Der Dichter und sein Henker – Eine wahre Geschichte
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GREGOR SALADIN
TATSACHENROMAN
DER
DICHTER
UND SEIN
HENKER
EINE WAHRE GESCHICHTE
GREGOR SALADIN
TATSACHENROMAN
DER
DICHTER
UND SEIN
HENKER
EINE WAHRE GESCHICHTE
Friedrich Reinhardt Verlag
Gedruckt mit Unterstützung der Berta Hess-Cohn Stiftung, Basel.
Wir bedanken uns zudem für die Unterstützung bei der Römisch-katholischen
Gesamtkirchgemeinde Bern und Umgebung.
Alle Rechte vorbehalten
© 2025 Friedrich Reinhardt Verlag, Basel
Projektleitung: Manuela Seiler-Widmer
Korrektorat: Daniel Lüthi
Gestaltung: Siri Dettwiler
Satz: Jaël Meier
ISBN 978-3-7245-2723-7
Verlag: Friedrich Reinhardt AG, Rheinsprung 1,
4051 Basel, Schweiz, verlag@reinhardt.ch
Produktverantwortliche: Friedrich Reinhardt GmbH, Wallbrunnstr. 24,
79539 Lörrach, Deutschland, medien@reinhardt-medien.de
Der Friedrich Reinhardt Verlag wird vom Bundesamt für Kultur
mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2025 unterstützt.
www.reinhardt.ch
Lange kriecht man als Raupe
über diese Erde und wartet auf den
prächtigen durchscheinenden Schmetterling,
den man in sich trägt.
Und dann vergeht die Zeit,
die Verpuppung findet nicht statt,
wir bleiben Larven.
Jonathan Littell: «Die Wohlgesinnten»
Angesichts der Wirklichkeit
ist alles Erfinden obszön.
Jürg Amann: «Der Kommandant»
Der vorliegende Tatsachenroman beruht auf wahren Gegebenheiten.
Fast ausnahmslos haben die darin vorkommenden Personen tatsächlich
gelebt und tragen ihre echten Namen. Die geschilderten Lebenslinien
stimmen und die meisten der dargestellten Vorfälle haben sich
wie beschrieben abgespielt. Der überwiegende Teil des Buchs besteht
aus historisch gesicherten Tatsachen. Wo es verschiedene Überlieferungen
der Ereignisse gibt, wurde die wahrscheinlichste gewählt. Nur
wenige Lücken zu einzelnen Gegebenheiten mussten freihändig gefüllt
werden. Zitate aus Dokumenten in verschiedenen Archiven und
aus anderen Quellen sind ebenso wie Texte von Kaj Munk durch
Kursivdruck kenntlich gemacht.
Die Fakten wurden aus verschiedenen Archiven – darunter das
Schweizerische Bundesarchiv in Bern und das Archiv des Geheimdiensts
CIA in Washington –, aus weiteren Quellen wie Büchern und
dänischen Tageszeitungen sowie durch mündliche Überlieferungen,
Besuche vor Ort und Internetrecherchen zusammengetragen. Eine
grosse Hilfe waren die Publikationen von und die Gespräche mit Paul
Gerhard Schoenborn, der sich seit Jahrzehnten mit Kaj Munk befasst.
Ein Hinweis an die Leserinnen und Leser
Wer gern mit einem Knalleffekt wie in einem True-Crime-Thriller in
ein Buch einsteigt, kann die Lektüre mit dem Kapitel «Mord nach
Mitternacht» beginnen und danach zum Anfang der Geschichte zurückkehren.
Ränge der Waffen-SS, die im Buch vorkommen, und ihre Entsprechung
in regulären Armeen
SS-Bezeichnung Rang in Armeen Ränge von Personen im Tatsachenroman
Unterscharführer Unteroffizier Anton Gföller, am Mord an Kaj Munk
beteiligt
Oberscharführer Feldwebel Kurt Carstensen, am Mord an Kaj Munk
beteiligt
Hauptscharführer Oberfeldwebel Ludwig Huf, SS-Mann in Kopenhagen
Untersturmführer Leutnant Erster Offiziersrang von Louis Nebel
Obersturmführer Oberleutnant Rang von Louis Nebel nach Beförderung
Hauptsturmführer Hauptmann Otto Schwerdt, Anführer der Aktion in
Dänemark
Sturmbannführer Major Otto Skorzeny, Agentenführer von
Louis Nebel
Obersturmbannführer Oberstleutnant Franz Riedweg, höchster Schweizer
SS-Mann
Standartenführer Oberst Rudolf Mildner, Gestapochef in
Dänemark
Brigadeführer Generalmajor Walter Schellenberg, Abwehrchef
Gruppenführer Generalleutnant Günther Pancke, SS-Befehlshaber in
Dänemark
INHALT
VORSPIEL:
Es geschah in dunkler Nacht 10
PROLOG:
Denn er lässt seine Sonne aufgehen
über Böse und Gute 12
ERSTES HAUPTSTÜCK:
Zwei begabte Bauernsöhne 20
Weihnachten im Gefängnis 21
Mit dem Schwert des Wortes 31
Sommermonate in Untersuchungshaft 43
Der dänische Wilhelm Tell 48
Landesverrat 52
Ein Hochstapler als Geheimagent 57
Der Kampf gegen das Böse 66
Flucht und Rettung der jüdischen Bevölkerung 70
Verbotene Aktionen in Kopenhagen 74
Der Mensch ist von Natur böse 79
Letzte Vorbereitungen 84
Familienglück in Vedersø 87
Die Entführung 92
Mord nach Mitternacht 97
Grablegung eines Märtyrers 102
Zwei eiskalte Nazis und ihre heisse Liebe 106
ZWISCHENSPIEL:
Hinter den Linien 112
Das Todesurteil 113
Café de la Paix 117
ZWEITES HAUPTSTÜCK:
Der Höllensturz 123
Zurück in Deutschland 124
Begegnung mit Hitler 125
Verrat des Verräters 129
Die Ermittlung 134
Die Strafe 137
ENDSPIEL:
Vom Hammer zum Amboss 142
Die Banalität des Bösen 143
Wie es weiterging 146
Die blaue Anemone 150
ANHANG 154
Bildnachweis 155
Dank und Literaturhinweise 156
Autor 158
VORSPIEL:
Es geschah
in dunkler
Nacht
In der Nacht vom 4. auf den 5. Januar 1944 kreuzen sich in einem
kleinen Waldstück in Jütland die Lebenslinien zweier begabter Kleinbauernsöhne
aus Dänemark und der Schweiz auf tragische Weise.
Der Schweizer Gestapomann Louis Nebel, der sich freiwillig der
Schutzstaffel (SS) angeschlossen hatte, ermordet den Dichter und
Pfarrer Kaj Munk mit zwei Schüssen in den Kopf. Munk wird in den
Strassengraben geworfen und am anderen Morgen entdeckt. Das Begräbnis
des nationalkonservativen Pfarrers, Dichters und wortgewaltigen
Freiheitskämpfers wird zur Demonstration des Widerstandswillens
der Däninnen und Dänen gegen die deutsche Besatzung.
Der Mörder und seine Komplizen von der SS entkommen zunächst
und werden erst nach dem Krieg für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen.
Zu sechzehn Jahren Gefängnis verurteilt, wird Louis Nebel
nach wenigen Jahren freigelassen und führt ein kümmerliches Leben
in Deutschland. Kaj Munk hinterlässt eine junge Witwe und fünf
Kinder. Die Erinnerung an ihn ist in Dänemark bis heute lebendig.
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PROLOG:
Denn er lässt
seine Sonne
aufgehen
über Böse
und Gute 1
Am 13. Januar 1898 um 8.30 Uhr ging die Sonne für Kaj Munk im
dänischen Maribo auf. Kaj Harald Leininger Petersen, wie er zuerst
hiess, wurde in der Kleinstadt auf der südlichsten dänischen Insel
Lolland als erstes Kind von Ane Mathilde und Carl Emanuel Petersen
geboren. Sein Vater, ein Gerbermeister, starb schon achtzehn Monate
nach seiner Geburt. Seine Mutter verlor der kleine Kaj mit fünf
Jahren. Er wurde von der kinderlosen Kleinbauernfamilie Munk in
Opager, einem Dorf etwa fünfzehn Kilometer weiter südlich, aufgenommen
und später adoptiert. Weiterhin lebte er nur dreizehn Meter
über dem Meeresspiegel, aber statt am Marktplatz der regsamen
Stadt auf dem platten Land, wo vereinzelte Häuser zwischen Feldern
und Hecken verschwanden, die sich unendlich auszudehnen schienen.
Der schwächliche Junge wurde von den gottesfürchtigen neuen
Eltern Peter und Marie Munk aufgepäppelt. Allerdings wurde ihnen
bald klar, dass er mit seinen zwei linken Händen als Nachfolger auf
dem Kleinbauernhof nicht infrage kam. Dafür hatte er einen hellen
Kopf und eine rasche Auffassungsgabe. Peter und Marie Munk gaben
ihm nicht nur ihren Namen, sondern förderten den begabten Jungen
auch unter grossen finanziellen Opfern mit den kärglichen Mitteln,
die ihnen zur Verfügung standen. Die klein gewachsene und gehbehinderte,
aber energische und tiefgläubige Kleinbäuerin Marie –
eine Cousine seiner Mutter – war prägend für den Adoptivsohn Kaj.
Die Familie ging jeden Sonntag in der kleinen Kirche des Dorfs
Vejleby zum lutherischen Gottesdienst, wo der pietistische Pfarrer
Julius Bachevold einen grossen Eindruck auf den kleinen Kaj machte.
Auch besuchten sie zu dritt regelmässig Gebets- und Erbauungsstunden,
die im Versammlungshaus der Indre Mission (Innere Mission)
stattfanden. Dorthin war der Weg nicht weit. Man konnte es vom
munkschen Anwesen aus über die Rübenfelder hinweg sehen. Oder
man traf sich zu Bibellesung und Gebet in Privathäusern. Kaj erlebte
eine intensiv von christlich-pietistischer Frömmigkeit geprägte Kindheit.
Mit neun durfte Kaj in die Schule des etwas grösseren Nachbarorts
Vejleby wechseln. Lehrer Martinus Wested erkannte rasch die Begabung
des Schülers und empfahl nach einiger Zeit die Berufswahl
als Lehrer. Doch Mutter Marie beharrte darauf, ihr kleiner Kaj soll-
1 Matthäus 5,45.
13
14
te Pfarrer werden. Und sie setzte sich durch, auch wenn sich der
Junge in der Freizeit lieber der Dichtung widmete und beachtliche
Gedichte und erste Theaterstücke schrieb.
Neben Lehrer Wested förderte Pfarrer Oscar Geismar den künftigen
Berufskollegen und gab ihm Nachhilfeunterricht, damit er es auf
die Realschule in Maribo schaffte. Damit begegnete Kaj Munk bereits
als Jugendlicher den beiden wichtigsten christlichen Strömungen in
Dänemark: dem lebensbejahenden kultur- und vaterlandsliebenden
Grundtvigianismus und der pietistischen Spiritualität der Indre Mission
in der schlichten Volksfrömmigkeit der einfachen Menschen.
Dank Geismar lernte er auch die Literatur kennen und lieben, vor
allem Dramen.
Von der Schule in Vejleby kam er dank eines Stipendiums auf die
Kathedralschule in die Hafenstadt Nykøbing, einem über vierhundertjährigen
Gymnasium, und damit erstmals von zu Hause weg. Er
wohnte bei einem alten Ehepaar in einer ehemaligen Schule. Im
Herbst 1917 zog er nach Kopenhagen, wo er an der Theologischen
Fakultät der Universität sein Theologiestudium begann. Er wohnte
als Untermieter bei einer älteren alleinstehenden Dame namens Anna
Pedersen, die er liebevoll «die dicke Anna» nannte, während sie ihn
als «lille munk» (Mönchlein) betitelte. Nach zwei Jahren erhielt er
eines der begehrten Stipendien des Collegium Regium zugesprochen
und zog in die Regens um, ein selbstverwaltetes Studentenwohnheim,
das freies Essen und Wohnen für hundert Studenten bot. Hier entstanden
lebenslange Freundschaften und hier hatte er ein Semester
lang das Amt des «Klokkers» (Glöckners) als Sprecher der Studenten
inne, was ihm erste Erfahrungen im Führen von Menschen ermöglichte.
Im Sommer 1923 bestand er den ersten Teil des theologischen
Abschlussexamens, am 28. Januar 1924 den zweiten.
Bereits am 1. Januar 1924 hatte er eine Probepredigt im kleinen
Ort Vedersø an der Westküste Jütlands gehalten, einer Gemeinde mit
etwa dreihundert Einwohnerinnen und Einwohnern. Ihm war im Dezember
ein Inserat im «Kristeligt Dagblad» (Christliches Tagblatt)
aufgefallen. Schon seit vier Jahren war die Gemeinde ohne eigenen
Pastor. Das Kirchenministerium plante bereits, sie mit der Nachbargemeinde
Stadil zusammenzulegen.
Ein Brief des angehenden Kandidaten des Predigtamts wurde umgehend
beantwortet und eine Probepredigt vereinbart. Diese endete
mit den Worten: «Denn das will ich: in den Menschen den Willen
zum Guten und die Hoffnung auf die Ewigkeit stärken. Freunde, helft
mir dabei!» Sie wollten es auch. Schon nach wenigen Tagen erhielt
er die Nachricht, er sei gewählt und soll die Stelle auf den 1. Juni
1924 antreten. Er wurde damit Pfarrer der staatlichen lutherischen
Kirche Dänemarks, ein «Staatsbeamter mit einem Mühlstein um den
Hals», 2 wie er selbstironisch festhielt.
Er wohnte ab Juni 1924 im Pfarrhof, der zwei Kilometer nördlich
des Dorfs Vedersø und dessen neunhundert Jahre alten Kirche liegt.
Der Gebäudekomplex umfasst das Pfarrhaus, eine Wohnung für eine
Pächterfamilie, die für die Bewirtschaftung der umliegenden Äcker
und Wiesen zuständig war, und weitere Wohn- und Arbeitsräume.
«Das Pfarrhaus ist viel zu gross für mich», dachte Munk, als er seine
wenigen Möbel, die er aus der Studentenbude in Kopenhagen herantransportiert
hatte, verloren in den Zimmern umherstehen sah.
Er füllte bis zu seinem Tod während zwanzig Jahren diese Stelle
aus, auch wenn er nicht gegen Zweifel gefeit war. Immer wieder
fragte er sich in seinen frühen Jahren, ob er der Richtige an diesem
Ort und für diese Menschen sei. Zuweilen erwog er auch, seiner
zweiten Berufung ganz zu folgen und sich ausschliesslich der Poesie
und dem Drama zu widmen.
1927 sandte er Briefe an seinen kirchlichen Vorgesetzten und an
den Kirchgemeinderat ab, in denen er seine Demission bekannt gab.
Er konnte sie im letzten Moment von der Post zurückholen. Doch
allmählich gewöhnte er sich an den Beruf und die Gemeinde – und
die Gemeinde gewöhnte sich an ihren unsteten Pfarrer, der nicht nur
ständig neue Bühnenstücke schrieb, sondern sie auch häufig von der
Kanzel aus rügte und sie zu aktivem christlichen Leben aufrief, das
sich an Jesus orientiert.
Bald wurde er als Journalist zu einer national bekannten Person.
Vor allem mit prononcierten Beiträgen in der «Jyllands-Posten» (Jütlands-Post),
einer der führenden Zeitungen Dänemarks, erregte er
Aufsehen und zuweilen Widerspruch. «Darf ein vom Staat besoldeter
Pastor so radikale Ansichten in der Öffentlichkeit vertreten?», fragten
nicht wenige Leserinnen und Leser.
2 Zur Amtstracht dänischer Pastorinnen und Pastoren gehört eine Halskrause, der sogenannte
Mühlstein.
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Vierzehn Jahre später und tausendzweihundert Kilometer südlich von
Maribo ging am 4. August 1912 die Sonne um 5.12 Uhr über dem
kleinen Bauernort Hochwald für Ludwig Nebel auf. Das Dorf im
solothurnischen Schwarzbubenland hatte vierhundertfünfzig Einwohnerinnen
und Einwohner, die auf sechshundertzwanzig Metern
Höhe dem kargen Juraboden ihren Lebensunterhalt abrangen. Ludwig,
der sich später Louis nannte, war das vierte Kind der Kleinbauernfamilie
von Sophie und Theodor Nebel-Vögtli, er im Nebenamt
Gemeindeschreiber, sie Handarbeitslehrerin.
Der kleine Ludwig fiel in der Schule als begabter, aber undisziplinierter
Schüler auf. Der Dorflehrer prophezeite ihm bereits damals:
«Eines Tages wirst du ein grosser Mann werden oder du wirst ins
Gefängnis wandern.» Mit fünfzehn Jahren trat er ins Lehrerseminar
in Solothurn ein. Er nannte sich nun Louis und vertrat in Abgrenzung
zu seinen politisch links stehenden Kameradinnen und Kameraden
zunehmend rechtsextreme Ansichten. Ihn faszinierten der Aufstieg
Bauernfamilie vor ihrem
Hof in Hochwald
Dorfansicht von
Hochwald 1916
16
Hochwald heute
der Nationalsozialisten in Deutschland und Friedrich Nietzsche mit
seinem Mythos des starken Mannes und der Mitleidlosigkeit.
Als drei Jahre später seine Mutter starb, nahmen die Disziplinarprobleme
zu und er wurde vom Seminar verwiesen. «Ich konnte
freier atmen, nachdem ich diesem verlogenen Spiessbürgertum entkommen
war, das nur in einer Stadt wie Solothurn versteckt hinter
jahrhundertealten Mauern existieren kann», schrieb er später in einem
Lebenslauf. Er zog nach Basel und absolvierte eine kaufmännische
Lehre im Zigarrengeschäft Oettinger am Marktplatz, die er zwar
abschloss, wo er sich aber mit seinem prahlerischen Auftreten weder
bei der Kundschaft noch bei Kollegen und Vorgesetzten Freunde erwarb.
Für kurze Zeit führte er danach ein eigenes Zigarrengeschäft, was
ihm seine Verlobte Paula Meier mit einem Darlehen von zehntausend
Franken ermöglicht hatte. Obwohl er kaum Kundschaft hatte, lebte
er auf grossem Fuss, unter anderem mit einem eigenen Sportwagen.
Schon nach wenigen Monaten musste er Konkurs anmelden und
brachte sich mit Gelegenheitsarbeiten und als Kleinkrimineller durch
das Leben. Seine Verlobte Paula nutzte er nicht nur finanziell aus, er
betrog sie auch mit wechselnden Geliebten und käuflichem Sex.
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Trotz seiner nicht überragenden Grösse von einem Meter siebzig übte
er mit seinem adretten Äusseren, einem Auftreten, das zwischen
Schauspieler und Zuhälter schwankte, seinem sorgfältig gepflegten
Clark-Gable-Schnurrbärtchen und dem auf Kredit gekauften schnittigen
Auto eine grosse Anziehung auf Frauen aus. Der Polizei fiel er
als rechtsextremer Agitator auf, der die politische Gleichschaltung
der Schweiz mit dem Deutschen Reich betrieb und in seiner Wohnung
eine Hitlerbüste aufstellte. Anfang 1942 setzte er sich nach Deutschland
ab und trat in die SS ein.
Aber auch im Dienst des nationalsozialistischen Regimes blieb er
ein Hochstapler und Blender, ein disziplinloser Abenteurer, der nur
auf seinen eigenen Vorteil bedacht war, sein Mäntelchen nach dem
Wind hängte, mit seiner Skrupellosigkeit grosses Unheil anrichtete
und auf seinem Lebensweg zahlreiche Opfer zurückliess. Wichtiger
Paula Meier (Zweite von links) mit ihren Eltern und Geschwistern
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als die Ideologie war es ihm, aus dem kleinbürgerlichen, mühsamen
und langweiligen Leben seiner Eltern und seiner Heimat auszubrechen.
Er verhielt sich nach Mussolinis Wahlspruch «Lieber einen Tag
wie ein Löwe leben als hundert Jahre wie ein Schaf». Wie Adolf
Hitler hielt er sich persönlich nicht an die propagierte deutsche Disziplin.
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ERSTES
HAUPTSTÜCK:
Zwei begabte
Bauernsöhne
Am 4. Januar 1944 wird in Dänemark der Dichter und
Pfarrer Kaj Munk von einem SS-Kommando erschossen.
Die tödlichen Schüsse gibt der Schweizer Gestapomann
Louis Nebel ab, der sich ein Jahr zuvor freiwillig der
SS angeschlossen hatte.
Das Buch zeichnet die Lebenslinien zweier Männer nach,
die sich in einem verhängnisvollen Moment kreuzen:
Der lutherische Pastor, der sich mutig gegen die Besetzung
seines Landes und die Judenverfolgung stellt, trifft auf
den rücksichts- und gewissenlosen Abenteurer aus der
Region Basel.
Der Roman beruht auf historischen Tatsachen und wirft
die Frage auf, wie sich eine Gesellschaft und auch
Einzelpersonen gegenüber einer menschenverachtenden
Politik verhalten und wie weit die wirtschaftliche und
politische Zusammenarbeit gehen darf.
ISBN 978-3-7245-2562-2
ISBN 978-3-7245-2723-7