Kunst in NRW 2000-2023
ISBN 978-3-422-80123-3
ISBN 978-3-422-80123-3
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4 Inhalt
Grußwort 6 Vorwort 8 Einführung 10
Künstlerinnen und Künstler A–Z
Christian Aberle 22 Jan Albers 24 Sonja Alhäuser 26 Özlem Altin 28 Banz & Bowinkel 30
Heike Kati Barath 32 Sebastian Bartel 34 Maximiliane Baumgartner 36
Johannes Bendzulla 38 Alisa Berger 40 Laurenz Berges 42 Tim Berresheim 44
Alexandra Bircken 46 Sabine Boehl 48 Anja Bohnhof 50 Martin Brand 52 Axel Braun 54
Matti Braun 56 Lars Breuer 58 Andreas Breunig 60 Ralf Brueck 62 Julia Bünnagel 64
Anthropozän 66 Kyoung-Jae Cho 68 Marianna Christofides 70 Cieslik und Schenk 72
Louisa Clement 74 Eli Cortiñas 76 Catherina Cramer 78 Natalie Czech 80
Paul Czerlitzki 82 Björn Dahlem 84 Danica Dakić 86 Brigitte Dams 88 Dan Dryer 90
Frauke Dannert 92 Katja Davar 94 Thea Djordjadze 96 Tatjana Doll 98
Vera Drebusch 100 Sabine Dusend 102 Carolin Eidner 104 Robert Elfgen 106
Deren Ercenk 108 Jan Paul Evers 110 exc 112 Fotografie und Bildgenerierung 114
Angela Fette 116 Luka Fineisen 118 Andreas Fischer 120 Christian Forsen 122
Christian Freudenberger 124 Sebastian Freytag 126 Sabrina Fritsch 128
Anett Frontzek 130 Isabella Fürnkäs 132 Ina Gerken 134 Christian Gieraths 136
Amit Goffer 138 Clemens Botho Goldbach 140 Philipp Goldbach 142
Tim Gorinski 144 Miriam Gossing & Lina Sieckmann 146 Manuel Graf 148
Nicholas Grafia 150 Alex Grein 152 Vivian Greven 154 Gesine Grundmann 156
Stephanie Gudra 158 Selma Gültoprak 160 Gender 162 Simon Halfmeyer 164
Tobias Hantmann 166 Fabian Heitzhausen 168 Elmar Hermann 170
Diango Hernández 172 Petra Herzog 174 Katharina Hinsberg 176 Flora Hitzing 178
Erika Hock 180 Jan Hoeft 182 Jonas Hohnke 184 Benjamin Houlihan 186
Uschi Huber 188 Christof John 190 Politisch engagierte Kunst 192 Anna K.E. 194
Heike Kabisch 196 Markus Karstieß 198 Yury Kharchenko 200 Stefanie Klingemann 202
Tessa Knapp 204 Seb Koberstädt 206 Ruppe Koselleck und Susanne von Bülow 208
Gereon Krebber 210 Julia Kröpelin 212 Florian Kuhlmann 214 Friedrich Kunath 216
Oliver Kunkel 218 Sarah Kürten 220 Postironische Generation 222 Matthias Lahme 224
Alwin Lay 226 Vera Lossau 228 Rosilene Luduvico 230 Pauline M’barek 232
Agata Madejska 234 Katharina Maderthaner 236 Claudia Mann 238 Bettina Marx 240
Lukas Marxt 242 Maren Maurer 244 Florian Meisenberg 246 Robin Merkisch 248
Ulrike Möschel 250 Guido Münch 252 Identitäten 254 Hannes Norberg 256
Christian Odzuck 258 Stephanie Pech 260 Jens Pecho 262 Martin Pfeifle 264
Phung-Tien Phan 266 Michail Pirgelis 268 Astrid Pohl 270 Anne Pöhlmann 272
Lorenzo Pompa 274 Reflexive Moderne 276 Roland Regner 278 Bernd Ribbeck 280
Claus Richter 282 Felicitas Rohden 284 Lex Rütten & Jana Kerima Stolzer 286
Leunora Salihu 288 Camilo Sandoval | Vered Koren 290 Morgaine Schäfer 292
Evamaria Schaller 294 Hedda Schattanik & Roman Szczesny 296 Silke Schatz 298
Gerda Scheepers 300 Agnes Scherer & Paul DD Smith 302 Arne Schmitt 304
Berit Schneidereit 306 Corinna Schnitt 308 Silke Schönfeld 310 Felix Schramm 312
Ulrike Schulze 314 Fari Shams 316 Vanja Smiljanić 318 Ji hyung Song 320
Lucia Sotnikova 322 Juergen Staack 324 Josef Strau 326 Monika Stricker 328
Studio for Propositional Cinema 330 Katja Stuke & Oliver Sieber 332 Chris Succo 334
Zeitbasierte Kunst 336 Andreas Thein 338 Gert & Uwe Tobias 340 Tina Tonagel 342
Jens Ullrich 344 Anna Vogel 346 Johanna von Monkiewitsch 348
Magdalena von Rudy 350 Heike Weber 352 Christoph Westermeier 354
Sebastian Wickeroth 356 Andrej Wilhelms 358 Markus Willeke 360
Franziska Windisch 362 Alex Wissel 364 Johannes Wohnseifer 366
Matthias Wollgast 368
Biografien der Autorinnen und Autoren 372 Bildnachweis 380 Fotonachweis 382
54
Axel Braun
*1983 in Düsseldorf, lebt und arbeitet in
Essen 2013 Förderpreis des Landes
Nordrhein-Westfalen für junge Künstlerinnen
und Künstler (Medienkunst)
2010–2011 Gaststudium bei Rita McBride
und Richard Deacon, Kunstakademie
Düsseldorf 2007–2010 Studium der
Plastischen Künste bei Patrick Tosani und
Christian Boltanski, École Nationale
Supérieure des Beaux-Arts de Paris
(Frankreich) 2003–2009 Studium Kommunikationsdesign
bei Gisela Bullacher
und Herta Wolf, Folkwang Universität der
Künste, Essen
www.axelbraun.org
Axel Brauns Arbeiten zeichnen sich durch akribische, über einen
langen Zeitraum entstandene Dokumentation aus. So sammelte
er während seines Studiums fotografische Ansichten
der Spuren, die Bilder und Möbel nach langer Zeit an Wänden
zurücklassen. Diese »Lichtbilder« präsentierte er in exakter Originalgröße
in Nachbauten der realen Räumlichkeiten. Als forensischer
Fotograf und Archivar verfolgt er beharrlich die Folgen
des gegen die Natur gerichteten menschlichen Handelns, etwa
anhand des Donau-Schwarzmeer-Kanals, der seit dem 19. Jahrhundert
geplant war, bis unter dem megalomanen Diktator
Ceaușescu 1984 eine Teileröffnung erzwungen wurde. Vor Ort
nahm Braun 2014/18 die Großeingriffe in die Landschaft auf, die
zerstört wurde für ein letztlich marginales Projekt. Mit Nachdruck
zeichnet er seither die Konsequenzen des menschengemachten
Klimawandels auf die Gletscherwelt der europäischen
Alpen auf, die als jahrtausendealte Trinkwasserreservoire jetzt
innerhalb kürzester Zeit abschmelzen. Diesem Zusammenhang
entstammt die Fotografie der Vajont-Staumauer in Nordostitalien
(Die Technik muss grausam sein, wenn sie sich durchsetzen
will). Die Aufstauung des Flusses führte 1963 zu einem
gewaltigen Bergrutsch in den künstlichen See, dessen Flut-
Die Technik muss
grausam sein, wenn sie
sich durchsetzen will
(Diga del Vajont, 2011)
2011 | Inkjet Print
114,4 × 92 cm
Kgt. 4307, Ankauf 2018
ZUGUNSTEN
EINER GESELLSCHAFT
VON MORGEN,
FÜR DIE WIR HEUTE
SCHON BAUEN
2013/18 | Fensterscheiben
der WestLB Dortmund,
Plotterschrift, Stahl,
Aktenordner | Maße variabel
Kgt. 3862, Ankauf 2018
welle über die Mauer über 2000 Menschen im Tal den Tod brachte.
Seither ungenutzt, steht sie als Monument menschlicher Hybris in
der geschundenen Landschaft. Andere Strategien nutzt Braun zur
Dokumentation rücksichtslosen Geschäftsgebarens im Finanzsektor
(ZUGUNSTEN EINER GESELLSCHAFT VON MORGEN, FÜR DIE WIR
HEUTE SCHON BAUEN). Hier setzt er auf originale und rekonstruierte
Teile der Architektur, die Harald Deilmann der WestLB in den
Jahren des Wirtschaftswunders als »inviting facades« verschrieben
hatte. In allen Bereichen aufgebläht, scheiterte die Bank nach der
Finanzkrise 2012. Zitate aus 40 Jahren interner Angestelltenzeitschriften,
die auf die Fensterscheiben gedruckt sind, zeigen hier den
scheinbar unendlichen Höhenflug der Banker. Ulrich Schneider
86
Danica Dakić
*1962 Sarajevo (Jugoslawien, heute:
Bosnien-Herzegowina), lebt und arbeitet in
Düsseldorf und Sarajevo seit 2022
Professur für Film und Video, Kunstakademie
Düsseldorf 2011–2022 Professur, Bauhaus-
Universität Weimar 2010–2011 Gastprofessur,
Universität für angewandte Kunst, Wien
(Österreich) 1988–1990 Studium in der
Klasse von Nam June Paik, Kunstakademie
Düsseldorf 1985–1988 Masterstudium
der Malerei, Universität der Künste Belgrad
(Serbien) 1981–1985 Diplomstudium,
Akademie der bildenden Künste, Sarajevo
www.danicadakic.com
Danica Dakić hat eine Gruppe junger Geflüchteter
fotografiert: Wie eine Theatertruppe stehen sie vor
einer tropischen Idylle mit Palmen, in goldgelber
Dämmerung, ein lebender Pfau hat sich zu ihnen
gesellt. Doch die Hintergrundidylle ist nicht real,
sondern eine bedruckte Tapete aus dem 19. Jahrhundert.
Der Titel der Panoramatapete lautet Eldorado,
das goldene Land. Die Europäer erzählten
während der Kolonialisierung Südamerikas die Geschichte
von jenem Land, in dem ein sagenhafter
Goldschatz zu finden sei. Noch im 19. Jahrhundert
wanderten auch viele Deutsche nach Amerika aus,
in der Hoffnung, im fernen El Dorado reich zu werden.
Doch die Geflüchteten in diesem Bild stehen
vor einer Tapete aus einem Museum in Kassel, und
hinter der Tapete ist eine Autobahnbrücke im Nirgendwo
der alltagsdeutschen Industrielandschaft
zu sehen: das erträumte Land des Wohlstands für
viele verarmte Menschen des globalen Südens.
Die Arbeit entstand im Kontext des gleichnamigen
Projekts, dass die Künstlerin für die documenta 12
2007 realisierte. Sie drehte in den Räumen des
Deutschen Tapetenmuseums in Kassel filmische
Szenen mit Geflüchteten vor historischen Tapeten,
filmte die Aufführungen und inszenierte Fotografien
wie El Dorado. Die Bildkulisse in diesem Bild
entstammt der gleichnamigen Panoramatapete,
die 1859 in der Manufaktur Jean Zuber & Cie. im
elsässischen Rixheim bedruckt wurde.
Die Künstlerin erarbeitete mit den beteiligten Jugendlichen
performative Formen, um ihre Interessen,
ihre Vorstellungen von Glück und ihre Lebens-
El Dorado | 2006/07 | C-Print auf Alu-Dibond | 100 × 139 cm | Kgt. 3518, Ankauf 2007
modelle zum Ausdruck zu bringen. Historische
und moderne Tapeten im Museum dienten als
Projektionsfläche für Träume und Ängste, vor
denen sie ihre aktuelle Lebenssituation und ihre
Sehnsüchte zur szenischen Darstellung bringen.
Die Künstlerin beschäftigt sich in ihren Arbeiten
mit Themen wie Migration, Kriegserfahrungen,
politischen Umbrüchen, Selbstermächtigungen
und den politischen Implikationen von Kulturtransfers.
Für ihre Filme oder Fotografien arbeitet
sie immer wieder eng mit jenen Menschen
zusammen, deren Lebenssituationen im Zentrum
der Arbeit stehen. Marcel Schumacher
114
Fotografie und Bildgenerierung
Unweigerlich denkt man beim Wort Bildgenerierung
mittlerweile an den Einsatz sogenannter
Künstlicher Intelligenz, die Anzahl der »Tools«
dafür wächst kontinuierlich. Die Diskussion wird
angeregt von Künstlern wie Boris Eldagsen,
dessen Ablehnung eines Fotopreises für ein KIgeneriertes
Bild die Frage provozierte, welche
Konsequenzen die KI für die Fotografie hat und
ob die Ergebnisse dieser Art der Bildschaffung
noch als Fotografie bezeichnet werden können –
Eldagsen, der unter dem Titel Geist siegt über
Materie Vorträge hält, schlägt den Begriff
»Promptografie« vor, da die Produktion KIgenerierter
Inhalte mit einem »Prompt«, einer
Befehlsaufforderung, gestartet wird.
Fragen danach, was Fotografie genannt werden
sollte, sind allerdings älter: Während der Zustand
des ursprünglichen Aufnahmemediums,
eines Diapositivs oder eines Negativs, also
eines Unikats, die Rekonstruktion des Prozesses
bis zum Papierbild erlaubt und Manipulationen
erkennbar macht, ist das bei digitaler Fotografie
nicht mehr möglich. Hier kann das Wirkliche
durch elektronische Interpretationen ersetzt
werden, und so gibt es schon lange Zweifel
daran, ob digitale Fotografien mit dem Verlust
ihrer indexikalischen Beziehung zum Objekt
ihrer Darstellung überhaupt noch als Fotografien
bezeichnet werden können.
Peter Lunenfeld hat daher bereits im Jahr
2000 in seinem Essay Digital Photography.
The Dubitative Image vorgeschlagen,
diese Art der Fotografie dem Bereich der
Grafik zuzuordnen.
Bei vielen Fotografien ist es allerdings neben
der Bildästhetik genau diese indexikalische
Beziehung zur Welt, die zu intensiver
Betrachtung und Auseinandersetzung reizt.
Ein Beispiel dafür sind die konzentrierten
Farbfotografien von Laurenz Berges, dessen
Arbeitsweise vom dokumentarischen Stil
geprägt ist und der in der Serie Etzweiler leerstehende
Häuser im rheinischen Tagebaurevier
erfasst und damit unpathetisch und
mit Blick für Details (s)einem Thema des
Strukturwandels und materiellen Verfalls treu
bleibt (S. 42–43). Damit werden Berges’
Fotografien laut Virginia Heckert zu geradezu
paradigmatischen Beispielen für die Visualisierung
der Begriffe Erinnerung und Ort, des
»Es-ist-so-gewesen«, von dem Roland Barthes
in seinem Buch La chambre claire. Note sur
la photographie von 1980 spricht, und die,
wie Heckert meint, die Hauptursachen dafür
sind, dass die Fotografien auch in Zeiten
ihrer Bedrohung durch neue Technologien
nichts von ihrem Reiz verloren haben.
Es lassen sich aber auch Aussagen über die
Faszination des »Es-ist-so-gewesen« treffen,
wenn durch die Fotografie nicht sachlich
präzise das Vorgefundene erfasst wird, sondern
zuvor Eingriffe stattgefunden haben. Anja
Bohnhof und Karen Weinert stellen in
ihrer Serie Abwesenheitsnotizen auf ganz andere
Weise Fragen nach Orten: Sie dokumentieren
leergeräumte Zimmer, das Atelier von Otto Dix,
das Arbeitszimmer von Friedrich Schiller; es
gibt keine Details wie Staffeleien oder Schreibwerkzeug,
nur die Proportionen der Räume,
den Einfall des Lichts und die Frage danach,
wie solche Orte, an denen Kunst und schöne
Literatur entstanden sind, wirken, wie viel
an Projektion und Inszenierung notwendig ist,
ob trotz allem eine Art Aura zu spüren ist,
die sich dem Zusammenklang von Bildtitel und
dokumentarischem Zugriff verdankt (S. 50–51).
Motivischer und konzeptueller Ausgangspunkt
für eine Inszenierung, in der Räume zur Kulisse
werden, ist bei Danica Dakić die Panoramatapete
El Dorado aus dem Jahr 1849; der Titel
verweist auf ein sagenhaftes Goldland, das
zum Sinnbild für die Suche nach einer paradiesischen
Welt wurde. Dakić arbeitete mit
einer Gruppe von Jugendlichen zusammen, die
in einem Heim für unbegleitete, minderjährige
Flüchtlinge in Kassel untergebracht waren;
auf dem Bild posieren sie selbstbewusst und
spielerisch vor der historischen Tapete, die
als Projektionsfläche ihrer Träume dienen kann.
Entscheidend für Dakićs Arbeit ist die Kommunikation
mit den Porträtierten und der doppelte
Hintergrund: Hinter den Palmen auf
der üppigen Tapete ist eine karge Landschaft
mit einer Autobahnauffahrt sichtbar, die
Wirklichkeit dringt auf unterschiedliche Weise
ins Bild (S. 86–87).
Dokumentarisch oder inszeniert: Alle vier
Fotografinnen und Fotografen haben Interesse
an dem, was ist. Das, was möglich ist, wird
nicht generiert, sondern künstlerisch gestaltet.
In einem meiner Lieblingscomics von Gary
Larson kündigt eine Moderatorin als nächsten
Sprecher den Autor des Buchs Der Geist
siegt über die Materie an – man sieht ihn beim
Betreten der Bühne mit einem Pfosten zusammenstoßen,
der sicher schon länger da
gestanden hat. Nicht immer gelingt Transzendierung.
Für die Fotografie gibt es interessante
Möglichkeiten, sich mit der Materie, dem
Realen, der Wirklichkeit auseinanderzusetzen.
Die Beispiele aus der Sammlung des Kunsthauses
NRW Kornelimünster sind dafür beredte
Zeugnisse.
Kerstin Stremmel
146
Miriam Gossing & Lina Sieckmann
Künstlerinnengruppe seit 2012
Miriam Gossing *1988 in Siegburg,
lebt und arbeitet in Köln und Portland,
OR (USA) 2017 Förderpreis des
Landes Nordrhein-Westfalen für junge
Künstlerinnen und Künstler (Film)
2016–2017 Gaststudium bei Rita
McBride, Kunstakademie Düsseldorf
2009–2015 Studium Experimentalfilm,
Performance und Fotografie bei
Matthias Müller, Phil Collins, Johannes
Wohnseifer, Beate Gütschow und
Sophie Maintigneux, Kunsthochschule
für Medien Köln
Lina Sieckmann *1988 in Engelskirchen,
lebt und arbeitet in Köln und Portland,
OR (USA) 2017 Förderpreis des Landes
Nordrhein-Westfalen für junge Künstlerinnen
und Künstler (Film) 2016–2017
Gaststudium bei Rita McBride, Kunstakademie
Düsseldorf 2009–2015 Studium
Experimentalfilm, Performance und
Fotografie bei Matthias Müller, Phil Collins,
Johannes Wohnseifer, Beate Gütschow
und Sophie Maintigneux, Kunsthochschule
für Medien Köln
www.gossing-sieckmann.com
Die Filmemacherinnen Miriam Gossing & Lina Sieckmann
untersuchen in ihrem Film One Hour Real das populäre Phänomen
der sogenannten Escape Rooms Games, die oftmals
verblüffend echt die stilistische Atmosphäre von Horror- oder
Genrefilmen imitieren. In diesen detailgetreu inszenierten
Settings zu zweit oder in der Gruppe eingesperrt und permanenter
Kameraüberwachung ausgesetzt, gilt es, anhand von
Hinweisen Rätsel zu lösen, um sich möglichst schnell aus den
Räumen zu befreien: Lustvoller Thrill gestaltet sich in diesen
Escape Rooms als erlebte Sequenz in Echtzeit. Für One Hour
Real filmten die Künstlerinnen in niederländischen Escape
Rooms auf analogem 16-mm-Filmmaterial, das anschließend
auf HD-Video transferiert wurde. Die Körnung des Spielfilms
ist diesen »Film-Bildern« ebenso eingeschrieben wie die Topoi
des illusionären Unterhaltungskinos.
Im Kunsthaus NRW Kornelimünster wurde der Film installativ
in einem Raum der historischen Prälatur gezeigt, der
durch vier Türen und ein reiches Bildprogramm charakterisiert
ist. Gossing & Sieckmann produzierten für den Ausstellungsraum
die dreiteilige Fotoserie VEIL R/Y/B. Die
Fotografien zeigen auf schwarzem Untergrund abstrahiert
wirkende ornamentale Formen in den Primärfarben rot, gelb
und blau. Bei genauer Erkundung entschlüsseln sie sich als
freigestellte Darstellungen der Schleier, die auf den Deckenfresken
die nackten Körper der Putti umspielen. Die Künstlerinnen
fokussieren in den surreal anmutenden Bildern auf
die Verhüllung selbst, auf die Imitation von Texturen und auf
die täuschende Darstellung von Realitäten – Motive, die in
ihren kinematografischen Arbeiten und Installationen immer
wieder erscheinen.
Elke Kania
VEIL R/Y/B | 2018
C-Prints | 3-teilig, je 80 × 100 cm
Kgt. 4371, Ankauf 2018
One Hour Real | 2016
Videoinstallation,
16 mm transferiert zu HD-Video,
Farbe, Ton | 13 Min.
Kgt. 3890, Ankauf 2017
150
Nicholas Grafia
*1990 in Angeles City (Philippinen),
lebt und arbeitet in Düsseldorf
2019–2021 Meisterschüler von
Dominique Gonzalez-Foerster
2016–2019 Studium bei Dietmar
Lutz, Johannes Paul Raether,
Rita McBride und Dominique
Gonzalez-Foerster, Kunstakademie
Düsseldorf 2015–2016 Studium,
School of Arts and Cultures,
Newcastle (Großbritannien)
2012–2016 Studium bei Shana
Moulton und Daniele Buetti,
Kunstakademie Münster
www.peresprojects.com/artists/
44-nicholas-grafia/
Nicholas Grafia arbeitet in den Bereichen der Malerei, Performance
sowie in zeitbasierten Medien. Seine visuelle Sprache
entwickelte er aus der Beschäftigung mit postkolonialen und
-humanen Themen, der eigenen Geschichte, dem Unheimlichen
und Absurden sowie queerer Ikonografie wie auch der Popkultur.
Grafia thematisiert kulturelle und sexuelle Identität, gerade
auch bei nichtweißen Personen, er hinterfragt Stereotypen,
etablierte Machtverhältnisse und Konventionen in einem heteronormativen
westlichen Umfeld, dezidiert also Prozesse des
sozialen Andersseins, der Ex- und Inklusion.
Die Raumsituation At the Gym I (Working on my Bod) erinnert
an ein griechisches Theater, von klassischen Säulen gerahmt,
vor rotem Himmel, der auch als Vorhang gelesen werden kann.
Der graue Boden zeigt farbige Symbole, wie sie sich auf Controllern
einer Playstation finden; sie hinterfragen ironisch die
At the Gym II
(Selfportrait in a Bathrobe)
2017 | Acryl, Gouache, Tusche,
Öl, Sprühfarbe | 150 × 125 cm
Kgt. 4467, Ankauf 2020
At the Gym I
(Working on my Bod) | 2017
Acryl, Gouache, Tusche,
Öl, Sprühfarbe | 150 × 125 cm
Kgt. 4466, Ankauf 2020
im Titel der Arbeit angedeutete Absicht der Selbstoptimierung.
Die beiden sich durch das Bild streckenden fluiden Wesen tragen
dunkle Kostüme und an Horrorfilme erinnernde Masken.
Das zum Schrei verzerrte Gesicht spielt auf einen Klassiker der
Kunstgeschichte an, wird aber von Grafia als Metapher für eine
nichtweiße Person verstanden, die in einer weißen Welt als Bedrohung,
da das Andere verkörpernd, betrachtet wird.
In derselben Technik mit Acryl, Gouache, Tusche, Öl und Sprühfarbe
ausgeführt, scheint At the Gym II (Selfportrait in a Bathrobe)
das Szenario fortzuspinnen: die bereits bekannte Bühne,
auf der sich die Figur ebenfalls bewegt, neblig unklar, der modisch-sportliche
Bademantel mit den drei Streifen verdeckt den
Körper, die Maske spielt weiterhin eine Rolle. Das Fitnessstudio
wird so Ort einer weiteren Performance.
Maurice Funken
160
Selma Gültoprak
*1983 in Gummersbach, lebt und
arbeitet in Köln 2007–2012 Studium
bei Stefanie Stallschus, Phil Collins
und Johannes Wohnseifer, Kunsthochschule
für Medien Köln 2005–2007
gestaltungstechnische Assistentin für
Grafik- und Objektdesign, Richard-
Riemerschmid-Berufskolleg, Köln
www.selma-gueltoprak.com
Selma Gültoprak extrahiert Geschichte(n), die in Bildern,
Gegenständen, Materialien eingeschrieben sind,
und collagiert sie in ihren Werken zu neuen Erzählungen.
Das Spektrum ihrer künstlerischen Praxis reicht
von Objekten, Collagen, Fotografien zu Installationen
und Interventionen in den öffentlichen Raum.
In der dreiteiligen Werkserie The Inmost Wilderness
überlagern sich verschiedene historische und kulturelle
Erzählungen der Türkei. Gültoprak hat gefundene
Fotografien von Angehörigen des türkischen Militärs
abfotografiert und die Köpfe der Männer durch
eine Tulpenblüte ersetzt, das Bild anschließend mit
Graffiti-Tags – Interpretationen des Werktitels, die
die Künstlerin von Menschen in Istanbul gesammelt
hat – überschrieben. Die Tulpe als inoffizielles Em-
blem der Türkei und Symbol für eine kulturell prosperierende Zeit verschmilzt
mit den Körpern derjenigen, die von Atatürk als Behüter der
Republik eingesetzt wurden, überschrieben von den Stimmen derjenigen,
welche die heutige Türkei als Bürgerinnen und Bürger repräsentieren. Ein
poetischer Titel und ein poetisches Bild verbinden sich zu einer offenen
Frage über den Zustand eines Staatsgebildes heute.
Die Installation Bushaltestelle Deutschland, eine Gemeinschaftsarbeit
mit Vera Drebusch, die über mehrere Wochen im öffentlichen Raum in
Köln platziert wurde, war ursprünglich nur in den Farben Schwarz, Rot,
Gold besprayt. Ohne Busanschluss ihrer eigentlichen Funktion beraubt,
lud sie nun ein zum Verweilen – im nationalen Flaggengewand. Wer
kommt in Deutschland an, mit welchem Ziel, welchen Hoffnungen? Und
wie geht die Reise weiter? Am Ende ist der nationale Farbcode nur noch
Grundierung, überschrieben mit den Tags derjenigen, die diesen Ort des
temporären Aufenthalts besucht haben.
Tasja Langenbach
Selma Gültoprak
& Vera Drebusch
Bushaltestelle Deutschland
2017 | Bushaltestelle,
Airbrush, Graffitis
Kgt. 4490, Ankauf 2018
The Inmost Wilderness II
2017 | Markierstift,
überarbeitete gefundene
Fotografie | je 50 × 35 cm
Kgt. 3964 und Kgt. 3903,
Ankauf 2018
216 Friedrich Kunath
*1974 in Karl-Marx-Stadt, lebt und
arbeitet in Pasadena/Los Angeles (USA)
2006 Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen
für junge Künstlerinnen
und Künstler (Bildende Kunst)
1993–1998 Studium bei Walther Dahn,
Hochschule der Bildenden Künste
Braunschweig
www.friedrichkunath.com
Die Gemälde und Objekte von Friedrich Kunath sind
wie gute Popsongs: eingängig, vielleicht etwas glatt
wirkend, aber sexy und stimmig in der Mischung. Endlose
Sonnenuntergänge, Schriftzüge von Plattencovern
oder Cartoonfiguren werden über Farbverläufen à la
Instagram-Ästhe tik arrangiert, oft mit einem Regenbogen
versehen. Der US-amerikanische Kunsthistoriker
James Elkins empfiehlt für die Beschreibung von
Kunaths Œuvre Vokabeln wie unverstellt, humorvoll,
spielerisch. Kunath könne als ein Vertreter des »New
Romanticism« gelten. Diese Strömung setzte um die
Jahrtausendwende ein und ist gekennzeichnet durch
eine Hinwendung zu Topoi von Schönheit. Das Bekenntnis
der neuen Romantiker zu Sentiment und heiterer
Erhabenheit kann als Reaktion auf die Beschränkungen
der Moderne und auf den Intellektualismus der Postmoderne
gesehen werden.
Das Gemälde Ohne Titel in der Sammlung, ein mittelgroßes
Querformat, besticht durch einen Remix aus
linearen und flächigen bildlichen Elementen. Die zentrale
Umrissfigur – der Figurenwelt Wilhelm Buschs entnommen
– wird vor wolkenartigen Aquarellflächen von
einem schwungvollen Pinselstrich in Acryl touchiert.
Diese Verschmelzung unterschiedlicher Techniken der
Bildkunst erinnert an die Methode des Samplings in der
zeitgenössischen Unterhaltungsmusik. In Publikationen
listet Kunath die im Atelier gehörte Musik ebenso auf
wie die Parfüms, die er zur Rezeption seiner Ausstellungsinszenierungen
empfiehlt. Treffsicher changiert
die Kunst des passionierten Tennisspielers Kunath zwischen
vermeintlicher Naivität und pointierten Referenzen,
jeder »Break« sitzt.
Elke Kania
Ohne Titel | 2007 | Aquarell, Acryl auf Leinwand | 65 × 80 cm | Kgt. 3510, Ankauf 2007
286 Lex Rütten & Jana Kerima Stolzer
Künstlerinnen- und Künstlergruppe seit 2016
Lex Rütten *1989 in Mönchengladbach, lebt und
arbeitet in Dortmund 2020 Meisterschüler
von Dominique Gonzalez-Foerster 2017–2020
Studium der Freien Kunst bei Dominique
Gonzalez- Foerster, Kunstakademie Düsseldorf
2013–2017 Studium der Freien Kunst bei
Cornelius Völker, Kunstakademie Münster
Jana Kerima Stolzer *1989 in Kandel, lebt und
arbeitet in Dortmund 2017–2018 Meisterschülerin
von Aernout Mik 2014–2017 Studium der Freien
Kunst bei Aernout Mik, Kunstakademie Münster
2010–2015 Studium der Fotografie, Folkwang
Universität der Künste, Essen
www.thisisinternet.de
In den häufig raumgreifenden Installationen von Lex
Rütten und Jana Kerima Stolzer verbinden sich natürliche
Lebewesen, artifizielle Charaktere, technoide
Strukturen und Objekte zu komplexen Environments,
die aus oft überraschenden Perspektiven über die Verflechtungen,
Verwirrungen und Symbiosen zwischen
Mensch, Natur und Technik im Zeitalter des Anthropozäns
reflektieren. Welche Folgen hatte das Eingreifen
der menschlichen Spezies in die Kreisläufe
der Natur bislang, in welcher direkten Abhängigkeit
steht das menschliche Überleben von Bakterien, Mikroorganismen,
Pilzen, die lange vor uns die Erde bevölkerten
und lange nach uns noch existieren werden,
und wie verändert die zunehmende Beschleunigung
und globale Vernetzung aller menschlichen und natürlichen
Prozesse unser zukünftiges Habitat – und
kann der Mensch sich daran überhaupt noch selbst
anpassen?
In der Musical-Installation in the flood (1), die aus drei
computergenerierten Animationen und einer veränderlichen
Raumplastik aus ausrangierten Fließbandarchitekturen
besteht, besingen drei Avatare
den Strukturwandel, seine Abhängigkeiten und Folgen.
»We cannot stop the flood, if we stop we will
crash the cash«, intoniert Avatar 1 lakonisch und beschreibt
die Dynamiken eines immer schneller werdenden
Stroms aus Waren und Daten mit dem Ziel
einer immer kleiner werdenden Latenz zwischen
»click« und »collect«. Avatar 2 schwebt, verspannt
in einer Netzmatrix, in der technoiden Architektur
global agierender Logistikzentren und sinniert über
die neue Vermessung der Welt nach den Parametern
der Effizienz, während Avatar 3 die Perspektive derjenigen
Erdbewohner einnimmt, die als Jahrmillionen
alte Mycelien diese Entwicklung gelassen überdauern
werden.
Tasja Langenbach
in the flood (1) | 2020
Videoinstallation, 3 HD-Videos auf
Monitoren (Farbe, Ton), Schwerlastregal,
Rollband, Anti-Ermüdungsmatten,
Röllchenbahnen, Hallenbeleuchtung
20:53 Min. | Kgt. 4511, Ankauf 2022
296 Hedda Schattanik & Roman Szczesny
Künstlerinnen- und Künstlergruppe seit 2014,
unter dem Namen Hedda Roman seit 2022
Hedda Schattanik *1992 in Westerstede,
lebt und arbeitet in Düsseldorf 2018 Meisterschülerin
von Andreas Gursky 2013–2017
Studium bei Andreas Gursky, Marcel Odenbach,
Elizabeth Peyton und Dominique Gonzalez-
Foerster, Kunstakademie Düsseldorf
Roman Szczesny *1987 in Bensberg, lebt und
arbeitet in Düsseldorf 2021 Meisterschüler
von Marcel Odenbach 2013–2021 Studium bei
Andreas Gursky, Marcel Odenbach, Elizabeth
Peyton und Dominique Gonzalez- Foerster,
Kunstakademie Düsseldorf
www.heddaroman.com
In langsamen Fahrten scannt die Kamera die Oberflächen
eines verlassenen Apartments, von dessen
früheren Bewohnern nur wenige Anzeichen zeugen.
Spuren der organischen Verwesung finden sich neben
Spuren des Digitalen, die Stimme einer jungen Frau
überblendet sich mit ihrer computerisierten Verzerrung,
ihr Körper, der in diesem Raum einmal agiert
hat, nimmt lediglich noch als Avatar auf dem Bildschirm
Gestalt an. Im Verlauf des Videos Apartment
Monologue wechselt der Blick in den Außenraum,
dokumentiert den umgebenden Naturraum – in all
seiner konstruierten Künstlichkeit. Die Erzählung
einer gescheiterten Liebe tönt aus den Wänden des
Apartments; Wände, die durch die Integration von
smarten Technologien immer durchlässiger werden
und die keinen Schutz geben konnten vor den Verunsicherungen
des Außen. Ein brennendes Auge, der
Zugang zur Seele und Symbol für die Verbindung von
Innen- und Außenwelt, schwebt über der Szenerie.
Die deformierten Knetfiguren, die zum Schluss das
Innen bewohnen, bevor auch das Haus selbst in Flammen
aufgeht, erscheinen wie ein Kondensat dieser
menschlichen Seelen, die kein sicheres Zuhause, weder
im Anderen, noch in den von ihnen bewohnten Räumen,
mehr zu finden scheinen.
Es sind surreale, symbolbehaftete und doch allzu
menschliche Räume, die Hedda Schattanik und Roman
Szczesny in ihren Videowerken und computergenerierten
Zeichnungen entstehen lassen, in denen sich
digitale und analoge Ausdrucks- und Erzählformen in
komplexen Collagen zu neuen Ordnungen zusammenfügen.
Künstliche und menschliche Intelligenz gehen
dabei, ganz wie im echten Leben, auch im künstlerischen
Schaffen eine untrennbare Verbindung ein
und gestalten gemeinsam Visionen an der Schwelle
zu einer möglichen Zukunft. Tasja Langenbach
Apartment Monologue | 2018 | Videostills, 8K, HDR-Video, 65 Zoll, Farbe, Ton | 12 Min. | Kgt. 4501, Ankauf 2020
324 Juergen Staack
*1978 in Doberlug-Kirchhain, lebt und
arbeitet in Düsseldorf 2021 Gastprofessur
bei Martin Schwenk, Kunstakademie
Mainz 2006 Meisterschüler von Thomas
Ruff 2002–2008 Studium bei Thomas
Ruff und Christopher Williams, Kunstakademie
Düsseldorf 1999–2002 Ausbildung
zum Fotografen, Wuppertal
www.juergenstaack.com
Snow Walk (Fig.04, Line) | 2013
2-Kanal-Soundinstallation, Loop,
2 Dolby Surround-Lautsprecher,
Soundanlage, Beton | Maße variabel
Kgt. 3812, Ankauf 2015
SOLAR COPY – Shadows of Plants
No. 043 | 2019
Cyanotypie | Rahmenmaß 40 × 30 cm,
Bildmaß 18 × 13 cm
Kgt. 4317, Ankauf 2019
Ein knisterndes Geräusch am wahrscheinlich
kältesten Ort der Welt, der
dauerhaft bewohnt wird, begegnet
einem Schatten an einem der trockensten
Orte der Erde.
Für Snow Walk besuchte Juergen
Staack das Dorf Oimjakon in Sibirien,
wo der Atem sofort zu Eiskristallen
gefriert. Dort schritt er bei minus
50°C Grundformen im Schnee ab und
nahm das Knistern als Raumsound
auf: Linie, Dreieck, Viereck und andere
geometrische Figuren. In der Ausstellungsinszenierung
sind in Beton gegossene
Lautsprecher als Endpunkte
dieser Formen aufgestellt. Zwar kann
der Betrachter oder die Betrachterin
die Linie im Ausstellungsraum nicht
sehen, aber akustisch wahrnehmen.
Die Besuchenden hören, wie das
Knirschen der in den Schnee sinkenden
Schritte von einem Lautsprecher
zum nächsten wandert. Es ist ein
spezifischer Ton, der bei einem Grad
mehr oder weniger ein anderer wäre.
Im Raum entsteht eine Tonzeichnung.
Die zunehmende globale Erwärmung
und die Ausbreitung der Wüsten hat
Staack dazu angeregt, für die Serie
SOLAR COPY in die Wüste Gobi in
der Mongolei zu reisen. Diese Wüste
liegt im Zentrum des asiatischen
Kontinents. Dort wachsen Pflanzen,
die der extremen Trockenheit trotzen.
Staack hat die Schatten dieser
Pflanzen festgehalten. Während die
klassische, analoge Fotografie die Welt durch einen
Apparat aufnimmt, findet bei der Cyanotypie die
Lichtbildaufnahme unmittelbar auf dem Bildträger
statt. Das UV-Licht in der Wüste ist so intensiv,
dass der Schatten auf dem Boden ausreicht, um
die Konturen der Pflanze innerhalb kurzer Zeit auf
dem Fotopapier abzubilden.
Seit seinem Studium beschäftigt sich Juergen
Staack immer wieder mit alternativen Formen der
Fotografie und Techniken zur Sicherung von Vergänglichem
wie Stimmen oder Geräuschen. Seine
Untersuchungen verfolgen dabei das Motiv der Zeit.
Ist es oft der kurze Moment, den die Fotografie einzufangen
versucht, ist es bei Staack die vergehende
Zeit, die der Künstler auf einen Bild- oder Tonträger
bindet.
Marcel Schumacher