my life_Ausgabe 02.06.2025_Vorableseprobe für WAVE Kunden
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Ein Geschenk Ihrer Apotheke
11 | 2. Juni 2025 A
10 SEITEN
DOSSIER
Den Schmerz
besiegen
Innovative
Methoden bei
Migräne, Rücken- und
Gelenkproblemen
Wie die ACP-
Therapie gegen
Arthrose hilft
Welche Pflanzen
die Beschwerden
sanft lindern
Gesund auf Reisen
Ist der Impfschutz komplett? Welche Medikamente müssen mit? Wie schütze ich mich
vor Durchfall, Mückenstich & Co.? Experten-Tipps für einen unbeschwerten Urlaub
Lecker-leichte Sommerküche
Streichzart: Feines mit Frischkäse
– ein Genuss für Gaumen & Auge
Doktor Robot am OP-Tisch
Hochpräzise: Elektronische Helfer
revolutionieren die Chirurgie
Florenz – Königin der Toskana
Mamma mia! Pure italienische
Lebenslust und prachtvolle Kunst
EDITORIAL
Spannende
Gesundheits-News
gibt’s jetzt auch
auf unserem
WhatsApp-Kanal
„my life“
Schmerzfrei
in den
Sommer
Magische Beschwörungsformeln,
tierische Tinkturen oder Gebete zu
den Göttern: Menschen haben im
Laufe ihrer Geschichte eine Menge
ausprobiert, um Schmerzen loszuwerden.
Die moderne Schmerztherapie sieht zum Glück anders aus.
Neben hocheffektiven Medikamenten setzen Ärzte heute auf multimodale
Therapie konzepte. Das Repertoire reicht von Physio- und Phytotherapie bis
Reizstrom und Eigenblut-Plasma-Spritzen. Immer besser verstehen Experten
aber, dass unbedingt auch Psyche und Lebensumstände berücksichtigt
werden müssen. In Schmerzambulanzen lernen Patienten daher, „ihre Gedanken
und den Schmerz zu kontrollieren und sich dadurch zu entspannen“,
erklärt Anästhesistin Prof. Shahnaz Christina Azad von der LMU München.
Welche Ansätze Ärzte heute verfolgen und wie jeder selbst Schmerzen
lindern und vorbeugen kann, lesen Sie in unserem Dossier (ab S. 22).
Die schönsten Wochen des Jahres sollten Sie möglichst gänzlich ohne
Beschwerden genießen. Damit Reise und Urlaub entspannt ablaufen, gilt
es daher, schon im Vorfeld gut zu planen. Ab S. 12 zeigen wir Ihnen, welche
Mittel Sie einpacken sollten – und warum es besser ist, im Flugzeug lieber
einen Gangplatz zu wählen. Wir wünschen Ihnen einen wunderbaren Sommer!
Herzlichst Ihre
Silvia von Maydell und
Dr. Margit Pratschko
Chefredakteurinnen
Der my life Stiftungs-Beirat
Diese acht namhaften Organisationen bzw. Stiftungen stehen der My Life-Redaktion beratend zur Seite
Deutsche Alzheimer Stiftung, Deutsche Diabetes Stiftung, Deutsche Herzstiftung, Deutsche
Krebshilfe, EnableMe, Felix Burda Stiftung, Prof. Dr. med. Heinrich Hess Stiftung, Viamedica
Das my life
Apotheker-Forum
Diese Apothekerinnen und
Apotheker beantworten Ihre
Fragen auf den Seiten 68/69.
Karen Baumgart
Karlsruhe
Dr. Johannes
Oidtmann
Bernburg (Saale)
Claudia Scherrer
Gütersloh
Weitere Informationen
finden und passende
Arzneimittel in der Apotheke
vor Ort vorbestellen,
abholen oder sich per Boten
bringen lassen.
Ganz
einfach
über
iA.de
FOTOS: JUMP/OPTISCHE WERKE; GRIT KNAPPS; PR (3)
4 my life 11/2025
Keine
Insekten,
keine
Lebensmittel!
Weltweit sind über 85% der Wild- und
Kulturpflanzen auf die Bestäubungsleistung
von Bienen und anderer Insekten angewiesen.
2018 veranschaulichte das Umweltministerium
gemeinsam mit dem NABU und einer
Lebensmittelkette, welche Auswirkungen
das Insektensterben auf das Produktangebot
hätte: 60 Prozent der Artikel würden ohne
bestäubende Insekten entfallen.
Insekten schützen
#beebetter-Experten-Team
HIER SCANNEN
und mehr erfahren
#beebetter ist die Insektenschutzinitiative des BurdaVerlag mit der auch Sie zum Insektenschützer werden können.
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GESUNDHEIT
vorbereitet
Optimal
Gesund
auf Reisen
In wenigen Wochen packen wieder Millionen Deutsche ihre Koffer.
Wie der Urlaub ohne Beschwerden verläuft und welche Impfungen Sie brauchen,
sagen Ihnen unsere My Life-Experten
→
Manche bestaunen im Urlaub gern alte
Kirchen, prunkvolle Paläste oder antike
Theater. Naturliebhaber freuen sich hingegen
auf erholsame Wanderungen in den Bergen,
Radtouren um einen See oder Camping mit
Lagerfeuerromantik am Abend. Und wieder
andere wollen an ihren freien Tagen den feinen
Sand unter den nackten Füßen spüren
und beim Blick auf das blaue Meer in den Entspannungsmodus
schalten, um den Alltag hinter
sich zu lassen.
Deutsche Urlauber werden in diesem Jahr
etwa 70 Millionen Reisen mit einer Dauer von
mindestens fünf Tagen antreten, so eine
Hochrechnung der Forschungsgemeinschaft
Urlaub und Reisen (FUR). Wie Ihre Reise reibungslos
und vor allem gesund gelingt, erfahren
Sie auf den nächsten Seiten.
Ein guter Anlass für
Auffrischungsimpfungen
Bevor es losgeht, sollten Sie aber nicht nur den
Reiseführer ausgiebig studieren, sondern am
besten auch den Impfpass durchblättern.
Denn ein Urlaub ist ein guter Anlass, um mögliche
Impflücken zu schließen. Laut Zahlen der
Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegt
Deutschland bei den Durchimpfungsraten in
Indus trienationen weit unter dem Durchschnitt.
Prof. Tomas Jelinek, Internist und Medizinischer
Direktor des Berliner Centrums für
Reise- und Tropenmedizin (BCRT), empfiehlt
vor allem älteren Menschen über 60 den Grippe-
und Gürtelroseschutz. „Auf Kreuzfahrten
oder vor beliebten Sehenswürdigkeiten kann
es schnell zu Menschenansammlungen und
damit zu Tröpfcheninfektionen kommen“, so
der Experte. Auch das Coronavirus, wenn auch
nicht mehr pandemisch, ist weltweit immer
noch aktiv, weshalb Prof. Jelinek einen Auffrischungspiks
für Risikogruppen empfiehlt.
Selbst Urlauber, die topfit sind, sollten sechs
bis acht Wochen vor der Abreise einen Blick in
das gelbe Impfbuch werfen. Müssen Standardimpfungen
wie etwa Tetanus oder Keuchhusten
aufgefrischt werden? Auch ein Schutz vor
dem FSME-Erreger, der durch Zecken übertragen
wird, kann sinnvoll sein, etwa bei einem
Wanderurlaub in Süddeutschland oder Österreich.
Ratsam ist für viele Länder auch eine
Impfung gegen Hepatitis A, um sich vor der
durch Viren ausgelösten Leberentzündung zu
schützen. Die Erreger werden meist durch verunreinigte
Speisen oder ungewaschene Hände
bei der Zubereitung von Lebensmitteln übertragen.
Hepatitis A tritt in fast allen Ländern
häufiger auf als bei uns in Deutschland. Selbst
in Italien ist das Infektionsrisiko achtmal höher
als bei uns, in der Türkei sogar 50-mal.
Wer südlich der Alpen oder östlich der Oder
Urlaub macht, sollte ernsthaft über eine Impfung
nachdenken“, empfiehlt Prof. Jelinek.
Häufig bieten Ärzte Kombinationsimpfungen
gegen Hepatitis A und B an.
Für Reisen in fernere Länder können noch
weitere Impfungen eine Rolle spielen. So ist
nicht nur für den persönlichen Schutz, sondern
sogar für die Einreise in Teilen Südamerikas
und einigen afrikanischen Ländern eine
Impfung gegen Gelbfieber nötig. Die schwere
Virusinfektion wird von einer bestimmten
Stechmücke (Aedes) übertragen. Ein immer
größeres Thema wird auch das Dengue-Fieber,
das vor allem in tropischen Ländern verbreitet
ist. So haben sich die gemeldeten Fälle in
den letzten 20 Jahren fast verachtfacht, im
vergangenen Jahr erlebte Brasilien den massivsten
Ausbruch seiner Geschichte. Seit 2023
empfiehlt die STIKO nach vorheriger Infektion
eine Impfung.
Aufbruch. Bevor es dann mit dem Flugzeug
oder dem voll beladenen Auto in Richtung
Auszeit geht, sollten vor allem Menschen mit
Vorerkrankungen alle wichtigen Medikamente
mit im (Hand-)Gepäck haben (s. Interview
S. 16). Auch eine kleine Reiseapotheke mit den
nötigsten Hilfsmitteln für den Akutfall ist
sinnvoll. Um bei der Ankunft nicht mit schweren
Beinen und schwachem Kreislauf aus ➡
Reiseziele der Deutschen für das Jahr 2025
Deutschland
Spanien
Italien
Türkei
Skandinavien
Griechenland
Österreich
Frankreich
Kroatien
Europa
Fernreise
noch unentschieden
8,1 %
5,9 %
4,5 %
4,3 %
3,6 %
2,1 %
2 %
1,3 %
17,4 %
14,5 %
Beim Urlaub
südlich der Alpen
oder östlich
der Oder ist eine
Hepatitis-Impfung
ratsam
Prof. Dr. med. Tomas Jelinek,
Internist und Medizinischer
Direktor des Berliner
Centrums für Reise- und
Tropenmedizin (BCRT)
29 %
39 %
Quelle: Statista.com
11/2025 my life
13
Kritisch Am Strand und
auf dem Wasser ist die
UV-Belastung um bis zu
90 Prozent erhöht. Lange
Ärmel und Sonnenbrille
sind das Minimum
➡ dem Fahrzeug zu steigen, hilft es, viel zu
trinken und kleine Bewegungsstopps einzulegen.
Vor allem im Flugzeug sollte man nicht
vergessen, kurz aufzustehen und eine Runde
zu laufen. Denn langes Sitzen fördert gerade
bei Menschen mit Venenleiden, Übergewichtigen
und anderen Risikogruppen die Gefahr
einer Thrombose.
Ein Fensterplatz erhöht das
Risiko für ein Gerinnsel
Laut einer australischen Studie kommt auf
40000 Langstreckenflüge zwar nur ein Fall
von Thrombose. Aber besser Vorsicht statt
Nachsicht. Der Tipp von Prof. Jelinek: einen
Sitzplatz am Gang wählen! „Dort neigt man
eher dazu, sich zu bewegen. Studien zeigen,
dass 80 Prozent aller Reise-Thrombosen im
Flieger am Fenster auftreten.“ Wer doch weiter
in der Mitte sitzt, kann mit kleinen Übungen
das venöse Blut in Fluss bringen: Füße
kreisen, auf den Boden stampfen und Fuß- sowie
Zehengelenke immer wieder mal beugen
und strecken. Zudem empfiehlt der Experte
bei mehr als sechs Flugstunden das Tragen
von Kompressionsstrümpfen. „Sie drücken die
oberflächlichen Venen zusammen, vergrößern
dadurch die Rückströmung und beschleunigen
den Blutfluss.“
Umstellung. Wer in eine andere Zeitzone
reist und dem Jetlag ein Schnippchen schlagen
will, sollte schon im Flugzeug die Uhrzeit
des jeweiligen Urlaubsziels anpassen, um sich
mental auf den längeren oder kürzeren Tag
einzustellen. Kleine Power Naps sind erlaubt.
Am besten vorher einen Kaffee trinken und
Das gehört in die Reiseapotheke
❱ Magen-Darm: Wem auf einer Schiffsreise
schlecht wird, der kann mit den Wirkstoff
Dimenhydrinat für Entspannung im
Bauch sorgen. Bei Krämpfen und Sodbrennen
können Bitterstoffe helfen, wie
sie in Gänsefingerkraut, Angelikawurzel
und Wermutkraut enthalten sind.
❱ Füße: Rund um den Pool und an anderen
feuchten Orten am besten immer Flip-
Flops oder Sandalen tragen. Hier lauert
Fuß- und Nagelpilzgefahr. Sind Nägel bereits
befallen, können medizinische Lacke
mit dem Wirkstoff Ciclopirox helfen.
❱ Erkältung: Kündigen sich Symptome wie
Husten, Schnupfen oder Halsschmerzen an,
lässt sich mit Heilpflanzen wie Kamille,
Eibisch, Schafgarbe und Schachtelhalm sanft
gegensteuern. Sie sollen die Aktivität der
natürlichen Killerzellen steigern und so die
Vermehrung der Viren im Körper hemmen.
❱ Verstauchungen: Hier helfen abschwellende
und entzündungshemmende
Schmerzsalben mit zum Beispiel Arnika
oder Beinwell. Auch ein Gel mit dem Wirkstoff
Ibuprofen soll Akutbeschwerden
lindern können.
❱ Impfungen: Wichtige Informationen
rund um Auffrischungsimpfungen (z. B.
Gürtelrose, Grippe) und Schutzimpfungen
zu Fernreisen unter impfen.de
14 my life 11/2025
dann kurz einnicken, da Koffein erst nach
30 Minuten seine Wirkung entfaltet. Das sorgt
für einen Energiekick.
Am Urlaubsziel angekommen, heißt es: abschalten
und genießen, aber trotzdem wachsam
sein. Gerade Reisedurchfall plagt neben
Sonnenbrand und Mückenstichen die meisten
im Urlaub. Auf der einen Seite will man aufgeschlossen
sein für die dort heimische Küche.
Auf der anderen Seite konfrontieren wir unseren
Magen-Darm-Trakt zum Beispiel mit Gewürzen,
die für ihn Neuland sind, weswegen er
vorsichtshalber „die Spülung zieht“. Das ergeht
übrigens Menschen, die aus anderen Regionen
nach Deutschland reisen, ganz ähnlich,
denn das Mikrobiom, die Zusammensetzung
der Darmbakterien, verändert sich bei neuen
Essgewohnheiten.
Hygiene. „Wichtig ist es, sich regelmäßig
die Hände zu waschen, insbesondere vor dem
Essen. Trinken Sie nur abgefülltes und abgekochtes
Wasser und vermeiden Sie, wenn
möglich, Eiswürfel in Ihren Drinks“, rät Allgemeinmediziner
Dr. Carsten Lekutat. Auch rohes
Gemüse und ungeschälte Früchte können
es mikrobiologisch in sich haben. „Gerade die
oft sehr verlockenden Straßenstände stellen
aufgrund der meist nicht ausreichenden Hygienestandards
ein Risiko für Magen-Darm-Infekte
dar. Wählen Sie daher lieber Restaurants
mit einer bekannt sauberen Küche“, so der Experte.
Wen es erwischt hat, der sollte ausreichend
Wasser trinken, auch eine Elektrolytlösung
aus der Apotheke kann helfen. Gesellt
sich zum Durchfall auch noch Fieber dazu,
sollte auf jeden Fall ein Arztbesuch erfolgen.
Das A und O beim Sonnenschutz:
Nachcremen nicht vergessen
Viele Urlauber wünschen sich als Urlaubsmitbringsel
einen gebräunten Teint. Doch gerade
in den ersten Tagen, wenn die Haut noch
kaum natürlichen Eigenschutz besitzt, sollten
Sie die wärmenden Sonnenstrahlen nur geschützt
genießen. Treffen viele UVB-Strahlen
ungebremst auf die Hautoberfläche, können
sie tief ins Gewebe eindringen und dort die
Erbinformation im Zellkern angreifen. Studien
zeigen: In mehr als 80 Prozent der Fälle sind
Sonnenstrahlen an der Entstehung von Hautkrebs
beteiligt.
Die langwelligen UVA-Strahlen führen zu
einem frühzeitigen Abbau von Kollagen in der
Haut, was Falten begünstigt. Vermeiden ➡
Mückenstopp
Die lästigen Insekten können
Krankheiten übertragen. So
halten Sie die Biester fern
Nachts: Bei niedrigeren
Temperaturen werden
Mücken eher „stechfaul“.
Schlafen Sie daher am
besten mit Klimaanlage
(nicht kühler als 15 Grad
Celsius) oder unterm Moskitonetz.
Mit Permethrin
imprägniert, bietet es den
besten Schutz. Das Nervengift
tötet die Insekten.
Tagsüber: Sprühen Sie Ihre
Kleidung mit Permethrin
ein. Auf die Haut Repellents
auftragen. Am effektivsten
ist der Wirkstoff Diethyltoluamid,
kurz DEET. Er
blockiert die Wahrnehmungsrezeptoren
der
blutsaugenden Insekten.
Pflanzenkraft: Der Geruch
von Minze, Lavendel oder
Eukalyptus hält Mücken fern.
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Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihre Ärztin, Ihren Arzt oder in Ihrer Apotheke.
11/2025 my life
15
GESUNDHEIT
Mensch
Auf ihn kommt es an:
Chefarzt Prof. Tobias
Hirsch lenkt den
OP-Roboter. Auf
seiner Datenbrille
sieht er Strukturen,
die für das bloße Auge
kaum sichtbar sind
Maschine
Hightech-Assistent
Symani gehorcht den
Befehlen des Arztes. Er
beherrscht das Vernähen
winzigster Gefäße
Doktor Robot
am OP-Tisch
Sie sehen gewaltig aus, doch ihnen gelingen die feinsten Schnitte und Stiche:
Digitale Assistenten unterstützen Chirurgen bei ihren komplexen Eingriffen –
und erweitern dabei das Spektrum des Menschenmöglichen
→
Der Faden ist feiner als ein Menschenhaar.
Er steckt in einer winzigen Nadel,
die der Arm des OP-Roboters über das hell
ausgeleuchtete Areal bewegt. Auf dem OP-
Feld: ein klitzekleines Kunstgefäß aus Silikon,
dessen Enden miteinander vernäht werden
sollen. Ein zweiter Roboter spielt die Bilder
des Geschehens dreidimensional und neunfach
vergrößert auf das Headset von Prof.
Tobias Hirsch. Der Chefarzt der Plastischen
Chirurgie am Universitätsklinikum Münster
und in der Fachklinik Hornheide dirigiert den
Vorgang aus zwei Meter Entfernung mit Joysticks.
Bewegt Prof. Hirsch seine rechte Hand
nach oben, führt der Symani-Roboter einen
Nadelstich im Gewebe aus. Eine Kreisbewegung
übersetzt der digitale Assistent in einen
kunstvollen Knoten. „Ich mache eine große
Bewegung, und der Roboter überträgt sie für
mich in eine kleine“, erklärt Prof. Hirsch. Ein
bis zu 20-facher Zoom ist möglich – aus drei
Zentimetern werden 1,5 Millimeter.
Mit der innovativen Operationsmethode
schließen der Plastische Chirurg und sein Team
Defekte in Geweben, beispielsweise wenn ein
Tumor entfernt wurde oder ein offener Bruch
nicht mehr heilt. Als erstem Krankenhaus weltweit
ist es in Hornheide gelungen, zwei robotische
Systeme zu kombinieren. Seit Sommer
2022 kommt das Verfahren dort zum Einsatz.
Feinmotorisch. Wo menschliche Fähigkeiten
an ihre Grenzen stoßen, weiten OP-Roboter
das Spektrum des chirurgisch Machbaren
aus. Sie verfeinern manuelle Fertigkeiten oder
gewähren Einblicke in Körperhöhlen. Das hilft
überall dort, wo es feinmotorisch diffizil,
schwer zugänglich oder räumlich eng wird.
Zum Beispiel beim passgenauen Einsetzen
von Knie- und Hüftimplantaten, bei endoskopischen
Eingriffen in der Viszeralchirurgie,
Gynäkologie und Urologie oder bei mikrochirurgischen
Operationen an Oberflächenstrukturen,
so etwa in der Handchirurgie,
der Plastischen Chirurgie und der Hals-Nasen-
Ohren-Heilkunde.
Kunstvolles Zusammenspiel
Robotergestützte OP-Verfahren können Chirurgen
unterstützen, aber keinesfalls ersetzen.
Auch wenn der Arzt hinter der raumgreifenden
Technik fast zu verschwinden droht –
über den OP-Erfolg entscheidet immer noch
der Mensch. Vom Können des Chirurgen und
dem Zusammenspiel von Operateur und Roboter
hängt ab, ob und wie Patienten von der
Technik profitieren.
Unverzichtbar. Für Prof. Tobias Keck, der
am Campus Lübeck des Universitätsklinikums
Schleswig-Holstein die Klinik für Chirurgie
leitet, führt an robotergestützten Eingriffen
kein Weg vorbei. „OP-Roboter ermöglichen
zitterfreies Operieren, bieten eine detailreiche
Sicht auf das OP-Feld und deutlich mehr Bewegungsfreiheit
beim Schneiden oder Nähen“,
erklärt der Spezialist für Viszeralchirurgie. Als
Exzellenzzentrum für minimalinvasive Chirurgie
entwickelt seine Klinik schonende OP-
Techniken und nutzt dabei die navigierte Chirurgie.
„In ein paar Jahren werden wir bis auf
wenige Ausnahmen alle Operationen robotisch
assistiert durchführen“, sagt Prof. Keck.
Das Gerät, das in Lübeck zum Einsatz
kommt, ist bereits ein Klassiker. Im OP-Zentrum
steht einer von schätzungsweise 300 Da-
Vinci-Robotern in Deutschland. Im Jahr 1999
wurde das System erstmals vorgestellt, bis
Ende 2023 sind nach Angaben des US-amerikanischen
Herstellers Intuitive Surgical weltweit
mehr als 8 600 Da-Vinci-Operationssysteme
in Krankenhäusern installiert worden. In
Prof. Kecks Klinik stieg die Zahl der OPs, die
damit durchgeführt wurden, in den vergangenen
Jahren sprunghaft an. „Unser Da Vinci ist
maximal ausgelastet.“
➡
In der
Supermikrochirurgie
kommen unsere
Hände an ihre
Grenzen. Hier ist
der Computer
ein echter
Gamechanger
Prof. Dr. med. Tobias Hirsch
leitet die Sektion
Plastische Chirurgie der
Universitätsklinik Münster in
Kooperation mit der
Fachklinik Hornheide
11/2025 my life
19
DOSSIER
CHRONISCHE SCHMERZEN
22 Hilfreich Neue Behandlungen
bei lang anhaltenden Beschwerden
28 Innovativ Eine Schmerztablette,
die nicht abhängig macht
30 Revolutionär Wie die
ACP-Therapie bei Arthrose wirkt
32 Experten-Interview Was die
Gelenke fit und stark macht
34 Schmerzstiller Sanft & natürlich
Wenn die Pein
nicht enden will
Heute gelten lang anhaltende Schmerzen als eigene Krankheit.
Moderne Therapien berücksichtigen neueste neurologische Erkenntnisse
und die Lebensumstände von Patienten
Es spielen nicht
nur körperliche,
sondern auch
psychologische
und soziale
Faktoren
eine Rolle
Univ.-Prof. Dr. med.
Shahnaz Christina Azad,
Leiterin der interdisziplinären
Schmerzambulanz und Tagesklinik
am LMU Klinikum in
München und Oberärztin der
Klinik für Anästhesiologie;
lmu-klinikum.de
→
Ob Migräne, Rücken- oder Gelenkschmerzen
– wer länger davon betroffen
ist, für den ist das Leben stark beeinträchtigt.
Was hilft wirklich gegen diese Beschwerden?
Und wie sieht eine moderne Therapie aus? Darüber
haben wir mit Prof. Shahnaz Christina
Azad, Leiterin der interdisziplinären Schmerzambulanz
und Tagesklinik am LMU Klinikum
in München und Oberärztin der Klinik für
Anästhesiologie, gesprochen.
? Frau Prof. Azad, 16 Millionen Deutsche klagen
über chronische Schmerzen. Werden die
Schmerzen mehr oder wir immer empfindlicher?
Weder noch. Vielmehr ist das Bewusstsein
für Schmerzen gewachsen. Inzwischen wissen
sowohl Ärzte als auch Patienten, dass der
chronische Schmerz einen eigenen Krankheitswert
erlangen kann. Er wird deshalb
schneller erfasst und behandelt als früher. Die
Schmerztherapie selbst ist ein relativ junges
Fach. Doch zum Glück hat sich in den letzten
40 Jahren viel auf dem Gebiet getan.
? Sie leiten eine Schmerzambulanz, eine
Einrichtung zur Behandlung von akuten und
chronischen Schmerzproblemen, arbeiten
dort nach dem multimodalen Modell. Was ist
darunter genau zu verstehen?
Es besagt, dass nicht nur körperliche, sondern
auch psychologische und soziale Faktoren bei
der Entstehung und Aufrechterhaltung von
Schmerzen eine Rolle spielen. Ein Beispiel:
Eine Patientin hat einen Bandscheibenvorfall.
Jedes Mal, wenn sie sich bewegt, spürt sie höllische
Schmerzen. Deswegen entwickelt sie
eine Schonhaltung, bekommt zusätzlich eine
Muskelverkrampfung, die Schmerzen werden
dadurch schlimmer. Ängste kommen hinzu,
sie traut sich nicht mehr, sich zu bewegen.
Dann wird sie eventuell lange krankgeschrieben.
Sie isoliert sich, weil sie nicht sitzen oder
sich mit Freunden treffen kann, bekommt im
Verlauf vielleicht sogar depressive Phasen. All
diese Faktoren spielen ineinander.
? Und die Schmerzen werden chronisch.
Sie können auf dem Weg dahin sein, ja. Die
Schmerzursache mag dann bereits abgeheilt
sein, die Schmerzen halten aber trotzdem an.
Um so einen Prozess rechtzeitig zu erkennen
und ihm entgegenzuwirken, ist das multimodale
Schmerzmodell nicht nur die Basis in der
Diagnostik, sondern auch in der Therapie. Wir
setzen an vielen Punkten gleichzeitig an.
? Wie ist das bei chronischen Nervenschmerzen,
etwa nach einer Gürtelrose?
Was passiert da mit dem Nerv?
Während der akuten Erkrankung beginnt der
verletzte Nerv, sich zu verändern. Es werden
zum Beispiel neue Schmerzrezeptoren ➡
22 my life 11/2025
DOSSIER CHRONISCHE SCHMERZEN
Heilende Düfte
Es ist auch möglich,
psychologisch gegen
die Schmerzen
vorzugehen, etwa mit
einer Aromatherapie.
Besonders Lavendel
kann sehr beruhigend
wirken
16 Millionen
Deutsche klagen
über chronische
Schmerzen
➡ gebildet und der Nerv wird überempfindlich.
Wenn nichts unternommen wird, setzt
sich dieser Prozess fort ins Rückenmark und
das Gehirn. Ist die Ursache nicht mehr da,
aber die strukturelle Veränderung im Gehirn
und Rückenmark und damit der Schmerz,
spricht man von Schmerzgedächtnis.
? Das heißt, wir empfinden Schmerzen, obwohl
die Ursache nicht mehr da ist. Lässt sich dieses
Schmerzgedächtnis denn „überschreiben“?
Ja, häufig ist es möglich, die Überempfindlichkeit
der Nerven zumindest teilweise zurückzudrängen.
Man muss in diesem Fall aber meist
auf mehreren Ebenen behandeln. Es reicht
nicht aus, nur an der Stelle zu behandeln, die
betroffen ist. Man verwendet unterschiedliche
Verfahren und Medikamente. Und das Ganze
sollte nicht zu spät erfolgen. Wir sehen in unserer
Ambulanz viele Patienten mit chronischen
Schmerzen, die zu unzähligen Fachärzten gelaufen
sind, weil ihnen nichts geholfen hat. Dabei
wäre es viel sinnvoller gewesen, frühzeitig
in eine Schmerzambulanz zu gehen – das gilt
eigentlich immer, wenn der Schmerz noch da
ist, obwohl die Ursache behandelt wurde, oder
wenn der Schmerz unangemessen stark wird,
beispielsweise nach einer Verletzung.
? Viele werfen bei Schmerzen erst mal eine
Tablette ein, Ibuprofen oder Paracetamol …
Das ist völlig okay, wenn man „mal“ Schmerzen
hat, Kopfweh etwa. Wenn der Schmerz allerdings
immer wiederkehrt, sollte man genauer
überlegen, was die Ursache sein könnte.
? Haben Sie eine Erklärung dafür, warum
so viele Menschen an chronischen Rückenund
Kopfschmerzen leiden?
Da spielen viele Faktoren eine Rolle. Ich persönlich
glaube, dass Fehlhaltungen zunehmen
und diese Schmerzen verursachen. Die Menschen
arbeiten größtenteils am PC, starren
den ganzen Tag auf den Bildschirm, haben dabei
eine unergonomische, schlechte Haltung
und verkrampfen sich. Darüber hinaus haben
wir zu wenig Bewegung, obwohl gerade die so
wichtig wäre. Man weiß inzwischen, dass dabei
viel im Körper passiert, was Schmerzen
„unterdrückt“, zum Beispiel, dass das körpereigene
Opioid- oder Endocannabinoid-System
aktiviert wird. Bewegung kontrolliert den
Schmerz dadurch in gewisser Weise.
? Wenn man zu Ihnen in die Schmerzambulanz
kommt, was passiert da genau?
Das hängt von den Patienten und ihren
Schmerzen ab. Patienten mit bereits bestehenden
chronischen Schmerzen füllen vorab
einen umfangreichen Fragebogen aus. Die
Ärzte schauen sich auch alle bisherigen Untersuchungsergebnisse
und Behandlungen an,
verschaffen sich einen Überblick, damit nichts
doppelt gemacht wird. In einem nächsten,
sehr ausführlichen Termin werden die Patienten
ärztlich und eventuell schmerzpsychologisch
untersucht. Gemeinsam mit dem Patienten
erstellen wir anschließend einen
Therapieplan. Wir nehmen uns viel Zeit für jeden
Einzelnen, erklären genau das multimodale
Schmerzmodell und die daraus resultierenden
Therapiemöglichkeiten. Dann begleiten
wir die Patienten durch mehrere Therapieangebote
möglichst in die Normalität zurück.
? Wie sehen diese Therapieangebote aus?
Sie sind sehr breit gefächert: Wir arbeiten mit
Medikamenten und Schmerzpflastern, physiotherapeutisch,
ergotherapeutisch und verhaltenstherapeutisch.
Das kann ambulant erfolgen
oder im Rahmen eines vierwöchigen
Schmerzprogramms, bei dem all dies täglich
24 my life 11/2025
angewendet wird, je nach Schmerzsyndrom.
Manchmal sind auch Nervenblockaden, die
den Schmerz unterbrechen und bei uns in der
Ambulanz durchgeführt werden, sinnvoll.
? Was kann man psychologisch gegen
Schmerzen machen?
Ganz wichtig ist, dass die Patienten den Zusammenhang
von Psyche und Schmerz verstehen.
Psyche und Schmerz sind in einem Organ,
nämlich dem Nervensystem, lokalisiert – aber
wenn Patienten nicht an diesen Zusammenhang
glauben, macht es keinen Sinn. Manchmal
merken wir auch, dass ein psychischer
Konflikt schwelt, der psychotherapeutisch
aufgearbeitet werden sollte. Sonst wird er
immer wieder eine Rolle spielen. Im nächsten
Schritt lernen die Patienten in unseren multimodalen
Programmen, ihre Gedanken und
den Schmerz zu kontrollieren und sich dadurch
zu entspannen. Hier gibt es unterschiedliche
Techniken, die von unseren
Schmerzpsychologinnen angewendet werden.
Sie machen beispielsweise eine Gedankenreise:
Was finde ich schön? Auf einer Luftmatratze
auf dem Starnberger See liegen? Dann
stelle ich mir das bis ins kleinste Detail jetzt
vor. Die Patienten können sich aber auch in
der Kunsttherapie etwas von der Seele malen
und wir arbeiten mit Atemtraining oder Aromatherapie.
Das gibt es nicht nur im Wellnessbereich,
das ist auch in der Medizin sinnvoll.
Man bietet den Patienten unterschiedliche
Aromen an, zum Beispiel Lavendel zur Beruhigung
oder Orange zur Stimmungsaufhellung.
Das Aroma, das den Patienten guttut, können
sie in einer stressigen Situation anwenden.
? Was wird noch unternommen?
Wir versuchen alles, um die Medikamentendosis,
die mit Nebenwirkungen verbunden
sein kann, zu reduzieren: Wir arbeiten dafür
unter anderem mit Reizstrom – mit kleinen
Elektroden, die auf die schmerzhaften Areale
aufgeklebt werden. Ziel ist es, die Nervenzellen
so anzuregen, dass sie die Fortleitung
des Schmerzes verhindern. Bei Gürtelrose setzen
wir lokale Betäubungspflaster ein. Auch
Pfefferpflaster sind möglich.
wirkungsvoll und helfen, die Schmerzschwelle
anzuheben, die Stimmung zu verbessern und
den Schlaf zu fördern.
? Lassen sie die Schmerzen komplett
verschwinden? Und muss man sie für immer
einnehmen?
Das hängt sehr von der Ursache und dem Stadium
der Schmerzen ab. Die Einnahmedauer
reicht von wenigen Wochen, zum Beispiel
nach einer Verletzung, bis hin zu vielen Jahren
bei chronischen Schmerzen. Wichtig ist, dass
man die richtige Medikamentenkonstellation
findet und in regelmäßigen Abständen überprüft,
ob diese noch stimmt, ob sie reduziert
werden kann und gut vertragen wird.
? Wie geht man mit der Gefahr um, dass
man von starken Medikamenten wie Opioiden
auch abhängig werden kann?
Das Thema Abhängigkeit muss man ernst
nehmen. Wir prüfen immer, ob bei Patienten
ein Risiko besteht. Etwa wenn eine junge Frau
seit zehn bis 15 Jahren stark raucht und es nie
geschafft hat, damit aufzuhören, also eine
echte Nikotinabhängigkeit aufweist, überlegen
wir sehr genau und gemeinsam mit ihr, ob
Opioide für sie richtig sind. Allerdings haben
Opioide auch ihre Vorteile. Sie schädigen zum
Beispiel nicht die Organe, wie das bei einer
längeren Einnahme von Ibuprofen der Fall ➡
Wie Schmerz chronisch wird
Vermeidung
schmerzhafter
Bewegungen,
übermäßige
Schonung
Schmerz
Die Einnahmedauer
von
Schmerzmitteln
reicht von
wenigen Wochen
bis hin zu vielen
Jahren
Prof. Dr. med. Shahnaz
Christina Azad
Soziale Isolation,
Stress
? Welche Medikamente kommen in der
Schmerztherapie allgemein zum Einsatz?
Die sogenannten Nichtopioid-Analgetika wie
Ibuprofen, Paracetamol und Metamizol sowie
Opioide und sehr häufig auch sogenannte
Co-Analgetika. Letztere stammen aus der
Gruppe der Antidepressiva oder Antiepileptika.
Sie sind bei Nervenschmerzen besonders
Muskelverlust
und
Versteifung
Schlafprobleme
Angst,
Frustration,
Hoffnungslosigkeit
Quelle: Spektrum
der Wissenschaft
11/2025 my life
25
DOSSIER CHRONISCHE SCHMERZEN
Wirksames Verfahren
Mit Blutplasma gegen
Arthrose
Im Interview erläutert Prof. Andreas Lenich die Vorteile der ACP-Therapie
und sagt, worauf deren Heilkraft bei Gelenkverschleiß beruht
→
Eine zunehmend populäre Behandlung
verspricht Hilfe gegen Gelenkschmerzen
und Sehnenentzündungen. Bei der Plasmaoder
ACP-Therapie spritzt der Arzt aufbereitetes
Eigenblut in die schmerzende Körperregion.
Der Münchner Orthopäde und Unfallchirurg
Prof. Andreas Lenich erklärt im Gespräch mit
My Life, was hinter der Therapie steckt.
? Bei der sogenannten ACP-Therapie wird
dem Patienten etwas Blut entnommen und –
nachdem die Körperflüssigkeit in einer Zentrifuge
geschleudert wurde – wieder zurückgespritzt.
Diese Prozedur klingt ungewöhnlich.
Das Geheimnis liegt in der Zentrifugierung.
Dabei trennen sich die verschiedenen Inhaltsstoffe
des Bluts. Unten setzen sich die roten
Blutzellen ab, weil sie schwerer sind. Oben verbleiben
das flüssige Plasma (Autologes Conditioniertes
Plasma, ACP; Anm. d. Red.) sowie die
leichten Blutplättchen.
? Die Blutplättchen kennt man als Laie aus
der Blutgerinnung, wenn man sich mit dem
Messer geschnitten hat.
Ja, die Thrombozyten sind die Ersthelfer, die
entstandene Wunden schließen. Doch ihre
Rolle geht über die Blutgerinnung hinaus.
FOTOS: ADOBE STOCK; PR
30 my life 11/2025
Blutplättchen stecken zugleich voller Wachstumsfaktoren,
welche die beschädigten Körperzellen
zur Regeneration anregen. Die Fähigkeit
der Thrombozyten, Wundheilung und
Geweberegeneration zu fördern, lässt sich gezielt
einsetzen. Spritzt man die Lösung mit
den Blutplättchen beispielsweise ins Kniegelenk,
baut das neuen Knorpel auf.
? Und wenn man die Blutplättchen mit
den Wachstumsfaktoren in eine erkrankte
Sehne spritzt …
… dann wird die Gewebereparatur an dieser
Stelle stimuliert. Das ist das Faszinierende bei
dieser Therapie. Wir Menschen tragen quasi
ein eingebautes Heilmittel für den Bewegungsapparat
in uns. Dieses Werkzeug funktioniert
beim sogenannten Tennisellenbogen
ebenso wie bei Außenbandverletzungen am
Knie, einer defekten Rotatorenmanschette
der Schulter oder eben bei einer Arthrose im
Kniegelenk.
? Gerade für Menschen mit Gelenkverschleiß
bietet die konservative Orthopädie bislang
wenig Hilfe. Oft bleibt den Betroffenen nach
Jahren nichts anderes übrig als eine Endoprothese,
also ein Gelenkersatz, um die
Schmerzen in Knie oder Hüfte loszuwerden.
Wie erfolgversprechend ist die Plasmatherapie
für Patienten mit Arthrose?
Hinter Arthrose steckt vermutlich ein Ungleichgewicht
von knorpelaufbauenden und
knorpelabbauenden Zellen. Dieses Milieu lässt
sich in jedem Krankheitsstadium verbessern.
Am effektivsten ist die ACP-Therapie bei
schmerzhaftem leichtem bis mittelschwerem
Gelenkverschleiß, also bei Arthrosen mit dem
Grad I bis III. In einem frühen Stadium ist der
Knorpelaufbau so erfolgreich, dass die Patienten
nach Behandlungsabschluss meist nicht
wiederkommen.
? Und was, wenn die Arthrose bereits so
weit fortgeschritten ist, dass ein Gelenkersatz
doch nötig wird?
Nach den Erfahrungen in unserer Praxis sind
die ACP-Spritzen teilweise selbst dann sinnvoll,
wenn bereits eine Gelenkoperation absehbar
ist. Der therapeutische Effekt ist allerdings
geringer, wenn bei den Patienten kein
eigener Knorpel mehr vorhanden ist.
? Wie ist die Studienlage bei
Sehnenverletzungen?
Laut Untersuchungen ersetzt die Eigenblutbehandlung
etwa 50 Prozent der Operationen,
die bei Sehnendefekten nötig werden.
? Wie funktioniert die Behandlung konkret?
Was sind die einzelnen Schritte?
Als Erstes entnehmen wir aus der Armvene
eine kleine Menge Blut, etwa 15 Milliliter. Die
spezielle Spritze mit dem venösen Blut wird in
der Praxis einige Minuten lang zentrifugiert.
Das so gewonnene Serum mit dem blutplättchenreichen
Plasma und den Wachstumsfaktoren
injizieren wir unter Kontrolle durch ein
Ultraschallgerät anschließend in das betroffene
Gelenk oder Gewebe zurück. Ein spezielles
Doppelkammer-Spritzensystem garantiert dabei,
dass die Prozedur steril und sicher abläuft.
? Wie oft muss man diese Injektionen
wiederholen?
Unserer Erfahrung nach genügen drei bis fünf
Anwendungen im Wochenabstand. Man muss
einen gewissen Sättigungseffekt erzielen, wie
bei anderen Therapien auch. Nach drei Injektionen
wird die Heilung sehr gut unterstützt.
? Schmerzt die Behandlung?
Die meisten Patienten empfinden die Gelenktherapie
als wenig schmerzhaft und benötigen
auch hinterher keine Schmerztabletten. Um
den höheren Schmerzreiz bei Injektionen an
den Sehnenansätzen zu senken, verwenden
wir überdies ein Kryogerät, mit dem die Gewebetemperatur
rund um die Injektionsstelle
kurzzeitig abgesenkt wird. Möglich ist allerdings,
dass sich ein, zwei Tage lang ein Gefühl
einstellt, als habe man das Gelenk etwas überanstrengt.
Trotzdem sind ein normaler Alltag
und leichter Sport möglich.
? Welche Risiken und Nebenwirkungen sind
mit der ACP-Therapie verbunden?
Die Behandlung ist in aller Regel sicher und
gut verträglich. Das verwendete Blutplasma
stammt ja vom Patienten selbst. Wird die Injektion
in die Sehnen per Ultraschallkontrolle
durchgeführt, passiert es auch nur selten, dass
man aus Versehen Gefäße trifft. Die einzige
unerwünschte Reaktion ist im Grunde, dass
die Therapie nicht den erhofften Erfolg bringt.
? Wie oft kommt das vor?
Die Erfolgsrate liegt bei 70 bis 80 Prozent. Das
ist für eine konservative Behandlung ein sehr
guter Wert. Warum die Therapie bei manchen
Patienten nicht anschlägt, ist offen. Ein Grund
könnte sein, dass die Injektionen in den Studien,
aus denen diese Zahlen stammen, ohne
Ultraschallkontrolle gemacht wurden. Spritzt
man die Wachstumsstoffe einfach so in die erkrankte
Sehne, kann es passieren, dass man
die defekte Stelle nicht trifft.
❰
Am effektivsten ist
die ACP-Therapie
bei schmerzhaftem
leichtem bis
mittelschwerem
Gelenkverschleiß
Prof. Dr. med Andreas Lenich
Der Unfall- und Handchirurg
und Orthopäde gründete das
Zentrum für Ellenbogen- und
Schulter-Therapie (ZEST) in
München. Er ist Organisator
von Kongressen sowie
Weiterbildungen und betreut
Sportvereine; dr-lenich.de
Was Gelenke fit und stark macht: S. 32 ➡
DOSSIER CHRONISCHE SCHMERZEN
★ SER
IE ★
Grüne
Gesundheit
Scharfmacher Alkaloide aus Chilis regen in Gelen und Cremes die Durchblutung der Haut an
Natürliche Wirkstoffe
Schmerzstiller
aus der Küche
Von Gelenkerkrankungen bis Zahnweh – so manche Pflanze ist ein
wahrer Schatz, wenn es darum geht, Beschwerden sanft zu lindern
Chili entspannt die Muskeln
Die rote Schote bringt nicht nur Schärfe in Speisen.
Der Wirkstoff Capsaicin fördert die Durchblutung.
Schmerzauslösende Botenstoffe werden
so schneller abtransportiert. Immer dann, wenn
Muskeln verspannt oder gezerrt sind, verschafft
Chili Besserung. Fein zermahlen, wird es für Gele,
Salben, Cremes und Pflaster verwendet, die Haut
und Muskeln erwärmen und Letztere lockern.
Gelbwurz für die Gelenke
Das Ingwergewächs ist auch unter dem
Namen Kurkuma bekannt und ist in vielen
Curry-Mischungen ein fester Bestandteil.
Den deutschen Namen verdankt es der
intensiv gelben Farbe seiner Wurzel. Sie enthält
den schmerzstillenden Wirkstoff Curcumin, der vor allem bei
Gelenkbeschwerden Linderung verspricht. Neben der frischen
Wurzel ist Kurkuma auch in Kapselform und als Tee erhältlich.
Haferflocken gegen
Entzündungen
Sie sind reich an B-Vitaminen,
die Rheuma-Patienten
häufig fehlen. Außerdem
liefern Haferflocken hochwertiges
Eiweiß, Ballaststoffe
und Magnesium, das
Muskelschmerzen lindern
soll. Der Eiweißbaustein
Tryptophan ist ebenfalls
enthalten – wichtig für den
Nerven botenstoff Serotonin.
Das sogenannte
Glückshormon spielt
eine Rolle in der
Schmerzwahrnehmung
und
-bewertung.
Hagebutte tut bei Arthrose gut
In den tiefroten Früchten stecken Carotinoide,
Calcium, Kalium, Phosphor, B-Vitamine sowie
Vitamin C. Diese Kombination macht die Hagebutte
so wertvoll. Bewährt hat sich die Heilpflanze bei
Gelenkbeschwerden wie Arthrose und Rheuma. Erste
Studien belegen, dass enthaltene Galaktolipide im
Fruchtfleisch den Knorpel schützen und Entzündungen
hemmen. Erhältlich als Pulver, Kapseln und Trinkkonzentrat.
Brennnessel spült die Nieren
Mit ihren Brennhaaren ist vermutlich jeder schon mal in Berührung
gekommen. Dennoch ist die Brennnessel kein lästiges
Kraut. Blätter und Wurzeln stecken voller gesunder Flavonoide,
Carotinoide, Vitamine und Mineralien. Dadurch fördert sie die
Harnausscheidung und kann eine Gichttherapie unterstützen.
Auch bei Rheuma und Arthrose leistet sie gute Dienste.
Für Brennnesseltee 1 EL frisches Kraut mit
150 ml kochendem Wasser übergießen,
10 Minuten ziehen lassen, abseihen. Bei
Bedarf 3-mal täglich Tee frisch zubereiten.
Gewürznelke
betäubt Zahnweh
Die noch nicht aufgeblühte,
getrocknete Knospe des Nelkenbaums
ist ein beliebtes
Gewürz. Enthaltenes Eugenol,
Flavonoide und Gerbstoffe
machen sie zudem zu einem
top Hausmittel. Mit ihren
schmerzstillenden, entzündungs-
und keimhemmenden
sowie betäubenden Eigenschaften
lindert die Gewürz nelke
Zahnweh und Beschwerden in
der Mund- und Rachenschleimhaut.
Einfach kauen
oder lutschen.
FOTOS: SHUTTERSTOCK (3); FOTOLIA (4)
34 my life 11/2025
GESUNDHEIT
Neue Hoffnung bei Autoimmunerkrankungen
Gesund mit nur einer Infusion?
Die CAR-T-Zelltherapie soll Symptome bei Rheuma, Lupus & Co. effektiv lindern
Prof. Georg Schett, Direktor der Klinik für
Rheumatologie und Immunologie.
Die Medizin-Innovation aus Deutschland
trägt einen nicht ganz unbekannten Namen,
CAR-T-Zelltherapie. Sie zeigt seit Jahren gewisse
Erfolge gegen Krebs. 2018 gab es den Nobelpreis
für ihre Grundlage. Ärzte entnehmen dem
Patienten bei der Methode Immunzellen. Ein
Speziallabor rüstet deren Andockstellen gentechnisch
so auf, dass sie die Tumorzellen möglichst
zielgenau erkennen und angreifen. Erhält
der Patient die armierten Kämpfer zurück, vermehren
sie sich, ziehen in die Schlacht und, so
die Hoffnung, gewinnen diese.
Helden der Abwehr
In experimentellen
Behandlungen dämmen
aufgerüstete CAR-T-Zellen
eine überschüssige
Immunantwort ein
Pioniere
Patientin Thu Thao
Vu Thi mit ihrem Arzt
Prof. Georg Schett. Nach
der Therapie bestand Vu
Thi das Abitur
→
Autoimmunkrankheiten sind, jede für
sich genommen, selten. Zählt man aber
die 80 bis 100 bekannten Arten zusammen,
haben fünf bis zehn Prozent der Menschen
gegen ein Leiden zu kämpfen, bei denen das
Immunsystem Teile des eigenen Körpers attackiert.
Als Prototyp gilt Lupus erythematodes,
übersetzt Wolfsröte.
Thu Thao Vu Thi, 24 Jahre alt, litt seit ihrem
17. Lebensjahr an einer schweren, systemischen
Lupus-Art. Ihre Nieren begannen zu
versagen. Sie musste schlimme Schmerzen ertragen.
Die Behandlung mit Kortison verursachte
Nebenwirkungen. Fotos aus jener Zeit
zeigen eine junge Frau mit schütterem Kopfhaar
und schorfigen Hautwunden im Gesicht.
Wende. Dann erhielt Vu Thi vor vier Jahren
an der Universitätsklinik Erlangen mit einer
einzigen Infusion eine experimentelle Behandlung.
Heute benötigt sie nahezu keine
Medikamente mehr, wirkt so gut wie geheilt.
Seitdem geht von Erlangen aus eine neue
Autoimmuntherapie um die Welt. Ärzte in
Berlin und in München, in den USA und in
China erproben sie. „Wir haben mittlerweile
40 Patienten auf diese Weise behandelt“, sagt
Komplizen werden zu Gegnern
Was aber können Immunzellen gegen Krankheiten
ausrichten, bei denen das körpereigene
Immunsystem das Problem ist? Im Fall von Vu
This Krankheit bilden B-Zellen zerstörerische
Antikörper gegen das Gewebe. Entnommen
und aufgerüstet werden hingegen T-Zellen.
Normalerweise arbeiten die beiden Abwehrkämpfer
Hand in Hand. Die Manipulation im
Labor macht sie zu Gegnern. „CAR-T-Zellen
sind ein lebendes Medikament“, sagt Prof.
Gerhard Krönke, der als ärztlicher Direktor
der Medizinischen Klinik für Rheumatologie
und Klinische Immunologie an der Universitätsklinik
Charité die Therapie anwendet.
Wie stark der Eingriff das Immunsystem
durchrüttelt, zeigt sich darin, dass es als
Nebenwirkung zu einer überschießenden Abwehrreaktion
kommen kann. So genannte Zytokinstürme
treten bei CAR-T-Zelltherapien
immer wieder auf. In der Behandlungssituation
können sich Arzt und Patient allerdings gut
da rauf einstellen.
Hoffnung. Noch laufen die Heilversuche
gegen Autoimmunerkrankungen im Rahmen
wissenschaft licher Studien. Bewährt sich die
Therapie jedoch bei häufigeren Arten wie
rheumatoider Arthritis und Multipler Sklerose,
könnte sie weniger kostspielig werden als bei
Krebs. Außerdem gibt es eventuell eine günstigere
Alternative: Das Antikörperpräparat
Teclistamab zeigt Resultate, die an jene der
CAR-T-Zelltherapie heranreichen. Teclistamab
wurde bereits gegen das multiple Myelom zugelassen,
eine seltene Krebsart.
❰
FOTOS: SCIENCE PHOTO LIBRARY; ALESSA SAILER/UNI-KLINIKUM ERLANGEN
38 my life 11/2025
GESUNDHEIT
Magersucht in den Wechseljahren
Mein langer Weg aus der
Essstörung
Sie ist Anfang 50 und wird für ihren schlanken Körper bewundert.
Doch hinter der Fassade steckt eine dunkle Wahrheit. Constanze kämpft seit
Jahren gegen eine stille Krankheit, die lange Zeit niemand wahrnahm
→
Constanzes* Kampf begann früh: Damals,
als ihre Schulfreunde sich auf
Prüfungen und erste Beziehungen konzentrierten,
drehte sich das Leben der schlanken
Teenagerin nur noch um Kalorien und Kontrolle.
„Ich fühlte mich ständig unter Druck,
perfekt zu sein – ob in der Schule oder zu Hause“,
erzählt sie. Was mit Hungerkuren, Sportzwang
und Abführmitteln begann, entwickelte
sich schnell zur Bulimie – verborgen vor der
Außenwelt. „Keiner hat es mitbekommen“, erinnert
sich Constanze.
Damals waren Essstörungen ebenso wie
psychische Erkrankungen ein Tabuthema.
Deshalb waren auch ihre Eltern nicht sofort
alarmiert. „Sie hatten hohe Erwartungen an
mich, wussten aber nicht, wie schlecht es mir
wirklich ging“, sagt die heute 52-Jährige. Erst
als sie mit 18 Jahren bei einer Größe von
1,75 Meter nur noch 39 Kilo wog, kam sie in
eine Klinik. Es folgten mehrere Therapien.
Neues Glück. Der Wendepunkt kam Jahre
später – durch ein kleines Wunder. „Als ich
mit Mitte 20 meine Tochter bekam, fiel mir
das Essen plötzlich leichter“, erzählt die gelernte
Industriekauffrau. Bald folgten zwei
weitere Kinder. Sie fühlte sich angekommen.
Zuversichtlich Constanze hat ihrer Essstörung den Kampf angesagt
56 my life 11/2025
Hormonelle Herausforderungen
Constanzes Familie wurde zu ihrem Anker,
gab ihr das Gefühl, geliebt und akzeptiert zu
sein, mit all ihren Ecken und Kanten. Bei ihnen
fühlte sie sich geborgen und sicher – etwas,
das sie zuvor in dieser Form nicht gespürt
hatte. „Meine Kinder und mein Mann gaben
mir genau das, wonach ich mich so lange gesehnt
hatte: das Gefühl, genug zu sein.“
Über längere Zeit hielt Constanze ein stabiles
Gewicht. Mit rund 60 Kilo, einem geregelten
Alltag und viel Lebensfreude schien die
Essstörung besiegt. „Die Angst vor dem Zunehmen
verschwand aber nie so ganz. Ich achtete
auf meine Figur, auf meine Ernährung
und machte regelmäßig Sport, doch alles in
* Name von der Redaktion geändert
FOTOS: GETTY IMAGES/ISTOCK; ADRIAN HIGLISTER
einem gesunden Rahmen“, erzählt sie. Die
Freude, die ihre Kinder brachten, half ihr, die
Kontrolle zu behalten. „Ich konnte mich endlich
wieder auf andere Dinge im Leben konzentrieren,
und das war befreiend.“
Herber Rückschlag. Doch dann kamen die
Wechseljahre. Und mit ihnen typische Beschwerden
wie Schlafstörungen, Hitzewallungen,
Schwindel. Constanze wünscht sich heute,
es wäre nur dabei geblieben. „Jede Frau fragt
sich, wie diese Zeit wohl bei ihr verlaufen wird,
aber dass ich dadurch in alte Muster zurückfallen
würde, damit habe ich nicht gerechnet.“
Die hormonellen Veränderungen und der emotionale
Stress brachten das Gleichgewicht, das
sie all die Jahre bewahrt hatte, durcheinander.
„Es fühlte sich an, als würde mein Körper mich
verraten“, sagt Constanze. Innerhalb von vier
Monaten verlor sie 22 Kilo, rutschte erneut in
die Magersucht, wog zeitweise weniger als 40
Kilo. Ihr Mann bemerkte den schnellen Gewichtsverlust.
Doch wenn er sie darauf ansprach,
spielte sie die Veränderungen herunter.
„Ich sagte ihm, es seien nur die Wechseljahre.
Und er wollte mir glauben.“
Alte Konflikte. Ein gestörtes Essverhalten
bei Frauen in der Menopause ist ein relevantes,
aber oft übersehenes Thema. Denn diese
Phase stellt ein erhöhtes Risiko dar. Der Gynäkologe
Dr. Harry Tschebiner aus dem Menopause-Zentrum
München weiß: „Unterernährung
kann zu erhöhter Müdigkeit und einem
allgemeinen Verlust an Energie und physischer
Kraft führen. Dies ist besonders kritisch
in der Perimenopause, in der der Körper durch
die hormonelle Umstellung ohnehin zusätzliche
Herausforderungen bewältigen muss.“
Der Rückgang von Östrogen und Progesteron
kann auch Stimmungsschwankungen,
Hitzewallungen und Schlafprobleme verursachen
– diese Symptome können durch eine
Unterernährung intensiver und unangenehmer
sein. Viele Frauen erleben auch ein Gefühl
des Kontrollverlusts über ihren Körper, was in
manchen Fällen Essstörungen begünstigt. Bestehende
Krankheiten wie Anorexie oder Bulimie
können sich verschlimmern oder neu entstehen.
Häufiger noch sind zwanghafte Diäten
und das sogenannte Binge-Eating, also total
unkontrollierte Essanfälle.
„Bei Frauen mit Essstörungen sollte neben
einer Hormonersatztherapie (HRT) auch eine
psychotherapeutische Behandlung erwogen
werden, um die zugrunde liegenden Konflikte
anzugehen“, rät Dr. Tschebiner. Die Entscheidung
für eine HRT sollte allerdings individuell
abgewogen werden, unter Berücksichtigung
der eigenen und familiären Vorgeschichte, der
bestehenden Risiken und der spezifischen Bedürfnisse
der Patientin. „Neben der Hormonersatztherapie
können aber auch Lebensstiländerungen,
(zum Beispiel gesunde Ernährung,
Bewegung) und Medikamente zur Osteoporoseprävention
in Betracht gezogen werden.“
Letzter Ausweg. Constanze selbst versuchte,
ihre Krankheit zu verdrängen. Sich einzugestehen,
dass sie ein Problem hat, war schwer. Noch
schwieriger machten es die Komplimente aus
ihrem Umfeld. „Alle bewunderten mich für
meine schlanke Figur in meinem Alter. Es war,
als könnte ich nicht krank sein, wenn alle anderen
mich so ideal fanden“, erinnert sie sich.
Schließlich zog sie Konsequenzen. „Als ich vermehrt
Schwächeanfälle hatte, ließ ich mich in
eine Klinik einweisen.“
Jetzt ist sie wieder in Therapie. „Meine Familie
war erschüttert, als sie mitbekam, was mit
mir los ist. Aber mein Mann und die Kinder
kümmern sich liebevoll um mich.“ Und diese
Liebe wirkt Wunder. „Ich werde diese Krankheit
besiegen“, sagt Constanze. Es klingt wie
das Versprechen an ein neues Leben. ❰
Es war, als
hätte mein
Körper mich
verraten
Constanze (52)
Neben einer
Hormonersatztherapie
sollte
auch eine psychotherapeutische
Behandlung
erwogen werden
Dr. med. Harry Tschebiner,
Facharzt für Frauenheilkunde
und Geburtshilfe mit Praxis in
München-Neuhausen;
menopause-zentrummuenchen.de
EXPERTEN-INTERVIEW
Das Osteoporose-Risiko ist erhöht“
“
Der Gynäkologe Dr. Harry Tschebiner
erklärt, was Mangelernährung bewirkt.
? Wie wirken sich Magersucht oder
starkes Untergewicht auf den Verlauf
der Wechseljahre aus?
Magersucht (Anorexia nervosa) und
starkes Untergewicht können erheb liche
Auswirkungen auf den Verlauf der
Wechseljahre haben. Untergewicht,
insbesondere durch Magersucht, führt
häufig zu einem signifikanten Rückgang
des Körperfetts, was die Östrogenproduktion
beeinträchtigen kann. Da Fettgewebe
eine Rolle bei der Umwandlung
von Androgenen in Östrogene spielt,
kann ein Mangel an Körperfett zu einem
niedrigen Östrogenspiegel führen. Dieser
kann den Beginn der Wechseljahre
vorverlegen und die Symptome verstärken.
Zudem kann er zu einem beschleunigten
Abbau der Knochensubstanz
führen, was das Risiko für Osteoporose
und Frakturen erhöht.
? Was kann jetzt helfen?
Eine ausgewogene Ernährung, die ausreichend
Calcium, Vitamin D und andere
Nährstoffe umfasst, sowie eine gesunde
Lebensweise können das Risiko für
Osteoporose senken. Eine individuell
balancierte bioidentische Hormonersatztherapie
(HRT) kann körperliche und psychische
Wechseljahressymptome lindern
und die Knochendichte verbessern. Besonders
wichtig bei Frauen mit erhöhtem
Risiko aufgrund von Untergewicht.
11/2025 my life
57
WOHLFÜHLEN
Schreiben
kann die Seele retten
Wer seine Gefühle zu Papier bringt, baut nicht nur Druck ab, sondern stärkt
auch seine mentale Gesundheit und verbessert die körpereigenen Selbstheilungskräfte.
Zwei Expertinnen erklären die Hintergründe – und geben Tipps zum Ausprobieren
Wir wissen aus
Studien, dass der
Blutdruck sinkt und
Stresshormone
abnehmen
Prof. Dr. med. Silke Heimes,
Ärztin, Schreibtherapeutin
und Autorin; silke-heimes.de
BXX – MENTAL HEALTH
Wege zu mehr
innerer Stärke
Prof. Silke Heimes sprach
kürzlich auf dem BXX-
Mental-Health-Event in
München darüber, wie
Schreiben die Resilienz
fördert. Die Frauengesundheitsinitiative
von
IhreApotheken.de und
dem BurdaVerlag denkt
gemeinsam mit Experten
aus Forschung, Medizin
und über 7 000 Vor-Ort
Apotheken Frauengesundheit
neu. Mehr auf
bewomen-behealthy.de
→
Beim Thema Schreiben denken die
meisten an Einkaufszettel, berufliche
E-Mails oder schnelle Textnachrichten am
Smartphone. Regelmäßig Tagebuch führen die
wenigsten Erwachsenen. Das ist schade, denn
Schreiben birgt viel Potenzial für die körperliche
und seelische Gesundheit.
Wertvolle Ergänzung bei einer
medizinischen Therapie
„Schreiben kann uns dabei helfen, Gefühle zu
verarbeiten, die eine Krankheit auslöst, sowie
Belastungen auszuhalten, die sich überhaupt
erst durch die Behandlung ergeben“, fasst Silke
Heimes zusammen. Die Ärztin für Psychiatrie
ist Professorin für Journalistik an der
Hochschule Darmstadt, Schreibtherapeutin
und Autorin. In ihrem Buch „Ich schreibe mich
schlank“ (dtv, 272 S., 18 €; siehe zudem Buchtipp
auf S. 61) widmet sie sich einem Thema,
das viele Menschen umtreibt: dem Gewicht.
„Schreibend werden Sie herausfinden, welche
Art der Ernährung und Bewegung Ihrem
Körper guttut und zu einem Gewicht führt,
mit dem Sie sich wohlfühlen. Ganz ohne Diät
und Jo-Jo-Effekt.“ Denn wer etwas verändern
möchte, muss den Ist-Zustand kennen und
verstehen, wie es dazu kam. Bei dieser Selbstbeobachtung
hilft Schreiben. Auch all die anderen
positiven Effekte des regelmäßigen Aufschreibens
sind wissenschaftlich gut erforscht.
Mehr als 150 Studien bestätigen
die heilsame Wirkung
Als Pionier des therapeutischen Schreibens
gilt James Pennebaker, ein US-amerikanischer
Professor für Psychologie an der University of
Texas in Austin. Laut seiner Studien sind Erstsemesterstudenten
besser gelaunt, gesünder
und müssen seltener zum Arzt, wenn sie über
ihren Wechsel ans College schreiben – anders
als diejenigen, die sich nur über oberflächliche
Themen auslassen. Das Erstaunlichste dabei
ist, dass man für eine Wirksamkeit keine Romane
schreiben muss: Es reicht, an vier aufeinanderfolgenden
Tagen jeweils 20 Minuten
lang seine Gedanken zu Papier zu bringen.
Gut erforscht. Pennebakers Methode, das
„expressive Schreiben“, gilt als die am besten
untersuchte Schreibtherapie: Über 150 Studien
belegen für diese Methode, dass sie etwa das
Immunsystem stärkt, die Antikörperantwort
nach Impfungen erhöht und die Funktion von
Lunge und Leber verbessert. Nach einem Infarkt
kann Schreiben die Herzgesundheit so
fördern, dass die Patientinnen und Patienten
weniger Medikamente einnehmen müssen.
Darüber hinaus stärkt es die psychische Gesundheit,
indem es depressive Symptome verringert,
die Stimmung hebt und die Leistungsfähigkeit
verbessert.
Wort für Wort kommen Körper und
Seele wieder in Einklang
Bis heute kann man noch nicht genau messen,
wie das Schreiben auf den Körper wirkt. „Wir
wissen aus Studien, dass der Blutdruck sinkt
oder die Stresshormone abnehmen“, bestätigt
Prof. Heimes. „Die Effekte sind aber so gering,
dass man sie auch durch Meditieren oder Ruhig-Hinsetzen
erreichen könnte.“ Beim Schreiben
muss also mehr passieren.
Es entfacht seine Wirkung vor allem über
die Psyche. Vielleicht kennen Sie das: Wenn
man sich etwas von der Seele schreibt, wird
nicht nur der Geist, sondern auch der Körper
entlastet. „Alle Krankheiten betreffen nämlich
immer Körper und Seele gleichermaßen.
Der Gedanke, dass beides getrennt voneinander
funktioniert und behandelt werden muss,
ist Unsinn und steht einer Gesundung im
Weg“, so die Expertin weiter. Das heißt, wenn
die Seele mit sich im Einklang ist, bekommt
auch der Körper neue Kraft.
➡
58 my life 11/2025
11/2025 my life
59
GESUNDHEIT
62 my life 11/2025
Geschlechtskrankheiten
Wenn die Liebe
Leiden schafft
Sexuell übertragbare Infektionen wie Tripper und Syphilis sind wieder
auf dem Vormarsch, nicht zuletzt in der Altersgruppe 55plus – beflügelt von Partnerbörsen.
My Life klärt über Tests und Therapien auf
→
Eine kurze Wischbewegung über den
Handybildschirm, ein Match – und wenig
später: ein heißer Flirt. Dating-Apps wie
Tinder und Bumble haben das Liebesleben
von Millionen Menschen verändert. Ist die
nächste Bekanntschaft eine Fingerspitze entfernt,
wird die Partnersuche schneller, bequemer,
manchmal unverbindlicher. Doch gerade
kurze Beziehungen hinterlassen nicht selten
bleibende Andenken: etwa in Form von Chlamydien,
Gonokokken oder Herpesviren.
Experten zufolge tragen Online-Partnerbörsen
dazu bei, dass die Zahl der sexuell übertragbaren
Infektionen (STIs) unter Erwachsenen
in Deutschland und der westlichen Welt
steigt. „Digitale Medien haben die Möglichkeit
sexuelle Begegnungen anzubahnen enorm
beschleunigt. Und mit der Zahl der intimen
Kontakte wächst das Risiko, entsprechende
Erreger aufzuschnappen“, sagt Prof. Norbert
Brockmeyer, Hautarzt und Präsident der
Deutschen STI-Gesellschaft e. V. (DSTIG).
Sex-Krankheiten treffen
auch die Boomer
Die Zunahme betrifft – mit Ausnahme von
HIV – so gut wie alle Geschlechtskrankheiten.
Rund 30 verschiedene STIs können bei ungeschütztem
Sex übertragen werden. Am gefährlichsten
sind HIV und Syphilis, am häufigsten
Tripper und Chlamydien-Infektionen. Letztere
gehen auf Bakterien zurück, die allein in
Deutschland jedes Jahr schätzungsweise
300 000 Neuansteckungen verursachen. Genaue
Zahlen fehlen, da keine bundesweite
Meldepflicht existiert.
Ansteckungsrate. Zweithäufigste sexuell
übertragbare Erkrankung ist die Gonorrhö,
also der Tripper. In Sachsen – dem einzigen
Bundesland mit Labormeldepflicht für diese
STI – stieg die Ansteckungsrate zwischen 2001
und 2019 um das Zehnfache. Bundesweit liegt
die Zahl der jährlichen Neuinfektionen mit
dem Bakterium Neisseria gonorrhoeae schätzungsweise
bei etwa 30 000.
Organschäden. Anfällig für Geschlechtskrankheiten
sind längst nicht nur die klassischen
Risikogruppen: also Männer, die Sex mit
Männern haben, junge Menschen oder Sexarbeiterinnen
„Wir sehen in unserem Beratungszentrum
immer mehr Heterosexuelle in
der Altersgruppe über 55 Jahre. Das Vergnügen
am Sex endet schließlich nicht mit 60 Jahren“,
berichtet Prof. Brockmeyer aus seiner Tätigkeit
als Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten.
„Meine älteste Patientin mit
Syphilis war eine 82-jährige Dame.“ Diese Erkrankung,
die unbehandelt schwere Organschäden
verursachen kann, tritt mit 9 513 gemeldeten
Infektionen im Jahr 2024 zwar eher
selten auf, sie nimmt aber ebenfalls zu: Seit
dem Jahr 2000 haben sich die Fallzahlen laut
Robert Koch-Institut mehr als verzehnfacht.
Bei Safer Sex haben Ältere
Nachholbedarf
Anders als experimentierfreudige Jüngere, die
gewandt mit Kondomen oder Lecktüchern
hantieren, fehlt der Ü-50-Generation häufig
die Routine beim Safer Sex. Prof. Brockmeyer:
„Wer 20 oder 30 Jahre lang in einer festen Beziehung
gelebt hat, dem kommt zudem leicht
das Schutzbewusstsein abhanden, wenn er
sich nach einer Scheidung wieder in fremden
Betten tummelt.“ Der Umstand, dass das Thema
Verhütung sich bei Frauen mit den Wechseljahren
erledigt, trägt ebenfalls dazu bei,
dass auf Präservative verzichtet wird. ➡
10 %
aller sexuell
aktiven Menschen
infizieren sich im
Laufe des Lebens
mit Chlamydien
Quelle: Berufsverband
der Frauenärzte
HI-Virus
Besorgnis-Erreger
Zu den Auslösern von STIs
zählen Bakterien, Viren,
Parasiten oder Pilze.
Mehr als 30 Erreger sind
bekannt. Rechtzeitig
erkannt, lassen sich viele
Infektionen gut heilen
Syphilis-Erreger
11/2025 my life
63
Die neue My Life gibt’s ab 16. Juni gratis in Ihrer Apotheke
DOSSIER Plötzlich Pflegefall – und nun?
Х Anlaufstellen: Wichtige Informationen zu Pflegeberatung, Pflegegrad, Pflegesachleistungen
und Pflegediensten – damit Sie schnell Hilfe organisieren können
Х Ihr gutes Recht: Von Freistellung bis Familienpflegezeit – was Berufstätige
wissen sollten und welche Geldleistungen pflegenden Angehörigen zustehen
Х Kompetenter Rat: Medikations-Check, Blutdruckkontrolle, Beratung: Wie die
Apotheke Menschen im Alter unterstützt. Plus: smarte Helfer aus dem Sanitätshaus
Gut zum Fuß Woran Fehlstellungen zu
erkennen sind, welche Therapien es gibt,
und worauf es bei der Pflege ankommt
Fruchtig Ob als Torte (o.) oder Cake-
Pops – diese Käsekuchen mit Sommerbeeren
sind der Hit auf jeder Gartenparty
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my life
my life A erscheint einmal im Monat
in der mylife media GmbH & Co. KG
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Textchefs: Mike Dütschke, Annette Postel
Art Director: Jürgen Thies
Redaktion: Miriam Dietz, Ana Goldscheider
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Genuss: Gaby Höger (Ltg.)
Rätsel: Andrea Kind (Ltg.)
Redaktionsassistenz: Daniela Gibson,
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Mitarbeiter dieser Ausgabe: Silke Eberhard, Bernhard
Hobelsberger, Florian Köninger, Veronika Kügle, Constanze
Löffler, Dr. Kurt-Martin Mayer (FOCUS), Blacky Neubauer,
Alina Reichardt (FOCUS), Alexandra Rinecker, Ulrike
Schädlich, Janina Schrupp, Ela Sinik, Barbara Sonnentag
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Christina Azad; Prof. Dr. med. Norbert H. Brockmeyer; Kim
Ferring; PD Dr. med. Dr. jur. Birgit Harbeck; Prof. Dr. med. Silke
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