Das Historische Grüne Gewölbe zu Dresden
ISBN 978-3-422-80247-6
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Das Historische Grüne Gewölbe zu Dresden
Die barocke Schatzkammer
Dirk Syndram
Jutta Kappel
Ulrike Weinhold
Das Historische Grüne
Gewölbe zu Dresden
Die barocke
Schatzkammer
Monument eines königlichen Sammlers: Das Grüne Gewölbe Augusts des Starken
»In Dresden hat man vor allen Dingen dahin zu trachten, daß
man das sogenannte grüne Gewölbe oder die Schatzkammer zu sehen
bekomme.« 1 Dieser heute noch gültige Rat findet sich bereits in der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Johann Georg Keyßlers viel gelesenem
Reiseführer für Deutschland, Böhmen, Ungarn, die Schweiz,
Italien und Lothringen. Keyßler hatte die Schatzkunstsammlung im
Oktober 1730 wenige Monate nach ihrer baulichen Vollendung besucht
und war sehr beeindruckt. Seine eingehenden Schilderungen beendete
der weitgereiste Schriftsteller mit der Feststellung: »Dieses wäre nun
ein Generalbegriff desjenigen, was im grünen Gewölbe enthalten,
und beym Durchsehen bemerket werden können. Denn alle besondere
Kostbar keiten anzudeuten, ist nicht möglich, wird auch von Jahren zu
Jahren schwerer, weil sich die Sachen immer mehren. Die florentinische
Tribuna mit demjenigen, was dazu gehöret, übertrifft vielleicht
am Werthe diesen itztgemeldten Schatz; allein es ist nicht zu leugnen,
daß die Fassungen und die wohl ausgesonnene Ordnung, welche man
den hiesigen Sachen zu geben gewußt hat, ihnen ein Ansehen machet,
welches viel mehr als der florentinische Schatz in die Augen fällt.«
August den Starken hätte diese Einschätzung sehr gefreut, denn
die Tribuna der Uffizien in Florenz war damals der unangefochtene
Maßstab für eine glanzvolle Präsentation und beispielhaft für die Verschmelzung
von materiellem mit künstlerischem Reichtum.
Nicht erst für den heutigen Besucher, auch schon im Museum des
Barock war der Name des Dresdner Schatzkammermuseums erklärungsbedürftig.
Johann Georg Keyßler bemerkte dazu: »Anitzt sind zwar
noch etliche Kammern grün, allein die ganze Einrichtung ist verändert
und um vieles vergrößert, dergestalt daß diese Schatzkammer nun aus
sieben Zimmern und einem Kabinette besteht.« Schon 1730 war der
Ursprung für den seltsamen Namen hinter den Spiegeln der Ausstellungsarchitektur
verschwunden. Sichtbar waren in den Ausstellungsräumen
zwar noch die gewölbten Decken mit den sehr aufwendigen
Stuckaturen im Pretiosensaal, nicht aber die malachitgrün bemalten
Kapitelle und Wandbereiche (Abb. 1).
Seit Ende des 16. Jahrhunderts wurde der Name Grünes Gewölbe
für eine damals aus zwei großen Zimmern und einem Saal mit zugehörigem
Turmkabinett bestehende Raumfolge im Erdgeschoss des
repräsentativen Westflügels des Dresdner Schlosses verwendet. Bis in
das beginnende 18. Jahrhundert diente diese in sich abgeschlossene
Raumfolge den sächsischen Kurfürsten als ›Geheime Verwahrung‹ und
damit als gesicherter und zugleich geheimnisvoller Schatztresor.
Abb. 1
Pretiosensaal im Grünen Gewölbe, Säulenkapitell
mit Resten malachitgrüner Bemalung
Abb. 2 Erste und letzte Seite des Pretioseninventars von 1725
Das Entstehen der Sammlungsräume
Dies änderte sich im Juni 1723, als August der Starke die Errichtung
einer prachtvollen Sammlungsarchitektur befahl. Die Bauleitung
lag in den Händen des von Matthäus Daniel Pöppelmann geführten
Oberlandbauamtes. Der kurfürstliche Bauherr verstand es aber, seinen
Gestaltungswillen einfließen zu lassen. Bereits im Spätherbst 1723
war der Platz vor der doppelläufigen Treppe an der Zwingerseite des
Westflügels, dem neuen Zugang, gepflastert. Im März 1724 war das Silberzimmer
als Entree der neuen Schatzkammer weitgehend vollendet.
Im Sommer jenes Jahres ›putzte‹ der Hofgoldschmied Johann Heinrich
Köhler eine große Menge an älteren Nautilus- und Edelsteingefäßen in
silbervergoldeter Fassung neu ›aus‹. Im September gelangte eine große
Anzahl von gedrechselten Kunststücken aus Elfenbein aus der Kunstkammer
in das Grüne Gewölbe. Als August der Starke am 5. Januar
1725 das Pretioseninventar unterzeichnete (Abb. 2), in dem der große
Bestand an Ausstellungsobjekten des Pretiosensaales und des Eck-Kabinetts
verzeichnet war, galt die erste Baumaßnahme als abgeschlossen.
5
Abb. 3
Grundriss des Erdgeschosses des Westflügels im Dresdner Residenzschloss mit den
handschriftlichen Eintragungen Augusts des Starken zur Erweiterung des Grünen Gewölbes
Warschau 1727
Feder in Schwarz und Braun, laviert in Rot, Gelb und Ocker auf Zeichenpapier
47,6 x 52,5 cm
Diese beiden Räume hatten in der ersten Phase weitgehend ihre
heutige Form. Nur der große Saal sollte wenige Jahre später einige Veränderungen
erfahren. Damals, im Jahre 1724, existierte nur ein Zugang
vom Silberzimmer in den Pretiosensaal und an dessen Schmalwand
befand sich weiterhin der 1719 hier aufgestellte große Juwelenschrank.
Das Silberzimmer sollte sich wenige Jahre später noch einmal erheblich
verändern. In der ersten Bauphase wurde es lindgrün bemalt und war
weitaus weniger verspiegelt als heute. Ein am 30. Juni 1723, also kurz
nach dem Baubeginn unterzeichnetes »Inventarium über dasjenige
Massiv Goldtene, Vergoldtete Silberne und weiss Silberne Geschirre,
so sich bey dem Königl: Grünen Gewölbe befindet« fasste den Silberschatz
zusammen, der verwaltungstechnisch diesem Schatzkammerraum
zugeordnet wurde. Danach muss das Silberzimmer vor Gefäßen,
Kandelabern und Objekten übergequollen sein. Im Gesamten betrachtet
war die erste Aufstellung im barocken Grünen Gewölbe weitaus umfangreicher
und ungeordneter als heute. Edelsteinschalen standen neben
Elfenbeingefäßen, das barocke Saalmonument eines Reiterstandbildes
zwischen Wandfeldern voll Straußenei- und Nautiluspokalen der Renaissance.
Insgesamt war das erste Schatzkammermuseum im Grünen
Gewölbe noch nicht das, was August der Starke wollte.
So entschied sich der Kurfürst-König im Frühjahr 1727 für eine
Erweiterung. In einem erhaltenen Grundriss stellte er mit energischen
Strichen seine Vorstellungen dar und Pöppelmann und die anderen
Architekten des kursächsischen Oberlandbauamtes gingen erneut an
die Arbeit (Abb. 3). Die zweite Bauphase begann im April 1727 mit
Abbruch- und Maurerarbeiten. Diesmal sollte das gesamte Erdgeschoss
des Schlossflügels verändert werden. Im September 1729 waren die
königlichen Bauideen realisiert. Das museale Gefüge mit acht Schauräumen
und einem Funktionsbereich, zu dem Garderobe, Foyer und
Dienstzimmer für die Inspektoren gehörten, sowie eine umfangreiche
Depotfläche nimmt bereits die funktionale Gliederung eines neuzeitlichen
Museumstyps vorweg. Eine Verfügung des Monarchen regelte
seit 1732 den Besuch in Gruppen von bis zu fünf Personen, die von
einem königlichen Inspektor geführt wurden. 3 Was Keyßler als Erster
beschrieb, war für den Spätbarock eine unerhörte Neuerung: August
der Starke hatte am Ende seiner fast vier Jahrzehnte währenden Regierung
seinen Kronschatz und seine persönliche Pretiosensammlung zusammen
mit den ererbten Schätzen des wettinischen Kurfürstenhauses
öffentlich zugänglich gemacht.
Der theatralische Rundgang
Von Anfang an bildeten Sammlung und Gestaltung des Museums
eine unzertrennliche Einheit. Die Sammlungspräsentation war
materialorientiert, die Innenarchitektur der unterschiedlich großen
Räume farblich und formal auf das Ausstellungsgut abgestimmt. Farbig
gefasste und teilweise verspiegelte Schauwände, an denen Konsolen
symmetrisch angebracht waren und vor denen Tische standen, dienten
der Darbietung der Schätze (Abb. 4). Die einzelnen Zimmer waren in
einer dramaturgisch inszenierten Weise einander zugeordnet, so dass
beim Durchschreiten ein allmähliches Ansteigen, Abklingen und nochmaliges
Ansteigen sinnlicher Erfahrungen herbeigeführt wurde.
Abb. 4
Entwurfszeichnung für den westlichen Teil
der Südwand des Pretiosensaales, 1723
Carl Friedrich Pöppelmann
Originalzeichnung 1945 im Grünen Gewölbe verbrannt
Abb. 5 Bronzenzimmer im Grünen Gewölbes, 1904
7
Auftakt und Endpunkt des Rundganges war das Bronzenzimmer.
Vor Eichenpanelen, die nur durch wenige Spiegel geöffnet wurden,
standen mehr als einhundert Kleinbronzen auf zahlreichen Konsolen
und dem umlaufenden Gesims (Abb. 5). Es handelte sich vor allem um
Kleinbronzen aus Frankreich. Diese Werke der zeitgenössischen Kunst
des Barock wurden durch bedeutende Bronzestatuetten der Renaissance
aus der bestehenden Sammlung vermehrt. Für zehn größere Bronzegruppen
standen kostbare Postamente in Boulletechnik zur Verfügung.
Thematisch herrschten jedoch kleinformatige Nachbildungen
bekannter Marmorbildwerke der französischen Hofkunst und berühmter
Skulpturen der Antike vor. Zwei relativ großformatige Saalmonumente,
eines nach dem Vorbild eines Reiterstandbildes Louis’ XIV.,
das andere nach einem für August den Starken geschaffenen Bildtypus,
dominierten den nur 45 Quadratmeter großen Raum, von dessen Decke
ein hölzerner weißer Adler – das Symbol des polnischen Königreichs –
herabhing.
An das Bronzenzimmer schloss sich das kleine Elfenbeinzimmer
mit seinen auf Marmorart lackierten Wänden an. Es präsentierte den
ungewöhnlich großen und vielseitigen Bestand an gedrechselten Kunststücken,
mit Reliefs verzierte Elfenbeinhumpen, Elfenbeinreliefs und
geschnitzte Statuetten (Abb. 6). Die Arbeiten des 16. und 17. Jahrhunderts
stammten zumeist aus dem sächsischen Hausbesitz und bildeten
einst den Stolz der Dresdner Kunstkammer.
Als nächstes gelangte der Besucher in das zinnoberrot lackierte
Weißsilberzimmer, welches das unvergoldete Tafelsilber der sächsischpolnischen
Herrscher aufnahm. In Form eines ständigen Silberbuffets
waren, dem Inventar von 1733 zufolge, auf und vor den sechs Wandfeldern
377 Gegenstände aus unvergoldetem Silber pyramidenförmig
aufgestellt (Abb. 9). Es handelte sich dabei fast ausnahmslos um spätbarockes
Tafelgerät. Darunter waren Eiskrüge, Kühl- und Gläserkessel,
Pasteten- oder Suppenschalen, Kettenflaschen und mehrarmige Girandolen,
aber auch Dutzende Garnituren aus Becken und Kannen, die zumeist
kurz vor 1719 aus Anlass der Hochzeit des Kurprinzen erworben
worden waren. Der Materialwert war enorm. Allein die auf dem Boden
stehenden Vasen und Schwenkkessel hatten zusammen ein Silbergewicht
von 925 Kilogramm. Diese Pracht wurde 1772 in der anhalten
Abb. 6 Elfenbeinzimmer im Grünen Gewölbe, vor 1938
Abb. 7 Silbervergoldetes Zimmer im Grünen Gewölbe, 1904
Abb. 8 Pretiosensaal im Grünen Gewölbe, 1904
Abb. 9 Weißsilberzimmer (Emailzimmer) im Grünen Gewölbe, 1933
Abb. 10
Entwurfszeichnung für den südlichen Teil der Ostwand
des Pretiosensaales mit der Aufstellung des Kabinettstücks
›Der Thron des Großmoguls‹, Dresden 1728/29
Original 1945 im Grünen Gewölbe verbrannt
Abb. 11 Eck-Kabinett im Grünen Gewölbe, 1973
Abb. 12 Juwelenzimmer im Grünen Gewölbe, 1933
Abb. 9
Abb. 10
Abb. 11
Abb. 12
Abb. 13
›Goldenes Kaffeezeug‹
Entwurf und Goldschmiedearbeit:
Johann Melchior Dinglinger
Emailarbeiten: Georg Friedrich Dinglinger
Elfenbeinskulpturen: Paul Heermann
Dresden 1697 – 1701
Holzkern, Gold, Silber, vergoldet, Email, Elfenbein, Edelsteine
H. 96 cm, B. 76 cm, T. 50 cm
Dresden, Grünes Gewölbe, Inv. Nr. VIII 203
den Not nach dem Siebenjährigen Krieg bis auf drei Silberstatuetten
eingeschmolzen, vermünzt und wieder in den Geldumlauf gebracht.
Damals verschwanden auch fast zwei Drittel derjenigen Schaustücke
aus vergoldetem Silber und purem Gold, die im folgenden Raum, dem
Silbervergoldeten Zimmer, aufgestellt waren (Abb. 7). Dort standen
ursprünglich fast dreihundert figürliche Trinkgefäße, Gießgarnituren
und andere kunstvoll gestaltete Prunkgeschirre auf mehr als 250
Konsolen und acht Tischen. Ererbte Formenvielfalt und moderne
Formenstrenge wurden in diesem Raum vor nun kupfergrün lackierten
und reich verspiegelten Wänden vereint. Eine besondere Wirkung
er hielt das Silbervergoldete Zimmer, wenn alle verspiegelten und mit
kleinen Konsolen versehenen Türen geschlossen waren. Dann befand
sich der Besucher in einem Raum ohne sichtbaren Ausgang, der bis zur
Decke mit einer sich spiegelnden Fülle goldglänzender Kostbarkeiten
angefüllt war.
Pracht und Exklusivität steigerten sich von Raum zu Raum, denn
nun erreichte der Besucher den fast zweihundert Quadratmeter großen
Pretiosensaal (Abb. 8). Auf den Wandfeldern des fast vollständig
ver spiegelten Saales standen mehrere hundert kunstvolle Objekte auf
vergoldeten und von Bildhauern besonders sorgfältig geschnitzten
Kon solen. Doch der Pretiosensaal war systematisch gegliedert. Die
beiden Wandfelder links und rechts vom Zugang des Silbervergoldeten
Zimmers waren den gefassten und ungefassten Edelsteinarbeiten
aus Lapislazuli, Achat, Jaspis, Chalzedon, Alabaster und Serpentin
vorbehalten. Auf den beiden folgenden Wandfeldern links und rechts
der Tür zum Wappenzimmer wurden eine ungewöhnliche Menge an
Gefäßen aus exotischen Nautilus- und Seeschneckengehäusen sowie die
stolze Samm lung an Straußeneipokalen ausgestellt. Das schmale Wandfeld
zwischen den bunten Edelsteinschalen und den weiß glänzenden
Perlmutter- und Straußeneigefäßen nahmen Arbeiten aus Bernstein
ein. Die fast zehn Meter lange Schmalwand des Pretiosensaales aber
diente zur Präsentation der hoch geschätzten Gefäße und Objekte aus
Bergkristall (Abb. 10). Der gesamte ererbte oder erst in den letzten
Jahrzehnten erworbene künstlerische und materielle Reichtum wurde
durch schier endlose Reflexionen in den allseits präsenten Spiegeln
zu einer fast märchenhaften Schatzanhäufung gesteigert. Gleichzeitig
besaß der Raum einen starken dynastischen Bezug. Eine in den tiefen
Fenster nischen an gebrachte Porträtfolge sächsischer Herrscher verband
Kurfürst Moritz, den Gründer der Kurfürstendynastie aus der Mitte des
16. Jahrhunderts, mit dem Sohn Augusts des Starken, den Kurprinzen
Friedrich August (II.). Die von August dem Starken nicht angetastete,
reich stuckierte Decke mit dem Renaissanceschmuck aus der Mitte des
16. Jahrhunderts verband die spätbarocke Sammlung des Kurfürst
Königs physisch und ästhetisch mit dem Ursprung der Kurfürstenwürde
in der Mitte des 16. Jahrhunderts.
Dem Pretiosensaal inhaltlich verbunden und nur durch ein Renaissancegitter
getrennt, befand sich das in einem Turmraum eingerichtete
Eck-Kabinett. Der 14 Quadratmeter kleine Raum vermittelte
trotz seiner direkten Beziehung zum großen Saal ein eigenes
Raumerlebnis. Auf über einhundert Konsolen, die als ausdrucksvolle
Faunsmasken gearbeitet waren, sowie auf fünf aufwendig geschnitzten
Wandtischen stand eng gedrängt ein großer Teil der von August dem
Starken über Jahrzehnte angelegten Pretiosensammlung. Fast fünfhundert
miniaturhaft kleine Arbeiten aus Perlen, Edelsteinen, Elfenbein,
Ebenholz, Email, Silber und Gold boten eine kaum fassbare Fülle an
Formen und Farben. Wie kein anderer Raum des Grünen Gewölbes
konnte das Eck-Kabinett den intimen Charakter der vorausgegangenen
Sammlungspräsentation bewahren.
Der von Farbenpracht, Kostbarkeit und Kunstfertigkeit überwältigte
Besucher konnte seine Sinne im nächsten Raum, dem Wappenzimmer,
ein wenig beruhigen. Drei Wände des Raumes waren als
durchgehende Einbauschränke gestaltet, in denen in alter Tradition
geheime Schriftstücke und anderes verwahrt wurden. Auf den Türen
der Schränke wurden 44 vergoldete Wappen aus getriebenem Kupfer
angebracht, so dass das Zimmer durch die Wappen der ererbten und
rechtlich beanspruchten Besitzungen des Hauses Wettin, die Wappen
des Königreichs Polen und des Großfürstentums Litauen sowie durch
Wappenschilde mit den ornamental ineinander verschlungenen Ini
10
Abb. 14
›Thron des Großmoguls‹
Entwurf: Johann Melchior Dinglinger
Goldschmiedearbeit: Johann Melchior Dinglinger und Werkstatt
Emailarbeiten: Georg Friedrich Dinglinger
Dresden 1701 – 1708
Holzkern, Gold, Silber, teilweise vergoldet, Email, Edelsteine, Perlen, Lackmalerei
T. 114 cm, B. 142 cm, H. 58 cm
Dresden, Grünes Gewölbe, Inv. Nr. VIII 204
tialen verschiedener sächsischer Kurfürsten einen eindeutig politischdynastischen
Bezug erhielt. 14
Im Juwelenzimmer, dem letzten Zimmer der Raumfolge, erwartete
den Reisenden des 18. Jahrhunderts der größte damals in Mitteleuropa
öffentlich gemachte materielle und auch künstlerische Reichtum
(Abb. 12). Allein schon die Ausstattungspracht des als Schatzraum
gestalteten Juwelenzimmers war außergewöhnlich. Die Wände bestanden,
vom Fußboden bis zum Gesims, aus verspiegelten und hinterglasbemalten
Spiegeln, auf denen in Goldgravur auf blauem und karmesinrotem
Grund Ornamentfelder mit Ordenszeichen, Staatswappen
und Initialen wechselten. Die geschnitzten und vergoldeten Bekrönungen
der Wandfelder und der Portale waren von hoher künstlerischer
Quali tät. In vier großen, in die Wände eingelassenen Glasvitrinen befand
sich der Juwelenschatz der sächsisch-polnischen Kurfürst-Könige.
Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts sollte er sich in Fülle und Qualität
immer weiter steigern. 1733 waren hier ausgestellt: zwei umfangreiche
moderne Juwelengarnituren aus Diamanten im Brillant- und Rosenschliff,
dazu acht weitere mit Smaragden, Saphiren, Rubinen, Achaten,
Karneolen und Schildpatt, aus Gold und Silber. Schon dieser Juwelenbestand
war überwältigend, sein künstlerischer und sein finanzieller
Wert unermesslich. In den vier Juwelenvitrinen sah man zudem er
erbten Schmuck und symbolhafte Zier- und Zeremonialschwerter.
Ergänzt wurde diese Juwelenpracht durch frei auf Tischen stehende
Kabinettstücke Johann Melchior Dinglingers: das ›Goldene Kaffeezeug‹
(Abb. 13) und der ›Thron des Großmoguls‹ (Abb. 14), die ›Drei Phasen
der Lebensfreude‹ sowie mehrere ideenreiche Prunkschalen, die beiden
Mohren mit der Smaragd- und der Landsteinstufe und schließlich,
raumbeherrschend zwischen zwei großen Juwelenvitrinen emporstrebend,
der ›Obeliscus Augustalis‹.
11
Die Sammlungen des Schatzkammermuseums
Im Grünen Gewölbe war eine selbst für den Spätbarock außerordentliche
Vielfalt und Fülle fürstlichen Sammelguts vereint. Darunter
befanden sich auch Kunstwerke, die sonst durchaus in anderen Sammlungsformen
ihren Platz hatten. Kleinbronzen zum Beispiel gehörten
in Nordeuropa seit dem 17. Jahrhundert zum Ausstattungsbestand der
Gemäldegalerien. So hatte August der Starke die meisten der in seiner
öffentlich gemachten Schatzkammer aufgestellten Statuetten 1699 und
1715 für die Kunstgalerien seiner Schlösser von seinem Kunstintendanten
Baron Raymond Leplat in Paris erwerben lassen. Bereits 1707
waren mehr als sechshundert Bilder im Redoutensaal des Dresdner
Schlosses zu einer Gemäldegalerie zusammengeführt worden. 1712
wurden 28 Bronzen aus der Kunstkammer in die königlichen »Bilder-
Cabinets« umgesetzt. 5 Ein Teil von ihnen fand wenige Jahre später ihre
Aufstellung im Bronzenzimmer. Ähnlich verhält es sich mit der ungemeinen
Anhäufung gebrauchsfähiger oder dekorativer Silberobjekte.
Sie waren verwaltungsmäßig gewöhnlich der fürstlichen Silberkammer
zugeordnet. Diese Institution blieb am Dresdner Hof weiterhin bestehen
und wurde ebenfalls königlich vergrößert. Das Repräsentationssilber,
sei es »antique« oder »modern«, wurde aber seit 1723 in den
Inventaren des Grünen Gewölbes verzeichnet. 6
Seinen bald schon internationalen Ruhm verdankt das Dresdner
Schatzgewölbe bis heute aber zwei Objektgattungen, die unmittelbar
zur höfischen Selbstdarstellung eines Fürsten des Spätbarock gehörten.
Dies war zunächst der in seinem Umfang singuläre Juwelenschmuck an
modernen, sich ständig entsprechend der wechselnden Moden verändernden
Edelsteingarnituren des Kurfürst-Königs. Der zweite Bereich
war die Schatzkunst. Beides galt kurz nach 1700 als persönlicher Besitz
des Souveräns und blieb an anderen Fürstenhöfen gewöhnlich auch in
dessen eigener Verfügungsgewalt – zumal die Schatzkunst eine wohl
ausschließlich für einen fürstlichen oder königlichen Sammlerkreis geschaffene
Objektkunst war. Ihre prächtigen, kunstvollen und virtuosen
Objekte bestanden zumeist aus kostbaren und häufig auch exotischen
Materialien. Die überwiegend kleinformatigen Objekte waren Liebhaberstücke
intimen Charakters, die den Betrachter zum spielerischen
Entdecken und zur genauen Betrachtung der Details anregen sollten.
Ihre handliche Größe, aber auch ihre zierliche Gestaltung machten
sie zu einem privaten Sammelgut, das der Allgemeinheit verborgen in
gesicherten Sammlungsräumen oder in vergitterten Kabinettschränken
aufbewahrt wurde. Seit dem Beginn der Renaissance gehörte die
Schatzkunst zu den elitären Formen des fürstlichen Sammelns. Im
Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts entwickelten sich einzelne Moden,
so dass Werke der Steinschneide- oder Elfenbeinkunst und der Juwelenplastik
wie auch Galanteriearbeiten ihre eigene Zeit und Konjunktur
besaßen.
Die Tradition der Kunstkammer
und die Quellen der Inspiration
Vor der Einrichtung des Grünen Gewölbes gab es nördlich der
Alpen nur eine Form der musealisierten Sammlung, in der neben
Werken der Schatzkunst auch seltene und Neugier erweckende Hervorbringungen
der Natur, technische Novitäten – Handwerkszeuge ebenso
wie wissenschaftliche Instrumente, komplizierte Uhren und sich selbst
bewegende Automaten – in einer der höfischen Öffentlichkeit zugänglichen
Form präsentiert wurden. Dies war die Kunstkammer. Zur Zeit
Augusts des Starken befand sich im Dresdner Residenzschloss eine der
ältesten Sammlungen dieser Art, die weit über die Grenzen Sachsens
hinaus berühmt war. Um 1560 von Kurfürst August als technologische
Wunderkammer gegründet, enthielt sie zunächst fast ausschließlich
formvollendete Werkzeuge und Instrumente. Zeugnisse künstlerischer
Virtuosität (›artificialia‹) und Wunder der Natur (›naturalia‹) waren in
ihr zunächst kaum vertreten. Zwischen 1586 und 1591 begann Christian
I. damit, die Kunstkammer seines Vaters den nunmehr gültigen
Maßstäben anzupassen. Nach 1600 stieg die Sammlung der sächsischen
Kurfürsten schließlich zu einer der prächtigsten im Reich auf. Noch fast
hundert Jahre später zog ihr Ruhm den Europa bereisenden russischen
Zaren Peter I. in ihren Bann. Im Juni 1698 konnte er es nicht erwarten,
sie zu sehen und verbrachte die erste Nacht nach seiner Ankunft in
Dresden in den Räumen der Kunstkammer. Peter I. sollte noch mehrfach
dorthin zurückkehren und schließlich nach dem Dresdner Modell
in seiner neuen Residenz St. Petersburg eine eigene »Kunstkamera«
begründen.
August der Starke hatte bereits mehr als ein Jahrzehnt vor Peter I.
Europa bereist. Seine zwischen 1687 und 1689 in Versailles, Madrid,
Lissabon, Turin, Genua, Florenz und Wien gewonnenen Eindrücke
prägten ihn als Sammler, Bauherrn und Herrscher. Den stärksten Eindruck
hinterließ dabei der Hof des französischen Königs. 7 So bezog
sich August der Starke noch drei Jahrzehnte nach seiner Kavalierstour
bei der Neueinrichtung des Dresdner Schlosses auf die in den Grand
Appartements von Versailles – am Hofe eines »Princes très magnifique,
de très bon goût« – gesehenen Silbermöbel, um seine eigene Vorstellung
von derartigen Prunkmöbeln zu begründen. 8 In Versailles lernte
der junge Herzog durch Louis XIV. nicht nur die majestätische Verwendung
von Juwelenschmuck kennen, er sah dort auch die effektvolle
Aufstellung fürstlicher Schatzkunstsammlungen. Und dies gleich in
differenzierter Form. In mehreren, nur für eine genau definierte Besucherschicht
zugänglichen Räumen dienten dort prachtvolle Edelsteingefäße
der Darstellung der Majestät. 9 Auf Bronzekonsolen vor fast
völlig verspiegelten Wänden konnte ihre Farbenpracht und ihr virtuoser
Formenreichtum in der Widerspiegelung von allen Seiten betrachtet
werden. Louis XIV. und sein Sohn, der Dauphin, waren ausgesprochen
ambitionierte Sammler von ›gemmes‹, jenen in Gold und
Email gefassten Steinschnitten. Der König liebte insbesondere farbige
Steinschnitte, von denen er bereits eine erhebliche Anzahl geerbt hatte.
Später erwarb Louis XIV. im europäischen und selbst im nahöstlichen
Kunsthandel historische und zeitgenössische Hartsteingefäße von herausragender
Qualität, die teilweise in Pariser Juwelierwerkstätten neue
12
Fassungen erhielten. 10 Der größte Teil dieses Schatzes zierte auf vergoldeten
Holzkonsolen in drei Ebenen übereinander, zusammen mit bedeutenden
Gemälden, die Wände der reich ausgestatteten ›Petite Galerie
du Roi‹. Die 1686 fertig gestellte Galerie gehörte zu den modernsten
und prächtigsten Räumen, die August der Starke damals in Versailles
sehen konnte. 11 Der Eindruck auf den sächsischen Besucher war so
stark, dass er noch vierzig Jahre später im Pretiosensaal des Grünen
Gewölbes seinen Reflex fand. Schließlich bildete das weitaus intimere
und allein auf die Bedürfnisse des königlichen Sammlers ausgerichtete
›Cabinet des Médailles et Bijoux‹, das ähnlich dem deutschen Begriff
der ›Kunst- und Wunderkammer‹ auch als ›Cabinet des Curiosités‹
oder ›Cabinet des Raretés‹ bezeichnet wurde, eine Brücke zwischen der
modernen Ausstellungsform auf Konsolen vor verspiegelten Wänden
und einer traditionellen Aufbewahrung in Schränken oder offenen Regalen.
12 Die in ihrer Zeit sehr einflussreichen Raumausstattungen der
Appartements Louis’ XIV. sind heute nicht mehr vorhanden und lassen
sich nur noch durch Archivalien rekonstruieren.
Auch die beiden anderen fürstlichen Schatzkammern, die Einfluss
auf die Gestaltung und vor allem die Funktion des späteren Grünen
Gewölbes nahmen, sind heute architektonisch nicht mehr vorhanden.
Es war zum einen die Tribuna der Uffizien in Florenz. Dieses Herzstück
der großherzoglichen Kunstsammlungen der Medici diente – im Gegensatz
zur offiziellen Privatheit der königlichen Sammlungsräume von
Versailles – der offensiven Selbstdarstellung von Glanz, Reichtum und
Machtfülle des Hauses. Sie besaß eine wohl kalkulierte, internationale
Bekanntheit. Der junge Herzog aus Sachsen besuchte die »raritaetengallerie«
von Florenz im März 1689. Damals bestand die oktogonale
Tribuna noch weitgehend in ihrer ursprünglichen Präsentationsform
und Objektzusammenstellung des späten 16. Jahrhunderts, die erst
gegen Ende des 18. Jahrhunderts aufgelöst wurde. Der achteckige Raum
wurde von einer perlmuttrig glänzenden Kuppel überfangen. Die mit
rotem Samt bespannten Wände umzog ein Ausstellungsbord, auf dem
dicht gedrängt Edelsteinschalen und Bronzestatuetten standen. Weitere
Schätze befanden sich in zwei verborgenen Wandschränken. Der Fußboden
aber war aus kostbarem rotem und grünem Porphyr. Die Ausstellungspracht
des Manierismus mag dem sächsischen Fürstensohn
nicht gerade modern erschienen sein. Die überwältigende Fülle und
betörende Pracht der Edelstein- und Bergkristallschalen in ihren goldenen
Fassungen, ihre Einbeziehung in die symbolträchtige Raumfolie
und ihre Verbindung mit den Bronzestatuetten und Gemälden Raffaels,
Andrea del Sartos und Fra Bartolomeos aber bot eine außergewöhnlich
reizvolle Inszenierung. 13
Die dritte Sammlung, die August den Starken schon als Jüngling
beeindruckte und mit der jede fürstliche Schatzkammer in Europa
sich messen musste, war die Schatzkammergalerie des Habsburger
Kaiserhauses in Wien. Der Zugang zum Schatz des höchsten europäischen
Adelshauses wurde noch restriktiver gehandhabt als in Versailles.
Die weltliche Schatzkammer der ›Casa d’Austria‹ war zwischen 1640
und 1642 in einer langgestreckten Galerie in der Hofburg eingerichtet
worden. Die strenge Inszenierung der dort vereinten unermesslichen
Schätze entsprach dem habsburgischen Hofzeremoniell. Als Aufbewahrungsgehäuse
dienten 13 hohe, von kaiserlichen Adlern bekrönte
Schränke. Nach Materialgruppen systematisiert, begann die Abfolge
mit exotischen Materialien, führte über Elfenbeindrechseleien und
-schnitzereien zu Uhren und Automaten und entwickelte sich dann
in ihrer materiellen Wertigkeit ins schier Überwältigende ansteigend
bis hin zu den kostbar gefassten Edelsteingefäßen aus der Sammlung
Rudolfs II. und den hoch geschätzten Bergkristallarbeiten, um schließlich
im letzten Schrank mit dem fürstlichen Repräsentationsschmuck
und den modernen Kroninsignien ihren Höhepunkt zu erreichen.
Diese kaiserliche Schatzkammer, in der auf theatralisch beeindruckende
Weise alte und moderne Schatzkunst zur Verherrlichung der höchsten
fürstlichen Macht eingesetzt wurde, war für Reichsfürsten, unter
denen der Kurfürst von Sachsen einen hohen Rang einnahm, trotz ihrer
hermetischen Erscheinung, die größte Herausforderung.
Der sammelnde Souverän
Vier Jahre nach Abschluss seiner Europareise erbte Friedrich August
I. im Jahre 1694 von seinem überraschend verstorbenen Bruder
die Kurwürde. Unmittelbar danach begann August der Starke mit dem
Ausbau einer seinem fürstlichen Rang entsprechenden Schatzkunstsammlung.
Als er 1697 zum polnisch-litauischen König August II.
gewählt wurde, nahm diese Privatsammlung in relativ kurzer Zeit
königliche Dimensionen an. Dabei ist nicht so sehr die Tatsache bemerkenswert,
dass August der Starke eine solche Sammlung anlegte,
erstaunlich sind vielmehr der Umfang und die Qualität des Sammlungsgutes.
Der Sammler, der persönlich eine große Affinität zu materieller
Schönheit und künstlerischer Virtuosität besaß, nutzte die elitäre
Sammlungsform, um mit ihrer Pracht, Besonderheit und Vielfalt im
fürstlichen Wettbewerb die Spitze zu erreichen. Auch wenn nur noch
in wenigen historischen Sammlungen vereinzelte Zeugnisse der spätbarocken
Schatzkunst vorhanden sind, so war eine solche Pretiosenoder
Schatzkunstsammlung doch, wie Archivalien belegen, an fast allen
Höfen Deutschlands und auch darüber hinaus anzutreffen. 14 Zur höfischen
Schatzkunst gehörten in jener Epoche Werke der Juwelierplastik
aus Perlen und Edelsteinen, kostbar gefasste Statuetten aus Elfenbein
und Edelhölzern, Prunkuhren und komplexe Kabinettstücke. Zugeordnet
wurden ihr auch sogenannte ›Galanterien‹. Darunter verstand man
Luxusartikel kleineren Formats: Zierschälchen, kleine Dosen, Riechfläschchen
und Parfumflakons, Siegelhalter, Etuis und Schreibzeuge.
All dies konnte in der Nahbetrachtung oder gar in der eigenen Hand
sinnlich ›erfasst‹ werden.
Eines der ältesten datierbaren Werke der Pretiosensammlung
Augusts des Starken ist ein fast 15 Zentimeter hohes Kabinettstück
in Form einer miniaturhaften Schauwand, auf der auf Konsolen ein
Teeservice präsentiert wird (Abb. 16). Das heute im Neuen Grünen
Gewölbe ausgestellte Kabinettstück bekrönt ein Kurhut. Dies verweist
eindeutig darauf, dass das kleine Kunstwerk zwischen 1694 und 1697
entstanden ist, denn danach übernahm die polnische Krone für August
den Starken die Funktion des Herrschaftssymbols. 15 Ungewöhnlich ist
vor allem die Darstellung eines architektonischen Motivs. Eine wenige
Jahre zuvor in Versailles kultivierte Präsentationsform zum Thema für
ein Kabinettstück zu wählen, fast dreißig Jahre, bevor sie im Grünen
Gewölbe weiterentwickelt wurde, zeugt von einer sehr langen geistigen
13
Abb. 15
Kabinettstück in Form einer Schauwand mit Teeservice
Dresden 1694 – 1697
Silber, vergoldet, Email, Diamanten, Glasfluss
H. 14,8 cm, B. 10,7 cm, T. (mit Füßen) ca. 5 cm
Dresden, Grünes Gewölbe, Inv. Nr. VI 133
Abb. 16
Das ›Goldene Kaffeezeug‹ in seinem ursprünglichen Zustand
Nach 1701, Federzeichnung in Braun, H. 33,2 cm, B. 36,1 cm
Abb. 17
Erste Seite des Verzeichnisses der im Januar 1706 nach Hamburg
verpfändeten Pretiosen
14
Auseinandersetzung des Sammlers mit der bestmöglichen Aufstellung
derartiger Schätze. Normalerweise erzählen die kleinformatigen Kabinettstücke
eine Geschichte, was sich auch aus ihrer Gebrauchsfunktion
als ›Recreation‹ und zum ›Divertissement‹ erklärt: Die einfallsreichen
und zugleich die Phantasie anregenden Objekte dienten dem fürstlichen
Besitzer, neben der persönlichen Freude, in Gegenwart von Gästen
als Ausgangspunkt gebildeter Unterhaltung.
Zu den großen Leistungen des Kunstsammlers August des Starken
gehört die über vier Jahrzehnte andauernde Bildung eines Pretiosenkabinetts.
Dadurch schuf der Kurfürst-König an seinem Dresdner Hof
Bedingungen, unter denen hervorragende Goldschmiede, darunter vor
allem der Juwelenkünstler Johann Melchior Dinglinger, einzigartige
Werke vollbringen konnten. Neben diesem Hofjuwelier, den seine beiden
jüngeren Brüder, der Emailmaler Georg Friedrich und der Goldarbeiter
Georg Christoph Dinglinger unterstützten, waren Goldschmiede
wie Gottfried Döring und vor allem Johann Heinrich Köhler, aber auch
die als Elfenbeinschnitzer wirkenden Bildhauer Paul Heermann und
Balthasar Permoser in sächsischen Diensten tätig. In kurzer Zeit entwickelte
sich Dresden zum Zentrum der Schatzkunst des europäischen
Spätbarock.
Seit seiner Krönung diente die Schatzkammer August dem Starken
dazu, seine politischen Erfolge erstrahlen zu lassen. Bei seiner Krönung
in Krakau und bei seinem Einzug in die neue Residenzstadt Warschau
präsentierte er sich nicht nur mit Juwelenschmuck aus Diamanten,
Rubinen und Saphiren. Er ließ aus dem Grünen Gewölbe und seinem
privaten Schatzkabinett auch beeindruckende Goldschmiedearbeiten
und Bergkristallgefäße nach Polen bringen. Während des zeremoniellen
Krönungsbanketts, aber auch in der Folgezeit sollten sie dort die
Macht seiner Majestät bezeugen. Aus dem gleichen Grund forderte
er Dinglinger auf, das kurz zuvor fertig gestellte ›Goldene Kaffeezeug‹
im beginnenden Winter des Jahres 1701 aus Dresden nach Warschau
zu bringen (Abb. 16). Damals, in der ersten, für den Kurfürst-König
sehr verlustreichen Phase des Nordischen Krieges gegen Schweden,
wollte er durch dieses sowohl in seiner Dimension als auch in seiner
Pracht verschwenderische Kabinettstück den polnischen Adel für
sich gewinnen. Dieses erste große Meisterwerk Dinglingers und der
ihm zeitlich unmittelbar bis 1709 folgende ›Thron des Großmoguls‹
(Abb. 14) erhoben die Pretiosensammlung des Kurfürst-Königs unbestreitbar
in den führenden Rang vergleichbarer Sammlungen seiner
Zeit. Das gleiche Ziel hatte auch die Berufung eines hochbezahlten
Hofbeamten, des Geheimen Rats Georg Freiherr von Rechenberg, zum
autorisierten Kunsteinkäufer im Jahr 1701. Er sollte für den zumeist
in Polen weilenden Sammler die Leipziger Messe, damals der größte
Handelsplatz Deutschlands, nach geeigneten Objekten durchforsten.
Mit Rechenbergs Hilfe entstand in kurzer Zeit eine Schatzkunstsammlung,
die zumindest in Teilen durch eine 1706 entstandene Auflistung
überliefert ist (Abb. 17). 16 Genannt sind dort 102 Kabinettstücke,
Kleinodien und Pretiosen, darunter das ›Goldene Kaffeezeug‹, das ›Bad
der Diana‹, 34 Perlfiguren und zahlreiche ererbte Schmuckstücke. Sie
wurden wegen des Nordischen Krieges zwischen 1706 und 1714 nach
Hamburg verpfändet.
Die Vorgänger des Grünen Gewölbes im Residenzschloss
Vor der Verpfändung hatten diese Sammlungsobjekte ihren Platz
im »praetiose Kabinett« des Kurfürst-Königs gehabt. Dort hatte sie ihr
Besitzer bei einem seiner kurzen Aufenthalte in Dresden im November
1704 »in einen express dazu Verferttigten Schranck mit eigener Hoher
Handt rangiret«. 17 Es war ein persönlicher Sammlungsraum, der zum
Wohnbereich des Herrschers gehörte und dessen Schlüssel er immer
bei sich trug. Wie der verantwortliche Geheime Kämmerer berichtete,
sei August der Starke »bißweilen gantz alleine, auch zum öffteren mit
Damens und Cavalliers hinein gegangen, ihre Praetiosa besehen, unter
weilen verändert und einige anders fassen«. 18
Der Ankauf des ›Thron des Großmoguls‹ im Februar 1709 bereitete
erstmals Raumprobleme, denn für ein kleines Kabinett war der
auf einem besonderen Tisch präsentierte, 142 Zentimeter breite und
114 Zentimeter tiefe Bühnenraum einfach zu groß. Der ankaufsbedingte
Platzmangel rückte die traditionelle Schatzkammer der sächsischen
Kurfürsten, die gegen 1586 durch Christian I. als ›Geheime Verwahrung‹
in der Raumfolge des Grünen Gewölbes eingerichtet worden war,
wieder in das Zentrum des Interesses. Ganz sicher war die Aufstellung
des ›Thron des Großmoguls‹ im Grünen Gewölbe zunächst nur eine
Verlegenheitslösung.
Nachdem aber im Oktober 1714 die verpfändeten Pretiosen wieder
ausgelöst waren und damit ein weiteres großes Werk, das ›Goldene
Kaffeezeug‹, seinen Raum suchte, musste für die inzwischen noch
erheblich vergrößerte Privatsammlung des Herrschers ein adäquater
Ort gefunden werden. Dieser sollte schon aus praktischen Gründen an
die Wohnräume des Kurfürst-Königs im ersten Geschoss des Residenzschlosses
grenzen. Im Südflügel, dem heutigen Zwischenflügel Nord,
lagen die königlichen Wohnräume, in denen das Hofzeremoniell galt.
Dessen südlichster Saal diente als Paradeschlafzimmer. Daran schloss
sich im ersten großen Saal des Westflügels, der heute den ›Saal der
Kunststücke‹ des Neuen Grünen Gewölbes aufnimmt, der private Wohnbereich
des Kurfürst-Königs an (Abb. 18). Um 1714 bezeichnete man
diesen Raum als ›Gallerie‹ und vermerkte auf dem Geschossplan, es
sei der Raum, in dem der Kurfürst-König privat zu speisen pflegte.
Der Saal besaß auch einen Alkoven, also eine gewölbte Bettnische, die
August der Starke wohl zu dieser Zeit als eigentliches Schlafgemach
nutzte. An der Zwingerseite, an der sich heute die Sophienstraße befindet,
konnte August der Starke von seinem Speise- und Schlafraum in
das kleine ›cabinet de retirade‹ gelangen, das wohl seinen persönlichen
Schreibtisch enthielt.
Der folgende, gut 45 Quadratmeter große Raum, der heute als
›Kristall-Kabinett‹ des Neuen Grünen Gewölbes dient, wurde 1716 zum
›cabinet de glasse pour les joyaux du Roy‹ umgestaltet. Baron Leplat
hatte 1715 in Paris nicht nur eine große Anzahl französischer Bronzen,
bedeutende Gemälde und Porzellane erworben, sondern auch die
Ausstattung für ein ganzes Spiegelkabinett. Nachdem die französische
Spiegelverkleidung an den Wänden und an der Decke angebracht
worden war, ließ August der Starke in diesem Sammlungsraum seinen
umfangreichen und sehr kostbaren Juwelenschmuck in eine kleinere
Vitrine hineinlegen. Die vor den Spiegeln angebrachten Konsolen mit
15
vergoldeter Bronze boten Platz für die Aufstellung von Bergkristallen
oder anderen Steinschnittarbeiten. 19
Doch für die umfangreichen Bestände der Schatzkunstsammlung
reichte das Juwelenkabinett nicht aus. Dafür bestimmte August der
Starke bereits um 1715 einen weiteren Raum des gleichen Geschosses,
das marmorne Gemach der ›Frau Mutter‹, das zur selten benutzten
Wohnsuite der Kurfürstenwitwe Anna Sophia gehörte. Dort ließ er
»Praetiosa und Christall Geschirre« auf neu geschaffenen Tischen
aufstellen. Der in diesem »Praetieusen: Cabinet« vorhandene Objektbestand
lässt sich durch die Schadensregulierung eines Bauunfalls,
der sich in der Nacht vom 2. auf den 3. April 1716 ereignete, recht gut
rekonstruieren. Damals nahmen viele Objekte Schaden, den die Hofjuweliere
beheben mussten. Die meisten der in diesem Zusammenhang
reparierten Werke der Schatzkunst befinden sich noch heute im Bestand
des Grünen Gewölbes. 20
Es ist typisch für das Sammelverhalten Augusts des Starken, dass
Veränderungen in der Präsentation seiner Schatzkunstsammlung immer
auch mit umfangreichen Ankäufen einhergingen. So erwarb er 1715,
als erstmals eine Raumfolge für diese Kostbarkeiten zur Verfügung
stand, von Dinglinger gleich drei prächtige Kabinettstücke, darunter
für 9.000 Taler das ›Kinderbacchanal‹, das in der Rechnung als »Schale
mit dem Ziegen Bock« bezeichnet wird. Gleichzeitig wurden auf der
Leipziger Messe Werke anderer Juwelenkünstler erworben und durch
einen Agenten einige der letzten Werke des Steinschneiders Giovanni
Battista Metellino, der schon für Louis XIV. gearbeitet hatte, aus Mailand
nach Dresden gebracht.
Die Entscheidung für das Grüne Gewölbe
Um 1715 war das Dresdner Schloss über anderthalb Jahrzehnte
ein Ort fürstlicher Bauvisionen. Nachdem ein großer Teil der Residenz
im Frühjahr 1701 abgebrannt war, beschäftigte sich der die Baukunst
liebende Kurfürst-König nur zu gern mit den Möglichkeiten eines
vollständigen Neubaus. Aus finanziellen und schließlich auch aus tagespolitischen
Gründen entschloss sich August der Starke im Frühjahr
1717 zum Erhalt des Äußeren, während das Innere modern ausgebaut
wurde. Bevor im Februar 1718 zügig mit dem Bau begonnen wurde,
notierte der fürstliche Bauherr eigenhändig Nutzungskonzeptionen.
Darunter findet sich ein Grundriss des bereits für die Pretiosensammlung
genutzten ersten Obergeschosses, der skizzenhaft die Überlegungen
des Kurfürst-Königs festhält, dort im großen Umfang eine
Mischung aus Pretiosensammlung und Kunstkammer einzurichten. 21
In jenen Jahren war die Entwicklung der Sammlungen in Dresden in
schnellem Fluss. Kurz nach 1720 bildeten sich viele der heute bestehenden
Sammlungen heraus, die Gemäldegalerie ebenso wie das Kupfer
Abb. 18
Plan zum 1. OG des Westflügels vom Dresdner Schloss
mit Eintragungen zur Raumausstattung, Dresden, um 1718
16
Abb. 19
Ansicht des Turmzimmers mit dem Silberbuffet
Wohl Zacharias Longuelune
Bleistift, Pinsel, Deckfarben, H. 30,2 cm, B. 46,7 cm
Dresden, Kupferstich-Kabinett, Inv. Nr. C 6754
stich-Kabinett, die Porzellansammlung, die Skulpturensammlung oder
der Mathematisch-Physikalische Salon.
Der aktuelle Auslöser für die Wiederherstellung eines repräsentativen
Residenzschlosses war die im August 1719 vollzogene Vermählung
des Kurprinzen Friedrich August mit der Erzherzogin Maria
Josepha von Österreich. In zweifacher Hinsicht betraf dieses Europa
faszinierende Fest auch die künftige Entwicklung des Grünen Gewölbes.
Zum einen ließ August der Starke in einem Raum der neu
entstandenen Paradesuite, dem Turmzimmer, ein von gestalterischem
Reichtum überquellendes Silberbuffet einrichten (Abb. 19). Dort fand
auf Konsolen vor farbig gefassten Holzwänden – wenn auch nur für
wenige Jahre – der große Bestand an Edelmetallgefäßen eine ausgesprochen
öffentlichkeitswirksame Aufstellung. 22 Zum anderen wurde
für die mehrwöchige Hochzeitsfeier mit großem finanziellem Aufwand
der Juwelenschmuck modernisiert und erheblich erweitert. Am Ende
Abb. 20 Entwurfszeichnung für einen Juwelenschrank, um 1719
Originalzeichnung 1945 im Grünen Gewölbe verbrannt
17
des Jubeljahres 1719 arrangierte der König diesen Teil seines Schatzes
persönlich in einem neu geschaffenen Juwelenschrank im künftigen
Pretiosensaal des Grünen Gewölbes (Abb. 20). Nachdem das Schloss
wieder in seiner Gänze als Residenz genutzt wurde und zudem neben
dem Monarchen die Familie seines Thronfolgers aufnehmen musste,
erhielt die ›Geheime Verwahrung‹ im Grünen Gewölbe eine neue
Funktion – und eine bisher nicht vorhandene Öffentlichkeit. 23
Die zum Museum sich wandelnde Schatzkammer hat in den
ersten Jahren einen ziemlich provisorischen Eindruck vermittelt, der
kaum befriedigte. Wiederum war es dann ein Großeinkauf im Februar
1722 bei Johann Melchior Dinglinger, der die Richtung wies, in die sich
das Grüne Gewölbe nun entwickeln sollte. Von Dinglinger ließ August
der Starke in diesem Jahr den majestätischen ›Obeliscus Augustalis‹,
das Kabinettstück mit dem Kaiserkameo und ein Paar Prunkschalen
mit nach polnischer Art gesattelten Pferden erwerben, dazu 73 ungefasste
Edelsteinschalen aus orientalischen Achaten, Karneolen und
Granaten. 24 Mit weiteren Kostbarkeiten waren es zusammen 120 »geschnittene
Schalen und andere Curiosa«, farbenprächtiges Material für
eine augenverwirrende Raumpräsentation, die heute wieder an zwei
Wänden des Pretiosensaales ihren Platz gefunden haben.
Markierte das ›Goldene Kaffeezeug‹ 1701 den Beginn einer damals
konkurrenzlosen Sammlung, so steht der ›Obeliscus Augustalis‹
1722 für die Öffnung dieser sehr besonnen und einfühlsam um ererbte
Objekte vergrößerten Schatzkunstsammlung gegenüber Besuchern. Im
Juni 1723 begann der Ausbau der bisherigen Räume der ›Geheimen
Verwahrung‹ – des Silbervergoldeten Zimmers und des Pretiosensaales
mit dem Eck-Kabinett – zum künftigen Schatzkammermuseum. Im
Juni 1724 besichtigte Monsieur de Prohengue als einer der ersten Gäste
die noch nicht vollständig eingerichteten Sammlungsräume. Der für
das Grüne Gewölbe zuständige Geheime Kämmerer Starcke berichtete
darüber in einem Brief an August den Starken: »[...] habe ich ihn in
das Grüne Gewölbe geführet und so wohl alle Praetiosen und Cabinetstücke,
alß auch besonders den gantzen Königl. Schmuck gezeiget,
worüber er sehr vorwundert war, und zum öfftern sagte, daß er Zuvor
viel schon darvon gehöret, sich aber doch nicht einbilden können daß
alles so Subberbe, und in der allergrösten Magnificence undt Vollkommenheit
wär, alß er es nun selbst sähe [...].« 25 Der Kurfürst-König
konnte zufrieden sein. Noch zufriedener würde es August den Starken
gestimmt haben, wenn er das Urteil König Friedrich Wilhelms I. gelesen
hätte, nachdem dieser am 13. März 1728 im neuen Juwelenzimmer
des Grünen Gewölbes den Juwelenschmuck seines sächsischen Rivalen
gesehen hatte. Der König von Preußen schrieb an seinen Freund, den
Fürsten Leopold zu Anhalt-Dessau, lakonisch in der ihm eigentümlichen
Diktion: »[...] was das grüne gewelbe ist cella ebl(o) ist meine(n)
vatter seine Juvehlen ist nits dagegen [...].« 26
Der Wandel von der öffentlichen Schatzkammer
zum Museum: 1732 – 1942
Abb. 21
Grundriss des Residenzschlosses in der Mitte des 18. Jahrhunderts
Das Grüne Gewölbe hatte seine Bewährungsprobe bestanden.
August der Starke hatte es eingerichtet als politisches Werkzeug, als
Zurschaustellung verschwenderischen Reichtums und als sichere Ver
18
wahrung der Familienschätze. Im Dezember 1732 stellte er neben den
beiden bereits vorhandenen Geheimen Kämmerern zwei weitere Verwaltungsbeamte
an, welche die Aufgabe hatten, die nun heranströmenden
Schaulustigen von Stand in kleinen Gruppen durch die unvorstellbar
prächtige Sammlung zu führen. In den Instruktionen der
Bestallungsurkunde legte August der Starke fest, wie er sich die Besichtigung
vorstellte: »Und ob Wir zwar wohl geschehen laßen können,
daß denen frembden so wohl als einheimischen die in offtgemeldten
grünen Gewölbe befindlichen Jubelen und Kostbarkeiten gezeiget werden;
So ist doch ein guter Unterscheid zu machen, daß nicht alle und
jede und auch deren niemahls zuviel auf einmahl hinein geführet
werden. Damit nun die Inspectores wißen mögen, wie sie sich diesfalls
zu verhalten, so haben sie so offt jemand selbige zu sehen verlanget,
solches bey Unsern Ober-Cammerherrn oder da dieser nicht gegenwärtig
bey dem Cämmerer, in Fall aber da beyde abwesend, bey dem
Oberhoffmarschall, wenn auch dieser nicht zu gegen bey hiesigen Gouverneur
zu melden und diesfalls Bescheid zu gewarten, und außerdem
niemand, der nicht Unsers oder Unsers Ober Cammerherrn und Cämmerers
wegen dahin geschickt, oder in seiner aufhabenden Verrichtung
bey ihnen allda zu thun, das Ein- und Ausgehen zu verstatten.« 27 Drei
Monate später verstarb der Sammlungsgründer in seiner polnischen
Residenzstadt Warschau.
Auch für diesen Moment war das Grüne Gewölbe geschaffen worden.
Es sollte seinem einzigen ehelichen Sohn und Nachfolger in der
Würde des sächsischen Kurfürsten die besten Chancen ermöglichen,
ihm als gewählter König von Polen und Großherzog von Litauen im
Amte zu folgen. August III., der sich vor allem für Gemälde und die
graphischen Künste interessierte, profitierte am längsten von der Wirkungskraft
des wohl geordneten und reich gefüllten Schatzkammermuseums.
Wenn er auch nicht so sehr von der kleinteiligen Schönheit der
Schatzkunst fasziniert war, so vervollständigte er doch die Sammlung
durch bedeutende Ankäufe aus dem Nachlass des 1731 verstorbenen
Hofjuweliers Johann Melchior Dinglinger. Auch andere Werke kamen
in den nächsten Jahren in die Sammlung. Vor allem aber bereicherte
August III. den Juwelenschatz, unter anderem durch den Ankauf des
großen ›Grünen Diamanten‹, dessen alleiniger Wert denjenigen aller
Arbeiten Dinglingers zusammen übertraf (Abb. 22). Das große Verdienst
Augusts III. war die Bewahrung der Schätze. Einen wichtigen
Beitrag dazu leisteten die detaillierten Inventare, in denen er mit Ausnahme
des Elfenbeinzimmers alle Räume einzeln und nach topographischen
Gesichtspunkten aufzeichnen ließ. Sie dienten als Leitfaden
für die Neueinrichtung des Grünen Gewölbes.
Die Gefahren, denen das Schatzkammermuseum im 18. Jahrhundert
ausgesetzt war, scheinen erstmals im Sommer 1744 mit dem Beginn
des Zweiten Schlesischen Krieges auf. Damals wurde die größte
Kostbarkeit der Sammlung, der Juwelenschmuck, erstmals für eine
kriegsbedingte Evakuierung verpackt, um sie vor einrückenden Truppen
auf die Landesfestung Königstein in Sicherheit zu bringen. Am
29. August 1756 war der Ernstfall eingetreten. In den ersten Tagen
des Siebenjährigen Krieges begannen preußische Truppen mit der
Beset zung Sachsens. Als sie am 9. September kampflos in Dresden
ein marschierten, waren die Vitrinen des Juwelenzimmers bereits von
den kostbarsten Teilen beräumt und längst in Polen. Damit war das
Abb. 22
Hutagraffe mit dem ›Dresdner Grünen‹ aus der Brillantgarnitur
Franz Michael Diespach, Dresden/Prag 1796,
unter Verwendung von Teilen von Jean Jacques Pallard, Wien 1746
Brillanten, Silber, Gold, H. 14,1 cm, B. 5 cm
Dresden, Grünes Gewölbe, Inv. Nr. VIII 30
19
Abb. 23 Grundriss des Grünen Gewölbes, 1913
Grüne Gewölbe in der von August dem Starken geschaffenen und von
August III. bewahrten Fassung Vergangenheit.
Im September 1759 musste die preußische Besatzung Dresden
an ihre kaiserlichen Feinde übergeben. Unmittelbar darauf wurden
die Werke der Schatzkunst verpackt. Der kostbarste noch vorhandene
Bestand wurde auf die Feste Königstein gebracht, die anderen Teile
in den Kellern des Schlosses vor weiteren Kriegsgefahren geschützt. 28
Nicht zu früh, denn im Sommer 1760 kam es zu einer preußischen
Belagerung mit schwerem Beschuss, dem weite Teile des barocken
Dresden zum Opfer fielen. Bereits Anfang 1758 waren eine Kiste mit
Geschirr aus purem Gold und 62 Kisten mit Arbeiten aus vergoldetem
Silber und unvergoldetem Weißsilber auf Weisung der Königin Maria
Josepha aus dem Grünen Gewölbe nach Amsterdam verpfändet worden.
29 Es war der Gesamtbestand des Weißsilber- und des Silbervergoldeten
Zimmers, insgesamt 37 Kilogramm Goldgeschirr und 3.235
Kilogramm Silber. Nur weniges kehrte letztlich in die Schatzkammer
zurück. Bis auf drei Silberskulpturen wurde das unvergoldete Silber
1772 in der Dresdner Münze eingeschmolzen und zu Talern verarbeitet.
30 So verschwand die Ausstattung des Weißsilberzimmers und
auch vom Silbervergoldeten Zimmer haben sich nur knapp ein Drittel
der ursprünglichen Bestände erhalten. Die damaligen Verluste sind
auch heute noch sichtbar. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts blieb
dies aber der größte Bestandsverlust und zudem der einzige, der sich
nicht mehr ausgleichen ließ.
Das nächste einschneidende Ereignis vollzog sich 1831/32. Damals
wurde das Grüne Gewölbe per Gesetz zum unveräußerlichen Besitz
der Krone erklärt und erhielt einen Zuwachs von etwa fünfhundert
Objekten aus der zu diesem Zeitpunkt aufgelösten Kunstkammer. Nach
270 Jahren war diese traditionsreiche und älteste Sammlungsinstitution
in Dresden auf Beschluss des Landtages aufgegeben worden. Dem
Grünen Gewölbe hätte in den vorausgegangenen Jahrzehnten durchaus
das Gleiche drohen können. Der dramatisch verlorene Napoleonische
Krieg hatte seine Bestände mehrmals auf die Feste Königstein verbannt,
ein schwerer Diebstahl hatte in dessen Folge 1817 die Reputation
der Sammlung erschüttert, vor allem aber war die Epoche der den
›Fürstentand‹ verabscheuenden Aufklärung und des geschmacklich
nicht sehr toleranten Klassizismus für fast alle europäischen Schatzkunstsammlungen
des Barock fatal. Sie wurden aufgelöst, verkauft,
eingeschmolzen. Die fast ein Sechstel des ursprünglichen Bestandes
ausmachenden Zuwächse durch die Kunstkammer konnten Lücken auf
den Konsolen schließen, passten aber nur unzureichend in das barocke
Erscheinungsbild.
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts änderten sich auch die Besichtigungsformen
der Schatzkammer. Aufgrund ihrer wachsenden Beliebtheit
wurde auf die Tradition der exklusiven und durchaus kostspieligen
Führungen in kleinen Gruppen verzichtet und der freie Rundgang der
Besucher ermöglicht. Dazu mussten aber die Schauwände mit den frei
darauf stehenden Objekten durch hohe und engmaschige Gitter geschützt
werden. Dieser ästhetisch fragwürdige Eingriff änderte nichts
an der wachsenden Beliebtheit. Mit der Epoche des Historismus standen
die verspielten Pretiosen wieder im Mittelpunkt der kunstinteressierten
Besucherschichten. Ungefähr zur gleichen Zeit, gegen 1860,
wurde der in die Jahre gekommene Zustand der Räume zum Problem.
Ungeheizt und nur unzureichend beleuchtet, waren die Schätze nur
im Sommer gut zu besehen. Im Herbst und Winter bewegten sich die
Besucher durch kühle, halbdunkle Räume. Diese nahmen nun auch
erkennbar Schaden.
Als der Westflügel des Dresdner Residenzschlosses zwischen 1890
und 1892 seine neue Fassade bekam, erfolgten auch im Grünen Ge
20