaktaufnahme mit benachteiligten

Gemeinden verstärken, darunter ein

Sonderkonzert eines Chors aus dem Gefängnis

San Vittore.

milanomusica.org

Deena Abdelwahed B2B DJ Plead – Blå 21.9.2024

© Nabeeh Samaan

Oslo (N)

Ultima 2025

11. – 20.9.2025

Das Ultima Oslo Contemporary Music Festival

öffnet seit 1991 mit zeitgenössischer Musik

und klangbasierter Kunst Ohren und Geist.

Jedes Jahr im September präsentiert das Festival

an verschiedenen Orten in Norwegens

Hauptstadt Oslo ein zehntägiges Programm

mit Orchester-, Kammer-, Instrumental- und

elektronischen Musikkonzerten, Musiktheater,

Oper, Klanginstallationen, Tanz, Multimedia,

Performancekunst und mehr. Unter dem

Motto „Ein Ohr für die Gegenwart“ vermittelt

Ultima den Besuchern einen starken Eindruck

von der Bandbreite der heutigen Musik und

ihrer Wechselwirkung mit der ganzen Welt. Zu

jedem Festival gehören spezielle Aktivitäten

zur zeitgenössischen Musik für Kinder und Jugendliche.

Außerdem gibt es Ultima Context,

eine Reihe von Vorträgen, Podiumsdiskussionen,

Seminaren und Workshops. Durch diese

Programme können sich junge Menschen und

neugierige Zuhörer:innen der heutigen Musik

annähern.

www.ultima.no

Neoquartet |© Malgorzata Popinigis

Potsdam

intersonanzen 25

25 Jahre Festival der Neuen Musik

in Potsdam

transreal

8.5. – 18.5.25

Die intersonanzen blicken im Jubiläumsjahrgang

25 zurück und nach vorn. Unter der

Überschrift transreal werden zu diesem Anlass

für elf Tage, vom 8.5. bis 18.5.2025, die

Türen geöffnet. Mit hochkarätiger aktueller

Musik erleben wir die Begegnung mit visueller

Kunst in Potsdam im: DAS MINSK Kunsthaus

in Potsdam, Museum Barberini und museum

FLUXUS+.

Mit dem Schwerpunkt Streichquartette (Neo,

Kairos, Sonar) und dem Kammerorchester ART

Ensemble NRW sowie weiteren internationalen

Spitzenensembles in insgesamt 20 Konzerten,

Soundwalk, Diskurs und Performances

(u.a. Black Pencil, LUX:NM, El Perro Andaluz)

wird mit visuell arbeitenden Künstler:innen

interagiert. Räume werden gestaltet: musikalische,

klangliche, reale, surreale, virtuelle –

transreale.

Die aktuellen technologischen Entwicklungen

neuester Medien und die Revolutionierung

von Arbeitsprozessen durch KI schaffen

ungeahnte neue Möglichkeiten und Gefahren.

Gerade die Frage nach der individuellen

Sichtweise wird neu gestellt. Entsteht daraus

eine neue eigene Realität, Virtualität oder Parallelwelt?

www.neue-musik-brandenburg.de

Studio Dan | © Ditz Fejer

Schwaz (A)

Klangspuren Schwaz

Tiroler Festival für Neue Musik

11. – 27.9.2025

Das Festival Klangspuren Schwaz 2025 rückt

die Beziehung zwischen Mensch und Technologie

ins Zentrum und lädt dazu ein, den emotionalen

Zugang zu digitalen Innovationen

neu zu erkunden. Schon vor 1000 Jahren soll

der bronzene „sprechende Kopf“ von Papst

Silvester II. die Menschen einerseits fasziniert,

aber auch beunruhigt haben. In der Neuzeit

wandte man sich der präzisen Vermessung der

Welt zu. Das befriedigte nicht nur ein Bedürfnis

nach Kontrolle über die Natur, sondern

erhob auch den kühlen Verstand über hitzige

Emotionen.

In den heutigen Debatten über Einfluss digitaler

Technologie und Künstlicher Intelligenz

flammen alte Ängste vor dem Kontrollverlust

wieder auf: Brauchen wir in naher Zukunft

noch Musiker:innen? Wird es noch Konzerte

geben? Klangspuren Schwaz will dem

mit Neugier und Offenheit, einer auch kritischen,

aber vor allem spielerischen Haltung

begegnen. Das Festival möchte aufzeigen,

wie Künstler:innen diese Fragen kreativ aufgreifen.

Statt technischer Perfektion geht es

vor allem um die Erweiterung künstlerischer

Ausdrucksformen und den Mut, sich selbstbewusst

in einer technologisierten Welt zu bewegen.

Klangspuren Schwaz hat den Akademiegedanken

seit jeher fest verankert und setzt ihn auch

heuer fort. Etwa mit dem Composers Lab für

junge Komponist:innen, die mit renommierten

Dozent:innen an ihren Uraufführungen

arbeiten. 2025 konnten dafür Chaya Czernowin,

Johannes Maria Staud und Studio Dan

gewonnen werden. Sie sind auch mit Werken

und Konzerten im Festival vertreten.

www.klangspuren.at

Caterina Barbieri | © Georg Gatsas

Venedig (I)

Biennale Musica 2025

69th International Festival of

Contemporary Music

11. – 25.10.2025

The 69th International Festival of Contemporary

Music will run from 11-25 October

2025, directed by Caterina Barbieri. The programme

will feature several daily events with

international soloists and ensembles as well

as the actvities of the Biennale College Musica

dedicated to new projects that will be

included the Festival’s programme. The Star

Within is the title of the 69th International

Festival of Contemporary Music to be held

in Venice from 11 to 25 October. A poeticsymbolic

image suggested by the words of

the Brazilian author Clarice Lispector – If the

twinkling of the stars pains me, if this distant

communication is possible, it is because something

almost like a star quivers within me.

Caterina Barbieri (1990) is an Italian musician

and composer based in Berlin. She earned diplomas

in classical guitar and electroacoustic

composition – as well as Modern literature –

in Bologna, and studied at the Royal College

of Music and the Elektronmusikstudion in

Stockholm. She has participated in some of

the most important international music festivals.

“I am very happy about this invitation and

truly honoured to be able to contribute to the

Biennale Musica – stated Caterina Barbieri. Venice

is a constant source of inspiration: its mutability,

the echoes and reflections, its silences

and its ‘liminality’. Its resilience and yearning

for infinity. Its dissolution of space and time.

All of this is already music”.

www.labiennale.org/en/music/2025

Werdenberg (CH)

Internationales Festival

Schlossmediale

Ausgepackt!

19. – 28.6.2025

Das internationale Festival Schlossmediale für

Alte und Neue Musik und audiovisuelle Kunst

wurde 2012 gegründet. Das Alleinstellungsmerkmal

des Festivals ist das Zusammenbringen

von Alter und Neuer Musik und Kunst,

also die gegenwärtige Auseinandersetzung

Schloss Werdenberg, 2024 | © Manuela Foerster

mit dem historischen Ort und Schloss Werdenberg.

Das Festival bietet durch das Zusammenspiel

der Künste eine unkonventionelle

Auseinandersetzung und einen ungewöhnlich

direkten Austausch mit den Künstlerinnen

und Künstlern. Das Festival wird ab 2025 im

Zweijahresrhythmus weitergeführt.

Das diesjährige Jahresthema der Schlossmediale

ist: Ausgepackt! Offenbaren, was bereits

existiert … Der Moment der Enthüllung, der

Übergang vom Verborgenen zum Sichtbaren,

der Moment, der die Überraschung und das

Staunen einfängt, das, was wir beim Entdecken

von Neuem empfinden – das meint AUS-

GEPACKT!

Gleichbedeutend zu „Entdeckung“ und „Enthüllung“

wird in der digitalen Kultur dieser

Moment „Unboxing“ genannt: Sobald etwas

gekauft werden kann, hat es wahrscheinlich

bereits jemand ausgepackt, gefilmt und auf

YouTube gestellt. Wir leben in einer Zeit, in

der die Verpackung genauso wichtig ist, wie

ihr Inhalt. Jedes Auspacken hat eine kathartische

Wirkung. Was verbirgt sich in dieser Box,

in diesem Geschenk, hinter dieser Idee, hinter

dieser Erinnerung, hinter diesen Mauern, in

diesem Raum, im Schloss Werdenberg?

Apparate | © Oliver Oettli

Die Leitung des Festivals Schlossmediale

kommt in seiner 13. Ausgabe von der Gründerin

Mirella Weingarten neu in die Hände des

Wallisers und in Bern wohnenden Perkussionisten

und Komponisten Pascal Viglino. Der

international ausgebildete Musiker wird in

Werdenberg die Zusammenarbeit unter den

Künstlerinnen und Künstlern sowie den Austausch

mit den Besuchenden und der Bevölkerung

stärken. Das Festival Schlossmediale soll

in der Schweizer Musik- und Kunstlandschaft

als führender Ort für transdisziplinäres Schaffen

gefestigt werden, an dem Musik mit Kunst

und anderen Ausdrucksformen zusammengeführt

wird. Durch das MediaLab- und das Stipendiatenprogramm

sowie durch das Vermittlungsprojekt

mit Schulen und die in Auftrag

gegebenen Soundwalks öffnet die Schlossmediale

Räume der Interdisziplinarität und für

gemeinsame Schaffensprozesse.

www.schlossmediale.ch

Portrait Pascal Viglino


CAROL | 2025 Neue Musik | 47

Vimbayi Kaziboni | © Astrid Ackermann

Wien (A)

Wien Modern 38

30.10. – 30.11.2025

1910 war Wien mit 2,08 Millionen

Einwohner:innen nach London, New York

City, Paris und Chicago und knapp vor Berlin

die fünftgrößte Stadt der Welt. 1988 war mit

1,48 Millionen ein Tiefpunkt erreicht, seitdem

wächst die Bevölkerung ähnlich schnell wie in

der Gründerzeit, bislang um 37% auf aktuell

2,03 Millionen. Das Wien-Modern-Gründungsjahr

markiert damit den Anfang einer rasanten

urbanen Entwicklung, die vom mythischen

Grau der 1980er in die heutige Metropole führt.

Was diese Dynamik rund um Migration und

Diversität mit Innovation zu tun hat, will Wien

Modern nicht mehr oder weniger grauen politischen

Theorien überlassen, sondern in der

erfreulich bunten musikalischen Praxis erlebbar

machen. Von der Eröffnung mit dem RSO Wien

und dem Wahlwiener Vimbayi Kaziboni (Foto)

bis zum Abschluss mit Hunderten von Menschen

aus ganz Wien – beides im Wiener Konzerthaus

– lädt Wien Modern zu zahlreichen Urund

Erstaufführungen von Zara Ali, Pierluigi

Billone, Jessie Cox, Chaya Czernowin, Katharina

Ernst, Clemens Gadenstätter, Yifan Guo, Clara

Iannotta, Mirela Ivicevic, Pierre Jodlowski, Jung

an Tagen, Emre Sihan Kaleli, Hannah Kendall,

Marina Khorkova, Alexander Khubeev, Malika

Kishino, Katharina Klement/Isabelle Duthoit/

Sabine Maier, Anna Korsun, David Kosviner,

Bernhard Lang, George Lewis, Philipp Maintz/

Ingeborg Bachmann, Koka Nikoladze, Hilda Paredes,

Stefan Prins, Hovik Sardaryan, schtum,

Tyshawn Sorey/Akua Naru u.v.a.

www.wienmodern.at

Wien (A)

Wiener Festwochen

16.5. – 22.6.2025

Die revolutionäre Kraft der Liebe feiern die

Wiener Festwochen | Freie Republik Wien vom

16. Mai bis 22. Juni 2025 im zweiten Jahr der

Intendanz von Milo Rau unter dem Claim V

is for loVe. Aufsehenerregende Künstler:innen

aus allen Kontinenten überziehen Wien mit

über 40 Theater- und Musikproduktionen,

Installationen und Community-Projekten,

davon elf Weltpremieren und zehn Eigenproduktionen.

Noch nie gab es bei den Festwochen

so viele Neu- und Eigenproduktionen,

so viele Welt- und Österreichpremieren wie in

dieser REPUBLIK DER LIEBE!

Die Freie Republik Wien ist nicht ein Gefäß,

sondern ein Gesamtkunstwerk – von der Eröffnung

über diverse Produktionen, den

Pk Wiener Festwochen 2025 | © Franzi Kreis

Themensetzungen bis zur Wiener Erklärung

(Verfassung der Freien Republik Wien). Der

Name Freie Republik Wien nimmt Bezug auf

historische Versuche, die „Republik“ (Res publica:

die Dinge von öffentlichem Interesse,

also alle Belange der Gemeinschaft) von den

gängigen Denkweisen, institutionellen Abläufen

und eingeschliffenen Normen zu befreien.

Also neu, befreit, gemeinsam, mit Humor und

Ernsthaftigkeit auf die Welt und Wien zu blicken.

Die Freie Republik Wien ist Ort der Produktion

und Präsentation von renommierten genauso

wie aufstrebenden Künstler:innen aller

Sparten, von experimentellen, radikalen und

etablierten künstlerischen Visionen aus der

ganzen Welt.

www.festwochen.at

Nicolas Berge | © Inês Pizarro Correia

Witten

Wittener Tage für

Neue Kammermusik #57

upcycling

2. – 4.5.2025

Ensemble Musikfabrik und Ensemble Scope

widmen sich dem Thema #FILTER. Das Kuss-

Quartett und Sarah Maria Sun laden ein zu

einem Kopfhörer-Konzert. Das Grau Schumacher

Piano Duo macht zwei Klaviere zu großen

Lautsprechern. Das Trickster Orchestra gibt

sein Witten-Debüt mit einem Konzert anlässlich

des WDR Liminal Music Prize. Die Musik

von Cassandra Miller, der Porträt-Komponistin

in diesem Jahr, stellt die Frage, wie man

aus alten Dingen schöne, neue Dinge macht.

Upcycling sagt man dazu. Das Vokalensemble

Exaudi, Ilya Gringolts, Lawrence Power und

Nicolas Altstaedt führen vor, wie das klingt.

Außerdem dabei: das Bozzini-Quartett und die

Sopranistin Juliet Fraser, das WDR Sinfonieorchester,

die Sopranistin Sara Defrise, die Geigerin

Silvia Tarozzi und der Sheng-Virtuose Wu

Wei. In neuen Stücken von Ondrej Adámek,

Nicolas Berge, Ketan Bhatti, Michael Finnissy,

Sara Glojnaric, Lucia Kilger, Malika Kishino,

Jessie Marino, Cassandra Miller, Brigitta Muntendorf,

George Lewis, Cymin Samawatie, Kelley

Sheehan, Ming Tsao, Clemens K. Thomas

u.v.m. Und bei Johannes Kreidler können Sie

alle Ihre Sorgen loswerden bei einem Wittener

Seufzer.

www.wittenertage.de

Beloved City, Richter Trio, 202 | © Admill Kuyler Cult, Jivoy, 2024 | © Admill Kuyler Lulier Pass Night Photo no Facade | © dbt (digital building technologies) der ETH Zürich

Riom (CH)

Origen

Nova Fundaziun Origen

16. – 19.10.2025

Origen ist eine Kulturinstitution in den Schweizer Alpen. Origen

wurde vor fünfzehn Jahren als sommerliches Theaterfestival

gegründet. Mittlerweile spielt Origen in jeder Saison. Vier

außergewöhnliche Bühnen bieten Raum für alle Sparten. Eine

Schauspieltruppe, drei Gesangsensembles und rund zehn Tanzformationen

aus aller Welt gestalten den Spielplan. Auf spektakulären

Freilichtbühnen kommt die Natur ins Spiel. Bahnhöfe,

Lokremisen, Stauseen, Dorfplätze und Wasserkavernen erlauben

große Atmosphären und neue Deutungen. Origen spielt in der

Welt. Origens Tätigkeit endet nicht am Bühnenrand. Die Nova

Fundaziun Origen engagiert sich in der kulturellen Vermittlung.

Kunsthistorische Führungen, Workshops, Werkeinführungen

und Forschungsprojekte schaffen Zugänge zur Kultur. Kooperationen

mit Hochschulen vermitteln zwischen Kunst, Forschung

und Bildung. Ein Verlag ediert historische Bücher und Bildbände

zu Theaterprojekten.

Origen engagiert sich für eine starke Baukultur. Die sanfte Nutzung

historischer Bauten erhält wertvolle Bausubstanz und bietet

qualitätsvollen Wohnraum. Die Renovation und Umnutzung

von Hotels, Emigrantenvillen, Bauernhäusern und Stallgebäuden

bringt Leben in die Dörfer, fördert die Bauwirtschaft und

schafft starke Standorte. Der Aufbau von Werkstätten ermöglicht

dringend benötigte Jobs und festigt die Lebensgrundlagen.

In den kommenden Jahren möchte Origen sein Tätigkeitsfeld

erweitern. Origens Gastronomie wird sich mit der kulinarischen

Tradition der Region auseinandersetzen und zur Ernährung forschen.

Für Riom werden neue Beherbergungsmodelle entworfen,

die auf die gebaute Substanz reagieren. Die Abteilung für

digitale Bautechnologien an der ETH entwirft für Origen neue

performative Raumskulpturen. Ein Campus in Riom wird die

Zusammenarbeit zwischen Kunst, Forschung und Wissenschaft

stärken.

Das Festival setzt auf innovative Theaterformate, die auf alten

Traditionen beruhen. Origen fördert die alteingesessene rätoromanische

Kultur und arbeitet gleichzeitig mit Künstlern internationaler

Kulturinstitutionen zusammen, wie etwa dem Wiener

Staatsballett, dem Ballett des MariinskyTheaters in St. Petersburg,

dem Orchester des Zürcher Opernhauses oder dem Ballett

der Pariser Opéra. In den vergangenen Jahren sind Hochschulen

wichtig geworden: Die ETH-Professoren Gion A. Caminada und

Benjamin Dillenburger haben sich mit der Dorfentwicklung

und mit neuen Bautechnologien befasst, die Universität St. Gallen

und die Fachhochschule Graubünden sind regelmäßig mit

ihren Studenten zu Gast. Origen

kooperiert mit allen Gemeinden der Regionen.

www.origen.ch

Eröffnung Weißer Turm und Zentrum für digitale

Bautechnologien in Mulegns

Im Frühsommer 2025 wird Mulegns zum Hotspot der digitalen

Baukultur. Der Weiße Turm von Mulegns wird am 20. Mai 2025

eingeweiht. Bundesrat Guy Parmelin wird an der Eröffnung

teilnehmen, ebenso der Präsident der ETH, Joël Mesot, und der

Kulturminister von Graubünden, Jon Domenic Parolini. Die Architekturwelt

schaut auf eine neue Ikone, die mitten im Passdorf

steht. Der Kanton Graubünden öffnet sich der digitalen Transformation,

die die weiten Täler belebt. Das Dorf Mulegns erhält

ein Symbol für tapferes Weiterleben. Der Weiße Turm wird das

kühnste, höchste, leichteste und vielleicht auch schönste digital

gedruckte Bauwerk der Welt.


48 | Neue Musik | Wallis

CAROL | 2025

links, v.o.n.u.: akusmatische Konzerte am MEbU (Münster Earport), akusmatische Konzerte und Workshops für Schulen, Simone Conforti am MEbU-Akusmonium; rechts, v.o.n.u.: Ulrike Mayer-Spohn und Javier

Hagen (UMS’nJIP) im MEbU, Simone Conforti und Ulrike Mayer-Spohn beim Einrichten des MEbU-Akusmoniums, MEbU (Münster Earport). Quellen: zVg Forum Wallis

Forum Wallis (CH)

Forum Wallis XVIII

28.5.–15.6.2025

Vom 28. Mai bis zum 15. Juni 2025 verwandelt sich das Oberwallis inmitten der höchsten Alpengipfel zum 18. Mal

in einen Neue Musik-Hotspot mit Ecken und Kanten: angesagte schweizer und internationale Acts der zeitgenössischen

Musik reichen sich dann am Festival Forum Wallis die Klinke und gewähren einen faszinierenden Einblick in

das bunte und vielfältige Schaffen der Neuen Musik.

Das Festival erstreckt sich über drei

Wochen und insgesamt 6 Spieltagen:

Am MEbU (Münster Earport) im

Goms finden die akusmatischen Konzerte

(28./29. Mai) statt, auf Schloss

Leuk die experimentellen Live-Acts

(31. Mai), und am 13./14. und 15.

Juni Konzerte mit dem Fokus auf neu

beleuchteter Volks- und Weltmusik,

wo das Festival mit den Konzerten

des Oberwalliser Volksliederchors zusammen

mit dem Ägypter Wael Sami

Elkholy auch in verschiedene oberwalliser

Dörfer ausschwärmt. Mit dabei

sind in der 18. Festivalausgabe die

schweizer Freejazz-Grössen Manuel

Mengis und Hans-Peter Pfammatter,

Roberto Domeniconi, Francesco Miccolis,

Flo Götte, Frantz Loriot, Marina

Tantanozi, Aya Masui, UMS’nJIP und

das griechische dissonArt Ensemble.

Die Ars Electronica Forum Wallis Selection

Concerts, welche 2025 vom

zum 10. Mal stattfinden und von Simone

Conforti (IRCAM Paris) kuratiert

und performt werden, finden am

MEbU (Münster Earport) im Goms

statt. 26 Werke kamen in diesem

Jahr in die Ränge, für 14 weitere gab

es eine Special Mention. Eingereicht

wurden 279 Werke von 249 KomponistInnen

aus 39 Ländern und allen

Kontinenten.

Das Forum Wallis ist ein internationales

Festival für Neue Musik und

findet im Wallis in der Schweiz statt.

Seit 2006 hat das Forum Wallis über

300 Uraufführungen mitproduziert

und Werke von über 500 KomponistInnen

aus aller Welt präsentiert,

darunter Stockhausens Helikopterstreichquartett

zusammen mit dem

Arditti Quartet, André Richard und

Air Glaciers, Holligers Alp-Cheer

und Cod.Acts Pendulum Choir. Zu

den regelmässigen Gästen des Festivals

gehören Weltklasse-Ensembles

wie recherche, Zafraan, UMS’nJIP,

dissonArt, Steamboat Switzerland,

Klangforum Wien oder Ensemble

Modern.

Das vollständige Festivalprogramm ist

online auf forumwallis.ch zu finden.

INTERVIEW

Wir sprachen mit Javier

Hagen, dem Künstlerischen

Leiter des Forum Wallis.

Was ist die Ars Electronica Forum

Wallis?

Javier Hagen: Die Ars Electronica

Forum Wallis (AEFW) ist eine seit

2015 bestehende Programmschiene

für akusmatische Musik innerhalb

des Festivals für Neue Musik Forum

Wallis. Deren Repertoire speist sich

Jahr für Jahr aus einem internationalen

Call for Acousmatic Works, 2025

feiert sie ihre 10. Ausgabe.

Wie kamen Sie dazu, diese in den

Walliser Alpen zu etablieren?

Javier Hagen: Akusmatische Musik

(Anm. d. Red.: Musik ausschliesslich

für Lautsprecher) ist in ansprechender

Qualität selten live zu erleben,

denn die technischen Anforderungen

sind komplex und die Instrumente

teuer. Am MEbU im Goms

verfügen wir aber über ein fix installiertes

State of the art-16-Kanal-Akusmonium.

Dieses wurde von Simone

Conforti, der am IRCAM in Paris

unterrichtet und für die Biennale

Musica in Venedig tätig war, designt

und eingerichtet. Somit können wir

denkbar beste Voraussetzungen für

akusmatische Musik bieten – und

mit dieser Programmschiene weitherum

auch ein einzigartiges Alleinstellungsmerkmal.

(schmunzelt) Zudem

ist akusmatische Musik angesichts

der Pracht der Walliser Alpen auch

ein Statement, das zum Nachdenken

anregt.

Bemerkenswert ist, dass beim Call

for Acousmatic Works der AEFW

keine Anmeldegebühren anfallen,

ebensowenig gibt es ein Ranking,

was sind die Gründe hierfür?

Javier Hagen: Es gibt zahlreiche

Wettbewerbe, deren Kosten zu einem

beträchtlichen Teil über die Anmeldegebühren

von KomponistInnen

finanziert werden und deren Preis-


CAROL | 2025 Neue Musik | Wallis | 49

v.l.n.r.u.o.n.u.: Francesco Miccolis, dissonArt Ensemble, Manuel Mengis, Hans-Peter Pfammatter, Flo Götte, Aya Masui, Roberto Domeniconi, Wael Sami Elkholy, UMS’nJIP,

Oberwalliser Volksliederchor. Quellen: zVg Forum Wallis

gelder im Verhältnis dazu symbolisch

sind. Wir vertreten den Standpunkt,

dass der Veranstalter die Mittel für

eine solche Konzertreihe nicht auf

die Mehrheit der – notabene nicht

ausgewählten – KomponistInnen abwälzen

sollte, sondern unabhängig

davon generieren muss.

Zur Rankingfrage: Uns geht es darum,

einer möglichst grossen Zahl von

Werken Visibilität zu verschaffen.

Lediglich drei Werke aus Hunderten

von Eingaben in einem Ranking zu

küren finden wir anmassend. Unser

Prinzip ist vielmehr ein aktivistisches.

Lassen Sie mich dies anhand des folgenden

Vergleiches etwas näher erläutern:

vor 40 Jahren – in Zeiten

vor Internet – gab es, sagen wir mal,

weltweit ein Dutzend unabhängiger

Bubbles, in welchen Neue Musik

MEbU

MEbU ist ein Akronym für Münster

Earport by UMS‘nJIP. Das MEbU

ist die Arbeits- und Wohnstätte

des Ensembles für Neue Musik

UMS‘nJIP (Ulrike Mayer-Spohn und

Javier Hagen) und gleichzeitig ein

Musiklabor, eine Konzertstube und

ein Kunstraum für zeitgenössische

Musik. Dessen Name verweist augenzwinkernd

auf den unmittelbar

benachbarten Flughafen Münster

(Münster Airport) im Goms, einem

alpinen Hochtal im Wallis im Quellgebiet

der Rhone. UMS‘nJIP gehören

seit 2007 zu den aktivsten Neue

Musik-Ensembles der Gegenwart,

sind mit verschiedensten Musikprojekten

in vierzig Ländern tätig und

haben mit über 1000 KomponistInnen,

Regisseuren, Ensembles

und bildenden Künstlern an den

weltweit wichtigsten Zentren für

Neue Musik zusammengearbeitet. In

Münster, Goms, kehren sie zu ihren

Wurzeln zurück: ihre Familie gehörte

mit fünfundzwanzig Ammännern

über Jahrhunderte zu den prägendsten

der Grafschaft. Im MEbU

machen UMS‘nJIP ihre Arbeit auch

öffentlich zugänglich: im Liederstadel,

in Schaukästen und in der Konzertstube,

wo Musikdarbietungen

verschiedenster Art von urchiger

Volksmusik bis hin zu avantgardistischen

und experimentellen elektronischen

Formaten exemplarisch

zu hören sind. In den vergangenen

beiden Jahren genossen die folgenden

Komponisten Arbeitsresidenzen

am MEbU: Simone Conforti, Mateu

Malondra, Manolis Ekmetsoglou,

Mehmet Can Özer, Mehmet Ali Uzunselvi

und Reuben de Lautour.

mebu.umsnjip.ch

gespielt, rezipiert und eben auch in

Wettbewerben gewürdigt wurde. In

jeder Bubble kamen jeweils etwa 20

KomponistInnen regelmässig in die

Ränge, was auf die weltweite Szene

hochgerechnet bedeutet, dass über

200 KomponistInnen die Preise weltweit

unter sich ausgemacht haben. In

unserer globalisierten Welt sind diese

Bubbles zu einer grossen zusammengeschmolzen,

aber die Anzahl der

gekürten KomponistInnen ist nicht

um den entsprechenden Faktor gewachsen.

Im Gegenteil, sie hat sich

verringert: gefühlt sind nicht mehr

als 50 KomponistInnen regelmässig

in den Top-Rankings zu finden. Das

sind 75% weniger, das professionelle

Spielfeld ist somit verknappt. Auch

wenn es nur ein Tropfen auf dem

heissen Stein ist: Indem wir nicht nur

eine Handvoll, sondern wie in diesem

Jahr 26 Stücke spielen und 14 weiteren

eine Special Mention verleihen,

bekommen überdurchschnittlich

mehr Werke ein Spielfenster und alle

KomponistInnen ein Zertifikat. Die

gespielten KomponistInnen erhalten

die Royalties und die Übernachtungen

bezahlt. Letztere entsprechen

alleine schon einem Gegenwert von

300 EUR pro KomponistIn. Insgesamt

finden wir das zielführender.

Die Jury der AEFW ist mit Kotoka

Suzuki, Reuben de Lautour, Jaime

Oliver La Rosa und Ihnen seit Jahren

dieselbe, hat dies eine spezielle

Bewandtnis?

Javier Hagen: Ja, das ist eine bewusste

Entscheidung: Wir haben ein

konstantes Jury-Ensemble, das über

die Jahre einen ästhetischen Diskurs

führt. Dieser wäre nicht möglich,

wenn die Jury jedes Jahr anders zusammengesetzt

würde. Der Austausch

der JurymitgliederInnen ist ausgesprochen

offen, und wir überblicken

gemeinsam eine Entwicklung über

mehrere Jahre, was besonders wertvoll

ist. Besonders ist auch, dass wir

über die individuellen Backgrounds

der JurymitgliederInnen — mit der

Ausnahme von Afrika, zumindest

noch für den Moment — sämtliche

Kontinente abdecken: Kotoka Suzuki

steht für den asiatischen Raum, Jaime

Oliver La Rosa für beide Amerikas,

Reuben de Lautour für den türkischarabischen

und austro-pazifischen

Raum und ich für das alte Europa.

Ist die akusmatische Musik männerdominiert?

Die Programm-Lineups

lassen zumindest diese Vermutung

zu.

Javier Hagen: Zahlenmässig scheint

dies der Fall zu sein, musikalisch ist

es aber nicht so: Unsere Erfahrung

zeigt, dass sich hinter den Stücken,

die wir intern über die Jahre am

höchsten bewertet haben, auffällig

oft KomponistInnen verbergen. Dabei

stellen diese in der Regel — und

leider — nicht mehr als 20% des Eingabekollektivs.

Sie kommen aber mit

ihren Stücken statistisch sehr weit

nach vorne. Wir wählen Stücke aus,

die wir aus verschiedenen Gründen

hörens- und vorstellenswert finden,

das Geschlecht spielt im Grunde keine

Rolle. Aber in mehreren Ausgaben

reichten KomponistInnen so gute

Werke ein, dass wir eine Beteiligung

von mehr als 50% gekürten KomponistInnen

hatten, und dies bei einer

Beteiligung von weniger als 25%!

Chapeau!

AEFW, quo vadis?

DIE RESULTATE DES

10. ARS ELECTRONICA

FORUM WALLIS CALL

FOR ACOUSMATIC WORKS 2025:

Concert Selection

(in alphabetischer Reihenfolge)

Alvarez Tobias, Paralelismos (MEX)

Bangun Setyawan Candra, Idrak (IDN)

Behrens Marc, L’écrit fantome (GER)

Bordin Matteo, Symbols (ITA)

Borrel Stéphane, The Favourites (FRA)

Cappelletti Nicola, Parallaxe.Parataxe (ITA)

Castro Pinto Joao, Circumsphere: to bounce and rebounce (PRT)

Cheung Chris, Casting light (HKG)

Curgenven Robert, Across Country (AUS)

Dall’Ara-Majek Ana, Mare Buchlae (FRA)

Delgado Gustavo, Strin[G]i(n)[Mi] (ARG)

Duchenne Jean-Marc, L’énigme des objets (FRA)

Fumo Frattegiani Nicola, Hybris (ITA)

Karkatselas Theodoros, Lacuum (GRC)

Koszolko Martin, Tympan (AUS)

Kubaczek Benjamin-Alan, Impromptu 8 (AUT)

Kuehn Mikel, Dancing In The Ether (USA)

Nguyen David Quang-Minh, Texture Arc The Points (USA)

Oliveira Joao Pedro, Pulses (BRA)

Orlandini Valerio, Jeu de Bruits (ITA)

Perez Simon, Las cifras y las palabras (ARG)

Sambucco Dominic, Versenkung (ITA)

Sintaratana Tanid, Fragments (THA)

Sismann Valentin, Morphaime (FRA)

Talebi Shahrzad, WatchTheOnlyWayHomeDisappear (IRN)

van der Loo Ernst, Void Population (NLD)

KomponistInnen mit einer Special Mention

(in alphabetischer Reihenfolge)

Argento Cristian, Gintas K, Guzman Roy, Harper Nathan, Hernández Elliot, Hernandez

Omar, Huerta Concepción, Magnien Léo, Moyers Timothy, Polymeneas-Liontiris

Thanos, Quint Ursel, Sintaratana Tanid, Soria Edmar, Turcotte Roxanne

Javier Hagen: Da die IGNM-VS, die

Ortsgruppe der Int. Gesellschaft für

Neue Musik, welche das Forum Wallis

organisiert, mit dem MEbU eine

mehrjährige Partnerschaft eingegangen

ist, können wir in den kommenden

Jahren jederzeit auf ein qualitativ

überdurchschnittlich gutes Instrument

zurückgreifen. Das MEbU hat

seit 2023 mit der Ars Acusmatica eine

eigene Konzertreihe für akusmatische

Musik im Goms aufgebaut und

bietet über das ganze Jahr weitere

Spielmöglichkeiten für akusmatische

Musik an. So werden wir in den kommenden

Jahren diese Aktivitäten verstärken

und bedeutend mehr Werke

spielen lassen können.

Das Gespräch führte Kai Geiger.

Sie gehören zu den KomponistInnen der Ars Electronica Forum Wallis 2025 Selection: v.l.n.r.u.o.n.u. Robert Curgenven, Marc Behrens, Tobias Alvarez, Benjamin-Alan Kubaczek,

Cristian Argento, Elliot Hernandez, Matteo Bordin, Ernst van der Loo, Ginas K, Nicola Fumo Frattegiani, Roy Guzman, Conchita Huerta. Quellen: zVg Forum Wallis


50 | Klassik 2.0

CAROL | 2025

Klassik 2.0

Kultur steht unter Druck und vor vielen Herausforderungen. In wirtschaftlich und politisch unruhigen und

fragilen Zeiten wird Kultur und deren Notwendigkeit (= Finanzierbarkeit) infrage gestellt und steht bei vielen

Kämmerern auf der Einsparliste ganz oben. Es vergeht kein Tag, an dem Kultureinrichtungen in Schieflage

geraten oder gar schließen und freischaffende Künstler:innen um ihre Existenz bangen müssen. Oft tritt

dabei die gesellschaftspolitische Bedeutung von Kultur in den Hintergrund, dabei trägt Kultur und die Kulturschaffenden

seit jeher zur Diversität, zum Ausgleich und der Befriedung in der Gesellschaft und der Welt

bei. Kultur fördert, schafft und schützt Frieden, doch wenn die Mittel knapp sind, ist dies nichts mehr wert.

em performed by all-male choirs and the Bergen

Philharmonic, conducted by Jan Willem

de Vriend. Festival Musician Grete Pedersen

conducts the Norwegian Soloists’ Choir on 30

May. On 1 June, pianist Shani Diluka performs

at Troldhaugen, and the festival closes on 4

June with the Bergen Philharmonic, conducted

by Gemma New, performing Mendelssohn’sA

Midsummer Night’s Dream and Grieg’s Piano

Concerto in A minor.

www.fib.no/en

Der demografische Wandel ist eine weitere Herausforderung und verändert

Deutschland so tiefgreifend wie kaum eine andere gesellschaftliche

Entwicklung. Die Alterung der Bevölkerung, deren wachsende Vielfalt

und das Nebeneinander von Wachstum und Bevölkerungsverlust einzelner

Regionen sind die zentralen Merkmale des demografischen Wandels

in Deutschland.

Auch die Digitalisierung, die über die Kultur wälzt und Spuren hinterlässt,

stellt die Kultur vor neue Aufgaben und Erwartungen, auf die sie bisher

zögerlich reagiert und an Tempo zulegen muss, um Entwicklungen und

„den Markt“ nicht zu verschlafen. In jeglichen Bereichen des sozialen Lebens

verbleiben tiefgreifende Veränderungen als Folge. Dabei erleben wir

jedoch nicht nur eine Transformation analoger Formen ins Digitale sowie

die zunehmende Verbreitung neuer digitaler Technologien und Medien,

sondern einen Wandel aller drei Pole unserer Kultur – des Menschen, der

Technik und der Gesellschaft. Während die Entwicklung digitaler Technologien

und Medien die Art der Wahrnehmung, das Denken und die

Kommunikation grundlegend verändern, bilden und etablieren sich fortwährend

neue Praktiken im Umgang der Menschen untereinander.

Die Gesellschaft für innovative Marktforschung in Heidelberg (GIM) und

der Heidelberger Frühling hatten 2022/2023 eine groß angelegte Studie

in Auftrag gegeben, die Zukunftsszenarien und -chancen für das klassische

Konzert in der Nach-Corona-Zeit untersucht und bewertet hat. Deren

spannende und aufschlussreiche Ergebnisse sind im Februar dieses Jahres

vorgestellt worden. Hierfür wurde die Sichtweise aller relevanten Akteure

– Publikum, Veranstalter:innen, Musiker:innen und Vertreter:innen

der Musikindustrie und Wissenschaft – einbezogen. Drei große und wirkmächtige

Trends: Digitalisierung, Diversität und eben auch die Nachhaltigkeit,

über die wir im Themenkomplex Green Culture berichten, haben

sich als Kernthemen abgebildet, wie auch die folgenden Hoffnungen in

der Zusammenfassung für das Konzert der Zukunft*:

Pierre Boulez | © C Harald Hoffmann

Baden-Baden

La Capital d’Été

Sommerfestspiele Baden-Baden

27.6. – 6.7.2025

Im Sommer macht man Urlaub, findet zu sich

und damit nach Baden-Baden: Das ganze 19.

Jahrhundert lang lief das so. Weil sich ändern

muss, was bleiben soll, wie es war, gestalten

wir aktiv die Zukunft der „Sommerhauptstadt

Europas“ und eröffnen dieses Jahr eine neue

Bühne in der weltberühmten „Gönneranlage“.

Die Sommerfestspiele greifen in die Stadt hinein,

gewinnen der klassischen Musik neue Hörer

hinzu und schaffen das Unmögliche: eine

„Silent Disco“ etwa, die ein junges Publikum

anspricht und dabei Rücksicht nimmt auf die

Mit dem Konzert der Zukunft verbinden sich vielfältige Erwartungen

und Wünsche, die mit dem gesellschaftlich-kulturellen und technologischen

Wandel einhergehen und ein sehr breites Spektrum für die

künftige Gestaltung des Konzerts ermöglichen.

Dabei wird es zunehmend auf eine zielgruppenspezifische Ausrichtung

unterschiedlicher Konzertformen ankommen (z.B. von „klassischtraditionell“

bis „modern-experimentell), wobei die Zielgruppen sich

jedoch keineswegs hermetisch abschotten, sondern durchaus offen für

Anderes und Neues sind.

Die gemeinsame Klammer bleibt, dass das Konzert als eine Form sui

generis von sämtlichen Zielgruppensegmenten weiterhin akzeptiert

wird: Der größte Wunsch an das Konzert der Zukunft ist, dass es als

Konzert bestehen bleibt und die größte Befürchtung ist, dass das Konzert

in seiner bisherigen Form nicht überlebt.

Seit Beginn verfolgt und unterstützt arttourist in seiner Arbeit genreübergreifendes

Denken und Arbeiten und möchte diesen neuen innovativen

Projekten und Vermittlungsformaten mit der neuen Rubrik Klassik Crossover

Raum und Gesicht geben und dies über die nächsten Jahre ausbauen.

Gerade bei der jungen Generation der Kulturschaffenden ist dies fast

schon State of the Art. Etablierte Einrichtungen folgen ihnen vorsichtig

bis zögerlich. Doch ohne ein Sich-Öffnen und Umdenken werden sie den

Herausforderungen nicht gewachsen sein, nicht gegen mögliche Konsequenzen

ankommen und womöglich den Kürzeren ziehen. Neue Wege

sind auch neue Möglichkeiten für Kooperationen, Partnerschaften auf

Augenhöhe mit anderen Playern aus Wirtschaft, Gesellschaft und Politik,

wo sich ganz neue, zukunftsfähige und vor allem nachhaltige Allianzen

bilden können.

*GIM l Gesellschaft für Innovative Marktforschung mbH, Heidelberg

www.g-i-m.com

Bedürfnisse der Natur. Yannick Nézet-Séguin,

für neun tolle Tage so etwas wie der inoffizielle

König der Stadt, eröffnet, nun draußen, die

diesjährige Sommergala. Zum Schluss huldigt

man auf der Festspielhaus-Bühne Mozart. Neben

dem Chamber Orchestra of Europe hat

der Dirigent diesmal auch ein Orchester aus

seiner Heimat mitgebracht: das kanadische

Orchestre Métropolitain de Montréal.

www.festspielhaus.de

Gaia24. Opera del Mondo | © Milena Schönfeldt

Birth Factory | © Milena Schönfeldt

Berlin

Schall & Rausch – Festival für

brandneues Musiktheater

12. – 15.2.2026

Unter neuer Leitung von

Benedikt Simonischek

Für vier pulsierende Nächte zieht Schall &

Rausch wieder in Berlin-Neukölln ein und verwandelt

das Areal der ehemaligen Kindl-Brauerei

in einen Pleasureground für alle, deren

Herz für brandneues Musiktheater und schillernde

Kontraste schlägt. Wir machen uns auf

die Suche nach aufregenden Symbiosen aus

Pop und Hochkultur, Spiritualität und Künstlichkeit,

Berliner Clubszene und afrikanischen

Übergangsriten. Gemeinsam mit der Neuköllner

Oper feiern wir den hereinbrechenden

Frühling als berauschende Fantasie von Opulenz

und den Triumph des Neuen über das

Alte! #KOBFestival

www.komische-oper-berlin.de

Rundfunk Sinfonieorchester Berlin Jazzik | © P. Meisel

Baden-Baden

Pfingstfestspiele Baden-Baden

100 JAHRE PIERRE BOULEZ

31.5. – 9.6.2025

Pierre Boulez – ein Gentleman und Revolutionär.

Er dinierte mit Staatsoberhäuptern

und wurde in der Schweiz auch mal in Untersuchungshaft

gesteckt. Das Festspielhaus

Baden-Baden feiert mit Pierre Boulez seinen

Ehrenbürger, der über 60 Jahre lang von seiner

Wahlheimat Baden-Baden aus die Musikwelt

aus den Angeln hob, zuallererst in Bayreuth

und Paris. Von den großen Orchestern der

Welt als Chef umworben, nahm

er manchmal an, schnitt alte Zöpfe ab und

schritt dann weiter, der Zweifelnde, seine Musik

ständig Überarbeitende, alles infrage Stellende.

Sie feiern sein Genie groß mit europäischen

Spitzenkünstlern, vielen Aktionen in

Baden-Baden, einer Ausstellung im Festspielhaus

und im Stadtmuseum.

www.festspielhaus.de

Martin Kohlstedt, 2022 | © J. Konrad Schmidt

The great yes William Kentridge © Stella Olivier Monika Rittershaus,

Festspillene i Bergen Norge Norway Festival

Bergen (N)

Bergen International festival

21.5. – 4.6.2025

For over 70 years, the Bergen International

Festival has been a meeting place for creative

forces in the UNESCO city of Bergen.

The 2025 festival opens on 21 May with The

Great Yes, The Great No by Artist in Residence

William Kentridge, followed by Oh To Believe

in Another World on 24 May, featuring

Dmitri Shostakovich’s 10th Symphony and

Kentridge’s stop-motion film. Mezzo-soprano

Joyce DiDonato makes her debut on 25 May.

On 28 May is the world premiere of Terminus,

a Norwegian opera by Therese Ulvo and

MaritEikemo. Also 28 May is Mozart’s Requi-

Berlin

Jazzik#3

Mehldau meets Bach- Rundfunk-

Sinfonierochester Berlin

Am 14. Juni 2025 verwandelt sich das Haus

des Rundfunks in Berlin in einen musikalischen

Schmelztiegel. Das Rundfunk-Sinfonieorchester

Berlin unter der Leitung von Clark

Rundell trifft auf den Jazzmagier Brad Mehldau.

Die dritte Ausgabe der Jazzik-Reihe beim

RSB verspricht eine wilde Reise durch Barock,

Klassik, Jazz und Moderne.

Das Programm beginnt mit Bachs strenger

Fuge, gefolgt von Beethovens monumentalem

„Sanctus Preludio“. Strawinskys „Präludium

und Fuge Nr. 10“ ist ein Hauch von Moderne,

während Rundells „Contrapunctus“ eine

Neuinterpretation traditioneller Techniken

präsentiert. Im Zentrum des Abends steht

Mehldaus Klavierkonzert - ein Werk, das die

DNA verschiedener Musikepochen in sich

trägt und zu etwas völlig Neuem mutiert.


CAROL | 2025 Klassik 2.0 | 51

Seine Improvisationen sind wie Quanten der

Musik – unberechenbar und faszinierend. Von

der New York Times als „einflussreichster Jazzpianist

der letzten 20 Jahre“ gefeiert, ist Mehldau

bekannt für seine Fähigkeit, musikalische

Grenzen zu verwischen und gilt als eine der

lyrischsten und intimsten Stimmen des zeitgenössischen

Jazzpianos.

Das Konzert dauert ca. eine Stunde (ohne

Pause). Im Anschluss an das Konzert sorgt ein

Jazz-Duo im Foyer für einen stimmungsvollen

Ausklang des Abends.

Wo beginnt Jazz und wo endet Klassik? Mit

der neuen Reihe Jazzik“ lässt das RSB seit der

Saison 2024/25 im Haus des Rundfunks Jazz,

Klassik und Minimal Music miteinander verschmelzen.

Auch in der kommenden Saison

wird es drei Konzerte der Reihe geben.

www.rsb-online.de

Essener Philharmoniker, die Folkwang Universität

der Künste, das Museum Folkwang und

die Philharmonie Essen vom 20. März bis 22.

Juni 2025 das Leben und Wirken der Künstlerin

Alma Mahler-Werfel.

Alma Mahler-Werfel (geboren am 31. August

1879 in Wien, gestorben am 11. Dezember

1964 in New York) ist nicht zuletzt durch ihre

Ehen und Affären mit Gustav Mahler, Oskar

Kokoschka, Walter Gropius und Franz Werfel

ein Begriff. Ihre künstlerische Tätigkeit sowie

ihre Person bilden die Grundlage für dieses interdisziplinäre

Projekt, das sowohl Alma Mahlers

Biografie als auch ihr – im Schatten der

berühmten Ehemänner stehendes – Schaffen

neu beleuchten wird.

www.doppelbildnisse.de

MFB2023EOeGlocke | © foto etage

Bremen

Musikfest Bremen

16.8. – 6.9.2025

Das Musikfest Bremen, 1989 von Intendant

Thomas Albert auf Initiative des Bremer Senats

und führender Partner:innen aus der

Wirtschaft als Projekt zur Stärkung der kulturellen

Strahlkraft des Standortes gegründet, ist

ein Festival für das Besondere.

Jahr für Jahr setzt man hier in der Programmgestaltung

bewusst auf stilistische Vielfalt und

Bandbreite – mit der künstlerischen Qualität

als oberster Maxime! Egal ob Oper, Sinfonik,

Chor- und Kammermusik oder Soloabende,

im Spannungsnetz historischer und zeitgenössischer

Repertoires, aktuellster und originalgetreuer

Interpretationen sowie altehrwürdiger

und unkonventioneller Veranstaltungsorte

entstehen Projekte, die das Musikfest zum

Klingen und sein Publikum zur Begeisterung

bringen. Das Musikfest-Konzept beweist Pioniergeist

und untrügliches Gespür für musikalische

Authentizität. So lässt sich in und

mit den Musikfest-Konzerten immer wieder

scheinbar Vertrautes neu entdecken und auch

Einblick in wenig bekanntes musikalisches

Terrain gewinnen – von Klassik über Jazz und

Weltmusik bis zu experimentellen Klängen.

www.musikfest-bremen.de

(v.l.) Wayne Götz (Künstlerische Projektleitung Folkwang Universität

der Künste), Dr. Diana Matut (Leiterin Alte Synagoge/Haus der

jüdischen Kultur), Prof. Dr. Andreas Jacob (Rektor Folkwang Universität

der Künste), Savina Kationi (Dramaturgin Aalto Musiktheater

und Essener Philharmoniker), Marie Babette Nierenz (Intendantin

Philharmonie Essen), Prof. Peter Gorschlüter (Direktor Museum

Folkwang); Foto: © TUP

Essen

DOPPELBILDNISSE

Alma Mahler-Werfel im Spiegel der

Wiener Moderne

20.3. – 22.6.2025

Sechs Essener Kulturinstitutionen schließen

sich auf kreative Weise zusammen und

widmen sich einer der faszinierendsten und

zugleich umstrittensten Persönlichkeiten

des frühen 20. Jahrhunderts: Mit dem Festival

DOPPELBILDNISSE. Alma Mahler-Werfel

im Spiegel der Wiener Moderne beleuchten

das Aalto Musiktheater, die Alte Synagoge, die

Bilderbuch | © Pascal Schattenburg

Gmunden (A)

Salzkammergut Festwochen

Gmunden

Ein Sommer voller Kultur

Wenn Kultur die Landschaft berührt, entsteht

Magie – und genau das macht die Salzkammergut

Festwochen Gmunden so besonders.

Eingebettet in die atemberaubende Kulisse des

Traunsees vereint das Festival große Autoren,

außergewöhnliche Künstler:innen und einzigartige

Erlebnisse.

Vom spektakulären Festwochen Open Air

mit Bilderbuch, Boney M und Philipp Hochmair

bis hin zu Nicholas Ofczareks gefeierter

„Schubertiade“ mit Georg Nigl. Literarische

und theatralische Meisterwerke wie Christian

Krachts „Eurotrash“, Michael Maertens und

Maria Happels szenische Lesung von Turrinis

„Alpenglühen“ oder Sven-Eric Bechtolfs & Regina

Fritschs „Weltverbesserer“ von Thomas

Bernhard, laden ein, in die Vielfalt der Erzählungen

einzutauchen.

Auch musikalisch verspricht der Sommer magische

Momente: Der brillante Kit Armstrong

entführt uns gemeinsam mit dem Minetti

Quartett in die Musik Mozarts und Franz

Schuberts, das Upper Austrian Sinfonietta feiert

den 200. Geburtstag von Johann Strauss

Sohn im historischen Stadttheater Gmunden

und Rolando Villazón und Daniela Dett verzaubern

gemeinsam mit dem Bruckner Orchester

Linz in der einzigartigen Kulisse der

Saline Ebensee. Thomas Quasthoff verspricht

musikalische Sternstunden während Ernst

Molden & Der Nino aus Wien Jazz und Songwriting-Kunst

vereinen.

www.festwochen-gmunden.at

Hamburg

Das Internationale

Musikfest Hamburg

„Zukunft“

1.5. – 5.6.2025

Die kommende Ausgabe des Internationalen

Musikfests Hamburg steht unter dem Motto

„Zukunft“. Zu den Gästen des renommierten

Festivals gehören nicht nur die Top-Orchester

aus Wien, München, Rom, London, Budapest

und Chicago, sondern auch viele der bedeutendsten

Künstler:innen unserer Zeit. Unter

den Solist:innen finden sich Publikumslieblinge

wie Lisa Batiashvili, Janine Jansen,

Camilla Nylund, Joshua Bell, Sol Gabetta,

Igor Levit, Daniil Trifonov, Mitsuko Uchida,

Seong-Jin Cho und Sir Andräs Schiff. John

Luther Adams ist mit seinem preisgekrönten

Orchesterwerk „Become Ocean“ präsent, das

Ensemble des Komponisten Philip Glass spielt

bei der Aufführung des zivilisationskritischen

Trio Wanderer | © Marco Borggreve

Herrenhausen

16. KunstFestSpiele

22.5. – 8.6.2025

Ingo Metzmacher verabschiedet sich mit einem reichen und vielseitigen Programm nach

zehn Jahren als Intendant von Hannover. Die 16. KunstFestSpiele Herrenhausen bringen

vom 22.5. bis 8.6.2025 so viele Künstler:innen wie nie zuvor in die Herrenhäuser Gärten.

Unter den rund 900 Künstler:innen sind 2025 auch zahlreiche lokale Mitwirkende:

Pianist:innen, Skateboarder:innen, Chorsänger:innen, Performer:innen und Blaskapellen,

die das Festival mitgestalten. Insgesamt zeigt das internationale Festival 23 künstlerische

Produktionen mit rund 80 Einzelveranstaltungen.

Das Programm der KunstFestSpiele mit Konzerten, Tanz und Theater, Zirkus, Performances

und Installationen rund um und in den berühmten Herrenhäuser Gärten zeigt neue und

unbekannte Arbeiten, präsentiert Werke von außergewöhnlichen Künstlerpersönlichkeiten

und setzt auf die Neugierde des Publikums. Mit zwei großen Outdoor-Happenings feiert das

Festival zudem auf besondere Weise das 350. Jubiläum des Großen Gartens.

kunstfestspiele.de

Einstein on the Beach © Claudia Höhne weiter auf Seite 53 >>


52 | Klassik 2.0 | Bamberg

CAROL | 2025

Bamberg (D)

Crossoverformate der

Bamberger Symphoniker

Eine Reise zwischen den Welten der Musik

alle Bilder © Marian Lenhard

Die Bamberger Symphoniker sind bekannt für

ihre außergewöhnlichen Konzertformate, die

scheinbar gegensätzliche musikalische Welten

miteinander verbinden. Mit ihren innovativen

Crossover-Projekten schlagen sie Brücken

zwischen Klassik, elektronischer Musik, Videospiel-Soundtracks

und Poetry Slam. Drei herausragende

Formate zeigen eindrucksvoll, wie

das wandelbare Orchester ungewohnte Klangräume

erschließt.

Klassik trifft Techno:

Eine Verschmelzung der Genres

Was zunächst wie ein Widerspruch erscheint, entpuppt sich

als faszinierendes Hörerlebnis: Technophonic ist eine visionäre

Klangreise, die klassische Orchesterklänge mit elektronischer

Avantgarde vereint.

Warcraft, und mit der Sängerin Aisling McGlynn tauchen die

Bamberger Symphoniker tief in diese Klangwelten ein. Das Orchester,

ergänzt durch E-Gitarre, E-Bass und Schlagzeug, nimmt

das Publikum mit auf eine Reise durch magische Wälder, dystopische

Zivilisationen und tückische Labyrinthe – ein Abend für

alle Spieler von Noob bis Hardcore-Gamer!

Slam Symphony:

Ein Dialog zwischen Musik und Poesie

Was passiert, wenn klassische Musik auf moderne Sprachkunst

trifft? Die Slam Symphony vereint orchestrale Klänge mit den

pointierten, rhythmischen Texten von drei der bekanntesten

Poetry Slammer:innen des deutschsprachigen Raums. Das Format

findet 2025 zum 11. Mal in Bamberg statt und genießt mittlerweile

Kultstatus.

Hier werden Noten in Worte verwandelt und musikalische

Themen in humorvolle, emotionale oder nachdenkliche Texte

übersetzt. Die Künstler:innen wetteifern um die Gunst des Publikums,

denn wer den meisten Applaus erntet, gewinnt den

Dichterwettstreit. Das Ergebnis ist eine interaktive Performance,

die Fantasie anregt und Genregrenzen zwischen gesprochenem

Wort und Musik überwindet.

Ein Orchester, das Klangwelten verbindet

Mit diesen einzigartigen Crossover-Projekten beweisen die Bamberger

Symphoniker, dass klassische Musik keine starren Grenzen

kennt. Sie öffnen neue Türen für musikalische Experimente

und schaffen Konzerterlebnisse, die Tradition und Innovation

in einem harmonischen Dialog vereinen. Ob Techno, Videospielmusik

oder Poetry Slam – hier wird die klassische Musik in

neue Kontexte gesetzt und so für ein breites Publikum erlebbar

gemacht.

Text: Mona Wölfel

Mittwoch, 30.4.2025: CLUBSYMPHONY: TECHNOPHONIC

Mittwoch, 25.6.2025: Video Games in Concert

Mittwoch, 12.11.2025: SLAM SYMPHONY

www.bamberger-symphoniker.de

Unter der Leitung von Francesco Tristano und Dzijan Emin beginnt

das Konzert mit der zeitlosen Musik von Johann Sebastian

Bach, interpretiert durch Klavier und Orchester. Im Verlauf des

Abends verschmilzt der klassische Klangkörper zunehmend mit

modernen Soundtexturen. Holz- und Blechbläser, Schlagwerk

und Streicher verweben sich mit den innovativen Kompositionen

von Tristano und Emin, bis die Elektronik im atmosphärisch

beleuchteten Konzertsaal schließlich das Zepter übernimmt.

Höhepunkt des Abends ist Tristanos Klavierkonzert, das nahtlos

in die legendäre Techno-Hymne „Strings of Life“ übergeht.

Dieser ikonische Track aus Detroit symbolisiert den perfekten

Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Zukunft – ein mitreißendes

Finale für ein elektrisierendes musikalisches Erlebnis.

Von der Konsole in den Konzertsaal: Eine sinfonische

Reise durch virtuelle Welten

Die Welt der Videospielmusik hat sich längst aus der Nische befreit

und ist heute ebenso ikonisch wie berühmte Filmsoundtracks.

Wer Tetris kennt, kennt auch die russische Melodie Korobeiniki,

die untrennbar mit dem Spiel verbunden ist. Doch

das Repertoire reicht weit über diesen Klassiker hinaus: Von den

epischen Klängen aus Fortnite, Resident Evil und Horizon bis zu

den atmosphärischen Soundtracks von World of Warcraft – die

Symphoniker bringen die beliebtesten Videospielkompositionen

in den Konzertsaal.

Unter der Leitung der renommierten Komponistin und Dirigentin

Eímear Noone, bekannt durch ihre Musik für World of


CAROL | 2025 Klassik 2.0 | 53

INTERVIEW

Wir sprachen mit Norina Bitta, Sabrina Henz und Katalin Müller von der

Educationarbeit der Bamberger Symphoniker:

Seit wann bieten die Bamberger Symphoniker

Crossover-Konzerte an, und welche programmatischen

Inhalte und Formate gibt

es?

Die Bamberger Symphoniker bieten seit über

zehn Jahren Crossover-Konzerte an, die klassische

Musik mit anderen Kunstformen und

Genres verbinden. Ein sehr etabliertes Format

ist die Slam Symphony, die symphonische

Werke mit einem Poetry-Slam-Wettbewerb

kombiniert. Das Orchester

spielt meist Programmmusik

wie zuletzt Berlioz‘ Symphonie

fantastique oder Griegs

Peer Gynt Suiten. Die Poetry

Slammer:innen greifen thematische

Elemente aus den

gespielten Werken auf und

verarbeiten sie literarisch.

Wer den Wettbewerb gewinnt,

entscheidet am Ende

das Publikum.

Die Club Symphony wird in der Saison

2024/25 erstmals in großem Rahmen aufgeführt.

Sie vereint die barocken Klänge Johann

Sebastian Bachs mit pulsierenden Techno-

Rhythmen und schafft so eine faszinierende

musikalische Symbiose. In kleinerem Rahmen

wurde dieses Konzept bereits als Kammermusik-Event

im Live Club erprobt.

Mit Video Games in Concert richten sich die

Bamberger Symphoniker an

die Gaming-Community.

Dieses Format feiert seine Premiere

und widmet sich den

bekanntesten Werken der Videospielmusik.

Es bietet eine

spannende Möglichkeit, die

emotionale Kraft orchestraler

Klänge in einem neuen Kontext

zu erleben.

Die Jazz Symphony, die 2021

erstmals realisiert wurde,

verbindet die klangliche Vielfalt des Jazz mit

symphonischer Musik. Sie zeigt, wie fließend

die Grenzen zwischen diesen beiden musikalischen

Welten sein können.

Ein besonders eindrucksvolles Projekt war The

Sound of Climate. Hier wurde klassische Musik

mit dreidimensionalen visuellen Effekten

kombiniert, um eine fesselnde Geschichte zu

erzählen. Im Mittelpunkt stand das Thema Klimawandel

und der Einfluss

des Menschen auf die Natur

– ein Konzert, das nicht nur

künstlerisch begeisterte, sondern

auch zum Nachdenken

anregte.

Norina Bitta | © Marian Lenhard

Sabrina Henz | © Marian Lenhard

Welches Ziel verfolgen Sie

mit diesen Konzerten? Wie

messen Sie den Erfolg und

sind Sie zufrieden damit?

Wie viele klassische Orchester

stehen auch die Bamberger Symphoniker vor

der Herausforderung, ein junges Publikum für

klassische Musik zu begeistern. Durch innovative

Konzertformate, die klassische Kompositionen

mit zeitgenössischen Strömungen verbinden,

schaffen wir einen neuen Zugang zur

Musik. Unser Ziel ist es, insbesondere junge

Menschen für klassische Musik zu gewinnen

und sie auch für andere Konzertformate zu interessieren.

Gleichzeitig möchten wir musikalische

Genregrenzen auflösen und klassische

Musik als universelle Kunstform erfahrbar machen.

Um eine Verbindung zur Lebensrealität

unseres Publikums zu schaffen, greifen wir

auf Anknüpfungspunkte wie Videospiele, Filme

oder Poetry Slam zurück. Darüber hinaus

verstehen wir das Konzerterlebnis nicht nur

als kulturelle Veranstaltung, sondern auch als

attraktive Freizeitaktivität. Langfristig möchten

wir die Konzerthalle als „dritten Ort“ im

Alltag der Menschen etablieren – einen Raum,

in dem sich Kultur, Gemeinschaft und Inspiration

vereinen.

Katalin Müller | © Marian Lenhard

Den Erfolg dieser Formate messen wir nicht allein

an den Ticketverkäufen. Der Aufbau eines neuen

Publikums erfordert Zeit, Geduld und Kontinuität.

Ein gutes Beispiel ist die Slam Symphony, die

über Jahre hinweg ein Stammpublikum gewonnen

hat und kontinuierlich wachsende Zuschauerzahlen

verzeichnet. Ein weiteres Kriterium sind

die unmittelbaren Reaktionen nach den Konzerten:

Begeisterte Gesichter, inspirierte Gespräche

und positives Feedback sind für uns wichtige Indikatoren.

Entstehen die Konzertformate

innerhalb Ihres Hauses

oder in Zusammenarbeit mit

Ihrem Publikum und externen

Agenturen?

Sowohl als auch. Einige Formate

wie die Slam Symphony oder

The Sound of Climate werden

inhouse oder in enger Kooperation

mit den Künstler:innen

entwickelt. Andere, wie Video Games in Concert,

basieren auf bewährten Konzepten, die bereits

an anderen Häusern erprobt wurden. Unabhängig

davon, ob eine Idee intern oder extern entwickelt

wird, müssen die spezifischen Gegebenheiten

vor Ort individuell berücksichtigt werden

– von der Kommunikation mit den beteiligten

Musiker:innen über Lichtkonzepte bis hin zu

organisatorischen Abläufen. Ein solches Konzert

ist nie ein fertiges „Paket“, das

einfach gebucht und durchgeführt

wird, sondern erfordert

stets eine maßgeschneiderte

Umsetzung.

Sind die Konzerte selbsterklärend,

oder werden sie durch

Ihr Education-Team begleitet?

Etablierte Formate wie die Slam

Symphony oder die Club Symphony

benötigen keine spezielle Vorbereitung.

Das Konzept wird meist im Rahmen der Veranstaltung

selbst kurz erläutert. Andere Programme,

insbesondere solche, die sich auch an Schulklassen

richten, werden durch unser Education-Team

begleitet. So gab es beispielsweise im Vorfeld von

The Sound of Climate Kooperationen mit Schulen,

in denen das Thema Klimawandel im Unterricht

behandelt wurde. Die Schüler:innen haben

eigene Gedanken entwickelt,

Wünsche formuliert und Plakate

sowie Bilder erstellt. Solche

begleitenden Maßnahmen

können ein Konzert zu einem

nachhaltigen Impuls für junge

Menschen machen, sich intensiver

mit bestimmten Themen

auseinanderzusetzen.

Gibt es musikalische Grenzen,

die nicht überschritten

werden dürfen?

Grundsätzlich nicht. Gerade Kombinationen, die

auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen,

können faszinierende Parallelen und neue musikalische

Möglichkeiten eröffnen. Ein Beispiel

ist die Club Symphony, in der Bach und Techno

nicht nur nebeneinander existieren, sondern

musikalisch ineinander übergehen. Solche Experimente

zeigen, dass klassische Musik keine festen

Grenzen hat und immer wieder neu definiert

werden kann.

Welche spannenden Projekte sind in Bamberg

noch nicht realisiert?

Es gibt sicherlich viele spannende Ideen, die in

Bamberg noch nicht umgesetzt wurden. Wir

erhalten regelmäßig neue Vorschläge für genreübergreifende

Projekte und stehen kreativen

Konzepten grundsätzlich offen gegenüber. Die

Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt, und wir

freuen uns darauf, auch in Zukunft neue musikalische

Wege zu beschreiten.

Das Gespräch führte Kai Geiger.

Filmklassikers „Koyaanisqatsi“ live dessen

Soundtrack. Ein Schwerpunkt gilt der visionären

Musik des Komponisten, Dirigenten

und einflussreichen Kulturnetzwerkers Pierre

Boulez, der im kommenden Jahr seinen 100.

Geburtstag gefeiert hätte. Das legendäre Art

Ensemble of Chicago kommt mit seinem Programm

„Great Black Music – Ancient to the

Future“ nach Hamburg, und der australische

Pianist und Komponist Zubin Kanga gastiert

im Rahmen eines Schwerpunkts zu Künstlicher

Intelligenz. Die Zukunft der klassischen

Musik klingt an, wenn das Jugendorchester

der brasilianischen Organisation „Neojiba“

in der Elbphilharmonie auftritt. lvän Fischer

dirigiert Gustav Mahlers opulente „Auferstehungssinfonie“

mit seinem Budapest Festival

Orchester, Alan Gilbert realisiert in der Elbphilharmonie

zwei Aufführungen von Alban

Bergs wegweisender Jahrhundert-Oper

„Wozzeck“.

www.elbphilharmonie.de

WDR Funkhausorchester, 2023 | © WDR, Dominik Mentzos

Köln

WDR Funkhausorchester

Mit einzigartiger Spielfreude und auf höchstem

Niveau bietet das WDR Funkhausorchester

unter Leitung von David Brophy

(Chefdirigent) und Enrico Delamboye (Erster

Gastdirigent) unterhaltende Musik in allen

Facetten. Seine Vielseitigkeit ist Programm –

ob Filmmusik, Musical, Gaming Sounds oder

Kinderkonzerte, ob Sinfonischer Jazz, Comedy,

Chanson oder Electro, ob Tango, Operette,

Oper oder klassische Lieblingsstücke: Das

WDR Funkhausorchester schafft inspirierende

Musik-Momente.

Dabei eröffnet das Ensemble ständig neue

Perspektiven auf die Welt der Orchestermusik.

Seine Konzerte erzählen Geschichten

und überzeugen mit kreativen wie lebendigen

Konzepten – kein Abend gleicht dem

anderen. Mit Leidenschaftlichkeit und Herzblut

erreicht das WDR Funkhausorchester

alle Altersgruppen und sorgt für Begeisterung

in den Konzertsälen und bei seiner digitalen

Fangemeinde.

Das WDR Funkhausorchester arbeitet regelmäßig

mit internationalen Künstlerinnen

und Künstlern zusammen: Till Brönner, Jonas

Kaufmann, Max Mutzke, Ute Lemper,

Bastian Pastewka, Eckart von Hirschhausen,

Carolin Kebekus oder Bodo Wartke. Damit

schafft das Ensemble Verbindungen zu ganz

unterschiedlichen Genres wie Film, Literatur,

bildende Kunst, Kabarett oder die Welt

der Computerspiele. Seit dieser Saison steht

das Orchester unter der Leitung von David

Brophy, der als Chefdirigent das WDR Funkhausorchester

in seiner Qualität und Vielseitigkeit

weiterentwickeln wird.

Programm:

Rocking Classic | 29.8.2025, 27.6.2026

La vie en Piaf | 19., 20.9.2025

Swinging Christmas mit Tom Gaebel |

19.12.2025

Alsman und Hope – persönlich | 15., 16.,

18.1.2026

Abenteuer Filmmusik | 1., 2.5.2026

Rise like a Phoenix: ESC-Hits in concert | 1.,

2., 6., 8., 9.5.2026

Danzón Cubano mit Marialy Pancheco, Klavier

| 15., 17.5.2026

www1.wdr.de/orchester-und-chor/funkhausorchester/

Orchestrascope | © Caroline Doutre

Linz (A)

Internationales Brucknerfest Linz

2025

AUGEN AUF, MUSIK!

Klänge sehen – Bilder hören

Von Bruckner zur Augenmusik

3.9. – 11.10.2025

Augen auf, Musik! Unter diesem Titel dreht sich

im diesjährigen Internationalen Brucknerfest

Linz alles um die Wechselwirkung von Klanglichem

und Visuellem, von Musik und Bild, um

die Moderne als „das visuelle Zeitalter“, wie

es der Historiker Gerhard Paul beschrieb. Den

Anstoß dazu gibt niemand anderes als Anton

Bruckner oder besser: das, was dieser auf den

ersten Blick nicht ist. Dem noch immer bestimmenden

Bild Bruckners als „absoluteste[r]

aller absoluten Musiker“ (Peter Raabe), der

seine Werke scheinbar frei von außermusikalischen

Assoziationen aufs Notenpapier bannte,

stellt das Festival die programmatischen,

bildhaften, geradezu haptischen Aspekte seiner

Musik gegenüber, mit denen Bruckner

einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf

spätere Komponist:innengenerationen ausgeübt

hat.

www.brucknerhaus.at/programm/internationalesbrucknerfest-linz-2025

Schlosshof Murten: Im Sonnenuntergang Open-Air-Konzerte

genießen. | © Willi Piller

Murten (CH)

27. Sommerfestspiele Murten

10. – 31.8.2025

Vielfalt wird bei der 37. Ausgabe der Sommerfestspiele

Murten Classics großgeschrieben!

Mit sieben verschiedenen Konzertsparten präsentiert

Murten Classics ein abwechslungsreiches

Programm, das die unterschiedlichsten

Facetten der Musik vereint – passend zum Festivalthema

„Familie“. 803 Musikerinnen und

Musiker aus ganz Europa kommen nach Murten

und nehmen sie mit auf eine Reise durch Klänge

und Emotionen. Außergewöhnliche familiäre

Konstellationen werden auf der Bühne zu erleben

sein: Geschwisterpaare als Solisten, ein Ehepaar

im Duett, Studienfreunde im Trio und ganze

Musikerfamilien wie die Taschensymphoniker.

Auch im weiteren Sinne wird der Familiengedanke

zelebriert – etwa durch das Georgische

Kammerorchester Ingolstadt, das seit Jahrzehnten

als künstlerische Heimat für herausragende

Musikerinnen und Musiker dient.

Neben den beliebten Schlosshofkonzerten, den

Kammermusikkonzerten und den Sommernachtskonzerten

im Schloss Münchenwiler

wird Murten Classics dieses Jahr eine konzertante

Operette im Programm haben, zwei Uraufführungen

und gleich drei Familienkonzerte,

extra ausgelegt für Kinder und ihre Begleitung.

Zusätzlich fördern sie mit den Projekten „Valiant

Forum“ und „SUISA en scène“ gezielt aufstrebende

Talente und geben jungen Musikerinnen

und Musikern eine Bühne. Ob als Solist

oder Komponist, Spannung ist sowohl bei den

Uraufführungen gegeben wie auch beim Preisträgerkonzert,

an dem die Finalisten um den

ersten Preis spielen.

www.murtenclassics.ch

weiter auf Seite 53 >>


54 | Klassik 2.0 | Jürgen Grözinger

CAROL | 2025

Jürgen Grözinger am DJ Pult | © PhareaNutello

Klassik meets

DJ-Sound

Philharmonie Berlin trifft Berghain

Auf einen Chopin-Walzer folgt Minimal Music von Philip Glass, auf Bach Steve Reich

und auf Beethoven Nils Frahm. Ob als DJ des WDR Klassik Klubs oder bei seinem eigenen

Klassik Klub Live Format – Jürgen Grözinger bewegt sich zwischen Klassik, zeitgenössischer

Musik in ihren unterschiedlichen Ausprägungen bis hin zur elektronischen

Musik der Music Clubs. Er ist in der Berliner Philharmonie genauso zu Hause wie im

Berghain oder Watergate, im Hamburger Bahnhof genauso wie im kleinen Club des

Aegis Cafés in Ulm, der Heimatstadt Grözingers.

Als Multipercussionist, Komponist, DJ, Klangtherapeut

und Gestalter von Festival- und Radioprogrammen ist er

vom Erleben von Klang und Rhythmus, von Farbe und

Struktur von Musik fasziniert und möchte diese Leidenschaft

mit seinem Publikum teilen und ihm vermitteln.

Seine DJ-Sets – wie auch seine Konzertprogramme im

Allgemeinen – versteht Jürgen Grözinger als Reisen für

Geist und Seele, als Anregungen für Intellekt und Gefühl.

Er möchte Räume kreieren, in denen Klassik, Pop,

Jazz, World und Electronica unabhängig von Schubladen

und auch fern von Mainstream-Erwartungen wahrgenommen

werden.

Der gebürtige Ulmer Jürgen Grözinger, der heute in Berlin

lebt, absolvierte ein klassisches Musikstudium mit

Hauptfach Perkussion in München und in Stuttgart mit

einem anschließenden Aufbaustudium Kulturmanagement

in Hamburg. Nach vielfältigen Tätigkeiten im

klassischen Umfeld gründete er 1996 das Ensemble European

Music Project dessen künstlerischer Leiter er ist.

Seit 1996 kuratiert er das Festival neue musik im stadthaus

ulm, das seit 2020 „KlangHaus“ heißt und biennal

und das nächste Mal vom 16. bis 19.4.2026 stattfindet.

Zeitgenössische Kammermusik, Elemente der Pop- und

Club-Musik, experimentelle Klänge, europäische Traditionen,

außereuropäische Einflüsse, ganz herausragende

Musiker:innen fast hautnah zu erleben, oft in einer überraschend

ungewöhnlichen Bespielung des Raumes – all

dies kommt im KlangHaus live zusammen. Große Komponisten

wie Michael Nyman, David Lang, Klaus Huber,

Samir Odeh-Tamimi, Bernd Franke oder Dieter Schnebel

waren im KlangHaus persönlich zu Gast.

Jürgen Grözinger im Aegis Café, Ulm | © Rasmus Schöll

INTERVIEW

Wir sprachen mit

Jürgen Grözinger

Sie sind ein gefragter Musiker,

Ideengeber und Kurator verschiedener

Formate. Spannend finde

ich Ihre Tätigkeit als Klassik DJ,

Organisator von Opera und Concert

Lounges und als Partner im

WDR Klassik Club. Wie kamen

Sie auf das Format und was ist

Ihre Mission?

Jürgen Grözinger: Wahrscheinlich

hatte ich schon immer eine Art „inneres

Bedürfnis“, meinen Freunden

und Bekannten gute und, wie ich

meinte, „relevante“ Musik näherzubringen.

Ich sage das nicht ohne

eine gewisse selbstkritische Ironie

im Rückblick. Ohne dass ich mich

DJ nannte, stellte ich Tapes her oder

legte ab und zu in Bars auf. Schon

lange vor den ersten sogenannten

„Klassik-Lounges“ verband ich klassische

Live-Auftritte mit DJ- Parts.

Die Kategorisierung von „E und U“

war mir dabei längst ein Gräuel. Ich

verstand meine Veranstaltungen,

die sich zuerst meist in ziemlich

überschaubarem Rahmen abspielten,

gleichsam als anspruchsvolles

Konzert – und als Party. Ich lud

Freunde und Bekannte aus unterschiedlichsten

Szenen zu diesem

„grenzenlosen Musik-Erleben“ ein.

Mit meinem Umzug nach Berlin im

Jahre 2000 eröffnete sich mir für

diese Idee ein größeres Podium: Als

Per Hauber, heute bei Sony und damals

Mitbegründer des mittlerweile

legendären „Yellow Lounge“-Projekts

des Deutsche Grammophon-

Labels, eine meiner Mix-CDs in die

Hand bekam und ich eingeladen

wurde, mein Können in einem der

angesagtesten Berliner Clubs unter

Beweis zu stellen, war mein offizieller

Grundstein für die „Klassik-DJ-

Karriere“ gelegt.

Nach wie vor interessiert mich

dabei die Idee des „Abenteuers

der Sinne“, in dem Fall vor allem

des Hörens. Ich wünsche mir unvoreingenommenes

und unverkrampftes

Hören oder noch weiter

gefasst – Erleben von Musik. Der

Respekt im Umgang mit den Werken,

die ich auflege, ist für mich

dabei elementar, auch wenn es

einem orthodoxen Klassik-Hörer

vielleicht zuwider läuft, wenn das

Ende eines Stücks unmerklich in

den Beginn des nächsten übergeht,

wenn ich Stücke des frühen Barock

mit Klangflächen Ligetis mixe oder

elektronischer Clubmusik entnommene

Klänge dynamisch einwebe.

Ist zeitgenössische Musik DJtauglich

oder welche Vermittlungsformate

taugen für die zeitgenössische

Musik?

Jürgen Grözinger: Als „DJ-tauglich“

würde ich sie nur begrenzt

bezeichnen. Wobei es natürlich

ganz unterschiedliche „zeitgenössische

Musik“ gibt. Sicher lässt sich

pattern- orientierte Minimal-Music


CAROL | 2025 Klassik 2.0 | 55

von Steve Reich, Terry Riley oder Philip Glass

besser in ein Set integrieren als die komplexen

Werke von Komponisten wie Wolfgang

Rihm oder Brian Ferneyhough. Grundsätzlich

verlangt klassische Musik im DJ-Kontext

umfangreiche Repertoire-Kenntnis und ein

hohes Maß an musikalischem Gespür.

Im Rahmen meiner diversen Klassik-Lounges

und auch des Radio-Klassik-Klubs auf WDR

3 spiele ich selbstverständlich nicht nur zeitgenössische

Musik. Jedoch gelang es mir oftmals

gerade bei diesen für viele unbekannten

Stücken, Neugier bei den Hörern zu wecken,

die sich in Fragen nach Urhebern äußerten.

Klassik-Lounges sind jedoch keine Selbstläufer:

Sie bedürfen ausgeklügelter Konzeption,

Vorbereitung und präziser Durchführung.

Dann jedoch sehe ich sie als ideales Format

in der Vermittlung klassischer und auch zeitgenössischer

Musik. Ich lerne viel für meine

Konzert-Konzeptionen durch die Wahrnehmung

des Publikums in den diversen Klassik-

Klubs – ebenso wie meine vorbereitenden

Gedanken zu Festival- und Konzert-Programmationen

auch im DJ-Set ihre Entsprechung

finden.

Seit diesem Jahr sind Sie mit einem Live-

Klassik Klub Format unterwegs, das kurz

vor seinem Start durch die Pandemie

ausgebremst wurde. Ein Format, dass Ihnen

mehr Möglichkeiten und Diskurs mit

dem Publikum gibt. Was passiert in diesen

Klub-Konzerten, wie muss man sich das

vorstellen?

Jürgen Grözinger: Im Unterschied zum

Radio-Format „Klassik-Klub“ auf WDR 3,

das nicht nur ich, sondern mittlerweile ein

großer Hörerkreis ganz großartig findet, das

ohne Moderatoren auskommt und rein auf

klassische Musik fokussiert ist, sind meine

Live-Klubs direkter, spontaner, persönlicher.

Ich spreche über die Musik, erzähle Hintergrunde

oder persönliche Verbindungen dazu.

Der Kern bleibt klassisch – von frühem Barock

bis Gegenwart –, aber ich öffne die Sets

bewusst in Richtung Jazz, Soul oder Elektronik,

wenn es passt. Die Dramaturgie basiert

auf einem Konzept, das oft ein übergeordnetes

– auch außermusikalisches – Thema hat.

Das Fine-Tuning geschieht dann in Echtzeit,

beeinflusst von Raum, Publikum und Energie.

Außerdem gibt es in meinen Live-Klassik-

Klubs jeweils einen Live-Act.

Genauso wichtig wie die Musik ist das Setting:

Möblierung, Licht, Atmosphäre – all das

formt das Erlebnis.

Ist das DIE Zukunft der Klassik, der Opernhäuser,

Orchester und Klassikfestivals, die

ihre Abonnenten und ihr Kernpublikum

altershalber nach und nach verlieren, und

sie nun vermehrt mit schnelllebigen Medien-

und Social Media Formaten aufnehmen

müssen?

Jürgen Grözinger: Nicht die Zukunft, aber eine

wichtige Erweiterung! Klassische Musik kann

durch solche Formate neue Zugänge schaffen,

ohne sich anzubiedern. Social Media hilft, neugierig

zu machen – aber als Teaser, nicht als Ersatz

für echten kulturellen Tiefgang.

Wie muss sich aus Ihrer Sicht der etablierte

Kulturbetrieb verändern oder öffnen, um

langfristig zu überleben?

Jürgen Grözinger: Der etablierte Kulturbetrieb

braucht Menschen, die sich auch außerhalb

der Hochkultur authentisch bewegen.

Museale Inszenierungen bringen uns nicht

weiter, aber „hippe“ Kosmetik auch nicht. Es

geht um Glaubwürdigkeit, nicht um „Jeans“

oder scheinbar coole Fabrikhallen. Wir müssen

neue Zugänge schaffen – aber mit echter

Begeisterung, nicht als Pflichtübung.

Ich bekomme oft Rückmeldungen von Menschen,

die sagen: „Eigentlich höre ich keine

Klassik – aber das hier hat mich gepackt.“ Genau

darum geht’s: Brücken bauen, neue Perspektiven

öffnen.

Das Gespräch führte Kai Geiger.

instagram.com/juergengroezinger_music

Andras Schiff © Petra Hajska

Prag (CZ)

Prague Spring

International Music Festival

12.5. – 3.6.2025

World-class orchestras, the return of renowned

artists and ensembles, fresh faces making

their Czech and festival debuts, as well as

world and Czech premieres – these are just

a few of the highlights of the 80th edition

of the Prague Spring International Music Festival,

which will take place from 12 May to 3

June 2025.

“The programme of the 80th edition of the

Prague Spring is deeply rooted in the vision

instilled by its founder Rafael Kubelík back

in 1946: to showcase the finest and most

fascinating offerings from the world of classical

music while enriching the Czech cultural

landscape with diversity and artistic

dialogue”, says the festival’s director Pavel

Trojan. “The commemoration of eighty years

since the end of the Second World War and

a reflection on the rich history of the Prague

Spring, one of the oldest European festivals of

classical music, have become both a responsibility

and a challenge for us. The programme

for this anniversary honours tradition while

confidently looking to the future. We present

a repertoire that brings the best from the

world of classical music, that inspires, explores,

provokes thought, and does not forget to

feature young Czech artists and creators. I believe

that in doing so, we reaffirm the prestigious

standing of the Prague Spring not only

on the Czech cultural scene but across Europe”,

he adds.

festival.cz

Weimar

Kunstfest Weimar

20.8. – 7.9.2025

Neuer Zirkus aus Taiwan, südafrikanischer

Tanz und das Open-Air-Konzert eines Local

Hero im Weimarhallen-Park. Nachdem bereits

die beiden Konzerte von Dee Dee Bridgewater

und Anne Meredith – in Kooperation mit

Schallkultur – erfolgreich in den Vorverkauf

gestartet sind: Zum dritten Advent präsentiert

das Kunstfest Weimar weitere Highlights der

nächsten Festivalsaison vom 20.8. bis 7.9.2025

– der letzten von Kunstfest-Leiter Rolf C. Hemke,

der in den Spielzeiten seit der Pandemie

jedes Jahr aufs Neue Rekord-Besuchszahlen

vermelden konnte.

Tanzfans werden sich auf das Wiedersehen mit

Gregory Maqoma und seinem Tanzensemble

freuen. Der sensationelle Festivalhit „CION“

(2022) ist vielen Zuschauern noch in bester

Erinnerung. Nun kommt das große Nachfolgeprojekt

als europäischen Erstaufführung

nach Weimar: Bei „Genesis - The Beginning

and End of Time“ (Sa., 30.8., 18 Uhr und So.,

31.8., 20 Uhr, DNT Großes Haus) arbeitet der

Starchoreograf erneut mit Komponist Nhlanhla

Mahlangu zusammen, um Rhythmen und

Melodien zu vertanzen, die von der Lebendigkeit

und Virtuosität der Kulturen Südafrikas

durchdrungen sind – mit acht Tänzer:innen

und polyphoner Live-A-Cappella eines achtköpfigen

Chores.

Erster Höhepunkt eines weiteren Taiwan-

Schwerpunkts im Kunstfest-Programm ist

die Familien-Produktion des FOCASA Circus

– der ältesten und renommiertesten New

Circus-Company aus Taiwan. Die europäische

Erstaufführung „Moss“ (deutsch: Moos) ist

eine Zusammenarbeit mit dem binationalen

deutsch-taiwanesischen Choreografie-Duo

Peculiar Man Jan Möllmer und Tsai-Wei Tien,

beide eng mit dem Tanztheater Pina Bausch

Martin Kohlstedt | © Karine Bravo

verbunden (Sa., 23.8., 18 Uhr und So., 24.8.,

16 Uhr, DNT Großes Haus).

2024 bekam das Publikum in zwei völlig

ausverkauften Konzerten nicht genug von

Martin Kohlstedt! Natürlich ist der Bauhaus-

Uni-Absolvent und „Local Hero“ Weimars

auch beim Festival 2025 mit dabei – Open Air

auf der Seebühne im Weimarhallenpark. Der

Komponist, Pianist und Produzent schart ein

Publikum aus Hoch- und Clubkultur um sich.

Ihm gelingt es wie kaum einem anderen Musiker

seiner Generation, akustisches Klavier

und Electronica miteinander zu versöhnen.

So kann das Live-Erlebnis klassisches Klavierkonzert

bedeuten, improvisierte Introspektion

oder ausufernde Festivalshow. „Martin Kohlstedt

Live“ (Fr., 22.8., 20.30 Uhr) ist das einzige

Konzert des Künstlers in Thüringen im Jahr

2025. Das Open-Air-Konzert ist eine Kooperation

mit der Stadt Weimar und wird ermöglicht

durch die großzügige Unterstützung vom

Kunstfest-Hauptsponsor 2025, der Sparkasse

Mittelthüringen.

www.kunstfest-weimar.de

Der Simmerring © Ronja Elina Kappl

Wien (A)

Musiktheatertage Wien

17. – 27.9.2025

Vom 17. bis 27. September 2025 präsentieren

die MUSIKTHEATERTAGE WIEN an verschiedenen

Spielorten in Wien aktuelle Werke des

zeitgenössischen Musiktheaters aus Österreich,

Europa und weiteren Ländern. Insgesamt

werden neun Produktionen gezeigt, die

ein vielfältiges und facettenreiches Programm

bieten: Von einer Musikperformance, die auf

Zeichensprache basiert, über Operettenradau

bis hin zu einem VR-Escape-the-Room Musiktheater-Spiel.

Die Festivaledition 2025 setzt durch spielerische

Weisen auf eine Ergänzung von klassischen

Musiktheaterformaten mit unkonventionellen

Formaten an ungewöhnlichen

Orten sowie durch technische Innovationen:

Bei THE RISE wird kulturelle Teilhabe über

das Finden von einer neuen gemeinsamen

Sprache erfahren, wobei die Künstler:innen

in THE RESILIENCE OF SISYPHOS das Publikum

durch ein gamifiziertes Musiktheaterspiel

führen. PULVER sowie LET ME PLAY

THE LION TOO nehmen sich das altbewährte

Klavier zu einem Hauptmerkmal des Stückes

und testen die Grenzen des Instrumentes und

dessen technische Ergänzungen.

www.mttw.at

Eutin I 20.-22. Juni – Travemünde I 17. - 27. Juli

Tickets online

buchen unter:

www.classicalbeat.de/ticket


56 | Klassik 2.0 | Konstanz

CAROL | 2025

"In between": ein Konzert der neuen Xperiment-Reihe, bei dem das Publikum im wahrsten Sinne des Wortes mittendrin war. | © Andrea Jarnach

Konstanz (D)

Zukunftsmusik

Wie die Bodensee Philharmonie und die Stadtgesellschaft zusammenwachsen

Die Bodensee Philharmonie will sich unter dem

Motto „Zukunftsmusik“ über einen Zeitraum

von zwei Jahren neue Räume erschaffen und

mit den Bürger:innen in der Stadt und der Region

in Kontakt und in einen intensiven Austausch

über gesellschaftlich relevante Themen

miteinander kommen. Nach der Themenwoche

„Klima und Nachhaltigkeit“ im Oktober vergangenen

Jahres wird es in diesem Jahr neben dem

Thema „Demokratie“ auch um die Themen

„Vielfalt“ und „In Kontakt kommen“ gehen.

Interessierte können dafür ihre Projektideen bei

der Bodensee Philharmonie einreichen. Ziel ist

es, sich gemeinsam mit den Bürgerinnen und

Bürgern spielerisch und künstlerisch mit dem

jeweiligen Thema auseinanderzusetzen. Hier

wird Musik nahbarer und erfahrbarer gemacht

und kommt direkt in die Stadt!

INTERVIEW

Wir sprachen mit Andrea

Hoever, Musikvermittlerin

und Projektleiterin der

Zukunftsmusik.

Die Bodensee Philharmonie wagt

mit Zukunftsmusik neue Wege.

Was steckt hinter diesem Projekt?

Andrea Hoever: Zukunftsmusik ist

ein zweijähriges Projekt, das uns

erlaubt, neue Formate zu erproben

und mutige Experimente zu wagen.

Unser Ziel ist es, das Orchester

stärker für die Stadt zu öffnen und

nicht nur unser klassisches Stammpublikum

anzusprechen, sondern

auch Menschen einzubeziehen, die

bisher keinen Bezug zur Philharmonie

hatten.

Dafür wählen wir gezielt gesellschaftlich

relevante Themen aus

und entwickeln in Kooperation

mit PartnerInnen innovative Konzepte.

So entstehen neue Kontakte

und Netzwerke, die langfristig

die Bodensee Philharmonie und

die Stadtgesellschaft enger verbinden.

Gleichzeitig hinterfragen wir

strukturelle Prozesse innerhalb des

Orchesterbetriebs: Welche Veränderungen

braucht es, um nachhaltige

Zusammenarbeit mit der Stadt zu

ermöglichen?

Ich bin sehr froh, dass wir innerhalb

der Bodensee Philharmonie

auf so eine große Offenheit stoßen.

Unser Chefdirigent Gabriel

Venzago war bei der Ausarbeitung

Frei und kostenlos für alle Bürgerinnen

und Bürger, die Neues

entdecken und sich inspirieren

lassen wollen. Auf dem

Programm standen und stehen

nicht nur Musik, sondern auch

Theater, Performance, Vorträge

mit Podiumsdiskussionen z.B.

zum Thema „Missbrauch klassischer

Musik durch die Politik“,

ein Escape-Spiel, Blind-Date-

Formate, plötzliche, überraschende

und manchmal auch

spontane Auftritte in Kooperation

mit verschiedensten Organisationen

wie dem Bündnis für

Demokratie oder dem BUND.

Gefördert wird Zukunftsmusik

von der Bundesförderung „Exzellente

Orchesterlandschaften“

mit insgesamt 400.000 Euro,

des Projekts Zukunftsmusik von

Anfang an sehr stark beteiligt und

bringt nach wie vor stets frische

Impulse in das Programm. Und mit

Dr. Hans-Georg Hofmann haben

wir einen Intendanten, dem die Bedeutung

dieser neuen Wege für die

klassische Musik ebenfalls bewusst

ist und die interne Umstrukturierung

tatkräftig vorantreibt. Wir ziehen

hier alle an einem Strang und

Andrea Hoever ist Musikvermittlerin und Projektleiterin der Zukunftsmusik.| © Anne Hornemann

womit innovative künstlerische

Projekte und Vermittlungsprogramme

zu Themen wie Nachhaltigkeit

und Diversität, die

über das gewohnte Tätigkeitsfeld

der Klangkörper hinausgehen,

unterstützt werden.

Die Bodensee Philharmonie

Konstanz wurde 1932 gegründet.

Sie gehört zu den wichtigsten

Kulturträgern des deutschen

Südwestens, prägt das kulturelle

Angebot der Universitätsstadt

Konstanz und stellt auch im

Konzertleben der Schweiz eine

wichtige Größe dar.

Mit über 60 fest angestellten

Musikern erreicht das Orchester

bei über 100 Konzerten pro Jahr

ca. 80.000 Menschen.

das ist fantastisch, denn ohne die

interne Unterstützung, gerade auch

durch das Orchester, wäre das Vorhaben

Zukunftsmusik nicht umsetzbar.

Welche Ziele und Strategien verfolgen

Sie mit Zukunftsmusik

und wo stehen Sie in einer ersten

Bewertung nach einem halben

Jahr und zwei Exzellenzwochen

zu den Themen „Klima und Nachhaltigkeit“

und „Demokratie“?

Andrea Hoever: Die bisherigen

Projektwochen zu Klima & Nachhaltigkeit

sowie Demokratie waren

ein voller Erfolg. Sie haben gezeigt,

dass die Bodensee Philharmonie

als Plattform für gesellschaftlichen

Austausch sehr gut funktioniert. Es

war inspirierend zu sehen, wie Musik

dazu beitragen kann, drängende

gesellschaftliche Themen greifbar

zu machen und neue Perspektiven

zu eröffnen.

Neben neuen Konzertformaten ist

ein zentraler Aspekt die notwendige

Flexibilität innerhalb des Betriebs:

Zusätzliche Formate benötigen

neue organisatorische Modelle,

Auch 83 integriert wirkte mit Vorträgen zum Thema Heimat bei „In between“ mit.

© Andrea Jarnach

die wir nun gezielt angehen. Die

große Offenheit bei unseren PartnerInnen

und im Publikum motiviert

uns sehr, hier voranzukommen.

Besonders beeindruckend war

die positive Resonanz auf unser Upcylcing

Xperiment Konzert auf dem

Konstanzer Wertstoffhof mit der Solistin

Vivi Vasileva im Rahmen von

Klima & Nachhaltigkeit. An diesem

außergewöhnlichen Konzertort haben

die MusikerInnen und KooperationspartnerInnen

Weggeworfenem

neues Leben eingehaucht – die

Menschen waren begeistert! Und

auch die Veranstaltungen in unserer

Demokratiewoche, bei der Musik

und aktuelle gesellschaftliche

Themen miteinander verbunden

wurden, traf durchweg auf positive

Resonanz. Hier haben wir zum

Beispiel auch zusammen mit der

Schlüsselmomente Escape Room

GbR das Live-Spiel „Among Bodensee

Philharmonie“ entwickelt, bei

dem die Teilnehmenden unter Zeitdruck

ein Konzert aufbauen müssen

und zur Belohnung ein echtes

Konzert bekommen. Dank der breiten

Palette an kostenfreien Veran-


CAROL | 2025 Klassik 2.0 | Konstanz | 57

Konzerte finden in Konstanz auch an ausgefallenen Orten statt, wie etwa auf dem Konstanzer

Wertstoffhof. | © Hans-Georg Hofmann

Das Konzert bei Among Bodensee Philharmonie | © Michael Baker

Die Musiker freuen sich über neue Konzertformate | © Andrea Jarnach

Beim Klimaspaziergang „Lets Walk together“. Eine Kooperation mit dem BUND im Rahmen der ersten Exzellenzwoche. | © Michael Baker

staltungen konnten wir ganz neue

Zielgruppen erreichen. Wir sind

gespannt, wie die Vielfaltswoche

im April angenommen wird, und

haben Anmeldelinks eingerichtet,

um den Andrang besser zu steuern.

Welche Rolle spielen solche Projekte

für die Zukunftsfähigkeit

von Orchestern?

Andrea Hoever: In Zeiten sinkender

Zuschüsse und politischer

Unsicherheiten sind Projekte wie

Zukunftsmusik essenziell. Die deutsche

Orchesterlandschaft muss sich

darauf einstellen, neue Zielgruppen

zu erschließen und sich aktiv in die

Stadtgesellschaft einzubringen. Unsere

Förderung durch das Programm

Exzellente Orchesterlandschaft des

Bundes bestätigt die Relevanz dieses

Ansatzes. Gerade in einer Zeit,

in der Kultur oft zur Disposition

steht, müssen Orchester neue Wege

finden, um ihre Bedeutung in der

Gesellschaft zu unterstreichen.

Ein weiteres Ziel ist es, unsere Erkenntnisse

mit anderen Orchestern

zu teilen. Gemeinsam mit

kulturgut – agentur für evaluation

& resonanz evaluieren wir unseren

Prozess und entwickeln eine Art

„Schablone“ für diesen neuen Ansatz.

Es geht nicht darum, das philharmonische

Konzert zu ersetzen,

sondern eine Balance zu finden, die

klassische Musik für eine breitere

Gesellschaft öffnet. So kann das Orchester

sowohl als Bewahrer einer

wertvollen Tradition als auch als

aktiver Teil einer sich wandelnden

Gesellschaft agieren.

Wird das Format Zukunftsmusik

nach Ablauf der Förderung durch

sich neu entwickelnde Kooperationen

und Partnerschaften langfristig

Bestand haben oder wird

es, wie leider so oft, bei einer

innovativen Idee mit begrenzter

Laufzeit bleiben?

Andrea Hoever: Unser Ziel ist es,

langfristige Strukturen in der Bodensee

Philharmonie zu etablieren.

Das Projekt soll kein einmaliges

Experiment bleiben, sondern als

Modell für die nachhaltige Verankerung

eines offenen Orchesterbegriffs

dienen. Schon jetzt arbeiten

wir an Kooperationen, die über die

Förderphase hinaus Bestand haben.

Dazu gehört die enge Zusammenarbeit

mit städtischen Einrichtungen,

sozialen Initiativen und Kulturinstitutionen,

um dauerhaft neue

Berührungspunkte mit Musik zu

schaffen.

Langfristig wollen wir erreichen,

dass sich das Konzept von Zukunftsmusik

fest in unseren Spielbetrieb

integriert – wir evaluieren

genau, welche Formate besonders

gut beim Publikum ankamen und

entwickeln diese weiter. Dabei

bleibt die Frage zentral: Wie kann

ein Orchester ein lebendiger, interaktiver

Bestandteil des städtischen

Lebens sein?

Was steht als Nächstes an?

Andrea Hoever: Besonders freuen

wir uns auf die Vielfaltswoche im

April und die In Kontakt Woche im

Juni, die beide ein breites Spektrum

an innovativen Formaten bieten.

So haben wir bei der Vielfaltswoche

beispielsweise mit Alles dreht

sich um Vielfalt 1:1 Konzerte und

Gespräche mit verschiedensten Akteuren

aus der Stadt zum Thema in

den Gondeln des Riesenrads, sowas

hat es bisher sicher noch nirgends

gegeben! Im KULA schaffen wir mit

Nice to meet you – live einen interkulturellen

Austausch mit Musik,

bei dem sich Musiker:innen

und Publikum näher kennenlernen

und in spontanen Jamsessions begegnen.

Und bei Unser Song – So

klingt Konstanz entstehen in Community

Music Workshops Melodien

und Texte für einen Song über

Konstanz.

Auch auf die In Kontakt Woche im

Juni sind wir sehr gespannt! Die

Ideen für die Konzerte kommen

hierfür nämlich direkt von unseren

Musiker:innen – und das ist ebenfalls

komplettes Neuland in der

Orchesterstruktur. Hier darf sich

das Publikum auf Konzerte an ganz

neuen Orten wie etwa im Freibad

oder bei einem Wasserturm freuen.

Zudem wird es ein Mitsingkonzert,

ein meditatives Konzert und ein

Konzert à la Bridgerton in Kooperation

mit einem Konstanzer Elektro-

DJ geben.

Und für die Saison 2025/26 können

sich unsere Zuhörer:innen auf

weitere innovative Kooperationen

freuen – vielleicht sogar mit eigenen

Ideen und Vorschlägen als Teil

von Zukunftsmusik. Wir laden alle

ein, ihre Visionen mit uns zu teilen

und gemeinsam zu gestalten. Denn

genau das soll Zukunftsmusik sein:

Ein Ort der Begegnung.

VITA

Das Gespräch führte Kai Geiger.

Andrea Hoever absolvierte ihre

Ausbildung an der Musikhochschule

Münster und der Hochschule für

Musik in Detmold. Seit 2023 ist sie

als Musikvermittlerin der Bodensee

Philharmonie in Konstanz tätig und

leitet nun das Projekt Zukunftsmusik.

Dieses besteht aus den Projektmanagerinnen

Johanna Kloser und Luise

Schauer sowie Constance Sannier,

Flötistin des Orchesters.

Programm Zukunftsmusik in der

Restspielzeit 2024/2025

Vielfalt: 5. – 13.4.2025

In Kontakt kommen: 4. – 7.6.2025

www.philharmonie-konstanz.de


58 | Klassik 2.0 | Mecklenburg-Vorpommern

CAROL | 2025

Die Pianistin und Komponistin Büşra Kayıkçı kommt ins Schweriner E-Werk. | © Şeyma Tuna

Die Alte Papierfabrik Neu Kaliß gehört zu den »Unerhörten Orten«, die Publikum und Künstler:innen der Festspiele MV gemeinsam entdecken. | © Oliver Borchert

Mecklenburg-Vorpommern (D)

Aus der Top-Liga

des jungen Jazz

Die »Grenzgänge« der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern

Am 15. Juli 2022 war es soweit! Die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern präsentierten eine

neue Reihe. Für die Ausgabe 1 fusionierten Marie Spaemann und Christian Bakanic Gesang, Cellospiel

und Akkordeontöne. Das Jazzformat »Grenzgänge« war geboren. Jetzt startet es in eine

neue Runde.

Mit Festspielfrühling, -sommer und -winter bringt das drittgrößte

Klassikfestival Deutschlands verlässlich Musik in alle

Ecken und Winkel Mecklenburg-Vorpommerns und von Anfang

an gehört die Präsentation junger, entdeckungslustiger

Klassik-Solist:innen und Ensembles zur DNA. Seit 2022 sind

nun also auch junge internationale Jazzer:innen mit von der

Partie. Der aktuelle Festspielsommer 2025 – das Festival feiert

ebenso wie das Bundesland, in dem es beheimatet ist, sein

35. Jubiläum – dauert vom 13. Juni bis 14. September und

präsentiert 136 Konzerte. Vier davon sind »Grenzgänge«, alle

besonders geprägt von Frauen.

Am 18. Juni geht es los: In Hagenow gastiert die Kosmopolitin

Afra Kane mit ihrer Band. Einflüsse aus gänzlich verschiedenen

Ländern wie Nigeria, Italien, England und der Schweiz

prägen die Biografie der Jazzerin — und ihr Klavier. Als Inspirationsquelle

nennt die Singer-Songwriterin so unterschiedliche

Musiker:innen wie unter anderen Nina Simone, Maurice

Ravel und Alicia Keys. Virtuose Arrangements sind ihr Markenzeichen

und eine Stimme, so kraftvoll wie verführerisch.

Jetzt feiert die Wahlschweizerin mit ihrem 2. Album »Could

We Be Whole« ihr Debüt in Mecklenburg-Vorpommern.

Gesang mit magischen Qualitäten in der Alten Papierfabrik: Karoline Weidt.

© Marlene Rahmann

Ein paar Tage später schon kann sich die Hanse- und Universitätsstadt

Rostock freuen: Emma Rawicz kommt mit Saxofon

und Band am 20. Juni. »Was für eine Wucht von Modern

Jazz«, so die Reaktion der Jazzexperten vom WDR auf

ihr Musizieren. Bereits jetzt mit Anfang zwanzig als neuer Star

gefeiert, elektrisiert die junge Saxofonistin aus England bei

ihren Auftritten mit so viel Energie, dass es die Gäste beinahe

von den Sitzen weht. Was nicht heißt, dass es bei Emma

Rawicz keine zarten Töne gibt. Erstmals in Mecklenburg-Vorpommern

zu Gast, stellt sie ihre Kompositionen vom Album

»Chroma« vor.

Großer Sprung in die zweite Hälfte des Festspielsommers MV

2025: Eine federleichte Stimme, zart und dennoch präsent,

erklingt am 1. August in Neu Kaliß. Sie gehört Karoline Weidt.

»Dieser Gesang hat wahrhaft magische Qualitäten und findet

den Weg ins Gemüt«, bescheinigt ihr die Presse. Unter anderem

mit dem BMW Young Artist Jazz Award der Landeshauptstadt

München und der BMW Group ausgezeichnet, kommt

die Sängerin und Komponistin nun mit ihrem Quartett nach

Mecklenburg-Vorpommern, das Debütalbum »Inviting« und

bisher noch unveröffentlichte Songs im Gepäck.

Den krönenden Abschluss der Jazzreihe liefert Büşra Kayıkçı

am 20. August in der Landeshauptstadt Schwerin. »Nicht

nur Architekt:innen oder Ingenieur:innen können ein Gebäude

errichten. Mit ihren musikalischen Mitteln erschaffen

Komponist:innen eine Atmosphäre, die Zuhörer:innen in

Städte, Gärten und Landschaften entführen kann«, sagt die

Künstlerin. Die junge Pianistin und Komponistin aus Istanbul

hat Architektur studiert, bevor sie sich der Musik zuwandte.

Mit ihrem präparierten Klavier erschafft sie betörende Klangwelten.

Alle vier Künstler:innen treten erstmals bei den Festspielen

Mecklenburg-Vorpommern auf und spüren gemeinsam mit

dem Publikum, was dieses Festival so besonders macht. Neben

der Kunst sind es auch die Spielstätten. 96 verschiedene

Locations werden zu Konzertsälen, seien es Dorfkirchen,

alte Gutshäuser oder Industriehallen — der Festspielsommer

macht Musik, wo immer es geht. Und auch die »Grenzgänge«

führen an ungewöhnliche Orte. Vom alten Kino in Hagenow

über die Kunsthalle Rostock bis hin zum Industriedenkmal

Alte Papierfabrik Neu Kaliß spannt sich der Bogen. Jazzfans

erleben bei den Festspielen MV nicht nur die Top-Liga des

jungen Jazz, sondern auch die Stars unter den besonderen

Ecken in Mecklenburg-Vorpommern.

Tickets: www.festspiele-mv.de

Kosmopolitin in Hagenow: die Sängerin und Pianistin Afra Kane | © Afra Kane

Emma Rawicz kommt mit den Festspielen MV in die Kunsthalle Rostock.

© ACT_Gregor Hohenberg

TERMINÜBERSICHT:

Mi, 18. Juni 2025 · 19:00 Uhr Hagenow, Mecki

Grenzgänge: Afra Kane

Fr, 20. Juni 2025 · 19:00 Uhr Rostock, Kunsthalle

Grenzgänge: Emma Rawicz

Fr, 1. August 2025 · 19:00 Uhr Neu Kaliß, Alte Papierfabrik

Grenzgänge: Karoline Weidt

Mi, 20. August 2025 · 19:00 Uhr Schwerin, E-Werk

Grenzgänge: Büşra Kayıkçı


CAROL | 2025 Klassik 2.0 | Zürich | 59

Zürich (CH)

guerillaclassics

guerillaclassics möchte eine breitere Sichtweise dessen fördern, was, wo und wie klassische

Musiken sind und sein können. Indem wir mit Gewohnheiten und Normen

brechen, schaffen wir Umgebungen und Räume, in denen unterschiedliche Perspektiven

auf klassische Musiken zusammenkommen, aufeinandertreffen und sich vermischen

können. Wir wollen, dass klassische Musik ein offenes Forum für inspirierende

Ideen und herausfordernde Hybride aus Alt und Neu, Vertrautem und Fremdem, Trost

und Turbulenzen wird.

guerillaclassics glaubt an die Kraft der Synergie durch

gemeinsame künstlerische Erfahrungen. Wir glauben

an die Notwendigkeit, Räume für Diskurs durch künstlerische

Erfahrungen zu schaffen, die vor der Bühne

beginnen und nach der Aufführung weitergeführt werden.

Bei guerillaclassics sind die Künstler:innen eingeladen,

einen kollektiven Prozess durch Zusammenarbeit und

Co-Kreation zu gestalten. Als Teil dieses kollektiven

Prozesses konzentrieren wir uns auf Reflexion und

Wachstum. Wir arbeiten an der Schnittstelle zwischen

Disruption und Komfort, um unsere Visionen in die

Tat umzusetzen.

Have the courage to try something new, to embrace

failure, to expand your passion!

guerillaclassics.org

100 pianos – In cooperation with Kunsthaus Zürich, guerillaclassics breaks out of

the exhibition „Gerhard Richter.“ | © Jakob Blumer

Jalalu-Kalvert Nelson, Kevin Chesham – Naegeli Spaziergang mit Musik | © Pascal Sigrist

Portrait Hiromi Gut | © Sinzo Aanza

Soulfood Delivery 2021 | © Jakob Blumer

INTERVIEW

Wir sprachen mit Hiromi

Gut, der Gründerin und

Künstlerischen Leiterin von

guerillaclassics.

Wie sind Sie zur „Klassik_Radikalen“

geworden, was war der

Moment, die Initialzündung, aufzubrechen

und neue Wege zu beschreiten

und guerillaclassics zu

gründen?

Hiromi Gut: Während meines Gesangsstudiums

in Lausanne – genauer

gesagt am frühen Morgen

des zweiten Tages meines Masters

– wurde mir bewusst, dass ich als

Interpretin nicht so künstlerisch

kreativ sein konnte, wie ich mir das

wünschte. Ich brach aus und arbeitete

eineinhalb Jahre am Konzerthaus

Berlin, wo ich sah, dass dann

auch in der Konsequenz an Kulturinstitutionen

gewisse Freiheiten

für die zeitgenössische Kreation

begrenzt waren. Und so gründete

ich bei meiner Rückkehr nach Zürich

guerillaclassics – ein Netzwerk,

in dem man – solange die Gruppe,

die Menschen als Publikum auf der

Straße und das Umfeld es mittragen

– alles künstlerisch ausdrücken

kann, was bereit ist, seine Form zu

finden. guerillaclassics war auch ein

Schlüssel dazu, auf dieser Reise der

Forschung und des Schaffens nicht

alleine zu sein, sondern umgeben

von Menschen, die Ideen austauschen

und gemeinsam ihre kreativen

Wünsche und Ambitionen entwickeln.

Warum ist ein Perspektivwechsel

jetzt und zukünftig so wichtig?

Hiromi Gut: Einmal saß ich in der

Programmgestaltungsrunde eines

renommierten Festivals. Die Diskussion

drehte sich darum, ein Thema

zu definieren, das von aktueller

Relevanz war und musikalisch ausgearbeitet

werden konnte. Es war

eine Runde von Männern und ich

zögerte, ob ich meinen intuitiv aufsteigenden

Gedanken teilen sollte

und sagte es dann doch: „Ich fände

das Festival-Thema Liebe gut.“ Die

Reaktion war ernüchternd – „nein“

hieß es. Ich bereute es etwas, meiner

Zunge freien Lauf gelassen zu

haben. Das Thema Liebe aus dem

Mund einer Frau wie mir wurde

sofort in die traditionelle Perspektive

der Naivität und Verletzlichkeit

eingeordnet und von der Versammlung

nicht weiter berücksichtigt.

Rund fünf Jahre später entdeckte

ich die Texte der Autorin bell

hooks. Eine andere Perspektive als

die der Männer, mit denen ich gesessen

hatte. Texte, die mir immer

wieder viel über Geschlecht, Rasse

und Klasse beibringen. Sie schrieb

auch über Liebe, ihre gesellschaftliche

und politische Kraft und ich

dachte zurück an die Festivalrunde:

Wenn doch nur die Perspektive von

bell hooks mit vertreten gewesen

wäre. Ich habe mich als Frau immer

unwohl gefühlt, wenn es um

die Behandlung von Frauenfiguren

in der Oper ging, und gleichzeitig

wäre eine Neuüberdenkung der Geschichten

und Rollen anhand der

Ideen von bell hooks eine interessante

Perspektive.

Wir müssen uns in der westlichen

Klassik-Szene dem Perspektivenwechsel

als kontinuierliche Practice

widmen, um uns relevant in die Zukunft

zu entwickeln. Wir leben in

Europa als Menschen von fünf Kontinenten

zusammen. Die klassische

Form des Sinfonieorchesters mit

seinen geschriebenen Partituren

bietet nicht genügend Wege, den

Reichtum all’ dieser musikalischen

Möglichkeiten zusammenzubringen.

Es ist die Zeit, in der wir neue

Wege gehen müssen, um von den

Musiken aller Kontinente lernen

zu können, auf Augenhöhe, und

die Stimmen „vom Rest der Welt“

endlich gehört werden sollten – als

weitere wichtige Perspektiven. Sie

sind alle hier. Aber sie werden nicht

gehört.

Wie werden Ihre Ideen und neuen

Formate angenommen? Was

funktioniert, was nicht, was ist

noch unausprobiert?

Hiromi Gut: Vor rund zwei Jahren

haben wir als Verein begonnen,

Brainstormings zur dezentralen

Programmgestaltung von

Festivals zu machen. Wir sind mit

zwölf Kurator:innen, Hosts und

Mentor:innen gestartet, die aus ihren

Netzwerken jeweils etwa fünf

Künstler:innen eingeladen haben.

An den Abenden treffen wir uns

z.B. in einem großen Atelier, essen

gemeinsam und tauschen uns

aus. Künstler:innen aus allen Regionen,

Altersklassen und musikalischen

Genres bis zu anderen

künstlerischen Disziplinen stoßen

dazu – derzeit gerade auch durch

einen Open Call über die sozialen

Medien. Am Abend selbst bringen

alle ihre Ideen ein, die sie gerade

beschäftigen, und durch Resonanz

der anderen im Raum entsteht daraus

vielleicht ein Konzert, ein neues

Format, eine Idee zur Co-Komposition.

Diese Spontaneität, in der

sich die Künstler:innen gegenseitig

zueinander an den Tisch setzen, widerspiegelt

sich in den Werken, die

daraus entstehen. Was zur Bühne

wird, wie das Publikum eingebunden

wird und was musikalisch in

welcher Kombination entsteht, ist

in seiner Fluidität und Frische spürbar

im Resultat dieser Practice.

Das Wichtigste ist, dass sich Ideen

der Menschen begegnen und sie

sich dann entscheiden, sich gemeinsam

auf den Weg zu begeben.

VITA

Das Gespräch führte Kai Geiger.

Hiromi Gut ist Musikerin und Produzentin

und lebt in Zürich und Berlin.

Sie studierte Betriebswirtschaftslehre

an der Universität St. Gallen

und Operngesang an der HEMU de

Lausanne. Sie sang an der Lotte

Lehmann Opernakademie, bevor sie

Assistentin der künstlerischen Leitung

wurde. 2015 arbeitete Hiromi

Gut als Interimsgeschäftsführerin

des 30. Davos Festival - young artists

in concert und übernahm dann bis

2017 die Assistenz des Intendanten

am Konzerthaus Berlin. Anschliessend

gründete sie guerillaclassics,

deren künstlerische Leiterin sie ist.

Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen

die Geschichte der Musik, ihre

Gattungen, Räume, Kontexte und

die Hinterfragung des Traditionellen

oder Klassischen. Sie bereichert

diese Konzepte mit kollaborativen

Erfahrungen und Kreationen, die aus

den Stimmen und Praktiken zeitgenössischer

Musiker schöpfen. 2022

begann sie mit der Arbeit an " voi(x)

es ", einer Oper über und von Frauen

auf verschiedenen Lebenswegen in

der heutigen Zürcher Gesellschaft.


60 | Klang

CAROL | 2025

KLANG

Baden (CH)

VERNISSAGE „DIE JACOBSLEITER

FÜR SELTENE VALSCHE VÖGEL“

Eine Klanginstallation von Andres

Bosshard in der Cordulapassage

Baden

Im Rahmen der Regionale 2025

15.6. – 20.7.2025

„Die Jacobsleiter für seltene valsche Vögel“

verwandelt die Cordulapassage in Baden in

einen Ort des Staunens. Durch acht Satellitenschüsseln

erklingen Klänge der Brunnenanlagen

des Klosters Wettingen. Es entsteht

eine mystische Klanglandschaft, die auf die

Bewegungen der Passant:innen reagiert. Die

Installation unterbricht die Hektik des Alltags

und animiert zu einem neuen, reflektierten

Erleben des Raums. Die Jacobsleiter, wie sie

in der Klanginstallation in der Cordulapassage

von Baden neu entsteht, entfaltet sich

als ein lebendiges, sich ständig wandelndes

Klanggewebe. Sie bringt die Essenz des Klosterparks

Wettingen und seine Wasserklänge

in die moderne, urbane Tiefe der Unterwelt

– eine Übertragung von Bildern, Rhythmen,

Metaphern und Wasserbewegungen zu einem

akustischen, räumlichen Erlebnis.

Ruheorte Hörorte Andres Bosshard | © Regionale 2025

Die Regionale 2025 ist Triebfeder der nachhaltigen

Entwicklung des Limmattals. Diese

Entwicklung ist wegweisend für die gesamte

Schweiz. Die Aktivitäten der Regionale 2025

tragen zur Steigerung der Lebensqualität und

Identität des Tals bei.

www.regionale2025.ch/veranstaltung/die-jacobsleiter-fuer-seltene-valsche-voegel/

bales Phänomen. Von satten Reggae-Beats bis

zu wuchtigen Dubstep-Drops verknüpft das

Programm Erfahrungen, Dialoge und Soundpraktiken

im internationalen Austausch.

Während des Sommers 2025 mixen tief in

Bass-Kulturen verankerte Musiker*innen in

Live-Auftritten Rhythmen und Melodien

zu Geschichten von Widerstand und Solidarität.

Über den gesamten Sommer 2025

präsentiert Sonic Pluriverse Festival: Bass

Cultures diverse Programmangebote für den

Tag sowie Konzerte und DJ-Sets am Abend.

Das Festival versteht sich als Raum für Kulturaustausch

und Community-Dialog, als Begegnungsort

von Stimmen, Rhythmen und

Storys.

www.hkw.de/programme/sonic-pluriverse-festival-bass-cultures#main

Gais (CH)

KLANG MOOR SCHOPFE

Biennales Festival für audiovisuelle

Kunst

4. – 14.9.2025

Das Festival KLANG MOOR SCHOPFE präsentiert

internationale Klangkunst in einer

einzigartigen Kulturlandschaft: Das Appenzeller

Hochmoor „Schopfe“ am Fuß des

Hirschbergs mit seiner spezifischen Tier- und

Pflanzenwelt und den charakteristischen

kleinen verstreuten Scheunen bildet das

räumliche und akustische Umfeld. Elf ursprünglich

landwirtschaftlich genutzte Riedgras-Scheunen

werden von den eingeladenen

Künstler:innen mit ortsspezifischen audiovisuellen

Installationen bespielt.

Das kleinräumige offene Festivalgelände erlaubt

den Besucher:innen, auf einem rund

zweistündigen Rundgang die verschiedenen

Installationen zu „erwandern“. Dabei verbinden

sich die künstlerischen Klanginstallationen,

die archaische Architektur der Schöpfe

und die Moorlandschaft zu einem alle Sinne

ansprechenden Gesamtkunstwerk, das ein

breites Publikum zu faszinieren vermag.

Das Festival KLANG MOOR SCHOPFE will

ein vielfältiges Spektrum zeitgenössischer

audiovisueller Kunst in einem speziellen geografischen

Raum hör- und erlebbar machen.

Die eingeladenen nationalen und internationalen

Kunstschaffenden setzen sich bei der

Kreation der Werke für „ihren“ Schopf mit

den landschaftlichen Gegebenheiten und der

Situation vor Ort auseinander.

www.klangmoorschopfe.ch

Verständnis von Sound zu erweitern – in Performances,

partizipativen Installationen und

interaktiven Formaten.

Mit der neuen Konzertreihe TURNS, kuratiert

von Lea Luka Sikau, schafft das ZKM |

Hertzlab Resonanzräume, die mit unseren

Hörgewohnheiten spielen: Elektro-Trash

wird zum Chor, Musik trifft auf Bauchgeräusche,

Gamer:innen werden zu Performenden.

Der Publikumsraum rückt dabei selbst ins

Zentrum und wird ein Ort des gemeinsamen

Erlebens, in dem man sich neu begegnen und

Klang spielerisch befragen kann. Internationale

und lokale Künstler:innen präsentieren

Performances, partizipative Installationen

und spielerische Ansätze, die die Zuhörenden

in den Mittelpunkt rücken.

Themen der Konzertreihe TURNS

Den thematischen Rahmen für TURNS bilden

drei kuratorische Zyklen: SOUNDING CYC-

LES (Februar – April 2025), SOUNDING OUT

HEALTH (Mai – August 2025) und SOUND-

ING OUT CONNECTION (September – Dezember

2025). Sie verbinden gesellschaftliche

Diskurse, künstlerische Forschung und musikalischen

Ausdruck zu immersiven Erlebnissen,

bei denen der Prozess und das kollektive

Experimentieren im Vordergrund stehen.

Der erste Zyklus SOUNDING CYCLES widmet

sich zyklischen Rhythmen, kreisenden

Bewegungen und repetitiven Schwingungen.

Künstler:innen inszenieren Eigendynamiken

von Material, kehren das politische Moment

von Sound in den Vordergrund und verweben

vergangene Traditionen mit Motion

Capture.

www.zkm.de

© Klangkunst der Hochschule für Musik Mainz

Koblenz

Klangkunst im Industriedenkmal

Sayner Hütte

„To see a space is to imagine

sounds“

beim 33. KOBLENZ GUITAR FESTIVAL

& ACADEMY

1. – 9.6.2025

Die Sayner-Hütte in der Nähe von Koblenz ist

als europäisches Industriedenkmal mit Museum

allein schon einen Besuch wert. Einst

eines der bedeutendsten Zentren für Eisen-

Kunstguss Produktion im 19. Jh., sind noch

die riesige Gießhalle mit dem gusseisernen

Tragwerk und die Krupp’sche Halle erhalten.

Diese werden Anfang Juni durch Konzerte

und eine Klangkunstausstellung mit neuem

Leben gefüllt.

„Einen Klang hören, heißt einen Raum sehen“

ist ein berühmter Ausspruch des USamerikanischen

Architekten Louis Isadore

Kahn aus dem Jahr 1967: “To hear a sound is

to see its space“.

Für die Akteure ist es in dem Industriedenkmal

Sayner Hütte andersherum: Die großen

Räume der Gießhalle evozieren Klänge und

Ideen. Eine international besetzte Gruppe

junger Klangkünstler hat sich die Aufgabe gestellt,

diesem Klangraum nachzuspüren und

ihn hörend zu erforschen: also den Raum zu

sehen und Klänge zu imaginieren – „To see a

space is to imagine sounds“.

Die Klasse Klangkunst-Komposition der

Hochschule für Musik Mainz unter der Leitung

von Prof. Peter Kiefer wurde eingeladen,

sich in einem Creative Camp Sound Art mit

der Sayner Hütte künstlerisch auseinanderzusetzen.

Es werden außergewöhnliche Klang-

Installationen in einem gemeinsam abgestimmten

Klangraum entstehen.

Die Ausstellung ist vor und nach den Konzerten

und zu den Öffnungszeiten des Museums

zugänglich.

Weitere Termine unter soundart.uni-mainz.de

C-19 organ on the Euphonia tour 2023 |

© 2023 Kaspar König, Zürich

Die Arbeit C-19 organ, ein luftgefülltes und

teilweise begehbares Klangobjekt, wird nur

Sonntag, den 1. Juni vor der Vernissage ab ca.

14.30 Uhr zu erleben sein.

Die Künstler:innen sind vor Ort: Fatemeh Barzkar

(Iran), Juan Bermúdez (Kolumbien), Tomás

Cabado (Argentinien), Nicolás Cristancho (Kolumbien),

Taegyu Lim (Korea), Cat Woywod

(USA/Deutschland) und Kaspar König (Schweiz).

Ein Projekt der Klasse Klangkunst-Komposition

der Hochschule für Musik Mainz, Leitung Prof.

Peter Kiefer und Prof. Stefan Fricke. Ausgezeichnet

durch die inneruniversitäre Forschungsförderung

der Johannes Gutenberg-Universität

Sayner Hütte

www.saynerhuette.org/

Klangkunst der Hochschule für Musik Mainz

soundart.uni-mainz.de

www.koblenzguitarfestival.de/de/

BLACK ANGELS Koehne Quartett | © Skye Kiss

The Sonic Pluriverse Festival | © hkw Berlin

Berlin

Sonic Pluriverse Festival

Bass Cultures

Konzerte, DJs, Listening Sessions,

Workshops, Vorträge

27.6. – 2.8.2025

Sonic Pluriverse Festival: Bass Cultures erkundet

die Kultur der Soundsystems als glo-

© ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe

Foto: Chiara Bellamoli

Karlsruhe

TURNS Konzertreihe

Im Februar startet am ZKM | Karlsruhe mit

TURNS eine neue Konzertreihe, die mit

den Hörgewohnheiten des Publikums spielen

wird. Einmal im Monat lädt das ZKM |

Hertzlab ein, im Klangdom neue Perspektiven

auf elektronische Musik, Klangkunst und

Sound Art zu entdecken. Internationale und

lokale Künstler:innen regen dazu an, unser

© Klangkunst der Hochschule für Musik Mainz

Krems (A)

Festival Imago Dei

29.3. – 21.4.2025

Klangraum Krems Minoritenkirche

Das Festival Imago Dei ist seit mehr als einem

Vierteljahrhundert im frühgotischen

Klangraum Krems Minoritenkirche beheimatet.

„Ich denke in Klängen, nicht in Genres“,

so Albert Hosp, der neue künstlerische Leiter,

„und da kommt mir der Klangraum entgegen.

Er ist stimmig. Er ist für alle Klänge offen. Der

gotische Spitzbogen symbolisiert Begegnung.

In der Kirche, die schon lange keine mehr ist,

hat jeder Stein Spiritualität gespeichert. Diese

ist im Laufe der Zeit frei geworden, an keine

Konfession mehr gebunden.“

weiter auf Seite 63 >>


24. ― 25. Mai ’25

klangwelt.ch


62 | Klang | Toggenburg

CAROL | 2025

Klanghaus Detailansicht Schindeln | © Ralph Brühwiler

Klanghaus Detailansicht Fassade | © Ralph Brühwiler

Klanghaus und Schwendisee | © Ralph Brühwiler

Toggenburg (CH)

Das Klanghaus –

ein begehbares Instrument

Eröffnung 24. – 25.5.2025

Das Klanghaus Toggenburg ist ein Ort, an dem Architektur, Klang und Natur in einem einzigartigen Zusammenspiel

erfahrbar werden. Ein Ort der Inspiration und Kreation.

Mit der Eröffnung des Klanghaus Toggenburg entsteht ein

ganz neues Musikökosystem, ein klingendes Biotop für alle

Musikliebhaber:innen, Klangforscher:innen, Soundnerds und

Volksmusikverehrende. So vielfältig wie sich die Biodiversität

im Naturschutzraum des Schwendisees zeigt, so divers soll

sich auch die Klangkultur im Klanghaus Toggenburg entfalten.

In der Begegnung durch Musik passiert Erstaunliches. Die

Kraft und Magie der Musik war immer schon Beispiel dafür,

wie Menschen oder unbekannte Welten sich öffnen und im

Einklang zueinanderfinden können. Musik verbindet über alle

Grenzen und steht exemplarisch für die friedvolle Verständigung

zwischen Individuen, Gesinnungen und Kulturen.

Deshalb wird in Zukunft auch unser Kultur- und Kursprogramm

vielfältig und divers daherkommen. Wir geben dem

Klang einen neuen Ort, öffnen Räume für die unterschiedlichsten

Kulturtraditionen, neue Kunstformen, den Dialog und die

Neukreation, aber auch für die Pflege der über Generationen

gewachsenen Identitäten. Tradition trifft auf Innovation, Erfahrung

auf Idee und Kunst auf Leben.

Das Klanghaus ist eine Werkstatt, ein neuer Ort der Inspiration

und Kreation. Jetzt öffnen wir seine Türen und laden alle

herzlich ein, an dem, was unmittelbar entsteht, sei es vollendet

oder noch im offenen, teilzuhaben und mit uns zu feiern.

Die Klangwelt Toggenburg bietet einzigartige Erlebnisse zum

Thema Klang, Resonanz, Brauchtum, Stimme und vielem

mehr. Eingebettet in die Voralpen der Ostschweiz, geprägt von

einer ursprünglichen Gesangs- und Musikkultur.

Klangwelt Toggenburg | www.klangwelt.ch | www.klangwelt.ch

INTERVIEW

Wir sprachen mit dem

Künstlerischen Leiter

Christian Zehnder.

Das Toggenburg und der Klang.

Ein besonderes Verhältnis!? Worauf

basiert, worauf ist dieses gewachsen?

Christian Zehnder: Das Toggenburg

umschließt eine intakte alpine

Lautsphäre, eingebettet in eine

archaische Natur- und Landwirtschaft.

Im erweiterten Klang der

Weidschellen unterscheiden hier

die Bauern ihre Kühe und Rinder

noch am Klang der Schellen. Auch

lokalisieren und erkennen sie ihr

Verhalten an ihrem spezifischen

Klang. Weil sie gefühlsbetont mit

ihren Tieren eine enge und existenzielle

Verbindung eingehen,

bringt es sie dazu, diesen Aspekt der

Klanglichkeit hoch zu bewerten.

Der heimische Klang der Schellen,

der die Herde als Ganzes zu einer

Art Glockenspiel oder Klanglandschaft

werden lässt, ist hier somit

nicht nur ein musikalisches Ereignis,

sondern weitet sich in der unberührten

Natur zur klingenden

Lautsphäre und spiegelt damit eine

essenziell geschaffene Lebenskultur

zwischen Mensch und Natur wider.

Die Schellen sind also so etwas wie

der „Gral“ der Klangwelt. Über das

Ganze entfaltet sich dann der hier

noch lebendige Betruf, der Naturjodel

oder das Hackbrett und somit

eine reiche, lebendige Volksmusik.

Alte Bräuche und Lieder werden

auch noch oral von Generation zu

Generation weitergegeben.

Zusammengefasst ist das besondere

Verhältnis zwischen dem Toggenburg

und dem Klang das Ergebnis

einer tief verwurzelten kulturellen

Tradition, inspirierender Natur, lebendiger

Gemeinschaft und kontinuierlicher

musikalischer Förderung.

Wie kamen Sie zum Klang und

wann ist für Sie ein Klang perfekt?

Christian Zehnder: Als Musiker

hatte ich auch immer eine große

Verbindung zu den Alpen und war

lange als Alpinist unterwegs. Der

alpine Topos ist auch ein Klangraum.

Durch die Entdeckung und

Erforschung des Phänomens des

Echos in den Bergen interessierte

ich mich immer mehr für die

Klangsphäre der Natur, auf welche

wir Musiker:innen uns ja auch immer

wieder gerne beziehen und Inspiration

schöpfen.

Klang beinhaltet verschiedene

Aspekte in seiner Perfektion, wobei

der perfekte Klang wohl auch

gleichzusetzen ist mit der Suche

nach dem „Gral“. Er treibt meine

Leidenschaft als Musiker voran.

Fünf Aspekte gehören bei dieser Suche

immer dazu:

Die Harmonie: Die Töne sollen in

einem harmonischen Verhältnis

zueinander stehen.

Die Klangfarbe: Die Beschaffenheit

des Klangs – warm, hell, dunkel –

beeinflusst die Wahrnehmung.

Die Lautstärke: Sie muss ausgewogen

sein.

Die Raumakustik beeinflusst den

Klang, wie er wahrgenommen wird,

und ganz wichtig, die emotionale

Verbindung. Oft wird Klang als perfekt

empfunden, wenn er eine bestimmte

Emotion oder Stimmung

vermittelt.

Wie entstand die Idee zu einem

Klanghaus im Toggenburg?

Christian Zehnder: Peter Roth, als

geistiger Vater der Klangwelt, hat

die Idee ins Leben gerufen. Er hatte

vor über 30 Jahren die Möglichkeit,

zusammen mit Freunden ein altes,

etwas lottriges Naturfreundehaus

am Schwendisee zu kaufen. Dort

begann er, Klangkurse anzubieten.

Später folgte ein Naturstimmenfestival,

ein Klangweg und anderes

mehr. Damit wuchs auch die Idee

zum Klanghaus, als klingendes

Zentrum der Klangwelt direkt am

Schwendisee. Über 20 Jahre hat es

gedauert, bis die Vision Wirklichkeit

wurde, und dies mit vielen Rückschlägen.

Peter Roth hat aber immer

an seine Vision geglaubt und viele

Menschen überzeugen können, bis

das Klanghaus schließlich vor vier

Jahren in einer kantonalen Abstimmung

eine Mehrheit fand.

CHRISTIAN

ZEHNDER

(Musiker, Sänger, Komponist und

Echoforscher)

Christian Zehnders musikalische

Welt schöpft aus den archaischen

Verlautbarungen der menschlichen

Stimme und ist ganz im Topos der

alpinen Welt verankert. Aus dem

Umfeld des (Musik-)Theaters und der

zeitgenössischen Musik entwickelte

der Stimmenkünstler weit ab von

Traditionen eine ganz eigene Musik

(wie z.B. bei Stimmhorn, Kraah usw.),

die auch als eine abstrakte Utopie

der Heimat verstanden werden kann.

Zehnders Werke der jüngsten Zeit

weisen noch mehr über die Grenzen

hinaus über die Berge in Richtung

„alpiner Raumschiffmusik“.

Als Regisseur und Komponist war

er im Musiktheater tätig und schuf

Produktionen, die die Grenzen zwischen

Musik, Theater, Performance

und Klangkunst verschoben haben.

Seit 2018 ist er künstlerischer Leiter

der Klangwelt Toggenburg. Für seine

Verdienste an den Alpen erhielt er

u.a. den „Albert Mountain Award“

und wurde für seine künstlerischen

Leistungen rund um seinen musikalischen

„New Space Mountain“ und

seinen „Echotopos“ mehrfach geehrt.

www.new-space-mountain.ch


CAROL | 2025 Klang | 63

Welche besonderen Anforderungen

wurden an den Bau im Innenwie

im Außenbereich gestellt?

Christian Zehnder: Es sollte ein

reiner Holzbau werden, ein „begehbares

Instrument“, wie man es gerne

treffend formuliert. Die Innenräume

sollten so gestaltet sein, dass

sie eine optimale und einmalige

Klangqualität gewährleisten. Dies

konnte mit außergewöhnlichen

Maßnahmen der flexiblen Raumgestaltung,

Materialien und resonierenden

Objekten, die Schallwellen

gut reflektieren oder absorbieren,

auf eindrucksvolle Weise umgesetzt

werden. Das Klanghaus besitzt zum

Beispiel weltweit einzigartige Klangspiegel,

die in Schwingung gebracht

werden können und das klangliche

Erlebnis des Raumes merklich erweitern.

Auch die Flexibilität war wichtig.

Der Raum sollte vielseitig nutzbar

sein, um verschiedene Veranstaltungen

wie Konzerte, Workshops

und Klanginstallationen zu ermöglichen.

Und natürlich die Ästhetik:

Der Innenraum sollte eine einladende

Atmosphäre schaffen, die

Kreativität und Inspiration fördert.

Und auch die technische Ausstattung:

eine spezifische technische

Infrastruktur für die optimalen Voraussetzungen

von Tonaufnahmen

für Tonträger, aber auch, um Veranstaltungen

professionell durchführen

zu können.

Der Bau sollte sich Bau harmonisch

in die umliegende Landschaft einfügen

und die natürliche Schönheit

der Region respektieren. Auch

der Einsatz umweltfreundlicher

Materialien und energieeffiziente

Bauweise haben eine zentrale Rolle

gespielt, um den ökologischen Fußabdruck

zu minimieren.

Schließlich sollte das äußere Erscheinungsbild

außergewöhnlich

sein und die Identität des Klanghauses

und der Region widerspiegeln.

Eine Herausforderung war

auch die Mobilität. Wie gelangt

man zum Klanghaus ohne Auto

und bleibt trotzdem unkompliziert

erreichbar, sowohl für Besucher als

auch für Künstler?

Was passiert im Klanghaus Toggenburg

ab dem 24./25. Mai, dem

Tag der Eröffnung?

Christian Zehnder: Am 24. und 25.

Mai, dem Eröffnungstag des Klanghauses

Toggenburg, sind in der Regel

verschiedene Veranstaltungen

und Aktivitäten geplant, um die

Eröffnung gebührend zu feiern.

Dazu gehört natürlich auch die Eröffnungszeremonie.

Eine offizielle

Feier mit Reden von Kanton, Initiatoren,

Künstlern und Vertretern der

Gemeinde.

Folgend veranstalten wir das ganze

Jahr hindurch ein reiches Kulturprogramm

zwischen Heimat und

Neuland und Experiment. Dies umfasst

Live-Auftritte von Musikern

und Klangkünstlern, aber auch Eigenkreationen

oder Präsentationen

von Artists in Residence.

Mit Kursen und Seminaren bieten

wir außerdem für Besucher die

Möglichkeit, selbst aktiv zu werden

und sich mit Klang, Musik und

kreativen Ausdrucksformen zu beschäftigen.

Im Weiteren ermöglichen wir auch

Führungen durch das Klanghaus,

damit die Besucher die Architektur

und die akustischen Besonderheiten

des Gebäudes erfahren können.

Es ist eine Vielzahl von Angeboten,

welche die Klangwelt entwickelt,

bis hin zu Netzwerkmöglichkeiten,

das heißt Gelegenheit für Künstler,

Musiker und Besucher, sich zu vernetzen

und Ideen auszutauschen.

Das Gespräch führte Kai Geiger.

Das Festival eröffnet am letzten März-Wochenende

(29. und 30.3.) mit einer einzigartigen, groß besetzten

Begegnung von Epochen und Religionen: Bei „Israel

In Egypt – From Slavery To Freedom“ wird Georg

Friedrich Händels Oratorium mit jüdischer und muslimischer

Musik verflochten.

Die weiteren sieben Konzertabende entführen u.a. in

die verzaubernde Welt des Salterios, präsentieren ein

Streichquartett ohnegleichen, alte und neue Songs,

Renaissance-Laute plus E- Gitarre, Volksmusik und

viele Uraufführungen. Performance wird in „Bach

tanzt“ Teil der Musik. Am Karfreitag wird nochmals

Bach erklingen, verbunden mit Hugo Distlers „Totentanz“,

einem Hymnus an die Vergänglichkeit.

Der letzte Konzertabend am Ostermontag (21.4.)

ist eine Hommage an den Festivalgründer Jo Aichinger,

der am 8. April 70 Jahre alt geworden

wäre: ein opulentes Festivalfinale mit vielen seiner

Wegbegleiter:innen.

Unter den Mitwirkenden des Festivals finden sich:

Konrad Paul Liessmann, Yair Dalal, Werner Ehrhardt,

l‘arte del mondo, Franziska Fleischanderl, das Koehne

Quartett, Simon Mayer, Monika Hosp, Wolfgang

Muthspiel, Hopkinson Smith, Karin Nakagawa, der

Konzertchor Niederösterreich (Ltg. Flora Königsberger

und Tobias Grabher), Cecilia Zilliacus, Clemens

Wenger, Maja Osojnik, Lena Willemark (Artist in Residence

des Festivals).

www.imagodei.at

Andreas Trobollowitsch, Sägezahn | © David Visnjic, Klangraum

Klangkunst – Minoritenkirche

17.6. – 14.9.2025

Klangraum Krems Minoritenkirche

Raumbezogene Arbeiten, Interaktionen von Klang,

Raum, Licht, Zeit, Bewegung und Form machen den

frühgotischen Kirchenraum und den Kapitelsaal, deren

Architektur und deren Akustik, auf besondere

Weise erfahrbar. In diesem Jahr werden Werke der USamerikanischen,

in Norwegen lebenden Künstlerin

Camille Norment in der Minoritenkirche sowie des

in Israel geborenen, kanadischen Künstlers Adam Basanta

im Kapitelsaal präsentiert. Außerdem wird im

Rahmen der Festivals Imago Dei (29.3. – 21.4.) und

donaufestival (2.5. – 4.5./9. – 11.5.) eine Soundinstallation

der schwedischen Komponistin Maria W Horn

gezeigt.

www.klangraum.at

unseres Partnerfestivals Hors Normes, das zu einem

Geheimtipp im Bereich der experimentellen Musik

geworden ist, finden am Pfingstwochenende Konzerte,

Installationen und Klangspaziergänge rund um

den Lac de Joux statt.

www.neue-musik-ruemlingen.ch/festival-ruemlingen-2025/

Saarbrücken

Experimance Festival

23. – 25.5.2025

Kulturgut Ost

Wir freuen uns, die nächste Ausgabe des Experimance

Festivals anzukündigen! Vom 23. bis 25. Mai

2025 verwandelt sich das Kulturgut Ost in Saarbrücken

erneut in einen faszinierenden Resonanzraum

für Klangkunst, experimentelle Musik und Performance.

An drei Tagen schaffen internationale, nationale und

regionale Künstler:innen ein transdisziplinäres Erlebnis

voller Klangexperimente, interaktiver Formate

und inspirierender Performances. Das Festival lädt

dazu ein, neue künstlerische Ansätze zu entdecken,

ungewöhnliche Klänge zu erleben und selbst kreativ

zu werden.

www.experimance.de/festival/

Christian Zehnder | © Björn Jensen

Rümlingen (CH)

Hors Rümlingen

7. – 8.6.2025

Lac de Joux

L’Abbaye – Le Pont – Le Lieu

In Kooperation mit dem

Festival Hors Normes

Zum ersten Mal in seiner Geschichte geht das Festival

Neue Musik Rümlingen in die Romandie. An der Seite

Hörminute 2 | © Apps with Love

Schweiz und Basel (CH)

Hörminute

Zuhören, Basel

Die Klang-App hörminute.ch verschafft der zeitgenössischen

Musik in der Schweiz Gehör und lädt

dazu ein, sich regelmäßig einen Moment des be-

weiter auf Seite 64 >>


64 | Klang

CAROL | 2025

HörZeit im Alter 2 | © Ute Schendel

wussten Hörens zu nehmen, experimentelle

Klänge zu entdecken und miteinander

zu teilen. Seit 2023 haben rund 40 zeitgenössische

Musiker:innen Kompositionsaufträge

erhalten. Seither wurden rund 100

Miniatur-Kompositionen eingereicht und

veröffentlicht. Im Gegensatz zu gängigen

Musikplattformen wird über das Projekt zur

aktiven Auseinandersetzung mit dem Gehörten

angeregt. So werden in Workshops

mit Schulklassen Kinder mit den Hörminuten

an experimentelle Musikformen herangeführt

und gemeinsame Hörerlebnisse

gestaltet. Seit dem Pilotprojekt im 2021/22

haben rund 600 Kinder mit der Künstlerischen

Leitung Sylwia Zytynska in ihren

Schulklassen eigene Hörminuten kreiert und

sind in das Klanguniversum der Plattform

eingetaucht.

Hörminute 3 | © Ute Schendel

Die Klang-App wird stetig um neue Hörminuten

erweitert und die Macher:innen sind

in verschiedenen Regionen der Schweiz

unterwegs. In Kooperation mit namhaften

Festivals und Ensembles führen wir Workshops

für Kinder/Familien und Performances

durch.

Mit „HörZeit“ wurde ein neues Teilprojekt

für betagte Menschen in Alters- und Pflegeheimen

lanciert. Wir entwickeln eine

Handreichung mit Musikaufnahmen und

Übungen, die Fachpersonen Aktivierung

& Betreuung befähigen, eigenständig und

ohne musikalische Vorkenntnisse ein Programm

basierend auf Klang, Musik & Bewegung

in ihren Institutionen durchzuführen.

Mit Ansätzen aus der Neuen Musik sollen

die Materialien zu einem gemeinsamen

Musizieren und Kreieren von Klangwelten

einladen. Dabei werden Alltagsgegenstände

und akustische Materialien wie Glas, Holz,

Metall oder Plastik als Instrumente verwendet.

Ziel ist, dass die Bewohner:innen mit

überraschenden Objekten und Übungen in

ihrer Sinneswahrnehmung und Neugier angeregt

werden, sich selbst aktiv beteiligen

und Gemeinschaft erleben.

Das Projekt Hörminute wird von der Ernst

von Siemens Musikstiftung ermöglicht.

Termine

14. – 17.8.2025 – Festival Alpentöne, Altdorf

21.9.2025 – La Chaux-de-Fonds

zuhoeren-schweiz.ch

Sound Performance “El paisatge complex (ielsnusos de l’olivera)”

by Shoeg in an olive field in La Sénia (Catalunya) | © Àlex Espuny

Terres de l‘Ebre (E)

Eufònic

10. – 13.7.2025

Eufònic is the festival around the sound, visual

and digital-performative artsthat is held

in Terres de l’Ebre, 200 km south of Barcelona,

since 2012. ​Eufònic are exceptional arts

in its broadest sense: audiovisual performances,

workshops, installations in museums,

sound actions, professional activities, kidfriendly

proposals and concerts in unique

spaces. The uniqueness of the landscape of

the Terres de l’Ebre area in general and the

Ebre river Delta in particular is the vertebral

and differential element of the festival, making

Eufònic a sound and visual experience

anchored in the landscape.

Amposta hosts the main performative activities

(musical and audiovisual performances,

sound actions, and artistic installations),

while natural spaces in the Ebre Delta

and other towns in the Terres de l’Ebre region

(Campredó, Deltebre, Miravet, Paüls,

Roquetes, Sant Jaume d’Enveja, La Sénia,

Tortosa, and Ulldecona) host performances,

sound actions, concerts, and other artistic installations.

Eufònic Pro, held in Tortosa, features

presentations, roundtable discussions,

and quick networking sessions between experts,

alongside more informal activities such

as artist meetups over vermouth and project

presentations. Eufònic Campus presents a series

of workshops and participatory activities

strongly connected with the context.

www.eufonic.net

Museum of a Future Past | © Elza Loginova.

Trossingen

Museum of a Future Past

Blicken wir aus dem Jahr 2070 zurück auf das

Heute: welche unserer alltäglichen Klangwelten

sind inzwischen ausgestorben? Brausender

Verkehrslärm, knackendes Eis, zirpende

Singvögel, klimperndes Bargeld, die Melodien

regional-ländlicher Dialekte: Unsere vertrauten

Klanglandschaften werden sich so

radikal verändern wie unser Alltag. Alles ist

im Wandel, verursacht durch Klimaveränderungen,

Biodiversitätsverlust und technologische

Fortschritte, oder sogar durch Faktoren,

die wir zum jetzigen Zeitpunkt lediglich

spekulativ in Betracht ziehen können.

Aus diesem Gedanken entstand eine ungewöhnliche

Kooperation des Ensemble Recherche

Freiburg mit dem Landeszentrum

MUSIK-DESIGN-PERFORMANCE der staatlichen

Hochschule für Musik Trossingen.

„Museum of a Future Past“ ist ein hybrides

Projekt, ein kreatives Geräuscharchiv, eine

performative Installation und ein begehbarer

Klangraum. Musikdesign-Studierende entwickeln,

betreut von Prof. Sonja Schmid (Ensemble

und digitale Performance) und Prof.

i.V. Christian Losert (Intermediales Gestalten),

eigenständige Präsentationsformen für

die Räume des Ensemblehaus Freiburg und

die Wiedereröffnung des Trossinger Konzertsaals.

Inspiriert durch den Museumsgedanken

und dabei voller musikalischer und

technologischer Spielfreude, inszenieren sie

Klangwelten und ermöglichen eine ästhetische

Erfahrung der Transformationsprozesse

unserer Zeit. Die Installationen wurde an

zwei Tagen im Ensemblehaus Freiburg einem

begeisterten Publikum zugänglich gemacht

und durch instrumentale Performances der

Ensemble-Musiker:innen ergänzt, welche im

Laufe der vorangegangenen Woche gemeinsam

entwickelt wurden.

www.museum-of-a-future-past.com

HdMEtage3 | © PaulBauer, 2024

Wien (A)

Haus der Musik

Ein Klangmuseum, das Kräfte freisetzt!

Das Haus der Musik hat seine Besuchszahlen

seit der Gründung im Jahr 2000 mehr als verdoppelt.

Die interaktive Musikvermittlung

findet auch international Anklang.

Wien gilt als Welthauptstadt der Musik.

Aber nur an einem Ort können bereits junge

Menschen Klänge erforschen, den Stars der

Wiener Klassik nachspüren, Tönen auf die

Schallwelle fühlen und selbst ein Orchester

dirigieren: im Haus der Musik. Das Museum,

das auch Konzerte veranstaltet und als

Eventlocation dient, will kulturelle Barrieren

beseitigen und Menschen für Musik sensibilisieren,

erklärt Direktor Simon Posch: „Wir

sind ein Ort lebendiger Auseinandersetzung,

der neue Zugänge zu Musik eröffnet. Die Leute

sollen neugierig zu uns kommen, mit einer

Melodie auf den Lippen in den Alltag zurückkehren,

und etwas für ihr Leben mitnehmen.

Kultur und Musik können eine starke Kraft

der Verbindung und Inspiration sein. Diese

Kraft wollen wir mit unserem breiten Angebot

freisetzen.“

www.hdm.at

Collage | © Sonic MAtter

Zürich (CH)

Sonic Matter

Klangliche Materie, nie gehörte Töne und

musikalische Labore: Seit 2021 lädt die Plattform

SONIC MATTER dazu ein, experimentelle

Musik zu entdecken, zu erforschen und

mitzugestalten. Ihr Herzstück ist das viertägige

SONIC MATTER Festival, das alljährlich

in den Wintermonaten an verschiedenen Orten

in Zürich einen Raum zum Eintauchen

in den Klang bietet: von kritisch bis sinnlich,

verbindend bis energetisch, kontemplativ bis

tanzbar.

Die Festivalausgaben sind in thematische

Bögen eingebettet, die neugierig machen

und zugleich Fragen aufwerfen: Die Festivaltrilogie

2025 – 2026 – 2027 steht unter den

Mottos „remake – drift – worldbuilding“ und

versteht sich als Nährboden für die Wechselwirkung

zwischen künstlerischen Prozessen

und den Entwicklungen ihrer Umwelt.

Mit seinen Festivals bringt SONIC MATTER

nicht nur Musiker:innen aus der Schweiz

mit internationalen Künstler:innen zusammen;

das Festival ermöglicht in Mitmachformaten

und Residenzen den Austausch zwischen

den Künstler:innen und allen, die sich

beteiligen wollen – ob als Zuhörer:innen,

Gesprächspartner:innen oder Künstler:innen

für einen Tag.

Mit dem Veranstaltungskalender SONIC

MATTER_soundguide und dem SONIC MAT-

TER_radio ist die Plattform auch über das Festival

hinaus aktiv und macht an 365 Tagen

im Jahr Stimmen der Freien Musikszene hörbar,

die im kommerzialisierten Musikbetrieb

oft untergehen.

www.sonicmatter.ch

suburb river sketch | © Marius Naegeli

Zürich (CH)

suburb river sketch

Guerilla Aktion im Öffentlichen

Raum

Der Klanggärtner Andres Bosshard lebt und

hört in Züri Seefeld. Er nimmt uns mit auf

seinen täglichen Spaziergang durch das „Töbeli“

entlang des Wildbachs, bis dieser zum

Hornbach wird und nach dem Überqueren

mehrerer belebter Stadtstraßen auf den Zürisee

trifft. Wir erfahren, wie wir uns durch

unser Hören aktiv mit unserer täglichen Umgebung

auseinandersetzen können. Wir lernen

nicht nur, mit unserer Klanglandschaft

zu interagieren, sondern auch unser eigenes

Verhalten zu ändern, um einen neuen Stadtklang

zu kreieren. Unterwegs werden wir von

kleinen Guerilla-Aktionen von Musikerinnen

und Musikern überrascht, und wir beginnen

dieses Festival gemeinsam mit einem mehrstündigen

Spaziergang entlang des Stadtflusses,

um den freien Fluss zu feiern.

Termine unter

www.guerillaclassics.org

Impressum:

arttourist

Titel: Loreen Sima | © Vincent Sima,

www.vincentsima.de

Produktion, Gestaltung & Layout:

Chris Bernert, chris@deluxe-grafik.com

Redaktion: arttourist

Glärnischstraße 7, D-78464 Konstanz

Tel. +49 (0)7531 8074704

www.arttourist.com

info@arttourist.com

arttourist.com

thearttourist

jazzacrosseurope

kukioskbyarttourist


CAROL | 2025 Medien | 65

MEDIEN

Basel (CH)

Andere Intelligenzen

10.5. – 10.8.2025

Welche Formen von Intelligenzen existieren?

Welche Bedeutung haben sie für unser

Verständnis von Ökologie und Gesellschaft?

Die internationale Gruppenausstellung widmet

sich den unterschiedlichen Formen von

Intelligenz: der künstlichen, technologischen

und der organischen der Flora und Fauna im

Zusammenspiel eines Ökosystems. Die beteiligten

Kunstschaffenden untersuchen, was

Intelligenz im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz

(KI) sein kann und welche anderen Formen

nicht menschlicher Intelligenz relevant

für die Gestaltung unserer Zukunft sein könnten.

Sie fragen, wie ein synthetisches Gehirn

einer künstlichen Intelligenz operiert oder

Organismen aus der Tier- und Pflanzenwelt

empfinden und handeln und was wir von

diesen Formen anderer Intelligenzen lernen

können.

Was also haben ChatGPT und der Regenwald

gemeinsam? Beides sind momentan viel diskutierte

Gesellschaftsthemen. Sie stehen für

die zwei Bereiche, KI und Klimakrise, deren

Entwicklung die Zukunft der Menschheit

einschneidend prägen wird. Es sind auch Repräsentanten

zweier unterschiedlicher nicht

menschlicher Systeme von Intelligenz. Mit

dieser Ausstellung möchten wir diese beiden

Aspekte nicht menschlicher Intelligenz zusammen

betrachten, da das Verständnis und

die Empathie für andere Formen der Intelligenz

zu den wichtigsten Überlebensstrategien

für unsere Spezies werden.

Künstler:innen: Niculin Barandun, Alice

Bucknell, Isabell Bullerschen, CROSSLUCID,

Patricia Domínguez, Susanne Hartmann, Joey

Holder, Špela Petrič, Sookyun Yang, Yiming

Yang

Kuratorinnen: Sabine Himmelsbach, Marlene

Wenger

HEK (Haus der Elektronischen Künste)

www.hek.ch

Berlin

re:publica 25: Generation XYZ

26. – 28.5.2025

Die re:publica 25 findet vom 26. bis 28.

Mai 2025 in der STATION Berlin statt. Das

Festival für die digitale Gesellschaft steht

dieses Jahr unter dem Motto „Generation

XYZ“. Das Programm bringt auch 2025 die

wichtigsten Themen rund um das Netz, seine

Communities und die Chancen und Herausforderungen,

die in der Digitalisierung

der Gesellschaft liegen, auf die Bühnen.

Generation X, Gen Y (Millennials) und Gen

Z – die re:publica 2025 lädt alle Generationen

(die Boomer sind natürlich ebenfalls

willkommen!) an ihren Tisch, denn unsere

demokratische Gesellschaft steht auf dem

Prüfstand. On- wie offline fehlt es an Räumen,

in denen Generationen sich offen begegnen

können, um sich zu vergewissern,

dass uns mehr verbindet, als trennt. Dass

in Generationsunterschieden auch Chancen

liegen, voneinander zu lernen, wenn

wir uns offen begegnen. Die altersabhängige

Nutzung von Social Media Plattformen und

die verschiedenen Kommunikationskanäle

der Generationen machen es beinahe unmöglich,

dass sich Alt und Jung begegnen

und austauschen.

Dabei wäre es gerade jetzt so wichtig, den generationsübergreifenden

Schulterschluss zu

suchen, denn zur Generation XYZ gehören

diejenigen, die jetzt noch aktiv dafür sorgen

können, dass unser Planet eine lebenswerte

Heimat für alle Menschen bleibt. Dafür,

dass wir auch weiterhin in einer demokratischen

Gesellschaft leben, die geprägt ist

durch Freiheit, Humanität und Solidarität

untereinander.

Darüber, was uns trennt, können und sollen

wir streiten. Für die re:publica 2025 möchten

wir jedoch die intergenerative Allianz

schmieden, die wir jetzt so dringend brauchen.

Unser kollektives Wissen macht uns

klüger, unsere kulturellen Leidenschaften

kreativer, und mit vereinter Courage sind

wir unschlagbar.

re:publica 25 | STATION Berlin

www.re-publica.com

Jeffrey Shaw, Theo Botschuijver, „Virtual Sculpture“, 1981, Pan- und

Tilt-System auf Stativ, halbdurchlässiger Spiegel, Fresnel-Linse, 12“

S/W CRT-Monitor, Apple II Gamepaddles, Apple II Plus, 175 x 71,6 x

79,6 cm, Ausstellungsansicht im Melkweg, Amsterdam.

© Jeffrey Shaw, Theo Botschuijver

Karlsruhe

The Story That Never Ends. Die

Sammlung des ZKM

ab 4.4.2025

Moderne Medientechnologien haben die

Welt verändert. Das ZKM | Zentrum für Kunst

und Medien Karlsruhe hat diesen Wandel so

aufmerksam begleitet wie keine andere Kunstinstitution

weltweit. Seit seiner Gründung

setzt das ZKM entscheidende Impulse in der

künstlerischen Auseinandersetzung mit neuen

Technologien. Auf diese Weise konnte

in den vergangenen 30 Jahren eine der bedeutendsten

Medienkunstsammlungen der

Welt aufgebaut werden. Mit der Ausstellung

„The Story That Never Ends. Die Sammlung

des ZKM“ präsentiert das ZKM nun zahlreiche

Highlights dieses einzigartigen Bestandes

in einer neuen Ausstellung. Zu sehen sind

Werke von den 1950er-Jahren bis in die Gegenwart,

darunter Video-, Licht- und Klangarbeiten,

kinetische Objekte und computerbasierte

interaktive Installationen.

Mit etwa 100 Arbeiten zeichnet „The Story

That Never Ends“ diese Entwicklungslinien

der Medienkunst und ihre Öffnung zu den

Kategorien Raum, Zeit und Bewegung sowie

Interaktion und Partizipation nach – von

den 1950er-Jahren bis in die Gegenwart.

Eine Auswahl bedeutender Schlüsselwerke,

die wichtige Momente und Meilensteine der

Medienkunst repräsentieren, zeigen die Vielfalt

und den Einfluss dieser technologischen

Entwicklungen. Marie-Jo Lafontaines monumentale

Videoskulptur „Les larmes d’acier“

(1987), mit der sie auf ironische Weise die

komplexen Begriffskonstellationen Mann,

Maschine, Macht und Sexualität dekonstruiert,

sowie Bill Violas Videoinstallation „Stations“

(1994), in der er mit der Frage nach

dem Werden und Vergehen eines der grundlegenden

Themen menschlichen Daseins

aufgreift, oder Jeffrey Shaws „Virtual Sculpture“

(1981), die für frühe Experimente der

Augmented Reality steht, bilden hier eine

kleine Auswahl an Beispielen.

ZKM | www.zkm.de

Bruckner Symphony No. 7, arrangement for ensemble/Chamber

musicians of the Bruckner Orchestra Linz (A) | © Tom Mesic

Linz (A)

Ars Electronica Festival

Festival für Kunst, Technologie und

Gesellschaft

3. – 7.9.2025

Aus erster Hand erfahren, wie neue Technologien

unser Leben verändern. Selbst erleben,

wie Machine Learning, VR, Robotik oder Biotech

zu einem sozial und ökologisch nachhaltigen

Fortschritt beitragen können. Auf

Augenhöhe diskutieren, welche Rechte und

Pflichten wir als digitale Bürger:innen haben

sollten. Menschen aus aller Welt kennenlernen,

die kritisch, aber optimistisch unser aller

Zukunft mitgestalten wollen. Für all das steht

Ars Electronica. Wir freuen uns darauf, dass

auch du mit dabei bist!

Ars Electronica zählt weltweit zu den ersten

Adressen für Medienkunst. Auf dem Festival

triffst du das Who is Who der internationalen

Medienkunstszene ebenso wie junge Shootingstars,

die gerade erst anfangen, sich einen

Namen zu machen. Allen voran möchten wir

dir eine der vielen Ausstellungen, die Prix Ars

Electronica Exhibition, ans Herz legen, wo die

besten Medienkunstwerke des Jahres zu sehen

sind, die von der internationalen Jury des renommierten

Wettbewerbs ausgezeichnet wurden.

Ein weiteres „Muss“ ist die große Ausstellung

zum jeweiligen Jahresthema des Festivals, in

der immer wieder künstlerische Positionen

auf spektakuläre Weise präsentiert werden.

Lass dich bei der STARTS Prize Exhibition von

bahnbrechenden Kooperationen zwischen

Wissenschaft, Technologie und Kunst inspirieren!

Jedes Jahr nutzen mehrere Dutzend internationale

Universitäten die Ars Electronica

als Plattform und präsentieren in der Campus-Ausstellung

beeindruckende Ergebnisse

ihrer Bildungsprogramme an der Schnittstelle

von Kunst und Technologie.

ars.electronica.art

© Karolina Bregula, THE STORM

Osnabrück

EMAF 2025

23. – 27.4.2025

Ausstellung 23.4. – 25.5.2025

Das European Media Art Festival Osnabrück

(EMAF) hat seinen Ursprung in einem Workshop

für Experimentalfilme im Fachbereich

Medienwissenschaften an der Universität Osnabrück.

Daraus resultierte 1981 ein Filmtreffen:

der sogenannte „Experimentalfilm Workshop“

und die Gründung des gleichnamigen

Vereins, der bis heute Träger des EMAF ist. Im

Jahr 1988 bot sich anlässlich des von der EU

ausgerufenen „Film- und Fernsehjahres“ die

Chance, das Festival auf eine neue Basis zu

stellen. Das Team von Studierenden stellte

dafür ein neues Konzept auf die Beine – unter

dem Titel „European Media Art Festival“.

Das EMAF gilt heute international als eines

der einflussreichsten Foren für zeitgenössische

Medienkunst. Jedes Jahr bietet es seinen

Besucher:innen in Filmprogrammen, Ausstellungen,

Performances und hybriden Formaten

einen Überblick über aktuelle künstlerische

Produktionen. Gastkuratierte Projekte

und Retrospektiven geben vertiefende Einblicke

in historische Positionen und Zusammenhänge.

Am 23. April wird in der Osnabrücker Kunsthalle

das European Media Art Festival eröffnet.

Dort wird auch die von Inga Seidler

kuratierte Ausstellung des EMAF 2025 zu

sehen sein. Sie widmet sich dem Festivalthema

Witnessing Witnessing und erforscht

Zeug:innenschaft als aktive und performative

Praxis, die über die bloße Dokumentation

von Ereignissen hinausgeht. Die versammelten

internationalen Künstler:innen nutzen

digitale Medien, Video, VR, 3-D Scans, Skulptur,

forensische Methoden oder Reenactment,

um Zeug:innenschaft als moralischen, politischen

und emotionalen Akt zu beleuchten.

In ihren Installationen hinterfragen sie die

Authentizität und Wahrheit von Medienproduktionen

sowie die damit verbundenen

Machtverhältnisse. Die Besucher:innen der

Ausstellung sind eingeladen, Verbindungen

herzustellen und sich kritisch mit den präsentierten

Informationen auseinanderzusetzen.

www.emaf.de

Stuttgart

Animation grenzenlos

ITFS und APDs 2025: Stop Motion,

Fokus Schweiz und tolle neue Trailer

6. – 11.5.2025

Beim 32. Internationalen Trickfilm-Festival

Stuttgart (ITFS) steht Handgemachtes im Fokus:

Ein Schwerpunkt widmet sich Stop Motion

als Technik. Der Länderfokus des ITFS und

der Animation Production Days (APDs) führt

diesmal in die benachbarte Schweiz. Und natürlich

haben die Festivalmacher:innen für

die Woche vom 6. bis 11. Mai 2025 noch allerhand

mehr in petto. Lust auf Animation

machen in jedem Fall die neuen Trailer für

ITFS und die APDs.

Im Zentrum des Festivals 2025 steht der künstlerische

Animationsfilm – mit einem klaren

Schwerpunkt auf Stop Motion. Besonders

Puppenanimation ist seit Jahren wieder sehr

beliebt. Das spiegelt sich auch bei den Einreichungen

und somit in den aktuellen Wettbewerbsprogrammen

von Tricks for Kids und im

Internationalen Wettbewerb wider. Für den

„Fokus Stop Motion“ stellt Olga Bobrowska

vom StopTrik Festival (Łódź und Maribor) zwei

Programme mit einem Best of und historischen

Puppen-Animationsfilmen zusammen.

Aktuelle Langfilme werden ebenfalls im Programm

zu sehen sein. Wir zeigen den Film

MEMORY HOTEL (2024), des deutschen Animationsfilmers

Heinrich Sabl, an dem er seit

1999 gearbeitet hat, sowie die Stop-Motion-

Animationskomödie VENGEANCE MOST

FOWL (2024) des weltberühmten britischen

Animationsstudio Aardman. Will Becher, Animator

und Regisseur bei Aardman, wird beim

ITFS zu Gast sein und eine Masterclass anbieten

– und sicherlich auch einiges zum neuen

Wallace & Gromit-Film erzählen.

www.itfs.de


66 | Elektro | Kiezsalon

CAROL | 2025

Michael Rosen | © Digital in Berlin

Kiezsalon Berlin

Michael Rosen ist ein deutscher Kurator und Konzertveranstalter, der seit 2004 in Berlin

lebt. Im Jahr 2008 gründete er die unabhängige Kulturagentur Digital in Berlin, deren

künstlerischer Leiter er ist. Die kuratierte Plattform für anspruchsvolle Musikkultur

ist ein musikalisches Archiv Berlins, das die Diversität der Szene widerspiegelt. Digital

in Berlin unterstützt, berät und entwickelt gemeinschaftliche Kulturangebote, schafft

Sichtbarkeit für spartenbezogene und spartenübergreifende Veranstaltungen und hilft,

kulturelles und künstlerisches Potenzial wirtschaftlich besser zu nutzen.

Seit 2010 veranstaltet und kuratiert

er vielerorts Konzerte in Berlin,

seit 2015 vor allem unter dem Namen

Kiezsalon. Der Kiezsalon präsentiert

als ein Forum für innovative

Musikausübung Künstler:innen

unterschiedlicher Genres, Herkunft

und Bekanntheit und bildet eine

Schnittstelle zwischen Avantgarde,

avancierter Popmusik und interdisziplinären

Künsten. Die Reihe präsentiert

in kompakten Vorstellungen

von 30 Minuten ein stilistisch

komplementäres Programm. Nach

zehn Jahren mit etlichen Premieren

und Spielorten in ganz Berlin hat

sich der Kiezsalon als eine der beliebtesten

und erfolgreichsten Musik-Reihen

der Stadt etabliert.

INTERVIEW

Wir sprachen mit

Michael Rosen.

Wer ist Michael Rosen und wie

kam Michael Rosen zur Musik?

Michael Rosen: Michael Rosen ist

Kurator und Künstlerischer Leiter

von Digital in Berlin. Geboren in

Siebenbürgen/Transsilvanien, aufgewachsen

in Augsburg und seit

2004 in Berlin. Wie ich zur Musik

kam, weiß ich nicht mehr so genau

– vermutlich als Teenager Ende

der 90er mit Stockhausen, Cage,

Autechre, Broadcast und J Dilla.

Was ist Ihnen in Ihrer Arbeit

wichtig, was ist Ihre künstlerische

Mission?

Michael Rosen: Erlebnisse zu

schaffen und spannende Formate

zu entwickeln, ästhetische und szenenbezogene

Kontraste zusammenzuführen,

neue Musik zu präsentieren

und mich nicht zu wiederholen.

Sparten-, Szene- und Publikumsgrenzen

füreinander durchlässig zu

machen und das Versprechen steter

Neuentdeckungen mit jedem Konzert

zu erneuern.

Ich denke oft aus der Perspektive

des Publikums und sehe meine Konzertabende

auch immer als Begegnungsstätten,

bei denen ich meinen

Gästen ausreichend Zeit und Raum

gebe, um sich zu begegnen.

Woher bekommen Sie Ihre Inspiration

für Ihre Arbeit und die

Entwicklung von neuen Konzertund

Vermittlungsformaten?

Michael Rosen: Aus meiner täglichen

Arbeit, die ich eher als mein

Hobby sehe – ein Privileg, das mich

nach wie vor begeistert und ausfüllt.

Sie sind Kurator, Konzertveranstalter

und IT-Spezialist. Sie beraten,

unterstützen, entwickeln

und veranstalten. Woher kommt

das „Tausendsassa-Gen“?

Michael Rosen: In der Grundschule

hieß es damals: „Der Junge hat

zu viel Energie und kann nicht still

sitzen.“ Ich glaube, wenn ich in

Augsburg geblieben wäre, wäre ich

entweder Spitzensportler oder drogenabhängig

geworden – Letzteres

wurde mir sogar prophezeit. Ganz

banal: Ich mache ausschließlich

das, was mir Spaß macht, und das

zehrt weniger an meinem Energiehaushalt

als beispielsweise eine

Steuererklärung.

... und was war zuerst? Die Liebe

für die Musik oder die Technologiefaszination,

und wie kam und

wirkt beides zusammen?

Michael Rosen: Keines von beidem

– es war die Liebe zum Film. Musik

und Computer kamen fast zeitgleich

danach. Es gab Zeiten, in denen ich

täglich zwei Filme angeschaut und

mich stundenlang in Videotheken

herumgetrieben habe. Von 2012

bis 2017 habe ich auch mein eigenes

Filmfestival kuratiert – in einem

100 Jahre alten Art-Déco-Kino mit

Blick auf den Atlantischen Ozean.

Das war wunderbar.

Was verstehen Sie unter „anspruchsvoller

Musikkultur“, wie

Sie Ihre Arbeit beschreiben?

Michael Rosen: Das kommt eigentlich

aus der Übersetzung des ersten

„Digital in Berlin“-Slogans: „Serious

sound and music since 2008“.

Ich finde „anspruchsvoll“ nach wie

vor treffend, weil es einerseits genreoffen

ist und sich keiner Schublade

oder schwammigen Musikdefinition

bedient. Andererseits

beschreibt es, dass die Kunst und

Musik, die wir präsentieren, nicht

beliebig ist, sondern immer ein

gewisses Niveau und eine innere

Stringenz mit sich bringt.

Für welche Musik und welche

Formate steht Michael Rosen, von

dem es heißt, dass er ein besonders

gutes Händchen für Konzerte

und unbekannte Künstler:innen

hat?

Michael Rosen: Für alle Musiken

– genau darum geht es mir. Musik

fernab von Genres und Definitionen

zu präsentieren, möglichst unterschiedlich

und kontrastreich.

Die Formate sind variabel und ändern

sich von Ort zu Ort. Das verbindende

Element ist, dass ich versuche,

ernste, oft sperrige Inhalte

einem breiten Publikum zugänglich

zu machen.

„Musik an ein Publikum bringen –

und an Orte, die außerhalb der konventionellen

Kartografien hauptstädtischer

Clubs und Spielstätten

liegen“, um meinen Freund, den

Musikjournalisten Jens Balzer, zu

zitieren.

Sie denken und arbeiten spartenübergreifend.

Wie wichtig ist dies

für Sie und wo sehen Sie Chancen,

aber auch ungenutzte Möglichkeiten?

Michael Rosen: Spartenübergreifend

zu arbeiten ist wichtig, um

mich und mein Publikum nicht zu

langweilen – aber auch, um eine

neue Zuhörerschaft zu erreichen,

VITA

Michael Rosen (*4. Oktober 1978 in

Hermannstadt/Transsilvanien) ist ein

deutscher Kurator und künstlerischer

Leiter, der seit 2004 in Berlin lebt.

Im Jahr 2008 gründete er die unabhängige

Kulturagentur Digital in

Berlin. Ebenfalls seit 2008 kuratiert

er das MADEIRADiG Musik Festival

auf der portugiesischen Atlantikinsel

Madeira. Seit 2010 kuratiert er vielerorts

Konzerte in Berlin, seit 2015 vor

allem unter dem Namen Kiezsalon.

Rosen ist ein Musikenthusiast, DJ und

war von 2017 bis 2020 Jurymitglied

des Hauptstadtkulturfonds. Als

Kurator und künstlerischer Leiter

hat er für verschiedene internationale

Musikprojekte und Festivals in

Deutschland, Portugal, Norwegen

und Ungarn gearbeitet.

www.digitalinberlin.de

kiezsalon.digitalinberlin.de/

pics.digitalinberlin.de/

Michael Rosen | © Digital in Berlin


CAROL | 2025 Elektro | Kiezsalon | 67

die sich wiederum über ein Publikum

freut, dem sie sonst nicht begegnen

würde.

Das Format Kiezsalon, das seit

Jahren sehr erfolgreich veranstaltet

wird, findet seit der Pandemie

an wechselnden Orten statt. Wie

wichtig sind die Orte und deren

Einfluss auf die Kreativität der

Künstler:innen, deren Performance

und eine unterstützende

Wirkung auf das Publikum?

Michael Rosen: Die wechselnden

Orte haben eine neue Ebene und

Herausforderung mit sich gebracht.

Jeder Ort ist anders und muss anders

bespielt werden. Nicht jede

Musik passt an jeden Ort. Wir wollen

Orte nicht assimilieren, sondern

für und mit dem Ort kuratieren. Einen

Bärenzwinger mitten im Park

bespielt man idealerweise anders

als eine 4000 Quadratmeter große

Industriehalle.

Die unterstützende Wirkung auf

das Publikum ist signifikant, denn

ein neuer Kiez bedeutet oft auch ein

neues Publikum.

Sie haben mehrere Jahre für die

Gruppe der Design Hotels gearbeitet.

Hat dies Ihren Blick auf Orte

und die Ästhetik von Konzertveranstaltungen

verändert und geschärft?

Michael Rosen: Darüber habe ich

tatsächlich noch nie nachgedacht.

Jedenfalls hat es jahrelang meine

Miete bezahlt und mir ermöglicht,

mein ausschweifendes Konzertleben

zu führen. Vielleicht hat es mir

gezeigt, dass sich Underground,

Qualität und Anspruch nicht ausschließen.

Das Hotel und Festival-Mitveranstalter

auf Madeira hätte ich ohne

„Design Hotels“ jedenfalls nicht

entdeckt.

Wann und wie haben Sie Madeira

für sich entdeckt, wo Sie seit 2008

jeweils Anfang Dezember das

„MADEIRADiG“, ein intimes Festival

für Noise, Avantgarde und

Experimental-Musik, veranstalteten?

Was kam dort für Sie und das

Format so perfekt zusammen und

warum ist trotz des Erfolges jetzt

erst einmal Schluss?

Michael Rosen: Ich wollte immer

ein Festival für Menschen machen,

die keine Festivals mögen. Das Terrain,

das ich vor über 16 Jahren auf

Madeira vorgefunden habe, war dafür

ideal.

Beim Boxen sagt man, wenn die

„Prime“ vorbei ist, sollte man wissen,

wann man aufhört – und die

Zeit ist jetzt definitiv gekommen.

Man kann es vielleicht mit einer alten

Band vergleichen, die lange und

erfolgreich miteinander gespielt hat

und sich irgendwann eingestehen

muss, dass man nicht mehr so recht

zusammenpasst.

Wie wichtig ist für Sie Erfolg und

wie bemessen Sie diesen für sich?

Michael Rosen: Ein befreundeter

Komponist sagte einmal in seiner

Radioshow:

„Rosen gestaltet mit sicherer Hand

beispiellose Musikerlebnisse. Der

Kiezsalon ist die inspirierendste

Musikreihe, die ich kennengelernt

habe. Bis in die ständig wechselnde

Auswahl der Weine ist jeder Abend

eine fruchtbare Symbiose aller Elemente.

Glücklicher kann man Musik

nicht darbieten.“

Wenn wir es dann noch schaffen,

Künstler:innen vor ausverkauftem

Haus zu präsentieren, nehme ich

das als Erfolg wahr – und lasse mich

daran gerne messen.

... und wie gehen Sie mit Scheitern

um?

Michael Rosen: Nicht so gut schätze

ich, das liegt eventuell auch daran,

dass ich mein größter Kritiker

bin.

Welche Idee von Michael Rosen

ist noch unrealisiert, wer oder was

und wo ist noch nicht veranstaltet?

Michael Rosen: Unzählige. Ich wollte

immer ein interdisziplinäres Festival

namens „Infinite Players“ ausrichten,

zu dem ich ausschließlich

Pioniere und vergessene Wegbereiter

der Musik und Klangkunst einlade.

Ich würde gerne nächstes Jahr den

1926 entstandenen Animationsfilm

„Die Abenteuer des Prinzen Achmed“

von Lotte Reiniger an dem

Ort, an dem er vor 100 Jahren seine

Premiere hatte, der Berliner Volksbühne,

zeigen – mit neuer, live eingespielter

Filmmusik.

Eine Konzertreihe, die alle 158 Botschaften

(Embassys) in Berlin bespielt.

Im März 2023 zeigten wir Béla Tarrs

Meisterwerk „Sátántangó“ in der remasterten

4K-Fassung – 7,5 Stunden

ohne Pausen und mit neuer, live gespielter

Filmmusik. Das würde ich

gerne noch einmal im Barbican in

London machen.

Das Gespräch führte Kai Geiger.

© Digital in Berlin

© Digital in Berlin

© Digital in Berlin © Digital in Berlin

© Digital in Berlin


68 | Elektro

CAROL | 2025

ELEKTRO

Ralph Larmann | © Kraftwerk Berlin 2018

Berlin

DARK MATTER

Ein neues Kapitel für die Berliner Kunstszene

beginnt: Ab dem 28. März 2025 wird das

Gelände des Museums für Licht- und Medienkunst

DARK MATTER um die neue TRANS-

FORMATOR Halle erweitert. Für die erste Ausstellung

in diesem spektakulären neuen Raum

kehrt das international gefeierte Lichtkunstwerk

SKALAR von Christopher Bauder und

Kangding Ray nach sieben Jahren Welttournee

nach Berlin zurück. DARK MATTER ist ein

Parallelkosmos aus raumgreifenden Lichtinstallationen,

in dem die Grenzen zwischen

realer und digitaler Welt verschwimmen. Mit

DARK MATTER begibt sich der Besucher auf

eine Reise durch sieben teilweise interaktive

Werke. Licht, Bewegung und Klang verschmelzen

zu emotionalen Choreografien aus

leuchtenden Formen und Farben.

Auf 1000 qm Ausstellungsfläche präsentiert

DARK MATTER multimediale Installationen

– von intimen kleinen Lichtkompositionen

über begehbare interaktive Objekte bis hin

zu raumfüllenden audiovisuellen Lichtshows

mit weltweit einzigartigem 3D Soundsystem.

Jeder Raum entfaltet dabei eine ganz eigene

individuelle Atmosphäre und ist doch Teil

eines ganzheitlichen Erlebnisses für Besucher

jeden Alters.

www.darkmatter.berlin

Full Of Lava, Damsel Elysium, Dampfzentrale Bern

© Yoshiko Kusano

Bern (CH)

Full of Lava

20. – 23.11.25

Das Musikfestival der Dampfzentrale Bern

(bis 2022 Saint Ghetto) präsentiert Popmusik

aus den Nischen und von den experimentellen

Rändern. Pop, der nicht einfach Wohlklang

oder Hintergrundmusik ist, sondern

aneckt, sich neu erfindet, politisch wird und

zuweilen provoziert. Auf der Bühne stehen

Künstler:innen, die mit Traditionen brechen

und neue Wege beschreiten.

Bis 2022 hieß Full Of Lava „Saint Ghetto“:

Nach 15 Jahren wurde es Zeit für einen neuen

Namen. Gleich bleibt die musikalische Ausrichtung.

Das Saint Ghetto Festival entstand

2008 als einmaliger Anlass, der Musik aus

Paris und der Schweiz einander gegenüberstellte.

Der dreitägige Event und der Name

gefielen so gut, dass die damalige Programmgruppe

beschloss, Saint Ghetto ein Jahr später

wieder durchzuführen, diesmal international

besetzt. Zahlreiche musikalische Legenden

und Kultfiguren, aber auch Newcomer:innen

und Außenseiter:innen stehen seither jeweils

an einem langen Wochenende im November

auf den Bühnen der Dampfzentrale.

www.dampfzentrale.ch

Ruhail Qaisar & Katarina Gryvul, Namkhay Rtsima (Rückgrat des

Himmels) | © Foto: M. Gross

Graz (A)

Springfestival Graz

18. – 22.6.2025

Die spektakuläre Festivallocation des Springfestivals

ist seit jeher das gesamte Grazer

Stadtzentrum. Clubs, Bars, Parks, Lagerhallen,

das Innere eines Berges, Marktplätze und

im Guerilla-Stil spontan bespielte öffentliche

Räume sind die vielfältigen Austragungsorte

des in Europa einzigartigen Festivals. Das

Programm verschmilzt mit den architektonischen

Besonderheiten, dem urbanen Savoirvivre

und dem reichen gastronomischen Angebot

der Stadt.

Die Geschichte des Springfestivals ist unweigerlich

mit der medialen und popkulturellen

Entwicklung der letzten beiden Jahrzehnte

verbunden. Die Jahrtausendwende war ein

entscheidender Zeitpunkt: Die Elektronische

Musik fand wegen neuer, allgemein verfügbarer

Musik- und Kulturtechnologien den Weg

aus dem Untergrund in die Breite. Das Springfestival

war 2001 eines der ersten Festivals,

das sowohl musikalisch als auch programmatisch

in Form von Lectures, Workshops und

Diskussionen diese Strömung mitgestaltet

und nachhaltig geprägt hat. Dabei hat das

Festival Jahr für Jahr globale Musikkultur

nach Graz geholt. Aber auch vice versa: Die

steirische Veranstaltung hat eine große Zahl

an österreichischen Musikkarrieren gefördert.

Viele Künstlerinnen und Künstler schafften

es von hier aus auf internationale Bühnen.

Es ist daher die größte österreichische Plattform

für Elektronische Kunst und Musik und

somit auch Sprungbrett vor internationalem

Fachpublikum. Nach wie vor zeichnet sich

das Festival dadurch aus, dass 60 Prozent der

auftretenden Acts heimische Künstlerinnen

und Künstler sind.

springfestival.at

Monumental Tour, Maillezais | © yo0ujo

Frankreich (F)

Monumental Tour

When Electronic Music meets

Heritage

Placed under the patronage of the French National

Commission for UNESCO, the Monumental

Tour is a concept combining Electronic

Music, Heritage and Digital Art created by

the French DJ and producer Michael Canitrot.

The opportunity to make our heritage interact

with the new technologies, to rediscover

our monuments from a new angle with the

sound of electronic music artists and huge

scenographies mixing light-shows and videomapping.An

experience that also intends to

give meaning to the celebration by attracting

new audiences to these places of history and

raising their awareness of the importance of

preserving our heritage for future generations

through calls for donations, in collaboration

with local institutions or associations. In

2022 the Monumental Tour and Michael Canitrot

were rewarded by the Institut de France

by receiving the Coup de Coeur 2021 prize

from the Stéphane Bern Foundation for History

& Heritage.

Passionate about history, heritage and ambassador

of the French electronic scene, the DJproducer

Michael Canitrot has imagined the

Monumental Tour as a place of meeting and

exchange, a field of experimentation between

different artistic disciplines: music, singing,

dance, digital art...

monumental-tour.com/en/a-propos/

www.michaelcanitrot.com

© The Sonic Pluriverse Festival

Berlin

Sonic Pluriverse Festival

Bass Cultures

Konzerte, DJs, Listening Sessions,

Workshops, Vorträge

27.6. – 2.8.2025

Sonic Pluriverse Festival: Bass Cultures erkundet

die Kultur der Soundsystems als globales

Phänomen. Von satten Reggae-Beats bis zu

wuchtigen Dubstep-Drops verknüpft das Programm

Erfahrungen, Dialoge und Soundpraktiken

im internationalen Austausch. Während

des Sommers 2025 mixen tief in Bass-Kulturen

verankerte Musiker:innen in Live-Auftritten

Rhythmen und Melodien zu Geschichten

von Widerstand und Solidarität. Über den gesamten

Sommer 2025 präsentiert Sonic Pluriverse

Festival: Bass Cultures diverse Programmangebote

für den Tag sowie Konzerte und

DJ-Sets am Abend. Das Festival versteht sich

als Raum für Kulturaustausch und Community-Dialog,

als Begegnungsort von Stimmen,

Rhythmen und Storys.

Termine:

27. und 28. Juni, 4. und 5. Juli, 11. und 12. Juli,

18. und 19. Juli, 2. August

www.hkw.de/programme/sonic-pluriversefestival-bass-cultures

Graz (A)

musikprotokoll 2025

2. – 5.10.2025

ORF musikprotokoll im steirischen herbst

Österreichs Festivalplattform für zeitgenössische

und experimentelle Musik

Das musikprotokoll fungiert als eine Art Labor,

in dem – mit allem künstlerischen Risiko

– das kundschafterhafte Aufsuchen der neuen

Entwicklungen und Trends gemeinsam mit

dem Publikum betrieben wird. Von Orchestermusik

– mit dem ORF Radio Symphonieorchester

Wien –, Musik für Ensembles und

Kammermusik bis hin zu Performance und

Klanginstallation reicht wie selbstverständlich

das herausfordernd heterogene Feld der

in ihren Nuancen vorgestellten Genres, in

vielen Fällen mit eigens für das Festival entwickelten

und produzierten Arbeiten.

Inhaltlich ist das Festival der zeitgenössischen

und experimentellen Musik und intermedialen

Spielformen gewidmet, deren aktuelle künstlerische

Tendenzen und ihre herausragenden

Vertreter:innen vorgestellt werden, wobei sich

die Einbindung österreichischer Positionen in

internationale Zusammenhänge als ein roter

Faden durch die Festivalgeschichte zieht.

Das musikprotokoll wurde 1968 von Emil

Breisach gegründet und wird jährlich vom

Österreichischen Rundfunk (Radio Österreich

1 und Radio Steiermark) veranstaltet. In Koproduktion

mit dem steirischen herbst.

Entdecken Sie unsere Festival-Präsentation,

falls Sie mehr über die Geschichte, Strukturen

und Hintergründe erfahren wollen:

musikprotokoll.orf.at

www.steirischerherbst.at

Nuits Sonores 2022 | © Brice Robert

Lyon (F)

Nuits Sonores

28.5. – 1.6.2025

In the face of mounting anxieties, we need to

bounce back, to breathe, and to find spaces

that offer possibility and joy. To make the

most of moments of festivity, to celebrate

the ephemeral, and to acknowledge how

precious that is. We’re not saving the world;

we’re simply organising a festival. But in the

face of such overwhelming circumstances, to

think that we are somehow disconnected and

isolated from the world around us would be

tantamount to giving up, abandoning what

is most important.For over 20 years, Nuits Sonores

has been celebrating artists and youth,

the freedom to meet and to dance, but also

to think.

Nuits Sonores is a celebration of Europe, its

culture and its diversity. This year, as the festival

reaches its 23rd edition, its mission remains

the same: to welcome aboard a new generation

of artists and festival-goers who will

make the event their own and help to shape

its narrative, setting the points of reference

that make this collective experience what it

is and that make possible these unforgettable

moments that punctuate our lives.

www.nuits-sonores.com

Limpe Fuchs | © Konstantin Mischaikow

München

TUNE Haus der Kunst

TUNE ist eine Serie kurzer Soundresidencies

am Haus der Kunst, angesiedelt zwischen den

Feldern Sound, Musik und visueller Kunst.

Die eingeladenen Künstler:innen arbeiten

genre-, epochen- und stilübergreifend und

schaffen klangliche Beiträge, die im Dialog

mit dem aktuellen Programm des Hauses der

Kunst stehen.

TUNE wird an verschiedenen Orten in unserem

Gebäude präsentiert. Zu den Höhepunkten

2025 zählt die Zusammenarbeit der

Schlagzeugerin und Komponistin Valentina

Magaletti mit der afro-portugiesischen Künstlerin

Nídia. Gemeinsam erkunden sie eine

vielfältige, zugleich universelle Musiksprache,

geprägt von verschobenen Trommelrhythmen,

pulsierenden Marimba-Klängen und

melodischen Zwischenspielen. Das Kollektiv

lifeisbeautiful präsentiert Performances, die


CAROL | 2025 Elektro | Ausstellungen | 69

sich aus lockeren, improvisierten Strukturen zu

vielschichtigen Erzählungen entfalten. Dabei

verbinden sie die individuelle Ausdruckskraft

und das kreative Spiel der acht Musiker:innen

zu einem Ganzen, das mehr ist als die Summe

seiner Teile – ein wesentlicher Leitgedanke ihres

Schaffens. Die legendäre Musikerin Limpe Fuchs

hat die kosmische Musik der 1960er- und 1970er-

Jahre und den psychedelischen Underground

entscheidend geprägt. Für ihre Performances,

die oft spontan verlaufen, baut sie eigens Instrumente,

die darin zum Einsatz kommen.

Die Komponistin und Musikwissenschaftlerin

Youmna Saba verbindet elektroakustische Musik

mit der arabischen Sprache in ihrer gesungenen

Form. Neben Solo-Experimenten schafft sie in

Zusammenarbeit mit anderen Kompositionen

und komponiert Filmmusik. Eine wichtige Rolle

spielen darin die Stimme und ihr Lieblingsinstrument,

die Oud.

Kuratiert von Sarah Miles mit Marlene Mützel.

www.hausderkunst.de/eintauchen/tune-live-2025

SHAPE+

SHAPE+ is a European platform for innovative

music and art. It is artist-oriented, and, every

year, it creates a selection of exceptional emerging

talent via open call and curatorial voting, to

then foster their careers with performance invitations,

collaborative residencies, commissions,

seminars and networking events. SHAPE+ consists

of non-profit venues and festivals, and is cofunded

by the European Union and, as of July

2024, Pro Helvetia.

Note: SHAPE+ is not a funding body, and cannot

provide support to artists not in the roster,

nor organizations outside the current list of partners.

You may reach out to one of the Creative

Europe Desks or visit the central Creative Europe

page to find out more about European funding

opportunities.

SHAPE+ currently consists of 18 partners in

18 countries with plans for further expansion,

while adopting an interdisciplinary approach

and committing to social and environmental

awareness.

SHAPE+ is a three-year initiative co-funded by

the European Union. Views and opinions expressed

are however those of the author(s) only

and do not necessarily reflect those of the European

Union or the European Education and

Culture Executive Agency (EACEA). Neither the

European Union nor EACEA can be held responsible

for them.

The project is open to artists, based in the EU,

as well as the countries that are listed in this document.

www.shapeplatform.eu

Manuella Blackburn | © Decoy Media

Thomas-Seelig-Fixed-Media-Preis

Seit 2018 vergibt die DEGEM Deutsche Gesellschaft

für Elektroakustische Musik e.V. den von

Folkmar Hein gestifteten Thomas-Seelig-Fixed-

Media-Preis in Höhe von 2000 Euro, verbunden

mit einem Kompositionsauftrag für „fixed media“.

Mit dem Preis sollen herausragende Leistungen

im Bereich der akusmatischen Musik gewürdigt

und gefördert werden.

Eine dreiköpfige, alle 2-3 Jahre wechselnde Jury

wählt jährlich eine Person für den Preis aus. Bewerbungen

sind nicht möglich.

Den Thomas-Seelig-Fixed-Media-Preis 2025 erhält

die britische Komponistin Manuella Blackburn,

die sich in ihren Werken, ihrer Forschung

und ihrer pädagogischen Tätigkeit besonders auf

die akusmatische Musik konzentriert. Konzepte

der Spektromorphologie und des Microsounds

adaptiert und kombiniert sie auf überzeugende

Weise und schafft so eine funkelnde und mitreißende

Musik. Oft ist die Inspiration durch visuelle

Erlebnisse im Alltag wichtig. Außerdem lotet

sie inter- und transkulturelle Fragen des Sampling

in ihrer Musik und ihren Schriften intensiv

aus.

Jury: Hanna Hartman, Folkmar Hein

und Kilian Schwoon

Manuella Blackburn schloss 2010 ihre Promotion

in elektroakustischer Komposition an der

University of Manchester bei Professor Ricardo

Climent ab. Anschließend unterrichtete sie als

Dozentin an der Liverpool Hope University, bevor

sie 2019 eine Stelle an der Keele University

antrat. Ihr Schaffen umfasst elektroakustische

Werke für Instrumente und Elektronik, Fixed

Media, Klanginstallationen, Tanz und Film. Das

Label empreintes DIGITALes (Montréal) veröffentlicht

ihre Musik. Ihre Werke werden weltweit

aufgeführt und erhielten bei einer Reihe

von Wettbewerben und Festivals Auszeichnungen.

Sie hat außerdem zahlreiche Zeitschriftenartikel,

Konferenzbeiträge und Buchkapitel veröffentlicht

und Keynote-Vorträge gehalten.

www.degem.de/thomas-seelig-fixed-media-preis/

www.manuellablackburn.com

Bixiga 70 in Tivoli Vredenburg | © LIsanne Lentink

Utrecht (NL)

L Guess Who?

6. – 9.11.2025

With the motto of Listening is the Way Forward,

Le Guess Who? is widely considered to be one of

the most forward-thinking festivals around. Le

Guess Who? exists to promote sounds that are

often overlooked, and to platform fresh perspectives

on what is possible in music. Here, artists

from all over the world push the boundaries of

expectations and offer an insight into the unprecedented

diversity of human creativity. Over the

years, Le Guess Who? has grown into a leading

international festival, known for the inspiring

way in which groundbreaking music is presented.

In 2023, visitors from 60 different countries

travelled to Utrecht in November to attend the

festival. Our mission: A playground for discovery

and exploration, Le Guess Who? changes

minds through music and connects communities

worldwide through the power of sound.

From 6-9 November 2025, Le Guess Who? once

again takes over the entire city of Utrecht, with

over 150 artists performing in pop venues, theaters,

churches, clubs, warehouses, and more. U?

is the participative and freely accessible day program

of Le Guess Who?, created for and with the

city of Utrecht. COSMOS is our globe-spanning

initiative that amplifies local scenes from around

the world through films, interviews, performances,

and artist residencies.

www.leguesswho.com

Zürich (CH)

Tram & Bass

Tram und Bass lädt dich ein, verträumt aus dem

Tram in die Stadt hinauszuschauen und dabei

30 einzigartige Musikfahrten zu hören. Auf der

Musikplattform wird die Vielfalt elektronischer

Musik aus Zürich audiovisuell präsentiert und

für alle zugänglich gemacht.

Musik, genauso wie Tramfahren, ist ein großer

Bestandteil des Zürcher Soziallebens. Sie verbindet

und bringt Menschen zusammen. Während

elektronische Musik immer mehr Platz im Internet

findet, verliert sie ihren Platz im öffentlichen

Raum. Die vielen musikalischen Nischen

bilden soziale Subkulturen, welche wiederum als

Nährboden für die Diversität der Zürcher Kultur

dienen.

In den Tramfahrten zeigen wir nicht nur Techno,

sondern die ganze Bandbreite elektronischer

Musik von lokaler und internationaler Ausstrahlung.

Die Vielfalt der musikalischen Subkultur

prägt nicht nur die Nacht, sondern auch den

Tag. Also steig ein, wir wünschen viel Spaß beim

Entdecken.

www.tramundbass.ch

AUSSTELLUNGEN

Plakat zur Ausstellung | © Matthies Weber & Schnegg, Berlin

Berlin

Heavy Metal in der DDR

19.3. – 31.8.2025

Lauter, härter, schneller – in den 1980er-

Jahren fasziniert Heavy Metal Jugendliche

weltweit. Während im Westen Bands wie Metallica

und Iron Maiden die Bühnen erobern,

entwickelt sich in der DDR im Jahrzehnt vor

Mauerfall und Wiedervereinigung eine ebenso

energiegeladene Heavy-Metal-Szene, die

sich am Westen orientiert und vom SED-Regime

misstrauisch beäugt wird. Die Ausstellung

„Heavy Metal in der DDR“ wirft einen

Blick auf den Alltag von Fans und Bands:

Lederjacken und Nietenarmbänder, Gitarren

und Schallplatten erzählen von Musik- und

Jugendkultur in der DDR in den 1980er-Jahren.

Zeitzeuginnen und Zeitzeugen erwecken

die Geschichten zum Leben. Was passiert mit

der Szene nach 1989/90? Und was bleibt vom

Heavy Metal in der DDR? Die Ausstellung öffnet

den Blick auf den Alltag in Ostdeutschland

in den 1990er- und 2000er-Jahren und

verfolgt die Heavy-Metal-Szene durch Umbrüche,

Extreme und Wiederbelebung bis in

die Gegenwart.

Museum in der Kulturbrauerei | www.hdg.de

www.hdg.de/museum-in-der-kulturbrauerei/ausstellungen/heavy-metal-in-der-ddr

Vaginal Davis, Downtown, 1993 | © Reynaldo Rivera

Berlin

Vaginal Davis: Fabelhaftes Produkt

21.3. – 14.9.2025

20 Jahre nachdem die Künstlerin, Autorin

und Performerin Vaginal Davis von Los

Angeles nach Berlin gezogen ist, zeigt der

Gropius Bau die erste umfassende Einzelausstellung

ihres Werks in Deutschland. In

ihrem wegweisenden Schaffen verbinden

sich Punk und Glamour, queerer Aktivismus

und schwarze Gegenkultur sowie Widerstand

und Begehren. Vaginal Davis: Fabelhaftes Produkt

präsentiert die gesamte Bandbreite ihres

Schaffens und stellt gleichzeitig Ms. Davis’

zahlreiche künstlerische Zusammenarbeiten

– unter anderem mit dem Berliner Kunstkollektiv

CHEAP und dem New Yorker Künstler

Jonathan Berger – in den Mittelpunkt. Die

Ausstellung umfasst Malereien, Video- und

Filmarbeiten, Zines, Texte, Musik und Performances

mit Arbeiten, die von 1985 bis 2025

entstanden sind. Die Werke werden in sieben

großformatigen Installationen im Erdgeschoss

des Gropius Bau gezeigt.

Gropius Bau | www.berlinerfestspiele.de/gropiusbau

Yoko Ono und John Lennon, Cover des Katalogs für Acorn Event,

1968 | © Yoko Ono, Foto: Keith McMillan

Yoko Ono: Music of the mind

11.4. – 31.8.2025

Yoko Ono war ihrer Zeit voraus – und hat mit

ihrem Schaffen seit den 1950er-Jahren Kunst,

Musik und politischen Aktivismus entscheidend

geprägt. Mit der umfassenden Einzelausstellung

YOKO ONO: MUSIC OF THE

MIND würdigt der Gropius Bau Onos wegweisendes

Werk und beleuchtet ihre Rolle in

der frühen Konzept- und partizipativen Kunst

sowie in Film und Performance.

Die Ausstellung vereint mehr als 200 Arbeiten,

darunter Handlungsanleitungen und

partizipative Werke, Installationen, Filme,

Musik und Fotografien. Sie zeugen von Onos

radikalem Ansatz in Bezug auf Sprache, Kunst

und Partizipation, der bis in die Gegenwart

hineinwirkt. Der Titel der Ausstellung geht

auf Onos Konzert- und Veranstaltungsreihe

Music of the Mind zurück, die 1966 und

1967 u.a. in London und Liverpool stattfand.

„Für mich“, so Ono, „gibt es nur einen einzigen

Klang, nämlich den Klang des Geistes.

Meine Werke dienen allein dazu, in den Menschen

die Musik des Geistes hervorzurufen.

[…] In der Welt des Geistes breiten sich Dinge

aus und transzendieren die Zeit.“ (1966)

YOKO ONO: MUSIC OF THE MIND zeichnet

die Entwicklung des innovativen Œuvres der

Künstlerin ab Mitte der 1950er-Jahre bis heute

nach und hebt ihre anhaltende Bedeutung

für die zeitgenössische Kultur hervor.

Gropius Bau

www.berlinerfestspiele.de/gropius-bau

Bonn

USIC! Feel the Beat

bis 27.4.2025

Das LVR-LandesMuseum Bonn zeigt bis zum

27. April 2025 die große Mitmachausstellung

„MUSIC! Feel the Beat“. Die interaktive Ausstellung

rückt das Erleben von Musik in den

Mittelpunkt und zeigt, wie Musik unsere Körper

und Emotionen beeinflusst.

18 musikalische Mitmachstationen laden

zum Hören und Experimentieren ein – vom

Drum Battle über die Komposition von Popsongs

bis zum Carpool Karaoke. Gefeiert wird

der Start von „MUSIC!“ am Samstag, den 12.

Oktober mit einem großen Familienfestival.

Der Eintritt und alle Aktionen sind an diesem

Tag kostenfrei.

Musik verbindet Menschen, weckt Emotionen,

setzt Energie frei. Ob leise oder laut, traditionell

oder experimentell – Musik lässt uns

weiter auf Seite 70 >>


70 | Ausstellungen

CAROL | 2025

tickets.lmb.lvr.de

Eintritt frei

für Kinder und

Jugendliche bis

18 Jahre

12.10.24

— 27.4.25

Ausstellungsplakat | © LVR-LandesMuseum Bonn

tanzen, ruft Erinnerungen wach, ist Balsam für

die Seele, Ausdruck großer Freude oder tiefer

Trauer. Musik bewegt – überall auf der Welt.

Was passiert, wenn uns ein Rhythmus erfasst?

Was verbindet mittelalterliche Tänze mit

heutigem Hip-Hop? Wie wirkt sich Musik auf

unser Gehirn aus? Wie fühlt es sich an, Teil

eines Orchesters zu sein? Diese und viele weitere

Fragen laden zum Entdecken und Experimentieren

ein.

LVR-LandesMuseum Bonn

www.landesmuseum-bonn.lvr.de

John Cage | Blick in die Sonderausstellung | © Natalie Bleyl

Chemnitz

John Cage. Museumcircle

bis 18.5.2025

Der amerikanische Komponist und bildende

Künstler JOHN CAGE (1912–1992) schuf im

Jahr 1991 mit dem „Museumcircle“ die Partitur

für eine außergewöhnliche Ausstellung.

Die Museen einer Stadt zeigen gemeinsam

Sammlungsstücke, die zufällig bestimmt und

ebenso zufällig bestimmten Plätzen im Ausstellungsraum

zugeordnet werden. Mehr als

40 Museen aus der Kulturhauptstadtregion

machen mit – und es bleibt spannend: Trifft

der Erzgebirgsengel auf den Auspuff eines

MZ-Motorrads? Wie verträgt sich ein expressionistisches

Bild mit einem ausgestopften

Papagei?

Industriemuseum

www.industriemuseum-chemnitz.de

Frankfurt

Jazzklub Frankfurt 2025

26.9.2025 – 21.1.2026

Ab Spätsommer/Herbst 2025 präsentiert das

Museum Angewandte Kunst unter dem Arbeitstitel

Jazzklub Frankfurt 2025 ein hybrides

Ausstellungs- und Konzertprojekt, das als

Anknüpfung an die besondere und vielfältige

Geschichte des Jazz in Frankfurt am Main

konzipiert ist.

Initiativen, Netzwerke, Institutionen, Vereine,

Clubs und die Protagonist:innen der Jazz-

Szene, die derzeit den Jazz im Kulturleben

Frankfurts und der RheinMain-Region erfolgreich

realisieren und verankern, sollen sichtund

hörbar werden, sollen die Möglichkeit

bekommen, gemeinsam das Ausstellungsund

Programmprojekt zu gestalten und einmalige

kollaborative Projekte umsetzen zu

können. Video- und Audioaufnahmen, Dokumente,

Exponate und Grafik aus beinahe

100 Jahren Frankfurter Jazz-Geschichte

sowie interaktive und partizipative Installationen

und Workshops sollen die Beschäftigung

mit dem Thema Jazz, den Topographien

dieser Musik und den Musiker:innen

ermöglichen, aber auch zum Musikmachen

anregen. Ein mehrteiliges Musikprogramm

mit internationalen Gastmusiker:innen

(„Internationale Größen“) über das weite

Spektrum des Jazz („Around Jazz“) hinweg,

Auftrittsmöglichkeiten für Studierende und

Amateur-Musiker:innen im Jazzklub („New

Generation“) sowie Tanzevents, Panels und

Programme für Kinder und Jugendliche sollen

zeigen, was der Zusammenschluss verschiedener

Kräfte in einer Kunst- und Kulturstadt

wie Frankfurt am Main bewirken kann.

Gemeinsam mit einer Vielzahl engagierter

Akteur:innen, Institutionen und dem Publikum

in Frankfurt am Main und der Rhein-

Main-Region soll die Bedeutung des Jazz zwischen

Vergangenheit und Zukunft ausgelotet

und zelebriert werden.

Museum Angewandte Kunst

www.museumangewandtekunst.de

Ausstellungsplakat | © MOMEM Frankfurt

Frankfurt

Tangerine Dream Zeitraffer

ab 7.4.2025

Tangerine Dream gelten nicht nur als eine

der international einflussreichsten deutschen

Bands aller Zeiten, sondern auch als die wohl

produktivsten Pioniere und Inspiratoren

elektronischer Musik, insbesondere für deren

Spielarten Ambient und Trance. Vom 7. April

an würdigt das MOMEM mit der erstmals

in Deutschland gezeigten Ausstellung Tangerine

Dream: Zeitraffer die außergewöhnliche

und wechselhafte Geschichte der Band,

die 1967 in West-Berlin ihren Anfang nahm

und mit dem Tod ihres Gründers Edgar Froese

im Jahr 2015 noch lange nicht zu Ende

war. Denn „es gibt keinen Tod“, war Froese

überzeugt, „es ändert sich nur die kosmische

Adresse.“

Anhand zahlreicher Dokumente, Fotos und

Original-Instrumente (u.a. Prophet-5, Moog

IIIP und Minimoog) erzählt die eigens für

das MOMEM neu zusammengestellte und erweiterte

Ausstellung Tangerine Dream: Zeitraffer

einige der wichtigsten Stationen in der

über 55-jährigen Bandgeschichte. Die Basis

dafür bildet die gleichnamige Ausstellung,

die 2020 in der Library des Londoner Barbican

Center gezeigt wurde. In der Frankfurter

Werkschau kann natürlich auch die Musik

von Tangerine Dream intensiv gehört und erlebt

werden, im Zusammenklang mit rarem

Bildmaterial und den vielen Zeitdokumenten,

die Bianca Froese-Acquaye gesammelt

und – unterstützt von Co-Kurator Christian

Arndt – für das MOMEM aktualisiert und neu

eingeordnet hat.

MOMEM | www.momem.org

Hamburg

Glitzer

bis 26.10.2025

Glitzer funkelt und flirrt, fasziniert und empört.

Es ist auf Bühnen ebenso zu finden wie auf

Protestplakaten und in Kinderzimmern. Glitzer

ist omnipräsent – und doch ist das MK&G

weltweit das erste Haus, das diesem Material

eine Ausstellung widmet. Der Schwerpunkt

PANSY ST. BATTIE, Model und Burlesque-Performer:in

Foto: Xenia Curdova © Pansy St. Battie

der Ausstellung liegt auf Glitzer als Symbol für

Zugehörigkeit, Empowerment und Selbstbestimmung

und beleuchtet den Einsatz in politischen

Kontexten und kollektiven Bewegungen.

Rund 40 internationale Positionen aus

Kunst und Gestaltung widmen sich Glitzer als

Ausdruck der Freude an gesellschaftlicher Vielfalt

und kollektiver Ausgelassenheit, als Mittel

des Protests, der Performance und Popkultur,

als Symbol der Sichtbarmachung marginalisierter

Gruppen und des Widerstands gegen

Körpernormen. Gezeigt werden unter anderem

ein glitzerndes Jugendzimmer der Hamburger

Künstlerin Jenny Schäfer, Fotografien von Quil

Lemons, Skateboards von Mickalene Thomas,

GIFs von Molly Soda, Show-Perücken der Hamburger

Designer Karl Gadzali und Mohamad

Barakat-Götz für Olivia Jones und ein Bühnenoutfit

von Bill Kaulitz. Besucher*innen sind immer

wieder eingeladen, sich zu beteiligen – sei

es im Vorfeld der Ausstellung mit der Einsendung

von privaten Lieblingsobjekten, durch Ergänzungen

wichtiger Glitzer-Ereignisse in einer

funkelnden Timeline zur Geschichte des Materials

oder selbst gestaltend im D.I.Y.-Raum.

MK&G Museum für Kunst & Gewerbe

www.mkg-hamburg.de

UN_BOUND created by Trans VoicesILĀ and MONOM

© Zachary Hertzman

London (GB)

Feel the Sound

22.5. – 31.8.2025

Spüren Sie den Klang in der neuen multisensorischen

Ausstellung im Barbican, die die Beziehung

zum Klang erforscht und eine Welt

des Hörens eröffnet. Frequenzen, Klänge,

Rhythmen und Schwingungen bestimmen alles

um uns herum. Vom Soundtrack unserer

Umgebung bis zum Rhythmus unseres Herzens

– Frequenzen schaffen und verändern

ständig, wie wir die Welt sehen, hören und

fühlen. Feel the Sound lädt Sie ein, Ihre Sinne

zu wecken, sich auf eine spannende Klangwelt

einzulassen und in einer Reihe von einzigartigen

Installationen Ihre persönlichen

Frequenzen zu entdecken.

Bewegen Sie sich im Takt internationaler

Auto-Soundsysteme, singen Sie mit einem

digitalen Quantenchor, entdecken Sie Ihre

innere Symphonie, erleben Sie Musik ohne

Klang und entdecken Sie ein Lied für Ihr zukünftiges

Ich. Jede Installation gibt Ihnen die

Möglichkeit, Ihren Körper als Hörgerät zu erkunden

und ihre Beziehung zu sich selbst neu

zu überdenken.

Barbican | www.barbican.org.uk

Your Inner Symphony | Kinda x Nexus | © Barbican

In Pursuit of Repetitive Beats

22.5. – 3.8.2025

Begeben Sie sich auf ein episches Virtual-

Reality-Abenteuer in die Euphorie eines

Acid-House-Raves von 1989. Das größte VR-

Erlebnis Großbritanniens nimmt Sie mit in

das Herz einer Musikrevolution. Mithilfe

von Technologien, die ein wahrhaft kollektives

Erlebnis schaffen, können Sie und Ihre

Freunde denselben virtuellen Raum teilen

und gemeinsam als Pioniere der Rave-Kultur

interagieren. In der Rave-Szene ging es schon

immer um organische, energiegeladene Gemeinschaften,

die in physischen und spirituellen

Räumen gemeinsame Erfahrungen machen.

Mit der Weltpremiere seiner neuesten

Version ehrt In Pursuit of Repetitive Beats diesen

Geist und vereint uns alle auf eine neue

und transformative Weise. East City Films

schafft „Erfahrungen der Zukunft“. Erlebnisse,

die das Publikum auf unglaubliche Reisen

in die Vergangenheit mitnehmen, um sich

mit unserer gemeinsamen Geschichte und

Menschlichkeit wieder zu verbinden. Erlebnisse,

die die Annäherung von Theater, Film,

Musik, Spielen und visueller Kunst visualisieren,

um epische Abenteuer zu schaffen, die

das Publikum nie vergessen wird.

Barbican | www.barbican.org.uk

Blitz Exhibition | © the Design Museum London

London (GB)

Blitz: der Club, der die 80er-Jahre

prägte

20.9.2025 – 29.3.2026

Tauchen Sie ein in die Musik-, Mode- und

Designgeschichten, die das Blitz prägten –

den Club, der den Londoner Stil der 1980er-

Jahre bestimmte.

Hinter einer Tür in einer Seitenstraße von

Covent Garden war der Blitz-Club der Ort,

an dem der Stil der 1980er-Jahre begann.

Inspiriert von David Bowie, der Punk- und

Soul-Szene, dem kontinentalen Kino und der

Kabarett-Kultur, kamen die besten jungen Talente

ihrer Generation zusammen, um Mode,

Musik und Design zu revolutionieren.

Vierzig Jahre nach seiner Schließung können

die Besucher die Geschichte und die

Atmosphäre des bahnbrechenden Clubs mit

einer sinnlichen Extravaganz aus Musik,

extravaganter Mode und bahnbrechendem

Kunst-, Film- und Grafikdesign neu erleben.

In Zusammenarbeit mit einigen der führenden

„Blitz Kids“, die damals dabei waren,

werden Kleidungsstücke, Zeichnungen, Fotos

und Videos aus dem Blitz Club und darüber

hinaus gezeigt, darunter auch Gegenstände,

die noch nie öffentlich ausgestellt

wurden.

The Design Museum | designmuseum.org

Luxemburg (L)

Susan Philipsz

The Lower World

7.5. – 18.10.2025

Die schottische Künstlerin Susan Philipsz

(1965, Glasgow), die für ihre Installationen

bekannt ist, in denen sie sowohl die skulpturale

als auch die emotionale Dimension des


CAROL | 2025 Ausstellungen | 71

ähnlich benannten Werken, die sie im Laufe

ihrer Karriere geschaffen hat, und verweist

auf die Vitalität, die Kim in ihr künstlerisches

Schaffen einbringt: Sie ist unermüdlich experimentell,

produktiv und engagiert, ihre

Erfahrungen mit Gehörlosen mit anderen zu

teilen.

Whitney Museum of American Art | whitney.org

The Lower World | © Susan Philipsz

Klangs erforscht, wurde eingeladen, ein Werk

für den Aquatunnel zu schaffen. Dieser 900

Meter lange Tunnel verläuft unter der Ville

Haute und verbindet das Tal der Petruss mit

dem Stadtteil Pfaffenthal. Die von der Künstlerin

aufgenommene Klanginstallation The

Lower World wird über zwölf Lautsprecher

an verschiedenen Stellen des Tunnels abgespielt

und erinnert sowohl an die Sirenen des

Zivilschutzes als auch an jene Sirenen, die in

der griechischen Mythologie die Seefahrer in

den Tod lockten. „Die einzelnen Stimmen

sind so arrangiert, dass der Sirenenklang abwechselnd

melodisch, melancholisch, dissonant

und eindringlich den Raum erfüllt: ein

Klangstrom, der in Wellen zu steigen und zu

fallen scheint. Mit dieser Arbeit möchte ich

den Aquatunnel mit Klängen füllen, mit den

Besonderheiten des Raumes arbeiten und die

Besucher:innen durch vielfältige Assoziationen

zum Nachdenken über ihre Umgebung

anregen“, so die Künstlerin.

MUDAM | www.mudam.com

Exhibition view, Luxembourg Pavilion, A Comparative Dialogue Act,

Biennale Arte 2024 | © Delfino Sisto Legnani – Dsl Studio, 2024

Andrea Mancini und Every Island

A Comparative Dialogue Act

26.9.2025 – Februar 2026

Ursprünglich für den luxemburgischen Pavillon

auf der 60. Internationalen Kunstausstellung

La Biennale di Venezia (2024) konzipiert,

ist die Installation A Comparative Dialogue Act

das Ergebnis einer neuartigen Zusammenarbeit

zwischen dem luxemburgischen Künstler und

Musiker Andrea Mancini (1989) und dem multidisziplinären

Kollektiv Every Island, das 2021

in Brüssel gegründet wurde. An der Schnittstelle

von bildender Kunst, Performance und

Musik konzipiert das Werk den Ausstellungsort

als Ort der Produktion und des gemeinsamen

Experimentierens mit anderen Künstler:innen

und erweitert so den Begriff des kollektiven

Kunstwerks. Hier verschmelzen Klang und

Raum: Die räumlichen Elemente – Boden und

Wände – werden zu Klanginstrumenten, die

nach und nach ein eindringliches und kollektives

Erlebnis schaffen. Der Titel der Ausstellung

fasst den experimentellen Charakter des Projekts

zusammen: eine Erkundung verschiedener

Klang- und Musiksprachen, die das Potenzial

von Klang als Werkzeug der Verhandlung,

Intervention und Kontamination aufzeigt.

Während der Ausstellung wird die Installation

durch eine Reihe von kurzen Performances ergänzt.

Der Pavillon ist ein Instrument, das sich

ständig weiterentwickelt.

MUDAM | www.mudam.com

Mailand (I)

Tarek Atoui

Improvisation in 10 days

bis 20.7.2025

Tarek Atoui (*1980 in Beirut, Libanon; lebt

und arbeitet in Paris) ist bekannt für seine

besondere Herangehensweise an die Musik.

Er untersucht die akustischen Eigenschaften

Tarek Atoui, „Improvisation in 10 Days“, Exhibition view, Pirelli Hangar

Bicocca, Milan, 2025 | © the artist and Pirelli Hangar Bicocca,

Milan Photo Rasa Juskeviciute

von Elementen wie Wasser, Luft, Stein und

Bronze und die Art und Weise, wie sie Schall

absorbieren und mit unerwarteten Nuancen

zurückgeben. Dieser Prozess löst bei den Besuchern

neue Erkenntnisse und Neugierde aus.

Die klanglichen Umgebungen, die durch das

Ensemble der im Raum vorhandenen Werke

geschaffen werden, suggerieren mögliche

Hörerfahrungen und regen nichttraditionelle

Lernprozesse an.

„Improvisation in 10 Tagen“ ist der Titel

der Ausstellung von Tarek Atoui. In Anlehnung

an einen spezifischen Begriff aus dem

Musiklexikon untersucht Atoui das Potenzial

der Komposition im Raum, indem er die

materiellen, skulpturalen, architektonischen

und relationalen Qualitäten der Werke in einen

Dialog mit der immateriellen Natur des

Klangs und seinem Nachhall in Körpern und

Dingen bringt. Ausgehend von der Identität

des Raums (Produktionsort) und den Zeitkoordinaten

(die Tage, an denen der Künstler

die Ausstellung aufbaut) arrangiert und komponiert

der Künstler Werke aus einer seiner

früheren Ausstellungen neu und nutzt sie,

um Bewegungen, Harmonien und Stimmungen

zu „improvisieren“, um eine kollektive

Erfahrung in einer klanglichen Umgebung zu

schaffen.

Pirelli Hangar Bicocca

pirellihangarbicocca.org/en/

Fünf Freunde keyvisual | © Museum Brandhorst

München

FÜNF FREUNDE

John Cage, Merce Cunningham,

Jasper Johns, Robert Rauschenberg,

Cy Twombly

10.4. – 17.8.2025

Erstmals nimmt das Museum Brandhorst einen

Künstlerkreis in den Fokus, der die Kunst

der Nachkriegszeit in Musik, Tanz, Malerei,

Skulptur und Zeichnung entscheidend

geprägt hat. John Cage (1912–1992), Merce

Cunningham (1919–2009), Jasper Johns

(*1930), Robert Rauschenberg (1925–2008)

und Cy Twombly (1928–2011) schufen durch

ihren intimen Austausch eine besondere Verbindung

zwischen den künstlerischen Gattungen

und Medien. Das Museum Brandhorst

rückt damit Cy Twomblys Schaffen, das einen

zentralen Sammlungsschwerpunkt darstellt,

in ein neues Licht und situiert dessen Praxis

erstmals im künstlerischen Umfeld seiner Anfänge.

Museum Brandhorst

www.museum-brandhorst.de

Philippe Parreno. Voices, Ausstellungsansicht Haus der Kunst

München, 2024 | ©Andrea Rossetti

München

Philippe Parreno. Voices

bis 25.5.2025

Philippe Parreno hat das Ausstellungserlebnis

revolutioniert. Der französische Künstler

choreografiert Ausstellungsräume nach einem

Drehbuch, das alle Kunstwerke miteinander

verknüpft, und in dessen Verlauf sich

eine Reihe unerwarteter und miteinander

verbundener Ereignisse entfalten. Seine Ausstellungen

sind immersive Reisen, die parallele

Realitäten miteinander verbinden und die

Wahrnehmung von Raum, Zeit und Grenzen

verändern.

Die Ausstellung „Voices“ verwandelt das

Haus der Kunst in einen widerhallenden Organismus,

der akustische und visuelle Begegnungen

erzeugt. Stimmen, deren Herkunft

ungewiss bleibt, steuern und gestalten die

Ausstellung. Sie begleiten die Ereignisse und

erzeugen einen Dialog über die Räume des

Hauses und geografische Grenzen hinweg.

Haus der Kunst | www.hausderkunst.de

Christine Sun Kim, Too possessive for score, 2015

New York (USA)

Christine Sun Kim: All Day All Night

bis 6.7.2025

In den Werken voller scharfsinnigem Witz

und prägnanten Kommentaren setzt sich

Christine Sun Kim (*1980 in Orange County,

Kalifornien) mit Klang und der Komplexität

von Kommunikation in ihren verschiedenen

Formen auseinander. Mithilfe von musikalischen

Notationen, Infografiken und Sprache

– sowohl in ihrer Muttersprache American

Sign Language (ASL) als auch in geschriebenem

Englisch – hat sie Zeichnungen, Videos,

Skulpturen und Installationen geschaffen,

die oft nichtauditive, politische Dimensionen

von Klang erforschen. In vielen Arbeiten

greift Kim direkt auf die räumliche Dynamik

der ASL zurück und überträgt sie in eine grafische

Form. Indem sie Bilder, den Körper und

den physischen Raum hervorhebt, stellt sie

die gesellschaftliche Annahme infrage, dass

gesprochene Sprachen den gebärdeten Sprachen

überlegen sind.

Die Ausstellung gibt einen Überblick über

Kims gesamtes bisheriges künstlerisches

Schaffen und zeigt Werke, die von der Performance-Dokumentation

aus den frühen

2010er-Jahren bis zu ihrem jüngsten ortsbezogenen

Wandbild Ghost(ed) Notes (2024)

reichen, das sich über mehrere Wände im

achten Stockwerk erstreckt. Der Titel der Ausstellung,

All Day All Night, ist inspiriert von

© Bill Bernstein, Xenon, 1979

Paris (F)

DISCO

I’m coming out

bis 17.8.2025

Die Anfang der 1970er-Jahre in den USA entstandene

Diskomusik entwickelte sich schnell

zu einem weltweiten Phänomen. Die Ausstellung

widersetzt sich den Klischees und wird

der Rasanz dieser Musik gerecht, die stark in

der schwarzen Geschichte und Kultur der USA

verwurzelt ist und das Erbe von Soul, Gospel

und Funk antritt.

© Meryl Meisler, Studio 54, NYC 1977

Eine Reihe von audiovisuellen Archiven, Fotografien,

Instrumenten, Kostümen, Designobjekten

und Kunstwerken unterstreicht die

politische und festliche Dimension dieser Musik,

die verschiedene Minderheiten und soziale

Klassen auf die Tanzfläche gebracht hat,

die alle in einem hedonistischen Elan vereint

waren. Begleitet von einem Soundtrack, der

von Dimitri aus Paris gemischt wurde, betont

die Ausstellung die Ästhetik, die die Disco bei

Künstlern und Designern hervorgerufen hat.

Musée de la Musique Philharmonie de Paris

philharmoniedeparis.fr

PIL John Cigarette | © Dennis Morris, © VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Paris (F)

Dennis Morris — Music + Life

bis 18.5.2025

Das MEP – Maison Européenne de la Photographie

präsentiert Music + Life, die erste

Retrospektive des britischen Künstlers Dennis

Morris in Frankreich. Die Ausstellung zeigt

zum ersten Mal die gesamte Sammlung seiner

Fotografien, die seine Jugend in London festhalten,

und würdigt gleichzeitig seine ikonischen

Porträts von Bob Marley und den Sex

Pistols, die zu Schlüsselbildern der Popkultur

geworden sind.

weiter auf Seite 72 >>


72 | Ausstellungen

CAROL | 2025

Oasis backstage Tokyo - 1994 | © Dennis Morris,

© VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Diese Ausstellung führt uns in das Herz der

intimen Beziehung, die Dennis Morris zu den

Legenden, die er fotografierte, entwickelte.

Morris war mehr als nur ein Beobachter, er

hielt in seinen Bildern das Vertrauen und die

Intensität fest, die er mit seinen Motiven teilte,

von Bob Marley auf und abseits der Bühne

über die subversive Energie der Sex Pistols, die

frühen Tage der Stone Roses und Oasis, die

Reggae-Pioniere Lee ‚Scratch‘ Perry und The

Abyssinians bis hin zu der eklektischen und

rebellischen Marianne Faithfull. Mit diesem

seltenen Zugang enthüllte er wenig bekannte

Facetten ihrer Persönlichkeiten und schmiedete

eine tiefe Verbindung, die in jedem Bild

durchscheint.

MEP – Maison Européenne de la Photographie

www.mep-fr.org

© ONDRO

Pforzheim

Stories of HipHop

30.3. – 29.6.2025

Die HipHop-Kultur ist ein Phänomen, das

sich seit den 1970er Jahren, aus den USA kommend,

weltweit verbreitet hat. Es hat Generationen

Jugendlicher geprägt, und die »Sprache«

des HipHop wird über unterschiedliche kulturelle

Kontexte hinweg von vielen verstanden

und gelebt. Ein Merkmal der Protagonisten

ist der auffällige Schmuck, der überdimensional

groß und überbordend mit Diamanten

versehen ist. Ebenso wichtig wie die glitzernden

Schmuckstücke und die dazugehörige

Mode sind Musik, Graffiti und Rap. Auch die

Straßenszene aus einem HipHop-Film wird

als Kulisse zu sehen sein. Die Schau, die all

dies durch Geschichten miteinander verbindet,

erstreckt sich über das gesamte Reuchlinhaus.

Unter dem Motto »Pforzheimer Design

meets HipHop« gibt es eine Kooperation mit

der Fakultät für Gestaltung an der Hochschule

Pforzheim. Studentinnen und Studenten

aus den Bereichen Mode, Schmuck und Accessoire

gestalten Unikate für von ihnen gewählte

HipHopper wie Bush.ida oder Finna.

Konzerte, Tanzveranstaltungen, eine Podiumsdiskussion

sowie ein Abend mit HipHop

Kitchen sind Teil des abwechslungsreichen

Begleitprogramms.

www.schmuckmuseum.de

Marclay the clock | © Christian Marclay

Stuttgart

Christian Marclay: The Clock

bis 25.5.2025

Das Kunstmuseum Stuttgart zeigt erstmals

in Deutschland Christian Marclays gefeierte

24-Stunden-Videoinstallation. 2011 wurde

„The Clock“ (2010) auf der Biennale von Venedig

mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet

und begeistert seither Publikum auf der

ganzen Welt. An zwei Sonderterminen wird

die Arbeit zudem in ihrer vollen Laufzeit von

24 Stunden zu sehen sein – dann auch nachts

und in den frühen Morgenstunden, wenn das

Museum üblicherweise geschlossen hat. Mehrere

Jahre durchforstete Christian Marclay

die Film- und Fernseharchive nach Szenen,

in denen Uhren abgebildet sind oder die Zeit

angesagt wird. In Tausenden von Ausschnitten

hat er jede Minute eines Tages erfasst. Die

24-Stunden-Montage ist dabei stets mit der

Zeit vor Ort im Ausstellungsraum synchronisiert,

sodass innerfilmische Zeit und Realzeit

zusammenfallen. Unsere Zeitwahrnehmung

wird durch die rasante Verknüpfung verschiedener

Erzählstränge auf die Probe und zugleich

infrage gestellt. „The Clock“ hat weder

einen Anfang noch ein Ende.

Kunstmuseum Stuttgart

www.kunstmuseum-stuttgart.de

Wien (A)

Eröffnung Escape Room von

Deborah Sengl

Schatten des Zweifels –

Im Kopf des Genies

Im Rahmen von Johann Strauss

2025 Wien

Heute wird Johann Strauss in Wien vor allem

mit seinem goldenen Denkmal im Stadtpark

assoziiert. Aber zu Lebzeiten war er ein

Mensch, der zunehmend Gefangener seines

Ruhms wurde. Inwieweit sind wir alle durch

das eigene Image gefesselt? Ausgehend von

der historischen Person Johann Strauss entsteht

ein ungewöhnlicher Escape Room, der

den Teilnehmer:innen eine Auseinandersetzung

mit dem Innen- und Außenleben

des Künstlertums ermöglicht. Zugleich soll

eine Reflexion über die eigenen Wünsche,

Sehnsüchte und Ängste angestoßen werden.

So könnte der Gang durch das Innere von

Strauss und sich selbst zu einem anderen

Denken und Handeln führen. Dass man das

boomende Event-Erlebnis „Escape Room“ zu

einem künstlerischen Erlebnis machen kann,

welches nicht nur spannend, sondern auch

informativ ist und zum Nachdenken anregt,

hat die Wiener Künstlerin Deborah Sengl in

Zusammenarbeit mit Time-Busters bereits erfolgreich

bewiesen. Ihr erster Raum befasste

sich 2019 sensibel mit dem Thema Flucht,

2022 folgte ein weiterer zur Kinderarmut.

Time-Busters (7. Bezirk), Museums Quartier

Wien

www.johannstrauss2025.at/event/schatten-deszweifels-im-kopf-des-genies/

Wien (A)

Yuki Okumura. Yuki Okumura

Aglaia Konrad. Autofictions in Stone

Ana Vaz. Meteoro

bis 18.5.2025

In seiner ortsspezifischen Ausstellung beschäftigt

sich Yuki Okumura mit Geschichte

und Gegenwart des Hauptraumes der Secession.

Mit Bezügen auf Konzeptkust, experimentelle

Musik und postmodernen Tanz hat

der Künstler ein spielerisches Verfahren entwickelt

und Menschen, die mit dem Raum in

Verbindung stehen, gebeten, dieses ins Werk

Yuki Okumura/Big White Playground (mit Werken von Kai Philip

Trausenegger, Alex Pasch, Johanna Steiner, Said Gärtner), Ausstellungsansicht,

Secession 2025 | © Iris Ranzinger

zu setzen. Indem sie die Institutionenkritik

mit Blick auf den Menschen erneuern, erkunden

Okumuras Projekte, welche persönlichen,

zwischenmenschlichen und überpersönlichen

Kräfte die Bedingungen und Kontexte

des Hauptraums geprägt haben und prägen

werden. Oder ist es vielleicht der Raum selbst,

der sich unserer bedient, um seine Persönlichkeit

und seinen Lebensweg zu offenbaren und

zu erneuern?

Yuki Okumura wurde 1978 in Aomori geboren.

Er lebt und arbeitet hauptsächlich in der

mitteleuropäischen Zeitzone.

Secession Wien | secession.at

Anadol_GlacierDreams | © Refik Anadol

Zürich (CH)

Refik Anadol

„Glacier Dreams“

seit 18.1.2025

Mit seiner beeindruckenden Visualisierung

der Schönheit und Zerbrechlichkeit von Gletschern

der Welt will Refik Anadol nicht nur

auf den Klimawandel aufmerksam machen,

sondern auch ein multisensorisches Betrachtungserlebnis

schaffen. „Glacier Dreams“ ist

ein immersiver digitaler Raum, der Kunst,

Technologie und Klimathematik auf spektakuläre

Weise vereint. Dieses Werk, das erstmals

in Zürich gezeigt wird, hat das Potenzial,

zu einem weiteren Publikumsliebling im

Kunsthaus zu werden.

KI, Big Data, Quantified Self: Die digitale

Transformation ist eine der größten Entwicklungen

unserer Zeit – inzwischen prägen

Computer und neue Technologien jeden Lebensbereich.

Auch das Kunsthaus stellt sich

dieser Herausforderung und reflektiert mit

Experimentierfreudigkeit das künstlerische

Potenzial und den gesellschaftlichen Impakt

von Medientechnologien. Refik Anadol

(*1985 in Istanbul, lebt in Los Angeles) zählt

zu den bedeutendsten Pionieren der auf KI-

Technologien basierenden Kunst.

Kunsthaus Zürich | www.kunsthaus.ch

Street Parade, 1992 | 1992 zieht der erste Techno-Umzug mit

etwa tausend Teilnehmenden durch die Zürcher Innenstadt. Die

Veranstaltung wird als politische «Demonstration für Liebe, Friede,

Freiheit, Grosszügigkeit und Toleranz» bewilligt. | © Foto: Thomas

Eugster

Zürich (CH)

TECHNO

21.3. – 17.8.2025

Techno ist mehr als nur harter Bass: Zur Technokultur

gehören Musik, Mode, Grafik, Design

und Tanz – und die Zürcher Street Parade macht

Techno zur lebendigen Tradition der Schweiz.

Die Ausstellung richtet den Scheinwerfer auf

eine Kultur, die auch heute noch Millionen

von Menschen auf der ganzen Welt begeistert.

In einem inszenierten Plattenladen und mittels

Video- und Audioinstallationen erleben die

Besuchenden die Evolution des elektronischen

Sounds sowie die soziale, politische, wirtschaftliche

und ästhetische Dimension der Technokultur

in der Schweiz.Techno ist mehr als nur

harter Bass: Zur Technokultur gehören neben

der Musik, die sich in unzähligen Subgenres entfaltet,

auch Mode, Grafik, Design und Tanz. Die

Ausstellung im Landesmuseum Zürich richtet

den Scheinwerfer auf eine Kultur, die auch heute

noch Millionen von Menschen auf der ganzen

Welt begeistert. In einem inszenierten Plattenladen

und mittels Video- und Audioinstallationen

erleben die Besuchenden die Evolution des elektronischen

Sounds sowie die soziale, politische,

wirtschaftliche und ästhetische Dimension der

Technokultur in der Schweiz.

Landesmuseum Zürich

www.landesmuseum.ch/techno

Zürich (CH)

Museum für Gestaltung

Susanne Bartsch – Transformation!

20.6. – 7.12.2025

Susanne Bartsch ist Stilikone und Netzwerkerin

in einem. Aufgewachsen in der Schweiz, lebt sie

seit Anfang der 1980er-Jahre in New York. Dort

organisierte sie Events für den Fashion Underground

und engagierte sich für Menschen, die

von HIV und Aids betroffen sind. Bis heute

schafft sie immersive Räume für Menschen diverser

Herkunft. Susanne Bartschs Werk ist eine

Kunst des Spektakels, die Clubkultur und Performance

verbindet. Mode nutzt sie als Mittel

des Selbstausdrucks und der Transformation.

Für ihre extravaganten Looks arbeitet sie mit

internationalen Kreativen, Hair- und Make-up-

Artists zusammen. Die Ausstellung nimmt das

Publikum mit auf eine Clubnacht und zeigt,

wie transformativ die Arbeit an Outfit, Auftritt

und Raum sein kann. „Es geht nicht um Mode,

sondern darum, sein Leben zu leben“, sagt Susanne

Bartsch. Als Stilikone und Netzwerkerin

pflegt sie eine Kunst des Spektakels, das Clubkultur

und Performance verbindet. Die Ausstellung

nimmt das Publikum mit auf eine wilde

Clubnacht und zeigt, wie transformativ und

befreiend Mode sein kann.

Museum für Gestaltung

www.museum-gestaltung.ch

Susanne Bartsch at the Chelsea Hotel wearing a look by The Blonds,

2015. | © Steven Menendez


photo

basel

June

17–22

2025

Switzerland‘s first

and only art fair

dedicated to

photography

based art.

© PUTPUT Popsicles 2024

Volkshaus Basel

Rebgasse 12-14

4058 Basel

Switzerland

photo-basel.com


74 | Stimme

CAROL | 2025

Der Norden Singt (Barclays Arena, Hamburg, | © Der Norden Singt, Foto von Maike Keller)

Ich singe, also bin ich

Die Stimme – Instrument des Jahres 2025

Wann haben Sie das letzte Mal gesungen? Unter

der Dusche, im Auto, mit den Kindern, in

der Kirche, mit Ihrem Chor, einfach so vor

sich hin oder „können“ Sie nicht singen, wie

Sie alle in ihrem Umfeld wissen lassen? Jede:r

kann singen und der Gesang beschenkt uns

mit einem unbeschreiblich guten, intensiven,

Glück bringenden und befreienden Gefühl,

wenn wir unsere Stimme, den Klang durch unseren

Körper und unsere Seele von innen nach

außen rauschen lassen.

Band Der Norden Singt | Barclays Arena, Hamburg,

© Der Norden Singt, Foto von Maike Keller

Dieses Jahr ist die Stimme das „Instrument des Jahres“, womit

der Landesmusikrat eine erfolgreiche Tradition fortsetzt, die

2008 mit der Klarinette begann und seitdem die Trompete,

den Kontrabass, die Posaune, das Fagott, die Gitarre, die Bratsche,

das Horn, die Harfe, die Oboe, das Cello, das Saxophon,

die Violine sowie die Orgel, das Drumset, die Mandoline und

die Tuba in den Fokus rückte.

2025 ist das älteste Instrument der Welt an der Reihe – die

Stimme! In einem spannenden Zusammenspiel aus Muskeln,

Stimmlippen und Knorpel im Kehlkopf entsteht die für jeden

Menschen einzigartige Stimme. Sie kann tönen, flüstern, sprechen,

singen und noch so viel mehr. Und so kann jede:r das

Der Norden Singt | © Der Norden Singt, Foto von Jörg Böh

Der Norden Singt | Stadtpark Open Air, Hamburg,

© Der Norden Singt, Foto von Maike Keller

Der Norden Singt 2 (Kiel, Wunderino Arena) | © Maike Keller


CAROL | 2025 Stimme | 75

Der Norden Singt 8 | © Der Norden Singt

„eingebaute“ Instrument ganz individuell hörbar machen und

einsetzen. Höchste Zeit also, dass die Landesmusikräte dieses

außergewöhnliche Instrument ein Jahr lang in Szene setzen.

Die Stimme verbindet uns Menschen auf der ganzen Welt. Sie

überwindet kulturelle, sprachliche und geografische Grenzen

und schafft eine gemeinsame Basis für Kommunikation und

gegenseitiges Verständnis. Und sie ist in nahezu jedem musikalischen

Genre, das der Globus zu bieten hat, zu Hause. Also

ganz gleich, wo wir uns befinden und welche Musik wir im

Ohr haben, unsere Stimmen ermöglichen es uns, Gedanken,

Gefühle und Ideen auszutauschen und so eine tiefere Verbindung

zueinander aufzubauen.

Die Stimme ist auch das erste Instrument, dessen wir uns bedienen,

wenn wir als soziale Wesen miteinander umgehen,

wenn wir unsere Gesellschaft gestalten oder Politik verändern

wollen. Das soziale und das musikalische Instrument sind

schwer abgrenzbar ineinander verwoben. Es ist das Instrument,

das uns zu Menschen macht.

„Musik ist das Letzte, das uns bleibt“, schrieb der Psychologe

Oliver Sacks. Dies bestätigt sich besonders bei Menschen mit

Demenz, die mit Musik in Berührung kommen. Denn sie berührt

das Herz und auch das Hirn – selbst bei Menschen, die

sich verbal nicht mehr ausdrücken können und kaum noch

Reaktionen zeigen. Es ist keine Seltenheit, dass an Alzheimerdemenz

erkrankte Patienten ihnen früher bekannte Lieder

plötzlich wie aus dem Effeff mitsingen – auch wenn sonst keine

Verständigung mehr möglich ist.

Der Grund dafür, weshalb gerade Musik Menschen aus ihrer

Isolation führen kann, wird darin vermutet, dass Musik viele

Bereiche im Gehirn stimuliert. Dieses Netzwerk manifestiert

sich aus Verknüpfungen mit fast allen elementaren Einheiten

im Hirn, etwa die für Motorik, Gefühle, Sprache und das Verhalten

zuständigen Systeme.

Gemeinsames Singen erzeugt in jedem Fall Verbundenheit

und eröffnet Nähe. Mit dem Herzen singen, wirkt vitalisierend

und unmittelbar. Es löst Spannungen im Körper, sodass

Emotionen wieder frei fließen können, und verringert Stress

und Angst. Singen und Musik haben etwas Heilsames an sich.

Musik nimmt nicht nur Einfluss auf unsere Stimmung und

mentale Gesundheit, sondern auch auf unsere körperliche

und darauf wie und wann wir altern.

Durch das Musizieren bilden sich spezielle anatomische und

funktionelle Netzwerke im Gehirn. Wie Neuropsychologe

Lutz Jäncke und sein Team in einer aktuellen Studie zeigen,

sind die neuronalen Verbindungen zwischen beiden Gehirnhälften

bei Musiker:innen stärker ausgeprägt als bei Laien. Die

Unterschiede sind umso größer, je früher man zu musizieren

beginnt. Und es ist nie zu spät, damit (wieder) zu beginnen.

Lutz Jäncke, Professor für Psychologie und Neuropsychologie

an der Universität Zürich beschäftigt sich seit Jahren mit den

sogenannten Transfereffekten in der Musik – also etwa der Frage,

ob und inwieweit das aktive Musizieren Auswirkungen auf

andere kognitive Bereiche hat. Mit seinem Buch „Macht Musik

schlau?“ gibt er einen detaillierten Überblick über bisherige

Forschungsergebnisse und den derzeitigen Forschungsstand.

Bei der Recherche für das Thema hatte ich für einen Freund,

Kirchenmusiker, Komponist und Chorleiter, und mich Karten

für „Hamburg Singt“ in der Laeiszhalle besorgt. Nach „Sing

dela Sing“ im Heimathafen in Berlin-Neukölln mein zweites

Mitsingerlebnis. Es hat uns vom ersten Lied an vom Stuhl

hoch- und mitgerissen und wir haben zwei Stunden alles um

uns herum vergessen, haben mit mehr als 1.000 Menschen

aller Altersgruppen musikalisch umarmend aus Leibeskräften

gesungen und uns gespürt. Für einen Moment nur Musik, keine

serbelnde Wirtschaft, kein Wahlkampf, kein Ukraine-Konflikt,

kein Trump ... nichts, nur pures Glück und Sein! Das ist

doch das, was wirklich wichtig und wichtiger denn je ist! Und

jeder kann (mit)singen!

Der Norden Singt 5 (Stadtpark Open Air, Hamburg) | © Der Norden Singt, Foto von Maike Keller


76 | Stimme

CAROL | 2025

Hamburg Singt –

der Chor für alle

Hamburg singt! Das ist nicht nur eine wunderschöne Tatsache und die Beschreibung des großen,

offenen Gesang-Events, das seit über zehn Jahren singbegeisterte Hamburger:innen zusammenbringt

und inzwischen auch in ganz Norddeutschland Einzug gehalten hat. Es ist außerdem der

Titel des größten Konzerts, das sich Hamburg quasi selber gibt: Die Stimmen aller Besucher:innen

verschmelzen bei dieser besonderen Chorprobe zu einem großen, beeindruckenden Klang, getragen

vom Sound einer professionellen Liveband.

Mitmachen kann jede:r – ganz egal, ob man schon regelmäßig

bei einem der gemeinsamen Singen im Norden dabei war oder

sich bisher eher zu den „Unter-der-Dusche-Sänger:innen“

zählte. Gesungen wird wie immer ein buntes Repertoire aus

deutschen und englischen Klassikern der Rock- und Popgeschichte

und aktuellen Chart-Highlights der letzten Jahre. Die

INTERVIEW

Wir sprachen mit dem

Gründer, Leiter und

Gastgeber von „Hamburg

Singt“, Niels Schröder.

Zusammen mit dem Kirchenmusiker

Andreas Behrendt war ich

am 7. Februar 2025 bei „Hamburg

Singt“ in der Laeiszhalle Hamburg

und wir haben mit Leidenschaft

und aus Leibeskräften mitgesungen

und hatten einen erfüllten und

glückspürenden Abend. Herzlichen

Dank dafür. In den letzten Jahren

entstanden immer mehr Mitsingformate

wie „Sing dela Sing“,

„Rudelsingen“ oder „Sing Dich

munter“ mit großem Zuspruch. Sie

haben „Hamburg Singt“ vor zwölf

Jahren ins Leben gerufen und sind

eines der erfolgreichsten Formate.

Woher kam und kommt die unbändige

Lust und Freude am gemeinsamen

Singen?

Niels Schröder: Ich glaube, die

Lust am Singen (und auch am Tanzen

z.B.) schlummert in uns allen.

Das Singen, selbst wenn man nur

für sich alleine singt, macht uns

erwiesenermaßen glücklich und

beeinflusst das eigene Befinden

maßgeblich positiv. Wenn man in

einer Gruppe singt, wird dieser Effekt

durch ein Gemeinschafts- bzw.

„Wir-Gefühl“ und z.B. auch Stolz

auf das gemeinsame musikalische

und emotionale Ergebnis noch

Niels Schröder | © Maike Keller

verstärkt. Hinzu kommt ein physikalisches

Phänomen: Egal ob man

besonders gut oder richtig singt

oder nicht: Die Stimmen aller verschmelzen

zu einem großen, beeindruckenden

und richtig-klingenden

Klang. Die Masse macht’s quasi. Nebenbei

bleibt man auch nicht still

auf dem Stuhl sitzen, sondern treibt

streng genommen sogar ein bisschen

Sport. Das tut in dieser Kombination

einfach sehr gut. Lange waren

diese Momente und Erlebnisse

denjenigen vorbehalten, die Noten

lesen konnten. Jetzt haben wir diese

Schwelle endlich aufgelöst und es

spricht sich herum, dass man Singen

gehen kann, ohne Noten lesen

und ohne gut singen zu können.

Wie ist die Idee zu „Hamburg Singt“

entstanden und wie hat sich die

Idee von den Anfängen bis heute

weiterentwickelt? Was machen Sie

heute anders als noch zu Beginn?

Niels Schröder: Ich habe als Chorleiter

von Gospelchören damals bei

Konzerten tolle Erfahrungen damit

gemacht, das Publikum bei einigen

Stücken mitsingen zu lassen. Als ich

2012 gehört habe, dass sich Menschen

in Schweden in großen Chören

zum Singen treffen, habe ich

realisiert, dass die Möglichkeit hier

in Deutschland noch gefehlt hat,

abends als gemeinsame Unternehmung

singen gehen zu können. Das

erste Singen Anfang 2013 hat genauso

ausgesehen, wie wir es heute

noch machen.

Liedtexte werden zum Mitlesen an eine große Leinwand projiziert.

Es gibt keine Teilnahmebedingungen und es ist keine

Vorbereitung nötig. Einzige Voraussetzung: Spaß am Singen!

www.hamburg-singt.de

www.der-norden-singt.de

Niels Schröder | © Jörg Böh

Wir waren vom Altersspektrum

überrascht, das Sie erreichen. Bei

anderen Formaten, die wir besucht

haben, war es immer eine

eher eingrenzbare Altersgruppe.

Was ist Ihr Geheimnis?

Niels Schröder: Mich freuen die

vielen teilnehmenden Generationen

auch sehr. Die Kunst (und

Schwierigkeit) ist es, immer wieder

neue Lieder zu finden, die alle Generationen

begeistern. Dafür sitze

ich lange zwischen Laptop und

Klavier in der Vorbereitung auf das

Singen.

Wer ist und was macht Niels Schröder

und wie sind Sie zur Musik gekommen?

Niels Schröder: Ich bin leidenschaftlicher

Chorleiter und Arrangeur. Ich

liebe Musik – alle Stile und Richtungen.

Ich liebe das Musizieren

mit anderen Menschen und habe

das seit dem Akkordeon-Orchester

in der Grundschule schon getan.

Mich fasziniert, was entsteht, wenn

Menschen zusammenkommen und

Lust auf Musik in einen gemeinsamen

Topf werfen – sei es im Chor

oder in einem Orchester. Auch bei

einer Band freue ich mich, wenn sie

möglichst groß ist. Seeed oder Tower

Of Power z.B. spielen mit vielen

zusammen. Musik macht die Tür

zum Herz auf – Filme oder Feiern

sind die besten Beispiele dafür. Was

wären sie ohne Musik?!

Ich habe in Hamburg Chorleitung

bei Prof. Cornelius Trantow studieren

und schon als Schüler Chöre

leiten dürfen.

Niels Schröder | © Maike Keller

Vielleicht können Sie kurz den

Ablauf eines „Hamburg Singt“-

Abends beschreiben, ein Konzept

das uns mehr als überzeugt und

begeistert hat. Wie erreichen Sie

die Motivation von singenden

Menschen und bauen deren etwaige

Ängste oder Hemmschwellen

ab?

Niels Schröder: Der Chor reißt

sich eigentlich direkt von Beginn

des Singens an selbst mit. Dadurch,

dass die meisten schon einmal dabei

waren, gehen sie mit gutem Beispiel

voran, stehen auf und steigen

direkt leidenschaftlich und laut

mit ein. Das alleine kreiert schon

ein Momentum, das den Sitznachbarn

mitnimmt. Das alleine kreiert

schon ein Momentum, das den Sitznachbarn

mitreißt. Bis zum Ende

des Abends hat der Letzte im Saal

gemerkt, dass er so laut und schief

singen darf, wie er mag. Und das

bringt er beim nächsten Mal von

sich aus mit in den Saal und reißt

den Nachbarn mit, der vielleicht

zum ersten Mal dabei ist.

Dieses Jahr ist das Instrument des

Jahres die Stimme. Dürfen wir Sie

um ein kurzes leidenschaftliches

Plädoyer für die Stimme bitten?

Niels Schröder: Unsere Stimme

trägt Worte, Gedanken, Gefühle

von einer Person zur anderen. Sie

ummantelt, trägt und färbt Botschaften

und spiegelt gleichzeitig

unsere Seele wider. Die Stimme ist

außerdem ein in uns allen von Geburt

an verbautes Musikinstrument

und eine Chance auf Vergrößerung

von Glücksgefühlen und Bewältigung

negativer Gefühle. Völlig

egal, ob ihr eure Stimme schön

findet oder nicht – nutzt sie! Singt

oder summt beim Spazierengehen,

Arbeiten, Duschen, Auto- oder

Fahrradfahren heimlich für euch

oder leidenschaftlich laut bei Feiern

oder in großen Gruppen wie bei

„Der Norden Singt“.

Wer oder was inspiriert Sie für

Ihre Arbeit, Ideen und musikalischen

Visionen?

Niels Schröder: Mich inspiriert,

trägt und motiviert das, was an den

gemeinsamen Gesangsabenden

passiert. Ich ziehe Energie und Inspiration

aus den Situationen auf

der Bühne und den Gänsehautmomenten

und nutze die dann für die

Vorbereitung und Weiterentwicklung

der nächsten Singen.

Was ist noch nicht realisiert? Wovon

träumt Niels Schröder?

Nils Schröder: Ich träume von einer

Popularisierung des gemeinsamen

Singens bis zu dem Punkt, wo

jede und jeder die Möglichkeit dazu

hat und sieht. Und ich freue mich,

dass „Der Norden Singt“ seinen

Beitrag dazu leisten kann. Das Singen

tut einfach gut. Ich glaube, je

mehr Menschen miteinander Singen,

desto glücklicher ist in Summe

auch die Gesellschaft.

www.instagram.com/dernordensingt

www.facebook.com/chorfueralle.

hamburg


CAROL | 2025 Stimme | 77

„Mein Instrument –

die Stimme“

Eva Zalenga, Sopranistin

Schon als Kind war meine Stimme

mein wichtigstes emotionales Ausdrucksmittel.

Im Schulunterricht

sang ich, wenn ich nervös war, und

auf Anraten meiner Lehrerin erhielt

ich meinen ersten Gesangsunterricht.

Nach der ersten Stunde mit

sieben Jahren war für mich klar: Ich

will Opernsängerin werden! Ohne

genau zu wissen, was das bedeutet,

aber mit größter Zuversicht und

Freude am Singen.

Eva Zalenga © Laura Zalenga

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Stimme ist für mich die ehrlichste, reinste und authentischste

Form des Ausdrucks. In ihr kann man kaum etwas verbergen – sie transportiert unsere

Emotionen ungefiltert. Sie hat für mich etwas sehr Ursprüngliches und Erdendes. Singen ist dabei

für mich die schönste Art, mit anderen in Kontakt zu treten. Wenn ich mit meinem Gesang und

den dadurch erklingenden Emotionen Menschen berühren und eine tiefe Verbindung zwischen

uns schaffen kann, ist das für mich das Größte – und ich bin sehr dankbar, mich auf diese Weise

ausdrücken zu dürfen.

www.evazalenga.com

Andreas Behrendt | © Michael Schrodt

Andreas Behrendt, Kirchenmusiker und Komponist

Als Musiker, Chorleiter und Komponist lebe ich von und mit der beseelenden

Kraft der Musik. Das ist fantastisch! Allerdings auch ein sehr komplexes und

vielschichtiges Feld, mit dem sich der Profi auseinandersetzen muss, es gehört

ein solides Wissen über die Funktionsweise und das Zusammenspiel der Stimme

mit anderen Parametern dazu. Chorleiter und Dirigenten arbeiten intensiv

mit der Spiegelung von Emotionen. Wissen über Anatomie und Stimmtechnik

sind unabdingbar. Die Stimme ist „Träger von Emotionen“, sie ist manipulierbar,

auch über den Gemütszustand eines Individuums. Auch in umgekehrter

Richtung erhalten Chorleiter auf diese Weise Informationen über den jeweiligen

Zustand der Individuen eines Chores. Dies sind Dinge, die bei der Erarbeitung

von Musik eine Rolle spielen. Wichtigste Faktoren aber sind Freude und Begeisterung,

sowohl bei Laien als auch bei Profis. Erst in einem zweiten Schritt spielen

technische Anweisung, Vermittlung und Fähigkeit eine Rolle.

Der Zusammenklang menschlicher Stimmen und die damit verbundenen Erfahrungen

und Emotionen ist ein Urerlebnis, es verbindet und ermöglicht den

Zutritt zu einer anderen, womöglich „spirituellen“ Ebene unseres Menschseins.

Vielleicht im Bild gesprochen verlassen wir im besten Fall für eine Zeit das irdische

Hier und Jetzt, betreten gemeinsam eine andere Ebene, haben eine gute

Zeit miteinander und kommen bereichert und erfüllt zurück. Ein sehr interessanter

ontologischer Aspekt gemeinsamen Singens.

Äneas Humm, Bariton

Singen ist für mich die intimste Form

des Musizierens. Wenn ich auf die Bühne

gehe, um einen Ton anzustimmen,

benutze ich dafür keine Geige, die zuvor

sicher verwahrt in einem Kasten lag, sondern

meine Stimme, mit der ich seit meiner

Geburt das Leben teile. Die Stimme

schwingt und klingt, bringt uns also zum

Vibrieren. Singen ist sinnlich und für viele

Menschen Zuflucht und Therapie.

Wir alle sollten mehr gemeinsam singen.

Parlamente sollten singend in den

Tag starten, Schulklassen jeden Morgen

ein Lied singen, und Sie werden sehen:

ganz gleich, wie schlecht oder gut man

die Töne trifft – danach fühlt man sich

erfrischt und belebt.

Der Zauber der Stimme überkommt mich

immer wieder dann, wenn ich mit meinem

Ton verschmelzen darf, es wage,

mich klingen zu lassen. Gesang, der aus

Emotion und Authentizität entsteht, ist

mit dem Schweben im Wasser vergleichbar.

Und wenn man sich vorstellt, dass

unser erstes Tun im Leben das Benutzen

der Stimme ist, ist es vielleicht auch ein

Gefühl von Erlösung.

In diesem Sinne: Singen Sie drauflos und

lernen Sie, die Stimme zu lieben. Singen

ist ein Weltwunder.

www.aeneashumm.com

Äneas Humm | © Maurice Haas

Enikő Driller | © Bette Bayer

Enikö Driller, Musiklehrerin Droste-Hülshoff-Gymnasium, Meersburg

Singen macht glücklich!

Wenn ein Mensch das Licht der Welt erblickt, schreit er und erhebt somit als Erstes seine Stimme!

Unsere Stimme begleitet uns ein Leben lang, ist einzigartig wie unser Fingerabdruck, sofort

wiedererkennbar. Sie ist so unterschiedlich, facettenreich und entwicklungsfähig wie unsere

Persönlichkeit. Seine Stimme zu erheben, bedeutet auch, sich zu zeigen, aus seinem Schatten

herauszutreten, auf sich aufmerksam zu machen. Die Stimme ist das persönlichste Instrument,

denn der eigene Körper ist das Instrument, jede Faser schwingt mit, der ganze Mensch klingt,

singend zeigt man sich in seiner ganzen Kraft und Verletzlichkeit. Die Stimme kann alle Arten

von Emotionen auslösen, kann einen zum Weinen, zum Lachen, zum Applaudieren, ja bis zur

Wut bringen. Die Stimme ist die menschlichste Äußerung. Mit der Stimme kann man kommunizieren,

Klänge der Natur, verschiedene Instrumente, ja eine ganze Band nachahmen – sie

ist das älteste Instrument. Die Stimme ist für den Menschen ein ganzheitlicher Ausdruck von

Körper, Geist und Seele. Somit ist die Arbeit an der Stimme immer auch Persönlichkeitsentwicklung.

Wissenschaftlich ist bewiesen, was viele Sänger:innen regelmäßig erfahren: Singen macht

glücklich, fördert die Resilienz und schafft Gemeinschaft. Jedes gemeinsame Lied, jede Chorprobe,

jede Aufführung kann für die Singenden zu einem bewegenden Erlebnis werden. Die beglückenden

Erfahrungen, die ich selber beim Singen mache, möchte ich meinen Schüler:innen

und Chorsänger:innen weitergeben, sie für das Singen begeistern und ihnen damit ein besonderes

Glücksempfinden ermöglichen.


78 | Stimme

CAROL | 2025

Oft werde ich gefragt: „Kann denn jeder singen?“

Und ich gebe dann zurück, wenn keine Töne

getroffen werden, wird es schwer, das Entstehende,

Gesang, zu nennen. Aber sollte dieoder

derjenige es als singen empfinden, würde

ich es nicht nehmen wollen. Der sängerische

Vorgang an sich ist auch für jemanden ohne

Musikalität oder stimmliche Grundfähigkeiten

von Nutzen. Wir beruhigen und regulieren

uns selbst beim Tönen. Ob schief oder

schön ist egal.

Gerade in herausfordernden Zeiten, in denen

Unsicherheiten und Ängste uns belasten, ist

das Instrument Stimme eine große Stütze.

Wenn wir singen, können wir nicht gleichzeitig

Angst empfinden, weil das Hirn-Areal

Amygdala, das unter anderem zuständig ist

für Angstempfinden, blockiert wird. Alleine

oder mit anderen haben wir hier also ein niederschwellig

zugängliches Mittel, uns selbst

Fürsorge zu schenken und unser Wohlbefinden

positiv zu beeinflussen.

Fola Dada | © Annette Cardinale

Fola Dada, Pop- und Jazz-Sängerin,

Komponistin, Liedtexterin,

Gesangslehrerin und

Hochschuldozentin

Die Stimme, die Stimme oder auch der

Mensch, der Mensch.

Für mich ist das Benutzen, Hören, Analysieren

von Stimmen der Lebensinhalt.

Nicht verwunderlich, da es nun mal mein Beruf

ist, sich mit Stimme, der eigenen und der

von anderen, zu beschäftigen. Diese Beschäftigung

ist ein Segen und ich kann von Herzen

sagen:

„Ich liebe Stimmen“, weil ich daraus so viel

ablesen und bewirken kann.

Ablesen, weil Menschen, wenn sie (für mich)

singen, mir ermöglichen, ihren Zustand zu

erfassen. Sei es der direkt stimmliche Zustand

oder der Gemütszustand. Das ist eine so wundervolle

Aufgabe, weil ich dadurch ganz sanft

Impulse setzen kann, die das Gegenüber verführen,

sich selbst anders zu begegnen. Auf

der stimmlichen Ebene ist viel früher zu hören,

wie wir mit uns umgehen. Ich höre den

verspannten oder unterspannten Körper, ich

höre, wenn zu wenig getrunken wurde, wenn

Gedanken Karussell fahren und wenn sich

ein Infekt anbahnt, ich höre Emotionen und

Schwingungen und Leistungsdruck und vieles

mehr. Dabei bin ich tief mit der singenden

Person verbunden, ohne ihr zu nahe zu treten.

Der Umgang ist immer respektvoll, denn

ich schätze es sehr, dass sich da jemand öffnet

und sich zeigt. Am schönsten ist es, wenn wir

dann gemeinsam erleben, wie die Stimme,

der Körper oder die Seele resoniert und sich

auf ganz andere Weise zeigt und Neues möglich

ist.

Bewirken, weil ich mit meiner Stimme Menschen

berühren kann. Ich kann sie anregen,

etwas zu empfinden, sich zu entspannen oder

energetisiert zu sein, ich kann sie aufhorchen

lassen, etwas neu oder überhaupt zu verstehen,

ich kann sie beruhigen, sich verbünden

lassen und vielleicht kann ich sie auch auf einer

feinstofflichen Ebene ein bisschen heilen.

Allerdings steht und fällt dies alles mit der dahinter

gesetzten Intention. Als Voraussetzung

dafür muss ich selbst in Stimmung sein oder

eine Absicht haben. Dann kann sie sich durch

meine Stimme und deren Schwingung übertragen.

So fühlt es sich auf alle Fälle an. Es ist

so wunderbar, einen Raum mit dem eigenen

Stimmklang zu gestalten. Hier empfinde ich

die Süße des Lebens, denn ich tue es ohne Berechnung.

Einfach weil es Freude macht und

ich es kann.

Die eigene Selbstwirksamkeit wird dann bewusst,

erleben wir doch den sängerischen

Vorgang als ganzheitliches Geschehen, da

Körperhaltung, Atmung, Bewegung, Mimik,

Vibration, unsere Sinne, einzelne besonders

benötigte Körperteile, wie zum Beispiel die

Zunge oder das Gaumensegel, unser mentaler

Fokus, die Lust am Erzählen, also Aktion

und Reaktion eingesetzt und erlebt werden.

Unmittelbar. Im Moment. Meditieren geht

auch so.

Hilde Domin hat ein wunderbares und tröstendes

Gedicht geschrieben:

„Ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug.“

Für mich persönlich, wird das Wunder und

die Wirkung der Stimme, durch eine Anlehnung

an Domins Gedicht sehr gut deutlich.

Ich setze den Ton in die Luft und sie trägt.

Stärkung, Ermutigung, Freude – einfach sein.

Ich würde sagen, das ist eine nicht endende

Liebesgeschichte.

www.foladada.com


CAROL | 2025 Stimme | 79

Lylac | © Franziska Gill

Lylac, A Cappella-Jazz!

Esther Bathelt, Sopran, Nadja Brezger, Sopran, Helen Skobowsky, Alt, Dominick

Wiskoski, Tenor,

und David Franke, Bass

Wir, das A-Cappella-Quintett Lylac, entdecken die Vielfalt von Jazz und Pop allein mit unseren

Stimmen. Jede*r von uns bringt eine eigene Klangfarbe mit – mal solistisch, mal in komplexer

Polyphonie. Doch dann verschmelzen wir: In dichten Klangflächen oder präzisem Blocksatz

werden aus fünf Stimmen eine. Wir atmen, sprechen und singen wie ein einziges Wesen – ein

Klang, dem wir selbst zuhören.

Die Stimme transportiert direkt, ohne Umwege. Sie verbindet uns als Gruppe und schafft eine

besondere Nähe zum Publikum – intim, fragil und intensiv. Es gibt kein Verstecken, nur echten,

puren Klang. Besonders in unserem Debütalbum Falling, das 2024 erschienen ist, zeigen wir

diese Vielseitigkeit mit eigenen Kompositionen.

Deshalb feiern wir die Stimme als „Instrument des Jahres 2025“. Sie ist unser Ausdrucksmittel,

unser gemeinsamer Atem, unsere Musik.

lylac.info

Max Mutzke | © Wanderlust-Entertainment GmbH

Auf ein Wort mit

Max Mutzke

Die Stimme, die singt – die Stimme, die liest!

Genau betrachtet, steckt in Max Mutzke mehr als nur ein einziger

Künstler. Max Mutzke ist viele. Klingt erstmal komisch,

hat jedoch mit der unglaublichen Wandlungsfähigkeit und

nicht zuletzt mit der unstillbaren kreativen Neugierde des

charismatischen Sängers und Songwriters zu tun.

William Wahl | © Axel Schulten

William Wahl, Liedermacher, Sänger und Kabarettist

Wie wichtig mir meine Stimme ist, merke ich am meisten dann und immer wieder aufs Neue,

wenn sie mir gefehlt hat. Mit Mühe bekomme ich nach einem Infekt meine Ungeduld gezügelt,

sie wieder ganz bei mir zu haben.

Um mit ihr all die Nuancen gestalten zu können, die ich mit Wörtern wie Wispern, Säuseln,

Jauchzen, Schmettern und Zwitschern nur unzureichend beschreiben kann; um meine Lieder

mit Gefühlen zu füllen und dem Publikum so meine Geschichten erzählen zu können, Tag für

Tag neu. Und Abend für Abend anders, weil ich nur mit meiner Stimme so unmittelbar auf

die Menschen reagieren kann, die durch ihr lebendiges Dasein jedes Konzert unterschiedlich

werden lassen.

Ob ich die Menschen Tränen lachen lasse oder sie zu welchen rühre – ohne meine Stimme wäre

ich nur Liedermacher, mit ihr bin ich auch ihr Erzähler.

www.william-wahl.de

Mit dem unbedingten Wunsch, sein

Publikum immer wieder aufs Neue zu

überraschen und zu fesseln. Egal ob

Pop, Rock, Soul, Funk oder Jazz – Max

Mutzke verfügt über tausend musikalische

Facetten, die er im wahrsten

Sinne spielend unter einen jener Hüte

bekommt, die in den vergangenen eineinhalb

Dekaden zu seinem Markenzeichen

geworden sind.

Max Mutzke ist zurzeit erstmalig mit

seiner erschienenen Autobiographie

INTERVIEW

Wir sprachen mit

Max Mutzke.

Was fasziniert dich an deinem Instrument

der Stimme, die in diesem

Jahr Instrument des Jahres ist?

Max Mutzke: Da gibt es unglaublich

viele Aspekte. Ich bin gerade auf Lesetour

mit meinem Buch „So viel mehr“

das autobiografische Geschichten beinhaltet,

wo ich ein Kapitel lese und

„So viel mehr“ auf Lesetour: Mit diesem

Buch, in dem er einen persönlichen

Einblick in seine Kindheit und

Jugend im Schwarzwald gibt, sowie

einigen seiner Songs aus inzwischen

zehn Studioalbenn. „So viel mehr –

eine musikalische Lesung“ verbindet

die Biografie mit der Musik von Max

Mutze, das eine gibt es nicht ohne das

andere.

www.maxmutzke.de

dann genau das dazu passende Lied

singe. Meine Lieder, die ich schreibe,

sind immer in irgendeiner Form autobiografisch

inspiriert und es sind viele

Geschichten, die für mich eine große

Rolle in meinem Leben spielen. Das

waren automatisch auch die Geschichten,

über die ich in der Vergangenheit

schon viele Songs geschrieben habe.

Von daher konnte man in das Buch

auch die dazu passenden Songtexte abdrucken.

Wenn ich auf Lesereise bin,

kann ich ein Kapitel lesen und ganz


80 | Stimme

CAROL | 2025

Max Mutzke | © Dirk Wassmer

übergangslos fängt der Pianist an zu

spielen und ich singe den Text dazu.

Die Leute begreifen plötzlich, wie

intensiv und tief diese Texte sind.

Wenn man sie einfach nur hört

und die Geschichte dahinter nicht

kennt, kann man die Texte mögen

oder auch nicht. Aber wenn man

ihn begreift, wenn man die Story

dazu kennt und was sie eigentlich

bedeutet, dann merkt man, dass

man mit der Kombination aus gesprochener

und gesungener Stimme

wahnsinnig viele Emotionen auslösen

kann. Ein Phänomen, das viele

Menschen zum Weinen bringt. Das

Ganze hat einen unglaublichen Impact

und die Menschen, die mich

schon oft gesehen und gehört haben,

aber mich jetzt zum ersten Mal

bei einer Lesung erlebt haben, spiegeln

mir genau das zurück, wie sehr

sie das gepackt und berührt hat.

Wie man mit der Stimme, wenn

man spricht, so eine unglaubliche

Nähe erzeugen kann, weil es autobiografische

Geschichten sind, die

mit einer persönlichen Emotion

vorgetragen werden. Mir passiert es

auch immer wieder, dass ich während

der Lesung selbst anfange zu

heulen, weil es mich selbst einfach

und immer wieder packt. Es sind

wahnsinnig rührende Geschichten

dabei, aber auch Geschichten, die

tief unter die Haut gehen, die die

Leute mitfühlen und weinen lassen.

Ich kann meine Stimme beim Sprechen

viel weniger kontrollieren,

weil ich einfach physikalisch gesehen,

physiognomisch weniger Luft

benutze und weniger Druck auf den

Stimmbändern habe und dadurch

ist jede Gefühlsregung, jeder Klos

im Kehlkopf, jedes Schlucken, jedes

Atmen, was die Stimme brüchig

und wacklig macht. Und dadurch

wird das so enorm emotional für

die Leute. Wenn man dann aber in

einen Song übergeht, dann gebe ich

automatisch, um die Stimme und

den Ton zu halten, mehr Druck. Gesangsprofis

sprechen da von Stütze.

Das ist ein automatischer Reflex,

den man macht, wenn man singt,

man spannt den Rumpf mehr an,

es gibt mehr Druck auf das Zwerchfell

und dann hast du mehr Druck

auf den Stimmbändern und bist

dadurch kontrollierter. Es passiert

mir hin und wieder bei bestimmten

Songs, je nachdem wie der Text ist

(bei „Wenn ich mal nicht mehr da

bin“, „Hier bin ich Sohn“ oder „Bedingungslos“),

dass ich wackle, weil

es mich selbst so mitnimmt, weil die

Texte ja aus einer hochemotionalen

Situation heraus geschrieben sind.

Ich schaffe es beim Singen trotzdem

viel besser zu kontrollieren als beim

Sprechen.

Welchen Einfluss hat der Text auf

die Stimme? Hörst du beim Texten

schon den Klang der Worte,

fängst du an, die Texte zu singen

und zu spüren?

Max Mutzke: Ja genau. Ich singe.

Ich schreibe nie einen Text im Trockenen

und suche mir später eine

Melodie. Das funktioniert bei mir

nicht. Das ist ganz schwierig. Ich

muss immer dazu singen. Ich muss

immer eine Melodie im Kopf haben.

Ich fange erst an so mitzusingen und

mache im gröbsten Sinne Freestyle,

ohne dass das qualitativ gleich sehr

gut ist. Im Gegenteil, manchmal ist

auch ganz viel Schrott dabei. Aber

es bleibt die eine oder andere Textzeile

hängen, die in dieser Melodie

total matcht, wo man sagt, das ist

die gesprochene Silbe, so wie man

sie in echt sprechen würde, die in der

Melodie perfekt wiedergegeben wird.

Aber es ist immer ein großes Puzzlespiel,

das manchmal sehr nervig sein

kann. Herbert Grönemeyer hat mal

gesagt: „Texte zu schreiben ist einfach

nur Arbeit, die nervt!“ Manchmal

schreibt man einen Song, das ist

mir bei „Bedingungslos“ und bei anderen

Songs auch passiert, und sofort

ist man da, wo man hinwill, und sofort

hat man den Song und kann ihn

nach 10 Minuten aufnehmen. Das ist

selten, aber da gibt es diesen Spruch:

„Einen guten Song schreibst du in

10 Minuten – für einen schlechten

brauchst du Tage.“ Und das ist tatsächlich

so. Wenn alles passt und du

hast einen Flow, in dem Sätze und

Melodien passen, dann bist du ganz

schnell im Schreiben. Wenn man

aber merkt, dass man hier und dort

noch was verändern muss, dann ist

das eine ganz schön nervige Angelegenheit.

Das haben mir andere Musiker,

wie z.B. Clueso oder Herbert

Grönemeyer auch schon berichtet.

Die sitzen dann da und machen

den ganzen Text nochmals neu und

schmeißen ganze Strophen raus, von

denen sie eigentlich gestern noch

beindruckt waren.

Wenn man in der Muttersprache

schreibt, hat man mannigfaltige

Möglichkeiten, Dinge auszudrücken.

Das bedeutet, einen endlosen

Baukasten zu haben, diese ekelhafte

Qual der Wahl. Es kommt darauf

an, in wenigen Zeilen eine Essenz

zu finden, die aber nicht banal klingen

darf. Es sollte eine Aussage sein,

die nicht schon tausendmal gesagt

wurde, die Worte, die man wählt,

sollten auf der einen Seite etwas

Lyrisches, Poetisches haben und andererseits

sollten sie trotzdem nah

an meiner Sprache sein, damit das

nicht abgehoben klingt. Man hat

so ganz viele Stellschrauben, an denen

man drehen kann, die man hin

und her schiebt. Und irgendwann

im besten Fall passiert es dann, dass

man den richtigen Stil für diesen

Song gefunden hat. Ich habe die

richtige Sprache gefunden und die

Worte passen, wie man sie auch gesprochen

verwenden würde. Wenn

dann diese Worte in die Melodie

und den Rhythmus reinpassen, als

würden sie da immer schon hingehören,

dann ist es perfekt.

Was ist dir persönlich bei der

Stimme wichtig, wenn du andere

Stimmen beurteilen musst?

Was muss die Stimme mit dir machen?

Max Mutzke: Sie muss echt und authentisch

sein. Dafür habe ich ein


CAROL | 2025 Stimme | 81

Ohr und ein Gefühl. Wenn Menschen

ihre Stimme verstellen und

ganz anders singen, als sie sind,

dann haben die einfach eine totale

Fake-Identität. Wenn sie sprechen,

als würden sie sich besonders

großartig finden, dann bekommst

du direkt einen Würgereiz, und

das gibt es beim Gesang eben

auch, dass Leute so künstlich singen,

das ist grauenhaft, weil es für

mich nur Fake ist. Authentizität ist

in allen Bereichen des Lebens absolut

das Wichtigste. Das geht mir

privat wie beruflich so. Menschen,

die authentisch sind, vertraue ich

durch und durch. Wenn ich aber

aufgrund meiner Menschenkenntnis

merke, etwas ist nur aufgesetzt

und gespielt, oder zumindest ein

Gefühl aufkommt, dass ich diesem

Menschen nicht recht trauen

kann, möchte ich eigentlich mit

diesem Menschen nichts zu tun

haben. Es kommt leider in meinem

Business immer wieder vor, dass

ich Leute treffe, die vordergründig

sehr nett zu mir sind, aber dann

merke ich, dass diese Nettigkeit ein

gewisses Kalkül hat, und ich beobachte,

wie derselbe Mensch mit

seinen Mitarbeitenden eben nicht

so nett spricht, dann traue ich der

ganzen Sache nicht. Und so geht es

mir bei der Musik auch. Ich nehme

einfach wahr, ob die Person, sei es

hinter dem Schlagzeug, der Gitarre

oder eben dem Mikrofon, authentisch

ist. Und bei Castings Shows

ist das ganz krass so. Ich sehe das

bei jungen Künstler:innen, die

vielleicht mit einem ganz tollen

Aussehen gesegnet sind. Da spielt

dann hauptsächlich Eitelkeit eine

große Rolle und die Person verlässt

sich nur noch darauf. Dann passiert

es eben auch, dass das Aussehen

auch bei der Musik, bei der

Performance im Vordergrund steht

und dann ist das für mich sehr

Matti Klein Soul Trio meets Max Mutzke | © Marit Damke

Matti Klein Soul Trio meets Max Mutzke © Rob Stirner + Gaby Gerster

schnell uninteressant. Ich mag es,

wenn Menschen, z.B. Instrumentalisten

oder Sänger:innen, Verzerrungen

im Gesicht, in der Mimik,

im Körper haben. Das ist dann einfach

echt, da ist nichts geschönt,

das ist glaubwürdig. Ich denke da

beispielsweise an Joe Cocker, der

in seiner ganzen Bewegung jemand

war, bei dem man jetzt nicht

behaupten kann, dass er stolz auf

sein Aussehen sein kann. Aber das

spielte bei Joe Cocker überhaupt

keine Rolle. Ich habe Jo Cocker immer

angeschaut und habe ihn in

allem, was und wie er es machte,

absolut bewundert, weil er so unglaublich

authentisch war. Wenn

einer nicht echt ist und nur so tut,

berührt es mich nicht und ich finde

keinen Zugang zu der Person

und der Musik.

Gerade bei Casting Shows bewerben

sich die Leute mit den Songs,

die sie am besten kennen und mit

denen sie am besten wirken können.

Mir ging das auch bei der ESC

Casting Show so, da waren ganz

junge Künstler:innen dabei, die

haben den ausgewählten Song unglaublich

toll gesungen, aber man

weiß dann aus Erfahrung, die haben

den Song ja auch gerade deshalb

ausgewählt, weil sie ihn gut

singen können. Doch beim Versuch

zu improvisieren oder eine

Variation in der zweiten Strophe

beim letzten Refrain zu singen,

merkte man, dass sie schon in der

Komfortzone ihres Lieblingssongs

an Grenzen gekommen sind, bei

denen mit dem nächsten Song

schon nicht mehr viel kommt und

dass sie wahrscheinlich dem Druck

des Grand Prix nicht gewachsen

wären. Das hängt in erster Linie am

Phänomen YouTube und Tiktok,

wo sich die jungen Künstler:innen

bewegen, sich sechsmal aufnehmen,

siebzehnmal die Kamera an

und aus machen, zu Hause schneiden

und mit allen Möglichkeiten

kaschieren können und ich nicht

beurteilen kann, ob sie Audiotune

benutzt haben. Ich kann diesen

Künstler:innen nur empfehlen, so

oft es geht, zweimal die Woche

und mehr zu Jamsessions zu fahren,

sich auszuprobieren, sich um

eine eigene Band zu bemühen und

auf jeden Fall ein Instrument, im

besten Fall ein rhythmisches Instrument,

zu spielen. Denn gerade

Rhythmik im Gesang finde ich das

A und O, wenn jemand supergut

intoniert, aber rhythmisch ganz

schlecht ist, dann ist das ganz

schnell kein guter Gesang mehr,

weil es nicht grooved. Es kommt

nicht nur auf die Intonation und

den Charakter der Stimme an, sondern

auch auf die Rhythmik. Ich

hatte das große Glück, dass mein

Lieblingsinstrument Schlagzeug

war, ich immer Schlagzeuger war

und als Schlagzeuger immer auch

gesungen habe. Deswegen ist für

mich jede rhythmische Synkope

und alles an Akzenten für mich

nachvollziehbar, ob bei lateinamerikanischen

Rhythmen, beim Jazz

oder R&B. Ich weiß, wo der Backbeat

ist, was eine Eins, eine Zwei

und eine Vier bedeutet, was mir

sehr gut in die Karten spielt, wenn

ich mit Big Bands spiele und ich

den ganzen Laden von vorne übernehmen,

die Songs selbst einzählen

und rhythmisch agieren kann.

Und das sind alles Dinge, die wichtig

für eine Karriere sind. Je älter

ich werde, je mehr Erfahrung ich in

verschiedenen Besetzungen sammle,

desto schneller sehe ich das bei

anderen Leuten, ob sie das können,

und desto schneller bin ich

auch abgetörnt, wenn von diesen

Dingen ganz wenig da ist. Aber das

kann alles noch kommen. Wenn

sie Anfang/Mitte zwanzig sind, ist

das alles ja noch in Bewegung, ein

Rohdiamant, der noch geschliffen

werden kann. Doch dazu gehört

ganz viel Praxis, aber nicht vor

einer Computerkamera zu Hause,

sondern die Praxis braucht direktes

Feedback des Publikums. Ich muss

sehen, ob die Leute lachen, wenn

ich etwas ansage, ob sie es gut finden

und verstehen oder wie sie auf

meine Texte reagieren, ob sie nach

dem Song vor Freude ausrasten

oder ob sie nur so einen freundlichen

Applaus abliefern. Das kann

ich alles nicht entdecken, wenn

ich es nur poste und zu Hause vielleicht

zwanzig Versuche hatte, bis

ich es dann online gestellt habe.

Und das merkt man den Leuten

eben an. Es gibt Sänger:innen, die

haben super viele Klicks und Views

auf Tiktok und sonst wo, aber sie

können nicht live performen.

Wie kam es zur Zusammenarbeit

mit Matti Klein, mit dem du bei

der diesjährigen jazzahead! zusammen

auftrittst?

Max Mutzke: Das ist auch so eine

Zufallsgeschichte, ein Glücksmoment,

wie es ganz viele im Leben

sind. Er war Barpianist in einem

Hotel, in dem ich auch gerade war.

Ich fand sein Spiel so toll und habe

ihn angesprochen, wir kamen ins

Gespräch und haben Kontakte ausgetauscht.

Wir haben ausgemacht,

dass er sich bei mir meldet, denn

er sagte, er hätte da eine Band in

Berlin und betreue dieses und jenes.

So kam unser erster Gig zustande.

Diese Besetzung gefällt mir

einfach sehr, es ist einzigartig, wie

die Jungs im Trio auftreten, und

die grooven wie die Hölle. Und sie

machen aus meinen Songs und aus

den Songs, die ich mir aussuche,

einfach phänomenale Versionen

und das ist ein Traum, ein absoluter

Traum.

Das Gespräch führte Kai Geiger.


82 | Festivals | Stuttgart

TONI | arttourist.com Jazz | Neue Musik | Elektro | 2022

* Marc Chagall, Der Geiger, 1911, Le violoniste, Öl auf Leinwand, 94,5 × 69,5 cm, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Foto: Achim Kukulies, Düsseldorf, © VG Bild-Kunst, Bonn 2024

*

www.kukiosk.com

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