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Die wahre Kunst ist immer da wo man sie nicht erwartet

ISBN 978-3-422-80177-6

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6

VORWORT / PREFACE

12

JEAN DUBUFFET

58

DUBUFFET UND / AND ART BRUT

60

GASTON CHAISSAC

72

LOUIS SOUTTER

88

ADOLF WÖLFLI

92

MADGE GILL

100

MARGARETHE HELD


JEAN DUBUFFET

Dactylographe / Typistin / Typist

1944

10

aus / from: Matière et Mémoire ou les lithographes à l’école

Lithografie / Lithograph

26,5 × 16 cm


JEAN DUBUFFET

Cyclotourisme / Radwandern / Cycle Tourism

1944

11

aus / from: Matière et Mémoire ou les lithographes à l’école

Lithografie / Lithograph

21 × 16 cm


Dubuffet

1901–1985

12

Geboren 1901 in Le Havre in eine wohlhabende Familie

von Weinhändlern, begann Jean Dubuffet zwar 1918

ein Kunststudium an der Académie Julian in Paris,

brach es jedoch bereits nach sechs Monaten wieder ab,

da es ihm rückständig erschien. Erst 1942 entschloss er

sich, ausschließlich Künstler zu sein. Gegen die seiner

Ansicht nach überholten Kunstkonventionen und

ästhetischen Kategorien entwickelte und praktizierte er

einen Kunstbegriff, der von antikulturellen Vorstellungen

geprägt war. Wichtige Anregungen für Dubuffet kamen

von Schöpfungen, die nicht als künstlerisch galten; in der

Chronologie ihrer Rezeption durch den Künstler zählten

dazu Kinderkunst, Graffiti und Outsider Art. Bereits

in seinen ersten kunsttheoretischen Texten, Prospectus

aux amateurs de tout genre (1946), legte er seine Auffassung

einer Kunst dar, die sich aus Freude am Tun speist und

nicht aus Können und Expertise – eine Kunst, die roh

und zwanglos ist und zu einzigartigen Erfindungen

führt, statt bloße Nachahmung und Anpassung zu sein.

Zeitlebens experimentierte er mit Materialien, Techniken

und Formen, was dazu führte, dass sein Œuvre durch

immer neue Wege charakterisiert ist, die er in Werkserien

gleichsam erkundete. Den roten Faden seines Werkes –

jenseits aller Brüche – bildet die Landschaft. Sie kann

Natur ebenso sein wie Stadt, Gesicht, Körper oder

Schauplatz.

Neben der Malerei sind die Zeichnung und

Grafik Dubuffets Hauptmedien; in dieser Hinsicht blieb

er der Tradition verhaftet. Abgesehen von ersten Skulpturen

in den 1950er-Jahren arbeitete er erst ab Mitte der

1960er-Jahre dreidimensional und zunehmend auch in

Born into a wealthy family of wine merchants in Le Havre

in 1901, Jean Dubuffet began art studies at the Académie

Julian in Paris in 1918 but broke them off after just six

months because they seemed antiquated to him. Not until

1942 did he decide to dedicate himself exclusively to art.

He developed and practiced a concept of art marked by

anticultural ideas in order to counter artistic conventions

and aesthetic categories that he regarded as outdated.

Dubuffet derived important stimuli from works that were

not considered art; in his chronology of their reception,

the artist included art by children, graffiti, and outsider

art. Already in his first texts on art theory, Prospectus aux

amateurs de tout genre (Prospectus for Amateurs of All

Types, 1946), he outlined his view of an art based on the

pleasure of making it and not on skill and expertise—

an art that is raw and unconstrained and leads to unique

inventions rather than merely imitating and conforming.

All his life, he experimented with materials, techniques,

and forms, resulting in an oeuvre that is characterized

by always taking new paths, which he heralded, so to

speak, in series of works. The thread running through his

oeuvre—despite all the breaks—is landscape. It can be

nature as well as city, face, body, or scene.

In addition to painting, Dubuffet’s main media

were drawing and printmaking; in that respect, he clung

to tradition. After his first sculptures in the 1950s, he

began to make three-dimensional works again in the mid-

1960s, increasingly with large dimensions and outdoors.

He discovered lithograph in 1944 as a graphic medium

perfectly suited to his intentions. This comparatively

everyday printing technique suited his enthusiasm for


großen Dimensionen im Außenraum. Als ein grafisches

Medium, das kongenial seinen Intentionen entsprach,

entdeckte er 1944 die Lithografie. Die vergleichsweise

alltägliche Drucktechnik kam seiner Begeisterung für das

„Gewöhnliche“ entgegen, und er konnte mit ihr wilde

Materialexperimente treiben. Im Sommer dieses Jahres

ließ er sich nach ersten Versuchen an der Presse eines

Nachbarn bei dem Lithografen Fernand Mourlot als

„Lehrling“ einführen. Mourlot galt als der beste Lithograf

in Paris; viele Künstler wie Pablo Picasso und Henri

Matisse beauftragten ihn. Bei ihm bearbeitete Dubuffet

ein Vierteljahr lang nicht nur den Stein selbst – und dies

mit ungewöhnlichen „Werkzeugen“ wie Rasierklingen,

Sandpapier und Glasscherben –, sondern erstellte

sogar die Abzüge. Da Mourlot zudem Künstlerbücher

verlegte, schlug er Dubuffet eine Kooperation mit dem

Dichter Francis Ponge vor. Unter dem Titel Matière et

Mémoire ou les lithographes à l’école wurden 34 Lithografien

aus Dubuffets „Lehrzeit“ zusammengefasst. Viele dieser

frühen Lithografien verbinden das Kontinuum des

Bildraums als Wahrnehmungsraum mit all seinen

Phänomenen bereits mit der „antikulturellen“ Orientierung

und dem Interesse am Homme commun. In Paysage

avec deux hommes et trois perdrix (S. 17) etwa lassen sich

landschaftliche und figurative Elemente nicht mehr

voneinander trennen. Die Umrisse der beiden Männer,

die an Kinderzeichnungen erinnern, sind graffittiartig

im Naturraum angelegt.

In dem anschließenden Zyklus Les Murs von

1945 behandelte Dubuffet die Mauern eher ärmlicher

Pariser Quartiere strukturell wie Landschaften.

the “ordinary,” and he could use it to conduct wild

experiments with materials. During the summer of that

year, after initial experiments on a neighbor’s printing

press, he had Fernand Mourlot introduce him to the

technique as an “apprentice.” Mourlot was regarded

as the best lithographer in Paris; many artists, such as

Pablo Picasso and Henri Matisse, worked him. For a

quarter year in his workshop, Dubuffet worked not only

on the stone itself—using unusual “tools” such as shards

of glass, sandpaper, and razor blades—but also made

his own prints. Because Mourlot also printed artists’

books, he proposed that Dubuffet collaborate with the

poet Francis Ponge. Matière et Mémoire, ou Les lithographes

à l’école (Matter and Memory, or the Lithographs in

School) brought together thirty-four lithographs from

Dubuffet’s “apprenticeship.” Many of these early

lithographs combine the continuum of the pictorial space

as a space of perception and all its phenomena with an

“anti-cultural” orientation and interest in the “homme

commun.” In Paysage avec deux hommes et trois perdrix (p. 17),

for example, the landscape elements and the figurative

ones can no longer be separated. The outlines of the two

men, which recall drawings by children, look like graffiti

placed in nature.

In the cycle that followed it, Les Murs of 1945,

Dubuffet treated the walls or rather poor neighborhoods

in Paris like landscapes in terms of their structure. In

keeping with the urban locality, the prints in Les Murs

are harder and cheekier, showing, for example, men

peeing (p. 21). Some of the walls have graffiti, which is

also suggested by the figures in front of—or, better, in

13


42


JEAN DUBUFFET

Passe furtif et décor / Schleichpass und Dekor / Furtive Pass and Decor

1955

43

Öl auf Leinwand / Oil on canvas

116 × 89 cm


Gaston Chaissac

1910–1964

60

Gaston Chaissac, der 1910 in Avallon im Burgund geboren

wurde, verließ bereits mit 13 Jahren die Schule und

versuchte sich danach in verschiedenen Lehrberufen und

Gelegenheitsjobs. Sein Leben nahm eine entscheidende

Wendung, als er 1937 in Paris dem deutschen Künstler

Otto Freundlich und dessen Lebensgefährtin Jeanne

Kosnick-Kloss begegnete, die ihn an die Malerei und

Zeichnung heranführten. Eine von ihnen vermittelte erste

Galerieausstellung 1938 machte Chaissac bei Künstlern

und Museumskuratoren bekannt. Zeitlebens gelang es

ihm, einflussreiche Förderer zu finden, darunter namhafte

Kunstkritiker, Kunsthändler*innen und Intellektuelle,

wie André Bloc, Aimé Maeght, Iris Clert, André Breton

und Raymond Queneau. Ab Mitte der 1940er-Jahre

wurde Jean Dubuffet ein maßgeblicher Multiplikator und

Sammler und ließ sich selbst von dem engen Austausch

mit dem originellen Künstler-Poeten künstlerisch, literarisch

und intellektuell inspirieren; ihre Korrespondenz

umfasste am Ende über 440 Briefe.

Chaissacs Etablierung als Künstler verfolgte

Dubuffet allerdings mit einem gewissen Argwohn. Nach

der Rückkehr der Collection de l’Art Brut aus New York

1962 und ihrer Neuordnung schlug er Chaissacs Werke

der Unterkategorie „Neuve Invention“ zu, die er von der

originären Art brut wegen der seiner Ansicht nach geringeren

Radikalität und größeren Nähe zur kulturellen Norm

abgrenzte. Um die wachsende Nachfrage nach seinen

Werken zu befriedigen, überanstrengte sich der physisch

äußerst fragile Chaissac und starb im November 1964.

Sein künstlerisches Œuvre, das Malerei, Zeichnung,

Collage, Skulptur umfasst, 1 überrascht durch

Gaston Chaissac, who was born in Avallon, Burgundy,

in 1910, left school at the age of thirteen and then tried

out various apprenticeships and occasional jobs. His

life took a decisive turn when he met the German artist

Otto Freundlich and his partner, Jeanne Kosnick-Kloss,

in Paris in 1937, who guided him toward painting and

drawing. His first gallery exhibition in 1938, which they

helped arrange, brought Chaissac to the attention

of artists and museum curators. He managed to find

influential supports all his life, including renowned art

critics, art dealers, and intellectuals, such as André

Bloc, Aimé Maeght, Iris Clert, André Breton, and

Raymond Queneau. From the mid-1940s onward,

Jean Dubuffet became an important advocate and

collector and found artistic, literary, and intellectual

inspiration in a close exchange with this original artistpoet;

their correspondence ultimately comprised more

than 440 letters.

Dubuffet regarded Chaissac’s establishment

as an artist with some suspicion, however. After the

Collection de l’Art Brut was returned to Paris from

New York in 1962, he reorganized it, assigning Chaissac’s

works to the subcategory “Neuve Invention,” which he

distinguished from original Art Brut because he saw it as

less radical and closer to the cultural norm. In trying to

satisfy the growing demand for his works, Chaissac, who

was extremely fragile physically, overtaxed himself and

died in November 1964.

His artistic oeuvre, which includes painting,

drawing, collage, and sculpture, 1 is surprising for its

nonstandard artistic materials, such as board, roots,


die außerkünstlerischen Materialien, zu denen Bretter,

Wurzeln, Tapeten, Töpfe und vieles andere an Gefundenem

und Gebrauchtem zählen. Es sind „arme“ Materialien,

die Chaissac aus materieller Not und als Ideenquelle

nutzte. Er kannte das „Recycling“ in der Kunst

der Moderne ebenso wie die Bricolage in der Volkskunst,

doch seine „art rustique moderne“ ist singulär. Den

Schöpfungen von Kindern und damals als „geisteskrank“

bezeichneten Personen, die er sehr schätzte, entnahm er

Anregungen und transformierte diese. Seine künstlerische

Unabhängigkeit hatte er bereits mit der figurativen

Umdeutung von Otto Freundlichs abstrakten Glasmalereien

bewiesen. Die daraus abgeleiteten leuchtenden Farben

und schwarzen Umrisslinien, die auch die reduzierten

Gesichter in Frontalansicht definieren, sind Konstanten in

seinem experimentellen Werk. Seine individuelle Antwort

auf Freundlichs Kompositionen war das vielfach Mosaikartige,

bis hin zu den späten Collagen mit Tapeten.

Einen Höhepunkt stellen Chaissacs letzte

Lebensjahre dar. Um 1960 wandte er sich erneut der

Zeichnung zu und fertigte vergleichsweise große Blätter

mit farbigen Tuschen, wie sein Selbstporträt Visage Lunaire

(S. 71). 1961 berichtete er Dubuffet von Collagen mit

bedruckten Tapeten, die er als Geschenk des Himmels

ansah. Seine Begeisterung und Freude über das neue

Material manifestiert sich in der geradezu prächtig-heiteren

Composition à un visage (S. 64/65). Die Tapeten mit ihren

floralen Mustern und die gezeichneten Motive wie die

markante Spinne suggerieren einen sommerlichen

Garten, das Gesicht strahlt vor Glück. In Collage à l’œil

carré (S. 63) wiederum sind die Tapeten so zugeschnitten,

wallpaper, pots, and many more found and used objects.

They are “poor” materials that Chaissac used both for

lack of other materials and as a source of ideas. He was

familiar with both “recycling” in modern art and the

bricolage in folk art, but his “art rustique moderne” is

unique. He borrowed from the art of children and of

people then called “mentally ill,” which he very much

admired, and transformed it. He had previously demonstrated

his dependence on the work of other artists in

his figural reinterpretation of Otto Freundlich’s abstract

paintings on glass. He derived from them the bright colors

and black contour lines, which also define these reduced

faces seen frontally, that are constants in his experimental

work. His individual response to Freundlich’s compositions

was an often mosaic-like quality that continues into the

late collages with wallpaper.

Chaissac’s late years represent a high point.

Around 1960, he returned to drawing and produced

relatively large sheets with colored inks, such as his

self-portrait Visage lunaire (p. 71). In 1961, he told

Dubuffet of his collages on printed wallpapers, which

he regarded as a gift from heaven. The enthusiasm and

joy he derived from this new material is manifested in

the almost magnificently cheerful Composition à un visage

(pp. 64–65). The wallpapers with their floral patterns

and the drawn motifs, such as the striking spider, suggest

a summer garden; the face radiates happiness. Collage

à l’œil carré (p. 63), in turn, the wallpapers are cut up to

suggest a figure. Other collages, by contrast, are largely

abstract compositions of pieces of wallpaper outlined in

black and sometimes combined with monochrome color

61


64


GASTON CHAISSAC

Composition à un visage / Komposition mit einem Gesicht / Composition with a Face

1961

65

Collage und Tusche auf Papier / Collage and ink on paper

65 × 95 cm


Louis Soutter

1871–1942

72

1871 in Morges nahe Lausanne geboren, begann Louis

Sutter 1892 zunächst mit dem Studium der Musik, das

er 1895 zugunsten einer künstlerischen Ausbildung an

der Pariser Académie Colarossi aufgab. 1897 übersiedelte

er mit seiner amerikanischen Frau nach Colorado

Springs, wo er die Kunstabteilung des Colorado College

leitete und Malerei unterrichtete. 1902 ließ er sein

Leben in den USA, Familie und Beruf, hinter sich und

kehrte in die Schweiz zurück. Wegen seines psychischen

und physischen Zustands, der sich über die Jahre

verschlechterte, wurde er 1923 gegen seinen Willen in

ein Altenheim in Ballaigues eingewiesen. Dort nahm

er nach 20-jähriger Unterbrechung seine künstlerische

Arbeit wieder auf und produzierte – weitgehend isoliert

vom Kunstgeschehen – bis zu seinem Tod Tausende

von Zeichnungen, über die er in einem Brief an seinen

Cousin, den Architekten Le Corbusier, schrieb: „Meine

Zeichnungen möchten nur eines sein, einmalig und vom

Geist des Schmerzes durchdrungen.“ 1

In den ersten Jahren in Ballaigues, bis etwa 1930,

zeichnete Soutter aus der materiellen Beschränkung

heraus meist mit Tusche in einfache Schulhefte, von

denen die erhaltenen posthum mehrheitlich in Einzelblätter

aufgelöst wurden. Seine Sujets fand er in der Landschaft

und dem Alltagsleben von Ballaigues, in der Bibel,

Mythologie, Literatur und in Zeitschriften. Von seinem

handwerklich-technisch gekonnten, doch konventionellen

Jugendwerk löste er sich rasch. Ist das Blatt Le feuillage

et le banc (S. 75) in seiner Realitätsorientierung und

Penibilität diesem noch verhaftet, so zeigt die Darstellung

in La fille et le paysan einen höheren Abstraktionsgrad.

Born in Morges, near Lausanne, in 1871, Louis Soutter

(born Sutter) first began studying music in 1892 but in

1895 abandoned it in favor of an education as an artist

at the Académie Colarossi in Paris. In 1897, he and

his American wife moved to Colorado Springs, where

he headed the art department of Colorado College

and taught painting. In 1902, he left behind his life,

family, and career in the United States and returned to

Switzerland. Because of his psychological and physical

state, which grew worse over the years, he was moved

against his will into a retirement home in Ballaigues.

There, he began making art again after a twenty-year

interruption, working largely in isolation from the art

world and producing thousands of drawings by the time

of his death, of which he wrote in a letter to a cousin,

the architect Le Corbusier: “My drawings have no aim

other than being unique and permeated with the idea

of suffering.” 1

In his early years in Ballaigues, until around

1930, Soutter usually drew, for lack of better materials,

with ink in simple school notebooks, most of which

were broken down into single sheets posthumously.

He found his subjects in the landscape and in daily life in

Ballaigues as well as in the Bible, mythology, literature,

and magazines. He quickly left behind the technically

proficient but conventional work of his youth. Whereas

Le feuillage et le banc (p. 75) is still rooted in it in terms of its

orientation around reality and meticulousness, La fille et le

paysan is more abstract. Condensed nets of hatched lines

within the figures link them to the architectonic space.

The gloomy atmosphere is in keeping with the rather


Schraffierte Liniennetze, die sich in den Figuren verdichten,

binden diese mit dem architektonischen Raum

zusammen. Die düstere Atmosphäre korrespondiert mit

der schwer durchschaubaren Szene, innerhalb derer die

überdimensionierten Hände des Bauern herausstechen.

In der Folge wurde die Linienführung freier und

expressiver, der Auftritt der Figuren, ihre Mimik und Gestik,

theatralisch oder exaltiert bis hin zur karikaturesken und

gleichzeitig beängstigenden Verzerrung, wie ein Vergleich

der Blätter Vigneron/Liauball, DO/RE/MI/FA/SOL (Soviets

vouz avez raison) und Le banc soviétique (S. 80/81). demonstriert.

Der Einfluss der Gefühle und Empfindungen des

Künstlers auf Form und Inhalt intensivierte sich in den

1930er-Jahren. Die Formate wurden größer, als Soutter

sich nicht mehr mit den Heften begnügen musste, doch

die Kompositionen nicht großzügiger; vielmehr drängen

sich die oft entblößten Figuren zu schaurig-infernalen

Meuten zusammen, wie in Furies (S. 84) oder Vision de saint

(S. 82/83), das Soutters christlich geprägte Weltsicht verdichtet.

Der Horror Vacui – die Flächen sind überzogen

von Strichtexturen und Liniengeweben – verstärkt die

quälende Enge.

Das thematische Spektrum in dieser Phase

umfasst Religiöses und Mythologisches, die Kunstgeschichte

in Reinterpretationen von Renaissancemalerei und

anderes mehr. Einen größeren Block bilden weibliche

Köpfe, die mit ihrem reichen Dekor Soutters Verwurzelung

im Symbolismus zeigen (Mosaïque, S. 85). Aufgrund

der Abweichungen vom klassischen Kanon hinsichtlich

Figurenauffassung, Perspektive und Komposition spricht

die Forschung von der manieristischen Periode im Werk

inscrutable scene, in which the oversized hands of the

peasant stand out.

Later, his line became freer and more expressive;

the appearance of the figures—that is, their facial

expressions and gestures—range from theatrical and

exalted to caricatured and yet frightening distortion,

as is demonstrated by comparing Vigneron/Liauball,

DO/RE/MI/FA/SOL (Soviets vouz avez raison), and Le banc

soviétique (pp. 80–81). The influence of the artist’s

feeling and emotions on the form and content intensified

in the 1930s. The formats became larger when Soutter

no longer had to make do with notebooks, but the

compositions did not become more generous; rather,

the frequently exposed figures crowded together into

eerie, infernal mobs, as in Furies (p. 84) or Vision de saint

(pp. 82–83), which expresses Soutter’s Christian-tinged

worldview. A horror vacui—the planes are covered with

textures and webs of lines—reinforces the excruciating

crowding.

The thematic spectrum of this phase includes

the religious and mythological, art history in the form

of reinterpretations of Renaissance paintings, and

more. One larger block consists of female heads, whose

rich decoration reveals Soutter’s roots in Symbolism

(Mosaïque, p. 85). Because these works deviate from the

classical canon in terms of the conception of figures,

perspective, and compositions, scholars have described

this as the Mannerist period in Soutter’s oeuvre. It lasted

from around 1930 to 1937 and ended with a transition

into finger painting as a consequence of arthritis and an

eye ailment. 2 Beginning with the Mannerist period but

73


80


LOUIS SOUTTER

Le banc soviétique

Die sowjetische Bank / The Soviet Bench

1930–1937

81

Tusche auf Papier / Ink on paper

29,7 × 43,8 cm


ADOLF WÖLFLI

Heilige Santa Maria / Holy Santa Maria

ohne Jahr / not dated

90

recto

Buntstift auf Papier / Colored pencil on paper

50 × 37,5 cm


verso

Buntstift auf Papier / Colored pencil on paper

37,5 × 50 cm

91


MADGE GILL

ohne Titel / Untitled

ohne Jahr / not dated

96

Tusche auf Karton / Ink on cardboard

13,9 × 8,5 cm


MADGE GILL

ohne Titel / Untitled

ohne Jahr / not dated

97

Tusche auf Karton / Ink on cardboard

13,8 × 8,4 cm


MARGARETHE HELD

Gnom in Nordamerika / Gnome in North America

1950

104

Pastell auf Papier / Pastel on paper

42 × 27,5 cm


MARGARETHE HELD

Eine Dämonin / A Demoness

1950

105

Pastell auf Papier / Pastel on paper

70 × 50 cm

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