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978-3-422-97991-8_ValenciennesRatgeberfuerdenReisendenLandschaftsmaler

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Claudia Denk (Hrsg.)

VALENCIENNES’

RATGEBER

FÜR DEN

REISENDEN

LANDSCHAFTS-

MALER

ZIRKULIERENDES

KÜNSTLERWISSEN

UM 1800

CHRISTOPH HEILMANN STIFTUNG


Gefördert in großzügiger Weise von der

CHRISTOPH HEILMANN STIFTUNG | LENBACHHAUS MÜNCHEN

Gedruckt mit freundlicher Unterstützung

der TAVOLOZZA FOUNDATION MÜNCHEN

der GESCHWISTER BOEHRINGER INGELHEIM STIFTUNG

FÜR GEISTESWISSENSCHAFTEN IN INGELHEIM AM RHEIN

der RICHARD STURY STIFTUNG MÜNCHEN


Titel der vollständigen französischen Originalausgabe von

1799, 1800

ÉLÉMENS DE PERSPECTIVE PRATIQUE, À L’USAGE DES

ARTISTES, SUIVIS De Réflexions et Conseils à un Elève sur

la Peinture, et parti culièrement sur le genre du Paysage. Par

P. H. Valenciennes, Peintre; de la Société Philotechnique, de

celle libre des Sciences et Arts de Paris, etc. etc. À Paris, Chez:

L’Auteur, au Palais national des Sciences et Arts. Desenne,

Libraire, au Palais-Egalité, n° 2. Duprat, Libraire pour les

Mathématiques, quai des Augustins, près le Pont-Neuf, n° 71.

An VIII. [1799, 1800]

Originaltitel des hier edierten 2. Bandes in der deutschen

Übersetzung von 1803

Der Rathgeber für Zeichner und Mahler, besonders in dem Fache

der Landschaftsmahlerey. Nebst einer ausführlichen Anleitung

zur Künstlerperspectiv. [Zweites Titelblatt:] Praktische Anleitung

zur Linear- und Luftperspectiv für Zeichner und Mahler. Nebst

Betrachtungen über das Studium der Mahlerey überhaupt, und

der Landschaftsmalerey insbesondere. Von P. H. Valen ciennes,

Mahler und Mitglied der philotechnischen Gesellschaft und der

Gesellschaft der schönen Wissenschaften und Künste zu Paris.

Aus dem Französischen übersetzt, und mit Anmerkungen und

Zusätzen vermehrt von Johann Heinrich Meynier, Lector der

französischen Sprache auf der Universität Erlangen, und Lehrer

der Zeichenkunst an dem Gymnasio daselbst. Zweyter Band,

Hof, bei Gottfried Adolph Grau 1803.

 5


Inhalt

9

Vorwort

Bernhard Maaz / Christoph Heilmann

13

TEIL I:

EINE ÜBERSETZUNG ALS MEDIUM

KÜNSTLERISCHEN WISSENSTRANSFERS

UM 1800

35

Verortungen im deutschen Diskurs

zur Landschaftsmalerei

Die deutsche Landschaftsliteratur –

Hagedorn, Geßner, Sulzer und

Runge 35

»Hagedorns Betrachtungen über die

Mahlery sind von ganz anderer Art« 36

Lehrbuch, Ratgeber oder Vademecum

für reisende Landschaftsmaler? 37

15

Künstlerlektüren – Zur Edition der

deutschen Valenciennes-Ausgabe

von 1803

Das Buch als Artefakt 16

Zirkulierendes Künstlerwissen –

Reisen und lesen 19

Frankreich und Deutschland in der

Perspektive des Kulturtransfers 23

29

Akteure – Autor, Übersetzer und

Verleger

Pierre-Henri de Valenciennes – Autor

eines neuartigen Landschaftsbuchs 29

Johann Heinrich Meynier –

Literat, Übersetzer und Künstler 30

Gottfried Adolph Grau –

Verleger im Vogtland 32

41

Transformationen – Vom Perspektivzum

Landschaftsbuch

Valenciennes’ Ideal vom Malen

im Freien – Von der annotierten

Zeichnung zur Ölskizze 41

Die Privilegierung des Landschaftsteils

in der deutschen Übersetzung 46

Eine fruchtbare Diskussion (landschafts-)

ästhetischer Schlüsselbegriffe? 49

53

Ein französisches Landschaftsbuch

in Deutschland

Buchbesprechungen in führenden

Rezensionsjournalen 53

Reflexe in der Kunstliteratur 54

6




Exemplare in Altbeständen deutscher

Bibliotheken 56

Kunstbibliotheken – Von Rom

bis Kopenhagen 58

Privatbibliotheken – Thorvaldsen,

Abildgaard und Speck von Sternburg

61

117

TEIL II:

EDITION DER DEUTSCHEN

ÜBERSETZUNG VON VALENCIENNES’

RATHGEBER, BESONDERS IM FACHE

DER LANDSCHAFTSMAHLEREY (1803),

BAND 2

73

Ein Buch und seine Leser

Die jungen deutschen Maler in Rom –

Franz Ludwig Catel, Heinrich Reinhold

und Franz Horny 74

Johann Georg von Dillis 76

Christoffer Wilhelm Eckersberg

und seine Schüler 79

Johan Christian Dahl 81

Caspar David Friedrich 84

Carl Gustav Carus 85

Carl Blechen 88

Alexander von Humboldt 90

99

Resümee

102

Literatur

121

Editorische Notiz

123

Inhalt

258

Anmerkungen des Verfassers und

des Übersetzers

264

Literatur des Ratgebers

Antike Quellentexte 264

Nachantike Literatur 265

268

Personenregister

271

Dank

272

Impressum und Bildnachweis

7


8


Vorwort

Die Kunstgeschichte versteht sich als eine Bildwissenschaft,

aber sie kommt zur Erhellung ihrer

Themen und Thesen nicht aus ohne das geschriebene

und das gesprochene Wort, und natürlich

spielen dabei historische Quellen wie Briefe, Tagebücher,

Rezensionen oder auch Inventare eine

gewichtige Rolle. Das Fach hat schon früh mit

edierten Briefen gearbeitet, die aber nicht selten

manipulativen redaktionellen Eingriffen ausgesetzt

waren, weil die familiären Interessen der

Künstler bzw. ihrer Nachfahren berücksichtigt

wurden. Und erst spät hat man beispielsweise

den Wert historischer Inventare von Künstlerbibliotheken

erkannt. Erst in der Zeit der Aufklärung

mehren sich die überlieferten Quellen

wie Briefe und Tagebücher, aber dies war auch

jene Zeit, in der sich die Zahl verfügbarer Bücher

mehrte. Es war für die bildende Kunst auch eine

Epoche des medialen Wechsels von Wissenstransfer

im Werkstattkontext hin zu einem stärker

akademischen und vermehrt an Bücher gebundenen

Wissensaustausch. Auch kam nun der

Theorie ein Stellenwert zu, der in dieser Intensität

und Quantität neu war. Vor diesem Hintergrund

ist die vorliegende Edition eines weit verbreiteten

Grundlagenwerks zu sehen. Dabei zeigt

sich, wie überaus wichtig die Vielzahl und die

Vielfalt der nutzbaren Quellen sind.

Pierre-Henri de Valenciennes verfasste sein

theoretisches Grundlagenwerk in jenen Jahren

nach der Französischen Revolution, in denen

sich auch im künstlerischen Austausch Vieles

veränderte. Namentlich gegen 1800 bereisten

Künstler und Archäologen Rom nur noch zögerlich

oder verließen die Ewige Stadt sogar, weil die

französischen Truppen einzuziehen drohten und

bald auch, weil die wichtigsten beweglichen

Kunstschätze in das napoleonische Zentralmuseum

in Paris transportiert wurden. Andere

wandten sich von vornherein nach Paris, wo

durch Jacques-Louis David die modernste Historienmalerei

gepflegt und geprägt wurde. Dass

daneben ein Meister der Landschaft vom Range

Valenciennes’ dort wirkte, vernahm man offenbar

bald auch in Deutschland, und daraus erwuchs

die Idee jener Übersetzung von dessen

Schrift, die Johann Heinrich Meynier herausgab.

Dieser deutschen Version und ihren Schicksalen

widmet sich die vorliegende, methodisch sorgfältige,

vorbildliche Studie, die sich nicht nur

einem großen Überblick, sondern zudem auch

sichtlich einer mehrjährigen und geradezu kriminalistischen

Detailarbeit verdankt. Dabei geht es

um beide Autoren – denn der hugenottische

Übersetzer in Deutschland erweist sich bei näherer

Betrachtung als Redaktor, Bearbeiter, Kommentator

– und um die Verbreitung des Buches

ebenso wie um dessen Nutzung.

Mit dieser Edition wird nicht nur einem

Buch, das zwei Jahrhunderte hindurch nicht

mehr im Blickfeld der Kunstgeschichte stand,

neue Aufmerksamkeit zuteil, sondern es wird im

9


12




TEIL I:

EINE ÜBERSETZUNG ALS

MEDIUM KÜNSTLERISCHEN

WISSENSTRANSFERS

UM 1800

»In dem zweyten Band finden Künstler,

besonders solche, welche sich der Landschaftsmahlerey

widmen, an unserm

Verfasser [Pierre-Henri de Valenciennes]

einen treuen Führer auf ihrer Laufbahn.

Er lehrt sie, wie sie sich zu ihrer Bestimmung

vorzubereiten haben, und zeigt

ihnen treulich alle Mittel an, durch welche

sie sich zu guten Künstlern bilden können.

Er leitet sie in ihren Vorübungen, in dem

Skizzieren und Zeichnen nach der Natur

[…], zeigt ihnen, wie sie mit Nutzen reisen

sollen u.s.w. Alle diese Gegenstände

behandelt er so, wie sie nur ein Künstler

behandeln konnte, und wie sie, soviel ich

weiß, noch niemand behandelt hat: denn

Hagedorns Betrachtungen über die Mahlery

und verschiedene andere Werke,

welche wir über diese Materie besitzen,

sind von ganz anderer Art.«

Johann Heinrich Meynier

(Vorrede des Übersetzers)

Inhalt 13


Abb. 16 Pierre-Henri de Valenciennes: Der Rathgeber für Zeichner und Mahler …, 1803, Dresden, Sächsische

Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek (ehemalige Kurfürstliche bzw. Königliche Bibliothek),

Sign. Art.plast. 2402

wurde von einem konservativen und klassischen

Normen verpflichteten Standpunkt heraus als

überflüssig eingeschätzt, wenn es heißt: »[…] descriptions

pompeuses des quatres parties du jour,

des saisons, d’orage, des chasses, des batailles etc.

et plus de cent pages employeés à tracer un

itinéraire de voyage pour ceux, qui se destinent à

l’étude du paysage historique.« 19

Die Privilegierung des Landschaftsteils

in der deutschen Übersetzung

Demgegenüber fand Valenciennes’ Lehrbuch mit

seinen praxisnahen Ratschlägen und Schwerpunkten

in Deutschland eine geradezu ideale

Situation vor. Hier hatte die Landschaftsmalerei

der Romantik die späteren Entwicklungen in

Frankreich vorweggenommen. Ein intensives

Selbsterleben in der Natur über das Reisen, den

Spaziergang oder weite Wanderungen sollte sich

früh als (bildungs-)bürgerliche, 20 aber auch als

künstlerische Praktik etablieren. Man denke nur

an die Aufwertung solcher Exkursionen im dichtungstheoretischen

Konzept des Sturm und

Drang. Goethe wurde von seinen Dichterkollegen

als »der Wanderer« bezeichnet, da er seine

Ausflüge in die Natur häufig als Inspirationsquelle

für seine Gedichte nutzte. 21

In der deutschen Landschaftsbegeisterung

dürfen wir wohl zu Recht den unmittelbaren

Grund für die entscheidende Neuausrichtung

46

Transformationen – Vom Perspektiv- zum Landschaftsbuch


Abb. 17 a, b Inhaltsverzeichnis aus Bd. 2: Pierre-Henri Valenciennes: Der Rathgeber für Zeichner und Mahler …,

1803, München, Privatbesitz

des Buches sehen. Meynier räumte in seiner

deutschen Übersetzung dem Landschaftsthema

bereits auf der Titelebene den Vorrang ein, deklassierte

im selben Zug Valenciennes’ perspektivische

Anweisungen zum bloßen Anhang und

bewies damit das richtige Gespür für die naturverbundene

deutsche Leserschaft. Dafür stellte er

ein zusätzliches Titelblatt »Rathgeber für Zeichner

und Mahler, besonders in dem Fache der

Landschaftsmahlerey. Nebst einer ausführlichen

Anleitung zur Künstlerperspectiv« dem Originaltitel

mit Schwerpunkt zur Perspektivkunst voran

(Abb. 16). Diese zwar nicht besonders elegant

gelöste, inhaltlich aber gewichtige Umwertung,

mit der Meynier aus einem Perspektivbuch ein

Buch zur Landschaftsmalerei machte, kommentierte

er in seiner »Vorerinnerung« folgendermaßen:

»Da Herrn Valenciennes Abhandlung über

die Perspectiv nur den geringsten Theil seines

Werkes ausmacht, und der Überrest Materien

zum Gegenstand hat, welche wenig oder keinen

Bezug auf diese Wissenschaft haben, so hielt ich

es für nöthig, diesem Buch noch einen zweyten

Titel beyzufügen, der die Leser in den Stand

setzte, richtiger zu beurtheilen, was sie in demselben

zu suchen berechtiget sind. Der eine Titel

deutet also zunächst auf die erste, der andere auf

die zweyte und größere Hälfte des Werkes, zu

welcher noch ein guter Theil des ersten Bandes

zu rechnen ist.« 22

Transformationen – Vom Perspektiv- zum Landschaftsbuch 47


Abb. 35 Johann Georg von Dillis: Das obere Loisachtal, um 1830/1835, Öl auf Papier, 20,3 × 27 cm,

Christoph Heilmann Stiftung | Lenbachhaus München, Inv. Nr. CHS 103

Frankreichreise schrieb er 1807 an den Kronprinzen

Ludwig, allerdings im Zusammenhang seiner

Zeichnungen: »[…] ich lebe iezt im völligen

Genuße der Rückerinnerung aller jener seeligen

Augenblicke, welche im Schooße der Natur und

Kunst – und des allergnädigsten Wohlwollen mir

diese Reise zur wichtigsten meines Lebens machten.

Jede Freude, jeder schöne Gegenstand

schwebt jetzt wieder lebhaft vor Augen, ich fühle

mich unaussprechlich glücklich bey der Ausarbeitung

der gemachten Entwürfe, […].« 23

Und schließlich teilte Dillis, der sich aus seinen

eigenen Erfahrungen heraus zu einem vehementen

Verfechter des Landschaften-Malen-

Lernens jenseits der Akademie entwickelt hatte,

Valenciennes’ Auffassung, dass Reisen und ein

unmittelbares Naturstudium letztlich wichtiger

als die Ausbildung in einem Lehratelier oder an

der Akademie seien. 24 Dies steht nur in einem

scheinbaren Widerspruch dazu, dass Dillis selbst

1808 die erste Professur für Landschaftsmalerei

an der Königlichen Akademie der Bildenden

Künste in München übernommen hatte, denn

bereits sechs Jahre später gab er den Posten wieder

auf. Von Ludwig I. im Jahr 1826 nach seiner

Meinung dazu gefragt, ob es denn überhaupt

einer speziellen Landschaftsprofessur an der Akademie

bedürfe, ging Dillis deutlich über Valenciennes

hinaus: »[…] so glaube ich, daß es überflüßig

sei, für das Landschaftfach einen eigenen

Lehrer anzustellen, sondern daß der junge

Künstler, welcher seine Vorbereitungsklassen mit

Nutzen studiert hat, am besten thut, sich die

Natur zu seinem Lehrer zu erwählen.« 25

78

Ein Buch und seine Leser


Christoffer Wilhelm Eckersberg

und seine Schüler

Der italienerfahrene, einflussreiche und gut vernetzte

Professor der dänischen Kunstakademie

Nicolai Abildgaard besaß sicherlich eines der

meist gelesenen Exemplare von Valenciennes’

Lehrbuch. Nach seinem Tod dürfte es eine noch

nachhaltigere Rezeption in der akademieeigenen

Bibliothek in Kopenhagen erfahren haben. Konsultieren

konnten das Buch dort neben den dänischen

Landschaftsmalern des sogenannten

Goldenden Zeitalters auch junge deutsche

Landschaftsmaler, die mehr und mehr nach Kopenhagen

pilgerten, um ihr Studium dort zu

absolvieren. Dies gilt es etwa für den in Hamburg

geborenen Landschaftsmaler Christian

Ernst Bernhard Morgenstern (1805–1867) zu

bedenken, der 1827/1828 seine Studienzeit in

Kopenhagen abschloss und früh zu der von Valenciennes

propagierten Praktik naturnaher Ölskizzen

fand. 26

Während wir bei Morgenstern eine Lektüre

nur vermuten können, so befinden wir uns mit

dem Dänen und Schüler Abildgaards, Christoffer

Wilhelm Eckersberg (1783–1853), auf weitaus

sichererem Terrain. Gerade in Kopenhagen hatte

man schon früh durch den Mäzen und Sammler

Tønnes Christian Bruun de Neergaard und dessen

Buch Sur la situation des beaux-arts en France,

ou Lettres d’un Danois à son ami (1801) von Valenciennes’

Landschaftskunst erfahren können. 27

Nachdem Eckersberg ab 1810 selbst drei Studienjahre

in Paris verbracht hatte – und bereits dort

perspektivisch angelegte Fensterausblicke schuf

–, ging er für drei weitere Jahre nach Rom und

kam damit zur richtigen Zeit in die beiden

Städte von Valenciennes’ fruchtbarem Wirken.

Vor allem mit Werken von Valenciennes-Schü-

Abb. 36 Christoffer Wilhelm Eckersberg: Blick durch drei Bögen im dritten Stockwerk des Kolosseums, 1815,

Öl auf Leinwand, 32 × 49,5 cm, Kopenhagen, Statens Museum for Kunst, Inv. Nr. KMS3123

Ein Buch und seine Leser 79


114




Literatur 115


116




TEIL II:

EDITION DER DEUTSCHEN

ÜBERSETZUNG VON

VALENCIENNES’

RATHGEBER, BESONDERS

IM FACHE DER

LANDSCHAFTS MAHLEREY

(1803), BAND 2

117


118




Literatur 119


Welch ein Unterschied zwischen einem Gemählde,

das eine Kuh und einige Schafe vorstellt,

die in einer Wiese weiden, und dem Leichenbegängniß

Phocions; zwischen einer Landschaft an

den Ufern der Maas und einer Abbildung der

arcadischen Schäfer; zwischen dem Regenwetter

eines Ruisdals und der Sündfluth eines Poussins!

Die ersten sind mit Gefühl für Colorit und die

letzten mit dem Colorit des Gefühls gemahlt.

In der ersten Manier fehlt es nie an Mustern;

sie liegen immer vor Augen, in welchem Lande

man sich auch [8] befinde; und verschiedene ältere

und neuere Künstler haben bewiesen, daß

man auch bey der Wahl des geringsten und unbedeutendsten

Gegenstand, selbst wenn man ihn

ganz sclavisch copirt, ein hübsches Gemählde

liefern kann, wenn man nur den Pinsel leicht zu

führen weiß, und Sinn für Colorit hat.

Nach welchen Mustern richtete sich aber

Poussin bey der Vorstellung des irdischen Paradieses

(Abb. 53)? Nach welchem Vorbild mahlte

er seine Landschaft mit Poliphem? Sein hohes

Genie zeigt uns bald Egypten, bald Griechenland,

Syrien, Chaldea, das erhabene Rom unter

Coriolan, und das gesunkene unter den Päbsten.

Er war wechselsweise der Dolmetscher Mosens,

Josephs, Homers, Plutarch’s etc. und der Anblick

seiner unsterblichen Werke überredet uns, er

habe unter diesen großen Männern gelebt, habe

ihre Wohnungen gezeichnet, ihr Costum copiirt

und ihre häuslichen Scenen nach der Natur gemahlt,

um sie der Nachwelt zu überliefern.

Das Idealisch-Schöne

Alle Künstler sind überzeugt, daß in der Natur

eine idealische Schönheit existirt, welche die

Griechen so gut zu fühlen, und in den Figuren

ihrer Götter und Helden darzustellen wußten;

der Apoll, die Venus, das Haupt der Medusa, der

olympische Jupiter, der farnesische Hercules,

sind davon unverwerfliche Beweise. Die talentvollen

Männer, welche diese Figuren gleichsam

schufen, hatten mit ihrer Imagination einen so

hohen Schwung genommen, daß sie in der Gesellschaft

der Götter zu wohnen und fähig zu

seyn glaubten, ihr Abbild unter die Menschen zu

versetzen, welchen diese Figuren so tiefe Ehrfurcht

einflößten, daß sie erstaunt über ein solches

Wunder, die Bildsäulen [9] der Gottheiten,

welche ihnen die höchste Kunst bloß zur Verehrung

vorstellte, am Ende anbeteten.

Wir wollen uns hier nicht auf die idealische

Schönheit überhaupt einlassen; Winkelmann

[Winckelmann 1763] und andere berühmte

Schriftsteller haben sie definirt und nach allen

ihren Theilen zergliedert; wir wollen nur zu beweisen

suchen, daß auch in der historischen Landschaft

eine idealische Schönheit existiere, und die

großen Meister, welche sie zu fühlen wußten,

Werke lieferten, welche bloß den Zahn der Zeit zu

fürchten haben, die aber, so lange sie vorhanden

sind, von allen Gefühl- und Geschmackvollen

Menschen werden bewundert werden.

Glücklich ist der Künstler, der sich dem

Reitze der Phantasie überläßt, und die Natur so

zu sehen glaubt, wie sie seyn sollte! Sein Genuß

ist grenzenlos; er hat das Vergnügen mit edelm

Stolz eine Natur zu schaffen, die allzuselten in

ihrer ganzen Vollkommenheit angetroffen wird;

nothwendig muß er manches Neue erfinden,

weil seine Einbildungskraft, die immer durch die

Schilderungen der Dichter erwärmt und genährt

wird, alles bis ins Unendliche vermannichfaltiget,

und vervielfältiget. Hat er wüthende Nordstürme

geschaffen, die prasselnd aus den tiefen

Höhlen hervortoben, in welche der Gott der

Winde sie verschlossen hatte, so erholt er sich

wieder bey Narcissens Bild, den er an das Ufer

einer Quelle setzt, deren ruhiges und klares Wasser

das treue Bild des unglücklichen Liebenden

128

Der Rathgeber für Zeichner und Mahler


Abb. 54 Pierre-Henri de Valenciennes: Historische Landschaft mit Figuren und Skulptur, 1788, Öl auf Leinwand,

28,8 × 41 cm, Los Angeles, The J. Paul Getty Museum, Inv. Nr. S 204

zurückstrahlt, dessen schmachtende und hinwelkende

Schönheit den nahen entscheidenden Augenblick

verkündiget, in welchem seine Seele

ihre verlohrne Ruhe wieder finden soll. Er gehet

von dem schwarzen Tartarus hinüber in die elisäischen

Gefilde, und von Aetna’s rauchendem

Gipfel steigt er hinab in Amphitritens Ebenen,

und läßt Venus aus dem Schoose des schäumenden

Wassers hervorsteigen, dessen [10] silberne

Wogen liebend die Göttin der Schönheit umschmeicheln.

Will der Mann von Genie seine Phantasie

ruhen lassen, so öffnet er wieder die Augen über

die Natur; er betrachtet, er beobochtet sie; er

sucht auf allen Seiten nach Mustern, die ihm bey

der Vorstellung dessen, was er in seiner Begeisterung

erblickte, behülflich seyn können. Ach,

aber er findet beynahe nichts! Er sieht die Natur

so, wie sie wirklich ist; er bewundert sie, ist aber

nicht zufrieden. Die Felsen dünken ihn kleinlich,

die Berge eingesunken, die Schluchten

nicht tief genug. Bald aber bricht sein Genie, das

durch die zahllose Menge einzelner Gegenstände

gepreßt und gebunden war, seine Fesseln; es reißt

sich loß von der Kette einer sclavischen Treue, es

vergrößert die Felsen, erhebt den Gipfel der

Berge bis in die Wolken, stürzt sich mit reger

Phantasie in die Klüfte und vertieft sie zu Abgründen;

die Eichen werden laubreicher und

majestätischer, es erwächst aus ihnen der Wald

der Druiden. Auch die kleinsten Gegenstände

veredeln und erwärmen sich; alles bekommt

Leben unter seinem magischen Pinsel, sogar die

schwachen Rohre in welchen der Wind spielt,

die an sich nichts als bloße Producte einer sumpfigen

Erde sind, sich aber unter seinen Händen

Das Idealisch-Schöne

129


Abb. 56 Pierre-Henri de Valenciennes: Himmelsstudie am Quirinal, 1782–1784, Öl auf Papier, aufgelegt auf

Karton, 26,8 × 37,3 cm, Paris, Musée du Louvre, Inv. Nr. R.F. 2979

er denn nicht, daß er die Luft bei Aufgang der

Sonne, den Hintergrund ein wenig später, den

dritten Grund, um die Mittagsstunde, den zweyten

um vier Uhr, und den Vorgrund bey Sonnenuntergang

entwirft? Sein Himmel ist also silberfarb,

sein Hintergrund duftig, der dritte Grund

beynahe ganz erleuchtet, ohne alle lange Schatten,

der zweyte fängt an vergoldet zu werden,

und der Vorgrund wird von der untergehenden

Sonne erleuchtet: Die Schatten des Hintergrundes

ziehen sich über den Vorgrund; die [31]

Schatten des Vorgrundes fallen gegen den Hintergrund;

auf dem dritten Grund schlagen sie

sich auf die eine, auf dem zweyten auf die andere

Seite. – Und man glaube ja nicht, daß unsere

Critik übertrieben und zur Ungebühr angebracht

sey; wir haben ein Gemählde von Locatelli

[Andrea Locatelli, 1695–1741] gesehen, das in

Ansehung der Composition und des Colorits

ganz allerliebst war; aber es war halb von der

einen und halb von der andern Seite erleuchtet.

Wie viel sind uns nicht von minder berühmten

Künstlern zu Augen gekommen, die alle erst

gerügten Fehler enthielten! Ihre Verfertiger

nannten sie Studien nach der Natur; aber es

waren nichts als naturwidrige Fehler und Unrichtigkeiten:

denn alle auf einander folgende

Momente des Tages, und ihre stufenweise Effecte

in einen einzigen Augenblick vereinigen zu wollen,

ist die größte Sünde wider die Wahrheit und

der vollständigste Beweis eines gänzlichen Mangels

an Ueberlegung.

Andere Zeichner [im Original: »Artistes«, Valenciennes

1799, 1800, S. 406.], und zwar die grö-

140

Der Rathgeber für Zeichner und Mahler


ßere Zahl, verwenden nicht mehr als zwey Stunden

auf den Entwurf ihrer Studien, sie brechen

alsdann ab, und kommen die folgenden Tage um

eben dieselbe Zeit wieder, um fortzufahren.

Gewiß handeln Künstler dieser Art weit vernünftiger,

als jene, insofern sie in ihre Arbeit mehr

Einheit der Wirkung bringen; wer bürgt ihnen

aber, daß sie morgen den nähmlichen Duft, die

nähmliche Farbe des Lichts, der Schatten und der

Wiederscheine finden werden? Man sagt mit

Recht im Sprichwort, daß die Tage sich zwar folgen,

aber nicht gleichen; und diese Wahrheit ist

so bewährt, daß verschiedene verdienstvolle

Künstler, welche wir kennen lernten, eine Menge

angefangener Studien liegen hatten, die sie nicht

vollenden konnten, weil sie die nähmlichen Effecte

in der Natur nicht wieder fanden.

[32]

Localton 4

Angehende Mahler, welche mit Nutzen nach der

Natur studieren wollen, müssen sich also anders

dabey benehmen. Sie müssen anfangs bloß, so

gut es ihnen möglich ist, die Haupttöne der

Natur in dem gewählten Licht nachahmen; sie

beginnen ihre Studien mit der Luft, welche den

Ton des Hintergrundes gibt, der wieder den Ton

der angrenzenden Gründe bestimmt; auf diese

Art gelangen sie allmählig bis auf den Vorgrund,

welcher demnach immer in Harmonie mit der

Luft steht, von welcher der Localton abhängt

(Abb. 56). Es ist leicht einzusehen, daß man

nach dieser Methode sich nicht auf das Detail

einlassen kann, denn jede Skizze nach der Natur

muß durchaus in Zeit von zwey Stunden spätestens

vollendet werden; und ist es eine Beleuchtung

mit dem Licht der auf- und untergehenden

Sonne, so darf man nicht länger als eine halbe

Stunde damit zubringen.

Wir wissen wohl, daß eine große Geschicklichkeit

und viele Uebung im Mahlen nach der

Natur erfordert wird, um etwas Gutes zu Stande

zu bringen; wenn man es aber auf [33] solche Art

anfängt, so wird man leicht diese so nöthige Fertigkeit

erlangen, und es in kurzem dahin bringen,

sehr schnell eine Skizze nach der Natur entwerfen

zu lernen.

Vermuthlich wird man uns einwenden, daß

man auf diese Weise nichts sorgfältig vollenden

lernt. Der Einwurf ist gewissermassen gegründet;

man kann aber das Vollendete in der Natur theilweise

bey bewölktem Himmel studieren, wenn

die Gegenstände den ganzen Tag des Sonnenlichtes

beraubt sind. Alsdann sucht man so gut

als möglich alle sichtbare kleine Theile nachzuahmen,

und ein solches Studium ist sogar höchst

nöthig, weil man dadurch ein Gemählde nicht

nur vollenden, sondern es auch durch interessantes

Detail zu bereichern lernt. 5

Es ist gewiß viel leichter, die einzelnen Bestandtheile

eines Gemähldes auszuführen, als das

Ganze nach dem Localton und dem Lichte der

Tagesstunde, die man mahlen will, zu fassen.

Hat man sich aber durch eine gutgerathene

Skizze schon des Localtones des Effects, den man

mahlen will, versichert, so kann man nach demselben

den Ton der ganzen Landschaft festsetzen,

und nachher alles nach besondern Studien vollenden,

die alsdann nur in Ansehung der Behandlung

und des Ausdrucks der Theile benutzt werden,

denn der Ton des Details muß immer etwas

von der Localfarbe der Skizze an sich haben,

durch welche man das Ganze und die Einheit

der Töne erhält, die in der gewählten Tagesstunde

die herrschenden sind.

[34] Man muß sich recht innig überzeugen,

daß von dem Tone der Luft das Ganze des Gemähldes

abhängt, und daß, wenn man nicht den

wahren Ton derselben trifft, nothwendig auch

alles übrige falsch gerathen muß. Wenn also die

Studien nach der Natur · Localton

141

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