Symphonie in Schwarz
ISBN 978-3-422-80115-8
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Andreas Dehmer
Susanna Partsch
Symphonie
in Schwarz
Eine Spurensuche zwischen
Lebensreform, Frauenbewegung
und Bohème
Die Drucklegung der Publikation wurde großzügig unterstützt durch Paul Heinen/
Bundesverband Deutscher Tabakwaren-Großhändler und Automatenaufsteller e.V.
sowie durch den Deutschen Zigarettenverband.
Einbandabbildung und Frontispiz: Ausschnitte aus
Oskar Zwintscher, Bildnis einer Dame mit Zigarette,
1904, Albertinum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden
[Foto: Elke Estel / Hans-Peter Klut]
Einbandgestaltung: Katja Peters, Berlin
Layout und Satz: Edgar Endl, booklab, München
Druck und Bindung: Beltz Grafische Betriebe GmbH, Bad Langensalza
Verlag
Deutscher Kunstverlag GmbH Berlin München
Lützowstraße 33, 10785 Berlin
www.deutscherkunstverlag.de
Ein Unternehmen der Walter de Gruyter GmbH Berlin Boston
www.degruyter.com
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation
in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
© 2023 Deutscher Kunstverlag GmbH Berlin München
ISBN 978-3-422-80115-8
www.deutscherkunstverlag.de · www.degruyter.com
Inhalt
7 Prélude: eine geheimnisvolle Raucherin
13 Oskar Zwintscher als Bildnismaler
29 Symphonien in Schwarz – monochrome Malkunst
41 Malerei und Fotografie. Oskar Zwintscher und
Hugo Erfurth
49 Das Jahr 1904: die Welt in St. Louis, Lenbachs Tod
und Luxemburgs Kampf
63 Bewegte Frauen: der Chic des Rauchens
77 Im Dunstkreis großer Städte. Dresden – München –
Berlin
96 Lebensdaten
102 Anmerkungen
105 Literatur (Auswahl)
106 Abbildungsverzeichnis
110 Personen (Auswahl)
112 Dank
Abb. 1 Oskar Zwintscher, Bildnis einer Dame mit Zigarette, 1904, Dresden, Albertinum
Prélude:
eine geheimnisvolle
Raucherin
Selbstbewusst, mit offenem, direktem Blick schaut sie aus dem
Bild heraus |Abb. 1|. Lässig hat sie ihre Beine übereinandergeschlagen
und ihre rechte Hand mit der brennenden Zigarette
auf dem Knie abgelegt. Ihr blasses Gesicht mit den roten Lippen,
ihr aschblondes Haar, ihre Hände und die Glut der Zigarette
leuchten vor schwarzem Hintergrund. Erst bei genauerem Hinsehen
sind die faszinierenden Strukturen des Kleides und des Stoffvorhanges
hinter ihr zu entdecken. Die absolut schmucklose Dame in Schwarz
ist eine dunkle Verwandte von Gustav Klimts goldenen Jugendstil-
Schönheiten. Unbestimmbar ist der Seelenzustand der Porträtierten,
der zwischen cooler Nonchalance und stiller Melancholie changiert.
Das Bildnis einer Dame mit Zigarette von Oskar Zwintscher misst
nur 82 × 68 cm, und doch zieht das 1904 signierte Gemälde bis heute
die Besucherinnen und Besucher des Albertinum in Dresden in seinen
Bann. Der Unbekannten haftet etwas Rätselhaftes an – »wüsste
man es nicht besser, hielte man sie für eine französische Intellektuelle
der Sechzigerjahre.« 1 In der Kunst um 1900 sucht sie ihresgleichen.
War die Porträtierte, die sich in damals eindeutig männlich konnotierter
Pose als Raucherin malen ließ, vielleicht eine Künstlerin oder
Schauspielerin? Ist ihre provokante Haltung ein Hinweis auf ihre Rolle
in der Frauenbewegung, die gerade in Dresden, wo das Gemälde entstand,
in dieser Zeit besonders aktiv war? Kann sie gar als Prototyp
der »Neuen Frau« gedeutet werden, die sich dann insbesondere nach
dem Ersten Weltkrieg in den Großstädten der Weimarer Republik zunehmend
Gehör und Akzeptanz verschaffte? Oder ist das Gemälde
eher im Umfeld jener Marketingstrategien der Tabakindustrie zu verorten,
die sich seit den 1890er-Jahren verstärkt an weibliche Konsumierende
richteten und darum bemüht waren, gleichberechtigt anmutende
Rollenbilder zu vermitteln? Und welchen Eindruck mag
7
diese »Symphonie in Schwarz«, der gewagte Farbeinsatz, der von der
großen malerischen Virtuosität des Künstlers zeugt, auf die Zeitgenossen
gemacht haben?
Die folgenden Kapitel machen sich auf, den Geheimnissen dieser
»mysteriösesten Raucherin der Kunstgeschichte« 2 auf die Spur zu
kommen. Über die Entstehung des Gemäldes ist wenig bekannt. Auf
keiner Ausstellung zur Lebzeit des Künstlers ist es bisher nachweisbar.
Sicher ist nur, dass es bei der Gedächtnisausstellung, die 1916 aus
Anlass von Zwintschers Tod veranstaltet wurde, unter dem Titel »Bildnis
mit Zigarette« vertreten war, und zwar als Leihgabe aus der prominenten
Dresdner Sammlung Rothermundt. Dies könnte ein Hinweis
darauf sein, dass es sich bei dem Gemälde um ein privates Auftragswerk
handelt, das nicht für eine größere Öffentlichkeit bestimmt war.
Adolf Rothermundt, der erste bekannte Besitzer des Gemäldes, war
ein Unternehmer und renommierter Kunstsammler, der unter anderem
durch Tabakhandel in Sankt Petersburg zu großem Reichtum gekommen
war. 1895 hatte er sich in Dresden-Blasewitz zur Ruhe gesetzt.
In den repräsentativen Räumen seiner schlossartigen Villa
hingen Werke von Édouard Manet, Claude Monet, Paul Cézanne,
Edgar Degas, Vincent van Gogh, Max Liebermann, Lovis Corinth, Max
Slevogt und anderen mehr. Viele dieser Bilder sind durch zeitgenössische
Fotografien dokumentiert, allerdings zeigt keine der Raumaufnahmen
das Bildnis einer Dame mit Zigarette von Oskar Zwintscher,
das einzige nachgewiesene Werk des Künstlers in Rothermundts Besitz.
Quellen belegen, dass sich das Gemälde von 1910 bis 1916 in dieser
Dresdner Sammlung befand. Doch könnte es auch schon früher dorthin
gelangt und ebenso länger dort verblieben sein – genauere Angaben
dazu fehlen. Adolf Rothermundt starb im Dezember 1930. Schon
in den Jahren zuvor hatte er seine kostbare Sammlung aus wirtschaftlichen
Gründen sukzessive vollständig veräußern müssen, so vielleicht
auch das Gemälde Zwintschers.
Die Spuren der rätselhaften Dame verlieren sich zunächst nach
1916. Zu einem unbestimmten Zeitpunkt kam das Gemälde in die Privatsammlung
des Bautzner Unternehmers Rudolf Weigang, Neffe und
Nachfolger Otto Weigangs, der gemeinsam mit seinem Bruder Eduard
zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Chromolithographische Kunstanstalt
und Großdruckerei besaß und zu den wichtigsten Förderern
8
des Museums in Bautzen gehörte. 1906 hatte Otto Weigang dem Museum
nicht nur die Mittel für einen Neubau, sondern auch 200 Kunstwerke
gestiftet, darunter Malerei und Skulptur des Jugendstils, etwa
von Hans Unger, Sascha Schneider, August Schreitmüller und Max
Klinger. Rudolf Weigang stand also bereits in der Tradition eines leidenschaftlichen
Kunstsammlers.
Er selbst wohnte seit 1903 in einem modernen, von Alvin Anger
erbauten Stadtpalais in Bautzen. 1916 erwarb er jedoch eine Villa in
Dresden, Bautzner Landstraße 44, die er zunächst als Nebenwohnsitz
nutzte. Um 1928/30 zog er endgültig in die ehemalige Residenzstadt.
Und in jener Dresdner Villa hing 1943 – belegt durch eine Raumaufnahme
– Zwintschers Bildnis einer Dame mit Zigarette. Ob Weigang
das Gemälde eventuell schon 1916 von Rothermundt übernommen
hatte oder ob davor noch ein weiterer Besitzerwechsel stattgefunden
hat, ob es Dresden zwischenzeitlich verlassen hatte oder nicht, ist unbekannt.
3
Als die Familie Weigang 1945 aus Dresden floh, ließ sie ihre Kunstsammlung
zurück. Die Dresdner Stadtverwaltung überwies sie 1948
zusammen mit anderen Objekten aus dem Besitz der Familie an die
Staatlichen Kunstsammlungen. Damit kam das Gemälde mit der geheimnisvollen
Raucherin – wenn auch unrechtmäßig – erstmals in
eine Museumssammlung. Als 2014 der Besitz der Weigangs an die
Erben restituiert wurde, zeigten diese sich offen dafür, dass etliche
der zurückgegebenen Kunstwerke für die Staatlichen Kunstsammlungen
Dresden erworben werden konnten. Unter den Ankäufen befanden
sich auch zwei Ölgemälde Zwintschers aus dem Jahr 1904: ein
spukhaft finsteres Landschaftsbild mit dem Titel Weidenbäume bei
Nacht |Abb. 18| sowie das meisterhaft gemalte Porträt jener unbekannten
rauchenden Frau, das schon vorher im Klingersaal des Albertinum
ausgestellt |Abb. 2| und längst zu einem Aushängeschild der Sammlung
avanciert war.
Die genauen Besitzverhältnisse in den ersten Jahren nach seiner
Entstehung liegen bei diesem außergewöhnlichen Gemälde also
ebenso im Dunklen wie seine Entstehungsgeschichte und die Identität
der Dargestellten. Der Blick auf den Maler Oskar Zwintscher als Porträtisten
wird aber hilfreich sein, einige der vielen weiteren Fragen
um das Bildnis einer Dame mit Zigarette zu beantworten.
Prélude: eine geheimnisvolle Raucherin 9
Abb. 2 Blick in den Klingersaal im Dresdner Albertinum
mit Oskar Zwintschers Bildnis einer Dame mit Zigarette
10
Prélude: eine geheimnisvolle Raucherin 11
Abb. 3 Oskar Zwintscher, Selbstbildnis, 1900, Bremen, Kunsthalle
Oskar Zwintscher
als Bildnismaler
Oskar Zwintschers Bilder gehören zu denen, an die man
sich noch lange erinnert, während Dutzende von anderen
in uns kaum den Tag überdauern, an dem sie uns vielleicht
Freude bereiten.« 4 So würdigte der Kunstkritiker
Paul Schumann 1904 das Werk des sächsischen Malers. Und Franz
Servaes prophezeite im selben Jahr: »Wir glauben uns nicht zu täuschen,
wenn wir in diesem Maler einen wahrhaft großen Porträtisten
begrüßen.« 5
Geboren am 2. Mai 1870 in Leipzig, wuchs Zwintscher in einem
musikalisch geprägten Elternhaus auf. Er studierte erst in Leipzig,
dann an der Kunstakademie in Dresden und lebte ab 1892 im nahegelegenen
Meißen, wo er seine spätere Frau Adele Ebelt kennenlernte.
Im Zuge seiner Ernennung zum Professor an der Dresdner Kunstakademie
1904 kehrte er mit Adele nach Dresden zurück. Doch führten
Zwintscher zahlreiche Reisen auch außerhalb Sachsens, unter anderem
nach Wien, Berlin und München, wo er später immer wieder an
bedeutenden Ausstellungen beteiligt war, ebenso wie in Bremen, Venedig
und anderen Städten. Er starb 1916 auf der Höhe seines Erfolges
an den Folgen einer Influenza-Erkrankung. 6
Vor allem als Bildnismaler erlangte Zwintscher nach 1900 weit über
die Landesgrenzen hinaus hohe Wertschätzung. Die ersten beiden
Verkäufe seiner Werke an ein Museum waren Porträts: sein markantes
Selbstbildnis aus dem Jahr 1900 |Abb. 3|, das 1902 für die Kunsthalle
Bremen angekauft wurde, sowie das lebensgroße Ganzfigurenporträt
seiner Frau Adele von 1902 |Abb. 4|, das 1903/04 für die Dresdner Gemäldegalerie
erworben wurde. Zu den zahlreichen Porträts kamen vor
allem noch Landschaften hinzu, außerdem Figurenbilder, die häufig
symbolistische Bezüge haben wie Knabe und Lilie von 1904 |Abb. 31|.
Der Schwerpunkt seines Schaffens aber ist eindeutig: Zwintscher
Oskar Zwintscher als Bildnismaler 13
Abb. 4 Oskar Zwintscher, Bildnis der Gattin des Künstlers, 1902,
Albertinum Dresden
14
Abb. 5 Oskar Zwintscher, Mädchen mit
Rosen, 1901, verschollen
malte überaus viele Porträts seiner
Frau, konterfeite Freunde, Kollegen
und Verwandte sowie Schauspieler
und andere Personen des öffentlichen
Lebens.
Wiederholt spiegelt sich in den
zeitgenössischen Quellen das besondere
Ansehen Zwintschers als Porträtist.
Er stehe, so konnte man in der
Wiener Sonn- und Montags-Zeitung
am 19. Februar 1906 lesen, »heute in
der vordersten Reihe der Bildniskünstler.
Die ungemein feine, farbige
Behandlung, die stilisierende, hie
und da etwas mystische Auffassung
des inneren Lebens der von ihm dargestellten
Persönlichkeiten geben seinen Bildern eine ganz eigenartige
persönliche Note, die uns unwillkürlich in Bann nimmt. Er liebt
die schönen Frauen und den berauschenden Duft seltener Blumen.
[…] Frauen, die mit stillen Märchenaugen in die Ferne blicken, als
lauschten sie Rätseln der Zukunft, süße, innige Bilder voll heimlicher
Liebe und Sehnsucht.«
Große Aufmerksamkeit erregten bei den Betrachtenden die oft eindringlichen
Blicke der Dargestellten, ihre Augen als vermeintliche
Fenster zum Innersten des Menschen: Der Kunstkritiker Franz Servaes,
der in jenem Jahr selbst von Zwintscher porträtiert worden war,
schrieb am 3. Juni 1904 über das Gemälde Mädchen in Rosen |Abb. 5|:
»Ein blondes, scheues, rehäugiges kleines Mädchen auf Goldgrund
mit einer entzückenden Beigabe stilisiert behandelter Blumen gehört
zum Feinsten und Wahrsten an moderner Seelenmalerei.« 7
Ebenso lobte die prominente Kritikerin und Klimt-Fürsprecherin
Berta Zuckerkandl anlässlich einer Ausstellung im Wiener Hagenbund
1906: »Die Frauen mit den stillen, weitblickenden Augen, […] mit
der wartenden, in die Zukunft lauschenden Haltung, der doch so viel
Vergangenheitsgedanken innewohnen, sind Typen einer leise mystisch
empfindenden Innenwelt. Vielleicht haben Zwintschers Gestalten
eine entfernte Aehnlichkeit mit dem Idealtypus des Brüsseler
Oskar Zwintscher als Bildnismaler 15
Abb. 16 Oskar Zwintscher, Bildnis Adele Zwintscher – Interieur mit schwarzen Kacheln,
1906, Düsseldorf, Kunstpalast
Symphonien in Schwarz –
monochrome Malkunst
Die intensive Auseinandersetzung Oskar Zwintschers mit der
Farbe Schwarz, die das Bildnis einer Dame mit Zigarette
prägt, kommt nicht von Ungefähr. Im europäischen Symbolismus,
zu dessen wichtigen Vertretern der sächsische
Maler zu zählen ist, konnten die dunklen Töne entsprechende gedankliche
Inhalte versinnbildlichen – Bilder von Tod und Verderben, Sünde
und Dämonie, aber auch Trauer, Gram und Weltschmerz waren ohne
Schwarz nicht adäquat auszudrücken. 13 Bereits die »pinturas negras«
von Goya hatten in die tiefsten Abgründe menschlicher Existenz blicken
lassen.
In den maltechnischen Schriften des 19. Jahrhunderts werden die
verschiedenen Möglichkeiten, einen Eindruck von Schwärze zu erzeugen,
thematisiert: »Beschrieben sind sowohl unterschiedliche organische
Pigmente wie Bein- und Pflanzenschwarz, als auch Pigmentmischungen
und Überlagerungen von schwarzen und bunten Lasuren,
um Farbvariationen zu bewirken. Auch mit Farbschichten ohne jeglichen
Anteil von schwarzen Pigmenten konnte ein optisches Schwarz
erzeugt werden, angeblich eines der ›tiefsten und dunkelsten‹«. 14 Bis
in die heutige Zeit reicht das Ringen um das schwärzeste Schwarz. Erst
vor wenigen Jahren gab es ein heißes Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen
den Farben »Vantablack« und »Musou Black«, die beide über 99 Prozent
des einfallenden Lichts absorbieren sollen. Der Pigmentpurist Anish
Kapoor hatte dabei – in Tradition des »International Klein Blue« von
Yves Klein – seine Finger im Spiel: 2015/16 erwarb er das Vorrecht des
künstlerischen Gebrauchs des Vantablack exklusiv für sich. 15
Oskar Zwintscher war aber beileibe kein reiner Schwarzmaler.
Viele seiner Bilder strahlen nur so vor Lebensfreude, wenn die Wiesen
und Wälder einer Frühlingslandschaft verschiedenste Facetten
der Farbe Grün vor Augen führen, die Dächer seiner zeitweiligen
29
Abb. 17 Oskar Zwintscher, Detail aus Bildnis einer Dame mit Zigarette, 1904,
Dresden, Albertinum
Heimatstadt Meißen zu changierend roten Farbflächen verschmelzen
oder der Himmel über dem Elbtal in einem geradezu magisch leuchtenden
Blau den Sommer verheißt. Doch der Künstler experimentierte
in einer ganzen Reihe seiner Gemälde mit schwarzen Farbwerten.
In dem bereits erwähnten Porträt seines Kollegen und Freundes
Sascha Schneider lässt er das streng frontal fokussierte Antlitz aus
einem fast einheitlich dunklen Grund hervorleuchten |Abb. 13|. Und
mit den Bildnissen seiner Frau Adele von 1901 (Städtische Galerie im
30
Lenbachhaus, München) und von 1906 |Abb. 16| sowie mit seinem Porträt
der Bildhauerin Clara Rilke-Westhoff von 1902 |Abb. 9| schuf
Zwintscher eindrucksvolle Variationen des Themas »Dame in
Schwarz«.
Doch zurück zur Dame mit Zigarette. Der Stuhl, auf dem die unbekannte
Frau mit übereinander geschlagenen Beinen sitzt, ist nicht zu
erkennen. Ebenso ist die Raumsituation völlig unklar. Im Hintergrund
ist lediglich ein teils Falten bildender schwarzer Stoff zu sehen,
vermutlich ein Vorhang, vielleicht aber auch eine Zeltbahn. Auf den
Stoff sind Streifen aus sogenanntem Ausbrenner-Samt appliziert. Zur
Rechten der Porträtierten befindet sich im Stoff eine Öse, aus der eine
aus Quasten bestehende Kordel herabhängt, die zum Drapieren des
Textils dienen könnte |Abb. 17|. Ob es sich bei dem schwarzen Stoff
um einen Bühnenvorhang handelt, ein Inszenierungselement eines
Fotoateliers, um eine Portiere oder um ein dekoratives Raumelement,
das einen Durchgang kaschiert, bleibt offen. Sicher ist, dass Zwintscher
in dem 1910 entstandenen Gemälde Zwischen Schmuck und Lied
(Museum der bildenden Künste Leipzig) einen ganz ähnlich gemusterten,
eventuell sogar denselben schwarzen Stoff dargestellt hat.
Dort trägt ein alter Mönch eine Kutte, deren Samtbordüren in einem
ebenso geometrischen Verlauf appliziert sind wie im Hintergrund der
Dame mit Zigarette. Es könnte sich also letztendlich um ein Atelierrequisit
des Malers gehandelt haben, das dieser jedoch mit Sicherheit
gezielt eingesetzt hat, um der Dargestellten eine geheimnisvolle Aura
zu verleihen.
Um 1900 war tiefes Schwarz nicht ohne Grund eine bevorzugte
Farbe von Bohèmiens, Anhängern des l’art pour l’art und verwandter
Geisteshaltungen jenseits bürgerlicher Konventionen. Wassily Kandinsky
schrieb 1912 in seiner programmatischen Publikation Über das
Geistige in der Kunst: »Und wie ein Nichts ohne Möglichkeit, wie ein
totes Nichts nach dem Erlöschen der Sonne, wie ein ewiges Schweigen
ohne Zukunft und Hoffnung klingt innerlich das Schwarz.« 16
In einer Persiflage auf die Stimmungsfarbigkeit des Fin de Siècle
|Abb. 18| – erschienen unter dem Titel »Die Decadenten (Eine Caféhausstudie)«
in der Münchner Zeitschrift Jugend von 1898, Nr. 42 –
kommen zwei das damalige Modegetränk Absinth genießende Herren
über die Farbe Schwarz ins Gespräch:
Symphonien in Schwarz – monochrome Malkunst 31
Abb. 38 Theodor Hilsdorf, Carry Brachvogel, undatiert, München, Stadtmuseum
Bewegte Frauen:
der Chic des Rauchens
Zigarette
Gewidmet sei das erste der Sonette,
In dem ich völlig mich der Form bemeistert,
Der Zauberin, die mich dazu begeistert:
Der duftenden Havannazigarette.
Nicht mühsam ward zusammen es gekleistert.
Es floss, ein Strom im selbstgegrabnen Bette,
Indessen ich des Rauches Wolkenkette
Gen Himmel blies, vor Wonne halb entgeistert.
Mir zaubert, Feine, deines Dufts Narkose
Des Traumes Blüte ins entlaubte Leben,
In meinen Herbst die Nachtigall, die Rose.
Wenn deine zarten Wölkchen mich umschweben,
Fühl ich versöhnter mich mit meinem Lose
Und lass mit ihnen sich den Geist erheben.
Diese Hommage an die Zigarette schrieb die Schriftstellerin Marie von
Ebner-Eschenbach vermutlich vor 1875, zu einer Zeit, in der die Zigarette
ihren Siegeszug noch nicht angetreten hatte. Damals waren
Pfeife und Zigarre der Zigarette noch weit überlegen und rauchende
Frauen eine Ausnahme. Bekannte Raucherinnen waren die Schriftstellerinnen
George Sand und Louise Aston, die Hochstaplerin und
Tänzerin Lola Montez sowie die österreichische Kaiserin Elisabeth,
besser unter dem Namen Sisi bekannt. Von Louise Aston gibt es ein
63
Abb. 39 Johann Baptist Reiter, Die Emanzipierte (Louise Aston),
um 1847, Linz, Oberösterreichisches Landesmuseum
wahrscheinlich 1847 von dem Porträtisten Johann Baptist Reiter in
Wien gemaltes Bildnis, Die Emanzipierte, das sie mit brennender Zigarette
zeigt |Abb. 39|. Von Lola Montez sind mehrere Fotografien erhalten,
die sie rauchend zeigen.
Im 19. Jahrhundert waren Zigaretten noch in Tabak oder ein dunkles
Papier eingewickelt. Sie waren deutlich kleiner als eine Zigarre
und ähnelten eher einem Zigarillo. Wann genau die Zigarette erfun-
64
Abb. 40 John Singer Sargent,
Sitzende Algerierin, um 1890,
Paris, Petit Palais
den wurde, ist nicht bis ins Detail geklärt. Mitte des 19. Jahrhunderts
hat es sie auf jeden Fall schon gegeben. In Deutschland wurden die
ersten Zigaretten in den 1860er-Jahren hergestellt – vor allem auch in
Dresden: der Stadt, in der Oskar Zwintscher lebte, als er sein Bildnis
einer Dame mit Zigarette malte.
Die Emanzipierte von Reiter ist bei Weitem nicht die einzige Darstellung
einer rauchenden Frau aus dem 19. Jahrhundert. Die meisten
weiblichen Rauchenden, die in der Malerei zu finden sind, waren allerdings
weder Schriftstellerinnen noch emanzipiert wie Louise
Aston, sondern Frauen, die außerhalb der bürgerlichen Norm standen,
entweder weil man sie als »Exotinnen« ansah oder weil sie zu den
Trinkerinnen, den Prostituierten oder den Halbweltdamen gehörten.
So malte Édouard Manet 1862 ein Bild mit dem Titel Zigeunerin mit
Zigarette (Princeton, Art Museum). 36 Bis heute gibt es die dazu passende,
allerdings erst seit 1910 verbreitete französische Zigaretten-
Bewegte Frauen: der Chic des Rauchens 65
Abb. 41 Nikolaus Gysis, Plakat für Orientzigaretten der Firma
Pan. C. Papastathis, vor 1897, München
66
marke mit dem Namen »Gitanes«. 1878 malte Manet dann das Bild Die
Pflaume (Washington, National Gallery), auf dem eine junge Frau in
Gedanken versunken in einem Lokal vor einem Glas mit einer in
Schnaps getauchten Pflaume sitzt, eine noch nicht angezündete Zigarette
in der Hand. Um 1880 fügte der US-Amerikaner John Singer Sargent
diesem Reigen rauchender Frauen noch die Zeichnung einer Sitzenden
Algerierin |Abb. 40| hinzu. Von dem in einen Schleier gehüllten
Körper der Frau sieht man nur den Kopf, die Füße und die eine Zigarette
haltende Hand. 1888 bestätigte dann Jean-Jules Antoine Lecomte
du Noüy sämtliche Vorurteile über rauchende Frauen mit seinem Bild
Die weiße Sklavin (Nantes, Musée des Beaux-Arts). Es zeigt eine Frau,
die nur notdürftig von einem weißen Tuch verhüllt ist und den Rauch
in Kringeln ausbläst. Das war ein absolutes Sakrileg.
Die »orientalisch« anmutende rauchende Frau wurde zur gleichen
Zeit auch in der Zigarettenwerbung eingesetzt. Vorbilder waren
dabei häufig bekannte Werke der europäischen Kunst, wie etwa Darstellungen
der Venus oder einer Odaliske. 37 Beispielhaft hierfür ist
ein ägyptisierendes Plakat für Orientzigaretten der Firma Papastathis
in München von 1897, das Nikolaus Gysis entworfen hatte
|Abb. 41|. Andere Werbung war dem Jugendstil verpflichtet, wie Plakate
für »Laferme«-Zigaretten von 1905 |Abb. 42| oder für JOB-Zigarettenpapier
von 1896 von Jeanne Louise Marie Euphrasie Atché
|Abb. 43|. Atché entwarf mehrere solcher Plakate, ebenso ihr Malerkollege
Alfons Mucha zwischen 1896 und 1904.
Ganz anders stellt sich demgegenüber die Frau, eine Zigarette rauchend
|Abb. 44| dar, die Henri de Toulouse-Lautrec 1890 in Paris malte
und die zu einer Reihe gehört, in der er Arbeiterinnen in ihren Wohnungen
in seiner Nachbarschaft auf dem Montmartre darstellte. Kein
Absinth, kein Lokal, sondern eine einfache Behausung mit einer sitzenden
Frau, die eine brennende Zigarette in ihren Fingern hält: ein
Moment der Entspannung und das kleine bisschen Luxus einer Ruhepause.
Diese Darstellung nahm sich wohl Pablo Picasso zum Vorbild, der
1901 ebenfalls eine Frau mit Zigarette (Barnes Collection, Merion/Pasadena)
in einem Interieur malte. Die sitzende Halbfigur nimmt in der
Höhe die gesamte Bildfläche ein. Frontal aus dem Bild schauend hat
sie die Arme verschränkt und hält ebenfalls eine brennende Zigarette
Bewegte Frauen: der Chic des Rauchens 67