CAROL 2025
Kulturzeitung der www.arttourist.com mit den Themen Jazz, Neue Musik, Klassik Crossover, Elektronische Musik, Kunst, Klangkunst. Jahrespublikation Laufzeit von April 2025 bis April 2026 mit Informationen, Hintergründen, Interviews und vielen Tipps mit Links.
Kulturzeitung der www.arttourist.com mit den Themen Jazz, Neue Musik, Klassik Crossover, Elektronische Musik, Kunst, Klangkunst. Jahrespublikation Laufzeit von April 2025 bis April 2026 mit Informationen, Hintergründen, Interviews und vielen Tipps mit Links.
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CAROL
arttourist.com Gazette
2025
Digital Edition
Jazz | Neue Musik | Klassik 2.0 | Klang | Elektro | Medien
2 | Discover
CAROL | 2025
cd: hidabicer.com | Foto: Vanessa Stratmann
Licht!
9. bis 18. Mai 2025
10 Tage Musik von heute
Jedes Konzert ein Aufbruch,
eine Expedition und eine Einladung
CAROL | 2025 Editorial | 3
Editorial
MEHLDAU MEETS
BACH. GLASS MEETS
STRAWINSKY. OZONE
MEETS BERNSTEIN.
Termine unter
rsb-online.de
030 202 987 15
Liebe Leserin, lieber Leser,
liebe Freunde der arttourist,
mit dem Motto „Möge vieles möglich sein und für
Kultur die beste Wahl“ sind wir ins Jahr 2025 gestartet,
die Bundestagswahl im Blick, ein hoffungsvolles
Signal sendend, dass Kultur auch in herausfordernden
Zeiten, in denen sie zur Disposition
steht und ein beliebtes Einsparpotenzial dargestellt,
sowohl seitens der Politik wie auch im Engagement
aus der Wirtschaft und dem privaten Sektor, stattfinden
muss und wird. Denn Kultur ist wichtiger
denn je. „Kultur schafft Identität, Gemeinschaft
und Zusammenhalt. „Kultur ist das, was uns Menschen
ausmacht. Sie ist das, was von einer Generation
bleibt. Sie ist das Fundament, auf dem unsere
Gesellschaft steht und auf das sie baut“, wie es die
Kulturstiftung der Länder klar verbalisiert. Auch im
Bereich der Medien, der Zeitungen und Magazine
steht Durchhalten auf der Tagesordnung. Viele Titel
wurden innerhalb des letzten Jahres eingestellt,
andere haben aufgegeben oder stehen unter großem
wirtschaftlichem Druck. Auch die Produktion unserer
Publikationen ist jedes Mal ein Ritt durch die
Kontakte, um jede einzelne Ausgabe finanziert und
verlegt zu bekommen. „Was treibt dich immer noch
an?“, werde ich oft gefragt. Verrücktheit, unbändige
Leidenschaft und ein Leben für die Kunst und Kultur
und dass wir im Eigenverlag auf Herzensbasis mit
guten Freund:innen, einem wunderbaren Grafiker,
Chris, mit dem wir seit zwanzig Jahren zusammenarbeiten,
und einer verständnisvollen und unterstützenden
Familie erscheinen. Und dass wir immer und
immer wieder den Blick nach vorne halten, offen
bleiben und uns nicht aus der Ruhe bringen lassen.
Dass einige Titel „nur noch“ Online erscheinen,
hängt einerseits an der Finanzierbarkeit, andererseits
an unserem ökologischen Fußabdruck und dem
Mitwirken in einem Projekt der Green Culture Bewegung,
dem SoilKulturLab im Schwarzwald, über das
Sie hier in CAROL neben weiteren Projekten lesen
können.
Kai Geiger © Michael Schrodt
Unterstützen Sie uns in unserer Arbeit
aus Leidenschaft für die Kultur
jenseits eines großen Medienhauses
mit einem Kaffee für unseren KUKIOSK
MÖGE VIELES MÖGLICH SEIN
UND FÜR KULTUR DIE BESTE WAHL!
JAZZ
4–24
GREEN CULTURE
26–39
NEUE MUSIK
40–49
KLASSIK 2.0
50–59
Brad Mehldau
Konzertsaison
2025/26
NEU
Abo
Jazz Classics
Kombi-Abo
Jazz & Klassik
Mo 16.2.26
Mo 3.11.25
Al Di Meola
Brad Mehldau solo
Fr 15.5.26
Anouar Brahem Quartet
Wir haben wieder spannende Inhalte recherchiert,
mit inspirierenden Menschen gesprochen und all
dies für Sie in CAROL aufgearbeitet und präsentieren
Ihnen mit großer Freude unsere Entdeckungen
in unserem Kompendium über Jazz, Neue Musik,
Klassik Crossover, Klang, Medien, Elektro und Ausstellungen
zum Thema Musik. Neu ist die Rubrik
Klassik 2.0 ab dieser Ausgabe, wo wir das genreübergreifende
Arbeiten und daraus neu entstehende,
mutige und innovative Formate vorstellen, in denen
die Klassik in den Jazz, die Neue Musik, Elektro
oder Klang hineinwirkt. Gerne mehr davon!
Namenspatronin von CAROL ist die amerikanische
Bassistin Carol Kaye, die im März 90 Jahre alt geworden
ist und immer noch auf dem Bass spielt.
Unser Gesicht ist die Bassistin, Komponistin und
Sängerin Loreen Sima aus Calw, die eine der ganz
großen Musiktalente ist, die mit der Zukunft des
Jazz verbunden sind.
NEU und aktiv ab diesem Jahr ist auch unser KU-
KIOSK, ein digitaler Kiosk, wo Sie Programmhefte
verschiedenster Kulturveranstalter und Genres finden,
darin blättern und diese downloaden können.
Ohne langwieriges Suchen im Internet können Sie
hier vieles auf einen Blick entdecken. Wir sind am
Beginn, vieles wird auch hier möglich sein, wachsen
und gedeihen. Besuchen Sie uns im KUKIOSK
und gehen Sie auf Entdeckungsreise.
Mit Richard Weizäcker, der einmal über die Kultur
sagte: „Unsere Kultur ist gewachsen wie ein kräftiger
und vielgestalteter Mischwald. Er leistet seinen
Beitrag zur lebensnotwendigen Frischluft“, bin ich
weiter für Sie und die Kultur unterwegs und an der
frischen Luft.
KLANG
60–64
MEDIEN
65
ELEKTRO
66–69
AUSSTELLUNGEN
69–73
STIMME
74–81
IMPRESSUM
64
ONLINE
auf www.arttourist.com
Danke:
Mit herzlichen Grüßen
ticketcorner.ch Billettkasse Tonhalle, 044 206 34 34 allblues.ch
Kai Geiger
Herausgeber arttourist
geiger@arttourist.com
4 | Jazz | Loreen Sima
CAROL | 2025
Der Bass ist
weiblich
Loreen Sima, Bassistin, Komponistin
und Sängerin
Die aus Calw stammende Loreen Sima gehört zu den jungen
Musiker:innen, die der Zukunft des Jazz ein Gesicht und eine
Stimme und dem männlich dominierten Bassspiel eine eigene
weibliche Note geben. Als Tochter von zwei Berufsmusikern
wurde ihr die Musik in die Wiege gelegt, und sie kam schon
früh mit Klassik und Jazz in Berührung.
Loreen Sima | © Vincent Sima
CAROL | 2025 Jazz | Loreen Sima | 5
Sie lernte klassische Querflöte, bevor sie ihre Leidenschaft für Jazz, Funk
und Fusion entdeckte und mit 13 Jahren begann, E-Bass zu lernen, an dem
sie noch während ihrer Schulzeit den ersten Bundespreis bei „Jugend musiziert“
erhielt. Sie studierte an den Musikhochschulen in Stuttgart, Dresden
und der Academy of Music in Oslo. Sie hat 2021 als Feature Guest bei der
SWR Big Band produziert und war eine der 15 Teilnehmer:innen der ersten
„Elbphilharmonie Jazz Academy“. Sie ist eine gefragte Sidewoman und ist
auf deutschen und internationalen Bühnen zu Hause. Mit ihrem neuen Projekt
„Loreen Sima Trio“ begeistert sie gerade das Publikum und die Presse.
Sie entführt ihr Publikum in ihre eigene wunderbare musikalische Welt und
setzt ganz eigene Klangakzente. Zusammen mit dem Schlagzeuger Heinrich
Eißmann und dem Pianisten Victor Möhmel vereint sie ihre tiefen, runden
Basstöne mit ihrer charismatischen Stimme und zieht ihr Publikum in den
Bann. Die Südwestpresse schrieb jüngst: „Am Bass swingt und bebopt sie
sich durch Jazz-Klassiker und legt sich mit zarter Stimme mitten in sie hinein,
um wenig später der Pop-Liebe zu frönen und mächtig funky in Richtung
Fusion zu fetzen.“
Als Namenspatronin unserer diesjährigen Ausgabe, deren Gesicht Loreen
Sima ist, steht die Grand Dame des Basses und ein absolutes Phänomen am
Bass, die amerikanische Bassistin Carol Kaye Patin, die am 24. März 90 Jahre
alt geworden ist. Auch sie hat zuerst ein anderes Instrument erlernt, die
Gitarre, um mit dem Bass große Erfolge zu feiern. Sie steht bis heute auf der
Bühne, war und ist eine der gefragtesten Studiomusikerinnen und hat mit
ihren eingängigen Basslinien unzähligen Popklassikern ihren Stempel, von
A wie Animals bis Z wie Zappa, aufgedrückt.
INTERVIEW
Wir sprachen mit
Loreen Sima
Wie kamen Sie zum Bass? Was ist
das Besondere am Bass und warum
passt er so gut zu Ihnen?
Loreen Sima: Zunächst suchte ich
mir mit sieben Jahren die Querflöte
aus, die etwa neun Jahre mein
Hauptinstrument war. Mein großer
Bruder spielte in seiner Schulzeit in
einer Jazzband, die mein Vater leitete.
Ich fand das damals unglaublich
cool und wollte unbedingt selbst
in einer solchen Band mitspielen.
Da die Querflöte in diesem Kontext
eher unüblich war, begann ich, mich
nach einem anderen Instrument
umzusehen. So kam mir plötzlich die
Idee, E-Bass zu lernen.
Ein großer Vorteil war für mich, dass
ich beim Spielen gleichzeitig singen
konnte – etwas, das ich schon immer
geliebt habe. Ein Schlüsselmoment
war eine Autofahrt, während der ich
„Just The Two Of Us“ mit Marcus
Miller am Bass hörte. Ich stellte mir
vor, dieses Stück einmal auf einer
Bühne zu spielen – und ab da gab es
für mich kein Zurück mehr.
Was mich am Bass besonders fasziniert,
ist seine Funktion innerhalb
der Musik. Er bildet das rhythmische
und harmonische Fundament, gibt
Struktur, unterstützt die Solisten und
ermöglicht es mir, mich vollkommen
im Groove zu verlieren. Es ist
ein Instrument, das verbindet und
trägt, ohne sich unbedingt in den
Vordergrund zu drängen – und genau
das liebe ich daran.
Was konnten die Querflöte und die
Klassik nicht, die sie ursprünglich
gelernt haben, und warum war
dieser Weg der genau richtige für
Sie?
Loreen Sima: Die Klassik und die
Querflöte haben mein Leben unglaublich
bereichert. Als ich den Jazz
und die damit verbundene Herangehensweise
an Musik entdeckte, fühlte
ich mich darin sofort zu Hause.
Die Besonderheit der improvisierten
Musik ist die große Freiheit und die
spontane Kommunikation zwischen
Musikern und Publikum, die sie ermöglicht.
Das Schönste für mich ist, meine eigene
Musik mit Menschen zu teilen
und mit ihnen in Austausch zu kommen.
Dennoch schätze ich die klassische
Musik nach wie vor sehr und
spiele gelegentlich klassische Projekte
– mittlerweile allerdings nicht
mehr auf der Querflöte, sondern am
Kontrabass. Besonders die impressionistische
Musik fasziniert mich und
inspiriert mich auch für meine eigenen
Kompositionen.
In welchen Musikstilen sind Sie zu
Hause und in welchen Formationen
unterwegs?
Loreen Sima | © Vincent Sima
Loreen Sima: Meine musikalische
Reise am E-Bass begann mit einer
großen Begeisterung für Fusion und
Funk – und bis heute spüre ich eine
besondere Verbindung zu dieser Musik.
Mit meinem Kontrabass-Studium
rückte der traditionelle Jazz immer
mehr in meinen Fokus. Doch meine
musikalischen Interessen sind breit
gefächert, und ich liebe es, in unterschiedlichen
Projekten mit verschiedenen
Stilrichtungen zu arbeiten.
Ich schätze die Vielfalt und die Herausforderung,
mich in neue Klangwelten
einzufühlen.
Wer und was inspiriert Sie?
Loreen Sima: Reisen sind für mich
eine große Inspirationsquelle. Oft
komme ich von einer Reise mit neuen
Ideen und voller Tatendrang zurück.
Auch Spaziergänge in der Natur
oder Gespräche mit engen Freunden
und meiner Familie geben mir viel.
Natürlich spielt auch Musik selbst
eine große Rolle. Ich finde Inspiration
sowohl in klassischer Literatur
als auch bei den unterschiedlichsten
Live-Konzerten – oft kommen mir
dort neue Ideen für eigene Projekte
oder für das, woran ich als Nächstes
arbeiten möchte.
Antwort gibt es wohl nicht. Sicherlich
spielen viele Faktoren eine Rolle.
Auch in klassischen Orchestern
waren lange Zeit kaum Frauen am
Kontrabass vertreten – schlicht, weil
Orchester früher oft ausschließlich
Männern vorbehalten waren.
Vielleicht wurde der Bass in der Jazzund
Fusion-Welt erst richtig populär,
als er durch Musiker wie Scott La
Faro oder Jaco Pastorius als virtuoses
Soloinstrument in den Vordergrund
rückte. Dann kamen Bassistinnen
wie Esperanza Spalding, Ida Nielsen
oder später Kinga Głyk als Frontfrauen
in die Öffentlichkeit, die sicherlich
heutzutage jungen Bassistinnen
als Vorbilder dienen.
Auch das Publikum hat je nach Musikrichtung
eine unterschiedliche
Zusammensetzung. Manche Genres
sprechen eher Männer an, andere
mehr Frauen – das könnte ebenfalls
eine Rolle spielen.
Loreen Sima | © Vincent Sima
Bei der Suche nach der diesjährigen
Namenspatronin, die wir in aller
Regel mit einer bereits verstorbenen
Künstlerin besetzen, haben
wir uns sehr schwergetan. Es gibt
nicht so viele weibliche Bassisten,
heute vielleicht mehr als früher.
Woran liegt es?
Loreen Sima: Diese Frage stelle ich
mir selbst oft, und eine einfache
Bei der Recherche genau nach
dieser Frage im Netz kam ich auf
merkwürdige und krude, hauptsächlich
von Männern formulierte,
unpassende Machogedanken
zum Thema Frauen und Bass. Ist
dem so? Ist es ein ständiger Kampf
um Akzeptanz und Respekt?
Loreen Sima: Ich empfinde es nicht
als ständigen Kampf, aber natürlich
6 | Jazz | Loreen Sima
CAROL | 2025
erlebe ich, dass ich als Frau am Bass
anders wahrgenommen werde.
Mit den Musikern, mit denen ich bisher
gespielt habe, habe ich fast ausschließlich
nur positive Erfahrungen
gemacht – bis auf eine Ausnahme,
als ein Musiker mich nicht in seiner
Band haben wollte, nur weil ich eine
Frau bin.
Aus dem Publikum höre ich immer
wieder Sätze wie: „Schön, eine Frau
am Bass zu sehen.“ Das zeigt mir,
dass es für viele Menschen noch ungewohnt
ist. Ich selbst habe das Gefühl,
dass es in meiner Generation
schon etwas Gewöhnliches ist.
Wie wichtig sind Ihnen eine starke
weibliche Solidarität unter Musikerinnen,
Projekte von Frauen
wie Sisters in Jazz, SOFIA (Support
Of Female Improvising Artists)
oder Festivals wie Women in
Jazz?
Loreen Sima: Mir ist es wichtig, dass
Frauen in der Musik nicht unterrepräsentiert
sind und ihr künstlerisches
Schaffen die gleiche Anerkennung
erhält wie das männlicher Musiker.
Projekte, die sich ausschließlich auf
ein Geschlecht konzentrieren, finde
ich weniger spannend, weil es für
mich gerade auf eine vielfältige Mischung
ankommt – ohne bewusst
ein Geschlecht auszuschließen. Am
Ende zählt die Qualität der Kunst.
Neben der Bassistin und Komponistin
Loreen Sima sind Sie auch
Sängerin. Im Jahr der Stimme bitte
ich Sie um ein leidenschaftliches
Plädoyer für die Stimme.
Loreen Sima: Die Stimme ist etwas
Besonderes, da sie so direkt fast
schon intim ist und man sich vor
nichts verstecken kann. Ein Instrument
ist eine Art Erweiterung der
Stimme. Wenn ich singe, habe ich
das Gefühl, mich von meiner verletzlichsten
Seite zu zeigen.
Sie kommen aus einer musikalischen
Familie. Ihr Vater Libor Sima
ist Saxophonist, Komponist und
Arrangeur und seit 2001 Solofagottist
des SWR-Symphonieorchesters,
mit dem Sie auch immer wieder
zusammen auftreten. Er spielt
mal in Ihren Formationen mit und
Sie bei seinen Kompositionen, wie
zuletzt „Eine Weihnachtsgeschichte“
von Charles Dickens am Badischen
Staatstheater. Nicht in allen
Familien geht das gut. Was haben
Ihre Eltern alles richtig gemacht
und wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrem
Vater?
TERMINE
13.04. Theaterhaus Stuttgart
„Dr. Pop goes Jazz“
26.04. Kurhaus Wiesbaden
„Chocolat“
29.04. Staatstheater Saarbrücken
„Chocolat“
23.05. Bix Stuttgart
„Band In The Bix“
26.05. Café Saite Dresden
„Pip & Loreen“
27.07. Alte Konzertmuschel Radolfzell
„Jazzgäng Süd“
03.07. Valser Musiksommer
„Jazzgäng Süd“
23.08. Weingut Grün, Sausenheim
„Loreen Sima Trio feat. Jakob Manz“
November/Dezember 2025
Tour mit „Eine Weihnachtsgeschichte“
nach Charles Dickens mit dem
„sagas.ensemble“
https://loreensima.de
(https://www.instagram.com/loreensima
https://www.youtube.com/channel/
UCpqx95S53ZiJd5n9IOPGl1w)
Loreen und Libor Sima | © Vincent Sima
Loreen Sima: In unserer Familie
haben wir schon früh gemeinsam
musiziert. Als ich mit sieben Jahren
meine erste Querflöte bekam, komponierte
mein Vater für mich Die
4 Pferde – vier kleine Stücke, bei
denen ich mit nur einem bis vier
Tönen die Hauptmelodie spielte.
Meine Mutter, die mich anfangs im
Querflötenspiel unterrichtete, spielte
mit, mein Vater auf dem Fagott,
mein großer Bruder am Schlagzeug
und mein kleiner Bruder spielte
Bongos dazu. So habe ich schon
früh positive Erfahrungen sammeln
dürfen und seit Beginn liebevolle
Unterstützung auf meinem musikalischen
Weg erhalten.
Von meinem Vater habe ich gelernt,
dass es im Musikbusiness nicht nur
darauf ankommt, sein Instrument
zu beherrschen. Zuverlässigkeit,
Vorbereitung und ein Gespür für
musikalische Details sind ebenso
entscheidend.
Mit meinem Umzug zum Studium
nach Dresden habe ich Abstand gewonnen
und vieles mit neuen Augen
gesehen. Heute weiß ich noch
mehr zu schätzen, wie wertvoll es
ist, Eltern zu haben, die nicht nur
loben, sondern auch ehrliches
Feedback geben.
Gerade im Bereich der Komposition
arbeite ich gerne im Teamwork mit
meinem Vater. Mit ihm gemeinsam
auf der Bühne zu stehen, ist ein Geschenk,
das ich sehr genieße.
Eine weitere Leidenschaft ist das
Schauspiel. Sie sind Mitglied des
freien, nicht subventionierten
Schauspiel-Ensembles „sagas“.
Wie kam es dazu und welchen
Part spielen Sie dort?
Loreen Sima: Das sagas-Ensemble
ist für mich ein besonderer Ort,
dem ich seit etwa drei Jahren angehöre.
Hier trete ich auch in die
Fußstapfen meines Vaters, der Musik
für einige Stücke komponiert
hat und seit der ersten Produktion
Teil des Ensembles ist.
Martin Mühleis, der Produzent der
Theaterstücke, erzählt Geschichten
mit starkem aktuellem Bezug,
die oft so berührend sind, dass
ich selbst beim Spielen manchmal
Tränen in den Augen habe. Er hat
ein beeindruckendes Team aus
Schauspielern und Musikern zusammengestellt.
In der Produktion
„Eine Weihnachtsgeschichte“ nach
Charles Dickens spiele ich in einem
Streichquintett und springe regelmäßig
als Bassistin für das Stück
„Chocolat“ ein.
Loreen Sima | © Vincent Sima
Von Musik allein als freischaffende
Musikerin zu leben, ist in heutiger
Zeit eine große Herausforderung
und nur wenigen vergönnt.
Die kulturpolitischen Veränderungen,
gespickt mit Etatkürzungen
überall und in allen Bereichen,
sind hierbei nicht hilfreich
als Zukunftsperspektive. Wie gehen
Sie damit um und was fehlt
aus Ihrer Sicht in der Unterstützung
von jungen Musiker:innen?
Loreen Sima: Das ist ein wirklich
spannendes und zugleich herausforderndes
Thema, das mich zurzeit
viel beschäftigt. Die aktuellen Entwicklungen,
insbesondere auch im
Hinblick auf Künstliche Intelligenz,
sind teils erschreckend.
Mir gibt es Mut, ein Konzert zu
spielen oder an einer kulturellen
Veranstaltung teilzunehmen und
dieses Gefühl von Gemeinschaft
sowie das Eintauchen in eine andere
Welt zu erleben. Es berührt mich
jedes Mal aufs Neue.
Was jedoch aus meiner Sicht fehlt
– gerade in der Ausbildung junger
Musiker:innen – ist ein stärkerer
Fokus auf die Realität des Berufslebens.
Ich würde mir wünschen, dass
an Hochschulen ein Pflichtfach wie
„Musikbusiness“ eingeführt wird.
Darin könnten Studierende lernen,
wie man sich selbst vermarktet, finanzielle
Angelegenheiten regelt
und langfristig als Selbständige:r
erfolgreich bleibt.
Auch die Fördermöglichkeiten
sind ein entscheidender Faktor. Es
gibt zwar Wettbewerbe und Programme,
aber das Angebot variiert
stark je nach Bundesland. Je mehr
solcher Initiativen es gibt, desto
besser – denn sie können jungen
Musiker:innen wichtige Chancen
eröffnen.
Dazu passend und fasst ein Dauerbrenner
der Fragen in diesem
Zusammenhang: Was wäre Loreen
Sima heute, wenn Sie keine
Musikerin geworden wäre?
Loreen Sima: Vermutlich würde
ich im kulturellen Bereich und/
oder mit Kindern arbeiten.
Was steht für 2025 auf Ihrer
Agenda und auf welches Projekt
freuen Sie sich besonders in diesem
Jahr?
Loreen Sima: In diesem Jahr werde
ich meine erste EP aufnehmen, mit
Klaviertrio, Streichquartett, Gesang
und Solisten. Ich freue mich riesig
darauf, meine Kompositionen
mit großartigen Musiker:innen auf
Band zu bringen und dieses Herzensprojekt
umzusetzen.
Was ist noch offen im Leben von
Loreen Sima, was unbedingt und
irgendwann passieren muss und
wird?
Loreen Sima: Ein Traum von mir
ist es, einen Ort zu erschaffen, an
dem Künstler verschiedener Bereiche
zusammenkommen und gemeinsam
Konzerte, Sessions, kleine
Ausstellungen, Lesungen und mehr
veranstalten können.
Das Gespräch führte Kai Geiger.
DITION.K
CAROL | 2025 Discover | 7
SOUNDSGOOD NEWS:
EDITION.KLINGT.GUT.
Jazzahead SHowcase
Matti Klein Soul Trio
meets Max Mutzke
24.04.2025 - 20:30h
@Jazzport
SOUNDSGOOD Promotion presents:
Gee Hye Lee:
Encounters
Cécile Nordegg:
Hofpalaver
Horst Hansen Trio:
Sophisticated
Woodbeez:
Pony Love
SOUNDSGOOD Artists:
ADHD | Bossarenova
Trio | Cats&Breakkies
| Esinam | Fola Dada
| GirlsInAirports |
Jazzchor Freiburg |
Jin Jim | Joo Kraus |
Joshua Idehen | Joy
Bogat | K.ZIA | Lisa
Wulff | Maier-Hauff/
DeRungs | MariFroes |
Matti Klein Soul Trio
| MOLASS | Ron Minis
| RSxT | OmarSosa/Joo
Kraus/DiegoPinera-
VibeFactor |
Webster
8 | Jazz | Bremen | jazzahead!
CAROL | 2025
Alle Bilder : © Kai Geiger
Bremen (D)
jazzahead! 2025
24. – 26.4.2025 Fachmesse & Festival
23.4.2025 Grand Opening
Die jazzahead! ist das Must-Go-Event für die internationale Jazzbranche und der Ort für hochwertigen,
zeitgenössischen Jazz aus Deutschland, Europa und Übersee. Als weltweit größte Veranstaltung
auf der sich alle Protagonisten der Szene (Musiker, Labels, Agenturen, Festivalmacher,
Booker und Medienvertreter) treffen, gilt sie bei den Fachbesuchern aus aller Welt als das „Familientreffen
des Jazz“. Denn trotz ihres steten Wachstums hat sie es geschafft, ihren familiären
Charakter nicht zu verlieren.
Die jazzahead! ist nicht nur Messe für Fachbesucher, sondern
auch offen für das breite Publikum – und zwar mit einem Programm,
das einmal jährlich die Hansestadt Bremen zur Jazzmetropole
macht.
www.jazzahead.de
„Gate Opener“
Die jazzahead! ist und bleibt auch dank ihrer hochkarätig besetzten
Jurys mit Festival- und Club-Booker:innen aus der
ganzen Welt, einer der wichtigsten „Gate Opener“ für
Jazzmusiker:innen als kommende Headliner. Es geht
darum, Zielgruppen zusammenzuführen und alle Mitglieder
der Jazzbranche miteinander zu verknüpfen –
von Musiker:innen über Veranstalter:innen und
Booker:innen, Journalist:innen, Promoter:innen und
Manager:innen bis zu Labels. Wie es das amerikanische
Magazin Downbeat formulierte:
„Wenn es um bedeutende, universelle
Jazzkonferenzen/-festivals
auf der anderen Seite des Atlantiks
geht, führen seit einigen Jahren alle
Wege nach Bremen.“
Mehr denn je steht bei der jazzahead!
2025 der Gedanke einer nachhaltigen und zukunftsweisenden
Musiklandschaft (und Musikwirtschaft) im Vordergrund.
„Der grüne Gedanke zieht sich wie ein roter
Faden durch die jazzahead!“, sagt Sybille Kornitschky, seit
bald zwanzig Jahren Leiterin der jazzahead! für die MESSE BRE-
MEN.
Auch die Tatsache, dass in diesem Jahr erstmalig kein einzelnes
Partnerland, sondern eine Partnerregion unter dem Motto
RECONNECT im Zentrum der Aktivitäten steht, erklärt sich in
diesem Sinne. „Wir haben diese drei Länder nicht nur deshalb
als Partner für 2025 ausgewählt, weil sie so zentral für die Weiterentwicklung
des europäischen Jazz und dessen internationale
Strahlkraft sind und sich seit ihrem ersten, individuellen
Auftritt als Partnerländer vor teilweise einem Jahrzehnt so viel
dort getan hat“, betonen Kornitschky und Bühler. „Wir sehen
auch in der geografischen Nachbarschaft von Spanien, Frankreich
und der Schweiz ein enormes Potential, was den musikalischen
Austausch untereinander (und natürlich
darüber hinaus) sowie die Zusammenarbeit der
dortigen Veranstalter:innen für in jeder Hinsicht
grenzüberschreitendes, aber dabei
schon im Hinblick auf die Entfernung
machbares „Green Touring“
angeht.“
Um den kreativen Austausch
mit dem Globalen
Süden weiter zu fördern,
ist „Jazz from Africa“, nach
einem erfolgreichen Start in
diesem Jahr, 2025 zum zweiten
Mal ein Schwerpunktthema
der jazzahead!. Im Rahmen der acht
Overseas-Showcases wird die Jury drei
Musiker:innen und/oder Bands aus verschiedenen
Ländern des Kontinents für
Showcases auswählen. „Der Austausch und die Verknüpfung
dürfen dabei keine Einbahnstraße sein“, sagt Artistic Advisor
Götz Bühler. „Es geht um ein besseres Verständnis – und die
Neugierde auf kreative Impulse und Innovation, ein wesentliches
Lebenselixier des Jazz.“
Hierzu sprachen mit Jakob Fraisse, der bei der jazzahead! für
das Thema Green Touring zuständig ist (siehe Seite ....)
Götz Bühler und Sybille Kornitschky © M3B GmbH Kerstin Rolfes
CAROL | 2025 Jazz | Bremen | jazzahead! | 9
Célia Kameni © Peter The Moon
Louis Matute – Large Ensemble © Nadia Tarra
jazzahead! Grand Opening Event
23.4.2025 Große Konzerthalle des Congress Centrums
Die jazzahead! 2025 startet fulminant: das Grand Opening
am Mittwochabend bietet als große internationale Gala einen
Vorgeschmack auf drei randvolle Messe- und Festivaltage (und
Nächte!) vom 24. bis 26. April 2025. Obendrein gewährt der
Konzertabend einen exklusiven Einblick in die musikalische
Bandbreite der RECONNECT-Partnerländer Spanien, Frankreich
und Schweiz.
Der Abend des 23. April in der 1200 Plätze fassenden Großen
Konzerthalle des Congress Centrums Bremen beschert der jazzahead!
endlich wieder einen glamourösen Auftakt. Das Grand
Opening: eine gemeinsame Eröffnung von Festival und Messe,
mit Vertreter:innen aus Politik, Kunst und Kultur, ein stilvoller
Empfang mit Drinks und Fingerfood, und natürlich ein hochklassiger
Konzertabend.
„Sketches of Spain, France and Switzerland“ ist das Motto der
Eröffnungsfeier. Die drei RECONNECT- Partnerländer, die zwischen
2012 und 2016 jeweils alleine Partnerland waren, sind
hier alle mit prominenten Künstler:innen vertreten.
Aus der Schweiz kommt Gitarrist Louis Matute mit seinem Large
Ensemble. Gilad Hekselman schreibt über ihn: „Louis satisfied
my need for rhythm, melody, sound and heart.“ Matute,
der auch honduranische Wurzeln hat, ist mit seinen 30 Jahren
bereits ein wichtiger Vertreter der französisch-schweizerischen
Szene. Seine „elegante Fusion-Folklore“ (Jazzthing) lebt von
der Verquickung verschiedenster Einflüsse, nicht zuletzt brasilianischer
Elemente.
Mit Matutes Band wird auch Célia Kameni aus Lyon auftreten.
Die Sängerin und Komponistin mit kamerunischen Wurzeln
gewann 2018 mit der Amazing Keystone Big Band den nicht
nur in Frankreich renommierten Preis „Les Victoires du Jazz“.
Eine enorm vielseitige Sängerin, die mit Ella-Fitzgerald- Tributalben
genauso begeistert hat wie mit dem tanzbaren Jazz der
Band Nu Genea.
Yelfris Valdés hat seinen Lebensmittelpunkt auf der spanischen
Insel Mallorca. Der in Kuba geborene Trompeter zeigte schon
im Kindesalter ein bemerkenswertes Talent; mit 16 Jahren war
er weltweit auf Tourneen unterwegs. In seiner Zeit in London
arbeitete er mit Damon Albarn und Quantic zusammen. Seine
afro-kubanischen Einflüsse verbinden sich ganz organisch mit
Pop und HipHop.
Yelfris Valdés © Angel Romo
10 | Jazz | Bremen | jazzahead!
CAROL | 2025
SHOWCASING ARTISTS
JAZZAHEAD! 2025
Thursday | Donnerstag 24.04.2025
Carlos Bica 11:11 (PT)
14:00 – 14:30 Kulturzentrum Schlachthof
Carl Wittigs Aurora Oktett (DE)
14:45 – 15:15 Halle 7.2
Korhan Futaci (TR)
15:30 – 16:00 Halle 7.1
Ilaria Capalbo (SE/IT)
16:15 – 16:45 Kulturzentrum Schlachthof
Juanjo Corbalán Quartet (PY)
17:00 – 17:45 Halle 7.2
Andreas Polyzogopoulos Trio (GR)
18:00 – 18:30 Kulturzentrum Schlachthof
Momi Maiga (ES)
18:45 – 19:15 Halle 7.1
Schubert NOW! (HU)
20:15 – 20:45 Halle 7.2
Louis Matute Large Ensemble (CH)
21:00 – 21:30 Kulturzentrum Schlachthof
Benjamin Jephta Sextet presents 'Born Coloured,
not Born-Free' (ZA)
21:45 – 22:30 Halle 7.1
Shalosh (IL)
22:45 – 23:30 Kulturzentrum Schlachthof
Monsieur Mâlâ (FR)
23:45 – 00:15 Halle 7.2
Friday | Freitag 25.04.2025
Benjamin Jephta Sextet © Simon Shiffman
Showcase-Konzerte der jazzahead! 2025
Die emotionale, sinnliche, bunte Welt des Jazz entdecken – das
geht am besten live bei der jazzahead! in Bremen. Am 24. April
2025 beginnt die Fachmesse in den Hallen der Messe Bremen.
Zum weltführenden Branchentreff für Jazz gehören seit 2006
auch die 30 bis 45 Minuten langen Showcase-Konzerte. 2025
haben Künstler:innen aus mehr als 20 Ländern die einmalige
Chance, sich der Weltöffentlichkeit zu präsentieren. Jetzt gibt
die jazzahead! die Namen dieser Acts bekannt
Yilian Canizares © Ben Depp
Nils Kugelmann Trio (DE)
14:00 – 14:30 Kulturzentrum Schlachthof
Harald Lassen (NO)
14:45 – 15:15 Halle 7.1
‘Oumuamua Orchestra (DE)
15:30 – 16:00 Halle 7.2
Maik Krahl - The Magic of Consistency (DE)
16:15 – 16:45 Kulturzentrum Schlachthof
Roger Corrêa Quartet (BR)
17:00 – 17:45 Halle 7.1
hilde (DE)
18:00 – 18:30 Kulturzentrum Schlachthof
Irene Reig quartet (ES)
18:45 – 19:15 Halle 7.2
Yilian Cañizares (CH)
20:15 – 20:45 Halle 7.1
Norman&Corrie (UK) (Scotland)
21:00 – 21:30 Kulturzentrum Schlachthof
Lucía (MX)
21:45 – 22:30 Halle 7.2
Enji (DE)
22:45 – 23:15 Kulturzentrum Schlachthof
Kasiva Mutua (KE)
23:30 – 00:15 Halle 7.1
Smag På Dig Selv (DK)
00:30 – 01:00 Kulturzentrum Schlachthof
Saturday | Samstag 26.04.2025
Manon Mullener 5tet (CH)
14:00 – 14:30 Kulturzentrum Schlachthof
Besson - Sternal - Burgwinkel Trio (DE)
14:45 – 15:15 Halle 7.2
Adèle Viret Quartet (FR)
15:30 – 16:00 Halle 7.1
Unleashed Cooperation (PL)
16:15 – 16:45 Kulturzentrum Schlachthof
Henry Spencer (UK)
17:00 – 17:45 Halle 7.2
Marco Mezquida Trio (ES)
17:45 – 18:15 Kulturzentrum Schlachthof
hilde © Anna Sorgalla
Die 38 Showcases wurden von nach Schwerpunkten zusammengesetzten
internationalen Jurys zusammengestellt. Eine
Auswahl, die die ganze Vielfalt des Jazz und verwandter Genres
abbildet. Diese über 100 Jahre alte Musik war schon immer
offen für Einflüsse aus den verschiedensten Kulturen – die
jazzahead!-Auswahl bestätigt das.
Ein besonderer Fokus liegt auf den Bands aus der Partnerregion
2025, den RECONNECT-Ländern Spanien, Frankreich
und der Schweiz. Drei von neun bemerkenswerten Konzerten:
die kubanisch-schweizerische Violinistin und Sängerin Yilian
Cañizares und der französische Sänger/Posaunist Robinson
Khoury mit seinem elektro-akustischen Trio; für Furore sorgen
dürfte auch der senegalesisch-spanische Sänger und Kora-Spieler
Momi Maiga, der westafrikanische Elemente mit Jazz und
Flamenco verbindet.
Darüber hinaus ist „Jazz from Africa“ zum zweiten Mal Fokus-
Thema der jazzahead!. Kasiva Mutua ist ein Name, der in den
nächsten Jahren öfter fallen dürfte. Die kenianische Perkussionistin
fusioniert traditionelle Musik mit modernen Einflüssen
aus Jazz, Funk und weiteren Stilen. Zentral- und Südamerika
sind außerdem mit vier Ländern so zahlreich vertreten wie nie.
Roger Correa Quartet © Tóia Oliveira
Statements der Jury
Javier Estrella Ruiz von der Plataforma Jazz España:
„Bei der Juryarbeit kommen Menschen aus verschiedenen
Ländern zusammen, um ihre unterschiedliche Perspektiven zu
verstehen und einen Konsens zu finden. Ich bin zufrieden mit
den ausgewählten Acts – sie alle haben einen Sound, der allein
ihrer ist.“
Gail Boyd, Künstlermanagerin aus den USA, über den Auswahlprozess
der Jury:
„Einige Kriterien, wie die besondere Berücksichtigung von
Frauen, waren vorgegeben. Ich hatte auch eigene, zum Beispiel:
Wirkt die Band stimmig? Genießen sie die Musik oder
lesen sie die Noten nur ab?Haben sie etwas Neues zu bieten
oder etwas, das ein bisschen anders ist?“
Antonis Zouganelis von Athens Jazz, Griechenland:
„Ein Programm zusammenzustellen, das die Lebendigkeit
des europäischen Jazz repräsentiert – sehr bereichernd! Meine
Kriterien bei der Bandauswahl waren Eigenschaften wie
Originalität und genreübergreifende Innovation. Fertigkeiten
am Instrument waren mir wichtig, genauso aber die Fähigkeit,
emotionale Geschichten zu erzählen. Das jetzige Lineup
ist eine Mischung aus etablierten undaufregenden neuen
Künstler:innen. Das Publikum wird von der Bandbreite der
Acts inspiriert und überrascht sein.
Svante Söderqvist - THE ROCKET (SE/ EE)
18:30 – 19:00 Halle 7.2
Maridalen (NO)
20:00 – 20:30 Halle 7.2
Eva Klesse Quartett – STIMMEN (DE)
20:45 – 21:15 Kulturzentrum Schlachthof
Hervé Samb & Teranga Band (SN/FR)
21:30 – 22:15 Halle 7.1
Sam Newbould Quintet (NL)
22:30 – 23:00 Kulturzentrum Schlachthof
Rolando Luna (CU)
23:15 – 00:00 Halle 7.2
Robinson Khoury (FR)
00:15 – 00:45 Kulturzentrum Schlachthof
Auch das übrige Europa präsentiert sich weltoffen.
Mit Polen, Ungarn, Griechenland, Portugal
und der Türkei gibt es 2025 Musik aus
Ländern zu entdecken, die in den letzten Jahren
auf der jazzahead! oft unterrepräsentiert
waren. Für die Internationalität der deutschen
Szene steht das in verschiedenen Ländern
ansässige Quartett hilde mit ihrer lied-haften
Kammermusik. Die mongolische Sängerin
Enji ist dagegen in München beheimatet, zu
den Fans ihrer rhythmisch-träumerischen Musik
zählt u.a. die New York Times. Die Auswahl
stammt von vier international besetzten Jurys.
Alle 38 Stimmberechtigten sind Kurator:innen
und Veranstalter:innen.
Maik Krahl The Magic Of Consistency © AlessandroDeMatteis
CAROL | 2025 Jazz | Bremen | jazzahead! | 11
© Kai Geiger
jazzahead! CLUBNIGHT
25.04. | Eine Nacht, ein Ticket, 85 Konzerte
85 Konzerte, 35 Clubs, 39 Euro (ermäßigt 19 Euro) – das sind
die Eckdaten der CLUBNIGHT. Auch aus dem Bremer Umland
bringt das im Preis eingeschlossene VBN Ticket tausende Musikfans
komfortabel durch die Nacht und zu den Theatern,
Clubs, Kirchen und Bars im ganzen Stadtgebiet. Eine lange
Nacht mit Livemusik bis in die frühen Morgenstunden.
Die CLUBNIGHT bietet 2025 wieder ein überwältigendes Angebot
für alle Vorlieben. Von Fusion bis Brazil- Folk bis hin zu
Soul, Flamenco, Rock und klassischen Einflüssen sind fast alle
Spielarten des aktuellen Jazz vertreten. Gut zwei Drittel aller
Künstler:innen kommen aus dem Ausland.
Erfreulich: die florierende junge Szene aus Großbritannien
ist in diesem Jahr wieder stärker bei der CLUBNIGHT vertreten.
Trompeter und Bandleader Mark Kavuma von der Londoner
Talentschmiede Tomorrow’s Warriors tritt genauso in
der Shakespeare Company auf wie die Sängerin Jo Harrop. Ant
Law, von der Presse als “einer der originellsten Gitarristen seiner
Generation” bezeichnet, gibt in der Stadtkirche Vegesack
ein intimes Konzert. Im Sendesaal Bremen ist der Grammyprämierte
Saxophonist Tim Garland mit seinem hochkarätigen
Lighthouse Trio zu erleben.
© Kai Geiger
Die Nordics spielen mit Bands aus Island, den Färöern, Finnland
und Schweden im Kulturzentrum Lagerhaus auf. Saxophonist
Óskar Guðjónsson (von der isländischen Indie-Jazz-Band
ADHD) widmet sich hier mit Pianist Magnús Jóhann sensiblen
Klängen. Die in Stockholm lebende Bassistin/Komponistin Ilaria
Capalbo spielt anschließend einen Mix aus Klassik, Jazz und
experimenteller Musik.
Saxophonist Bendik Hofseth, in den Achtzigern Mitglied der
legendären Fusion-Band Steps Ahead, ist heute ein weltweit
geschätzter ECM-Künstler. Der Osloer wird mit weiteren etablierten
norwegischen Künstlern im Achat Hotel Bremen City
auftreten.
Der hypnotische Minimalismus der dänischen Saxophonistin
Cecilie Strange wird in der Lila Eule zu hören sein.
Auf die Szene des Baltikums konzentriert man sich dagegen
im Zentrum für Kunst. Mit dabei: Kadri Voorand, estnische
Geschichtenerzählerin am Piano, und Weird Ugly Fish, ein
punkiges Electronica/Krautrock-Duo aus Litauen.
Im Fritz Theater tritt Tyreek McDole aus New York auf, der erste
männliche Sänger, der je den renommierten „Sarah Vaughan
Award“ erhielt. Hier außerdem im Programm: chilenischer
Indie-Jazz von María y Los Templos und das funky Eme Eme
Project aus Madrid.
Die Bühne des Metropol Theaters gehört der New Yorker
Sängerin Nicole Zuraitis. Die Grammy-Gewinnerin, gefeiert für
ihr Charisma und ihre fabelhafte Stimme, wird auf ihrem von
Christian McBride produzierten Album am Klavier von David
Cook begleitet, Musical Director von Taylor Swift.
Für Besucher:innen wird die App „Rausgegangen“ Mitte April
ein jazzahead! CLUBNIGHT Special aktivieren, inklusive interaktiver
Karte und Live-Informationen zur Auslastung der teilnehmenden
Clubs am Abend selbst.
Tickets sind hier online erhältlich.
shops.ticketmasterpartners.com/nwt-jazzahead
© Kai Geiger
Irene Reig quartet © Maria Fuster Garcia
© Kai Geiger
12 | Jazz | Bremen | jazzahead!
CAROL | 2025
© Kai Geiger
Clubnight Location Olive Weinbar
Die Olive Weinbar in der Östlichen Vorstadt von Bremen, ist einer der langjährigen
Clubnight Partner und auch in diesem Jahr wieder ein Ort der Entdeckungen,
mit nun zwei Bands, die beide aus dem Norden stammen mit
Contemporary Jazz aus Brighton UK und spannende Musiklandschaften aus
Norwegen.
Hinter einer großen Hecke liegt dieses kleine Idyll verborgen, daß das
„Wohnzimmer" der arttourist-Redaktion in Bremen ist. »Olive Brot und
Wein« in diesem schönen Altbau-Ladenlokal, eingerichtet mit wunderbaren
alten Holzstühlen und -tischen, ist ein Treffpunkt für Freunde des mediterranen
Lebensgefühls. Die „Olive“ bietet eine große Auswahl an Weinen und
mit „Tide“ auch ein Fassbier in Bio-Qualität von der Küste. Das Thema Olive
ist allgegenwärtig, vom hochwertigen Olivenöl auf dem gerösteten Brot,
sizilianischer Espressokaffee auf Olivenholz geröstet und Olivenblätter Tee.
Die Speisen, frisch geschnittener Schinken und Käse werden natürlich auf
Brettern aus Olivenholz serviert.
INTERVIEW
Wir sprachen mit Melanie
Plümer, der Gastgeberin
der Olive-Weinbar
Wer und was ist die Olive Weinbar
und wie wurde die Olive Weinbar
zu einem der schönsten, charmantesten
und kleinsten Spielstätten
der Clubnight bei der jazzahead!?
Melanie Plümer: Die Olive Weinbar
ist eine verborgene kleine Perle
in der Stadt Bremen. Eine Oase für
Kultur, gesellige Begegnungen und
inspirierende Entdeckungen. Auf
unserer Karte finden sich leckere
mediterrane Speisen, klein und rustikal
serviert und eine breite Auswahl
an ehrlichen Weinen. Wer die
Melanie Plümer
Olive entdeckt, freut sich meist über
dieses kleine Idyll und die familiäre
Atmosphäre. Die Abende sind immer
von ausgewählter Musik begleitet,
vorrangig Jazz und mediterrane
Sounds.
Wenn Musiker ankommen, um Live
zu spielen, nehmen sie wahr, dass
ich den Kontakt mit ihnen sehr
schätze und dieser geht dann auch
oftmals über den reinen Auftritt hinaus.
Die Menschen, die hier aufeinandertreffen,
bemerken, ein Teil
zu sein von etwas, das wir alle gemeinsam
in diesem einen Moment
erschaffen, manchmal wohlig, gesellig,
ergreifend. Das Motto der
jazzahead!CLUBNIGHT passt somit
voll und ganz:
„Create the Moment!“ Denn das ist,
was in uns bleibt, die Erinnerung an
diesen Moment.
Aber all dies wäre nur die halbe
Wahrheit ohne die Kulinarik. Sie
bringt die Menschen an einen Tisch
zusammen. Dieses mediterrane Lebensgefühl,
wo der hohe Stellenwert
des guten, einfachen Essens
automatisch für ein geselliges Miteinander
sorgt, ist für mich essenziell.
Man fühlt sich willkommen und gut
aufgehoben, ganz unkompliziert.
Aus meiner sizilianischen Vergangenheit
ist dies geblieben. Einer der
ersten Sätze, wenn man sich dort
begegnet, lautet: „Hai mangiato?“ –
Hast Du schon gegessen?
Olive Weinbar, Jorge De Rocha
Ich bin selbst sehr oft auf Konzerten
und vermisse die Zusammenkunft
nach dem Erlebten. Alle nehmen ihr
Gefühl allein mit nach Hause. In der
Olive kann man einfach noch sein,
bei einem Gläschen noch mit den
Musikern schnacken, was schnabulieren
und den Abend ausklingen
lassen. Wunderbar!
Die Konzerte hatten für mich nie
einen wirtschaftlichen Hintergrund
und geschehen immer aus Lust an
der Freude. Natürlich hat die CLUB-
NIGHT einen sehr großen Aufmerksamkeitseffekt,
von dem wir zunehmend
profitieren. Dafür bin ich sehr
dankbar.
Diese Abende sind für mich magische
Nächte, nach denen alle beseelt
nach Hause fahren. Früher war ich
selbst nur Gast bei diesem Festival,
bis ich zufällig auf Sybille Kornitschky
(Projektleiterin jazzahead!) im
Theater traf und wir sofort für eine
CLUBNIGHT in der Weinbar Pläne
schmiedeten. Seitdem freue ich mich
jedes Jahr aufs Neue, wenn es wieder
los geht in der kleinsten Spielstätte
der jazzahead!CLUBNIGHT. Dies
alles zusammen ist wahrscheinlich
spürbar!
Nach welchen Kriterien und Vorlieben
stellen Sie Ihr Programm
für die Olive zusammen?
Melanie Plümer: In den ersten
Jahren nutzten wir die Plattform
sofaconcerts.org, um mit Bands außerhalb
von Bremen in Kontakt zu
kommen. Durch den Pool der jazzahead!
öffneten sich dann weitere
Tore zu internationalen, hochkarätigen
Musikern. In der Regel haben
wir monatlich Konzerte.
Die Auswahl des musikalischen
Programms speist sich mittlerweile
hauptsächlich aus den Weiterempfehlungen
der Musiker, die schon
einmal bei uns waren, oder weil
bekannt ist, wer schon bei uns aufgetreten
ist. Da haben wir anscheinend
mittlerweile einen ganz guten
Ruf.
Da dieser kleine Ort sich in der Regel
keine festen Gagen leisten kann,
leben unsere Konzertabende vom
Miteinander: Musiker, die Lust auf
diese intime Atmosphäre haben und
Gäste, die es wertschätzend honorieren.
Auf „den Hut zu spielen“, ermöglicht
natürlich den Gästen sich
eher auf etwas einzulassen, was sie
nicht kennen.
Bei der jazzahead!CLUBNIGHT ist
das natürlich ganz anders! Da ist die
Auswahl am Abend ja kaum als Gast
zu bewältigen und die Kosten für
uns sehr hoch. Bei der Auswahl der
Musiker ist die jazzahead! bei Bedarf
auch behilflich, da es viele gibt, die
an dem Festival teilhaben möchten.
Für das Programm in den Spielstätten
sind wir aber als Veranstalter
selbst verantwortlich. Ich höre mir
die Musik dann an und wenn es
mich berührt, passt das für mich.
Das musikalische Programm übers
Jahr bleibt bei uns offen für unterschiedliche
Musikstile, gerne experimentell.
Es gibt eine Vielzahl von
Anfragen, die zeigen, wie groß der
Bedarf ist an Auftrittsmöglichkeiten.
Wenn mich etwas direkt anspricht,
finden wir einen gemeinsamen
Termin. Es muss in erster Linie
mir selbst gefallen und dann finden
sich immer auch Gäste, die mit dabei
sein möchten. Die Abende sind
sehr individuell und das Publikum
bestimmt den Vibe immer mit. Es
bleibt immer unberechenbar! Das
VITA
Melanie Plümer, 57, ist gebürtige
Bremerin und betreibt seit zwölf
Jahren Olive Brot und Wein. Diese
Weinbar ermöglicht ihr, ihre vielfältigen
Leidenschaften unter einen
Hut zu bringen. Den Wert von guter
Gastfreundschaft und mediterranem
Genuss lernte sie zu schätzen, als
sie in ihren Zwanzigern auf Sizilien
beheimatet war.
www.olive-weinbar.de
www.instagram.com/olivebrotundwein/
CAROL | 2025 Jazz | 13
ist toll und besonders, immer direkt.
Die Auftritte sind Live immer
spannender als jede perfektionierte
Aufnahme und hallen nach, bleiben
in einem. So geht es nicht nur mir.
JAZZFESTIVALS
Wie und durch wen wird Ihr Programm
angenommen?
Melanie Plümer: Die Gäste für Konzertabende
finden sich teils unter
unseren Stammgästen, aber immer
wieder entdecken Musikinteressierte
uns durch Veranstaltungshinweise
im Netz oder Print.
Wir haben ein sehr buntgemischtes
Publikum mit zunehmend jüngeren
Menschen. Das freut mich sehr.
Durch die jazzahead!CLUBNIGHT
haben wir so einige auch schon an
den Jazz herangeführt, denen das
breite Spektrum nicht bekannt war.
Dafür ist die CLUBNIGHT auch
sinnvoll, weitere Menschen dafür zu
gewinnen, die sich sonst nicht mit
einem Jazz-Fachpublikum mischen
würden, aber gerne in die Olive
kommen.
Welcher Mehrwert ergibt sich aus
dem Programm für Ihr „Kerngeschäft“?
Melanie Plümer: Durch unsere verschiedenen
Veranstaltungen sind
wir mehr als nur eine „Kneipe“.
Wir werden wahrgenommen als Ort
nicht nur für Begegnungen, sondern
hier passiert auch etwas, was
von kulturellem Interesse ist. Neben
den Konzerten organisieren wir Tastings,
Tanztees, Lesungen und auch
Ausstellungen. Manche können
sich gar nicht vorstellen, dass an so
einem kleinen Ort so viel passieren
kann. Das weckt das Interesse. Gäste
fragen immer wieder „Wann ist
das nächste Konzert?“ und zeigen
uns, man möchte das nicht verpassen,
man möchte dabei sein und die
Geschichte miterzählen können. Es
ist immer schön, im Gespräch zu
Olive Weinbar, Nico Wolff
bleiben und natürlich essenziell, damit
die Gäste auch im Alltag zu uns
kommen. Nach Covid ist das alles
nicht mehr so leicht.
Kooperieren Sie auch mit anderen
Bremer Kulturformaten, wie der
Breminale, Musikfest, La Strada
oder dem Filmfest Bremen?
Melanie Plümer: Es hat sich nie
eine Kooperation mit diesen größeren
Events ergeben, da ich die
Weinbar mit einem kleinen, wunderbaren
Team betreibe und der
Aufwand doch immer größer ist, als
man denkt. Wir suchen uns da eher
mal lieber die Nischen und kleinteilige
Events. Da ist die Olive schon
mal eher auf dem alteingesessenen
Fockes Fest oder bei innovativen
BikeIt Bremen Events anzutreffen.
In Bremen gibt es ein Stagebike, ein
Lastenrad mit aufklappbarer, voll
ausgestatteter Bühne, welches auch
im Rahmen der jazzahead! schon
Verwendung fand. Bei so etwas mischen
wir immer gerne mal mit. Auf
dem Lastenrad ein kleines Catering,
da gibt es dann Konzerte und Leckeres
aus der Olive mitten im Grünen.
Mit Radevents in Bremen sind wir
ganz gut vernetzt und bieten selbst
auch Radreisen als „Rad, Kultur &
Wein“ nicht nur in Weingebiete an.
In diesem Sommer besuchen wir
z.B. unsere kleine BioBrauerei an der
Küste. Bremen und das Rad gehören
ja auch irgendwie zusammen.
Wer spielt in diesem Jahr anlässlich
der CLUBNIGHT am 25.04.
bei Ihnen?
Melanie Plümer: Ich freue mich
dieses Jahr sehr auf unseren nordischen
Besuch aus England und Norwegen.
Oddgeir Berg ist ja schon ein
alter Oliven-Hase, aber diesmal mit
dem Trompeter Per Willy Aaserud
in recht neuer Zusammensetzung
als „Brothers of Melody“ auf unserer
Bühne. Beide sind sehr erfolgreiche
Musiker, nicht nur in Norwegen.
Da bekommen wir familiäre Melodien
in neuem ungewöhnlichem
Gewand zu hören. Aus Brighton
stammt das „Fred Hills Trio“, von
denen wir farbenfrohe Rhythmen
und inspirierende Spannung erleben
werden. Ich bin ein großer Fan
von diesem sphärischen, manchmal
schrägen und dann doch wieder
melodischen Sound.
Sun-Mi Hong BIDA Orchestra | © Fabian Schellhorn
Berlin
Jazzfest Berlin
30.10. – 2.11.2025
Rund um stilbildende Ikonen des Jazz wie auch junge Positionen aus verschiedensten
Stilrichtungen entwirft das Jazzfest Berlin ein Festivalprogramm
voller kreativer Grenzgänge und kollektiver Visionen. Als Berliner
Jazztage 1964 gegründet, zählt das Jazzfest Berlin zu Europas ältesten und
renommiertesten Festivals seiner Art.
Während die ersten beiden Festival-Dekaden geprägt waren von den stilbildenden
und populären Jazzgrößen aus den Vereinigten Staaten, hat
sich das Spektrum inzwischen global geweitet – mit einem ebenso deutlichen
wie naheliegenden Schwerpunkt beim gegenwärtigen Jazz europäischer
Provenienz. Ein Theatergebäude, das Haus der Berliner Festspiele
mit ca. 1000 Sitzen, betrieben von den Berliner Festspielen, unter deren
Dach das Jazzfest Berlin veranstaltet wird, ist aktueller Dreh- und Angelpunkt
des musikalischen Geschehens vor zumeist ausverkauftem Haus.
Die ARD Hörfunkstationen und das Deutschlandradio sind mit Live-
Übertragungen und Konzert-Mitschnitten am Erfolg des Jazzfest Berlin
maßgeblich beteiligt.
Das Programm erscheint im September.
www.berlinerfestspiele.de/jazzfest-berlin
Bezau Beatz | © Minima Music & Arte
Bezau (A)
Bezau Beatz
7. – 10.8.2025
Das Label des österreichischen Schlagzeugers und Festival-Machers Alfred
Vogel, BOOMSLANG RECORDS (www.boomslang-records.com),
steht laut dem New York City Jazz Records Magazine für einen „warm
and wooly musical plunge into the unusual“. Treffender könnte man das
beachtliche musikalische Universum, das der umtriebige Musiker in den
letzten Jahren geschaffen hat, wohl kaum bezeichnen. Denn auch sein
Festival BEZAU BEATZ, das in der Szene für kreative und improvisierte
Musik mittlerweile zu den führenden Adressen in Europa zählt, steht für
unkonventionelle Musik auf höchstem Niveau. Vom 7. bis 10. August
geht es in die 18. Runde. Über 20 Bands aus ganz Europa feiern in familiärer
Atmosphäre in und um das idyllische Alpendorf Bezau im schönen
Bregenzerwald ein Wochenende herausragender Live-Musik. Etwa
die Hälfte davon stammt mittlerweile aus dem Katalog des hauseigenen
Labels.
An Orten wie der Bregenzerwaldbahn-Remise,
einer
Kapelle, im Musik Club des
Hotel Post Bezau, auf einer
Aussichtsplattform auf
1650 Metern Höhe oder
etwa in einer Kunstschmiede
kann man den Klängen
von Künstlern wie STEME-
Bezau Beatz | © Minima Music & Arte
SEDER LILLINGER QUAR-
TETT, MAX STADTFELD, PAULINE RÉAGE, PULSE FEAT. TILO WEBER,
CRUTCHES, SINULARIA, FELIX HAUPTMANNS SERPENTINE, KOFI
QUARSHIE AGOO GROUP, LIUADAS MOCKUNAS TUBA QUARTETT,
SPACE, FELIX HENKELHAUSEN´S DERANGED PARTICLES, BENOÎT DEL-
Olive Weinbar, Eingang
weiter auf Seite 15 >>
14 | Jazz | Allensbach
CAROL | 2025
Allensbach (D)
26. JAZZ am SEE
2025
Grenzgänge – Jazz und mehr
Auch 2025 überrascht Allensbach mit Kultur vom Allerfeinsten und wartet
mit einem spannenden, abwechslungsreichen Programm verschiedener
Kulturen, Genres und außergewöhnlicher Instrumentalist:innen
und Stimmen auf. Ob bei Jazz Am See in der über dem See liegenden
Gnadenkirche, den Konzerten bei „umsonst & draußen“ auf der KUL-
TUR am SEE-Bühne oder im Rahmen des Bodenseefestivals, bei „wine &
Die Klänge der Welt“, den „Kultur Blind Dates“ oder besonderen Highlights
für ein größeres Publikum in der Bodanrückhalle – Allensbach
hat’s und hat es wieder angerichtet für Kulturliebhaber von nah und
fern. Auch in diesem Jahr darf man auf ein feines und internationales
Programm mit Raum für musikalische Grenzgänge, Wiederbegegnungen
und Entdeckungen gespannt sein.
Was mit einem ersten Konzert mit der Musiklegende
Charlie Mariano begann, ist heute
eine etablierte Jazzdestination, fester Bestandteil
im Jazzkalender namhafter Künstler:innen
und schon lange kein Umweg mehr. Viele
Künstlerinnen lieben dieses kulturelle Kleinod
mit dem außergewöhnlichen Ambiente mit
Wohlfühlatmosphäre.
„Es gibt kein Rezept, keine Anleitung. Die
Reihe ist gewachsen und mit ihm ein offenes,
neugieriges und treues Publikum. Das Besondere
an der Reihe sind die Begegnungen von
Musikern aus unterschiedlichen Kulturen
und Genres, ein musikalischer Austausch von
höchster künstlerischer Qualität, erlebbar in
der dichten, fast intimen Atmosphäre der kleinen
Kirche. Hier entstehen intensive Dialoge
zwischen Musikern und Publikum, die beide
gleichermaßen schätzen und von denen Musiker
oft geradezu schwärmen. Die Reihe besteht
nicht zuletzt aufgrund eines guten Netzwerks
und viel Leidenschaft, hohen Engagements
eines ganzen Teams, Unterstützern, auch seitens
der Kirche. Und wir leben an einem Ort,
der Kultur als festen Bestandteil des Gemeindelebens
begreift“, so Sabine Schürnbrand, die
die Idee zu Jazz am See hatte und die Reihe bis
heute mit ihrem Team entwickelt und betreut.
Programm 26. JAZZ am SEE
Vincent Peirani JOKERS | © Stan Augris
VINCENT PEIRANI JOKERS
Mo., 28.4.2025 | ev. Gnadenkirche | 20 Uhr
Vincent Peirani - acc
Federico Casagrande - git
Ziv Ravitz - drums
„Was der aus Nizza stammende Pariser dem
Knopfakkordeon und der Akkordina entlockt,
hat man so noch nicht gehört.“ (Süddeutsche
Zeitung)
Einmal mehr mischt Akkordeonist Vincent
Peirani die Karten neu. Er gilt als Erneuerer des
Akkordeons und als einer der kreativsten Musiker
der europäischen Szene. Dafür wurde er
vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem ECHO-
Jazz und dem Victoire du Jazz. Und er ist bekannt
dafür, dass er mit seinem Instrument
immer wieder neue, einzigartige Wege betritt
und das Publikum zum Staunen bringt. Mit
seiner Trio-Besetzung Jokers taucht er mit der
Freiheit des Jazz in eine üppige Klangwelt ein,
die gleichermaßen überrascht und fasziniert:
eine fantasievolle Fusion von Jazz-Rock-Electronica
und ein unwiderstehlicher Sound voller
Spannung, Poesie, virtuosen Ausbrüchen,
Improvisation und intimen Momenten. Seine
Mitstreiter, der Italiener Federico Casagrande
an der Gitarre und der Israeli Ziv Ravitz am
Schlagzeug, erweisen sich dafür als ideale Partner.
Beide verfügen, wie Peirani, neben ihrem
Jazz-Background über einen weiten musikalischen
Horizont.
„Vincent Peirani sprengt wieder einmal alle
Grenzen“ (Kulturzeitschrift AT), „Vincent Periani
setzt sein Akkordeon so dynamisch und
innovativ ein, wie derzeit niemand sonst“
(Kieler Nachrichten)
Wollny & Parisien | © Joerg Steinmetz
MICHAEL WOLLNY & EMILE PARISIEN
Mo., 26.5.2025 | ev. Gnadenkirche | 20 Uhr
im Rahmen des 37. Bodenseefestivals
„Freiheit“
Michael Wollny – piano; artist in residence
Emile Parisien – sopransax
Michael Wollny und Emile Parisien, zwei musikalische
Freidenker und die Magie des Augenblicks.
Pianist Michael Wollny, international erfolgreicher
Jazz-Pianist und sechsfacher
ECHOJazz-Preisträger, ist diesjähriger Artist
in Residence des Bodenseefestivals. Sein Markenzeichen
ist das Unberechenbare, die Suche
nach dem bisher Ungehörten, der Mut, sich
dem Moment hinzugeben, das Unvorhergesehene
selbstverständlich klingen zu lassen
und sich klanglich wie kompositorisch immer
wieder neu zu erfinden. Das macht ihn
zu einem „vollkommenen Klaviermeister“
(FAZ) und er „zählt zu den Besten im Jazz.
Weil er aus jeder nur erdenklichen Musik ein
Erlebnis machen kann, das einem den Atem
nimmt“ (Süddeutsche Zeitung).
Emile Parisien wurde für sein vielschichtiges,
innovatives und experimentierfreudiges Spiel
ebenfalls mit dem Victoire du Jazz und dem
JAZZEcho ausgezeichnet, und wer den quirligen
Franzosen jemals live auf der Bühne erlebt
hat, weiß, dass er den Jazz mit Leib und Seele
lebt.
Beide gelten als stilprägende Vertreter ihrer
Instrumente, im Jazz und weit über dessen
Grenzen hinaus, und beiden gelingt es, aus
den unterschiedlichsten musikalischen Einflüssen
von Jazz, Klassik, Pop, Neuer Musik,
Avantgarde und Mainstream immer wieder
neue, unerwartete Ereignisse zu kreieren. Sie
sind Meister des Moments, verstehen es aufs
Sensibelste, sich auf ihr Gegenüber einzulassen
und im Austausch mit diesem, ungehörte
Musik, verblüffende Unikate in Echtzeit entstehen
und das Publikum an dieser faszinierenden
musikalischen Kommunikation teilhaben
zu lassen.
ThomasQuasthoff © Gregor Hohenberg, Sony Music Entertainment
THOMAS QUASTHOFF | SIMON OSLENDER |
DIETER ILG „For You All“
Mo., 15. + Di., 16.9.2025 | ev. Gnadenkirche
| 20 Uhr
Thomas Quasthoff - voc | Simon Oslender -
piano | Dieter Ilg - kontrabass
Thomas Quasthoff, einer der bedeutendsten
Sänger seiner Generation, hat mit seinem
wandelbaren Bassbariton in Opernarien
und Liedgesang Maßstäbe gesetzt. Er trat
mit führenden Orchestern und Dirigenten
auf den großen internationalen Bühnen auf
und wurde mit Grammys und Echo-Preisen,
nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet.
Von der Klassik hat er sich 2012
verabschiedet, dem Gesang und den Bühnen
ist er treu geblieben. Als Jazzsänger interpretiert
er das American Songbook: intensiv, leidenschaftlich,
großartig. Das Publikum dankt
es enthusiastisch und die Kritiker feiern ihn.
2024 beging er sein 50-jähriges Bühnenjubiläum
mit Jazztrio und Quartett u.a. in der Elbphilharmonie,
Philharmonie Köln, Wigmore
Hall in London, im Festhaus Baden-Baden,
Wiener Konzerthaus.
An seiner Seite sind die fantastischen Jazzmusiker
Dieter Ilg, „der mit dem Bass tanzt“ und
schon mehrfach mit seinem Trio oder Till
Brönner in Allensbach zu hören war, und der
24-jährige Pianist, u.a. Studiomusiker von Max
Mutzke und „Rising Star“ Simon Oslender.
„Der einzige Grund, warum ich Jazz singe,
ist, dass es mir wahnsinnig Spaß macht.
Mehr Gründe brauche ich nicht“, so Thomas
Quasthoff, und uns ist es eine wahnsinnige
Freude, das Trio in der intimen Atmosphäre
der Gnadenkirche erleben zu dürfen.
THE JAKOB MANZ PROJECT „The Answer“
Mo., 22.9.2025 | ev. Gnadenkirche | 20 Uhr
Jakob Manz – sax | Hannes Stollsteimer -
piano | Frieder Klein - bass | Paul Albrecht
- drums
Jakob Manz - das Ausnahmetalent. Bereits
mit 15 Jahren studierte er im Jungstudium
Jazz & Pop an der Musikhochschule Stuttgart.
Ein Jahr später wurde er ins Bundesjazzorchester
aufgenommen, mit dem er
Jakob Manz Projekt | © Kiehl
u.a. in der Elbphilharmonie sowie in verschiedenen
Ländern auftrat. 2017 gründete
der Saxofonist seine Band The Jakob Manz
Project, mit der er nur ein Jahr später und
mit gerade mal 17 Jahren den 1. Preis bei
den Future Sounds 2018 der Leverkusener
Jazztage erhielt. Weitere folgten. Inzwischen
gehört The Jakob Manz Project mit ihrem
frischen und zupackenden Sound zu den
erfolgreichsten Bands des jungen deutschen
Jazz und trat auf großen Festivals wie Jazz
Baltica, Elbjazz u.a. auf. Ihr Debüt Album
„Natural Energy“ erschien im April 2020
beim renommierten Label ACT. Konzerte auf
internationalen Festivals folgten und 2024
ein weiteres Act-Album.
Die Band spielt einen sehr groovigen Jazz,
eine Balance aus Tradition und Moderne,
die mit zahlreichen Einflüssen aus Funk,
Soul, Pop, Filmmusik, Hip-Hop, Rock oder
Weltmusik angereichert ist. Die Individualität
der Bandmitglieder spiegelt sich in den
vielfältigen Eigenkompositionen wider, jedes
gibt der Musik seine eigenen Impulse.
Jakob Manz wurde mit dem Landesjazzpreis
Baden-Württemberg 2022 ausgezeichnet –
mit 21 Jahren. 2023 trat er zum ersten Mal
bei JAZZ am SEE auf. Das Publikum feierte
mit standing ovations. Wer dabei war, kann
diesen Abend sicher nicht so schnell vergessen.
Ein Ausnahmetalent eben.
Nils Landgren CWMF | © Act Nikola Stankovic
NILS LANDGREN „CHRISTMAS WITH MY
FRIENDS“
Do., 4.12.2025 | Klosterkirche Hegne |
20 Uhr
Nils Landgren - posaune, voc | Jeanette
Köhn - voc | Sharon Dyall - voc | Jessica
Pilnäs - voc | Ida Sand - piano, voc | Jonas
Knutsson - sax | Johan Norberg - git | Clas
Lassbo - bass
Eine jazzige Weihnachtsmusik mit Gänsehautgarantie.
Alle Jahre wieder. Weil’s so
schön ist.
Festlicher kann der Abschluss der Allensbacher
Kultursaison nicht sein als mit Weihnachtsliedern,
so schön und so anders, von
„Mr. Red Horn“ Nils Landgren und seinen
virtuosen Freund:innen. Der schwedische
Posaunist, Sänger und einer der erfolgreichsten
Jazzmusiker Europas, Nils Landgren,
träumte viele Jahre davon, ein musikalisches
Weihnachtsfest zu feiern. Inzwischen
gehören die kitschfreien, wärmenden Aufnahmen
und Konzerte für viele Menschen
zur Weihnachtszeit wie Plätzchen und der
Weihnachtsbaum. Der besondere Reiz liegt
in der klaren und eindringlichen musikalischen
Sprache. Wohltönend und wärmend,
gefühlvoll und berührend. Nils Landgren
kommt auf seiner ausgewählten Tour auch
in dieser Adventszeit wieder in die Klosterkirche
Hegne und beschenkt uns mit seiner
jazzigen Weihnachtsmusik mit Gänsehautgarantie.
CAROL | 2025 Jazz | 15
LSDC 25 | © Emmanuel_Ligner
JAZZ und mehr…
RENAUD GARCIA-FONS „Le Souffle des
Cordes“ – „Der Atem der Saiten“
Mi., 5.11.2025 | Klosterkirche Hegne | 20 Uhr
Renaud Garcia-Fons, der virtuose Botschafter
zwischen den Kulturen und musikalischen
Welten. Le Souffle des Cordes, faszinierende
Meisterstücke und ein ganz besonderer
Saitenzauber.„Der Paganini des Kontrabasses“,
Renaud Garcia-Fons, zählt zu den außergewöhnlichsten
Musikern, die sich zwischen
Weltmusik, Jazz und Klassik bewegen,
und ist mit seiner einzigartigen Klangsprache
auf seinem fünfsaitigen Instrument einer der
virtuosesten Kontrabassisten der Gegenwart.
Er wurde vielfach ausgezeichnet (u.a. Gewinner
des Grand Prix de Jazz 2021) und brilliert
auf internationalen Bühnen wie der Oper in
Lyon, der Met in New York u.v.a.
Für sein neuestes Projekt hat er ein „WORLD
STRING OCTET“ zusammengestellt, in dem er
ein klassisches Streichquartett, bestehend aus
zwei Violinen, Viola und Cello, seinen fünfsaitigen
Kontrabass, die türkische Stachelgeige
Kemence, die orientalische Kastenzither
Kanun und eine spanische Flamencogitarre,
vereint. Die acht Musiker und Musikerinnen
begeben sich dabei auf eine grenzenlose
und fulminante musikalische Weltreise vom
fernen Osten nach Afrika, von Rock bis zur
Flamenco Bulería, vom Barock bis zur ausgelassenen
Balkanmusik. Gemeinsam entwickeln
sie eine Reichhaltigkeit an Klangfarben
und einen „Drive“, der den Atem der Saiteninstrumente
von der Melancholie bis zum
Sturm anwachsen lässt: kraftvoll, pulsierend,
vielschichtig, farbig schillernd und wunderschön.
„Was für eine Begegnung mit Renaud Garcia-
Fons und seinem Streichoktett! … Ihr Vibrieren,
ihre Resonanz lassen Mittelmeer und
Nahen Osten in allen Farben und Gerüchen
lebendig werden.“ (BR Klassik)
JAZZ am SEE „umsonst & draußen“
auf der KULTUR am SEE-Bühne
Volosi | © W.Meyer
VOŁOSI Weltmusik vom Besten
im Rahmen des 37. Bodenseefestivals „Freiheit“
| Mi., 4.6.2025 | 19.30 Uhr
Das polnische Streichquintett und eine unwiderstehliche
Kombination aus Klassik, traditioneller
Musik der Karpaten und virtuosen Jazzimprovisationen.
Die Geschichte von Vołosi beginnt tief im
Herzen der Karpaten. Ein klassisch ausgebildeter
Violinist plant seine Hochzeitsfeier in den
Bergen und ist auf der Suche nach einer ganz
speziellen, unvergesslich bleibenden musikalischen
Atmosphäre. Mit seinem Bruder, einem
Cellisten, entdeckt er drei außergewöhnlich
talentierte traditionelle Musiker. So trifft bei
Vołosi ein Trio der Karpatentradition auf ein
Duo mit ausgefeiltem klassischem Hintergrund.
Es folgten zahlreiche Auszeichnungen für ihr
innovatives mitreißendes Spiel und weltweite
Auftritte bei den renommiertesten Festivals.
Ihre Konzerte sind eine Explosion musikalischer
Energie, die Publikum und Kritiker gleichermaßen
begeistern.
„Vołosi sind eine Offenbarung“ (Mary Ann
Kennedy, BBC) … und für uns die Entdeckung!
Kraftvoll, hypnotisierend und voller Leidenschaft.
YOUNG & NEXT | LANDES-JUGEND-JAZZ-
ORCHESTER Baden-Württemberg
Do., 17.7.2025 | 19.30 Uhr
„Wir nehmen nur die Besten“
Seit fast drei Jahrzehnten stellt das Auswahlorchester
im Bigbandformat für Nachwuchsmusikerinnen
und -musiker im Alter
von 16 bis 22 Jahren auf der Allensbacher
Seegartenbühne seine Talente vor. „Wir nehmen
nur die Besten“, befand der bekannte Saxofonist
Bernd Konrad bereits bei der Gründung
des Lajazzo. Seither sind zahlreiche
Jazz-Preisträger aus dieser Talentschmiede
hervorgegangen, und wieder einmal dürfen
wir sehr gespannt sein.
YOUNG & NEXT | LUCA SESTAK TRIO
Mi., 13.8.2025 | 19.30 Uhr
Luca Sestak – p | Michael Goldmann – b |
Nicholas Stampf - dr
Bach und Jazz, Chopin und Funk
Lukas Sestak ist ein Phänomen und sensationell
unkonventioneller Pianist, und er weiß,
sein Publikum in den Bann zu ziehen. Er
verbindet Jazz, Klassik, Blues und Funk humorvoll
und zeigt, wie Chopin funky wird
oder Bach im Jazzclub spielen würde. Dabei
begeistert er mit feuriger Virtuosität bis hin
zu gefühlvollem Minimalismus mit Gänsehautfaktor.
Im Alter von elf Jahren veröffentlichte er
erste Videos seines Klavierspiels, bereits mit
Mitte 20 hat ihn seine Musik in die ganze
Welt geführt und zahlreiche Auszeichnungen
eingebracht. Begleitet von zwei herausragenden
Musikern bringt das Trio eine mitreißend
energetische Performance auf die
Bühne.
INFOS
Veranstalter & Kartenvorverkauf:
Kultur- und Tourismusbüro
Im Bahnhof
Konstanzer Str. 12
D-78476 Allensbach am Bodensee
+49 (0)7533 80135
www.allensbach.de
www.allensbach360.de
www.facebook.de/allensbach
www.instagram.de/allensbachambodensee
www.mühlenwegmuseum.de
BECQ SOLO PIANO u.v.a. lauschen und sich
einem wahren Musikmarathon jenseits des
Mainstreams hingeben.
Alfred Vogel und sein Drummer-Kollege
Valentin Schuster (Festival-Produktion) garantieren
dabei die neuesten Entdeckungen
der Szene genauso wie eine ganz besondere,
verbindende und schwingende Festival-Atmosphäre,
wie es sie nur in Bezau gibt. Ein
jährlich wachsendes Publikum bestätigt den
Erfolg und das Motto der BEZAU BEATZ: Alle
mögen Jazz, sie wissen es bloß noch nicht …
www.bezaubeatz.at
Hiromi | © Mitsuru Nishimura
Bonn
Jazzfest Bonn 2025
Internationale Stars und
musikalische Grenzgänge
1. – 24.5.2025 & 29.6.2025
Vom 1. bis 24. Mai und am 29. Juni 2025
verwandelt das Jazzfest Bonn die Stadt in ein
Zentrum für zeitgenössische Improvisationskunst.
In über 30 Konzerten an elf Spielstätten
treten internationale Stars, regionale
Größen und spannende Newcomer:innen
auf. Die einzigartige Mischung aus Exzellenz
und Experimentierfreude macht das
Festival zu einem Fixpunkt im Kulturkalender.
Eröffnet wird das Jazzfest Bonn vom traditionsreichen
Norwegian Wind Ensemble
mit dem skandinavischen Saxophonstar
Marius Neset. Das Finale gestaltet Pianistin
Hiromi mit ihrer Band Sonicwonder und
verwandelt das Telekom Forum in ein funky
Fusion-Wunderland. Dazwischen stehen
Highlights wie die Yellowjackets und das
explosive James Carter Organ Trio auf dem
Programm.
Mit einem Doppelkonzert mit Hayden
Chisholms Medna Roso und Florian Arbenz’
Quartett mit Saxophonist Greg Osby
u.a. zieht das Jazzfest Bonn erstmals in die
Kreuzkirche ein. Das Cross-Over der Musikkulturen
und das Spiel mit dem Klang im sakralen
Raum lässt für diesen Abend auf ein
transzendentes Erlebnis hoffen. Und auch
ein im Jazz selten gehörtes Instrument steht
im Fokus: das Akkordeon. Richard Galliano,
Simone Zanchini und Luciano Biondini –
gleich drei seiner führenden Vertreter – finden
sich dieses Jahr im Line-up.
Das Jazzfest Bonn Extended am 29. Juni
bringt zwei Höhepunkte ins Opernhaus:
Becca Stevens’ intime Songs treffen auf Michael
Wollnys grenzenlose Klangfantasie.
Und im September setzt die Supergroup
Rymden in der Bundeskunsthalle noch ein
kräftiges Ausrufezeichen, wenn sie mit innovativem
Jazz auf Weltklasse-Niveau die
Bundeskunsthalle verzaubert.
www.jazzfest-bonn.de
Bundesjazzorchester 2023 | © Deutscher Musikrat, Christian
Borchers
Bujazzo Bundesjazzorchester
Irgendwo auf der Welt: Das
Bundesjazzorchester auf
Spurensuche
Das Bundesjazzorchester (Bujazzo) widmet
sich in seinem neuen Programm „Irgendwo
auf der Welt“ einer besonderen musikalischen
Spurensuche: In Kooperation mit der
Forschungsstelle Exil und Nachkriegskultur
der Universität der Künste Berlin bringt es
Werke von Musikschaffenden auf die Bühne,
die während des Nationalsozialismus
verfolgt wurden und später Entschädigungsanträge
in der Bundesrepublik stellten. Ihre
in den Behördenakten enthaltenen Noten
dienen als Basis für neu arrangierte Bigband-
Versionen. Die musikalische Leitung übernimmt
Niels Klein, erste Konzerte finden
in Dessau (15.3.2025, Kurt-Weill-Fest) und
Burghausen (28.3.2025, Internationale Jazzwoche)
statt.
Verfolgte Künstler und ihre Musik
Ein Beispiel ist Bronisław Kaper, der 1933 aus
Berlin in die USA floh und dort als Filmkomponist
Erfolge feierte. Sein Entschädigungsantrag
von 1955 enthielt Notenalben, die
seine einstige Karriere in Deutschland belegten.
Neben Kaper werden Werke von Kurt
Lewinnek, Friedrich Hollaender und Werner
R. Heymann präsentiert.
Historische Werke in neuem Klang
Unter der künstlerischen Leitung von Niels
Klein und in Zusammenarbeit mit den
Musikwissenschaftler:innen Dörte Schmidt
und Matthias Pasdzierny wurden renommierte
Jazz-Komponist:innen wie Claudia
Döffinger, Christian Elsässer und Fabia
Mantwill beauftragt, die historischen Klavierauszüge
für Bigband neu zu arrangieren.
Klassiker wie „Ich bin von Kopf bis Fuß auf
Liebe eingestellt“ (Hollaender) oder „Irgendwo
auf der Welt“ (Heymann) erscheinen in
neuen Facetten – als moderner Jazz, Avantgarde
oder neu interpretierter Schlager, immer
im unverkennbaren Sound des Bujazzo.
www.bundesjazzorchester.de
Copenhagen Jazz Festival 2019 © Kristoffer Juel Poulsen, 2013
Copenhagen (DK)
Copenhagen Jazz Festival
4. – 13.7.2025
Copenhagen Jazz Festival Fonden is the organizer
of the two annual jazz festivals Copenhagen
Jazz Festival, Vinterjazz and live jazz
all year round in Copenhagen.
Every single summer since 1979 Copenhagen
Jazz Festival has been taking over Copenhagen
as one of Europe’s most important international
music events based on eminent artistic
quality and a sharp focus on new departures
in both Danish and international jazz. The
festival envelops the Danish capital, offering a
sumptuous musical feast to the 250.000 guests
who join us year after year. Enjoying live jazz
on the city’s streets, in its clubs, cafés and concert
halls, and at open-air night venues – all in
the very heart of historical Copenhagen.
weiter auf Seite 16 >>
16 | Jazz
CAROL | 2025
Copenhagen’s unique jazz history is a key
factor in the exceptionally high level of the
Copenhagen Jazz Festival, something that can
be experienced at the many free open-air stages
strategically located throughout the historical
city centre. Together with Copenhagen’s
record number of cafés and music venues, these
stages create a unique atmosphere, bringing
the city alive with jazz from early morning to
late at night. People don’t only come for a fantastic
musical experience, but for the unique
atmosphere throughout Copenhagen when
jazz takes over the city.
www.jazz.dk
Cully (CH)
42. Cully Jazz Festival
4. – 12.4.2025
Das Cully Jazz Festival bildet den musikalischen
Auftakt zum Frühling in der Westschweiz.
Mit mehr als 150 Konzerten und
rund 20 Veranstaltungen in neun Tagen
dreht sich im Winzerdorf Cully alles um den
Jazz. Im Jahr 2023 feierte das Festival seinen
40. Mehr als 62.000 Festivalbesucher:innen
schlenderten begeistert durch den Weinort,
um die Musik in ihrer ganzen Vielfalt zu entdecken
und zu feiern. Jedes Jahr strahlen Musik
und Festlichkeiten harmonisch durch das
gesamte Dorf, von der Intimität der Keller bis
zur großen Bühne des Chapiteau.
www.cullyjazz.ch
2024 Herbie Hancock | © Danny Clinch
Den Haag (NL)
North Sea Jazz Festival
11. – 13.7.2025
The first edition of the North Sea Jazz Festival
took place in 1976 in the Nederlands Congresgebouw
in The Hague. Some numbers in
those early days: six venues, three hundred
artists and about nine thousand visitors. In
this very first festival year internationally renowned
jazz legends performed, such as Sarah
Vaughan, Count Basie, Dizzy Gillespie and
Stan Getz, as well as most Dutch avant-garde
artists.
In 2006, the festival moved to its current, bigger,
location in Rotterdam. This year, the organisation
expects more than a thousand musicians,
spread out over 150 performances and
fifteen different stages. Though the numbers
of visitors were between 85.000 and 90.000 in
recent years, the festival still manages to retain
its intimate character.
NN North Sea Jazz Festival is the largest indoor
music festival in the world, known globally as
the event where the past, present and future
of jazz are featured within three days. Next to
a firm base of jazz many genres will pass by,
such as blues, soul, funk, hip hop, world, pop
and much more.
www.northseajazz.com
Deutscher Jazzpreis
Preisverleihung am 13.6.2025 im
E-Werk in Köln
Zum fünften Mal prämiert der Deutsche Jazzpreis
im kommenden Jahr herausragende
künstlerische Leistungen der nationalen und
internationalen Jazzszene. Vergeben werden
die Awards in insgesamt 22 Kategorien in
den Bereichen Künstler:innen, Aufnahme/
Produktion, Live, Komposition/Arrangement
und Sonderpreise bei der feierlichen Preisverleihung
am 13. Juni 2025 im E-Werk Köln.
Das Kategoriensystem des Deutschen Jazzpreises
präsentiert sich bei der nächsten Edition
mit teils überarbeiteten und auch neuen
Deutscher Jazzpreis | © Niklas Heinecke
Kategorien, um sowohl den Erfahrungen der
letzten Ausgabe als auch den aktuellen Entwicklungen
der Jazzszene gerecht zu werden.
Großes Ensemble des Jahres und Großes Ensemble
des Jahres international ersetzen die
Kategorien Ensemble des Jahres (international)
im Kategorienspektrum und gehören
in diesem Jahr erstmals zu den öffentlichen
Einreichkategorien. Fortan können sich in
diesen beiden Kategorien feste Ensembles
mit mindestens acht Musiker:innen für den
Deutschen Jazzpreis bewerben. Die Kategorien
Debüt-Album des Jahres (international)
heißen künftig Newcomer:in des Jahres (international),
um noch klarer Erstveröffentlichungen
von Nachwuchskünstler:innen
zu adressieren. Die neu etablierte Kategorie
Musikvermittlung und Teilhabe ersetzt den
bisher verliehenen Sonderpreis der Jury und
prämiert Projekte aus dem Bereich Jazz, die
sich durch kulturell herausragende Aktivitäten
im Bereich der Musikvermittlung, Inklusion
und/oder Teilhabe auszeichnen.
Die Nominierten für den Deutschen Jazzpreis
2025 sind: www.deutscher-jazzpreis.de/nominierte/
www.deutscher-jazzpreis.de
Bingen (D)
Bingen Swingt
2025
13. – 15.6.2025
Das Internationale Jazzfestival bringt
Jazz, Funk, Soul & Pop ans Tor des
UNESCO Welterbes Oberes Mittelrheintal
„Music meets Rhine & Wine“ heißt es Mitte Juni wieder in
Bingen: 26 Acts, darunter Thomas D x Flo Mega & the KBCS,
die heavytones, die Paul Reed Smith Band, Jasmin Tabatabai,
das Iiro Rantala HEL trio, Nicole Johänntgen, Anika Nilles und
viele mehr, laden zu einer dreitägigen Reise voll rhythmischer
Leidenschaft und kreativer Improvisation!
Auf vier Bühnen in der Innenstadt und mit einmaliger Aussicht
am Rhein-Nahe-Eck treffen hochkarätige Stars auf aufstrebende
Newcomer und Musik trifft auf Genuss!
Bingen Swingt kombiniert eine große Bandbreite des Jazz in all
seinen Facetten mit frischen, neuen Spielarten. Unvergessliche
Konzertmomente, ein vielfältiges Rahmenprogramm für Groß
und Klein sowie die einzigartige Kulisse inmitten von gleich
vier ausgezeichneten Weinanbaugebieten, versprechen Genuss
für alle Sinne und ein perfektes Frühsommerwochenende!
Thomas D x Flo Mega & The KBCS kombinieren zum Festivalauftakt
die unverwechselbare Stimme und die klaren Botschaften
des Rap-Pioniers mit dem rockig-bluesigen Groove von
The KBCS. BMW Young Artist Jazz Award 2024-Gewinner Moritz
Renner brilliert mit seiner ausdrucksstarken Posaune und
durchdachten Kompositionen; während die Argentinierin Lily
Dahab mit einem leidenschaftlichen Mix aus Tango, Folklore
und Jazz verzaubert.
CHRIS HOPKINS meets the YOUNG LIONS laden am Samstag
zu einem mitreißenden Streifzug durch die Swing-Klassiker von
Frank Sinatra bis Louis Armstrong ein. Nicole Johänntgens „RO-
BIN“ sorgt für karibisch geprägte Grooves. Die Band rund um
den international gefeierten Gitarrenbauer und versierten Gitarristen
Paul Reed Smith bringt mit 7 weiteren Toptalenten Baltimore-Funk,
DC Go-Go und New-Orleans-Swing nach Bingen.
Mit Blick auf Rhein & Nahe wird direkt am UNESCO Welterbe gefeiert.| © Dominik Ketz
Nicht weniger energiegeladen zeigen sich die heavytones, die
mit ihrem charakteristischen Brass- und Rhythmus-Sound jede
Bühne zum Beben bringen; sowie das Anika Nilles Sextett, das
mit explosiven Drums und filigranen Grooves begeistert. Das
Silent Explosion Orchestra verpasst zum Tagesabschluss den
Rockklassikern von TOTO ein jazziges Big-Band-Gewand.
Am Sonntag verbindet Robinson Khoury MŸA moderne Jazzstrukturen
mit nahöstlichen Klängen und elektroakustischen
Effekten. Das Iiro Rantala HEL trio begleitet den finnischen
Ausnahme-Pianisten mit einer virtuosen Melange aus Klassik,
Jazz und humorvoller Spielfreude zurück zu seinen Wurzeln.
Groovige, popaffine Jazz-Impros kommen vom Paul Scheugenpflug
Quartett, erstmaliger Preisträger des Newcomer Jazzpreis
des Landes Rheinland-Pfalz 2024. Zum fulminanten Festivalabschluss
begeistert Schauspielerin, Sängerin und Echo-Jazz
Preisträgerin Jasmin Tabatabai mit ihrer einzigartigen Stimme
und Songs zwischen Chanson und Jazz.
Zahlreiche Formationen verkörpern den innovativen Geist,
der Bingen Swingt passend zum Kultursommer Motto „Forever
Young?“ zu einem Fest der Verbindung von Jung und Alt,
musikalischen Traditionen, Aufbruch und Abenteuer macht.
Gerahmt wird das Festival von einem vielfältigen Programm;
das passende Hotelpackage kann direkt über die Tourist-Info
Bingen gebucht werden.
www.bingen-swingt.de
CAROL | 2025 Jazz | 17
Petter Eldh | © Francis Fuego
Frauenfeld (CH)
Generations
International Jazz Festival
Frauenfeld
26.9. – 4.10.205
Das Generations – International Jazz Festival
Frauenfeld, bringt auch in diesem Jahr wieder
Musikliebhaber aller Altersklassen zusammen.
Die neue Ausgabe verspricht ein hochkarätiges
Programm mit internationalen Jazzgrößen,
innovativen Klangwelten und einzigartigen
Begegnungen zwischen Künstlern verschiedener
Generationen.
Vom klassischen Jazz bis zu modernen Einflüssen
– das Festival bleibt seinem Anspruch
treu, Tradition und Zukunft der Jazzmusik zu
vereinen. Neben den Konzerten erwarten die
Besucher spannende Workshops, Talks und
ein lebendiges Festivalerlebnis in der Kantonshauptstadt
Frauenfeld.
Generations – ein Festival für Entdecker, Geniesser
und echte Jazzfans!
www.generations.ch
Konstantin Wecker | © Joel Heyd
Rolf Miller | © Sandra Schuck
Geratsreute
Einhaldenfestival
25. – 28.7.2019
Wie immer wird das Einhaldenfestival auch
2025 wieder zum Auftakt der baden-württembergischen
Sommerferien auf dem idyllischen
Kaseshof im oberschwäbischen Geratsreute
bei Fronhofen, der Heimat der Musikerfamilie
Hübner stattfinden. Vier Tage prall gefüllt mit
Musik, Kabarett, vielen lebendigen Eindrücken
und Begegnungen auf dem Bauernhof,
zwischen Wald und Wiesen.
Ein Einhaldenfestival ohne das Heinz-Hübner-
Salonorchester oder Berta Epple ist nicht denkbar.
Berta Epple, deren Namenspatronin eine
innovative schwäbische Unternehmergattin ist,
spielen wie die jungen Götter und sind doch
dem Menschlichen heute näher als je zuvor.
Nach zig erfolgreichen Jahren auf Deutschlands
Bühnen mit Tango Five sind Bobbi Fischer und
Veit und Gregor Hübner nun als Berta Epple vor
allen eins: sie selbst. Sie eröffnen das diesjährige
Festival mit ihrem Programm „on the road“
(31.7.), das Salonorchester beschließt das Festival
mit der Matinee am Sonntag (3.8).
Als Hauptact am Eröffnungsabend (31.7.)
nach Berta Epple steht das Duo Igudesmann
& Joo, die ihr Publikum im Programm „CODA
– The Final Nightmare Music“ mit musikalischer
Virtuosität und ansteckendem Humor
fesseln und die in den bedeutendsten Konzerthäusern
weltweit zu Hause sind und u.a. für
Billy Joel und Hans Zimmer gearbeitet haben.
Ein Highlight des diesjährigen Festivals ist der
Auftritt des Liedermachers Konstantin Wecker
(1.8.) mit seinem Programm „Lieder meines
Lebens“. Bekannt wurde der in München
geborene, bereits seit mehr als 50 Jahren im
deutschsprachigen Raum aktive Konstantin
Wecker mit seinen Liedern und Konzerten, in
denen es ihm sein Leben lang das wichtigste
Anliegen ist, authentisch zu bleiben und sich
für eine mitmenschliche, gleichberechtigte
und herrschaftsfreie Gesellschaft einzusetzen.
Mal streitbar, mal besinnlich, mal sanft, mal
explosiv – aber immer leidenschaftlich: So
kennt und liebt das Publikum den Poeten und
Musiker. Als Opener spielen Kolsimcha, die
Contemporary Klezmer auf die Bühne bringen.
Der Samstag (2.8.), traditionell der Kabarett-
Abend, präsentiert ein besonderes Kultur
Amuse Gueule. Es tritt das Gregor Hübner Collective:
Bel Art Trio auf. Es war 1988, als das Bel
Art Trio im gerade mal drei Jahre alten Theaterhaus
in Stuttgart-Wangen einen Abend für
Wolfgang Dauner, Mariano Saluzzi und Al Di
Meola eröffnet hat. Es war die erste Band von
Gregor Hübner, Veit Hübner und Patrick Manzecchi.
Sie hatten im Jahr zuvor den ersten Preis
für die beste Band bei „Jugend jazzt Baden-
Württemberg“ gewonnen. Seither sind 37 Jahre
vergangen und jeder der drei Musiker ging
seine eigenen, kreativen Wege. So darf man gespannt
sein, wie Gregor Hübner, Veit Hübner
und Patrick Manzecchi bei den 35. Theaterhaus
Jazztagen ihre musikalischen Schätze präsentieren
werden. Danach heißt es Bühne frei für
Rolf Miller, dem Meister der Halbsätze, der mit
seinem Kabarett- und Satire-Programm „Wenn
nicht wann, dann jetzt“ auftritt.
Das Einhaldenfestival ist ein familiäres Kulturprojekt,
tief verwurzelt in der Region Oberschwaben.
Trotzdem – oder gerade deswegen
– ist die Bühne mitten im ländlichen Grün ein
Lieblingsplatz hochkarätiger Virtuosen und
Charakterköpfe aus dem Südwesten Deutschlands
und der ganzen Welt, beliebt beim Publikum
von nah und fern.
www.einhaldenfestival.de
Einhaldenfestival | © Beate Armbruster
weiter auf Seite 18 >>
Leipzig (D)
49. Leipziger
Jazztage
11. – 18.10.2025
Ein Festival zwischen
Tradition und Innovation,
Nachwuchsförderung stärkt und zugleich
etablierten Künstler:innen Platz bietet. 2024
wurde eine Ko-Produktion mit dem MDR-
Rundfunkchor mit dem Deutschen Jazzpreis
in der Kategorie „Rundfunkproduktion des
Jahres“ ausgezeichnet. 2025 sind die Leipziger
Jazztage mit ihrer „Musikjournalistischen
Medienwerkstatt“ in der Kategorie „Journalistische
Leistung“ für den Deutschen Jazzpreis
nominiert. Ein Projekt, in dessen Rahmen
angehende Journalist:innen einen kritischen
Blick auf die Festivalkonzerte werfen und darüber
berichten.
Das Festivalpublikum bringt Gründungsmitglieder
des Jazzclub Leipzig e.V. mit überregionalem
Fachpublikum, interessierten
Bürger:innen, Musikstudierenden und dem
Leipzig-typischen Clubpublikum zusammen.
Diese besondere Mischung sorgt für spannende
Begegnungen und eine lebendige Atmosphäre
– kein Wunder also, dass das Festival
2021 mit dem 1. Deutschen Jazzpreis als „Festival
des Jahres“ ausgezeichnet wurde.
Leipzig bietet der zeitgenössischen Jazzszene
als junge und dynamische Stadt den entsprechenden
Raum, sich kreativ entfalten und
neue künstlerische Ansätze entwickeln
zu können –- definitiv eine Reise wert.
www.jazzclub-leipzig.de
für lokale Held:innen und
internationale Szene
Mit den Festivals Leipziger Jazztage und MU-
SIKZEIT, einer eigenen Konzertreihe und
verschiedenen Sessions bietet der Jazzclub
Leipzig e.V. eine Plattform für aufstrebende
Talente sowie etablierte Künstler:innen. Seit
seiner Gründung vor über 51 Jahren hat sich
der Jazzclub zu einer bedeutenden Institution
entwickelt, die die lokale Jazzkultur prägt.
Die Leipziger Jazztage bilden das Herzstück des
Vereins. Das jährlich stattfindende Festival bietet
ein Programm mit über 100 Musiker:innen
an verschiedenen Spielorten in der Stadt: Von
traditionellen Locations wie der Oper Leipzig
bis zu unkonventionellen Veranstaltungsräumen
wie Kirchen und kleinen Galerien.
Das Festival spannt einen Bogen von traditionellen
Klängen bis zu experimentellen
Sounds und bietet so ein abwechslungsreiches
Programm, das die Grenzen des Genres immer
wieder neu definiert.
Die Programmgestaltung der jung und weiblich
besetzten Festivalleitung überzeugt durch
innovative Konzepte, die an der Neuerungskraft
des Genres orientiert sind. Durch jährlich
wechselnde thematische Schwerpunkte, Open
Calls und regionale, nationale und internationale
Kooperationen entsteht ein vielseitiges
Programm, das experimentelle Ansätze und
LJT 2024, Cécile McLorin Salvant | © Simon Chmel
18 | Jazz | Nantes
CAROL | 2025
Torsten Goods | © Chris Heindrich
Claire Tabouret, Deux Baigneuses, Le Voyage à Nantes | © M. Argyroglo
Nantes (F)
Reiseziel Nantes
Gronau
Jazzfest Gronau
29.4. – 4.5.2025
Vom 29. April bis zum 4. Mai 2025 verwandelt
sich die Stadt Gronau (Westf.) wieder
in ein Mekka für Jazzliebhaber aus nah und
fern mit einem abwechslungsreichen Line-up
aus internationalen Künstler:innen, aufstrebenden
Talenten und lokalen Bands.
Den Auftakt am 29.4.25 macht der österreichische
Jazzpianist David Helbock mit seinem
Projekt Random/Control feat. Fola Dada.
Das schwedische Trio Dirty Loops kombiniert
am 30.4.25 mit einer ungeheuren künstlerischen
Qualität Fusion-Jazz mit Popmusik.
Den Auftakt des Abends bestreitet die junge
französische Formation Lehmanns Brothers,
die den Jazz-Funk der 1970er-Jahre wieder
aufleben lassen.
Am 1.5.25 darf man sich auf Dominic Miller
freuen, besser bekannt als Stings treuer
Side-Kick-Gitarrist, der auch seit vielen Jahren
als Solomusiker äußerst erfolgreich ist.
Den Abend eröffnet Jazzgitarrist und Sänger
Torsten Goods fest. Viktoria Tolstoy mit einer
Mischung aus souligem Gesang, schneller Gitarre
und Wohlfühl-Grooves.
Der 2.5.25 steht traditionell wieder ganz im
Zeichen des Pop: Das Jazzfest präsentiert Ilse
DeLange, die in den Niederlanden mit ihrer
einzigartigen Mischung aus Pop und Country
zum Superstar avancierte, und Sophia, eine
der vielversprechendsten jungen Popmusikerinnen
Deutschlands.
www.jazzfest.de
Eröffnung | © Karl Jena
Kempten
40. Kemptener Jazzfrühling
26.4. – 4.5.2025
Der Kemptener Jazzfrühling feiert von
Samstag, 26. April, bis Sonntag, 4. Mai, sein
40. Jubiläum. Erstmals ging das neuntägige
Festival 1985 über die Bühne. Auf einem
Pritschenwagen fuhr am Eröffnungssamstag
eine Band als „Opener“ durch Kemptens
Straßen. Elf Veranstaltungen an gerade mal
zwei Veranstaltungsorten folgten.
Knapp 60 Konzerte auf fast 30 Bühnen haben
die Programmmacher des Klecks für den
Jubiläums-Jazzfrühling organisiert. Somit
verwandelt sich die Allgäu-Metropole in ein
wahres Jazz-Eldorado. Jeden Tag Musik vom
Feinsten, keinesfalls vom Band.
Der Verein mit seinen gut 400 Mitgliedern ist
heute aus dem kulturellen Leben im Allgäu
nicht mehr wegzudenken und der Kemptener
Jazzfrühling längst zu einem Leuchtturmprojekt
mit weitreichender Strahlkraft
geworden.
Konzerte im großen Saal des Stadttheaters
mit Dhafer Youssef und Lakecia Benjamin.
Modern Jazz im TheaterOben, Women in
Jazz in der KulturWIRtschaft, traditionelle
Spielarten im Blues-Café, Open Air auf der
Alpe Müllersberg. Ein musikalisches Speed-
Dating in neun Locations in der jazzNacht
und die klecksNights im Künstlerhaus – für
jeden Geschmack ist etwas geboten.
www.klecks.de
30 Minuten vom Atlantik entfernt liegt die
historische Hauptstadt der Bretagne: Nantes.
Heute ist die Stadt die sechstgrößte Frankreichs
und zieht immer wieder die Blicke
auf sich – Kreativität im urbanen Raum und
künstlerische Installationen machen Nantes
zu einer dynamischen Kulturstadt. Und wie
ließe sich all das besser erleben als bei einem
Bummel entlang der grünen Linie? Sie zeigt
Besucherinnen und Besuchern am Boden den
Weg, über 20 Kilometer von Ort zu Ort, vom
Botanischen Garten „Jardin des Plantes“ zum
Schloss der Herzöge der Bretagne, weiter zum
Kunstmuseum und der Pommeraye-Passage,
vom neuen Dobrée-Museum zu den faszinierenden
Machines de l’île ... Der Kunstparcours
von Le Voyage à Nantes präsentiert dauerhaft
gut einhundert Werke überall in der Stadt, die
grüne Linie ist also das ganze Jahr über einen
Besuch wert!
Sommer-Event
Le Voyage à Nantes 2025
28.6. – 31.8.2025
Zum 14. Mal weckt das
Event mit vielen Aktionen
Neugier, stillt Wissensdurst
und schafft
Entdeckerfreude, es
zeigt, was Nantes so unverwechselbar
macht:
Kreativität, Kultur und
Sinnstiftung. Le Voyage
setzt alles daran, eine barrierefreie
Destination für alle zu schaffen,
die größte Bewegungsfreiheit mit bester
Laune vereint.
Indem sie die Einzigartigkeit von Nantes
demonstrieren, greifen die Künstler das Geheimnis
der Stadt, ihre Geschichte und ihre
Gegenwart auf. Im Jahr 2025 wird Nantes
über das Thema der Fremdheit beleuchtet...
Entlang der grünen Linie werden unerwartete
Kunstwerke von Flora Moscovici, Romain
Weintzen, Ivan Argote, Eléonore Saintagnan,
Willem de Haan, Prune Nourry, Laurent Tixador,
Aurélie Ferruel & Florentine Guédon, Maison
Pelletier & Ferruel, ... zu entdecken sein.
Außerdem präsentiert der Parcours große Ausstellungen,
so Gloria Friedmann in der HAB
Galerie, Katsushika Hokusai im Schloss der
Herzöge der Bretagne oder bei unseren Kulturpartnern:
In Silento von Jeanne Vicerial
& Claire Marin im Lieu Unique, Electric Op
„de l‘art optique à l‘art numérique“ im Musée
d‘arts...
Le Voyage dans le vignoble – Reise
in die Weinberge
Le Voyage à Nantes, das ist auch die etwa 100
Kilometer lange Route durch die Muscadet-
Weinberge und an die Flüsse Sèvre und Maine.
Insgesamt ein gutes Dutzend Etappen und gute
Adressen von Weingütern, Restaurants,
Unterkünften und Freizeitaktivitäten.
Clisson, La Frémoire ... und
seit 2020 der Porte-vue von
Emmanuel Ritz, ein Belvedere
in Château-Thébaud,
dessen 30 Meter langer Steg
hoch über dem Maine über
dem Abgrund schwebt.
Pass Nantes
(24, 48, 72 h oder
7 Tage)
Mit dem Pass Nantes 7 Tage entdecken
Sie die kreativste Stadt Frankreichs und
ihr Umland und erleben Kunst, Urbanität und
Freiluftaktivitäten. Sie erhalten kostenlos Zugang
zu gut dreißig Orten, den öffentlichen
Verkehrsmitteln und dem Flughafen-Shuttle
und können Führungen, Flussfahrten, Verkostungen
und sportliche Aktivitäten buchen.
www.levoyageanantes.fr
© Istanbul Foundation for Culture and Arts (İKSV)
Istanbul (TR)
32nd Istanbul Jazz Festival
1. – 17.7.2025
Organised by the Istanbul Foundation for
Culture and Arts (IKSV) and sponsored by
Garanti BBVA, the Istanbul Jazz Festival will
once again showcase a diverse programme
reflecting the vibrant music life of the city
between 1 and 17 July 2025. This year’s festival
features Chucho Valdés Royal Quartet,
Hermanos Gutiérrez, Max Richter, Grégory
Privat, Chiara Civello, an exquisite line-up of
local artists, radiant venues, festival specials
and many more.
Istanbul Jazz Festival returns to the city for
the 32nd time. The festival brings together
groundbreaking artists who have revolutionised
the global music scene with their innovative
and experimental styles, drawing inspiration
from the liberating spirit of jazz. The
festival will host over 200 local and foreign
musicians from world-renowned masters to
rising talents at nearly 40 concerts over 17
days.
caz.iksv.org
Take Me to the River All-Stars | © Barbican
London (GB)
Barbican Summer Jazz Series 2025
Barbican and its Associate Producer Serious
today announce a summer of performances
as part of their Summer Jazz Series 2025. Across
June and July, a handpicked array of jazz
superstars and international talent take to
the stage at the Barbican. The series concludes
with an exclusive three- night residency
from the legendary Herbie Hancock.
16.6.2025 Tigran Hamasyan: The
Bird of a Thousand
Voices + Alice Zawadzki
24.6.2025 Brad Mehldau Trio
12.7.2025 Take Me to the River
All-Stars: Memphis Soul
Revue
24. – 26.7.2025 Herbie Hancock
The Barbican is a catalyst for creativity, sparking
possibilities for artists, audiences, and
communities. We showcase the most exciting
art from around the world, pushing traditional
artistic boundaries to entertain and
inspire millions of people, create connections,
provoke debate, and reflect the world
we live in. Opened in 1982, the Barbican is
a unique and audacious building, recognised
globally as an architectural icon. As well
as our theatres, galleries, concert halls and
CAROL | 2025 Jazz | 19
cinemas, we have a large conservatory with
over 1,500 species of plants and trees, a library,
conference facilities, public and community
spaces, restaurants, bars, and a picturesque
lakeside oasis.
www.barbican.org.uk
8 free concerts: Jamie Cullum, The War and
Treaty, Anari, EXTC, Judith Hill, Crystal
Murray, Bulego and Sidonie. The Keler Gunea
stage, on Zurriola beach, will once again
be Jazzaldia’s most popular and diversified
space. From July 23 to 26, eight free concerts
will be held there, and audiences will be able
to hear Jazz, rock, soul, country, blues, pop
and R&B, from Basque, British, American, Catalan
and French groups and artists.
www.jazzaldia.eus/en/
Jazzweekend Regensburg Schräglage | © Dominik Hupf
Festivalplakat © mjf
Manchester (GB)
30. Manchester Jazz Festival
16. – 25.5.2025
Manchester Jazz Festival is back with a bumper
edition in 2025, as the festival celebrates
its 30th anniversary festival from 16-25 May
2025! Lighting up venues across the city,
mjf2025 will see hundreds of northern, national
and international jazz musicians descend
on Manchester, showcasing the genre’s leading
lights alongside its most exciting emerging
talent. mjf2025 opens with a spectacular
opening weekender at the vibrant urban
neighbourhood: mjf2025 @ First Street featuring
live music, family-friendly activities,
food and drink! House of Social, a brand-new
food hall due to open at First Street in summer
’25,have joined mjf as sponsors and will
curate a section of the food offering at First
Street. There are four new venue partners for
this year: Aviva Studios, home of Factory International;
Low Four Studios, Flawd and Stage
Radio, alongside mjf regulars and returning
venues: St Ann’s Church, Matt
& Phreds, RNCM, Forsyth Music Shop, The
Stoller Hall and The Carlton Club. The festival
closes with an extended weekend-long party
at Band on the Wall, with an afternoon showcase
of international debuts at Aviva Studios.
manchesterjazz.com
MJF-Poster-30x40-2025 | © Lakwena
lischen Vielfalt und seinem herzlichen Empfang
bietet das Montreux Jazz Festival den
Musikern und dem Publikum ein einzigartiges
Erlebnis. In Montreux sind die Künstler ganz
nah bei ihren Fans, was zu unvergesslichen, ja
sogar legendären Momenten führt. Hier wird
die Musik auf einzigartige Weise erlebt, was
durch den außergewöhnlichen Komfort und
die Akustik noch verstärkt wird.
Das Montreux Jazz Festival, eine Plattform für
kreative Freiheit und Begegnungen, ist eine
einzigartige Spielwiese für die Künstler:innen.
Einige der auftretenden Künstler:innen stellen
ihre Programme neu und eigens für Montreux
zusammen, andere brillieren bei den
legendären Jam Sessions des Festivals und
bieten faszinierende Workshops an. Für viele
Künstler:innen war und ist das Montreux
Jazz Festival Sprungbrett für eine internationale
Karriere. Das diesjährige Montreux Jazz
Festival Plakat hat die Londoner Künstlerin
Lakwena entworfen. Dieses psychedelisch inspirierte,
typografische Werk zitiert den Text
des Liedes „Stars“, das 1976 von Nina Simone
bei einem glanzvollen Auftritt in Montreux
vorgetragen wurde. Das Programm des diesjährigen
Festivals wird am 10.4.2025 bekannt
gegeben.
www.montreuxjazzfestival.com
Regensburg
44. Bayerisches Jazzweekend
Regensburg
10. – 13.7.2025
Jazz in der Stadt, eine Stadt im Jazz! Vom 10.
bis 13. Juli 2025 bringt das 44. Bayerische Jazzweekend
ganz Regensburg zum Schwingen.
100 Konzerte bieten dem Publikum ein Programm
voller Highlights.
Große Open-Air-Bühnen und kleine atmosphärische
Spielorte holen zahlreiche Bands
und Ensembles aller Sparten des Jazz auf die
Bühne. Der international renommierte Tenorsaxophonist
Tobias Meinhart lädt als Artist in
Residence nach Regensburg ein. In Kooperation
mit dem Aberdeen Jazz Festival präsentieren
Musiker aus Schottland und Regensburg
ein eigens erarbeitetes Programm, u.a. mit
den beiden Profi-Jazzmusikern Markus und
Roman Fritsch.
Ob YÆLLEE aus Dresden, der Schweizer Kontrabassist
Andreas Waelti, TSOMBANIS4 um
den gefeierte Wahlwiener Tenorsaxophonistin
Andrea Tsombanis, das Alexandrina Simeon
Sextett mit dem deutschen Ausnahmetrompeter
Benny Brown aus Hamburg sowie die
fulminante Berliner Formation Tulgey Beat,
die Champagne Lovers Band aus Prag oder der
Dauerbrenner aus dem Westerwald, die bei
den Weekendbesuchern so beliebte Marching
Band Schräglage – nationale und internationale
Größen spielen Jazz vom Feinsten beim
Jazzweekend in Regensburg 2025.
www.jazzwe.de
LejdaJazz Rantala | © Henry Schulz
St. Moritz (CH)
Festival da Jazz
3. – 27.7.2025
Das Festival da Jazz zeichnet sich aus durch
eine rar gewordene Nähe zu den Künstlern.
Jazz zurück im Club. Selbst die Main Stage –
der Dracula Club – fasst nur ca. 150 Gäste. In
diesem äußerst intimen Rahmen sind schon
Stars und Legenden wie Al Jarreau, Chick
Correa, Diana Krall, Nigel Kennedy und viele
weitere aufgetreten. Trotz der mit Vorfreude
erwarteten Rückkehr in den Dracula Club
wird auch der schöne Karajan-Saal im Reine
Victoria wieder mit von der Partie sein. Neben
den Main Concerts versprüht das FDJ in und
um St. Moritz mit einer Vielzahl kostenfreier
Konzerte seinen Festival-Groove: Brunchund
Apérokonzerte auf Hauser’s Terrasse, Late
Night Konzerte in der Sunny Bar etc. Das Festival
da Jazz wurde gegründet von Christian
Jott Jenny mit gütlicher Mithilfe von Künstler
und Designer Rolf Sachs. Das Festival da Jazz
entstand nicht als Consulting-Konzept, sondern
als Leidenschafts-Gedanke, ganz organisch.
Erst waren da ein paar vereinzelte Konzerte,
dann wurde es größer. Jeweils zu Ende
der Wintersaison findet das Festival da Jazz zu
Ostern im Hotel Walther statt und präsentiert
vier variantenreiche Klavierkonzerte. Auf dem
Programm stehen Anke Helfrich (17.4.), Clara
Haberkamp (18.4.), Jesus Molina (19.4.) und
Helge Schneider (20.4.).
www.festivaldajazz.ch
Michael Wollny Trio | © ACT, Jörg Steinmetz
MJF LAC Ambiance | © Marc Ducrest
Montreux (CH)
Montreux Jazz Festival
4. – 19.7.2025
Montreux Jazz Festival, wo Legenden geboren
werden. Das Montreux Jazz Festival findet
jeden Sommer zwei Wochen lang am Ufer
des Genfer Sees statt. Das 1967 von Claude
Nobs gegründete und seit 2013 von Mathieu
Jaton geleitete Montreux Jazz Festival hat
sich im Laufe der Jahre zu einem unverzichtbaren
Ereignis entwickelt, das fantastische
Geschichten erzählt und legendäre Auftritte
hervorbringt. Nahezu 250.000 Besucherinnen
und Besucher kommen jedes Jahr zum Festival
und genießen die atemberaubende Kulisse,
die Konzerte mit der besten Akustik und
die zahlreichen freien Bühnen. Mit seinem
anspruchsvollen Programm, seiner musika-
Ramatuelle (F)
Jazz à Ramatuelle
24. – 28.6.2025
Das 1986 gegründete Jazzfestival Jazz à Ramatuelle
basiert ausschließlich auf den Musikrichtungen
Jazz und Swing. Es gewährt
den amerikanischen und französischen Jazzkünstlern
einen bedeutenden Platz und bewegt
sich zwischen neuen Talenten und berühmten
Jazzmusikern. Die Stimmungen bei
den Konzerten reichen von intimer Jazzmusik
bis hin zu mitreißenden Jazzrhythmen.
Neben dem exklusiven Programm mit Konzerten
aus zwei Teilen mit Pause bietet das
Festival Jazz in Ramatuelle auch Off-Bühnen,
auf denen Musiker aus der Region ihr Können
unter Beweis stellen können und die es
Musikfans erlauben, jeden Abend kostenlosen
Konzerten beizuwohnen. In diesem Jahr
stehen folgende Künstler:innen auf dem Programm:
14.6.2025 Sylvain Rifflet | 25.6.2025
Michael Wollny | 26.6.2025 Pierrick Pedron |
27.6.2025 Baptiste Herbin | 28.6.2025 Monthy
Alexander
www.jazzaramatuelle.com
60 JAZZALDIA Kartela-Poster-Affiche
San Sebastian (E)
60th Jazzaldia San Sebastian
The 60th Jazz Festival presents the
Keler Gunea programme
The San Sebastián Jazz Festival – Donostiako
Jazzaldia, better known as Jazzaldia, takes
place every year around the third week in July
in the Basque city of Donostia/San Sebastián.
Founded in 1966, it is Spain’s oldest Jazz Festival
and one of the longest running in Europe.
The 5 days of the Jazzaldia feature around a
hundred concerts on more than a dozen stages
while infusing the city with a festive atmosphere.
The programme is varied, with
both paying and free events, taking place in
covered venues including theatres, museums
and auditoriums, and outdoors, on beaches,
in squares and parks. The most popular events
are the free concerts on the Zurriola Beach
and the Kursaal terraces. At the 2023 edition,
total attendance was estimated to stand at
some 191,000 people.
Julian Sartorius | © Mehdi Benkler
Schaffhausen (CH)
36. Schaffhauser Jazzfestival
18. – 24.5.2025
Das Schaffhauser Jazzfestival zeigt in seiner
36. Ausgabe ein hochkarätiges und vielseitiges
Programm – ein Spiegel der aktuellen Schweizer
Jazzszene. Vom 18. bis zum 24. Mai 2025
wird die Stadt Schaffhausen zum Zentrum des
aktuellen Schweizer Jazz. Mit der viertägigen
Werkschau in den Hallen der ehemaligen
Garnspinnerei Kammgarn und dem öffentlichen,
interdisziplinären und niederschwelligen
Eröffnungsanlass in Stein am Rhein ist das
Festival ein Muss für Jazz-Liebhaber, Musikbegeisterte
und alle, die einen Einblick in das
kreative Jazzschaffen 2025 erhalten möchten.
Ein besonderer Programmpunkt sind die jährlichen
Klangwanderungen – in diesem Jahr
mit Julian Sartorius in Stein am Rhein (21. –
weiter auf Seite 23 >>
20 | Jazz | Peitz
CAROL | 2025
einige Zeit beim Tanztheater Wuppertal
in der Organisation eines internationalen
Tanzfestivals von Pina
Bausch. Hier habe ich meine Leidenschaft
entdeckt, strukturiert im Team
zu arbeiten und in stressigen Situationen
Probleme zu lösen. Erst nach
vielen weiteren spannenden Tätigkeiten
bei internationalen Tanz- und
Theaterprojekten habe ich in Berlin
die Jazzszene kennengelernt. 2011
belebte mein Vater die jazzwerkstatt
in Peitz neu, und seither habe ich
ihn in der Organisation unterstützt.
Im letzten Jahr habe ich schließlich
die künstlerische Leitung übernommen
– eine verantwortungsvolle
Aufgabe, die mich mit großer Freude
erfüllt.
Peitz (D)
62. jazzwerkstatt Peitz
Die Kunst der Freiheit — ein Festival zwischen Tradition und Wandel.
15. – 17.8.2025 & 2. Jazzpreis Brandenburg 2025
Die jazzwerkstatt Peitz zählt seit den 1970er-Jahren zu einem der bedeutendsten Festivals
der internationalen Jazz- und Improvisationsszene in Deutschland. Unter der
neuen Leitung von Marie Blobel wird der Geist von Freiheit und Offenheit kraftvoll
in die nächste Generation getragen. Das Festival ist nicht nur Konzertbühne, sondern
ein Ort für Begegnungen.
Hier trifft Altes auf Neues, Tradition verschmilzt mit
Avantgarde, und das Publikum wird Teil eines dynamischen
Entdeckungsprozesses. Musiker:innen und Gäste
aus aller Welt kommen zusammen, um ihre Leidenschaft
für experimentelle Musik und ihre Neugier auf
Unbekanntes zu teilen.
Das neue Festivalgelände am Hüttenwerk, idyllisch
eingebettet zwischen den historischen Karpfenteichen
und weitläufigen Radwegen, ist zum kreativen Zentrum
geworden. Mit Campingplätzen direkt vor Ort bietet es
eine einzigartige Atmosphäre, in der Musik, Natur und
Gemeinschaft zu einem unvergesslichen Erlebnis verschmelzen.
2. JAZZPREIS BRANDENBURG
Die „jazzwerkstatt Peitz“ hat 2024 den JAZZPREIS
BRANDENBURG ins Leben gerufen, um außergewöhnliche
künstlerische Leistungen im Jazz zu ehren. Die
Preisverleihung samt Gewinnerkonzert bilden den Programmhöhepunkt
der 62. jazzwerkstatt Peitz am Sonntag,
17.8.2025.
www.jazzwerkstatt-peitz.de
© Christina Marx, Photomusix
INTERVIEW
Wir sprachen mit der
Künstlerischen Leiterin
der jazzwerkstatt Peitz,
Marie Blobel.
© Christina Marx, Photomusix
Sie sind ein „Kind“ der Musik und
des Jazz. War dies gegeben oder
wie sind Sie zur Musik gekommen
und vor allem geblieben?
Marie Blobel: Als Kind wurde ich
vielseitig geprägt – aber die Liebe
zum Jazz ist bei mir erst spät gewachsen.
1973 gründete mein Vater gemeinsam
mit seinem Freund Peter
„Jimi“ Metag die jazzwerkstatt in
Peitz, einer kleinen Stadt in der Nähe
von Cottbus. In der DDR bildete sich
über Jahre hinweg ein Netzwerk frei
improvisierender Musiker, zu dem
auch ein treues Publikum zu zählen
war. Rund 3000 Gäste kamen zu den
Open-Airs, bis das Festival 1982 verboten
wurde. Im selben Jahr wurde
ich in Leipzig geboren. Schon ein
Jahr später konnten meine Eltern
mit einem Ausreiseantrag die DDR
verlassen, und so wuchs ich in Wuppertal
auf – einer Stadt, die damals
als Hochburg des Jazz galt. Doch in
meiner Kindheit wurde ich durch
meine Mutter eher vom Tanztheater
Pina Bausch geprägt und so träumte
ich davon, später einmal Tänzerin zu
werden. Mit 18 Jahren arbeitete ich
Sie leben in Berlin und sind dort
als Kuratorin und Veranstalterin
tätig, u.a. mit der Reihe „jazzexzess“.
Wie muss man sich Ihre Arbeit
und Ihr musikalisches Portfolio
vorstellen?
Marie Blobel: Seit 2016 kuratiere
ich in Berlin meine eigenen Jazzveranstaltungen.
Die Stadt hat sich
in den 17 Jahren, in denen ich hier
lebe, stark verändert. Besonders die
Jazzszene ist ein internationaler Hotspot
geworden – Musiker:innen aus
der ganzen Welt lassen sich in Berlin
nieder, tauchen in die einzigartige
Atmosphäre der Stadt ein und tragen
den unverkennbaren Spirit der Stadt
wieder in die Welt hinaus. So bleibt
Berlin ein Ort der ständigen Innovation
– ein kreativer Schmelztiegel,
in dem neue Projekte entstehen
und aufblühen können. Mit meiner
Konzertreihe jazzexzess verbinde ich
Club-Kultur mit einer spannenden
Mischung aus freier Improvisation,
elektronischem Innovationsgeist
und experimentellem Krautrock. Mit
einem unverwechselbaren Logo und
einem farbenfrohen Design schaffe
ich eine starke Wiedererkennbarkeit
innerhalb der Berliner Kulturszene
und möchte besonders ein jüngeres
Publikum ansprechen. Hierfür
wurde ich 2023 und 2024 mit dem
Applaus-Preis für innovatives und
trendsetzendes Livemusikprogramm
ausgezeichnet.
Aber hinter den Kulissen bedeutet
diese Arbeit weit mehr als nur das
Kuratieren und Organisieren der
Konzerte. Ein Großteil meiner Zeit
verbringe ich am Schreibtisch – mit
dem Beantworten unzähliger E-
Mails, der detaillierten Vorbereitung
der Veranstaltungen, Netzwerkarbeit,
Pressearbeit und dem Schreiben
von Förderanträgen. Dazu kommen
Buchhaltung und die aufwendige
Abrechnung der Fördermittel. Es ist
eine Mischung aus kreativer Vision
und administrativer Präzision, die es
braucht, um solche Projekte erfolgreich
am Leben zu halten.
Was treibt Sie an und was ist Ihre
künstlerische Mission?
Marie Blobel: Als ich 2008 erstmals
mit der Berliner Jazzszene in Berührung
kam, hätte ich nie gedacht,
dass ich einmal selbst Jazzveranstaltungen
kuratieren würde. Damals
fehlte es an inspirierenden Veranstaltungsorten
und innovativen Formaten,
das Publikum war klein und
die Szene vergleichsweise überschaubar.
Doch die Jazzmusiker:innen waren
unglaublich offen, herzlich und
dankbar für jedes Engagement. So
habe ich mich nach und nach mit
vielen von ihnen angefreundet und
meine vielfältigen Kenntnisse in die
Szene eingebracht.
CAROL | 2025 Jazz | 21
© Christina Marx, Photomusix
Meine Mission ist es, immer mehr
Menschen für Jazzmusik zu begeistern
und einen Raum zu schaffen, in dem
Experimente, Innovation und kreative
Synergien gefördert werden. Jazz
war schon immer mehr als nur Musik
– er ist Ausdruck von Freiheit, Protest
und gesellschaftlicher Veränderung.
Von den revolutionären Bewegungen
des Free Jazz in den 1970er-Jahren
bis hin zu aktuellen Debatten über
Rassismus oder Genderfragen – Jazz
bleibt relevant und politisch. Auch in
Deutschland positionieren sich immer
mehr Musiker:innen zu sozialen
und kulturellen Themen und nutzen
ihre Kunst als Plattform für gesellschaftliche
Diskurse.
Mit dem Festival in Brandenburg und
meiner Berliner Konzertreihe setze
ich genau hier an. Mein Ziel ist es, die
Energie und Vielfalt der Jazzszene widerzuspiegeln
– Genregrenzen sollen
verschwimmen, neue Ausdrucksformen
entstehen, und die Bühne soll
ein Ort des Austauschs sein. So möchte
ich nicht nur das kulturelle Angebot
bereichern, sondern auch ein
neues Publikum für Jazz begeistern
und die Musik in die Zukunft tragen.
Sie haben im letzten Jahr die jazzwerkstatt
Peitz übernommen. Der
Stabwechsel wurde von einem
feierlichen Jazzfestival anlässlich
35 Jahre friedliche Revolution im
Deutschen Buch- und Schriftmuseum
und der Deutschen Nationalbibliothek
in Leipzig, aber auch von
Misstönen und einem Artikel in der
TAZ begleitet. Wie war die Übernahme
für Sie? Bürde oder Chance?
Marie Blobel: Die Übernahme ist für
mich vor allem eine große Chance –
ein fortlaufender Prozess, der immer
wieder neue Herausforderungen mit
sich bringt. Mein Vater und ich haben
über sieben Jahre an der Staffelstabübergabe
gearbeitet, und in dieser
Zeit habe ich Schritt für Schritt immer
mehr Verantwortung übernommen.
Dabei standen wir vor zahlreichen
Hürden – besonders die Coronajahre
waren unglaublich schwierig und
kräftezehrend. Nun sind es die Wahlergebnisse
der AfD und die Haushaltskürzungen
für die Kultur, die mir Sorgen
bereiten.
Dass die jazzwerkstatt Peitz inzwischen
als Deutsches Kulturgut
anerkannt und in das Archiv der
Deutschen Nationalbibliothek aufgenommen
wurde, zeigt, wie wertvoll
die Arbeit ist, die mein Vater und sein
Freund Peter „Jimi“ Metag geleistet
haben. Als „Woodstock am Karpfenteich“
hat die jazzwerkstatt Peitz
Kultstatus erlangt. Die „wilden“ Jahre
habe ich selbst zwar nicht miterlebt,
doch durch Zeitzeugen und zahllose
Anekdoten kenne ich die Geschichte
dieses besonderen Ortes gut. Es ist
mir ein zentrales Anliegen, das Festival
und seine Bedeutung lebendig zu
halten.
Natürlich hat mich der schlecht recherchierte
taz-Artikel wütend gemacht
– die darin enthaltenen Vorwürfe
konnten inzwischen widerlegt
werden. Ich finde es spannender, in
die Zukunft zu blicken, anstatt in
der Vergangenheit zu verharren oder
einem Schatten hinterherzulaufen.
Mein Fokus liegt darauf, diesen einzigartigen
Ort weiterzuentwickeln
und für kommende Generationen zu
bewahren.
In der freien Wirtschaft sind Nachfolgeprozesse
in Familien mit das
schwierigste. Wie war und ist es bei
Ihnen und Ihrem Vater?
Marie Blobel: Bei uns verhält es sich
genau wie in der freien Wirtschaft
– Nachfolgeprozesse sind komplex,
und Meinungsverschiedenheiten gehören
dazu. Mein Vater ist mein größter
Kritiker, und umgekehrt bin ich es
genauso für ihn. Diese Dynamik ist
nicht immer einfach, aber sie hat uns
beide weitergebracht und neue Perspektiven
eröffnet. Was unsere Zusammenarbeit
besonders macht, ist, dass
er mir schon früh viel Verantwortung
übertragen hat und nie an meiner
Herangehensweise oder meinen Entscheidungen
gezweifelt hat. Das ist
alles andere als selbstverständlich –
gerade in einem so traditionsreichen
Projekt. Doch genau dadurch hat sich
zwischen uns ein tiefes Vertrauen aufgebaut,
das bis heute trägt.
Trotzdem war es mir wichtig, in Berlin
mit meiner eigenen Konzertreihe unabhängige
Erfahrungen zu sammeln,
neue Impulse zu setzen und nicht
ständig im direkten Austausch mit
ihm zu stehen. Dort konnte ich meine
eigene Handschrift entwickeln,
Netzwerke aufbauen und ein Gespür
für Programmgestaltung und Organisationsstrukturen
bekommen. Diese
Unabhängigkeit hat mir geholfen,
selbstbewusst in die Festivalleitung
hineinzuwachsen – nicht nur, um in
seine Fußstapfen zu treten, sondern
um meinen eigenen Weg zu gehen.
Was ist neu bei der jazzwerkstatt
Peitz seit letztem Jahr?
Marie Blobel: Mit meiner ersten
Festivalausgabe habe ich direkt einige
neue Ideen umgesetzt und frische
Impulse gesetzt. Besonders stolz bin
ich auf das neue Festivalgelände am
Industriedenkmal Hüttenwerk – ein
geschichtsträchtiger Ort, der eine
faszinierende Verbindung zwischen
Vergangenheit und Gegenwart
schafft. Idyllisch eingebettet zwischen
den historischen Karpfenteichen
und weitläufigen Radwegen,
bietet dieser besondere Ort nicht
nur eine beeindruckende Kulisse,
sondern auch einen inspirierenden
Raum für künstlerische Begegnungen.
Ein wichtiger Schritt war zudem
die Verlegung des Festivals auf Mitte
August. Dadurch wird es für die
Besucher:innen noch attraktiver,
das gesamte Wochenende vor Ort
zu verbringen und die besondere
Atmosphäre voll auszukosten. Dank
der neu geschaffenen Campingplätze
entsteht eine einzigartige Festivalstimmung,
in der Musik, Natur
und Gemeinschaft auf besondere
Weise verschmelzen. Das Festival ist
dadurch nicht nur eine Konzertbühne,
sondern ein intensives, immersives
Erlebnis geworden, das den
Besucher:innen ermöglicht, tief in
die Welt des Jazz einzutauchen.
Ein weiterer Höhepunkt ist die Einführung
des Jazzpreis Brandenburg
im vergangenen Jahr gewesen, um
die regionale Jazzszene sichtbarer
zu machen und außergewöhnliche
Künstler:innen gezielt zu fördern.
In diesem Jahr freue ich mich besonders
darauf, neben der Verleihung
des 2. Jazzpreis Brandenburg
auch das neue Projekt improviser in
residence zu präsentieren. Mit dieser
neuen Konzertreihe bekommt der
Preisträger vom Jazzpreis Brandenburg
aus dem Vorjahr die Möglichkeit,
sich intensiv mit der Region
auseinanderzusetzen, neue Inspirationen
zu sammeln und spannende
künstlerische Prozesse vor Ort zu
erarbeiten. Es ist eine Bereicherung
© jazzwerkstatt Peitz
für die Stadt Peitz und ein weiterer
Schritt, um innovative, zeitgenössische
Jazzströmungen in die Lausitz
zu bringen.
Welche Akzente und programmatischen
Inhalte sind Ihnen wichtig?
Marie Blobel: Für mich ist es besonders
wichtig, einen dramaturgischen
Bogen über die drei Festivaltage zu
spannen. Ein zentrales Merkmal des
Programms ist, dass sich kein Konzert
überschneidet – das Publikum kann
jedes Konzert in voller Länge erleben
und dabei das Festivalgelände mit
seinen verschiedenen Bühnen entdecken.
Diese Struktur schafft nicht
nur eine besondere Aufmerksamkeit
für jede einzelne Performance, sondern
fördert auch den gemeinschaftlichen
Charakter des Festivals.
Mit rund 20 Konzerten lege ich großen
Wert darauf, sowohl aufstrebende
als auch etablierte Musiker:innen
zu präsentieren und dabei eine stilistische
Bandbreite innerhalb der
Jazz- und Improvisationsmusik
abzubilden. Genregrenzen sollen
aufgebrochen, verschiedene Ausdrucksformen
sichtbar gemacht und
unerwartete Klangwelten eröffnet
werden.
Sie haben als eine der Neuerungen
den Jazzpreis Brandenburg ins Leben
gerufen. Wer oder was wird
dort ausgezeichnet und welche
Wirkung soll er haben?
Marie Blobel: Mit dem Jazzpreis
Brandenburg wird eine herausragende
künstlerische Leistung gewürdigt.
Er soll an eine Musikerin oder
einen Musiker verliehen werden, die
bzw. der in besonderer Weise einen
prägenden und inspirierenden Beitrag
zum Jazzleben in Brandenburg
leistet und mit wichtigen künstlerischen
Impulsen über das Bundesland
hinaus strahlt. Voraussetzung ist der
Erstwohnsitz in Brandenburg.
2024 hat Schlagzeuger Willi Kellers
den 1. Jazzpreis Brandenburg verliehen
bekommen. Kellers, geboren
1950 in Münster, ist seit über 45
Jahren im Bereich des Free Jazz und
der Improvisierten Musik aktiv und
arbeitete intensiv mit Keith Tippett,
Marylin Crispell, Peter Brötzmann,
Charles Gayle, Albert Mangelsdorff
und vielen anderen zusammen.
Sein Schlagzeugspiel besticht durch
außergewöhnliche Flexibilität – sein
stilistisches Spektrum reicht vom
kraftvollen „Power-Play“ bis hin
zu feinsten Klangtexturen. Kellers
ist ein Musiker, der jedes Ensemble
musikalisch zusammenhält und es
zugleich mit unermüdlicher Energie
speist.
„Als Spieler und als Mensch ist Willi
Kellers immer der Gruppe, nie dem
eigenen Ego verpflichtet. Er braucht
keine ‚eigene‘ Band, um sich zu profilieren.
Er profiliert sich seit Jahrzehnten
als Team-Player mit starker
Persönlichkeit“, so die Begründung
der Jury.
In diesem Jahr wird Willi Kellers als
improviser in residence in Peitz mehrere
Konzerte präsentieren – unter
anderem am 17. Mai mit Julie Sassoon
und Chor in der Stüler Kirche
sowie am 21. Juni mit Uschi Brüning
und Lars Rudolph in der Festungsscheune.
Die jazzwerkstatt Peitz findet in
einzigartiger Atmosphäre in der
Natur zwischen den historischen
Karpfenteichen statt, wo Musik
und Natur zusammenfließen. Wie
wichtig ist Ihnen das Thema Nachhaltigkeit
und Green Culture?
Marie Blobel: Nachhaltigkeit und
Green Culture sind mir besonders
wichtig – und das beginnt bereits
beim Thema Reisen. Für internationale
Projekte suche ich gezielt Kollaborationspartner,
damit Bands nicht
nur für ein einziges Konzert nach
Deutschland reisen. So teilen wir die
Flugkosten und reduzieren gemeinsam
den CO 2 -Abdruck.
Auch für unser Publikum gibt es
nachhaltige Anreisemöglichkeiten:
Die Anfahrt mit der Bahn ist problemlos
möglich, vom Bahnhof bieten
wir einen Shuttle-Service an. Wer
es noch umweltfreundlicher mag,
kann direkt mit dem Fahrrad zum
Festival kommen.
Bei der Versorgung vor Ort verzichten
wir bei der Ausgabe von Essen
und Getränken bewusst auf Plastik.
Zudem nutzen wir für die Stromversorgung
das örtliche Stromnetz und
benötigen daher keine benzinbetriebenen
Aggregate. So schaffen wir
eine einzigartige Verbindung zwischen
Musik und Natur.
Wohin soll und wird sich die
jazzwerkstatt Peitz entwickeln
und wer oder was steht auf Ihrer
Wunschliste ganz oben?
Marie Blobel: Für die Zukunft wünsche
ich mir, dass immer mehr Menschen
den Weg nach Peitz finden
und die jazzwerkstatt weiter als kreativer
Knotenpunkt für Jazz- und improvisierte
Musik wächst – an internationaler
Strahlkraft gewinnt und
zugleich tief in der Region anerkannt
wird.
Ganz oben auf meiner Wunschliste
stehen besondere musikalische Höhepunkte
– unerwartete, mutige und
inspirierende Kooperationen, die
sowohl das Publikum als auch die
Musikerinnen und Musiker selbst bereichern.
Und natürlich wünsche ich
mir ein begeistertes Publikum, das
sich mit uns auf diese klanglichen
Abenteuer einlässt, neugierig bleibt
und die besondere Atmosphäre von
Peitz genießt.
Das Gespräch führte Kai Geiger.
22 | Jazz| Stuttgart
CAROL | 2025
Stuttgart (D)
35. Theaterhaus Jazztage
12. – 26.4.2025
DIE 35. THEATERHAUS JAZZTAGE
ROUND
ABOUT
JAZZ
12.04. BIS 26.04.2025
Die Theaterhaus Jazztage gehen in diesem Jahr bereits in die 35. Ausgabe und präsentieren vom 12. bis zum 26. April
in gewohnter Manier erneut ein buntes, abwechslungsreiches, frisches und wie immer spannendes Programm
mit bekannten Jazzgrößen aus aller Welt und Newcomern*innen.
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Den Auftakt markiert Götz Alsmann mit seiner Band, während
das Jasper van`t Hof Trio Featuring Christof Lauer und
das Dieter Ilg Trio dann den Schlusspunkt setzen, der wahrscheinlich
einmal mehr ein kräftiges Ausrufezeichen unter
diesem Klassiker der Jazzfestivals setzen dürfte.
Dazwischen kommen Kenner und Jazz-Enthusiasten ebenso
auf ihre Kosten, wie neugierige Einsteiger*innen unbeschreiblich
vielfältige Welt des Jazz eintauchen können.
Im Line up sind bekannte Namen wie Martin Tingvall
Trio, Jan Garbarek, Sophie Hunger, Vienna Teng,Thomas D
& The KBCS oder Sven Regener zusammen mit Pappik und
Busch zu finden, die auch außerhalb der Jazzwelt einen Namen
haben.
Doch damit nicht genug, denn echtes Jazzfeeling tragen
auch die Cuban Jazz Night mit dem Alfredo Rodriguez und
dem Yilian Cañizares „Resilience Trio“, Jazzanova, Gee Hye
Lee, Nils Wogram`s Root 70, Markus Stockhausen Group,
Gismo Graf Trio, Norma Winstone & Kit Dowes, Asja Valcic
& Klaus Paier, Andreas Schaerer & A Novel of Anomaly,
die Rita Payes Band und Nik Bärtsch`s Ronin ins Festival und
auf die Bühnen im Stuttgarter Theaterhaus.
Abgerundet wird das Programm dann mit weiteren musikalischen
Highlights, wie dem Dieter Ilg Trio, 30 Years of
E.S.T., Tigram Hamasyan Quintet, Curt Cress, Wolfgang Haffner
Trio, Dexter & Urban Beats Collective sowie dem Gregor
Hübner Collective, dem NHT Trio und dem Bel Art Trio.
Eingebettet zwischen diesen unterschiedlichen Acts, die die
ganze Bandbreite des klassischen und zeitgenössischen Jazz
abdecken heißt es dann auch Dr. Pop goes Jazz: Jazz-Kenner
Nabil Atassi (SWR) im Gespräch geht er zusammen mit Dr.
Pop und mit passender musikalischer Begleitung der Frage
nach, was ist Jazz?
Und wer auf diese Frage eine Antwort sucht, der wird mit
Sicherheit bei den 35. Theaterhaus Jazztagen fündig, wenn
es wieder heißt: Round About Jazz!
www.theaterhaus.com/de/search?q=Jazztage
30 Years of E.S.T. — Tribute to Esbjörn Svensson Trioby | © Joerg Grosse Geldermann
CAROL | 2025 Jazz | 23
PROGRAMM
Samstag 12.4.20205
20:00 Uhr | T1
Götz Alsmann & Band- Bei Nacht
20:30 Uhr | T2
Curt Cress & Wolfi Schmid
24.5., jeweils 17 – 18 Uhr). Der europaweit bekannte Perkussionist
Julian Sartorius führt Besucher auf eine Klangreise durch
die Stadt, bei der er seine außergewöhnliche Fähigkeit beweist,
alltäglichen Gegenständen und präparierten Instrumenten
rhythmische Muster zu entlocken.
www.jazzfestival.ch
Sonntag 13.4.2025
19:00 Uhr | T1
Jan Garbarek Group feat Trilok Gurtu
19:30 Uhr | T2
Dr. Pop & Nabil Atassi – Dr. Pop goes Jazz
Montag 14.4.2025
20:00 Uhr | T1
30 Years of E.S.T – Tribute to E.S.T – Esbjörn Svensson
Trio
20:15 Uhr | T2
Doppelkonzert
Markus Stockhausen Group
Nils Wogram’s Root 70
Collage Andreas Schaerer & A Novel of Anomaly (Biondini/Kalima/Niggli) //
Vibe Factor (Kraus/Sosa/Piñera)
Dienstag 15.4.2025
20:00 Uhr | T1. April
Tigran Hamasyan Quintet
The Birds of a thousand Voices
Mittwoch 16.4.2024
20:00 Uhr | T1
Doppelkonzert
Jazzanova feat. Wayne Snow
Thomas D & The KBCS, special guest: Flo Mega
20:15 Uhr | T2
Sophie Hunger
Walzer für niemand – Lesung und Lieder
Stockhausen | © Nikolas Müller // Wolgram | © Corinne Hächler
Donnerstag 17.4.2025
19:30 Uhr | T1
Duo Abend
Omer Klein (p) & Silvan Strauss (dr)
Norma Winstone (voc) & Kit Downes (p)
Asja Valcic (cello) & Klaus Paier acc)
20:30 Uhr | T2
Regener / Pappik / Busch
21:30 Uhr | T3
Dexter & Urban Beats Collective
Freitag 18.4.2025
19:00 Uhr | T1
Doppelkonzert
Rita Payès & Band
Martin Tingvall Trio
19:30 Uhr | T2
Nik Bärtsch’s Ronin: Spin
Samstag 19.4.2025
20:00 Uhr | T1
Wolfgang Haffner Trio & Thomas Quasthoff
& Nils Landgren celebrating 60!
20:30 Uhr | T2
Gee Hye Lee – Sori Quartett
Sonntag 20.4.2025
19:30 Uhr |T1
Doppelkonzert CUBAN JAZZ NIGHT:
Alfredo Rodríguez Trio
Yilian Ganizares Resilience Trio
20:00 Uhr | T2
15 Jahre Gismo Graf Trio – In the spirit of Django
feat. Cheyenne Graf & Tim Kliphuis
Montag 21.4.2025
19 Uhr | T1
Doppelkonzert
Andreas Schaerer & Novel of Anomaly (Biondini,
Kalima, Niggli)
Trio Vibe Factor (Kraus, Sosa, Pinera)
19:30 Uhr | T2
Vienna Teng
Jakob Collier © Jakob Collier
Stuttgart
Stuttgart Jazz Open
2. – 13.7.2025
2025 ist das Jahr der Premieren bei den Stuttgart Jazz Open. Große
Namen und eine Neuerung bei den jazzopen 2025: Erstmals
wird während des Festivals, das im kommenden Sommer vom
2. bis zum 13. Juli stattfindet, der Stuttgarter Schlossplatz vom
7. bis 13. Juli sieben Tage lang bespielt. Mit dabei sein werden
Pop-Ikone Kylie Minogue, eine Blues/Rock-Nacht mit Joe Bonamassa
und Kenny Wayne Shepherd, eine italienische Nacht
mit Zucchero und Mario Biondi sowie Mega-Star Lionel Richie.
Die Shows auf dem Schlossplatz werden zudem mit einem
außergewöhnlichen Double-Abend beginnen: Jacob Collier,
gefolgt von der Brit-Jazz-Sängerin RAYE. Und der Pionier und
Wegbereiter für elektronische Musik, Jean-Michel Jarre, wird
erstmals und 2025 zudem exklusiv in Deutschland das Publikum
auf dem Schlossplatz elektrisieren. Den diesjährigen Auftakt
macht der britische Musiker Jacob Collier, der als eines der
größten Multitalente im Musikgeschäft gilt, und sich zum Auftakt
der Schlossplatz-Konzerte am Montag, 7. Juli, den Abend
mit der englischen Sängerin und Songwriterin RAYE teilt.
Collier ist Sänger, Arrangeur, Komponist, Multiinstrumentalist
und Video-Produzent in einem. Mit gerade mal 30 Jahren
hat er bereits mehrere Grammys gewonnen und wurde mit
Gold- und Platinplatten überhäuft. Seine genreübergreifenden
Kompositionen begeistern Fans auf der ganzen Welt durch ihre
außergewöhnlichen Harmonien. Entdeckt wurde Collier übrigens
von Quincy Jones.
www.jazzopen.com
Mittwoch 23.4.2025
20 Uhr | 20 Uhr
Gregor Hübner Collective: Bel Art Trio
Gregor Huebner (p, vio) | Veit Hübner (b) | Patrick
Manzecchi (dr)
NHT Trio
Shoko Nagai (p) | Gregor Hübner (vl) | Sathosi
Takeishi (dr)
Munich Composers Collective
Freitag 25.4.2025
20:00 Uhr |T2
Colosseum out into the fields tour
Tigran II | © Vahan Stepanyan
Samstag 26.4.2025
20 Uhr |T 1
Doppelkonzert
Jasper Van‘t Hof Trio feat. Christof Lauer
Dieter Ilg Trio
Gregory Porter Christmas Wisch | © Erik Umphery
24 | Jazz | Ulm
CAROL | 2025
Der Ulmer ist aus ganzem Herzen ein Musiker,
der am liebsten Genregrenzen und Stiletiketten
auflöst und Musik so macht, wie er lebt:
frei und fühlend. Und so geht er von seinem
Heimatplaneten Jazz aus auf immer ausgedehntere
Entdeckungsreisen, um jenseits jeder
Crossover-Orthodoxie mit Sternschnuppen
aus anderen Galaxien zu spielen – heißen
sie nun Soul, Funk, Pop, Hip-Hop, Latin oder
Elektro. Als Trompeter und Komponist hat Joo
zwar seine Wahrnehmung für Musikstile aus
aller Welt geöffnet, aber seine mal schwermütigen,
mal heiteren Melodien bleiben hundert
Prozent Joo Kraus.
Im September 2024 erschien sein neues Album
No Excuse bei Jazzhaus Records, das er am ersten
Abend mit seiner Band präsentiert, bevor
er sich an den folgenden Abenden mit geladenen
Gästen auf eine spannende musikalische
Reise begibt. Das Festival ist wie sein Album
eine bunte Tüte, Briefmarken-Sammelalbum,
gesellschaftspolitischer Diskurs und vor allem
eines: good vibes! Musik, ein Mix an Genres
und Stimmungen, der Spaß macht! Bunt, vielfältig,
spannend, experimentell, fernab von
musikalischer Konvention und doch unverkennbar
– total Joo Kraus! No Excuse!
Stattfinden wird es im einzigartigen Aegis
Café, dem Café der gleichnamigen und nebenan
liegenden Aegis Buchhandlung von
Rasmus Schöll, einem Ort, an dem guter Genuss,
Literatur, Musik und Kunst zueinanderfinden.
Aegis ist eine Buchhandlung voller Tradition
und geistigem Erbe, ein Schiff voller Schätze,
das aus dem Widerstandsgeist gegen die Nationalsozialisten
hervorging. Vom Verlagsbuchhändler
Ernst G. S. Bauer gegründet, ist es
die Buchhandlung, in der Suhrkamp-Verleger
Siegfried Unseld seine Lehre machte und Otl
Aicher für die Gestaltung verantwortlich war.
Enge Verbindungen gab es auch zur Familie
Scholl und der Ulmer HfG.
2018 übernahm Rasmus Schöll die Geschicke,
in einer Zeit, in der mal wieder das Buch „totgesagt“
wurde. Denn das „Aegis-Schiff“ sollte
wieder in offene Gewässer aufbrechen als
eines der letzten Dreispartenhäuser Deutschlands
(Verlag, Buchhandlung und Antiquariat).
Es wurde geschrubbt, lackiert und gewerkelt,
sodass Aegis wieder das ist, was es heute ist,
ein magischer Ort für Bücher und Menschen,
geführt mit viel Liebe und Leidenschaft für
das Buch. Hier werden unbegangene Wege
beschritten und dem Gründungsgedanken gefolgt:
Bücher vermitteln, die eine Bedeutung
für unsere Gesellschaft, Demokratie und letzten
Endes auch für unsere Welt haben. Ein Ort
des Wortes, der Literatur, der Begegnung und
der Mitmenschlichkeit – für die Zukunft des
Buches.
JooKraus, No Excuse | © Rob Stirner
Ulm (D)
JOOkebox Festival
11. – 13.9.2025
Anfang September findet in Ulm das erste von Joo Kraus initiierte und von Rasmus
Schöll vom Aegis Café veranstaltete JOOkebox Festival statt, das zum perfekten groovigen
Abschluss des Sommers einlädt.
2022 kam das Aegis Café als dritter Ort für Genuss,
Literatur und Kultur dazu und hat sich
schnell zu einem der gefragtesten, spannendsten
und abwechslungsreichsten Kulturorte der
Stadt entwickelt. Ein Café wie kein zweites.
Programm
Do. 11.09.2025 – Joo Kraus „No Excuse“
Fr. 12.09.2025 – Joo Kraus feat. Ameli in the
Woods & Lotti Benischka
Sa. 13.09.2025 – Joo Kraus feat. Pheel & Seba
www.jookraus.com
www.aegis-cafe.de
www.aegis-literatur.de
CAROL | 2025 Jazz | 25
INTERVIEW
Wir sprachen mit Joo Kraus
und Rasmus Schöll
Wie steht es um die Musik und die
Bedingungen für Musiker:innen in
Ulm?
Joo Kraus: Ich finde ja, dass es seit
einigen wenigen Jahren wieder viel
besser um die Livemusik und die
lokale Szene in Ulm bestellt ist. Das
liegt natürlich zum großen Teil daran,
dass viele Leute im (sub)kulturellen
Bereich, also Künstler und Veranstalter
etc. einfach machen, auch
wenn es nicht profitabel ist. Damit
zum zweiten Teil der Frage: die Bedingungen
für Künstler und Kulturschaffende
in Ulm sind verglichen
mit den Honoraren und Unterstützungen,
die es in anderen Bereichen
gibt, natürlich viel zu niedrig! Das
scheint mir aber kein Ulmer Ding,
sondern in Deutschland so üblich
leider. Wahrscheinlich weil man
weiß, dass die Macher so voller Leidenschaft
sind, dass sie es sowieso
machen.
Seit einigen Jahren sind Sie mit
verschiedensten Formaten in Ihrer
Heimatstadt präsent. Wie kam es
dazu, was ist Ihr Antrieb?
Joo Kraus: Ich bin ja ca. 90 Tage im
Jahr außerhalb Ulms unterwegs, um
Konzerte zu spielen. Und ich bin oft
so begeistert von meinen Musikern
und Bands, dass ich mir jeweils denke:
Wow, ich möchte, dass meine
Leute in Ulm das auch mitkriegen!
Und ich glaube, dass ich über die
Jahre ganz schön viel Interessantes
und Gutes und Schönes an Musik
nach Ulm reingezogen habe und
die Leute mittlerweile auch wissen,
dass es meist cool ist, was der Joo so
macht.
Nach Herzstücke im Café ANIMO,
und der durch die Perspektive
Pop Förderung des Landes Baden-
Württemberg geförderten Reihe
Next Generation im Aegis Café veranstalten
Sie dort jetzt die Music
Lesson mit Joo Kraus. Was passiert
in den Music Lessons und wie unterscheiden
sie sich von den anderen
beiden Formaten?
Joo Kraus: Ich stand mal mit Rasmus
Schöll am Tresen und er meinte, ich
solle doch öfter hier ins Café kommen
und könne eigentlich machen,
was ich will. Und da ich nicht immer
Konzerte spielen will und die Leute
irgendwann mal genug davon haben,
dachte ich mir: Was, wenn ich
den Leuten eine Stunde Musikunterricht
gebe, so wie ich mir ihn immer
gewünscht hätte! Das heißt ganz
praktisch, dass ich nur am Anfang
und am Ende ein bisschen selbst
musiziere und zwar, was thematisch
zur jeweiligen Stunde passt: Einmal
ging’s um lateinamerikanische Musik,
einmal um Pentatonic, dann um
Rhythmus im Allgemeinen oder um
Blechblasinstrumente … Ich bin immer
sehr im Stress, diesen Unterricht
vorzubereiten! Und habe ein bisschen
die Hosen voll, aber bisher war
es immer sehr, sehr amüsant!
Rasmus Schöll | © Bruno Tenschert
Joo Kraus: Es gab mal ganz kurzzeitig
in den Neunzigerjahren die sogenannte
Ulmer Jazz Guerilla. Ich glaube
für zwei Jahre oder so.
Ich spiele ja richtig viel auf Jazz Festivals
in ganz Deutschland, zum Teil in
winzigen Städten, die ein richtig großes
und langes Festival machen. Ich
habe keine Ahnung, warum es das in
Ulm nicht gibt. Vielleicht weil jeder
der einzelnen Macher/Veranstalter so
eine ganz bestimmte Sparte bedienen
will, die vielleicht einfach zu speziell
ist. Hat ja auch was. Aber ich denke,
Ulm verträgt auf jeden Fall drei bis
vier Tage Jazz and more im Jahr.
Das ändern Sie ja jetzt. Im Herbst
(11. – 13.09.2025) wird zum ersten
Mal das JOOkebox Festival in Ulm
stattfinden. Was erwartet das Publikum
dort?
Joo Kraus: Das Festival wird eine geballte
Ladung. Gute Musik, auf jeden
Fall mit Groove, mit guter Energie
mit guten Vibes! Ja, vor allem gute
Vibes für offene Geister.
Und eben clubmäßig im Saal des Aegis
Cafés. Schön nah und direkt und
echt! Joo in der Box out of the Box
– Jookebox.
Das Festival findet ebenfalls im Aegis
Café, einer eher kleinen Location,
statt. Wie wichtig ist der Ort
und die Zusammenarbeit mit Rasmus
Schöll für Sie?
Joo Kraus: Irgendwie hat sich zwischen
Rasmus und mir mit der Zeit
so eine ehrliche, organische Zusammenarbeit
entwickelt. Rasmus
hat einen sehr guten Style und Geschmack,
er weiß die Kunst und die
Künstler zu schätzen, und ich weiß
es sehr zu schätzen, was er dort mitten
in der Stadt macht und für die
Musiker und das Ulmer Publikum
durchzieht! Das ist so wichtig! Und
er macht das, obwohl er woanders
viel mehr Geld verdienen könnte,
aber darauf kommt’s ihm und mir in
erster Linie ja nicht an. Gesellschaftlich
darf man nie unterschätzen und
vergessen, wie wichtig solche Plätze
und Aktionen sind!
Literatur ist wie die Musik, der
Jazz Teil der Kultur. Keine Frage.
Daraus folgt aber nicht unbedingt,
als Buchhändler auch Konzerte zu
veranstalten. Wie kam es dazu?
Rasmus Schöll: Mich haben schon
immer die Barrieren und Blasen innerhalb
der Kultur interessiert und
wie diese zu durchbrechen sind. Wir
machen viele Lesungen und Jazz-
Konzerte, aber auch vieles, was eben
nicht unbedingt innerhalb einer
Buchhandlung oder eines Jazz Clubs
zu erwarten ist. Das heißt, ich versuche
mich daran, an unseren Orten
eine Art utopisches Publikum zu ermöglichen,
in dem Menschen in die
Buchhandlung oder in unser Café
kommen und etwas vollkommen
Unerwartetes erleben. Wir machen
z.B. auch Elektroveranstaltungen,
die aber weit über das sonst Gängige
hinausgehen, weil es noch analog
erzeugte elektronische Musik mit
Synthesizern etc. ist. Auf der einen
Seite kommen dadurch sehr junge
Menschen zu uns, auf der anderen
Seite passiert es eben auch, dass eine
80-Jährige das erste Mal in ihrem
Leben auf einmal auf einer Elektroparty
landet, weil der Kontext es ihr
ermöglicht. Dieses Schwingen zwischen
dem Publikum passiert mittlerweile
durch alle Genres und Veranstaltungsarten.
Was ist das Kulturportfolio vom
Aegis Café?
Rasmus Schöll: Ich würde sagen,
wir sind enorm breit und gleichzeitig
unglaublich kompromisslos. Wir
machen Theater, Konzerte von Klassik
bis elektronischer Musik, Lesungen,
Kunst und Perfomance-Ideen,
Kamishibai Theater für Kinder, aber
auch Diskussionsrunden und Lesekreise.
Das Wichtigste sind die Menschen,
mit denen wir zusammenarbeiten,
dass diese den Ort verstehen
und was mit diesem Ort gemeint ist,
wie es zum Beispiel mit Joo Kraus der
Fall ist. Es geht um Leidenschaft und
Feuer für die Kultur, aber eben auch
um die Begeisterung und Freude,
etwas in diese Welt zu bringen, was
sie besser macht. Und natürlich um
Qualität, die immer mit Professionalität
verbunden ist.
Ist es immer noch eine Investition
oder mittlerweile eine Win-win-
Situation für Ihr Kerngeschäft, den
Buchhandel?
Rasmus Schöll: Ich glaube Kultur
ist monetär betrachtet immer eine
Investition und es gäbe zum Geldverdienen
so viel Klügeres … Aber
gleichzeitig ist es das Beste, was ich
tun kann. Geld ist für mich eine Ermöglichung,
um Dinge zu tun, aber
nie ein Grund, warum ich Dinge tue.
Mit Sicherheit investiere ich sehr
viel Lebenszeit, die niemals finanziell
entlohnt wird (welchem Kulturschaffendem
geht es anders?), aber
gleichzeitig dürfen Sie sich mich als
einen sehr glücklichen Menschen
vorstellen – der eben einfach nur
ab und zu Geldsorgen hat. Es gibt
schlimmere Sorgen und Wichtigeres
auf der Welt.
Wie finanzieren Sie die Veranstaltungen
und in welchen Partnerschaften,
damit es ein kalkulierbares
Risko ist?
Rasmus Schöll: Wir haben vor über
zehn Jahren einen Kulturverein gegründet,
um eben dem Missverhältnis
von Geld und wie dieses in der
Kultur wirkt (viel zu wenig), Rechnung
zu tragen, ich bin kein Träumer
– aber ich möchte, dass wir uns
als Veranstalter am Ende in die Lage
bringen, die Musiker und Kulturschaffenden
in der Form zu bezahlen,
dass diese sehr gut leben können
und eben das tun, was sie am besten
können, Kunst schaffen. Und ich
sehe genau darin meine Aufgabe: zu
ermöglichen.
Wir sind leider noch nicht da, wo ich
damit zufrieden wäre. Aber es ist ein
Weg, den wir gehen.
Sind Sie in Ihrem persönlichen
Plan und mit dem Erfolg zufrieden?
Rasmus Schöll: Die Antwort ist sehr
einfach. Ja, ich bin glücklich und
unendlich dankbar, dass ich das tun
kann, was ich tue, und das ist mehr
Erfolg, als ich mir je erhofft hätte.
Wie ist die Akzeptanz des Aegis
Cafés innerhalb des Ulmer Kulturlebens
und wie und in welchen
Formaten arbeiten Sie mit anderen
Kulturträgern zusammen?
Rasmus Schöll: Es ist ja immer etwas
schwierig, von ganz innen nach außen
zu blicken, aber ich glaube, wir
stellen innerhalb der Ulmer Kulturszene
als komplett unabhängige Einrichtung
ein Singulär da und spielen
dementsprechend eine Vorreiterrolle.
Wer muss eines Tages im Aegis
Café auftreten? Die Top drei Ihrer
persönlichen Wunschliste.
Rasmus Schöll: In dieser Welt:
1. Patti Smith 2. Radiohead 3. Cat
Power. In einer anderen Welt: 1.
The Beatles 2. The Doors 3. Amy
Winehouse
www.jookraus.com
www.instagram.com/joo_kraus/
www.aegis-literatur.de
www.aegis-cafe.de
www.instagram.com/aegis.buchhandlungen
www.instagram.com/aegis.cafe
Mit dem Jazzkeller Sauschadall
seit 1962, dem Verein für moderne
Musik, dem Klanghaus Festival im
Stadthaus und dem alternativen
Kulturzentrum ROXY gibt es vier
Player, die sich dem Jazz widmen.
Aber ein eigenes Festival dieses
Genres gab es bisher nicht in Ulm.
Warum eigentlich?
Innenhof Aegis Café | © Rasmus Schöll
26 | Green Culture
CAROL | 2025
Kultur –
treibende Kraft für
nachhaltige
Entwicklung
Der Mensch und die Natur – kultureller Mut zum Wandeln
Bergolo | © Kai Geiger
Das Klimathema ist in aller Munde, wenn auch unterschiedlich und zum Teil hoch emotional
besetzt. Die Diskussionen um unser Leben und für und gegen Klimawandel sind von immer
mehr Wissen, neuen Erkenntnissen, neuen Verfahren, Engagement, großen Anstrengungen und
ersten Erfolgen geprägt genauso wie von Stammtischparolen, gefährlichem Halbwissen und politischem
Gerede, die den Fluch über den Segen stellen und Donald Trump für den Ausstieg aus
dem Pariser Klimaabkommen bejubeln.
Kultur kommt in diesem Prozess und der Erreichung der Klimaziele
eine wichtige Rolle zu und die Beschäftigung und
Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit sollte ein Muss in jeder
Kultureinrichtung und im inneren Dialog jeder einzelnen
Künstlerin und jedes Künstlers sein.
Kultur in all ihren Facetten, Ausdrucksformen und Bedeutungen
muss demnach das Herzstück eines jeden Wandels in der
menschlichen Entwicklung bilden, das Verhältnis von Menschen
und Natur zu überdenken und unsere kulturelle Vorstellungskraft
mit Blick auf eine lebenswerte, nachhaltige Zukunft
anzuregen.
„Kultur ist das Fundament unserer Gesellschaft. Sie hilft uns,
uns selbst zu hinterfragen und die Veränderungen vorzunehmen,
die uns wichtig erscheinen“, unterstrich die damalige
EU-Kulturkommissarin Mariya Gabriel schon anlässlich der
UNESCO Weltkulturkonferenz 2022 in Mexiko und forderte
die Kultur direkt zu mehr Anstrengungen, einem Umdenken,
Wandel und einem größeren Einsatz für die Erreichung der Klimaziele
vom Pariser Klimaabkommen auf.
Klimaschutz ist nur möglich, wenn die gesamte Gesellschaft
sich auf den Weg zu mehr Nachhaltigkeit begibt. Dabei kommt
es gerade auch auf Kultureinrichtungen an, etwa als Motivatoren
und Vorbilder. Kunst und Nachhaltigkeit sind wichtige gesellschaftliche
Ziele. Es braucht Nachhaltigkeit, um die Kunstfreiheit
auch für die Zukunft zu sichern.
Wichtige Handlungsfelder zur Verbesserung des Klimaschutzes
in Einrichtungen sind die Bereiche Management, Wärme,
Strom, Wasser, Mobilität, Abfall und Gebäude.
Das Erreichen dieser Ziele ist allerdings nur möglich, wenn sich
die Gesellschaft als Ganzes der Herausforderung des Klimawandels
stellt und sich aktiv bei der Gestaltung einer nachhaltigeren
Welt einbringt. Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Verwaltung
und Politik stehen in der Verantwortung.
Es gibt eine Vielzahl von Maßnahmen, die zu ergreifen sind,
um einen Beitrag zu leisten und Kultur in einem nachhaltigen
Rahmen zu ermöglichen.
Orchester, Rundfunkklangkörper, andere Kulturinstitutionen
sowie freischaffende Musikerinnen und Musiker sind lebendige
Kulturakteure ihrer Stadt oder Region. Sie bringen die klimapolitische
Diskussion, vor allem jedoch die überfällige Umsetzung
notwendiger Maßnahmen, mit den Mitteln der Kunst
voran. Sie inspirieren, begeistern und zeigen, dass Veränderung
positiv begleitet und gestaltet werden kann. Sie können
die Sehnsucht nach einer umweltschonenden Lebensweise bei
jedem Einzelnen wecken. Sie können mit gutem Beispiel vorangehen.
Damit haben sie auch die Chance, neue Publikumsschichten
anzusprechen, zum Beispiel mit Konzertformaten,
die die Umwelt thematisieren. Durch Kooperation und Vernetzung
mit Akteurinnen und Akteuren aus der Nachhaltigkeitsszene
steigen Akzeptanz und Verankerung in den jeweiligen
lokalen Zusammenhängen.
Carlos Garaicoa, Images Vevey | © Kai Geiger
Echte Klimaschutzanstrengungen in den Kulturbetrieben
selbst ermöglichen finanzielle Einsparungen, die ins Gewicht
fallen. Werden sie von Anfang an richtig konzipiert, ist die
Umsetzung oft leichter und lustvoller als erwartet.
CAROL | 2025 Green Culture | 27
Folgende Fragen stehen hierbei
unter anderem auf der Agenda:
Ökologisches Gleichgewicht zwischen Proben und Aufführungen
Renovierung, Optimierung und Umstellung auf neue Energieträger
von Proben- und Veranstaltungsorten
Berücksichtigung ökologischer Gesichtspunkte
bei der Auswahl von
Gästen, Gastdirigentinnen und -dirigenten,
Solistinnen und Solisten
sowie Orchesteraushilfen
Planung von nationalen, internationalen
und interkontinentalen Orchestertourneen
nach ökologischen
und ökonomischen Gesichtspunkten
Planung der Veranstaltungsorte in
einer geografisch sinnvollen Reihenfolge
und Vermeidung von einzelnen
Auftritten in Fernreisezielen
Francesco Bergolo
Reisen nach Möglichkeit mit dem Zug, Bus oder Schiff
Bevorzugung von Hotels, die sich zur Einhaltung ökologischer
Standards verpflichten
Einhaltung der einschlägigen ökologischen Standards und
Zertifizierungen bei der Verpflegung von Mitarbeitenden
und Publikum in Kantinen und Restaurants
Bevorzugung nachhaltiger Methoden bei der Zusammenarbeit
mit externen Dienstleistern, insbesondere bei der Produktion
von CDs und DVDs (zum Beispiel Vermeidung von
Kunststoff- und Filmverpackungen)
Reduzierung der Kosten für den Kartenverkauf (Druck, Porto
und Versand) durch Online-Tickets auf dem Smartphone
oder Print@Home
Drucksachen in Auflage und Verteilung hinterfragen und
durch etwaige andere Druckformate (zum Beispiel Postkarte
mit QR-Code) oder Online-Angebote ersetzen
Verwendung digitaler Notenmaterialien (Abspielen vom
Tablet)
Vollständige Digitalisierung des Musikarchivs und des Orchestermaterials
Eine konsequente Nachhaltigkeitsstrategie im Bereich Marketing
und Kommunikation, die auf eine gezielte Zusammenarbeit
mit ökologisch orientierten Partnerunternehmen
sowie Klima- oder Umweltkompensationsprojekten
setzt
In CAROL widmen wir uns erstmals diesem Thema. Nach
ZBIGGY im letzten Jahr erscheint auch CAROL nur digital und
wird zusätzlich mit einer Postkarte mit QR-Code umworben,
um unseren Beitrag zu leisten und einen ökologischen Fußabdruck
zu hinterlassen.
Zusätzlich engagieren wir uns in dem spannenden Projekt Soil
Music in Freiburg und Sankt Peter im Schwarzwald, über das
wir mit den Initianten Silke und Ralf Schmid von der Pädagogischen
Hochschule und Musikhochschule Freiburg sowie mit
Isabell Blattmann (Architektin und Landwirtin) und Tim Taylor
(Landwirt) vom Steingrubenhof Sankt Peter und Andreas
Dorne (Professor für Musikpädagogik) vom Holistic Compost
Lab gesprochen haben.
Wanas Konst, Knislinge Sweden | © Kai Geiger
Zusätzlich sprachen wir mit Jacob Sylvester Bilabel, Projektleitung
Green Culture Anlaufstelle des Aktionsnetzwerk Nachhaltigkeit,
einer spartenübergreifenden Anlaufstelle für das
Thema Betriebsökologie im Bereich Kultur und Medien. Mit Johannes
Schwarz, Fagottist im Ensemble Modern sprachen wir
über Nachhaltigkeit im Orchesterbetrieb und mit Jakob Fraisse
von der jazzahead! Bremen über die Green Touring Initiative
der jazzahead!.
Quellen: Green Culture – Klimaschutz für Landeskultureinrichtungen
(Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg,
2022) / Unisono, Deutsche Musik- und Orchestervereinigung, Nachhaltigkeit
im Orchester- und Konzertbetrieb
Cascina Crema, Cortemillia | © Kai Geiger
Filmabend Noirmoutier-en-l’Ille | © Kai Geiger
28 | Green Culture
CAROL | 2025
Green Culture Festival 2024 im Park Sanssouci, Potsdam | © 414films
Green Culture Anlaufstelle
Die Green Culture Anlaufstelle wurde ins Leben gerufen, um Kulturschaffende,
Kulturinstitutionen und Kreative dabei zu unterstützen, nachhaltiger zu werden.
Die Green Culture Anlaufstelle führt
Sprechstunden zur Erstberatung von
Kultur- und Medieneinrichtungen
in Deutschland durch. Das Angebot
richtet sich an unterschiedliche
Akteur:innen, die sich mit Umwelt-
und Klimaschutzfragen in der
Kultur- und Medienproduktion beschäftigen.
Sie erhalten zielgerichtete
Handlungsempfehlungen unter
Berücksichtigung der ihnen zur
Verfügung stehenden Ressourcen.
Zudem können sie sich über andere
bestehende Förderprogramme von
Bund, Ländern und Kommunen
informieren. Das Beratungsangebot
wird vom Bund aus dem Etat der
Staatsministerin für Kultur und Medien
gefördert.
www.greenculture.info
INTERVIEW
Wir sprachen mit dem
Projektleiter Jacob Bilabel.
Wie unterstützen Sie Kultureinrichtungen
und -schaffende?
Jacob Bilabel: Wir haben die Green
Culture Anlaufstelle des Bundes
ins Leben gerufen, um die Kultur-,
Kreativ- und Medienbranchen bei
der ökologischen Transformation
zu unterstützen und sie für die Herausforderungen
der Zukunft fit zu
machen. Durch Wissensvermittlung,
individuelle Beratung und
Vernetzung steht die Green Culture
Anlaufstelle dem Kultursektor stets
zur Seite. In einem partizipativen
Prozess wird dabei ein bundesweites
Netzwerk aus Akteur:innen der
Kultur, Politik, Wissenschaft, Wirtschaft
und Zivilgesellschaft kontinuierlich
ausgebaut.
Als Kompetenzzentrum strebt die
Anlaufstelle auch eine enge Zusammenarbeit
mit anderen Institutionen
und Verbänden an, wodurch
Allianzen entstehen. Im Rahmen
bundesweiter Workshops und Netzwerktreffen
kommen wir regelmäßig
an unterschiedlichsten Orten im
gesamten Bundesgebiet zusammen.
So werden wir etwa demnächst in
Kooperation mit dem Niedersächsischen
Ministerium für Wissenschaft
und Kultur und der Bundesakademie
für Kulturelle Bildung
im Künstlerhaus Hannover sowie
gemeinsam mit der Akademie für
Theater und Digitalität bei der Dortmunder
Green Culture Week Workshops
durchführen.
Darüber hinaus bietet die Green Culture
Anlaufstelle digitale Beratungsund
Wissensformate an. So können
sich Kulturinstitutionen jederzeit bei
uns für eine individuelle Sprechstunde
anmelden, in der unser Team im
Rahmen einer Erstorientierung Tipps
für initiale Maßnahmen gibt und zu
den Kernthemen Energieeffizienz,
Klimabilanzierung, Kreislaufwirtschaft,
Widerstände sowie Reporting
und Managementsysteme berät.
Ein besonderes Highlight ist zudem
das jährlich stattfindende Green
Culture Festival, das nach der Premiere
im Potsdamer Park Sanssouci
in diesem Jahr (12. & 13. Juni) bei
PACT Zollverein in Essen stattfinden
wird, diesmal unter dem Leitthema:
„Handabdruck der Kultur – Wer
wollen wir gewesen sein?“
An wen oder was richten sich Ihre
Angebote?
Jacob Bilabel: In Deutschland
gibt es ca. 20.000 Kulturinstitutionen,
von Bibliotheken, Museen
und Opernhäusern über Festivals
bis hin zu kleineren Initiativen.
Unser Angebot ist für alle da, also
sparten- und sektorübergreifend.
Das funktioniert, weil wir Schwerpunktthemen
und diesbezügliche
Lösungsansätze definiert haben, die
für alle Gültigkeit besitzen. Wir entwickeln
Standards, Werkzeuge und
Prozesse, die wir kostenlos zur Verfügung
stellen.
Wo stehen Sie nach eineinhalb
Jahren? Wie wird Ihr Angebot angenommen?
Jacob Bilabel: Sehr gut. Seit Anfang
letzten Jahres haben wir etwa
1.500 Menschen beraten. Die Termine
sind oft überbucht, der Bedarf
ist also groß. Das liegt wohl auch
oder vielleicht gerade daran, dass
Themen wie Energieeffizienz immer
wichtiger werden, weil sie mit ganz
konkreten und oft auch notwendigen
Einsparungen verbunden sind.
Welche Sparten sind hierbei am
engagiertesten und wo gibt es
noch Luft nach oben?
Jacob Bilabel: Unsere Angebote
richten sich tatsächlich an alle und
werden auch von den unterschiedlichsten
kulturellen Institutionen
und Akteur:innen an- und wahrgenommen.
Können Sie uns ein paar Good
Practice-Beispiele nennen?
Jacob Bilabel: Ein Leuchtturm ist
der im Herbst 2023 von allen maßgeblichen
Akteur:innen entwickelte
und von der Kultusministerkonferenz
beschlossene einheitliche
Standard zur Klimabilanzierung
Klimabilanz Kultur (KBK). Er ist
auf die Bedürfnisse des Kultursektors
abgestimmt, von allen Verbänden
verabschiedet worden und
europaweit bisher einzigartig. Der
KBK schafft spartenübergreifende
Transparenz und Vergleichbarkeit,
was das Thema Klimabilanzierung
im Kulturbereich betrifft, und hilft
Akteur:innen, ihre eigenen Aktivitäten
mit denen anderer abzustimmen
und abzugleichen. Im Zusammenhang
damit wurde auch der
CO 2 -Kulturrechner entwickelt, ein
einfach zu bedienendes Tool, mit
dem die Klimabilanzierung Schritt
für Schritt vorgenommen werden
kann.
Ein weiterer Meilenstein ist das Projekt
Sprint20. Durch konkrete Beratungsprozesse
in unterschiedlichsten
Institutionen wurde hier ein
Handbuch für Energieeinsparungen
in der Kultur entwickelt. Dabei stellt
Sprint20 nicht nur eine Reaktion
auf die bestehende Energiekrise dar,
sondern soll gleichzeitig der Kultur
helfen, den Transformationsprozess
in Richtung resilienter Energiebezugs-
und Verbrauchssysteme
zu beschleunigen. Im Rahmen des
Projekts wurden im Durchschnitt
24,1 % Einsparungen der Kosten für
Primärenergie realisiert.
Klimaschutz ist mehr als notwendig,
bedeutet jedoch je nach Bedarf
erst einmal eine nicht unerhebliche
Investition. Dieses Geld
steht in der Kultur grundsätzlich
zur Disposition, wie die jüngsten
schmerzhaften Budgetkürzungen
allerorts zeigen. Schränkt das Ihren
Handlungsspielraum ein?
Jacob Bilabel: Besonders seit Russlands
Angriff auf die Ukraine und
den daraus folgenden energiepolitischen
Weichenstellungen sind die
Energie-, Transport- und Materialkosten
auch im Kultursektor erheb-
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Green Culture Festival 2024 im Park Sanssouci, Potsdam | © 414films
lich gestiegen. Das heißt, dass Energieeffizienz,
Wertstoffkreisläufe und
andere Aspekte, die früher mit dem
vermeintlichen Luxusthema Klimaschutz
oder Nachhaltigkeit verbunden
wurden, nun umso dringlicher
bearbeitet werden müssen. Das ist
einfach eine betriebswirtschaftliche
Notwendigkeit. Investitionen in die
Nachhaltigkeit sind noch mehr zu
essenziellen Zukunftsinvestitionen
geworden, mit denen mittel- und
langfristig erhebliche Einsparungen
realisiert werden können.
Stichwort Kulturbauten: Die Diskussionen
um ausufernde Renovierungen,
teure Zwischenlösungen
und/oder Neubauten in Köln,
Stuttgart oder München sind für
die „Volksstimme“ und etwaige
Bürgerbegehren weder in die eine
noch in die andere Richtung von
Vorteil. Wie dienlich oder kontraproduktiv
sind diese Projekte für
die Sache und Ihre Arbeit?
Jacob Bilabel: Die energetische Sanierung
von Gebäuden und der
effiziente Umbau im Hinblick auf
Heizung, Lüftung und Kühlung sind
ein Schlüsselthema. Gerade bei historisch
gewachsenen Kulturinstitutionen
haben wir es oft mit Gebäuden
zu tun, die aus Zeiten stammen, in
der Energieeffizienz eben noch keine
Rolle gespielt hat, oft repräsentative,
meist auch denkmalgeschützte Bauten
in Zentrumsnähe. Wie schaffen
wir es, diese Gebäude und damit
auch die darin beheimateten Institutionen
zukunftsfähig zu machen?
Sind Neubauten immer die smartere
Lösung? Das alles sind Fragen, die
man nicht generell und pauschal
beantworten kann, sondern immer
im jeweiligen Kontext diskutieren
muss.
Wie geht es weiter? Die Green Culture
Anlaufstelle wurde mit Unterstützung
der Ampel-Regierung mit
der Beauftragten der Bundesregierung
für Kultur und Medien, Claudia
Roth, geschaffen. Jetzt formieren
sich gerade neue Mehrheiten
mit womöglich anders gelagerten
Schwerpunkten, gerade im Bereich
Klima und Kultur. Wird dies
Ihre Arbeit tangieren, die Anlaufstelle
womöglich infrage stellen
oder ist diese langfristig verankert
und gesichert?
Jacob Bilabel: Die Green Culture
Anlaufstelle des Bundes wird seit
2024 von der Beauftragten der Bundesregierung
für Kultur und Medien,
Claudia Roth, gefördert. Träger ist
das 2020 gegründete Aktionsnetzwerk
Nachhaltigkeit in Kultur und
Medien, das bereits unter der Ägide
der damaligen Kulturstaatsministerin
Monica Grütters (CDU) ins
Leben gerufen wurde. Es gibt also
eine parteiübergreifende Kontinuität
und ein hohes Interesse an der
Lösung der anstehenden Herausforderungen
(Stichwort Energiekosten).
Dieser Konsens der Vernunft wird
von allen demokratischen Parteien
mitgetragen, was mir Gespräche mit
verschiedensten kulturpolitischen
Akteur:innen in den letzten Wochen
auch immer wieder bestätigt haben.
Wir wollen weg von Verlust, Verzicht
und Verbot, hin zu Wohlstand,
Wachstum und Wettbewerb in der
Kultur. Das sind Grundsätze, die
auch in der neuen Koalition grundlegend
sein werden.
Das Gespräch führte Kai Geiger.
JACOB BILABEL
Jacob Sylvester Bilabel, Projektleiter der Green Culture Anlaufstelle | © Gavin Evans
Seit 2023 leitet Jacob Sylvester
Bilabel den Aufbau der zentralen
Green Culture Anlaufstelle des
Bundes in Deutschland. Im Sommer
2020 startete er das Aktionsnetzwerk
Nachhaltigkeit in Kultur und Medien,
gefördert durch die Beauftragte der
Bundesregierung für Kultur und Medien.
Das Netzwerk wuchs seitdem
auf über 50 der wichtigsten kulturellen
Institutionen aus Deutschland,
Österreich und der Schweiz. Als
Teil eines Konsortiums entwickelte
er zudem die bundeseinheitlichen
kulturspezifischen Klimabilanzierungsstandards
KBK & KBK+ sowie
das kostenlose, dazu nutzbare Tool
der bundesdeutschen Kulturministerkonferenz.
2009 gründete Bilabel
die paneuropäischen Green Music
Initiative als eine branchenübergreifende
Denkfabrik. Die gemeinnützige
Initiative vereint heute mehr als 350
Festivals und 500 Veranstaltungsorte
in ganz Europa und erreicht mehr als
3 Millionen junge Europäer:innen.
30 | Green Culture
CAROL | 2025
Nachhaltigkeit
in der
Live-Branche
Green Touring Initiative der
jazzahead! 2025
Nachhaltigkeit in der Livemusik-Branche –
nicht bloß durch die Tourneen von Stadion-
Bands wie Coldplay ein viel diskutiertes Thema.
Festivals und Clubs bemühen sich, Müll
einzusparen und weniger Energie für Lichtund
Soundanlagen zu verbrauchen. Was zuweilen
übersehen wird: welche Strecken die
Künstler:innen zwischen den Konzerten zurücklegen.
Jazzahead! | © Kai Geiger
„Ökologisch ergibt es wenig Sinn, wenn eine Band aus Spanien
nur zur jazzahead! nach Deutschland reist“, sagt Sybille
Kornitschky, Leiterin der weltweit größten Jazz-Fachmesse in
Bremen. „Wir als jazzahead! möchten aktiv dazu beitragen,
Tourneen generell nachhaltiger zu gestalten. Besonders mit unserem
Tool für Green Touring namens CooProg Music, das wir
aktuell mithilfe unseres französischen Partners Zone Franche
entwickeln.“ Die Ergebnisse einer achtmonatigen Experimentierphase
mit CooProg Music werden der Öffentlichkeit auf der
jazzahead! 2025 präsentiert.
Bis dahin ist das jazzahead!-Team nicht untätig geblieben –
und startete eine Green Touring Initiative. Die jazzahead!
wird Interessierte verbinden, um nachhaltige
und effiziente Touren zu koordinieren. Alle
Partner:innen werden Teil des Green Touring
Networks und dürfen das neue Gütesiegel jazzahead!
Jury Selection 25 verwenden. Etablierte
Festivals und Clubs, aber auch alle anderen Bühnen,
zum Beispiel auch im ländlichen Raum, bekommen
so die Gelegenheit, ihrem Publikum die Jazz-
Headliner von morgen zu zeigen, die auf der Fachmesse dem
internationalen Publikum präsentiert werden. Die jazzahead!
bietet teilnehmenden Veranstalter:innen eine freie Registrierung
für Messe und Festival und Unterstützung bei PR-Maßnahmen
zur Tour-Promotion.
Im Oktober 2024 hat in Stockholm die erste
von der jazzahead! organisierte Green Pilot
Tour (ein Projekt des Europe Jazz Network EJN)
stattgefunden, mit der griechisch-deutschen
Bassistin Athina Kontou und ihrem Projekt
Mother. Kontou, in Frankfurt geboren und 2023
Showcase-Star der jazzahead! und für einen Deutschen
Jazzpreis nominiert, hat im Rahmen ihrer grünen
Tour acht Konzerte in Schweden geben. Dabei reiste die Künstlerin
ausschließlich mit dem Zug und engagierte sich mit ihrem
Quartett im Rahmen der Konzerte und in Workshops für
das Thema Nachhaltigkeit.
Detailliertes Fachprogramm unter www.jazzahead.de
INTERVIEW
Wir sprachen mit
Jakob Fraisse, der bei der
jazzahead! für das Thema
Green Touring zuständig ist.
Das Thema Klima ist in aller Munde
und ganz unterschiedlich besetzt.
Spätestens seit der Schaffung
der Anlaufstelle für Green Culture
der Bundesregierung im September
2023 hat das Thema Klima die
Kultureinrichtungen erreicht. Sie
haben im Oktober 2024 das Green
Touring Network der jazzahead!
ins Leben gerufen, das ein Teil einer
neuen kooperativen Booking
Initiative sein soll.
Wie kam es dazu, was beinhaltet
die Initiative und welche Ziele verfolgen
Sie?
Jakob Fraisse: Nachhaltigkeit in
der Livemusik-Branche ist nicht nur
bloß durch die Tourneen von Stadion-Bands
wie Coldplay ein viel diskutiertes
Thema. Festivals und Clubs
bemühen sich seit Jahren zunehmend,
Müll einzusparen, weniger
Energie für Licht- und Soundanlagen
zu verbrauchen und vieles mehr.
Was aber lange übersehen wurde:
welche Strecken die Künstler:innen
zwischen den Konzerten zurücklegen
und welchen Impakt Mobilität
von Besucher:innen auf den ökologischen
Fußabdruck von Veranstaltungen
hat. Bei der Frage der Mobilität
von Künstler:innen setzen wir mit
unserer Initiative an. Unser Ziel ist es
dabei, wegzukommen vom Solo-Gig,
hin zu längeren Tourplanungen entlang
von sinnvollen Routen.
Unsere DNA bei der jazzahead! ist
es, in Netzwerken zu denken. Das
kooperative Booking baut ebenfalls
auf Netzwerke auf. Diese müssen
bestmöglich miteinander und untereinander
kommunizieren. Und
das wiederum ist die initiale Idee
hinter einem digitalen Tool, was genau
das ermöglichen soll, nicht nur
in Deutschland, sondern europaweit
und irgendwann sogar darüber hinaus.
Mit einem Green Touring Tool
bieten wir Veranstalter:innen die
Möglichkeit, sich mittels einer intelligenten
Tourplanung aktiv an der
Reduzierung des CO2-Ausstoßes zu
beteiligen.
Wir waren nicht alleine mit dieser
Idee, sondern sind bei unserer Recherche
schnell auf unseren französischen
Partner ONDA (das nationale
französische Büro für die Verbreitung
zeitgenössischer darstellender Kunst)
gestoßen, der eine derartige Idee bereits
im Bereich der Performing Arts
entwickelt hatte. Mit unserem aktuellen
Partner Zone Franche (Netzwerk
für Global Music) sind wir auf
Gleichgesinnte gestoßen, die für den
Bereich der aktuellen Global Music
die gleichen Zielvorstellungen hatten.
An wen oder was richtet sich Ihre
Initiative?
Jakob Fraisse: An alle Veranstalter:innen
in Städten und ländlichen
Räumen in Deutschland und
Frankreich und mittelfristig auch in
ganz Europa. Letzteres gilt, wenn wir
es schaffen, im nächsten Schritt eine
EU-Förderung für unser Vorhaben zu
erhalten. Natürlich wenden wir uns
dabei an Clubs und Festivals, aber
eben auch an kleinere Bühnen, die
sonst gar nicht oder nur selten Teil
von Tourplanungen waren. So gesehen
ist es auch eine Idee, Kultur in
ländlichen Räumen zu stärken.
Sie bieten ein Green Touring Tool
an. Was muss man sich darunter
vorstellen und welche Maßnahmen
beinhalte das Tool hinsichtlich
Transporte & Travel, Energie,
Licht & Sound und im Bereich der
Kommunikation?
Jakob Fraisse: In einem langen Prozess
haben wir diese und andere Fragen
im Zuge eines Arbeitsprozesses
mit Veranstalter:innen, die sich als
Pilots bereiterklärt haben, daran mitzuwirken,
versucht zu beantworten.
Aktuell befinden wir uns in der Programmierphase
und freuen uns, dass
das Ergebnis bei der jazzahead! erstmalig
präsentiert werden kann.
Wer sind ihre Partner:innen im
Netzwerk?
Jakob Fraisse: Für das Green Touring
Tool arbeiten wir mit unseren französischen
Partnern Zone Franche –
Le Réseau Des Musiques Du Monde
und ONDA – Office national de diffusion
artistique zusammen.
Wo stehen Sie rund einen Monat
vor der jazzahead! mit Ihrer Initiative
und wie wird das Thema auf
der jazzahead! dargestellt und thematisiert?
Jakob Fraisse: Die Initiative Green
Touring Network befindet sich derzeit
noch im Aufbau und setzt sich
noch aus eher „handverlesenen“
Partner:innen zusammen. Der Ausbau
dieses Netzwerks soll vor allem
in der nächsten Projektphase vorangetrieben
werden, dann aber mithilfe
eines Tools.
Ihre Gedanken gehen sicherlich
auch in das Innenleben der jazzahead!
und der Messe Bremen.
Welche Maßstäbe setzen Sie für die
diesjährige und zukünftige Aufgaben
der jazzahead! hinsichtlich ihres
CO 2 -Fußabdrucks an?
Jakob Fraisse: Zunächst versuchen
wir, deutlich weniger Werbemittel
zu produzieren, die dann im Nachgang
der jazzahead! weggeschmissen
werden müssten. Wir reduzieren die
Auflage unserer eigenen Programmbroschüre
und verlagern unsere
Kampagnen zunehmend in den Bereich
des Online-Marketings. Auch
auf gedruckte Einlagen in unserer
(nachhaltig produzierte) jazzahead!-
Tasche werden wir weitestgehend
verzichten.
Wir achten zudem auf die Einlagerung
und Wiederverwendung von
Schildern, Bannern und anderen
Druckerzeugnissen. Mit unseren
Gastronomen haben wir vertragliche
Regelungen, die sie dazu anhalten,
auf Wegwerfgeschirr zu verzichten
und generell so wenig Plastik wie
möglich zu verwenden.
Und schließlich gibt es natürlich die
thematische Auseinandersetzung im
Rahmen unseres Fachprogramms in
zahlreichen Präsentationen, Panels
und Workshops.
Wie geht es nach der jazzahead!
weiter, damit diese sehr wichtige
Initiative nicht verpufft?
Jakob Fraisse: Im nächsten Schritt
soll es um die Verbreitung des Tools
gehen. Dieses Vorhaben werden
wir über die nächsten Jahre verfolgen
und sicherstellen, dass das Tool
flächendeckend in Anwendung
kommt.
JAKOB FRAISSE
ist Kulturmanager, Sozial- und
Kulturwissenschaftler und Musiker.
Er hat die deutsche Jazzszene durch
seine Arbeit für die jazzahead!, die
Deutsche Jazzunion und das Jazzfest
Berlin kennengelernt. Er ist Co-Autor
der Jazzstudie 2022 und des Berichts
zur Situation des Jazz in Deutschland
2024. Bei der jazzahead! ist er für
die Themen Partnerland, CLUBNIGHT,
Green Touring und Improvisation und
Jazz für Kinder zuständig.
CAROL | 2025 Green Culture | 31
Nachhaltigkeit im
Orchesterbetrieb
Das Ensemble Modern als international tätiges Musikensemble will seinen Beitrag zur
ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit gezielt weiter ausbauen. Dies gilt sowohl
für die Konzertreisen als auch die Nutzung seines Domizils in Frankfurt am Main für
Proben, Konzerte und Verwaltung. Die wichtigsten Aspekte sind dabei Klimaschutz,
Ressourceneffizienz und Energieeinsparung.
Die komplexe Thematik der nachhaltigen Beschaffung
von Produkten und Dienstleistungen sowie der schonende
Umgang mit ressourcenverbrauchendem Material
ist Schwerpunkt des Maßnahmenkatalogs. Das zeigt sich
auch bei einer umweltfreundlichen Reiseplanung mit Vermeidung
von Flugreisen und PKW-Fahrten, wo immer
möglich.
Dies ist nur bei gezielter Einbindung, Motivation und
Schulung der Künstler:innen und Mitarbeiter:innen möglich.
Umweltbewusstes Handeln am Arbeitsplatz, Einhaltung
bindender Umweltpflichten und die Verantwortung
INTERVIEW
Wir sprachen darüber mit
Johannes Schwarz, Fagottist
im Ensemble Modern.
Welche konkreten Maßnahmen
mit welchen Konsequenzen und
Ergebnissen haben Sie bereits umgesetzt?
Johannes Schwarz: Das Thema
„Umweltfreundliche Zukunft bei
Ensemble Modern GbR | © Salome Roessler
für die Gesellschaft gilt es im Denken und Handeln aller
als Selbstverständlichkeit zu verankern.
Klimaschutz im Kulturbereich wird im Ensemble Modern
als komplexes Thema anerkannt und durch das bestehende
Umwelt-Monitoring kontinuierlich weiterentwickelt.
Das Ensemble Modern hat 2023 das ÖKOPROFIT® Zertifikat
erhalten. Das ÖKOPROFIT®-Programm, in dessen
Rahmen die Umweltleitlinie entwickelt wurde, unterstützt
Unternehmen in Frankfurt am Main und im Rhein-Main-
Gebiet bei der Verbesserung ihrer Umweltleistungen.
Kulturensembles“ wurde von mir
2021 aufgebracht und mit dem offiziellen
Angebot „Ökoprofit“ der
Stadt Frankfurt verknüpft. Ein umfassendes
Screening bzgl. umweltrelevanter
Themen wurde 2022 beim
Ensemble Modern GbR | © Wonge Bergmann
Ensemble Modern durchgeführt
und mit einem Zertifikat erfolgreich
abgeschlossen. Dabei wurde
ein an unsere Wirkungsstätte in
Frankfurt am Main sowie an unseren
Tätigkeitsbereich angepasster
Maßnahmenkatalog erarbeitet
und für zukünftige Erweiterungen
aufgesetzt. Dieser Katalog hat jetzt
schon sehr pragmatische Handlungen
angestoßen: umweltfreundliche
Investitionen in Bürotechnik
(generalüberholte Endgeräte,
Stromabschalter, Drucker, Papier,
Toner, Stromverbrauch im Allgemeinen,
Ressourcenschonung), anpassen
der Heizungsleistung und
Beleuchtungsequipment in den unterschiedlichen
Arbeitsetagen unseres
Standortes in Frankfurt, bis hin
zur Mülltrennung. Ein Klimaboard
wurde eingerichtet, das permanent
aktuelle Daten zum Klimawandel,
zum Umgang im Kostenbereich
und z.B. Infos über Umweltlabel
u.Ä. zur Verfügung stellt. Hier werden
Sparmaßnahmen beim Einkauf
bis hin zu umweltfreundlichen
Stromtarifen dargestellt und über
aktuelle Ergebnisse des Ensemble
Modern berichtet. Eine Sensibilisierung
sämtlicher Mitarbeitenden
im Projektmanagement bis zu den
Musiker:innen wird ständig mit aktuellen
Informationen vorangetrieben.
Die Anreisen zu den Konzertorten
der Musiker:innen werden
nach den anfallenden Bahnfahrtkosten
kalkuliert. Bei Bahnfahrten
über acht Stunden werden die möglicherweise
parallel nutzbaren Flüge
mit geringerem Dienstaufwand
berechnet. Eine CO2-Kompensation
der Flüge wird konsequent angewendet.
Eine Umweltleitlinie für
den gesamten Tätigkeitskomplex
wurde entwickelt und kann im geschäftlichen
Bereich zur Sprache
gebracht werden.
Welche Ziele haben Sie sich in
welchem Zeitrahmen im Bereich
der ökologischen und sozialen
Nachhaltigkeit gesetzt?
Johannes Schwarz: Die bisher
eingeführten Maßnahmen sollen
fortgeführt werden. Das Heizungssystem
soll in ein bis zwei Jahren
saniert und ausgetauscht werden
(die Entscheidung liegt beim Vermieter),
um somit aktuellen Anforderungen
zu entsprechen. Ebenfalls
wurde ein sparsamerer Transport-
LKW angeschafft.
Wie ist die Teilhabe und Akzeptanz
bei den Künstler:innen und
Mitarbeiter:innen für das Thema
und die Maßnahmen?
Johannes Schwarz: Die Akzeptanz
bei allen Beteiligten im Ensemble
Modern ist sehr hoch. Die Teilhabe
teilweise gemischt (es gibt immer
noch Flugreisende bei Strecken, die
andere mit der Bahn zurücklegen).
Im Büro und Projektmanagement
hat sich ein sehr deutliches Verhalten
pro Energie- und Ressourcensparen
durchgesetzt, das auch in
der Projektierung der Konzertreisen
konsequent beachtet wird.
Wo stoßen Sie an Grenzen, wo
Wunschdenken und Realität
nicht zu vereinen sind?
Johannes Schwarz: Bei unserem
international wirkenden Ensemble
stehen immer wieder die zusätzlichen
Kosten von Flugkompensationen
und Reisekosten zur Diskussion.
Weiterhin ist problematisch, dass
wir nur Mieter der Immobilie in
Frankfurt sind, und daher unser
Einfluss auf eine energieeffiziente
Heizung und energetische Sanierung
enge Grenzen hat.
Wunschdenken hört leider dort
auf, wo der allgemeine Tätigkeitsrahmen
aller Beteiligten in diesem
Ensemble gesprengt wird: Finanzielle
Sicherheit steht bei diesem
freischaffenden Ensemble (wir sind
eine GbR!) an erster Stelle, und
man muss permanent Wege finden,
Umweltleitlinien gleitend in das
Tagesgeschäft einfließen zu lassen.
Auch längere Zugfahrten innerhalb
Europas wären z.B. möglich, wenn
die Projektplanungen aus Kostengründen
nicht so eng gestaltet und
z.B. auf Kosten eines zusätzlichen
Erholungstages vor Ort eingespart
werden müssten. Hier gilt es wiederum,
mit den Veranstaltern zu
reden und den herrschenden Kostendruck
zu minimieren.
Es existiert auch noch kein dem
Thema entsprechendes und ausschöpfendes
Werbeverhalten der
Veranstalter. Mit dem umweltfreundlichen
Verhalten der Ensembles
oder Orchestern werben – und
Publikum auf das Thema aufmerksam
machen? –, das findet man
noch nicht als anspornenden Konsens
in der Veranstalterszene des
konventionellen Musikbusiness.
Festivals in den Bereichen Jazz/Pop
usw. haben da teilweise schon mehr
Erfahrung und Ansätze, sind aber
im Gegensatz zu uns eben auch nur
zeitlich begrenzt geschäftlich tätig.
Der Ansporn, etwas Umweltrelevantes
zu tun, kommt meist von
den Ensembles und den Mitgliedern
selbst, insofern streckt man
sich im Business immer nur nach
dem kleinsten möglichen Machbaren,
sprich: der große Wurf in der
Kulturszene fehlt, um Umweltrelevanz
ganz klar als eine allgemeine
Marketinggrundlage zu verstehen,
einzusetzen, und mit dem Publikum
zu verbinden (z.B. Ticketpreise
transparent mit Umweltprozessen
verknüpfen und staffeln etc.).
www.ensemble-modern.com
frankfurt.de/themen/klima-und-energie/
energie/gewerbe-und-energie/oekoprofit
www.johannes-schwarz.comw
JOHANNES
SCHWARZ,
FAGOTT
Johannes Schwarz arbeitet seit
2003 als Solofagottist im Ensemble
Modern mit innovativen
Komponist:innen und Künstler:innen
zusammen und ist als Solist und
Kammermusiker in über 25 CD-Produktionen
zu hören, mit denen er ein
extrem weites künstlerisches Spektrum
abdeckt: zeitgenössische Solound
Ensemble-Werke, klassische und
barocke Musik auf Originalinstrumenten,
freie Improvisationen und
eigens für ihn entwickelte Werke mit
Einsatz von Live-Elektronik, bis hin zu
Aufnahmen im Heavy-Metal-Bereich.
Bei Soloabenden mit Elektronik
und solistischen Musiktheaterproduktionen
führt er gerne diese
Bereiche wieder zusammen. Seine
Musikperformance „UNA SOLO“ mit
dem Dramaturgen-Duo Glogowski/
Hoesch wurde 2018/19 mehrfach
erfolgreich auf Festivals präsentiert
(Förderung des Landes Hessen). Er
ist ein gefragter Gast in namhaften
deutschen Orchestern (WDR, HR, BR),
Big Bands (WDR, HR, Wien), Kammermusikformationen
und freien
Improvisationsensembles. Seit 2005
ist er Lehrbeauftragter für neue
Kammermusik an der Hochschule
für Musik und Darstellende Kunst
Frankfurt, und seit Oktober 2022 an
der Staatlichen Hochschule für Musik
und Darstellende Kunst Stuttgart.
32 | Green Culture
CAROL | 2025
INTERVIEW
Wir sprachen mit Silke und
Ralf Schmid, die Soil Music
zusammen mit Andreas Doerne
vom Holistic Compost
Lab initiiert haben und die
sich gerade auf einem intensiven
und gesellschaftlich
„wilden“ Forschungs- und
Kompositionsaufenthalt in
den USA befinden.
Sie haben im letzten Jahr Soil Music
zusammen mit Andreas Doerne
vom Holistic Compost Lab ins
Leben gerufen. Was ist Soil Music
und wie kam es dazu?
Silke und Ralf Schmid: Soil Music
möchte eine Initiative sein und zwar
im wahrsten Sinne des Wortes (von
lateinisch initium, „Anfang“): ein
Anfang, ein Anstoß zu etwas, das
natürlich weit über uns als einzelne
beteiligte Personen hinausgeht. Soil
Music ist außerdem eine Art Paradigma
– eine Weise, unsere Mitwelt und
unsere Handlungen in ihr, auch als
Musiker:innen, zu gestalten.
Das Projekt Soil Music hat seine Wurzeln
in einem Anliegen, das uns alle
eint: Angesichts der immensen globalen
Herausforderungen haben wir
– jede:r auf unterschiedliche Weise
– begonnen, unsere professionelle
Praxis zu überdenken. Wir wurden
von dem Wunsch angetrieben, neue
Wege zur Bewältigung ökologischer
Krisen zu finden. Das führte z.B. dazu,
dass Ralf während der Pandemie 26
Soil Music Live Streams gemacht
und Silke zeitgleich ihren Schwerpunkt
in Forschung und Lehre auf
die Rolle der Künste in der Bildung
für nachhaltige Entwicklung verlegt
hat. Gedanklich und auch immer
wieder handfest (z.B. beim Bauen eines
Komposts) haben wir dabei die
Entwicklung des Holistic Compost
Lab (2023) im Schwarzwald begleitet.
Unsere Expertise(n) setzen wir
jetzt ein als spielerischen Widerstand
gegen lineare, effiziente Wissensproduktion
hin zu den Möglichkeiten
einer ökologischen und kulturellen
Transformation: Es geht u.a. darum,
sich auch inmitten depressiv stimmender
Nachrichten eine blühende
postanthropozäne Welt vorstellen zu
können. Wir wollten bescheidener
werden und gleichzeitig kühner.
Daher der Wunsch, die transformative
Kraft eines übergreifenden regenerativen
Paradigmas in unserem Beruf
in den Mittelpunkt zu stellen.
SOIL MUSIC
Regenerative Network
In 2024 ist in Freiburg im Schwarzwald ein
spannendes und innovatives Projekt ins Leben
gerufen worden, das sich intensiv mit der Frage
von Klima und der Nachhaltigkeit in Musik
und Kultur beschäftigt und damit, wie Boden
und Musik, zwei vermeintlich getrennte Sphären,
zusammenhängen.
Ausgehend von den Fragen
Ralf Schmid | © Kenneth Dumevi
#food: Boden & Musik als Lebensgrundlage für Körper und Seele. Wie gehen wir mit
beidem um?
#roots: Boden & Musik als Basis der Verbindung. Welche Verbindungen nehmen wir
(nicht) wahr?
#trust: Boden & Musik als Basis für Vertrauen in langfristige Prozesse. Was kann sich
(langfristig) entwickeln?
#dream: Erde & Musik als Symbol dafür, sich eine positive Zukunft vorstellen zu können.
Welche Träume sprießen?
entstehen Tools, Foren, Formate und ein intensiver Austausch mit Kulturschaffenden aus
der ganzen Welt, die sich erstmalig im September auf dem Steingrubenhof in Sankt Peter,
im dort entstehenden SoilKulturLab treffen.
Was sind die Ziele von Soil Music
und wen und was möchten Sie damit
erreichen?
Silke und Ralf Schmid: Wir möchten
eine Plattform schaffen, die die
scheinbar getrennten Sphären von
Soil (Boden) und Musik miteinander
verbindet und ihre jeweilige fundamentale
Bedeutung für unsere Existenz
hervorhebt. Aus unserer Sicht
sind es vier Säulen, auf denen diese
Verbindung ruht:
Unter dem Stichwort FOOD betrachten
wir Soil ebenso wie Musik als
Lebensgrundlagen für Körper und
Seele. Wir möchten ein Bewusstsein
dafür schaffen, wie wir mit beiden
Elementen umgehen und wie existenziell
sie zur Lebensqualität beitragen.
CAROL | 2025 Green Culture | 33
Silke Schmid | © Ralf Schmid
Mit ROOTS thematisieren wir Soil
und Musik als essenzielle Elemente
der Verbindung. Unser Ziel ist es,
die Wahrnehmung der vielfältigen
Verbindungen, die wir oft übersehen,
zu stärken: Wir alle stehen auf
Ralf Schmid und Andreas Doerne | © Ralf Schmid
demselben Boden und sind durch
ihn miteinander verbunden, ob wir
nun glücklich, erfüllt und geschützt
sind oder uns in einer Krise befinden
oder sogar von Gewalt bedroht sind.
Musik kann all dies aufgreifen.
Dabei geht es auch um TRUST: Wir
betonen die Rolle von Soil und Musik
als Grundlage für Vertrauen in
langfristige Prozesse. Wir möchten
zeigen, welches Potenzial in langfristiger
Entwicklung liegt: Der Blick auf
Bodengesundheit ebenso wie musikalisches
Handeln fordert uns auf,
über uns selbst hinauszuschauen.
Wir säen, gießen, hegen und pflegen
und hoffen auf Wachstum und Ernte,
vielleicht sogar über unsere eigene
Lebenszeit hinaus. Dies hilft uns,
loszulassen. An den Grashalmen zu
reißen, damit sie schneller wachsen,
ist nicht der Weg; wir können nur
einen möglichst reichen und gesunden
Boden bereiten. Der Rest wird
von anderen Kräften erledigt, und
das ist auch gut so.
Schließlich stehen mit DREAM Boden
und die Musik als Symbole für
die Fähigkeit, sich positive Zukünfte
vorzustellen. Wir möchten Träume
zum Blühen bringen und eine mögliche
Vision für Hoffnung und positive
Veränderung inspirieren.
Was haben Sie konkret geplant
und wie kann man in Soil Music
partizipieren?
Silke und Ralf Schmid: Wir folgen
bei allem, was wir tun, dem Prinzip
der Regeneration. Konkret möchten
wir regeneratives Denken und künstlerisches
Schaffen verbinden. Wir
möchten dementsprechend Perspektiven
für eine Zukunft kultivieren, in
der wir die Schäden, die wir an unseren
Ökosystemen verursacht haben,
nicht nur reparieren, sondern sogar
umkehren. Dies ist möglich. Spannend
daran als Musiker:innen: Unsere
Umgangsweisen mit uns selbst
spiegeln unseren Umgang mit der
Welt wider. Musik ist in diesem Sinne
ein Spiegel zur (Selbst-)Erkenntnis
und ein Medium zum Erproben alternativer
Wirklichkeit. Dabei sehen
wir den Menschen nicht als „Krone
der Schöpfung“, sondern als integralen
Bestandteil natürlicher Ökosysteme.
Musik ermöglicht uns, die
Schönheit und Komplexität dieser
Systeme zu erahnen. Diese möchten
wir möglichst vielen Menschen zugänglich
machen, z.B. im (Agri-)Kultur
Lab: Hier entwickeln wir gemeinsam
mit Andreas, Isa und Tim das
Holistic Compost Lab zu einem Kulturort
weiter und planen ein großes
Eröffnungsevent im September. Wir
nutzen Field Recordings für die Produktion
von Sound Stories, vertonen
die faszinierenden Mikroskop-Videos
von subterranen Mikroorganismen
und planen Konzerte mit dem neu
gegründeten Soil Music Collective.
SILKE SCHMID
Silke Schmid ist Professorin für
Musik & ihre Didaktik am Institut für
Musik der PH Freiburg. Ihre Interessenschwerpunkte
reichen von empirischen
und theoretischen Zugängen
zum Musikerleben und Well Being
von Kindern im Grundschulalter bis
zu Fragen innovativer Schulentwicklung
und kultureller Teilhabe. Theoretisch
fundierte und evidenzbasierte
mutige Weiterentwicklung des
Systems Schule ist ihr ein Anliegen,
Engagement in der Bildungspolitik
immer wieder angezeigt. Mitgründerin
der Plattform Musik & Klima.
RALF SCHMID
Ralf Schmid ist ein deutscher Pianist,
Komponist, Arrangeur und Musikproduzent.
Seit 2002 ist er Professor an
der Hochschule für Musik Freiburg.
2015 begann er die Arbeit an seinem
futuristischen Piano-Electro-Projekt
PYANOOK, das er im KUBUS-Studio
des ZKM Karlsruhe 2016 als audiovisuelle
Produktion aufnahm und in
dem er u.a. Datenhandschuhe zur
Echtzeit-Klangsteuerung der Klavierklänge
einsetzte. PYANOOK wird
seit September 2017 live aufgeführt,
u.a. bei Festivals in Freiburg, Rio de
Janeiro und Berlin.
34 | Green Culture
CAROL | 2025
© Ralf Schmid
CAROL | 2025 Green Culture | 35
A Hike With No Canyon Hills | © Rio Asch Phoenix
Ceasefire Choir at the Audubon Center at Debs Park © May Rose Smebac
Colloboh at Hollyhock House | © photo by Sam Lee
Saul Williams Meets Carlos Niño & Friends at TreePeople | © photo by Adam Corey Thomas
Der fragil gewordene Status Quo erfordert
angstfreie Konzepte, es gilt,
Neues auszuprobieren! Wer bei Soil
Music partizipieren möchte, ist also
herzlich eingeladen, sich in unseren
(agri)kulturellen Projekten zu
engagieren. Auch, wenn es danach
gerade nicht aussieht: Gemeinsam
können wir eine positive Zukunft
gestalten.
Wie verändern sich Ihr künstlerisches,
privates Leben und Ihre persönlichen
Klimaziele durch Soil
Music?
Silke und Ralf Schmid: Mit Blick
auf das Weltgeschehen wussten wir,
dass wir nicht einfach mit unserem
Alltag weitermachen wollten. Soil
Music ist ein Experiment – und ein
gutes Experiment ist eines, bei dem
man den Ausgang nicht kennt. Der
Moment, in dem man weiß, dass
man nichts weiß, ist ein Moment
der Befreiung. Nicht zu wissen, dass
wir nicht wissen, ist tatsächlich ein
Hauptproblem des Anthropozäns.
Wir haben versucht, von diesem
Weg abzuweichen.
Viele von uns bewegen sich durch
ihre Tage ... und hören fast nur die
Geräusche einer einzigen Spezies:
unserer eigenen (hupende Autos,
fliegende Flugzeuge, sprechende
Menschen usw.). Für uns ist der erste
Schritt, innezuhalten und auch anderen
Stimmen auf diesem Planeten
zuzuhören – und bislang nicht Hörbares
als Klang hörbar zu machen.
Hören, lesen, zuhören, aufnehmen,
komponieren und wieder hören. Wir
haben seither eine andere Wahrnehmung
für die buchstäbliche Grundlage
unserer Existenz entwickelt. Und
essenzielles Wissen dazu gewonnen:
Die Regenerierung des Bodens ist einer
der wichtigsten Wege, um den
Kollaps abzuwenden. Um unsere
Krisen zu überwinden, brauchen
wir nicht noch mehr alarmierende
Nachrichten, die jede freie Minute
füllen. Wir müssen uns in positiver
Imagination üben, und das erfordert
geschlossene Augen, Versenkung,
Leere. Es erfordert ein wertschätzendes
Hinterfragen dessen, was da unten
unter unseren Füßen ist.
Wir tun dies, indem wir anfangen
zuzuhören.
Sich nach innen wenden, den Dingen
auf den Grund gehen, sich über
Werte klar werden.
Wir stellen Gewohnheiten infrage:
das nächste Album, die nächste Publikation,
die nächste Tournee, das
nächste Festival, das Sammeln von
Followern, ein Porträt in einer einflussreichen
Zeitschrift ... alles sehr
willkommen, aber nicht mehr oberste
Priorität. Alles ist jetzt eher verbunden
mit der Frage: „Für meinen
Profit oder für das Wohl aller?“
Sie sind gerade in den USA im
Rahmen eines lang im Voraus und
unabhängig vom Ausgang der Präsidentschaftswahlen
in den USA
geplanten Forschungsaufenthalts.
In welchem Zustand erleben Sie
die USA und die Kulturschaffenden,
denen Sie begegnen?
Silke und Ralf Schmid: Die Kulturschaffenden,
mit denen wir hier
zu tun haben, sind fassungslos. Die
Agenda und das Gebaren des Präsidenten
und der mit ihm verbundenen
mächtigen Tech-Milliardäre
scheint unendlich weit entfernt von
den Werten und Lebensrealitäten
der Kulturszenen. Das Land vollzieht
gerade einen sich atemberaubend
schnell vollziehenden Wandel und
es ist nicht klar, ob die Menschen
wirklich begriffen haben, was auf
dem Spiel steht. Viele gehen ihren
gewohnten Tätigkeiten nach, während
Bürgerrechte, Infrastruktur, das
Rechtssystem und die demokratischen
Strukturen von der Regierung
systematisch unterminiert werden.
Es ist noch nicht abzusehen, ob und
auf welche Weise sich wirksame Gegenbewegungen
bilden werden.
Auch in den USA verfolgen Sie Soil
Music weiter, recherchieren und
spüren Projekte und Initiativen
auf, die gleiche Fragestellungen
verfolgen. Was nehmen Sie an neuen
Ideen, Gedanken, Visionen und
an Vernetzungen mit?
Silke und Ralf Schmid: Wir haben
außergewöhnlich inspirierende
Menschen und Projekte kennengelernt:
Die Musikproduzentin und
Permakultur-Spezialistin Eva Soltes,
die im Haus des legendären Komponisten
Lou Harrison in der kalifornischen
Wüste nachhaltigen Landbau
unter extremen Bedingungen betreibt
und gleichzeitig internationale
Musiker:innen mit lokalen Schulen
vernetzt. Das Ecology Center in San
Juan Capistrano, das regenerativen
Landbau, Kultur und Bildung auf innovative
Weise verbindet. Die Menschen
von Living Earth Los Angeles,
die eindrucksvolle künstlerische Interventionen
in der Natur innerhalb
der Stadt kuratieren. Und viele mehr.
Diese Begegnungen haben uns tief
geprägt – wir haben viel gelernt und
arbeiten daran, ein internationales
Netzwerk zwischen diesen Projekten
aufzubauen, das den Austausch und
die gemeinsame Vision einer nachhaltigen
Zukunft weiter stärkt.
Donald Trump ist wie erwartet aus
dem Pariser Klimaabkommen ausgestiegen.
Welche Konsequenzen
hat dies auf die Projekte und die
Arbeit Ihrer amerikanischen Kontakte?
Silke und Ralf Schmid: Die Menschen
sind natürlich schockiert über
diese Entwicklung. Es wirkt, als hätte
die US-Regierung genau das Gegenteil
eines achtsamen Umgangs mit
der Natur und regenerativen Prinzipien
auf ihrer Agenda. Wir spüren
eine gespannte Atmosphäre zwischen
Resignation und Verzweiflung
auf der einen Seite und einem kämpferischen
„Jetzt erst recht!“-Aufbruch
36 | Green Culture
CAROL | 2025
The Ecology Center | © The Ecology Center
Letztlich geht es darum, positive Zukünfte
mit den Mitteln der Jetztzeit
zu gestalten – wenn Technologie uns
dabei unterstützt, ist das definitiv ein
Gewinn!
Was ist Ihre realistische und kühnste
Vision mit Soil Music?
Silke und Ralf Schmid: Die realistischste:
Mit einem tief aus dem Herzen
kommenden Projekt gestalten
wir aktiv eine positive Zukunft und
inspirieren andere, ebenfalls wirksam
zu werden.
Die kühnste: Schneeballartig verbreitet
sich weltweit die Erkenntnis, dass
Boden und Musik uns auf tiefster
Ebene verbinden und ein enormes
Heilungspotenzial in sich tragen.
Diese Einsicht löst eine weitreichende
Transformation aus, die künftigen
Generationen ein gesundes und
friedvolles Leben auf der Erde ermöglicht.
The Ecology Center | © The Ecology Center
auf der anderen. Denn trotz dieser
politischen Rückschläge gibt es zahlreiche
engagierte Menschen und
Projekte, die unermüdlich an nachhaltigen
Zukunftsmodellen arbeiten.
Sie knüpfen ein immer dichter werdendes
weltweites Netzwerk ökologischer
Innovationen, das letztlich
alternativlos sein wird. Genau hier
sehen wir Soil Music: als „interlokalen“
Baustein in einem stetig wachsenden
und klug vernetzten Gefüge,
das nachhaltige Zukunftsmodelle
weltweit miteinander verbindet.
Sie sind jetzt in Kalifornien, wo die
Folgen der Klimaveränderung gerade
erst durch die katastrophalen
Waldbrände für alle Welt sichtbar
geworden sind, und anderseits ist
es mit dem Silicon Valley bedeutendster
Standort der IT- und High-
Tech-Industrie weltweit. Konflikt,
Chance oder Ignoranz?
Silke und Ralf Schmid: Technologie
ist per se weder gut noch schlecht –
entscheidend ist, wie wir sie einsetzen.
Wenn sie mit Weitsicht und im
Einklang mit der Natur genutzt wird,
kann sie enorm zum Wohl aller beitragen.
Kalifornien ist dabei wie ein
Brennglas für die Welt: erfinderisch,
mutig, mit einem positiven Spirit,
aber zugleich turbo-kapitalistisch
und in manchen Bereichen – etwa
dem Verkehr – erstaunlich rückständig.
Trotz aller Höflichkeit und Hilfsbereitschaft
dominiert oft das Recht
des Stärkeren, und wenn sich dieses
grundlegende Denken hier nicht
wandelt, ist eine disruptive Veränderung
fast unvermeidlich. Die Region
ist hochgradig vulnerabel – die verheerenden
Waldbrände haben es gezeigt,
und auch die permanente Gefahr
eines großen Erdbebens erinnert
daran, wie fragil selbst eine Hochtechnologie-Metropole
sein kann.
Stehen Ökologie, Nachhaltigkeit
und Soil Music in einem Konflikt
mit dem Einsatz von Technik,
und der Auseinandersetzung mit
Künstlicher Intelligenz in Ihrem
künstlerischen Schaffen? Wie gehen
Sie damit um und welchen
Weg beschreiten Sie?
Silke und Ralf Schmid: Ja, KI verbraucht
viel Energie und Wasser
– das ist eine Herausforderung, die
wir nicht ignorieren. Doch zugleich
eröffnet sie künstlerisch ungeahnte
Möglichkeiten. Es wäre ein Fehler,
sie aus Nachhaltigkeitsgründen pauschal
abzulehnen, ohne ihre kreative
Dimension auszuloten. Unser Ansatz
ist, KI nicht als bloßes Werkzeug,
sondern als Sparringspartner zu begreifen
– eine Entität, mit der man
spielen, experimentieren und neue
Ausdrucksformen entdecken kann,
jenseits kommerzieller Zwänge.
... und warum ist es ein MUSS für
alle Kulturschaffenden, sich mit
dem Thema Green Culture und
den ökologischen Fragestellungen
der Branche zu beschäftigen?
Silke und Ralf Schmid: Weil es keine
Alternative gibt. Kultur hat die
Kraft, Bewusstsein zu schaffen, neue
Perspektiven zu eröffnen und gesellschaftlichen
Wandel voranzutreiben.
Wer heute Kultur schafft, gestaltet
die Zukunft mit – und eine Zukunft
ohne ökologische Verantwortung ist
nicht denkbar. Es ist nicht nur eine
Frage der Moral, sondern der kreativen
Verantwortung, sich mit Green
Culture auseinanderzusetzen – für
eine lebenswerte Welt, jetzt und für
kommende Generationen.
www.soilmusic.de
www.musik-klima.de
www.pyanook.com
CAROL | 2025 Green Culture | 37
Joshua Tree Foundation for Arts & Ecology | © Eva Soltes
Joshua Tree Foundation for Arts & Ecology – Gamin Kang teaching traditional Korean Farmer's Music
Joshua Tree Foundation for Arts & Ecology | © Eva Soltes
Joshua Tree Foundation for Arts & Ecology – Permaculture HH | © Eva Soltes
Joshua Tree Foundation for Arts & Ecology | © Eva Soltes
38 | Green Culture
CAROL | 2025
Holistic Compost Lab & Zentrum für
regenerative (Agri-)Kultur
Die Idee zum Holistic Compost Lab entstand aus der
gemeinsamen Leidenschaft für Möglichkeiten der Wiederherstellung
gesunder Böden, für regenerative Landwirtschaft
und die Regeneration von Ökosystemen im
Allgemeinen. Holistic Compost Lab sind Isabell Blattmann
(Architektin und Landwirtin), Tim Taylor (Landwirt),
Malte Tückmantel (Agrarwissenschaftler) und Andreas
Doerne (Professor für Musikpädagogik). Gemeinsam
haben sie sich vorgenommen, auf dem Steingrubenhof
in St. Peter ein Zentrum für biologische Bodengesundheit
aufzubauen. Zusammen mit dem Projekt Soil Music
entsteht dort ein Zentrum für regenerative (Agri-)Kultur.
INTERVIEW
Darüber sprachen wir mit
Isabell Blattmann, Tim Taylor
und Andreas Doerne.
Sie (Isabell Blattmann) haben
2021 den stillgelegten Familienbetrieb
Ihrer Eltern in St. Peter im
Schwarzwald übernommen und
nach Ihren Vorstellungen und
Werten wieder aufleben lassen. Für
was stehen Sie und der Steingrubenhof?
Isabell Blattmann & Tim Taylor:
Wir stehen für eine Landwirtschaft
mit Leidenschaft, die den Boden
regeneriert und dabei gesunde und
nahrhafte Lebensmittel produziert.
Wir produzieren Bio-Weidefleisch
auf artenreichem Dauergrünland im
Schwarzwald. Die Arbeit mit Tieren
ist für eine gesunde Grünland Ökologie
essenziell. Mit regenerativen
Methoden, dem holistischen Weidemanagement
und der gezielten
Verbesserung des Bodenlebens – zum
Beispiel durch den Einsatz von unserem
mikrobiell hochwertigen Kompost
– nutzen wir das große Potenzial
unserer Weiden optimal. Studien
zeigen, dass Grünland viel CO 2 speichern
und somit Humus aufbauen
kann.
Wir sind überzeugt: Die Qualität
unserer Lebensmittel steht in direktem
Zusammenhang mit der Gesundheit
unseres Bodens, die sich
im Geschmack und in der höheren
Nährstoffdichte zeigt. Regenerativ
erzeugte Lebensmittel sind deshalb
nicht nur eine Investition in eine
zukunftsfähige Landwirtschaft, sondern
bieten auch einen höheren
Nährwert und damit einen größeren
Wert für den Konsumenten.
Isabell Blattmann | © Raissa Axmann und Simon Rottler
Dort ist auch das mit Andreas
Doerne gegründete Holistic Compost
Lab. Was ist das Holistic
Compost Lab und wie kam der
Musikpädagoge Andreas Doerne,
Professor an der Musikhochschule
Freiburg, auf die Idee?
Andreas Doerne: Das Holistic
Compost Lab ist der Versuch, den
beiden drängendsten Problemen
der Menschheit – Klimakrise und
Artenverlust – mit einem ganzheitlichen
ökologischen Ansatz zu
begegnen. Dieser Ansatz fußt auf
dem Gedanken, dass nachhaltiges
Handeln nicht mehr ausreichend
ist, um den Zusammenbruch zu
verhindern, sondern wir schnellstmöglich
in die Phase aktiver Regeneration,
also eines reparierenden
Wiederaufbaus sowohl der Natur
als auch unserer Kulturlandschaften,
übergehen müssen. Wenn man
Ökosysteme regenerieren will, muss
man beim Boden anfangen. Und
fängt man beim Boden an, muss
man versuchen, das geschädigte
Mikrobiom wiederzubeleben. Hat
man damit Erfolg, kommen alle natürlich
vorhandenen Ökosystemfunktionen
fast von selbst wieder
in Gang, und das System wird in
eine sich selbst verstärkende Aufwärtspirale
gebracht, es regeneriert.
Kompost ist dafür ein wichtiges,
überaus wirkungsvolles Werkzeug.
Sowohl in der Pädagogik als auch
in der Ökologie interessiert mich,
wie es gelingt, natürlich vorhandene
Ressourcen zu aktivieren und
durch Nutzung aufzubauen, anstatt
zu verbrauchen. Beim Menschen
sind dies zum Beispiel eine intrinsische
Motivation, Autonomie, Interesse,
Neugier, Spieltrieb, Kreativität,
Freude und innere Disziplin. In
der Ökologie sind es die verschiedenen
regionalen und globalen Stoff-
© Raissa Axmann und Simon Rottler © Raissa Axmann und Simon Rottler
CAROL | 2025 Green Culture | 39
kreisläufe – von denen der Wasserkreislauf
für biologisches Leben am
wichtigsten ist –, die Nährstoffdichte
von Pflanzen, Diversität, Humus
und ganz fundamental eben auch
das Bodenmikrobiom. Von diesen
natürlichen ökologischen Ressourcen
haben wir Menschen praktisch
alle zerstört oder in eine Abwärtsspirale
geführt, die in absehbarer
Zeit zur Zerstörung führt. In unserem
Bildungssystem tun wir prinzipiell
das Gleiche: Wir unterminieren
natürliche (Lern-)Ressourcen
der involvierten Menschen, ersetzen
sie durch künstliche Substitute
und wundern uns, warum uns alles
allmählich um die Ohren fliegt.
In beiden Bereichen ist meiner
Wahrnehmung nach ein radikaler
Gesinnungswandel, ein grundlegender
Paradigmenwechsel nötig,
und zwar nicht heute, sondern
gestern. Obwohl die Zeit dafür eigentlich
schon abgelaufen ist, sind
doch faszinierend viele Lösungen
für unsere ökologischen Probleme
vorhanden, derer wir uns nur konsequent
bedienen müssen. Mich
persönlich treibt also eine seltsam
anmutende Mischung aus tiefer
Verzweiflung und großer Hoffnung.
Mit dem Holistic Compost Lab setzen
wir nun beim Bodenmikrobiom
an, das wir in großem Maßstab wieder
herstellen wollen, weil es neben
Wasser die treibende Kraft für alle
Ökosystemfunktionen darstellt.
Dazu züchten wir hochdiverse indigene
Bodenmikrobengemeinschaften,
die wir dann in wässrigen
ISABELL
BLATTMANN
Nach ihrem Master-Abschluss in
Architektur arbeitete Isabell einige
Jahre im Fachbereich an städtebaulichen
Wettbewerben für nachhaltige
Stadtteile sowie an Minergie-P &
Minergie P-Eco Projekten (äquivalent
zum deutschen Plusenergiehaus) für
private Bauherrschaften. Den Bezug
zur Landwirtschaft hat Isabell durch
ihren elterlichen Lehrbetrieb schon
früh internalisiert. In der regenerativen
Landwirtschaft sieht sie die
Chance, eine bessere Zukunft zu
gestalten.
TIM TAYLOR
Tim konnte umfassende Erfahrungen
in vielen verschiedenen Bereichen
der Landwirtschaft sammeln und hat
sich nach seiner ersten Begegnung
mit der regenerativen Landwirtschaft
gezielt weitergebildet. Schließlich
gründete er mit seiner Frau den eigenen
Betrieb, in dem er sich auf die
Verbesserung der Bodengesundheit
durch Weidemanagement spezialisiert
hat – das Holistic Compost Lab
bildet hierfür die ideale Ergänzung.
ANDREAS
DOERNE
Andreas Doerne ist nach dem
Studium zum Instrumentallehrer
und abgeschlossener Promotion
in Musikpädagogik unter anderem
tätig gewesen als Filmmusikkomponist,
Musikdigitalisierungsexperte,
wissenschaftlicher Begleiter des
Musikkindergartens Berlin, Bildungsinnovator,
Musikschulcoach und
Hochschullehrer. Seine Begeisterung
für Permakultur, Bodengesundheit
und Ökosystemregeneration hat ihn
schließlich zur Mitgründung des Holistic
Compost Lab auf dem Steingrubenhof
geführt.
Internet & Social Media
www.steingrubenhof.de
www.compostlab.de
Instagram:
@steingrubenhof
@holisticcompostlab
Lösungen großflächig auf degenerierten
Böden ausbringen. Unsere
Arbeitshypothese ist, dass sich
nach mehrmaliger Anwendung
über ein bis zwei Jahre allmählich
wieder ein natürlich diverses Mikrobiom
aufbaut und sich selbständig
am Leben erhält (vorausgesetzt,
man zerstört es nicht gleich wieder,
indem man Biozide ausbringt oder
den Boden tiefgreifend pflügt). Es
geht also nicht um ein dauerhaftes
menschliches Eingreifen, sondern
um einen konzentrierten Impuls
zur natürlichen, aber um Jahrzehnte
beschleunigten Regeneration.
... mit welchen Konsequenzen auf
und für Ihr Leben und Ihre Lehrtätigkeit?
Andreas Doerne: Ich befinde mich
momentan in einer Lebensphase,
in der ich von einem Beruf in einen
vollkommen anderen Beruf wechsel,
den es zudem so noch gar nicht
gibt – „Ökosystemregenerator“
wäre vielleicht eine passende Bezeichnung
dafür. Ob dies gelingen
wird, weiß ich noch nicht. Und ob
das, was wir im Holistic Compost
Lab tun, tatsächlich so wirkungsvoll
ist, wie wir uns das erhoffen,
steht trotz vieler positiver Indizien
auch noch in den Sternen.
Meine Lehrtätigkeit an der Hochschule
ist davon relativ unbeeinflusst
und bereitet mir unterm
Strich immer noch Freude. Von
meinem jahrzehntelangen Versuch,
die Institution Musikhochschule
zusammen mit Kollegen im
oben erwähnten Sinne zu verändern,
habe ich mich jedoch verabschiedet.
„Kompostieren und Komponieren“
auf dem Steingrubenhof,
was für ein spannendes Bild!
Als Mitinitiant der Soil Music
und der Vision eines Zentrums
für regenerative (Agri-)Kultur
wollen Sie die Kultur auf dem
Steingrubenhof den regenerativen
und nachhaltigen Prozessen
in der Natur gegenüberstellen.
Was steckt dahinter und warum
gehört beides für Sie zusammen?
Andreas Doerne: Auf den ersten
Blick haben beide Bereiche wenig
miteinander zu tun, und auf einer
konkret operativen Ebene ist das
auch so. Schaut man jedoch etwas
tiefer, sieht man, dass die zwei uns
Menschen bestimmenden Sphären,
nämlich Natur und Kultur, nicht
nur fundamental aufeinander angewiesen
sind, sondern in ihren
grundlegenden Prinzipien viele
Parallelen und Ähnlichkeiten aufweisen.
Dies lässt es überaus spannend
erscheinen, beide an einem
Ort aktiv aufeinander zu beziehen
und miteinander zu konfrontieren.
Und insbesondere das Kunstschaffen
mit seiner inhärenten Aufforderung
zur Kreativität ist mit dem
Prinzip des ebenfalls kreativen Leben-Erschaffens
in der Natur fast
schon identisch. Die Natur könnte
man ohne Übertreibung als die
größte lebende Künstlerin bezeichnen,
eine Meisterin und ein Vorbild
für jeden künstlerisch tätigen
Menschen. Und umgekehrt ist der
Mensch als Produkt genau dieser
Natur großartigerweise dazu fähig,
diesem Prinzip des spielerischen
Leben-Erschaffens in seiner Kunst
einen vielfältigen Ausdruck zu verleihen,
der ebenso erstaunlich anmutet.
Jeder regenerativ arbeitende landwirtschaftliche
Betrieb versucht
zudem, der Natur „abzuschauen“,
wie man erfolgreich Pflanzen anbaut
oder Tiere hält. Es geht darum,
grundlegende Prinzipien der Natur
zu verstehen und zu versuchen,
Tim Taylor | © Raissa Axmann und Simon Rottler
© Kai Geiger Andreas Dorne
sie in jeweils unterschiedlichen
landwirtschaftlichen Kontexten
nachzuahmen. Regenerative Landwirtschaft
ist also ein kulturelles
Handeln, dessen Vor- und Leitbild
die Natur selbst ist.
Was versprechen Sie sich vom Einzug
von Kultur und Wissenschaft
auf den Steingrubenhof für Ihre
Arbeit und die Vermittlung von
ökologischer und regenerativer
Landwirtschaft für mehr Lebensqualität
und ein Mehr als Bio?
Isabell Blattmann & Tim Taylor:
Da wir in der regenerativen Landwirtschaft
mit innovativen Ansätzen
arbeiten, ist es für uns essenziell,
unsere Praktiken regelmäßig
zu überprüfen, kritisch zu hinterfragen
und an neue wissenschaftliche
Erkenntnisse anzupassen. Das
Holistic Compost Lab macht genau
das möglich, es gibt uns den Raum,
Methoden auszuprobieren, zu überprüfen
und somit Wissen zu sammeln
und zu vermitteln. Wir haben
im letzten Jahrhundert sehr viel
über die chemischen Eigenschaften
von Pflanzen und Böden gelernt, in
der Biologie sind die Zusammenhänge
jedoch um ein vielfaches
komplexer – ein Feld, in dem wir
noch sehr viel zu lernen haben.
Der Einzug von Kultur auf dem
Steingrubenhof ist für uns einerseits
eine persönliche Bereicherung
und Inspiration, andererseits aber
auch eine wichtige Ergänzung zu
unserer Arbeit, da Kunst und Wissenschaft
neue Perspektiven eröffnen,
den Dialog fördern und dazu
beitragen, ökologische Themen auf
emotionaler und intellektueller
Ebene zugänglich zu machen.
Das Gespräch führte Kai Geiger.
40 | Neue Musik | Bern
CAROL | 2025
Ensemble in Residence ICTUS | © Christophe Urbain
Composer in Residence Svetlana Maraš | © Dieter Düvelmeyer
Das Kuratorium, v.l.: Tamriko Kordzaia, Vera Schnider, Thomas Meyer,
Martin Schütz | © Annette Boutellier
Das Romanesco Duo mit «The Third Extended Wheel» | © La Pataconera
mit «Book of Women» eine der jüngsten ICTUS-Produktionen
auf dem Programm: Das ehrgeizige Projekt erforscht weibliche
Macht im Spätmittelalter und verbindet dazu mittelalterliche
Musik für Frauenstimmen mit einem neuen Werk für Stimme,
Ensemble und elektronische Klänge.
Bern (CH)
Musikfestival Bern
Die Klangkünstlerin und Co-Direktorin des Elektronischen
Studios Basel Svetlana Maraš ist Komponistin in Residence und
trägt mit einer Installation, einem Solo-Set im Berner Münster,
einem Baustein in «Liquid Room» und ihrem unvergleichlichen
«Table Book» zum prall gefüllten Programm bei.
Ketten sprengen
3. – 7.9.2025
Das Musikfestival Bern zählt zu den bedeutendsten
Schweizer Festivals für zeitgenössische
Musik und stellt jährlich im September
Hörgewohnheiten auf den Kopf. In diesem
Jahr widmet sich das Programm dem Thema
«Kette». In mehr als zwanzig Konzerten, Performances,
Talks und Installationen wird es
vielfältig ausgelegt.
Während fünf Tagen, vom 3. bis 7. September 2025, wird Bern
zum Mekka für Liebhaber*innen kreativer Klangexperimente,
musikszenischer Wagnisse und unerhörter Musik: Das Musikfestival
Bern lädt die Berner Musikszene und internationale
Gäst*innen zum Gipfeltreffen. Das vierköpfige künstlerische
Leitungsteam hat die diesjährige Ausgabe mit dem Thema
«Kette» überschrieben – und damit einen weiten Bedeutungsraum
geöffnet: Kettenantriebe, Nahrungs- und Infektionsketten
werden auf der Bühne verhandelt; Berner mit internationalen
Musiker*innen in Verbindung gebracht; Stile, Disziplinen
und Epochen verknüpft, verflochten und gesprengt.
Als Ensemble in Residence konnte das legendäre ICTUS Ensemble
aus Belgien gewonnen werden – im Gepäck drei seiner
erfolgreichsten Produktionen, die wie für das Thema «Kette»
entwickelt scheinen: «Liquid Room» ist ein mehrstündiger
Anlass, bei welchem auf mehreren Bühnen Klangkunst, neue
Werke und modernes Repertoire erklingt. Jede Aufführung ist
eine Erweiterung ihrer Vorgängerin, die sie kommentiert oder
ihr widerspricht. Die Tanz-Musik-Matrix «Ghost Trance Sessions»
verknüpft Choreografien von Anne Teresa De Keersmaeker
mit einer Partitur von Anthony Braxton, das ICTUS Ensemble
mit Tänzer*innen und Berner Musiker*innen. Zuletzt steht
Neben diesen internationalen Gäst*innen ist das Festival auch
Plattform für die freie Berner Szene – und diese ist fast noch
plastischer in der Umsetzung des Themas «Kette»: Das Romanesco
Duo bringt mit «The Third Extended Wheel» eine Musikperformance
rund um das Fahrrad und sein Kettengetriebe auf
die Bühne. Ein Konzert rund um den US-amerikanischen Komponisten
und Jazz-Trompeter Jalalu-Kalvert Nelson setzt sich
mit den Ketten kolonialer Herrschaft auseinander. Das Barockensemble
Die Freitagsakademie und der Berner Gabrielichor
verketten in ihren Programmen Musik der Renaissance- und
Barockzeit mit neuen Kompositionen und Improvisationen.
Im Musiktheater «Plankton» untersucht das Kollektiv International
Totem das klangliche Potential von Plankton; im Projekt
«Paradoxia» das HyBra Kollektiv jenes von Robotern. Weitere
Produktionen thematisieren die Phasen einer Infektionskette,
verketten medizinische Daten des Publikums mit Klang, analysieren
die Kette als kompositorisches Element und bringen
Komponist*innen mit Goldschmied*innen auf die Bühne.
Neugierig?
www.musikfestivalbern.ch
CAROL | 2025 Neue Musik | Bremen | 41
Bremen (D)
realtime-festival 2025
Von zart bis gewaltig
28.5. – 1.6.2025
Der Raum ist dunkel und still. Dann erklingen
erste zarte Töne auf einer Violine. Langsam erhellt
sich der Raum, besser gesagt die Wände
erstrahlen in Farben und Mustern. Weitere Instrumente
setzen ein, verstärken einen Rhythmus,
der nun auch die Muster an den Wänden
mitreißt. Das Publikum lehnt sich zurück,
schaut, lauscht, staunt. Was ist hier Wirklichkeit,
was ist Illusion?
Das „realtime-festival 2025“ beeindruckt mit
vielfältigem Programm
Die Konzerte und Performances beim „realtime-festival 2025“
für Neue Musik, das im Frühjahr in Bremen über Himmelfahrt
stattfinden wird, verzaubern mit Klängen und Bildern,
die einen besonderen Sog ausüben. Mit dem Motto des Festivals
„Wirklichkeit-Illusion-Vision“ spielen, performen, tanzen,
sprechen und musizieren Künstler und Künstlerinnen aus Bremen,
Deutschland und dem Gastland Spanien, um eine Facette
dieser großen Fragen auf die Bühne zu bringen. Doch wer
weiß schon, was Wirklichkeit ist?
Ein philosophisch-musikalischer Auftakt
Erste Antworten darauf gibt es bereits im Eröffnungskonzert
am Mittwoch, 28. Mai 2025, ab 19 Uhr im Theater am Leibnizplatz.
Gemeinsam mit dem Philosophen Malte Oppermann
kombiniert Pianistin Claudia Janet Birkholz Musik, Projektionen
und Gedankenspiele und macht eine Teekanne zu einem
Musikinstrument. Und stellt Fragen, die uns alle bewegen: Was
ist real, und was ist Illusion? Das Publikum kann in die Gedankenspiele
eintauchen, die Musik und Lichtshow genießen.
Auch die Performance des spanischen Künstlers Mario Cortizo,
dessen Orchester aus Alltagsgegenständen besteht, sorgt für
Verwunderung, denn er philosophiert über die Welt, während
er mit den Gegenständen redet und fragt: Was macht das moderne
Leben aus?
Ein Festivalgelände voller Klänge und Kunst
Wenn in den nachfolgenden vier Tagen am Güterbahnhof Bremen,
dem Areal für Kunst und Kultur, Töne von ungewohnten
Instrumenten zu hören sind, Lichtkunst die Wände erhellt
oder Soundmaschinen gebaut werden, dann ist zum dritten
Mal das „realtime-internationales festival für neue musik“ in
Bremen in vollem Gange. Jedes zweite Jahr über das Himmelfahrts-Wochenende
bringt der Verein „realtime – forum neue
musik“ das Festival auf die Bühne. Nach 2021 mit dem Gastland
Polen, 2023 mit dem Gastland Frankreich, zeigt nun 2025
das Gastland Spanien, welche zeitgenössische Musik die Klassikszene
dort beherrscht.
Mario Cortizo kommt mit einer Soloperformance aus Barcelona. | © Aigi Boga
Gastland Spanien
Dafür reist aus Barcelona auch das Ensemble CrossingLines an
und sorgt für ungewohnt leise Töne im Tor 40. Fünf Werke
von jungen Komponisten aus aller Welt, aber auch aus Spanien
werden mit Lichtkunst der Bremer Künstlerin Katharina
Berndt Bühne und Raum verzaubern. Anschließend lässt der
spanische Künstler Javier Díez Ena das älteste elektronische
Instrument der Welt erklingen: das Theremin. Vor mehr als
hundert Jahren erfunden, beeindruckt es nicht nur durch seine
magisch-mystischen Klänge, sondern vor allem, dass es nur
in der Luft gespielt wird. Gemeinsam mit dem Perkussionisten
Gonzalo Maestre entsteht eine Welt aus treibenden und flirrenden
Beats – Sogwirkung garantiert.
Interessante Werke hat auch die Komponistin Elena Mendoza
im Gepäck. Das Stück „Fremdkörper/Variationen“ wird das
renommierte Stuttgarter Ensemble Ascolta auf die Bühne bringen.
Auch hier bekommen Alltagsgegenstände eine neue tönende
Bestimmung. In einer weiteren Komposition begeben
sich die Jüngsten auf eine wundersame musikalische Reise.
Die Löwenklasse einer Bremer Grundschule probt mit Begeisterung,
um ihre Ideen zu der Komposition am Festivalsamstag
aufzuführen.
Vielfältiges Programm von Jung bis Alt
Überhaupt wird viel für die Jüngsten geboten: In einer Werkstatt
können Kinder drei Tage lang aus altem Spielzeug, Deko
oder Plastik klingende bunte Soundmaschinen bauen, die am
Sonntag ihr eigenes Konzert bekommen. An diesem Familien-
Tag dürfen sich alle ausprobieren, die Kleinen in Mitmach-
Workshops, die Größeren in einem „Totally Made Up Orchestra“
aus Instrumenten und Handys, die Älteren bei einem
Klangspaziergang über das Gelände.
Das renommierte Stuttgarter Ensemble Ascolta kommt nach Bremen, eine Komposition der
spanischen Komponistin Elena Mendoza im Gespäck. | © Dominik Mentzos
Zeitgenössischen Tanz präsentiert Larumbe Danza in einer Live-Performance und über
VR-Brillen. | © Perdo Arnay
Ein vielfältiges Programm für Groß und Klein war den Veranstaltern
wichtig. „Wir möchten zeigen, was für einen Entdeckung
Neue Musik sein kann“, erklärt Claudia Janet Birkholz,
die künstlerische Leiterin des Festivals, die auch traditionsgemäß
das erste Konzert des Festivals spielt. In den nachfolgenden
Tagen führt sie in die Konzerte ein, interviewt die Künstlerinnen
und Künstler und geht ins Gespräch mit dem Publikum.
Aber auch das Konzertpublikum kann die Künstlerinnen und
Künstler direkt erleben und mit ihnen ins Gespräch kommen,
in der Pause oder beim Meet&Greet danach. Im gesamten Bereich
des Festivalareals auf dem Güterbahnhof laden Lounges,
Sessel, Bars und Kioske zum Essen, Trinken, Genießen und
Plauschen ein.
Highlight des Festivals: das Preisträgerkonzert
mit anschließender Preisverleihung.
Das besondere Highlight des Festivals findet am Samstagabend
statt, wenn das Siegerprojekt zum Köster-Preis in der „Schaulust“
aufgeführt wird. Der international hochdotierte Preis
wurde zum dritten Mal vom Bremer Unternehmer Gerd Köster
gestiftet, der mit diesem wichtigen Preis neue Konzepte fördern
und der Stadt Bremen etwas schenken möchte. Gewonnen hat
ein Ensemble, das von einer internationalen Jury ausgewählt
wurde mit einem wahrlich ausgefallenen Projekt.
Kunst für alle – zugänglich und erschwinglich
Wichtig war es den Veranstaltern auch, dass jeder Interessierte
die Möglichkeit hat, ein Konzert zu besuchen und Neue Musik
kennen zu lernen. Deshalb dauert jedes Konzert nur 45 Minuten
bei erschwinglichen Preisen. Tagespässe ermöglichen es,
das Festival ausgiebig zu genießen, denn jeden Abend werden
mehrere Konzerte nacheinander geboten.
Eine ungewöhnliche Kombi präsentieren Javier Díez-Ena und Gonzalo Maestre mit dem Programm „Therematic“ am Theremin und Schlagzeug. | © Sergio Albert
Mehr erfahren: Das vollständige Programm sowie alle Informationen
zu Tickets und Angeboten sind auf der Website des Festivals
unter realtime-bremen.de zu finden.
42 | Neue Musik
CAROL | 2025
NEUE MUSIK
Ivo Van Hove, Ruhrtriennale | © Thomas Berns, Ruhrtriennale
Takeover Festival | © Manolo Press/Michael Bode
Baden-Baden
Takeover Festival
Das junge Festival Baden-Baden
30.1. – 8.2.2026
Das Festivaljahr im Festspielhaus Baden-Baden
beginnt jedes Jahr mit dem Takeover Festival.
Vom 30. Januar bis 8. Februar 2026 feiern Fans
der elektronischen Musik, des Indie-Rocks
und des Jazz, wo sonst die Stars aus Oper und
der Klassik-Welt zu Hause sind, gemeinsam
mit dem neugierigen Klassik-Publikum. Das
fünfte Takeover Festival möchte die Musik
nahbar und die Zukunft greifbar werden lassen.
Neben Konzerten und Tanztheater bieten
die Künstlerinnen und Künstler des Wochenendes
Workshops und Mitmachmöglichkeiten
– auch für ein vorkenntnisfreies Publikum.
„Es geht um die gute alte ‚vierte Wand‘, diese
oft erforschte, unsichtbare Barriere zwischen
Bühne und Publikum soll durchlässiger werden“,
sagt Festspielhaus-Intendant Benedikt
Stampa. Das Publikum ist eingeladen, mit den
Künstlerinnen und Künstlern ins Gespräch
zu kommen, um mehr über deren Inspiration
und Motivation zu erfahren. „Baden-Baden
ist seit jeher ein Ort der Begegnung und der
Behandlung von Zukunftsfragen. Da möchten
wir uns anschließen und fragen, wie sich das
Publikum ein Festival der Zukunft vorstellt“,
so Benedikt Stampa. Nirgends kann man seine
guten Vorsätze besser ausleben: Treffen Sie
Künstlerinnen und Künstler und finden Sie
heraus, wie sie ticken, oder sind Sie bei einem
Workshop dabei und erfahren Sie, wie viel
Kunst in Ihnen steckt. Nehmen Sie die Sache
selbst in die Hand – und feiern Sie mit Leuten,
die genauso für Kunst und Musik brennen wie
Sie.
www.festspielhaus.de
Berlin, Monat zeitgenössische Musik | © Stefanie Kulisch
Berlin
Monat der zeitgenössischen Musik
13.9. – 12.10.2025
Vom 13. September bis 12. Oktober 2025 feiert
der Monat der zeitgenössischen Musik die
unvergleichliche Vielfalt der Berliner Szene
für zeitgenössische Musik: Über vier Wochen
hinweg finden in der ganzen Stadt mehr als
100 Veranstaltungen statt – von Konzerten,
Performances und Klanginstallationen bis hin
zu interdisziplinären Projekten, Gesprächsrunden
und partizipativen Formaten.
Ob in etablierten Konzerthäusern oder Orten
der Freien Szene, drinnen oder draußen – das
Festival lädt dazu ein, die neuesten Strömungen
zeitgenössischer Musik zu entdecken.
Egal, ob versierte Musikliebhaber:in oder neugierig
auf neue Musik: Der Monat der zeitgenössischen
Musik bietet Raum für Begegnungen,
Experimente und Austausch.
Zur Eröffnung am 12. September in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche
präsentiert das
Berliner Ensemble gamut inc zusammen mit
anderen internationalen Künstler:innen Werke,
die einem radikal modernen Ansatz in der
Orgelmusik folgen.
www.field-notes.berlin | www.inm-berlin.de
Bochum
Ruhrtriennale
21.8. – 21.9.2025
Die Ruhrtriennale ist das Festival der Künste
im Ruhrgebiet. Hallen, Kokereien, Maschinenhäuser
und Halden des Bergbaus und der
Stahlindustrie werden jährlich im Spätsommer
zu unverwechselbaren Protagonistinnen
für das Festival. Sie machen die Ruhrtriennale
zu einem weltweit einzigartigen Festival. Das
Programm verortet sich an den Schnittstellen
von Musiktheater, Schauspiel, Tanz, Performance,
Konzert und bildender Kunst. Die
Ruhrtriennale ist eine von vier eigenständigen
Programmsäulen der Kultur Ruhr GmbH und
wurde 2002 ins Leben gerufen, um die stillgelegten
Zechen und Hallen für neue Formen
der künstlerischen Auseinandersetzung zu
nutzen. Alle drei Jahre wechselt die Intendanz
und damit auch die programmatische Ausrichtung
des Festivals. Intendant der Ruhrtriennale
2024-2026 ist der belgische Theaterregisseur
Ivo Van Hove.
www.ruhrtriennale.de
detect, Kollektiv eigenklang | © Sophia Hegewald
Schloss Bröllin
Detect Classic Festival
8. – 10.8.2025
Vom 8. bis 10. August 2025 findet das Detect
Classic Festival zum vierten Mal auf Schloss
Bröllin statt. Erneut wurde ein spannendes
Programm auf die Beine gestellt, in dem Raves
genauso wie leise Töne, verrückte Ideen
und Raffiniertes, verborgene Kunst, Ungewohntes
und Gewohntes entdeckt werden
können. Zwischen Unbekanntem, Altbekanntem
und bisher Verkanntem werden die
Veranstalter:innen die Besucher:innen verzaubern.
An einem Wochenende im Sommer werden
sie von Chorgesängen verzaubert, bauen sie
Luftschlösser aus Livemusik und bewegen
sich die Besucher:innen bei Nacht wie Licht
und Nebel durch elektronische Klänge. Sie erforschen
Klassik und Ambient, Elektronisches
und Zeitgenössisches, Avantgarde, Beats,
Rhythmus, Raumakustik und verwischen
Grenzen zwischen Club, Konzerthaus und
Open Air. Drei Tage Forschungslabor, Alltagsurlaub
und Entdeckertum auf Schloss Bröllin.
Beim Detect Classic Festival sollen Menschen
durch Musik zueinanderfinden, unabhängig
von Herkunft, Alter, Geschlecht oder Religion.
detectclassic.com
Violeta Garcia | © Paula Suarez-low
Genf (CH)
Festival Archipel
4. – 13.4.2025
Founded in Geneva in 1992, Archipel is an
international festival which promotes creation,
contemporary music, and all forms of
musical research and sound art, offering them
recognition and sustained visibility in Swiss
cultural life. Every year and for ten days, we
discover a rich program including: concerts
of instrumental and vocal music, performan-
Donaueschingen
Donaueschinger
Musiktage 2025
16. – 19.10.2025
Jedes Jahr im Oktober verwandelt sich die kleine Stadt Donaueschingen
am Rande des Schwarzwalds für ein Wochenende
zum internationalen Treffpunkt neuester Musik, der mehr als
8.000 Besucher:innen aus aller Welt anlockt. Seit 104 Jahren
gehen von den Donaueschinger Musiktagen entscheidende
Impulse für die zeitgenössische Musik aus – hier wurde und
wird Musikgeschichte geschrieben. 2025 bietet das Festival
vom 16. bis zum 19. Oktober in gut 15 Konzerten, Klanginstallationen
und Veranstaltungen 20 Uraufführungen von internationalen
Komponist:innen, die ihre Stimme im wörtlichen
wie übertragenen Sinne erheben und gemeinsame eine große
Vielstimmigkeit erreichen. Zum ersten Mal treten die herausragende
Bratscherin Tabea Zimmermann und das Londoner Vokalensemble
Exaudi beim Festival auf. Das Klangforum Wien
ist mit gleich zwei Projekten zu Gast, und nicht zuletzt in den
Konzerten des SWR Symphonieorchesters und des SWR Experimentalstudios
feiert das Festival 75 Jahre SWR bei den Donaueschinger
Musiktagen.
www.swr.de/donaueschingen
© SWR / Ralf Brunner
CAROL | 2025 Neue Musik | 43
Esslingen
PODIUM Esslingen
TROTZ & TRÄUME
8. – 18.5.2025
Das PODIUM Festival Esslingen 2025 steht unter dem Motto
TROTZ & TRÄUME und setzt auf künstlerische Widerstandskraft
in Zeiten aktueller Herausforderungen. Mit Uraufführungen,
genreübergreifenden Formaten und neuen Perspektiven
auf den klassischen Kanon thematisiert Joosten Ellée, künstlerischer
Leiter von PODIUM, ein zentrales Element unserer
Demokratie: den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Dem von
der Kulturstiftung des Bundes maßgeblich geförderten Abschlusskonzert
DE STAAT im Autohaus Jesinger kommt dabei
eine zentrale Bedeutung zu: Mit einer Uraufführung von Zara
Ali wird dem selten gespielten Werk in ungewöhnlicher Besetzung
von Louis Andriessen eine außergewöhnliche Stimme der
zeitgenössischen Musik entgegengesetzt. Weitere Höhepunkte
sind das ERÖFFNUNGSKONZERT mit einer Neukomposition
des Finales von Beethovens 9. Sinfonie sowie die Klangausstellung
LAUTE BÄUME im Maille-Park, welche die Klimakrise aus
globaler Perspektive beleuchtet. Partizipation bleibt wichtiges
Element des Festivals und wird nochmals intensiviert: Die
STADTTEILKONZERTE schaffen Begegnungen zwischen Esslinger
Ensembles und PODIUM Musiker:innen bereits vor dem
Festivalstart, und eine neue Konzertreihe, WUNSCHKONZERT,
feiert im Rahmen des Festivals ihre Premiere. Ein lebendiges
Miteinander erwartet die Stadt Esslingen im Festival-Monat
Mai mit 23 Konzerten, rund 100 Künstler:innen an 23 verschiedenen
Orten.
www.podium-esslingen.de
2024 Cringe AF | © Sophia Hegewald
ces, concerts of improvised and electroacoustic
music, sound installations, listening sessions,
meetings and conferences. A special attention
is given to the conviviality and reception of
the works, including a listening room equipped
with an acousmonium – a loud speaker
orchestra – and meticulous staging both for
the public and the artists. The Archipel festival
invites groups and outstanding personalities,
renowned or emerging artists, musicians from
Switzerland and around the world, such as the
Ictus Ensemble, the Collegium Novum Zürich,
the Contrechamps ensemble, Eva Reiter, Clara
Iannotta, Alvin Lucier, Jürg Frey, Helmuth Lachenmann,
Eliane Radigue, Cassandra Miller,
Morton Feldman, John Cage, Kanako Abe, Rie
Nakajima, Charles Curtis, Sarah Hennies, Felicity
Mangan, Will Guthrie, Valerio Tricoli,
Michèle Bokanowski, Rashad Becker, Christine
Groult, Oren Ambarchi, David Toop, Max Eastley,
Louis Schild, Olga Kocharova, John Luther
Adams, Christina Kubisch, Attila Faravelli, Ellen
Arkbro, Michael Ranta, Oscar Bianchi, Aisha
Orazbayeva. Transmission constitutes an
important part, the program reflects this dimension
through collaborations with universities,
conservatories and other learning facilities.
www.archipel.org
Performance von Ari Benjamin Meyers | © Johanna Lamprecht
Graz (A)
steirischer herbst ’25
18.9. – 12.10.25
Von Anfang an gehören produktive Störung
und fruchtbarer Streit zum steirischen herbst –
zu einer Institution, die während ihres gesamten
Bestehens immer wieder Anstoß für kritische
Gespräche lieferte. Seit seiner Gründung
vor einem halben Jahrhundert bietet das Festival
neuen Produktionen eine Plattform, die
öffentliche Debatten unterschiedlicher Art
und quer durch alle Disziplinen und Medien
hervorrufen und konturieren. Stets hat der
steirische herbst die begrifflichen Grundlagen,
was Kultur für das Zeitgenössische – wie sie es
in Graz, der Stadt mit der zweitgrößten Bevölkerungsdichte
Österreichs, vorfinden – bedeuten
könnte, neu definiert.
www.steirischerherbst.at
Karlsruhe
Zeitgenuss 2025
fake & fantasy
22. – 26.10.2025
Das Musikfestival "ZeitGenuss – Festival für
Musik unserer Zeit" der Stadt Karlsruhe konzentriert
sich 2025 vor allem auf sein Potenzial
als konkreten Ort der Begegnung und des
Austauschs. Ein Ort, an dem Menschen in
Marlene Heiß, künstlerische Leitung ZeitGen uss 2025
© Heike Steinweg
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44 | Neue Musik
CAROL | 2025
ihrer Vielfalt in unterschiedlichen Formaten
eingeladen werden, teilzuhaben, mitzugestalten
und einander zuzuhören. Dafür finden
Veranstaltungen über die Stadt verteilt
und im öffentlichen Raum statt: im Tollhaus,
dem ZKM, der Orangerie der Staatlichen
Kunsthalle, der Musikhochschule, der
Stadtkirche sowie an ausgewählten Orten
der Innenstadt. Als besonderes Highlight
und als Einladung zu einem sehr persönlichen
und zugleich niederschwelligen Musikerleben
wird für die Festival-Tage ein
transparentes Kuppelzelt auf dem Karlsruher
Marktplatz errichtet und für eine Stunde am
Tag bespielt.
Die Frage nach Verbundenheit in einer immer
unübersichtlicheren Welt zieht sich
durch alle Veranstaltungen: Hybride Räume
und Identitäten, das Aufeinandertreffen
von Mensch und Maschine, sowie Manipulationen
von Auge und Ohr werden befragt
- ebenso wie analoge Formen und Orte der
Begegnung, Körperlichkeit und Kommunikation.
ZeitGenuss kooperiert dafür u.a. mit
der Reihe TURNS des ZKM, dem Studio Fluffy
und TOPLAP, dem ensemble ben rentz und
Karlsruher Kantor*innen. Auch wird mit einem
Open Call die freie Musikszene der Stadt
eingeladen, das Programm zu bereichern und
für weitere Stil-Richtungen zu öffnen.
Die künstlerische Leitung von ZeitGenuss
übernimmt 2025 die Pianistin Marlene Heiß.
Ihre Arbeit definiert sich über ihre oftmalige
Doppelrolle als Musikerin und Kuratorin,
wobei sie ihre beiden größten Leidenschaften
vereint: das Erarbeiten und Aufführen
von Musik verschiedenster Epochen und Stilrichtungen
sowie das immer neue Kontextualisieren
derselben durch Genre- und disziplinenübergreifende
Kooperationen und das
Setzen intellektueller Schwerpunkte.
www.kulturbuero.karlsruhe.de
Köln
ACHT BRÜCKEN
„Licht!“
9. – 18.5.2025
ACHT BRÜCKEN | Musik für Köln bringt die
Musik der Gegenwart in die Stadt. Seit 2011
wird die Kölner Philharmonie Anfang Mai
zum genreübergreifenden Podium für renommierte
Künstlerinnen, Künstler und Ensembles
der internationalen zeitgenössischen
Musikszene, von Neuer Musik über Jazz zu
Asasello Quartett | © Wolfgang Burat
Weltmusik, Elektronischer Musik und Pop.
Konzerte mit Vertreterinnen und Vertretern
der freien Szene im urbanen Raum und in anderen
Spielstätten erweitern das Programm,
Performances, Ausstellungen und Filme stellen
eine Verbindung zu anderen Künsten her.
Darüber hinaus gibt es kostenlose Konzerte,
öffentliche Proben, Vorträge und Angebote
für Kinder. Jährlich wechselnde Schwerpunkte
laden ein breites Publikum dazu ein, sich dem
Unbekannten und Neuen zu nähern und sich
für die Musik von heute zu begeistern.
Die 15. Ausgabe von ACHT BRÜCKEN | Musik
für Köln findet vom 9. bis zum 18. Mai 2025
statt. Von den Kompositionen der Porträtkomponistin
Kaija Saariaho (1952-2023) ausgehend
öffnet sich eine Welt von Werken und
Projekten um die Phänomene Helligkeit und
Dunkelheit.
Seit 15 Jahren bringt ACHT BRÜCKEN neue
Impulse in die Stadt, realisiert innovative Projekte
und zeigt internationale Spitzenensembles
unmittelbar neben der profilierten Freien
Musikszene Kölns. Dazu gehört insbesondere
die Initiierung und Produktion von rund 150
Uraufführungen. Eine Reihe der von ACHT
BRÜCKEN in Auftrag gegebenen Werke sind
in den Kanon des zeitgenössischen Repertoires
eingegangen.
www.achtbruecken.de
Ensemble Musikfabrik | © Janet Sinica
Köln
Ensemble Musikfabrik
Seit 1990 steht das Ensemble Musikfabrik, das
Landesensemble NRW für Neue Musik, für
die Entdeckung neuer Klänge und visionäre
Konzertformate. Getreu seinem Namen ist
es ein Labor für zeitgenössische Musik – ein
Raum, in dem neue Werke nicht nur aufgeführt,
sondern in engem Austausch mit
Komponis:innen geformt und weiterentwickelt
werden. Die Musiker*innen des internationalen
Solistenensembles verstehen sich als
Klangforscher*innen, die Grenzen ausloten
und ungewohnte Hörerlebnisse schaffen. Ob
auf Festivals, in internationalen Konzerten
oder in den eigenen Reihen „Musikfabrik im
WDR“ und „Montagskonzerte“ entstehen intensive
musikalische Begegnungen – zu den
Highlights der kommenden Saison zählen
beispielsweise:
Wittener Tage für Neue Kammermusik | FR
02.05.2025| 20:00 | Saalbau (Witten)
Hotel Europa | Mi 04.06.2025 | 20:00 | Philharmonie
Berlin (Kammermusiksaal)
Kölner Philharmonie | Mo 23.06.2025 | 20:00 |
Kölner Philharmonie (Köln)
Radial System | 03.07 - 06.07.2025 | Radial System
(Berlin)
Musikfabrik im WDR 93 | 12.07.2025 | 20:00 |
WDR Funkhaus am Wallrafplatz (Köln)
Salzburger Festspiele, So, 20.07.2025 | 20:30 |
Kollegienkirche (Salzburg)
Muziekgebouw | Do 02.10.2025 | 20:15 | Muziekgebouw
aan ‹t Ij (Amsterdam)
www.musikfabrik.eu
Köln
Round
Round ist eine Konzertreihe für experimentellen
Pop und elektronische Musik
in der Kölner Philharmonie. Die musikalische
Ausrichtung der Reihe ist betont offen
und bewegt sich zwischen Elektronik, Avantgarde,
Ambient, Sound Art und neuer Improvisationsmusik.
Die Reihe lädt einerseits
junge Musiker:innen dazu ein, mit musikalischen
und visuellen, performativen und szenischen
Formen zu experimentieren und stellt
andererseits etablierte Positionen aus dem
Feld der modernen Pop- und elektronischen
Musik vor.
The Düsseldorf Düsterboys | © Katarina Geling
Kuratiert wird die Reihe von Tobias Thomas
und Thomas Meckel in Zusammenarbeit mit
KölnMusik.
www.koelner-philharmonie.de/de/reihen/
round/525
Ayla Pierrot Arendt – Death In Peace | © Robert Schittko
Krems (A)
donaufestival 2025
2. – 4.5. und 9. – 11.5. | Krems an
der Donau
Musik, Performance, Kunst, Film und Diskurs.
Das donaufestival, das seit 2017 unter der
künstlerischen Leitung von Thomas Edlinger
steht, präsentiert seit 20 Jahren abenteuerliche
Ästhetiken und Vibrationen aktueller
Gegenwartskunst. An zwei Wochenenden (jeweils
Freitag bis Sonntag) finden mehr als 55
Programmpunkte an unterschiedlichen Orten
in Krems statt.
Confusion Is Next heißt ein Song von Sonic
Youth aus dem Jahr 1983. 2025, im 20. Jahr
Freiburg
SWR Experimentalstudio
16. – 19.10.2025
Das SWR Experimentalstudio ist die einzige verbleibende
Institution ihrer Art in Deutschland.
Es leistet seit Jahren herausragende innovative
Arbeit und nimmt u.a. im Bereich der elektronischen
Neuen Musik weit über die Landesgrenzen
hinaus eine wichtige Vorreiterrolle ein.
Forschung, Wissenschaft und künstlerische Exzellenz
werden hier in einzigartiger Weise gelebt
und verkörpert.
Sein neues Zuhause wird das SWR Experimentalstudio
in den für die Musikhochschule
Freiburg vorgesehenen Räumlichkeiten der
Schöneckstraße 6a finden. Diese werden vom
zuständigen Amt des Landes, Vermögen und
Bau Baden-Württemberg, für die zukünftige
Nutzung saniert. Dort soll für das Experimentalstudio
zusätzlich ein neuer Studiosaal in Form
eines Erweiterungsbaus mit einer Fläche von
167 Quadratmetern entstehen. Dadurch ist sichergestellt,
dass die spezifischen Belange des
Experimentalstudios an seinem neuen Standort
adäquat berücksichtigt werden. Der neue Studiosaal
wie auch weitere Räumlichkeiten des
Gebäudes stehen dem Experimentalstudio zur
exklusiven Nutzung zur Verfügung.
www.swr.de
SWR Experimentalstudio | © SWR/Marco Borggreve
CAROL | 2025 Neue Musik | 45
des donaufestivals in seiner heutigen Form,
blühen Paranoia, Misstrauen, Empörungslust
und Desinformationsspiralen im Zeichen des
Need for Chaos. In diesen vernebelten Zuständen
agieren Künstler:innen selbst mit Irritationen
und reagieren mit ihrer Musik und auf
ihre ganz eigene Weise auf eine Welt aus den
Fugen und tragen zu einem spannenden und
außergewöhnlichen Festivalprogramm in diesem
Jahr bei.
www.donaufestival.at
Rainy Days 2024, Hands | © Eric Engel
Luxemburg (L)
Rainy Days
Embracing the Physicality of Sound
19. – 23.11.2025
From November 19 to 23, 2025, the rainy
rays festival at the Philharmonie Luxembourg
will boldly challenge the cliché that contemporary
music is overly intellectual. With the
theme bodies, the festival curated by the Luxembourgish
composer Catherine Kontz will
explore the profound connection between
the physical and the spiritual, highlighting
how the body and its movements are integral
to the creation and perception of music.
The festival’s programme will offer a diverse
and immersive experience, catering to both
contemporary music enthusiasts and curious
newcomers of all ages. A standout performance
will feature the unique fusion of music
and judo, where two judoka will demonstrate
the harmony between martial art and sound.
This innovative approach will showcase the
body’s functions, limitations, and expressive
potential as a resounding instrument. The
members of Percussions de Strasbourg will
take the stage to masterfully transform their
bodies into instruments, producing a rich
sonic tapestry. Other renowned ensembles,
such as Ensemble Recherche and the collaborative
project of Explore and Exaudi, will
guide audiences through physical journeys
of sound discovery. Visitors will also have
the chance to become performers themselves
through sound walks, installations, and
interactive performances that will transform
the concert hall into a resounding, walk-in
body. A special highlight of this year’s edition
will be the focus on British composer Michael
Parsons, whose work will be featured
prominently.
Heiden (CH)
heiden festival 2025
Musik ohne Grenzen!
23. – 25.5.2025
Vom 23. bis 25. Mai 2025 wird Heiden, das charmante Biedermeierdorf
hoch über dem Bodensee, zum pulsierenden Zentrum für Neue Volksmusik
und Weltmusik. Zum neunten Mal feiert das heiden festival unter dem
diesjährigen Motto „grenzenlos“ die Vielfalt der Klänge und Kulturen.
Auf diversen Indoor- und Outdoor-Bühnen sorgen knapp 30 Bands mit über
50 Stunden Live-Musik für mitreißende Konzerte und Tanzfieber. Ob auf
der Tanzbühne, beim Lauschen an einem der einzigartigen Spielorte, u.a.
mit einem atemberaubenden Blick auf das Schwäbische Meer, oder beim
Genießen der vielseitigen Kulinarik – das Festival verspricht ein unvergleichliches
Erlebnis.
Deitsch v.l.n.r. Jürgen Treyz, Barbara Walther, Barbara Hintermeier und Steffen Gabriel | © Claus Jahn
Ein weiteres Mal setzt das heiden festival neue Maßstäbe und präsentiert
ein Programm, das musikalische Grenzen sprengt. Die diesjährige Ausgabe
vereint hochkarätige Künstlerinnen und Künstler – wie u.a. Oesch’s die
Dritten, Thomas Gansch mit Alpen & Glühen, um nur die bekanntesten
Acts zu nennen – die das breite Spektrum der Neuen Volksmusik und Weltmusik
in all ihren Facetten erlebbar machen. Kraftvolle Jodelkunst trifft
auf virtuose Blech- und Holzbläserklänge, filigrane Folk-Melodien verschmelzen
mit alpinen Rhythmen, und irgendwo zwischen den Welten
entsteht eine musikalische Reise, die das Publikum in ihren Bann zieht.
Dabei begegnen sich nicht nur verschiedene Stilrichtungen, sondern auch
Kulturen: Traditionelle Klänge aus den Alpen verschmelzen mit Einflüssen
aus ganz Europa und darüber hinaus. Ob feinsinnige Arrangements oder
energiegeladene Bühnenauftritte – das Festival schafft eine Atmosphäre,
in der Musik nicht nur gehört, sondern erlebt wird. Und wer sich auf Unerwartetes
einlässt, wird belohnt: Wenn beispielsweise südpolynesische
Rhythmen auf appenzellische Klangwelten treffen, entstehen Momente,
die man so schnell nicht vergisst.
2025 präsentiert sich der Westschweizer Kanton Fribourg als musikalischer
und kulinarischer Ehrengast. Seine traditionellen und innovativen Klänge
sowie regionale Spezialitäten bringen einen besonderen Touch ins Festivalgeschehen
und schaffen eine kulturelle Brücke zwischen den Sprachregionen
der Schweiz und der Welt.
www.heiden-festival.ch
Rainy Days, Foyer Inside Out Piano | © Ines Rebelo de Andrade
Whether attendees will choose to experience
a single concert or immerse themselves in the
entire festival weekend, rainy days 2025 will
guarantee unexpected insights and moments
of recognition, redefining the relationship
between body and sound.
www.philharmonie.lu/de/konzerte-tickets/
festivals/das-festival-rainy-days
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Maxjoseph v.l.n.r. Georg Unterholzner, Florian Mayrhofer, Nathanael Turban, Andreas Winkler | © Jessica Elsner
46 | Neue Musik
CAROL | 2025
Florentin Ginot | © Frederike Wetzels
Mailand (I)
Milano Musica Festival
26.4. – 6.6.2025
Das 34. Milano Musica Festival (MMF) feiert
die künstlerische Vision von Francesco Filidei
und markiert die lang erwartete Uraufführung
seiner neuen Oper Il nome della rosa, die auf
dem Roman von Umberto Eco basiert. Dieses
Werk, das vom Teatro alla Scala, der Opéra
National de Paris und dem Teatro Carlo Felice
di Genova gemeinsam in Auftrag gegeben
und von der SIAE-Società Italiana degli Autori
ed Editori unterstützt wurde, ist das Herzstück
des Festivals. Das Festival bietet mehrere
wichtige Aufführungen, beginnend mit dem
Eröffnungskonzert in der Mailänder Scala am
26. April, einem speziellen Programm, das Filidei
gewidmet ist und vom Ensemble Intercontemporain
und Les Métaboles aufgeführt
wird. Am 2. Mai wird das OSN-Rai-Konzert
die italienische Erstaufführung von Aureliano
Cattaneos Violinkonzert und die Weltpremiere
von Stefano Gervasonis Violinkonzert beinhalten.
Die italienische Erstaufführung von Filideis
Violakonzert findet am 15. und 16. Mai
statt, aufgeführt von Antoine Tamestit und
dem Orchestra Sinfonica di Milano. Das Festival
umfasst auch eine Reihe von Orgelkonzerten
am 29. April, 22. Mai und 29. Mai, bei
denen Filideis Instrumentalmusik erkundet
wird, mit Auftritten von Hampus Lindmann
und Filidei selbst.
Um den Zugang zur Kultur zu erleichtern und
junge Menschen an zeitgenössische Musik heranzuführen,
hat Milano Musica Bildungsprogramme
für Workshops an weiterführenden
Schulen und Studientage mit den Universitäten
Mailand und Pavia entwickelt. Darüber
hinaus wird MMF seine Wirkung durch Programme
zur Kontaktaufnahme mit benachteiligten
Gemeinden verstärken, darunter ein
Sonderkonzert eines Chors aus dem Gefängnis
San Vittore.
milanomusica.org
Deena Abdelwahed B2B DJ Plead – Blå 21.9.2024
© Nabeeh Samaan
Oslo (N)
Ultima 2025
11. – 20.9.2025
Das Ultima Oslo Contemporary Music Festival
öffnet seit 1991 mit zeitgenössischer Musik
und klangbasierter Kunst Ohren und Geist.
Jedes Jahr im September präsentiert das Festival
an verschiedenen Orten in Norwegens
Hauptstadt Oslo ein zehntägiges Programm
mit Orchester-, Kammer-, Instrumental- und
elektronischen Musikkonzerten, Musiktheater,
Oper, Klanginstallationen, Tanz, Multimedia,
Performancekunst und mehr. Unter dem
Motto „Ein Ohr für die Gegenwart“ vermittelt
Ultima den Besuchern einen starken Eindruck
von der Bandbreite der heutigen Musik und
ihrer Wechselwirkung mit der ganzen Welt. Zu
jedem Festival gehören spezielle Aktivitäten
zur zeitgenössischen Musik für Kinder und Jugendliche.
Außerdem gibt es Ultima Context,
eine Reihe von Vorträgen, Podiumsdiskussionen,
Seminaren und Workshops. Durch diese
Programme können sich junge Menschen und
neugierige Zuhörer:innen der heutigen Musik
annähern.
www.ultima.no
Neoquartet |© Malgorzata Popinigis
Potsdam
intersonanzen 25
25 Jahre Festival der Neuen Musik
in Potsdam
transreal
8.5. – 18.5.25
Die intersonanzen blicken im Jubiläumsjahrgang
25 zurück und nach vorn. Unter der
Überschrift transreal werden zu diesem Anlass
für elf Tage, vom 8.5. bis 18.5.2025, die
Türen geöffnet. Mit hochkarätiger aktueller
Musik erleben wir die Begegnung mit visueller
Kunst in Potsdam im: DAS MINSK Kunsthaus
in Potsdam, Museum Barberini und museum
FLUXUS+.
Mit dem Schwerpunkt Streichquartette (Neo,
Kairos, Sonar) und dem Kammerorchester ART
Ensemble NRW sowie weiteren internationalen
Spitzenensembles in insgesamt 20 Konzerten,
Soundwalk, Diskurs und Performances
(u.a. Black Pencil, LUX:NM, El Perro Andaluz)
wird mit visuell arbeitenden Künstler:innen
interagiert. Räume werden gestaltet: musikalische,
klangliche, reale, surreale, virtuelle –
transreale.
Die aktuellen technologischen Entwicklungen
neuester Medien und die Revolutionierung
von Arbeitsprozessen durch KI schaffen
ungeahnte neue Möglichkeiten und Gefahren.
Gerade die Frage nach der individuellen
Sichtweise wird neu gestellt. Entsteht daraus
eine neue eigene Realität, Virtualität oder Parallelwelt?
www.neue-musik-brandenburg.de
Studio Dan | © Ditz Fejer
Schwaz (A)
Klangspuren Schwaz
Tiroler Festival für Neue Musik
11. – 27.9.2025
Das Festival Klangspuren Schwaz 2025 rückt
die Beziehung zwischen Mensch und Technologie
ins Zentrum und lädt dazu ein, den emotionalen
Zugang zu digitalen Innovationen
neu zu erkunden. Schon vor 1000 Jahren soll
der bronzene „sprechende Kopf“ von Papst
Silvester II. die Menschen einerseits fasziniert,
aber auch beunruhigt haben. In der Neuzeit
wandte man sich der präzisen Vermessung der
Welt zu. Das befriedigte nicht nur ein Bedürfnis
nach Kontrolle über die Natur, sondern
erhob auch den kühlen Verstand über hitzige
Emotionen.
In den heutigen Debatten über Einfluss digitaler
Technologie und Künstlicher Intelligenz
flammen alte Ängste vor dem Kontrollverlust
wieder auf: Brauchen wir in naher Zukunft
noch Musiker:innen? Wird es noch Konzerte
geben? Klangspuren Schwaz will dem
mit Neugier und Offenheit, einer auch kritischen,
aber vor allem spielerischen Haltung
begegnen. Das Festival möchte aufzeigen,
wie Künstler:innen diese Fragen kreativ aufgreifen.
Statt technischer Perfektion geht es
vor allem um die Erweiterung künstlerischer
Ausdrucksformen und den Mut, sich selbstbewusst
in einer technologisierten Welt zu bewegen.
Klangspuren Schwaz hat den Akademiegedanken
seit jeher fest verankert und setzt ihn auch
heuer fort. Etwa mit dem Composers Lab für
junge Komponist:innen, die mit renommierten
Dozent:innen an ihren Uraufführungen
arbeiten. 2025 konnten dafür Chaya Czernowin,
Johannes Maria Staud und Studio Dan
gewonnen werden. Sie sind auch mit Werken
und Konzerten im Festival vertreten.
www.klangspuren.at
Caterina Barbieri | © Georg Gatsas
Venedig (I)
Biennale Musica 2025
69th International Festival of
Contemporary Music
11. – 25.10.2025
The 69th International Festival of Contemporary
Music will run from 11-25 October
2025, directed by Caterina Barbieri. The programme
will feature several daily events with
international soloists and ensembles as well
as the actvities of the Biennale College Musica
dedicated to new projects that will be
included the Festival’s programme. The Star
Within is the title of the 69th International
Festival of Contemporary Music to be held
in Venice from 11 to 25 October. A poeticsymbolic
image suggested by the words of
the Brazilian author Clarice Lispector – If the
twinkling of the stars pains me, if this distant
communication is possible, it is because something
almost like a star quivers within me.
Caterina Barbieri (1990) is an Italian musician
and composer based in Berlin. She earned diplomas
in classical guitar and electroacoustic
composition – as well as Modern literature –
in Bologna, and studied at the Royal College
of Music and the Elektronmusikstudion in
Stockholm. She has participated in some of
the most important international music festivals.
“I am very happy about this invitation and
truly honoured to be able to contribute to the
Biennale Musica – stated Caterina Barbieri. Venice
is a constant source of inspiration: its mutability,
the echoes and reflections, its silences
and its ‘liminality’. Its resilience and yearning
for infinity. Its dissolution of space and time.
All of this is already music”.
www.labiennale.org/en/music/2025
Werdenberg (CH)
Internationales Festival
Schlossmediale
Ausgepackt!
19. – 28.6.2025
Das internationale Festival Schlossmediale für
Alte und Neue Musik und audiovisuelle Kunst
wurde 2012 gegründet. Das Alleinstellungsmerkmal
des Festivals ist das Zusammenbringen
von Alter und Neuer Musik und Kunst,
also die gegenwärtige Auseinandersetzung
Schloss Werdenberg, 2024 | © Manuela Foerster
mit dem historischen Ort und Schloss Werdenberg.
Das Festival bietet durch das Zusammenspiel
der Künste eine unkonventionelle
Auseinandersetzung und einen ungewöhnlich
direkten Austausch mit den Künstlerinnen
und Künstlern. Das Festival wird ab 2025 im
Zweijahresrhythmus weitergeführt.
Das diesjährige Jahresthema der Schlossmediale
ist: Ausgepackt! Offenbaren, was bereits
existiert … Der Moment der Enthüllung, der
Übergang vom Verborgenen zum Sichtbaren,
der Moment, der die Überraschung und das
Staunen einfängt, das, was wir beim Entdecken
von Neuem empfinden – das meint AUS-
GEPACKT!
Gleichbedeutend zu „Entdeckung“ und „Enthüllung“
wird in der digitalen Kultur dieser
Moment „Unboxing“ genannt: Sobald etwas
gekauft werden kann, hat es wahrscheinlich
bereits jemand ausgepackt, gefilmt und auf
YouTube gestellt. Wir leben in einer Zeit, in
der die Verpackung genauso wichtig ist, wie
ihr Inhalt. Jedes Auspacken hat eine kathartische
Wirkung. Was verbirgt sich in dieser Box,
in diesem Geschenk, hinter dieser Idee, hinter
dieser Erinnerung, hinter diesen Mauern, in
diesem Raum, im Schloss Werdenberg?
Apparate | © Oliver Oettli
Die Leitung des Festivals Schlossmediale
kommt in seiner 13. Ausgabe von der Gründerin
Mirella Weingarten neu in die Hände des
Wallisers und in Bern wohnenden Perkussionisten
und Komponisten Pascal Viglino. Der
international ausgebildete Musiker wird in
Werdenberg die Zusammenarbeit unter den
Künstlerinnen und Künstlern sowie den Austausch
mit den Besuchenden und der Bevölkerung
stärken. Das Festival Schlossmediale soll
in der Schweizer Musik- und Kunstlandschaft
als führender Ort für transdisziplinäres Schaffen
gefestigt werden, an dem Musik mit Kunst
und anderen Ausdrucksformen zusammengeführt
wird. Durch das MediaLab- und das Stipendiatenprogramm
sowie durch das Vermittlungsprojekt
mit Schulen und die in Auftrag
gegebenen Soundwalks öffnet die Schlossmediale
Räume der Interdisziplinarität und für
gemeinsame Schaffensprozesse.
www.schlossmediale.ch
Portrait Pascal Viglino
CAROL | 2025 Neue Musik | 47
Vimbayi Kaziboni | © Astrid Ackermann
Wien (A)
Wien Modern 38
30.10. – 30.11.2025
1910 war Wien mit 2,08 Millionen
Einwohner:innen nach London, New York
City, Paris und Chicago und knapp vor Berlin
die fünftgrößte Stadt der Welt. 1988 war mit
1,48 Millionen ein Tiefpunkt erreicht, seitdem
wächst die Bevölkerung ähnlich schnell wie in
der Gründerzeit, bislang um 37% auf aktuell
2,03 Millionen. Das Wien-Modern-Gründungsjahr
markiert damit den Anfang einer rasanten
urbanen Entwicklung, die vom mythischen
Grau der 1980er in die heutige Metropole führt.
Was diese Dynamik rund um Migration und
Diversität mit Innovation zu tun hat, will Wien
Modern nicht mehr oder weniger grauen politischen
Theorien überlassen, sondern in der
erfreulich bunten musikalischen Praxis erlebbar
machen. Von der Eröffnung mit dem RSO Wien
und dem Wahlwiener Vimbayi Kaziboni (Foto)
bis zum Abschluss mit Hunderten von Menschen
aus ganz Wien – beides im Wiener Konzerthaus
– lädt Wien Modern zu zahlreichen Urund
Erstaufführungen von Zara Ali, Pierluigi
Billone, Jessie Cox, Chaya Czernowin, Katharina
Ernst, Clemens Gadenstätter, Yifan Guo, Clara
Iannotta, Mirela Ivicevic, Pierre Jodlowski, Jung
an Tagen, Emre Sihan Kaleli, Hannah Kendall,
Marina Khorkova, Alexander Khubeev, Malika
Kishino, Katharina Klement/Isabelle Duthoit/
Sabine Maier, Anna Korsun, David Kosviner,
Bernhard Lang, George Lewis, Philipp Maintz/
Ingeborg Bachmann, Koka Nikoladze, Hilda Paredes,
Stefan Prins, Hovik Sardaryan, schtum,
Tyshawn Sorey/Akua Naru u.v.a.
www.wienmodern.at
Wien (A)
Wiener Festwochen
16.5. – 22.6.2025
Die revolutionäre Kraft der Liebe feiern die
Wiener Festwochen | Freie Republik Wien vom
16. Mai bis 22. Juni 2025 im zweiten Jahr der
Intendanz von Milo Rau unter dem Claim V
is for loVe. Aufsehenerregende Künstler:innen
aus allen Kontinenten überziehen Wien mit
über 40 Theater- und Musikproduktionen,
Installationen und Community-Projekten,
davon elf Weltpremieren und zehn Eigenproduktionen.
Noch nie gab es bei den Festwochen
so viele Neu- und Eigenproduktionen,
so viele Welt- und Österreichpremieren wie in
dieser REPUBLIK DER LIEBE!
Die Freie Republik Wien ist nicht ein Gefäß,
sondern ein Gesamtkunstwerk – von der Eröffnung
über diverse Produktionen, den
Pk Wiener Festwochen 2025 | © Franzi Kreis
Themensetzungen bis zur Wiener Erklärung
(Verfassung der Freien Republik Wien). Der
Name Freie Republik Wien nimmt Bezug auf
historische Versuche, die „Republik“ (Res publica:
die Dinge von öffentlichem Interesse,
also alle Belange der Gemeinschaft) von den
gängigen Denkweisen, institutionellen Abläufen
und eingeschliffenen Normen zu befreien.
Also neu, befreit, gemeinsam, mit Humor und
Ernsthaftigkeit auf die Welt und Wien zu blicken.
Die Freie Republik Wien ist Ort der Produktion
und Präsentation von renommierten genauso
wie aufstrebenden Künstler:innen aller
Sparten, von experimentellen, radikalen und
etablierten künstlerischen Visionen aus der
ganzen Welt.
www.festwochen.at
Nicolas Berge | © Inês Pizarro Correia
Witten
Wittener Tage für
Neue Kammermusik #57
upcycling
2. – 4.5.2025
Ensemble Musikfabrik und Ensemble Scope
widmen sich dem Thema #FILTER. Das Kuss-
Quartett und Sarah Maria Sun laden ein zu
einem Kopfhörer-Konzert. Das Grau Schumacher
Piano Duo macht zwei Klaviere zu großen
Lautsprechern. Das Trickster Orchestra gibt
sein Witten-Debüt mit einem Konzert anlässlich
des WDR Liminal Music Prize. Die Musik
von Cassandra Miller, der Porträt-Komponistin
in diesem Jahr, stellt die Frage, wie man
aus alten Dingen schöne, neue Dinge macht.
Upcycling sagt man dazu. Das Vokalensemble
Exaudi, Ilya Gringolts, Lawrence Power und
Nicolas Altstaedt führen vor, wie das klingt.
Außerdem dabei: das Bozzini-Quartett und die
Sopranistin Juliet Fraser, das WDR Sinfonieorchester,
die Sopranistin Sara Defrise, die Geigerin
Silvia Tarozzi und der Sheng-Virtuose Wu
Wei. In neuen Stücken von Ondrej Adámek,
Nicolas Berge, Ketan Bhatti, Michael Finnissy,
Sara Glojnaric, Lucia Kilger, Malika Kishino,
Jessie Marino, Cassandra Miller, Brigitta Muntendorf,
George Lewis, Cymin Samawatie, Kelley
Sheehan, Ming Tsao, Clemens K. Thomas
u.v.m. Und bei Johannes Kreidler können Sie
alle Ihre Sorgen loswerden bei einem Wittener
Seufzer.
www.wittenertage.de
Beloved City, Richter Trio, 202 | © Admill Kuyler Cult, Jivoy, 2024 | © Admill Kuyler Lulier Pass Night Photo no Facade | © dbt (digital building technologies) der ETH Zürich
Riom (CH)
Origen
Nova Fundaziun Origen
16. – 19.10.2025
Origen ist eine Kulturinstitution in den Schweizer Alpen. Origen
wurde vor fünfzehn Jahren als sommerliches Theaterfestival
gegründet. Mittlerweile spielt Origen in jeder Saison. Vier
außergewöhnliche Bühnen bieten Raum für alle Sparten. Eine
Schauspieltruppe, drei Gesangsensembles und rund zehn Tanzformationen
aus aller Welt gestalten den Spielplan. Auf spektakulären
Freilichtbühnen kommt die Natur ins Spiel. Bahnhöfe,
Lokremisen, Stauseen, Dorfplätze und Wasserkavernen erlauben
große Atmosphären und neue Deutungen. Origen spielt in der
Welt. Origens Tätigkeit endet nicht am Bühnenrand. Die Nova
Fundaziun Origen engagiert sich in der kulturellen Vermittlung.
Kunsthistorische Führungen, Workshops, Werkeinführungen
und Forschungsprojekte schaffen Zugänge zur Kultur. Kooperationen
mit Hochschulen vermitteln zwischen Kunst, Forschung
und Bildung. Ein Verlag ediert historische Bücher und Bildbände
zu Theaterprojekten.
Origen engagiert sich für eine starke Baukultur. Die sanfte Nutzung
historischer Bauten erhält wertvolle Bausubstanz und bietet
qualitätsvollen Wohnraum. Die Renovation und Umnutzung
von Hotels, Emigrantenvillen, Bauernhäusern und Stallgebäuden
bringt Leben in die Dörfer, fördert die Bauwirtschaft und
schafft starke Standorte. Der Aufbau von Werkstätten ermöglicht
dringend benötigte Jobs und festigt die Lebensgrundlagen.
In den kommenden Jahren möchte Origen sein Tätigkeitsfeld
erweitern. Origens Gastronomie wird sich mit der kulinarischen
Tradition der Region auseinandersetzen und zur Ernährung forschen.
Für Riom werden neue Beherbergungsmodelle entworfen,
die auf die gebaute Substanz reagieren. Die Abteilung für
digitale Bautechnologien an der ETH entwirft für Origen neue
performative Raumskulpturen. Ein Campus in Riom wird die
Zusammenarbeit zwischen Kunst, Forschung und Wissenschaft
stärken.
Das Festival setzt auf innovative Theaterformate, die auf alten
Traditionen beruhen. Origen fördert die alteingesessene rätoromanische
Kultur und arbeitet gleichzeitig mit Künstlern internationaler
Kulturinstitutionen zusammen, wie etwa dem Wiener
Staatsballett, dem Ballett des MariinskyTheaters in St. Petersburg,
dem Orchester des Zürcher Opernhauses oder dem Ballett
der Pariser Opéra. In den vergangenen Jahren sind Hochschulen
wichtig geworden: Die ETH-Professoren Gion A. Caminada und
Benjamin Dillenburger haben sich mit der Dorfentwicklung
und mit neuen Bautechnologien befasst, die Universität St. Gallen
und die Fachhochschule Graubünden sind regelmäßig mit
ihren Studenten zu Gast. Origen
kooperiert mit allen Gemeinden der Regionen.
www.origen.ch
Eröffnung Weißer Turm und Zentrum für digitale
Bautechnologien in Mulegns
Im Frühsommer 2025 wird Mulegns zum Hotspot der digitalen
Baukultur. Der Weiße Turm von Mulegns wird am 20. Mai 2025
eingeweiht. Bundesrat Guy Parmelin wird an der Eröffnung
teilnehmen, ebenso der Präsident der ETH, Joël Mesot, und der
Kulturminister von Graubünden, Jon Domenic Parolini. Die Architekturwelt
schaut auf eine neue Ikone, die mitten im Passdorf
steht. Der Kanton Graubünden öffnet sich der digitalen Transformation,
die die weiten Täler belebt. Das Dorf Mulegns erhält
ein Symbol für tapferes Weiterleben. Der Weiße Turm wird das
kühnste, höchste, leichteste und vielleicht auch schönste digital
gedruckte Bauwerk der Welt.
48 | Neue Musik | Wallis
CAROL | 2025
links, v.o.n.u.: akusmatische Konzerte am MEbU (Münster Earport), akusmatische Konzerte und Workshops für Schulen, Simone Conforti am MEbU-Akusmonium; rechts, v.o.n.u.: Ulrike Mayer-Spohn und Javier
Hagen (UMS’nJIP) im MEbU, Simone Conforti und Ulrike Mayer-Spohn beim Einrichten des MEbU-Akusmoniums, MEbU (Münster Earport). Quellen: zVg Forum Wallis
Forum Wallis (CH)
Forum Wallis XVIII
28.5.–15.6.2025
Vom 28. Mai bis zum 15. Juni 2025 verwandelt sich das Oberwallis inmitten der höchsten Alpengipfel zum 18. Mal
in einen Neue Musik-Hotspot mit Ecken und Kanten: angesagte schweizer und internationale Acts der zeitgenössischen
Musik reichen sich dann am Festival Forum Wallis die Klinke und gewähren einen faszinierenden Einblick in
das bunte und vielfältige Schaffen der Neuen Musik.
Das Festival erstreckt sich über drei
Wochen und insgesamt 6 Spieltagen:
Am MEbU (Münster Earport) im
Goms finden die akusmatischen Konzerte
(28./29. Mai) statt, auf Schloss
Leuk die experimentellen Live-Acts
(31. Mai), und am 13./14. und 15.
Juni Konzerte mit dem Fokus auf neu
beleuchteter Volks- und Weltmusik,
wo das Festival mit den Konzerten
des Oberwalliser Volksliederchors zusammen
mit dem Ägypter Wael Sami
Elkholy auch in verschiedene oberwalliser
Dörfer ausschwärmt. Mit dabei
sind in der 18. Festivalausgabe die
schweizer Freejazz-Grössen Manuel
Mengis und Hans-Peter Pfammatter,
Roberto Domeniconi, Francesco Miccolis,
Flo Götte, Frantz Loriot, Marina
Tantanozi, Aya Masui, UMS’nJIP und
das griechische dissonArt Ensemble.
Die Ars Electronica Forum Wallis Selection
Concerts, welche 2025 vom
zum 10. Mal stattfinden und von Simone
Conforti (IRCAM Paris) kuratiert
und performt werden, finden am
MEbU (Münster Earport) im Goms
statt. 26 Werke kamen in diesem
Jahr in die Ränge, für 14 weitere gab
es eine Special Mention. Eingereicht
wurden 279 Werke von 249 KomponistInnen
aus 39 Ländern und allen
Kontinenten.
Das Forum Wallis ist ein internationales
Festival für Neue Musik und
findet im Wallis in der Schweiz statt.
Seit 2006 hat das Forum Wallis über
300 Uraufführungen mitproduziert
und Werke von über 500 KomponistInnen
aus aller Welt präsentiert,
darunter Stockhausens Helikopterstreichquartett
zusammen mit dem
Arditti Quartet, André Richard und
Air Glaciers, Holligers Alp-Cheer
und Cod.Acts Pendulum Choir. Zu
den regelmässigen Gästen des Festivals
gehören Weltklasse-Ensembles
wie recherche, Zafraan, UMS’nJIP,
dissonArt, Steamboat Switzerland,
Klangforum Wien oder Ensemble
Modern.
Das vollständige Festivalprogramm ist
online auf forumwallis.ch zu finden.
INTERVIEW
Wir sprachen mit Javier
Hagen, dem Künstlerischen
Leiter des Forum Wallis.
Was ist die Ars Electronica Forum
Wallis?
Javier Hagen: Die Ars Electronica
Forum Wallis (AEFW) ist eine seit
2015 bestehende Programmschiene
für akusmatische Musik innerhalb
des Festivals für Neue Musik Forum
Wallis. Deren Repertoire speist sich
Jahr für Jahr aus einem internationalen
Call for Acousmatic Works, 2025
feiert sie ihre 10. Ausgabe.
Wie kamen Sie dazu, diese in den
Walliser Alpen zu etablieren?
Javier Hagen: Akusmatische Musik
(Anm. d. Red.: Musik ausschliesslich
für Lautsprecher) ist in ansprechender
Qualität selten live zu erleben,
denn die technischen Anforderungen
sind komplex und die Instrumente
teuer. Am MEbU im Goms
verfügen wir aber über ein fix installiertes
State of the art-16-Kanal-Akusmonium.
Dieses wurde von Simone
Conforti, der am IRCAM in Paris
unterrichtet und für die Biennale
Musica in Venedig tätig war, designt
und eingerichtet. Somit können wir
denkbar beste Voraussetzungen für
akusmatische Musik bieten – und
mit dieser Programmschiene weitherum
auch ein einzigartiges Alleinstellungsmerkmal.
(schmunzelt) Zudem
ist akusmatische Musik angesichts
der Pracht der Walliser Alpen auch
ein Statement, das zum Nachdenken
anregt.
Bemerkenswert ist, dass beim Call
for Acousmatic Works der AEFW
keine Anmeldegebühren anfallen,
ebensowenig gibt es ein Ranking,
was sind die Gründe hierfür?
Javier Hagen: Es gibt zahlreiche
Wettbewerbe, deren Kosten zu einem
beträchtlichen Teil über die Anmeldegebühren
von KomponistInnen
finanziert werden und deren Preis-
CAROL | 2025 Neue Musik | Wallis | 49
v.l.n.r.u.o.n.u.: Francesco Miccolis, dissonArt Ensemble, Manuel Mengis, Hans-Peter Pfammatter, Flo Götte, Aya Masui, Roberto Domeniconi, Wael Sami Elkholy, UMS’nJIP,
Oberwalliser Volksliederchor. Quellen: zVg Forum Wallis
gelder im Verhältnis dazu symbolisch
sind. Wir vertreten den Standpunkt,
dass der Veranstalter die Mittel für
eine solche Konzertreihe nicht auf
die Mehrheit der – notabene nicht
ausgewählten – KomponistInnen abwälzen
sollte, sondern unabhängig
davon generieren muss.
Zur Rankingfrage: Uns geht es darum,
einer möglichst grossen Zahl von
Werken Visibilität zu verschaffen.
Lediglich drei Werke aus Hunderten
von Eingaben in einem Ranking zu
küren finden wir anmassend. Unser
Prinzip ist vielmehr ein aktivistisches.
Lassen Sie mich dies anhand des folgenden
Vergleiches etwas näher erläutern:
vor 40 Jahren – in Zeiten
vor Internet – gab es, sagen wir mal,
weltweit ein Dutzend unabhängiger
Bubbles, in welchen Neue Musik
MEbU
MEbU ist ein Akronym für Münster
Earport by UMS‘nJIP. Das MEbU
ist die Arbeits- und Wohnstätte
des Ensembles für Neue Musik
UMS‘nJIP (Ulrike Mayer-Spohn und
Javier Hagen) und gleichzeitig ein
Musiklabor, eine Konzertstube und
ein Kunstraum für zeitgenössische
Musik. Dessen Name verweist augenzwinkernd
auf den unmittelbar
benachbarten Flughafen Münster
(Münster Airport) im Goms, einem
alpinen Hochtal im Wallis im Quellgebiet
der Rhone. UMS‘nJIP gehören
seit 2007 zu den aktivsten Neue
Musik-Ensembles der Gegenwart,
sind mit verschiedensten Musikprojekten
in vierzig Ländern tätig und
haben mit über 1000 KomponistInnen,
Regisseuren, Ensembles
und bildenden Künstlern an den
weltweit wichtigsten Zentren für
Neue Musik zusammengearbeitet. In
Münster, Goms, kehren sie zu ihren
Wurzeln zurück: ihre Familie gehörte
mit fünfundzwanzig Ammännern
über Jahrhunderte zu den prägendsten
der Grafschaft. Im MEbU
machen UMS‘nJIP ihre Arbeit auch
öffentlich zugänglich: im Liederstadel,
in Schaukästen und in der Konzertstube,
wo Musikdarbietungen
verschiedenster Art von urchiger
Volksmusik bis hin zu avantgardistischen
und experimentellen elektronischen
Formaten exemplarisch
zu hören sind. In den vergangenen
beiden Jahren genossen die folgenden
Komponisten Arbeitsresidenzen
am MEbU: Simone Conforti, Mateu
Malondra, Manolis Ekmetsoglou,
Mehmet Can Özer, Mehmet Ali Uzunselvi
und Reuben de Lautour.
mebu.umsnjip.ch
gespielt, rezipiert und eben auch in
Wettbewerben gewürdigt wurde. In
jeder Bubble kamen jeweils etwa 20
KomponistInnen regelmässig in die
Ränge, was auf die weltweite Szene
hochgerechnet bedeutet, dass über
200 KomponistInnen die Preise weltweit
unter sich ausgemacht haben. In
unserer globalisierten Welt sind diese
Bubbles zu einer grossen zusammengeschmolzen,
aber die Anzahl der
gekürten KomponistInnen ist nicht
um den entsprechenden Faktor gewachsen.
Im Gegenteil, sie hat sich
verringert: gefühlt sind nicht mehr
als 50 KomponistInnen regelmässig
in den Top-Rankings zu finden. Das
sind 75% weniger, das professionelle
Spielfeld ist somit verknappt. Auch
wenn es nur ein Tropfen auf dem
heissen Stein ist: Indem wir nicht nur
eine Handvoll, sondern wie in diesem
Jahr 26 Stücke spielen und 14 weiteren
eine Special Mention verleihen,
bekommen überdurchschnittlich
mehr Werke ein Spielfenster und alle
KomponistInnen ein Zertifikat. Die
gespielten KomponistInnen erhalten
die Royalties und die Übernachtungen
bezahlt. Letztere entsprechen
alleine schon einem Gegenwert von
300 EUR pro KomponistIn. Insgesamt
finden wir das zielführender.
Die Jury der AEFW ist mit Kotoka
Suzuki, Reuben de Lautour, Jaime
Oliver La Rosa und Ihnen seit Jahren
dieselbe, hat dies eine spezielle
Bewandtnis?
Javier Hagen: Ja, das ist eine bewusste
Entscheidung: Wir haben ein
konstantes Jury-Ensemble, das über
die Jahre einen ästhetischen Diskurs
führt. Dieser wäre nicht möglich,
wenn die Jury jedes Jahr anders zusammengesetzt
würde. Der Austausch
der JurymitgliederInnen ist ausgesprochen
offen, und wir überblicken
gemeinsam eine Entwicklung über
mehrere Jahre, was besonders wertvoll
ist. Besonders ist auch, dass wir
über die individuellen Backgrounds
der JurymitgliederInnen — mit der
Ausnahme von Afrika, zumindest
noch für den Moment — sämtliche
Kontinente abdecken: Kotoka Suzuki
steht für den asiatischen Raum, Jaime
Oliver La Rosa für beide Amerikas,
Reuben de Lautour für den türkischarabischen
und austro-pazifischen
Raum und ich für das alte Europa.
Ist die akusmatische Musik männerdominiert?
Die Programm-Lineups
lassen zumindest diese Vermutung
zu.
Javier Hagen: Zahlenmässig scheint
dies der Fall zu sein, musikalisch ist
es aber nicht so: Unsere Erfahrung
zeigt, dass sich hinter den Stücken,
die wir intern über die Jahre am
höchsten bewertet haben, auffällig
oft KomponistInnen verbergen. Dabei
stellen diese in der Regel — und
leider — nicht mehr als 20% des Eingabekollektivs.
Sie kommen aber mit
ihren Stücken statistisch sehr weit
nach vorne. Wir wählen Stücke aus,
die wir aus verschiedenen Gründen
hörens- und vorstellenswert finden,
das Geschlecht spielt im Grunde keine
Rolle. Aber in mehreren Ausgaben
reichten KomponistInnen so gute
Werke ein, dass wir eine Beteiligung
von mehr als 50% gekürten KomponistInnen
hatten, und dies bei einer
Beteiligung von weniger als 25%!
Chapeau!
AEFW, quo vadis?
DIE RESULTATE DES
10. ARS ELECTRONICA
FORUM WALLIS CALL
FOR ACOUSMATIC WORKS 2025:
Concert Selection
(in alphabetischer Reihenfolge)
Alvarez Tobias, Paralelismos (MEX)
Bangun Setyawan Candra, Idrak (IDN)
Behrens Marc, L’écrit fantome (GER)
Bordin Matteo, Symbols (ITA)
Borrel Stéphane, The Favourites (FRA)
Cappelletti Nicola, Parallaxe.Parataxe (ITA)
Castro Pinto Joao, Circumsphere: to bounce and rebounce (PRT)
Cheung Chris, Casting light (HKG)
Curgenven Robert, Across Country (AUS)
Dall’Ara-Majek Ana, Mare Buchlae (FRA)
Delgado Gustavo, Strin[G]i(n)[Mi] (ARG)
Duchenne Jean-Marc, L’énigme des objets (FRA)
Fumo Frattegiani Nicola, Hybris (ITA)
Karkatselas Theodoros, Lacuum (GRC)
Koszolko Martin, Tympan (AUS)
Kubaczek Benjamin-Alan, Impromptu 8 (AUT)
Kuehn Mikel, Dancing In The Ether (USA)
Nguyen David Quang-Minh, Texture Arc The Points (USA)
Oliveira Joao Pedro, Pulses (BRA)
Orlandini Valerio, Jeu de Bruits (ITA)
Perez Simon, Las cifras y las palabras (ARG)
Sambucco Dominic, Versenkung (ITA)
Sintaratana Tanid, Fragments (THA)
Sismann Valentin, Morphaime (FRA)
Talebi Shahrzad, WatchTheOnlyWayHomeDisappear (IRN)
van der Loo Ernst, Void Population (NLD)
KomponistInnen mit einer Special Mention
(in alphabetischer Reihenfolge)
Argento Cristian, Gintas K, Guzman Roy, Harper Nathan, Hernández Elliot, Hernandez
Omar, Huerta Concepción, Magnien Léo, Moyers Timothy, Polymeneas-Liontiris
Thanos, Quint Ursel, Sintaratana Tanid, Soria Edmar, Turcotte Roxanne
Javier Hagen: Da die IGNM-VS, die
Ortsgruppe der Int. Gesellschaft für
Neue Musik, welche das Forum Wallis
organisiert, mit dem MEbU eine
mehrjährige Partnerschaft eingegangen
ist, können wir in den kommenden
Jahren jederzeit auf ein qualitativ
überdurchschnittlich gutes Instrument
zurückgreifen. Das MEbU hat
seit 2023 mit der Ars Acusmatica eine
eigene Konzertreihe für akusmatische
Musik im Goms aufgebaut und
bietet über das ganze Jahr weitere
Spielmöglichkeiten für akusmatische
Musik an. So werden wir in den kommenden
Jahren diese Aktivitäten verstärken
und bedeutend mehr Werke
spielen lassen können.
Das Gespräch führte Kai Geiger.
Sie gehören zu den KomponistInnen der Ars Electronica Forum Wallis 2025 Selection: v.l.n.r.u.o.n.u. Robert Curgenven, Marc Behrens, Tobias Alvarez, Benjamin-Alan Kubaczek,
Cristian Argento, Elliot Hernandez, Matteo Bordin, Ernst van der Loo, Ginas K, Nicola Fumo Frattegiani, Roy Guzman, Conchita Huerta. Quellen: zVg Forum Wallis
50 | Klassik 2.0
CAROL | 2025
Klassik 2.0
Kultur steht unter Druck und vor vielen Herausforderungen. In wirtschaftlich und politisch unruhigen und
fragilen Zeiten wird Kultur und deren Notwendigkeit (= Finanzierbarkeit) infrage gestellt und steht bei vielen
Kämmerern auf der Einsparliste ganz oben. Es vergeht kein Tag, an dem Kultureinrichtungen in Schieflage
geraten oder gar schließen und freischaffende Künstler:innen um ihre Existenz bangen müssen. Oft tritt
dabei die gesellschaftspolitische Bedeutung von Kultur in den Hintergrund, dabei trägt Kultur und die Kulturschaffenden
seit jeher zur Diversität, zum Ausgleich und der Befriedung in der Gesellschaft und der Welt
bei. Kultur fördert, schafft und schützt Frieden, doch wenn die Mittel knapp sind, ist dies nichts mehr wert.
em performed by all-male choirs and the Bergen
Philharmonic, conducted by Jan Willem
de Vriend. Festival Musician Grete Pedersen
conducts the Norwegian Soloists’ Choir on 30
May. On 1 June, pianist Shani Diluka performs
at Troldhaugen, and the festival closes on 4
June with the Bergen Philharmonic, conducted
by Gemma New, performing Mendelssohn’sA
Midsummer Night’s Dream and Grieg’s Piano
Concerto in A minor.
www.fib.no/en
Der demografische Wandel ist eine weitere Herausforderung und verändert
Deutschland so tiefgreifend wie kaum eine andere gesellschaftliche
Entwicklung. Die Alterung der Bevölkerung, deren wachsende Vielfalt
und das Nebeneinander von Wachstum und Bevölkerungsverlust einzelner
Regionen sind die zentralen Merkmale des demografischen Wandels
in Deutschland.
Auch die Digitalisierung, die über die Kultur wälzt und Spuren hinterlässt,
stellt die Kultur vor neue Aufgaben und Erwartungen, auf die sie bisher
zögerlich reagiert und an Tempo zulegen muss, um Entwicklungen und
„den Markt“ nicht zu verschlafen. In jeglichen Bereichen des sozialen Lebens
verbleiben tiefgreifende Veränderungen als Folge. Dabei erleben wir
jedoch nicht nur eine Transformation analoger Formen ins Digitale sowie
die zunehmende Verbreitung neuer digitaler Technologien und Medien,
sondern einen Wandel aller drei Pole unserer Kultur – des Menschen, der
Technik und der Gesellschaft. Während die Entwicklung digitaler Technologien
und Medien die Art der Wahrnehmung, das Denken und die
Kommunikation grundlegend verändern, bilden und etablieren sich fortwährend
neue Praktiken im Umgang der Menschen untereinander.
Die Gesellschaft für innovative Marktforschung in Heidelberg (GIM) und
der Heidelberger Frühling hatten 2022/2023 eine groß angelegte Studie
in Auftrag gegeben, die Zukunftsszenarien und -chancen für das klassische
Konzert in der Nach-Corona-Zeit untersucht und bewertet hat. Deren
spannende und aufschlussreiche Ergebnisse sind im Februar dieses Jahres
vorgestellt worden. Hierfür wurde die Sichtweise aller relevanten Akteure
– Publikum, Veranstalter:innen, Musiker:innen und Vertreter:innen
der Musikindustrie und Wissenschaft – einbezogen. Drei große und wirkmächtige
Trends: Digitalisierung, Diversität und eben auch die Nachhaltigkeit,
über die wir im Themenkomplex Green Culture berichten, haben
sich als Kernthemen abgebildet, wie auch die folgenden Hoffnungen in
der Zusammenfassung für das Konzert der Zukunft*:
Pierre Boulez | © C Harald Hoffmann
Baden-Baden
La Capital d’Été
Sommerfestspiele Baden-Baden
27.6. – 6.7.2025
Im Sommer macht man Urlaub, findet zu sich
und damit nach Baden-Baden: Das ganze 19.
Jahrhundert lang lief das so. Weil sich ändern
muss, was bleiben soll, wie es war, gestalten
wir aktiv die Zukunft der „Sommerhauptstadt
Europas“ und eröffnen dieses Jahr eine neue
Bühne in der weltberühmten „Gönneranlage“.
Die Sommerfestspiele greifen in die Stadt hinein,
gewinnen der klassischen Musik neue Hörer
hinzu und schaffen das Unmögliche: eine
„Silent Disco“ etwa, die ein junges Publikum
anspricht und dabei Rücksicht nimmt auf die
Mit dem Konzert der Zukunft verbinden sich vielfältige Erwartungen
und Wünsche, die mit dem gesellschaftlich-kulturellen und technologischen
Wandel einhergehen und ein sehr breites Spektrum für die
künftige Gestaltung des Konzerts ermöglichen.
Dabei wird es zunehmend auf eine zielgruppenspezifische Ausrichtung
unterschiedlicher Konzertformen ankommen (z.B. von „klassischtraditionell“
bis „modern-experimentell), wobei die Zielgruppen sich
jedoch keineswegs hermetisch abschotten, sondern durchaus offen für
Anderes und Neues sind.
Die gemeinsame Klammer bleibt, dass das Konzert als eine Form sui
generis von sämtlichen Zielgruppensegmenten weiterhin akzeptiert
wird: Der größte Wunsch an das Konzert der Zukunft ist, dass es als
Konzert bestehen bleibt und die größte Befürchtung ist, dass das Konzert
in seiner bisherigen Form nicht überlebt.
Seit Beginn verfolgt und unterstützt arttourist in seiner Arbeit genreübergreifendes
Denken und Arbeiten und möchte diesen neuen innovativen
Projekten und Vermittlungsformaten mit der neuen Rubrik Klassik Crossover
Raum und Gesicht geben und dies über die nächsten Jahre ausbauen.
Gerade bei der jungen Generation der Kulturschaffenden ist dies fast
schon State of the Art. Etablierte Einrichtungen folgen ihnen vorsichtig
bis zögerlich. Doch ohne ein Sich-Öffnen und Umdenken werden sie den
Herausforderungen nicht gewachsen sein, nicht gegen mögliche Konsequenzen
ankommen und womöglich den Kürzeren ziehen. Neue Wege
sind auch neue Möglichkeiten für Kooperationen, Partnerschaften auf
Augenhöhe mit anderen Playern aus Wirtschaft, Gesellschaft und Politik,
wo sich ganz neue, zukunftsfähige und vor allem nachhaltige Allianzen
bilden können.
*GIM l Gesellschaft für Innovative Marktforschung mbH, Heidelberg
www.g-i-m.com
Bedürfnisse der Natur. Yannick Nézet-Séguin,
für neun tolle Tage so etwas wie der inoffizielle
König der Stadt, eröffnet, nun draußen, die
diesjährige Sommergala. Zum Schluss huldigt
man auf der Festspielhaus-Bühne Mozart. Neben
dem Chamber Orchestra of Europe hat
der Dirigent diesmal auch ein Orchester aus
seiner Heimat mitgebracht: das kanadische
Orchestre Métropolitain de Montréal.
www.festspielhaus.de
Gaia24. Opera del Mondo | © Milena Schönfeldt
Birth Factory | © Milena Schönfeldt
Berlin
Schall & Rausch – Festival für
brandneues Musiktheater
12. – 15.2.2026
Unter neuer Leitung von
Benedikt Simonischek
Für vier pulsierende Nächte zieht Schall &
Rausch wieder in Berlin-Neukölln ein und verwandelt
das Areal der ehemaligen Kindl-Brauerei
in einen Pleasureground für alle, deren
Herz für brandneues Musiktheater und schillernde
Kontraste schlägt. Wir machen uns auf
die Suche nach aufregenden Symbiosen aus
Pop und Hochkultur, Spiritualität und Künstlichkeit,
Berliner Clubszene und afrikanischen
Übergangsriten. Gemeinsam mit der Neuköllner
Oper feiern wir den hereinbrechenden
Frühling als berauschende Fantasie von Opulenz
und den Triumph des Neuen über das
Alte! #KOBFestival
www.komische-oper-berlin.de
Rundfunk Sinfonieorchester Berlin Jazzik | © P. Meisel
Baden-Baden
Pfingstfestspiele Baden-Baden
100 JAHRE PIERRE BOULEZ
31.5. – 9.6.2025
Pierre Boulez – ein Gentleman und Revolutionär.
Er dinierte mit Staatsoberhäuptern
und wurde in der Schweiz auch mal in Untersuchungshaft
gesteckt. Das Festspielhaus
Baden-Baden feiert mit Pierre Boulez seinen
Ehrenbürger, der über 60 Jahre lang von seiner
Wahlheimat Baden-Baden aus die Musikwelt
aus den Angeln hob, zuallererst in Bayreuth
und Paris. Von den großen Orchestern der
Welt als Chef umworben, nahm
er manchmal an, schnitt alte Zöpfe ab und
schritt dann weiter, der Zweifelnde, seine Musik
ständig Überarbeitende, alles infrage Stellende.
Sie feiern sein Genie groß mit europäischen
Spitzenkünstlern, vielen Aktionen in
Baden-Baden, einer Ausstellung im Festspielhaus
und im Stadtmuseum.
www.festspielhaus.de
Martin Kohlstedt, 2022 | © J. Konrad Schmidt
The great yes William Kentridge © Stella Olivier Monika Rittershaus,
Festspillene i Bergen Norge Norway Festival
Bergen (N)
Bergen International festival
21.5. – 4.6.2025
For over 70 years, the Bergen International
Festival has been a meeting place for creative
forces in the UNESCO city of Bergen.
The 2025 festival opens on 21 May with The
Great Yes, The Great No by Artist in Residence
William Kentridge, followed by Oh To Believe
in Another World on 24 May, featuring
Dmitri Shostakovich’s 10th Symphony and
Kentridge’s stop-motion film. Mezzo-soprano
Joyce DiDonato makes her debut on 25 May.
On 28 May is the world premiere of Terminus,
a Norwegian opera by Therese Ulvo and
MaritEikemo. Also 28 May is Mozart’s Requi-
Berlin
Jazzik#3
Mehldau meets Bach- Rundfunk-
Sinfonierochester Berlin
Am 14. Juni 2025 verwandelt sich das Haus
des Rundfunks in Berlin in einen musikalischen
Schmelztiegel. Das Rundfunk-Sinfonieorchester
Berlin unter der Leitung von Clark
Rundell trifft auf den Jazzmagier Brad Mehldau.
Die dritte Ausgabe der Jazzik-Reihe beim
RSB verspricht eine wilde Reise durch Barock,
Klassik, Jazz und Moderne.
Das Programm beginnt mit Bachs strenger
Fuge, gefolgt von Beethovens monumentalem
„Sanctus Preludio“. Strawinskys „Präludium
und Fuge Nr. 10“ ist ein Hauch von Moderne,
während Rundells „Contrapunctus“ eine
Neuinterpretation traditioneller Techniken
präsentiert. Im Zentrum des Abends steht
Mehldaus Klavierkonzert - ein Werk, das die
DNA verschiedener Musikepochen in sich
trägt und zu etwas völlig Neuem mutiert.
CAROL | 2025 Klassik 2.0 | 51
Seine Improvisationen sind wie Quanten der
Musik – unberechenbar und faszinierend. Von
der New York Times als „einflussreichster Jazzpianist
der letzten 20 Jahre“ gefeiert, ist Mehldau
bekannt für seine Fähigkeit, musikalische
Grenzen zu verwischen und gilt als eine der
lyrischsten und intimsten Stimmen des zeitgenössischen
Jazzpianos.
Das Konzert dauert ca. eine Stunde (ohne
Pause). Im Anschluss an das Konzert sorgt ein
Jazz-Duo im Foyer für einen stimmungsvollen
Ausklang des Abends.
Wo beginnt Jazz und wo endet Klassik? Mit
der neuen Reihe Jazzik“ lässt das RSB seit der
Saison 2024/25 im Haus des Rundfunks Jazz,
Klassik und Minimal Music miteinander verschmelzen.
Auch in der kommenden Saison
wird es drei Konzerte der Reihe geben.
www.rsb-online.de
Essener Philharmoniker, die Folkwang Universität
der Künste, das Museum Folkwang und
die Philharmonie Essen vom 20. März bis 22.
Juni 2025 das Leben und Wirken der Künstlerin
Alma Mahler-Werfel.
Alma Mahler-Werfel (geboren am 31. August
1879 in Wien, gestorben am 11. Dezember
1964 in New York) ist nicht zuletzt durch ihre
Ehen und Affären mit Gustav Mahler, Oskar
Kokoschka, Walter Gropius und Franz Werfel
ein Begriff. Ihre künstlerische Tätigkeit sowie
ihre Person bilden die Grundlage für dieses interdisziplinäre
Projekt, das sowohl Alma Mahlers
Biografie als auch ihr – im Schatten der
berühmten Ehemänner stehendes – Schaffen
neu beleuchten wird.
www.doppelbildnisse.de
MFB2023EOeGlocke | © foto etage
Bremen
Musikfest Bremen
16.8. – 6.9.2025
Das Musikfest Bremen, 1989 von Intendant
Thomas Albert auf Initiative des Bremer Senats
und führender Partner:innen aus der
Wirtschaft als Projekt zur Stärkung der kulturellen
Strahlkraft des Standortes gegründet, ist
ein Festival für das Besondere.
Jahr für Jahr setzt man hier in der Programmgestaltung
bewusst auf stilistische Vielfalt und
Bandbreite – mit der künstlerischen Qualität
als oberster Maxime! Egal ob Oper, Sinfonik,
Chor- und Kammermusik oder Soloabende,
im Spannungsnetz historischer und zeitgenössischer
Repertoires, aktuellster und originalgetreuer
Interpretationen sowie altehrwürdiger
und unkonventioneller Veranstaltungsorte
entstehen Projekte, die das Musikfest zum
Klingen und sein Publikum zur Begeisterung
bringen. Das Musikfest-Konzept beweist Pioniergeist
und untrügliches Gespür für musikalische
Authentizität. So lässt sich in und
mit den Musikfest-Konzerten immer wieder
scheinbar Vertrautes neu entdecken und auch
Einblick in wenig bekanntes musikalisches
Terrain gewinnen – von Klassik über Jazz und
Weltmusik bis zu experimentellen Klängen.
www.musikfest-bremen.de
(v.l.) Wayne Götz (Künstlerische Projektleitung Folkwang Universität
der Künste), Dr. Diana Matut (Leiterin Alte Synagoge/Haus der
jüdischen Kultur), Prof. Dr. Andreas Jacob (Rektor Folkwang Universität
der Künste), Savina Kationi (Dramaturgin Aalto Musiktheater
und Essener Philharmoniker), Marie Babette Nierenz (Intendantin
Philharmonie Essen), Prof. Peter Gorschlüter (Direktor Museum
Folkwang); Foto: © TUP
Essen
DOPPELBILDNISSE
Alma Mahler-Werfel im Spiegel der
Wiener Moderne
20.3. – 22.6.2025
Sechs Essener Kulturinstitutionen schließen
sich auf kreative Weise zusammen und
widmen sich einer der faszinierendsten und
zugleich umstrittensten Persönlichkeiten
des frühen 20. Jahrhunderts: Mit dem Festival
DOPPELBILDNISSE. Alma Mahler-Werfel
im Spiegel der Wiener Moderne beleuchten
das Aalto Musiktheater, die Alte Synagoge, die
Bilderbuch | © Pascal Schattenburg
Gmunden (A)
Salzkammergut Festwochen
Gmunden
Ein Sommer voller Kultur
Wenn Kultur die Landschaft berührt, entsteht
Magie – und genau das macht die Salzkammergut
Festwochen Gmunden so besonders.
Eingebettet in die atemberaubende Kulisse des
Traunsees vereint das Festival große Autoren,
außergewöhnliche Künstler:innen und einzigartige
Erlebnisse.
Vom spektakulären Festwochen Open Air
mit Bilderbuch, Boney M und Philipp Hochmair
bis hin zu Nicholas Ofczareks gefeierter
„Schubertiade“ mit Georg Nigl. Literarische
und theatralische Meisterwerke wie Christian
Krachts „Eurotrash“, Michael Maertens und
Maria Happels szenische Lesung von Turrinis
„Alpenglühen“ oder Sven-Eric Bechtolfs & Regina
Fritschs „Weltverbesserer“ von Thomas
Bernhard, laden ein, in die Vielfalt der Erzählungen
einzutauchen.
Auch musikalisch verspricht der Sommer magische
Momente: Der brillante Kit Armstrong
entführt uns gemeinsam mit dem Minetti
Quartett in die Musik Mozarts und Franz
Schuberts, das Upper Austrian Sinfonietta feiert
den 200. Geburtstag von Johann Strauss
Sohn im historischen Stadttheater Gmunden
und Rolando Villazón und Daniela Dett verzaubern
gemeinsam mit dem Bruckner Orchester
Linz in der einzigartigen Kulisse der
Saline Ebensee. Thomas Quasthoff verspricht
musikalische Sternstunden während Ernst
Molden & Der Nino aus Wien Jazz und Songwriting-Kunst
vereinen.
www.festwochen-gmunden.at
Hamburg
Das Internationale
Musikfest Hamburg
„Zukunft“
1.5. – 5.6.2025
Die kommende Ausgabe des Internationalen
Musikfests Hamburg steht unter dem Motto
„Zukunft“. Zu den Gästen des renommierten
Festivals gehören nicht nur die Top-Orchester
aus Wien, München, Rom, London, Budapest
und Chicago, sondern auch viele der bedeutendsten
Künstler:innen unserer Zeit. Unter
den Solist:innen finden sich Publikumslieblinge
wie Lisa Batiashvili, Janine Jansen,
Camilla Nylund, Joshua Bell, Sol Gabetta,
Igor Levit, Daniil Trifonov, Mitsuko Uchida,
Seong-Jin Cho und Sir Andräs Schiff. John
Luther Adams ist mit seinem preisgekrönten
Orchesterwerk „Become Ocean“ präsent, das
Ensemble des Komponisten Philip Glass spielt
bei der Aufführung des zivilisationskritischen
Trio Wanderer | © Marco Borggreve
Herrenhausen
16. KunstFestSpiele
22.5. – 8.6.2025
Ingo Metzmacher verabschiedet sich mit einem reichen und vielseitigen Programm nach
zehn Jahren als Intendant von Hannover. Die 16. KunstFestSpiele Herrenhausen bringen
vom 22.5. bis 8.6.2025 so viele Künstler:innen wie nie zuvor in die Herrenhäuser Gärten.
Unter den rund 900 Künstler:innen sind 2025 auch zahlreiche lokale Mitwirkende:
Pianist:innen, Skateboarder:innen, Chorsänger:innen, Performer:innen und Blaskapellen,
die das Festival mitgestalten. Insgesamt zeigt das internationale Festival 23 künstlerische
Produktionen mit rund 80 Einzelveranstaltungen.
Das Programm der KunstFestSpiele mit Konzerten, Tanz und Theater, Zirkus, Performances
und Installationen rund um und in den berühmten Herrenhäuser Gärten zeigt neue und
unbekannte Arbeiten, präsentiert Werke von außergewöhnlichen Künstlerpersönlichkeiten
und setzt auf die Neugierde des Publikums. Mit zwei großen Outdoor-Happenings feiert das
Festival zudem auf besondere Weise das 350. Jubiläum des Großen Gartens.
kunstfestspiele.de
Einstein on the Beach © Claudia Höhne weiter auf Seite 53 >>
52 | Klassik 2.0 | Bamberg
CAROL | 2025
Bamberg (D)
Crossoverformate der
Bamberger Symphoniker
Eine Reise zwischen den Welten der Musik
alle Bilder © Marian Lenhard
Die Bamberger Symphoniker sind bekannt für
ihre außergewöhnlichen Konzertformate, die
scheinbar gegensätzliche musikalische Welten
miteinander verbinden. Mit ihren innovativen
Crossover-Projekten schlagen sie Brücken
zwischen Klassik, elektronischer Musik, Videospiel-Soundtracks
und Poetry Slam. Drei herausragende
Formate zeigen eindrucksvoll, wie
das wandelbare Orchester ungewohnte Klangräume
erschließt.
Klassik trifft Techno:
Eine Verschmelzung der Genres
Was zunächst wie ein Widerspruch erscheint, entpuppt sich
als faszinierendes Hörerlebnis: Technophonic ist eine visionäre
Klangreise, die klassische Orchesterklänge mit elektronischer
Avantgarde vereint.
Warcraft, und mit der Sängerin Aisling McGlynn tauchen die
Bamberger Symphoniker tief in diese Klangwelten ein. Das Orchester,
ergänzt durch E-Gitarre, E-Bass und Schlagzeug, nimmt
das Publikum mit auf eine Reise durch magische Wälder, dystopische
Zivilisationen und tückische Labyrinthe – ein Abend für
alle Spieler von Noob bis Hardcore-Gamer!
Slam Symphony:
Ein Dialog zwischen Musik und Poesie
Was passiert, wenn klassische Musik auf moderne Sprachkunst
trifft? Die Slam Symphony vereint orchestrale Klänge mit den
pointierten, rhythmischen Texten von drei der bekanntesten
Poetry Slammer:innen des deutschsprachigen Raums. Das Format
findet 2025 zum 11. Mal in Bamberg statt und genießt mittlerweile
Kultstatus.
Hier werden Noten in Worte verwandelt und musikalische
Themen in humorvolle, emotionale oder nachdenkliche Texte
übersetzt. Die Künstler:innen wetteifern um die Gunst des Publikums,
denn wer den meisten Applaus erntet, gewinnt den
Dichterwettstreit. Das Ergebnis ist eine interaktive Performance,
die Fantasie anregt und Genregrenzen zwischen gesprochenem
Wort und Musik überwindet.
Ein Orchester, das Klangwelten verbindet
Mit diesen einzigartigen Crossover-Projekten beweisen die Bamberger
Symphoniker, dass klassische Musik keine starren Grenzen
kennt. Sie öffnen neue Türen für musikalische Experimente
und schaffen Konzerterlebnisse, die Tradition und Innovation
in einem harmonischen Dialog vereinen. Ob Techno, Videospielmusik
oder Poetry Slam – hier wird die klassische Musik in
neue Kontexte gesetzt und so für ein breites Publikum erlebbar
gemacht.
Text: Mona Wölfel
Mittwoch, 30.4.2025: CLUBSYMPHONY: TECHNOPHONIC
Mittwoch, 25.6.2025: Video Games in Concert
Mittwoch, 12.11.2025: SLAM SYMPHONY
www.bamberger-symphoniker.de
Unter der Leitung von Francesco Tristano und Dzijan Emin beginnt
das Konzert mit der zeitlosen Musik von Johann Sebastian
Bach, interpretiert durch Klavier und Orchester. Im Verlauf des
Abends verschmilzt der klassische Klangkörper zunehmend mit
modernen Soundtexturen. Holz- und Blechbläser, Schlagwerk
und Streicher verweben sich mit den innovativen Kompositionen
von Tristano und Emin, bis die Elektronik im atmosphärisch
beleuchteten Konzertsaal schließlich das Zepter übernimmt.
Höhepunkt des Abends ist Tristanos Klavierkonzert, das nahtlos
in die legendäre Techno-Hymne „Strings of Life“ übergeht.
Dieser ikonische Track aus Detroit symbolisiert den perfekten
Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Zukunft – ein mitreißendes
Finale für ein elektrisierendes musikalisches Erlebnis.
Von der Konsole in den Konzertsaal: Eine sinfonische
Reise durch virtuelle Welten
Die Welt der Videospielmusik hat sich längst aus der Nische befreit
und ist heute ebenso ikonisch wie berühmte Filmsoundtracks.
Wer Tetris kennt, kennt auch die russische Melodie Korobeiniki,
die untrennbar mit dem Spiel verbunden ist. Doch
das Repertoire reicht weit über diesen Klassiker hinaus: Von den
epischen Klängen aus Fortnite, Resident Evil und Horizon bis zu
den atmosphärischen Soundtracks von World of Warcraft – die
Symphoniker bringen die beliebtesten Videospielkompositionen
in den Konzertsaal.
Unter der Leitung der renommierten Komponistin und Dirigentin
Eímear Noone, bekannt durch ihre Musik für World of
CAROL | 2025 Klassik 2.0 | 53
INTERVIEW
Wir sprachen mit Norina Bitta, Sabrina Henz und Katalin Müller von der
Educationarbeit der Bamberger Symphoniker:
Seit wann bieten die Bamberger Symphoniker
Crossover-Konzerte an, und welche programmatischen
Inhalte und Formate gibt
es?
Die Bamberger Symphoniker bieten seit über
zehn Jahren Crossover-Konzerte an, die klassische
Musik mit anderen Kunstformen und
Genres verbinden. Ein sehr etabliertes Format
ist die Slam Symphony, die symphonische
Werke mit einem Poetry-Slam-Wettbewerb
kombiniert. Das Orchester
spielt meist Programmmusik
wie zuletzt Berlioz‘ Symphonie
fantastique oder Griegs
Peer Gynt Suiten. Die Poetry
Slammer:innen greifen thematische
Elemente aus den
gespielten Werken auf und
verarbeiten sie literarisch.
Wer den Wettbewerb gewinnt,
entscheidet am Ende
das Publikum.
Die Club Symphony wird in der Saison
2024/25 erstmals in großem Rahmen aufgeführt.
Sie vereint die barocken Klänge Johann
Sebastian Bachs mit pulsierenden Techno-
Rhythmen und schafft so eine faszinierende
musikalische Symbiose. In kleinerem Rahmen
wurde dieses Konzept bereits als Kammermusik-Event
im Live Club erprobt.
Mit Video Games in Concert richten sich die
Bamberger Symphoniker an
die Gaming-Community.
Dieses Format feiert seine Premiere
und widmet sich den
bekanntesten Werken der Videospielmusik.
Es bietet eine
spannende Möglichkeit, die
emotionale Kraft orchestraler
Klänge in einem neuen Kontext
zu erleben.
Die Jazz Symphony, die 2021
erstmals realisiert wurde,
verbindet die klangliche Vielfalt des Jazz mit
symphonischer Musik. Sie zeigt, wie fließend
die Grenzen zwischen diesen beiden musikalischen
Welten sein können.
Ein besonders eindrucksvolles Projekt war The
Sound of Climate. Hier wurde klassische Musik
mit dreidimensionalen visuellen Effekten
kombiniert, um eine fesselnde Geschichte zu
erzählen. Im Mittelpunkt stand das Thema Klimawandel
und der Einfluss
des Menschen auf die Natur
– ein Konzert, das nicht nur
künstlerisch begeisterte, sondern
auch zum Nachdenken
anregte.
Norina Bitta | © Marian Lenhard
Sabrina Henz | © Marian Lenhard
Welches Ziel verfolgen Sie
mit diesen Konzerten? Wie
messen Sie den Erfolg und
sind Sie zufrieden damit?
Wie viele klassische Orchester
stehen auch die Bamberger Symphoniker vor
der Herausforderung, ein junges Publikum für
klassische Musik zu begeistern. Durch innovative
Konzertformate, die klassische Kompositionen
mit zeitgenössischen Strömungen verbinden,
schaffen wir einen neuen Zugang zur
Musik. Unser Ziel ist es, insbesondere junge
Menschen für klassische Musik zu gewinnen
und sie auch für andere Konzertformate zu interessieren.
Gleichzeitig möchten wir musikalische
Genregrenzen auflösen und klassische
Musik als universelle Kunstform erfahrbar machen.
Um eine Verbindung zur Lebensrealität
unseres Publikums zu schaffen, greifen wir
auf Anknüpfungspunkte wie Videospiele, Filme
oder Poetry Slam zurück. Darüber hinaus
verstehen wir das Konzerterlebnis nicht nur
als kulturelle Veranstaltung, sondern auch als
attraktive Freizeitaktivität. Langfristig möchten
wir die Konzerthalle als „dritten Ort“ im
Alltag der Menschen etablieren – einen Raum,
in dem sich Kultur, Gemeinschaft und Inspiration
vereinen.
Katalin Müller | © Marian Lenhard
Den Erfolg dieser Formate messen wir nicht allein
an den Ticketverkäufen. Der Aufbau eines neuen
Publikums erfordert Zeit, Geduld und Kontinuität.
Ein gutes Beispiel ist die Slam Symphony, die
über Jahre hinweg ein Stammpublikum gewonnen
hat und kontinuierlich wachsende Zuschauerzahlen
verzeichnet. Ein weiteres Kriterium sind
die unmittelbaren Reaktionen nach den Konzerten:
Begeisterte Gesichter, inspirierte Gespräche
und positives Feedback sind für uns wichtige Indikatoren.
Entstehen die Konzertformate
innerhalb Ihres Hauses
oder in Zusammenarbeit mit
Ihrem Publikum und externen
Agenturen?
Sowohl als auch. Einige Formate
wie die Slam Symphony oder
The Sound of Climate werden
inhouse oder in enger Kooperation
mit den Künstler:innen
entwickelt. Andere, wie Video Games in Concert,
basieren auf bewährten Konzepten, die bereits
an anderen Häusern erprobt wurden. Unabhängig
davon, ob eine Idee intern oder extern entwickelt
wird, müssen die spezifischen Gegebenheiten
vor Ort individuell berücksichtigt werden
– von der Kommunikation mit den beteiligten
Musiker:innen über Lichtkonzepte bis hin zu
organisatorischen Abläufen. Ein solches Konzert
ist nie ein fertiges „Paket“, das
einfach gebucht und durchgeführt
wird, sondern erfordert
stets eine maßgeschneiderte
Umsetzung.
Sind die Konzerte selbsterklärend,
oder werden sie durch
Ihr Education-Team begleitet?
Etablierte Formate wie die Slam
Symphony oder die Club Symphony
benötigen keine spezielle Vorbereitung.
Das Konzept wird meist im Rahmen der Veranstaltung
selbst kurz erläutert. Andere Programme,
insbesondere solche, die sich auch an Schulklassen
richten, werden durch unser Education-Team
begleitet. So gab es beispielsweise im Vorfeld von
The Sound of Climate Kooperationen mit Schulen,
in denen das Thema Klimawandel im Unterricht
behandelt wurde. Die Schüler:innen haben
eigene Gedanken entwickelt,
Wünsche formuliert und Plakate
sowie Bilder erstellt. Solche
begleitenden Maßnahmen
können ein Konzert zu einem
nachhaltigen Impuls für junge
Menschen machen, sich intensiver
mit bestimmten Themen
auseinanderzusetzen.
Gibt es musikalische Grenzen,
die nicht überschritten
werden dürfen?
Grundsätzlich nicht. Gerade Kombinationen, die
auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen,
können faszinierende Parallelen und neue musikalische
Möglichkeiten eröffnen. Ein Beispiel
ist die Club Symphony, in der Bach und Techno
nicht nur nebeneinander existieren, sondern
musikalisch ineinander übergehen. Solche Experimente
zeigen, dass klassische Musik keine festen
Grenzen hat und immer wieder neu definiert
werden kann.
Welche spannenden Projekte sind in Bamberg
noch nicht realisiert?
Es gibt sicherlich viele spannende Ideen, die in
Bamberg noch nicht umgesetzt wurden. Wir
erhalten regelmäßig neue Vorschläge für genreübergreifende
Projekte und stehen kreativen
Konzepten grundsätzlich offen gegenüber. Die
Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt, und wir
freuen uns darauf, auch in Zukunft neue musikalische
Wege zu beschreiten.
Das Gespräch führte Kai Geiger.
Filmklassikers „Koyaanisqatsi“ live dessen
Soundtrack. Ein Schwerpunkt gilt der visionären
Musik des Komponisten, Dirigenten
und einflussreichen Kulturnetzwerkers Pierre
Boulez, der im kommenden Jahr seinen 100.
Geburtstag gefeiert hätte. Das legendäre Art
Ensemble of Chicago kommt mit seinem Programm
„Great Black Music – Ancient to the
Future“ nach Hamburg, und der australische
Pianist und Komponist Zubin Kanga gastiert
im Rahmen eines Schwerpunkts zu Künstlicher
Intelligenz. Die Zukunft der klassischen
Musik klingt an, wenn das Jugendorchester
der brasilianischen Organisation „Neojiba“
in der Elbphilharmonie auftritt. lvän Fischer
dirigiert Gustav Mahlers opulente „Auferstehungssinfonie“
mit seinem Budapest Festival
Orchester, Alan Gilbert realisiert in der Elbphilharmonie
zwei Aufführungen von Alban
Bergs wegweisender Jahrhundert-Oper
„Wozzeck“.
www.elbphilharmonie.de
WDR Funkhausorchester, 2023 | © WDR, Dominik Mentzos
Köln
WDR Funkhausorchester
Mit einzigartiger Spielfreude und auf höchstem
Niveau bietet das WDR Funkhausorchester
unter Leitung von David Brophy
(Chefdirigent) und Enrico Delamboye (Erster
Gastdirigent) unterhaltende Musik in allen
Facetten. Seine Vielseitigkeit ist Programm –
ob Filmmusik, Musical, Gaming Sounds oder
Kinderkonzerte, ob Sinfonischer Jazz, Comedy,
Chanson oder Electro, ob Tango, Operette,
Oper oder klassische Lieblingsstücke: Das
WDR Funkhausorchester schafft inspirierende
Musik-Momente.
Dabei eröffnet das Ensemble ständig neue
Perspektiven auf die Welt der Orchestermusik.
Seine Konzerte erzählen Geschichten
und überzeugen mit kreativen wie lebendigen
Konzepten – kein Abend gleicht dem
anderen. Mit Leidenschaftlichkeit und Herzblut
erreicht das WDR Funkhausorchester
alle Altersgruppen und sorgt für Begeisterung
in den Konzertsälen und bei seiner digitalen
Fangemeinde.
Das WDR Funkhausorchester arbeitet regelmäßig
mit internationalen Künstlerinnen
und Künstlern zusammen: Till Brönner, Jonas
Kaufmann, Max Mutzke, Ute Lemper,
Bastian Pastewka, Eckart von Hirschhausen,
Carolin Kebekus oder Bodo Wartke. Damit
schafft das Ensemble Verbindungen zu ganz
unterschiedlichen Genres wie Film, Literatur,
bildende Kunst, Kabarett oder die Welt
der Computerspiele. Seit dieser Saison steht
das Orchester unter der Leitung von David
Brophy, der als Chefdirigent das WDR Funkhausorchester
in seiner Qualität und Vielseitigkeit
weiterentwickeln wird.
Programm:
Rocking Classic | 29.8.2025, 27.6.2026
La vie en Piaf | 19., 20.9.2025
Swinging Christmas mit Tom Gaebel |
19.12.2025
Alsman und Hope – persönlich | 15., 16.,
18.1.2026
Abenteuer Filmmusik | 1., 2.5.2026
Rise like a Phoenix: ESC-Hits in concert | 1.,
2., 6., 8., 9.5.2026
Danzón Cubano mit Marialy Pancheco, Klavier
| 15., 17.5.2026
www1.wdr.de/orchester-und-chor/funkhausorchester/
Orchestrascope | © Caroline Doutre
Linz (A)
Internationales Brucknerfest Linz
2025
AUGEN AUF, MUSIK!
Klänge sehen – Bilder hören
Von Bruckner zur Augenmusik
3.9. – 11.10.2025
Augen auf, Musik! Unter diesem Titel dreht sich
im diesjährigen Internationalen Brucknerfest
Linz alles um die Wechselwirkung von Klanglichem
und Visuellem, von Musik und Bild, um
die Moderne als „das visuelle Zeitalter“, wie
es der Historiker Gerhard Paul beschrieb. Den
Anstoß dazu gibt niemand anderes als Anton
Bruckner oder besser: das, was dieser auf den
ersten Blick nicht ist. Dem noch immer bestimmenden
Bild Bruckners als „absoluteste[r]
aller absoluten Musiker“ (Peter Raabe), der
seine Werke scheinbar frei von außermusikalischen
Assoziationen aufs Notenpapier bannte,
stellt das Festival die programmatischen,
bildhaften, geradezu haptischen Aspekte seiner
Musik gegenüber, mit denen Bruckner
einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf
spätere Komponist:innengenerationen ausgeübt
hat.
www.brucknerhaus.at/programm/internationalesbrucknerfest-linz-2025
Schlosshof Murten: Im Sonnenuntergang Open-Air-Konzerte
genießen. | © Willi Piller
Murten (CH)
27. Sommerfestspiele Murten
10. – 31.8.2025
Vielfalt wird bei der 37. Ausgabe der Sommerfestspiele
Murten Classics großgeschrieben!
Mit sieben verschiedenen Konzertsparten präsentiert
Murten Classics ein abwechslungsreiches
Programm, das die unterschiedlichsten
Facetten der Musik vereint – passend zum Festivalthema
„Familie“. 803 Musikerinnen und
Musiker aus ganz Europa kommen nach Murten
und nehmen sie mit auf eine Reise durch Klänge
und Emotionen. Außergewöhnliche familiäre
Konstellationen werden auf der Bühne zu erleben
sein: Geschwisterpaare als Solisten, ein Ehepaar
im Duett, Studienfreunde im Trio und ganze
Musikerfamilien wie die Taschensymphoniker.
Auch im weiteren Sinne wird der Familiengedanke
zelebriert – etwa durch das Georgische
Kammerorchester Ingolstadt, das seit Jahrzehnten
als künstlerische Heimat für herausragende
Musikerinnen und Musiker dient.
Neben den beliebten Schlosshofkonzerten, den
Kammermusikkonzerten und den Sommernachtskonzerten
im Schloss Münchenwiler
wird Murten Classics dieses Jahr eine konzertante
Operette im Programm haben, zwei Uraufführungen
und gleich drei Familienkonzerte,
extra ausgelegt für Kinder und ihre Begleitung.
Zusätzlich fördern sie mit den Projekten „Valiant
Forum“ und „SUISA en scène“ gezielt aufstrebende
Talente und geben jungen Musikerinnen
und Musikern eine Bühne. Ob als Solist
oder Komponist, Spannung ist sowohl bei den
Uraufführungen gegeben wie auch beim Preisträgerkonzert,
an dem die Finalisten um den
ersten Preis spielen.
www.murtenclassics.ch
weiter auf Seite 53 >>
54 | Klassik 2.0 | Jürgen Grözinger
CAROL | 2025
Jürgen Grözinger am DJ Pult | © PhareaNutello
Klassik meets
DJ-Sound
Philharmonie Berlin trifft Berghain
Auf einen Chopin-Walzer folgt Minimal Music von Philip Glass, auf Bach Steve Reich
und auf Beethoven Nils Frahm. Ob als DJ des WDR Klassik Klubs oder bei seinem eigenen
Klassik Klub Live Format – Jürgen Grözinger bewegt sich zwischen Klassik, zeitgenössischer
Musik in ihren unterschiedlichen Ausprägungen bis hin zur elektronischen
Musik der Music Clubs. Er ist in der Berliner Philharmonie genauso zu Hause wie im
Berghain oder Watergate, im Hamburger Bahnhof genauso wie im kleinen Club des
Aegis Cafés in Ulm, der Heimatstadt Grözingers.
Als Multipercussionist, Komponist, DJ, Klangtherapeut
und Gestalter von Festival- und Radioprogrammen ist er
vom Erleben von Klang und Rhythmus, von Farbe und
Struktur von Musik fasziniert und möchte diese Leidenschaft
mit seinem Publikum teilen und ihm vermitteln.
Seine DJ-Sets – wie auch seine Konzertprogramme im
Allgemeinen – versteht Jürgen Grözinger als Reisen für
Geist und Seele, als Anregungen für Intellekt und Gefühl.
Er möchte Räume kreieren, in denen Klassik, Pop,
Jazz, World und Electronica unabhängig von Schubladen
und auch fern von Mainstream-Erwartungen wahrgenommen
werden.
Der gebürtige Ulmer Jürgen Grözinger, der heute in Berlin
lebt, absolvierte ein klassisches Musikstudium mit
Hauptfach Perkussion in München und in Stuttgart mit
einem anschließenden Aufbaustudium Kulturmanagement
in Hamburg. Nach vielfältigen Tätigkeiten im
klassischen Umfeld gründete er 1996 das Ensemble European
Music Project dessen künstlerischer Leiter er ist.
Seit 1996 kuratiert er das Festival neue musik im stadthaus
ulm, das seit 2020 „KlangHaus“ heißt und biennal
und das nächste Mal vom 16. bis 19.4.2026 stattfindet.
Zeitgenössische Kammermusik, Elemente der Pop- und
Club-Musik, experimentelle Klänge, europäische Traditionen,
außereuropäische Einflüsse, ganz herausragende
Musiker:innen fast hautnah zu erleben, oft in einer überraschend
ungewöhnlichen Bespielung des Raumes – all
dies kommt im KlangHaus live zusammen. Große Komponisten
wie Michael Nyman, David Lang, Klaus Huber,
Samir Odeh-Tamimi, Bernd Franke oder Dieter Schnebel
waren im KlangHaus persönlich zu Gast.
Jürgen Grözinger im Aegis Café, Ulm | © Rasmus Schöll
INTERVIEW
Wir sprachen mit
Jürgen Grözinger
Sie sind ein gefragter Musiker,
Ideengeber und Kurator verschiedener
Formate. Spannend finde
ich Ihre Tätigkeit als Klassik DJ,
Organisator von Opera und Concert
Lounges und als Partner im
WDR Klassik Club. Wie kamen
Sie auf das Format und was ist
Ihre Mission?
Jürgen Grözinger: Wahrscheinlich
hatte ich schon immer eine Art „inneres
Bedürfnis“, meinen Freunden
und Bekannten gute und, wie ich
meinte, „relevante“ Musik näherzubringen.
Ich sage das nicht ohne
eine gewisse selbstkritische Ironie
im Rückblick. Ohne dass ich mich
DJ nannte, stellte ich Tapes her oder
legte ab und zu in Bars auf. Schon
lange vor den ersten sogenannten
„Klassik-Lounges“ verband ich klassische
Live-Auftritte mit DJ- Parts.
Die Kategorisierung von „E und U“
war mir dabei längst ein Gräuel. Ich
verstand meine Veranstaltungen,
die sich zuerst meist in ziemlich
überschaubarem Rahmen abspielten,
gleichsam als anspruchsvolles
Konzert – und als Party. Ich lud
Freunde und Bekannte aus unterschiedlichsten
Szenen zu diesem
„grenzenlosen Musik-Erleben“ ein.
Mit meinem Umzug nach Berlin im
Jahre 2000 eröffnete sich mir für
diese Idee ein größeres Podium: Als
Per Hauber, heute bei Sony und damals
Mitbegründer des mittlerweile
legendären „Yellow Lounge“-Projekts
des Deutsche Grammophon-
Labels, eine meiner Mix-CDs in die
Hand bekam und ich eingeladen
wurde, mein Können in einem der
angesagtesten Berliner Clubs unter
Beweis zu stellen, war mein offizieller
Grundstein für die „Klassik-DJ-
Karriere“ gelegt.
Nach wie vor interessiert mich
dabei die Idee des „Abenteuers
der Sinne“, in dem Fall vor allem
des Hörens. Ich wünsche mir unvoreingenommenes
und unverkrampftes
Hören oder noch weiter
gefasst – Erleben von Musik. Der
Respekt im Umgang mit den Werken,
die ich auflege, ist für mich
dabei elementar, auch wenn es
einem orthodoxen Klassik-Hörer
vielleicht zuwider läuft, wenn das
Ende eines Stücks unmerklich in
den Beginn des nächsten übergeht,
wenn ich Stücke des frühen Barock
mit Klangflächen Ligetis mixe oder
elektronischer Clubmusik entnommene
Klänge dynamisch einwebe.
Ist zeitgenössische Musik DJtauglich
oder welche Vermittlungsformate
taugen für die zeitgenössische
Musik?
Jürgen Grözinger: Als „DJ-tauglich“
würde ich sie nur begrenzt
bezeichnen. Wobei es natürlich
ganz unterschiedliche „zeitgenössische
Musik“ gibt. Sicher lässt sich
pattern- orientierte Minimal-Music
CAROL | 2025 Klassik 2.0 | 55
von Steve Reich, Terry Riley oder Philip Glass
besser in ein Set integrieren als die komplexen
Werke von Komponisten wie Wolfgang
Rihm oder Brian Ferneyhough. Grundsätzlich
verlangt klassische Musik im DJ-Kontext
umfangreiche Repertoire-Kenntnis und ein
hohes Maß an musikalischem Gespür.
Im Rahmen meiner diversen Klassik-Lounges
und auch des Radio-Klassik-Klubs auf WDR
3 spiele ich selbstverständlich nicht nur zeitgenössische
Musik. Jedoch gelang es mir oftmals
gerade bei diesen für viele unbekannten
Stücken, Neugier bei den Hörern zu wecken,
die sich in Fragen nach Urhebern äußerten.
Klassik-Lounges sind jedoch keine Selbstläufer:
Sie bedürfen ausgeklügelter Konzeption,
Vorbereitung und präziser Durchführung.
Dann jedoch sehe ich sie als ideales Format
in der Vermittlung klassischer und auch zeitgenössischer
Musik. Ich lerne viel für meine
Konzert-Konzeptionen durch die Wahrnehmung
des Publikums in den diversen Klassik-
Klubs – ebenso wie meine vorbereitenden
Gedanken zu Festival- und Konzert-Programmationen
auch im DJ-Set ihre Entsprechung
finden.
Seit diesem Jahr sind Sie mit einem Live-
Klassik Klub Format unterwegs, das kurz
vor seinem Start durch die Pandemie
ausgebremst wurde. Ein Format, dass Ihnen
mehr Möglichkeiten und Diskurs mit
dem Publikum gibt. Was passiert in diesen
Klub-Konzerten, wie muss man sich das
vorstellen?
Jürgen Grözinger: Im Unterschied zum
Radio-Format „Klassik-Klub“ auf WDR 3,
das nicht nur ich, sondern mittlerweile ein
großer Hörerkreis ganz großartig findet, das
ohne Moderatoren auskommt und rein auf
klassische Musik fokussiert ist, sind meine
Live-Klubs direkter, spontaner, persönlicher.
Ich spreche über die Musik, erzähle Hintergrunde
oder persönliche Verbindungen dazu.
Der Kern bleibt klassisch – von frühem Barock
bis Gegenwart –, aber ich öffne die Sets
bewusst in Richtung Jazz, Soul oder Elektronik,
wenn es passt. Die Dramaturgie basiert
auf einem Konzept, das oft ein übergeordnetes
– auch außermusikalisches – Thema hat.
Das Fine-Tuning geschieht dann in Echtzeit,
beeinflusst von Raum, Publikum und Energie.
Außerdem gibt es in meinen Live-Klassik-
Klubs jeweils einen Live-Act.
Genauso wichtig wie die Musik ist das Setting:
Möblierung, Licht, Atmosphäre – all das
formt das Erlebnis.
Ist das DIE Zukunft der Klassik, der Opernhäuser,
Orchester und Klassikfestivals, die
ihre Abonnenten und ihr Kernpublikum
altershalber nach und nach verlieren, und
sie nun vermehrt mit schnelllebigen Medien-
und Social Media Formaten aufnehmen
müssen?
Jürgen Grözinger: Nicht die Zukunft, aber eine
wichtige Erweiterung! Klassische Musik kann
durch solche Formate neue Zugänge schaffen,
ohne sich anzubiedern. Social Media hilft, neugierig
zu machen – aber als Teaser, nicht als Ersatz
für echten kulturellen Tiefgang.
Wie muss sich aus Ihrer Sicht der etablierte
Kulturbetrieb verändern oder öffnen, um
langfristig zu überleben?
Jürgen Grözinger: Der etablierte Kulturbetrieb
braucht Menschen, die sich auch außerhalb
der Hochkultur authentisch bewegen.
Museale Inszenierungen bringen uns nicht
weiter, aber „hippe“ Kosmetik auch nicht. Es
geht um Glaubwürdigkeit, nicht um „Jeans“
oder scheinbar coole Fabrikhallen. Wir müssen
neue Zugänge schaffen – aber mit echter
Begeisterung, nicht als Pflichtübung.
Ich bekomme oft Rückmeldungen von Menschen,
die sagen: „Eigentlich höre ich keine
Klassik – aber das hier hat mich gepackt.“ Genau
darum geht’s: Brücken bauen, neue Perspektiven
öffnen.
Das Gespräch führte Kai Geiger.
instagram.com/juergengroezinger_music
Andras Schiff © Petra Hajska
Prag (CZ)
Prague Spring
International Music Festival
12.5. – 3.6.2025
World-class orchestras, the return of renowned
artists and ensembles, fresh faces making
their Czech and festival debuts, as well as
world and Czech premieres – these are just
a few of the highlights of the 80th edition
of the Prague Spring International Music Festival,
which will take place from 12 May to 3
June 2025.
“The programme of the 80th edition of the
Prague Spring is deeply rooted in the vision
instilled by its founder Rafael Kubelík back
in 1946: to showcase the finest and most
fascinating offerings from the world of classical
music while enriching the Czech cultural
landscape with diversity and artistic
dialogue”, says the festival’s director Pavel
Trojan. “The commemoration of eighty years
since the end of the Second World War and
a reflection on the rich history of the Prague
Spring, one of the oldest European festivals of
classical music, have become both a responsibility
and a challenge for us. The programme
for this anniversary honours tradition while
confidently looking to the future. We present
a repertoire that brings the best from the
world of classical music, that inspires, explores,
provokes thought, and does not forget to
feature young Czech artists and creators. I believe
that in doing so, we reaffirm the prestigious
standing of the Prague Spring not only
on the Czech cultural scene but across Europe”,
he adds.
festival.cz
Weimar
Kunstfest Weimar
20.8. – 7.9.2025
Neuer Zirkus aus Taiwan, südafrikanischer
Tanz und das Open-Air-Konzert eines Local
Hero im Weimarhallen-Park. Nachdem bereits
die beiden Konzerte von Dee Dee Bridgewater
und Anne Meredith – in Kooperation mit
Schallkultur – erfolgreich in den Vorverkauf
gestartet sind: Zum dritten Advent präsentiert
das Kunstfest Weimar weitere Highlights der
nächsten Festivalsaison vom 20.8. bis 7.9.2025
– der letzten von Kunstfest-Leiter Rolf C. Hemke,
der in den Spielzeiten seit der Pandemie
jedes Jahr aufs Neue Rekord-Besuchszahlen
vermelden konnte.
Tanzfans werden sich auf das Wiedersehen mit
Gregory Maqoma und seinem Tanzensemble
freuen. Der sensationelle Festivalhit „CION“
(2022) ist vielen Zuschauern noch in bester
Erinnerung. Nun kommt das große Nachfolgeprojekt
als europäischen Erstaufführung
nach Weimar: Bei „Genesis - The Beginning
and End of Time“ (Sa., 30.8., 18 Uhr und So.,
31.8., 20 Uhr, DNT Großes Haus) arbeitet der
Starchoreograf erneut mit Komponist Nhlanhla
Mahlangu zusammen, um Rhythmen und
Melodien zu vertanzen, die von der Lebendigkeit
und Virtuosität der Kulturen Südafrikas
durchdrungen sind – mit acht Tänzer:innen
und polyphoner Live-A-Cappella eines achtköpfigen
Chores.
Erster Höhepunkt eines weiteren Taiwan-
Schwerpunkts im Kunstfest-Programm ist
die Familien-Produktion des FOCASA Circus
– der ältesten und renommiertesten New
Circus-Company aus Taiwan. Die europäische
Erstaufführung „Moss“ (deutsch: Moos) ist
eine Zusammenarbeit mit dem binationalen
deutsch-taiwanesischen Choreografie-Duo
Peculiar Man Jan Möllmer und Tsai-Wei Tien,
beide eng mit dem Tanztheater Pina Bausch
Martin Kohlstedt | © Karine Bravo
verbunden (Sa., 23.8., 18 Uhr und So., 24.8.,
16 Uhr, DNT Großes Haus).
2024 bekam das Publikum in zwei völlig
ausverkauften Konzerten nicht genug von
Martin Kohlstedt! Natürlich ist der Bauhaus-
Uni-Absolvent und „Local Hero“ Weimars
auch beim Festival 2025 mit dabei – Open Air
auf der Seebühne im Weimarhallenpark. Der
Komponist, Pianist und Produzent schart ein
Publikum aus Hoch- und Clubkultur um sich.
Ihm gelingt es wie kaum einem anderen Musiker
seiner Generation, akustisches Klavier
und Electronica miteinander zu versöhnen.
So kann das Live-Erlebnis klassisches Klavierkonzert
bedeuten, improvisierte Introspektion
oder ausufernde Festivalshow. „Martin Kohlstedt
Live“ (Fr., 22.8., 20.30 Uhr) ist das einzige
Konzert des Künstlers in Thüringen im Jahr
2025. Das Open-Air-Konzert ist eine Kooperation
mit der Stadt Weimar und wird ermöglicht
durch die großzügige Unterstützung vom
Kunstfest-Hauptsponsor 2025, der Sparkasse
Mittelthüringen.
www.kunstfest-weimar.de
Der Simmerring © Ronja Elina Kappl
Wien (A)
Musiktheatertage Wien
17. – 27.9.2025
Vom 17. bis 27. September 2025 präsentieren
die MUSIKTHEATERTAGE WIEN an verschiedenen
Spielorten in Wien aktuelle Werke des
zeitgenössischen Musiktheaters aus Österreich,
Europa und weiteren Ländern. Insgesamt
werden neun Produktionen gezeigt, die
ein vielfältiges und facettenreiches Programm
bieten: Von einer Musikperformance, die auf
Zeichensprache basiert, über Operettenradau
bis hin zu einem VR-Escape-the-Room Musiktheater-Spiel.
Die Festivaledition 2025 setzt durch spielerische
Weisen auf eine Ergänzung von klassischen
Musiktheaterformaten mit unkonventionellen
Formaten an ungewöhnlichen
Orten sowie durch technische Innovationen:
Bei THE RISE wird kulturelle Teilhabe über
das Finden von einer neuen gemeinsamen
Sprache erfahren, wobei die Künstler:innen
in THE RESILIENCE OF SISYPHOS das Publikum
durch ein gamifiziertes Musiktheaterspiel
führen. PULVER sowie LET ME PLAY
THE LION TOO nehmen sich das altbewährte
Klavier zu einem Hauptmerkmal des Stückes
und testen die Grenzen des Instrumentes und
dessen technische Ergänzungen.
www.mttw.at
Eutin I 20.-22. Juni – Travemünde I 17. - 27. Juli
Tickets online
buchen unter:
www.classicalbeat.de/ticket
56 | Klassik 2.0 | Konstanz
CAROL | 2025
"In between": ein Konzert der neuen Xperiment-Reihe, bei dem das Publikum im wahrsten Sinne des Wortes mittendrin war. | © Andrea Jarnach
Konstanz (D)
Zukunftsmusik
Wie die Bodensee Philharmonie und die Stadtgesellschaft zusammenwachsen
Die Bodensee Philharmonie will sich unter dem
Motto „Zukunftsmusik“ über einen Zeitraum
von zwei Jahren neue Räume erschaffen und
mit den Bürger:innen in der Stadt und der Region
in Kontakt und in einen intensiven Austausch
über gesellschaftlich relevante Themen
miteinander kommen. Nach der Themenwoche
„Klima und Nachhaltigkeit“ im Oktober vergangenen
Jahres wird es in diesem Jahr neben dem
Thema „Demokratie“ auch um die Themen
„Vielfalt“ und „In Kontakt kommen“ gehen.
Interessierte können dafür ihre Projektideen bei
der Bodensee Philharmonie einreichen. Ziel ist
es, sich gemeinsam mit den Bürgerinnen und
Bürgern spielerisch und künstlerisch mit dem
jeweiligen Thema auseinanderzusetzen. Hier
wird Musik nahbarer und erfahrbarer gemacht
und kommt direkt in die Stadt!
INTERVIEW
Wir sprachen mit Andrea
Hoever, Musikvermittlerin
und Projektleiterin der
Zukunftsmusik.
Die Bodensee Philharmonie wagt
mit Zukunftsmusik neue Wege.
Was steckt hinter diesem Projekt?
Andrea Hoever: Zukunftsmusik ist
ein zweijähriges Projekt, das uns
erlaubt, neue Formate zu erproben
und mutige Experimente zu wagen.
Unser Ziel ist es, das Orchester
stärker für die Stadt zu öffnen und
nicht nur unser klassisches Stammpublikum
anzusprechen, sondern
auch Menschen einzubeziehen, die
bisher keinen Bezug zur Philharmonie
hatten.
Dafür wählen wir gezielt gesellschaftlich
relevante Themen aus
und entwickeln in Kooperation
mit PartnerInnen innovative Konzepte.
So entstehen neue Kontakte
und Netzwerke, die langfristig
die Bodensee Philharmonie und
die Stadtgesellschaft enger verbinden.
Gleichzeitig hinterfragen wir
strukturelle Prozesse innerhalb des
Orchesterbetriebs: Welche Veränderungen
braucht es, um nachhaltige
Zusammenarbeit mit der Stadt zu
ermöglichen?
Ich bin sehr froh, dass wir innerhalb
der Bodensee Philharmonie
auf so eine große Offenheit stoßen.
Unser Chefdirigent Gabriel
Venzago war bei der Ausarbeitung
Frei und kostenlos für alle Bürgerinnen
und Bürger, die Neues
entdecken und sich inspirieren
lassen wollen. Auf dem
Programm standen und stehen
nicht nur Musik, sondern auch
Theater, Performance, Vorträge
mit Podiumsdiskussionen z.B.
zum Thema „Missbrauch klassischer
Musik durch die Politik“,
ein Escape-Spiel, Blind-Date-
Formate, plötzliche, überraschende
und manchmal auch
spontane Auftritte in Kooperation
mit verschiedensten Organisationen
wie dem Bündnis für
Demokratie oder dem BUND.
Gefördert wird Zukunftsmusik
von der Bundesförderung „Exzellente
Orchesterlandschaften“
mit insgesamt 400.000 Euro,
des Projekts Zukunftsmusik von
Anfang an sehr stark beteiligt und
bringt nach wie vor stets frische
Impulse in das Programm. Und mit
Dr. Hans-Georg Hofmann haben
wir einen Intendanten, dem die Bedeutung
dieser neuen Wege für die
klassische Musik ebenfalls bewusst
ist und die interne Umstrukturierung
tatkräftig vorantreibt. Wir ziehen
hier alle an einem Strang und
Andrea Hoever ist Musikvermittlerin und Projektleiterin der Zukunftsmusik.| © Anne Hornemann
womit innovative künstlerische
Projekte und Vermittlungsprogramme
zu Themen wie Nachhaltigkeit
und Diversität, die
über das gewohnte Tätigkeitsfeld
der Klangkörper hinausgehen,
unterstützt werden.
Die Bodensee Philharmonie
Konstanz wurde 1932 gegründet.
Sie gehört zu den wichtigsten
Kulturträgern des deutschen
Südwestens, prägt das kulturelle
Angebot der Universitätsstadt
Konstanz und stellt auch im
Konzertleben der Schweiz eine
wichtige Größe dar.
Mit über 60 fest angestellten
Musikern erreicht das Orchester
bei über 100 Konzerten pro Jahr
ca. 80.000 Menschen.
das ist fantastisch, denn ohne die
interne Unterstützung, gerade auch
durch das Orchester, wäre das Vorhaben
Zukunftsmusik nicht umsetzbar.
Welche Ziele und Strategien verfolgen
Sie mit Zukunftsmusik
und wo stehen Sie in einer ersten
Bewertung nach einem halben
Jahr und zwei Exzellenzwochen
zu den Themen „Klima und Nachhaltigkeit“
und „Demokratie“?
Andrea Hoever: Die bisherigen
Projektwochen zu Klima & Nachhaltigkeit
sowie Demokratie waren
ein voller Erfolg. Sie haben gezeigt,
dass die Bodensee Philharmonie
als Plattform für gesellschaftlichen
Austausch sehr gut funktioniert. Es
war inspirierend zu sehen, wie Musik
dazu beitragen kann, drängende
gesellschaftliche Themen greifbar
zu machen und neue Perspektiven
zu eröffnen.
Neben neuen Konzertformaten ist
ein zentraler Aspekt die notwendige
Flexibilität innerhalb des Betriebs:
Zusätzliche Formate benötigen
neue organisatorische Modelle,
Auch 83 integriert wirkte mit Vorträgen zum Thema Heimat bei „In between“ mit.
© Andrea Jarnach
die wir nun gezielt angehen. Die
große Offenheit bei unseren PartnerInnen
und im Publikum motiviert
uns sehr, hier voranzukommen.
Besonders beeindruckend war
die positive Resonanz auf unser Upcylcing
Xperiment Konzert auf dem
Konstanzer Wertstoffhof mit der Solistin
Vivi Vasileva im Rahmen von
Klima & Nachhaltigkeit. An diesem
außergewöhnlichen Konzertort haben
die MusikerInnen und KooperationspartnerInnen
Weggeworfenem
neues Leben eingehaucht – die
Menschen waren begeistert! Und
auch die Veranstaltungen in unserer
Demokratiewoche, bei der Musik
und aktuelle gesellschaftliche
Themen miteinander verbunden
wurden, traf durchweg auf positive
Resonanz. Hier haben wir zum
Beispiel auch zusammen mit der
Schlüsselmomente Escape Room
GbR das Live-Spiel „Among Bodensee
Philharmonie“ entwickelt, bei
dem die Teilnehmenden unter Zeitdruck
ein Konzert aufbauen müssen
und zur Belohnung ein echtes
Konzert bekommen. Dank der breiten
Palette an kostenfreien Veran-
CAROL | 2025 Klassik 2.0 | Konstanz | 57
Konzerte finden in Konstanz auch an ausgefallenen Orten statt, wie etwa auf dem Konstanzer
Wertstoffhof. | © Hans-Georg Hofmann
Das Konzert bei Among Bodensee Philharmonie | © Michael Baker
Die Musiker freuen sich über neue Konzertformate | © Andrea Jarnach
Beim Klimaspaziergang „Lets Walk together“. Eine Kooperation mit dem BUND im Rahmen der ersten Exzellenzwoche. | © Michael Baker
staltungen konnten wir ganz neue
Zielgruppen erreichen. Wir sind
gespannt, wie die Vielfaltswoche
im April angenommen wird, und
haben Anmeldelinks eingerichtet,
um den Andrang besser zu steuern.
Welche Rolle spielen solche Projekte
für die Zukunftsfähigkeit
von Orchestern?
Andrea Hoever: In Zeiten sinkender
Zuschüsse und politischer
Unsicherheiten sind Projekte wie
Zukunftsmusik essenziell. Die deutsche
Orchesterlandschaft muss sich
darauf einstellen, neue Zielgruppen
zu erschließen und sich aktiv in die
Stadtgesellschaft einzubringen. Unsere
Förderung durch das Programm
Exzellente Orchesterlandschaft des
Bundes bestätigt die Relevanz dieses
Ansatzes. Gerade in einer Zeit,
in der Kultur oft zur Disposition
steht, müssen Orchester neue Wege
finden, um ihre Bedeutung in der
Gesellschaft zu unterstreichen.
Ein weiteres Ziel ist es, unsere Erkenntnisse
mit anderen Orchestern
zu teilen. Gemeinsam mit
kulturgut – agentur für evaluation
& resonanz evaluieren wir unseren
Prozess und entwickeln eine Art
„Schablone“ für diesen neuen Ansatz.
Es geht nicht darum, das philharmonische
Konzert zu ersetzen,
sondern eine Balance zu finden, die
klassische Musik für eine breitere
Gesellschaft öffnet. So kann das Orchester
sowohl als Bewahrer einer
wertvollen Tradition als auch als
aktiver Teil einer sich wandelnden
Gesellschaft agieren.
Wird das Format Zukunftsmusik
nach Ablauf der Förderung durch
sich neu entwickelnde Kooperationen
und Partnerschaften langfristig
Bestand haben oder wird
es, wie leider so oft, bei einer
innovativen Idee mit begrenzter
Laufzeit bleiben?
Andrea Hoever: Unser Ziel ist es,
langfristige Strukturen in der Bodensee
Philharmonie zu etablieren.
Das Projekt soll kein einmaliges
Experiment bleiben, sondern als
Modell für die nachhaltige Verankerung
eines offenen Orchesterbegriffs
dienen. Schon jetzt arbeiten
wir an Kooperationen, die über die
Förderphase hinaus Bestand haben.
Dazu gehört die enge Zusammenarbeit
mit städtischen Einrichtungen,
sozialen Initiativen und Kulturinstitutionen,
um dauerhaft neue
Berührungspunkte mit Musik zu
schaffen.
Langfristig wollen wir erreichen,
dass sich das Konzept von Zukunftsmusik
fest in unseren Spielbetrieb
integriert – wir evaluieren
genau, welche Formate besonders
gut beim Publikum ankamen und
entwickeln diese weiter. Dabei
bleibt die Frage zentral: Wie kann
ein Orchester ein lebendiger, interaktiver
Bestandteil des städtischen
Lebens sein?
Was steht als Nächstes an?
Andrea Hoever: Besonders freuen
wir uns auf die Vielfaltswoche im
April und die In Kontakt Woche im
Juni, die beide ein breites Spektrum
an innovativen Formaten bieten.
So haben wir bei der Vielfaltswoche
beispielsweise mit Alles dreht
sich um Vielfalt 1:1 Konzerte und
Gespräche mit verschiedensten Akteuren
aus der Stadt zum Thema in
den Gondeln des Riesenrads, sowas
hat es bisher sicher noch nirgends
gegeben! Im KULA schaffen wir mit
Nice to meet you – live einen interkulturellen
Austausch mit Musik,
bei dem sich Musiker:innen
und Publikum näher kennenlernen
und in spontanen Jamsessions begegnen.
Und bei Unser Song – So
klingt Konstanz entstehen in Community
Music Workshops Melodien
und Texte für einen Song über
Konstanz.
Auch auf die In Kontakt Woche im
Juni sind wir sehr gespannt! Die
Ideen für die Konzerte kommen
hierfür nämlich direkt von unseren
Musiker:innen – und das ist ebenfalls
komplettes Neuland in der
Orchesterstruktur. Hier darf sich
das Publikum auf Konzerte an ganz
neuen Orten wie etwa im Freibad
oder bei einem Wasserturm freuen.
Zudem wird es ein Mitsingkonzert,
ein meditatives Konzert und ein
Konzert à la Bridgerton in Kooperation
mit einem Konstanzer Elektro-
DJ geben.
Und für die Saison 2025/26 können
sich unsere Zuhörer:innen auf
weitere innovative Kooperationen
freuen – vielleicht sogar mit eigenen
Ideen und Vorschlägen als Teil
von Zukunftsmusik. Wir laden alle
ein, ihre Visionen mit uns zu teilen
und gemeinsam zu gestalten. Denn
genau das soll Zukunftsmusik sein:
Ein Ort der Begegnung.
VITA
Das Gespräch führte Kai Geiger.
Andrea Hoever absolvierte ihre
Ausbildung an der Musikhochschule
Münster und der Hochschule für
Musik in Detmold. Seit 2023 ist sie
als Musikvermittlerin der Bodensee
Philharmonie in Konstanz tätig und
leitet nun das Projekt Zukunftsmusik.
Dieses besteht aus den Projektmanagerinnen
Johanna Kloser und Luise
Schauer sowie Constance Sannier,
Flötistin des Orchesters.
Programm Zukunftsmusik in der
Restspielzeit 2024/2025
Vielfalt: 5. – 13.4.2025
In Kontakt kommen: 4. – 7.6.2025
www.philharmonie-konstanz.de
58 | Klassik 2.0 | Mecklenburg-Vorpommern
CAROL | 2025
Die Pianistin und Komponistin Büşra Kayıkçı kommt ins Schweriner E-Werk. | © Şeyma Tuna
Die Alte Papierfabrik Neu Kaliß gehört zu den »Unerhörten Orten«, die Publikum und Künstler:innen der Festspiele MV gemeinsam entdecken. | © Oliver Borchert
Mecklenburg-Vorpommern (D)
Aus der Top-Liga
des jungen Jazz
Die »Grenzgänge« der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern
Am 15. Juli 2022 war es soweit! Die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern präsentierten eine
neue Reihe. Für die Ausgabe 1 fusionierten Marie Spaemann und Christian Bakanic Gesang, Cellospiel
und Akkordeontöne. Das Jazzformat »Grenzgänge« war geboren. Jetzt startet es in eine
neue Runde.
Mit Festspielfrühling, -sommer und -winter bringt das drittgrößte
Klassikfestival Deutschlands verlässlich Musik in alle
Ecken und Winkel Mecklenburg-Vorpommerns und von Anfang
an gehört die Präsentation junger, entdeckungslustiger
Klassik-Solist:innen und Ensembles zur DNA. Seit 2022 sind
nun also auch junge internationale Jazzer:innen mit von der
Partie. Der aktuelle Festspielsommer 2025 – das Festival feiert
ebenso wie das Bundesland, in dem es beheimatet ist, sein
35. Jubiläum – dauert vom 13. Juni bis 14. September und
präsentiert 136 Konzerte. Vier davon sind »Grenzgänge«, alle
besonders geprägt von Frauen.
Am 18. Juni geht es los: In Hagenow gastiert die Kosmopolitin
Afra Kane mit ihrer Band. Einflüsse aus gänzlich verschiedenen
Ländern wie Nigeria, Italien, England und der Schweiz
prägen die Biografie der Jazzerin — und ihr Klavier. Als Inspirationsquelle
nennt die Singer-Songwriterin so unterschiedliche
Musiker:innen wie unter anderen Nina Simone, Maurice
Ravel und Alicia Keys. Virtuose Arrangements sind ihr Markenzeichen
und eine Stimme, so kraftvoll wie verführerisch.
Jetzt feiert die Wahlschweizerin mit ihrem 2. Album »Could
We Be Whole« ihr Debüt in Mecklenburg-Vorpommern.
Gesang mit magischen Qualitäten in der Alten Papierfabrik: Karoline Weidt.
© Marlene Rahmann
Ein paar Tage später schon kann sich die Hanse- und Universitätsstadt
Rostock freuen: Emma Rawicz kommt mit Saxofon
und Band am 20. Juni. »Was für eine Wucht von Modern
Jazz«, so die Reaktion der Jazzexperten vom WDR auf
ihr Musizieren. Bereits jetzt mit Anfang zwanzig als neuer Star
gefeiert, elektrisiert die junge Saxofonistin aus England bei
ihren Auftritten mit so viel Energie, dass es die Gäste beinahe
von den Sitzen weht. Was nicht heißt, dass es bei Emma
Rawicz keine zarten Töne gibt. Erstmals in Mecklenburg-Vorpommern
zu Gast, stellt sie ihre Kompositionen vom Album
»Chroma« vor.
Großer Sprung in die zweite Hälfte des Festspielsommers MV
2025: Eine federleichte Stimme, zart und dennoch präsent,
erklingt am 1. August in Neu Kaliß. Sie gehört Karoline Weidt.
»Dieser Gesang hat wahrhaft magische Qualitäten und findet
den Weg ins Gemüt«, bescheinigt ihr die Presse. Unter anderem
mit dem BMW Young Artist Jazz Award der Landeshauptstadt
München und der BMW Group ausgezeichnet, kommt
die Sängerin und Komponistin nun mit ihrem Quartett nach
Mecklenburg-Vorpommern, das Debütalbum »Inviting« und
bisher noch unveröffentlichte Songs im Gepäck.
Den krönenden Abschluss der Jazzreihe liefert Büşra Kayıkçı
am 20. August in der Landeshauptstadt Schwerin. »Nicht
nur Architekt:innen oder Ingenieur:innen können ein Gebäude
errichten. Mit ihren musikalischen Mitteln erschaffen
Komponist:innen eine Atmosphäre, die Zuhörer:innen in
Städte, Gärten und Landschaften entführen kann«, sagt die
Künstlerin. Die junge Pianistin und Komponistin aus Istanbul
hat Architektur studiert, bevor sie sich der Musik zuwandte.
Mit ihrem präparierten Klavier erschafft sie betörende Klangwelten.
Alle vier Künstler:innen treten erstmals bei den Festspielen
Mecklenburg-Vorpommern auf und spüren gemeinsam mit
dem Publikum, was dieses Festival so besonders macht. Neben
der Kunst sind es auch die Spielstätten. 96 verschiedene
Locations werden zu Konzertsälen, seien es Dorfkirchen,
alte Gutshäuser oder Industriehallen — der Festspielsommer
macht Musik, wo immer es geht. Und auch die »Grenzgänge«
führen an ungewöhnliche Orte. Vom alten Kino in Hagenow
über die Kunsthalle Rostock bis hin zum Industriedenkmal
Alte Papierfabrik Neu Kaliß spannt sich der Bogen. Jazzfans
erleben bei den Festspielen MV nicht nur die Top-Liga des
jungen Jazz, sondern auch die Stars unter den besonderen
Ecken in Mecklenburg-Vorpommern.
Tickets: www.festspiele-mv.de
Kosmopolitin in Hagenow: die Sängerin und Pianistin Afra Kane | © Afra Kane
Emma Rawicz kommt mit den Festspielen MV in die Kunsthalle Rostock.
© ACT_Gregor Hohenberg
TERMINÜBERSICHT:
Mi, 18. Juni 2025 · 19:00 Uhr Hagenow, Mecki
Grenzgänge: Afra Kane
Fr, 20. Juni 2025 · 19:00 Uhr Rostock, Kunsthalle
Grenzgänge: Emma Rawicz
Fr, 1. August 2025 · 19:00 Uhr Neu Kaliß, Alte Papierfabrik
Grenzgänge: Karoline Weidt
Mi, 20. August 2025 · 19:00 Uhr Schwerin, E-Werk
Grenzgänge: Büşra Kayıkçı
CAROL | 2025 Klassik 2.0 | Zürich | 59
Zürich (CH)
guerillaclassics
guerillaclassics möchte eine breitere Sichtweise dessen fördern, was, wo und wie klassische
Musiken sind und sein können. Indem wir mit Gewohnheiten und Normen
brechen, schaffen wir Umgebungen und Räume, in denen unterschiedliche Perspektiven
auf klassische Musiken zusammenkommen, aufeinandertreffen und sich vermischen
können. Wir wollen, dass klassische Musik ein offenes Forum für inspirierende
Ideen und herausfordernde Hybride aus Alt und Neu, Vertrautem und Fremdem, Trost
und Turbulenzen wird.
guerillaclassics glaubt an die Kraft der Synergie durch
gemeinsame künstlerische Erfahrungen. Wir glauben
an die Notwendigkeit, Räume für Diskurs durch künstlerische
Erfahrungen zu schaffen, die vor der Bühne
beginnen und nach der Aufführung weitergeführt werden.
Bei guerillaclassics sind die Künstler:innen eingeladen,
einen kollektiven Prozess durch Zusammenarbeit und
Co-Kreation zu gestalten. Als Teil dieses kollektiven
Prozesses konzentrieren wir uns auf Reflexion und
Wachstum. Wir arbeiten an der Schnittstelle zwischen
Disruption und Komfort, um unsere Visionen in die
Tat umzusetzen.
Have the courage to try something new, to embrace
failure, to expand your passion!
guerillaclassics.org
100 pianos – In cooperation with Kunsthaus Zürich, guerillaclassics breaks out of
the exhibition „Gerhard Richter.“ | © Jakob Blumer
Jalalu-Kalvert Nelson, Kevin Chesham – Naegeli Spaziergang mit Musik | © Pascal Sigrist
Portrait Hiromi Gut | © Sinzo Aanza
Soulfood Delivery 2021 | © Jakob Blumer
INTERVIEW
Wir sprachen mit Hiromi
Gut, der Gründerin und
Künstlerischen Leiterin von
guerillaclassics.
Wie sind Sie zur „Klassik_Radikalen“
geworden, was war der
Moment, die Initialzündung, aufzubrechen
und neue Wege zu beschreiten
und guerillaclassics zu
gründen?
Hiromi Gut: Während meines Gesangsstudiums
in Lausanne – genauer
gesagt am frühen Morgen
des zweiten Tages meines Masters
– wurde mir bewusst, dass ich als
Interpretin nicht so künstlerisch
kreativ sein konnte, wie ich mir das
wünschte. Ich brach aus und arbeitete
eineinhalb Jahre am Konzerthaus
Berlin, wo ich sah, dass dann
auch in der Konsequenz an Kulturinstitutionen
gewisse Freiheiten
für die zeitgenössische Kreation
begrenzt waren. Und so gründete
ich bei meiner Rückkehr nach Zürich
guerillaclassics – ein Netzwerk,
in dem man – solange die Gruppe,
die Menschen als Publikum auf der
Straße und das Umfeld es mittragen
– alles künstlerisch ausdrücken
kann, was bereit ist, seine Form zu
finden. guerillaclassics war auch ein
Schlüssel dazu, auf dieser Reise der
Forschung und des Schaffens nicht
alleine zu sein, sondern umgeben
von Menschen, die Ideen austauschen
und gemeinsam ihre kreativen
Wünsche und Ambitionen entwickeln.
Warum ist ein Perspektivwechsel
jetzt und zukünftig so wichtig?
Hiromi Gut: Einmal saß ich in der
Programmgestaltungsrunde eines
renommierten Festivals. Die Diskussion
drehte sich darum, ein Thema
zu definieren, das von aktueller
Relevanz war und musikalisch ausgearbeitet
werden konnte. Es war
eine Runde von Männern und ich
zögerte, ob ich meinen intuitiv aufsteigenden
Gedanken teilen sollte
und sagte es dann doch: „Ich fände
das Festival-Thema Liebe gut.“ Die
Reaktion war ernüchternd – „nein“
hieß es. Ich bereute es etwas, meiner
Zunge freien Lauf gelassen zu
haben. Das Thema Liebe aus dem
Mund einer Frau wie mir wurde
sofort in die traditionelle Perspektive
der Naivität und Verletzlichkeit
eingeordnet und von der Versammlung
nicht weiter berücksichtigt.
Rund fünf Jahre später entdeckte
ich die Texte der Autorin bell
hooks. Eine andere Perspektive als
die der Männer, mit denen ich gesessen
hatte. Texte, die mir immer
wieder viel über Geschlecht, Rasse
und Klasse beibringen. Sie schrieb
auch über Liebe, ihre gesellschaftliche
und politische Kraft und ich
dachte zurück an die Festivalrunde:
Wenn doch nur die Perspektive von
bell hooks mit vertreten gewesen
wäre. Ich habe mich als Frau immer
unwohl gefühlt, wenn es um
die Behandlung von Frauenfiguren
in der Oper ging, und gleichzeitig
wäre eine Neuüberdenkung der Geschichten
und Rollen anhand der
Ideen von bell hooks eine interessante
Perspektive.
Wir müssen uns in der westlichen
Klassik-Szene dem Perspektivenwechsel
als kontinuierliche Practice
widmen, um uns relevant in die Zukunft
zu entwickeln. Wir leben in
Europa als Menschen von fünf Kontinenten
zusammen. Die klassische
Form des Sinfonieorchesters mit
seinen geschriebenen Partituren
bietet nicht genügend Wege, den
Reichtum all’ dieser musikalischen
Möglichkeiten zusammenzubringen.
Es ist die Zeit, in der wir neue
Wege gehen müssen, um von den
Musiken aller Kontinente lernen
zu können, auf Augenhöhe, und
die Stimmen „vom Rest der Welt“
endlich gehört werden sollten – als
weitere wichtige Perspektiven. Sie
sind alle hier. Aber sie werden nicht
gehört.
Wie werden Ihre Ideen und neuen
Formate angenommen? Was
funktioniert, was nicht, was ist
noch unausprobiert?
Hiromi Gut: Vor rund zwei Jahren
haben wir als Verein begonnen,
Brainstormings zur dezentralen
Programmgestaltung von
Festivals zu machen. Wir sind mit
zwölf Kurator:innen, Hosts und
Mentor:innen gestartet, die aus ihren
Netzwerken jeweils etwa fünf
Künstler:innen eingeladen haben.
An den Abenden treffen wir uns
z.B. in einem großen Atelier, essen
gemeinsam und tauschen uns
aus. Künstler:innen aus allen Regionen,
Altersklassen und musikalischen
Genres bis zu anderen
künstlerischen Disziplinen stoßen
dazu – derzeit gerade auch durch
einen Open Call über die sozialen
Medien. Am Abend selbst bringen
alle ihre Ideen ein, die sie gerade
beschäftigen, und durch Resonanz
der anderen im Raum entsteht daraus
vielleicht ein Konzert, ein neues
Format, eine Idee zur Co-Komposition.
Diese Spontaneität, in der
sich die Künstler:innen gegenseitig
zueinander an den Tisch setzen, widerspiegelt
sich in den Werken, die
daraus entstehen. Was zur Bühne
wird, wie das Publikum eingebunden
wird und was musikalisch in
welcher Kombination entsteht, ist
in seiner Fluidität und Frische spürbar
im Resultat dieser Practice.
Das Wichtigste ist, dass sich Ideen
der Menschen begegnen und sie
sich dann entscheiden, sich gemeinsam
auf den Weg zu begeben.
VITA
Das Gespräch führte Kai Geiger.
Hiromi Gut ist Musikerin und Produzentin
und lebt in Zürich und Berlin.
Sie studierte Betriebswirtschaftslehre
an der Universität St. Gallen
und Operngesang an der HEMU de
Lausanne. Sie sang an der Lotte
Lehmann Opernakademie, bevor sie
Assistentin der künstlerischen Leitung
wurde. 2015 arbeitete Hiromi
Gut als Interimsgeschäftsführerin
des 30. Davos Festival - young artists
in concert und übernahm dann bis
2017 die Assistenz des Intendanten
am Konzerthaus Berlin. Anschliessend
gründete sie guerillaclassics,
deren künstlerische Leiterin sie ist.
Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen
die Geschichte der Musik, ihre
Gattungen, Räume, Kontexte und
die Hinterfragung des Traditionellen
oder Klassischen. Sie bereichert
diese Konzepte mit kollaborativen
Erfahrungen und Kreationen, die aus
den Stimmen und Praktiken zeitgenössischer
Musiker schöpfen. 2022
begann sie mit der Arbeit an " voi(x)
es ", einer Oper über und von Frauen
auf verschiedenen Lebenswegen in
der heutigen Zürcher Gesellschaft.
60 | Klang
CAROL | 2025
KLANG
Baden (CH)
VERNISSAGE „DIE JACOBSLEITER
FÜR SELTENE VALSCHE VÖGEL“
Eine Klanginstallation von Andres
Bosshard in der Cordulapassage
Baden
Im Rahmen der Regionale 2025
15.6. – 20.7.2025
„Die Jacobsleiter für seltene valsche Vögel“
verwandelt die Cordulapassage in Baden in
einen Ort des Staunens. Durch acht Satellitenschüsseln
erklingen Klänge der Brunnenanlagen
des Klosters Wettingen. Es entsteht
eine mystische Klanglandschaft, die auf die
Bewegungen der Passant:innen reagiert. Die
Installation unterbricht die Hektik des Alltags
und animiert zu einem neuen, reflektierten
Erleben des Raums. Die Jacobsleiter, wie sie
in der Klanginstallation in der Cordulapassage
von Baden neu entsteht, entfaltet sich
als ein lebendiges, sich ständig wandelndes
Klanggewebe. Sie bringt die Essenz des Klosterparks
Wettingen und seine Wasserklänge
in die moderne, urbane Tiefe der Unterwelt
– eine Übertragung von Bildern, Rhythmen,
Metaphern und Wasserbewegungen zu einem
akustischen, räumlichen Erlebnis.
Ruheorte Hörorte Andres Bosshard | © Regionale 2025
Die Regionale 2025 ist Triebfeder der nachhaltigen
Entwicklung des Limmattals. Diese
Entwicklung ist wegweisend für die gesamte
Schweiz. Die Aktivitäten der Regionale 2025
tragen zur Steigerung der Lebensqualität und
Identität des Tals bei.
www.regionale2025.ch/veranstaltung/die-jacobsleiter-fuer-seltene-valsche-voegel/
bales Phänomen. Von satten Reggae-Beats bis
zu wuchtigen Dubstep-Drops verknüpft das
Programm Erfahrungen, Dialoge und Soundpraktiken
im internationalen Austausch.
Während des Sommers 2025 mixen tief in
Bass-Kulturen verankerte Musiker*innen in
Live-Auftritten Rhythmen und Melodien
zu Geschichten von Widerstand und Solidarität.
Über den gesamten Sommer 2025
präsentiert Sonic Pluriverse Festival: Bass
Cultures diverse Programmangebote für den
Tag sowie Konzerte und DJ-Sets am Abend.
Das Festival versteht sich als Raum für Kulturaustausch
und Community-Dialog, als Begegnungsort
von Stimmen, Rhythmen und
Storys.
www.hkw.de/programme/sonic-pluriverse-festival-bass-cultures#main
Gais (CH)
KLANG MOOR SCHOPFE
Biennales Festival für audiovisuelle
Kunst
4. – 14.9.2025
Das Festival KLANG MOOR SCHOPFE präsentiert
internationale Klangkunst in einer
einzigartigen Kulturlandschaft: Das Appenzeller
Hochmoor „Schopfe“ am Fuß des
Hirschbergs mit seiner spezifischen Tier- und
Pflanzenwelt und den charakteristischen
kleinen verstreuten Scheunen bildet das
räumliche und akustische Umfeld. Elf ursprünglich
landwirtschaftlich genutzte Riedgras-Scheunen
werden von den eingeladenen
Künstler:innen mit ortsspezifischen audiovisuellen
Installationen bespielt.
Das kleinräumige offene Festivalgelände erlaubt
den Besucher:innen, auf einem rund
zweistündigen Rundgang die verschiedenen
Installationen zu „erwandern“. Dabei verbinden
sich die künstlerischen Klanginstallationen,
die archaische Architektur der Schöpfe
und die Moorlandschaft zu einem alle Sinne
ansprechenden Gesamtkunstwerk, das ein
breites Publikum zu faszinieren vermag.
Das Festival KLANG MOOR SCHOPFE will
ein vielfältiges Spektrum zeitgenössischer
audiovisueller Kunst in einem speziellen geografischen
Raum hör- und erlebbar machen.
Die eingeladenen nationalen und internationalen
Kunstschaffenden setzen sich bei der
Kreation der Werke für „ihren“ Schopf mit
den landschaftlichen Gegebenheiten und der
Situation vor Ort auseinander.
www.klangmoorschopfe.ch
Verständnis von Sound zu erweitern – in Performances,
partizipativen Installationen und
interaktiven Formaten.
Mit der neuen Konzertreihe TURNS, kuratiert
von Lea Luka Sikau, schafft das ZKM |
Hertzlab Resonanzräume, die mit unseren
Hörgewohnheiten spielen: Elektro-Trash
wird zum Chor, Musik trifft auf Bauchgeräusche,
Gamer:innen werden zu Performenden.
Der Publikumsraum rückt dabei selbst ins
Zentrum und wird ein Ort des gemeinsamen
Erlebens, in dem man sich neu begegnen und
Klang spielerisch befragen kann. Internationale
und lokale Künstler:innen präsentieren
Performances, partizipative Installationen
und spielerische Ansätze, die die Zuhörenden
in den Mittelpunkt rücken.
Themen der Konzertreihe TURNS
Den thematischen Rahmen für TURNS bilden
drei kuratorische Zyklen: SOUNDING CYC-
LES (Februar – April 2025), SOUNDING OUT
HEALTH (Mai – August 2025) und SOUND-
ING OUT CONNECTION (September – Dezember
2025). Sie verbinden gesellschaftliche
Diskurse, künstlerische Forschung und musikalischen
Ausdruck zu immersiven Erlebnissen,
bei denen der Prozess und das kollektive
Experimentieren im Vordergrund stehen.
Der erste Zyklus SOUNDING CYCLES widmet
sich zyklischen Rhythmen, kreisenden
Bewegungen und repetitiven Schwingungen.
Künstler:innen inszenieren Eigendynamiken
von Material, kehren das politische Moment
von Sound in den Vordergrund und verweben
vergangene Traditionen mit Motion
Capture.
www.zkm.de
© Klangkunst der Hochschule für Musik Mainz
Koblenz
Klangkunst im Industriedenkmal
Sayner Hütte
„To see a space is to imagine
sounds“
beim 33. KOBLENZ GUITAR FESTIVAL
& ACADEMY
1. – 9.6.2025
Die Sayner-Hütte in der Nähe von Koblenz ist
als europäisches Industriedenkmal mit Museum
allein schon einen Besuch wert. Einst
eines der bedeutendsten Zentren für Eisen-
Kunstguss Produktion im 19. Jh., sind noch
die riesige Gießhalle mit dem gusseisernen
Tragwerk und die Krupp’sche Halle erhalten.
Diese werden Anfang Juni durch Konzerte
und eine Klangkunstausstellung mit neuem
Leben gefüllt.
„Einen Klang hören, heißt einen Raum sehen“
ist ein berühmter Ausspruch des USamerikanischen
Architekten Louis Isadore
Kahn aus dem Jahr 1967: “To hear a sound is
to see its space“.
Für die Akteure ist es in dem Industriedenkmal
Sayner Hütte andersherum: Die großen
Räume der Gießhalle evozieren Klänge und
Ideen. Eine international besetzte Gruppe
junger Klangkünstler hat sich die Aufgabe gestellt,
diesem Klangraum nachzuspüren und
ihn hörend zu erforschen: also den Raum zu
sehen und Klänge zu imaginieren – „To see a
space is to imagine sounds“.
Die Klasse Klangkunst-Komposition der
Hochschule für Musik Mainz unter der Leitung
von Prof. Peter Kiefer wurde eingeladen,
sich in einem Creative Camp Sound Art mit
der Sayner Hütte künstlerisch auseinanderzusetzen.
Es werden außergewöhnliche Klang-
Installationen in einem gemeinsam abgestimmten
Klangraum entstehen.
Die Ausstellung ist vor und nach den Konzerten
und zu den Öffnungszeiten des Museums
zugänglich.
Weitere Termine unter soundart.uni-mainz.de
C-19 organ on the Euphonia tour 2023 |
© 2023 Kaspar König, Zürich
Die Arbeit C-19 organ, ein luftgefülltes und
teilweise begehbares Klangobjekt, wird nur
Sonntag, den 1. Juni vor der Vernissage ab ca.
14.30 Uhr zu erleben sein.
Die Künstler:innen sind vor Ort: Fatemeh Barzkar
(Iran), Juan Bermúdez (Kolumbien), Tomás
Cabado (Argentinien), Nicolás Cristancho (Kolumbien),
Taegyu Lim (Korea), Cat Woywod
(USA/Deutschland) und Kaspar König (Schweiz).
Ein Projekt der Klasse Klangkunst-Komposition
der Hochschule für Musik Mainz, Leitung Prof.
Peter Kiefer und Prof. Stefan Fricke. Ausgezeichnet
durch die inneruniversitäre Forschungsförderung
der Johannes Gutenberg-Universität
Sayner Hütte
www.saynerhuette.org/
Klangkunst der Hochschule für Musik Mainz
soundart.uni-mainz.de
www.koblenzguitarfestival.de/de/
BLACK ANGELS Koehne Quartett | © Skye Kiss
The Sonic Pluriverse Festival | © hkw Berlin
Berlin
Sonic Pluriverse Festival
Bass Cultures
Konzerte, DJs, Listening Sessions,
Workshops, Vorträge
27.6. – 2.8.2025
Sonic Pluriverse Festival: Bass Cultures erkundet
die Kultur der Soundsystems als glo-
© ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe
Foto: Chiara Bellamoli
Karlsruhe
TURNS Konzertreihe
Im Februar startet am ZKM | Karlsruhe mit
TURNS eine neue Konzertreihe, die mit
den Hörgewohnheiten des Publikums spielen
wird. Einmal im Monat lädt das ZKM |
Hertzlab ein, im Klangdom neue Perspektiven
auf elektronische Musik, Klangkunst und
Sound Art zu entdecken. Internationale und
lokale Künstler:innen regen dazu an, unser
© Klangkunst der Hochschule für Musik Mainz
Krems (A)
Festival Imago Dei
29.3. – 21.4.2025
Klangraum Krems Minoritenkirche
Das Festival Imago Dei ist seit mehr als einem
Vierteljahrhundert im frühgotischen
Klangraum Krems Minoritenkirche beheimatet.
„Ich denke in Klängen, nicht in Genres“,
so Albert Hosp, der neue künstlerische Leiter,
„und da kommt mir der Klangraum entgegen.
Er ist stimmig. Er ist für alle Klänge offen. Der
gotische Spitzbogen symbolisiert Begegnung.
In der Kirche, die schon lange keine mehr ist,
hat jeder Stein Spiritualität gespeichert. Diese
ist im Laufe der Zeit frei geworden, an keine
Konfession mehr gebunden.“
weiter auf Seite 63 >>
24. ― 25. Mai ’25
klangwelt.ch
62 | Klang | Toggenburg
CAROL | 2025
Klanghaus Detailansicht Schindeln | © Ralph Brühwiler
Klanghaus Detailansicht Fassade | © Ralph Brühwiler
Klanghaus und Schwendisee | © Ralph Brühwiler
Toggenburg (CH)
Das Klanghaus –
ein begehbares Instrument
Eröffnung 24. – 25.5.2025
Das Klanghaus Toggenburg ist ein Ort, an dem Architektur, Klang und Natur in einem einzigartigen Zusammenspiel
erfahrbar werden. Ein Ort der Inspiration und Kreation.
Mit der Eröffnung des Klanghaus Toggenburg entsteht ein
ganz neues Musikökosystem, ein klingendes Biotop für alle
Musikliebhaber:innen, Klangforscher:innen, Soundnerds und
Volksmusikverehrende. So vielfältig wie sich die Biodiversität
im Naturschutzraum des Schwendisees zeigt, so divers soll
sich auch die Klangkultur im Klanghaus Toggenburg entfalten.
In der Begegnung durch Musik passiert Erstaunliches. Die
Kraft und Magie der Musik war immer schon Beispiel dafür,
wie Menschen oder unbekannte Welten sich öffnen und im
Einklang zueinanderfinden können. Musik verbindet über alle
Grenzen und steht exemplarisch für die friedvolle Verständigung
zwischen Individuen, Gesinnungen und Kulturen.
Deshalb wird in Zukunft auch unser Kultur- und Kursprogramm
vielfältig und divers daherkommen. Wir geben dem
Klang einen neuen Ort, öffnen Räume für die unterschiedlichsten
Kulturtraditionen, neue Kunstformen, den Dialog und die
Neukreation, aber auch für die Pflege der über Generationen
gewachsenen Identitäten. Tradition trifft auf Innovation, Erfahrung
auf Idee und Kunst auf Leben.
Das Klanghaus ist eine Werkstatt, ein neuer Ort der Inspiration
und Kreation. Jetzt öffnen wir seine Türen und laden alle
herzlich ein, an dem, was unmittelbar entsteht, sei es vollendet
oder noch im offenen, teilzuhaben und mit uns zu feiern.
Die Klangwelt Toggenburg bietet einzigartige Erlebnisse zum
Thema Klang, Resonanz, Brauchtum, Stimme und vielem
mehr. Eingebettet in die Voralpen der Ostschweiz, geprägt von
einer ursprünglichen Gesangs- und Musikkultur.
Klangwelt Toggenburg | www.klangwelt.ch | www.klangwelt.ch
INTERVIEW
Wir sprachen mit dem
Künstlerischen Leiter
Christian Zehnder.
Das Toggenburg und der Klang.
Ein besonderes Verhältnis!? Worauf
basiert, worauf ist dieses gewachsen?
Christian Zehnder: Das Toggenburg
umschließt eine intakte alpine
Lautsphäre, eingebettet in eine
archaische Natur- und Landwirtschaft.
Im erweiterten Klang der
Weidschellen unterscheiden hier
die Bauern ihre Kühe und Rinder
noch am Klang der Schellen. Auch
lokalisieren und erkennen sie ihr
Verhalten an ihrem spezifischen
Klang. Weil sie gefühlsbetont mit
ihren Tieren eine enge und existenzielle
Verbindung eingehen,
bringt es sie dazu, diesen Aspekt der
Klanglichkeit hoch zu bewerten.
Der heimische Klang der Schellen,
der die Herde als Ganzes zu einer
Art Glockenspiel oder Klanglandschaft
werden lässt, ist hier somit
nicht nur ein musikalisches Ereignis,
sondern weitet sich in der unberührten
Natur zur klingenden
Lautsphäre und spiegelt damit eine
essenziell geschaffene Lebenskultur
zwischen Mensch und Natur wider.
Die Schellen sind also so etwas wie
der „Gral“ der Klangwelt. Über das
Ganze entfaltet sich dann der hier
noch lebendige Betruf, der Naturjodel
oder das Hackbrett und somit
eine reiche, lebendige Volksmusik.
Alte Bräuche und Lieder werden
auch noch oral von Generation zu
Generation weitergegeben.
Zusammengefasst ist das besondere
Verhältnis zwischen dem Toggenburg
und dem Klang das Ergebnis
einer tief verwurzelten kulturellen
Tradition, inspirierender Natur, lebendiger
Gemeinschaft und kontinuierlicher
musikalischer Förderung.
Wie kamen Sie zum Klang und
wann ist für Sie ein Klang perfekt?
Christian Zehnder: Als Musiker
hatte ich auch immer eine große
Verbindung zu den Alpen und war
lange als Alpinist unterwegs. Der
alpine Topos ist auch ein Klangraum.
Durch die Entdeckung und
Erforschung des Phänomens des
Echos in den Bergen interessierte
ich mich immer mehr für die
Klangsphäre der Natur, auf welche
wir Musiker:innen uns ja auch immer
wieder gerne beziehen und Inspiration
schöpfen.
Klang beinhaltet verschiedene
Aspekte in seiner Perfektion, wobei
der perfekte Klang wohl auch
gleichzusetzen ist mit der Suche
nach dem „Gral“. Er treibt meine
Leidenschaft als Musiker voran.
Fünf Aspekte gehören bei dieser Suche
immer dazu:
Die Harmonie: Die Töne sollen in
einem harmonischen Verhältnis
zueinander stehen.
Die Klangfarbe: Die Beschaffenheit
des Klangs – warm, hell, dunkel –
beeinflusst die Wahrnehmung.
Die Lautstärke: Sie muss ausgewogen
sein.
Die Raumakustik beeinflusst den
Klang, wie er wahrgenommen wird,
und ganz wichtig, die emotionale
Verbindung. Oft wird Klang als perfekt
empfunden, wenn er eine bestimmte
Emotion oder Stimmung
vermittelt.
Wie entstand die Idee zu einem
Klanghaus im Toggenburg?
Christian Zehnder: Peter Roth, als
geistiger Vater der Klangwelt, hat
die Idee ins Leben gerufen. Er hatte
vor über 30 Jahren die Möglichkeit,
zusammen mit Freunden ein altes,
etwas lottriges Naturfreundehaus
am Schwendisee zu kaufen. Dort
begann er, Klangkurse anzubieten.
Später folgte ein Naturstimmenfestival,
ein Klangweg und anderes
mehr. Damit wuchs auch die Idee
zum Klanghaus, als klingendes
Zentrum der Klangwelt direkt am
Schwendisee. Über 20 Jahre hat es
gedauert, bis die Vision Wirklichkeit
wurde, und dies mit vielen Rückschlägen.
Peter Roth hat aber immer
an seine Vision geglaubt und viele
Menschen überzeugen können, bis
das Klanghaus schließlich vor vier
Jahren in einer kantonalen Abstimmung
eine Mehrheit fand.
CHRISTIAN
ZEHNDER
(Musiker, Sänger, Komponist und
Echoforscher)
Christian Zehnders musikalische
Welt schöpft aus den archaischen
Verlautbarungen der menschlichen
Stimme und ist ganz im Topos der
alpinen Welt verankert. Aus dem
Umfeld des (Musik-)Theaters und der
zeitgenössischen Musik entwickelte
der Stimmenkünstler weit ab von
Traditionen eine ganz eigene Musik
(wie z.B. bei Stimmhorn, Kraah usw.),
die auch als eine abstrakte Utopie
der Heimat verstanden werden kann.
Zehnders Werke der jüngsten Zeit
weisen noch mehr über die Grenzen
hinaus über die Berge in Richtung
„alpiner Raumschiffmusik“.
Als Regisseur und Komponist war
er im Musiktheater tätig und schuf
Produktionen, die die Grenzen zwischen
Musik, Theater, Performance
und Klangkunst verschoben haben.
Seit 2018 ist er künstlerischer Leiter
der Klangwelt Toggenburg. Für seine
Verdienste an den Alpen erhielt er
u.a. den „Albert Mountain Award“
und wurde für seine künstlerischen
Leistungen rund um seinen musikalischen
„New Space Mountain“ und
seinen „Echotopos“ mehrfach geehrt.
www.new-space-mountain.ch
CAROL | 2025 Klang | 63
Welche besonderen Anforderungen
wurden an den Bau im Innenwie
im Außenbereich gestellt?
Christian Zehnder: Es sollte ein
reiner Holzbau werden, ein „begehbares
Instrument“, wie man es gerne
treffend formuliert. Die Innenräume
sollten so gestaltet sein, dass
sie eine optimale und einmalige
Klangqualität gewährleisten. Dies
konnte mit außergewöhnlichen
Maßnahmen der flexiblen Raumgestaltung,
Materialien und resonierenden
Objekten, die Schallwellen
gut reflektieren oder absorbieren,
auf eindrucksvolle Weise umgesetzt
werden. Das Klanghaus besitzt zum
Beispiel weltweit einzigartige Klangspiegel,
die in Schwingung gebracht
werden können und das klangliche
Erlebnis des Raumes merklich erweitern.
Auch die Flexibilität war wichtig.
Der Raum sollte vielseitig nutzbar
sein, um verschiedene Veranstaltungen
wie Konzerte, Workshops
und Klanginstallationen zu ermöglichen.
Und natürlich die Ästhetik:
Der Innenraum sollte eine einladende
Atmosphäre schaffen, die
Kreativität und Inspiration fördert.
Und auch die technische Ausstattung:
eine spezifische technische
Infrastruktur für die optimalen Voraussetzungen
von Tonaufnahmen
für Tonträger, aber auch, um Veranstaltungen
professionell durchführen
zu können.
Der Bau sollte sich Bau harmonisch
in die umliegende Landschaft einfügen
und die natürliche Schönheit
der Region respektieren. Auch
der Einsatz umweltfreundlicher
Materialien und energieeffiziente
Bauweise haben eine zentrale Rolle
gespielt, um den ökologischen Fußabdruck
zu minimieren.
Schließlich sollte das äußere Erscheinungsbild
außergewöhnlich
sein und die Identität des Klanghauses
und der Region widerspiegeln.
Eine Herausforderung war
auch die Mobilität. Wie gelangt
man zum Klanghaus ohne Auto
und bleibt trotzdem unkompliziert
erreichbar, sowohl für Besucher als
auch für Künstler?
Was passiert im Klanghaus Toggenburg
ab dem 24./25. Mai, dem
Tag der Eröffnung?
Christian Zehnder: Am 24. und 25.
Mai, dem Eröffnungstag des Klanghauses
Toggenburg, sind in der Regel
verschiedene Veranstaltungen
und Aktivitäten geplant, um die
Eröffnung gebührend zu feiern.
Dazu gehört natürlich auch die Eröffnungszeremonie.
Eine offizielle
Feier mit Reden von Kanton, Initiatoren,
Künstlern und Vertretern der
Gemeinde.
Folgend veranstalten wir das ganze
Jahr hindurch ein reiches Kulturprogramm
zwischen Heimat und
Neuland und Experiment. Dies umfasst
Live-Auftritte von Musikern
und Klangkünstlern, aber auch Eigenkreationen
oder Präsentationen
von Artists in Residence.
Mit Kursen und Seminaren bieten
wir außerdem für Besucher die
Möglichkeit, selbst aktiv zu werden
und sich mit Klang, Musik und
kreativen Ausdrucksformen zu beschäftigen.
Im Weiteren ermöglichen wir auch
Führungen durch das Klanghaus,
damit die Besucher die Architektur
und die akustischen Besonderheiten
des Gebäudes erfahren können.
Es ist eine Vielzahl von Angeboten,
welche die Klangwelt entwickelt,
bis hin zu Netzwerkmöglichkeiten,
das heißt Gelegenheit für Künstler,
Musiker und Besucher, sich zu vernetzen
und Ideen auszutauschen.
Das Gespräch führte Kai Geiger.
Das Festival eröffnet am letzten März-Wochenende
(29. und 30.3.) mit einer einzigartigen, groß besetzten
Begegnung von Epochen und Religionen: Bei „Israel
In Egypt – From Slavery To Freedom“ wird Georg
Friedrich Händels Oratorium mit jüdischer und muslimischer
Musik verflochten.
Die weiteren sieben Konzertabende entführen u.a. in
die verzaubernde Welt des Salterios, präsentieren ein
Streichquartett ohnegleichen, alte und neue Songs,
Renaissance-Laute plus E- Gitarre, Volksmusik und
viele Uraufführungen. Performance wird in „Bach
tanzt“ Teil der Musik. Am Karfreitag wird nochmals
Bach erklingen, verbunden mit Hugo Distlers „Totentanz“,
einem Hymnus an die Vergänglichkeit.
Der letzte Konzertabend am Ostermontag (21.4.)
ist eine Hommage an den Festivalgründer Jo Aichinger,
der am 8. April 70 Jahre alt geworden
wäre: ein opulentes Festivalfinale mit vielen seiner
Wegbegleiter:innen.
Unter den Mitwirkenden des Festivals finden sich:
Konrad Paul Liessmann, Yair Dalal, Werner Ehrhardt,
l‘arte del mondo, Franziska Fleischanderl, das Koehne
Quartett, Simon Mayer, Monika Hosp, Wolfgang
Muthspiel, Hopkinson Smith, Karin Nakagawa, der
Konzertchor Niederösterreich (Ltg. Flora Königsberger
und Tobias Grabher), Cecilia Zilliacus, Clemens
Wenger, Maja Osojnik, Lena Willemark (Artist in Residence
des Festivals).
www.imagodei.at
Andreas Trobollowitsch, Sägezahn | © David Visnjic, Klangraum
Klangkunst – Minoritenkirche
17.6. – 14.9.2025
Klangraum Krems Minoritenkirche
Raumbezogene Arbeiten, Interaktionen von Klang,
Raum, Licht, Zeit, Bewegung und Form machen den
frühgotischen Kirchenraum und den Kapitelsaal, deren
Architektur und deren Akustik, auf besondere
Weise erfahrbar. In diesem Jahr werden Werke der USamerikanischen,
in Norwegen lebenden Künstlerin
Camille Norment in der Minoritenkirche sowie des
in Israel geborenen, kanadischen Künstlers Adam Basanta
im Kapitelsaal präsentiert. Außerdem wird im
Rahmen der Festivals Imago Dei (29.3. – 21.4.) und
donaufestival (2.5. – 4.5./9. – 11.5.) eine Soundinstallation
der schwedischen Komponistin Maria W Horn
gezeigt.
www.klangraum.at
unseres Partnerfestivals Hors Normes, das zu einem
Geheimtipp im Bereich der experimentellen Musik
geworden ist, finden am Pfingstwochenende Konzerte,
Installationen und Klangspaziergänge rund um
den Lac de Joux statt.
www.neue-musik-ruemlingen.ch/festival-ruemlingen-2025/
Saarbrücken
Experimance Festival
23. – 25.5.2025
Kulturgut Ost
Wir freuen uns, die nächste Ausgabe des Experimance
Festivals anzukündigen! Vom 23. bis 25. Mai
2025 verwandelt sich das Kulturgut Ost in Saarbrücken
erneut in einen faszinierenden Resonanzraum
für Klangkunst, experimentelle Musik und Performance.
An drei Tagen schaffen internationale, nationale und
regionale Künstler:innen ein transdisziplinäres Erlebnis
voller Klangexperimente, interaktiver Formate
und inspirierender Performances. Das Festival lädt
dazu ein, neue künstlerische Ansätze zu entdecken,
ungewöhnliche Klänge zu erleben und selbst kreativ
zu werden.
www.experimance.de/festival/
Christian Zehnder | © Björn Jensen
Rümlingen (CH)
Hors Rümlingen
7. – 8.6.2025
Lac de Joux
L’Abbaye – Le Pont – Le Lieu
In Kooperation mit dem
Festival Hors Normes
Zum ersten Mal in seiner Geschichte geht das Festival
Neue Musik Rümlingen in die Romandie. An der Seite
Hörminute 2 | © Apps with Love
Schweiz und Basel (CH)
Hörminute
Zuhören, Basel
Die Klang-App hörminute.ch verschafft der zeitgenössischen
Musik in der Schweiz Gehör und lädt
dazu ein, sich regelmäßig einen Moment des be-
weiter auf Seite 64 >>
64 | Klang
CAROL | 2025
HörZeit im Alter 2 | © Ute Schendel
wussten Hörens zu nehmen, experimentelle
Klänge zu entdecken und miteinander
zu teilen. Seit 2023 haben rund 40 zeitgenössische
Musiker:innen Kompositionsaufträge
erhalten. Seither wurden rund 100
Miniatur-Kompositionen eingereicht und
veröffentlicht. Im Gegensatz zu gängigen
Musikplattformen wird über das Projekt zur
aktiven Auseinandersetzung mit dem Gehörten
angeregt. So werden in Workshops
mit Schulklassen Kinder mit den Hörminuten
an experimentelle Musikformen herangeführt
und gemeinsame Hörerlebnisse
gestaltet. Seit dem Pilotprojekt im 2021/22
haben rund 600 Kinder mit der Künstlerischen
Leitung Sylwia Zytynska in ihren
Schulklassen eigene Hörminuten kreiert und
sind in das Klanguniversum der Plattform
eingetaucht.
Hörminute 3 | © Ute Schendel
Die Klang-App wird stetig um neue Hörminuten
erweitert und die Macher:innen sind
in verschiedenen Regionen der Schweiz
unterwegs. In Kooperation mit namhaften
Festivals und Ensembles führen wir Workshops
für Kinder/Familien und Performances
durch.
Mit „HörZeit“ wurde ein neues Teilprojekt
für betagte Menschen in Alters- und Pflegeheimen
lanciert. Wir entwickeln eine
Handreichung mit Musikaufnahmen und
Übungen, die Fachpersonen Aktivierung
& Betreuung befähigen, eigenständig und
ohne musikalische Vorkenntnisse ein Programm
basierend auf Klang, Musik & Bewegung
in ihren Institutionen durchzuführen.
Mit Ansätzen aus der Neuen Musik sollen
die Materialien zu einem gemeinsamen
Musizieren und Kreieren von Klangwelten
einladen. Dabei werden Alltagsgegenstände
und akustische Materialien wie Glas, Holz,
Metall oder Plastik als Instrumente verwendet.
Ziel ist, dass die Bewohner:innen mit
überraschenden Objekten und Übungen in
ihrer Sinneswahrnehmung und Neugier angeregt
werden, sich selbst aktiv beteiligen
und Gemeinschaft erleben.
Das Projekt Hörminute wird von der Ernst
von Siemens Musikstiftung ermöglicht.
Termine
14. – 17.8.2025 – Festival Alpentöne, Altdorf
21.9.2025 – La Chaux-de-Fonds
zuhoeren-schweiz.ch
Sound Performance “El paisatge complex (ielsnusos de l’olivera)”
by Shoeg in an olive field in La Sénia (Catalunya) | © Àlex Espuny
Terres de l‘Ebre (E)
Eufònic
10. – 13.7.2025
Eufònic is the festival around the sound, visual
and digital-performative artsthat is held
in Terres de l’Ebre, 200 km south of Barcelona,
since 2012. Eufònic are exceptional arts
in its broadest sense: audiovisual performances,
workshops, installations in museums,
sound actions, professional activities, kidfriendly
proposals and concerts in unique
spaces. The uniqueness of the landscape of
the Terres de l’Ebre area in general and the
Ebre river Delta in particular is the vertebral
and differential element of the festival, making
Eufònic a sound and visual experience
anchored in the landscape.
Amposta hosts the main performative activities
(musical and audiovisual performances,
sound actions, and artistic installations),
while natural spaces in the Ebre Delta
and other towns in the Terres de l’Ebre region
(Campredó, Deltebre, Miravet, Paüls,
Roquetes, Sant Jaume d’Enveja, La Sénia,
Tortosa, and Ulldecona) host performances,
sound actions, concerts, and other artistic installations.
Eufònic Pro, held in Tortosa, features
presentations, roundtable discussions,
and quick networking sessions between experts,
alongside more informal activities such
as artist meetups over vermouth and project
presentations. Eufònic Campus presents a series
of workshops and participatory activities
strongly connected with the context.
www.eufonic.net
Museum of a Future Past | © Elza Loginova.
Trossingen
Museum of a Future Past
Blicken wir aus dem Jahr 2070 zurück auf das
Heute: welche unserer alltäglichen Klangwelten
sind inzwischen ausgestorben? Brausender
Verkehrslärm, knackendes Eis, zirpende
Singvögel, klimperndes Bargeld, die Melodien
regional-ländlicher Dialekte: Unsere vertrauten
Klanglandschaften werden sich so
radikal verändern wie unser Alltag. Alles ist
im Wandel, verursacht durch Klimaveränderungen,
Biodiversitätsverlust und technologische
Fortschritte, oder sogar durch Faktoren,
die wir zum jetzigen Zeitpunkt lediglich
spekulativ in Betracht ziehen können.
Aus diesem Gedanken entstand eine ungewöhnliche
Kooperation des Ensemble Recherche
Freiburg mit dem Landeszentrum
MUSIK-DESIGN-PERFORMANCE der staatlichen
Hochschule für Musik Trossingen.
„Museum of a Future Past“ ist ein hybrides
Projekt, ein kreatives Geräuscharchiv, eine
performative Installation und ein begehbarer
Klangraum. Musikdesign-Studierende entwickeln,
betreut von Prof. Sonja Schmid (Ensemble
und digitale Performance) und Prof.
i.V. Christian Losert (Intermediales Gestalten),
eigenständige Präsentationsformen für
die Räume des Ensemblehaus Freiburg und
die Wiedereröffnung des Trossinger Konzertsaals.
Inspiriert durch den Museumsgedanken
und dabei voller musikalischer und
technologischer Spielfreude, inszenieren sie
Klangwelten und ermöglichen eine ästhetische
Erfahrung der Transformationsprozesse
unserer Zeit. Die Installationen wurde an
zwei Tagen im Ensemblehaus Freiburg einem
begeisterten Publikum zugänglich gemacht
und durch instrumentale Performances der
Ensemble-Musiker:innen ergänzt, welche im
Laufe der vorangegangenen Woche gemeinsam
entwickelt wurden.
www.museum-of-a-future-past.com
HdMEtage3 | © PaulBauer, 2024
Wien (A)
Haus der Musik
Ein Klangmuseum, das Kräfte freisetzt!
Das Haus der Musik hat seine Besuchszahlen
seit der Gründung im Jahr 2000 mehr als verdoppelt.
Die interaktive Musikvermittlung
findet auch international Anklang.
Wien gilt als Welthauptstadt der Musik.
Aber nur an einem Ort können bereits junge
Menschen Klänge erforschen, den Stars der
Wiener Klassik nachspüren, Tönen auf die
Schallwelle fühlen und selbst ein Orchester
dirigieren: im Haus der Musik. Das Museum,
das auch Konzerte veranstaltet und als
Eventlocation dient, will kulturelle Barrieren
beseitigen und Menschen für Musik sensibilisieren,
erklärt Direktor Simon Posch: „Wir
sind ein Ort lebendiger Auseinandersetzung,
der neue Zugänge zu Musik eröffnet. Die Leute
sollen neugierig zu uns kommen, mit einer
Melodie auf den Lippen in den Alltag zurückkehren,
und etwas für ihr Leben mitnehmen.
Kultur und Musik können eine starke Kraft
der Verbindung und Inspiration sein. Diese
Kraft wollen wir mit unserem breiten Angebot
freisetzen.“
www.hdm.at
Collage | © Sonic MAtter
Zürich (CH)
Sonic Matter
Klangliche Materie, nie gehörte Töne und
musikalische Labore: Seit 2021 lädt die Plattform
SONIC MATTER dazu ein, experimentelle
Musik zu entdecken, zu erforschen und
mitzugestalten. Ihr Herzstück ist das viertägige
SONIC MATTER Festival, das alljährlich
in den Wintermonaten an verschiedenen Orten
in Zürich einen Raum zum Eintauchen
in den Klang bietet: von kritisch bis sinnlich,
verbindend bis energetisch, kontemplativ bis
tanzbar.
Die Festivalausgaben sind in thematische
Bögen eingebettet, die neugierig machen
und zugleich Fragen aufwerfen: Die Festivaltrilogie
2025 – 2026 – 2027 steht unter den
Mottos „remake – drift – worldbuilding“ und
versteht sich als Nährboden für die Wechselwirkung
zwischen künstlerischen Prozessen
und den Entwicklungen ihrer Umwelt.
Mit seinen Festivals bringt SONIC MATTER
nicht nur Musiker:innen aus der Schweiz
mit internationalen Künstler:innen zusammen;
das Festival ermöglicht in Mitmachformaten
und Residenzen den Austausch zwischen
den Künstler:innen und allen, die sich
beteiligen wollen – ob als Zuhörer:innen,
Gesprächspartner:innen oder Künstler:innen
für einen Tag.
Mit dem Veranstaltungskalender SONIC
MATTER_soundguide und dem SONIC MAT-
TER_radio ist die Plattform auch über das Festival
hinaus aktiv und macht an 365 Tagen
im Jahr Stimmen der Freien Musikszene hörbar,
die im kommerzialisierten Musikbetrieb
oft untergehen.
www.sonicmatter.ch
suburb river sketch | © Marius Naegeli
Zürich (CH)
suburb river sketch
Guerilla Aktion im Öffentlichen
Raum
Der Klanggärtner Andres Bosshard lebt und
hört in Züri Seefeld. Er nimmt uns mit auf
seinen täglichen Spaziergang durch das „Töbeli“
entlang des Wildbachs, bis dieser zum
Hornbach wird und nach dem Überqueren
mehrerer belebter Stadtstraßen auf den Zürisee
trifft. Wir erfahren, wie wir uns durch
unser Hören aktiv mit unserer täglichen Umgebung
auseinandersetzen können. Wir lernen
nicht nur, mit unserer Klanglandschaft
zu interagieren, sondern auch unser eigenes
Verhalten zu ändern, um einen neuen Stadtklang
zu kreieren. Unterwegs werden wir von
kleinen Guerilla-Aktionen von Musikerinnen
und Musikern überrascht, und wir beginnen
dieses Festival gemeinsam mit einem mehrstündigen
Spaziergang entlang des Stadtflusses,
um den freien Fluss zu feiern.
Termine unter
www.guerillaclassics.org
Impressum:
arttourist
Titel: Loreen Sima | © Vincent Sima,
www.vincentsima.de
Produktion, Gestaltung & Layout:
Chris Bernert, chris@deluxe-grafik.com
Redaktion: arttourist
Glärnischstraße 7, D-78464 Konstanz
Tel. +49 (0)7531 8074704
www.arttourist.com
info@arttourist.com
arttourist.com
thearttourist
jazzacrosseurope
kukioskbyarttourist
CAROL | 2025 Medien | 65
MEDIEN
Basel (CH)
Andere Intelligenzen
10.5. – 10.8.2025
Welche Formen von Intelligenzen existieren?
Welche Bedeutung haben sie für unser
Verständnis von Ökologie und Gesellschaft?
Die internationale Gruppenausstellung widmet
sich den unterschiedlichen Formen von
Intelligenz: der künstlichen, technologischen
und der organischen der Flora und Fauna im
Zusammenspiel eines Ökosystems. Die beteiligten
Kunstschaffenden untersuchen, was
Intelligenz im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz
(KI) sein kann und welche anderen Formen
nicht menschlicher Intelligenz relevant
für die Gestaltung unserer Zukunft sein könnten.
Sie fragen, wie ein synthetisches Gehirn
einer künstlichen Intelligenz operiert oder
Organismen aus der Tier- und Pflanzenwelt
empfinden und handeln und was wir von
diesen Formen anderer Intelligenzen lernen
können.
Was also haben ChatGPT und der Regenwald
gemeinsam? Beides sind momentan viel diskutierte
Gesellschaftsthemen. Sie stehen für
die zwei Bereiche, KI und Klimakrise, deren
Entwicklung die Zukunft der Menschheit
einschneidend prägen wird. Es sind auch Repräsentanten
zweier unterschiedlicher nicht
menschlicher Systeme von Intelligenz. Mit
dieser Ausstellung möchten wir diese beiden
Aspekte nicht menschlicher Intelligenz zusammen
betrachten, da das Verständnis und
die Empathie für andere Formen der Intelligenz
zu den wichtigsten Überlebensstrategien
für unsere Spezies werden.
Künstler:innen: Niculin Barandun, Alice
Bucknell, Isabell Bullerschen, CROSSLUCID,
Patricia Domínguez, Susanne Hartmann, Joey
Holder, Špela Petrič, Sookyun Yang, Yiming
Yang
Kuratorinnen: Sabine Himmelsbach, Marlene
Wenger
HEK (Haus der Elektronischen Künste)
www.hek.ch
Berlin
re:publica 25: Generation XYZ
26. – 28.5.2025
Die re:publica 25 findet vom 26. bis 28.
Mai 2025 in der STATION Berlin statt. Das
Festival für die digitale Gesellschaft steht
dieses Jahr unter dem Motto „Generation
XYZ“. Das Programm bringt auch 2025 die
wichtigsten Themen rund um das Netz, seine
Communities und die Chancen und Herausforderungen,
die in der Digitalisierung
der Gesellschaft liegen, auf die Bühnen.
Generation X, Gen Y (Millennials) und Gen
Z – die re:publica 2025 lädt alle Generationen
(die Boomer sind natürlich ebenfalls
willkommen!) an ihren Tisch, denn unsere
demokratische Gesellschaft steht auf dem
Prüfstand. On- wie offline fehlt es an Räumen,
in denen Generationen sich offen begegnen
können, um sich zu vergewissern,
dass uns mehr verbindet, als trennt. Dass
in Generationsunterschieden auch Chancen
liegen, voneinander zu lernen, wenn
wir uns offen begegnen. Die altersabhängige
Nutzung von Social Media Plattformen und
die verschiedenen Kommunikationskanäle
der Generationen machen es beinahe unmöglich,
dass sich Alt und Jung begegnen
und austauschen.
Dabei wäre es gerade jetzt so wichtig, den generationsübergreifenden
Schulterschluss zu
suchen, denn zur Generation XYZ gehören
diejenigen, die jetzt noch aktiv dafür sorgen
können, dass unser Planet eine lebenswerte
Heimat für alle Menschen bleibt. Dafür,
dass wir auch weiterhin in einer demokratischen
Gesellschaft leben, die geprägt ist
durch Freiheit, Humanität und Solidarität
untereinander.
Darüber, was uns trennt, können und sollen
wir streiten. Für die re:publica 2025 möchten
wir jedoch die intergenerative Allianz
schmieden, die wir jetzt so dringend brauchen.
Unser kollektives Wissen macht uns
klüger, unsere kulturellen Leidenschaften
kreativer, und mit vereinter Courage sind
wir unschlagbar.
re:publica 25 | STATION Berlin
www.re-publica.com
Jeffrey Shaw, Theo Botschuijver, „Virtual Sculpture“, 1981, Pan- und
Tilt-System auf Stativ, halbdurchlässiger Spiegel, Fresnel-Linse, 12“
S/W CRT-Monitor, Apple II Gamepaddles, Apple II Plus, 175 x 71,6 x
79,6 cm, Ausstellungsansicht im Melkweg, Amsterdam.
© Jeffrey Shaw, Theo Botschuijver
Karlsruhe
The Story That Never Ends. Die
Sammlung des ZKM
ab 4.4.2025
Moderne Medientechnologien haben die
Welt verändert. Das ZKM | Zentrum für Kunst
und Medien Karlsruhe hat diesen Wandel so
aufmerksam begleitet wie keine andere Kunstinstitution
weltweit. Seit seiner Gründung
setzt das ZKM entscheidende Impulse in der
künstlerischen Auseinandersetzung mit neuen
Technologien. Auf diese Weise konnte
in den vergangenen 30 Jahren eine der bedeutendsten
Medienkunstsammlungen der
Welt aufgebaut werden. Mit der Ausstellung
„The Story That Never Ends. Die Sammlung
des ZKM“ präsentiert das ZKM nun zahlreiche
Highlights dieses einzigartigen Bestandes
in einer neuen Ausstellung. Zu sehen sind
Werke von den 1950er-Jahren bis in die Gegenwart,
darunter Video-, Licht- und Klangarbeiten,
kinetische Objekte und computerbasierte
interaktive Installationen.
Mit etwa 100 Arbeiten zeichnet „The Story
That Never Ends“ diese Entwicklungslinien
der Medienkunst und ihre Öffnung zu den
Kategorien Raum, Zeit und Bewegung sowie
Interaktion und Partizipation nach – von
den 1950er-Jahren bis in die Gegenwart.
Eine Auswahl bedeutender Schlüsselwerke,
die wichtige Momente und Meilensteine der
Medienkunst repräsentieren, zeigen die Vielfalt
und den Einfluss dieser technologischen
Entwicklungen. Marie-Jo Lafontaines monumentale
Videoskulptur „Les larmes d’acier“
(1987), mit der sie auf ironische Weise die
komplexen Begriffskonstellationen Mann,
Maschine, Macht und Sexualität dekonstruiert,
sowie Bill Violas Videoinstallation „Stations“
(1994), in der er mit der Frage nach
dem Werden und Vergehen eines der grundlegenden
Themen menschlichen Daseins
aufgreift, oder Jeffrey Shaws „Virtual Sculpture“
(1981), die für frühe Experimente der
Augmented Reality steht, bilden hier eine
kleine Auswahl an Beispielen.
ZKM | www.zkm.de
Bruckner Symphony No. 7, arrangement for ensemble/Chamber
musicians of the Bruckner Orchestra Linz (A) | © Tom Mesic
Linz (A)
Ars Electronica Festival
Festival für Kunst, Technologie und
Gesellschaft
3. – 7.9.2025
Aus erster Hand erfahren, wie neue Technologien
unser Leben verändern. Selbst erleben,
wie Machine Learning, VR, Robotik oder Biotech
zu einem sozial und ökologisch nachhaltigen
Fortschritt beitragen können. Auf
Augenhöhe diskutieren, welche Rechte und
Pflichten wir als digitale Bürger:innen haben
sollten. Menschen aus aller Welt kennenlernen,
die kritisch, aber optimistisch unser aller
Zukunft mitgestalten wollen. Für all das steht
Ars Electronica. Wir freuen uns darauf, dass
auch du mit dabei bist!
Ars Electronica zählt weltweit zu den ersten
Adressen für Medienkunst. Auf dem Festival
triffst du das Who is Who der internationalen
Medienkunstszene ebenso wie junge Shootingstars,
die gerade erst anfangen, sich einen
Namen zu machen. Allen voran möchten wir
dir eine der vielen Ausstellungen, die Prix Ars
Electronica Exhibition, ans Herz legen, wo die
besten Medienkunstwerke des Jahres zu sehen
sind, die von der internationalen Jury des renommierten
Wettbewerbs ausgezeichnet wurden.
Ein weiteres „Muss“ ist die große Ausstellung
zum jeweiligen Jahresthema des Festivals, in
der immer wieder künstlerische Positionen
auf spektakuläre Weise präsentiert werden.
Lass dich bei der STARTS Prize Exhibition von
bahnbrechenden Kooperationen zwischen
Wissenschaft, Technologie und Kunst inspirieren!
Jedes Jahr nutzen mehrere Dutzend internationale
Universitäten die Ars Electronica
als Plattform und präsentieren in der Campus-Ausstellung
beeindruckende Ergebnisse
ihrer Bildungsprogramme an der Schnittstelle
von Kunst und Technologie.
ars.electronica.art
© Karolina Bregula, THE STORM
Osnabrück
EMAF 2025
23. – 27.4.2025
Ausstellung 23.4. – 25.5.2025
Das European Media Art Festival Osnabrück
(EMAF) hat seinen Ursprung in einem Workshop
für Experimentalfilme im Fachbereich
Medienwissenschaften an der Universität Osnabrück.
Daraus resultierte 1981 ein Filmtreffen:
der sogenannte „Experimentalfilm Workshop“
und die Gründung des gleichnamigen
Vereins, der bis heute Träger des EMAF ist. Im
Jahr 1988 bot sich anlässlich des von der EU
ausgerufenen „Film- und Fernsehjahres“ die
Chance, das Festival auf eine neue Basis zu
stellen. Das Team von Studierenden stellte
dafür ein neues Konzept auf die Beine – unter
dem Titel „European Media Art Festival“.
Das EMAF gilt heute international als eines
der einflussreichsten Foren für zeitgenössische
Medienkunst. Jedes Jahr bietet es seinen
Besucher:innen in Filmprogrammen, Ausstellungen,
Performances und hybriden Formaten
einen Überblick über aktuelle künstlerische
Produktionen. Gastkuratierte Projekte
und Retrospektiven geben vertiefende Einblicke
in historische Positionen und Zusammenhänge.
Am 23. April wird in der Osnabrücker Kunsthalle
das European Media Art Festival eröffnet.
Dort wird auch die von Inga Seidler
kuratierte Ausstellung des EMAF 2025 zu
sehen sein. Sie widmet sich dem Festivalthema
Witnessing Witnessing und erforscht
Zeug:innenschaft als aktive und performative
Praxis, die über die bloße Dokumentation
von Ereignissen hinausgeht. Die versammelten
internationalen Künstler:innen nutzen
digitale Medien, Video, VR, 3-D Scans, Skulptur,
forensische Methoden oder Reenactment,
um Zeug:innenschaft als moralischen, politischen
und emotionalen Akt zu beleuchten.
In ihren Installationen hinterfragen sie die
Authentizität und Wahrheit von Medienproduktionen
sowie die damit verbundenen
Machtverhältnisse. Die Besucher:innen der
Ausstellung sind eingeladen, Verbindungen
herzustellen und sich kritisch mit den präsentierten
Informationen auseinanderzusetzen.
www.emaf.de
Stuttgart
Animation grenzenlos
ITFS und APDs 2025: Stop Motion,
Fokus Schweiz und tolle neue Trailer
6. – 11.5.2025
Beim 32. Internationalen Trickfilm-Festival
Stuttgart (ITFS) steht Handgemachtes im Fokus:
Ein Schwerpunkt widmet sich Stop Motion
als Technik. Der Länderfokus des ITFS und
der Animation Production Days (APDs) führt
diesmal in die benachbarte Schweiz. Und natürlich
haben die Festivalmacher:innen für
die Woche vom 6. bis 11. Mai 2025 noch allerhand
mehr in petto. Lust auf Animation
machen in jedem Fall die neuen Trailer für
ITFS und die APDs.
Im Zentrum des Festivals 2025 steht der künstlerische
Animationsfilm – mit einem klaren
Schwerpunkt auf Stop Motion. Besonders
Puppenanimation ist seit Jahren wieder sehr
beliebt. Das spiegelt sich auch bei den Einreichungen
und somit in den aktuellen Wettbewerbsprogrammen
von Tricks for Kids und im
Internationalen Wettbewerb wider. Für den
„Fokus Stop Motion“ stellt Olga Bobrowska
vom StopTrik Festival (Łódź und Maribor) zwei
Programme mit einem Best of und historischen
Puppen-Animationsfilmen zusammen.
Aktuelle Langfilme werden ebenfalls im Programm
zu sehen sein. Wir zeigen den Film
MEMORY HOTEL (2024), des deutschen Animationsfilmers
Heinrich Sabl, an dem er seit
1999 gearbeitet hat, sowie die Stop-Motion-
Animationskomödie VENGEANCE MOST
FOWL (2024) des weltberühmten britischen
Animationsstudio Aardman. Will Becher, Animator
und Regisseur bei Aardman, wird beim
ITFS zu Gast sein und eine Masterclass anbieten
– und sicherlich auch einiges zum neuen
Wallace & Gromit-Film erzählen.
www.itfs.de
66 | Elektro | Kiezsalon
CAROL | 2025
Michael Rosen | © Digital in Berlin
Kiezsalon Berlin
Michael Rosen ist ein deutscher Kurator und Konzertveranstalter, der seit 2004 in Berlin
lebt. Im Jahr 2008 gründete er die unabhängige Kulturagentur Digital in Berlin, deren
künstlerischer Leiter er ist. Die kuratierte Plattform für anspruchsvolle Musikkultur
ist ein musikalisches Archiv Berlins, das die Diversität der Szene widerspiegelt. Digital
in Berlin unterstützt, berät und entwickelt gemeinschaftliche Kulturangebote, schafft
Sichtbarkeit für spartenbezogene und spartenübergreifende Veranstaltungen und hilft,
kulturelles und künstlerisches Potenzial wirtschaftlich besser zu nutzen.
Seit 2010 veranstaltet und kuratiert
er vielerorts Konzerte in Berlin,
seit 2015 vor allem unter dem Namen
Kiezsalon. Der Kiezsalon präsentiert
als ein Forum für innovative
Musikausübung Künstler:innen
unterschiedlicher Genres, Herkunft
und Bekanntheit und bildet eine
Schnittstelle zwischen Avantgarde,
avancierter Popmusik und interdisziplinären
Künsten. Die Reihe präsentiert
in kompakten Vorstellungen
von 30 Minuten ein stilistisch
komplementäres Programm. Nach
zehn Jahren mit etlichen Premieren
und Spielorten in ganz Berlin hat
sich der Kiezsalon als eine der beliebtesten
und erfolgreichsten Musik-Reihen
der Stadt etabliert.
INTERVIEW
Wir sprachen mit
Michael Rosen.
Wer ist Michael Rosen und wie
kam Michael Rosen zur Musik?
Michael Rosen: Michael Rosen ist
Kurator und Künstlerischer Leiter
von Digital in Berlin. Geboren in
Siebenbürgen/Transsilvanien, aufgewachsen
in Augsburg und seit
2004 in Berlin. Wie ich zur Musik
kam, weiß ich nicht mehr so genau
– vermutlich als Teenager Ende
der 90er mit Stockhausen, Cage,
Autechre, Broadcast und J Dilla.
Was ist Ihnen in Ihrer Arbeit
wichtig, was ist Ihre künstlerische
Mission?
Michael Rosen: Erlebnisse zu
schaffen und spannende Formate
zu entwickeln, ästhetische und szenenbezogene
Kontraste zusammenzuführen,
neue Musik zu präsentieren
und mich nicht zu wiederholen.
Sparten-, Szene- und Publikumsgrenzen
füreinander durchlässig zu
machen und das Versprechen steter
Neuentdeckungen mit jedem Konzert
zu erneuern.
Ich denke oft aus der Perspektive
des Publikums und sehe meine Konzertabende
auch immer als Begegnungsstätten,
bei denen ich meinen
Gästen ausreichend Zeit und Raum
gebe, um sich zu begegnen.
Woher bekommen Sie Ihre Inspiration
für Ihre Arbeit und die
Entwicklung von neuen Konzertund
Vermittlungsformaten?
Michael Rosen: Aus meiner täglichen
Arbeit, die ich eher als mein
Hobby sehe – ein Privileg, das mich
nach wie vor begeistert und ausfüllt.
Sie sind Kurator, Konzertveranstalter
und IT-Spezialist. Sie beraten,
unterstützen, entwickeln
und veranstalten. Woher kommt
das „Tausendsassa-Gen“?
Michael Rosen: In der Grundschule
hieß es damals: „Der Junge hat
zu viel Energie und kann nicht still
sitzen.“ Ich glaube, wenn ich in
Augsburg geblieben wäre, wäre ich
entweder Spitzensportler oder drogenabhängig
geworden – Letzteres
wurde mir sogar prophezeit. Ganz
banal: Ich mache ausschließlich
das, was mir Spaß macht, und das
zehrt weniger an meinem Energiehaushalt
als beispielsweise eine
Steuererklärung.
... und was war zuerst? Die Liebe
für die Musik oder die Technologiefaszination,
und wie kam und
wirkt beides zusammen?
Michael Rosen: Keines von beidem
– es war die Liebe zum Film. Musik
und Computer kamen fast zeitgleich
danach. Es gab Zeiten, in denen ich
täglich zwei Filme angeschaut und
mich stundenlang in Videotheken
herumgetrieben habe. Von 2012
bis 2017 habe ich auch mein eigenes
Filmfestival kuratiert – in einem
100 Jahre alten Art-Déco-Kino mit
Blick auf den Atlantischen Ozean.
Das war wunderbar.
Was verstehen Sie unter „anspruchsvoller
Musikkultur“, wie
Sie Ihre Arbeit beschreiben?
Michael Rosen: Das kommt eigentlich
aus der Übersetzung des ersten
„Digital in Berlin“-Slogans: „Serious
sound and music since 2008“.
Ich finde „anspruchsvoll“ nach wie
vor treffend, weil es einerseits genreoffen
ist und sich keiner Schublade
oder schwammigen Musikdefinition
bedient. Andererseits
beschreibt es, dass die Kunst und
Musik, die wir präsentieren, nicht
beliebig ist, sondern immer ein
gewisses Niveau und eine innere
Stringenz mit sich bringt.
Für welche Musik und welche
Formate steht Michael Rosen, von
dem es heißt, dass er ein besonders
gutes Händchen für Konzerte
und unbekannte Künstler:innen
hat?
Michael Rosen: Für alle Musiken
– genau darum geht es mir. Musik
fernab von Genres und Definitionen
zu präsentieren, möglichst unterschiedlich
und kontrastreich.
Die Formate sind variabel und ändern
sich von Ort zu Ort. Das verbindende
Element ist, dass ich versuche,
ernste, oft sperrige Inhalte
einem breiten Publikum zugänglich
zu machen.
„Musik an ein Publikum bringen –
und an Orte, die außerhalb der konventionellen
Kartografien hauptstädtischer
Clubs und Spielstätten
liegen“, um meinen Freund, den
Musikjournalisten Jens Balzer, zu
zitieren.
Sie denken und arbeiten spartenübergreifend.
Wie wichtig ist dies
für Sie und wo sehen Sie Chancen,
aber auch ungenutzte Möglichkeiten?
Michael Rosen: Spartenübergreifend
zu arbeiten ist wichtig, um
mich und mein Publikum nicht zu
langweilen – aber auch, um eine
neue Zuhörerschaft zu erreichen,
VITA
Michael Rosen (*4. Oktober 1978 in
Hermannstadt/Transsilvanien) ist ein
deutscher Kurator und künstlerischer
Leiter, der seit 2004 in Berlin lebt.
Im Jahr 2008 gründete er die unabhängige
Kulturagentur Digital in
Berlin. Ebenfalls seit 2008 kuratiert
er das MADEIRADiG Musik Festival
auf der portugiesischen Atlantikinsel
Madeira. Seit 2010 kuratiert er vielerorts
Konzerte in Berlin, seit 2015 vor
allem unter dem Namen Kiezsalon.
Rosen ist ein Musikenthusiast, DJ und
war von 2017 bis 2020 Jurymitglied
des Hauptstadtkulturfonds. Als
Kurator und künstlerischer Leiter
hat er für verschiedene internationale
Musikprojekte und Festivals in
Deutschland, Portugal, Norwegen
und Ungarn gearbeitet.
www.digitalinberlin.de
kiezsalon.digitalinberlin.de/
pics.digitalinberlin.de/
Michael Rosen | © Digital in Berlin
CAROL | 2025 Elektro | Kiezsalon | 67
die sich wiederum über ein Publikum
freut, dem sie sonst nicht begegnen
würde.
Das Format Kiezsalon, das seit
Jahren sehr erfolgreich veranstaltet
wird, findet seit der Pandemie
an wechselnden Orten statt. Wie
wichtig sind die Orte und deren
Einfluss auf die Kreativität der
Künstler:innen, deren Performance
und eine unterstützende
Wirkung auf das Publikum?
Michael Rosen: Die wechselnden
Orte haben eine neue Ebene und
Herausforderung mit sich gebracht.
Jeder Ort ist anders und muss anders
bespielt werden. Nicht jede
Musik passt an jeden Ort. Wir wollen
Orte nicht assimilieren, sondern
für und mit dem Ort kuratieren. Einen
Bärenzwinger mitten im Park
bespielt man idealerweise anders
als eine 4000 Quadratmeter große
Industriehalle.
Die unterstützende Wirkung auf
das Publikum ist signifikant, denn
ein neuer Kiez bedeutet oft auch ein
neues Publikum.
Sie haben mehrere Jahre für die
Gruppe der Design Hotels gearbeitet.
Hat dies Ihren Blick auf Orte
und die Ästhetik von Konzertveranstaltungen
verändert und geschärft?
Michael Rosen: Darüber habe ich
tatsächlich noch nie nachgedacht.
Jedenfalls hat es jahrelang meine
Miete bezahlt und mir ermöglicht,
mein ausschweifendes Konzertleben
zu führen. Vielleicht hat es mir
gezeigt, dass sich Underground,
Qualität und Anspruch nicht ausschließen.
Das Hotel und Festival-Mitveranstalter
auf Madeira hätte ich ohne
„Design Hotels“ jedenfalls nicht
entdeckt.
Wann und wie haben Sie Madeira
für sich entdeckt, wo Sie seit 2008
jeweils Anfang Dezember das
„MADEIRADiG“, ein intimes Festival
für Noise, Avantgarde und
Experimental-Musik, veranstalteten?
Was kam dort für Sie und das
Format so perfekt zusammen und
warum ist trotz des Erfolges jetzt
erst einmal Schluss?
Michael Rosen: Ich wollte immer
ein Festival für Menschen machen,
die keine Festivals mögen. Das Terrain,
das ich vor über 16 Jahren auf
Madeira vorgefunden habe, war dafür
ideal.
Beim Boxen sagt man, wenn die
„Prime“ vorbei ist, sollte man wissen,
wann man aufhört – und die
Zeit ist jetzt definitiv gekommen.
Man kann es vielleicht mit einer alten
Band vergleichen, die lange und
erfolgreich miteinander gespielt hat
und sich irgendwann eingestehen
muss, dass man nicht mehr so recht
zusammenpasst.
Wie wichtig ist für Sie Erfolg und
wie bemessen Sie diesen für sich?
Michael Rosen: Ein befreundeter
Komponist sagte einmal in seiner
Radioshow:
„Rosen gestaltet mit sicherer Hand
beispiellose Musikerlebnisse. Der
Kiezsalon ist die inspirierendste
Musikreihe, die ich kennengelernt
habe. Bis in die ständig wechselnde
Auswahl der Weine ist jeder Abend
eine fruchtbare Symbiose aller Elemente.
Glücklicher kann man Musik
nicht darbieten.“
Wenn wir es dann noch schaffen,
Künstler:innen vor ausverkauftem
Haus zu präsentieren, nehme ich
das als Erfolg wahr – und lasse mich
daran gerne messen.
... und wie gehen Sie mit Scheitern
um?
Michael Rosen: Nicht so gut schätze
ich, das liegt eventuell auch daran,
dass ich mein größter Kritiker
bin.
Welche Idee von Michael Rosen
ist noch unrealisiert, wer oder was
und wo ist noch nicht veranstaltet?
Michael Rosen: Unzählige. Ich wollte
immer ein interdisziplinäres Festival
namens „Infinite Players“ ausrichten,
zu dem ich ausschließlich
Pioniere und vergessene Wegbereiter
der Musik und Klangkunst einlade.
Ich würde gerne nächstes Jahr den
1926 entstandenen Animationsfilm
„Die Abenteuer des Prinzen Achmed“
von Lotte Reiniger an dem
Ort, an dem er vor 100 Jahren seine
Premiere hatte, der Berliner Volksbühne,
zeigen – mit neuer, live eingespielter
Filmmusik.
Eine Konzertreihe, die alle 158 Botschaften
(Embassys) in Berlin bespielt.
Im März 2023 zeigten wir Béla Tarrs
Meisterwerk „Sátántangó“ in der remasterten
4K-Fassung – 7,5 Stunden
ohne Pausen und mit neuer, live gespielter
Filmmusik. Das würde ich
gerne noch einmal im Barbican in
London machen.
Das Gespräch führte Kai Geiger.
© Digital in Berlin
© Digital in Berlin
© Digital in Berlin © Digital in Berlin
© Digital in Berlin
68 | Elektro
CAROL | 2025
ELEKTRO
Ralph Larmann | © Kraftwerk Berlin 2018
Berlin
DARK MATTER
Ein neues Kapitel für die Berliner Kunstszene
beginnt: Ab dem 28. März 2025 wird das
Gelände des Museums für Licht- und Medienkunst
DARK MATTER um die neue TRANS-
FORMATOR Halle erweitert. Für die erste Ausstellung
in diesem spektakulären neuen Raum
kehrt das international gefeierte Lichtkunstwerk
SKALAR von Christopher Bauder und
Kangding Ray nach sieben Jahren Welttournee
nach Berlin zurück. DARK MATTER ist ein
Parallelkosmos aus raumgreifenden Lichtinstallationen,
in dem die Grenzen zwischen
realer und digitaler Welt verschwimmen. Mit
DARK MATTER begibt sich der Besucher auf
eine Reise durch sieben teilweise interaktive
Werke. Licht, Bewegung und Klang verschmelzen
zu emotionalen Choreografien aus
leuchtenden Formen und Farben.
Auf 1000 qm Ausstellungsfläche präsentiert
DARK MATTER multimediale Installationen
– von intimen kleinen Lichtkompositionen
über begehbare interaktive Objekte bis hin
zu raumfüllenden audiovisuellen Lichtshows
mit weltweit einzigartigem 3D Soundsystem.
Jeder Raum entfaltet dabei eine ganz eigene
individuelle Atmosphäre und ist doch Teil
eines ganzheitlichen Erlebnisses für Besucher
jeden Alters.
www.darkmatter.berlin
Full Of Lava, Damsel Elysium, Dampfzentrale Bern
© Yoshiko Kusano
Bern (CH)
Full of Lava
20. – 23.11.25
Das Musikfestival der Dampfzentrale Bern
(bis 2022 Saint Ghetto) präsentiert Popmusik
aus den Nischen und von den experimentellen
Rändern. Pop, der nicht einfach Wohlklang
oder Hintergrundmusik ist, sondern
aneckt, sich neu erfindet, politisch wird und
zuweilen provoziert. Auf der Bühne stehen
Künstler:innen, die mit Traditionen brechen
und neue Wege beschreiten.
Bis 2022 hieß Full Of Lava „Saint Ghetto“:
Nach 15 Jahren wurde es Zeit für einen neuen
Namen. Gleich bleibt die musikalische Ausrichtung.
Das Saint Ghetto Festival entstand
2008 als einmaliger Anlass, der Musik aus
Paris und der Schweiz einander gegenüberstellte.
Der dreitägige Event und der Name
gefielen so gut, dass die damalige Programmgruppe
beschloss, Saint Ghetto ein Jahr später
wieder durchzuführen, diesmal international
besetzt. Zahlreiche musikalische Legenden
und Kultfiguren, aber auch Newcomer:innen
und Außenseiter:innen stehen seither jeweils
an einem langen Wochenende im November
auf den Bühnen der Dampfzentrale.
www.dampfzentrale.ch
Ruhail Qaisar & Katarina Gryvul, Namkhay Rtsima (Rückgrat des
Himmels) | © Foto: M. Gross
Graz (A)
Springfestival Graz
18. – 22.6.2025
Die spektakuläre Festivallocation des Springfestivals
ist seit jeher das gesamte Grazer
Stadtzentrum. Clubs, Bars, Parks, Lagerhallen,
das Innere eines Berges, Marktplätze und
im Guerilla-Stil spontan bespielte öffentliche
Räume sind die vielfältigen Austragungsorte
des in Europa einzigartigen Festivals. Das
Programm verschmilzt mit den architektonischen
Besonderheiten, dem urbanen Savoirvivre
und dem reichen gastronomischen Angebot
der Stadt.
Die Geschichte des Springfestivals ist unweigerlich
mit der medialen und popkulturellen
Entwicklung der letzten beiden Jahrzehnte
verbunden. Die Jahrtausendwende war ein
entscheidender Zeitpunkt: Die Elektronische
Musik fand wegen neuer, allgemein verfügbarer
Musik- und Kulturtechnologien den Weg
aus dem Untergrund in die Breite. Das Springfestival
war 2001 eines der ersten Festivals,
das sowohl musikalisch als auch programmatisch
in Form von Lectures, Workshops und
Diskussionen diese Strömung mitgestaltet
und nachhaltig geprägt hat. Dabei hat das
Festival Jahr für Jahr globale Musikkultur
nach Graz geholt. Aber auch vice versa: Die
steirische Veranstaltung hat eine große Zahl
an österreichischen Musikkarrieren gefördert.
Viele Künstlerinnen und Künstler schafften
es von hier aus auf internationale Bühnen.
Es ist daher die größte österreichische Plattform
für Elektronische Kunst und Musik und
somit auch Sprungbrett vor internationalem
Fachpublikum. Nach wie vor zeichnet sich
das Festival dadurch aus, dass 60 Prozent der
auftretenden Acts heimische Künstlerinnen
und Künstler sind.
springfestival.at
Monumental Tour, Maillezais | © yo0ujo
Frankreich (F)
Monumental Tour
When Electronic Music meets
Heritage
Placed under the patronage of the French National
Commission for UNESCO, the Monumental
Tour is a concept combining Electronic
Music, Heritage and Digital Art created by
the French DJ and producer Michael Canitrot.
The opportunity to make our heritage interact
with the new technologies, to rediscover
our monuments from a new angle with the
sound of electronic music artists and huge
scenographies mixing light-shows and videomapping.An
experience that also intends to
give meaning to the celebration by attracting
new audiences to these places of history and
raising their awareness of the importance of
preserving our heritage for future generations
through calls for donations, in collaboration
with local institutions or associations. In
2022 the Monumental Tour and Michael Canitrot
were rewarded by the Institut de France
by receiving the Coup de Coeur 2021 prize
from the Stéphane Bern Foundation for History
& Heritage.
Passionate about history, heritage and ambassador
of the French electronic scene, the DJproducer
Michael Canitrot has imagined the
Monumental Tour as a place of meeting and
exchange, a field of experimentation between
different artistic disciplines: music, singing,
dance, digital art...
monumental-tour.com/en/a-propos/
www.michaelcanitrot.com
© The Sonic Pluriverse Festival
Berlin
Sonic Pluriverse Festival
Bass Cultures
Konzerte, DJs, Listening Sessions,
Workshops, Vorträge
27.6. – 2.8.2025
Sonic Pluriverse Festival: Bass Cultures erkundet
die Kultur der Soundsystems als globales
Phänomen. Von satten Reggae-Beats bis zu
wuchtigen Dubstep-Drops verknüpft das Programm
Erfahrungen, Dialoge und Soundpraktiken
im internationalen Austausch. Während
des Sommers 2025 mixen tief in Bass-Kulturen
verankerte Musiker:innen in Live-Auftritten
Rhythmen und Melodien zu Geschichten
von Widerstand und Solidarität. Über den gesamten
Sommer 2025 präsentiert Sonic Pluriverse
Festival: Bass Cultures diverse Programmangebote
für den Tag sowie Konzerte und
DJ-Sets am Abend. Das Festival versteht sich
als Raum für Kulturaustausch und Community-Dialog,
als Begegnungsort von Stimmen,
Rhythmen und Storys.
Termine:
27. und 28. Juni, 4. und 5. Juli, 11. und 12. Juli,
18. und 19. Juli, 2. August
www.hkw.de/programme/sonic-pluriversefestival-bass-cultures
Graz (A)
musikprotokoll 2025
2. – 5.10.2025
ORF musikprotokoll im steirischen herbst
Österreichs Festivalplattform für zeitgenössische
und experimentelle Musik
Das musikprotokoll fungiert als eine Art Labor,
in dem – mit allem künstlerischen Risiko
– das kundschafterhafte Aufsuchen der neuen
Entwicklungen und Trends gemeinsam mit
dem Publikum betrieben wird. Von Orchestermusik
– mit dem ORF Radio Symphonieorchester
Wien –, Musik für Ensembles und
Kammermusik bis hin zu Performance und
Klanginstallation reicht wie selbstverständlich
das herausfordernd heterogene Feld der
in ihren Nuancen vorgestellten Genres, in
vielen Fällen mit eigens für das Festival entwickelten
und produzierten Arbeiten.
Inhaltlich ist das Festival der zeitgenössischen
und experimentellen Musik und intermedialen
Spielformen gewidmet, deren aktuelle künstlerische
Tendenzen und ihre herausragenden
Vertreter:innen vorgestellt werden, wobei sich
die Einbindung österreichischer Positionen in
internationale Zusammenhänge als ein roter
Faden durch die Festivalgeschichte zieht.
Das musikprotokoll wurde 1968 von Emil
Breisach gegründet und wird jährlich vom
Österreichischen Rundfunk (Radio Österreich
1 und Radio Steiermark) veranstaltet. In Koproduktion
mit dem steirischen herbst.
Entdecken Sie unsere Festival-Präsentation,
falls Sie mehr über die Geschichte, Strukturen
und Hintergründe erfahren wollen:
musikprotokoll.orf.at
www.steirischerherbst.at
Nuits Sonores 2022 | © Brice Robert
Lyon (F)
Nuits Sonores
28.5. – 1.6.2025
In the face of mounting anxieties, we need to
bounce back, to breathe, and to find spaces
that offer possibility and joy. To make the
most of moments of festivity, to celebrate
the ephemeral, and to acknowledge how
precious that is. We’re not saving the world;
we’re simply organising a festival. But in the
face of such overwhelming circumstances, to
think that we are somehow disconnected and
isolated from the world around us would be
tantamount to giving up, abandoning what
is most important.For over 20 years, Nuits Sonores
has been celebrating artists and youth,
the freedom to meet and to dance, but also
to think.
Nuits Sonores is a celebration of Europe, its
culture and its diversity. This year, as the festival
reaches its 23rd edition, its mission remains
the same: to welcome aboard a new generation
of artists and festival-goers who will
make the event their own and help to shape
its narrative, setting the points of reference
that make this collective experience what it
is and that make possible these unforgettable
moments that punctuate our lives.
www.nuits-sonores.com
Limpe Fuchs | © Konstantin Mischaikow
München
TUNE Haus der Kunst
TUNE ist eine Serie kurzer Soundresidencies
am Haus der Kunst, angesiedelt zwischen den
Feldern Sound, Musik und visueller Kunst.
Die eingeladenen Künstler:innen arbeiten
genre-, epochen- und stilübergreifend und
schaffen klangliche Beiträge, die im Dialog
mit dem aktuellen Programm des Hauses der
Kunst stehen.
TUNE wird an verschiedenen Orten in unserem
Gebäude präsentiert. Zu den Höhepunkten
2025 zählt die Zusammenarbeit der
Schlagzeugerin und Komponistin Valentina
Magaletti mit der afro-portugiesischen Künstlerin
Nídia. Gemeinsam erkunden sie eine
vielfältige, zugleich universelle Musiksprache,
geprägt von verschobenen Trommelrhythmen,
pulsierenden Marimba-Klängen und
melodischen Zwischenspielen. Das Kollektiv
lifeisbeautiful präsentiert Performances, die
CAROL | 2025 Elektro | Ausstellungen | 69
sich aus lockeren, improvisierten Strukturen zu
vielschichtigen Erzählungen entfalten. Dabei
verbinden sie die individuelle Ausdruckskraft
und das kreative Spiel der acht Musiker:innen
zu einem Ganzen, das mehr ist als die Summe
seiner Teile – ein wesentlicher Leitgedanke ihres
Schaffens. Die legendäre Musikerin Limpe Fuchs
hat die kosmische Musik der 1960er- und 1970er-
Jahre und den psychedelischen Underground
entscheidend geprägt. Für ihre Performances,
die oft spontan verlaufen, baut sie eigens Instrumente,
die darin zum Einsatz kommen.
Die Komponistin und Musikwissenschaftlerin
Youmna Saba verbindet elektroakustische Musik
mit der arabischen Sprache in ihrer gesungenen
Form. Neben Solo-Experimenten schafft sie in
Zusammenarbeit mit anderen Kompositionen
und komponiert Filmmusik. Eine wichtige Rolle
spielen darin die Stimme und ihr Lieblingsinstrument,
die Oud.
Kuratiert von Sarah Miles mit Marlene Mützel.
www.hausderkunst.de/eintauchen/tune-live-2025
SHAPE+
SHAPE+ is a European platform for innovative
music and art. It is artist-oriented, and, every
year, it creates a selection of exceptional emerging
talent via open call and curatorial voting, to
then foster their careers with performance invitations,
collaborative residencies, commissions,
seminars and networking events. SHAPE+ consists
of non-profit venues and festivals, and is cofunded
by the European Union and, as of July
2024, Pro Helvetia.
Note: SHAPE+ is not a funding body, and cannot
provide support to artists not in the roster,
nor organizations outside the current list of partners.
You may reach out to one of the Creative
Europe Desks or visit the central Creative Europe
page to find out more about European funding
opportunities.
SHAPE+ currently consists of 18 partners in
18 countries with plans for further expansion,
while adopting an interdisciplinary approach
and committing to social and environmental
awareness.
SHAPE+ is a three-year initiative co-funded by
the European Union. Views and opinions expressed
are however those of the author(s) only
and do not necessarily reflect those of the European
Union or the European Education and
Culture Executive Agency (EACEA). Neither the
European Union nor EACEA can be held responsible
for them.
The project is open to artists, based in the EU,
as well as the countries that are listed in this document.
www.shapeplatform.eu
Manuella Blackburn | © Decoy Media
Thomas-Seelig-Fixed-Media-Preis
Seit 2018 vergibt die DEGEM Deutsche Gesellschaft
für Elektroakustische Musik e.V. den von
Folkmar Hein gestifteten Thomas-Seelig-Fixed-
Media-Preis in Höhe von 2000 Euro, verbunden
mit einem Kompositionsauftrag für „fixed media“.
Mit dem Preis sollen herausragende Leistungen
im Bereich der akusmatischen Musik gewürdigt
und gefördert werden.
Eine dreiköpfige, alle 2-3 Jahre wechselnde Jury
wählt jährlich eine Person für den Preis aus. Bewerbungen
sind nicht möglich.
Den Thomas-Seelig-Fixed-Media-Preis 2025 erhält
die britische Komponistin Manuella Blackburn,
die sich in ihren Werken, ihrer Forschung
und ihrer pädagogischen Tätigkeit besonders auf
die akusmatische Musik konzentriert. Konzepte
der Spektromorphologie und des Microsounds
adaptiert und kombiniert sie auf überzeugende
Weise und schafft so eine funkelnde und mitreißende
Musik. Oft ist die Inspiration durch visuelle
Erlebnisse im Alltag wichtig. Außerdem lotet
sie inter- und transkulturelle Fragen des Sampling
in ihrer Musik und ihren Schriften intensiv
aus.
Jury: Hanna Hartman, Folkmar Hein
und Kilian Schwoon
Manuella Blackburn schloss 2010 ihre Promotion
in elektroakustischer Komposition an der
University of Manchester bei Professor Ricardo
Climent ab. Anschließend unterrichtete sie als
Dozentin an der Liverpool Hope University, bevor
sie 2019 eine Stelle an der Keele University
antrat. Ihr Schaffen umfasst elektroakustische
Werke für Instrumente und Elektronik, Fixed
Media, Klanginstallationen, Tanz und Film. Das
Label empreintes DIGITALes (Montréal) veröffentlicht
ihre Musik. Ihre Werke werden weltweit
aufgeführt und erhielten bei einer Reihe
von Wettbewerben und Festivals Auszeichnungen.
Sie hat außerdem zahlreiche Zeitschriftenartikel,
Konferenzbeiträge und Buchkapitel veröffentlicht
und Keynote-Vorträge gehalten.
www.degem.de/thomas-seelig-fixed-media-preis/
www.manuellablackburn.com
Bixiga 70 in Tivoli Vredenburg | © LIsanne Lentink
Utrecht (NL)
L Guess Who?
6. – 9.11.2025
With the motto of Listening is the Way Forward,
Le Guess Who? is widely considered to be one of
the most forward-thinking festivals around. Le
Guess Who? exists to promote sounds that are
often overlooked, and to platform fresh perspectives
on what is possible in music. Here, artists
from all over the world push the boundaries of
expectations and offer an insight into the unprecedented
diversity of human creativity. Over the
years, Le Guess Who? has grown into a leading
international festival, known for the inspiring
way in which groundbreaking music is presented.
In 2023, visitors from 60 different countries
travelled to Utrecht in November to attend the
festival. Our mission: A playground for discovery
and exploration, Le Guess Who? changes
minds through music and connects communities
worldwide through the power of sound.
From 6-9 November 2025, Le Guess Who? once
again takes over the entire city of Utrecht, with
over 150 artists performing in pop venues, theaters,
churches, clubs, warehouses, and more. U?
is the participative and freely accessible day program
of Le Guess Who?, created for and with the
city of Utrecht. COSMOS is our globe-spanning
initiative that amplifies local scenes from around
the world through films, interviews, performances,
and artist residencies.
www.leguesswho.com
Zürich (CH)
Tram & Bass
Tram und Bass lädt dich ein, verträumt aus dem
Tram in die Stadt hinauszuschauen und dabei
30 einzigartige Musikfahrten zu hören. Auf der
Musikplattform wird die Vielfalt elektronischer
Musik aus Zürich audiovisuell präsentiert und
für alle zugänglich gemacht.
Musik, genauso wie Tramfahren, ist ein großer
Bestandteil des Zürcher Soziallebens. Sie verbindet
und bringt Menschen zusammen. Während
elektronische Musik immer mehr Platz im Internet
findet, verliert sie ihren Platz im öffentlichen
Raum. Die vielen musikalischen Nischen
bilden soziale Subkulturen, welche wiederum als
Nährboden für die Diversität der Zürcher Kultur
dienen.
In den Tramfahrten zeigen wir nicht nur Techno,
sondern die ganze Bandbreite elektronischer
Musik von lokaler und internationaler Ausstrahlung.
Die Vielfalt der musikalischen Subkultur
prägt nicht nur die Nacht, sondern auch den
Tag. Also steig ein, wir wünschen viel Spaß beim
Entdecken.
www.tramundbass.ch
AUSSTELLUNGEN
Plakat zur Ausstellung | © Matthies Weber & Schnegg, Berlin
Berlin
Heavy Metal in der DDR
19.3. – 31.8.2025
Lauter, härter, schneller – in den 1980er-
Jahren fasziniert Heavy Metal Jugendliche
weltweit. Während im Westen Bands wie Metallica
und Iron Maiden die Bühnen erobern,
entwickelt sich in der DDR im Jahrzehnt vor
Mauerfall und Wiedervereinigung eine ebenso
energiegeladene Heavy-Metal-Szene, die
sich am Westen orientiert und vom SED-Regime
misstrauisch beäugt wird. Die Ausstellung
„Heavy Metal in der DDR“ wirft einen
Blick auf den Alltag von Fans und Bands:
Lederjacken und Nietenarmbänder, Gitarren
und Schallplatten erzählen von Musik- und
Jugendkultur in der DDR in den 1980er-Jahren.
Zeitzeuginnen und Zeitzeugen erwecken
die Geschichten zum Leben. Was passiert mit
der Szene nach 1989/90? Und was bleibt vom
Heavy Metal in der DDR? Die Ausstellung öffnet
den Blick auf den Alltag in Ostdeutschland
in den 1990er- und 2000er-Jahren und
verfolgt die Heavy-Metal-Szene durch Umbrüche,
Extreme und Wiederbelebung bis in
die Gegenwart.
Museum in der Kulturbrauerei | www.hdg.de
www.hdg.de/museum-in-der-kulturbrauerei/ausstellungen/heavy-metal-in-der-ddr
Vaginal Davis, Downtown, 1993 | © Reynaldo Rivera
Berlin
Vaginal Davis: Fabelhaftes Produkt
21.3. – 14.9.2025
20 Jahre nachdem die Künstlerin, Autorin
und Performerin Vaginal Davis von Los
Angeles nach Berlin gezogen ist, zeigt der
Gropius Bau die erste umfassende Einzelausstellung
ihres Werks in Deutschland. In
ihrem wegweisenden Schaffen verbinden
sich Punk und Glamour, queerer Aktivismus
und schwarze Gegenkultur sowie Widerstand
und Begehren. Vaginal Davis: Fabelhaftes Produkt
präsentiert die gesamte Bandbreite ihres
Schaffens und stellt gleichzeitig Ms. Davis’
zahlreiche künstlerische Zusammenarbeiten
– unter anderem mit dem Berliner Kunstkollektiv
CHEAP und dem New Yorker Künstler
Jonathan Berger – in den Mittelpunkt. Die
Ausstellung umfasst Malereien, Video- und
Filmarbeiten, Zines, Texte, Musik und Performances
mit Arbeiten, die von 1985 bis 2025
entstanden sind. Die Werke werden in sieben
großformatigen Installationen im Erdgeschoss
des Gropius Bau gezeigt.
Gropius Bau | www.berlinerfestspiele.de/gropiusbau
Yoko Ono und John Lennon, Cover des Katalogs für Acorn Event,
1968 | © Yoko Ono, Foto: Keith McMillan
Yoko Ono: Music of the mind
11.4. – 31.8.2025
Yoko Ono war ihrer Zeit voraus – und hat mit
ihrem Schaffen seit den 1950er-Jahren Kunst,
Musik und politischen Aktivismus entscheidend
geprägt. Mit der umfassenden Einzelausstellung
YOKO ONO: MUSIC OF THE
MIND würdigt der Gropius Bau Onos wegweisendes
Werk und beleuchtet ihre Rolle in
der frühen Konzept- und partizipativen Kunst
sowie in Film und Performance.
Die Ausstellung vereint mehr als 200 Arbeiten,
darunter Handlungsanleitungen und
partizipative Werke, Installationen, Filme,
Musik und Fotografien. Sie zeugen von Onos
radikalem Ansatz in Bezug auf Sprache, Kunst
und Partizipation, der bis in die Gegenwart
hineinwirkt. Der Titel der Ausstellung geht
auf Onos Konzert- und Veranstaltungsreihe
Music of the Mind zurück, die 1966 und
1967 u.a. in London und Liverpool stattfand.
„Für mich“, so Ono, „gibt es nur einen einzigen
Klang, nämlich den Klang des Geistes.
Meine Werke dienen allein dazu, in den Menschen
die Musik des Geistes hervorzurufen.
[…] In der Welt des Geistes breiten sich Dinge
aus und transzendieren die Zeit.“ (1966)
YOKO ONO: MUSIC OF THE MIND zeichnet
die Entwicklung des innovativen Œuvres der
Künstlerin ab Mitte der 1950er-Jahre bis heute
nach und hebt ihre anhaltende Bedeutung
für die zeitgenössische Kultur hervor.
Gropius Bau
www.berlinerfestspiele.de/gropius-bau
Bonn
USIC! Feel the Beat
bis 27.4.2025
Das LVR-LandesMuseum Bonn zeigt bis zum
27. April 2025 die große Mitmachausstellung
„MUSIC! Feel the Beat“. Die interaktive Ausstellung
rückt das Erleben von Musik in den
Mittelpunkt und zeigt, wie Musik unsere Körper
und Emotionen beeinflusst.
18 musikalische Mitmachstationen laden
zum Hören und Experimentieren ein – vom
Drum Battle über die Komposition von Popsongs
bis zum Carpool Karaoke. Gefeiert wird
der Start von „MUSIC!“ am Samstag, den 12.
Oktober mit einem großen Familienfestival.
Der Eintritt und alle Aktionen sind an diesem
Tag kostenfrei.
Musik verbindet Menschen, weckt Emotionen,
setzt Energie frei. Ob leise oder laut, traditionell
oder experimentell – Musik lässt uns
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70 | Ausstellungen
CAROL | 2025
tickets.lmb.lvr.de
Eintritt frei
für Kinder und
Jugendliche bis
18 Jahre
12.10.24
— 27.4.25
Ausstellungsplakat | © LVR-LandesMuseum Bonn
tanzen, ruft Erinnerungen wach, ist Balsam für
die Seele, Ausdruck großer Freude oder tiefer
Trauer. Musik bewegt – überall auf der Welt.
Was passiert, wenn uns ein Rhythmus erfasst?
Was verbindet mittelalterliche Tänze mit
heutigem Hip-Hop? Wie wirkt sich Musik auf
unser Gehirn aus? Wie fühlt es sich an, Teil
eines Orchesters zu sein? Diese und viele weitere
Fragen laden zum Entdecken und Experimentieren
ein.
LVR-LandesMuseum Bonn
www.landesmuseum-bonn.lvr.de
John Cage | Blick in die Sonderausstellung | © Natalie Bleyl
Chemnitz
John Cage. Museumcircle
bis 18.5.2025
Der amerikanische Komponist und bildende
Künstler JOHN CAGE (1912–1992) schuf im
Jahr 1991 mit dem „Museumcircle“ die Partitur
für eine außergewöhnliche Ausstellung.
Die Museen einer Stadt zeigen gemeinsam
Sammlungsstücke, die zufällig bestimmt und
ebenso zufällig bestimmten Plätzen im Ausstellungsraum
zugeordnet werden. Mehr als
40 Museen aus der Kulturhauptstadtregion
machen mit – und es bleibt spannend: Trifft
der Erzgebirgsengel auf den Auspuff eines
MZ-Motorrads? Wie verträgt sich ein expressionistisches
Bild mit einem ausgestopften
Papagei?
Industriemuseum
www.industriemuseum-chemnitz.de
Frankfurt
Jazzklub Frankfurt 2025
26.9.2025 – 21.1.2026
Ab Spätsommer/Herbst 2025 präsentiert das
Museum Angewandte Kunst unter dem Arbeitstitel
Jazzklub Frankfurt 2025 ein hybrides
Ausstellungs- und Konzertprojekt, das als
Anknüpfung an die besondere und vielfältige
Geschichte des Jazz in Frankfurt am Main
konzipiert ist.
Initiativen, Netzwerke, Institutionen, Vereine,
Clubs und die Protagonist:innen der Jazz-
Szene, die derzeit den Jazz im Kulturleben
Frankfurts und der RheinMain-Region erfolgreich
realisieren und verankern, sollen sichtund
hörbar werden, sollen die Möglichkeit
bekommen, gemeinsam das Ausstellungsund
Programmprojekt zu gestalten und einmalige
kollaborative Projekte umsetzen zu
können. Video- und Audioaufnahmen, Dokumente,
Exponate und Grafik aus beinahe
100 Jahren Frankfurter Jazz-Geschichte
sowie interaktive und partizipative Installationen
und Workshops sollen die Beschäftigung
mit dem Thema Jazz, den Topographien
dieser Musik und den Musiker:innen
ermöglichen, aber auch zum Musikmachen
anregen. Ein mehrteiliges Musikprogramm
mit internationalen Gastmusiker:innen
(„Internationale Größen“) über das weite
Spektrum des Jazz („Around Jazz“) hinweg,
Auftrittsmöglichkeiten für Studierende und
Amateur-Musiker:innen im Jazzklub („New
Generation“) sowie Tanzevents, Panels und
Programme für Kinder und Jugendliche sollen
zeigen, was der Zusammenschluss verschiedener
Kräfte in einer Kunst- und Kulturstadt
wie Frankfurt am Main bewirken kann.
Gemeinsam mit einer Vielzahl engagierter
Akteur:innen, Institutionen und dem Publikum
in Frankfurt am Main und der Rhein-
Main-Region soll die Bedeutung des Jazz zwischen
Vergangenheit und Zukunft ausgelotet
und zelebriert werden.
Museum Angewandte Kunst
www.museumangewandtekunst.de
Ausstellungsplakat | © MOMEM Frankfurt
Frankfurt
Tangerine Dream Zeitraffer
ab 7.4.2025
Tangerine Dream gelten nicht nur als eine
der international einflussreichsten deutschen
Bands aller Zeiten, sondern auch als die wohl
produktivsten Pioniere und Inspiratoren
elektronischer Musik, insbesondere für deren
Spielarten Ambient und Trance. Vom 7. April
an würdigt das MOMEM mit der erstmals
in Deutschland gezeigten Ausstellung Tangerine
Dream: Zeitraffer die außergewöhnliche
und wechselhafte Geschichte der Band,
die 1967 in West-Berlin ihren Anfang nahm
und mit dem Tod ihres Gründers Edgar Froese
im Jahr 2015 noch lange nicht zu Ende
war. Denn „es gibt keinen Tod“, war Froese
überzeugt, „es ändert sich nur die kosmische
Adresse.“
Anhand zahlreicher Dokumente, Fotos und
Original-Instrumente (u.a. Prophet-5, Moog
IIIP und Minimoog) erzählt die eigens für
das MOMEM neu zusammengestellte und erweiterte
Ausstellung Tangerine Dream: Zeitraffer
einige der wichtigsten Stationen in der
über 55-jährigen Bandgeschichte. Die Basis
dafür bildet die gleichnamige Ausstellung,
die 2020 in der Library des Londoner Barbican
Center gezeigt wurde. In der Frankfurter
Werkschau kann natürlich auch die Musik
von Tangerine Dream intensiv gehört und erlebt
werden, im Zusammenklang mit rarem
Bildmaterial und den vielen Zeitdokumenten,
die Bianca Froese-Acquaye gesammelt
und – unterstützt von Co-Kurator Christian
Arndt – für das MOMEM aktualisiert und neu
eingeordnet hat.
MOMEM | www.momem.org
Hamburg
Glitzer
bis 26.10.2025
Glitzer funkelt und flirrt, fasziniert und empört.
Es ist auf Bühnen ebenso zu finden wie auf
Protestplakaten und in Kinderzimmern. Glitzer
ist omnipräsent – und doch ist das MK&G
weltweit das erste Haus, das diesem Material
eine Ausstellung widmet. Der Schwerpunkt
PANSY ST. BATTIE, Model und Burlesque-Performer:in
Foto: Xenia Curdova © Pansy St. Battie
der Ausstellung liegt auf Glitzer als Symbol für
Zugehörigkeit, Empowerment und Selbstbestimmung
und beleuchtet den Einsatz in politischen
Kontexten und kollektiven Bewegungen.
Rund 40 internationale Positionen aus
Kunst und Gestaltung widmen sich Glitzer als
Ausdruck der Freude an gesellschaftlicher Vielfalt
und kollektiver Ausgelassenheit, als Mittel
des Protests, der Performance und Popkultur,
als Symbol der Sichtbarmachung marginalisierter
Gruppen und des Widerstands gegen
Körpernormen. Gezeigt werden unter anderem
ein glitzerndes Jugendzimmer der Hamburger
Künstlerin Jenny Schäfer, Fotografien von Quil
Lemons, Skateboards von Mickalene Thomas,
GIFs von Molly Soda, Show-Perücken der Hamburger
Designer Karl Gadzali und Mohamad
Barakat-Götz für Olivia Jones und ein Bühnenoutfit
von Bill Kaulitz. Besucher*innen sind immer
wieder eingeladen, sich zu beteiligen – sei
es im Vorfeld der Ausstellung mit der Einsendung
von privaten Lieblingsobjekten, durch Ergänzungen
wichtiger Glitzer-Ereignisse in einer
funkelnden Timeline zur Geschichte des Materials
oder selbst gestaltend im D.I.Y.-Raum.
MK&G Museum für Kunst & Gewerbe
www.mkg-hamburg.de
UN_BOUND created by Trans VoicesILĀ and MONOM
© Zachary Hertzman
London (GB)
Feel the Sound
22.5. – 31.8.2025
Spüren Sie den Klang in der neuen multisensorischen
Ausstellung im Barbican, die die Beziehung
zum Klang erforscht und eine Welt
des Hörens eröffnet. Frequenzen, Klänge,
Rhythmen und Schwingungen bestimmen alles
um uns herum. Vom Soundtrack unserer
Umgebung bis zum Rhythmus unseres Herzens
– Frequenzen schaffen und verändern
ständig, wie wir die Welt sehen, hören und
fühlen. Feel the Sound lädt Sie ein, Ihre Sinne
zu wecken, sich auf eine spannende Klangwelt
einzulassen und in einer Reihe von einzigartigen
Installationen Ihre persönlichen
Frequenzen zu entdecken.
Bewegen Sie sich im Takt internationaler
Auto-Soundsysteme, singen Sie mit einem
digitalen Quantenchor, entdecken Sie Ihre
innere Symphonie, erleben Sie Musik ohne
Klang und entdecken Sie ein Lied für Ihr zukünftiges
Ich. Jede Installation gibt Ihnen die
Möglichkeit, Ihren Körper als Hörgerät zu erkunden
und ihre Beziehung zu sich selbst neu
zu überdenken.
Barbican | www.barbican.org.uk
Your Inner Symphony | Kinda x Nexus | © Barbican
In Pursuit of Repetitive Beats
22.5. – 3.8.2025
Begeben Sie sich auf ein episches Virtual-
Reality-Abenteuer in die Euphorie eines
Acid-House-Raves von 1989. Das größte VR-
Erlebnis Großbritanniens nimmt Sie mit in
das Herz einer Musikrevolution. Mithilfe
von Technologien, die ein wahrhaft kollektives
Erlebnis schaffen, können Sie und Ihre
Freunde denselben virtuellen Raum teilen
und gemeinsam als Pioniere der Rave-Kultur
interagieren. In der Rave-Szene ging es schon
immer um organische, energiegeladene Gemeinschaften,
die in physischen und spirituellen
Räumen gemeinsame Erfahrungen machen.
Mit der Weltpremiere seiner neuesten
Version ehrt In Pursuit of Repetitive Beats diesen
Geist und vereint uns alle auf eine neue
und transformative Weise. East City Films
schafft „Erfahrungen der Zukunft“. Erlebnisse,
die das Publikum auf unglaubliche Reisen
in die Vergangenheit mitnehmen, um sich
mit unserer gemeinsamen Geschichte und
Menschlichkeit wieder zu verbinden. Erlebnisse,
die die Annäherung von Theater, Film,
Musik, Spielen und visueller Kunst visualisieren,
um epische Abenteuer zu schaffen, die
das Publikum nie vergessen wird.
Barbican | www.barbican.org.uk
Blitz Exhibition | © the Design Museum London
London (GB)
Blitz: der Club, der die 80er-Jahre
prägte
20.9.2025 – 29.3.2026
Tauchen Sie ein in die Musik-, Mode- und
Designgeschichten, die das Blitz prägten –
den Club, der den Londoner Stil der 1980er-
Jahre bestimmte.
Hinter einer Tür in einer Seitenstraße von
Covent Garden war der Blitz-Club der Ort,
an dem der Stil der 1980er-Jahre begann.
Inspiriert von David Bowie, der Punk- und
Soul-Szene, dem kontinentalen Kino und der
Kabarett-Kultur, kamen die besten jungen Talente
ihrer Generation zusammen, um Mode,
Musik und Design zu revolutionieren.
Vierzig Jahre nach seiner Schließung können
die Besucher die Geschichte und die
Atmosphäre des bahnbrechenden Clubs mit
einer sinnlichen Extravaganz aus Musik,
extravaganter Mode und bahnbrechendem
Kunst-, Film- und Grafikdesign neu erleben.
In Zusammenarbeit mit einigen der führenden
„Blitz Kids“, die damals dabei waren,
werden Kleidungsstücke, Zeichnungen, Fotos
und Videos aus dem Blitz Club und darüber
hinaus gezeigt, darunter auch Gegenstände,
die noch nie öffentlich ausgestellt
wurden.
The Design Museum | designmuseum.org
Luxemburg (L)
Susan Philipsz
The Lower World
7.5. – 18.10.2025
Die schottische Künstlerin Susan Philipsz
(1965, Glasgow), die für ihre Installationen
bekannt ist, in denen sie sowohl die skulpturale
als auch die emotionale Dimension des
CAROL | 2025 Ausstellungen | 71
ähnlich benannten Werken, die sie im Laufe
ihrer Karriere geschaffen hat, und verweist
auf die Vitalität, die Kim in ihr künstlerisches
Schaffen einbringt: Sie ist unermüdlich experimentell,
produktiv und engagiert, ihre
Erfahrungen mit Gehörlosen mit anderen zu
teilen.
Whitney Museum of American Art | whitney.org
The Lower World | © Susan Philipsz
Klangs erforscht, wurde eingeladen, ein Werk
für den Aquatunnel zu schaffen. Dieser 900
Meter lange Tunnel verläuft unter der Ville
Haute und verbindet das Tal der Petruss mit
dem Stadtteil Pfaffenthal. Die von der Künstlerin
aufgenommene Klanginstallation The
Lower World wird über zwölf Lautsprecher
an verschiedenen Stellen des Tunnels abgespielt
und erinnert sowohl an die Sirenen des
Zivilschutzes als auch an jene Sirenen, die in
der griechischen Mythologie die Seefahrer in
den Tod lockten. „Die einzelnen Stimmen
sind so arrangiert, dass der Sirenenklang abwechselnd
melodisch, melancholisch, dissonant
und eindringlich den Raum erfüllt: ein
Klangstrom, der in Wellen zu steigen und zu
fallen scheint. Mit dieser Arbeit möchte ich
den Aquatunnel mit Klängen füllen, mit den
Besonderheiten des Raumes arbeiten und die
Besucher:innen durch vielfältige Assoziationen
zum Nachdenken über ihre Umgebung
anregen“, so die Künstlerin.
MUDAM | www.mudam.com
Exhibition view, Luxembourg Pavilion, A Comparative Dialogue Act,
Biennale Arte 2024 | © Delfino Sisto Legnani – Dsl Studio, 2024
Andrea Mancini und Every Island
A Comparative Dialogue Act
26.9.2025 – Februar 2026
Ursprünglich für den luxemburgischen Pavillon
auf der 60. Internationalen Kunstausstellung
La Biennale di Venezia (2024) konzipiert,
ist die Installation A Comparative Dialogue Act
das Ergebnis einer neuartigen Zusammenarbeit
zwischen dem luxemburgischen Künstler und
Musiker Andrea Mancini (1989) und dem multidisziplinären
Kollektiv Every Island, das 2021
in Brüssel gegründet wurde. An der Schnittstelle
von bildender Kunst, Performance und
Musik konzipiert das Werk den Ausstellungsort
als Ort der Produktion und des gemeinsamen
Experimentierens mit anderen Künstler:innen
und erweitert so den Begriff des kollektiven
Kunstwerks. Hier verschmelzen Klang und
Raum: Die räumlichen Elemente – Boden und
Wände – werden zu Klanginstrumenten, die
nach und nach ein eindringliches und kollektives
Erlebnis schaffen. Der Titel der Ausstellung
fasst den experimentellen Charakter des Projekts
zusammen: eine Erkundung verschiedener
Klang- und Musiksprachen, die das Potenzial
von Klang als Werkzeug der Verhandlung,
Intervention und Kontamination aufzeigt.
Während der Ausstellung wird die Installation
durch eine Reihe von kurzen Performances ergänzt.
Der Pavillon ist ein Instrument, das sich
ständig weiterentwickelt.
MUDAM | www.mudam.com
Mailand (I)
Tarek Atoui
Improvisation in 10 days
bis 20.7.2025
Tarek Atoui (*1980 in Beirut, Libanon; lebt
und arbeitet in Paris) ist bekannt für seine
besondere Herangehensweise an die Musik.
Er untersucht die akustischen Eigenschaften
Tarek Atoui, „Improvisation in 10 Days“, Exhibition view, Pirelli Hangar
Bicocca, Milan, 2025 | © the artist and Pirelli Hangar Bicocca,
Milan Photo Rasa Juskeviciute
von Elementen wie Wasser, Luft, Stein und
Bronze und die Art und Weise, wie sie Schall
absorbieren und mit unerwarteten Nuancen
zurückgeben. Dieser Prozess löst bei den Besuchern
neue Erkenntnisse und Neugierde aus.
Die klanglichen Umgebungen, die durch das
Ensemble der im Raum vorhandenen Werke
geschaffen werden, suggerieren mögliche
Hörerfahrungen und regen nichttraditionelle
Lernprozesse an.
„Improvisation in 10 Tagen“ ist der Titel
der Ausstellung von Tarek Atoui. In Anlehnung
an einen spezifischen Begriff aus dem
Musiklexikon untersucht Atoui das Potenzial
der Komposition im Raum, indem er die
materiellen, skulpturalen, architektonischen
und relationalen Qualitäten der Werke in einen
Dialog mit der immateriellen Natur des
Klangs und seinem Nachhall in Körpern und
Dingen bringt. Ausgehend von der Identität
des Raums (Produktionsort) und den Zeitkoordinaten
(die Tage, an denen der Künstler
die Ausstellung aufbaut) arrangiert und komponiert
der Künstler Werke aus einer seiner
früheren Ausstellungen neu und nutzt sie,
um Bewegungen, Harmonien und Stimmungen
zu „improvisieren“, um eine kollektive
Erfahrung in einer klanglichen Umgebung zu
schaffen.
Pirelli Hangar Bicocca
pirellihangarbicocca.org/en/
Fünf Freunde keyvisual | © Museum Brandhorst
München
FÜNF FREUNDE
John Cage, Merce Cunningham,
Jasper Johns, Robert Rauschenberg,
Cy Twombly
10.4. – 17.8.2025
Erstmals nimmt das Museum Brandhorst einen
Künstlerkreis in den Fokus, der die Kunst
der Nachkriegszeit in Musik, Tanz, Malerei,
Skulptur und Zeichnung entscheidend
geprägt hat. John Cage (1912–1992), Merce
Cunningham (1919–2009), Jasper Johns
(*1930), Robert Rauschenberg (1925–2008)
und Cy Twombly (1928–2011) schufen durch
ihren intimen Austausch eine besondere Verbindung
zwischen den künstlerischen Gattungen
und Medien. Das Museum Brandhorst
rückt damit Cy Twomblys Schaffen, das einen
zentralen Sammlungsschwerpunkt darstellt,
in ein neues Licht und situiert dessen Praxis
erstmals im künstlerischen Umfeld seiner Anfänge.
Museum Brandhorst
www.museum-brandhorst.de
Philippe Parreno. Voices, Ausstellungsansicht Haus der Kunst
München, 2024 | ©Andrea Rossetti
München
Philippe Parreno. Voices
bis 25.5.2025
Philippe Parreno hat das Ausstellungserlebnis
revolutioniert. Der französische Künstler
choreografiert Ausstellungsräume nach einem
Drehbuch, das alle Kunstwerke miteinander
verknüpft, und in dessen Verlauf sich
eine Reihe unerwarteter und miteinander
verbundener Ereignisse entfalten. Seine Ausstellungen
sind immersive Reisen, die parallele
Realitäten miteinander verbinden und die
Wahrnehmung von Raum, Zeit und Grenzen
verändern.
Die Ausstellung „Voices“ verwandelt das
Haus der Kunst in einen widerhallenden Organismus,
der akustische und visuelle Begegnungen
erzeugt. Stimmen, deren Herkunft
ungewiss bleibt, steuern und gestalten die
Ausstellung. Sie begleiten die Ereignisse und
erzeugen einen Dialog über die Räume des
Hauses und geografische Grenzen hinweg.
Haus der Kunst | www.hausderkunst.de
Christine Sun Kim, Too possessive for score, 2015
New York (USA)
Christine Sun Kim: All Day All Night
bis 6.7.2025
In den Werken voller scharfsinnigem Witz
und prägnanten Kommentaren setzt sich
Christine Sun Kim (*1980 in Orange County,
Kalifornien) mit Klang und der Komplexität
von Kommunikation in ihren verschiedenen
Formen auseinander. Mithilfe von musikalischen
Notationen, Infografiken und Sprache
– sowohl in ihrer Muttersprache American
Sign Language (ASL) als auch in geschriebenem
Englisch – hat sie Zeichnungen, Videos,
Skulpturen und Installationen geschaffen,
die oft nichtauditive, politische Dimensionen
von Klang erforschen. In vielen Arbeiten
greift Kim direkt auf die räumliche Dynamik
der ASL zurück und überträgt sie in eine grafische
Form. Indem sie Bilder, den Körper und
den physischen Raum hervorhebt, stellt sie
die gesellschaftliche Annahme infrage, dass
gesprochene Sprachen den gebärdeten Sprachen
überlegen sind.
Die Ausstellung gibt einen Überblick über
Kims gesamtes bisheriges künstlerisches
Schaffen und zeigt Werke, die von der Performance-Dokumentation
aus den frühen
2010er-Jahren bis zu ihrem jüngsten ortsbezogenen
Wandbild Ghost(ed) Notes (2024)
reichen, das sich über mehrere Wände im
achten Stockwerk erstreckt. Der Titel der Ausstellung,
All Day All Night, ist inspiriert von
© Bill Bernstein, Xenon, 1979
Paris (F)
DISCO
I’m coming out
bis 17.8.2025
Die Anfang der 1970er-Jahre in den USA entstandene
Diskomusik entwickelte sich schnell
zu einem weltweiten Phänomen. Die Ausstellung
widersetzt sich den Klischees und wird
der Rasanz dieser Musik gerecht, die stark in
der schwarzen Geschichte und Kultur der USA
verwurzelt ist und das Erbe von Soul, Gospel
und Funk antritt.
© Meryl Meisler, Studio 54, NYC 1977
Eine Reihe von audiovisuellen Archiven, Fotografien,
Instrumenten, Kostümen, Designobjekten
und Kunstwerken unterstreicht die
politische und festliche Dimension dieser Musik,
die verschiedene Minderheiten und soziale
Klassen auf die Tanzfläche gebracht hat,
die alle in einem hedonistischen Elan vereint
waren. Begleitet von einem Soundtrack, der
von Dimitri aus Paris gemischt wurde, betont
die Ausstellung die Ästhetik, die die Disco bei
Künstlern und Designern hervorgerufen hat.
Musée de la Musique Philharmonie de Paris
philharmoniedeparis.fr
PIL John Cigarette | © Dennis Morris, © VG Bild-Kunst, Bonn 2025
Paris (F)
Dennis Morris — Music + Life
bis 18.5.2025
Das MEP – Maison Européenne de la Photographie
präsentiert Music + Life, die erste
Retrospektive des britischen Künstlers Dennis
Morris in Frankreich. Die Ausstellung zeigt
zum ersten Mal die gesamte Sammlung seiner
Fotografien, die seine Jugend in London festhalten,
und würdigt gleichzeitig seine ikonischen
Porträts von Bob Marley und den Sex
Pistols, die zu Schlüsselbildern der Popkultur
geworden sind.
weiter auf Seite 72 >>
72 | Ausstellungen
CAROL | 2025
Oasis backstage Tokyo - 1994 | © Dennis Morris,
© VG Bild-Kunst, Bonn 2025
Diese Ausstellung führt uns in das Herz der
intimen Beziehung, die Dennis Morris zu den
Legenden, die er fotografierte, entwickelte.
Morris war mehr als nur ein Beobachter, er
hielt in seinen Bildern das Vertrauen und die
Intensität fest, die er mit seinen Motiven teilte,
von Bob Marley auf und abseits der Bühne
über die subversive Energie der Sex Pistols, die
frühen Tage der Stone Roses und Oasis, die
Reggae-Pioniere Lee ‚Scratch‘ Perry und The
Abyssinians bis hin zu der eklektischen und
rebellischen Marianne Faithfull. Mit diesem
seltenen Zugang enthüllte er wenig bekannte
Facetten ihrer Persönlichkeiten und schmiedete
eine tiefe Verbindung, die in jedem Bild
durchscheint.
MEP – Maison Européenne de la Photographie
www.mep-fr.org
© ONDRO
Pforzheim
Stories of HipHop
30.3. – 29.6.2025
Die HipHop-Kultur ist ein Phänomen, das
sich seit den 1970er Jahren, aus den USA kommend,
weltweit verbreitet hat. Es hat Generationen
Jugendlicher geprägt, und die »Sprache«
des HipHop wird über unterschiedliche kulturelle
Kontexte hinweg von vielen verstanden
und gelebt. Ein Merkmal der Protagonisten
ist der auffällige Schmuck, der überdimensional
groß und überbordend mit Diamanten
versehen ist. Ebenso wichtig wie die glitzernden
Schmuckstücke und die dazugehörige
Mode sind Musik, Graffiti und Rap. Auch die
Straßenszene aus einem HipHop-Film wird
als Kulisse zu sehen sein. Die Schau, die all
dies durch Geschichten miteinander verbindet,
erstreckt sich über das gesamte Reuchlinhaus.
Unter dem Motto »Pforzheimer Design
meets HipHop« gibt es eine Kooperation mit
der Fakultät für Gestaltung an der Hochschule
Pforzheim. Studentinnen und Studenten
aus den Bereichen Mode, Schmuck und Accessoire
gestalten Unikate für von ihnen gewählte
HipHopper wie Bush.ida oder Finna.
Konzerte, Tanzveranstaltungen, eine Podiumsdiskussion
sowie ein Abend mit HipHop
Kitchen sind Teil des abwechslungsreichen
Begleitprogramms.
www.schmuckmuseum.de
Marclay the clock | © Christian Marclay
Stuttgart
Christian Marclay: The Clock
bis 25.5.2025
Das Kunstmuseum Stuttgart zeigt erstmals
in Deutschland Christian Marclays gefeierte
24-Stunden-Videoinstallation. 2011 wurde
„The Clock“ (2010) auf der Biennale von Venedig
mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet
und begeistert seither Publikum auf der
ganzen Welt. An zwei Sonderterminen wird
die Arbeit zudem in ihrer vollen Laufzeit von
24 Stunden zu sehen sein – dann auch nachts
und in den frühen Morgenstunden, wenn das
Museum üblicherweise geschlossen hat. Mehrere
Jahre durchforstete Christian Marclay
die Film- und Fernseharchive nach Szenen,
in denen Uhren abgebildet sind oder die Zeit
angesagt wird. In Tausenden von Ausschnitten
hat er jede Minute eines Tages erfasst. Die
24-Stunden-Montage ist dabei stets mit der
Zeit vor Ort im Ausstellungsraum synchronisiert,
sodass innerfilmische Zeit und Realzeit
zusammenfallen. Unsere Zeitwahrnehmung
wird durch die rasante Verknüpfung verschiedener
Erzählstränge auf die Probe und zugleich
infrage gestellt. „The Clock“ hat weder
einen Anfang noch ein Ende.
Kunstmuseum Stuttgart
www.kunstmuseum-stuttgart.de
Wien (A)
Eröffnung Escape Room von
Deborah Sengl
Schatten des Zweifels –
Im Kopf des Genies
Im Rahmen von Johann Strauss
2025 Wien
Heute wird Johann Strauss in Wien vor allem
mit seinem goldenen Denkmal im Stadtpark
assoziiert. Aber zu Lebzeiten war er ein
Mensch, der zunehmend Gefangener seines
Ruhms wurde. Inwieweit sind wir alle durch
das eigene Image gefesselt? Ausgehend von
der historischen Person Johann Strauss entsteht
ein ungewöhnlicher Escape Room, der
den Teilnehmer:innen eine Auseinandersetzung
mit dem Innen- und Außenleben
des Künstlertums ermöglicht. Zugleich soll
eine Reflexion über die eigenen Wünsche,
Sehnsüchte und Ängste angestoßen werden.
So könnte der Gang durch das Innere von
Strauss und sich selbst zu einem anderen
Denken und Handeln führen. Dass man das
boomende Event-Erlebnis „Escape Room“ zu
einem künstlerischen Erlebnis machen kann,
welches nicht nur spannend, sondern auch
informativ ist und zum Nachdenken anregt,
hat die Wiener Künstlerin Deborah Sengl in
Zusammenarbeit mit Time-Busters bereits erfolgreich
bewiesen. Ihr erster Raum befasste
sich 2019 sensibel mit dem Thema Flucht,
2022 folgte ein weiterer zur Kinderarmut.
Time-Busters (7. Bezirk), Museums Quartier
Wien
www.johannstrauss2025.at/event/schatten-deszweifels-im-kopf-des-genies/
Wien (A)
Yuki Okumura. Yuki Okumura
Aglaia Konrad. Autofictions in Stone
Ana Vaz. Meteoro
bis 18.5.2025
In seiner ortsspezifischen Ausstellung beschäftigt
sich Yuki Okumura mit Geschichte
und Gegenwart des Hauptraumes der Secession.
Mit Bezügen auf Konzeptkust, experimentelle
Musik und postmodernen Tanz hat
der Künstler ein spielerisches Verfahren entwickelt
und Menschen, die mit dem Raum in
Verbindung stehen, gebeten, dieses ins Werk
Yuki Okumura/Big White Playground (mit Werken von Kai Philip
Trausenegger, Alex Pasch, Johanna Steiner, Said Gärtner), Ausstellungsansicht,
Secession 2025 | © Iris Ranzinger
zu setzen. Indem sie die Institutionenkritik
mit Blick auf den Menschen erneuern, erkunden
Okumuras Projekte, welche persönlichen,
zwischenmenschlichen und überpersönlichen
Kräfte die Bedingungen und Kontexte
des Hauptraums geprägt haben und prägen
werden. Oder ist es vielleicht der Raum selbst,
der sich unserer bedient, um seine Persönlichkeit
und seinen Lebensweg zu offenbaren und
zu erneuern?
Yuki Okumura wurde 1978 in Aomori geboren.
Er lebt und arbeitet hauptsächlich in der
mitteleuropäischen Zeitzone.
Secession Wien | secession.at
Anadol_GlacierDreams | © Refik Anadol
Zürich (CH)
Refik Anadol
„Glacier Dreams“
seit 18.1.2025
Mit seiner beeindruckenden Visualisierung
der Schönheit und Zerbrechlichkeit von Gletschern
der Welt will Refik Anadol nicht nur
auf den Klimawandel aufmerksam machen,
sondern auch ein multisensorisches Betrachtungserlebnis
schaffen. „Glacier Dreams“ ist
ein immersiver digitaler Raum, der Kunst,
Technologie und Klimathematik auf spektakuläre
Weise vereint. Dieses Werk, das erstmals
in Zürich gezeigt wird, hat das Potenzial,
zu einem weiteren Publikumsliebling im
Kunsthaus zu werden.
KI, Big Data, Quantified Self: Die digitale
Transformation ist eine der größten Entwicklungen
unserer Zeit – inzwischen prägen
Computer und neue Technologien jeden Lebensbereich.
Auch das Kunsthaus stellt sich
dieser Herausforderung und reflektiert mit
Experimentierfreudigkeit das künstlerische
Potenzial und den gesellschaftlichen Impakt
von Medientechnologien. Refik Anadol
(*1985 in Istanbul, lebt in Los Angeles) zählt
zu den bedeutendsten Pionieren der auf KI-
Technologien basierenden Kunst.
Kunsthaus Zürich | www.kunsthaus.ch
Street Parade, 1992 | 1992 zieht der erste Techno-Umzug mit
etwa tausend Teilnehmenden durch die Zürcher Innenstadt. Die
Veranstaltung wird als politische «Demonstration für Liebe, Friede,
Freiheit, Grosszügigkeit und Toleranz» bewilligt. | © Foto: Thomas
Eugster
Zürich (CH)
TECHNO
21.3. – 17.8.2025
Techno ist mehr als nur harter Bass: Zur Technokultur
gehören Musik, Mode, Grafik, Design
und Tanz – und die Zürcher Street Parade macht
Techno zur lebendigen Tradition der Schweiz.
Die Ausstellung richtet den Scheinwerfer auf
eine Kultur, die auch heute noch Millionen
von Menschen auf der ganzen Welt begeistert.
In einem inszenierten Plattenladen und mittels
Video- und Audioinstallationen erleben die
Besuchenden die Evolution des elektronischen
Sounds sowie die soziale, politische, wirtschaftliche
und ästhetische Dimension der Technokultur
in der Schweiz.Techno ist mehr als nur
harter Bass: Zur Technokultur gehören neben
der Musik, die sich in unzähligen Subgenres entfaltet,
auch Mode, Grafik, Design und Tanz. Die
Ausstellung im Landesmuseum Zürich richtet
den Scheinwerfer auf eine Kultur, die auch heute
noch Millionen von Menschen auf der ganzen
Welt begeistert. In einem inszenierten Plattenladen
und mittels Video- und Audioinstallationen
erleben die Besuchenden die Evolution des elektronischen
Sounds sowie die soziale, politische,
wirtschaftliche und ästhetische Dimension der
Technokultur in der Schweiz.
Landesmuseum Zürich
www.landesmuseum.ch/techno
Zürich (CH)
Museum für Gestaltung
Susanne Bartsch – Transformation!
20.6. – 7.12.2025
Susanne Bartsch ist Stilikone und Netzwerkerin
in einem. Aufgewachsen in der Schweiz, lebt sie
seit Anfang der 1980er-Jahre in New York. Dort
organisierte sie Events für den Fashion Underground
und engagierte sich für Menschen, die
von HIV und Aids betroffen sind. Bis heute
schafft sie immersive Räume für Menschen diverser
Herkunft. Susanne Bartschs Werk ist eine
Kunst des Spektakels, die Clubkultur und Performance
verbindet. Mode nutzt sie als Mittel
des Selbstausdrucks und der Transformation.
Für ihre extravaganten Looks arbeitet sie mit
internationalen Kreativen, Hair- und Make-up-
Artists zusammen. Die Ausstellung nimmt das
Publikum mit auf eine Clubnacht und zeigt,
wie transformativ die Arbeit an Outfit, Auftritt
und Raum sein kann. „Es geht nicht um Mode,
sondern darum, sein Leben zu leben“, sagt Susanne
Bartsch. Als Stilikone und Netzwerkerin
pflegt sie eine Kunst des Spektakels, das Clubkultur
und Performance verbindet. Die Ausstellung
nimmt das Publikum mit auf eine wilde
Clubnacht und zeigt, wie transformativ und
befreiend Mode sein kann.
Museum für Gestaltung
www.museum-gestaltung.ch
Susanne Bartsch at the Chelsea Hotel wearing a look by The Blonds,
2015. | © Steven Menendez
photo
basel
June
17–22
2025
Switzerland‘s first
and only art fair
dedicated to
photography
based art.
© PUTPUT Popsicles 2024
Volkshaus Basel
Rebgasse 12-14
4058 Basel
Switzerland
photo-basel.com
74 | Stimme
CAROL | 2025
Der Norden Singt (Barclays Arena, Hamburg, | © Der Norden Singt, Foto von Maike Keller)
Ich singe, also bin ich
Die Stimme – Instrument des Jahres 2025
Wann haben Sie das letzte Mal gesungen? Unter
der Dusche, im Auto, mit den Kindern, in
der Kirche, mit Ihrem Chor, einfach so vor
sich hin oder „können“ Sie nicht singen, wie
Sie alle in ihrem Umfeld wissen lassen? Jede:r
kann singen und der Gesang beschenkt uns
mit einem unbeschreiblich guten, intensiven,
Glück bringenden und befreienden Gefühl,
wenn wir unsere Stimme, den Klang durch unseren
Körper und unsere Seele von innen nach
außen rauschen lassen.
Band Der Norden Singt | Barclays Arena, Hamburg,
© Der Norden Singt, Foto von Maike Keller
Dieses Jahr ist die Stimme das „Instrument des Jahres“, womit
der Landesmusikrat eine erfolgreiche Tradition fortsetzt, die
2008 mit der Klarinette begann und seitdem die Trompete,
den Kontrabass, die Posaune, das Fagott, die Gitarre, die Bratsche,
das Horn, die Harfe, die Oboe, das Cello, das Saxophon,
die Violine sowie die Orgel, das Drumset, die Mandoline und
die Tuba in den Fokus rückte.
2025 ist das älteste Instrument der Welt an der Reihe – die
Stimme! In einem spannenden Zusammenspiel aus Muskeln,
Stimmlippen und Knorpel im Kehlkopf entsteht die für jeden
Menschen einzigartige Stimme. Sie kann tönen, flüstern, sprechen,
singen und noch so viel mehr. Und so kann jede:r das
Der Norden Singt | © Der Norden Singt, Foto von Jörg Böh
Der Norden Singt | Stadtpark Open Air, Hamburg,
© Der Norden Singt, Foto von Maike Keller
Der Norden Singt 2 (Kiel, Wunderino Arena) | © Maike Keller
CAROL | 2025 Stimme | 75
Der Norden Singt 8 | © Der Norden Singt
„eingebaute“ Instrument ganz individuell hörbar machen und
einsetzen. Höchste Zeit also, dass die Landesmusikräte dieses
außergewöhnliche Instrument ein Jahr lang in Szene setzen.
Die Stimme verbindet uns Menschen auf der ganzen Welt. Sie
überwindet kulturelle, sprachliche und geografische Grenzen
und schafft eine gemeinsame Basis für Kommunikation und
gegenseitiges Verständnis. Und sie ist in nahezu jedem musikalischen
Genre, das der Globus zu bieten hat, zu Hause. Also
ganz gleich, wo wir uns befinden und welche Musik wir im
Ohr haben, unsere Stimmen ermöglichen es uns, Gedanken,
Gefühle und Ideen auszutauschen und so eine tiefere Verbindung
zueinander aufzubauen.
Die Stimme ist auch das erste Instrument, dessen wir uns bedienen,
wenn wir als soziale Wesen miteinander umgehen,
wenn wir unsere Gesellschaft gestalten oder Politik verändern
wollen. Das soziale und das musikalische Instrument sind
schwer abgrenzbar ineinander verwoben. Es ist das Instrument,
das uns zu Menschen macht.
„Musik ist das Letzte, das uns bleibt“, schrieb der Psychologe
Oliver Sacks. Dies bestätigt sich besonders bei Menschen mit
Demenz, die mit Musik in Berührung kommen. Denn sie berührt
das Herz und auch das Hirn – selbst bei Menschen, die
sich verbal nicht mehr ausdrücken können und kaum noch
Reaktionen zeigen. Es ist keine Seltenheit, dass an Alzheimerdemenz
erkrankte Patienten ihnen früher bekannte Lieder
plötzlich wie aus dem Effeff mitsingen – auch wenn sonst keine
Verständigung mehr möglich ist.
Der Grund dafür, weshalb gerade Musik Menschen aus ihrer
Isolation führen kann, wird darin vermutet, dass Musik viele
Bereiche im Gehirn stimuliert. Dieses Netzwerk manifestiert
sich aus Verknüpfungen mit fast allen elementaren Einheiten
im Hirn, etwa die für Motorik, Gefühle, Sprache und das Verhalten
zuständigen Systeme.
Gemeinsames Singen erzeugt in jedem Fall Verbundenheit
und eröffnet Nähe. Mit dem Herzen singen, wirkt vitalisierend
und unmittelbar. Es löst Spannungen im Körper, sodass
Emotionen wieder frei fließen können, und verringert Stress
und Angst. Singen und Musik haben etwas Heilsames an sich.
Musik nimmt nicht nur Einfluss auf unsere Stimmung und
mentale Gesundheit, sondern auch auf unsere körperliche
und darauf wie und wann wir altern.
Durch das Musizieren bilden sich spezielle anatomische und
funktionelle Netzwerke im Gehirn. Wie Neuropsychologe
Lutz Jäncke und sein Team in einer aktuellen Studie zeigen,
sind die neuronalen Verbindungen zwischen beiden Gehirnhälften
bei Musiker:innen stärker ausgeprägt als bei Laien. Die
Unterschiede sind umso größer, je früher man zu musizieren
beginnt. Und es ist nie zu spät, damit (wieder) zu beginnen.
Lutz Jäncke, Professor für Psychologie und Neuropsychologie
an der Universität Zürich beschäftigt sich seit Jahren mit den
sogenannten Transfereffekten in der Musik – also etwa der Frage,
ob und inwieweit das aktive Musizieren Auswirkungen auf
andere kognitive Bereiche hat. Mit seinem Buch „Macht Musik
schlau?“ gibt er einen detaillierten Überblick über bisherige
Forschungsergebnisse und den derzeitigen Forschungsstand.
Bei der Recherche für das Thema hatte ich für einen Freund,
Kirchenmusiker, Komponist und Chorleiter, und mich Karten
für „Hamburg Singt“ in der Laeiszhalle besorgt. Nach „Sing
dela Sing“ im Heimathafen in Berlin-Neukölln mein zweites
Mitsingerlebnis. Es hat uns vom ersten Lied an vom Stuhl
hoch- und mitgerissen und wir haben zwei Stunden alles um
uns herum vergessen, haben mit mehr als 1.000 Menschen
aller Altersgruppen musikalisch umarmend aus Leibeskräften
gesungen und uns gespürt. Für einen Moment nur Musik, keine
serbelnde Wirtschaft, kein Wahlkampf, kein Ukraine-Konflikt,
kein Trump ... nichts, nur pures Glück und Sein! Das ist
doch das, was wirklich wichtig und wichtiger denn je ist! Und
jeder kann (mit)singen!
Der Norden Singt 5 (Stadtpark Open Air, Hamburg) | © Der Norden Singt, Foto von Maike Keller
76 | Stimme
CAROL | 2025
Hamburg Singt –
der Chor für alle
Hamburg singt! Das ist nicht nur eine wunderschöne Tatsache und die Beschreibung des großen,
offenen Gesang-Events, das seit über zehn Jahren singbegeisterte Hamburger:innen zusammenbringt
und inzwischen auch in ganz Norddeutschland Einzug gehalten hat. Es ist außerdem der
Titel des größten Konzerts, das sich Hamburg quasi selber gibt: Die Stimmen aller Besucher:innen
verschmelzen bei dieser besonderen Chorprobe zu einem großen, beeindruckenden Klang, getragen
vom Sound einer professionellen Liveband.
Mitmachen kann jede:r – ganz egal, ob man schon regelmäßig
bei einem der gemeinsamen Singen im Norden dabei war oder
sich bisher eher zu den „Unter-der-Dusche-Sänger:innen“
zählte. Gesungen wird wie immer ein buntes Repertoire aus
deutschen und englischen Klassikern der Rock- und Popgeschichte
und aktuellen Chart-Highlights der letzten Jahre. Die
INTERVIEW
Wir sprachen mit dem
Gründer, Leiter und
Gastgeber von „Hamburg
Singt“, Niels Schröder.
Zusammen mit dem Kirchenmusiker
Andreas Behrendt war ich
am 7. Februar 2025 bei „Hamburg
Singt“ in der Laeiszhalle Hamburg
und wir haben mit Leidenschaft
und aus Leibeskräften mitgesungen
und hatten einen erfüllten und
glückspürenden Abend. Herzlichen
Dank dafür. In den letzten Jahren
entstanden immer mehr Mitsingformate
wie „Sing dela Sing“,
„Rudelsingen“ oder „Sing Dich
munter“ mit großem Zuspruch. Sie
haben „Hamburg Singt“ vor zwölf
Jahren ins Leben gerufen und sind
eines der erfolgreichsten Formate.
Woher kam und kommt die unbändige
Lust und Freude am gemeinsamen
Singen?
Niels Schröder: Ich glaube, die
Lust am Singen (und auch am Tanzen
z.B.) schlummert in uns allen.
Das Singen, selbst wenn man nur
für sich alleine singt, macht uns
erwiesenermaßen glücklich und
beeinflusst das eigene Befinden
maßgeblich positiv. Wenn man in
einer Gruppe singt, wird dieser Effekt
durch ein Gemeinschafts- bzw.
„Wir-Gefühl“ und z.B. auch Stolz
auf das gemeinsame musikalische
und emotionale Ergebnis noch
Niels Schröder | © Maike Keller
verstärkt. Hinzu kommt ein physikalisches
Phänomen: Egal ob man
besonders gut oder richtig singt
oder nicht: Die Stimmen aller verschmelzen
zu einem großen, beeindruckenden
und richtig-klingenden
Klang. Die Masse macht’s quasi. Nebenbei
bleibt man auch nicht still
auf dem Stuhl sitzen, sondern treibt
streng genommen sogar ein bisschen
Sport. Das tut in dieser Kombination
einfach sehr gut. Lange waren
diese Momente und Erlebnisse
denjenigen vorbehalten, die Noten
lesen konnten. Jetzt haben wir diese
Schwelle endlich aufgelöst und es
spricht sich herum, dass man Singen
gehen kann, ohne Noten lesen
und ohne gut singen zu können.
Wie ist die Idee zu „Hamburg Singt“
entstanden und wie hat sich die
Idee von den Anfängen bis heute
weiterentwickelt? Was machen Sie
heute anders als noch zu Beginn?
Niels Schröder: Ich habe als Chorleiter
von Gospelchören damals bei
Konzerten tolle Erfahrungen damit
gemacht, das Publikum bei einigen
Stücken mitsingen zu lassen. Als ich
2012 gehört habe, dass sich Menschen
in Schweden in großen Chören
zum Singen treffen, habe ich
realisiert, dass die Möglichkeit hier
in Deutschland noch gefehlt hat,
abends als gemeinsame Unternehmung
singen gehen zu können. Das
erste Singen Anfang 2013 hat genauso
ausgesehen, wie wir es heute
noch machen.
Liedtexte werden zum Mitlesen an eine große Leinwand projiziert.
Es gibt keine Teilnahmebedingungen und es ist keine
Vorbereitung nötig. Einzige Voraussetzung: Spaß am Singen!
www.hamburg-singt.de
www.der-norden-singt.de
Niels Schröder | © Jörg Böh
Wir waren vom Altersspektrum
überrascht, das Sie erreichen. Bei
anderen Formaten, die wir besucht
haben, war es immer eine
eher eingrenzbare Altersgruppe.
Was ist Ihr Geheimnis?
Niels Schröder: Mich freuen die
vielen teilnehmenden Generationen
auch sehr. Die Kunst (und
Schwierigkeit) ist es, immer wieder
neue Lieder zu finden, die alle Generationen
begeistern. Dafür sitze
ich lange zwischen Laptop und
Klavier in der Vorbereitung auf das
Singen.
Wer ist und was macht Niels Schröder
und wie sind Sie zur Musik gekommen?
Niels Schröder: Ich bin leidenschaftlicher
Chorleiter und Arrangeur. Ich
liebe Musik – alle Stile und Richtungen.
Ich liebe das Musizieren
mit anderen Menschen und habe
das seit dem Akkordeon-Orchester
in der Grundschule schon getan.
Mich fasziniert, was entsteht, wenn
Menschen zusammenkommen und
Lust auf Musik in einen gemeinsamen
Topf werfen – sei es im Chor
oder in einem Orchester. Auch bei
einer Band freue ich mich, wenn sie
möglichst groß ist. Seeed oder Tower
Of Power z.B. spielen mit vielen
zusammen. Musik macht die Tür
zum Herz auf – Filme oder Feiern
sind die besten Beispiele dafür. Was
wären sie ohne Musik?!
Ich habe in Hamburg Chorleitung
bei Prof. Cornelius Trantow studieren
und schon als Schüler Chöre
leiten dürfen.
Niels Schröder | © Maike Keller
Vielleicht können Sie kurz den
Ablauf eines „Hamburg Singt“-
Abends beschreiben, ein Konzept
das uns mehr als überzeugt und
begeistert hat. Wie erreichen Sie
die Motivation von singenden
Menschen und bauen deren etwaige
Ängste oder Hemmschwellen
ab?
Niels Schröder: Der Chor reißt
sich eigentlich direkt von Beginn
des Singens an selbst mit. Dadurch,
dass die meisten schon einmal dabei
waren, gehen sie mit gutem Beispiel
voran, stehen auf und steigen
direkt leidenschaftlich und laut
mit ein. Das alleine kreiert schon
ein Momentum, das den Sitznachbarn
mitnimmt. Das alleine kreiert
schon ein Momentum, das den Sitznachbarn
mitreißt. Bis zum Ende
des Abends hat der Letzte im Saal
gemerkt, dass er so laut und schief
singen darf, wie er mag. Und das
bringt er beim nächsten Mal von
sich aus mit in den Saal und reißt
den Nachbarn mit, der vielleicht
zum ersten Mal dabei ist.
Dieses Jahr ist das Instrument des
Jahres die Stimme. Dürfen wir Sie
um ein kurzes leidenschaftliches
Plädoyer für die Stimme bitten?
Niels Schröder: Unsere Stimme
trägt Worte, Gedanken, Gefühle
von einer Person zur anderen. Sie
ummantelt, trägt und färbt Botschaften
und spiegelt gleichzeitig
unsere Seele wider. Die Stimme ist
außerdem ein in uns allen von Geburt
an verbautes Musikinstrument
und eine Chance auf Vergrößerung
von Glücksgefühlen und Bewältigung
negativer Gefühle. Völlig
egal, ob ihr eure Stimme schön
findet oder nicht – nutzt sie! Singt
oder summt beim Spazierengehen,
Arbeiten, Duschen, Auto- oder
Fahrradfahren heimlich für euch
oder leidenschaftlich laut bei Feiern
oder in großen Gruppen wie bei
„Der Norden Singt“.
Wer oder was inspiriert Sie für
Ihre Arbeit, Ideen und musikalischen
Visionen?
Niels Schröder: Mich inspiriert,
trägt und motiviert das, was an den
gemeinsamen Gesangsabenden
passiert. Ich ziehe Energie und Inspiration
aus den Situationen auf
der Bühne und den Gänsehautmomenten
und nutze die dann für die
Vorbereitung und Weiterentwicklung
der nächsten Singen.
Was ist noch nicht realisiert? Wovon
träumt Niels Schröder?
Nils Schröder: Ich träume von einer
Popularisierung des gemeinsamen
Singens bis zu dem Punkt, wo
jede und jeder die Möglichkeit dazu
hat und sieht. Und ich freue mich,
dass „Der Norden Singt“ seinen
Beitrag dazu leisten kann. Das Singen
tut einfach gut. Ich glaube, je
mehr Menschen miteinander Singen,
desto glücklicher ist in Summe
auch die Gesellschaft.
www.instagram.com/dernordensingt
www.facebook.com/chorfueralle.
hamburg
CAROL | 2025 Stimme | 77
„Mein Instrument –
die Stimme“
Eva Zalenga, Sopranistin
Schon als Kind war meine Stimme
mein wichtigstes emotionales Ausdrucksmittel.
Im Schulunterricht
sang ich, wenn ich nervös war, und
auf Anraten meiner Lehrerin erhielt
ich meinen ersten Gesangsunterricht.
Nach der ersten Stunde mit
sieben Jahren war für mich klar: Ich
will Opernsängerin werden! Ohne
genau zu wissen, was das bedeutet,
aber mit größter Zuversicht und
Freude am Singen.
Eva Zalenga © Laura Zalenga
Daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Stimme ist für mich die ehrlichste, reinste und authentischste
Form des Ausdrucks. In ihr kann man kaum etwas verbergen – sie transportiert unsere
Emotionen ungefiltert. Sie hat für mich etwas sehr Ursprüngliches und Erdendes. Singen ist dabei
für mich die schönste Art, mit anderen in Kontakt zu treten. Wenn ich mit meinem Gesang und
den dadurch erklingenden Emotionen Menschen berühren und eine tiefe Verbindung zwischen
uns schaffen kann, ist das für mich das Größte – und ich bin sehr dankbar, mich auf diese Weise
ausdrücken zu dürfen.
www.evazalenga.com
Andreas Behrendt | © Michael Schrodt
Andreas Behrendt, Kirchenmusiker und Komponist
Als Musiker, Chorleiter und Komponist lebe ich von und mit der beseelenden
Kraft der Musik. Das ist fantastisch! Allerdings auch ein sehr komplexes und
vielschichtiges Feld, mit dem sich der Profi auseinandersetzen muss, es gehört
ein solides Wissen über die Funktionsweise und das Zusammenspiel der Stimme
mit anderen Parametern dazu. Chorleiter und Dirigenten arbeiten intensiv
mit der Spiegelung von Emotionen. Wissen über Anatomie und Stimmtechnik
sind unabdingbar. Die Stimme ist „Träger von Emotionen“, sie ist manipulierbar,
auch über den Gemütszustand eines Individuums. Auch in umgekehrter
Richtung erhalten Chorleiter auf diese Weise Informationen über den jeweiligen
Zustand der Individuen eines Chores. Dies sind Dinge, die bei der Erarbeitung
von Musik eine Rolle spielen. Wichtigste Faktoren aber sind Freude und Begeisterung,
sowohl bei Laien als auch bei Profis. Erst in einem zweiten Schritt spielen
technische Anweisung, Vermittlung und Fähigkeit eine Rolle.
Der Zusammenklang menschlicher Stimmen und die damit verbundenen Erfahrungen
und Emotionen ist ein Urerlebnis, es verbindet und ermöglicht den
Zutritt zu einer anderen, womöglich „spirituellen“ Ebene unseres Menschseins.
Vielleicht im Bild gesprochen verlassen wir im besten Fall für eine Zeit das irdische
Hier und Jetzt, betreten gemeinsam eine andere Ebene, haben eine gute
Zeit miteinander und kommen bereichert und erfüllt zurück. Ein sehr interessanter
ontologischer Aspekt gemeinsamen Singens.
Äneas Humm, Bariton
Singen ist für mich die intimste Form
des Musizierens. Wenn ich auf die Bühne
gehe, um einen Ton anzustimmen,
benutze ich dafür keine Geige, die zuvor
sicher verwahrt in einem Kasten lag, sondern
meine Stimme, mit der ich seit meiner
Geburt das Leben teile. Die Stimme
schwingt und klingt, bringt uns also zum
Vibrieren. Singen ist sinnlich und für viele
Menschen Zuflucht und Therapie.
Wir alle sollten mehr gemeinsam singen.
Parlamente sollten singend in den
Tag starten, Schulklassen jeden Morgen
ein Lied singen, und Sie werden sehen:
ganz gleich, wie schlecht oder gut man
die Töne trifft – danach fühlt man sich
erfrischt und belebt.
Der Zauber der Stimme überkommt mich
immer wieder dann, wenn ich mit meinem
Ton verschmelzen darf, es wage,
mich klingen zu lassen. Gesang, der aus
Emotion und Authentizität entsteht, ist
mit dem Schweben im Wasser vergleichbar.
Und wenn man sich vorstellt, dass
unser erstes Tun im Leben das Benutzen
der Stimme ist, ist es vielleicht auch ein
Gefühl von Erlösung.
In diesem Sinne: Singen Sie drauflos und
lernen Sie, die Stimme zu lieben. Singen
ist ein Weltwunder.
www.aeneashumm.com
Äneas Humm | © Maurice Haas
Enikő Driller | © Bette Bayer
Enikö Driller, Musiklehrerin Droste-Hülshoff-Gymnasium, Meersburg
Singen macht glücklich!
Wenn ein Mensch das Licht der Welt erblickt, schreit er und erhebt somit als Erstes seine Stimme!
Unsere Stimme begleitet uns ein Leben lang, ist einzigartig wie unser Fingerabdruck, sofort
wiedererkennbar. Sie ist so unterschiedlich, facettenreich und entwicklungsfähig wie unsere
Persönlichkeit. Seine Stimme zu erheben, bedeutet auch, sich zu zeigen, aus seinem Schatten
herauszutreten, auf sich aufmerksam zu machen. Die Stimme ist das persönlichste Instrument,
denn der eigene Körper ist das Instrument, jede Faser schwingt mit, der ganze Mensch klingt,
singend zeigt man sich in seiner ganzen Kraft und Verletzlichkeit. Die Stimme kann alle Arten
von Emotionen auslösen, kann einen zum Weinen, zum Lachen, zum Applaudieren, ja bis zur
Wut bringen. Die Stimme ist die menschlichste Äußerung. Mit der Stimme kann man kommunizieren,
Klänge der Natur, verschiedene Instrumente, ja eine ganze Band nachahmen – sie
ist das älteste Instrument. Die Stimme ist für den Menschen ein ganzheitlicher Ausdruck von
Körper, Geist und Seele. Somit ist die Arbeit an der Stimme immer auch Persönlichkeitsentwicklung.
Wissenschaftlich ist bewiesen, was viele Sänger:innen regelmäßig erfahren: Singen macht
glücklich, fördert die Resilienz und schafft Gemeinschaft. Jedes gemeinsame Lied, jede Chorprobe,
jede Aufführung kann für die Singenden zu einem bewegenden Erlebnis werden. Die beglückenden
Erfahrungen, die ich selber beim Singen mache, möchte ich meinen Schüler:innen
und Chorsänger:innen weitergeben, sie für das Singen begeistern und ihnen damit ein besonderes
Glücksempfinden ermöglichen.
78 | Stimme
CAROL | 2025
Oft werde ich gefragt: „Kann denn jeder singen?“
Und ich gebe dann zurück, wenn keine Töne
getroffen werden, wird es schwer, das Entstehende,
Gesang, zu nennen. Aber sollte dieoder
derjenige es als singen empfinden, würde
ich es nicht nehmen wollen. Der sängerische
Vorgang an sich ist auch für jemanden ohne
Musikalität oder stimmliche Grundfähigkeiten
von Nutzen. Wir beruhigen und regulieren
uns selbst beim Tönen. Ob schief oder
schön ist egal.
Gerade in herausfordernden Zeiten, in denen
Unsicherheiten und Ängste uns belasten, ist
das Instrument Stimme eine große Stütze.
Wenn wir singen, können wir nicht gleichzeitig
Angst empfinden, weil das Hirn-Areal
Amygdala, das unter anderem zuständig ist
für Angstempfinden, blockiert wird. Alleine
oder mit anderen haben wir hier also ein niederschwellig
zugängliches Mittel, uns selbst
Fürsorge zu schenken und unser Wohlbefinden
positiv zu beeinflussen.
Fola Dada | © Annette Cardinale
Fola Dada, Pop- und Jazz-Sängerin,
Komponistin, Liedtexterin,
Gesangslehrerin und
Hochschuldozentin
Die Stimme, die Stimme oder auch der
Mensch, der Mensch.
Für mich ist das Benutzen, Hören, Analysieren
von Stimmen der Lebensinhalt.
Nicht verwunderlich, da es nun mal mein Beruf
ist, sich mit Stimme, der eigenen und der
von anderen, zu beschäftigen. Diese Beschäftigung
ist ein Segen und ich kann von Herzen
sagen:
„Ich liebe Stimmen“, weil ich daraus so viel
ablesen und bewirken kann.
Ablesen, weil Menschen, wenn sie (für mich)
singen, mir ermöglichen, ihren Zustand zu
erfassen. Sei es der direkt stimmliche Zustand
oder der Gemütszustand. Das ist eine so wundervolle
Aufgabe, weil ich dadurch ganz sanft
Impulse setzen kann, die das Gegenüber verführen,
sich selbst anders zu begegnen. Auf
der stimmlichen Ebene ist viel früher zu hören,
wie wir mit uns umgehen. Ich höre den
verspannten oder unterspannten Körper, ich
höre, wenn zu wenig getrunken wurde, wenn
Gedanken Karussell fahren und wenn sich
ein Infekt anbahnt, ich höre Emotionen und
Schwingungen und Leistungsdruck und vieles
mehr. Dabei bin ich tief mit der singenden
Person verbunden, ohne ihr zu nahe zu treten.
Der Umgang ist immer respektvoll, denn
ich schätze es sehr, dass sich da jemand öffnet
und sich zeigt. Am schönsten ist es, wenn wir
dann gemeinsam erleben, wie die Stimme,
der Körper oder die Seele resoniert und sich
auf ganz andere Weise zeigt und Neues möglich
ist.
Bewirken, weil ich mit meiner Stimme Menschen
berühren kann. Ich kann sie anregen,
etwas zu empfinden, sich zu entspannen oder
energetisiert zu sein, ich kann sie aufhorchen
lassen, etwas neu oder überhaupt zu verstehen,
ich kann sie beruhigen, sich verbünden
lassen und vielleicht kann ich sie auch auf einer
feinstofflichen Ebene ein bisschen heilen.
Allerdings steht und fällt dies alles mit der dahinter
gesetzten Intention. Als Voraussetzung
dafür muss ich selbst in Stimmung sein oder
eine Absicht haben. Dann kann sie sich durch
meine Stimme und deren Schwingung übertragen.
So fühlt es sich auf alle Fälle an. Es ist
so wunderbar, einen Raum mit dem eigenen
Stimmklang zu gestalten. Hier empfinde ich
die Süße des Lebens, denn ich tue es ohne Berechnung.
Einfach weil es Freude macht und
ich es kann.
Die eigene Selbstwirksamkeit wird dann bewusst,
erleben wir doch den sängerischen
Vorgang als ganzheitliches Geschehen, da
Körperhaltung, Atmung, Bewegung, Mimik,
Vibration, unsere Sinne, einzelne besonders
benötigte Körperteile, wie zum Beispiel die
Zunge oder das Gaumensegel, unser mentaler
Fokus, die Lust am Erzählen, also Aktion
und Reaktion eingesetzt und erlebt werden.
Unmittelbar. Im Moment. Meditieren geht
auch so.
Hilde Domin hat ein wunderbares und tröstendes
Gedicht geschrieben:
„Ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug.“
Für mich persönlich, wird das Wunder und
die Wirkung der Stimme, durch eine Anlehnung
an Domins Gedicht sehr gut deutlich.
Ich setze den Ton in die Luft und sie trägt.
Stärkung, Ermutigung, Freude – einfach sein.
Ich würde sagen, das ist eine nicht endende
Liebesgeschichte.
www.foladada.com
CAROL | 2025 Stimme | 79
Lylac | © Franziska Gill
Lylac, A Cappella-Jazz!
Esther Bathelt, Sopran, Nadja Brezger, Sopran, Helen Skobowsky, Alt, Dominick
Wiskoski, Tenor,
und David Franke, Bass
Wir, das A-Cappella-Quintett Lylac, entdecken die Vielfalt von Jazz und Pop allein mit unseren
Stimmen. Jede*r von uns bringt eine eigene Klangfarbe mit – mal solistisch, mal in komplexer
Polyphonie. Doch dann verschmelzen wir: In dichten Klangflächen oder präzisem Blocksatz
werden aus fünf Stimmen eine. Wir atmen, sprechen und singen wie ein einziges Wesen – ein
Klang, dem wir selbst zuhören.
Die Stimme transportiert direkt, ohne Umwege. Sie verbindet uns als Gruppe und schafft eine
besondere Nähe zum Publikum – intim, fragil und intensiv. Es gibt kein Verstecken, nur echten,
puren Klang. Besonders in unserem Debütalbum Falling, das 2024 erschienen ist, zeigen wir
diese Vielseitigkeit mit eigenen Kompositionen.
Deshalb feiern wir die Stimme als „Instrument des Jahres 2025“. Sie ist unser Ausdrucksmittel,
unser gemeinsamer Atem, unsere Musik.
lylac.info
Max Mutzke | © Wanderlust-Entertainment GmbH
Auf ein Wort mit
Max Mutzke
Die Stimme, die singt – die Stimme, die liest!
Genau betrachtet, steckt in Max Mutzke mehr als nur ein einziger
Künstler. Max Mutzke ist viele. Klingt erstmal komisch,
hat jedoch mit der unglaublichen Wandlungsfähigkeit und
nicht zuletzt mit der unstillbaren kreativen Neugierde des
charismatischen Sängers und Songwriters zu tun.
William Wahl | © Axel Schulten
William Wahl, Liedermacher, Sänger und Kabarettist
Wie wichtig mir meine Stimme ist, merke ich am meisten dann und immer wieder aufs Neue,
wenn sie mir gefehlt hat. Mit Mühe bekomme ich nach einem Infekt meine Ungeduld gezügelt,
sie wieder ganz bei mir zu haben.
Um mit ihr all die Nuancen gestalten zu können, die ich mit Wörtern wie Wispern, Säuseln,
Jauchzen, Schmettern und Zwitschern nur unzureichend beschreiben kann; um meine Lieder
mit Gefühlen zu füllen und dem Publikum so meine Geschichten erzählen zu können, Tag für
Tag neu. Und Abend für Abend anders, weil ich nur mit meiner Stimme so unmittelbar auf
die Menschen reagieren kann, die durch ihr lebendiges Dasein jedes Konzert unterschiedlich
werden lassen.
Ob ich die Menschen Tränen lachen lasse oder sie zu welchen rühre – ohne meine Stimme wäre
ich nur Liedermacher, mit ihr bin ich auch ihr Erzähler.
www.william-wahl.de
Mit dem unbedingten Wunsch, sein
Publikum immer wieder aufs Neue zu
überraschen und zu fesseln. Egal ob
Pop, Rock, Soul, Funk oder Jazz – Max
Mutzke verfügt über tausend musikalische
Facetten, die er im wahrsten
Sinne spielend unter einen jener Hüte
bekommt, die in den vergangenen eineinhalb
Dekaden zu seinem Markenzeichen
geworden sind.
Max Mutzke ist zurzeit erstmalig mit
seiner erschienenen Autobiographie
INTERVIEW
Wir sprachen mit
Max Mutzke.
Was fasziniert dich an deinem Instrument
der Stimme, die in diesem
Jahr Instrument des Jahres ist?
Max Mutzke: Da gibt es unglaublich
viele Aspekte. Ich bin gerade auf Lesetour
mit meinem Buch „So viel mehr“
das autobiografische Geschichten beinhaltet,
wo ich ein Kapitel lese und
„So viel mehr“ auf Lesetour: Mit diesem
Buch, in dem er einen persönlichen
Einblick in seine Kindheit und
Jugend im Schwarzwald gibt, sowie
einigen seiner Songs aus inzwischen
zehn Studioalbenn. „So viel mehr –
eine musikalische Lesung“ verbindet
die Biografie mit der Musik von Max
Mutze, das eine gibt es nicht ohne das
andere.
www.maxmutzke.de
dann genau das dazu passende Lied
singe. Meine Lieder, die ich schreibe,
sind immer in irgendeiner Form autobiografisch
inspiriert und es sind viele
Geschichten, die für mich eine große
Rolle in meinem Leben spielen. Das
waren automatisch auch die Geschichten,
über die ich in der Vergangenheit
schon viele Songs geschrieben habe.
Von daher konnte man in das Buch
auch die dazu passenden Songtexte abdrucken.
Wenn ich auf Lesereise bin,
kann ich ein Kapitel lesen und ganz
80 | Stimme
CAROL | 2025
Max Mutzke | © Dirk Wassmer
übergangslos fängt der Pianist an zu
spielen und ich singe den Text dazu.
Die Leute begreifen plötzlich, wie
intensiv und tief diese Texte sind.
Wenn man sie einfach nur hört
und die Geschichte dahinter nicht
kennt, kann man die Texte mögen
oder auch nicht. Aber wenn man
ihn begreift, wenn man die Story
dazu kennt und was sie eigentlich
bedeutet, dann merkt man, dass
man mit der Kombination aus gesprochener
und gesungener Stimme
wahnsinnig viele Emotionen auslösen
kann. Ein Phänomen, das viele
Menschen zum Weinen bringt. Das
Ganze hat einen unglaublichen Impact
und die Menschen, die mich
schon oft gesehen und gehört haben,
aber mich jetzt zum ersten Mal
bei einer Lesung erlebt haben, spiegeln
mir genau das zurück, wie sehr
sie das gepackt und berührt hat.
Wie man mit der Stimme, wenn
man spricht, so eine unglaubliche
Nähe erzeugen kann, weil es autobiografische
Geschichten sind, die
mit einer persönlichen Emotion
vorgetragen werden. Mir passiert es
auch immer wieder, dass ich während
der Lesung selbst anfange zu
heulen, weil es mich selbst einfach
und immer wieder packt. Es sind
wahnsinnig rührende Geschichten
dabei, aber auch Geschichten, die
tief unter die Haut gehen, die die
Leute mitfühlen und weinen lassen.
Ich kann meine Stimme beim Sprechen
viel weniger kontrollieren,
weil ich einfach physikalisch gesehen,
physiognomisch weniger Luft
benutze und weniger Druck auf den
Stimmbändern habe und dadurch
ist jede Gefühlsregung, jeder Klos
im Kehlkopf, jedes Schlucken, jedes
Atmen, was die Stimme brüchig
und wacklig macht. Und dadurch
wird das so enorm emotional für
die Leute. Wenn man dann aber in
einen Song übergeht, dann gebe ich
automatisch, um die Stimme und
den Ton zu halten, mehr Druck. Gesangsprofis
sprechen da von Stütze.
Das ist ein automatischer Reflex,
den man macht, wenn man singt,
man spannt den Rumpf mehr an,
es gibt mehr Druck auf das Zwerchfell
und dann hast du mehr Druck
auf den Stimmbändern und bist
dadurch kontrollierter. Es passiert
mir hin und wieder bei bestimmten
Songs, je nachdem wie der Text ist
(bei „Wenn ich mal nicht mehr da
bin“, „Hier bin ich Sohn“ oder „Bedingungslos“),
dass ich wackle, weil
es mich selbst so mitnimmt, weil die
Texte ja aus einer hochemotionalen
Situation heraus geschrieben sind.
Ich schaffe es beim Singen trotzdem
viel besser zu kontrollieren als beim
Sprechen.
Welchen Einfluss hat der Text auf
die Stimme? Hörst du beim Texten
schon den Klang der Worte,
fängst du an, die Texte zu singen
und zu spüren?
Max Mutzke: Ja genau. Ich singe.
Ich schreibe nie einen Text im Trockenen
und suche mir später eine
Melodie. Das funktioniert bei mir
nicht. Das ist ganz schwierig. Ich
muss immer dazu singen. Ich muss
immer eine Melodie im Kopf haben.
Ich fange erst an so mitzusingen und
mache im gröbsten Sinne Freestyle,
ohne dass das qualitativ gleich sehr
gut ist. Im Gegenteil, manchmal ist
auch ganz viel Schrott dabei. Aber
es bleibt die eine oder andere Textzeile
hängen, die in dieser Melodie
total matcht, wo man sagt, das ist
die gesprochene Silbe, so wie man
sie in echt sprechen würde, die in der
Melodie perfekt wiedergegeben wird.
Aber es ist immer ein großes Puzzlespiel,
das manchmal sehr nervig sein
kann. Herbert Grönemeyer hat mal
gesagt: „Texte zu schreiben ist einfach
nur Arbeit, die nervt!“ Manchmal
schreibt man einen Song, das ist
mir bei „Bedingungslos“ und bei anderen
Songs auch passiert, und sofort
ist man da, wo man hinwill, und sofort
hat man den Song und kann ihn
nach 10 Minuten aufnehmen. Das ist
selten, aber da gibt es diesen Spruch:
„Einen guten Song schreibst du in
10 Minuten – für einen schlechten
brauchst du Tage.“ Und das ist tatsächlich
so. Wenn alles passt und du
hast einen Flow, in dem Sätze und
Melodien passen, dann bist du ganz
schnell im Schreiben. Wenn man
aber merkt, dass man hier und dort
noch was verändern muss, dann ist
das eine ganz schön nervige Angelegenheit.
Das haben mir andere Musiker,
wie z.B. Clueso oder Herbert
Grönemeyer auch schon berichtet.
Die sitzen dann da und machen
den ganzen Text nochmals neu und
schmeißen ganze Strophen raus, von
denen sie eigentlich gestern noch
beindruckt waren.
Wenn man in der Muttersprache
schreibt, hat man mannigfaltige
Möglichkeiten, Dinge auszudrücken.
Das bedeutet, einen endlosen
Baukasten zu haben, diese ekelhafte
Qual der Wahl. Es kommt darauf
an, in wenigen Zeilen eine Essenz
zu finden, die aber nicht banal klingen
darf. Es sollte eine Aussage sein,
die nicht schon tausendmal gesagt
wurde, die Worte, die man wählt,
sollten auf der einen Seite etwas
Lyrisches, Poetisches haben und andererseits
sollten sie trotzdem nah
an meiner Sprache sein, damit das
nicht abgehoben klingt. Man hat
so ganz viele Stellschrauben, an denen
man drehen kann, die man hin
und her schiebt. Und irgendwann
im besten Fall passiert es dann, dass
man den richtigen Stil für diesen
Song gefunden hat. Ich habe die
richtige Sprache gefunden und die
Worte passen, wie man sie auch gesprochen
verwenden würde. Wenn
dann diese Worte in die Melodie
und den Rhythmus reinpassen, als
würden sie da immer schon hingehören,
dann ist es perfekt.
Was ist dir persönlich bei der
Stimme wichtig, wenn du andere
Stimmen beurteilen musst?
Was muss die Stimme mit dir machen?
Max Mutzke: Sie muss echt und authentisch
sein. Dafür habe ich ein
CAROL | 2025 Stimme | 81
Ohr und ein Gefühl. Wenn Menschen
ihre Stimme verstellen und
ganz anders singen, als sie sind,
dann haben die einfach eine totale
Fake-Identität. Wenn sie sprechen,
als würden sie sich besonders
großartig finden, dann bekommst
du direkt einen Würgereiz, und
das gibt es beim Gesang eben
auch, dass Leute so künstlich singen,
das ist grauenhaft, weil es für
mich nur Fake ist. Authentizität ist
in allen Bereichen des Lebens absolut
das Wichtigste. Das geht mir
privat wie beruflich so. Menschen,
die authentisch sind, vertraue ich
durch und durch. Wenn ich aber
aufgrund meiner Menschenkenntnis
merke, etwas ist nur aufgesetzt
und gespielt, oder zumindest ein
Gefühl aufkommt, dass ich diesem
Menschen nicht recht trauen
kann, möchte ich eigentlich mit
diesem Menschen nichts zu tun
haben. Es kommt leider in meinem
Business immer wieder vor, dass
ich Leute treffe, die vordergründig
sehr nett zu mir sind, aber dann
merke ich, dass diese Nettigkeit ein
gewisses Kalkül hat, und ich beobachte,
wie derselbe Mensch mit
seinen Mitarbeitenden eben nicht
so nett spricht, dann traue ich der
ganzen Sache nicht. Und so geht es
mir bei der Musik auch. Ich nehme
einfach wahr, ob die Person, sei es
hinter dem Schlagzeug, der Gitarre
oder eben dem Mikrofon, authentisch
ist. Und bei Castings Shows
ist das ganz krass so. Ich sehe das
bei jungen Künstler:innen, die
vielleicht mit einem ganz tollen
Aussehen gesegnet sind. Da spielt
dann hauptsächlich Eitelkeit eine
große Rolle und die Person verlässt
sich nur noch darauf. Dann passiert
es eben auch, dass das Aussehen
auch bei der Musik, bei der
Performance im Vordergrund steht
und dann ist das für mich sehr
Matti Klein Soul Trio meets Max Mutzke | © Marit Damke
Matti Klein Soul Trio meets Max Mutzke © Rob Stirner + Gaby Gerster
schnell uninteressant. Ich mag es,
wenn Menschen, z.B. Instrumentalisten
oder Sänger:innen, Verzerrungen
im Gesicht, in der Mimik,
im Körper haben. Das ist dann einfach
echt, da ist nichts geschönt,
das ist glaubwürdig. Ich denke da
beispielsweise an Joe Cocker, der
in seiner ganzen Bewegung jemand
war, bei dem man jetzt nicht
behaupten kann, dass er stolz auf
sein Aussehen sein kann. Aber das
spielte bei Joe Cocker überhaupt
keine Rolle. Ich habe Jo Cocker immer
angeschaut und habe ihn in
allem, was und wie er es machte,
absolut bewundert, weil er so unglaublich
authentisch war. Wenn
einer nicht echt ist und nur so tut,
berührt es mich nicht und ich finde
keinen Zugang zu der Person
und der Musik.
Gerade bei Casting Shows bewerben
sich die Leute mit den Songs,
die sie am besten kennen und mit
denen sie am besten wirken können.
Mir ging das auch bei der ESC
Casting Show so, da waren ganz
junge Künstler:innen dabei, die
haben den ausgewählten Song unglaublich
toll gesungen, aber man
weiß dann aus Erfahrung, die haben
den Song ja auch gerade deshalb
ausgewählt, weil sie ihn gut
singen können. Doch beim Versuch
zu improvisieren oder eine
Variation in der zweiten Strophe
beim letzten Refrain zu singen,
merkte man, dass sie schon in der
Komfortzone ihres Lieblingssongs
an Grenzen gekommen sind, bei
denen mit dem nächsten Song
schon nicht mehr viel kommt und
dass sie wahrscheinlich dem Druck
des Grand Prix nicht gewachsen
wären. Das hängt in erster Linie am
Phänomen YouTube und Tiktok,
wo sich die jungen Künstler:innen
bewegen, sich sechsmal aufnehmen,
siebzehnmal die Kamera an
und aus machen, zu Hause schneiden
und mit allen Möglichkeiten
kaschieren können und ich nicht
beurteilen kann, ob sie Audiotune
benutzt haben. Ich kann diesen
Künstler:innen nur empfehlen, so
oft es geht, zweimal die Woche
und mehr zu Jamsessions zu fahren,
sich auszuprobieren, sich um
eine eigene Band zu bemühen und
auf jeden Fall ein Instrument, im
besten Fall ein rhythmisches Instrument,
zu spielen. Denn gerade
Rhythmik im Gesang finde ich das
A und O, wenn jemand supergut
intoniert, aber rhythmisch ganz
schlecht ist, dann ist das ganz
schnell kein guter Gesang mehr,
weil es nicht grooved. Es kommt
nicht nur auf die Intonation und
den Charakter der Stimme an, sondern
auch auf die Rhythmik. Ich
hatte das große Glück, dass mein
Lieblingsinstrument Schlagzeug
war, ich immer Schlagzeuger war
und als Schlagzeuger immer auch
gesungen habe. Deswegen ist für
mich jede rhythmische Synkope
und alles an Akzenten für mich
nachvollziehbar, ob bei lateinamerikanischen
Rhythmen, beim Jazz
oder R&B. Ich weiß, wo der Backbeat
ist, was eine Eins, eine Zwei
und eine Vier bedeutet, was mir
sehr gut in die Karten spielt, wenn
ich mit Big Bands spiele und ich
den ganzen Laden von vorne übernehmen,
die Songs selbst einzählen
und rhythmisch agieren kann.
Und das sind alles Dinge, die wichtig
für eine Karriere sind. Je älter
ich werde, je mehr Erfahrung ich in
verschiedenen Besetzungen sammle,
desto schneller sehe ich das bei
anderen Leuten, ob sie das können,
und desto schneller bin ich
auch abgetörnt, wenn von diesen
Dingen ganz wenig da ist. Aber das
kann alles noch kommen. Wenn
sie Anfang/Mitte zwanzig sind, ist
das alles ja noch in Bewegung, ein
Rohdiamant, der noch geschliffen
werden kann. Doch dazu gehört
ganz viel Praxis, aber nicht vor
einer Computerkamera zu Hause,
sondern die Praxis braucht direktes
Feedback des Publikums. Ich muss
sehen, ob die Leute lachen, wenn
ich etwas ansage, ob sie es gut finden
und verstehen oder wie sie auf
meine Texte reagieren, ob sie nach
dem Song vor Freude ausrasten
oder ob sie nur so einen freundlichen
Applaus abliefern. Das kann
ich alles nicht entdecken, wenn
ich es nur poste und zu Hause vielleicht
zwanzig Versuche hatte, bis
ich es dann online gestellt habe.
Und das merkt man den Leuten
eben an. Es gibt Sänger:innen, die
haben super viele Klicks und Views
auf Tiktok und sonst wo, aber sie
können nicht live performen.
Wie kam es zur Zusammenarbeit
mit Matti Klein, mit dem du bei
der diesjährigen jazzahead! zusammen
auftrittst?
Max Mutzke: Das ist auch so eine
Zufallsgeschichte, ein Glücksmoment,
wie es ganz viele im Leben
sind. Er war Barpianist in einem
Hotel, in dem ich auch gerade war.
Ich fand sein Spiel so toll und habe
ihn angesprochen, wir kamen ins
Gespräch und haben Kontakte ausgetauscht.
Wir haben ausgemacht,
dass er sich bei mir meldet, denn
er sagte, er hätte da eine Band in
Berlin und betreue dieses und jenes.
So kam unser erster Gig zustande.
Diese Besetzung gefällt mir
einfach sehr, es ist einzigartig, wie
die Jungs im Trio auftreten, und
die grooven wie die Hölle. Und sie
machen aus meinen Songs und aus
den Songs, die ich mir aussuche,
einfach phänomenale Versionen
und das ist ein Traum, ein absoluter
Traum.
Das Gespräch führte Kai Geiger.
82 | Festivals | Stuttgart
TONI | arttourist.com Jazz | Neue Musik | Elektro | 2022
* Marc Chagall, Der Geiger, 1911, Le violoniste, Öl auf Leinwand, 94,5 × 69,5 cm, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Foto: Achim Kukulies, Düsseldorf, © VG Bild-Kunst, Bonn 2024
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