Austausch bildet Juni 2025
Das Programm Erasmus+ steht für Chancengerechtigkeit und Teilhabe und will Europa für möglichst viele Schülerinnen und Schüler erlebbar machen. Wie das konkret gelingt, zeigen die Beispiele aus der Praxis im Schwerpunkt dieser Ausgabe. Sie können das Heft kostenlos im PAD-Webshop bestellen oder abonnieren: www.kmk-pad.org/shop
Das Programm Erasmus+ steht für Chancengerechtigkeit und Teilhabe und will Europa für möglichst viele Schülerinnen und Schüler erlebbar machen. Wie das konkret gelingt, zeigen die Beispiele aus der Praxis im Schwerpunkt dieser Ausgabe.
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das magazin für die schule
Ausgabe Juni 2025
austausch
schwerpunkt
Erasmus+
inklusiv
Erasmus+ eTwinning
Einfach trauen
Fremdsprachenassistenzkräfte
Mit Abizeitung
und Asterix
Editorial
» E
uropa entdecken, Europa erleben: Das ermöglicht das
Programm Erasmus+ nicht nur Lehrkräften durch Job
Shadowings und Hospitationen, sondern auch
Schülerinnen und Schülern durch Einzelaufenthalte,
Praktika oder im Klassenverband. Das ungebrochene Interesse
an dem Programm unterstreicht die einhunderttausendste
Lernmobilität seit 2021, die unlängst gefördert werden konnte.
Unterstützt wurde der Austausch einer Förderschule aus der
Kleinstadt Aue in Sachsen mit ihrem Partner in der Region
Auvergne-Rhône-Alpes in Frankreich. Unter dem Motto »Glück
auf en France« besuchte eine Schülergruppe mit ihren Begleitlehrkräften
ein Collège in Oyonnax im Jura. Die eindrucksvolle
Zahl von einhunderttausend geförderten Lernmobilitäten zeigt:
Erasmus+ steht auch für Chancengerechtigkeit, gesellschaftliche
Teilhabe und eine Kultur der Vielfalt. Sie unterstreicht zugleich,
dass Erasmus+ seinen inklusiven Anspruch einlöst und Europa
für alle erlebbar macht, indem das Programm gezielt Schulen im
ländlichen Raum sowie Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf
einbezieht. Damit Europa an mehr dieser Schulen ins
Klassenzimmer kommt, müssen wir dieser Priorität in dem
Programm ab 2028 allerdings einen noch prominenteren Platz
als bislang einräumen. Die EU-Kommission muss dazu ausreichend
finanzielle Mittel bereitstellen. Dafür werde ich mich mit
meinen Kolleginnen und Kollegen der Bildungsministerkonferenz
in Brüssel einsetzen.
Simone Oldenburg
Ministerium für Bildung und Kindertagesförderung
des Landes Mecklenburg-Vorpommern
Präsidentin der Bildungsministerkonferenz der Kultusministerkonferenz
Foto: Anne Karsten
Inhalt
3
10
21
Aktuell 4
Lernmobilität empirisch betrachtet 6
schwerpunkt
Erasmus+ inklusiv
Europa für alle 8
Europa ohne Hürden 10
»Grenzen gibt es für uns nicht« 13
Futter für den Bücherschrank 16
In Vielfalt vereint 18
Mit Händen im Gespräch 21
Aus der Praxis 24
Die Chancen nutzen 26
32
Coverfoto: Comenius-Schule Mönchengladbach
Forum
Mein Sohn ist Europäer 28
Erfahrungen
Einfach trauen 30
Die Wahlfränkin 32
Zurückgeblickt
Mit Abizeitung und Asterix 35
Europa hier & wir
eTwinning trifft Fremdsprachenunterricht 38
16
Folgen Sie uns
erasmusplus.schule
Aktuell
jubiläumsjahr
Erasmus+ feiert
—
Die Erasmus-Familie feiert in diesem Jahr eine Reihe
runder Geburtstage – und drei der Jubilare stammen
aus dem Schulbereich. Vor 30 Jahren startete die
Aktion COMENIUS für Schulen als Teil des damaligen
SOKRATES-Programms. Die Grundlagen dafür hatte
ein Beschluss des Europäischen Rates und des
Europäischen Parlaments gelegt. Aus SOKRATES
wurde später das Programm für lebenslanges
Lernen und schließlich Erasmus+. An den Zielen hat
sich jedoch bis heute wenig geändert: Europa für
Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte erlebbar zu
machen – und die Qualität von Schule und Unterricht
durch europäische Bildungszusammenarbeit zu
fördern. Dafür sorgt nicht zuletzt die Nationale
Agentur für Erasmus+ Schulbildung, die ebenfalls
1995 gegründet wurde und beim
Pädagogischen Austauschdienst im Sekretariat
der Kultusministerkonferenz angesiedelt ist. Sie
ist auch zuständig für das Netzwerk eTwinning
im Erasmus-Programm, das vor 20 Jahren online
gegangen ist. Die Lernplattform stellt Lehrkräften
mit dem TwinSpace einen geschützten Raum für
Unterrichtsprojekte zur Verfügung. Schülerinnen
und Schüler können sich dort austauschen, digitale
Kompetenzen einüben – und Europa ohne Reisen
erleben. Die eTwinning-Community ist inzwischen
fester Bestandteil der European School Education
Platform (ESEP) und auf mehr als 40 Mitgliedsstaaten
angewachsen – weit über die Grenzen Europas
hinaus. Wir sagen: Herzlichen Glückwunsch!
austausch bildet
deutsch-amerikanischer
austausch
Ein Kandidat zum Anfassen
—
Für die Schülerinnen und Schüler der Kooperativen Gesamtschule Stuhr-
Brinkum (Niedersachsen) war es eine besondere Begegnung mitten im
aufgeregten Wahlkampf um die US-Präsidentschaft im vergangenen
Herbst: Während ihres Besuchs an der Mankato West High School in
Minnesota im Rahmen des German American Partnership Programs
(GAPP) trafen sie auf Tim Walz, der dort ein Footballspiel besuchte.
Der Gouverneur des Bundesstaates war seinerzeit Kandidat der
Demokratischen Partei für das Amt des Vizepräsidenten. In seinem
früheren Leben hatte er als Lehrer in Mankato selbst einige
Jahre das Fach Gemeinschaftskunde unterrichtet und die
Footballmannschaft trainiert. Eingefädelt wurde das
Treffen durch die Schulleitung.
Mehr Infos über GAPP
www.kmk-pad.org/gapp
4
Foto: GAPP New York Inc.
5
#NieWiederIstJetzt
Im Austausch bleiben
—
Schülerbegegnungen in Israel sind in Zeiten von
Kriegen kaum möglich. Umso mehr Kreativität
braucht es, um etwa Treffen an sicheren Drittorten
oder online vor den Bildschirmen zu organisieren.
Unter anderem um dieses Thema ging es auf einer
Fachtagung zum Austausch mit Israel, die in der
nordrhein-westfälischen Staatskanzlei in Düsseldorf
stattgefunden hat. Eingeladen waren Lehrkräfte von
Schulen aus ganz Deutschland, die seit vielen Jahren
enge Kontakte nach Israel pflegen.
Ministerpräsident Hendrik Wüst betonte in einer
Videogrußbotschaft (siehe großes Bild unten) die
Bedeutung der Zusammenarbeit: »Nordrhein-
Westfalen steht fest an der Seite der Jüdinnen und
Juden in unserem Land und pflegt seit Jahrzehnten
eine enge Freundschaft mit Israel, die aus unserer
historischen Verantwortung entstanden ist. Es ist
unsere Aufgabe und unsere Pflicht, Antisemitismus
mit aller Kraft zu bekämpfen. Gerade in Zeiten
wie diesen ist es noch wichtiger geworden, den
Austausch junger Menschen zu fördern und ihnen
die Möglichkeit zu geben, persönliche Erfahrungen
zu sammeln und Freundschaften zu knüpfen«,
erklärte er.
Wie sind Schüleraustausch und Begegnung möglich,
wenn gegenseitige Besuche nicht stattfinden können?
Damit befasste sich eine Fachtagung in Düsseldorf.
Fotos: Robin Teller
Austausch per Videofilm
Für die Kultusministerkonferenz verwies Generalsekretär
Udo Michallik (siehe kleines Bild oben) auf die
Programme des PAD, die den aktuellen Gegebenheiten
angepasst worden seien. Da gegenseitige Besuche
von Schülergruppen in der aktuellen Situation
nicht umgesetzt werden können, fördert der PAD,
finanziert aus Mitteln des Auswärtigen Amtes, insbesondere
die Begegnung kleinerer Lehrkräftedelegationen.
Zudem können Zuschüsse für Projekte der
jeweiligen Partnerschulen zur Auseinandersetzung
mit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am
7. Oktober 2023 und seinen Auswirkungen beantragt
werden. »Es ist uns ein besonderes Anliegen, den
Schulpartnerschaften für diese sehr herausfordernde
Phase passende Unterstützung anzubieten«,
betonte Udo Michallik.
Ein Beispiel dafür ist die Dortmunder Berswordt-
Europa-Grundschule, die seit vielen Jahren im
Austausch mit der Rabin Elementary School in
Netanya steht. Von den Erfahrungen der Lehrkräfte
und der Schülerinnen und Schüler seit dem 7. Oktober
2023 berichtete während der Tagung Schulleiterin
Anette König. Nachdem ein geplanter Besuch in
Dortmund abgesagt werden musste, halten sich
beide Schulen mit Aufnahmen per Smartphone, die
sie sich gegenseitig zusenden, auf dem Laufenden. So
erfahren beispielsweise die Kinder und Jugendlichen
aus Israel vom Zirkusprojekt oder Tanzaktivitäten der
Dortmunder Kinder. Und die nordrhein-westfälischen
Schülerinnen und Schüler lernen Details aus dem
Alltag der israelischen Kinder kennen.
Mehr Infos zum Austausch mit Israel
www.kmk-pad.org/israel
Studie
Lernmobilität
empirisch betrachtet
Eine Studie der TU Dortmund untersucht die Umsetzung
von Erasmus+ im allgemeinbildenden Schulbereich und seine
Wirkungen auf Schulen, Lehrkräfte sowie Schülerinnen
und Schüler. Die Erkenntnisse über diesen bislang wenig
erforschten Bereich europäischer Bildung sollen dabei
helfen, Schulen besser unterstützen zu können.
von dr. nadine sonnenburg, prof. dr. sabine hornberg
und prof. dr. michael becker, technische universität dortmund
D
as Bildungsprogramm Erasmus+ der Europäischen
Union (EU) ist ein zen traler
Baustein europäischer Bildungspolitik und
-praxis und dennoch gibt es bisher nur wenige Studien,
die sich mit seiner Umsetzung befassen, insbesondere
im allgemeinbildenden Schulwesen. Hier
setzt die jetzt abgeschlossene »Studie zur Wirkung
von Erasmus+ in allgemeinbildenden Schulen und
weiteren Einrichtungen im Schulbereich in Deutschland«
– abgekürzt mit dem Akronym ErasmuS + – an,
die Bildungsforschende der Technischen Universität
Dortmund durchgeführt haben. Sie basiert auf
einem innovativen Mixed-Methods-Forschungsdesign
und umfasst drei Teilstudien, für die im Folgenden
ausgewählte Ergebnisse benannt werden.
Welche Schulformen und Einrichtungen in Deutschland
beteiligen sich an Erasmus+?
Teilstudie 1 behandelt die Beteiligungen an Erasmus+
in Deutschland und gibt einen Überblick über
Schulen und Einrichtungen und ihre Erasmus+ Aktivitäten.
Ein zentrales Ergebnis an dieser Stelle zeigt,
dass ein Großteil der an Erasmus+ beteiligten Schulen
die neue Möglichkeit der sogenannten Akkreditierung
nutzt, die zu Beginn der aktuellen Programmgeneration
eingeführt wurde. Das heißt, einmal
registriert, können die Schulen verschiedene Aktivitäten
umsetzen, ohne sich jedes Mal neu bewerben
zu müssen. Die EU hatte diese Neuerung eingeführt,
um den bürokratischen Aufwand zu reduzieren, und
sie scheint positiv angenommen zu werden. Unter
den geplanten Erasmus+ Aktivitäten dominieren
Gruppenmobilitäten von Schülerinnen und Schülern;
Einzelmobilitäten von Lernenden sind im Vergleich
dazu selten. Wenn man die verschiedenen Schulformen
vergleicht, fällt auf, dass fast die Hälfte der
teilnehmenden Einrichtungen Gymnasien sind, die
überproportional stark vertreten sind. Verglichen mit
privat organisierten Mobilitäten gelingt es Erasmus+
jedoch besser, auch andere Schulformen einzubeziehen
und so auch ihren Schülerinnen und Schülern
den europäischen Austausch zu ermöglichen.
6
austausch bildet
Wie Erasmus+ wirkt
7
Welche Wirkung haben Erasmus+ Projekte auf Schulen,
welche Bedingungen haben sich bewährt?
Darum geht es in der zweiten Teilstudie, die zentrale
Ergebnisse zur Implementation und Wirkung
von Erasmus+ Projekten an Schulen bündelt. Dazu
wurden Schulleitungen, Lehrkräfte, Erasmus+ Koordinatorinnen
und Koordinatoren an Schulen sowie Vertreterinnen
und Vertreter von Ministerien und Landesbehörden,
die mit Erasmus+ betraut sind, befragt.
Dies wurde mit leitfadengestützten Interviews umgesetzt.
Die Ergebnisse zeigen, dass die Teilnahme an
Lernmobilitäten ins Ausland zur Professionalisierung
von Lehrkräften beiträgt und insofern eine lohnenswerte
Form der Fort- und Weiterbildung darstellt
– insbesondere mit Blick auf die zunehmende Internationalisierung
und das Lernen von anderen Schulsystemen
und ihrer pädagogischen Praxis. Mit Blick
auf die Einzelschule wurde deutlich, dass die Teilnahme
an Erasmus+ Schulentwicklungsprozesse unterstützen
kann, aber auch, dass dies nach wie vor stark
von dem individuellen Engagement der Lehrkräfte
abhängt. Hier gibt es mithin Unterstützungsbedarf.
Ein Leitthema, das sich durch die meisten Interviews
zog, ist die systematische Verankerung bzw. Umsetzung
von Erasmus+ in der Schule. Wird Erasmus+ tiefer
und systematischer in das Schulleben eingebettet,
fällt die tatsächliche Realisierung leichter.
Welche Erfahrungen machen Schülerinnen und
Schüler während ihrer Lernmobilitäten ins europäische
Ausland und welche Effekte bringt die Teilnahme
für die Teilnehmenden mit sich?
Teilstudie 3 untersuchte die an Gruppenmobilitäten
beteiligten Schülerinnen und Schüler. Diese
wurden über ihre Smartphones in einem Prä- und
Posttest vor und nach der Lernmobilität sowie mit
der Methode des »experience sampling« täglich während
ihrer Auslandsaufenthalte befragt. Die Ergebnisse
zeigen, dass es im Rahmen von Erasmus+ gelingt,
Heranwachsende in Auslandsmobilitäten einzubinden,
die sonst seltener an Auslandsaufenthalten teilnehmen,
und dass auch Schülerinnen und Schüler mit
eher ungünstigeren Lernprofilen von Lernmobilitäten
ins europäische Ausland profitieren. Im Hinblick auf
Effekte der Auslandsmobilitäten auf Schülerinnen
und Schüler zeigt sich eine positive Veränderung ihrer
kognitiven Flexibilität. Demnach fühlen sie sich nach
der Lernmobilität ins Ausland besser in der Lage, mit
ungewohnten Situationen umzugehen, ihr Verhalten
an die Anforderungen neuer Situationen anzupassen
und Schwierigkeiten im Umgang mit Menschen aus
anderen kulturellen Kontexten zu überwinden. Mit
Blick auf die Fähigkeiten zur Perspektivübernahme,
das Selbstkonzept in Englisch sowie das Interesse der
Schülerinnen und Schüler an anderen Ländern, Europa
und Politik lassen sich keine direkten Veränderungen
durch die Teilnahme an den Auslandsmobilitäten
nachweisen. Englisch zeigt sich als die zentrale »lingua
franca« in allen Auslandsmobilitäten.
Die vollständigen Ergebnisse der Studie sind im
Abschlussbericht zu finden: Hornberg, Sabine/Becker,
Michael/Sonnenburg, Nadine (Hrsg.): Lernmobilität in
Europa: Eine Mixed-Methods-Studie zu Erasmus+ in der
Schule, Münster 2025.
Weitere Infos
Verfasst von
www.waxmann.com/buch200025
Dr. Nadine Sonnenburg ist wissenschaftliche
Mitarbeiterin am Institut für Allgemeine
Didaktik und Schulpädagogik an der
Technischen Universität Dortmund.
Prof. Dr. Sabine Hornberg hat den Lehrstuhl
Schulpädagogik und Allgemeine Didaktik
im Kontext von Heterogenität an der
Technischen Universität Dortmund inne.
Prof. Dr. Michael Becker hat den Lehrstuhl
Empirische Bildungsforschung mit dem
Schwerpunkt schulische Bildungsprozesse an
der Technischen Universität Dortmund inne.
Über das Projekt
Titel: Studie zur Wirkung von Erasmus+ in allgemeinbildenden
Schulen und weiteren Einrichtungen im
Schulbereich (ErasmuS + ) in Deutschland
Laufzeit: 2022 bis 2024
Förderung: Kofinanzierung der EU durch die Nationale
Agentur Erasmus+ Schulbildung im Pädagogischen
Austauschdienst (PAD) der Kultusministerkonferenz
Projektteam: Prof. Dr. Sabine Hornberg und Prof. Dr.
Michael Becker (wissenschaftliche Leitung), Dr. Nadine
Sonnenburg (operative Projektleitung), Marion Peitz
und Carina Schreiber (wissenschaftliche Mitarbeit)
8
austausch bildet
schwerpunkt
Erasmus+
inklusiv
Erasmus+ inklusiv
Europa
für alle
Wir nehmen alle mit: Erasmus+ möchte
Europa für möglichst viele Schülerinnen
und Schüler erlebbar machen. Inklusion ist
deshalb eine der Prioritäten des Programms.
I
nklusion als Leitbild im Erasmus-Programm
hat verschiedene Dimensionen: Europäischer
Austausch und europäische Begegnung soll auch
Menschen möglich sein, die in strukturschwachen
Regionen leben, gesundheitlich oder körperlich
eingeschränkt sind, aus Familien mit Zuwanderungsgeschichte
kommen oder aufgrund ihrer persönlichen
Umstände nicht über die nötigen materiellen Ressourcen
verfügen. Für die Nationale Agentur Erasmus+ Schulbildung
ist Inklusion damit auch ein wichtiger Beitrag zur
Stärkung gemeinsamer europäischer Werte wie Demokratie
und Menschenrechte. Wie das in der Praxis gelingt,
zeigen die Beiträge im Schwerpunkt dieser Ausgabe. Weitere
Beispiele guter Praxis finden Sie auf unserer Website.
Mehr Infos
erasmusplus.schule/im-fokus/inklusion-und-vielfalt
programmpriorität
Europa ohne Hürden
»Inklusion und Vielfalt« ist eine der vier Prioritäten im Erasmus-
Programm. Möglichst viele unterschiedliche Schülerinnen
und Schüler sollen europäischen Austausch erleben können.
10
austausch bildet
Erasmus+ inklusiv
11
von ulrike nehls, pad
E
uropa für alle: Erasmus+ bietet zahlreiche
Möglichkeiten für internationale Erfahrungen
im Bildungsbereich. Im Jahr
2021 hat das Europäische Parlament gemeinsam
mit dem Rat der Europäischen
Union beschlossen, dass die Förderung von Inklusion
und Vielfalt (siehe Infokasten auf dieser Seite) fortan
als übergeordnete Priorität die Durchführung und
Weiterentwicklung des Programms leiten soll.
Viele Schülerinnen und Schüler, aber auch manche
Lehrkräfte sehen sich mit Hürden konfrontiert,
wenn es darum geht, einen Aufenthalt im Ausland
allein oder mit einer Gruppe zu planen und durchzuführen.
Die Europäische Kommission hat eine Reihe
solcher Hürden benannt (siehe Infokasten auf S. 12),
die durch Erasmus+ reduziert werden sollen.
Die Nationalen Agenturen, die das Programm in
den Mitgliedsstaaten umsetzen, waren aufgefordert,
eine Strategie für Inklusion und Vielfalt zu entwickeln.
Die Nationale Agentur Erasmus+ Schulbildung
im Pädagogischen Austauschdienst (PAD) der Kultusministerkonferenz,
die in Deutschland für den Schulbereich
verantwortlich ist, unterstützt das Ziel, möglichst
vielen Schülerinnen und Schülern unabhängig
von ihrer sozialen oder wirtschaftlichen Herkunft,
ihren Fähigkeiten oder ihrem kulturellen Hintergrund
die Teilnahme an europäischen Austauschprojekten
zu ermöglichen. Darum fördern wir verstärkt Schulen
und vorschulische Einrichtungen, an denen Lernende
mit den genannten Hürden konfrontiert sind, und
beraten umfangreich zu den Fördermöglichkeiten,
die Erasmus+ für Schülerinnen und Schüler mit geringeren
Chancen bietet. Alle in der Beratung tätigen
Kolleginnen und Kollegen (siehe auch Seite 26) haben
an hausinternen Schulungen zu inklusionsrelevanten
Themen teilgenommen und tauschen sich gegenseitig
zu Fallbeispielen aus, um bestmöglich auf spezifische
Fragen zu individuellen Herausforderungen
eingehen zu können.
Unterstützung für Schülerinnen und Schüler
In einer zunehmend globalisierten Welt sind interkulturelle
Kompetenzen und internationale Erfahrungen
von unschätzbarem Wert. Erasmus+ trägt dazu
bei, dass diese Erfahrungen für alle Schülerinnen und
Schüler zugänglich werden – unabhängig von ihren
individuellen Voraussetzungen. Folgende finanzielle
Unterstützungsmöglichkeiten sollen dabei helfen:
1. Zusätzliche finanzielle Zuschüsse: Wer auf Sozialhilfeleistungen
angewiesen ist, kann Zuschüsse für
Reisekosten, Gepäck, Unterkunft und Verpflegung
erhalten.
2. Unterstützung für Schülerinnen und Schüler mit
Behinderungen: Für Lernende mit Behinderungen
bietet Erasmus+ finanzielle Unterstützung, um
notwendige Anpassungen und Hilfsmittel bereitzustellen.
Dies kann die Kosten für Assistenzpersonen,
spezielle Transportmittel oder barrierefreie
Unterkünfte umfassen.
3. Förderung von Minderheiten und benachteiligten
Gruppen: Erasmus+ legt besonderen Wert darauf,
Schülerinnen und Schüler aus Minderheiten oder
benachteiligten Gruppen einzubeziehen. Durch
gezielte Projekte und Partnerschaften sollen diese
Lernenden ermutigt und unterstützt werden,
an internationalen Austauschprogrammen teilzunehmen.
>
DIVERSITÄT
Über die Begriffe
VIELFALT
INKLUSION
Vielfalt oder auch Diversität bezieht
sich auf die Anerkennung und Wertschätzung der Unterschiede
zwischen Menschen. Dies umfasst Aspekte
wie Herkunft, Sprache, Religion, Geschlecht, sexuelle
Orientierung, Alter und individuelle Fähigkeiten. Im
schulischen Kontext bedeutet Vielfalt, dass die unterschiedlichen
Fähigkeiten, Hintergründe und Perspektiven
der Schülerinnen und Schüler als Bereicherung
angesehen und gleichberechtigt in den Unterricht
integriert werden.
Der Begriff Inklusion wird im europäischen Kontext
breiter gefasst als in Deutschland üblich. Unter dem
Begriff Inklusion werden alle Maßnahmen zusammengefasst,
die auf Teilhabe an der Gesellschaft und
die Herstellung von Chancengerechtigkeit abzielen.
Es soll allen Menschen, unabhängig von individuellen
Merkmalen wie Behinderungen, sozialer oder wirtschaftlicher
Herkunft, Religion oder Geschlecht, eine
vollständige und gleichberechtigte Teilhabe an den
Programmangeboten bei Erasmus+ ermöglicht werden.
Umsetzung in der Schule
Für Lehrkräfte, die sich für die Durchführung von
Erasmus+ Projekten interessieren, gibt es zahlreiche
Unterstützungsmöglichkeiten und Ressourcen. Dazu
gehören zum Beispiel Fortbildungen und Schulungen,
die auf die Durchführung von inklusiven Austauschprojekten
vorbereiten. Darüber hinaus bietet
die Nationale Agentur regelmäßig themen- und
schulformspezifische Onlineveranstaltungen und
Fragerunden an, die unter anderem den Austausch
zwischen erfahrenen und weniger erfahrenen Lehrkräften
unterstützen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Zusammenarbeit
mit Partnerorganisationen im Ausland. Durch
den Aufbau von Netzwerken und Partnerschaften
können Schulen sicherstellen, dass ihre Austauschprojekte
den Bedürfnissen aller Lernenden gerecht
werden. Dies kann durch die Entwicklung gemeinsamer
Curricula, den Austausch von Beispielen guter
Praxis oder die Organisation von gemeinsamen
Veranstaltungen und Aktivitäten geschehen. Mit
eTwinning ist zudem über den digitalen Austausch
ein erster niederschwelliger Einstieg in die internationale
Projektarbeit möglich. Hier werden Medienkompetenzen
praktisch geschult und alle
bringen sich mit ihren Stärken ein.
Inklusion und Vielfalt als Chance
Die Priorität »Inklusion und Vielfalt« bietet somit
besonders jenen Kindern und Jugendlichen eine Chance
auf Austauscherfahrungen, die ohne Erasmus+
vielleicht nie eine solche Gelegenheit erhalten würden.
Durch die gezielte Unterstützung von Schülerinnen
und Schülern mit geringeren Chancen können
Barrieren abgebaut und Chancengerechtigkeit gefördert
werden. Lehrkräfte, die sich für internationale
Austauschprojekte interessieren, erhalten praktische
Tipps dazu im Dossier zu Inklusion und Vielfalt auf
unserer Website erasmusplus.schule/im-fokus/
inklusion-und-vielfalt oder in unserer Broschüre zu
inklusiven Mobilitäten, die kostenfrei bestellt werden
kann. Beide Angebote sind gespickt mit Tipps
aus der Austauschpraxis und motivieren dazu, sofort
loszulegen.
Jede Nationale Agentur ist angehalten, eine Beauftragte
für die Priorität »Inklusion und Vielfalt« zu benennen,
die unter anderem die Entwicklung und
Umsetzung einer Strategie für Inklusion
und Vielfalt koordiniert. Bei der Nationalen
Agentur Erasmus+ Schulbildung
hat Ulrike Nehls diese Rolle inne.
Welche Hürden zur Teilhabe kann es geben?
austausch bildet
1. Behinderungen: körperliche, seelische,
geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen.
2. Gesundheitliche Probleme: körperlich und/
oder psychisch, chronische Erkrankungen.
3. Hindernisse im Zusammenhang mit
dem Bildungssystem: Schulabsentismus,
strukturelle Beschränkungen, Umgang mit
Lernschwierigkeiten im Bildungssystem.
4. Kulturelle Unterschiede etwa aufgrund
eigener Migrations- oder Fluchterfahrung,
des Migrationshintergrunds der Eltern, der
Zugehörigkeit zu einer Minderheit, der Verwendung
der Gebärdensprache.
5. Soziale Hindernisse wie zum Beispiel begrenzte individuelle
soziale Kompetenz, niedriger Bildungsstand der
Eltern, Kind von alleinerziehendem Elternteil, ungeklärter
Aufenthaltsstatus.
6. Wirtschaftliche Hindernisse: niedriges Haushaltseinkommen,
Armut, finanzielle Probleme der Familie.
7. Diskriminierung aufgrund der Geschlechtszugehörigkeit,
der ethnischen Zugehörigkeit, der sexuellen Orientierung,
der Religionszugehörigkeit, der Weltanschauung, des
Alters, von Behinderung(en) oder einer Kombination
mehrerer der genannten Diskriminierungsgründe.
8. Geografische Hindernisse: entlegene, schlecht angebundene
Wohnorte, strukturschwache Regionen.
12
Erasmus+ inklusiv
13
erasmus+ schülermobilitäten
»Grenzen gibt es für
uns nicht«
Junge Menschen mit Behinderung sammeln viel zu selten
internationale Erfahrungen. An der Geschwister-
Scholl-Gesamtschule in Detmold hat sich das geändert.
von iris ollech
E
in Foto von einem strahlenden jungen
Mann am Meer, mit aufgekrempelten
Hosenbeinen, die nackten Füße im Wasser,
der voller Energie auf die Kamera
zuläuft: Diese Momentaufnahme passt
für die Sonderpädagogin Silvia Leutnant perfekt zum
Erasmus+ Projekt »Inklusion trifft Emotion: Grenzen
gibt es für uns nicht«. Gerührt berichtet sie, dass das
Bild einen ihrer Schüler zeigt, der durch Fluchterfahrungen
schwer traumatisiert ist und beim Strandausflug
in Spanien plötzlich so viel Lebensfreude
versprühte. Gemeinsam mit sechs weiteren Jugendlichen
der Detmolder Geschwister-Scholl-Gesamtschule
(GSG) reiste er im Sommer 2023 nach Gandia,
südlich von Valencia.
Begonnen hatte es mit einem Traum. »Ich wollte
auch unseren Schülerinnen und Schülern mit Förderschwerpunkt
eine Auslandsreise ermöglichen«,
erzählt Silvia Leutnant. An der inklusiven Detmolder
Gesamtschule lernen rund 1100 Kinder und Jugendliche
mit unterschiedlichen Fähigkeiten gemeinsam.
Etwa 90 von ihnen erhalten zusätzliche Angebote,
abgestimmt auf ihre besonderen Bedürfnisse. Viele
von ihnen haben kognitive Einschränkungen oder
sind in ihrer emotionalen und sozialen Entwicklung
beeinträchtigt. Im Lebenspraktischen Training (LPT),
zusätzlich zum normalen Unterricht, lernen sie nützliche
Fähigkeiten für ein selbstbestimmtes Leben.
Reisen gehört nach Ansicht der Sonderpädagogin
Silvia Leutnant unbedingt dazu.
Wir sind stolz, dass
wir den Mut hatten, mit
unseren Schülerinnen und
Schülern nach Spanien
zu fahren. Grenzen gibt es
für uns nicht.
Kathrin Kersting,
Erasmus+ Koordinatorin
»Ich habe einfach angefangen, ohne zu ahnen, was
auf mich zukommt. Es war unfassbar viel Arbeit.« Unterstützt
wurde das Team von Schulleiter Christoph
Trappe sowie den Lehrkräften Jan-Arne Schubert
und Musab Torunoglu. Weil einige Kinder keine Pässe
besaßen, wurden Termine beim Ausländeramt vereinbart,
Formulare ausgefüllt und Passfotos besorgt.
Zudem mussten Integrationskräfte als Reisebegleitung
organisiert, Buchungen getätigt und nicht zuletzt
Eltern überzeugt werden. »Die Familien erleben
so viele Schwierigkeiten und Vorurteile, dass sie es
kaum fassen konnten, dass ihre Kinder diese Chance
erhielten«, erinnert sich Silvia Leutnant.
Mit Akribie und Optimismus
austausch bildet
Die Erasmus+ Koordinatorin Kathrin Kersting unterstützte
ihre Kollegin bei der Organisation, sogar
in ihrer Elternzeit. »Für mich war klar: Wenn wir das
machen, dann mit Erasmus+, weil es zusätzliche Fördermittel
für einen inklusiven Austausch gibt«, sagt
sie. Die GSG und ihre spanische Partnerschule fanden
sich über die eTwinning-Plattform und fassten
einen Plan: Je sieben Jugendliche mit Förderbedarf
aus Gandia und Detmold sollten sich gegenseitig
besuchen. Kathrin Kersting war zuversichtlich: »Dass
unser Traum Wirklichkeit wird, kriegen wir hin!«
Doch es war eine enorme Herausforderung, weil
die Schülerinnen und Schüler zwischen 13 und 16 Jahren
eine intensive Betreuung benötigten. Das konnte
nur mit akribischer Planung und einer Riesenportion
Optimismus gelingen. Silvia Leutnant erinnert sich:
14
Erasmus+ inklusiv
15
Ein Traum wird wahr
Im Mai 2023 kam zunächst die spanische Gruppe
für fünf Tage nach Detmold, kurz darauf fand der Gegenbesuch
in Gandia statt. Bei einer Vorbereitungsreise
hatte sich das deutsche Erasmus-Team davon
überzeugt, dass Unterbringung und Transport den
Bedürfnissen der Jugendlichen entsprachen. Nun
konnten sie sich voll auf das Programm konzentrieren.
Bei Museumsbesichtigungen, einem Ausflug
zum größten Aquarium Europas in Valencia, Strandbesuchen
und beim gemeinsamen Paella-Essen erlebten
die Jugendlichen die Vielfalt der spanischen
Kultur. Die Verständigung zwischen den jungen Leuten
klappte mit Händen und Füßen – und Spickzetteln
in Lautschrift: »Mei näm is Zoe. Ei äm sörtin jiers
old änd liv in Detmold. Ei leik futbol änd schopping.«
Dass Zoe und die anderen Jugendlichen sich auf völlig
neue Erfahrungen einließen, war nicht selbstverständlich.
Ein Hotelzimmer zu beziehen, den Koffer
auszupacken oder pünktlich zum Frühstück zu erscheinen,
mussten sie erst lernen. »Die Jugendlichen
haben sich mutig auf unbekanntes Terrain begeben
und dadurch wertvolle Fähigkeiten entwickelt«, ist
Silvia Leutnant überzeugt.
Besonders gerne erinnert sie sich an einen ihrer
Schüler, der im Unterricht kaum erreichbar war. Meistens
hatte er seine Kappe und Kapuze tief über die
Augen gezogen und reagierte nicht auf Ansprache.
Als die Spanier zu Besuch kamen, zeigte er zunehmend
neue Seiten seiner Persönlichkeit: Offenherzig,
liebenswürdig, hilfsbereit. Auf dem Gruppenfoto in
Gandia ist er ohne Mütze, mit einem befreiten Lachen
zu sehen. »Da wusste ich, er hat es geschafft«,
sagt Silvia Leutnant. Ihr Traum hat sich erfüllt.
—
Die Autorin ist Journalistin in Bonn.
Über die Schule
Die Schule ist im Programm Erasmus+ akkreditiert.
Die Lernmobilitäten wurden aus Mitteln der
Europäischen Union finanziert, die im Rahmen des
Erasmus-Programms zur Verfügung stehen.
Mehr Infos:
gsgs-dt.de/projekt-erasmus-plus
nachgefragt
Ȇber sich
hinausgewachsen«
Silvia Leutnant ist Sonderpädagogin,
Kathrin Kersting Erasmus+
Koordinatorin an der GSG Detmold.
Das Projekt wurde 2024 als
»Success Story« ausgezeichnet.
Was hat sich an Ihrer Schule durch das Projekt
verändert?
kathrin kersting: Das Lebenspraktische
Training (LPT) für Schülerinnen und Schüler mit
Unterstützungsbedarf hat im Kollegium viel
Wertschätzung erfahren. Durch die Reise sind
die Kinder nicht nur über sich hinausgewachsen,
ihnen wird auch mehr zugetraut.
Was hat die Auszeichnung als »Success Story«
bewirkt?
silvia leutnant: Wir haben viel Aufmerksamkeit
in der Presse erhalten und gelten jetzt
als »Leuchtturm« unter den Schulen im Umkreis.
Auch die Schülerinnen und Schüler sind
stolz auf die Auszeichnung und identifizieren
sich noch viel stärker mit ihrer GSG Detmold.
Welche Tipps haben Sie für Schulen, die sich für
solche Lernmobilitäten interessieren?
kathrin kersting: Suchen Sie sich Unterstützung
im Kollegium. Man braucht jemanden,
der sich mit Begeisterung und Energie für
das Projekt einsetzt, und eine Schulleitung, die
hinter einem steht. Außerdem empfehlen wir
vorbereitende Besuche im Gastland, um sich
ein Bild zu machen, ob Hotels und Transportmittel
vor Ort barrierefrei sind. Hierfür können
Erasmus+ Fördermittel beantragt werden.
erasmus+ schülermobilitäten
Futter für den
Bücherschrank
Trotz Rollstuhl zum Schülerpraktikum nach Dublin?
Anna Lena hat gezeigt, dass das klappt.
austausch bildet
DUBLIN
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Erasmus+ inklusiv
17
die fragen stellte martin finkenberger, pad
Warum wolltest du ein Praktikum in einem
Buchladen machen? Und wie hast du den in
Dublin gefunden?
Ich liebe einfach Bücher, und wo finden sich neue
Schätze besser als in einem der größten Buchläden
Irlands? Gefunden habe ich ihn, weil er bei Google
einer der ersten Treffer für »Buchläden in Irland« war.
Wie hast du dich auf das Praktikum vorbereitet?
Ehrlich gesagt: Ich glaube, mit Vorbereitung hätte
ich mich nur unnötig selbst verrückt gemacht, weshalb
ich auch niemandem empfehlen kann, vorher
noch zu versuchen, Vokabeln oder Ähnliches zu lernen
– seid einfach ihr selbst! Die einzige Vorbereitung,
die ich getroffen habe, war, mir noch mal ein
paar neue Klamotten für die Arbeit zuzulegen.
Wie bist du im Alltag und mit der Sprache
zurechtgekommen?
Da ich schon zwei Tage vor Beginn meines Praktikums
angereist bin, hatte ich Zeit, mich sowohl an
die Stadt als auch an den Dialekt zu gewöhnen. Der
war aber gar nicht so schwer zu verstehen, wie ich
anfangs dachte. Somit hatte ich in der Hinsicht keine
Probleme.
Welche Situation war für dich als Rollstuhlfahrerin
bei der Arbeit die größte Herausforderung? Und wie
hast du diese Situation meistern können?
Wirklich schwer war nur, die Aufzugtüre allein zu
öffnen. Aber solange ich nichts in der Hand hatte,
habe ich das ganz gut hinbekommen. Sollte ich doch
einmal die Hände voll gehabt haben, fand sich immer
jemand, der mir aufgehalten hat. Die oberen Regale
konnte ich auch nicht erreichen. Wenn Bücher dorthin
gehörten, konnte ich die aber einfach auf einen
Stapel für meine Kollegen legen.
Über Anna Lena
Ich bin 17 Jahre alt, besuche die Klasse MSS 11 des
Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums in Betzdorf
(Rheinland-Pfalz) und habe ein zweiwöchiges Praktikum
im Chapters Bookstore in Dublin absolviert.
Bist du durch das Praktikum auf einen dir bislang
unbekannten irischen Autor gestoßen, dessen
Bücher du jetzt unbedingt lesen möchtest?
Welche Empfehlung hättest du für uns?
Lucinda Riley mit ihrer Reihe »The Seven Sisters«
ist nach Irland sofort in meinen Bücherschrank gewandert.
Aber meine Liebe zu Oscar Wildes Romanen
ist ebenfalls neu entfacht. Deshalb verdient auch
»The picture of Dorian Grey« eine Erwähnung.
Was sollte man in seinem Reisegepäck nicht
vergessen?
Bücher, um sich zum Beispiel auf dem Flug nicht
zu langweilen.
Eine Buchhandlung hat ihr eigenes Vokabular. Welche
Begriffe bleiben dir in Erinnerung, von denen du
denkst: Die hätte ich im Schulunterricht nie gelernt.
»Trade-« und »Mass Market-Paperback«: Das sind
beides Bezeichnungen für eine besondere Art von
Taschenbüchern. Außerdem habe ich Bezeichnungen
für Literaturgenres gelernt, die ich vorher noch nie
gehört habe.
Über Schülerpraktika mit Erasmus+
An vielen Schulen sind Schülerpraktika zentraler
Bestandteil der Berufsvorbereitung. Warum deshalb
nicht ein solches Praktikum im Ausland absolvieren
– gefördert durch das Erasmus-Programm?
Den Praktikumsplatz dürfen sich Schülerinnen und
Schüler, am besten mit Unterstützung der Schule,
selbst aussuchen. So lernen sie zugleich, wie sie eine
Bewerbung in einer Fremdsprache schreiben. Um
Fördermittel zu erhalten, muss das Praktikum mindestens
10 Tage und darf höchstens 29 Tage dauern.
Außerdem müssen die Schülerinnen und Schüler in
Vollzeit die Schule besuchen.
Mehr Infos: erasmusplus.schule/erasmus-fuer/
schuelerinnen-und-schueler
erasmus+ schülermobilitäten
In
V ielfalt
vereint
Auf Zeitreise gehen: Das ermöglicht das Projekt
»Time Machine« der »Gemeinschaftsschule Campus Efeuweg«.
Seit elf Jahren ist die Berliner Schule mit Erasmus+ unterwegs,
immer mit einem Fokus auf Inklusion.
18
austausch bildet
Erasmus+ inklusiv
19
von janna degener-storr
O
hne gültigen Pass ins Ausland reisen?
Trotz Lernbehinderung in einer
Fremdsprache kommunizieren? Einen
Gast zu Hause in der ohnehin
beengten Wohnung aufnehmen?
Für viele Schülerinnen und Schüler der »Gemeinschaftsschule
Campus Efeuweg« scheint die Teilnahme
an einem Austauschprojekt kaum denkbar
zu sein. Die sogenannte Brennpunktschule liegt im
Berliner Stadtteil Neukölln. Viele der Schülerinnen
und Schüler hier haben einen Migrationshintergrund
und leben in prekären Familienverhältnissen. Drei
bis sechs Jugendliche pro Klasse haben zudem einen
attestierten Förderbedarf, etwa in den Bereichen
»emotionale-soziale Entwicklung« oder »Lernen«.
Interviews führen und Videos drehen
Erasmus+ bietet den Schülerinnen und Schülern
die Chance, im europäischen Ausland zu lernen – und
einen Anreiz, an sich zu arbeiten. Wie das in der Praxis
gelungen ist, zeigt etwa das Projekt »Time Machine«,
das von 2022 bis 2024 mit Partnern aus Frankreich,
Spanien und Italien stattgefunden hat. Unter dem
Motto »Back in the past for a better future« führten
die Schülerinnen und Schüler Interviews mit älteren
Verwandten und Nachbarn über ihre Lebensgewohnheiten,
um die Ergebnisse später den Projektpartnern
in selbst erstellten Videos zu präsentieren. Im Oktober
2023 reiste eine Schülergruppe nach Valencia. Im
Februar 2024 trafen sich die Projektpartner in Berlin.
Ein letztes Treffen fand schließlich in Nancy statt.
Teilnehmen konnten Jugendliche der Klassen 7 bis 10.
Von der Vorbereitung des Frühstückssnacks bis
zur Dokumentation der gemeinsamen Erlebnisse
mit der Kamera mussten alle vor Ort Verantwortung
übernehmen. Bei der Zuordnung der Aufgaben achteten
die Lehrerinnen darauf, dass alle Schülerinnen
und Schüler die Möglichkeit hatten, voneinander zu
lernen. Wer sich als verantwortungsvoll erwiesen
hatte, aber viel Bewegung braucht, arbeitete zum
Beispiel gemeinsam mit eher schüchternen und
sprachlich schwächeren Jugendlichen im Team »Dokumentation«.
Es gibt Jugendliche,
die plötzlich pünktlich
kamen oder aufhörten,
im Unterricht zu stören,
und andere, die anfingen,
für Klassenarbeiten zu lernen.
Wer an dem Projekt teilnehmen wollte, musste
sich dafür bewerben – zum Beispiel mit einem Motivationsschreiben,
einem Videosteckbrief oder einem
selbst erstellten Projektlogo. Die für die Auswahl
zuständigen Lehrkräfte kannten die Schülerinnen
und Schüler in der Regel nicht aus dem Unterricht,
sodass diese sich hier von einer anderen Seite zeigen
konnten. Schon die Aussicht auf die Teilnahme
am Erasmus-Projekt führte bei einigen Schülerinnen
und Schülern zu Verhaltensänderungen, erzählt Lehrerin
Janina Bähre: »Es gibt Jugendliche, die plötzlich
pünktlich kamen oder aufhörten, im Unterricht zu
stören, und andere, die anfingen, für Klassenarbeiten
zu lernen.«
Alle werden mitgenommen
Janina Bähre, Lehrerin
Eine besondere Herausforderung in dem Projekt
stellte die Bürokratie dar. Da auch viele geflüchtete
Jugendliche die Schule besuchen, haben nicht alle
Teilnehmenden Reisedokumente. »Wir beantragen
immer die Schülersammelliste, um auch die mitzunehmen,
die zum Beispiel kein Reisedokument haben,
um damit niemanden auszugrenzen. Diese Liste holen
die Schülerinnen und Schüler selbst ab – für viele der >
nachgefragt
austausch bildet
Jugendlichen war das die erste positive nach vielen
negativen Erfahrungen mit der Ausländerbehörde«,
sagt Lehrerin Heidi Titze-Lopez.
Die Reisen boten den teilnehmenden Jugendlichen
die Chance, während des Auslandsaufenthalts
in einer Gastfamilie unterzukommen. Der Zehntklässler
Agosto, der in Wirklichkeit anders heißt, war
dabei und überrascht davon, wie locker die italienischen
Eltern mit ihren Kindern auf dem italienischen
Dorf umgingen: »Die Jugendlichen hatten das Vertrauen
ihrer Eltern. Sie durften zum Beispiel bis um
20 Uhr noch zusammen Fußball spielen, ohne Ärger
zu bekommen«, berichtet er. Die Partnerschulen verzichteten
darauf, im Gegenzug von Berliner Familien
untergebracht zu werden.
In ihrer Erasmus-Arbeit legt der »Campus Efeuweg«
auch inhaltlich einen Schwerpunkt auf das
Thema Inklusion. Im Projekt »Time Machine« etwa
ging es auch um die Frage, wie unterschiedliche
Menschen mit all ihren Besonderheiten vor vielen
Jahren miteinander auskamen – und wie sie heute in
einer globalisierten Welt in aller Unterschiedlichkeit
miteinander vereint sein können. »In Neukölln haben
wir viel mit Menschenfeindlichkeit zu tun, die sich
zum Beispiel in Rechtsextremismus oder Rassismus
äußert«, sagt Janina Bähre. Die Gemeinschaftsschule
lebe im Unterrichtsalltag die Vielfalt und nutze
Projekte, um das Thema »Anderssein« über den Rahmenlehrplan
hinaus zu thematisieren.
—
Die Autorin ist Journalistin in Königs Wusterhausen.
Über die Schule
Die Schule ist im Programm Erasmus+ akkreditiert.
Die Lernmobilitäten wurden aus Mitteln der Europäischen
Union finanziert, die im Rahmen des Erasmus-
Programms zur Verfügung stehen.
Mehr Infos
gemeinschaftsschule.campus-efeuweg.de
Erstmals im Ausland
Viele Schülerinnen und Schüler
gewinnen durch Austauschbegegnungen
an Selbstbewusstsein, hat Janina
Bähre festgestellt. Sie koordiniert die
Erasmus-Projekte der Schule.
Was bedeutet es für die Schülerinnen und Schüler,
an einer Mobilität teilzunehmen?
Für viele ist es das erste Mal, dass sie fliegen, in einem
Hostel schlafen oder ohne Eltern unterwegs sind
– und dann gleich im Ausland. Sie machen viele neue
Erfahrungen, an denen sie wachsen: Sie versuchen
zum Beispiel, in einer fremden Stadt ihr Ziel zu finden.
Oder sie kommunizieren mit bekannten und unbekannten
Jugendlichen auf Englisch. Wir merken, dass
sie sich in solchen Situationen außerhalb ihres Alltags
ganz anders benehmen und erwachsener werden.
Wie profitieren Jugendliche mit Migrationshintergrund
von den Auslandsaufenthalten?
Viele von ihnen haben die Erfahrung gemacht, dass
ihnen in Berlin häufig das Deutschsein abgesprochen
wird, auch wenn sie hier geboren sind und ihre Familien
schon seit Jahrzehnten hier leben. Im Ausland werden
sie dann zum ersten Mal als deutsch gelesen. Sie
kommen dadurch mit einem deutschen Bewusstsein
zurück, das sie sich hoffentlich auf Dauer bewahren.
Mit Blick auf Inklusion: Welchen Beitrag leisten
Erasmus-Projekte dazu am »Campus Efeuweg«?
Unsere Schülerinnen und Schüler lernen, was
Partizipation und Demokratie bedeuten. Denn das
selbstbestimmte Lernen auf Augenhöhe mit Erwachsenen
kann hier viel mehr Raum einnehmen als im
Unterrichts- und Familienalltag. Und anschließend
setzen sie sich im besten Fall als Multiplikatorinnen
und Multiplikatoren für eine bunte und vielfältige
Schule ein.
20
Erasmus+ inklusiv
21
kooperationspartnerschaften
Mit Händen im
G E S P R Ä C H
O
b Module für den Unterricht, Materialien
für Schülerinnen und Schüler
oder Konzepte zur Weiterqualifikation
von Lehrkräften: In einer
Kooperationspartnerschaft können
zum Beispiel Universitäten oder Einrichtungen der
Lehrerfortbildung zu einem selbst gewählten Thema
aus dem Schulbereich zusammenarbeiten. Voraussetzung
ist, dass dieses Thema sich mindestens einer der
vier Prioritäten des Erasmus-Programms widmet. Die
Projekte »Sign4Change« des Instituts für Lerninnova-
tion der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen und
»Be Aware of the Grammar of Sign Languages« der
Abteilung Gebärdensprach- und Audiopädagogik des
Instituts für Rehabilitationswissenschaften der Humboldt-Universität
zu Berlin zielen darauf ab, den Unterricht
für gehörlose und schwerhörige Schülerinnen
und Schüler zu verbessern. Womit sich die Projekte
genau befassen und was sie selbst in der Projektarbeit
lernen, haben wir die Koordinatorinnen gefragt. >
Unvergesslich bleibt mir, als ich meinen
eigenen Gebärdensprachennamen erhielt.
Ein solches persönliches Zeichen bekommt
man erst, wenn die Mitglieder einen
gut kennengelernt haben.
Dr. Tanja Tillmanns, Mitarbeiterin im Erasmus-Projekt der
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen, beim Besuch
der Gebärdensprachengemeinschaft in Madrid.
Sign4Change
Worum geht es im Projekt »Sign4Change«?
Wir haben ein Bildungsmodell entwickelt, das soziale
Innovation mit Inklusion verbindet – wir nennen
es das »Deaf-Changemaker-Konzept«. Lehrkräften
werden damit Möglichkeiten an die Hand gegeben,
gehörlose und schwerhörige Schülerinnen und Schüler
besser zu fördern. Um das zu erreichen, haben
wir unter anderem ein E-Book erstellt mit Geschichten
von gehörlosen Menschen, die Großes erreicht
haben – sei es im Beruf, in der Gesellschaft oder im
Aktivismus. Dadurch bekommen die Schülerinnen
und Schüler nicht nur wertvolle Orientierungshilfen,
sondern werden auch motiviert, eigene Stärken zu
entdecken und sich aktiv in der Gemeinschaft einzubringen.
Welche Materialien haben Sie mit den Projektpartnern
entwickelt?
Neben dem E-Book haben wir ein Curriculum für
Social Innovation Education (SIE) für gehörlose und
schwerhörige Schülerinnen und Schüler entwickelt.
Das Curriculum ist so konzipiert, dass die Aktivitäten
von Lehrenden direkt im Klassenzimmer mit den
Schülerinnen und Schülern umgesetzt werden können.
Diese Onlinetrainings wurden für Lehrkräfte
entwickelt, die bereits in der Gehörlosenbildung tätig
sind oder mehr über Gebärdensprache und Gehörlosenkultur
erfahren möchten. Ziel ist es, ein Training
für soziale Innovation in der Bildung anzubieten, um
die Bildung für gehörlose und schwerhörige Kinder
inklusiver und transformativer zu gestalten. Das Training
beinhaltet auch Aktivitäten zur Integration des
E-Books in verschiedene Unterrichtsfächer.
Was war Ihr persönliches Highlight in dem Projekt –
sowohl auf der Ebene neuer Erkenntnisse als auch
im persönlichen Bereich?
Unvergesslich bleibt mir ein Treffen in Madrid, als
ich meinen eigenen Gebärdensprachennamen von
zwei unserer schwerhörigen Partner erhielt. In der
Gebärdensprachgemeinschaft bekommt man ein
solches persönliches Zeichen erst dann, wenn die
Mitglieder jemanden gut kennengelernt haben. Das
war ein bewegender Augenblick, in dem ich mich ein
bisschen als Teil dieser Kultur fühlte. Auch wissenschaftlich
war dieser Besuch ein Aha-Erlebnis, denn
unser Partner, das Colegio Gaudem, ist ein herausragendes
Beispiel dafür, wie Inklusion funktionieren
kann. Hier haben die Verantwortlichen längst erkannt,
dass die Gebärdensprache nicht nur für gehörlose
oder schwerhörige Kinder von Vorteil ist. Daher
lernen dort alle Schülerinnen und Schüler grundlegende
Gebärden. Beim Besuch der Klassenräume war
es inspirierend zu sehen, wie selbstverständlich und
harmonisch hörende und gehörlose Kinder miteinander
lernen. Das Colegio Gaudem hat mir gezeigt,
dass echte Inklusion weit mehr ist als ein Konzept: Sie
ist eine gelebte Realität, wenn Menschen bereit sind,
Barrieren abzubauen und neue Kommunikationswege
zu öffnen.
Dr. Tanja Tillmanns ist Lehrkraft an der
Fachhochschule Südwestfalen und
wissenschaftliche Mitarbeiterin an der
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen.
austausch bildet
Projekttitel: Sign4Change
Koordinator: Friedrich-Alexander-
Universität | Institut für Lerninnovation
Förderung: 304.295 Euro
Mehr Infos:
sign4change.eu
22
Erasmus+ inklusiv
23
BAG-Sign
Worum geht es im Projekt »BAG-Sign«?
Wir entwickeln mit tauben und hörenden Forschenden
und Lehrkräften eine pädagogische Grammatik
für fünf europäische Gebärdensprachen. Dazu
erklären wir Kindern und Jugendlichen auf einer
Website die Struktur der Deutschen, der Französischen,
der Italienischen, der Österreichischen und der
Deutsch-Schweizerischen Gebärdensprache. Ziel ist,
das Sprachbewusstsein für Gebärdensprachen bei
tauben, schwerhörigen und hörenden Schülerinnen
und Schülern zu stärken und Lehrkräfte für den Gebärdensprachunterricht
weiter zu qualifizieren.
Worin liegt die europäische Bedeutung des Projekts?
Gebärdensprachen bereichern die sprachliche
Vielfalt in Europa, wurden aber früher kaum in der
Bildung tauber Kinder verwendet und waren sogar
an einigen Schulen verboten. Mittlerweile sind
Gebärdensprachen gut erforscht und in Schulen in
ganz Europa werden Gebärdensprachen zunehmend
unterrichtet. Es fehlt aber überall didaktisches Material
und qualifizierte Lehrkräfte. Wir bündeln deshalb
linguistische und didaktische Kompetenzen aus
fünf Ländern, um die Erkenntnisse der Linguistik für
die pädagogische Praxis nutzbar zu machen. Schülerinnen
und Schüler lernen nicht nur ihre nationale
Gebärdensprache kennen, sondern können auf unserer
Website verschiedene Gebärdensprachen miteinander
vergleichen, was auch ihre interkulturellen
Kompetenzen stärkt.
An welche Zielgruppen richten sich die Materialien,
die aus dem Projekt hervorgegangen sind?
Unsere Website »Gebärdensprachen für Kinder
und Jugendliche: Grammatik leicht erklärt« richtet
sich an Schülerinnen und Schüler ab 10 Jahre. In acht
Modulen wird je eine kommunikative Funktion, zum
Beispiel »Etwas verneinen«, und die sprachlichen Mittel,
mit denen diese ausgedrückt wird, in der jeweiligen
nationalen Gebärdensprache und Schriftsprache
erklärt. Jedes Modul beginnt mit Geschichten und
Sachtexten, in denen diese Mittel vorkommen. Auf
diese bauen die Erklärungen auf. Grafiken und Comics
visualisieren die Inhalte. Alle Materialien sind
kostenlos downloadbar, sodass Lehrkräfte sie in ihren
Unterricht individuell einbauen können. Außerdem
gibt es Tutorials für Lehrkräfte, in denen wir etwa
erläutern, wie Sprachbewusstsein im Gebärdensprachunterricht
gefördert werden kann.
Welche Rolle spielten die beteiligten Schulen für den
Erfolg des Projekts?
Die Schulen haben die Themen ausgewählt und
ihre Bedarfe an die pädagogische Grammatik zusammengetragen.
Sie haben das erste Pilotmodul
erprobt und evaluieren zurzeit die Module der Website,
indem sie diese im Unterricht einsetzen und uns
Feedback für die Überarbeitung geben.
Was war Ihr persönliches Highlight in dem Projekt
– sowohl auf der Ebene neuer wissenschaftlicher
Erkenntnisse als auch im persönlichen Bereich?
Wir bereiten das erste Mal systematisch linguistische
Erkenntnisse für Kinder didaktisch auf und
müssen uns zum Beispiel auf eine didaktische Terminologie
einigen. Vor dem Hintergrund verschiedener
linguistischer Theorien ist das gar nicht so einfach.
Aber es gelingt unserem interdisziplinären Team
in vielen Diskussionen sehr gut. Und wir entdecken
dabei Gemeinsamkeiten und auch Unterschiede zwischen
unseren Gebärdensprachen.
Professorin Claudia Becker leitet die Abteilung
Gebärdensprach-/Audiopädagogik am
Institut für Rehabilitationswissenschaften
der Humboldt-Universität zu Berlin.
Projekttitel: Be Aware of the Grammar
of Sign Languages
Koordinator: Humboldt-Universität zu Berlin |
Institut für Rehabilitationswissenschaften |
Abteilung Gebärdensprach- und Audiopädagogik
Förderung: 400.000 Euro
Mehr Infos: www2.hu-berlin.de/bag-sign/
dgs-german/#bag-sign
Aus der Praxis
Eine Priorität, viele Facetten: Inklusiver und vielfältiger
Austausch mit Erasmus+ kann verschiedene Formen haben.
Einen Eindruck davon vermitteln unsere Beispiele.
zusammengestellt von maria birkmeir, pad
Von Brake nach Brønshøj
Akkreditierte Schule: Gymnasium Brake,
Niedersachsen
austausch bildet
Im September 2024 fand in Bonn erstmals ein
Vorbereitungsseminar für Jugendliche statt, die mit
Erasmus+ eine längere Zeit an einer Gastschule im
Ausland verbringen. Mit dabei war auch Rayan. Die
17-jährige Schülerin stammt aus Syrien und besucht
das Gymnasium Brake in der Wesermarsch an der
Nordsee. Von Oktober bis Dezember 2024 aber
war sie an der Tingbjerg Skole in Brønshøj, einem
Stadtteil von Kopenhagen. Ein Schritt, den sich nicht
alle trauen, wie Koordinatorin Kirsten Focke weiß:
»Viele Schülerinnen und Schüler möchten gar nicht
ins Ausland, haben Angst vor Heimweh oder davor,
etwas zu verpassen.«
Für Rayan war es eine ganz besondere Chance, die sie
ergreifen wollte: Ihre Familie hatte zunächst versucht,
nach Dänemark auszuwandern, musste aber in
Deutschland bleiben. Während ihrer Zeit in Kopenhagen
konnte die Schülerin ihre dänischen Sprachkenntnisse
auffrischen und brachte sich an der Gastschule
im Deutschunterricht ein. Von ihren Erfahrungen
möchte sie auch ihren Mitschülerinnen und Mitschülern
in Brake berichten – damit noch mehr Jugendliche
den Mut für einen Austausch finden.
Mit Hemiparese bei einer Gastfamilie
Akkreditierte Schule: Gemeinschaftsschule am
Sonnenfeld in Sachsenheim, Baden-Württemberg
»Die Hemiparese, die Jule hat, ist eine Herausforderung.
Aber Jule war sehr mutig und ich hatte nie den
Eindruck, dass sie nicht zurechtkam oder aufgegeben
hätte«, berichtet Lidwina. Die Mutter von zwei
Kindern hatte die 11-jährige Schülerin, die halbseitig
gelähmt ist, bei sich zu Hause in Malta aufgenommen.
Jule besucht eigentlich die Gemeinschaftsschule
am Sonnenfeld in Sachsenheim und war Anfang
des Jahres gemeinsam mit weiteren Fünftklässlern
und ihrer Lehrerin eine Woche lang auf Malta. Auch
für Jule war es eine große Herausforderung, allein
bei einer fremden Familie zu sein und sich auf
Englisch zu verständigen. Ein echter Anschub
fürs Selbstbewusstsein: Bei Kommunikationsschwierigkeiten
konnte sie sich mit dem Handy
selbst helfen. Viel Spaß hatte Jule mit dem Hund
der Gastfamilie und ein besonderes Erlebnis war es,
frische Orangen im Garten zu pflücken und daraus
selbst Saft zu pressen. Jules Gastbruder Theo lernt
selbst Deutsch in der Schule und freut sich bereits
auf den Gegenbesuch.
24
Erasmus+ inklusiv
25
Das Schulprofil weiterentwickeln
Akkreditierte Schule: Paul-Dohrmann-Schule
Dortmund, Nordrhein-Westfalen
»Wir haben gemerkt: Als Förderschule in einem
sozialen Brennpunkt haben wir Schülerinnen und
Schüler, die von dem Konzept ›Resilienz‹ profitieren«,
berichtet Rebekka Wilpert, die Erasmus+ an
der Schule koordiniert. Die Schule nutzt deshalb
auch den europäischen Austausch, um diesen
Schwerpunkt zu vertiefen.
Viele Impulse und Ideen, die im Schulprogramm
verankert sind, haben die Lehrkräfte aus Hospitationen,
Austauschbegegnungen und Fortbildungen an
Partnereinrichtungen in Europa mitgebracht. Und
›Resilienz‹ ist als Fach im schuleigenen Curriculum
verankert. Je nach Klassenstufe haben die Schülerinnen
und Schüler pro Woche eine Doppelstunde oder
bearbeiten das Thema projektbezogen. »Wir haben
in Dublin eine Lehrerfortbildung zu Achtsamkeit
besucht und von dort beispielsweise die Idee mitgebracht,
Meditation und Yoga stärker im Schulalltag
zu integrieren«, berichtet Rebekka Wilpert.
Schülerinnen und Schüler werden an der Paul-Dohrmann-Schule
individuell gefördert und aktiv in das
Schulleben einbezogen. Ob bei der Zubereitung des
Mittagessens oder durch die Mitbestimmung im
Schulparlament – alle Kinder erleben sich als selbstständig
und eigenverantwortlich Handelnde. Davon
lassen sich auch die Gäste inspirieren: »Besonders
unsere Partnerschule in Belgien war so beeindruckt,
dass mehrmals Lehrkräfte kamen, um sich einen
Eindruck davon zu verschaffen«, erinnert Rebekka
Wilpert sich.
Für ihren innovativen Ansatz wurde die Schule
2024 mit dem European Innovative Teaching
Award ausgezeichnet.
Unterwegs gegen Rassismus
und Antisemitismus
Kurzzeitprojekt:
Evangelisches Schul zentrum Chemnitz,
Sachsen
»Wir legen Wert darauf, aus dem Schubladendenken
herauszukommen«, sagt Claudia
Zimmermann, Schulleiterin am Evangelischen Schulzentrum
in Chemnitz. Ihr europäisches Engagement
wurzelt in der Friedens- und Versöhnungsarbeit:
Beim Austausch mit einem Gymnasium in Nordmazedonien
nahm sie zusammen mit weiteren
Lehrkräften und 20 Jugendlichen am »March of
the Living« teil, einer Gedenkveranstaltung für die
jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt
Bitola, die vor mehr als 80 Jahren ins Vernichtungslager
Treblinka deportiert wurden.
Die Schülerinnen und Schüler aus Deutschland und
Nordmazedonien bereiteten sich ein Schuljahr lang
auf die Begegnung und den Gastfamilienaufenthalt
vor, indem sie Rassismus und Diskriminierung in
ihrem eigenen Alltag aufmerksam registrierten,
darüber diskutierten und gemeinsam Strategien
zum Umgang damit erarbeiteten. Trotz der freien
Trägerschaft ist das Evangelische Schulzentrum
eine »typische Stadtteilschule« und in der Nähe der
zentralen Erstaufnahmestelle für Asylbewerber in
Sachsen gelegen. Am Austausch mit Bitola waren
Jugendliche beider Schulformen des Schulzentrums
beteiligt. Dank des Inklusionszuschlags konnten
auch ökonomisch benachteiligte Schülerinnen und
Schüler mitfahren.
Das 2024 abgeschlossene Kurzzeitprojekt wurde mit
einem Erasmus+ Qualitätssiegel ausgezeichnet.
ihre fragen, unsere antworten
Die Chancen
nutzen
?
Inklusion praktisch: Die Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter der Nationalen Agentur Erasmus+
Schulbildung beraten Schulen und Kitas, die
europäischen Austausch für möglichst alle
durchführen wollen.
erasmusplus.schule
Petra Brockmann
David Felsch
austausch bildet
Annika Schneider
Im Bereich der Akkreditierung ist Annika Schneider zuständig
für Baden-Württemberg, Berlin und Brandenburg, Petra
Brockmann für Hessen, das Saarland, Sachsen-Anhalt und
Thüringen. David Felsch ist zuständig für Kurzzeitprojekte
und Kleinere Partnerschaften in Baden-Württemberg,
Mecklenburg-Vorpommern und im Saarland. Alle Ansprechpersonen
für Ihre weiteren Fragen finden Sie auf unserer
Website erasmusplus.schule/service/ansprechpersonen.
26
Erasmus+ inklusiv
27
Was können wir aus der »Inklusionsunterstützung
für Teilnehmende« bezahlen und worin
besteht die »Inklusionsunterstützung für die
Einrichtung«?
Wenn eine Schülerin oder ein Schüler mitreist,
der oder die zum Beispiel einen Rollstuhl
oder eine Fachkraft für das Gebärdendolmetschen
benötigt, können die erhöhten Transportkosten
oder das Honorar fürs Dolmetschen
aus der »Inklusionsunterstützung für Teilnehmende«
gedeckt werden. Es können 100 Prozent
der tatsächlichen Kosten abgerechnet
werden. Nachgewiesen werden die Kosten
mittels Rechnungen und Originalbelegen. Die
»Inklusionsunterstützung für die Einrichtung«
dagegen ist ein Pauschalbetrag in Höhe von
125 Euro pro teilnehmende Person mit geringen
Chancen. Der Nachweis erfolgt pauschal mittels
des entsprechenden Formblatts.
Wie können wir die Auswahl der Schülerinnen
und Schüler für unsere Mobilitäten möglichst
inklusiv gestalten?
Sprechen Sie in erster Linie die Schülerinnen
und Schüler an, die zum Beispiel aufgrund
der wirtschaftlichen Situation im Elternhaus
keine Chance haben, ins Ausland zu reisen. Ermutigen
Sie auch Schülerinnen und Schüler,
die von sich aus vielleicht zu schüchtern sind,
sich selbst zu melden. Konzipieren Sie das Auswahlverfahren
transparent und fair. Statt einer
schriftlichen Bewerbung zur Teilnahme nutzen
Sie auch Möglichkeiten wie zum Beispiel eine
Collage, ein Video oder ein Gespräch. Geht es
um Fremdsprachenerwerb, berücksichtigen
Sie besonders Schülerinnen und Schüler, deren
Sprachkenntnisse noch nicht so gut sind, die
jedoch durch eine Mobilität motiviert werden
könnten.
Wir wissen zum Zeitpunkt unserer Antragstellung
noch nicht, welche Schülerinnen und
Schüler mitfahren. Können wir die Inklusionsunterstützung
auch nachträglich beantragen?
Eine nachträgliche Beantragung von zusätzlichen
Geldern ist grundsätzlich nicht möglich.
Die in der Finanzhilfevereinbarung festgehaltene
Summe bildet die Obergrenze für die nach
Projektende festzustellende tatsächliche Fördersumme.
Überlegen Sie also bei Antragstellung
– beispielsweise aufgrund der ungefähren
Zusammensetzung der gesamten Schülerschaft
–, wie viele Teilnehmende mit geringeren
Chancen realistisch betrachtet an den Mobilitäten
teilnehmen könnten, und beantragen
Sie für diese Zahl die Inklusionsunterstützung.
Sollte die tatsächliche Anzahl von Teilnehmenden
mit geringeren Chancen dann unter der im
Antrag genannten Zahl liegen, geben Sie das in
der Abschlussberichterstattung über das »Beneficiary
Module« an. Der Gesamtförderbetrag
wird dann in der Projektabrechnung entsprechend
nach unten korrigiert.
Unsere Schule möchte Schülerinnen und
Schülern aus finanzschwachen Elternhäusern
die Teilnahme an Gruppenmobilitäten ermöglichen.
Einige Familien können aber während
des Gegenbesuchs keine Gastschülerin bzw.
keinen Gastschüler bei sich aufnehmen. Was
können wir hier tun?
In solchen Fällen sollten Sie überlegen, ob
Sie den gesamten Austausch so planen, dass
auf beiden Seiten die Gastschülerinnen und
-schüler in einer Jugendherberge oder einem
Hostel untergebracht werden. Die Frage nach
der Unterbringung eines Gastes stellt sich
dann nicht und niemand wird ausgegrenzt. Die
EU-Kommission stellt neben den Fahrtkosten
auch Mittel für den Aufenthalt zur Verfügung
– die »individuelle Unterstützung«. Damit
trotzdem interkulturelle Begegnungen über die
Schülerschaft hinaus möglich sind, können beispielsweise
Nachmittagsaktivitäten organisiert
werden, an denen auch Familien teilnehmen.
Forum
Mein Sohn
ist Europäer
Neben Parlamenten, Kommissionen und Konventionen
sind es vor allem die Menschen, die Europa gestalten.
Für unseren Autor zählt deshalb auch ein Programm wie Erasmus+
zu den europäischen Selbstverständlichkeiten.
austausch bildet
von kurt kister, süddeutsche zeitung
M
ein Sohn ist Europäer. Das ist
ein Satz, auf den ich fast stolz
bin, nicht nur weil ich meinen
Sohn liebe. Michael ist jetzt
28. Er ist in München geboren,
hat Abitur gemacht und dann in Tours, Paris, Bologna
und München studiert. In Tours an der Loire war
er im Erasmus-Semester, dort hat er seine Freundin,
auch Erasmus, kennengelernt. Die beiden sind in einem
grenzenlosen Europa aufgewachsen, sie haben
Freunde und Freundinnen an vielen Plätzen auf dem
alten Kontinent.
Ich bin auch Europäer. Als ich aber so alt war,
wie mein Sohn heute ist, gab es an allen deutschen
Grenzen Kontrollen, man musste den Pass vorzeigen,
wenn man nach Frankreich oder Italien wollte. Jedes
Land hatte seine eigene Währung, der Euro war eine
Idee, aber in weiter Ferne. Deutschland war geteilt
und es war einfacher, nach Buenos Aires zu reisen, als
nach Dresden. Zwischen der Bundesrepublik und der
DDR war die Grenze durch Mauern, Stacheldraht und
Minen »gesichert«. Europa gab es als geografischen
Begriff und als Hoffnung, dass es mal anders werden
könnte, dass junge Dresdner zum Schüleraustausch
nach Marseille gehen könnten, dass Europa nicht
nur Hoffnung, sondern Heimat werden könnte. Ich
war damals ein Hoffnungseuropäer, auch weil es
angesichts der deutschen Vergangenheit manchmal
schwerfiel, ein Deutscher zu sein. Jetzt bin ich, trotz
aller aktuellen politischen Probleme, ein Überzeugungseuropäer.
Mein Vater war, als er so alt war, wie sein Enkel
jetzt ist, kein Europäer, sondern nur Deutscher. Er ist
1925 geboren und war seit 1943 Soldat im Zweiten
Weltkrieg. 1944 schoss er bei Metz in Frankreich auf
Franzosen und Amerikaner. Mein Großvater kämpfte
1916 bei Verdun gegen die Franzosen. Sein Großonkel
tat das 1870 im deutsch-französischen Krieg. Für sie
alle bedeutete Europa nicht mehr als eine Ansammlung
von Staaten, die in regelmäßigen Abständen gegeneinander
Krieg führten. Besonders deutlich war
das zwischen Frankreich und Deutschland.
Kontinent des Friedens
Europa war bis zur Hälfte des vergangenen Jahrhunderts
kein Kontinent des Friedens, sondern ein
Kontinent der Konkurrenz, des Streits und auch des
Krieges. Das hat sich in den Jahrzehnten danach so
sehr und so positiv geändert, dass man vielleicht zum
ersten Mal von einer Heimat Europa sprechen kann.
28
29
Innerhalb der Europäischen Union können die Menschen
dort leben, in die Schule oder zur Uni gehen,
arbeiten, Ferien machen oder ein paar Monate bleiben,
wie es ihnen gefällt. Die meisten derer, die ins
»Ausland« ziehen, werden ihrem Geburtsland oder
der Region, aus der sie kommen, verbunden bleiben.
Aber es spricht nichts mehr dagegen, dass man in
Speyer zu Hause war und in Córdoba oder Siena daheim
ist. Geografisch ist Europa nicht größer geworden,
gefühlsmäßig schon.
Übrigens: Gerade weil sich in Europa so viel Gutes
getan hat, ist es so furchtbar, dass Russland im
Februar 2022 die Ukraine überfallen hat. Dieser Krieg
hat zurückgebracht, was viele in Europa überwunden
glaubten. Auch deswegen ist es so wichtig, dass
Europa, dass die EU der Ukraine helfen. Es ist noch
wichtiger geworden, weil die USA unter ihrem Präsidenten
Donald Trump sich von Europa – und von der
Ukraine – abwenden. Europa allerdings steht nicht
»allein«, denn es besteht, wenn man die Mitgliedschaft
im Europarat zugrunde legt, aus 46 Staaten,
27 von ihnen gehören zur EU. Dieses Europa kann gemeinsam
viel erreichen – vor allem, wenn es in wichtigen
Fragen einig ist und handelt.
Klar, in Europa ist nicht alles Sonnenschein. Schon
in der EU haben Staaten miteinander zu tun, die sehr
unterschiedliche Interessen und Weltanschauungen
vertreten. Ungarn zum Beispiel lehnt im Gegensatz
zu Polen die Unterstützung der Ukraine eher ab.
Über die Migration, die Zuwanderung aus Ländern
außerhalb Europas, gibt es gegenwärtig heftige Meinungsunterschiede
innerhalb der EU. Fast alle Länder
wollen die sogenannte irreguläre Zuwanderung
begrenzen, wollen Menschen, die ohne Papiere in
die EU kommen, wieder zurückschicken. Solche Zurückweisungen
an der Grenze bedeuten allerdings
oft, dass der eine EU-Staat diese Migranten in den
angrenzenden anderen EU-Staat »abschieben« will.
Ein schwieriges politisches Problem, auch weil in
etlichen Staaten Europas rechte Parteien, die nationale,
oft nationalistische Standpunkte vertreten, an
Zustimmung gewonnen haben.
Die Menschen machen Europa
Europa ist kein Bundesstaat, es hat keine Regierung,
auch wenn die EU-Kommission manchmal an
eine Regierung erinnert. In der jüngeren Geschichte
sah es kurzfristig mal so aus, als könne sich Europa
in Richtung eines immer enger werdenden Staatenbundes
mit dem Ziel eines Bundesstaates entwickeln.
Das war in den Neunzigerjahren, als nach
dem Zusammenbruch des autoritären, staatlich organisierten
Sozialismus mit der Sowjetunion an der
Spitze die Hoffnung aufkeimte, der demokratische
Rechtsstaat sei ein Modell für alle. Dem war nicht
so, nicht nur, weil gerade in den jungen Demokratien
der Kapitalismus, respektive dessen Auswüchse, vieles
an sich riss und vieles zerstörte. Damals entstand
die Oligarchenherrschaft, auf die sich heute zum Beispiel
Wladimir Putin stützt. Und spätestens mit der
Zeitenwende des 11. September 2001, den furchtbaren
Attentaten von New York und Washington, wurde
sehr klar, dass eben kein »Ende der Geschichte«
erreicht worden war.
Europa ist nicht »einfach«. Wie sollte es auch
»einfach« sein, wo es doch so viele Unterschiede vereint
– historische, lebensweltliche, wirtschaftliche,
politische, geografische, kulturelle? Aber genau das
macht ja auch den Reiz Europas aus: Eine Großregion,
die Vereinheitlichung leidenschaftlich ablehnt, in der
aber die meisten Unterschiedlichen wissen, dass sie
viel mit dem jeweils anderen verbindet. Es ist dieses
Gemeinsame, das so sehr dabei hilft, Franzosen, Portugiesen,
Finnen, Slowaken, Deutsche oder Letten zu
Europäern zu machen.
Und dennoch: Mehr als das EU-Parlament, die
EU-Kommission oder die Europäische Konvention für
Menschenrechte sind es die europäischen Selbstverständlichkeiten,
die Europa »machen«: der Schüleraustausch,
das Erasmus-Programm, Interrail, Work and
Travel beim übernächsten Nachbarn. Es sind, und das
ist keine Floskel, die Menschen, die Europa machen.
Vieles ist noch nicht so, wie es sein sollte. Aber
wie großartig ist es zum Beispiel, dass sich zwischen
Frankreich und Deutschland in den letzten Jahrzehnten
so etwas wie eine Erbfreundschaft entwickelt
hat. Mein Sohn, seine Kinder und wiederum deren
Kinder – sie werden nicht mehr auf Franzosen schießen.
Was für ein Fortschritt.
Kurt Kister war Korrespondent der
»Süddeutschen Zeitung« in Bonn, Berlin
und Washington und viele Jahre ihr
Chefredakteur. Heute ist er als Autor für
die Zeitung tätig.
erasmus+ etwinning
Ulrike Wielinski-Pike
Alexandra Hepp
Einfach trauen
Vom Kontaktseminar für eTwinning-Neulinge auf die Bühne einer
Preisverleihung für gelungene Projekte: Unser Beispiel zeigt, wie
einfach der Einstieg in den digitalen Austausch gelingen kann. Alles,
was es braucht, ist ein wenig Mut, methodisch neue Wege zu gehen.
austausch bildet
Die beiden Grundschullehrerinnen sind fest davon
überzeugt, dass der Einstieg in den digitalen Austausch
mit eTwinning gerade mit jüngeren Schülerinvon
ute friederich, pad
I
deen für ein digitales Austauschprojekt mit
ihren Schülerinnen und Schülern sammeln
und die Erasmus+ Plattform eTwinning kennenlernen:
Mit diesem Ziel nahmen Alexandra
Hepp und Ulrike Wielinski-Pike, die an der
Grundschule »An der Schäferwiese« in München unterrichten,
im Frühjahr 2024 an einem Kontaktseminar
in Leipzig teil. Auf dem Weg zurück hatten die beiden
Lehrerinnen nicht nur Kontakt zu einer Partnerschule
in Polen, sondern auch das Konzept für ihr erstes
Projekt im Gepäck. Ein halbes Jahr später erhielten die
beiden dafür den Deutschen eTwinning-Preis. Dieser
Erfolg ist nicht nur eine besondere Wertschätzung für
die Zeit und die Energie, die die beiden Lehrerinnen in
die Projektarbeit mit ihren Schülerinnen und Schülern
gesteckt haben. Er zeigt auch: »Man sollte sich etwas
zutrauen und seine Komfortzone verlassen«, wie
Alexandra Hepp es formuliert. Denn der Freiraum, der
entsteht, wenn man sich ein Stück weit vom Lehrplan
und den gewohnten Methoden löst, fördert die Kreativität
und den Enthusiasmus der Kinder.
Die Neugier der Kinder nutzen
30
Erfahrungen
31
nen und Schülern besonders einfach gelingt. »Unsere
Erfahrung ist, dass solche Projekte an der Grundschule
wunderbar funktionieren, weil die Kinder so spontan
und offen sind«, berichtet Alexandra Hepp. »Der Enthusiasmus,
den sie an den Tag legen, hat uns selbst
überrascht.« Die beiden Münchnerinnen entwickelten
im Rahmen des Kontaktseminars gemeinsam mit einer
Kollegin aus Wrocław die Idee für das Projekt »Europa-Sternchen«,
in dem die Kinder sich gegenseitig
ihre Schule und ihre Stadt vorstellen. Die Projektaktivitäten
hatten ihren Ausgangspunkt somit in der Lebenswelt
der Schülerinnen und Schüler. Von dort aus
kamen die Kinder miteinander in den Austausch.
Die Viertklässlerinnen und Viertklässler aus München
arbeiteten dabei mit Schülerinnen und Schülern
einer Jahrgangsstufe 7 zusammen. Die Kinder machten
Fotos, drehten kurze Videos oder verfassten Texte,
in denen sie der Partnerklasse ihre Heimat vorstellten.
Besondere Herausforderung für die deutschen
Schülerinnen und Schüler: Sie mussten ihre Vorstellungen
so gestalten, dass die Kinder der polnischen
Deutschlernklasse alles gut verstehen konnten. Texte
wurden daher zum Beispiel durch Vokabelkärtchen
ergänzt. »Der kollaborative Aspekt wurde so perfekt
umgesetzt. Denn unsere Kinder haben gemerkt, dass
die anderen ihre Texte deshalb so gut zum Deutschlernen
verwenden konnten, weil ihnen die Vokabeln
erklärt wurden«, erzählt Ulrike Wielinski-Pike. Und
ihre Kollegin ist begeistert, dass »die Großen sich so
gut auf die Kleinen einlassen konnten und sehr wertschätzend
mit den Materialien umgegangen sind.«
Auf Augenhöhe
Solch positives Feedback von Gleichaltrigen hat
das Selbstbewusstsein der Kinder verbessert, ihre
Motivation gesteigert und nicht zuletzt den Zusammenhalt
in der Klasse gefestigt. All diese positiven
Erfahrungen tragen dazu bei, dass die Viertklässlerinnen
und Viertklässler gestärkt und selbstsicher in
den neuen Lebensabschnitt an der weiterführenden
Schule starten. Diese positiven Effekte der Projektarbeit
auf die Schülerinnen und Schüler überzeugten
auch die Jury des Deutschen eTwinning-Preises. Die
Auszeichnung wird einmal im Jahr von der Nationalen
Agentur Erasmus+ Schulbildung im PAD vergeben.
Eine Fachjury wählt die Projekte aus, die aufgrund
ihres kreativen Medieneinsatzes, der pädagogischen
Innovation im Unterricht sowie der ausgeprägten
Schülerkooperation am meisten überzeugen.
Diese Auszeichnung hat die Kinder noch einmal
mit zusätzlichem Stolz erfüllt. Genau wie ihre beiden
Lehrerinnen, die nie damit gerechnet hätten, gleich
für ihr erstes Projekt einen Preis zu erhalten. »Ich bin
schon lange Lehrerin und muss sagen, dass dieses
eTwinning-Projekt das i-Tüpfelchen ist. Es macht großen
Spaß, wenn man sieht, wie die Kinder arbeiten
und wie stolz sie auf das sind, was sie geleistet haben«,
schwärmt Ulrike Wielinski-Pike.
Persönliche Kontakte
Nicht zuletzt deshalb sind Alexandra Hepp und
Ulrike Wielinski-Pike froh, sich seinerzeit für die Teilnahme
an dem eTwinning-Kontaktseminar beworben
zu haben. Die beiden empfehlen allen Lehrkräften,
die den Einstieg in den digitalen Austausch wagen
wollen, eine solche Veranstaltung zu besuchen. Dort
gibt es nicht nur eine Einführung in die Möglichkeiten
von eTwinning und den Umgang mit der European
School Education Platform school-education.ec.
europa.eu. Die Teilnehmenden haben vor allem die
Möglichkeit, europäische Kolleginnen und Kollegen
kennenzulernen und gemeinsam Projektideen zu
entwickeln. Gerade diesen persönlichen Austausch
haben die Münchener Lehrerinnen als besonders gewinnbringend
empfunden. Schon vor der Auszeichnung
mit dem Deutschen eTwinning-Preis stand
für beide deshalb fest, dass die »Europa-Sternchen«
nicht ihr letztes digitales Austauschprojekt sein würden.
Die Begeisterung ihrer Schülerinnen und Schüler,
das wertschätzende Feedback durch Eltern und
Schulleitung und nicht zuletzt die eigenen positiven
Erfahrungen waren Ansporn genug, um in diesem
Schuljahr erneut ein eTwinning-Projekt durchzuführen.
Und auch dafür sind die Idee und der Kontakt
zu den Partnerlehrkräften während des Seminars in
Leipzig entstanden.
Über Kontaktseminare
eTwinning-Kontaktseminare haben das Ziel, Lehrkräfte
in die Möglichkeiten des digitalen Schulaustauschs
mit eTwinning einzuführen und sich dazu
mit Kolleginnen und Kollegen aus ganz Europa zu
vernetzen. Was auf einem Kontaktseminar passiert,
zeigt unser Video vimeo.com/950775031
internationales preisträgerprogramm
fränggin
Die Wahlfränkin
Schwäbisch, Bayerisch oder Platt:
Während ihres Studiums hat Denise Orozco
unterschiedlichste Dialekte gehört.
Besonders wohl fühlt sich die gebürtige
El Salvadorianerin im Fränkischen.
32
austausch bildet
Erfahrungen
33
Gschmarri!
von martin finkenberger, pad
» G
aggerla«, »Kerwa« und gelegentlich
ein rechtes »Gschmarri«: Wer in
und um Nämberch (Nürnberg) oder
»Färdd« (Fürth) die Ohren spitzt, bekommt
nicht nur diese ungewöhnlichen
Worte zu hören. Oft genug wird die Aussprache
auch mit einem rollenden »R« unterlegt, wie es
typisch ist für das »Fränggische« (Fränkische). Wenn
dann noch die harten »Gonsonande« (Konsonanten)
fehlen, heißt es: genau zuhören.
So erging es auch Denise Orozco aus El Salvador,
die 2003 für ihre ausgezeichneten Deutschkenntnisse
zur Teilnahme am Internationalen Preisträgerprogramm
ausgewählt worden war. Zwei Wochen
konnte sie seinerzeit am Pirckheimer-Gymnasium in
Nürnberg ihre Sprachkenntnisse erproben, in einer
Gastfamilie den Alltag erleben und, gemeinsam mit
Schülerinnen und Schülern aus zahlreichen anderen
Ländern, Deutschland erkunden. Was anderen in der
Aussprache schwerer fiel, bereitete ihr »fei« keine
Probleme: Denn besagtes »R«, bei dem das Rollen
nicht im Rachen, sondern am Gaumen stattfindet,
kennt sie aus ihrer spanischen Muttersprache. »So
habe ich das Fränkische für mich entdeckt und beibehalten«,
sagte sie. Was dazu führte, dass sie später
mehr als einmal für eine waschechte »Middelfränggin«
gehalten wurde.
Großes Vertrauen
Die Zeit in Nürnberg blieb ihr allerdings nicht nur
aufgrund der dialektalen Eigenheiten und Freundschaften
zu anderen Preisträgerinnen und Preisträgern
in bester Erinnerung. Was sie nicht weniger
beeindruckte, war, wie ungezwungen junge Menschen
sich hierzulande bewegen und wie selbstständig
sie ihre Freizeit gestalten. »Das kannte ich
so nicht, denn mit meinen Eltern musste ich immer
verhandeln, wohin ich gehe. In Nürnberg dagegen
haben Eltern oder Lehrkräfte den Schülerinnen und
Schülern großes Vertrauen entgegengebracht – die
damit verantwortungsvoll umgegangen sind.« Besonders
eingeprägt hat sich ihr das auf einer Feier,
zu der ein Schüler einen Liter Milch mitbrachte. Als
Begründung gab er an, er fahre am Abend mit seinem
Moped zurück nach Hause. »Imponiert hat mir
nicht nur, dass der Schüler so offen damit umging
und sich dem Gruppendruck entzog, sondern auch,
dass alle anderen das akzeptiert haben.«
Ihre ausgezeichneten Kenntnisse der Sprache
verdankt sie dem Unterricht, natürlich auf Hochdeutsch,
an der Deutschen Schule in San Salvador.
»Meine Eltern hatten keine Verbindung zu dieser
Sprache. Aber sie haben bei der Auswahl der Schule
für meine Brüder und mich auf Qualität geachtet«,
erinnert sie sich. Bestärkt wurde sie zudem
durch eine der Ortslehrkräfte. »Sie war Salvadorianerin,
hat aber ausgezeichnet Deutsch gesprochen.
Das zeigte mir, dass man eine Fremdsprache
auch dann unterrichten kann, wenn man keine
Muttersprachlerin ist.« >
Nämberch
Eine bunte Gruppe: Mit Denise Orozco waren auch
Schülerinnen und Schüler aus Argentinien, Brasilien,
Kolumbien, Mexiko, Nicaragua, Rumänien und
Südafrika zu Gast am Pirckheimer-Gymnasium.
austausch bildet
Ihre Deutschkenntnisse und breit gefächerten
Interessen öffneten Denise Orozco nach dem Abitur
auch den weiteren Weg. Mit einem Vollstipendium
des Deutschen Akademischen Austauschdienstes
(DAAD) studierte sie in Hamburg Biochemie und Molekularbiologie.
2014 promovierte sie am Deutschen
Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen an
der Ludwig-Maximilians-Universität München im
Bereich Molecular Life Sciences. »Diese Fächer haben
mich schon immer interessiert, weil ich die biologischen
Prozesse im menschlichen Organismus verstehen
wollte, vor allem solche, die zu Erkrankungen
führen.« Ein Auslöser dafür war auch, dass ihr Onkel
viele Jahre unter einer Krankheit litt, die ihrer Familie
trotz aller Fortschritte in der Medizin die Grenzen des
Wissens aufzeigte – und ein Gefühl der Machtlosigkeit
bewirkte.
Beratung für IT-Anwendungen
In der akademischen Wissenschaft wollte Denise
Orozco allerdings nicht dauerhaft bleiben. Zu groß
erschien ihr der Druck, sich in die Abhängigkeit von
Forschungsgeldern zu begeben, die immer wieder
neu eingeworben werden müssen. »Das eine sind die
Anforderungen der Auftraggeber, das andere die eigenen
Interessen«, sagt sie. Stattdessen verschlug es
sie in ein Unternehmen der Pharmaindustrie, für das
sie klinische Studien betreute.
Diese Tätigkeit wiederum öffnete ihr die Türen zu
einem Berufsfeld, in dem ihre Expertise als Wissenschaftlerin
von großem Nutzen ist. »Klinische Studien
beruhen auf umfangreichen Daten, die oft über
mehrere Jahre hinweg in strukturierter Form gesammelt
und ausgewertet werden. Dazu sind komplexe
IT-Anwendungen erforderlich, die entwickelt werden
müssen«, erläutert sie den Hintergrund. So führte ihr
Weg sie zu einer Beratungsfirma nach Stuttgart, die
dafür Lösungen anbietet. »Hier kann ich das Abstrakte
der Forschung mit den Möglichkeiten des IT-Managements
verknüpfen, ohne selbst Programmiererin sein
zu müssen«, sagt sie. Derzeit ist sie an einem Projekt
beteiligt, das die Entwicklung und Einführung des
E-Rezeptes begleitet, wie es seit Anfang 2024 über
die Krankenkassenkarte ausgestellt werden kann. »In
dieser IT-Welt fühle ich mich wohl«, sagt sie. Dass in
Stuttgart ein ganz anderer Dialekt als in »Franggen«
gesprochen wird, der allerdings nicht weniger viele Besonderheiten
aufweist, nimmt sie dafür gerne in Kauf.
Name
Heimatland
Preisträgerin 2003
Heute
Lieblingswort
Denise Orozco
El Salvador
IT-Projektmanagerin
»Pitschepatschenass«
Es hat stark geregnet, man hatte keinen
Regenschirm dabei. Man ist nicht
nur nass, sondern ›pitschepatschenass‹.
Und so fühlt man sich auch.
Über das Internationale Preisträgerprogramm
Das Internationale Preisträgerprogramm wurde
1959 vom Auswärtigen Amt initiiert. Das Vollstipendium
ermöglichte Schülerinnen und Schülern,
die sich im Deutschunterricht ihrer Heimat
ausgezeichnet hatten, einen zweiwöchigen
Gastschulaufenthalt in Deutschland sowie ein
zweiwöchiges Exkursionsprogramm. Die Jugendlichen
sollten so Einblick in den Familienalltag
gewinnen, aber auch verschiedene Regionen und
Städte kennenlernen.
Vor der Coronapandemie nahmen jährlich rund
400 Schülerinnen und Schüler aus rund 90 Nationen
teil. Aufgrund der Sparmaßnahmen im
Bundeshaushalt war das Programm allerdings
von starken Kürzungen betroffen. 2023 konnten
nur noch rund 250 Stipendien vergeben werden.
Seit dem Jahr 2024 pausiert das Programm auf
unbestimmte Zeit, da vom Auswärtigen Amt als
dem Auftraggeber keine Mittel mehr zur Verfügung
gestellt werden können.
34
Fremdsprachenassistenzprogramm
35
zurückgeblickt
Mit Abizeitung
und Asterix
Vom Klassenzimmer in den Hörsaal: Nach einigen Jahren im Schuldienst
betreut Professor Björn Rothstein heute angehende Lehrkräfte.
Worauf es im Umgang mit heterogenen Lerngruppen ankommt, weiß
er auch aus seiner Zeit als Fremdsprachenassistent in Frankreich.
von martin finkenberger, pad
Herr Professor Rothstein, wer eine Fremdsprache
studiert, will für gewöhnlich durch ein Auslandssemester
auch seine Sprachkenntnisse für Prüfungen
verbessern. Ihnen dagegen ist das Gegenteil widerfahren.
Was ist passiert?
Ich bin in Tübingen aufgewachsen, habe dort
studiert und war 1998 drei Monate mit einem Workand-Travel-Programm
in Montreal in Kanada. Damit
wollte ich nicht nur etwas Geld verdienen, sondern
auch mein Französisch verbessern. Das Ergebnis war
jedoch, dass ich nach meiner Rückkehr zweimal durch
die Phonologie-Phonetik-Prüfung gefallen bin. In
Montreal hatte ich mir nämlich einen franko-kanadischen
Akzent zugelegt. Den aber wollten die Prüfer
nicht durchgehen lassen. Schade eigentlich, denn
Französisch ist ja vielfältig.
Dabei hatten Sie während eines Schüleraustauschs
die Gelegenheit, »gutes« Französisch kennenzulernen.
Unsere Partnerschule lag in Aigle im französischsprachigen
Teil der Schweiz. Und das Französisch, das
dort gesprochen wird, wurde uns als eine besonders
schöne Varietät angepriesen. Ob das stimmt, weiß ich
nicht. Aber das Französisch dort entsprach wohl dem,
wie wir es in der Schule gelernt hatten. Die Schülerinnen
und Schüler haben sich jedenfalls bestens verstanden
und der Austausch ging in die Geschichte der
Schule als die Klassenfahrt mit den meisten binationalen
Pärchen ein. >
austausch bildet
War es die zunächst missglückte Uniprüfung, die Sie
veranlasst hat, erneut ins Ausland und diesmal nach
Frankreich zu gehen?
In Montreal hatte ich auch Studierende aus Paris
kennengelernt, sodass ich mir nach den Prüfungserfahrungen
dachte, dass Frankreich ein guter Anschluss
sein könnte. Deshalb habe ich mich direkt für
Paris beworben.
... wo Sie standesgemäß gewohnt haben?
Tatsächlich fand ich im Quartier Latin nahe der
Sorbonne ein winzig kleines, wenngleich unendlich
teures Zimmer. Und trotzdem war es traumhaft. An
meine Einsatzschulen in Roissy-en-Brie, einer kleinen
Satellitenstadt in den Banlieues, musste ich zwar
pendeln. Ich hatte aber erneut Glück, weil es eine
direkte Zuganbindung dorthin gab und die Schulen,
eine École élémentaire, ein Collège und ein Lycée,
vom Bahnhof aus fußläufig zu erreichen waren.
Was waren Ihre Themen im Unterricht?
Mit Hölderlin konnten Sie vermutlich nicht punkten?
Die Lehrkräfte haben mich in den ersten Stunden
beobachtet, mir danach aber viele Freiheiten gelassen.
Das war ein wunderbarer Vertrauensvorschuss,
der sicher auch damit zusammenhing, dass ich schon
einige Jahre in Tübingen an der Volkshochschule
Schwedisch, meine zweite Muttersprache, unterrichtet
hatte. Ich hatte somit Erfahrung, vor einer Klasse
zu stehen, mit Menschen zu interagieren und wenn
nötig Disziplin einzufordern. Im Deutschunterricht
habe ich dann viel mit authentischem Material und
unkonventionellen Textsorten gearbeitet. Dazu gehörten
auch Beiträge aus meiner Abizeitung, in denen,
wie das üblich ist, Lehrer veräppelt wurden und
sich der Jahrgang porträtierte.
Was haben die Schülerinnen und Schüler in
Roissy-en-Brie über den 19-jährigen Abiturienten
Björn Rothstein erfahren?
Viel Treffendes. Da stand zum Beispiel, dass ich zu
bestimmten Tageszeiten schlecht zu erreichen war,
weil im Fernsehen gerade die vierte Staffel der Sitcom
»Alf« lief. Oder dass ich vor jeder Matheklausur
eine bestimmte Routine abgespult
habe, zu der auch gehörte, noch
einen Schokoriegel zu essen.
Dass solche Texte Ihre Autorität untergraben
könnten, haben Sie nicht befürchtet?
Gerade weil die Beschreibung so persönlich und
ehrlich war, hatte diese Textsorte eine hohe Authentizität,
die die Schülerinnen und Schüler angesprochen
hat. Denn ihnen war klar, dass solche Texte, die
auch viel Jugendsprache enthalten, exklusiv sind und
nicht jeder zu Gesicht bekommt. Eine ihrer Aufgaben
war es dann, ein Charakterprofil über mich als Fremdsprachenassistenten
zu schreiben. So was kann man
sicher nicht mit jeder Klasse machen. Aber in diesem
Fall hat es unkompliziert funktioniert. Einige Schülerinnen
und Schüler hat es sicher auch zum Nachdenken
darüber angeregt, was später einmal über sie in
ihrer Abizeitung stehen könnte. Zudem ließ sich damit
über die Hintertüre Landeskunde vermitteln. In
solchen Texten geht es ja immer auch um das Schulsystem.
Zur Abizeitung kam Asterix. Wie erklärt es sich,
dass Sie einen französischen Nationalhelden im
Deutschunterricht heranziehen konnten?
Damals war gerade der erste Asterix-Film mit
Gerard Depardieu und Christian Clavier in den Kinos
gelaufen. Die Musik stammte von Jean-Jacques Goldman,
dessen Lied »Elle ne me voit pas« verschiedene
Künstler in ihrer Muttersprache interpretiert haben.
Die deutsche Fassung stammte von Xavier Naidoo,
den man damals problemlos im Unterricht heranziehen
konnte. So konnte ich mit Asterix im Deutschunterricht
arbeiten.
Während eines Auslandsaufenthalts kommt es
oft auch zu interkulturellen Missverständnissen.
In welches Fettnäpfchen sind Sie getreten?
Unterschiede zeigen sich häufig in Kleinigkeiten.
Ein Beispiel: Im Jahr davor hatte ich in den Semesterferien
in Schweden ein Schulpraktikum absolviert.
Bei einer privaten Einladung eines Lehrers habe ich
vergessen, an der Wohnungstür meine Schuhe auszuziehen,
wie man das in Schweden tut, damit kein
Schmutz ins Haus kommt. Als ich in Paris war und
eine solche Einladung bekam, zog ich wie selbstverständlich
meine Schuhe aus und sorgte damit für einen
regelrechten Skandal. Denn in dem gesellschaft-
36
Fremdsprachenassistenzprogramm
37
lichen Milieu, in dem ich mich dort bewegte, war das
unüblich. Das zeigt gut auf, wie schnell man in interkulturelle
Fettnäpfchen treten kann, auch in Europa.
In der Regel lassen sich solche Situationen gut auflösen.
Das gelingt aber umso einfacher, wenn mein Gegenüber
selbst interkulturelle Erfahrungen gemacht
hat. Deshalb ist es auch so wichtig, möglichst alle
jungen Menschen während ihrer Schulzeit einmal in
einen Austausch zu schicken, bei dem sie erfahren,
dass es anderswo anders ist, aber ebenfalls gut – und
wie sie in solchen Situationen reagieren.
Nach einigen Jahren im Schuldienst lehren Sie
seit 2009 Sprachdidaktik an der Ruhr-Universität
Bochum. Was hat Sie zum Wechsel in die
akademische Forschung veranlasst?
Aus meinem Elternhaus kannte ich beide Welten.
Aber studiert habe ich mit dem Berufsziel Lehrer, zumal
ich mich als junger Familienvater nicht auf eine
prekäre Stelle in der Wissenschaft einlassen wollte.
An der Schule habe ich eine tolle Zeit erlebt. Durch
meine Habilitation auf dem Gebiet der Sprachdidaktik,
die ich in dieser Zeit abschließen konnte, tat sich
aber ein neues Arbeitsfeld an der Schnittstelle von
Wissenschaft und Unterricht auf. Ein klein wenig
habe ich auch davon profitiert, dass damals als Reaktion
auf die PISA-Studien vor allem die empirische
Bildungsforschung ausgebaut wurde.
»Ich stelle Erkenntnisse der theoretischen und angewandten
Linguistik in den Dienst des deutschunterrichtlichen
sprachlichen Lernens«, beschreiben Sie
Ihre akademische Forschung. Was bedeutet das in
der Praxis?
Mein Grundgedanke ist: Was wir im Unterricht
behandeln, muss einen Bildungswert haben, der sich
begründen lässt. Es geht nicht darum, beispielsweise
die allerneueste Grammatiktheorie zu unterrichten.
Stattdessen müssen wir überlegen, was ein bestimmter
Inhalt den Schülerinnen und Schülern bringt. In
einem Projekt, das die Deutsche Forschungsgemeinschaft
gefördert hat, haben wir etwa untersucht,
welche Zeitformen zur Darstellung chronologischer
Abfolgen in Schulbuchtexten eingesetzt werden sollten,
damit diese Schülerinnen und Schülern zugänglicher
werden. Das bedeutet nicht, dass der Unterricht
damit immer leichter wird. Wenn wir aber wissen,
dass einem größeren Anteil von Schülerinnen und
Schülern das Textverständnis schwerfällt, dann müssen
wir uns Gedanken darüber machen, wie wir diese
erreichen können. Daraus haben wir dann Empfehlungen
für das Erstellen von Schulbüchern abgeleitet.
Viele Studierende klagen darüber, dass ihr eng getaktetes
Studium sich nicht mit einem Auslandssemester
verbinden lasse. Welchen Ratschlag geben Sie ihnen?
Gerade als junger Mensch sollte man möglichst
viele solcher Angebote mitnehmen, zumal sie sich
in dieser Lebensphase noch einfacher bewerkstelligen
lassen. Dass ein Auslandsaufenthalt nicht zum
Studienverlauf passt oder Probleme mit dem BAföG
nach sich zieht, würde ich nicht gelten lassen. Es gibt
schließlich die Möglichkeit, ein Urlaubssemester einzulegen.
Und gerade das Fremdsprachenassistenzkräfteprogramm
wird einem auf dem Silbertablett
serviert: Man erhält ein auskömmliches Stipendium,
mit dem man einigermaßen über die Runden kommt.
Man hat viel Zeit, um vor allem die Sprache zu lernen.
Und man trifft Gleichaltrige aus anderen Ländern.
Diese Zeit sollte man sich nehmen, vor allem, wenn
man eine Fremdsprache studiert. Wenn ich auf meine
eigenen Erfahrungen zurückblicke, würde ich sagen:
Dort, wo ich heute stehe, wäre ich ohne dieses Programm
nicht hingekommen. Ich würde es bereuen,
hätte ich diese Erfahrungen nicht gemacht.
Björn Rothstein, Jahrgang 1976, hat
Deutsch, Französisch und Schwedisch auf
Lehramt studiert. Nach einigen Jahren im
Schuldienst lehrt er seit 2009 Germanistische
Sprachdidaktik an der Ruhr-Universität
Bochum. Im Schuljahr 1999/2000 war er Fremdsprachenassistent
in Roissy-en-Brie im Pariser Banlieue.
Mehr Infos: staff.germanistik.rub.de/rothstein
Portraitfoto: RUB
Europa hier & wir
eTwinning trifft
Fremdsprachenunterricht
Eine Tagung in Bonn zeigte: So vielfältig lässt sich die Lernplattform
eTwinning für einen kreativen Fremdsprachenunterricht nutzen.
zusammengestellt von ute friederich, pad
austausch bildet
Ulrike Storost leitet bei der
EU-Kommission in Brüssel den Bereich
»Schulen und Mehrsprachigkeit«.
Unter dem Motto »Erasmus+ interkulturell, digital und kreativ« kamen
am 10. und 11. März in Bonn rund 200 Lehrkräfte zu einer Fachtagung der
Nationalen Agentur Erasmus+ zusammen. Erfahrene Lehrkräfte zeigten
dort anhand von Beispielen guter Praxis, wie sich eTwinning in einem kompetenzorientierten
Fremdsprachenunterricht aller Altersstufen einsetzen
lässt. Außerdem wurde Geburtstag gefeiert: Seit 20 Jahren ermöglicht die
Lernplattform eTwinning, ein Angebot des Erasmus-Programms, den Austausch
mit Schulen in anderen Ländern vom eigenen Klassenzimmer aus.
Kitas und Schulen steht dort ein geschützter Raum für Unterrichtsprojekte
zur Verfügung, in dem sich Fremdsprachenkenntnisse authentisch ausprobieren
lassen, digitale Kompetenzen eingeübt werden können – und Europa
auch ohne Reisen erlebt werden kann.
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20 Jahre eTwinning: Die Torte zur Feier schnitten Anne Laaredj-Campbell
(Koordinatorin in der Nationalen Agentur Erasmus+ Schulbildung),
Ulrike Storost (EU-Kommission) und Gernot Stiwitz (Leiter des PAD) an.
Impressum
Fremdsprachenlernen der Zukunft:
Professorin Dr. Katja Zaki von der PH
Freiburg sprach in ihrer Keynote über
Ansätze der Fremdsprachenvermittlung
im (post-)digitalen Kontext.
HERAUSGEBER
Pädagogischer Austauschdienst (PAD) des
Sekretariats der Kultusministerkonferenz –
Nationale Agentur Erasmus+ Schulbildung
Graurheindorfer Straße 157 · 53117 Bonn
TEL. 0228 501-221 · FAX 0228 501-333
E-MAIL pad@kmk.org
WEB www.kmk-pad.org
REDAKTION Dr. Martin Finkenberger ·
Maria Birkmeir · Ute Friederich ·
Antje Schmidt
FOTOS Falls nicht anders angegeben:
PAD/Marcus Gloger, Privat
ERSCHEINUNGSWEISE Halbjährlich
AUFLAGE 5500 Exemplare
GESTALTUNG DITHO Design, Köln
DRUCK Druckerei Brandt, Bonn
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Netzwerken: In den Kaffeepausen hatten interessierte Lehrkräfte
die Gelegenheit, sich mit erfahrenen eTwinnerinnen
und eTwinnern auszutauschen.
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