ERASMUS - DAAD

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ERASMUS - DAAD

Generation

ERASMUS

Auf dem Weg nach Europa

Studierende berichten über ihr Auslandspraktikum in Europa

Ein Lesebuch


Generation ERASMUS – Auf dem Weg nach Europa


Generation

ERASMUS

Auf dem Weg nach Europa

Studierende berichten über ihr Auslandspraktikum

in Europa

Ein Lesebuch


8 Einführung

Erfahrungsberichte

12 Julia Berghänel (Belgien)

Ein halbes Jahr in Europas Hauptstadt

20 Martin Brennecke (Bulgarien)

Einblick in die Welt der Logistik – Praktikum

bei Rhenus Bulgaria

30 Marie Schröder (Dänemark)

Zwischen Smørrebrød und Buchstabensalat

38 Stephan Meurer (Finnland)

Von einem, der auszog mit Familie zu lernen …

50 Ernst Schäfer (Frankreich)

„Die Welt bewegen“ bei Liebherr-France SAS

62 Jennifer Bullert (Großbritannien)

„German Jenny“ out and about for STAR Radio

72 Sabine Gernhardt (Großbritannien)

Vom Lehrerleben in Wales

INHALT

78 Lisa Heinzelbecker (Irland)

Ein Fremder ist nur ein Freund, den man noch nicht kennt –

Sechs Monate Einblick in die irische Mentalität

88 Nils Hertrich (Italien)

Einmal Italien – immer Italien

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GENERATION ERASMUS

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94 Julia Zisgen (Lettland)

Mehr als Jugendstil und Plattenbauten –

Drei Monate in Lettland

104 Christine Weißenborn (Norwegen)

Heja Norge!! Sechs Monate in Norwegen

112 Maria Höger (Polen)

Im Osten was Neues

122 Stefanie Schmitz (Rumänien)

„Sorg auf dich“ – Neun Monate im siebenbürgischen Kronstadt

132 Katja Engelhardt (Schweden)

Drei Meter Schnee in Göteborg

140 Julia Bergk (Spanien)

Salsa und Tapas in Andalusien

148 Klara Reder (Spanien)

Granada unter Wasser

156 Thilo König (Tschechien)

„Schön ist, was tschechisch ist“ – Praktikum bei Škoda

164 Nicolas Langensiepen (Türkei)

„Das Wörterbuch ist mein bester Freund“ –

Praktikum am Bosporus

176 Gesche Gloystein (Ungarn)

Schwaben und Magyaren – Praktikum an

der Deutschen Bühne Ungarn


INHALT

188 ERASMUS-Praktika – Informationen zum Programm

192 Leistungen und Förderbedin gungen auf einen Blick

195 Bewerbung und Vorbereitung

199 ERASMUS-Praktika – Statistiken, Entwicklungen

und Trends

218 Weiterführende Links

Impressum

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde in der Regel die männliche Schreibweise verwendet.

Wir weisen an dieser Stelle ausdrücklich darauf hin, dass sowohl die männliche als auch die

weibliche Schreibweise für die entsprechenden Beiträge gemeint ist.

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GENERATION ERASMUS

Generation ERASMUS

Auf dem Weg nach Europa.

Studierende berichten über ihr

Auslandspraktikum in Europa.

Ein Lesebuch

Die Beschäftigungsfähigkeit von Hochschulabsolventen ist ein

wichtiges Thema des Bologna-Prozesses und soll unter anderem

durch eine „Anreicherung“ der Curricula mit Praxiselementen

erreicht werden. Gleichzeitig werden internationale Erfahrungen

und Kompetenzen auf dem Arbeitsmarkt immer gefragter.

Mit der Förderung von Auslandspraktika ermöglicht die Europäische

Union seit 2007 im Erasmus-Programm Studierenden, sich

in mehr als 30 europäischen Ländern international und praxisorientiert

weiterzuqualifi zieren und wertvolle Erfahrungen für

die spätere Beschäftigung zu sammeln. Wie richtig die Integration

der Praktikantenförderung in das ERASMUS-Programm war,

belegt die hohe Attraktivität dieser Aktionslinie bei den Studierenden.

Gleich im ersten Förderjahr 2007/08 nahmen europaweit

20.002 Studierende die Möglichkeit eines ERASMUS-Praktikums

in Anspruch. Bereits im Folgejahr 2008/09 hatte sich die

Zahl der ERASMUS-Praktikanten um mehr als 50 % auf 30.330

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EINFÜHRUNG

erhöht. Deutsche Studierende haben von der neuen Programmlinie

in besonderem Maße profi tiert. 4.487 (15 %) der 30.330 europäischen

ERASMUS-Praktikanten kamen aus Deutschland.

Nur Frankreich hat in Europa mehr Praktikanten gefördert.

Auch als Aufnahmeland für ausländische Praktikanten ist

Deutschland sehr attraktiv und nimmt dabei hinter Spanien und

Großbritannien Platz drei in Europa ein.

Als Nationale Agentur für ERASMUS in Deutschland ergeben

sich für den Deutschen Akademischen Austauschdienst vielfältige

Möglichkeiten, einen Blick „hinter die Zahlen“ zu werfen und

von den Praktikanten mehr über die persönlichen Geschichten

und Erlebnisse sowie die fachlichen Erträge zu erfahren, die sich

mit den Auslandspraktika verbinden. Die Begeisterung, mit der

viele Studierende von ihrem ERASMUS-Praktikum berichten,

mit welcher Motivation sie danach ihr Studium fortführen oder

ihren Berufseinstieg planen, hat uns bewegt, in der Reihe „Generation

ERASMUS – Auf dem Weg nach Europa“ einen eigenen

Band zu den Auslandspraktika zu erstellen und die persönlichen

Erlebnisse und Erfahrungen der Praktikanten einer breiteren

Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Im vorliegenden Lesebuch – dem mittlerweile fünften Band dieser

Reihe – schildern Studierende, die mit ERASMUS ein drei-

bis zwölfmonatiges Praktikum in Europa absolvierten, wie gewinnbringend

ein solches Auslandspraktikum sowohl für die

berufl iche als auch die persönliche Entwicklung ist. Die Praktikanten

kommen nicht nur mit einer zusätzlichen Berufserfah-

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GENERATION ERASMUS

rung nach Deutschland zurück, sondern auch mit neuem Selbstvertrauen

und einer größeren Weltoffenheit. Sie betonen, dass

sie diese Zeit um keinen Preis missen wollen.

Das Lesebuch ist in mehrere Themenbereiche gegliedert. Nach

einer allgemeinen Einführung folgen die Berichte der Studierenden.

Im zweiten Teil fi nden Sie Informationen zum Programm,

Leistungen und Förderbedingungen sowie Informationen zu

Bewerbung und Vorbereitung. Im Statistikteil werden interessante

Erläuterungen und Zusammenhänge dargelegt. Abschließend

fi nden Sie weiterführende Links zum Thema Praktikum in

Europa

Damit wird die Reihe „Generation ERASMUS“ des DAAD fortgesetzt,

von der bisher vier Bände erschienen sind: Im ersten Band

berichten ehemalige deutsche ERASMUS-Studierende über ihr

Auslandsstudium an einer ausländischen Universität (2007); der

zweite Band gibt Einblick in die Sonderförderung für deutsche

Studierende (2007); der dritte Band bietet einen Überblick über

die verschiedenen Betreuungsprogramme lokaler studentischer

Initiativen an deutschen Hochschulen für ausländische ERAS-

MUS-Studierende (2008). Im vierten Band werden die Auslandserfahrungen

von deutschen Lehrenden und Angehörigen der

Hochschulverwaltungen an Hochschulen in Europa wiedergegeben

(2009).

Mein Dank gilt allen Autorinnen und Autoren, die in den vorliegenden

Beiträgen ihre aufschlussreichen Erfahrungen mit den

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EINFÜHRUNG

Leserinnen und Lesern teilen. Ich danke insbesondere Beate

Körner, Madalena Csizmazia und Julia Vitz für die Konzeption

und Erstellung dieses Lesebuchs sowie dem Bundesministerium

für Bildung und Forschung und der Europäischen Kommission,

deren fi nanzielle Unterstützung diese Publikation erst möglich

gemacht hat.

Ich wünsche Ihnen viel Freude bei der Lektüre und hoffe, dass

die spannenden Erfolgsberichte viele Studierende zu einem Auslandsaufenthalt

motivieren.

Dr. Siegbert Wuttig

Leiter der Nationalen Agentur für

EU-Hochschulzusammenarbeit im DAAD

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JULIA BERGHÄNEL

12


BELGIEN

Ein halbes Jahr in der Hauptstadt

Europas

Im Rahmen meines Studiums der Erziehungswissenschaften an

der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ist ein sechsmonatiges

Pfl ichtpraktikum zu absolvieren. Auf der Suche nach einer

geeigneten Praktikumsstelle stieß ich eines Tages am Schwarzen

Brett der Universität auf eine Anzeige der BBJ Servis gGmbH,

die einen Praktikumsplatz in ihrer Niederlassung in Brüssel anbot.

Von diesem Angebot war ich inhaltlich sofort sehr angetan,

auch wenn ich im Vorfeld nicht unbedingt ein Praktikum im Ausland

angestrebt hatte. Ich bewarb mich dann im Mai 2009 für

diese Praktikumsstelle. Damit begann die Zeit des Hoffens und

Bangens, denn inzwischen war ich ganz Feuer und Flamme und

wäre sicherlich sehr enttäuscht gewesen, wenn es nicht geklappt

hätte. Schließlich wurde ein Telefongespräch mit der Praktikumsbetreuerin

vereinbart – ein erster Erfolg. Und letztlich stand fest:

Den Winter verbringe ich in Europas Hauptstadt. Natürlich gab

es noch viel zu klären – die Anreise, die Finanzierung, die Versicherungen,

etc. Zum Glück stellte die Praktikumsstelle mir die

Unterkunft, die Suche wäre in Brüssel nämlich sicherlich nicht

ganz leicht gewesen.

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JULIA BERGHÄNEL

Ich war noch nie vorher in Belgien gewesen. Und alles was ich

über Brüssel wusste, beschränkte sich auf meinen Reiseführer

und natürlich auf die Bilder, die man aus den Nachrichten kannte

– das Atomium, das Europäische Parlament, die Kommission

und die vielen EU-Flaggen. Doch einmal in Brüssel angekommen,

merkt man sehr schnell, dass diese Stadt weitaus mehr zu

bieten hat und sich nicht nur auf das Europäische Viertel beschränken

lässt. Gleichzeitig stellt man aber auch fest, dass es

einige dunkle Ecken gibt und die Kriminalität sehr hoch ist (obwohl

ich davon selbst nichts mitbekam). Also nichts von schillernder

Hauptstadt, sondern harte Realität und auch sichtbare

Armut auf den Straßen. Brüssel kann somit durchaus als Stadt

mit zwei Gesichtern beschrieben werden, Kontraste wohin man

nur sieht.

Langweilig wird es in der Stadt nicht. Man kann sehr viel

unternehmen und auch abends gut weggehen. Man sollte abends

jedoch nicht unbedingt allein unterwegs sein. Insbesondere als

Frau sollte man sich darüber im Klaren sein, dass die Männer

hier teilweise ein bisschen „kontaktfreudiger“ sind, als ich das

von Deutschland her kenne. Trotzdem gibt es vor allem bei der

Bourse nette Cafés und Clubs, die zum Weggehen einladen. Da

Brüssel nicht zu den billigsten Städten in Europa gehört, sollte

man stets das nötige Kleingeld dabei haben. Das merkt man

auch auf der Rue Neuve – der Einkaufsstraße Brüssels. So viele

Läden, aber doch alle sehr teuer. Was für ein Glück, dass die Geschäfte

abends um 18:30 Uhr schließen und man so nicht in Versuchung

kommt, einkaufen zu gehen, wenn man bis 18 Uhr arbeiten

muss. Und samstags ist es dort eindeutig zu überlaufen!

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BELGIEN

Ich bin mit sehr hohen Erwartungen an mein Praktikum herangegangen.

Im Endeffekt haben sich diese insbesondere in den

ersten drei Monaten zum größten Teil erfüllt – ich habe unter

anderem bei der Vorbereitung und Durchführung von EU-spezifi

schen Seminaren geholfen, täglich die Ausschreibungen der

EU ausgewertet, Literaturrecherchen zu relevanten Themen der

Kinder- und Jugendhilfe angefertigt und am monatlichen Newsletter

mitgearbeitet. Diese Aufgaben ermöglichten es mir, einen

anderen Blickwinkel auf die bisher im Studium erarbeiteten

Themengebiete zu gewinnen. Die Arbeitsatmosphäre unter den

Kollegen war sehr angenehm: Ich bin von Anfang an gut aufgenommen

und in die gesamten Arbeitsabläufe integriert worden.

Auch die Teilnahme an Veranstaltungen, die von den verschiedenen

Institutionen der Europäischen Union durchgeführt wurden,

war mir gestattet. In der zweiten Hälfte war es dann eher so,

dass mir die Aufgaben und Abläufe bekannt waren und ich somit

nicht mehr viel Neues dazugelernt habe. Außerdem sind aufgrund

von Umstrukturierungen leider einige inhaltliche Aspekte

weggefallen, die mich im Rahmen meines Studiums der

Erziehungswissenschaften allerdings besonders interessiert hätten.

Trotzdem konnte ich in dieser Zeit mein Wissen über die

Strukturen der Europäischen Union erweitern und darüber hinaus

die Verbindung zwischen nationaler und internationaler Politik

besser nachvollziehen und differenzieren. Grundsätzlich

würde ich dieses Praktikum auf jeden Fall weiterempfehlen,

denn die Arbeit war sehr abwechslungsreich.

Die Umstellung vom Studenten- ins Arbeitsleben war am Anfang

gar nicht so leicht. Es war anstrengend, fünf Tage die Wo-

15


JULIA JUL JU JUL JU JUL JU J JUL JU JUL JU JUL J UL U UL UUL U UL U UL U UL U L IA I IA I IA IIA I IA I IIA I A BER BBER BE BER BE BBER BE BER BE BER BE BER BE BER B BER BERGHÄNEL

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che jeweils von 9 bis 18 Uhr (bzw. freitags bis 16 Uhr) im Büro

zu sein. Unter der Woche blieb somit wenig Freizeit, da ich am

Abend doch immer sehr erschöpft war und nicht mehr die Lust

hatte, viel zu unternehmen. Wie gut, dass man in der Gemeinschaftsküche

immer jemanden getroffen hat, mit dem man gemeinsam

essen oder auch mal ein Glas Wein trinken konnte.

Ansonsten waren die Abende ausgefüllt mit Einkäufen im nahe

gelegenen Supermarkt, waschen im Waschsalon um die Ecke

und natürlich E-Mails schreiben oder telefonieren mit Freunden

und der Familie.

Brüssel ist meines Erachtens nicht unbedingt eine schöne

Stadt. Natürlich gibt es ganz nette Ecken, die man auch mal gesehen

haben sollte. Jedoch dürfte die Tatsache, dass ich im Herbst/

Winter dort war – wo es eigentlich so gut wie nie vorkam, dass

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BELGIEN

zwei Tage hintereinander die Sonne geschienen hat – dazu beigetragen

haben, dass doch alles eher ein bisschen „grau“ wirkte.

Am Wochenende sind Fahrten durch Belgien mit der Bahn

sehr zu empfehlen, denn dann bezahlt man nur die Hälfte des

Fahrpreises und kommt eigentlich ziemlich gut überall hin. Mir

selbst haben es insbesondere die Städte Gent und Leuven angetan,

aber auch Brügge, Antwerpen, Liège und Namur standen

auf meinem Programm. Auch zur belgischen Küste sowie in die

Niederlande bin ich gefahren. Paris und London sind ebenfalls

nicht weit entfernt, allerdings sind die Fahrten dahin ziemlich

teuer und man sollte sich schon frühzeitig um ein Ticket kümmern,

weswegen ich dies dann doch nicht in Angriff genommen

habe.

Für mich war es sehr wichtig, neben den berufl ichen Erfahrungen,

auch das Land und die Menschen näher kennenzulernen.

Das ist mir auf jeden Fall gelungen! Und allein deshalb würde

ich dieses Praktikum jederzeit wieder machen. Ich möchte die

Zeit in Belgien und die Erfahrungen dort unter keinen Umständen

missen. Außerdem war es sehr interessant, mit der Sprachenvielfalt

im Land umzugehen. Im Büro haben wir vor allem

Deutsch und Englisch gesprochen. Im Alltag kommt man zwar

sehr gut mit Englisch weiter, dennoch sind Französischkenntnisse

auf alle Fälle von Vorteil. Deshalb beschloss ich auch gleich

am Anfang, einen Französischkurs zu besuchen – von Monat zu

Monat habe ich mir mehr zugetraut. Und natürlich gibt es daneben

auch noch das Flämische. Diesen Sprachenmix fand ich sehr

spannend und es fi el mir mit der Zeit immer leichter, zwischen

den Sprachen zu wechseln.

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JULIA BERGHÄNEL

Trotz Schwierigkeiten, insbesondere in der zweiten Hälfte, ziehe

ich alles in allem – aus einigem Abstand betrachtet – ein positives

Fazit. Meine Erwartungen haben sich zum großen Teil erfüllt.

Dabei spielt natürlich nicht nur das Arbeitsfeld eine große

Rolle, sondern die gesamten Erfahrungen, die mit einem Auslandspraktikum

verbunden sind – von der Organisation bis hin

zur Lebensweise, den sprachlichen und kulturellen Herausforderungen

und der Trennung von Freunden und Familie. Ich habe

mich persönlich weiterentwickelt und eine neue Perspektive im

Hinblick auf mein Studium einerseits und meine berufl iche Zukunft

andererseits gewonnen. Bezüglich meines Studiums ist

mir klar geworden, wie wichtig es ist, über die bestehenden nationalen

Strukturen hinwegzublicken, um auch Erfahrungen und

Möglichkeiten aus anderen Ländern in Überlegungen miteinzubeziehen

und verschiedene Alternativen gegenüberzustellen.

Was meine berufl iche Zukunft betrifft, konnte ich mir durch das

Praktikum verschiedene Dinge bewusst machen und neue Perspektiven

gewinnen. So kann ich es mir mittlerweile sehr gut vorstellen,

im (europa-)politischen Kontext als Pädagogin tätig zu

werden, wobei mich beispielsweise die Arbeit als Beraterin in

diesem Themenbereich interessieren würde.

Als positiv habe ich neben den interessanten inhaltlichen

Dingen, die ich während der Zeit meines Praktikums bearbeiten

durfte, besonders das Leben im Ausland empfunden. Der Umgang

mit Fremdsprachen war für mich eine tolle Erfahrung und

auch die vielen Reisen, die ich unternommen habe, haben mir

sehr gut gefallen. Somit komme ich zu dem Schluss, dass man

ein Auslandspraktikum auf jeden Fall weiterempfehlen kann.

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BELGIEN

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BULGARIEN

Einblick in die Welt der Logistik –

Praktikum bei Rhenus Bulgaria

Von März bis August 2010 habe ich ein Praktikum bei der Firma

Rhenus Bulgaria OOD in Sofi a absolviert. Ich hatte im Wintersemester

2009/2010 bereits an der Wirtschaftsuniversität der Stadt

ein Auslandsstudiensemester als ERASMUS-Studierender erfolgreich

abgeschlossen. Das Land Bulgarien und die Stadt Sofi a

insbesondere sagten mir sehr zu. So entschied ich mich, auch

mein Praxissemester, das sich an mein Auslandsstudiensemester

anschloss, in Sofi a abzuleisten. Ich bewarb mich also über die

Deutsche Außenhandelskammer für ein sechsmonatiges Praktikum

bei einer Firma, die den Anforderungen der Hochschule

Heilbronn für ein Praxissemester im Studiengang Verkehrsbetriebswirtschaft

und Logistik entsprach. Ungefähr zwei Monate

nach der Bewerbung erhielt ich eine Zusage der Firma Rhenus

Bulgarien für ein Praktikum ab März 2010. Ich war darüber sehr

erfreut, denn dadurch konnte ich meinen Auslandsaufenthalt in

Bulgarien auf ein Jahr verlängern und weiterhin vieles über diese

interessante Region lernen.

Rhenus Bulgarien ist seit der Gründung im Jahre 1991 eine der

führenden internationalen Speditions- und Logistikunterneh-

21


MARTIN BRENNECKE

men im Land. Sie ist Teil der deutschen Rhenus-Gruppe 1 , einem

großen Logistikkonzern mit Hauptsitz in Holzwickede bei Dortmund.

Das Unternehmen ist weltweit mit 16.300 Mitarbeitern

an 290 Standorten in den Bereichen Kontraktlogistik, Hafenlogistik,

öffentlicher Personennahverkehr, Supply Chain Management

und Frachtlogistik tätig. Letzteres ist Hauptaufgabengebiet

der Rhenus-Niederlassung in Sofi a. Diese war eine ehemalige

Dependance der Interspe Haman Group (IHG). 2006 übernahm

die Rhenus-Gruppe IHG und wurde somit zu einem europaweiten

Full-Service-Dienstleister mit großem Landverkehrsnetz und

intermodalen Logistikstandorten. Die Rhenus-Gruppe wird in

den kommenden Jahren voraussichtlich noch weiter expandieren.

Da Bulgarien selbst wenig produziert, ist die Nachfrage nach

Gütern, vor allem aus Deutschland, hoch. Auch Österreich und

Italien sind wichtige Handelspartner. Täglich treffen LKWs aus

Frankfurt, Wien und Mailand in Sofi a ein.

In Bulgarien existieren drei Rhenus-Niederlassungen. Die

Zentrale in Sofi a und zwei weitere Standorte in Plovdiv und Varna.

Rhenus Sofi a bedient ein modernes Terminal in unmittelbarer

Nähe zum Flughafen. Es arbeiten 40 Mitarbeiter in den Abteilungen

Lager, Fuhrpark, Landverkehr Europa (international),

Landverkehr Bulgarien (national), Logistik/Luft/See, Buchhaltung,

Administration, Verkauf/Marketing und Geschäftsleitung.

Die größte Abteilung ist der internationale Landverkehr. Diese

Abteilung beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Import und

1 Ursprünglich wurde Rhenus als Binnen- und Seeschifffahrtsunternehmen im Jahre

1912 gegründet, daher auch der Firmenname, die lateinische Bezeichnung des Rheins.

22


BULGARIEN

Export von Sammel-, Teil- und Komplettladungen. Das größte

Auftragsvolumen sind Importe aus Deutschland und Italien, zudem

kommen viele Waren aus Frankreich, Spanien und Österreich.

Rhenus Sofi a dient auch als Umschlagsstandort für Weiterleitungen

in die benachbarten Länder wie Griechenland und

die Türkei.

Ich war die meiste Zeit in der Abteilung „Landverkehr Europa“

eingesetzt und zwar in der Gruppe „Landverkehr aus

Deutschland, Österreich und Ungarn“. Aufgrund meiner deutschen

Muttersprache wurde ich schnell in den deutschsprachigen

Bereich integriert.

Die meisten Kollegen in den internationalen Transportabteilungen

verfügten über gute Fremdsprachenkenntnisse. So sprachen

die Mitarbeiter meiner Abteilung auch sehr gutes Deutsch.

Einige der Kollegen hatten im Ausland gearbeitet bzw. studiert

oder Fremdsprachen-Gymnasien besucht, die in Bulgarien sehr

beliebt sind. Ich konnte mich daher in meinem Gastunternehmen

sehr gut auf Deutsch verständigen. Da Englisch für mich

jedoch auch kein Problem darstellte, war ich nicht darauf angewiesen,

perfekt Bulgarisch zu können.

Die Betreuung durch meine Kollegen und Vorgesetzten war

aufgrund der guten sprachlichen Kommunikation einwandfrei.

Ich konnte mich jederzeit bei Problemen an sie wenden und sie

waren stets sehr hilfsbereit. Das Betriebsklima empfand ich in

allen Abteilungen als sehr angenehm. Mein direkter Vorgesetzter

und Ansprechpartner bei allgemeinen und administrativen

Belangen war der Leiter der Abteilung Marketing und Verkauf,

der in der Vergangenheit einige Jahre in Deutschland studiert

23


MARTIN BRENNECKE

hatte. Es bestand in dieser Firma – wie auch allgemein in der

bulgarischen Geschäftswelt – ein sehr enges und freundschaftliches

Verhältnis zu Deutschland.

Die Arbeitsbedingungen entsprachen den üblichen Standards

des Transportgewerbes (ähnlich wie in Deutschland). Die Wo-

24


BULGARIEN

chenarbeitszeit betrug 40 Stunden, pro Jahr standen den Arbeitnehmern

allerdings nur 20 Urlaubstage zu. Aufgrund meines

Halbjahresvertrags bekam ich demnach zehn Urlaubstage zugesprochen.

Die Vergütung für Praktikanten entsprach dem bulgarischen

Standard. Mein Bruttoeinkommen belief sich auf 350

Leva pro Monat, das sind ungefähr 180 Euro. Erfreulicherweise

konnte ich dieses Gehalt noch durch mein Auslands-BAföG und

das ERASMUS-Stipendium für Auslandspraktika aufstocken.

Die hauseigene Kantine bot außerdem eine sehr gute und günstige

Küche an.

Im Laufe meiner sechsmonatigen Tätigkeit in dieser Firma

konnte ich viele praktische Erfahrungen sammeln und mein im

Studium erworbenes theoretisches Wissen ergänzen, insbesondere

in den Bereichen „Transportlogistik und Straßengüterverkehr“.

Ich lernte verschiedene Transportsysteme wie „Hub-and-

Spoke“- und „Direktverkehre“ kennen. Der tägliche Kontakt mit

Kollegen und Vorgesetzten sowie die Arbeit in der Abfertigung

von Ladungen und LKWs haben mir einen wertvollen Einblick

in die Transportwelt verschafft.

Die Lebenshaltungskosten sind für westliche Verhältnisse

niedrig, dies zeigt sich besonders bei Restaurantbesuchen, Taxifahrten

und Mietpreisen.

Es ist kein Problem in Sofi a eine günstige Bleibe zu fi nden.

Mithilfe von bulgarischen Bekannten konnte ich ein großes Zimmer

in guter Lage mit idealer Verkehrsanbindung mieten – für

150 Euro pro Monat. Solche freien Zimmer sind meistens möbliert

und haben Internetzugang mit einer Monatsgebühr von

12,50 Euro. Von meiner Unterkunft aus hatte ich es nicht weit zu

25


MARTIN BRENNECKE

meiner Arbeitsstelle am Flughafen Sofi a. Die Busverbindungen

sind in Ordnung – eine Monatskarte kostet rund 25 Euro.

Bulgarisch ist eine slawische Sprache mit kyrillischem Alphabet,

wie man es aus dem Russischen kennt. Allerdings bestehen

die Bulgaren darauf, dass ihre Vorfahren dieses Alphabet erfunden

und es weiter nach Osteuropa gebracht haben. Bulgarisch ist

relativ schwierig zu erlernen. Man hat nicht nur ein anderes Alphabet,

sondern auch eine komplexe Grammatik. Nach einiger

Zeit kann man sich jedoch einen kleinen Grundwortschatz aneignen

und man gewöhnt sich an das Kyrillische. In Restaurants

ist dies sehr vorteilhaft.

Neben dem Bulgarischen sprechen viele Leute, vor allem die

junge Generation, auch Englisch. In der Innenstadt und im Studentenviertel

ist es kein Problem, auf Englisch zu kommunizieren.

Bemerkenswert ist der große Anteil an jungen Bulgaren, die

Deutsch sprechen, meist, weil sie es in der Schule oder sogar an

deutschen Gymnasien gelernt haben. In Sofi a werden an manchen

Universitäten sogar deutschsprachige Studiengänge angeboten.

Die Stadt Sofi a und das Land Bulgarien bieten einen enormen

kulturellen, historischen und landschaftlichen Reichtum. Die

zentrale und interessante Lage auf dem Balkan ist perfekt für

Reisen innerhalb Bulgariens (herrliche Bergregionen, eine imposante

Schwarzmeerküste, viele historische Bauten, vor allem

eine enorme Anzahl orthodoxer Klöster), aber auch für Reisen in

die nahe gelegenen Nachbarländer, wie z. B. Mazedonien, Griechenland

oder die Türkei. Nach meiner Erfahrung ist Bulgarien

auch ein sicheres Reiseland. Die Landesküche ist sehr vielfältig

26


BULGARIEN

und schmackhaft, vergleichbar mit der Kroatiens, Griechenlands

oder der Türkei, zudem sehr günstig und qualitativ in Ordnung.

In Sofi a fi nden unter anderem regelmäßig Konzerte oder

Opern statt. Auch hier sind die Eintrittskarten sehr preiswert.

Das ERASMUS Student Network (ESN) bietet für kulturinteressierte

internationale Studierende und Praktikanten Konzertbesuche

oder Tages- und Wochenendausfl üge an. Wöchentlich fi ndet

auch ein geselliger „deutscher Stammtisch“ für Deutsche,

deutschsprachige Bulgaren und andere internationale Deutsch-

Interessierte statt. Es gibt hierfür die Facebook-Gruppe „Deutsch

in der Kneipe“.

27


MARTIN BRENNECKE

Mein Auslandspraktikum war eine sehr positive und wertvolle

Erfahrung, die eine ideale Ergänzung zu einigen theoretischen

Studienfächern an meiner Hochschule darstellt und deshalb die

Wahl eines eventuellen Master-Studiums beeinfl ussen wird. Ich

denke auch, dass meine berufl iche Zukunft nach dem Studium

von dieser Praktikumserfahrung maßgeblich geprägt werden

könnte. Ich kann mir sehr gut vorstellen, für eine gewisse Zeit in

Bulgarien zu arbeiten, um mehr internationale Berufserfahrung

im Logistikbereich sammeln zu können.

Die Menschen um mich herum waren zum größten Teil sehr

freundlich und hilfsbereit. Auch wenn die Armut vieler Menschen

allgegenwärtig ist, fühlte ich mich stets sicher. Der Weg in

das moderne Europa ist erkennbar und als neuer EU-Staat bemüht

sich Bulgarien, neue Standards zu erreichen. Zahlreiche

neue Bürogebäude und Einkaufszentren entstehen und bereichern

das moderne Stadtbild, die Infrastruktur und damit die

Lebensqualität der Einwohner Sofi as. Durch mein Praktikum in

Bulgarien bin ich selbstsicherer, erfahrener und weltoffener geworden.

Die Vorzüge, die ich in Deutschland aufgrund des allgemein

hohen Lebensstandards habe, lernte ich in Bulgarien mehr

zu schätzen – ohne aber mein Heimatland zu vermissen.

Meine besten Erlebnisse habe ich während meiner Reisen innerhalb

und außerhalb Bulgariens gehabt. Bulgariens Landschaft

ist atemberaubend – ich besuchte viele alte Ortschaften und

Klöster, wanderte in den Bergen und war natürlich auch Tourist

an der bulgarischen Schwarzmeerküste. Die alte kulturelle Vergangenheit

und die postkommunistische Gegenwart machen

dieses Land zu einem interessanten Reiseziel und angenehmen

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BULGARIEN

Aufenthaltsort für ausländische Studierende und Praktikanten.

Besonders beeindruckend sind auch die Nachbarländer Mazedonien

und Griechenland. Städtereisen nach Istanbul und Bukarest

haben bei mir ebenfalls einen enormen Eindruck hinterlassen.

Besonders prägend für mich waren die neuen internationalen

Freundschaften, die ich während meiner Zeit in Bulgarien als

ERASMUS-Studierender und als ERASMUS-Praktikant schließen

konnte. Ich freundete mich nicht nur mit Bulgaren, sondern

auch mit Franzosen, Polen, Tschechen und anderen jungen Menschen

aus verschiedenen Ländern an. Nicht zuletzt durch diese

engen Freundschaften bin ich seither mit diesem Land verwurzelt.

Weitere Bulgarien-Aufenthalte sind in naher Zukunft geplant.

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MARIE SCHRÖDER

30


Zwischen Smørrebrød und

Buchstabensalat

DÄNEMARK

„Meine Damen und Herren! In wenigen Minuten erreichen wir

den Bahnhof Padborg! Ich möchte mich bei allen aussteigenden

Fahrgästen verabschieden und wünsche Ihnen eine gute Weiterreise!“.

„Oh nein! Jetzt wird´s ernst!“, dachte ich, als die quälende

Melodie und die raue Stimme des Schaffners meine Ohren durchdrang.

Ich war in Dänemark angekommen – einerseits froh, die

lange Zugfahrt überstanden zu haben, andererseits jedoch mit

einem drückenden Gefühl in der Magengegend. Mir wurde

schnell bewusst, dass das wieder eine der Situationen war, die ich

nicht mochte: Etwas Neues. Ich war noch nie in diesem Land,

obwohl es Deutschlands direkter Nachbar im hohen Norden ist.

Ich kannte die Sprache nicht und wusste nicht, wie die Einheimischen

auf Neuankömmlinge in ihrem Land reagieren würden.

Und überhaupt: Wo musste ich denn jetzt überhaupt hin?

Mit zwei großen Koffern beladen stolperte ich aus dem Zug.

Mit großen Augen schaute ich mich in der „neuen Welt“ um. Die

Haltestelle war leicht zu fi nden. Und schon saß ich im Bus nach

Apenrade. Eine Stunde dauerte die Fahrt. Für meinen Geschmack

etwas zu lange, denn so hatten meine Ängste wieder genug Zeit,

sich in meinem Kopf breitzumachen. „Hoffentlich geht alles

gut!“, war der entscheidende Satz dieses Nachmittags.

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MARIE SCHRÖDER

Der erste Eindruck von Apenrade war positiv. Die Menschen

augenscheinlich freundlich – auch wenn ich (noch!) kein Wort

verstand –, die Sonne schien und ließ die hübsch hergerichteten

Häuser leuchten. Meine ersten Bedenken lösten sich in der noch

recht kühlen Märzluft auf.

Meine Praktikumsbetreuerin hatte bezüglich meiner Unterkunft

etwas von einem Kloster geschrieben. Die Adresse fand

ich schnell. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis endlich jemand

öffnete – eine Nonne. Es war also wirklich ein Kloster, in dem

ich die nächsten drei Monate leben sollte! Die Schwester ging

mit ihrem weißen Habit und dem dunkelblauen Schleier mit

schlurfenden Schritten voraus. Ich zottelte mit meinem Gepäck

hinterher. Mein Zimmer war eigentlich gar nicht so schlecht –

naja, bis auf das „Krankenbett“ vielleicht: Es gab einen Kleiderschrank,

ein Waschbecken und zwei große Fenster mit Blick auf

den grünen Klostergarten. Die Schwester sprach deutsch. Ich erfuhr,

dass das Kloster eigentlich ein Hospiz war, hier aber auch

Zimmer vermietet wurden. Es versprach eine spannende Zeit zu

werden…

Am nächsten Tag schleppte ich mich Dank meiner quietschenden

Schlafstätte müde und kaputt zum Praktikumsbetrieb.

Aufgrund meines Studiengangs „Journalistik/Medienmanagement“

und meines persönlichen Interesses hatte ich mich für

eine Zeitungsredaktion entschieden. Die Redaktion des „Nordschleswigers“,

der deutschen Tageszeitung für die deutsche Minderheit

in Dänemark, war nur wenige Minuten Fußweg vom

Kloster entfernt. Die Begrüßung fi el herzlich aus. Alle waren mir

von Anfang an sympathisch und boten mir bei eventuellen Fra-

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DÄNEMARK

33


MARIE SCHRÖDER

gen ihre Hilfe an. Diese Warmherzigkeit kannte ich auch von

meinen vorigen Praktika in „good old Germany“. Neu war nur,

dass es hier schon von Anfang an richtig zur Sache ging. Bereits

am ersten Tag bekam ich Termine zu Veranstaltungen auf den

Tisch. Meine Aufgabe war es, dort hinzugehen bzw. mit dem

Dienstauto hinzufahren, die notwendigen Infos zu erfragen und

daraus einen Zeitungsartikel zu schreiben.

Aus dem Redaktionsalltag war ich ab sofort nicht mehr wegzudenken.

Die Redakteure setzten auf mich und meine Berichte.

Ein ungewöhnlich positiver Praktikumsstart, der in mir aber

auch großen Druck auslöste. Viel Schreiberfahrung hatte ich bis-

34


DÄNEMARK

her nicht und wenn, dann hatte ich nicht mit dem Ziel geschrieben,

dass es in einer großen Zeitung abgedruckt werden sollte.

Nun jedoch saß ich in der Redaktion der deutschen Tageszeitung

für ganz Süddänemark und sollte ab sofort aus dem Buchstabensalat

in meinem Kopf sinnvolle Sätze bilden?!

Zweiter Tag. Es ging los! Mein erster Termin: Im Deutschen

Gymnasium für Nordschleswig in Apenrade waren Musikstudierende

aus Kanada zu Gast, die dort eine Woche lang den Musikklassen

ihr Können präsentierten und den Schülern ihre Tipps

und Tricks verrieten. Ich sprach sowohl mit den teilnehmenden

Schülern als auch mit den Kanadiern, schoss Fotos und ging anschließend

in die Redaktion, um den Artikel zu schreiben.

Nach den ersten drei Beiträgen hatte ich die Redakteure überzeugt.

Ich schrieb Interviews, Reportagen, Meldungen und war

an manchen Tagen nur als Fotoreporterin unterwegs. Ich nahm

auch an den Redaktionssitzungen teil und brachte dort eigene

Themenvorschläge ein, die sehr oft Zuspruch fanden. Einige Sachen

waren dermaßen interessant und gaben so viel her, dass

mich die Schreibwut packte und so daraus oft eine ganze Zeitungsseite

wurde. Als ich an so manchen Abenden die Ausgabe

vom Tag durchblätterte und meinen Namen unter meinem Artikel

las, überkam mich der Stolz. Ich war stolz auf mich, mein

Können und darauf, dass ich in diesem fremden Land in kürzester

Zeit Erfolge erzielte.

Die Wochen vergingen wie im Flug. Ein Termin jagte den nächsten.

Nichts konnte mich stoppen. Ich war ganz in meinem Element.

Doch wie heißt es immer so schön: Irgendwann ist auch

35


MARIE SCHRÖDER

36


DÄNEMARK

die schönste Zeit vorbei. Und so kam es, wie es kommen musste.

Der letzte Praktikumstag war gekommen. Wehmütig sammelte

ich meine Siebensachen in der Redaktion zusammen. Mit dem

dänischen Nationalgericht „Smørrebrød“ – also Brote mit verschiedenstem

Aufschnitt belegt – verabschiedete ich mich von

den Redakteuren. Eine gemütliche Runde, die mir das Auf-Wiedersehen-Sagen

noch schwerer fallen ließ.

Einiges war jedoch auch positiv an diesem Tag: Ich stellte fest,

dass ich meinen Berufswunsch gefunden und mich persönlich

in Sachen Selbstbewusstsein und Kommunikationsfähigkeit

weiterentwickelt hatte. Der letzte Satz, den ich von meiner Chefi

n hörte, war: „Wir sehen uns sicherlich wieder! Aber dann bist

du nicht mehr Praktikantin, sondern Redakteurin!“.

Erhobenen Hauptes lief ich mit meinen schweren Koffern

zum Bus und saß, ehe ich mich versah, wieder im Zug nach

Deutschland. Weg war das drückende Gefühl im Magen und fort

die negativen Gedanken. Stattdessen hatte ich jede Menge Stolz

geladen sowie frohe Jobaussichten. Kaum zu glauben, dass ich

vor drei Monaten Angst hatte, in diesem warmherzigen Land zu

leben.

Diese schöne und erfolgreiche Zeit ermöglichte mir das ERAS-

MUS-Stipendium. Es unterstützte mich und hielt mir besonders

fi nanziell den Rücken frei. Allen baldigen „Neuankömmlingen“

kann ich nur raten: Wagt den Schritt ins Ausland! Und: Mit

ERASMUS jederzeit wieder!

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Von einem, der auszog

mit Familie zu lernen …

FINNLAND

Ein Auslandsaufenthalt während des Studiums? Unbedingt, und

wenn, dann in Finnland – das war uns schon ziemlich früh klar.

Wir haben eine Vorliebe für nordeuropäische Staaten, waren jedoch

noch nie in Finnland gewesen. Landschaft und Menschen

sollten angeblich etwas ganz Eigenes sein, nicht wirklich mit

den anderen skandinavischen Ländern vergleichbar. Mich persönlich

reizte auch die ungewöhnliche Sprache, die gemeinhin

als – gelinde gesagt – schwierig zu lernen gilt.

Wir, das sind meine Freundin, die beiden gemeinsamen Kinder

und ich. Von vornherein wollten wir die Unternehmung als ganze

Familie angehen. Zunächst würde ich mein Praktikum absolvieren

und im Anschluss daran meine Freundin. Der jeweils andere

würde sich hauptsächlich um die Kinder kümmern. So

ergab sich natürlich ein beträchtliches Maß an Organisation und

Aufwand. Finnland ist in dieser Hinsicht ein wunderbares Land,

da Familie und Kinder einen sehr hohen gesellschaftlichen Stellenwert

besitzen, und es uns gut gelang, einen Kindergartenplatz

und eine schöne Wohnung zu fi nden. Ausdrücklich möchten wir

mit diesem Beitrag allen Studierenden mit Kindern Mut machen,

in Deutschland ihre Zelte abzubrechen und sich nach

39


STEPHAN MEURER

„draußen“ zu wagen. Ein paar Hinweise für so ein Unterfangen

im Allgemeinen und Finnland im Besonderen können wir euch

hier hoffentlich mitgeben.

Mein Praktikum wollte ich im Bereich „Sprache“ absolvieren,

um so meine Kenntnisse der eigenen Sprach- und Lehrkompetenz

im Bereich Deutsch als Fremdsprache (DaF) zu erweitern.

Insbesondere die Phonetik, ihre Vermittlung und ihr Stellenwert

im Unterricht waren mir wichtig. Ich schrieb verschiedene Institutionen,

die in diesem Feld tätig sind, per Mail an, größtenteils

Sprachzentren verschiedener fi nnischer Universitäten. Schließlich

kam ich so in Kontakt mit meinem zukünftigen Betreuer am

Sprachenzentrum der Universität von Jyväskylä, Dr. Jürgen

Matthies.

Nach einigem Hin und Her hatte sich schließlich alles gefügt

und der Praktikumsvertrag war unterschrieben. Jetzt begann die

Organisation der Finanzierung und des Umzuges nach Finnland.

Neben der Bewerbung um das ERASMUS-Stipendium gab es

viel zu tun. Recht früh stellte sich heraus, dass für eine vierköpfi

ge Familie ein „Rucksackumzug“ per Flugzeug nicht machbar

war. Die lieben Kleinen erforderten eben ein gewisses Maß an

Haushalt. Auf dem Papier haben wir dann so gut wie jede Möglichkeit

durchgespielt, wie sich das bewerkstelligen lassen konnte:

Europaletten verschiffen, Mietlaster nehmen oder lieber doch

fl iegen und mit dem gesparten Geld in Finnland Second-Hand-

Läden plündern und IKEA leer räumen. Letztlich erwies sich der

Mietwagen als die beste Lösung. Wir versuchten also so gut es

ging, die nötigsten Dinge für die Praktika und unser Leben auf

40


FINNLAND

eine einzige VW-Transporterladung zu reduzieren. Diesen fuhr

ich dann auf die Fähre und durch verschneite fi nnische Straßen

nach Jyväskylä, während meine Freundin mit den Kindern fl og.

Deutsche Winterreifen sind den fi nnischen Reifen aber eindeutig

unterlegen. Mit ihren Metallspikes hatten die fi nnischen Autofahrer

deutlich mehr Grip, als ich mit dem randvollen Kleinbus

hatte.

Vor der Abfahrt waren allerdings noch viele Dinge in Deutschland

zu klären, z. B. die Aussetzung unseres Kindergartenplatzes

oder die Modalitäten für Kinder- und Elterngeld bei längerem

Auslandsaufenthalt. Insgesamt eine aufwendige und nicht immer

nervenschonende Phase – man versuche der GEZ klarzumachen,

dass man für einen ganz bestimmten Zeitraum keinerlei

Empfangsgeräte in Deutschland besitzen wird – für den Aufenthalt

hier hat sich das letztlich aber alles gelohnt!

Bereits von Deutschland aus konnten wir bei KOAS, der hiesigen

„housing organisation“ für Studierende, eine Wohnung beantragen.

Es gibt ein gewisses Kontingent von Zwei- bis Drei-

Raum-Wohnungen für Studierende mit Kindern. All dies ließ

sich schnell und ohne Probleme über das Internet und einige

Mails auf Englisch bewerkstelligen. Unsere Drei-Raum-Wohnung

kostete knapp 640 Euro pro Monat (inklusive Saunazeiten).

Im Verhältnis zu unserer Wohnung in Halle war das teuer,

im Hinblick auf den kleinen fi nnischen Mietmarkt jedoch sehr

günstig. Wohneigentum ist hier sehr verbreitet, Mietwohnungen

für WGs oder Ähnliches existieren praktisch nicht. Nahezu

alle Studierende wohnen in Apartments von „housing organisations“.

Glücklicherweise werden alle Wohnungen in Finnland

41


STEPHAN MEURER

grundsätzlich mit Einbauschränken und -küchen versehen. Auch

Elektrogeräte wie Herd, Kühlschrank und Gemeinschaftswaschmaschinen

waren vorhanden. So konnten wir unseren mitgebrachten

Hausrat nahezu auf Kleidung, Studienmaterialien,

Betten, Matratzen sowie Kinder- und Küchenutensilien beschränken.

Ein Sofa und einen Tisch mit Stühlen holten wir aus einem

riesigen Second-Hand-Laden: In diesem mittelgroßen „Flugzeughangar“

gab es wirklich alles was der Finne zum Leben braucht,

und mehr…

Mein Praktikum begann am 1. März und somit im tiefsten Winter.

Meterhohe Schneeberge, unermüdlich fahrende Räumfahrzeuge,

kristallklare Luft von -15 bis -25 °C und ein völlig zugefrorener

See prägten den ersten Monat. Das Sprachenzentrum der

Universität von Jyväskylä bietet Fremdsprachenkurse für fi nnische

Studierende und Finnischkurse für auswärtige Studierende

an. Das Angebot ist groß und wird stark genutzt, sehr viele Studierende

lernen neben ihrem Studium eine oder zwei weitere

Fremdsprachen, bzw. knüpfen an eine in der Schule begonnene

an. Der Unterricht ist weit intensiver als in Deutschland, ein

„normaler“ 90-minütiger Finnisch-Kurs fi ndet vier Mal in der

Woche statt!

Anfangs befand sich der Großteil der Studierenden und Dozenten

noch in den Winterferien, so dass ich erst nach und nach

die anderen Kollegen kennenlernte. Als die Veranstaltungen

wieder fortgesetzt wurden, konnte ich in verschiedenen Deutschkursen

hospitieren. Nach einigen Wochen begann ich damit, in

mehreren Kursen zu unterrichten und spezifi sche Themen der

42


FINNLAND

Arbeitsplatz: Altehrwürdig –

das Sprachenzentrum in einem der

ersten Ziegelsteinbauten der Stadt

deutschen Phonetik zu bearbeiten. Viele fi nnische Muttersprachler

haben im Deutschen große Probleme mit der Aussprache der

E-Laute oder der Akzentuierung von Wörtern und Sätzen. Leider

sind viele im Bereich aktiver mündlicher Teilnahme sehr zurückhaltend,

vor allem männliche Studierende. Es braucht einiges an

Geduld und Gespür, sie zum Probieren und Umsetzen des Gelernten

zu bringen. Die Momente, in denen das gelang, gehörten

zu meinen schönsten Erfahrungen!

43


STEPHAN MEURER

Parallel zu diesen Aufgaben im praktischen Deutschunterricht

erneuerte ich über die gesamte Dauer des Praktikums einen

Sprachkurs für das Internet. Im Sprachenzentrum existieren

umfangreiche Materialien zum selbstständigen Lernen und Vertiefen

von Fremdsprachen. Oft basieren diese Kurse (wie der

von mir überarbeitete) auf eigenständigen Websites mittlerer

Größe. Die Aufgaben auf den Websites werden von den Studierenden

selbst bearbeitet. Der Abschluss erfolgt in der Regel nach

einem Semester, wobei den Studierenden regulär ECTS-Punkte

gutgeschrieben werden. Sie erfüllen die gestellten Aufgaben und

leiten ihre Antworten per Mail oder Online-Formular an den Dozenten

weiter. Der von mir erneuerte „Netzkurs Wirtschaftsdeutsch“

führt fortgeschrittene Deutschlernende in Themen der

Wirtschaft Deutschlands und der dort gebräuchlichen Sprache

ein. Dies ist sehr hilfreich, da viele Studierende ein Praktikum

oder einen längeren Studienaufenthalt in Deutschland anstreben

(Deutschland ist der Außenhandelspartner Nummer Eins

für Finnland).

Bei allen Aufgaben zeigte sich der „nordische Führungsstil“

von Seiten des Sprachenzentrums. Hierarchien sind fl ach, Duzen

ist völlig selbstverständlich, Eigenständigkeit und Eigenverantwortung

werden großgeschrieben. Gerade das Duzen ist eine

wunderbare Sache und anfangs gar nicht so leicht zu verinnerlichen.

In Deutschland wäre mein Betreuer anfangs immer „Dr.

Matthies“ gewesen. Hier war er von Anfang an schlicht „Jürgen“.

Ich muss nur aufpassen, dass ich mir das in Deutschland wieder

abgewöhne. Allgemein habe ich nach einem halben Jahr den

Eindruck, dass hier viele Dinge etwas unaufgeregter und prag-

44


FINNLAND

matischer gelöst werden als in Deutschland. Das Bildungssystem

ist auf jeden Fall nicht der einzige Bereich, der gut durchdacht

funktioniert.

Jyväskylä ist eine fi nnische Großstadt, und das ist für einen deutschen

Großstädter teils gewöhnungsbedürftig. Zwar hat Jyväskylä

über 120.000 Einwohner, diese sind jedoch vor allem auf großzügige

Eingemeindungen zurückzuführen. Das eigentliche

Zentrum ist recht überschaubar und geprägt von Bauten der

1960er und 1970er Jahre. Wirkliche alte (Holz-)Gebäude fi ndet

man selten und eher abseits, da Jyväskylä eine junge Stadt und

keine 200 Jahre alt ist. Die Stadt ist in den letzten Jahren rasant

um viele Wohnviertel gewachsen und bedeckt so einen recht

großen Teil der vielen umliegenden Seeufer. Ein Ende des Baubooms

ist nicht abzusehen. Trotzdem ist die Stadt sehr grün,

überall fi ndet sich Wald und alles ist Dank des ausgezeichneten

Wegesystems sehr gut mit dem Rad zu erreichen. (Wovon die

Finnen auch ausgiebigen Gebrauch machen! Nichts ist gefährlicher,

als ein bei Schnee und Eis herantaumelnder Finne auf

seinem Rad, der einhändig fahrend auf sein Handy starrt und

SMS tippt.) Ansonsten existiert ein gut ausgebautes, aber teures

Bussystem, das für Nicht-Einheimische allerdings schwer durchschaubar

ist.

Etwas außerhalb der Stadt befi ndet sich das Mittelfi nnische

Flugmuseum, für Kinder und entsprechend begeisterte Erwachsene

ein spannendes Ausfl ugsziel. Architektur-Begeisterte kommen

in Jyväskylä voll auf ihre Kosten. Das Campus-Areal wurde

45


STEPHAN MEURER

Paddelurlaub: Land der 1.000 Seen – der Reise führer

lügt nicht, ein wahres Paddelparadies

unter anderem von dem international bekannten fi nnischen Architekten

Alvar Aalto entworfen, gleich daneben befi ndet sich

auch das weltweit einzige Aalto-Museum. Die Einheimischen

sprechen bescheiden und stolz vom schönsten Campus in ganz

Finnland, mangels weiterer Kenntnisse gebe ich ihnen einfach

einmal Recht!

Die Arten der Kinderbetreuung sind vielfältiger als in Deutschland,

aber einen Vollzeit-Platz im Kindergarten zu erhalten, ist

46


FINNLAND

ebenfalls ein langwieriger Prozess. Die ersten drei Monate hatten

wir für unseren Sohn eine „Club-Betreuung“ zweimal die

Woche, danach einen richtigen Platz. Mit der Integration in den

Kindergarten und dem Spracherwerb dort haben wir sehr gute

Erfahrungen gemacht. Leider hat unser Großer irgendwann beschlossen,

uns keine fi nnischen Wörter mehr zu verraten, die er

neu gelernt hat. Ich mutmaße aber trotzdem, dass er die besten

Finnischkenntnisse der Familie hat.

Einen großen Teil unserer Zeit verbrachten wir mit den Kindern

auf den vielen Spielplätzen der Stadt, nahezu jedes Wohnquartier

besitzt kleinere Anlagen. Große gibt es im Zentrum, am

Seeufer und in der Nähe von Kindergärten. Während der Winterzeit

ist kein Spielplatz nötig, da der allgegenwärtige Schnee

genügend Möglichkeiten bietet. Auf den Seen befi nden sich gespurte

Loipen und eine große, täglich polierte Eislaufbahn! Im

Sommer laden viele kleinere und größere Badestrände zum

Schwimmen und Sandburgen bauen ein. Die Seen sind allerdings

bis weit in den Juni recht kühl, erst im Spätsommer schütteln

sie ihre winterliche Kälte ab. Sowieso verschiebt sich im

Sommer das Leben hier viel weiter in den Abend hinein. Zwar

verschwindet die Sonne in diesem Breitengrad noch immer hinter

dem Horizont, aber irgendwann wird es trotzdem nicht mehr

dunkel. Zum Tanzen, Sporttreiben, Spielen und vor allem zum

Grillen wird dies ausgiebig genutzt. Ab Juhannus (dem längsten

Tag des Jahres im Juni und ein feucht-fröhliches Fest sondergleichen)

fängt dann der Finne an, melancholisch zu werden, da ja

nun die Tage wieder kürzer werden und der Sommer sozusagen

vorbei ist.

47


STEPHAN MEURER

In einem Bericht über Finnland darf natürlich die Sauna nicht

vergessen werden. In jedem Haus gibt es Saunen – wirklich! Ältere

Mietshäuser haben Gemeinschaftssaunen, neuere Apartments

kleine „Brutkästen“ neben dem Bad. In unserer KOAS-

Siedlung gibt es eine gemeinschaftliche Sauna. Dreimal die

Woche wird kostenlos und strikt getrennt im Wechsel Frauen-

bzw. Männersauna angeboten. Wer will, kann sich zusätzlich für

fünf Euro im Monat eine wöchentliche Zeit nur für sich (und die

Familie) sichern. Nach wenigen Gängen möchte man das nicht

mehr missen, in Deutschland wird uns die Sauna furchtbar fehlen!

Bei aller gewichtigen kulturellen und identitätsstiftenden

Bedeutung bleibt das Saunieren hier jedoch eine herrlich entspannte

Angelegenheit. Jeder so viel und so lange wie er kann

und so wie er möchte. Hauptsache, niemand anderes wird gestört.

Egal ob in der heimischen oder öffentlichen Sauna oder

aber im Sommerhaus. Wer Finnen zum Lachen bringen will

(oder sie wütend machen möchte), der nehme einen von ihnen

mit in eine deutsche Sauna mit all ihren Verhaltensregeln, Verboten

und festen Aufgusszeiten…

Meine Freundin beginnt jetzt mit ihrem Praktikum, und ich

werde mich nun mehr mit den Kindern und den täglichen Gegebenheiten

in Jyväskylä beschäftigen. So sind die letzten Sätze

hier weniger ein Fazit als ein Zwischenstand, der aber sehr positiv

ausfällt! Der Aufwand hat sich gelohnt, Finnland ist ein

wunderbares, teils etwas verschrobenes, modernes Land und

gerade für eine junge Familie bietet es sehr viel. Ich empfehle

jedem, sich selbst ein Bild zu machen – und das vielleicht auch

48


FINNLAND

gerade nicht im „Moloch“ Helsinki, sondern in einer der anderen,

kleineren fi nnischen „Großstädte“. Ich kann mir gut vorstellen,

auch später im Bereich der Erwachsenenbildung Deutsch

zu unterrichten. Wenn es uns dazu wieder nach Finnland verschlägt,

dann hätte, glaube ich, niemand in unserer Familie etwas

dagegen…

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ERNST SCHÄFER

50


„Die Welt bewegen“

bei Liebherr-France SAS

FRANKREICH

Als Diplomstudent des Internationalen Technischen Vertriebs

an der Hochschule Aalen stand bei mir im Sommersemester

2010 das zweite praktische Studiensemester im Ausland an. Auf

Liebherr-France SAS in Colmar bin ich über eine Stellenanzeige

auf der fi rmeneigenen Homepage der Liebherr-Gruppe gekommen.

Da ich bereits im Rahmen eines Schüler aus tausches gute

Erfahrungen in Frankreich gemacht hatte, war Frankreich für

mich sowohl in kultureller als auch sprachlicher Hinsicht ein interessantes

Zielland. Zudem entsprach die Praktikumsausschreibung

den Inhalten meines Studiums sowie meinen Vorstellungen

davon, was ich während meines zweiten Praxissemesters

machen wollte. Also habe ich direkt beim Ansprechpartner der

Liebherr-France SAS in Colmar angerufen, um weiterführende

Informationen zu Stellenanzeige und Bewerbung einzuholen.

Nicht lange nachdem ich meine Bewerbung abgeschickt hatte

war auch schon die Einladung zu einem Telefoninterview mit

dem stellvertretenden Leiter des Produktmanagements im meinem

E-Mail-Postfach. Das Gespräch verlief recht positiv, doch

man wollte mich aufgrund von negativen Erfahrungen mit Telefoninterviews

aus der Vergangenheit zusätzlich zu einem persönlichen

Vorstellungsgespräch nach Colmar einladen. Zum

51


ERNST SCHÄFER

Glück musste ich von meinem Wohnort nach Colmar nicht um

die halbe Welt reisen. So saß ich einige Tage später im ICE von

Mannheim nach Colmar – mit einem Umstieg in Karlsruhe. Das

persönliche Interview mit anschließender Werksführung durch

die Hallen der Liebherr-France SAS verlief offenbar gut, denn

eine Woche später hatte ich eine Zusage. Mit ein Grund, warum

ich mich letztlich für dieses Praktikum entschied, war der positive

Eindruck, den ich von meinem Gesprächspartner, dem Unternehmen

und den Aufgaben, die mir beschrieben worden waren,

gewonnen hatte. Nachdem also die Entscheidung von beiden

Seiten getroffen worden war, widmete ich mich den konkreten

Vorbereitungen zu meinem Auslandsaufenthalt. Diese gingen

relativ unkompliziert vonstatten, da Colmar sich in Frankreich

und somit innerhalb der EU befi ndet. Aufgrund meines persönlichen

Interesses an fremden Kulturen und Ländern hielt ich es

für wichtig, mich trotz meiner bereits vorhandenen interkulturellen

Kenntnisse aus dem Studium über die Region Elsass und

Frankreich im Allgemeinen im Vorfeld zu informieren. Dazu gehörten

Internetrecherchen sowie das Lesen in einem Reiseführer

über das Elsass und die Vogesen.

Die Wohnungssuche entpuppte sich als schwieriger als gedacht,

da es erhebliche Unterschiede bei Preis und Lage gab. Das

Werk der Liebherr-France SAS liegt im Industriegebiet, das direkt

an Colmars Stadtzentrum angrenzte. Wollte man mit öffentlichen

Verkehrsmitteln oder mit dem Fahrrad zur Arbeit

kommen, so empfahl es sich, eine Wohnung bzw. ein Zimmer in

unmittelbarer Nähe des Zentrums zu suchen, da man sonst wegen

der schlechten Verbindungen des öffentlichen Nahverkehrs

52


FRANKREICH

und der nicht so fahrradfreundlichen Anbindung an viele Teile

der Stadt völlig auf das Auto angewiesen war. Zudem handelte

es sich um eine sehr touristische Region, so dass man immer in

Konkurrenz mit den Touristen stand, die für ihre Kurzaufenthalte

einen erheblich höheren Preis bezahlten als es mir möglich

war. Es gab darüber hinaus recht viele Studierende und Auszubildende

in Colmar, die sich ebenfalls alle auf die preisgünstigeren

Alternativen stürzten. Die Preise der Zimmer und sogenannten

Studios lagen zwischen 250 und 600 Euro je nach Lage und

„La Petite Venise“,

Colmar

53


ERNST SCHÄFER

Zustand. Die Personalabteilung der Firma stellte mir eine Liste

zur Verfügung, die mir bei der Zimmersuche helfen sollte. Nachdem

ich die Liste erfolglos abgeklappert hatte, bin ich letztlich

über das Internet fündig geworden und zwar im Zentrum

Colmars, genauer gesagt direkt am malerischen Viertel Petite

Venise. Dort habe ich in einem hübschen Fachwerkhäuschen ein

Zimmer in einer WG mit einem Liebherr BA-Studenten und einem

französischen Studenten, der in Colmar an der Ingenieurs-

54


FRANKREICH

schule studierte, gefunden. Sowohl der Vermieter als auch meine

beiden Mitbewohner waren sehr nett. Wir haben öfter etwas

zusammen unternommen – schwimmen, abends weggehen, kochen

etc. Die Kosten für mein Zimmer beliefen sich auf 350 Euro

im Monat inklusive aller Nebenkosten. Von meiner Unterkunft

aus konnte ich das Werk sehr gut mit dem Fahrrad oder Bus erreichen.

So bin ich dann auch nahezu täglich mit meinem Fahrrad

zur Arbeit gefahren.

Die Liebherr-France SAS ist eine Tochtergesellschaft der Firmengruppe

Liebherr und wurde im Jahr 1961 gegründet. In Colmar

wird die gesamte Produktpalette der Raupenbagger mit einem

Einsatzgewicht von über 20 Tonnen hergestellt. Unterteilt wird

dieser Geschäftsbereich in „Erdbewegung“ und „Mining“. Zur

„Erdbewegung“ gehören alle Raupenbagger mit einem Einsatzgewicht

von 20 bis 90 Tonnen. Alles was darüber hinaus geht

zählt zum Geschäftsbereich „Mining“, der seit 2010 ein eigenes

Werk hat. In Colmar sind rund 1.450 Mitarbeiter beschäftigt.

Ich arbeitete im Bereich der „Erdbewegung“ im Produktmanagement

bzw. Produktmarketing – diese Bereiche werden bei

der Liebherr-France SAS nicht getrennt. Das Produktmanagement

bestand zum Zeitpunkt meines Praktikums insgesamt aus

einem weiteren Praktikanten sowie sieben festen Mitarbeitern.

Nahezu alle Mitarbeiter stammten aus unterschiedlichen Kulturen

und Ländern und konnten neben Deutsch, Französisch und

Englisch in der Regel noch eine weitere Fremdsprache. Dementsprechend

ergab sich auch die Möglichkeit, während des Praktikums

unterschiedliche Sprachen anzuwenden. Zu den Aufgaben

55


ERNST SCHÄFER

des Produktmanagements gehörten die strategische Planung,

die Betreuung des Liebherr-Vertriebs-Informations-Systems, die

Durchführung und Planung von Schulungen und Seminaren für

die Liebherr-eigenen Verkäufer und Vertriebspartner, die Betreuung

der Werksbesucher, das Aufstellen von Wettbewerbsvergleichen

sowie die Vorbereitung und Planung von Messeauftritten

für Raupenbagger auf den wichtigsten Messen der Welt. Während

meines gesamten Praxissemesters konnte ich zwei größere

Projekte durchführen.

Die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern und Praktikanten

in meiner Abteilung hat sehr gut funktioniert. Alle waren stets

hilfsbereit und haben bereitwillig Auskunft über die für mich

notwendigen Informationen gegeben, auch wenn man manchmal

mehrmals nachhaken musste – was jedoch sicher zum Ar-

56


FRANKREICH

beitsleben dazugehört. Auch die Aufgaben und Projekte, die eine

Zusammenarbeit über meine Abteilung hinaus erforderten, haben

mir immer Spaß gemacht. Hierbei habe ich sehr viel Zuspruch

erfahren – ganz besonders für „meine“ Projekte.

Das große Plus des Praktikums bei Liebherr war für mich die

sehr große Eigenverantwortung. Dadurch wird viel Spielraum

für die eigene Kreativität gelassen und man entwickelt eine organisierte

und strukturierte Vorgehensweise. Allerdings müssen

die eigenen Projekte dafür auch immer wieder von einem selbst

vorangetrieben werden, denn sonst besteht die Gefahr, dass sie

in Vergessenheit geraten. Ich denke, dies ist ein guter Weg, sein

an der Hochschule erworbenes Wissen in der Praxis zu erproben

und darüber hinaus zu lernen, auch mit Enttäuschungen und

Rückschlägen umzugehen. Außerdem bietet die Firma Liebherr

– ganz besonders der Standort in Colmar aufgrund seiner internationalen

Ausrichtung – die Möglichkeit, nicht nur seine Französischkenntnisse,

sondern auch Kenntnisse anderer Sprachen

wie Spanisch, Englisch oder Russisch anzuwenden und zu vertiefen.

Auch wenn man natürlich nicht jeden Tag nach getaner Arbeit

unternehmungslustig ist, boten sich in Colmar und im Elsass

sehr vielfältige Möglichkeiten, abzuschalten. Man kann zahlreiche

Wander-, Rad- oder auch Autotouren durch das Elsass und

die Vogesen unternehmen, bei denen es immer etwas Sehenswertes

zu entdecken gibt. Bei Bummeltouren durch die verwinkelten

Seitengassen der einzelnen Städtchen und Dörfer dieser

Region fanden sich nette Cafés oder ein ruhiges und beschauli-

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ERNST SCHÄFER

58


FRANKREICH

ches Plätzchen zum gemütlichen Ausspannen. Ansonsten konnte

man sich kulturell sehr gut durch zahlreiche Museen und Sehenswürdigkeiten

weiterbilden. Auch über die Firma Liebherr

oder ihre Mitarbeiter gab es meist kostengünstige Freizeitangebote,

an denen man teilnehmen konnte. Meine Freizeitgestaltung

war dementsprechend vielfältig. Schon allein die sportlichen

Aktivitäten reichten vom Schwimmen über Wasserskifahren

bis hin zum Segelfl iegen oder Paragleiten. Zum Thema Schwimmen

kann ich auch von meinem ersten „Kulturschock“ im Elsass

berichten: Beim ersten Schwimmbadbesuch im Hallenbad in

Colmar hatte ich eine etwas weitere Badehose (Shorts) an, wie

man sie üblicherweise in Deutschland trägt. Gerade als ich ins

Wasser springen wollte, kam die Badeaufsicht schreiend angerannt

und meinte, ich solle bloß nicht ins Wasser springen! Auf

französische bzw. elsässische Art und Weise versuchte die gute

Frau mir nahezubringen, warum ich nicht ins Wasser dürfe. Ich

habe es nicht so richtig verstanden und konnte mir zunächst ihr

Verhalten nicht erklären. Vor allem aber konnte ich nicht verstehen,

was an meiner Badehose nicht in Ordnung sein sollte. Mein

Mitbewohner bemerkte die Situation und kam hinzu. Erst nach

einer Unterredung mit der Badeaufsicht fi el auch ihm auf, dass

an meiner Badehose etwas nicht stimmte. Am Ende erklärte er

mir, dass im Elsass aus hygienischen Gründen in einem öffentlichen

Schwimmbad nur Badehosen getragen werden, die auch

als solche identifi ziert werden können. Sprich: eng anliegende

Badehosen. So musste ich bei meinem ersten Schwimmbadbesuch

mit einer Badehose schwimmen, die das Hallenbad mir

letztendlich geliehen hat.

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ERNST SCHÄFER

Ein Praktikum in dieser Region und bei der Firma Liebherr kann

ich durchaus weiterempfehlen. In Colmar hatte ich eine sehr

schöne Zeit, in der ich viele neue Kontakte knüpfen und viel

über den Alltag des Berufslebens lernen konnte. Ein Auslandsaufenthalt

bzw. Auslandspraktikum ist immer mit neuen Erfahrungen

und Eindrücken im Rahmen einer ungewohnten Umgebung

verbunden, in der man sich allein zurechtfi nden muss.

Diese Erfahrungen und Eindrücke kommen mir insofern zugute,

als dass ich sowohl im Studium als auch später im Beruf die

Ängste vor ungewohnten und unerwarteten Situationen leichter

60


FRANKREICH

überwinden und mich schneller orientieren kann. Auch erweitern

das Kennenlernen und die Auseinandersetzung mit neuen

Kulturen den eigenen Horizont. Die vielen interessanten Menschen

aus unterschiedlichen Kulturkreisen, die ich während meines

Praktikums kennengelernt habe, stellen eine Bereicherung

in meinem persönlichen Umfeld dar und ich werde auch weiterhin

den Kontakt mit ihnen pfl egen.

Die internationale Ausrichtung des Unternehmens, die daraus

resultierende internationale Zusammenarbeit sowie der

Kontakt zu Praktikanten unterschiedlicher Kulturen und Länder

verstärkten mein Interesse an einem internationalen und interkulturellen

Arbeitsumfeld. Die Wahl meines Masterstudiums,

das mir entsprechende berufl iche Perspektiven bietet, wurde

maßgeblich durch die Erfahrungen meines Auslandspraktikums

beeinfl usst.

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JENNIFER BULLERT

62


„German Jenny“ out and

about for STAR Radio

GROßBRITANNIEN

Im Rahmen meines Englisch-Studiums ist es verpfl ichtend, mindestens

drei Monate im Ausland zu verbringen. Da ich aber nicht

wie viele andere Studierende an einer ausländischen Hochschule

studieren oder als Au Pair arbeiten wollte, hatte ich mich nach

Praktika im Ausland umgeschaut. Schließlich bin ich in Hildesheim

über die Homepage unserer Partnerstadt in Südwestengland

auf eine interessante Praktikumseinrichtung aufmerksam

geworden: einen Radiosender. Da ich schon seit 2004 in

Hildesheim moderiere und viel Spaß dabei habe, war dies das

perfekte Praktikum für mich. Dank der Hilfe meines Englischdozenten

wurde ein Empfehlungsschreiben vom Hildesheimer

Bürgermeister an den Town Council unserer Partnerstadt Weston-super-Mare

geschickt, wo ich mich bei STAR Radio 1 um einen

Praktikumsplatz beworben habe – zum zweiten Mal, denn

beim ersten Mal hatte ich keinerlei Rückmeldung erhalten. STAR

Radio meldete sich bald darauf bei mir. Ich musste ihnen Fragen

bezüglich meines Aufenthalts beantworten und ein zehnminütiges

Demo schicken, in der ich mich auf Englisch vorstellen und

1 STAR Radio wurde Ende September 2010 in NOVA Radio umbenannt.

63


JENNIFER BULLERT

meine Fähigkeiten im Schneiden von Beiträgen unter Beweis

stellen sollte.

Im Juli 2009 habe ich schließlich erfahren, dass ich von Anfang

September bis Anfang Dezember 2009 ein Praktikum bei

STAR Radio in Weston-super-Mare, Großbritannien, absolvieren

könne. Durch eine Kommilitonin wusste ich von den ERASMUS-

Stipendien und habe mich mit dem Ansprechpartner an meiner

Hochschule in Verbindung gesetzt, durch den ich die nötigen

ERASMUS-Bewerbungsunterlagen erhalten habe. Über den Organisator

des Jugendaustausches zwischen Hildesheim und

Weston-super-Mare fand ich schließlich eine Unterkunft bei einer

Gastfamilie vor Ort.

Drei Tage vor Antritt meines Praktikums bin ich dann in Weston-super-Mare

angekommen und habe noch am gleichen Tag

den Radiosender aufgesucht, um mich vorzustellen. Dieser sah

als Altbau mit Stuck an der Decke ganz anders aus, als man sich

einen Radiosender vorstellt. Hätte draußen nicht eine Aufschrift

mit dem Namen des Senders geprangt, hätte man das Gebäude

für ein ganz normales Einfamilienhaus halten können.

Während meines Praktikums konnte ich unterschiedliche Bereiche

der Radioarbeit kennenlernen. Zu Beginn meines Praktikums

wurde mir die Technik erklärt: Darren, mein Praktikumsbetreuer,

hat mir dabei geholfen, die Schnitttechnik zu benutzen

und mir gezeigt, wie ich mit dem Aufnahmegerät und mit Teilen

der Studiotechnik umgehen muss. Bereits am ersten Tag meines

Praktikums durfte ich Interviews aufnehmen und zusammenschneiden.

Im Verlauf meines Aufenthalts habe ich sehr viele

Interviews geführt, für die ich meistens in die Stadt gegangen

64


GROßBRITANNIEN

bin und Leute befragt habe. Dies war manchmal gar nicht so

leicht, da manche Leute beim Anblick des Mikrofons sofort die

Flucht ergriffen, während andere quasi am liebsten jeden Tag

ihre Stimme im Radio hören wollten. Die Themen meiner Interviews

erstreckten sich von der Absage der lokalen Veranstaltung

„Weston Beach Race“ über den Aufbau des abgebrannten Piers

bis hin zu Fragen zur „National Chocolate Week“. Im Zuge einer

lokalen Konzertveranstaltung konnte ich sogar einen bekannten

britischen Sänger per Telefon interviewen. Darren hatte mich

dabei „on air“ immer als „German Jenny“ vorgestellt, so dass ich

sozusagen meine eigene Rubrik in der „Morning Show“ hatte,

die immer eine knappe Minute lang war. Lustigerweise erhielt

65


JENNIFER BULLERT

ich auch des Öfteren Rückmeldungen aus der Bevölkerung, in

denen es dann hieß, dass Leute auch schon einmal in Hildesheim

gewesen waren oder sich erkundigten, ob ich ein Rezept

für einen bestimmten deutschen Apfelkuchen parat hätte.

Eines meiner lustigsten Erlebnisse fand statt, als einer der

Moderatoren mit Muffi ns zu uns ins Produktionsbüro kam und

Darren – nachdem er in den Muffi n gebissen hatte – meinte, da

fehle nur noch custard 2 oben drauf. Ich kannte dieses Wort nicht

2 Custard = Vanillesoße

66


GROßBRITANNIEN

und die anderen konnten es nur schwer erklären, also wurde ich

tags darauf in die Stadt geschickt, um die Leute zu fragen, wie sie

custard beschreiben würden. Daraufhin wurden Momente, in

denen meine Kollegen mir bestimmte Ausdrücke oder Wörter

nicht so schnell erklären konnten, „custard-moments“ getauft.

Andere Aufgaben meines Praktikums umfassten die Hilfe bei

der Bearbeitung der neuen Homepage des Senders sowie Recherchen

für Veranstaltungen oder auch das Formulieren von

Fragen für Telefonanrufer, die an Gewinnspielen teilnahmen. Da

am Wochenende vorproduzierte Sendungen im Radio gespielt

wurden, mussten diese aus dem Internet heruntergeladen und

in das Radiosystem hochgeladen werden, was jede Woche eine

weitere meiner Tätigkeiten darstellte. Zudem habe ich Informationen

in der Datenbank aktualisiert oder Jingles und Sweepers

bearbeitet bzw. in das System hochgeladen. STAR Radio hat mir

auch die Möglichkeit gegeben, an Außenübertragungen mitzuwirken,

so dass ich die Sendung „The World Tour of North Somerset“

mit Roger und Laura unterstützen konnte. Dabei habe

ich gelernt, mit Hilfe einer Antenne und Autobatterie live von

diversen Orten spontan zu senden, was eine sehr interessante

und lustige Erfahrung war. Wir hielten am Straßenrand, interviewten

Leute und schickten dies sofort per Antenne über den

Äther. Außerdem habe ich auch dabei geholfen, Werbematerial

des Radiosenders zu verteilen und die nötige Technik für die

Moderatoren aufzubauen und wieder zusammenzuräumen.

Da STAR Radio ein kommerzieller Radiosender ist, ist es

wichtig, den Werbekunden Material vorzuweisen, in denen ihre

Veranstaltungen „on air“ angekündigt worden sind. Zu meinen

67


JENNIFER BULLERT

Aufgaben gehörte daher auch, mir die bereits gesendeten Shows

anzuhören und diese Ankündigungen herauszuschneiden, damit

den Werbekunden dieses Material dann vorgelegt werden

konnte.

Zudem war ich im Bereich „Sales“ tätig, in dem ich geholfen

habe, Telefonnummern und Adressen potenzieller Anzeigenkunden

zusammenzustellen oder die Datenbank zum zehnjährigen

Jubiläum des Radiosenders zu aktualisieren. Ich konnte einen

der Sales Manager bei Kundengesprächen begleiten.

Dadurch erlebte ich mit, wie man von einer Anfrage zu einer

Werbung im Radio gelangte.

Ab und zu erhielt ich auch die Möglichkeit, selbst live als Gast

an den Radiosendungen teilzunehmen und meine Interviews

anzukündigen. Mit der Übernahme des Senders durch einen

neuen Besitzer durfte ich sogar Beiträge für die Nachrichten produzieren,

die ebenfalls gesendet wurden. Ich war also ziemlich

häufi g in Weston unterwegs, um Stimmen einzufangen. Dabei

habe ich festgestellt, dass es genau das ist, was ich später machen

möchte: unterwegs sein und die Umgebung sehen, Leute zu interessanten

Themen interviewen und daraus ein lustiges, spannendes

oder auch ernstes Interview für die Sendungen bzw.

Nachrichten gestalten.

Um zu zeigen, was ich in den drei Monaten meiner Praktikumszeit

gelernt habe, hatte Darren mir die Aufgabe gegeben,

ein eigenes Projekt zu erstellen, in dem ich meine Interviews

und alle weiteren Beiträge sowie Musik zusammenschneiden

sollte, was ebenfalls eine tolle Erinnerung an mein Praktikum

geworden ist.

68


GROßBRITANNIEN

Dadurch, dass ich so viel in Weston unterwegs war, lernte ich

sogar einige lokale Persönlichkeiten wie den Bürgermeister oder

den Besitzer des Grand Piers – der Attraktion in Weston – kennen.

Oft habe ich auch Ausfl üge mit meiner Gastfamilie in die

Umgebung unternommen und konnte so unter anderem Wells,

Bristol oder Cheddar besuchen. Da meine Gastmutter in engem

Kontakt mit Hildesheim steht, haben wir auch immer wieder

über meine Heimatstadt gesprochen.

Das STAR Radio House

69


JENNIFER BULLERT

Im November hat der Weston Carnival stattgefunden, der vergleichbar

mit einem Schützenfestumzug ist. Das Besondere sind

die verschiedenen Themenwagen mit Tausenden rotierenden

und ständig aufl euchtenden Glühbirnen, die dort durch die Straßen

fahren. Allein zu dieser wirklich sehenswerten Veranstaltung

kommen jedes Mal Hunderte von Menschen nach North

Somerset.

Daneben war es aber auch interessant, die allgemeinen Unterschiede

zwischen Großbritannien und Deutschland festzustellen.

So habe ich erfahren, dass es in England sehr viele Charity

Shops gibt und ich habe auch häufi g Street Team-Leute der verschiedensten

Charity-Organisationen in der Stadt getroffen. Ein

weiterer Punkt, über den ich vorher nicht Bescheid wusste, war,

dass die Geschäfte auch sonntags geöffnet haben. Interessant

fand ich z. B. auch die Unterschiede bei der Anzahl von Kreiseln

und Parkregeln in der Stadt sowie die englischen Ansichten über

gesundes Brot und Wasser mit Kohlensäure.

Als Fazit zu meinem Auslandsaufenthalt kann ich sagen, dass

ich sehr viele neue Erfahrungen sammeln konnte. Ich habe einige

neue Kontakte geknüpft und viel über das Leben im Ausland

gelernt. Mein Englisch ist besser geworden und nach meiner

Rückkehr nach Deutschland habe ich festgestellt, dass ich sogar

schon angefangen habe, auf Englisch zu denken, so dass ich

beim Einkaufen gedanklich erst wieder auf Deutsch umschalten

musste. Die Radioarbeit hat mir auf jeden Fall gezeigt, dass ich

auch weiterhin beim Radio arbeiten möchte, was ich hier in Hildesheim

auch schon wieder tue. Neben dem Campusradio mode-

70


GROßBRITANNIEN

riere ich mittlerweile sogar schon ab und zu das Samstagsmorgenmagazin

und hin und wieder auch ein Abendmagazin auf

Radio Tonkuhle. Allerdings habe ich für mich persönlich herausgefunden,

dass ich nicht-kommerzielles Radio kommerziellem

vorziehe, da die Freiheiten bei der Gestaltung der Sendung dort

größer sind als sie es bei STAR Radio waren.

Ich habe festgestellt, dass die Engländer unglaublich hilfsbereit

und nett sind. Insgesamt kann ich auf sehr viele schöne Erlebnisse

zurückblicken. So habe ich von STAR Radio ein Presseticket

für ein Konzert bekommen, den German Christmas Market

in Bristol besucht und den Weston Carnival erlebt. Die Cheddar

Caves zu besuchen war ebenfalls ein tolles Erlebnis.

Zwar studiere ich auf Lehramt für Realschulen, aber ich kann

mir auch durchaus vorstellen, später im Bereich Medien zu arbeiten.

Trotzdem habe ich auch Deutschland als Zuhause schätzen

gelernt, da es doch einige Momente gab, in denen ich Heimweh

nach meiner Familie und meinen Freunden hatte. Jedoch

muss ich zugeben, dass mich der Auslandsaufenthalt unabhängiger

gemacht hat und ich jetzt mehr aus mir herausgehe als ich

es früher getan habe.

Somit kann ich zusammenfassend sagen, dass ich durch den

Auslandsaufenthalt viel lernen konnte – sprachlich, kulturell

wie auch „für’s Leben“.

71


SABINE GERNHARDT

72


Vom Lehrerleben in Wales

GROßBRITANNIEN

„Wie war’s in Wales?“, werde ich oft gefragt. In schwärmendem

Tonfall antworte ich dann: „Total schööön!“ Spüre ich erwartungsvolle

Blicke auf mir, füge ich noch hinzu: „Die Kinder waren total

lieb, mit den Lehrern habe ich mich gut verstanden und meine

Unterkunft war richtig gut.“ Oft kam ich in die Situation, in der

ich drei Monate in ein paar Worten zusammenfassen sollte. Lieber

sind mir präzise Fragen, auf die ich etwas antworten kann.

Nun, auch du als Leser kannst mir keine Fragen stellen, aber dennoch

will ich versuchen, dir zu berichten, wie es mir bei meinem

dreimonatigen Praktikum in der Lamphey Primary School ergangen

ist. Ich hoffe, dass danach keine Fragen offenbleiben.

Die Gelegenheit, ein Auslandspraktikum in Wales zu machen,

verschaffte mir meine Universität. Das hatte den Vorteil, dass

ich Unterstützung bei der Organisation bekam und mir die Qual

der Wahl nach einem schönen Land und dem geeigneten Praktikumsplatz

abgenommen wurde. Die Entscheidung für ein Schulpraktikum

erschien mir als angehende Lehrerin als interessantester

Weg ins Ausland zu gehen, denn so konnte ich

Sprachkenntnisse verbessern, ein anderes Schulsystem kennenlernen

und gleichzeitig mit Kindern zusammenarbeiten.

Ein paar Dinge sind mir von meinem Praktikum in besonderer

Erinnerung geblieben: Bemerkenswert an der walisischen Schule

73


SABINE GERNHARDT

fi nde ich den selbstverständlichen Umgang mit neuen Medien.

Lehrer und Schüler benutzen nun schon seit ca. acht Jahren den

Computer mit dem interaktiven Whiteboard und es vergeht kaum

ein Tag ohne Computereinsatz. Auch aufgefallen ist mir der hohe

Materialverbrauch, der nur möglich ist, weil die Schule die fi nanziellen

Mittel besitzt und in jeder Klasse nicht nur eine Lehrerin/

ein Lehrer arbeitet, sondern auch eine Hilfskraft. Diese unterstützt

die Lehrkraft und kümmert sich entweder um Kinder mit Lernschwächen

oder sie bastelt, kopiert und laminiert für den Unterricht.

Natürlich konnte ich mir auch viel von den Methoden der

Pädagogen abgucken. Die Schülerinnen und Schüler bleiben bis

ca. 15 Uhr in der Schule, werden also den ganzen Tag betreut.

Mittags gibt es in der Schulkantine warmes Essen, nachmittags

geht der Unterricht selbst für die Jüngsten weiter. Die Disziplin,

mit der die Kinder an die Lernaufgaben herangehen, ist enorm.

Hierzu muss ich sagen, dass die Schule, an der ich mein Praktikum

absolviert habe, keine Problemschule ist – ganz im Gegenteil:

Die meisten Kinder werden vom übernächsten Dorf bis nach Lamphey

gebracht, damit sie zu der Schule gehen, welche die Eltern

als die Beste auserkoren haben – und das über acht Jahre lang.

Acht Jahre? Nun, in Wales gehen die Kinder schon im Alter

von drei oder vier Jahren zur Schule. Die Jüngsten gehen in die

„Nursery“-Klasse, in der Laute und Zahlen spielerisch vermittelt

werden. Im Alter von fünf Jahren müssen die Kinder in die

„Reception“-Klasse gehen. Danach beginnt die Zählung von Klasse

eins bis sechs. Nach letzterer verlassen die Kinder die Grundschule

und gehen auf eine weiterführende Schule, die alle Kinder

unabhängig von ihrer Lernstufe aufnimmt. Das gemeinsame

74


GROßBRITANNIEN

Lernen erfordert natürlich viel

individuelle Förderung, wofür

nicht zuletzt die Hilfskraft im

Klassenraum zur Verfügung

steht. Während meines Praktikums

konnte ich sehen und

selbst erproben, was autonomes Lernen bedeutet.

Im Rahmen dieses Praktikums gab es ein Projekt, das mir ganz

besonders viel Freude bereitet hat: Angefangen hat es bereits in

meiner ersten Unterrichtsstunde, als ich den walisischen Kindern

Fotos aus meiner Studienstadt zeigte und anschließend auf das

deutsche Schulsystem zu sprechen kam. Mit Hilfe von Fotos konnten

die Schülerinnen und Schüler schnell Unterschiede zwischen

ihrer eigenen und einer deutschen Grundschule feststellen. Dies

war der Tag, an dem die Brieffreundschaft zwischen der Lamphey

School und einer deutschen Grundschule begann. Dieser interkulturelle

Austausch ließ viele Kinderaugen leuchten und war sehr

bewegend für mich. Ich erstellte ein Plakat mit den geschriebenen

Briefen und Fotos der Kinder, übersetzte Briefe wie ein Weltmeister

und schrieb immer wieder mit Gruppen von Kindern zusammen

Briefe. Da mir beide Klassen der Brieffreundschaft bekannt

sind, konnte ich von beiden Seiten beobachten, wie viel Spaß es

den Kindern bereitete, einen Austausch mit einer Klasse weit, weit

weg zu haben. Bei sprachlichen und kulturellen Hürden versuchte

ich zu helfen wo ich konnte. Noch nach meinem Praktikum laufen

75


SABINE GERNHARDT

alle Briefe über mich, damit ich sie aus dem Englischen ins Deutsche

v.v. übersetzen kann. So fördere ich nicht nur das Erlernen

des Englischen (die Kinder der Lamphey School lernen kein

Deutsch, aber die deutschen Kinder lernen Englisch), sondern zeige

auch, wie unterschiedlich Schule sein kann. Ich bin sehr froh,

dass ich „mein” Projekt an beiden Schulen so toll verwirklichen

kann! Dabei hilft es natürlich sehr, die Unterstützung der Klassenlehrerinnen

zu haben. Außerdem war man in Lamphey auch froh

darüber, dass ich mich immer selbstständiger in das Klassenleben

einbringen konnte. Meine weiteren Unterrichtsstunden hielt ich

entweder im Fach Englisch oder in Mathematik ab. Vor einer Klasse

mit 29 Kindern zu stehen und in einer fremden Sprache zu

unterrichten, war immer eine Herausforderung und eine besondere

Erfahrung.

Natürlich brauchte ich anfangs einige Zeit, um mich zurecht

zu fi nden. In eine bestehende Gemeinschaft zu kommen, die andere

Sitten pfl egt und eine andere Sprache spricht, ist eine große

Umgewöhnung, die mich ein paar Wochen Zeit gekostet hat.

Doch die Schülerinnen und Schüler der Klasse 2, in der ich die

meiste Zeit verbrachte, lernten schnell mit mir umzugehen und

schlossen mich in ihr Klassenleben des „summer term“ mit ein.

Mit den Kindern zu arbeiten war das Größte überhaupt und ich

bin froh, diese Erfahrung außerhalb Deutschlands gemacht zu

haben, damit ich später als Englischlehrerin meinen Schülerinnen

und Schülern aus erster Hand berichten kann.

Das Praktikum in Wales hat mir nicht nur gezeigt wie wichtig es

ist, sich als Lehrerin durchsetzen zu können und trotzdem

76


GROßBRITANNIEN

freundlich zu den

Kindern zu sein,

sondern auch, wie

wichtig es für die

Schule und die

ganze Umgebung

ist, wenn die Schule gut funktioniert und gut geführt wird.

Ich wurde in das Schulleben integriert und habe den Eindruck

gewonnen, dass all das oben genannte an meiner Schule der

Fall gewesen ist, wovon ich mir viel für die Zukunft abgucken

konnte.

Durch meine Unterkunft in einer Gastfamilie auf einem Bauernhof

konnte ich meine Englischkenntnisse außerhalb der

Schule weiter vertiefen, erfuhr viel vom Leben in Wales, der Jugendhilfe

dort und hatte Ansprechpartner für alles rund um das

Land sowie für Sehenswürdigkeiten in der näheren Umgebung.

Zum Beispiel gab es gar nicht weit von meinem Wohnort den

Strand „Freshwater West“, an dem die Kinofi lme „Harry Potter

and the Deathly Hallows“ und „Robin Hood“ gedreht wurden.

Leider ist Schwimmen dort verboten, doch die Wellen sollen die

besten Surferwellen in ganz Wales sein und in den Dünen ist die

einzige giftige Schlange Großbritanniens beheimatet. Wie man

merkt, ist Pembrokeshire eine sehr interessante Gegend, die

ganz viel Küste bietet, an der man wunderbar entlanglaufen und

die Landschaft genießen kann.

Ich glaube, wenn mich nun noch jemand fragt, wie es mir

beim Praktikum in Wales ergangen ist, werde ich ihm einfach

diesen Text vorlegen. Oder sind noch Fragen offengeblieben?

77


LISA HEINZELBECKER

78


Ein Fremder ist nur ein Freund,

den man noch nicht kennt 1 –

Sechs Monate Einblick in die

irische Mentalität

IRLAND

Mein Auslandsaufenthalt in Dublin, wo ich ein Praktikum am

Goethe-Institut absolvierte, gehört defi nitiv zu den besten Erfahrungen

meines Lebens. Ich studiere Anglistik, Politikwissenschaft

und Französisch auf Lehramt an Gymnasien mit dem festen

Ziel Lehrerin zu werden. Dennoch fi nde ich es äußerst

wichtig, auch in andere Bereiche des Arbeitslebens hineinzuschauen,

um davon für den späteren Beruf zu profi tieren. Mein

besonderes Interesse gilt hier Institutionen, die sich mit der auswärtigen

Kultur- und Bildungspolitik beschäftigen. Außerdem

wollte ich eine längere Zeit im englischsprachigen Ausland verbringen,

um so auch wichtige Erfahrungen für mein Studium

der englischen Sprache zu sammeln. Meine Wahl fi el auf Irland,

da ich dort zuvor nie gewesen war und mich Literatur und keltische

Kultur schon immer interessierten. Um diese länderspezifi -

sche Vorliebe und mein Interesse an kulturellen und bildungspolitischen

Institutionen zu vereinbaren, richtete ich meine

Bewerbung an das Goethe-Institut in Dublin und wurde dort als

1 Irische Lebensweisheit

79


LISA HEINZELBECKER

Praktikantin in der Sprachabteilung für einen Zeitraum von

viereinhalb Monaten angenommen.

Das Goethe-Institut ist das weltweit tätige Kulturinstitut der

Bundesrepublik Deutschland und es beschäftigt sich mit der Förderung

der deutschen Sprache im Ausland sowie mit dem Ziel,

die internationale kulturelle Zusammenarbeit zu verbessern.

Hierbei gliedert es sich in zwei große Abteilungen: die Programm-

und die Sprachabteilung. In der Programmabteilung

organisieren die Mitarbeiter des Goethe-Instituts ein breites Angebot

an kulturellen Veranstaltungen, die in enger Beziehung

zur deutschen Sprache stehen. Die deutsche Kultur wird im Ausland

repräsentiert. Dies regt zum interkulturellen Austausch an.

In der Sprachabteilung wird speziell die deutsche Sprache gefördert.

Es werden Sprachkurse, Prüfungen und Lehrerfortbildungen,

aber auch Veranstaltungen angeboten. Die Veranstaltungen,

wie beispielsweise Theateraufführungen, Konzerte und Lesungen,

richten sich nach den jeweiligen Zielgruppen. Des Weiteren

bietet das Goethe-Institut umfassende Informationen zu Deutschland

und zu deutscher Literatur, Politik und Kultur an. Mein

Praktikum am Goethe-Institut habe ich in der Sprachabteilung

absolviert und hier einen guten Gesamteinblick in die Arbeit der

Institution bekommen.

Meine Bewerbung erfolgte auf eigene Initiative. Da die Praktika

am Goethe-Institut unbezahlt sind, schaute ich mich gleich

nach der Zusage nach einer fi nanziellen Unterstützung durch

ein Stipendium um. Die Auswahl ist hier leider begrenzt, da nur

wenige Stipendien Praktika an kulturellen Institutionen im Ausland

fi nanziell unterstützen. Nach Informationen durch Kommi-

80


IRLAND

litonen, ausgiebiger Recherche im Internet und einem Gespräch

mit einer Mitarbeiterin des Akademischen Auslandsamtes der

Universität Mannheim fi el meine Wahl auf die ERASMUS-Förderung

von Praktika. Nachdem mein Antrag für das Stipendium

angenommen wurde, fi ng ich an, die Unterlagen zusammenzustellen.

Nach einem intensiven Briefwechsel zwischen meiner

Praktikumsstelle in Dublin, der Universität Mannheim, der Koordinierungsstelle

für ERASMUS-Praktika in Karlsruhe 2 und

mir, hatte ich alle Dokumente eingereicht und bekam nach einer

schnellen Bearbeitung meine erste Auszahlung von 80 % des Gesamtbetrags.

Ich hatte zuvor bereits am ERASMUS-Programm

teilgenommen, und zwar im Rahmen eines Auslandssemesters

am Institut d’Études Politiques in Lille, Frankreich. Ich kann somit

durch meine persönliche Erfahrung bestätigen, dass die

ERASMUS-Förderung in jeglicher Hinsicht unkompliziert und

sehr studentenorientiert erfolgt. Sie stellt daher eine hervorragende

Möglichkeit zur Teilfi nanzierung eines Auslandsaufenthaltes

dar.

Besonders zufrieden war ich auch mit meiner Unterkunft in

Dublin. Ich wohnte in einem Einfamilienhaus, in dem gleichzeitig

meine sehr nette Vermieterin, ihr Neffe, eine andere Studentin

und ich wohnten. Mein Zimmer war ca. 15 qm groß und es

war alles vorhanden, was man als Studierender oder Praktikant

benötigt. Das Haus befand sich in einem netten Wohnviertel ein

wenig außerhalb des Stadtzentrums. Bis heute stehe ich in regel-

2 In Baden-Württemberg und anderen Bundesländern haben sich viele Hochschulen zu

Praktikakonsortien mit einer zentralen Koordinierungsstelle zusammengeschlossen.

81


LISA HEINZELBECKER

mäßigem Kontakt zu meiner Vermieterin, ihrer Familie und den

anderen Bewohnern des Hauses. Zusätzlich zu den Arbeitserfahrungen

während des Praktikums, den tollen Ausgehmöglichkeiten

in Dublin und den schönen Ausfl ugszielen in Irland war es

eine besondere Bereicherung für mich, Einblicke in das Leben

einer irischen Familie zu bekommen. Noch dazu in eine, die mir

und meiner Mitbewohnerin jederzeit äußerst freundlich und offen

begegnet ist.

Was mein Praktikum am Goethe-Institut betrifft, so konnte

ich viel selbstständig arbeiten und genoss eine besondere Förderung,

was ich als großen Gewinn erachte. Neben den üblichen

Tätigkeiten einer Sprachkurs-Institution – wie Beratung und

82


IRLAND

Einschreibung von Kursteilnehmern, Prüfungsbegleitung und

Pfl ege der Teilnehmerdaten – hatte ich mehrere selbstständige

Projekte, die sich mit der Förderung der deutschen Sprache in

Irland beschäftigten. Zunächst wäre hier eine Tournee der Komponistin,

Musikerin und Künstlerin Martina Schwarz zu nennen.

Sie tourte mit dem Goethe-Institut Dublin durch irische

Grundschulen und sang ihre selbstkomponierten Lieder zusammen

mit den Schülern. Meine Arbeit bestand darin, einen Reiseplan

und einen Tourplan für sie auszuarbeiten. Außerdem habe

ich Lehrer und Schulleiter informiert, Material zusammengetragen,

einen Presse- und einen Homepageartikel geschrieben und

sie auf ihrer Tournee begleitet. Ähnlich wiederholte sich dies bei

anderen Gästen des Goethe-Instituts. Jeweils ein weiteres Projekt

bestand aus der Tourneeplanung einer Theatergruppe durch

Skandinavien und dem Marketing für die Sprache Deutsch für

verschiedene Zielgruppen in der Region Nordwesteuropa. Meine

Projekte wurden sehr gut von meiner direkten Ansprechpartnerin,

der Leiterin der Sprachabteilung betreut. Der Umgang mit

den Kollegen im Institut war äußerst angenehm und herzlich,

sowohl mit den Mitarbeitern des Sprachbüros als auch mit den

Lehrern und übrigen Angestellten. Die Arbeit mit Deutschlernenden

ermöglichte mir zusätzliche Einblicke in das Erlernen

einer Fremdsprache, die mir mit Sicherheit in Zukunft als Lehrerin

von Fremdsprachen von Vorteil sein werden. Ich habe außerdem

zu einem späteren Zeitpunkt während meines Studiums an

einem Projekt des Anglistischen Instituts der Universität Mannheim

in Zusammenarbeit mit der Mercator-Stiftung teilgenommen.

Dort ging es um die gezielte Förderung von Schulkindern

83


LISA HEINZELBECKER

mit Migrationshintergrund an Schulen in Mannheim. Dabei waren

meine DaF 3 -Erfahrungen, die ich in Irland gesammelt hatte,

von großem Nutzen. Während meines Praktikums wiederum

konnte ich meine im Studium erworbenen pädagogischen

Kenntnisse weiter ausbauen.

Die Arbeitszeiten meiner Praktikumsinstitution von 10 bis 17

Uhr waren äußerst angenehm. Es blieb am Abend und am Wochenende

noch ausreichend Zeit, um Dublin zu erkunden. Die

Wochenenden habe ich dazu genutzt, die Sehenswürdigkeiten

in Dublin und Umgebung zu besuchen und habe, wenn möglich,

Ausfl üge mit Freunden in andere Gebiete Irlands unternommen.

In Dublin lohnt es sich, das Trinity College mit der Ausstellung

des Book of Kells und der Bibliothek zu besuchen, genauso wie

das Kilmainham Jail, das Museum of Ireland, die Christ Church

sowie die Guiness-Brauerei. Besonders gut haben mir auch der

St. Stephen’s Green Park, der Merrion Square mit einem Oscar-

Wilde-Denkmal und die Botanic Gardens gefallen. Eines der herausragendsten

Merkmale Dublins ist mit Sicherheit die ausgeprägte

Pubkultur, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Wenn es einem möglich ist, Touren außerhalb von Dublin zu

machen, sollte man dies unbedingt tun. Irland ist ein traumhaft

schönes Land. Besonders sehenswert in der nahen Umgebung

von Dublin sind: Howth, Glendalough, Dun Laoghaire, der Markt

von Blackrock, Malahide Castle, Britta’s Bay. Außerdem verfügt

Dublin als Hauptstadt Irlands über hervorragende kulturelle Angebote.

Es werden viele Konzerte veranstaltet und es gibt ein

3 Deutsch als Fremdsprache (DaF)

84


IRLAND IIR I IRL I IRL I IR I IIRL IIRL I IIRL IIRL I RL R RL R RRL

RRL RRL R L AND AN AND AN AAN AND AN AND AAN AND AN A AN AND A AN AND AN AND AN A AND AAN AND AN AND AN A AN A AAND AN A ND N ND N NND NND

N NND

N ND N ND N

D

ansprechendes Theaterprogramm. Regelmäßig fi nden Filmfestivals

statt und wer sich für Literatur, insbesondere irische Literatur,

interessiert, sollte es nicht versäumen, auf eine der zahlreichen

Lesungen zu gehen, die immer wieder in Dublin angeboten

werden. Ich nutzte dieses kulturelle Angebot während meines

85


LISA HEINZELBECKER

Aufenthalts in Irland ausgiebig und profi tierte auch rückblickend

davon. Meinen Schwerpunkt im Staatsexamen in Anglistik

legte ich auf postkoloniale Studien und konnte hierbei auf

meine Literatur- und Kulturerfahrungen in Irland zurückgreifen.

Auch um in Landeskundeseminaren die britische Kultur

und die Beziehungen Großbritanniens zu ehemaligen Kolonien

besser zu verstehen, war die besondere Beschäftigung mit der

Kultur, Literatur, Geschichte und Politik Irlands von großem

Nutzen.

86


IRLAND

Ein längerer Aufenthalt in Dublin ist eine unvergessliche Erfahrung

und ich persönlich kann es nur empfehlen. Ebenso wie das

Praktikum an einem Goethe-Institut: Wer Herausforderungen

liebt, kreativ ist, gerne Eigeninitiative ergreift, sich für die Kultur

des eigenen Landes und des Gastlandes interessiert und fl exibel

ist, liegt mit einem Praktikum am Goethe-Institut richtig. Meine

Erwartungen an meinen Auslandsaufenthalt in Irland wurden

übertroffen und ich profi tiere bis heute von den vielen Freundschaften,

die währenddessen entstanden sind sowie den schönen

Erfahrungen, die ich in Irland gesammelt habe. Der Aufenthalt

stellte nicht nur eine persönliche Bereicherung in Bezug auf

interkulturelle Begegnungen dar, sondern war auch für meinen

weiteren Studienverlauf und in berufl icher Hinsicht von großem

Nutzen. Die Arbeit des Goethe-Instituts hat mir gezeigt wie viel

kultureller Austausch für eine gute Zusammenarbeit verschiedener

Nationen in Zeiten der Globalisierung bedeutet. Persönlich

konnte ich für mich feststellen, dass ich mir auch in Zukunft

während meines Berufs als Lehrerin längere Auslandsaufenthalte

an beispielsweise deutschen Schulen im Ausland vorstellen

könnte. Genauso wie ich mich nebenher weiterhin für interkulturelle

Projekte interessieren und einsetzen werde. Mein Auslandsaufenthalt

in Irland war eine rundum großartige Erfahrung,

die ich keineswegs missen will, und an die ich immer

wieder gerne zurückdenke.

87


NILS HERTRICH

88


Einmal Italien – immer Italien

ITALIEN

Mein Studium der Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt

„Handel und Dienstleistungen“ an der Fachhochschule Hannover

umfasste zwei Praxissemester. Das erste hatte ich im Rahmen

von zwei Auslandssemestern in Montpellier (Université de Montpellier

I, Frankreich) absolviert. Dort lernte ich viele italienische

Studierende kennen – unter anderem meine aus Brescia stammende

Freundin. Da für mich ohnehin schon nach dem Auslandsaufenthalt

in Frankreich feststand, dass ich auch das zweite

Praxissemester im Ausland absolvieren wollte, zog es mich nach

Italien. Durch meine Freundin hatte ich bereits Gelegenheit erhalten,

dort Land und Leute ein wenig kennenzulernen.

Das Angebot an Praktikumsplätzen in Brescia war jedoch

eher spärlich. Nach einer umfangreichen, erfolglosen Recherche

(diverse Praktikums- und Jobbörsen im Internet) fand ich glücklicherweise

über das internationale Praktika-Portal des EU-Hochschulbüros

(BestPraktiX) doch noch ein kleines mittelständisches

Unternehmen in Brescia, wo ich mein Praktikum im

Zeitraum von September 2008 bis Februar 2009 absolvieren

konnte. Es handelte sich hierbei um eine global agierende Agentur

für Übersetzungsdienstleistungen. Da ich mich ohnehin für

andere Länder und Sprachen interessierte, war es ein Glücks-

89


NILS HERTRICH

griff. Im Rahmen des Praktikums sollte ich vorbereitende Maßnahmen

für eine SWOT-Analyse 1 für den Markt in Deutschland,

Österreich und in der Schweiz treffen. Daraus sollte sich später

auch das Thema meiner Diplomarbeit entwickeln.

Allerdings stellte ich schon kurz nach Beginn des Praktikums

fest, dass meine Erwartungen anders aussahen, als die des Betriebs:

Ich wurde vorrangig zur telefonischen Kundenakquise

eingesetzt. Anfangs war dies ziemlich ernüchternd für mich, da

ich auf die Möglichkeit hoffte, konkrete Marktanalysen im realen

Umfeld zu erstellen. Erst nach mehreren Gesprächen bzw.

Überzeugungsarbeit mit der Geschäftsleitung sowie einiger Zeit

in der Abteilung „Telefonmarketing“, war es mir doch noch möglich,

eine Kundenbefragung zur Schaffung von Grundlagen für

Qualitätsmanagement vorbereiten und durchführen zu können.

Meine Kollegen waren von Anfang an durchweg sehr zuvorkommend.

Befremdlich fand ich allerdings, dass wöchentlich

Praktikanten aus den verschiedensten Ländern kamen und gingen.

Hinsichtlich der Tatsache, dass wir immer zu sechst in einem

20 qm großen Raum saßen, war dies nicht immer angenehm.

Insgesamt war mein Praktikum auf jeden Fall eine

interessante Erfahrung. Auch wenn es inhaltlich nicht hundertprozentig

meinen Erwartungen entsprach – nicht zuletzt, weil

die Vereinbarungen bezüglich der Einsatzfelder und Tätigkeiten

nicht eingehalten worden waren – konnte ich dort immerhin

viel über die Übersetzungsbranche lernen.

1 Analyse der Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken

90


ITALIEN

So entschloss

ich

mich im

Anschluss

an das Praktikum,meineDiplomarbeit

zum

Thema „SWOT-Analyse

für ein italienisches

Übersetzungsbüro im Hinblick

auf einen Eintritt in

den deutschen Markt“ anzufertigen

und beendete damit letztlich recht erfolgreich mein Studium.

Die Diplomarbeit fertigte ich im Übrigen ebenfalls in Brescia an,

nachdem ich mit meiner Freundin dort zusammengezogen war.

In Brescia außerhalb der Arbeit Freunde zu fi nden war am

Anfang nicht so einfach. Merkbar eine Stadt in Italiens Norden,

waren die Menschen hier in ständiger Betriebsamkeit und schienen

doch eher unter sich bleiben zu wollen. Zudem waren meine

Italienisch-Kenntnisse in der Anfangszeit nicht gerade herausragend,

was die Kommunikation erschwerte. Ich musste mich

schnell von meinem stereotypen Bild des kaffeetrinkenden, eisverkaufenden,

pizzabackenden und immer lockeren Italienertyps

verabschieden, auf den man wohl eher als Tourist am Gardasee

trifft, auf keinen Fall aber im „echten“ Alltags- bzw.

Arbeitsleben.

91


NILS HERTRICH

Der Auslandsaufenthalt hat als Ganzes gesehen meine Erwartungen

voll erfüllt, wenn nicht sogar übertroffen. Ich habe zudem

Land und Leute kennen- und lieben gelernt: Italiens Norden hat

ein ganz besonderes Flair, nicht zuletzt durch die (für viele) nahezu

unverständlichen Varianten lokaler Dialekte in der Region

Lombardei. Schon aus diesen Erfahrungen heraus kann ich jedem,

der eine andere Sprache beherrschen und das entsprechende

Land wirklich kennenlernen möchte, nur dringend empfehlen,

die Angebote eines Auslandspraktikums auch als Erfahrung

fürs Leben wahrzunehmen! Davon abgesehen ist es gerade für

die berufl iche Zukunft eine Riesenchance.

Nachdem ich meine Diplomarbeit eingereicht und mein Studium

beendet hatte, habe ich schließlich berufl ich eine international

geprägte Richtung eingeschlagen. Meinen Abschluss hatte

ich im sogenannten Krisenjahr gemacht. Deshalb musste ich

mich angesichts der gerade für Berufseinsteiger nicht so rosigen

Arbeitsmarktsituation sowohl in Deutschland als auch in Italien

etwas gedulden. Nach einer etwa halbjährigen Bewerbungs- und

Orientierungsphase haben sich mir mit meinem Abschluss als

Diplom-Kaufmann und Dank der Auslandsaufenthalte sowie der

dadurch vertieften Fremdsprachenkenntnisse doch recht viele

Möglichkeiten eröffnet: Ich hatte zunächst das Glück, einen Projektvertrag

über sechs Monate bei einer deutsch-italienischen

Anwaltskanzlei in Italien zu erhalten. Dort konnte ich, zumindest

in Ansätzen, eine Unternehmensanalyse gemäß der in meiner

Diplomarbeit behandelten Methode anfertigen. Auf diese

Stelle folgte ein weiteres Projektverhältnis in Italien bei einer

92


ITALIEN

Werbe- und Internetagentur. Als Projektassistent war ich für die

Erstellung von Internetseiten zuständig. Nebenher bewarb ich

mich stets sowohl vor Ort als auch in Deutschland. Vermutlich

aufgrund der günstigeren Wirtschaftslage sowie meinen inzwischen

weiter ausgebauten Italienischkenntnissen bekam ich im

Sommer 2010 plötzlich vier Stellenangebote bzw. Vorstellungsgespräche

– in Deutschland, Italien und Österreich – die fachlich

allesamt meinen Erwartungen genügt hätten. Letztendlich entschied

ich mich für die Stelle bei einem Industrieunternehmen

im Bereich Sales und Marketing in Italien.

Vor kurzem erst habe ich im Spiegel gelesen, dass es immer

noch relativ wenige Studierende gibt, die Auslandserfahrungen

machen. Ich möchte hier gar nicht die ständigen Schlagworte

wiederholen, die uns während des Studiums verfolgt haben, wie

z. B. „Globalisierung“ und „enger zusammenwachsende Welt“ in

Verbindung mit berufl icher „Chancenerweiterung“ durch „Auslandserfahrung“

usw. Vielmehr möchte ich aufgrund meiner

persönlichen Erfahrung betonen, dass tatsächlich „was dran“ ist

an diesen Schlagworten. Abgesehen von berufl icher Chancenerweiterung

bietet ein Auslandspraktikum auch die Möglichkeit,

ein fremdes Land und die Menschen in einer fremden Gesellschaft

kennenzulernen. Dabei kann man sich selbst in diese Gesellschaft

einbringen und dadurch seinen Horizont erweitern.

Durch das Sich-Einlassen auf neue Erfahrungen kann man gegenseitige

Vorurteile abgleichen – fi ndet man manche vielleicht

bestätigt, so werden andere jedoch auch widerlegt. Diese persönliche

Weiterentwicklung war und ist für mich eine außerordentlich

große Bereicherung.

93


JULIA ZISGEN

94


LETTLAND

Mehr als Jugendstil und Plattenbauten

– Drei Monate in Lettland

Ich war von Anfang Januar bis Anfang April 2010 für drei Monate

Praktikantin bei der „Deutsch-Baltischen Handelskammer in

Estland, Lettland, Litauen“ (DBHK). Eingesetzt war ich im Büro

Lettland in Riga.

Woher mein Interesse für das Baltikum kommt, kann ich im

Nachhinein eigentlich gar nicht mehr sagen. Vielleicht war es die

Tatsache, dass jeder, der einmal dort war, in den höchsten Tönen

davon schwärmt. Vielleicht lag es auch einfach daran, dass die

drei Staaten Estland, Lettland und Litauen doch noch recht unbekannt

sind und es mich dadurch umso mehr reizte, zumindest

einen von ihnen etwas besser kennenzulernen.

Als ich mit dem Gedanken spielte, noch ein Auslandspraktikum

zu machen, kamen mir daher schnell die drei baltischen

Staaten in den Sinn. Da ich wusste, dass die Auslandshandelskammern

auch bei der Praktikumssuche behilfl ich sein können,

wollte ich mich auf der Homepage der DBHK darüber informieren.

Als ich die Ausschreibung las, dass auch in den drei Büros

der DBHK laufend Praktikanten gesucht würden und die Stellenbeschreibung

ganz interessant klang, habe ich mich kurz entschlossen

beworben und auch bald eine Zusage für den gewünschten

Zeitraum bekommen. Alles lief unkompliziert per

95


JULIA ZISGEN

Mail, der Vertrag kam per Post. Die Vorlaufzeit betrug einige Monate

– ein halbes Jahr sollte man schon einplanen, weil die Kammer

meistens recht viele Bewerbungen bekommt. Wobei natürlich

die Sommermonate beliebter sind – im Winter trauen sich

scheinbar weniger Leute in den hohen, kalten Norden. Die Kammer

half mir auch bei der Wohnungssuche und vermittelte mir

den Kontakt zu einem Deutschen, der in Riga lebt und Wohnungen/WG-Zimmer

an Praktikanten und Studierende vermietet.

Über ihn habe ich ein Zimmer in einer zentral gelegenen WG

gefunden, die ich mir mit zwei anderen Deutschen geteilt habe.

Das war eine sehr gute, unkomplizierte und recht günstige Lösung.

Ich konnte so zu Fuß zur Arbeit gehen (auch wenn man

sich manchmal einen Weg über Schneehaufen und eisglatte Flächen

bahnen musste). Die Altstadt sowie zahlreiche Einkaufsmöglichkeiten

waren ebenfalls nicht weit entfernt.

Die DBHK ist als einzige der deutschen Auslandshandelskammern

über drei Staaten hinweg organisiert: In jeder der drei baltischen

Hauptstädte hat die DBHK ein Büro, es gibt aber einen

gemeinsamen Vorstand. Die Handelskammer will Wirtschaftskontakte

zwischen Firmen aus Deutschland und dem Baltikum

fördern und Unternehmen bei allen Belangen unterstützen. Es

werden verschiedene Dienstleistungen angeboten, wie beispielsweise

Marktanalysen, Hilfe bei der Personalsuche oder Unterstützung

in steuerrechtlichen Fragen. Viele Veranstaltungen dienen

darüber hinaus dem Knüpfen und Pfl egen von Kontakten

zwischen Unternehmern aus den vier Ländern. Im Büro Riga

arbeiteten mit mir zur gleichen Zeit zunächst sieben, später

96


LETTLAND

neun Mitarbeiter. Arbeitssprache ist Deutsch, obwohl vorwiegend

Letten dort arbeiten. In den ersten zwei Monaten war ich

die einzige Praktikantin, später kam ein weiterer Praktikant aus

Deutschland dazu.

Lettische Sprachkenntnisse sind keine Voraussetzung (meine

Kenntnisse beschränkten sich auf Alltagsfl oskeln), können aber

von Vorteil sein, weil man dadurch noch umfassender einsetzbar

ist und sicherlich auch noch einen tieferen Einblick in die Arbeit

der Kammer erhalten kann. Die Arbeitsatmosphäre habe ich als

offen, freundlich und kollegial erlebt. Alle waren bemüht, mich

als Praktikantin in alle Prozesse einzubinden und ich hatte immer

das Gefühl, willkommen zu sein. Das machte das Arbeiten

von Anfang an sehr angenehm.

Ich habe in der Regel von 9 bis 17 Uhr gearbeitet, bei Abendveranstaltungen

entsprechend länger. Eine meiner Hauptaufga-

97


JULIA ZISGEN

ben bestand darin, einen Pressespiegel für ein deutsches Großunternehmen

zu erstellen. Ich fasste Artikel zum litauischen

Energiemarkt zusammen und stellte diese thematisch sortiert in

einem Dokument zusammen. In diesem Bereich war zu Jahresbeginn

sehr viel Dynamik, da nach der Abschaltung des litauischen

Kernkraftwerks Ignalina viel über die Sicherheit der Energieversorgung

in der Region diskutiert wurde. Es war daher für mich

sehr spannend, mich einmal intensiv mit diesem Thema zu befassen.

In der zweiten Hälfte meiner Zeit bei der DBHK war ich auch

mit der Auswertung der Konjunkturumfrage 2010 befasst. Diese

Umfrage wird jährlich von allen Auslandshandelskammern in

Mittelosteuropa durchgeführt; befragt werden die Mitgliedsun-

98


LETTLAND

ternehmen darüber, wie sie ihre wirtschaftliche Lage einschätzen,

welche Zukunftsperspektiven sie sehen und wie sie mit den Rahmenbedingungen

für die Wirtschaft in ihrem Land zufrieden

sind. Gerade aufgrund der Wirtschaftskrise war das Ergebnis dieser

Umfrage besonders interessant. Darüber hinaus unterstützte

ich meine Kolleginnen bei Marktanalysen für verschiedene Kunden

sowie bei der Beantwortung von Kundenanfragen. Es fanden

natürlich auch einige interessante Veranstaltungen statt, an denen

ich häufi g teilnehmen durfte. Teilweise hatte ich hier auch

kleinere Aufgaben wie beispielsweise Protokoll zu führen oder

Fotos zu machen. Übersetzungen, Korrekturaufgaben sowie die

Datenbankpfl ege und verschiedene Tätigkeiten im Rahmen der

„AHKbalt aktuell“, der Mitgliederzeitschrift der DBHK, gehörten

außerdem zu meinen Aufgaben. Alles in allem konnte ich also

einen guten und umfassenden Einblick in die Aufgabenbereiche

und die Arbeitsweise der Handelskammer bekommen. Ich empfand

die Arbeit als interessant und abwechslungsreich.

Ein schöner Brauch war das gemeinsame Feiern von Namens-

und Geburtstagen. Der Kollege, der etwas zu feiern hatte, brachte

in der Regel Kuchen mit ins Büro und bekam im Gegenzug Blumen

oder Pralinen geschenkt. Auch mein Namenstag fi el in meine

Praktikumszeit, so dass sich auf dem Schreibtisch ein Blumenmeer

ausbreitete, was mich im grauen Februar umso mehr

erfreute!

Aber natürlich habe ich nicht nur gearbeitet – in der Freizeit

habe ich versucht, möglichst viel von Riga und dem Umland zu

entdecken. Angesichts der Tatsache, dass ich mir gerade den

99


JULIA ZISGEN

kältesten Winter seit mindestens 15 Jahren ausgesucht hatte – es

lag so viel Schnee wie seit 1909 nicht mehr – waren Aktivitäten

im Freien zeitweise nur sehr eingeschränkt möglich. Es war auf

jeden Fall ein Abenteuer für sich, bei unter -20 °C und riesigen

Schneeaufschüttungen am Straßenrand (sofern der Schnee überhaupt

geräumt wurde, was nicht immer der Fall war) vor die Tür

zu treten und zu spüren wie sofort das Innere der Nase, dann die

Augenwinkel und schließlich die Wimpern einfrieren!

Zusammen mit meinen beiden Mitbewohnerinnen habe ich

trotzdem versucht, möglichst viel zu unternehmen – auch wenn

das an den kältesten Tagen darauf hinauslief, sich nach einer

halben Stunde im Freien ins nächste Café zu fl üchten, um die

taub gefrorenen Glieder wieder aufzutauen...

Neben der Altstadt und den bekannten Straßenzügen im Jugendstil

gehört auf jeden Fall auch der Strand in Ju – rmala zum

Pfl ichtprogramm. Diesen kann man schnell mit dem Zug erreichen.

Auch lohnt sich ein Ausfl ug nach Sigulda, wo man vor allem

in der wärmeren Jahreszeit bestimmt sehr schön wandern

kann. Außerdem sollte man es auf keinen Fall versäumen, in die

anderen beiden baltischen Hauptstädte Tallinn und Vilnius zu

fahren – 25 Euro für Hin- und Rückfahrt mit dem Bus sind unschlagbar

günstig. Die Städte haben – gerade weil jede von ihnen

so anders ist als Riga – ihren eigenen Reiz. Vilnius wirkt mit

seinen vielen Kirchen schon fast mediterran, in Tallinn hat mir

besonders die sehr schön restaurierte Altstadt gefallen.

Und wenn man dann sein Praktikum beendet hat, das letzte Mal

in seinem Lieblingscafé gewesen ist und wieder daheim seine

100


LETTLAND

Koffer ausgepackt hat, kann man auch so allmählich aus den

drei Monaten im Ausland ein Fazit ziehen. Wie fi el dieses bei

mir aus?

Zunächst einmal war es eine tolle Erfahrung. Dies rührt vor

allem daher, dass man bei einem Praktikum im Ausland neben

der Praxiserfahrung und einem Einblick in das Berufsleben immer

auch einiges mehr mitnimmt. Es ist zum einen die ganz

banale Erkenntnis, dass man ein Land einfach besser kennenlernt,

wenn man dort gelebt hat, auch wenn es nur für ein paar

Monate war. Zum anderen aber merkt man – das gilt wohl für

jeden Auslandsaufenthalt – dass man offener wird für neue Erfahrungen.

Mit der Zeit nimmt man zusätzlich zu den Unterschieden

auch die Ähnlichkeiten zu „seinem“ Land wahr. Und

meistens ist man dann überrascht, wie wenig sich beide Länder

in mancher Hinsicht eigentlich unterscheiden.

101


JULIA ZISGEN

Was mich betrifft, die ich weder wirklich Lettisch noch Russisch

spreche: Ich war des Öfteren erstaunt darüber, dass man

sich doch immer irgendwie verständigen kann, selbst wenn man

mit dem Gegenüber keine gemeinsame Sprache teilt! Mit den

sprichwörtlichen Händen und Füßen geht mehr als man

denkt...

Die Sowjetzeit – oder die Zeit der Okkupation durch die Sowjetunion,

wie es die Letten nennen – ist nicht nur in den Plattenbauten

am Stadtrand noch präsent. Feier- und Gedenktage wie

der Frauentag oder das Ende des Zweiten Weltkriegs beispielsweise

werden, je nachdem ob jemand Lette ist oder der russischsprachigen

Bevölkerung angehört, ganz unterschiedlich wahrgenommen.

Für Letten bedeutet das Ende des Zweiten Weltkriegs

102


LETTLAND

lediglich den Beginn der sowjetischen Besetzung und wird daher

auch nicht gefeiert. Die Russen wiederum verbinden mit diesem

Datum vor allem den Sieg über Nazideutschland. Unvergessen

auch der Lette, der meine Mitbewohnerin und mich in einem

Club ansprach, als er gehört hatte, dass wir Deutsch sprachen. Er

wollte gerne wissen, ob wir denn seiner These zustimmten, dass

Stalin doch genauso schlimm gewesen sei wie Hitler, denn meistens

würde man ja Hitler als schlimmer erachten und dem stimme

er ja überhaupt nicht zu... Damit kein falscher Eindruck entsteht:

Die Letten leben nicht ausschließlich in der Vergangenheit,

doch kann man an kleinen Ereignissen oder Äußerungen erkennen,

dass seit der „Singenden Revolution“ eben erst 20 Jahre vergangen

sind – entsprechend frisch sind die Erinnerungen.

Die Zeit ist – wie das meistens so ist – wie im Flug vergangen.

Drei Monate sind auf jeden Fall die Mindestzeit, die man für ein

solches Praktikum, noch dazu im Ausland, einplanen sollte. Diese

Zeit reicht sicherlich nicht aus, um ein Land und seine Bevölkerung

wirklich umfassend kennenzulernen, sondern nur, um

einen ersten Eindruck zu bekommen. Insofern ist mir hier nur

eine sehr kurze und vielleicht verkürzte Darstellung möglich.

Aber alles in allem war dieser erste Eindruck genug, dass ich mit

Sicherheit sagen kann: Ich komme wieder! Und sei es auch nur

für einen Kurzurlaub.

Das Fazit des Fazits also? Ich würde jedem empfehlen, auch einmal

den vermeintlich „wilden Osten“ für einen längeren Aufenthalt

in Betracht zu ziehen. Es lohnt sich!

103


CHRISTINE WEIßENBORN

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Heja Norge!!

Sechs Monate in Norwegen

NORWEGEN

Das siebte Semester im Studiengang Pharma-Biotechnologie

(Dipl.-Ing.) der Fachhochschule Jena beinhaltete ein Praxissemester.

Dieses verbrachte ich vom 11. August 2008 bis 6. Februar

2009 am Biotechnology Centre of Oslo (BiO) in Norwegen in der

Arbeitsgruppe von Prof. Kjetil Taskén.

Ungefähr ein Jahr zuvor begann ich mit der Vorbereitung für

meinen ersten richtigen Auslandsaufenthalt. Als Erstes informierte

ich mich im Internet über mögliche Unternehmen und

Forschungseinrichtungen in Skandinavien im Bereich Biotechnologie.

Dass ich mein Auslandssemester im Norden Europas

verbringen wollte, war für mich schnell klar, denn mich haben

die Länder Schweden, Finnland und Norwegen schon länger interessiert.

Bei der Suche nach möglichen Gastfi rmen entpuppte sich das

BiO in Oslo schnell als mein Favorit und ich bewarb mich bei

Prof. Taskén, dem Chef, für ein Praxissemester. Nach einer kurzen

und unkomplizierten Absprache mit dem voraussichtlichen

Praktikumsbetreuer bekam ich eine schriftliche Zusage über ein

sechs-monatiges Praktikum im BiO. Im Nachhinein stellte sich

jedoch heraus, dass ich sehr viel Glück hatte, da normalerweise

105


CHRISTINE WEIßENBORN

nur graduierte Studierende für ein Praktikum in dieser Arbeitsgruppe

angenommen werden.

Zur Vorbereitung auf die Zeit in Norwegen besuchte ich einen

Norwegisch-Sprachkurs an der Universität in Jena. Diese

Vorkenntnisse halfen mir im täglichen Leben: Ich konnte in den

Geschäften einkaufen und mich mit Norwegern austauschen.

Bei der Arbeit konnte ich meine Norwegisch-Kenntnisse jedoch

nicht viel weiter ausbauen, da aufgrund der Internationalität

meines Gastunternehmens alles Fachliche auf Englisch kommuniziert

wurde. Auch die norwegischen Kollegen sprachen fast

alle sehr gut Englisch. Somit verbesserten sich stattdessen meine

Englisch-Sprachkenntnisse sehr, was für mich eines der wichtigsten

Ziele des Auslandsaufenthalts gewesen war.

Die Wohnungssuche in Oslo gestaltete sich schwierig. Aufgrund

der hohen Studierendenzahlen herrschte akute Wohnungs-

bzw. Zimmerknappheit. Erschwerend kam hinzu, dass

ich an keiner Universität in Oslo eingeschrieben war und dadurch

in den öffentlichen Studentenwohnheimen kein Recht

auf ein Zimmer hatte. Letztendlich hat mir die Sekretärin von

Prof. Taskén ein komplett möbliertes Zimmer mit Dusche/WC in

einem privaten Studentenwohnheim mitten im Stadtzentrum

organisiert (Anker Studentbolig). Der Nachteil hierbei war allerdings

der immens hohe Preis von umgerechnet ca. 550 Euro im

Monat.

Leider bekam ich vom Institut keine Bezahlung oder eine andere

Art der Vergütung und musste den Aufenthalt in Norwegen

selbst fi nanzieren. Die Unterstützung durch das ERASMUS-Stipendium

hat mir sehr geholfen, da Norwegen – was die Kosten

106


NORWEGEN

für den Lebensunterhalt betrifft – eher zu den „teureren Ländern“

gehört.

Bei meinem Praktikum im BiO habe ich viel Neues gelernt. Zum

ersten Mal konnte ich selbstständig an einem Projekt arbeiten.

Dieses umfasste die Klonierung von sechs verschiedenen DNA-

Konstrukten und deren Einbau und Nachweis in humane Zelllinien.

Mein Betreuer war für Fragen und als Ansprechpartner jederzeit

bereit, mir zu helfen und mich zu unterstützen. Bevor ich

eine neue Arbeitstechnik anwenden musste, gab er mir stets hilfreiche

Hinweise und Tipps. War er gerade einmal nicht zur Stelle,

war immer jemand anderes da, der einem weiterhelfen konnte.

Die Arbeitsatmosphäre im Institut war sehr angenehm und locker.

Besonders das junge und internationale Team aus Doktoranden

und Postdocs hat mir sehr gefallen. Die Arbeitszeit war fl exibel

und richtete sich ganz nach dem jeweiligen Experiment, das

107


NORWEGEN

gerade durchgeführt wurde. So konnte es sein, dass ich an manchen

Tagen nur ein paar Stunden im Institut war, an anderen

hingegen mehr als zehn Stunden. Hin und wieder kam es vor,

dass man auch samstags oder sonntags ins Institut gehen und ein

bisschen im Labor arbeiten musste. Mehrmals wöchentlich fanden

Seminare und Gruppen-Meetings statt. In den Seminaren,

die in Form von Vorträgen mit anschließender Diskussion gehalten

wurden, bekam man Einblicke in die Projekte der anderen

BiO-Angestellten. In den kleinen Gruppen-Meetings wurden die

aktuellen Arbeitsschritte und Ergebnisse der Arbeitsgruppenteilnehmer

diskutiert. Anfangs war es für mich schwierig, mich dort

richtig auszudrücken, da ich ziemlich aufgeregt war.

Besondere Höhepunkte, die mir noch lange in Erinnerung

bleiben werden, waren zum einen eine mehrtägige internationale

Konferenz zum Thema „Cell-signalling“ und zum anderen der

„Biotek-Retreat“, ein zweitägiger Ausfl ug mit Kurzvorträgen, in

denen alle BiO-Angestellten ihr Projekt vorstellten. Die internationale

Konferenz wird in regelmäßigen Abständen von führenden

Laboren auf diesem Gebiet ausgerichtet. In diesem Jahr war

das Institut von Prof. Taskén der Gastgeber. In einem noblen

Hotel in den Bergen oberhalb von Oslo wurden drei Tage lang

Vorträge gehalten und Poster präsentiert. Für mich war dieser

„Wissensmarathon“ sehr beeindruckend.

Der Biotek-Retreat dagegen war eher eine familiäre Veranstaltung.

Auf einer Insel im Oslofjord hatte sich das ganze Institut

(rund 70 Kollegen) versammelt und jeder stellte dort seine Arbeit

vor. Vor meinem Vortrag war ich sehr nervös und dann

wahnsinnig erleichtert, als alles gut verlaufen ist.

109


CHRISTINE WEIßENBORN

Die freie Zeit, die ich an den Feierabenden und an den Wochenenden

hatte, nutzte ich, um mir die Stadt Oslo und die nähere

Umgebung anzuschauen oder mich mit Kollegen zu treffen. So

machten wir zum Beispiel eine Radtour zum Holmenkollen,

dem Wintersportzentrum oberhalb Oslos mit großer Olympiaschanze,

waren Langlaufski fahren und einen Tag im Skigebiet

Norefjell. Außerdem verbrachte ich viel Zeit am Computer, um

über Skype nach Hause zu telefonieren. Denn anfangs war es

nicht so einfach, mit den Norwegern außerhalb der Arbeit in

Kontakt zu kommen. Viele Kollegen hatten bereits eigene kleine

Familien und feste Freundeskreise.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass die Zeit in Oslo wie im

Fluge vergangen ist und dass ich sehr viele schöne Eindrücke

und Erfahrungen von dort mit nach Deutschland zurückgenommen

habe. Die Zeit, in der ich komplett auf mich allein gestellt

110


NORWEGEN

war, hat mich selbstbewusster und ausgeglichener gemacht. Sie

hat mir auch gezeigt, wie wichtig mir meine Familie ist. Ich habe

durch den Auslandsaufenthalt außerdem festgestellt, dass ich in

Deutschland glücklich bin und auch hier bleiben möchte. Ich

hatte vorher immer das Gefühl, etwas zu verpassen. Dank der

Zeit im Ausland ist das nun vorbei. Jetzt weiß ich, was ich hier

habe und was mir im Leben wichtig ist und ich hoffe, dass sich

mein privates Glück mit meinen berufl ichen Zielen verbinden

lässt. Die Arbeitstechniken, die ich in Oslo angewendet habe, wie

beispielsweise die Klonierung und Isolierung von DNA, den Einbau

der DNA in humane Zellen und der Nachweis der rekombinanten

Proteine aus den Zellen, waren sehr nützlich für meine

Diplomarbeit. Ich denke, dass die Erfahrungen, die ich während

meines Praktikumsaufenthalts gesammelt hatte, mit dazu beigetragen

haben, dass ich im Anschluss an mein Studium trotz FH-

Abschluss eine Promotionsstelle bekommen habe. Und auch

jetzt, nachdem ich angefangen habe, an meiner Promotion zu

arbeiten, denke ich noch gerne an die Zeit in Norwegen zurück.

Ganz besonders hilfreich sind mir dabei immer noch die dort

erworbenen Englischkenntnisse. Denn in der Forschung ist Englisch

die Sprache Nr.1 – man braucht sie überall: beim Lesen und

Schreiben wissenschaftlicher Publikationen, aber auch in der

Kommunikation mit Wissenschaftlern anderer Nationen. Ich

denke, dass der sichere Umgang mit der englischen Sprache und

das neu entdeckte Selbstbewusstsein der besondere Mehrwert

meines Auslandsaufenthalts sind. Ich bedanke mich ganz herzlich

beim ERASMUS-Programm für die fi nanzielle Unterstützung

während der Zeit in Oslo.

111


MARIA HÖGER

112


Im Osten was Neues

POLEN

Zu meinem Praktikum in der Kulturstiftung „Villa Decius“ in

Krakau kam ich relativ unverhofft. Ich wusste anfangs nur, dass

ich ins Ausland wollte, dass es ein Praktikum im kulturell-organisatorischen

Bereich und, wenn möglich, englischsprachig sein

sollte. Nachdem ich mehrere Bewerbungen an unterschiedliche

Einrichtungen in verschiedenen Ländern versandt hatte, bin ich

zufällig an meiner Universität auf den Aushang der Villa Decius

gestoßen. Da die Beschreibung ansprechend klang, habe ich daraufhin

einen Erfahrungsbericht über den Arbeitgeber im Internet

gelesen und mich bei Herrn Hoch von „Student und Arbeitsmarkt“,

dem Career Service der Ludwig-Maximilians-Universität

München, informiert. Dieser ermutigte mich, eine Bewerbung

dorthin zu senden. Da wurde mir klar, dass ich mich bisher nie

über solche Angebote in Osteuropa informiert hatte, wofür es eigentlich

keinen Grund gab. Ich musste auch zugeben, dass ich

fast nichts über Polen wusste, geschweige denn über seine Geschichte

und Kultur, obwohl Polen und Deutschland direkte

Nachbarn sind. So entwickelte sich letztendlich mein Interesse

für das (kulturelle) Leben in Osteuropa. Ich schrieb mich für einen

Polnisch-Sprachkurs ein, auch wenn für das Praktikum in

der Villa Decius nur englische Sprachkenntnisse gefordert wur-

113


MARIA HÖGER

den. Dies machte ich unter anderem auch auf Anraten von Herrn

Hoch. In einer Stadt wie Krakau kommt man zwar mit Englisch,

etwas Polnisch und mit Hilfe von Händen und Füßen sehr gut

zurecht. Letztlich kann ich den Besuch eines Polnisch-Sprachkurses

jedoch nur jedem ans Herz legen, der mit dem Gedanken

spielt, ein Praktikum in Polen zu machen. Ohne grundlegende

Sprachkenntnisse wäre vor Ort vieles wesentlich schwieriger gewesen.

Mein Ziel war es, mich anfangs halbwegs auf Polnisch

verständigen zu können. Doch am Ende stellte sich heraus, dass

sich mein Englisch wesentlich (in Schrift und Sprache) und mein

Polnisch nur geringfügig verbessert hatten.

Nachdem ich die Zusage erhalten hatte, war der nächste

Schritt die Wohnungssuche. Ich begann im Internet zu suchen

und machte dabei bereits meine erste nette Bekanntschaft mit

einer jungen Polin, deren WG-Zimmer zwar leider schon vergeben

war, die mir aber sehr hilfreiche Tipps zur Wohnungssuche

in Krakau geben konnte. Wer auf eigene Faust ein Zimmer in

einer WG fi nden möchte, sollte es mit dem Portal www.gumtree.pl

versuchen. Ich beschloss, drei Wochen vor Beginn meines Praktikums

anzureisen, buchte ein Hostel und begann die Wohnungssuche

in Krakau direkt vor Ort. Nach vielen E-Mails und

Telefonaten fand ich schließlich ein Zimmer und konnte innerhalb

von wenigen Tagen einziehen. Es handelte sich um eine

2-er WG, die nah am Zentrum der Altstadt gelegen war und die

ich zusammen mit einem polnischen Mädchen bewohnte. Wenn

man also ein wenig fl exibel ist, kann man auch ohne große Probleme

ein WG-Zimmer in Krakau fi nden.

114


Die

Villa Decius

POLEN

Man kann darüber hinaus

eine Menge Geld sparen,

wenn man sich gleich zu

Anfang eine polnische SIM-

Karte zulegt, die man bereits für 10 Zloty 1 in den meisten Supermärkten

oder Kioskbuden erhält. Falls man den Weg zur Arbeit

mit Bus und Bahn zurücklegen muss, ist es aus Kostengründen

auch sinnvoll, sich gleich eine Wochenkarte zu kaufen. Generell

sind die Wege im Krakauer Zentrum aber so kurz, dass es sich

meist kaum lohnt, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen.

Oft ist man zu Fuß oder mit dem Fahrrad schneller. Lebensmitteleinkäufe

machte ich nach wenigen Wochen nur noch auf den

Wochenmärkten von Nowy und Stary Kleparz: Frischeres und

besseres Gemüse, Obst und Brot bekommt man wirklich nirgendwo

anders. Außerdem sind die Preise auch noch wesentlich

billiger als in den Supermärkten und man kommt mit minimalen

Polnisch-Kenntnissen aus.

Von meinem Praktikum in der Villa Decius erwartete ich ziemlich

viel und fast alle meine Erwartungen sind letztendlich auch

erfüllt worden. Ich wollte die organisatorische Arbeit in einer

kulturellen Einrichtung erleben und sehen, was alles in der Praxis

damit zusammenhängt. Meine beiden Mentorinnen waren

Renata und Gosia. Sie waren hauptsächlich zuständig für die Herausgabe

des dreisprachigen Literaturmagazins RADAR in Polnisch,

Ukrainisch und Deutsch sowie für das Stipendienpro-

1 10 Polnische Zloty = ca. 2,50 Euro

115


MARIA HÖGER

gramm DAGNY für junge Autoren und Übersetzer aus Polen,

der Ukraine, Norwegen und Deutschland. Dank Renata und Gosia

habe ich einen sehr guten Einblick in die Abwicklung und

Organisation dieser Projekte erhalten. Die Verständigung mit

den beiden verlief auf Deutsch, was beide hervorragend sprechen.

Einerseits machte dies viele Dinge einfacher, andererseits

hätte es mir sprachlich noch mehr gebracht, wenn die Kommunikation

mit den beiden auch auf Englisch verlaufen wäre. Aber

dafür konnte ich mit allen anderen Kollegen auf Englisch kommunizieren.

Gleich zu Anfang meines Praktikums im April 2010 wurde

ich in die Vorauswahl für das Stipendienprogramm DAGNY miteinbezogen.

Es gab eine große Anzahl an internationalen Bewerbungen

und es war das erste Mal, dass ich einen solchen organisatorischen

Aufwand im Büroalltag miterleben konnte. Die

Bewerbungen wurden nach Ländern geordnet und schließlich

eine erste, grobe Auswahl getroffen. Anschließend war ich dafür

zuständig, sogenannte Biogramme der deutschen Einsendungen

zu verfassen und diese dann ins Englische zu übersetzen. Während

dieser Auswahlphase gingen auch ständig verschiedenste

Anfragen der Bewerber bezüglich des Ablaufs ein, die es galt,

entweder auf Deutsch oder Englisch per Email oder Telefon zu

beantworten. Hierfür formulierte ich zum Beispiel Zusagen und

Absagen auf Englisch oder übersetzte verschiedene Informationsblätter

für die ausgewählten Stipendiaten ins Englische, was

mir sehr bei der Verbesserung meines formell-schriftlichen Englisch

half. Im Mai durfte ich dann bei der Begrüßung und organisatorischen

Einführung der DAGNY-Stipendiaten dabei sein.

116


Marienkirche in Krakau

POLEN

117


MARIA HÖGER

Auch hier kamen wiederum viele weitere organisatorische Aufgaben

auf uns zu, wie zum Beispiel das Erfassen aller nötigen

Daten zur Auszahlung eines Stipendiums. Der sehr nahe Kontakt

zu den Künstlern, die fortan auch privat zu meinen Kontaktpersonen

in Krakau zählten, sowie die gute Zusammenarbeit

mit den Kollegen gehörten zu den besten Erfahrungen, die ich in

der Villa Decius machen durfte.

Parallel dazu wurde ich außerdem in die Arbeiten rund um

das Literaturmagazin RADAR eingeführt, das in einer gedruckten

Version erscheint, aber auch als Online-Version mit wechselnden

Texten im Netz existiert. Ich war darüber hinaus an der

ständigen Aktualisierung der Website beteiligt: Ich recherchierte

aktuelle Ereignisse in der Literaturwelt, verfasste kurze Texte für

die Kategorie „News“ und lernte, mit einem Content Management

System (CMS) umzugehen, um meine Texte (oder auch

Bilder) umgehend auf die Webseite hochladen zu können. Des

Weiteren galt es, das Magazin per Post an verschiedene Institutionen

in Polen, in der Ukraine und in Deutschland sowie an alle

beteiligten Autoren und Übersetzer zu versenden.

Im Rahmen dieser beiden Projekte erhielt ich einen umfassenden

Einblick in die Antragstellung für kulturelle Fördermittel

und eine Ahnung davon, was solche Anträge alles umfassen.

Ich lernte, tabellarische Zeitpläne für ein Projekt aufzustellen,

Projektbeschreibungen zu verfassen und sah wie ein Kostenvoranschlag

für ein kulturelles Projekt erstellt wird.

Ein weiterer sehr interessanter Teil meines Praktikums war die

Mitarbeit und Teilnahme an verschiedenen Veranstaltungen im

Rahmen der literarischen Projekte. Darüber hinaus half ich auch

118


POLEN

bei Projekten von Kollegen aus anderen Bereichen mit. Diese waren

immer äußerst zuvorkommend. Besonders in Erinnerung

bleibt mir das künstlerische/musikalische Festival, das im Rahmen

des Chopin-Jahres in der Villa Decius stattfand. Hierbei arbeitete

ich bei der Vorbereitung und Umsetzung einer kleinen

Bastelwerkstatt für Kinder mit. Dies war eine meiner besten Erfahrungen

während des Praktikums, denn es war sehr interessant

zu sehen, dass es möglich ist, mit Kindern zu kommunizieren

ohne eine gemeinsame Sprache zu haben.

Ich war sehr froh über die Möglichkeit, bereits nach kurzer

Zeit Verantwortung übernehmen zu dürfen. Auch wurde ich als

Praktikantin ernst genommen und konnte eigene Ideen und

Konzepte einbringen, die dann auch berücksichtigt wurden. Ich

denke, dass mir die Erfahrungen in der Villa Decius für mein

zukünftiges Arbeitsleben viel Nützliches gebracht haben. Ich

konnte mein Wissen über Literatur und den Literaturbetrieb allgemein

erweitern und meine Englischkenntnisse verbessern.

Ebenso hatte ich die Möglichkeit, mich mit osteuropäischer

Kunst vertraut zu machen, von der ich zuvor nicht viel wusste.

Ich könnte mir gut vorstellen, später in dieser Richtung tätig zu

werden, vielleicht im Zusammenhang mit Museumspädagogik.

Die Villa Decius nimmt auch weiterhin Praktikanten aus dem

Ausland auf. Ich kann es vor allem Kunst- und Kulturbegeisterten

nur empfehlen, da die Arbeitsatmosphäre in der wunderschönen

Renaissance-Villa eine ganz besondere ist und alle Kollegen

stets sehr nett und hilfsbereit waren.

Anfangs erwies es sich als relativ schwierig, außerhalb der

Arbeit mit anderen Krakauern in Kontakt zu kommen. Ich kann-

119


MARIA HÖGER

te nur meine Mitbewohnerin, die sehr viel arbeiten musste, sowie

das Mädchen, das ich bei der Wohnungssuche kennengelernt

hatte. Doch ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sich

davon nicht unterkriegen lassen darf, da man vor allem in einer

Stadt wie Krakau, in der das ganze Jahr über extrem viele Ausländer

und Touristen unterwegs sind, mehr als einfach neue

Leute kennenlernen kann.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass dieser Aufenthalt eine

absolut empfehlenswerte Erfahrung gewesen ist. Krakau ist eine

wunderschöne und ganz besondere Stadt. Sie eignet sich auch

120


POLEN

ideal als Ausgangspunkt, um andere Teile Polens z. B. via Zug zu

erkunden. Ich habe hier nicht nur viele nette Menschen kennengelernt

– besonders inspirierend war das Zusammentreffen und

der Austausch mit Künstlern aus verschiedenen Ländern –, sondern

auch das Land Polen mit seiner eigenen Kultur und Lebensart,

die es sich absolut lohnt, zu entdecken und dabei sämtliche

veraltete Klischees abzuschütteln. Ich merke, dass viele meiner

Kommilitonen trotz interkultureller Offenheit mit Vorurteilen

belastet sind, die ich während meines Praktikums ablegen konnte.

Auch sieht man viele Dinge lockerer und entspannter, wenn

man erfahren hat, wie in einem anderen Land damit umgegangen

wird, vor allem im Bezug auf die deutsche Bürokratie. Die

Erfahrung, von einem Tag auf den anderen in einem völlig fremden

Land zu sein und sich langsam mit Menschen und Sitten

vertraut zu machen, hat sehr zur Erweiterung meines Horizonts

beigetragen. Hierbei sind mir im Endeffekt vor allem die Ähnlichkeiten

bewusst geworden. Die Herausforderung, innerhalb

relativ kurzer Zeit eine Art neues Leben und Normalität in einer

fremden Umgebung aufzubauen, hat mich mit Sicherheit persönlich

reifen lassen.

121


STEFANIE SCHMITZ

122


RUMÄNIEN

„Sorg auf dich“ – Neun Monate

im siebenbürgischen Kronstadt

Nach meinem Grundstudium im Diplomstudiengang Volkswirtschaftslehre

mit Schwerpunkt Quantitative Wirtschaftsforschung

bewunderte ich immer wieder den Mut meiner Kommilitonen,

die ein Auslandssemester oder -praktikum absolvierten. Einige

gingen nach Barcelona, Helsinki oder Vancouver und kamen mit

einer Menge an Erzählungen über andere Kulturen wieder. Ich

blieb und stürzte mich ins Hauptstudium. Während dieser Zeit

wurde mein Wunsch immer stärker, doch den Schritt ins Ausland

zu wagen – ich wollte dabei keine Vorlesungen besuchen,

sondern Praxiserfahrung sammeln. Daher kam für mich nur ein

Auslandspraktikum im Rahmen meines Studiums in Frage.

Durch Zufall bin ich auf ein Auslandspraktikum im Bereich

Kulturmanagement in Rumänien gestoßen, genauer gesagt in

BraȘov/Kronstadt. Das Demokratische Forum der Deutschen im

Kreis Kronstadt (DFDKK) suchte einen Praktikanten. Diese Institution

vertritt die Interessen der rumänischen Staatsbürger

deutscher Volkszugehörigkeit (Siebenbürger Sachsen 1 ) auf poli-

1 Die Siebenbürger Sachsen sind die deutschsprachige Minderheit aus Siebenbürgen (im

heutigen Rumänien). In Siebenbürgen leben heute ca. 16.000 Siebenbürger Sachsen

(Quelle: www.siebenbuerger.de).

123


STEFANIE SCHMITZ

tischer, sozialer und kultureller Ebene. Das Aufgabengebiet umfasste

die selbstständige Konzeption und Durchführung verschiedener

Kulturprojekte, das Einwerben fi nanzieller Mittel auf

nationaler und internationaler Ebene sowie die Unterstützung

der Geschäftsführung und des Vorstandes in administrativen

Angelegenheiten.

Die Stellenbeschreibung interessierte mich sofort, aber ich

dachte: „Muss es denn unbedingt Rumänien sein?“ – und ließ

erst einmal wieder von dem Gedanken ab. Doch die Idee brannte

sich in mein Gehirn und ließ mich nicht mehr los. Eine Woche

lang überlegte ich – gefühlt war es ein halbes Jahr – und

informierte mich über das Land. In Bibliotheken suchte ich

nach Reiseführern und Länderinformationen, natürlich auch

im Internet. Erst fand ich vieles über Dracula und diverse Horrorgeschichten

über das Land. Danach einige Fakten 2 sowie Geschichtliches

über die Siebenbürger Sachsen und andere Minderheiten

im rumänischen Staat. Ich schrieb meine Bewerbung

um den Praktikumsplatz vorerst aber immer mit dem Gedanken,

sie nicht abzusenden. Ich ging ins International Center

meiner Universität und fragte einfach mal nach, ob ein unbezahltes

Auslandspraktikum theoretisch auch gefördert werden

könne. Ich warf hier und da einmal einen Blick auf den Wohnungsmarkt

in Kronstadt, zudem habe ich mir Videos über die

Stadt und das Land angeschaut. Meine Bewerbungsunterlagen

habe ich um Mitternacht vor Einsendeschluss per E-Mail ver-

2 Eine wirklich gut strukturierte Internetseite für Länderinformationen bietet das Auswärtige

Amt (www.auswaertiges-amt.de).

124


RUMÄNIEN

schickt, immer in dem Glauben, dass ich voraussichtlich nicht

genommen würde. Dann bekam ich einen Termin für ein Telefoninterview.

Dies verlief recht positiv. Zwei Tage später erhielt

ich dann die Zusage und ein gigantisches Kribbeln im Bauch

machte sich breit. Meine eigene Nervosität ließ ich mir nie anmerken,

denn die Reaktionen aus meinem Freundeskreis auf

meinen Entschluss, nach Rumänien zu gehen, waren negativ

oder extrem negativ geprägt bis hin zum Verweis auf Unzurechnungsfähigkeit.

Nach meiner Wohnungsaufgabe in Kiel, Reisevorbereitungen

wie Auslandskrankenversicherung, Impfungen (manche davon

total überfl üssig) und diversen gut gemeinten Ratschlägen saß

ich auch schon Mitte Januar 2010 im Bus nach Kronstadt. Bei

den Fluggesellschaften hätte es Probleme bei der Gepäckmitnahme

gegeben und somit hatte ich mich für die 40-stündige Busfahrt

entschieden. Zwei große Reisetaschen hatte ich dabei und

einen Rucksack mit meinem Laptop und meiner DSLR-Kamera.

Die erste Raststelle in Rumänien war in Arad, direkt hinter der

Grenze zu Ungarn. Eine vollkommen andere Welt. Die Fahrt

ging weiter über endlose Landstraßen (es gibt kein Autobahnnetz

wie in Deutschland). Der Bus fuhr Serpentinen hinauf und

wieder hinunter – und überholte, wo die Sicht blockiert war! Ich

starrte aus dem Fenster und war von der Landschaft überwältigt.

So ein unberührtes Land hatte ich vorher noch nicht gesehen. In

Kronstadt angekommen wurde ich zunächst im Gästezimmer

des DFDKK untergebracht – das war vor meiner Anreise so abgesprochen.

125


STEFANIE SCHMITZ

Es war Mitte Januar und bitterkalt – der Winter brach just in den

Tagen meiner Ankunft über Kronstadt herein. Bei -28 °C lebte ich

mich in den ersten Wochen in Skihose, zig Pullovern und Jacken

sehr gut ein. Durch meine Ausbildung zur Bürokauffrau und

meiner Tätigkeit als studentische Hilfskraft war ich Büroarbeit

gewohnt. Dies war auch mein Anker, der mich ein wenig festhielt.

Denn ich bekam sofort Aufgaben zugewiesen, um die ich

mich zu kümmern hatte: Unter anderem ging es um die Organisation

eines Winterausfl ugs mit einer Jugendgruppe der deutschen

Minderheit in ein Dorf im Fogarascher Gebirge. Die ersten

Wochen vergingen und ich suchte mir eine eigene Wohnung. Zu

meinem Glück ging das auch relativ schnell und ich konnte bald

in meine eigenen vier Wände unweit der Praktikumsstelle einziehen.

Bei einer Größe von etwa 280.000 Einwohnern ist das Stadtleben

in Kronstadt vergleichbar mit dem in Kiel: Es gibt eine

lange Einkaufsstraße (Purzengasse/Strada Republicii), in der

viele kleine Geschäfte und Cafés zum Shoppen und Verweilen

einladen. Kronstadt ist eine sächsisch geprägte Stadt, dies merkt

man nicht nur an der Architektur. Kulinarische Angebote gibt

es reichlich – auch als Vegetarierin fi ndet man immer etwas auf

der Speisekarte. Die traditionellen Gerichte wie mămăligă cu

brânză 3 und Zacuscă 4 werden auch zukünftig meinen Speiseplan

bereichern. Neben vielen Sehenswürdigkeiten wie der berühmten

Schwarzen Kirche gibt es andere kulturelle Angebote

3 Eine Art Polenta mit Schafskäse

4 Brotaufstrich aus Auberginen, Zwiebeln und Paprika

126


RUMÄNIEN

wie Opern, Theaterstücke und viele sommerliche Veranstaltungen

auf dem zentralen Marktplatz. Die Menschen sind aufgeschlossen

und freundlich. Die Jugend ist sehr modebewusst, so

wie es auch in anderen europäischen Ländern der Fall ist. Die

Einkaufsmöglichkeiten stehen deutschen Verhältnissen in

nichts nach: Neben großen Einkaufsketten gibt es auch an jeder

Ecke „Tante-Emma-Läden“, die teilweise rund um die Uhr geöffnet

haben. Großartig!

Meine Hauptaufgaben waren dem Jugendforum zugeordnet.

Während meiner Praktikumszeit hatte ich großen berufl ichen

Freiraum, da es sich bei meinem Arbeitgeber um eine

127


STEFANIE SCHMITZ

kleine Non-Profi t-Organisation handelte. Keine Spur von der

hierarchisch geprägten deutschen Arbeitsweise, wie ich es von

meiner Ausbildung gewohnt war. Ich unterstützte die bestehenden

Arbeitsgemeinschaften und führte eigenständige Projekte

zur Präsenzsteigerung der Siebenbürger Sachsen durch.

Neben dem Einwerben fi nanzieller Mittel aus öffentlichen

Haushaltsmitteln auf nationaler und internationaler Ebene

konnte ich auch ortsansässige Sponsoren für Projekte des Jugendforums

gewinnen. Ich lernte, Projekte bis ins Detail zu

planen und zu realisieren. Ein Bestandteil war hierbei auch das

Verfassen von Pressemitteilungen und die sonstige Nutzung

öffentlichkeitswirksamer Medien, um Informationen über Kulturveranstaltungen

des Jugendforums bekannt zu geben.

Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass ich während meiner

gesamten Arbeitszeit Deutsch sprechen konnte. Neben unzähligen

sächsischen Dialekten (Siebenbürgersächsisch) sprechen

die Sachsen sehr gut Deutsch – kein Wunder, es ist ja auch

eine ihrer Muttersprachen. Die ländliche Mundart, die offi ziell

jedoch nicht zum sächsischen Dialekt gezählt wird, hat mir am

besten gefallen. Ansonsten konnte ich in städtischen Gegenden

Englisch sprechen, mein Rumänisch ließ jedoch zu wünschen

übrig.

Während meiner Praktikumszeit genoss ich immer wieder die

Ausfl üge auf‘s Land, wo ich das Gefühl hatte, näher am Leben

der Menschen zu sein. Die alten sächsischen Dörfer haben es mir

besonders angetan. Die Menschen dort sind sehr gastfreundlich

und ich durfte so manches Mal miterleben, was Nachbarschaft

128


RUMÄNIEN

dort noch bedeutet. Der eine bringt eingelegte Gurken mit und

bekommt dafür gekochte Maiskolben mit auf den Weg. Und bevor

es weitergeht, wird noch ausgiebig getratscht. So funktioniert

die Dorfkommunikation. Auch die Bestellung eines Hofes

ist eine Wissenschaft für sich.

Aus Kiel stammend bin ich das Flachland, das Meer und den

Wassersport gewöhnt. Anders inmitten der Karpaten: Hier lädt

das Gebirge zum Wandern ein. Meine erste Tour unternahm ich

(als Anfängerin!) im Februar bei Schnee und Eis. Wir sind auf

den Hohenstein bis auf 1.800 m Höhe gestiegen. Dieser Gipfel

befi ndet sich an der Grenze der Ost- zu den Südkarpaten. Es war

kalt und anstrengend, wir sind vereiste Leitern (die „Sieben Leitern“)

mitten durch Felswände hinaufgestiegen. Oben angekommen

war es wunderbar: Die Aussicht, die Luft, die Sonne, die eigene

Überwindung, der Erfolg!

Zu Ostern bin ich mit einer Gruppe in die MaramureȘ (nördlicher

Teil Rumäniens) gefahren. Ein unglaublich traditioneller

Teil des Landes. Dort ticken die Uhren wiederum ganz anders als

in Siebenbürgen. Wir wurden auf unserer Besichtigungsreise

u.a. von einem orthodoxen Priester zum Essen eingeladen. Eigentlich

hatten wir uns verfahren, weil eine Straße, die in der

Karte eingezeichnet war, einfach nicht existierte. Wir hielten an

einem Kloster und wollten nur nach dem Weg fragen. Nach einem

netten Gespräch erhielten wir überraschend die Einladung

zum traditionellen österlichen Festessen. Insgesamt waren es

sehr beeindruckende Ostertage, geprägt durch vorgegebene Regeln,

die streng eingehalten wurden.

129


STEFANIE SCHMITZ

Bei meiner Heimreise nahm ich noch viel mehr Gepäck mit als

bei meiner Hinreise. Es war unmöglich, dieses mit einer Waage

zu wiegen. Meine Erfahrungen in Rumänien werden mich

mein Leben lang begleiten. Die Zeit war geprägt von berufl ichen

und privaten Höhen und Tiefen, geprägt durch kulturelle

Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Ich durfte ein Land kennenlernen,

das kontrastreicher nicht sein kann: Pferdekutschen

teilen sich die Straßen mit alten Dacias und Luxuskarren. Hetze

steht Müßiggang gegenüber, Überfl uss der Rationierung,

Urbanisierung dem Dorfl eben. Ein ressourcenreiches Land mit

130


RUMÄNIEN

viel Potential, dessen Gesellschaft sich manchmal selbst im

Wege steht – so scheint es jedenfalls aus meiner subjektiven

Wahrnehmung heraus. Mir wurde der Unterschied zwischen

den Ländern der Europäischen Union bewusst und wie wenig

die Menschen über ihre unmittelbaren Nachbarn wissen. Auch,

dass Anpassung an europäische Standards im Ost-West-Zusammenhang

den Handlungsspielraum des einen erhöht und

den des anderen verringert. Man sagt in Kronstadt „...und sorg

auf dich“, wenn man geht. Ich sage: „LA REVEDERE“.

131


KATJA ENGELHARDT

Praktikum von Februar bis Juli 2010

bei Imego AB, Göteborg, Schweden

132

Katja Engelhardt

geb. 1984

Bioverfahrenstechnik (Diplom)

an der Technischen Universität Dresden


Drei Meter Schnee

in Göteborg

SCHWEDEN

Ein Kommilitone hatte mir berichtet, wie fantastisch sein Austauschjahr

in Schweden gewesen sei. Daher hatte ich drei Monate

vor angedachtem Beginn meines Pfl ichtpraktikums die Idee, dieses

ebenfalls in Schweden zu absolvieren. Ich wollte auf alle Fälle

in eine größere Stadt, um leichter Anschluss zu fi nden. Das Praktikum

sollte mir außerdem dabei helfen, mein späteres Arbeitsfeld

besser eingrenzen zu können. Nach einer kurzen Google-Recherche

schrieb ich per E-Mail sowohl eine Universität als auch

ein Forschungsinstitut in Göteborg an. Von beiden bekam ich eine

Zusage. Das war für mich sehr überraschend und vermutlich auch

großes Glück. Ich entschied mich für das Forschungsinstitut, da

die Tätigkeiten interessanter klangen und mir auch die Bezahlung

einer Wohnung zugesagt wurde. Auf der Suche nach weiterer fi -

nanzieller Unterstützung stieß ich auf das LEONARDO-Büro Part

Sachsen, über das ich ebenfalls sehr kurzfristig und zügig die Zusage

für eine ERASMUS-Praktikumsförderung bekam.

Meine ersten Eindrücke von Göteborg bei meiner Ankunft

Ende Januar 2010 waren zum einen die drei Meter Schnee, die

sich vor mir auftürmten und die ich so schnell nicht vergessen

werde. Den Einheimischen zufolge war dies jedoch auch für Göteborg

eine Ausnahme. Zum anderen stellte ich ziemlich bald

133


KATJA ENGELHARDT

Schwedische Flagge auf einer der

Fähren in Göteborgs Skärgården

fest, dass die Lebenshaltungskosten hier sehr hoch waren. Das

Geld, das ich über ERASMUS bezog, gab ich meist komplett für

meine ÖPNV-Monatskarte und für Lebensmittel aus. Es gab hier

keine preisgünstige Mensa, weswegen man entweder gezwungen

war, rund acht Euro für ein Mittagessen auszugeben oder

aber man kochte sich zu Hause etwas vor und wärmte es bei der

Arbeit auf. Für die Zahlung meiner Miete durch das Unternehmen

war ich sehr dankbar, da ein Zimmer in Göteborg kaum

unter 300 Euro zu bekommen war. Jedoch gefi el mir die von der

Firma organisierte Wohnung letztlich nicht so gut. Es gab nur

sehr eingeschränkte Kochmöglichkeiten, außerdem fehlte mir

ein WG-Leben. Daraufhin suchte ich mir auf eigene Faust eine

WG. Es ist anscheinend leider auch für Göteborger selbst sehr

schwer, kurzfristig eine passende Unterkunft zu fi nden. Deshalb

134


SCHWEDEN

Blick von der Fähre in Göteborgs Skärgården bevor der

Dienst wegen zugefrorener See eingestellt wurde

hatte ich Glück, zum Schluss doch noch eine adäquate Unterkunft

gefunden zu haben. Meine Mitbewohnerin war ebenfalls

sehr nett. Sie verbesserte immer mein Schwedisch und versorgte

mich mit Möbeln und Haushaltsgegenständen. Meine Freizeitaktivitäten

fi nanzierte ich über Ersparnisse. Man kann in Göteborg

recht viel unternehmen – seien es Ausfl üge in die Umgebung

wie beispielsweise ein Besuch der Schäreninseln oder der

stadtnahen Wälder, seien es Sport- und Kulturangebote oder

auch das pulsierende Nachtleben – kurz gesagt: Ich fi nde, Göteborg

ist eine perfekte Stadt zum Leben und Arbeiten.

Mein Praktikumsbetrieb hatte rund 50 Angestellte, denen

ich zu Beginn vorgestellt wurde. Ich bekam ein Projekt und einen

Betreuer zugeteilt, der mir dann nicht nur eine umfassende

Einführung in alle technischen Geräte gab, sondern mir auch

135


KATJA ENGELHARDT

während der gesamten Praktikumszeit mit Rat und Tat zur Seite

stand. Dadurch konnte ich interessante fachliche Aufgaben

bearbeiten und dabei lernen, wie man an Probleme herangeht

und Ergebnisse sinnvoll dokumentiert. Das Praktikum hat maßgeblich

dazu beigetragen, dass ich mir inzwischen vorstellen

kann, in der gewählten Fachrichtung zu arbeiten oder zu promovieren.

Eventuell können mir die Kontakte, die ich im Rahmen

meiner Arbeit am Forschungsinstitut knüpfen konnte, und

auch die dort gewonnenen Informationen über Forschungsfi -

nanzierung und Firmen, die in diesem Bereich arbeiten, später

bei der Arbeitssuche eine große Hilfe sein. Das Arbeitsklima

war, wie man in so gut wie allen Praktikumsberichten über

Schweden lesen kann, sehr angenehm. Interdisziplinäre Teamarbeit,

ständige Hilfsbereitschaft, aber auch das gesellige Beisammensein

in den Pausen waren im Praktikumsbetrieb Standard.

Da mich der Firmenchef zu Beginn als Praktikantin mit

Schwedisch-Kenntnissen vorgestellt hatte (ich hatte in der Bewerbung

den Grundkurs an meiner Universität angegeben),

sprachen alle Kollegen mit mir Schwedisch. Einzig mein Betreuer

sprach Englisch mit mir, allerdings auch nur, wenn es um

Fachliches ging, damit keine Missverständnisse aufkamen. Deshalb

kann ich nur empfehlen: Wenn man fachlich viel lernen

möchte, sollte man zumindest gut Englisch sprechen können,

wobei die Schweden aber auch bei Sprachproblemen immer

nett und hilfsbereit sind. Immerzu Schwedisch zu sprechen war

am Anfang recht schwer und ermüdend für mich. Gegen Ende

meines Auslandspraktikums konnten jedoch sogar die Projektgruppensitzungen

mit mir in der Landessprache abgehalten

136


Göteborgs bewohnter Skärgården

SCHWEDEN

137


KATJA ENGELHARDT

werden. Es war überraschend wie schnell man doch eine neue

Sprache erlernen konnte.

Ich bekam mit meinen Kollegen auch recht bald privaten

Kontakt. Schon in meiner Anfangszeit wurde ich z. B. zu Geburtstagsfeiern

eingeladen. Ich kann somit das weitverbreitete Vorurteil

nicht bestätigen, dass es schwer sei, mit Schweden in Kontakt

zu kommen. Später unternahm ich sogar mit einigen

Kollegen Wochenendausfl üge und verbrachte einen Sommerurlaub

mit ihnen. Die schnelle Integration sowohl in den schwedischen

als auch in den privaten Alltag meiner Kollegen überrascht

mich im Nachhinein selbst noch. Dies ist wahrscheinlich

auch einer der Gründe, weshalb ich das halbe Jahr in Schweden

als sehr gute Entscheidung in Erinnerung habe.

Alles in allem war mein sechsmonatiges Praktikum in Göteborg

fantastisch und ich kann jedem nur empfehlen, einmal einen

längeren Stopp hier in Göteborg einzulegen.

138

Styrsö – Sommer in

Göteborgs Skärgården


Blick in Richtung Käringö

an Schwedens Westküste

SCHWEDEN

139


JULIA BERGK

140


Salsa und Tapas in Andalusien

SPANIEN

Im Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen ist es Pfl icht, im

Vorfeld der Bachelorarbeit ein zwölfwöchiges Praktikum zu absolvieren.

Da ich mich zunächst erfolglos für Praktika innerhalb

Deutschlands beworben hatte, musste ich schließlich meinen

Praktikumsantritt auf die Zeit nach den Klausuren verlegen.

Aufgrund des dadurch entstandenen Zeitgewinns beschloss ich,

einen Praktikumsplatz in Spanien zu suchen. Ausschlaggebend

hierfür war mein zweiwöchiger Sprachaufenthalt in Málaga im

September 2009, bei dem ich mich sozusagen in die Gegend

und die Menschen dort verliebt hatte. Zurück in Deutschland

war für mich klar, dass ich genau in diese Gegend zurückkehren

wollte.

Meine Praktikumsbewerbung verfasste ich auf Deutsch und

Spanisch und verschickte sie an mehrere Firmen. Jedoch kam

von vielen keine Antwort und bei einigen war einfach die für

mich geeignete Abteilung zu klein. Die Spedition Zurek S.L.

(Umzugsfi rma) hatte ich durch Zufall im Internet entdeckt.

Auch von ihr habe ich zunächst keine Antwort erhalten. Nach

ca. drei Wochen habe ich aus eigener Initiative dort angerufen

und nachgefragt, wann ich mit einer Antwort rechnen könne.

Dabei hat sich dann herausgestellt, dass bereits eine Antwort-

141


JULIA BERGK

mail an mich gesendet wurde, die allerdings aus mir unbekannten

Gründen nie angekommen war. Es war also gut, dass ich

nachgefragt hatte, denn nach einem kurzen Bewerbungsgespräch

am Telefon stand mein Praktikumsplatz fest. Nun ging

es an die Vorbereitungen: Da die Firma kein Praktikumsgehalt

zahlte, jedoch eine Unterkunft für die Länge des Aufenthaltes

zur Verfügung stellte, habe ich mich für ein ERASMUS-Stipendium

beworben und dieses dann auch genehmigt bekommen.

Die nächsten Schritte bestanden darin, die Bewerbungsunterlagen

auszufüllen und zu vervollständigen, die organisatorischen

Schritte an der Fachhochschule einzuleiten, die Versicherungen

auf den neusten Stand zubringen, Zusatzversicherungen abzuschließen,

noch einmal Kontrolltermine bei den Ärzten zu vereinbaren

und natürlich zu packen. Schließlich hieß es Abschied

nehmen. Es fällt nicht jedem leicht, mehrere Wochen getrennt

von Familie und Freunden in einem fremden Land mit einer

fremden Sprache zu verbringen. In meinem Fall beherrschte

ich die Sprache schon ein wenig, da ich an der Fachhochschule

zwei Semester lang die Spanischvorlesung sowie je einen zweiwöchigen

Sprachkurs in Spanien besucht hatte. Außerdem

macht es mir grundsätzlich nichts aus, Fehler beim Sprechen zu

machen. Ich redete einfach drauf los – in der Hoffnung, dass

man mich trotzdem verstand. Meistens klappte das ganz gut.

Einen weiteren Vorteil hatte ich auch dadurch, dass ich in dieser

Region Spaniens bereits Freunde gefunden hatte. Es war somit

kein Start ins absolut Ungewisse. Meine Vorbereitungen haben

jedoch bis zur letzten Minute gedauert: Das Packen gestaltete

sich schwieriger, als ich gedacht hatte.

142


SPANIEN

SP SPA SP SPA SP SPA SP SPA S SPA S P A NIE N I IIEE

N

In Spanien angekommen hat mich meine Vorgesetzte am Flughafen

abgeholt und in meine Unterkunft gebracht. Dort habe ich

die ersten zwei Monate mit einem deutschen Fahrer der Spedition

zusammengelebt, da dieser übergangsweise für Spanien eingeteilt

worden war. Mir war es ganz recht in der Anfangszeit

nicht alleine zu wohnen, vor allem kannte er sich in der Gegend

schon etwas aus, da er bereits ein paar Wochen vor mir angekommen

war. Das Arbeitsklima war über meine gesamte Praktikumszeit

von vier Monaten hindurch sehr gut. Ich habe mich

direkt integriert und dazugehörig gefühlt. Dadurch, dass bei der

Tochterfi rma in Spanien nur wenige Mitarbeiter beschäftigt wa-

143


JULIA BERGK

ren, war es sehr familiär und man konnte in kurzer Zeit sehr viel

lernen. Schon von Anfang an gab es einiges zu tun und selbstständiges

Arbeiten war angesagt. Die Aufgaben waren vielfältig:

Meine Hauptaufgaben bestanden in der Kontaktaufnahme mit

Kunden, Umzugsaufnahmen/Kundenbesuche, Angebotserstellung,

Vertragsabschlüsse, Erstellung von Transportpapieren,

Tourenplanung und jeweils am Monatsanfang die einfache

Buchführung. Außerdem habe ich mich eingehend mit der verwendeten

Umzugssoftware beschäftigt und eine kurze Beschreibung

der wichtigsten Masken erstellt, ebenso wie eine Anleitung

144


SPANIEN

für die Nutzung des Internetportals „Umzugsauktion“. Des Weiteren

half ich der Marketingleiterin in Leipzig bei der Internetrecherche

für einen Blog. Zusätzlich habe ich ein Geschäft ausfi

ndig gemacht, das uns Kunden vermitteln sollte. Obwohl stets

viel zu tun war, blieb für eine Tapa (kleine Mahlzeit) jedoch fast

immer Zeit. Kurz vor Ende meines Praktikums durfte ich sogar

zwei Wochen als Urlaubsvertretung fungieren und mein erlerntes

Wissen somit unter Beweis stellen. Da an einem der Wochenenden

ein LKW aus Deutschland kam, war dies natürlich eine

große Herausforderung für mich: Ich musste die komplette Planung

alleine bewältigen und konnte/wollte nur in Notfällen meine

Vorgesetzte anrufen (man will im Urlaub natürlich so wenig

wie möglich stören).

In meiner Freizeit traf ich mich mit Freunden aus Málaga, besuchte

die spanische Familie, bei der ich 2009 gewohnt hatte und

ging natürlich einige Male aus. In Andalusien gibt es außerdem

unzählige Ausfl ugsziele, von denen ich neben einem Besuch eines

weißen Dorfes besonders die Mezquita in Córdoba, den

Wolfspark in Antequera, die Alhambra in Granada, den Krokodilpark

in Torremolinos, die Alcazaba und das Castillo in Málaga

sowie die Tropfsteinhöhlen in Nerja empfehlen kann. Wer über

Ostern in Spanien ist, sollte sich anschauen, wie die Tronos (Heiligenstatuen)

durch die Straßen getragen werden. Auch die Sommersonnenwende

(Noche de San Juan) wird groß gefeiert: Zu

diesem Ereignis fi nden sich unzählige Menschen am Strand ein,

um sich um Mitternacht „die Sünden im Meer abzuwaschen“ und

ihre Wünsche (aufgeschrieben auf einem Zettel) am Lagerfeuer

zu verbrennen.

145


JULIA BERGK

Der Strand kam in meiner Praktikumsphase etwas zu kurz, da

ich auch am Wochenende privat sehr beschäftigt war. Die Feierabende

allerdings habe ich ausgiebig genossen und bin jede Woche

ein bis zwei Mal in die Salsabar „Baobab“ gegangen. Ich bin

überaus froh, diese Bar auf meinem Weg zur Arbeit entdeckt zu

haben, da hier ausschließlich Spanier verkehrten, selten Touristen.

Mittwochs, freitags und samstags wurden Salsa, Merengue

und Bachata getanzt. Das Publikum im Baobab war wie eine große

Familie, in die man auch als Ausländer direkt warmherzig

aufgenommen worden ist. Vor meiner Ankunft in Spanien konnte

ich weder Merengue noch Bachata tanzen, lediglich ein wenig

Salsa. Inzwischen beherrsche ich all diese Tänze. Ab und zu sind

wir in einer großen Gruppe (auch mit dem Besitzer des Baobab)

146


SPANIEN

nachts noch in eine andere Salsabar gegangen und haben am

frühen Morgen auf der Straße ein Bocadillo (Brötchen/Baguette)

gegessen. Es war von großem Vorteil, dass ich in dieser Gruppe

mein Spanisch ausgiebig anwenden konnte.

Der Abschied vom Baobab war wunderschön und sehr schmerzhaft

zugleich. Mir wurden ein riesengroßer Strauß weißer Margeriten

und ein T-Shirt als Abschiedsgeschenke überreicht. Daraufhin

musste ich mit allen Merengue tanzen und auch der restliche

Abend bestand nur aus Tanzen, Verabschiedungen und Gesprächen

darüber, wann ich wiederkommen würde. Als es für mich an

der Zeit war nach Hause zu fahren, verabschiedete ich mich von

all meinen Freunden dort, ging aus der Tür und blickte ein letztes

Mal mit Tränen in den Augen auf den Eingang. Ich vermisse diese

Bar und die ganzen Leute unheimlich und freue mich, wenn ich

hoffentlich bald alle wiedersehen kann.

Jedem, der die Chance dazu hat, sein Praktikum im Ausland zu

machen, kann ich dies nur empfehlen. Es ist eine Erfahrung, die

man nie vergessen wird! Und mein Wunsch ist es, so schnell wie

möglich wieder nach Spanien zurückzukehren. Ich möchte diese

Zeit nicht missen und werde mich immer gerne daran erinnern.

Und vielleicht werde ich eines Tages nicht nur zum Urlaub dorthin

zurückkehren, sondern für immer dort leben. Die Zukunft

wird es zeigen.

147


KLARA KLA KL K A RA R RA R A RED RE RED RE RED RE RRE R RE RREDER ED E ED E ER EER E R

148


Granada unter Wasser

SPANIEN

Flug RYR 3658 Bremen - Malaga, Abfl ug 15:10 Uhr und Ankunft

18:35 Uhr, Dienstag, den 23.09.2008. Die Maschine hebt ab und

als ich in der Luft bin, wird mir klar: ein Jahr Spanien! Eigentlich

wird es mir erst jetzt richtig bewusst. Der Sommer war so voll

mit anderen Dingen gewesen – ich habe noch nicht einmal in

einen Reiseführer über Granada geschaut. Dass ich ein Jahr in

Spanien verbringen wollte, wusste ich schon in der Schule. Nach

dem Abitur sollte es für ein Jahr nach Neuseeland gehen und

während des Studiums dann nach Spanien. Nachdem mit Neuseeland

alles super geklappt hatte, und ich angefangen hatte zu

studieren, informierte ich mich frühzeitig darüber, mit welchen

Partneruniversitäten mein Fachbereich in Spanien kooperierte.

Ich habe mich anschließend erfolgreich für ein ERASMUS-

Stipendium beworben. Ehe ich mich versah, sitze ich nun in diesem

Flugzeug. Freudig sinniere ich über das kommende Jahr.

Erst ein Semester ERASMUS-Studium, um mich einzuleben und

die Sprache besser zu beherrschen. Todavía no es suffi ciente!

Anschließend dann ein Praktikum im Instituto del Agua (Institut

für Wasser) der Universidad de Granada. In meinem Studiengang

Angewandte Systemwissenschaft ist ein mindestens

neunwöchiges Praktikum vorgeschrieben. Die Dauer von neun

149


KLARA REDER

Wochen für das Praktikum war mir sehr kurz erschienen, also

hatte ich es direkt auf vier Monate angelegt. Ursprünglich wollte

ich in einer Firma arbeiten, die mit Hydrologie zu tun hat. Jedoch

stellte es sich als schwierig heraus, so etwas von Deutschland

aus mit meinen damaligen Spanischkenntnissen zu fi nden.

Bei meiner Recherche im Internet stieß ich aber immer wieder

auf das Instituto del Agua der Universität Granada. Nach einem

Telefongespräch von Deutschland aus wurde vereinbart, dass ich

ein Praktikum bei ihnen absolvieren könne. Persönlich vorbeischauen

sollte ich dann während des halben Jahres, das ich schon

vorher als ERASMUS-Studierende in Spanien verbrachte.

Ich schaue aus dem Fenster und stelle fest, dass wir schon zur

Landung ansetzen, die Landung sollte sich jedoch über mehrere

Monate hinziehen. Alles begann mit einer Odyssee der Wohnungssuche,

neuen Bekannten, ERASMUS-Studierenden aus

ganz Europa. Es ging weiter mit Tapas, Spanisch sprechen, meiner

Gastuniversität, an der ich lernte, dass nivel freático Grundwasserspiegel

heißt. Die Landung endete schließlich mit dem

Wissen, wie viel ein Skript wert sein kann, wenn man keines

hat, und in welchem Regal im Supermarkt die Oliven stehen.

Während des Auslandsstudiums fand ich also meinen Weg in

das Instituto del Agua und zu meinem Betreuer. Ohne damit gerechnet

zu haben, hatte ich mein erstes Bewerbungsgespräch auf

Spanisch. Plötzlich musste ich die Inhalte meines Studiengangs,

meine Qualifi kationen und meine Person auf Spanisch vorstellen.

Ich hatte mir Gedanken über ein mögliches Thema, aber

nicht über ein Bewerbungsgespräch gemacht. Anscheinend hinterließ

ich aber keinen allzu schlechten Eindruck, denn anschlie-

150


SPANIEN

ßend wurde mir gesagt, dass ich für die Wahl des Themas später

wiederkommen solle. Es war sehr von Vorteil, rechtzeitig vor Ort

zu sein, denn so konnte ich zu dem von mir gewünschten Zeitpunkt

direkt mit meinem Praktikum beginnen. Nach gemeinsamer

Überlegung hatten wir uns auf eine Modellierung des Aquifers

1 Vega de Granada geeinigt. Ich sollte mit dem mir bis dahin

unbekannten Programm Processing MODFLOW for Windows

(PMWIN) arbeiten und eine Simulation des Grundwasserspie-

1 Aquifer = Grundwasserleiter

151

Blick in eine der Kuppeln der Alhambra


SPANIEN

gels von dem Grundwasserkörper unter Granada erstellen. Mir

wurde hierfür sogar ein eigenes Büro zugeteilt. Nach einer kurzen

Einarbeitungsphase habe ich die Daten eingegeben und

lernte sehr bald auch schon die Stärken und Schwächen des Programms

kennen. So lag die Stadt Granada beispielsweise bei einem

ersten Versuch etwa zehn Meter unter dem Grundwasserspiegel.

Da ich schließlich nicht schwimmend zur Arbeit

gekommen war, überprüfte ich die Daten noch einmal. Tatsächlich

fand ich den kleinen Fehler, der diese marginale Abweichung

zur Realität verursacht hatte.

Meine Praktikumsarbeit konnte ich insgesamt sehr frei gestalten

und alle meine Ideen ausprobieren. Allerdings beinhaltete

diese Freiheit eine geringere Betreuung als ich sie mir gewünscht

hätte. So musste ich oft warten, bis ich die Daten bekam

und mit jeder Frage musste ich eine Etage nach oben laufen. Bei

meiner Arbeit habe ich viel über Hydrologie und strukturierte

Arbeitsweisen, wie z. B. den Aufbau und das Beschriften von

Excel-Tabellen und PMWIN gelernt. Nachdem ich weit mit dem

Modell vorangeschritten war, haben wir einen Ausfl ug zu den

Messstellen gemacht. Dies bot mir die Möglichkeit, mir vor Ort

selbst ein Bild von der Ausdehnung des Gebiets und der Tiefe

des Grundwasserspiegels zu machen.

Nach vier Monaten hatte ich ein Modell entworfen und war

um viele Erfahrungen reicher, die ich – im Anschluss an einen

kurzen Portugalurlaub – wieder mit nach Deutschland zurückgenommen

habe.

Das Jahr war wie im Flug vergangen und schon war ich wieder

in meiner alten Wohnung, bei meinen Freunden und in

153


KLARA REDER

Mein Büro

meiner Universität, wo es mit rasanten Schritten auf das Ende

des Studiums zuging. Ich war wieder zu Hause. Dort, wo die

Menschen um 13 Uhr vor der Mensa stehen, wenn man es so

verabredet hat, wo die Sprache einem einfach aus dem Mund

fl ießt, ohne dass man auch nur einmal nachdenken müsste. Allerdings

war ich auch wieder dort, wo es keine Tapas und keinen

Kochkurs bei Javier gibt und wo man sich nicht darüber

freuen kann, den subjuntivo anzuwenden. Das ist wohl die Crux,

wenn man ein Jahr in der Ferne verbracht hat. Man lernt nicht

nur Neues kennen, sondern weiß auch Dinge aus der Heimat zu

schätzen, von denen man nicht wusste, wie wichtig sie für einen

sind. Wenn man wieder zurück ist, stellt man gleichzeitig

fest, was man doch alles hatte als man weg war. Da hilft nur

eins: Ein gesunder Wechsel!

154


SPANIEN

Zurück an meiner Universität in Deutschland präsentierte ich

nach meiner Ankunft mein Projekt am Instituto del Agua und

stellte dabei fest, dass mein ERASMUS-Praktikum nicht all meine

Erwartungen erfüllt hatte. Dafür hatte es jedoch andere Dinge

geleistet, die ich mir nie hätte ausdenken können. So hat mich

das Praktikum strukturiert, aber die gewünschte Teamarbeit

fand nicht statt. Das Leben im Ausland war eine zusätzliche Bereicherung

für meine Lebenserfahrung. Leider konnte ich nicht

ganz so viele Spanier kennenlernen wie ich es mir gewünscht

hatte, aber dafür erlebte ich wie erwartet neue Dinge.

Bei der Wahl des Themas meiner Diplomarbeit hat mich mein

Praktikum darin bestärkt, weiterhin im Bereich Wasser zu forschen

und auch für meinen zukünftigen Beruf oder eine Promotion

kann ich mir nun vorstellen, in dieser Richtung weiter zu

arbeiten.

Es bleibt abschließend nur noch eines zu sagen: Flug RYR

3658 Bremen – Malaga, Abfl ug 15:10 Uhr und Ankunft 18:35

Uhr, Dienstag, den 26.10.2010. ¡Hola Graná, ya he vuelto!

155


THILO KÖNIG

156


TSCHECHIEN

„Schön ist, was tschechisch ist“ –

Praktikum bei Škoda

In der Studiengangsordnung des Fahrzeugtechnik-Masterstudiengangs

der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin

ist für das zweite Semester ein mindestens zwölfwöchiges

Auslandspraktikum vorgeschrieben. Um dieses abzuleisten,

habe ich mich zunächst bei vielen Firmen im europäischen Ausland

beworben, jedoch ohne Erfolg. Schließlich bin ich über meinen

damaligen Arbeitgeber an das fünfmonatige Praktikum in

der Forschungs- und Entwicklungsabteilung von Škoda Auto a.s.

in Mladá Boleslav, Tschechische Republik, gekommen: Auf einer

Betriebsveranstaltung meines Arbeitgebers im Frühsommer

2009 habe ich den Teamleiter der Abteilung TPC/2 Aggregate

Prüfungen und Berechnungen von Škoda Auto a.s. kennengelernt.

Diesen habe ich nach der Möglichkeit gefragt, in seiner

Abteilung ein Praktikum absolvieren zu können. Ich bekam sofort

eine Zusage und kümmerte mich zeitnah um ein ERASMUS-

Stipendium bei dem Career Service der TU-Berlin.

Das Hauptwerk von Škoda Auto a.s. mit dem Forschungs- und

Entwicklungszentrum („Cesana“) liegt rund 60 km nördlich von

Prag in der mittelböhmischen Stadt Mladá Boleslav (Jungbunzlau).

Sie hat etwa 41.000 Einwohner. Am Stadtrand, besser gesagt

im Industriegebiet der Stadt, liegt das Mitarbeiterwohn-

157


THILO KÖNIG

heim, in dem alle Praktikanten, studentischen Mitarbeiter und

Arbeitnehmer (ohne Wohnsitz in Mladá Boleslav) von Škoda

Auto a.s. untergebracht werden. Die Lage hört sich jedoch schlimmer

an, als sie ist. Alles, was man zum Leben braucht, ist zu Fuß

erreichbar. Die Altstadt ist ca. 15 Gehminuten entfernt. Außerdem

sind dort im Gegensatz zu Deutschland die Taxis bezahlbar.

Die Miete der Zwei-Zimmer-Wohnungen für Praktikanten und

studentische Mitarbeiter wird von Škoda Auto a.s. übernommen.

Die Wohnungen sind relativ einfach, aber trotzdem ausgestattet

mit allem was man braucht. Obwohl in der Regel ein Zimmer

immer mit zwei Personen belegt wird, hatte ich das Glück, ein

158


TSCHECHIEN

Zimmer alleine bewohnen zu können. Die Unterbringung im

Wohnheim war ideal, da ich dadurch zwangsläufi g in Kontakt

mit anderen Praktikanten kam.

Am ersten Tag des Praktikums gab es eine Einführungsveranstaltung,

bei der alle wichtigen Unterlagen ausgehändigt wurden

und ich meinen Praktikumsvertrag unterschrieb. Anschließend

wurde ich von einem zukünftigen Kollegen abgeholt, um

alle Arbeitskollegen kennenzulernen und meinen Arbeitsplatz

einzurichten. Das Arbeiten in der Abteilung TPC/2 Aggregate

Prüfungen und Berechnungen unterschied sich nicht wesentlich

von dem, was ich von meiner vorigen Arbeit gewohnt war. Der

größte Unterschied lag eigentlich nur darin, dass einige Kollegen

bereits um 7 Uhr morgens anfi ngen zu arbeiten, aber dafür auch

am frühen Nachmittag Feierabend hatten. Ich konnte meine Arbeitszeit

fl exibel gestalten, habe mich aber sehr schnell daran

gewöhnt, früh bei der Arbeit zu sein und dafür auch früh meine

Freizeit zu genießen. Besonders erfreulich war für mich zudem,

dass ich sofort von allen Kollegen akzeptiert und in außerbetriebliche

Aktivitäten integriert wurde. Meine Arbeit konnte ich,

dank meiner in diesem Bereich bereits gesammelten Erfahrung,

überwiegend eigenständig ausführen. Wenn ich doch einmal

eine Frage hatte, waren alle Arbeitskollegen immer sehr hilfsbereit

und aufgeschlossen. Ich hatte besonders am Anfang auch

häufi ger Kontakt zu abteilungsfremden Škoda-Mitarbeitern, die

mir gegenüber immer sehr freundlich waren und sofort helfen

wollten und konnten. Meine bei der Arbeit erzielten Leistungen

konnte ich stets eigenverantwortlich präsentieren. Am Schluss

meines Praktikums konnte ich einem Mitarbeiter der AUDI AG

159


THILO KÖNIG

die wichtigsten Ergebnisse meiner Tätigkeit über eine Telefonkonferenz

vorstellen und mit ihm über diese diskutieren. Dass

meine Arbeit so wertgeschätzt wurde, war ein sehr positives

Feedback.

Die Freizeit in Mladá Boleslav ließ sich sehr vielseitig gestalten.

Sobald ich meine Zugangsdaten und E-Mail-Adresse vom IT-Bereich

erhalten hatte, wurde ich in den E-Mail-Verteiler aller Praktikanten

und sonstigen jungen Mitarbeiter von Škoda Auto a.s.

aufgenommen. Über diesen Verteiler wurde eigentlich fast jeden

Tag etwas geplant oder man machte eigene Vorschläge. So trafen

wir uns gelegentlich abends auf ein Bier in einer Kneipe. Weitere

Aktivitäten in Mladá Boleslav waren Bowlen, Billardspielen,

Essen oder ins Kino gehen. Als es die Temperaturen noch zuließen,

spielte ich auch häufi g Beachvolleyball. Da die Umgebung

um Mladá Boleslav nahezu ideal für passionierte Fahrradfahrer

ist, war ich auch sehr oft mit meinem Mountainbike unterwegs.

Die Wochenenden waren demnach nie langweilig. Es gab immer

Leute, die entweder zum Feiern nach Prag fuhren oder aber

einen Tagesausfl ug in die Umgebung planten. Im Umkreis gibt

es sehr viele Burgruinen und Schlösser, die ich als Studierender

günstig besichtigen konnte. Absolut empfehlenswert sind ein

Besuch der vollständig erhaltenen mittelalterlichen Altstadt von

Cesky Krumlov, ein ausgedehnter Spaziergang durch das Böhmische

Paradies 1 und natürlich ein Besuch in Prag.

1 Die ca. 30 km von Mladá Boleslav entfernte Mittelgebirgslandschaft steht zum Teil

unter Naturschutz und ist Mitglied des Europäischen Geopark-Netzwerks.

160


TSCHECHIEN

TSC TS HEC ECHIE HIE HIEN

161


THILO KÖNIG

Zum Thema Abendplanung und Party in Mladá Boleslav kann

ich sagen, dass es dort zwei Diskos gibt, die jedoch Geschmackssache

sind. Ansonsten gibt es auch ein paar nette Kneipen. In

Prag gibt es natürlich sehr viele Clubs, die wirklich gut sind –

außerdem ist für jeden etwas dabei. Für Fußballfans gibt es direkt

gegenüber dem Wohnheim das Stadion des FK Mladá Boleslav

a.s. Der Preis für ein Ticket variiert je nach Gegner, ist aber

bezahlbar. Neben dem Fußballclub gibt es auch einen Eishockeyclub,

da Eishockey die beliebteste Sportart in Tschechien ist.

Wenn man schon einmal in Mladá Boleslav ist, sollte man mindestens

je ein Spiel des Eishockey- und des Fußballclubs gesehen

haben. Ich war mehrere Male bei Eishockeyspielen, da diese

für mich wesentlich interessanter waren als die Fußballspiele.

Wäre ich nicht von meiner Studiengangsordnung zu einem Auslandsaufenthalt

„gezwungen“ worden, wäre ich wohl nie aus

Deutschland weggekommen. Das Auslandspraktikum bei Škoda

Auto a.s. war eine absolut tolle Erfahrung. Zum einen konnte ich

mich fachlich weiterbilden, meine Fähigkeiten ausbauen und berufl

iche Kontakte knüpfen. Zum anderen habe ich aber vor allem

durch das ERASMUS-Praktikum viele neue Freundschaften

in Tschechien geschlossen, die ich immer noch pfl ege. Meine Erwartungen

an das Praktikum wurden somit in jeder Hinsicht

übertroffen: Meine Arbeit hat Spaß gemacht, aufgrund der vielen

anderen Praktikanten wurde es nie langweilig und die kostenlose

Unterkunft im Wohnheim hatte auch seine Vorteile. Im

Rückblick gehörten die sehr gute Zusammenarbeit, die außerbetrieblichen

Treffen mit meinen Kollegen sowie die Gestaltung

162


TSCHECHIEN

meiner Freizeit mit allen zu jener Zeit anwesenden Praktikanten

zu meinen besten Erfahrungen dort. Das Auslandspraktikum

war ein unvergessliches Erlebnis, an das ich mich mit Freude

zurückerinnere. Ich kann allen ein Praktikum bei Škoda Auto a.s.

bestens empfehlen.

Abschließend möchte ich noch kurz ein besonders einprägsames

und auch verblüffendes Erlebnis anführen – ein besonders

gutes Beispiel für die tschechische Mentalität. An einem Samstagabend

wollten wir den Zug nach Prag nehmen. Der Hauptbahnhof

von Mladá Boleslav liegt vom Wohnheim aus betrachtet

genau am anderen Ende der Stadt. Man muss also eine

Station mit einem Schienenbus zum Hauptbahnhof fahren. An

jenem Tag ist der Schienenbus nicht pünktlich abgefahren, so

dass wir verspätet am Hauptbahnhof ankamen. Der Anschlusszug

nach Prag fuhr genau in dem Moment los, als wir vor der

Tür standen, um sie zu öffnen. Unser Glück war, dass der Schaffner

des Schienenbuses dies bemerkte (die Konsequenz wäre

nämlich gewesen, über eine Stunde am Bahnhof auf den nächsten

Zug zu warten). Er kam zu uns gelaufen, winkte dabei hektisch

mit seiner Taschenlampe und pustete in seine Pfeife, um

dem losgefahrenen Zug zu signalisieren, dass noch Personen zusteigen

wollten. Kurz darauf gab er uns zu verstehen, dass wir zu

dem noch rollenden Zug rennen sollten. Dieser blieb dann auch

tatsächlich stehen und ließ uns einsteigen. So etwas wäre in

Deutschland wohl kaum denkbar gewesen.

163


NICOLAS LANGENSIEPEN

164


TÜRKEI

„Das Wörterbuch ist mein bester

Freund“ – Praktikum am Bosporus

Auf die Idee, ein Praktikum in der Türkei zu machen, kam ich im

Laufe meines Studiums des Wirtschaftsingenieurwesens an der

TU Kaiserslautern, währenddessen ich auch einige türkische

Austauschstudenten in Deutschland kennenlernte. Zugegebenermaßen

gibt es vielerorts Vorurteile gegen fremde Kulturen,

gerade auch gegen die türkische. Umso mehr wurde mir klar,

wie unsinnig die meisten dieser „Barrieren im Kopf“ sind, als ich

mich öfter mit den türkischen Mitstudenten traf. Auf deren Einladung

hin unternahm ich dann später auch eine erste Reise

nach Istanbul. Seit diesem Besuch war ich Feuer und Flamme

für diese sprichwörtliche „Wahnsinnsstadt“. Ich beschloss also,

mich um ein Praktikum dort zu bewerben, das ich auch für das

Studium anerkennen lassen konnte. So schickte ich einige Initiativbewerbungen

in englischer Sprache über die entsprechenden

Karriere-Webseiten von Unternehmen in Istanbul. Unter

anderem bewarb ich mich bei Daimler/Mercedes-Benz Türk

(MBT) um ein Praktikum im Busproduktionswerk HoȘdere am

westlichen Rand der Stadt. Eine Woche später hatte ich bereits

die Zusage für ein viermonatiges Praktikum im Bereich Produktionsplanung.

Mir blieben dann nur noch zwei Monate bis zum

Praktikumsbeginn. In dieser Zeit musste ich Vorbereitungen

165


NICOLAS LANGENSIEPEN

treffen, wie zum Beispiel die Wohnungssuche, die Beantragung

des nötigen Praktikumsvisums bei einem der türkischen Generalkonsulate

in Deutschland oder das Einrichten eines deutschen

Bankkontos mit der Möglichkeit, im Ausland kostenlos Geld abzuheben.

Den entscheidenden Tipp beim Organisieren einer

Wohnung bekam ich von der sehr hilfsbereiten MBT-Personalabteilung,

mit deren Hilfe ich den Kontakt zu meinem zukünftigen

Vermieter (ebenfalls MBT-Angestellter) herstellen konnte.

Bezüglich des Visums erhielt ich organisatorische Hilfe seitens

der Mitarbeiter des ERASMUS-Büros meiner Hochschule. Trotz

dieser Unterstützung war die Beantragung des Visums nicht

ganz problemlos. Diese eher negativen Erfahrungen mit der türkischen

Bürokratie haben mich jedoch zum einen bereits auf die

Beantragung meiner Aufenthaltserlaubnis bei der Ausländerbehörde

in der Türkei vorbereitet. Zum anderen sollten diese Formalitäten

auch auf andere nicht abschreckend wirken. Im Rückblick

überwiegen bei mir bei Weitem die positiven Eindrücke

bezüglich der Türkei.

In der Millionenstadt Istanbul angekommen fand ich den

Weg vom Flughafen zur Wohnung mit Bus und Schiff inmitten

des extremen Verkehrs nur mit Mühe. Die enormen Ausmaße

Istanbuls führen dazu, dass man bei der Wahl der Wohnung einen

Kompromiss eingehen muss zwischen Nähe zum Stadtzentrum

und Nähe zu den Industrieansiedlungen, in meinem Fall

also zum MBT-Werk. Meine Wohnung befand sich in Beylikdüzü,

einem Stadtteil ca. 25 km Luftlinie vom Bosporus entfernt

auf der europäischen Seite: Eine ca. 120 Quadratmeter große

Wohnung im elften Stock eines Hochhauses mit Meerblick. Die

166


TÜRKEI

Miete inklusive sämtlicher Nebenkosten wie Wasser, Strom, Gas,

Hausmeister-Service und Internet-Anbindung betrug (in den

Sommermonaten) etwa 460 Euro für die ganze Wohnung. Ein

Vorteil dieser Standortwahl war die 25-minütige und damit relativ

kurze Anfahrt zum Werk mittels eines von MBT organisierten,

kostenfreien Shuttle-Busses. Andererseits war bei einer

Fahrt in die Nähe des Bosporus‘, also des Stadtzentrums (wohlgemerkt

immer noch auf der europäischen Seite), mit einer Dauer

von ca. 90 bis 120 Minuten zu rechnen, abhängig von den

Verkehrsbedingungen. Auch aufgrund dieses ungewohnten Umfelds

fühlte ich mich zuerst natürlich fremd. Das legte sich aber

sehr schnell, nicht zuletzt Dank meiner beiden deutschsprachigen

Mitbewohner, ebenfalls Praktikanten bei MBT.

Das Busproduktionswerk HosȘdere beschäftigt knapp 2.400 Mitarbeiter,

die im Zweischicht-Betrieb dafür sorgen, dass pro Tag

etwa 13 Busse fertiggestellt werden. Gegenstand der Produktion

sind sowohl Reisebusse als auch Stadt- und Überlandbusse der

Marke Mercedes-Benz, wobei das Werk Bestandteil im Produktionsverbund

der EvoBus GmbH ist. Unter EvoBus sind sämtliche

Busproduktionsstandorte des Daimlerkonzerns innerhalb Europas

zusammengefasst, so z. B. auch die Werke in Mannheim und

Ulm sowie weitere Standorte in Tschechien, Frankreich und

Spanien. Ungefähr 65 Prozent der in HoȘdere gefertigten Busse

werden exportiert, überwiegend nach Westeuropa.

Am ersten Arbeitstag traf ich mich zuerst mit meiner Betreuerin

aus der Personalabteilung zwecks Erledigung der nötigen

Formalitäten. Anschließend wurde ich in der Abteilung der Ar-

167


NICOLAS LANGENSIEPEN

beitsvorbereitung (AV) Rohbau und Teilefertigung vorgestellt.

Mein Gruppenleiter erklärte mir in einem einführenden Gespräch

die Unternehmens- und Produktionsstruktur. Er gewährte

mir einen ersten Einblick in die Montagehalle, da ich später

auch in der AV des Bereichs Montage eingesetzt werden sollte.

Die Busproduktion im Werk gliedert sich nämlich in die drei

Bereiche „Rohbau und Teilefertigung“, „Oberfl ächentechnik“

und eben „Montage“, wobei in dieser Reihenfolge auch die Fertigung

abläuft. Jeder Bereich ist in einer eigenen Halle ansässig

und hat auch jeweils eine eigene AV-Abteilung. Die drei Hallen

sind untereinander zum Transport der Busrohbauten durch Tunnel

verbunden. Mein Betreuer aus dem Bereich Rohbau gab mir

in den folgenden Tagen zwei ausführliche Werksführungen und

war auch sonst immer offen für Fragen und Gespräche. Auch

vom Rest der Bürobesatzung wurde ich sehr herzlich aufgenommen.

Ich merkte sehr bald, dass die oft zitierte türkische Gastfreundschaft

mehr als nur ein Schlagwort war. Die Verständigung

mit meinen Kollegen lief großteils auf Deutsch ab, denn

viele von ihnen waren schon einmal in Deutschland gewesen

und daher der deutschen Sprache mächtig. Mit den anderen Mitarbeitern

konnte ich mich auf Englisch bzw. Türkisch unterhalten,

wenn auch letzteres meinerseits nur stark eingeschränkt. Im

Alltag außerhalb des Werkgeländes merkte ich, dass Englisch allein

oft nicht weiterhalf. Daher ist es ratsam, sich zumindest einige

alltagstaugliche Türkisch-Vokabeln anzueignen. Leider hatte

ich keine Möglichkeit, vor oder während des Praktikums einen

Türkisch-Sprachkurs zu besuchen. Deshalb erwarb ich vor meinem

Auslandsaufenthalt mit Hilfe eines Lehrbuches Türkisch-

168


Meine Kollegen und ich

TÜRKEI

Grundkenntnisse. Umso mehr war ich erstaunt, als ich in den

Gesichtern meiner Kollegen regelrechte Begeisterung erkennen

konnte, nur weil ich hin und wieder ein paar Halbsätze in ihrer

Sprache zustande brachte. Immer wieder wurden mir im Büro

landestypische Süßigkeiten, Kaffee oder Tee angeboten. Generell

ist der täglich mehrmalige Genuss von Tee („Çay“) für einen echten

Türken unverzichtbar.

Dies stellte ich fest, als ich einmal eine Layout-Abbildung für

die Seitenwand- und Dachblechproduktion erstellen sollte und

zu diesem Zwecke die Maße jener Bleche für die verschiedenen

Bustypen zusammentragen musste. Hierzu begab ich mich in die

169


NICOLAS LANGENSIEPEN

Produktionshalle und erfragte die benötigten Daten bei den zuständigen

Arbeitern vor Ort – auf Türkisch. Trotz der Verständigungsschwierigkeiten

begegneten mir die Kollegen mit äußerster

Herzlichkeit, was mich begeisterte. Geduldig erklärten sie mir

die Produktionsprozesse, unterbrochen von mehrmaligen Einladungen

zum Tee trinken und Kuchen essen. Sie machten mir

sogar das Angebot, mir für touristische Zwecke eine Kamera auszuleihen,

damit ich mir nicht selbst eine kaufen müsse. Bei solch

einer freundlichen Atmosphäre fi el es dann auch um einiges

leichter, die noch spärlichen Türkisch-Kenntnisse anzuwenden

und auszubauen. Den türkischen Satz für „Das Wörterbuch ist

mein bester Freund“ werde ich sicher nie mehr vergessen. Bis

zum Ende meines Praktikums grüßten mich diese Kollegen aus

der Produktionshalle schon von Weitem, sobald sie mich sahen

– natürlich nicht, ohne mich dann zum Tee einzuladen.

Mit einigen Kollegen aus dem Büro traf ich mich abends zum

Bier und zur Wasserpfeife (ein schönes Erlebnis, obwohl ich

strikter Nichtraucher war und auch geblieben bin). Mit einem

anderen unterhielt ich mich beim Kaffee trinken regelmäßig

über Politik (er als Türke kannte sich besser mit den Institutionen

und der Geschichte der EU aus als ich). Ein weiterer Kollege

zeigte mir und einem meiner Mitbewohner einen Tag lang schöne,

aber weniger bekannte Plätze in Istanbul. Abschließend lud

er uns zu sich nach Hause ein, wo wir mit Kaffee und Kuchen

verköstigt wurden. All diese Erfahrungen waren großartig!

Auch inhaltlich war mein Auslandspraktikum bei MBT sehr

spannend. Meine Aufgaben bestanden im Wesentlichen aus

170


TÜRKEI

verschiedensten Arbeiten am PC: Zum Beispiel gestaltete ich

die zuvor erwähnte animierte Layout-Abbildung für den Bereich

Blechbearbeitung innerhalb der Teilefertigung. Ich erstellte

darüber hinaus eine PowerPoint-Präsentation zu einer Umstrukturierung

in der Montage-Werkshalle. Weiterhin musste

ich mit Hilfe von SAP und MS Excel die Plan-Fertigungszeiten

pro Arbeitsplatz kontinuierlich aufbereiten und auswerten. In

diesem Rahmen entwarf ich auch eine Tabellenkalkulation zur

weitgehenden Automatisierung der Auswertung von Fertigungszeiten.

Eine andere Aufgabe war die Änderung von Stücklisten

in SAP.

Es war generell sehr spannend, hautnah mitzuerleben, wie

aus vielen Rohren und Blechen eine Buskarosserie geformt, diese

dann zum Schutz vor Korrosion in ein riesiges Bad getaucht

und anschließend lackiert wird und wie durch Montage verschiedener

Baugruppen (Motoren, Achsen, Fenster, etc.) letztlich

ein einsatzbereiter, moderner Bus entsteht. Allerdings gab es im

Tagesablauf zwischen den mir übertragenen Aufgaben oftmals

Leerzeiten. Praktikanten aus anderen Unternehmensbereichen

machten ähnliche Erfahrungen. Wahrscheinlich war nicht zuletzt

die große Zahl an Praktikanten ein Grund dafür. Als Konsequenz

daraus würde ich zukünftigen Praktikanten empfehlen,

sich vorzugsweise auf ausgeschriebene Praktikantenstellen zu

bewerben, bzw. bereits vor Beginn des Praktikums mit dem entsprechenden

Betreuer eine genauer eingegrenzte Aufgabe bzw.

ein spezifi sches Projekt zu vereinbaren.

Bei den organisatorischen Angelegenheiten, wie z. B. die Beantragung

einer Aufenthaltserlaubnis oder die Einrichtung eines

171


NICOLAS N ICO LAS LANGENSIEPEN

172


TÜRKEI

türkischen Bankkontos zur Gehaltsauszahlung, fühlte ich mich

durch die Personalabteilung von MBT gut betreut.

Die Arbeitszeiten waren von Montag bis Freitag von 7.30 bis

17.15 Uhr inklusive einer 45-minütigen Pause zur Einnahme des

für Praktikanten kostenlosen und guten Mittagessens in der

Werkskantine. Davon abgesehen konnten aber auch zwischendurch

ohne Probleme weitere Pausen (etwa zum Frühstück) eingelegt

werden. Zusammen mit dem etwa halbstündigen Shuttle-

Transport morgens und abends blieb so allerdings nicht

übermäßig viel Freizeit während der Werktage.

Um die Stadt zu erkunden waren dann die Wochenenden geeignet.

Das lohnte sich auch, denn Istanbul ist schlichtweg atemberaubend.

Eine pulsierende Metropole mit mindestens 12 Millionen

Einwohnern (tatsächlich sind es wohl noch einige mehr), die

Jahrhunderte lang die mächtigste und reichste Stadt der Welt

war. Auch heute ist die Metropole noch von ihrer Geschichte geprägt.

Als einzige Stadt der Welt erstreckt sie sich über zwei Kontinente

und kennt deshalb wohl wie keine andere Stadt das Schiff

als Massentransportmittel. Insbesondere ein nächtlicher Blick

von einer der beiden Bosporus-Brücken auf die beiden „Stadtteile“

während der Überfahrt verschlägt einem die Sprache. Spannend

ist einerseits der Gegensatz zwischen Moderne und Tradition,

andererseits zwischen arabischen und westlichen Einfl üssen.

Während der Muezzin von einer der vielen Moscheen aus zum

Gebet ruft, ist die Starbucks-Filiale gegenüber überfüllt. Vor allem

in den Bosporus-nahen und damit tourismusrelevanten Stadtteilen

kann man sich dabei relativ problemlos auf Englisch und/

173


NICOLAS LANGENSIEPEN

oder Deutsch verständigen. Genau das kann aber auch zum Problem

werden, denn hier passen immer wieder einige Zeitgenossen

arglose Touristen ab, die erst angesprochen und dann ausgenommen

werden sollen. Deshalb gilt: Im Zweifel Abstand halten!

Wenn z. B. ein Schuhputzer seine Bürste fallen lässt, ist das kein

Versehen. Aus eigener Erfahrung muss ich sagen: Ich hätte die

Bürste besser nicht aufgehoben... Selbst Kindern darf man in solchen

Fällen nicht vertrauen, auch wenn sie Papiertaschentücher

oder Wasserfl aschen verkaufen wollen. Wenn man doch zugreift,

macht man am Ende Kinderarbeit lukrativer. Auch diese negativen

Seiten gehören zum Stadtbild. Die zahlreichen Sehenswürdigkeiten

Istanbuls (z. B. die über 1.400 Jahre alte Ayasofya (Hagia-Sophia-Moschee),

der Topkapı-Palast, der bedeckte Basar, der

Mädchenturm im Bosporus, der Galataturm und vieles, vieles

mehr) lassen die Stadt jedenfalls so schnell nicht langweilig werden.

Man kann sie tagsüber ausgiebig erkunden, wofür ein Reiseführer

zu empfehlen ist, und anschließend das Istanbuler Nachtleben

entdecken, das nicht minder beeindruckend wirkt. Vor

allem um den Taksim-Platz gibt es viele gute Ausgehmöglichkeiten

zum Trinken, Tanzen oder Wasserpfeife rauchen. Dort sind

auch spät abends und nachts noch sehr viele Menschen unterwegs,

wie man es in Deutschland kaum kennt. Auch unter diesem

Aspekt wäre es zweifelsohne schön gewesen, eine zentralere Unterkunft

näher am Bosporus zu haben. Aber wie bereits erwähnt,

verlangte mir die Nähe zum Arbeitsplatz eben einen Kompromiss

ab. Dafür ist der Istanbuler ÖPNV sehr kostengünstig. Er

wird überwiegend durch Busse bedient, in zentraleren Stadtteilen

aber auch durch Straßenbahnen, U-Bahnen und Fähren.

174


TÜRKEI

Generell ist das Reisen innerhalb der Türkei per Bus, auf einigen

Strecken auch per Bahn, außerordentlich günstig. Das sollte

man ausnutzen, denn es gibt im Landesinneren einige sehenswerte

Orte mit wunderschöner Landschaft, z. B. die UNESCO

Weltnatur- und Kulturerben Kappadokya in Anatolien oder die

antike Stadt Hierapolis-Pamukkale. Ein Türkei-Aufenthalt eignet

sich zudem hervorragend zum Kauf von Textilien, die wesentlich

billiger sind als in Deutschland. Die meisten Läden, gerade

auch die Supermärkte, haben an sieben Tagen die Woche bis 22

Uhr geöffnet. Die Kosten für Lebensmittel sind vergleichbar mit

denen in Deutschland.

Für Fußball-Fans sei zur Freizeitgestaltung noch angemerkt,

dass pro Spieltag drei Spiele aus der deutschen Fußball-Bundesliga

im türkischen Free-TV live übertragen werden.

Mein persönliches Fazit fällt alles in allem sehr positiv aus, mit

meiner Wahl bin ich im Rückblick voll zufrieden. Ich habe nun

einen anderen Blick auf die Türkei gewonnen. Es ist ein aufstrebendes

Land mit einer sehr jungen Bevölkerung und hohen wirtschaftlichen

Wachstumsraten, weshalb es in Zukunft ein immer

wichtigerer Handelspartner und Absatzmarkt auch für Deutschland

sein wird. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund habe ich

meine Wahl, dort ein Praktikum zu absolvieren, nie bereut. Mein

prägendster Eindruck bleibt aber die Freundlichkeit der Menschen

und die großartige Atmosphäre der Weltstadt Istanbul.

Ein Aufenthalt dort lohnt sich!

175


GESCHE GLOYSTEIN

176


Schwaben und Magyaren –

Praktikum an der

Deutschen Bühne Ungarn

UNGARN

Ich habe von Ende März bis Ende Juni 2010 ein Praktikum an

der Deutschen Bühne Ungarn (DBU) absolviert. Die DBU ist ein

recht kleines Theater mit rund 35 Angestellten. Es ist das einzige

Theater mit festem Ensemble im Kommitat 1 Tolnau und zugleich

das einzige deutschsprachige Theater in Ungarn.

Ungarn – ein Land, das in seiner Kultur viele Einfl üsse vereint,

u.a. europäische und ottomanische, faszinierte mich schon seit

Längerem. Außerdem hatte ich eine private Verbindung zu diesem

Land, da ich bereits häufi ger sowohl in Ungarn als auch in

den angrenzenden Gebieten, in denen eine größere ungarische

Minderheit lebt, gewesen war. Ich hatte bereits vor einiger Zeit

begonnen, die ungarische Sprache zu erlernen. Auch die Kultur

der Ungarndeutschen, die noch heute ihre Traditionen und Sprache

pfl egen, zum Beispiel durch die Unterhaltung eines deutschen

Theaters in der kleinen Stadt Szekszárd in Südungarn, interessierte

mich sehr. Deshalb beschloss ich, ein Praktikum in

Ungarn zu absolvieren: Ein Praktikum war nicht nur eine ideale

Möglichkeit mit den Menschen meines Gastlandes zusammenzuarbeiten,

auch konnte ich dadurch aus meinem Heimatland und

1 Deutsche Bezeichnung für die regionalen Verwaltungseinheiten Ungarns

177


GESCHE GLOYSTEIN

meinem Studienalltag herauskommen. Es schien mir der beste

Weg, um Land, Leute und Sprache kennenzulernen.

Die Wahl meines Gastlandes war also schnell getroffen und

bildete den Ausgangspunkt für die Suche nach einer geeigneten

Institution. Jedoch hat nicht zuletzt auch die Arbeitssprache meine

Wahl der Institution für ein Praktikum geprägt: Im Vorfeld

des Praktikums belegte ich noch einen Intensivsprachkurs Ungarisch

an der Universität Göttingen. Im Rahmen dessen gab es

auch Landeskunde-Stunden, in denen man mit ungarischen Besonder-

und Eigenheiten sowie ungarischer Geschichte vertraut

gemacht wurde. Da mein Ungarisch jedoch noch weit davon entfernt

war, im Berufsalltag bestehen zu können, erschien es mir

bei der Wahl eines Praktikumsplatzes als ein guter Kompromiss,

mich an Einrichtungen der deutschsprachigen Minderheit zu orientieren.

Ich habe mich bei der DBU initiativ beworben, weil ich zusätzlich

zu den vorgenannten Gründen auch meine Erfahrungen

in der Theaterarbeit vertiefen und neue Erfahrungen sammeln

wollte. Die DBU bot mir ein dreimonatiges Praktikum im Bereich

Kulturmarketing und Organisation an. In meiner Zeit hier

habe ich mir aber auch weitere Aufgaben in den Bereichen Dramaturgie

und Theaterpädagogik erschlossen. Dies erlaubte es

mir, sowohl in Bereichen zu arbeiten, die mir neu waren, als

auch in Bereichen, die mir aufgrund meines Studiums und bisheriger

Praktika vertrauter waren.

Es war gut, frühzeitig mit der Organisation des Auslandsaufenthaltes

anzufangen. Die Beurlaubung von der Universität, die

Bewerbung für ein ERASMUS-Praktikumsstipendium, die Orga-

178


UNGARN

nisation sowohl einer Wohnung im Gastland als auch der eigenen

Wohnung am Studienort müssen neben dem allgemeinen

Studien- und Prüfungsstress bewältigt werden. Man sollte hierbei

nicht unterschätzen, dass es eine gewisse Zeit dauert, bis alle

relevanten Dokumente (ERASMUS-Bewerbung; Bestätigung der

Praktikumsstelle von Seiten der Gastinstitution für die Beurlaubung

von der Universität) per Post verschickt und bearbeitet

worden sind. Deshalb ist es ratsam, diese als erstes in Angriff zu

nehmen, damit man nicht aufgrund von unglücklichen Verzögerungen

Fristen für die Abgabe verpasst.

Von Deutschland aus gestaltete sich die Suche nach einer Unterkunft

eher schwierig. Es ist in Ungarn im Allgemeinen nicht üblich

zur Miete zu wohnen; viele besitzen Eigentumswohnungen.

Studierende wohnen oft während ihres Studiums zu Hause oder

bei Verwandten. Nur in den größeren Städten kann man Glück

haben und ein freies Zimmer in einer Wohngemeinschaft fi nden.

In Szekszárd gibt es zwar eine Hochschule, dennoch wohnt

die Mehrheit der Studierenden bei der Familie.

Auch meine mangelnden Sprachkenntnisse haben die Suche

erschwert. Da das Ungarische in keiner Weise mit den romanischen

Sprachen verwandt ist, kann man nichts ableiten. Es ist

deshalb ohne solide Kenntnisse der Sprache oder der Hilfe von

Sprachkundigen kaum möglich, eine Wohnung über das Internet

zu fi nden. Ich hatte glücklicherweise zum einen Hilfe von

meiner Ungarisch-Lehrerin, die Verwandtschaft in der Gegend

hatte und diese bat, in der Zeitung nach Angeboten zu schauen.

Zum anderen bat ich parallel dazu eine ungarische Bekannte,

179


GESCHE GLOYSTEIN

sich für mich umzuhören. Letztendlich habe ich dann über sie

– und um viele verwandtschaftliche Ecken herum – eine sehr

schöne kleine Wohnung zur Zwischenmiete gefunden. Dies verrät

schon einiges über die Wege, die das Leben in Ungarn oft

nimmt. Die Familie spielt eine sehr wichtige Rolle im Alltagsleben,

und vieles passiert auch unter der Hand oder auf Umwegen,

die niemand vermutet hätte. Allein aus der Ferne hätte das wohl

nicht geklappt! Das Theater bot bei der Wohnungssuche auch

auf mehrmalige Anfragen hin leider keine Unterstützung. Erst

etwa drei Wochen vor Beginn des Praktikums erkundigte sich

das DBU, ob ich noch Hilfe bräuchte. Zum Glück hatte ich die

andere Wohnung zu diesem Zeitpunkt schon gefunden.

Ich denke, in größeren Städten mit vielen Studierenden ist es

einfacher, ein Zimmer oder eine Wohnung zur Zwischenmiete

zu fi nden, aber in einer kleinen Stadt ist man auf Kontakte angewiesen.

Szekszárd hat etwa 30.000 Einwohner und liegt im Süden Ungarns.

Es gibt einen großen Supermarkt, ein Kino, ein Kulturzentrum

und das DBU. Am Wochenende ist es fast wie ausgestorben,

viele der Bewohner verbringen die freien Tage auf ihren

Grundstücken an Weinbergen in der Nähe oder fahren zu Verwandten.

Auch viele meiner jungen Kollegen fuhren am Wochenende

sehr häufi g zu ihren Eltern bzw. ihrer Verwandtschaft.

Außerdem ist Szekszárd und die Region Sarköz das Zentrum der

ungarndeutschen Bevölkerung Ungarns. Bis heute fällt es mir

schwer das Ungarndeutschtum zu greifen wie es auch der Minderheit

selbst schwer zu fallen scheint, ein Profi l abzustecken.

180


UNGARN

181


GESCHE GLOYSTEIN

Dennoch werden die schwäbischen Wurzeln mit Hingabe gepfl

egt. Beim Pfi ngstfest spielt eine Blaskapelle auf und schwäbische

Volkstänze werden in Trachten getanzt. Gerade in den benachbarten

Ortschaften gibt es noch einige ungarndeutsche

Dörfer. Der Besuch eines Friedhofs ist aufschlussreich: Die alten

Steine tragen Namen, die sehr deutsch klingen. Und das ist

schon merkwürdig, mitten in Südungarn in einem Dorf zu stehen

und überall mit den Menschen auf Deutsch reden zu können!

Aber auf der anderen Seite nimmt dies auch langsam ab,

meist spricht nur die ältere Bevölkerung noch Deutsch. Auch die

Namen auf den Steinen und an den Türschildern spiegeln den

Übergang von deutsch zu ungarndeutsch und ungarisch wider.

Aus Franz Weiß wurde Ferenc Weisz und irgendwann Ferenc

Feher.

Aufgrund der im Theaterbetrieb variierenden Arbeitszeiten sowie

häufi gen Veranstaltungen oder Probentagen am Wochenende

war mein Alltag in Ungarn oft schlecht planbar – und auch

insgesamt eher ruhig. Da Szekszárd sehr klein ist, erreicht man

alles gut zu Fuß oder mit dem Rad. Mein Weg zur Arbeit dauerte

nicht länger als zehn Minuten. Auch abends habe ich mich auf

den gut beleuchteten Straßen immer sicher gefühlt. Diese Beschaulichkeit

bedeutete jedoch nicht, dass es langweilig war. Oft

habe ich Vorstellungen im Theater besucht und danach mit meinen

Kollegen etwas unternommen. An vielen Wochenenden gab

es kleinere oder größere Volksfeste. Alternativ konnte man sehr

günstig und schnell in eine größere Stadt fahren. Die Busverbindungen

waren generell gut: Für rund 10 Euro kam man in zwei

182


UNGARN

Stunden nach Budapest oder für rund 5 Euro in einer Stunde

nach Pécs – eine der Kulturhauptstädte Europas im Jahr 2010.

Der letzte Bus fuhr jedoch immer schon um kurz nach 20 Uhr, so

dass ein Besuch von Veranstaltungen im Rahmen der Kulturhauptstadt-Programme

am Abend unmöglich war. Dennoch

habe ich die freien Wochenenden genutzt und viele Städte besucht.

Eine weitere Freizeitmöglichkeit war eine Fahrt ins Grüne

am nahe gelegenen Stadtrand. Dorthin habe ich oft mit Kolleginnen

nach der Arbeit noch eine Radtour unternommen. In der

verbleibenden Freizeit habe ich mich mit Hilfe von Kinderbüchern

und Comics bemüht, weiter Ungarisch zu lernen. Da die

Arbeitssprache am Theater Deutsch war, lag es an mir selbst,

mich darum zu kümmern, die Sprache weiter zu lernen. Dennoch

gibt es in den Geschäften, mit den Nachbarn oder auf der

Straße immer Möglichkeiten, seine Kenntnisse zu erproben, was

auch immer sehr positiv aufgenommen wurde. Ich habe mir angewöhnt,

immer ein kleines Vokabelheft bei mir zu haben, um

neue Wörter zu notieren.

Das Praktikum an der DBU bewerte ich im Allgemeinen als sehr

gut für meine berufl iche und persönliche Entwicklung. Da ich

sowohl in Bereichen arbeiten konnte, in denen ich schon Erfahrung

hatte, als auch hauptsächlich in Bereichen, die mir noch

fremd waren, konnte ich einerseits eigene Kenntnisse erweitern

und für die Theaterarbeit gewinnbringend einsetzen, andererseits

auch viel Neues lernen. Die Arbeitszeit ging generell von 10

bis 18 Uhr. Dennoch gab es immer wieder Termine am Wochenende

oder Vorstellungen und Premieren zu späteren Uhrzeiten.

183


GESCHE GLOYSTEIN

Da die Verschiebungen der festen Arbeitszeit teilweise sehr

spontan kamen, war es nicht immer einfach, seine verbleibende

freie Zeit zu organisieren. Sehr bedauerlich, dass das geplante

Festival, für dessen Organisation und Marketingbetreuung ich

zunächst eingeplant war, aus fi nanziellen Gründen abgesagt

werden musste. Daher habe ich meinen Tätigkeitsbereich über

den Marketingbereich hinaus hin zu dramaturgischen und theaterpädagogischen

Tätigkeiten erweitern können. Ich habe zum

Beispiel Programmhefte mitgestaltet und Texte geschrieben, Videos

als Werbematerial geschnitten und bei der diesjährigen

Produktion der Laientheatergruppe mitarbeiten können.

Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass ich meinen Aufenthalt

hier in Ungarn auf allen Ebenen als sehr gewinnbringend empfunden

habe. Ich denke auch, dass nicht nur ich selbst an Erfahrung

etwas mitnehmen konnte, sondern dass ich auch durch

produktive Mitarbeit etwas dort lassen konnte. Eine der sehr guten

Erfahrungen war, dass trotz kultureller Unterschiede ein guter

Austausch zustande kam und ich meine interkulturelle Kompetenz

erweitern konnte. Ich habe viele neue Impulse erhalten

und auch zurückgeben können, vor allem in Ansätzen der Marketingarbeit

und der Theaterpädagogik.

Herausforderungen gab es hingegen in der Kommunikation.

Beispielsweise hatte ich den Eindruck, als Deutsch-Muttersprachlerin

die ungarischen und ungarndeutschen Kollegen in manchen

Situationen hinsichtlich ihrer eigenen Sprachkompetenz

zu verunsichern. Auch war es zunächst für mich als Praktikantin

nicht einfach, innerhalb des Gefüges der DBU eine Kommunika-

184


UNGARN

tionsebene zu fi nden. In Ungarn sind Praktika nicht so etabliert

und üblich wie vergleichsweise in Deutschland. So war zunächst

nicht klar, was von mir als Praktikantin erwartet wurde, wie viel

ich selbst einbringen konnte und durfte. Da gerade am Anfang

nicht klar defi niert wurde, wie meine Aufgaben in welchem Bereich

genau aussehen würden, war es etwas schwierig, das richtige

Maß an Eigeninitiative zu fi nden. Dazu muss man wissen,

dass die ungarische Gesellschaft im Kontrast zur deutschen eher

kollektivistisch als individualistisch geprägt ist. Dies führt zu einer

viel indirekteren Kommunikation, mit welcher man erst umgehen

lernen muss. Schnell wirkt man durch „deutsche Sachlichkeit“

zu forsch. Diese Erfahrung der eigenen Unsicherheit in der

Kommunikation war schwierig, hat mich aber im Positiven her-

185


GESCHE GLOYSTEIN

ausgefordert. Gerade am Anfang hätte ich mir allerdings schon

etwas klarere Aufgabenstellungen gewünscht. Schwierig war

auch, dass ich keinen festen Arbeitsplatz bekam und gebeten

wurde, meinen eigenen PC zur Arbeit mitzubringen. Erst nach

und nach konnte ich mir einen festen Platz im Büro erobern.

An meiner Universität können alle Studierenden, welche die

Möglichkeit eines studienbezogenen Auslandsaufenthaltes nutzen,

ein sogenanntes Zertifi kat für interkulturelle Kompetenz

(ZIKK) erwerben. Das extra-curriculare Angebot regte mich dazu

an, über meine eigene Sozialisation und die Unterschiede zur

ungarischen Kultur nachzudenken. Diese Refexion erleichterte

mir während meines Praktikumsaufenthaltes den Umgang mit

der für mich ungewohnten ungarischen Kommunikation. Ich

konnte dadurch einen Weg fi nden, mich besser im berufl ichen

und privaten Alltag einzubringen.

Für mein weiteres Studium nehme ich ebenfalls neue Impulse

mit. Ich möchte auf jeden Fall weiter an meinem Ungarisch

arbeiten. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dorthin auszuwandern,

dennoch möchte ich mein Wissen über Ungarn und die

angrenzenden Länder erweitern und nach Möglichkeit in den

kommenden Semestern und in meinen zukünftigen Projekten

auch einen Fokus auf Osteuropa legen. Um über eine berufl iche

Perspektive nachzudenken, ist es für mich noch zu früh. Ich will

Kultur machen und vermitteln, nach Möglichkeit mit Anschluss

an Europa und mit Anknüpfungspunkten zu anderen Ländern

und Kulturen. Es war eine spannende Erfahrung, zu erkennen

wie unterschiedlich die ungarische Kultur von der deutschen ist.

186


UNGARN

Oberfl ächlich erschien es mir zunächst gar nicht so, es ist ja

schließlich Europa… Gut, es gibt die viel diskutierten Unterschiede

zwischen „Ost“ und „West“, aber so anders kann es schon

nicht sein, dachte ich. Wie hätte ich wissen können, dass ich in

einen ganz anderen Kosmos von Umgangsformen und Werten

eintauchen würde, die denen meiner eigenen Sozialisation zwar

noch ähnlich sind, aber dann auch wieder so anders, dass man

erst lernen muss, sich darin zu bewegen. Und ich bin froh, dabei

einigen Lernerfolg verbucht haben zu können.

187


GENERATION ERASMUS

ERASMUS-Praktika –

Informationen zum Programm

Überblick und Intentionen des Programms

Das ERASMUS-Programm hat sich zum wohl weltweit größten

Programm zur Förderung der grenzüberschreitenden Mobilität

von Lernenden und Lehrenden im Hochschulbereich entwickelt.

Mit einer Beteiligung von über 4.000 Hochschulen aus 31 europäischen

Staaten sowie bisher über 2,2 Millionen geförderten

Studierenden und mehr als 250.000 Dozenten und anderem

Hochschulpersonal ist es eine der großen Erfolgsgeschichten der

Europäischen Union. Als wichtiges Instrument der Internationalisierung

der europäischen und gerade auch der deutschen Hochschulen

trägt ERASMUS wesentlich zur Ausgestaltung des europäischen

Hochschulraums im Rahmen des Bologna-Prozesses

bei. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) nimmt

in Deutschland seit 1987 im Auftrag des Bundesministeriums

für Bildung und Forschung (BMBF) die Aufgaben einer Nationalen

Agentur für ERASMUS (NA-DAAD) wahr.

Seit 2007 werden im Rahmen des Bildungsprogramms der Europäischen

Union – dem Programm für Lebenslanges Lernen (LLP)

– auch Auslandspraktika für Studierende über das ERASMUS-

Programm in Europa gefördert. Diese Förderlinie gibt den Studierenden

die Möglichkeit, Arbeitserfahrung in einem internati-

188


INFORMATIONEN ZUM PROGRAMM

onalen Umfeld zu sammeln und die Erfordernisse eines

EU-weiten Arbeitsmarktes kennenzulernen. Sie können Schlüsselqualifi

kationen wie Toleranz, Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit

erwerben sowie ihre Kenntnisse über andere

(Unternehmens-)kulturen und Märkte erweitern. Viele Arbeitgeber

sehen Auslandspraktika als unverzichtbaren Bestandteil der

Ausbildung an, der zur Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit

und der Berufschancen beiträgt.

Ein Praktikum im Ausland trägt jedoch nicht nur zur Bereicherung

der akademischen und berufl ichen Bildung der Studierenden

bei, sondern verbessert Fremdsprachenkenntnisse und

interkulturelle Kompetenzen. Der Aufenthalt in einer fremden

Umgebung fördert auch die eigene Selbstständigkeit und Persönlichkeitsentwicklung.

Durch ihre Erfahrungen können die

Studierenden zudem ein besseres Gespür dafür entwickeln, was

es heißt, ein Bürger Europas zu sein.

Die Europäische Kommission möchte mit der Förderlinie

ERASMUS-Praktika zudem die Zusammenarbeit zwischen

Hochschulen und Wirtschaft bzw. der Arbeitswelt in Europa fördern

und die Entwicklung von gut ausgebildeten, weltoffenen

und interkulturell erfahrenen jungen Personen als zukünftige

Fachkräfte unterstützen.

Seit der Integration von Praktika in das ERASMUS-Programm

im Jahre 2007 hat sich diese Förderlinie als sehr attraktive Möglichkeit

von Auslandsmobilität entwickelt. Seit dem ersten Förderjahr

2007/08 hat sich die Zahl der ERASMUS-Praktika von

20.002 auf 30.375 im Jahre 2008/09 erhöht. Auch für 2009/10

189


GENERATION ERASMUS

wird eine Steigerung der Mobilitätszahlen erwartet. Trotz anfänglicher

Schwierigkeiten bei der Umstellung auf Bachelor- und

Masterstudiengänge gehen, aufgrund der starken Nachfrage bei

den Studierenden und den Anforderungen des Arbeitsmarktes,

mehr und mehr Hochschulen dazu über, Praktika als Pfl ichtbestandteile

der Ausbildung in die Curricula zu integrieren bzw.

Mobilitätsfenster für freiwillige Praktika zu ermöglichen. Eine

weitere Öffnung der Curricula werden sowohl von der Europäischen

Union und dem DAAD als auch von Arbeitgebern begrüßt

und forciert.

190


INFORMATIONEN ZUM PROGRAMM

191


GENERATION ERASMUS

Leistungen und Förderbedingungen

auf einen Blick

Zur Förderung eines Auslandspraktikums bietet das ERASMUS-

Programm sowohl fi nanzielle Beihilfe als auch organisatorische

Unterstützung an.

Leistungen:

• Monatlicher Zuschuss von bis zu 400 Euro

• Unterstützung bei der Vorbereitung des Auslandspraktikums

• Begleitung während des Praktikums durch je einen Ansprechpartner

an der Heimathochschule und in der aufnehmenden

Einrichtung

• Möglichkeit der Inanspruchnahme eines EILC-Intensivsprachkurses

1 für seltener gesprochene und unterrichtete Sprachen

• EU-Praktikumsvertrag zwischen Hochschule, aufnehmender

Einrichtung und Studierenden („ERASMUS Training Agreement“)

• Anerkennung der im Ausland erbrachten Leistungen (z. B.

ECTS 2 , Eintrag in das Diploma Supplement, aussagekräftiges

Unternehmenszeugnis, Europass)

1 ERASMUS Intensive Language Courses (EILC), siehe auch: http://eu.daad.de/eu/llp/

vorbereitende-sprachkurse/09370.html

2 European Credit Transfer and Accumulation System (ECTS)

192


LEISTUNGEN UND FÖRDERBEDINGUNGEN

• Studierende mit Behinderung oder mit Sonderbedürfnissen

(„special needs“) können Sondermittel beim DAAD zur Deckung

ihrer im Ausland entstehenden Mehrkosten beantragen

Bedingungen:

• Förderung von Vollzeit-Praktika (sowohl freiwillige als auch

Pfl ichtpraktika)

• Praktikumsdauer: 3 bis 12 Monate

• Teilnahmeländer sind die 27 Staaten der EU sowie Norwegen,

Island, Liechtenstein, die Türkei sowie ab 2011 Kroatien und

die Schweiz

• Förderbar sind Praktika in fast allen Bereichen bzw. Institutionen;

von einer Förderung ausgeschlossen sind nur EU-Institutionen

bzw. Institutionen, die EU-Programme verwalten sowie

Botschaften und konsularische Einrichtungen der Herkunftsländer

der Studierenden

Zielgruppe:

• Studierende ab dem ersten Studienjahr in allen Studienzyklen

bis einschließlich der Promotion

• Studierende müssen an einer deutschen Hochschule, die im

Sinne des ERASMUS-Programms förderfähig ist und über eine

erweiterte ERASMUS University Charta (EUC) verfügt, ordentlich

immatrikuliert sein

193


GENERATION ERASMUS

• Neben Deutschen und Staatsangehörigen eines ERASMUS-

Teilnahmelandes können auch Staatsangehörige von Drittstaaten

am ERASMUS-Programm teilnehmen, die ein (vollständiges)

Studium in Deutschland absolvieren, das zu einem

anerkannten Abschluss führt

194


BEWERBUNG UND VORBEREITUNG

Bewerbung und Vorbereitung

Bewerbung

Bewerbungen für einen ERASMUS-Zuschuss für Praktika sind

direkt an die eigene Hochschule oder an das Praktika-Konsortium,

dem die eigene Hochschule angehört, zu richten. Von Ihrer

Heimathochschule erhalten Sie weitere Informationen und Beratung

zu ERASMUS-Praktika, Unterstützung bei der Praktikumssuche,

zum Bewerbungsverfahren und zu den Antragsfristen,

in der Regel bei den Akademischen Auslandsämtern oder

den ERASMUS-Koordinatoren der Hochschulen:

http://eu.daad.de/eu/kontakt/05342.html

Für den Lebenslauf wird die Nutzung des Europass-Lebenslaufs

empfohlen: http://www.europass-info.de

Internetportal eu-community:

Eine wichtige Quelle zur Vorbereitung und Planung des Auslandsaufenthaltes

ist das DAAD-Portal für ERASMUS-Praktikanten

eu-community (http://eu-community.daad.de). Es bietet die

Möglichkeit einer interkulturellen Online-Vorbereitung, umfassende

Länderinformationen sowie Tipps und Erfahrungsberichte

für deutsche Outgoing-Studierende:

195


GENERATION ERASMUS

• Informationen zur Organisation, Finanzierung und

Bewerbung für Praktika im europäischen Ausland

• E-Learning zur interkulturellen Vorbereitung auf den

Auslandsaufenthalt

• Praxisnahe Länderinformationen

• Betrachtung des Ziellandes aus interkultureller Perspektive

• Erfahrungsberichte von ehemaligen ERASMUS-Praktikanten

• Kontaktaufnahme mit ehemaligen, gegenwärtigen und zukünftigen

Stipendiaten im eu-community-Forum

• Tipps und Tricks von Alumni und Länderexperten im Chat

• Interkultureller Newsletter

• Weiterführende Links zum Thema Auslandsaufenthalt

• Erstellung eines eigenen Benutzerprofi ls

• Bildergalerie

Interkulturelle Vorbereitung

Ein wichtiger Aspekt, den man im Bewerbungs- und Organisationsstress

nicht vergessen sollte, ist neben der sprachlichen

auch die interkulturelle Vorbe reitung auf das Gastland. Viele

Studierende waren bereits mehrfach im Ausland, ob im Urlaub,

während eines Au-pair-Aufenthaltes oder für ein Auslandsstudium

und sind interkulturell bereits versiert. Jedoch sollte man

nicht vergessen, dass eine Vorbereitung auf ein Auslandspraktikum

nicht nur bedeutet, sich auf die neue Kultur des Gastlandes

einzulassen, sondern auch auf fremde Unternehmenskulturen.

Der angemessene Umgang damit stellt für viele eine neue Herausforderung

dar. Praktikant zu sein heißt zudem nicht nur, eine

196


BEWERBUNG UND VORBEREITUNG

197


GENERATION ERASMUS

neue Kultur kennen und verstehen zu lernen, sondern immer

auch Botschafter der eigenen Kultur zu sein. Grundvoraussetzung

dafür ist es zunächst, sich seiner eigenen Kultur bewusst

zu werden und zu wissen, wie man von anderen Kulturen wahrgenommen

wird. Viele Organisationen, Hochschulen und andere

Institutionen bereiten ihre Praktikanten deshalb umfassend

interkulturell vor. Außerdem gibt es viele E-Learning-Angebote

und Online-Module, um sich umfassend interkulturell vorzubereiten.

Fragen Sie am besten an Ihrer Hochschule nach, welche

Angebote es speziell für eine solche Vorbereitung gibt.

198


STATISTIKEN, ENTWICKLUNGEN UND TRENDS

ERASMUS-Praktika –

Statistiken, Entwicklungen

und Trends

Die Förderlinie Praktika gibt es erst seit 2007 im ERASMUS-

Programm. Zur Implementierung des Programms und zur Qualitätssicherung

von ERASMUS-Praktika ist eine kontinuierliche

Evaluation der Praktika durch die Hochschulen und Konsortien,

aber auch durch die Nationale Agentur für EU-Hochschulzusammenarbeit

im DAAD unerlässlich.

Eine statistische Auswertung der Praktika durch den DAAD erfolgt

über die von der Europäischen Kommission vorgegebenen

Praktikumsberichtsformulare. Nach Abschluss des Praktikums

müssen die Studierenden einen Bericht über ihr Auslandspraktikum

erstellen. Der Bericht besteht aus einem Textteil (Erfahrungsbericht)

und einem Fragenbogen. Die Erstellung des Berichtes erfolgt

online über die vom DAAD entwickelte Internet-Plattform

eu-community (http://eu-community.daad.de).

Dieser Fragebogen ist Gegenstand der folgenden Auswertung:

Insgesamt wurden 5.325 Fragebögen evaluiert, die von den

ERASMUS-Praktikanten in der Zeit vom 1. Mai 2009 bis zum 18.

August 2010 in die eu-community eingegeben worden sind. Aus

diesen Statistiken lassen sich Entwicklungen und Trends ablei-

199


GENERATION ERASMUS

ten, die aufschlussreiche Informationen über das Mobilitätsverhalten

der Studierenden und die Weiterführung der Förderlinie

ERASMUS-Praktika geben.

Die Zahl der deutschen Studierenden, die über ERASMUS ein

Auslandspraktikum absolvierten, stieg von 2.733 im ersten Förderzeitraum

2007/08 auf 4.487 im Förderzeitraum 2008/09 an.

Für das gerade abgeschlossene akademische Jahr 2009/10 wird

ein Anstieg auf ca. 5.000 Praktika prognostiziert.

Die mit Abstand beliebtesten Praktikumsländer waren Großbritannien

(1.114), Spanien (1.041) und Frankreich (766), in denen

55 % aller Praktikumsaufenthalte im ERASMUS-Programm absolviert

wurden. Im Gegensatz zum ERASMUS-Auslandsstudium,

wo Spanien an erster Stelle steht, ist bei den Auslandspraktika

Großbritannien die Nr. 1 vermutlich auch, da die

Studiengebühren befreiung bei den Praktika keine Rolle spielt.

Beliebt sind jedoch auch Praktika in Österreich, Italien, den Niederlanden,

Belgien, Irland und Schweden. Auch wenn Praktika

in den neuen EU-Ländern 1 und der Türkei relativ gesehen bei

den deutschen Praktikanten immer noch einen geringeren Stellenwert

haben (9,1 %), sind Praktika in die Türkei (112), nach

Polen (99), Tschechien (78) und Ungarn (46) jedoch nicht mehr

die Ausnahme und zeigen ein steigendes Interesse an diesen

Ländern als Praktikumszielland.

1 Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Malta, Polen, Rumänien, Slowakei, Slowenien,

Tschechien, Ungarn und Zypern.

200


Zielländer

n = 5.325

AT

BE

BG

CY

CZ

DK

EE

ES

FI

FR

GR

HU

IE

IS

IT

LI

LT

LU

LV

MT

NL

NO

PL

PT

RO

SE

SI

SK

TR

UK

18

2

78

85

12

7

22

STATISTIKEN, ENTWICKLUNGEN UND TRENDS

75

32

46

226

11

268

5

13

37

9

33

256

127

99

55

32

112

280

245

219

766

1. 041

1. 114

0 500 1000 1500

201


GENERATION ERASMUS

Die meisten Praktika wurden in den Bereichen Betriebswirtschaft

und Unternehmensführung, Ingenieurwissenschaften

und Technik sowie in den Naturwissenschaften absolviert. Damit

sind ebenso wie beim Auslandsstudium die Studierenden

der wirtschaftswissenschaftlichen Studiengänge (21 %) am mobilsten.

Jedoch belegen die oft als weniger mobil beschriebenen

Studierenden der Ingenieurwissenschaften und technischen

Studiengänge (14 %) sowie die Naturwissenschaftler (8 %) bei

Fachrichtungen

n = 5.325

202

Sonstige Studienbereiche

Sprachen und Philologien

Sozialwissenschaften

Rechtswissenschaften

Naturwissenschaften

Medizinwissenschaften

Mathematik, Informatik

Kunst und Gestaltung

Kommunikations- und

Informationswissenschaften

Ingenieurwissenschaften, Technik

Geographie, Geologie

Geisteswissenschaften

Erziehungswesen, Lehrerausbildung

Betriebswirtschaft, Unternehmensführung

Architektur, Stadt und Regionalplanung

Agrarwissenschaften

73

36

84

263

214

195

175

31

313

303

289

401

369

683

756

1. 140

0 500 1000 1500


STATISTIKEN, ENTWICKLUNGEN UND TRENDS

den ERASMUS-Praktika den zweiten und dritten Platz und verweisen

die Geisteswissenschaftler (7 %), die Sozialwissenschaftler

(6 %) und die Studierenden der Medizinwissenschaften (6 %)

auf die Plätze vier, fünf und sechs. Hier zeigt sich, dass Auslandspraktika

als Mobilitätsinstrument eine sinnvolle Ergänzung zu

Auslandsstudienaufenthalten darstellen, da dadurch Studierende

in sonst weniger auslandsorientierten Studiengängen für eine

Auslandserfahrung gewonnen werden können.

Erstmalig absolvieren mehr Studierende in den modularisierten

Studiengängen Auslandspraktika (52 %) als in den „alten“ Diplom-,

Magister- oder Lehramtsstudiengängen. Der Anteil der Studierenden

in diesen Studiengängen, die ein Auslandspraktikum

mit ERASMUS absolvierten, liegt jedoch mit 48 % immer noch

sehr hoch, wenn man bedenkt, dass bereits ca. 80 % aller Studiengänge

in Deutschland umgestellt sind. Dies stellt weiterhin

eine Unsicherheit bei der Prognostizierung von Entwicklungen

der Auslandsmobilität im Bereich ERASMUS-Praktika dar.

Ausbildungsstand

n = 5.325

2.557

(48 %)

21 (0,4 %) 579 (10,9 %)

25 353 136

(0,5 %) (6,7 %) (2,5 %)

1.654

(31 %)

Bachelor 1. Jahr

Bachelor 2. Jahr

Bachelor 3. Jahr

Master 1. Jahr

Master 2. Jahr

Promotion

sonstiges

203


GENERATION ERASMUS

Motivation für ein Auslandspraktikum

Bei den Studierenden liegen verschiede Motive zur Durchführung

eines Praktikums im Ausland zugrunde. Dabei stehen berufl

iche Interessen und der Erwerb weiterführender Kompetenzen

an erster Stelle: So gaben 1.084 Studierende als Hauptmotiv

ein Auslandspraktikum zu absolvieren, berufl iche Pläne/Steigerung

der späteren Wettbewerbsfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt an

(20 %), dicht gefolgt von dem Wunsch, neue berufl iche Kompe-

Aus welchen Gründen strebten Sie einen Praktikumsaufenthalt

im Ausland an?

n = 5.325

131

764

(2,5 131 %) 87 (1,5 %)

(14,3 764%)

908 (17 %)

112 (2,2 112 %)

204

361 (6,9 361 %)

27 (0,5 27 %)

411 (7,7 411 %)

474

(8,9 %)

Akademische (Pflichtbestandteil des

Curriculums)

Berufliche Pläne/Steigerung der späteren

Wettbewerbsfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt

Erwerb neuer beruflicher Kompetenzen und

Fähigkeiten

Erwerb von Berufserfahrung

966 (18,1 %)

Europäische Erfahrung

Freunde im Ausland

im Ausland leben

kulturelle

1. 084 (20,4 %)

Sprachkenntnisse erweitern

Unabhängigkeit/Selbständigkeit

andere*

* andere: z. B. Kontakte knüpfen; Vorbereitung auf Diplomarbeit; Erkennen der Eignung

für längere Auslandsaufenthalte


STATISTIKEN, ENTWICKLUNGEN UND TRENDS

tenzen und Fähigkeiten zu sammeln (18 %). Aufgrund eines verpfl

ichtenden Praktikums ein Auslandspraktikum anzustreben

(Pfl ichtbestandteil des Curriculums), nannten die Studierenden

nur als drittwichtigstes Motiv (17 %).

Der Erwerb von Sprachkenntnissen stand für 14 % der Studierenden

im Vordergrund. Aber auch einfach eine europäische Erfahrung

zu machen (8 %) oder im Ausland zu leben (7 %) war

für viele Studierende wichtigstes Kriterium für die Wahl eines

Auslandspraktikums.

Vorbereitung auf den Auslandsaufenthalt

Eine umfassende Vorbereitung auch von Seiten der Studierenden

ist eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg des Auslandsaufenthaltes.

Die rechtzeitige Suche nach einem Praktikumsplatz,

einer Unterkunft und vor allem auch nach Fördermöglichkeiten

garantieren in der Regel eine unkomplizierte Durchführung

des Vorhabens. Die Studierenden sollten dafür ca. sechs bis

zwölf Monate einplanen.

Bei der Suche nach dem passenden Praktikumsplatz sollten die

Studierenden auf jeden Fall ausreichend Eigeninitiative zeigen,

wobei die Hochschulen und Konsortien zur Unterstützung bei

der Praktikumssuche zur Verfügung stehen. Viele Hochschulen

bieten zudem Bewerbungstrainings oder andere Unterstützung

bei der Erstellung der Bewerbungsunterlagen an, da dies für die

Studierenden auch eine Hilfe bzw. Voraussetzung für die spätere

205


GENERATION ERASMUS

Arbeitsplatzsuche darstellt. In der vorliegenden Auswertung

suchten sich 55 % der Studierenden ihren Praktikumsplatz

selbst. 21 % fanden den Praktikumsplatz über ihre Heimathochschule,

2 % fanden ihn direkt durch die Gasteinrichtung und 3 %

nahmen Mittlerorganisationen für die Praktikumssuche in Anspruch.

Hier wird seitens des DAAD eine weiterführende Unterstützung

durch die entsendende Einrichtung angestrebt, da es

trotzdem 29 % der Studierenden als schwierig oder sehr schwierig

erachteten, einen passenden Praktikumsplatz zu fi nden.

Auch bei der Suche nach einer Unterkunft wird eine Unterstützung

gewünscht, hier besonders durch die aufnehmende Einrichtung.

Knapp 31 % der Studierenden fanden durch ihr

Gastunternehmen eine Unterkunft, für 13 % der Studierenden

stellten die Gastunternehmen direkt eine Unterkunft bereit.

Meist genutztes Tool bei der Suche nach einer Unterkunft ist jedoch

das Internet. 40 % der Studierenden haben auf diese Weise

ihre Unterkunft gefunden, 14 % durch Familie und Freunde und

7 % sind auf dem privaten Wohnungsmarkt fündig geworden.

Sprachliche Vorbereitung

Wie bereits erwähnt, ist die Weiterqualifi zierung bei den Sprachkenntnissen

ein wichtiger Grund für die Studierenden bei der

Entscheidung, überhaupt ein Auslandspraktikum anzustreben.

Selbstverständlich ist eine bereits ausreichend vorhandene

Sprachkompetenz auch ein wichtiger Faktor für den Erfolg des

Praktikums. Deshalb kann eine sprachliche Vorbereitung noch

206


STATISTIKEN, ENTWICKLUNGEN UND TRENDS

einmal direkt vor Antritt des Praktikums sehr förderlich sein.

31 % der Studierenden gaben an, einen Sprachkurs besucht zu

haben. 68 % haben an keinem gesonderten Sprachkurs teilgenommen.

2 Hauptsächlich wurden Sprachkurse an der Heimathochschule

oder an Sprachschulen im Gastland besucht.

Von den 1.671 Sprachkursteilnehmern gaben lediglich 67 Studierende

(4 %) an, einen EILC 3 -Kurs besucht zu haben. Einer der

Hauptgründe für diese geringe Teilnahme liegt vermutlich daran,

dass die EILC-Kurse nur jeweils vor Semesterbeginn im Gastland

durchgeführt werden. Da Auslandspraktika jedoch nicht studiensemesterbegleitend

stattfi nden müssen, sondern jederzeit im

Jahr beginnen können, ist es für viele Praktikanten nicht möglich,

die EILC-Kurse in Anspruch zu nehmen. Angesichts der steigenden

Anzahl von ERASMUS-Praktikanten muss dieser Aspekt in

der neuen Programmgeneration berücksichtigt werden.

Selbstverständlich trägt der Auslandsaufenthalt selbst entscheidend

zu einer Verbesserung der Sprachkenntnisse der Studierenden

bei. Aus der Auswertung geht hervor, dass sich die

Sprachkompetenz durch den Praktikumsaufenthalt im Ausland

deutlich verbesserte.

2 1 % hat keine Angaben gemacht.

3 EILC = ERASMUS Intensive Language Course

207


GENERATION ERASMUS

Vergleich der Sprachkompetenz VOR und NACH

dem ERASMUS-Aufenthalt

n = 5.090

3. 500

3. 000

2. 500

2. 000

1. 500

1. 000

500

Unterstützung vor und während des Praktikums

Die Unterstützung der entsendenden Hochschule/des Konsortiums

sowie der Gasteinrichtung sind ein wichtiges Qualitätsmerkmal

der Praktikaförderung im ERASMUS-Programm. Eine

gute Beratung vor dem Praktikum ist ebenso wesentlich für den

Erfolg eines Auslandspraktikums wie auch die Betreuung durch

einen Mentor in der aufnehmenden Einrichtung. Naturgemäß

wechselt die Rolle der Beteiligten im Verlauf des Praktikums. Im

Vorfeld des Praktikums ist insbesondere Unterstützung durch

die Hochschule erwünscht, z. B. bei der allgemeinen Beratung

zum Auslandspraktikum oder auch bei der Suche nach einem

Praktikumsplatz. Bei der Wohnungssuche vor Ort und der Integration

in das Gastunternehmen ist dann das Unternehmen stär-

208

0

41

773

800

1. 439

1. 351

1. 925

2. 212

783

921

405

keine geringe gute sehr gute hervorragend

Selbsteinschätzung der Sprachkompetenz

nachher

vorher


STATISTIKEN, ENTWICKLUNGEN UND TRENDS

ker gefragt. Die aufnehmende Einrichtung ist letztendlich für

den Wissenszuwachs der Studierenden in Bezug auf ihre praktischen

Fähigkeiten und den generellen Erfolg des Auslandspraktikums

verantwortlich.

Die Antworten der Studierenden zeigen, dass sie sich in der

Mehrheit sehr gut (36 %) und hervorragend (35 %) durch die

aufnehmende Einrichtung unterstützt fühlten. Jedoch muss

auch die Nennung der 228 Studierenden (4 %), die eine nicht

adäquate Unterstützung der Gasteinrichtung angaben, von den

Hochschulen und Konsortien zum Anlass genommen werden,

noch genauer auf die Auswahl bzw. Förderung der aufnehmenden

Einrichtungen zu achten.

Erhielten Sie vor und während Ihres ERASMUS-Praktikums

adäquate Unterstützung von der Gasteinrichtung?

n = 5.325

2. 500

2. 000

1. 500

1. 000

500

0

228

364

915

1. 933 1. 885

1 gering/ 2 3 4 5

nicht vorhanden

hervorragend

209


GENERATION ERASMUS

Dauer des Praktikums

Die Dauer eines Praktikums kann ebenfalls sehr wichtig für den

bestmöglichen Erwerb von berufl ichen und sozialen Kompetenzen

sein. Deshalb wurde von der Europäischen Kommission für

die ERASMUS-Praktika eine Mindestdauer von drei Monaten

für ein Auslandspraktikum zugrunde gelegt. Viele Gasteinrichtungen

nehmen jedoch nur Praktikanten auf, die ein Praktikum

mit einer Mindestdauer von fünf oder sechs Monaten absolvieren

wollen, damit eine Win-Win Situation sowohl für die Studierenden

als auch für die aufnehmende Einrichtung erzielt werden

kann.

In der vorliegenden Auswertung absolvierten den 5.090 validen

Antworten zufolge 26 % aller Teilnehmer ein Praktikum mit einer

Dauer von drei Monaten. Ein Praktikum von mehr als drei

bis einschließlich sechs Monaten absolvierten rund 65 %, ein

Praktikum von mehr als sechs bis einschließlich neun Monaten

gut 7 % der Studierenden. Nur knapp 2 % der Studierenden absolvierten

ein Praktikum von neun bis zwölf Monaten. Die

durchschnittliche Praktikumsdauer betrug fünf Monate.

Die Einschätzung der Studierenden, die Dauer ihres Praktikums

als „genau richtig“ zu bezeichnen, stieg mit der Länge des Praktikums.

Von den 1.305 Studierenden, die ein dreimonatiges Praktikum

absolvierten, empfanden nur 943 Studierende drei Monate

als „genau richtig“; 345 Studierende empfanden ihr Praktikum

als zu kurz. Von den Studierenden, die ein Praktikum von mehr

210


STATISTIKEN, ENTWICKLUNGEN UND TRENDS

als drei bis einschließlich sechs Monaten absolvierten, fanden

82 %, dass ihr Praktikum die richtige Länge hatte. Bei den Praktika

mit einer Dauer von mehr als sechs bis einschließlich neun

Monaten fanden dies 83 % und bei einer Dauer von mehr als

neun bis einschließlich zwölf Monaten 86 % der Studierenden.

Einschätzung der Dauer des Auslandspraktikums

n = 5.325

1200

1000

800

600

400

200

0

3 Monate

bis 4 Monate

bis 5 Monate

bis 6 Monate

bis 7 Monate

bis 8 Monate

> 8 Monate

Einschätzung der Dauer des

Auslandspraktikums :

genau

richtig

Einschätzung der Dauer des

Auslandspraktikums : zu kurz

Einschätzung der Dauer des

Auslandspraktikums : zu lang

211


GENERATION ERASMUS

Anerkennung des Praktikums

Die Anerkennung des Auslandsaufenthaltes ist eines der wichtigsten

Qualitätsmerkmale und wird von der Europäischen Kommission,

der Nationalen Agentur im DAAD und den Hochschulen

bzw. Konsortien forciert. Eine Anerkennung kann bei

Pfl ichtpraktika sowohl durch die Vergabe von ECTS-Punkten erfolgen

als auch durch einen Eintrag in das Diploma Supplement

oder in die Fächer- und Notenliste des Studierenden (Transcript

of Records). Des weiteren wird die Anerkennung des ERASMUS-

Praktikums durch den Europass und ein qualifi ziertes Praktikumszeugnis

bzw. eine Bescheinigung der aufnehmenden Einrichtung

ebenfalls unterstützt. Eine Anerkennung des Praktikums

durch die Hochschule sowie die Bestätigung durch die aufnehmende

Einrichtung sind Pfl ichtbedingungen zur Teilnahme am

ERASMUS-Programm.

In der vorliegenden Auswertung wurde die vollständige Anerkennung

des Praktikums durch die Hochschule von 82 % der

Befragten bestätigt. 13 % gaben an, keine Anerkennung erhalten

zu haben. Dies ist unter Umständen der noch nicht vollständig

vollzogenen Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge

geschuldet. Des Weiteren kann davon ausgegangen werden, dass

einigen Studierenden beim Ausfüllen des Fragebogens nicht bekannt

war, dass sie zur Anerkennung eines freiwilligen Praktikums

einen Eintrag ins Diploma Supplement erhalten, welches

jedoch erst am Ende des Studiums ausgestellt wird. Hier könnte

eine bessere Informationspolitik der entsendenden Hochschulen

Abhilfe schaffen. 93 % der Praktikanten haben ein Prakti-

212


STATISTIKEN, ENTWICKLUNGEN UND TRENDS

kumszeugnis bzw. eine Bestätigung von ihrem Gastunternehmen

erhalten.

Wird Ihr Auslandspraktikum anerkannt?

n = 5.325

677 (12,7 %)

272 (5,1%)

4. 376 (82,2 %)

Bewertung des ERASMUS-Praktikumsaufenthalts

ja

nein

zum Teil

Die Integration von Auslandspraktika in das ERASMUS-Programm

ist als sehr erfolgreich zu bewerten. Nahezu alle Studierenden

sehen ihr ERASMUS-Praktikum als positive Erfahrung

im Hinblick auf die berufl ichen und persönlichen Ergebnisse.

Rund 73 % der Befragten beurteilten das berufl iche Ergebnis als

sehr gut und hervorragend, das persönliche Ergebnis bewerteten

sogar knapp 91 % mit diesem Prädikat.

213


GENERATION ERASMUS

75 % der Praktikanten fühlten sich sehr gut oder hervorragend

in das Gastunternehmen integriert, was sicherlich für die

Qualität der Praktika und die Maßnahmen zur Qualitätssicherung

spricht.

Für 80 % der Befragten haben sich die Erwartungen in Bezug

auf das Praktikum fast vollständig oder vollständig erfüllt (Kategorien

4 und 5).

Die Studierenden sind davon überzeugt, dass das Praktikum für

ihre berufl iche Zukunft sehr nützlich ist.

67 % der Befragten waren zudem der Meinung, dass der Praktikumsaufenthalt

ihnen bei der Arbeitsplatzsuche (sehr) helfen

wird.

Haben sich Ihre Erwartungen in Bezug auf das

Gastunternehmen im Praktikum erfüllt?

n = 5.325

(39,2%)

2. 087

214

36

(0,6%) 36 239 (4,6%)

814 (15,3%)

2. 149 (40,3%)

5 vollständig

4

3

2

1 gar nicht


STATISTIKEN, ENTWICKLUNGEN UND TRENDS

Glauben Sie, dass der Aufenthalt Ihnen

bei Ihrem berufl ichen Weiterkommen hilft?

n = 5.325

(36,7%)

1. 954

19 (0,3%)

108 (2,1%)

953 (17,9%)

2. 291 (43%)

5 sehr

4

3

2

1 überhaupt nicht

Auf die Frage, welche Aspekte des Auslandsaufenthalts ihnen

besonders gefi elen oder wichtig waren, machten die Studierenden

folgende Angaben: im Ausland leben (15 %), Fremdsprachenkenntnisse

erweitern (13 %), Erwerb neuer berufl icher

Kompetenzen und Fähigkeiten (12 %) sowie von Berufserfahrung

(12 %), kulturelle Aspekte (11 %), berufl iche Pläne/Steigerung

der späteren Wettbewerbsfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt

(10 %), Unabhängigkeit/Selbstständigkeit (9 %), europäische Erfahrung

(7 %), Freunde im Ausland (7 %). Akademische Aspekte

(Pfl ichtbestandteil des Curriculums) waren mit nur 4 % sehr

weit hinten angesiedelt, obwohl diese bei 17 % der Studierenden

vor Antritt des Praktikums unter den drei wichtigsten Gründen

für den Auslandsaufenthalt waren (s. o.).

215


GENERATION ERASMUS

Insgesamt waren die Befragten sehr zufrieden mit ihrem

ERASMUS-Aufenthalt, 90 % der Befragten konnten sich als Ergebnis

ihrer Erfahrungen durch ERASMUS vorstellen, nach dem

Studium außerhalb von Deutschland in Europa zu arbeiten. Mit

diesem Ergebnis wird aus Sicht des DAAD den Intentionen des

Programms, die Verbesserung von Kompetenzen und Fähigkeiten

von Studierenden sowie die Förderung von Beschäftigungsfähigkeit

und Arbeitnehmermobilität in Europa umfassend

Rechnung getragen.

Allgemeine Bewertung (Zufriedenheit) des

ERASMUS-Aufenthalts

n = 5.325

2. 427

(45,5%)

216

7 (0,2%)

46 (0,9%)

415 (7,7%)

2. 430

(45,7%)

5 hervorragend

4

3

2

1 schlecht


STATISTIKEN, ENTWICKLUNGEN UND TRENDS

Probleme während des ERASMUS-Praktikumsaufenthalts

Es darf nicht außer Acht gelassen werden, dass man auch auf

Hürden stoßen kann und nicht immer alles reibungslos verläuft.

Insgesamt berichteten jedoch nur 5 % der Studierenden von

ernsthaften Problemen während des Praktikumsaufenthaltes.

Dabei handelte es sich um Probleme im Bezug auf das Gastunternehmen

und auf die Wohnsituation. Jedoch können Probleme

mit Arbeitgebern, Mitbewohnern, der Gesundheit oder fi nanzieller

Art auch im Heimatland auftreten. Diese „Herausforderungen“,

die es gilt, allein in einem fremden Land zu überwinden,

tragen erheblich zur eigenen Persönlichkeitsentwicklung bei.

Wie bereits an anderer Stelle dargestellt, wurde die persönliche

Entwicklung während des Auslandsaufenthaltes von den Studierenden

als besonders positiv bewertet.

217


GENERATION ERASMUS

Weiterführende Links

Weitere Informationen zum ERASMUS-Programm sowie den

Fördermöglichkeiten des DAAD fi nden Sie unter folgenden

Links:

• www.eu.daad.de – Fördermöglichkeiten durch EU-Bildungsprogramme

im Hochschulbereich (ERASMUS)

• http://eu-community.daad.de – Informationsportal für Studierende

rund um das Thema Praktikum und Studium im europäischen

Ausland

• www.daad.de – Übersicht über alle Fördermöglichkeiten des

DAAD

• www.daad.de/ausland/praktika/literaturhinweise/00734.de.html

Informationen zu Auslandspraktika im allgemeinen fi nden Sie

auch in der Broschüre „Wege ins Auslandspraktikum“, die unter

folgendem Link als PDF-Datei zum Download bereitsteht:

• http://www.ijab.de/downloads/download-brosch%C3%

BCren/Wege_Ausland_Internet_2010.pdf

Nachfolgend fi nden Sie weiterführende Links von Organisationen,

die Ihnen bei der Suche und Vorbereitung eines Auslandspraktikums

helfen können:

• www.iaeste.de

• www.ijab.de

• www.rausvonzuhaus.de

218


WEITERFÜHRENDE LINKS

• www.europaserviceba.de

• www.ibs.inwent.org

• www.auswaertiges-amt.de

• www.hochschulkompass.de/hochschulen/kontaktstellen/

auslandsamt.html

• www.aiesec.de

• www.go-out.de

• www.na-bibb.de

• www.kmk-pad.org

Diese Liste stellt nur eine Auswahl an Organisationen dar, die

Informationen zu Auslandspraktika für Studierende anbieten.

In der oben genannten Broschüre „Wege ins Auslandspraktikum“

fi nden Sie weitergehende relevante Informationen.

219


IMPRESSUM

Herausgeber:

Deutscher Akademischer Austauschdienst

(DAAD)

Kennedyallee 50

53175 Bonn

www.daad.de

http://eu.daad.de

Nationale Agentur für

EU-Hochschulzusammenarbeit

Redaktion:

Dr. Siegbert Wuttig, Beate Körner,

Madalena Csizmazia, Julia Vitz

220

Gestaltung und Druck:

in puncto druck + medien GmbH, Bonn

1. Aufl age 12/10 – 3.000

© DAAD

Alle Rechte vorbehalten

Bildnachweise:

Privatfotos der Autorinnen und Autoren

Privat/DAAD

Ruth Candussi/Nordschleswiger

www.fotolia.de

www.fotosearch.de

Diese Publikation wurde mit Mitteln der Europäischen Kommission und des Bundesministeriums

für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Sie gibt nur die Meinung der Autoren wieder. Weder

die Europäische Kommission noch das BMBF sind für eine mögliche weitere Verwendung der

enthaltenen Informationen verantwortlich.


Der DAAD ist eine gemeinsame Einrichtung der

deutschen Hochschulen und fördert deren internationale

Beziehungen mit dem Ausland.

Der DAAD nimmt seit 1987 im Auftrag des Bundesministeriums

für Bildung und Forschung (BMBF)

die Aufgaben einer Nationalen Agentur für

ERASMUS wahr (http://eu.daad.de).


„Das Auslandspraktikum (…) war eine absolut

tolle Erfahrung. Zum einen konnte ich mich

beruflich weiterbilden, meine Fähigkeiten weiter

ausbauen und berufliche Kontakte knüpfen.

Aber vor allem habe ich durch das ERASMUS-

Praktikum viele neue Freundschaften in Tschechien

geschlossen, die ich immer noch pflege.

Meine Erwartungen an das Praktikum wurden

somit in jeder Hinsicht übertroffen (…).“

THILO KÖNIG

Von August bis Dezember 2009

ERASMUS-Praktikant in der

Tschechischen Republik.

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