Medien im Kindergarten

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Medien im Kindergarten

Foto: M. W. Weber / TV-yesterday

Medien im Kindergarten

„Jo, jo, wir schaffen das!“ – seit Wochen nervt Max, bald

drei Jahre alt, seine Umgebung mit diesem Spruch. Die

Quelle, „Bob der Baumeister“, ist derzeit Max´ absoluter

Favorit: Fernsehserie, Hörkassette, Spielfiguren, Malbuch,

selbst auf einem T-Shirt prangt der kleine Mann in Latzhose.

Wie viele Gleichaltrige konnte auch Max dem unermüdlichen

„Schaffer“ nicht entkommen. Abgesehen von der Fernsehserie

haben Eltern, Großeltern und Tanten „Bob“ in allen

erdenklichen Variationen ins Haus gebracht, und so konnte

Max schon früh erleben, welch reichhaltiges Angebot die

Medienwelt bieten kann. „Bob“ ist zum allgegenwärtigen

Begleiter seines Alltags geworden und er wird nicht der einzige

bleiben. Kuscheltier, Poster und CD-ROM zum Vorschulmagazin,

Spielkarten, Computerspiel und Internetseiten

zur Zeichentrickserie – mit vielen medialen und gegenständlichen

Repräsentationen seiner verschiedenen Medienvorlieben

wird Max noch vor Beginn der Schulzeit Bekanntschaft

schließen. Bilderbuch und Hörkassette gehören schon

traditionell dazu, immer früher jedoch auch das Fernsehen

sowie Computerspiele.

Helga Theunert

klein&groß 07–08/2007 Thema 7

Chance für das Aufwachsen in der konvergenten Medienwelt

Medienkonvergenz

Der Begriff „Medienkonvergenz“ steht für die technische

und inhaltliche Verzahnung verschiedenartiger Medienangebote.

Ausgehend von einem Basisangebot werden

Medien, Botschaften und Handlungsoptionen gedoppelt –

wie bei der DVD zum Kinofilm oder, in ihrer Funktionsweise

erweitert, wie beim Computerspiel zur Fernsehserie, das

durch das höhere Aktivitätsniveau das Erleben intensivieren

kann. Fernsehen, Radio hören, Zeitung lesen im Internet, am

Computer Ton-, Bild- und Videodateien und das Computerspiel

zum neuesten Kinohit genießen, sich über die nächste

Folge der geliebten Daily-Soap auf der zugehörigen Internetseite

informieren, nach Neuigkeiten über die Lieblingsschauspielerin

suchen und mit anderen Fans im Chat fachsimpeln –

das sind nur einige mit Medienkonvergenz verbundene

Phänomene, die die Medienwelt noch attraktiver, aber auch

risikoreicher machen können.

Inhaltsgleiche oder -ähnliche Angebote erlauben es, die

Vorlieben für Themen, Genres oder mediale Tätigkeiten über

verschiedene Medien zu befriedigen, bis dahin, sich in einseitige

Medienwelten einzuspinnen. Besonders bequem wird

das durch multifunktionale Medien wie Computer und Internet.

Sie integrieren multimediale Angebote und sind multifunktional

nutzbar, als Arbeitsplatz, Informationsquelle, Spielstation,

Heimkino, Musikanlage, Kommunikationszentrum.

Unter den Bedingungen der Medienkonvergenz gestalten

sich Prozesse der Medienaneignung zunehmend komplexer.

Zur Nutzung, Bewertung und Verarbeitung von medialen

Botschaften und Handlungsoptionen, die ein Basisangebot

vervielfachen und variieren, gesellen sich nun die Realisierung

bzw. Konstruktion zielführender Wege durch das Medienensemble

(vgl. Theunert 2006). Diese verzahnte Medienwelt

zu durchschauen und sie sich zunutze zu machen, stellt

erhebliche Anforderungen, für die die Kinder schon früh

gestärkt werden müssen.


Foto: © Caro Fotoagentur/Olaf Jandke

Heute haben Kinder noch bevor sie in die Schule kommen einen großen Teil der Medien eigenständig in Gebrauch.

Das Fernsehen als Startmedium

Der Einstieg in die konvergente Medienwelt wird vor allem

über die favorisierten Medien organisiert (vgl. Theunert 2006).

Für jüngere Kinder ist dabei das Fernsehen von herausragender

Bedeutung. Bereits für die Drei- bis Sechsjährigen zählt

es zu den häufig genutzten und hoch geschätzten Medien,

und das ihnen bekannte Sendungsspektrum ist beachtlich

(vgl.www.flimmo.tv). Durch die Fernsehangebote bilden sich

Vorlieben heraus, hier entdecken die Kinder Verweise auf

andere Medienrepräsentationen ihrer Favoriten, auf Computerspiele,

Hörkassetten, Bücher usw. Hier machen sie Bekanntschaft

mit Spielwaren und Gebrauchsartikeln zu ihren Favoriten.

Ausgehend vom Fernsehen sammeln viele auch ihre

ersten Erfahrungen mit dem Computer, über Spiele oder

Edutainment-CD-ROMs, und einige entdecken auch das Internet

– freilich nur mit Hilfestellung der Eltern. Diese vertrauen

ihrerseits den Internetseiten des Kinderprogramms und

machen sie den Jüngsten gern zugänglich (vgl. Wagner 2002).

Computer und Internet

Als multifunktionale Medien sind Computer und Internet –

und zunehmend das Handy – Schaltstellen der konvergenten

Medienwelt. Sie öffnen den Zugang zu multimedialem Erleben,

vielfältiger Information, Kommunikation und Interaktion

und zu verschiedenartigem Mehrwert wie Downloads von

Text-, Bild-, Audio-, Video- und Spieldateien. Bis etwa zur Mitte

des Grundschulalters können Kinder diese Zugänge nur mit

fremder Hilfe realisieren. Textlastigkeit und komplexe Struktur

des Internets übersteigen ihre Fähigkeiten (vgl. Feil u. a. 2004).

Wird ihnen jedoch eine Internetseite geöffnet, bewegen

sie sich ähnlich wie in einer CD-ROM und aktivieren vertraute

Symbole (vgl. Wagner 2002). Allerdings arbeitet der Markt

bereits an Hardware, die den Jüngsten einen eigenständigeren

Umgang mit PC und Internet erleichtern soll. Die PC-Maus

für Kinderhände und den „Kinder-Computer“ gibt es schon.

Der Computer, der über Bildschirm-Berührung gesteuert

wird, ist in den USA auf den Weg gebracht und wird sicher

auch hierzulande bald verfügbar sein.

Kindergarten als medienfreier Raum?

Heute haben Kinder, noch bevor sie in die Schule kommen,

einen großen Teil des verfügbaren Medienensembles eigenständig,

also ohne fremde Hilfe in Gebrauch. Bilderbuch

und Hörkassette gehören traditionell dazu, immer früher

aber auch Fernsehen und Computerspiele. Bis zur Mitte

des Grundschulalters wird das gesamte Medienensemble

inklusive PC, Internet und Handy eigenständig genutzt und

fungiert als Orientierungs-, Wissens- und Kompetenzquelle.

Damit ist auch die konvergente Medienwelt in vollem

Umfang zugänglich (vgl. Theunert/Demmler 2007).

Angesichts des Medienalltags von Kindern wäre ein medienfreier

Kindergarten pure Illusion. Wer Kinder fürs Leben

stark machen will, muss sie in der heutigen (Medien-)Gesellschaft

so früh wie möglich auch für das Leben mit Medien

stark machen. In den meisten Bildungs- und Erziehungsplänen

der Bundesländer ist das mittlerweile als pädagogischer

Auftrag formuliert (vgl. Marci-Boehncke/Rath 2007).

Medienkompetenz

Der Kindergarten ist der erste institutionalisierte Erziehungsund

Bildungsort, an dem die Medienkompetenz von Kindern

systematisch gefördert werden kann. Drei Eckpfeiler sind

dafür tragend:

Vorrangig ist die Befassung mit denjenigen Medienangeboten,

die alltäglich genutzt werden, und zwar gerade

dann, wenn es sich um pädagogisch wenig wünschenswerte

handelt. Fernsehen ist hierbei ebenso ein Muss wie

Computerspiele.

Im Kindergartenalltag sollten Gelegenheiten initiiert

werden, Medienangebote zu entdecken, die nicht zum

üblichen Medienmenü der Kinder zählen, wie beispielsweise

kreative Computeranwendungen. Die Betonung

liegt auf dem Entdecken. Bloße Computertrainingskurse

haben im Kindergarten nichts zu suchen.

Aktives Arbeiten mit Medien fördert Medienkompetenz

in idealer Weise. Mit einfach zu handhabenden Medien

wie einem digitalen Fotoapparat lassen sich schon mit

Dreijährigen Projekte durchführen. Mit jedem Lebensjahr

weiten sich die Möglichkeiten (Anregungen in Anfang

u. a. 2005).

Der Einbezug der Eltern in Aktivitäten zur Medienkompetenzförderung

sichert Nachhaltigkeit und trägt dazu bei, dass die

familiäre Medienerziehung die des Kindergartens nicht konterkariert.

Aussicht auf Erfolg haben nur Strategien, die am

heutigen Familienalltag ansetzen, die Eltern für das Medienerleben

ihrer Kinder sensibilisieren und ihre eigenen Medienund

Erziehungskompetenzen stärken. Ansätze wie sie beispielsweise

dem „Flimmo“, der Fernsehprogrammberatung

Der Einstieg in die konvergente Medienwelt erfolgt meist über das Fernsehen.

Foto: Ute Grabowsky/photothek.net

klein&groß 07–08/2007 Thema 9

für Eltern (www.flimmo.tv) zugrunde liegen, weisen einen

Weg, der auch in Bezug auf andere Medien Vorbild sein kann.

Im Jahr seines zehnten Geburtstages erweitert der „Flimmo“

nun zudem sein Online-Angebot um ein „Fachportal

Medienerziehung“. Hier finden pädagogische Fachkräfte

Anregungen zur Thematisierung und aktiven Bearbeitung

des Fernseherlebens von Kindern in der alltäglichen Arbeit

und zur Integration der Eltern in solche medienpädagogischen

Aktivitäten.

Prof. Dr. Helga Theunert, wissenschaftliche Direktorin des JFF-Instituts

für Medienpädagogik in Forschung und Praxis, München

Literatur

Anfang, Günther/Demmler, Kathrin/Lutz, Klaus (Hrsg.):

Mit Kamera, Maus und Mikro. Medienarbeit mit Kindern.

München 2005

Feil, Christine/Decker, Regina/Gieger, Christoph:

Wie entdecken Kinder das Internet? Beobachtungen bei 5- bis

12-jährigen Kindern. Schriften des Deutschen Jugendinstituts.

Wiesbaden 2004

Marci-Boehncke, Gudrun/Rath, Matthias:

Medienkompetenz für ErzieherInnen. Ein Handbuch für die moderne

Medienpraxis in der frühen Bildung.

München 2007

Theunert, Helga:

Medienkonvergenz – Multimediales Vergnügen im Kinderzimmer.

Neue Medien, Wissen. August 2006.

Verfügbar über: http://www.wissen-und-wachsen.de/

page_medien.aspx?Page=12aee742-33f0-4268-aa05-55f2410cc434

[10.05.2007]

Theunert, Helga.:

Konvergenzbezogene Medienaneignung und Eckpunkte medienpädagogischen

Handelns.

In: Wagner, Ulrike/Theunert, Helga (Hrsg.):

Neue Wege durch die konvergente Medienwelt.

München 2006, S. 161–210

Theunert, Helga/Demmler Kathrin:

Medien erleben und mit Medien handeln. Null- bis Sechsjährige

in der Medienpädagogik.

In: Theunert, Helga (Hrsg.): Medienkinder von Geburt an. Reihe Interdisziplinäre

Diskurse 2.

München 2007. In Druck.

Wagner, Ulrike:

Fernseh-Internet-Konvergenz: Was fangen Heranwachsende damit an?

Ergebnisse einer Explorationsstudie im Auftrag von BML, IZI und ZDF.

In: Theunert, Helga/Wagner, Ulrike (Hrsg.):

Medienkonvergenz: Angebot und Nutzung. Eine Fachdiskussion veranstaltet

von BLM und ZDF (S. 15–72). BLM-Schriftenreihe Bd. 70.

München 2002

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