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Tischbein im Kontext.

Ausstattungsprogramme für die

Landgrafen von Hessen-Kassel

Der Künstler Johann Heinrich Tischbein d. Ä. (1722–1789) spielte für

Kassel eine herausragende Rolle. Seine mehrere Dekaden umfassende

Tätigkeit als Hofmaler der Landgrafen von Hessen-Kassel führte dazu,

dass viele seiner großartigen Werke bis heute in den historischen

Bauten und verschiedenen Sammlungen vorhanden sind. Neben der

Ausführung von Portraits von Mitgliedern der landgräflichen Familie,

verschiedener Adliger und Bürger, waren es die umfangreichen Ausstattungsarbeiten,

welche zu seinem künstlerischen Spektrum gehörten.

Programmatische malerische Ausstattung war ein beliebtes Mittel

der fürstlichen Repräsentation und versuchte verschiedene Inhalte zu

vermitteln. Diese konnten von der Inszenierung eines Lustschlosses wie

Wilhelmsthal bis zur dezidierten Glorifizierung eines Herrschers reichen

und sowohl mehrere Objekte als auch großformatige Gemälde umfassen.

Die Wiederentdeckung und Restaurierung der Deckengemälde Apoll und

die Künste, Minerva und die Wissenschaften sowie die Allegorie auf die

Regierung Landgraf Friedrichs II. aus dem früheren Kasseler Residenzschloss

gaben den Anlass, die Tätigkeit des Künstlers in diesem Bereich

unter neuen Forschungsperspektiven zu beleuchten.

Tischbeins Talent als Ausstattungsmaler hebt bereits Eberhard Preime

besonders hervor, indem er formuliert: »Der Mann hatte außer seinem

Wesen noch einen Beruf: er war Decorateur, und war es freilich mit

Meisterschaft wie kaum ein anderer.« 1 Diese Aussage unterscheidet

sich in der Wertung von der anderer Autoren, ganz besonders der Hermann

Bahlmanns, welcher in der Ausstattungstätigkeit geradezu ein Manko des

eigentlich so begabten Malers Tischbein erkennt. 2 In den 1990er Jahren

wurden die einzelnen Werke der Programme auch in spezifisch thematischen

Beiträgen bearbeitet, wie dies bei Anna-Charlotte Flohr oder

Petra Tiegel-Hertfelder der Fall ist, die sich jeweils der Portrait- sowie

der Historienmalerei des Künstlers widmen. 3 Gerade bei Flohr tritt

dadurch die Perspektive auf den ursprünglichen Kontext, beispielsweise

der Schönheitengalerie, teils zugunsten des Anspruchs einer vollständigen

Auflistung der Arbeiten in den Hintergrund. Tischbeins Talent, in

größeren Kontexten programmatisch zu denken, war für den Maler aber

in vielerlei Hinsicht von besonderer Bedeutung. Denn seine langjährige

Anstellung am landgräflichen Hof von Kassel verlangte eben genau

13


diese Fähigkeit, nicht nur an das einzelne Bild zu denken, sondern das

höfische Gesamtkonzept im Blick zu behalten.

So werden im Folgenden die Tätigkeit Tischbeins im Zusammenhang

höfischer Ausstattungsarbeiten und speziell die Deckengemälde aus dem

Residenzschloss im Fokus stehen. Das Rokokoschloss Wilhelmsthal liefert

hier den Einstieg zur Verortung Tischbeins im Kontext der Landgrafschaft

von Hessen-Kassel und stellt so seine ersten Arbeiten zur Ausstattung

eines fürstlichen Gebäudes vor. Diese Untersuchung bildet die Grundlage

zur intensiven Auseinandersetzung mit den allegorischen Deckengemälden

des Künstlers. Ihre Entstehungsgeschichte sowie die Wiedergewinnung

und Restaurierung sollen dabei thematisiert werden. Als eine Art Coda

und Zeugnis der Wertschätzung, die Tischbein vom Kasseler Hof entgegengebracht

wurde, widmet sich ein letzter Abschnitt der postumen

Memoria, aus deren Anlass – zwar nicht vom Künstler selbst, aber mit

seinen Werken – Ausstattungen im landgräflichen Kontext erfolgten.

Der »Kasseler Tischbein«

Johann Heinrich Tischbein d. Ä. war Mitglied einer Künstlerfamilie, welche

die Kunstlandschaft in Deutschland und darüber hinaus über eine lange

Zeit prägte (Abb. 1). Die bemerkenswerte Karriere Tischbeins d. Ä. vom

Bäckerssohn in Haina zum gefeierten Hofkünstler in Kassel legte einen

wichtigen Grundstein für alle ihm folgenden Generationen. 1 Zunächst

sollte Johann Heinrich den grundständig handwerklichen Beruf eines

Schlossers bei seinem Onkel mütterlicherseits lernen. Da sich aber

bereits früh sein künstlerisches Talent herausstellte, war es zumindest

das Metier der Tapetenmalerei, in welchem er stattdessen ausgebildet

wurde. Nebenher bereits vom Kasseler Galerieintendanten Johann

Georg von Freese (1701–1775) im Zeichnen unterrichtet, konnte er 1743

schließlich dank der Unterstützung durch Anton Heinrich Friedrich Graf

von Stadion (1691-1768) eine mehrjährige Studienreise nach Frankreich

und Italien antreten, die ihm als Künstler neue Perspektiven und auch

neue Türen öffnen sollte.

Zwar begab sich Tischbein während seiner Schaffenszeit immer wieder

auf kleinere Reisen innerhalb Deutschlands, doch zeichnete sich seine

Karriere nach der Studienzeit im Ausland vor allem durch die beständige

Anstellung am Kasseler Hof aus. Anders als Künstler, die von Hof zu Hof

zogen und dort für kürzere oder etwas längere Zeit Aufträge erhielten,

war Tischbein für drei aufeinanderfolgende Generationen der Landgrafen

von Hessen-Kassel tätig: für Wilhelm VIII. (1682–1760), Friedrich II.

14


Abb. 1

Johann Heinrich Tischbein d. Ä.,

Selbstbildnis in jüngeren Jahren, ca. 1752,

Museumslandschaft Hessen Kassel,

Gemäldegalerie Alte Meister

15


Abb. 2

Johann Heinrich Tischbein d. Ä.,

Wilhelm VIII. Landgraf von Hessen-Kassel, um 1755/60,

Museumslandschaft Hessen Kassel,

Gemäldegalerie Alte Meister

16


Abb. 3

Johann Heinrich Tischbein d. Ä.,

Friedrich II. Landgraf von Hessen-Kassel, um 1773,

Museumslandschaft Hessen Kassel,

Gemäldegalerie Alte Meister

17


(1720–1785) sowie Wilhelm IX. (1743–1821), welcher mit Verleihung der

Kurwürde ab 1803 als Wilhelm I. regierte (Abb. 2–4). Die längste Zeit war

Tischbein für Landgraf Friedrich II. tätig, wobei dessen Vater Wilhelm VIII.

besondere Bedeutung zukommt, da er die Berufung Tischbeins zum Hofmaler

aussprach. Wie Karl-Hermann Wegner in einem Beitrag über

Friedrichs aufgeklärte Herrschaft betont, umgab sich der Landgraf mit

einem besonders konstanten Personenkreis, so dass »dieselben Namen

teilweise von der Geburt des Fürsten bis zum Tod seinen Lebensweg

begleiten«. 5 So steht auch die Übernahme des Hofmalers und die Weiterbeschäftigung

bis zum eigenen Tod im Zeichen dieser beständigen

Personalpolitik. Ebenso hielt Friedrich übrigens am Hofbildhauer Johann

August Nahl d. Ä. (1710–1781) fest. Gerade Tischbein erfüllte in vielerlei

Hinsicht eben jene Ideale, denen auch Friedrich verpflichtet war. Der

künstlerische Stil, wenngleich häufig mit Rokoko-Elementen verbunden,

ist immer wieder von klassizistischer Formsprache inspiriert und steht

im kunsttheoretischen Verständnis des Malers und Akademieprofessors.

Aber auch über die Kunst hinaus war Tischbein wissenschaftlich interessiert,

wovon beispielsweise seine Mitgliedschaft in der Altertümergesellschaft

zeugt. Diese wurde 1777 von Friedrich II. gegründet und verzeichnete

auch den Oberhofbaumeister Simon Louis du Ry (1726–1799)

oder den Gelehrten Johann Wilhelm Christian Gustav Casparson

(1729–1802) als Mitglieder. Diese Verbundenheit des Künstlers mit den

wichtigen institutionellen Neugründungen unter Friedrich zeigt besonders

deutlich, wie eng Tischbein am Hof und dessen Wirkungsfeld integriert

war. Interessant und bezeichnend zugleich ist in diesem Kontext

auch das Bildnis der landgräflichen Familie, welches Tischbein 1754

malte (Abb. 5). Das ohnehin mit einer spannenden Geschichte verbundene

Gemälde zeigt nämlich neben der Familie auch Tischbein selbst,

der Landgräfin Marie ein Portrait ihres Schwiegervaters Wilhelm VIII.

präsentiert. 6 So stellt der Maler sich als Teil der höfischen Gemeinschaft

und ganz nah an der fürstlichen Kernfamilie dar, was ihm ohne

die notwendige Wertschätzung von Seiten des Landgrafen niemals möglich

gewesen wäre.

Wilhelm IX. hingegen scheint Tischbein in den letzten Jahren mehr

aus Ehrgefühl, denn aus Überzeugung weiter beschäftigt zu haben; er

fühlte sich der neuen Künstlergeneration enger verbunden. Seine Wahl

für einen neuen Hofmaler fiel auf Wilhelm Böttner, der wiederum am

Collegium Carolinum bei Tischbein gelernt und wie auch sein Lehrer

sein Können in Frankreich und Italien weitergebildet hatte. 7 Die

»Tischbein-Schule« – sofern man von einer solchen sprechen kann – war

also dennoch tonangebend im Kasseler Raum, auch über die Lebzeiten

18


Abb. 4

Johann Heinrich Tischbein d. Ä.,

Erbprinz Wilhelm IX. von Hessen-Kassel, 1783,

Museumslandschaft Hessen Kassel,

Gemäldegalerie Alte Meister,

Leihgabe der Universität Kassel

19


Abb. 5

Johann Heinrich Tischbein d. Ä.,

Erbprinz Friedrich II. mit seiner Familie, 1754,

Museumslandschaft Hessen Kassel,

Gemäldegalerie Alte Meister

20


Johann Heinrichs hinaus. Wilhelms Wertschätzung für Tischbein und

seine Verdienste zeigt sich noch einmal in der Einrichtung einer Tischbein-Galerie

im Weißensteinflügel, welche später noch Erwähnung

finden soll.

Der Start als Hofmaler: Tischbein in Wilhelmsthal

»Er wird Ihm aber dabey bedeuten, daß Ich seinem Erbiethen nach jährl.

etliche portraits von schönen Gesichtern von Ihm erwarte, um nach und

nach ein Cabinet daraus zu formieren.« 8

Mit diesen Worten bestätigte Landgraf Wilhelm VIII. 1753 die Ernennung

Johann Heinrich Tischbeins d. Ä. zum Hofmaler in Kassel. Der Aufbau

einer Galerie mit ›Schönheiten‹ war dem Fürsten offensichtlich ein

wichtiges Anliegen, für welches er in Tischbein den adäquaten Künstler

zur Umsetzung gefunden hatte. Wilhelm - zu dieser Zeit auf der Suche

nach einem neuen Hofmaler - und Tischbein begegneten einander erstmals

im Kurort Schlangenbad bei Wiesbaden, wohin der Maler auf

Empfehlung des Grafen Stadion, seines Unterstützers und Finanziers

der Studienreisen durch Europa, beordert wurde. Das Portrait der Therese

Sophie von Spaur, geb. von Stadion, soll den Anstoß für das Interesse

des Landgrafen an Tischbein gegeben haben (Abb. 6). In der Biographie

des Künstlers, verfasst von Joseph Friedrich Engelschall (1739–1797),

wird die Episode wie folgt beschrieben:

»Tischbein musste also von Mainz herüber kommen, und das Bildnis der

jungen Gräfin STADION, nachherigen Gräfin VON SPAUR, welches er eben

in der Arbeit hatte, mitbringen. (…) Das noch nicht ganz fertige Bildnis

der Gräfin Stadion wurde dem Landgrafen eines Morgens frühe gebracht.

Er lag noch im Bette; als er aber das Gemälde sah, rief er aus: ›Nein,

dazu muss ich aufstehen!‹ Er setzte sich vor dasselbe hin, und liess den

Künstler hereinrufen. ›Hat Er das gemalet?‹ fragte der Landgraf sogleich.

Als TISCHBEIN es bejahte, fuhr er mit einem zweifelhaften Kopfschütteln

fort: ›das glaub ich nicht, so was kann ein Deutscher nicht machen‹.« 9

Dass es sich bei dem vorzüglichen Künstler zudem um einen hessischen

Landsmann handelte, versetzte den Landgrafen natürlich in noch größere

Verzückung, und er ernannte ihn daraufhin zum Hofmaler. Besonders

deutlich wird in dieser Episode die Betonung Tischbeins »undeutscher«

Malweise und Wilhelms offensichtlicher Wunsch nach eben einem solchen

Künstler. Das aparte Bildnis der Tochter des Grafen von Stadion,

welches französische Portraitformeln aufgreift und darüber hinaus

21


Abb. 6

Johann Heinrich

Tischbein d. Ä.,

Therese Sophie

von Stadion,

verh. von Spaur,

1752/53,

Museumslandschaft

Hessen Kassel,

Gemäldegalerie

Alte Meister

einen doch so lebendigen und individuellen Eindruck vermittelt, wird

den Landgrafen besonders zu seiner Entscheidung motiviert haben. So

wird in diesem Zusammenhang der erste Auftrag zur Gestaltung der

weiblichen Bildnisgalerie geradezu zur logischen Konsequenz. Besagtes

Bildnis wurde später in die Galerie im Schloss Wilhelmsthal aufgenommen

(Abb. 7).

Das Rokokoschloss Wilhelmsthal in Calden bei Kassel wurde 1747–61 im

Auftrag von Wilhelm VIII. erbaut, nachdem dieser den Vorgängerbau von

seiner 1743 verstorbenen Ehefrau geerbt hatte. 10 In den Neubau wurde

22


ein umfangreiches Programm eingegliedert, für welches Johann Heinrich

Tischbein d. Ä. als Hofmaler maßgeblich verantwortlich war. Die imposante

Kunstausstattung entspricht ganz dem Ruf des Landgrafen, der

durch Bauvorhaben sowie die Beauftragung und den Erwerb von Kunstwerken

maßgeblich für Kassels kulturellen Rang verantwortlich war.

Nach dem Siebenjährigen Krieg (1756–1763), während welchem Wilhelm

1760 im Exil in Rinteln verstarb, wurde die weitere Ausstattung unter

seinem Sohn Friedrich II. fortgeführt. Das eindrucksvolle Zusammenspiel

von Gartenanlage, Schlossbau und dessen dekorativer Ausgestaltung

fanden höchsten Zuspruch bei den Besuchenden. So beschrieb

beispielsweise Johann Christoph Gottsched (1700-1766), hoher Gelehrter

aus Leipzig, den Besuch in Wilhelmsthal als Höhepunkt seines Aufenthaltes

in Kassel. 11 Der besonderen Qualität des Baus in historischer

Perspektive war man sich schon im 19. Jahrhundert bewusst. So schreibt

beispielsweise Hermann Knackfuß: »(…) ein wahres Schatzkästchen des

Rokoko, ist daß Schloß Wilhelmsthal bei Kassel.« 12 Auch heute beeindruckt

die prunkvolle Ausstattung und überzeugt im Zusammenspiel der

einzelnen Medien, die über die gemeinsame Formensprache des Rokoko

verbunden sind. Der junge Tischbein konnte hier gerade aufgrund seiner

langjährigen Ausbildung in Paris beim späteren Premier Peintre du Roi

Carle van Loo (1705-1765) mit seinem Können brillieren.

Abb. 7

Ansicht

Bildnisgalerie

im Schloss

Wilhelmsthal,

2. Vorzimmer

23


Abb.8

Ignaz Sebastian

Klauber nach

Pierre Le Sueur,

Carle van Loo, 1785,

Museumslandschaft

Hessen Kassel,

Graphische Sammlung

Die Schönheitengalerie

Mit der Einrichtung einer weiblichen Bildnisgalerie im Lustschloss orientierte

sich Wilhelm an einer bestehenden europäischen Tradition. Die

Idee und Konzeption einer Galerie von Schönheiten lässt sich weit

zurückverfolgen und entwickelte sich im Rahmen des Diskurses um

Schönheit und Ideal vor allem im 15. und 16. Jahrhundert in Italien. So

verwundert es nicht, dass die erste Schönheitengalerie wohl vom

Mailänder Herzog Galeazzo Maria Sforza im Jahr 1473 beauftragt wurde.

Er wünschte »Bildnisse mehrerer Mädchen eines Herrschaftsgebiets«

dargestellt zu sehen, deren Jugend und Schönheit vor allem betont werden

sollten. 13 Bereits für den barocken Schlossbau gehörten die weiblichen

Bildnisgalerien zum europäischen Kanon der Ausstattung, konnten

sich aber in Format und Technik stark unterscheiden. 14 So gab es derartige

Sammlungen ebenfalls im Miniaturenformat, die einen intimeren

Eindruck suggerierten als die imposanten Gemälde mit ihren dekorativen

Rahmen in Wilhelmsthal. Insbesondere die höfische Kultur im Rokoko

entwickelte das Frauenbildnis zu einer wahren Kunstform, in welcher

idealisierte Schönheitstypen mit subtilen Verweisen auf mythologische

Vorbilder kombiniert wurden. 15

Dieser dezidierte Auftrag einer Galerie weiblicher Bildnisse in Wilhelmsthal

wird von Gabriele Baumbach aufgrund des hohen Alters des Landgrafen

sowie seines angeblichen Desinteresses am weiblichen Geschlecht

als »verwunderlich« bezeichnet. 16 Die recht vage

Aussage vernachlässigt die Tatsache, dass die

Galerie vielmehr als Prestigeprojekt und nicht

als persönliches Schauinteresse verstanden

werden sollte. Wilhelm reihte sich in die Tradition

europäischer Höfe ein, die er mit Tischbein als

jungem ambitionierten Hofmaler vielleicht sogar

noch zu übertrumpfen hoffte. Tischbein selbst

inszenierte sich bewusst als europäischen Maler.

Dies beweist unter anderem sein Selbstbildnis

von ca. 1752, in welchem er seine Lehrzeit in

Italien und Frankreich in Szene setzt (Abb. 1).

Die Zeichenmappe mit blauem Papier liegt auf

seinem Schoss, die Zeichenutensilien hält er in

den Händen. Auf der Leinwand im Hintergrund

sehen die Betrachtenden eine Vorzeichnung als

Vorbereitung auf ein in Entstehung begriffenes

Gemälde. Er rezipiert hier verschiedenartig seine

kurz zuvor gewonnenen Erfahrungen: Die Pose

24


orientiert sich an einem Bildnis Carle van Loos (Abb. 8), wohingegen die

Zeichenutensilien auf die venezianische Zeichenkunst und seine Zeit bei

Giovanni Battista Piazzetta verweisen. 17 So setzt sich der junge Künstler

als stolzer Maler in Szene, der mit modernem Kunstverständnis vertraut

und sich der aktuellen Diskurse bewusst ist. Ein Selbstverständnis,

welches Landgraf Wilhelm sicher imponierte und ihn veranlasste – laut

Engelschall – , auch Zugeständnisse in Kauf zu nehmen, um gerade diesen

Künstler für sich zu gewinnen. 18

Dennoch wurde die malerische Ausstattung der Schönheitengalerie in

Wilhelmsthal in der kunsthistorischen Forschung sehr unterschiedlich

bewertet. Bahlmann ist besonders scharf in der Abwertung der Bilder,

die seiner Meinung nach, anders als die Bildnisse Tischbeins im Allgemeinen,

»diesen Ruhm in keiner Weise« verdienten. 19 Farbgebung und

Stoffdarstellung seien zwar qualitätsvoll, die Damen hingegen monoton

und geradezu leblos gestaltet. Einzig die Bildnisse der Gräfin Stadion

sowie der Landgräfin Marie wichen davon ab und zeigten die künstlerischen

Stärken des Malers, wohingegen die anderen »dekorative[r]

Wandschmuck« seien. 20 Bahlmann spricht ihnen sogar den Status als

»Gemälde« gänzlich ab. Differenzierter, oder vielleicht auch praktischer,

bewertet Knackfuß bereits 1888 die beiden Galerien: »Wieder in anderen

Zimmern werden sämtliche Wandfüllungen durch Bildnisse eingenommen,

zu denen in den schmalen Räumen über den Thüren Bildchen mit

Putten kommen. In dem einen dieser Zimmer, der sogenannten Schönheitsgalerie,

(…) in dem anderen, das nur Bildnisse von Prinzessinnen

enthält (…) So oberflächlich aber auch diese Bildnisse gemacht sind, sie

tragen doch nicht wenig dazu bei, uns in den Geist der Rokokozeit

zurückzuversetzen.« 21 Aber auch hier wird ihre Funktion im Sinne eines

einheitlichen Gestaltungskonzepts deutlich. Jüngere Beiträge fokussieren

ebenso den Kontext der Ausstattung, wobei die qualitative Bewertung

deutlich zurückgenommen wird. Gabriele Baumbach zum Beispiel

thematisiert die Schönheiten- und Ahnengalerie im Rahmen fürstlicher

Repräsentationsformen im weiblichen Bildnis. 22 Baumbach wie auch

Fabian Fröhlich verweisen zudem auf die Kompensationsfunktion der

Galerie, gab es doch am Kasseler Hof zur Zeit Wilhelms aufgrund des

Todes seiner Frau (1743) und der einzigen Tochter (1744) keine erste

Dame. 23 Es war seine Schwiegertochter Marie von England, die diese

Funktion vornehmlich übernahm. Die herausgehobene Position ihres

Portraits im zweiten Vorzimmer, zusammen mit dem Bildnis der

Schwägerin Wilhelms, Friederike Charlotte, reflektiert dies. Die beiden

Gemälde in größerem Format flankieren die Tür. Maries Bildnis entstand

1754, dem Jahr des Bekanntwerdens der Konversion des Erbprinzen zum

25


Katholizismus, die zur Trennung von Friedrich und seiner Familie führte.

Marie ging mit ihren Kindern nach Hanau. Das Porträt der Prinzessin

Friederike Charlotte dürfte etwa um dieselbe Zeit entstanden sein, da

sie nach dem Tod ihres Mannes 1755 nach Darmstadt zurückging.

Die insgesamt 28 Gemälde verteilen sich auf das erste und zweite

Vorzimmer von Schloss Wilhelmsthal mit jeweils vierzehn Bildnissen.

24 der Bilder haben nahezu die gleichen Maße, lediglich das Portrait der

Auguste von Spiegel weicht etwas von der Standardgröße ab. Vier

Werke hingegen sind deutlich großformatiger. Hierbei handelt es sich

um die oben erwähnten Bildnisse der Landgräfin Marie von Hessen und

der Friederike Charlotte sowie diejenigen der Prinzessin Christine von

Pfalz- Birkenfeld und der Gräfin Caroline von Nassau-Saarbrücken, die

sich alle im zweiten Vorzimmer befinden. Die üppigen Goldrahmen mit

Rocaille-Verzierungen wurden vermutlich von Johann August Nahl d. Ä.

gefertigt, welcher für die Innenausstattung des Baus verantwortlich

war. Vier verschiedene Rahmenserien finden in der Schönheitengalerie

Verwendung, die durch die Rahmen der Bilder größeren Formates

ergänzt werden. Sie alle zeichnen sich durch verschnörkelte Formen

aus, welche mit der goldenen Wandverzierung korrespondieren.

Bis auf vier Ausnahmen sind die Werke von der Hand Tischbeins in den

1750er Jahren entstanden. Bei den Ausnahmen handelt es sich vermutlich

um Werke von Georges Desmarées (1697–1776), Antoine Pesne

(1683–1757), Pompeo Girolamo Batoni (1708–1787) sowie Johann Georg

Ziesenis (1716–1776), wobei nur das letztgenannte Gemälde signiert ist.

Dies ist auch für die meisten der Tischbein-Werke der Fall. Flohr schlägt

in ihrer Dissertation von 1997 über Tischbein als Portraitmaler den französischen

Maler Antoine Pesne beziehungsweise dessen Umkreis als

Maler der Darstellung der Prinzessin Amalie Marie, Tochter des Landgrafen

Wilhelm VIII., vor (Abb. 9). Daher findet das Gemälde in ihrem

Katalog auch keine Berücksichtigung, allerdings fehlt eine dezidierte

Begründung ihrer These. 24 Friedrich Bleibaum wiederum schreibt zuvor

das Portrait Tischbein zu, 25 wohingegen Rudolf Hallo die Autorenschaft

kritisch sieht. Er verweist in seinem Aufsatz zur Vorgeschichte des

Schlossbaus von 1930 auf die Auflistung des Portraits der Prinzessin im

Inventar von 1749. Dort ist das Gemälde, dessen Beschreibung dem

Portrait in Wilhelmsthal entspricht, dem Maler Johann Christoph

Hochfeld (tätig 1728–1783) zugeschrieben. 26 Somit wäre das Gemälde

bereits zuvor im Besitz des Landgrafen gewesen und in die Galerie mit

aufgenommen worden. Dies könnte aufgrund der sich ähnelnden Komposition

geschehen sein, oder das Bildnis gab vielleicht sogar Ausschlag

26


Abb. 9

Johann Heinrich

Tischbein d. Ä.(?),

Prinzessin

Amalie Marie,

Tochter des

Landgrafen

Wilhelm VIII.,

1755–60,

Museumslandschaft

Hessen Kassel,

Gemäldegalerie

Alte Meister

für die Gestaltung der weiteren Gemälde. Im Portraitinventar von 1816

listet Ernst Friedrich Ferdinand Robert das von Hochfeld gemalte

Bildnis der Prinzessin (Nr. 20) als vermisst, erwähnt aber an späterer

Stelle (Nr. 505) das Bildnis in der Galerie in Wilhelmsthal. 27 Einziger

Unterschied in der Beschreibung ist der Blumenkorb, welcher in der

Auflistung bei Nr. 20 nicht auftaucht. Da sich Robert allerdings an der

Beschreibung von 1749 zu orientieren scheint, lässt sich nicht nachvollziehen,

ob der Korb nicht erwähnt wird oder ob er tatsächlich nicht

vorhanden war. Handelt es sich um zwei verschiedene Gemälde, so

scheint es plausibel, dass der Landgraf Tischbein um ein ähnliches

Bildnis seiner verstorbenen Tochter bat, oder Tischbein orientierte sich

27


Abb. 10

Georges Desmarées,

Auguste Friederike

v. Spiegel, 1752–53,

Museumslandschaft

Hessen Kassel,

Gemäldegalerie

Alte Meister

bei seiner Ausführung an einem bereits existierenden Gemälde der zur

Entstehungszeit bereits Verstorbenen.

Eine weitere Sonderrolle nimmt das Bildnis der Auguste von Spiegel ein

(Abb. 10). Bereits durch die Abweichung in den Maßen setzt es sich

optisch von den weiteren Werken ab. Eine singuläre Stellung innerhalb

des Gesamtbestandes lässt sich ab 1816 nachweisen. Im Portraitinventar

wird das Gemälde nicht mit den weiteren der Schönheitengalerie

(Nr. 488 bis 513) aufgeführt, sondern als Werk Desmarées (Nr. 115) weiter

vorne, und es wird als vermisst gelistet. Eine Notiz an gleicher Stelle

beschreibt aber auch die Rückerlangung des Gemäldes, welches am

3. Mai 1827 nach Auffinden bei dem Kaufmann Jäger in Allendorf wieder

28


nach Wilhelmsthal zurückkehrte. 28 Bleibaum schließt sich der Zuschreibung

an Desmarées 1926 an, wobei für ihn Technik und Farbe auf den

Maler als Urheber schließen lassen. Einen Verweis auf Roberts Inventar

gibt er nicht. In Bleibaums Publikation wird die Dame nun auch als Auguste

Friederike von Spiegel betitelt und nicht mehr nur, wie bei Robert, als

fürstliche, in blau gekleidete Frauenperson mit Blumenkorb beschrieben. 29

Robert und Bleibaum listen zudem das Bildnis der Prinzessin Elisabeth

Sophie von Württemberg als von Tischbein stammend auf, wohingegen

Rudolf Hallo es Batoni zuschreibt. Bereits Bleibaum verweist auf Übermalungen,

die Hallo als »heute so herausfallend« charakterisiert und

die seiner Meinung nach von Tischbein stammen könnten. 30 Aktuell werden

beide Künstler als Ausführende in Erwägung gezogen. Es zeigt sich

exemplarisch, dass selbst bei einer doch so uniform erscheinenden

Bildergalerie Fragen der Zuschreibung offen sind und hier, vielleicht

auch gerade zu Variationszwecken, verschiedene Maler beauftragt wurden.

Aufgrund der einheitlichen, geradezu verpflichtenden Bildformeln

können die einzelnen Gemälde dennoch ein gesamtkompositorisches

Erscheinungsbild liefern.

Die Funktion des ersten Vorzimmers als ›Wartebereich‹ eröffnet eine

weitere Ebene der Werkanalyse: Wirken die Gemälde in einem kurzen

Durchschreiten des Raumes vielleicht nur in ihrer Gesamtheit, ergibt

sich bei genauerer Betrachtung ein mehr und mehr differenziertes Bild.

Dies trifft auch auf Accessoires in den Gemälden zu, wie beispielsweise

im Bildnis des Fräuleins Louise von Vincke am Spinett (Abb. 11). Auf

dem Notenblatt ist die Aria del Signor B… zu erkennen, eine Gesangskomposition,

die 1756 im »Journal encyclopédique« abgedruckt wurde. 31

Die Betrachtenden konnten in den Werken also bei längerer Anschauung

immer mehr entdecken.

Ebenfalls näher zu untersuchen sind die Identifizierungen der dargestellten

Damen. Da zunächst keine Angaben zu ihren Identitäten gemacht

wurden, ist eine konkrete Zuschreibung selten möglich. Bleibaum

benennt in seiner Veröffentlichung von 1926 alle Dargestellten, wobei

einige bereits als fraglich vermerkt sind. Auf welche Quellen sich Bleibaum

bezieht, ist unklar, insbesondere da er Identifizierungen anführt, die

zuvor bei Robert im Portraitinventar nicht zu finden sind. So werden die

Dargestellten häufig auch gesammelt als »Hofdamen des Hessischen

Hofes« bezeichnet. 32 Dennoch widmen sich immer wieder Forschungsbeiträge

verschiedenen Identifikationsvorschlägen. Methodisch wird

vor allem mit Vergleichen zu anderen Portraits operiert. Eine wiederkehrende

Rolle spielen dabei auch Nachfahren der jeweils möglicherweise

29


Abb. 11

Johann Heinrich

Tischbein d. Ä.,

Fräulein Louise von

Vincke am Spinett,

ca. 1757,

Museumslandschaft

Hessen Kassel,

Gemäldegalerie

Alte Meister

Dargestellten, die in den Gesichtern Ahnen aus eigenen Bildnisbeständen

wiedererkennen, so zum Beispiel im Fall des Fräuleins von Drachenhausen,

wie Astrid Möller darlegt. 33

Zudem konnten jüngst Forschungen in den Niederlanden neue Erkenntnisse

zu einem weiteren Bildnis aus der Galerie liefern. Die bisher als

»Fräulein von Baumbach (?)« geführte Dame (Abb. 12) wurde im Kontext

einer Arbeit über die Prinzessinnen von Thorn als Sophia Charlotte von

der Leyen zu Hohengeroldseck (1735–1807) identifiziert. 34 Im Rahmen

einer Ausstellung im Limburg Museum in Venlo (Oktober 2021 bis April

2022) wurden die »Vergessenen Prinzessinnen« in den Fokus gerückt. 35

30


Hier zeigt sich einmal mehr, dass die historische Perspektive auf Frauen

im höfischen Kontext weiterhin ein Forschungsdesiderat darstellt. Allerdings

ist es schwierig, die Dargestellten aus ihrer ›Unsichtbarkeit‹ hinter

den idealisierten Formen herauszulösen. Verschiedene Aspekte verkomplizieren

eindeutige Identifikationen der Frauenbildnisse. Diese

beziehen sich auf die Traditionen sowohl der höfischen Repräsentationsbildnisse

als auch auf die Diskurse in Bezug auf ideale Schönheit und

deren Abbild. So bewegen sich die »Schönheiten« im Spektrum zweier

kunstgeschichtlicher Phänomene: dem Hybridportrait seit der Renaissance

sowie dem französischen portrait historié zwischen Grand Siècle

und Aufklärung. Das spätbarocke höfische Bildnis entrückte die Dargestellten

ohnehin »aus dem Alltäglichen in ein ideales Dasein«, 36 wodurch

die Individualität nur zweitrangig gegenüber der idealen und repräsentativen

Inszenierung war. Die französische Tradition der portraits historiés

war hierbei nicht nur eine Randerscheinung der Portraitmalerei,

sondern konstituierte vielmehr eine eigene Bildgattung. Frauen des

höfischen Adels in »luftigen, oftmals aufreizenden Fantasiekostümen«

mit auf antike Gottheiten verweisenden Accessoires bildeten die Grundausstattung.

37 So fungierten Blumen als Verweis auf Flora oder zwei

weiße Tauben sowie eine Darstellung Amors auf die Liebesgöttin Venus.

Auch in Wilhelmsthal kommen diese attributiven Beigaben zum Einsatz.

Besonders deutlich wird dies beim Bildnis der Charlotte von Hessen-

Kassel, die als Jagdgöttin Diana inszeniert wird (Abb. 13).

Michael Wenzel hingegen kritisiert diese Verortung der Frauenportraits

im Rahmen eines verallgemeinernden, typisierenden Darstellungsmodus.

Er stellt explizit Gottfried Boehms Publikation zur Entstehung des Portraits

zur Debatte, 38 welche die Bildnisse der Schönen Frauen zur Kategorie

der nicht-individualisierten Portraits zähle. Für Wenzel vernachlässigt

diese Annahme die »identitätsstiftende Funktion von Maske und Rolle in

der Frühen Neuzeit«. 39 Nicht die individuelle Physiognomie, sondern

kodierte Botschaften gäben Auskunft über die Dargestellte, welche von

einem elitären Rezipientenkreis hätten gelesen und entschlüsselt werden

können. 40 Somit attestiert Wenzel den Galerien eine eigene Bildsprache,

die sich nur im Kontext der höfischen Kultur und deren Angehörigen

lesen ließ. Zu bedenken ist sicherlich die Bekanntheit der entsprechenden

Attribute im Bild, über welche primär doch inszenierte Versionen

des Individuums vermittelt wurden und somit wohl eher selten dezidiert

persönliche Nachrichten transportiert wurden. So schlüpfen die dargestellten

Frauen alle in stereotypisierte Rollen, die von der adligen Dame

am Putztisch, über das Flanieren im sonnigen Garten bis zur Freude am

Maskenball reichen.

31


Abb. 12

Johann Heinrich Tischbein d. Ä., Sophia Charlotte von der Leyen zu Hohengeroldseck, 1755,

Museumslandschaft Hessen Kassel, Gemäldegalerie Alte Meister

32


Abb. 13

Johann Heinrich Tischbein d. Ä., Charlotte von Hessen-Kassel, 1755,

Museumslandschaft Hessen Kassel, Gemäldegalerie Alte Meister

33


Betrachtet man die Galerie heute, so macht es zunächst den Anschein,

als sei man in die Mitte des 18. Jahrhunderts zurückversetzt. Zwar haben

die Elemente tatsächlich historische Qualität, doch trügt der Schein,

denn die Hängung der Gemälde wurde in den letzten Jahrhunderten –

und mehrfach in den letzten Jahrzehnten – verändert. Ebenso ist die

ursprüngliche Anzahl der Portraits nicht definitiv gesichert. Aus dem

Briefwechsel Landgraf Wilhelms VIII. mit Baron von Häckel wird keine

Anzahl der gewünschten Gemälde ersichtlich, und es existiert auch kein

konkreter Auftrag an Tischbein. So wird aus dem Gesamtkunstwerk

vielmehr ein variables Konzept zur Raumgestaltung. Die fehlenden

Einzelaufzählungen in den Inventaren bis 1816 sprechen ebenfalls dafür,

dass es nicht primär um die Bildnisse, sondern um eine Gesamtschau

ging. Dieser stete Wandel der Konzeption zeichnet sich bereits zu

Beginn ab, wie anhand einer Skizze von 1753 mit einem Entwurf für die

Hängung an der Kaminwand deutlich wird (Abb. 14). Auf dieser Skizze

sind nur drei statt der heute vier Gemälde platziert, die in die Wandvertäfelung

eingelassen werden sollten. Sie umgeben als Dreieck den

mittig platzierten Spiegel über dem Kamin. Anhand dieser Skizze kommt

Rudolf Hallo zu dem Schluss, dass ursprünglich lediglich zehn Gemälde

für die Ausstattung geplant waren. 41 1788 werden allerdings bereits

vierzehn adlige und fürstliche Portraits im ersten sowie vierzehn fürstliche

und gräfliche Portraits im zweiten Vorzimmer aufgeführt. 42 In der

Zeit zwischen der Skizze und der Auflistung wurden die Arbeiten zum

Abb. 14

Entwurf für die

Hängung an der

Kaminwand im

1. Vorzimmer

34


Schloss Wilhelmsthal durch den Siebenjährigen Krieg unterbrochen. War

zuvor noch Wilhelm VIII. für den Bau verantwortlich, so war es nach Ende

des Krieges sein Sohn Friedrich II., da Wilhelm im Exil in Rinteln verstarb.

Friedrich hielt an mancher Stelle nicht an den Plänen seines

Vaters fest, wie später beim Telemach-Zyklus noch deutlich werden

wird. Im Inventar von 1812 aus der Zeit des Königreichs Westphalen

unter Jérôme Bonaparte (1784–1860) wiederum werden im ersten

»Chambre à Portraits« fünfzehn »Portraits de famille in cadre doré

antique« sowie im »Seconde Chambre à Portraits« weitere vierzehn mit

gleicher Beschreibung verzeichnet. 43 Hier stellen sich verschiedene

Fragen: Welches fünfzehnte Bild konnte die Galerie im ersten Vorzimmer

ergänzen? Und vor allem: Wie kann man sich eine solche Hängung vorstellen?

Wie bereits oben erwähnt, plädierte Rudolf Hallo sogar für eine

Kombination von nur zehn Bildern. Ebenso stolpert man im Inventar von

1812 über die Auflistung zweier Spiegel. Mit der heutigen Hängung, also

einem Bild weniger, und nur einem Spiegel ist bereits kein Platz für

weitere Gemälde. Ein Blick zurück in das Inventar von 1816 wirft zudem

eine weitere Frage auf: Es werden nur dreizehn Bilder im ersten Vorzimmer

aufgezählt. Vergleicht man die beiden Inventare, so fehlen 1816

nicht nur ein, sondern zwei Gemälde. Heute nachvollziehbar ist das

Fehlen der von Bleibaum als »angeblich Fräulein Dufai« bezeichneten

Dame im Jagdkostüm. 44

Der Umfang weiterer Veränderungen der Hängungen soll einmal exemplarisch

im ersten Vorzimmer anhand von historischen Fotografien

umrissen werden. Der früheste fotografische Nachweis zur Hängung der

Bilder stammt von 1899 und dokumentiert eine Anzahl von vierzehn

Gemälden in beiden Räumen. Somit fand Fräulein Dufai offensichtlich

zwischen 1816 und 1899 ihren Weg zurück in die Galerie (Abb. 15). Eine

weitere Fotografie, die zwischen 1918 und 1924 entstand, zeigt die gleiche

Anzahl an Konterfeis, aber bereits eine abweichende Hängung. Die

dort abgebildete Anordnung entspricht jener, die auch in Bleibaums Publikation

von 1926 wiederzufinden ist. Eine von Möller in ihrer Magisterarbeit

gedruckte Postkarte aus den Jahren 1920–30 zeigt die Bilderwand

sowie die anschließende Sektion neben der Tür. 45 Hier lässt sich bereits

wieder eine Neuplatzierung der Werke ablesen, was auf eine Datierung

der Postkarte nach 1926 schließen lässt. Eine Fotografie von 1959 zeigt

eine weitere Variation der Hängung (Abb. 16). So lassen sich in einem

Zeitraum von weniger als 60 Jahren bereits vier verschiedene Varianten

der Hängung der Gemälde im ersten Vorzimmer nachweisen.

35


Abb. 15

1. Vorzimmer

des Landgrafen

(Schönheitengalerie),

Aufnahme

von 1899

Ferner wurden maßgebliche Veränderungen während der Restaurierungsarbeiten

in den 1960er und 1970er Jahren vorgenommen. 46 Ebenso

tauschte man die Rahmen der Bildnisse in den verschiedenen Maßnahmen,

konservatorischer und dekorativer Art, untereinander aus.

Doch welche Anlässe gab es zum kontinuierlichen Wandel der Raumgestaltung?

Waren es lediglich ästhetisch begründete Geschmacksentscheidungen?

Definitiv lässt sich hierzu keine Aussage treffen, doch ist

die rege Mobilität von Gemälden und Rahmen bemerkenswert. So wird

die Bildergalerie scheinbar zu einem variablen Raumkonzept, das alternative

Zusammenstellungen erlaubt. Ist dies nun ein Argument für die

kritischen Stimmen, die eine Art Beliebigkeit in den weiblichen Bildnissen

sehen? Oder ist es vielmehr ein Argument für Tischbeins Talent

als Ausstattungskünstler, mit dem er die räumlichen und kontextuellen

Gegebenheiten gekonnt nutzte und adäquat für seine technische

Umsetzung adaptierte? In der Schönheitengalerie verwendete er eine

besonders feine Malweise, welche die Nähe der Betrachtenden zum Bild

berücksichtigt, wohingegen die Supraporten im Musensaal mit seiner

reichen Stuckdekoration deutlich zurückhaltender gestaltet sind.

36


Abb. 16

1. Vorzimmer

des Landgrafen

(Schönheitengalerie),

Aufnahme

von 1959

Der Musensaal

Nicht nur im Erdgeschoss des Schlosses werden die Gäste visuell begrüßt,

sondern auch im Geschoss darüber fügte Tischbeins ansprechende

programmatische Darstellungen ein, welche sich funktional in die

Bereiche des Schlossbaus einbetten. Betreten die Besuchenden das

Obergeschoss und gehen zum Festsaal, welcher über dem Speisesaal

auf der Mittelachse des Parks gelegen ist, begegnen sie Apoll und seinen

neun Musen. Die Ausstattung des Saales übertrifft bei Weitem jene

des darunterliegenden Speisesaales, der vor allem durch seine Öffnung

zum Park dominiert wird. Auch die dekorativen Elemente sind hier auf

das Zusammenspiel von Innen- und Außenraum ausgelegt: Sowohl in der

Farbwahl als auch in der Darstellung der vegetativen Elemente wird dies

offensichtlich. Somit wird innerhalb der Raumfolge deutlich eine Dramaturgie

aufgebaut. Denn das eher zurückhaltende Dekor ändert sich gänzlich,

wenn die Besuchenden über das Treppenhaus, welches in Weiß mit

grauen Marmorstufen und nur wenigen goldenen Verzierungen gestaltet

ist, in das Obergeschoss gelangen und den Festsaal betreten (Abb. 17).

Das prunkvolle Stuckwerk verbindet typische Motive wie Rocaillen und

Blütenranken mit Darstellungen von Drachen und dem sagenhaften

Vogel Phönix. Die Verzierungen, die »mit einer verschwenderischen Vielfalt

von Motiven ausgestattet« 47 sind, ziehen sich von der Wand über die

37


Voute und laufen an der Decke aus. Verschiedene Trophäen an den

Wänden verweisen auf die Jahreszeiten sowie auf Musik und Maskenfeste.

Komplettiert wird der Saal durch die fünf von Johann Heinrich

Tischbein d. Ä. gemalten Supraporten, welche Apoll und die Musen

zeigen. Durch das Einbeziehen des Gottes wird eine Paarung möglich,

die kompositorisch je zwei Figuren in einer Supraporte vereint. Die

kunstvollen Ausstattungen waren neben ihrer Funktion als Raumschmuck

ein Zeugnis für die gute Qualität der ansässigen Künstler. Zudem attestierten

sie auch den exquisiten Geschmack des Auftraggebers, also des

Fürsten selbst. 48 Der Festsaal als Ort des Vergnügens war das Herzstück

des Lustschlosses und stellte den Höhepunkt der Raumabfolge dar.

Abb. 17

Ansicht Musensaal

im Schloss

Wilhelmsthal

Ein Rechnungsbeleg vom 31. März 1760 aus Wilhelmsthal verzeichnet

eine Zahlung von 225 Reichsthalern an Tischbein für fünf Supraporten

in der Beletage, 49 wobei es sich vermutlich um die Folge von Apoll und

den Musen handelt. Über der Eingangstür werden zunächst Apoll und

Urania gezeigt (Abb. 18), welche die Reihe einleiten. Die prominente

Positionierung an der Stirnseite des Raumes lässt sich durch die

Präsenz des Sonnengottes sowie Uranias, der Muse der Astronomie,

und deren Bedeutung für den Kosmos erklären. Apoll im orangefarbenen

Gewand hält die Lyra in seinen Händen und wendet sich der unter-

38


Abb. 18

Johann Heinrich

Tischbein d. Ä.,

Supraporte:

Apoll und Urania,

um 1760,

Museumslandschaft

Hessen Kassel,

Gemäldegalerie

Alte Meister

halb sitzenden Muse zu. Diese erwidert seinen Blick und weist mit ihrer

linken Hand auf den Globus auf ihrem Schoß, welchen sie mit einem

Zirkel zu vermessen scheint. Hinter den beiden Figuren wird eine üppige

grüne Vegetation sichtbar. Dieser Grundkomposition sind auch die

vier weiteren Bildfelder verpflichtet, wenngleich die Hintergrunddarstellungen

variieren. Zur Linken der Eingangstür sind zunächst Thalia

und Melpomene, die in einer offenen Architekturkulisse einander zugewandt

sind, zu sehen. Thalia sitzt, eine Maske in der einen und eine

Schriftrolle in der anderen Hand. Sie scheint geradezu überrascht über

die expressive Geste Melpomenes, die einen Dolch in die Luft hält.

Darauf folgend werden Euterpe in Bewegung mit wehendem Gewand und

Terpsichore beim Flötenspiel in einer Landschaft gezeigt. So sind die

Paare ferner thematisch einander zugeordnet. Auf der gegenüberliegenden

Seite sind wiederum, auf der Ecke zu Apoll und Urania, Klio und

Kalliope dargestellt. Klio, die aufrecht steht, hält eine Posaune in den

Händen sowie ein Schriftband mit den Worten: THVCYDIDES / CLIO, als

Verweis auf die antike Geschichtsschreibung. Die sitzende Kalliope

scheint hingegen ganz versunken über den Text des Schriftbandes

»ODISSE ILIADE ENEIDE CALLIOPE« zu sinnieren, welches ihr Feld

bezeichnet (Abb. 19). Die Darstellung der Polyhymnia und Erato ist am

gleichen Schema orientiert: Die stehende Polyhymnia erhebt sogar noch

ihren Zeigefinger, während Erato mit der Leier hinter ihr halb liegend ihre

Schwester geradezu anzuhimmeln scheint.

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