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Bayerische Staatsgemäldesammlungen
Neue Pinakothek
Katalog der Skulpturen – Band I: Die Sammlung Ludwigs I.
Bayerische
Staatsgemäldesammlungen
Neue Pinakothek
Katalog
der Skulpturen
Band I
Herbert W. Rott
Die Sammlung
Ludwigs I.
Gefördert durch die
Ernst von Siemens Kunststiftung
Inhalt
Bernhard Maaz
Eine königliche Sammlung
und ihre Kontexte
Katalog der Skulpturen
Joseph Ernst von Bandel 32
Johann Leeb 220
Arnold Hermann Lossow 224
Anhang
Verschollene Porträtbüsten aus der
Anstelle eines Vorwortes 6
Sammlung Ludwigs I. 336
Die Skulpturen Ludwigs I.
in der Neuen Pinakothek 16
Lorenzo Bartolini 51
Johann Jürgen Busch 55
Johann Christian Lotsch 227
Emanuel Max von Wachstein 230
Verzeichnis der abgekürzt zitierten
Inventare, Kataloge, Quellen und Literatur 342
Antonio Canova 58
Christian Daniel Rauch 232
Index nach Inventarnummern 345
Joseph Maria Christen 72
Wilhelm von Rümann 242
Register der dargestellten Personen 349
Johann Heinrich von Dannecker 77
Johann Gottfried Schadow 244
Bildnachweis | Impressum 351
Konrad Eberhard 80
Rudolf Schadow 248
Hermann Ernst Freund 86
Johann Nepomuk Schaller 258
Ernst Julius Hähnel 91
Peter Schöpf 262
Johann von Halbig 94
Franz Xaver Schwanthaler 265
Johann Nepomuk Haller 165
Ludwig von Schwanthaler 269
Anton Hautmann 178
Giacomo Spalla 277
Werner Henschel 187
Johann Baptist Stiglmaier 281
Joseph Hermann 190
Pietro Tenerani 288
Anton Heinrich Hess 192
William Theed d. J. 294
Anton Horchler 194
Bertel Thorvaldsen 297
Jean-Antoine Houdon 198
Christian Friedrich Tieck 310
Heinrich Max Imhof 204
Ludwig Wilhelm Wichmann 320
Johann Peter Kauffmann 208
Max von Widnmann 323
Joseph Kirchmayer 211
Emil Wolff 329
Konrad Knoll 218
Franz Woltreck 332
6 Bernhard Maaz Eine königliche Sammlung und ihre Kontexte Anstelle eines Vorwortes
Das hat Italien so groß gemacht,
Daß jeder Nachbar mit dem andern streitet,
Die Bessern zu besitzen, zu benutzen. 1
Ludwig I. von Bayern, der als Kronprinz vielen Malern
eng verbunden war, liebte und sammelte Kunst
seiner Epoche wie auch der europäischen Kunstgeschichte;
seine Erwerbungen reichen von der Florentiner
Renaissance bis zur altdeutschen Malerei
aus den Sammlungen Boisserée und Oettingen-Wallerstein.
Hinter seinem Engagement für die Malerei
stand jenes für die Skulptur in der öffentlichen
Wahrnehmung zurück. Das gilt nicht hinsichtlich
der Erwerbungen antiker Bildwerke, die in die von
ihm initiierte Glyptothek gelangten. Aber es gilt hinsichtlich
der freien, der idealplastischen Arbeiten
seiner Zeit. Gewiss, er sorgte für die erlesenen Erwerbungen
von großartigen Hauptwerken der zwei
lange rivalisierenden europäischen Hauptmeister,
von Antonio Canova und Bertel Thorvaldsen, von
einem Italiener und einem Dänen, der sich seinerseits
ebenfalls in Italien niedergelassen hatte. Ludwig
erwarb allerdings für seine musealen Sammlungen
ansonsten keine idealplastischen Bildwerke
von Ludwig Schwanthaler und nur Amor und Muse
von Konrad Eberhard. Wie konnte das sein, da beide
doch seine Landeskinder waren?
Um es gleich vorwegzuschicken, auch der zentralistische
französische Staat sammelte bis gegen Ende
des 19. Jahrhunderts nicht systematisch Schöpfun-
gen lebender Künstler beziehungsweise gliederte
sie aus den Museen des Louvre aus, und die Berliner
Nationalgalerie, die einen nationalen Anspruch
in ihrem Namen trägt und die 1861 gegründet
und 1876 eröffnet wurde, brauchte – da war der
bayerische König längst tot – mehrere Jahrzehnte,
um ihren skulpturalen Bestand aufzubauen, der sich
dann doch im Rückblick hinsichtlich der Ankäufe
von Schöpfungen zeitgenössischer Bildhauer nur
bedingt als repräsentativ erwies, da viele Käufe aus
Protektionismus erfolgten oder als pure finanzielle
Förderung junger einheimischer Künstler. Die erste
ins dortige Inventar eingetragene Skulptur stammte
von dem 1850 gestorbenen Johann Gottfried Schadow,
wurde 1865 erworben und war bereits 1826
entstanden (Abb. 1). 2 Zeitgenössisches Sammeln
war auch das nicht. Das Vorgehen hat dennoch
eine gewisse Plausibilität, denn hier ist nach dem
Verhältnis zwischen Auftraggebern und Künstlern
zu fragen und nach den Funktionen der Skulptur.
Das Museum – Ort der Verknüpfung
von Einst und Jetzt
Berlin und München standen immer in einem gewissen
Wettstreit, was ihre Museen und Sammlungen
anging; die Sammlung Boisserée war für den
Abb. 1 Johann Gottfried Schadow, Ruhendes Mädchen, 1826, Berlin, Nationalgalerie
Norden interessant gewesen, doch siegte der Süden. An beiden Stätten wurde die Geschichte der Skulptur
von der Antike in die Jetztzeit geführt, wobei
Später ging es nicht nur um Werke wie etwa die
Gemälde van Goghs, sondern um führende Köpfe die Schnitzaltäre des Mittelalters, die Bronzen der
wie Hugo von Tschudi, den Direktor. In der ersten Renaissance oder die Heiligenfiguren des Rokoko
Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Hegemonieanspruch
wieder anders ausgetragen, und das zugerechnet wurden. An beiden Orten aber präsen-
ausgeblendet blieben, da sie einer »Verfallszeit«
hatte Folgen auch für die Gattung der Skulptur der tierte sich die klassizistische Skulptur als Erbe der
Zeit. Die Glyptothek und die Alte Pinakothek waren Antike, und das bedeutete, dass man das Postulat
als Museumsbauten von entscheidender Bedeutung Johann Joachim Winckelmanns von edler Einfalt
für die Etablierung Münchens als Sammlungs- und und stiller Größe eingelöst zu haben meinte oder
Museumsstandort; das eine Gebäude beherbergte
die antike Skulptur und ein paar wenige Werke Im Alten Museum in Berlin gab es in den 1830er-Jah-
dies doch zumindest beanspruchte.
der neueren Skulptur, das andere – etwas unterschiedlich
als in Berlin, aber geistesgeschichtlich ren François-Joseph Bosios Hyazinth, Canovas Hebe
ren drei Werke der erweiterten Gegenwart; das wa-
doch ähnlich – die antike Vasenmalerei im Erdgeschoss
und im Hauptgeschoss darüber die Gemäl-
Das erste Werk kam als Geschenk des Bildhauers
(Abb. 2) und Antoine-Denise Chaudets Napoleon. 3
de seit dem Mittelalter. Das Alte Museum in Berlin
verband in programmatischer Symbiose beide das zweite wurde über das Handels- und Bank-
nach Berlin an den König, Friedrich Wilhelm III.,
Aufgaben, indem das untere Geschoss die antiken haus Heinzelmann aus der Sammlung des Grafen
Grundlagen und mithin die Skulptur der Alten beherbergte,
während das Obergeschoss die Malerei pro- und anti-napoleonischen Zeitläuften. Für das
Albrizzi erworben, das dritte verdankte sich den
zeigte, die der Kunst des Altertums eine umfassend Jahr 1816 vermerkte Gottfried Schadow: »Drei solcher
Statuen wurden als Trophäen unter den drei
dokumentierte Kunst der Neuzeit gegenüberstellte.
Das war gebaute Dialektik.
siegenden Monarchen nach dem Lose verteilt.« 4 Die
8 Eine königliche Sammlung und ihre Kontexte
9
Abb. 2
National galerie
Antonio Canova, Hebe, 1796, Berlin,
Napoleon-Statue – anfänglich wohl in der Akademie
der Künste, dann im Alten Museum aufgestellt
– ist bezeichnenderweise nicht in den Berliner Museumsbeständen
erhalten; sie gelangte später nach
Potsdam-Sanssouci und ist seit 1945 verschollen. 5
Canovas Werk verkörperte in Berlin also zunächst
die absolute europäische skulpturale Meisterschaft,
Bosios Bronze repräsentierte hingegen erlesenste
und modernste Gusstechnik. 6 Napoleon aber stand –
für Napoleon; und ein solches Exponat hatte sich
bald erübrigt, ja war inopportun geworden und hatte
in einem Berliner Kunstmuseum keinen richtigen
Ort mehr.
In der Glyptothek in München gab es zeitgleich,
in den 1830er-Jahren, zwei herausragende Werke
der modernen Skulptur, nämlich Antonio Canovas
Paris und Bertel Thorvaldsens Adonis. Sie konnten
der museologisch wichtigen These dienen, dass die
Meisterschaft der Antike in den Meisterleistungen
der Neuzeit aufgehoben, in ihnen aufgegangen sei.
Doch beunruhigend genug ist das Faktum, dass der
bedeutendste bayerische Bildhauer des Klassizismus,
Ludwig Schwanthaler, hier nicht vertreten
war, dass römische Erfolgsbildhauer wie Julius Troschel
und Emil Wolff oder preußische wie Christian
Daniel Rauch oder der international erfolgreiche
August Kiss niemals Aufträge zu idealplastischen
Werken für diese Sammlung bekamen. Damit unterblieb
es, diese kleine Geschichte anhand skulpturaler
Meisterwerke fortzuschreiben und mit Hilfe
eigener jüngerer Werke aufzuzeigen, dass die Kette
der großen europäischen Meister nicht mit Canova
und Thorvaldsen abgerissen sei. Bemerkenswert
ist in der Kette der Unterlassungen auch, dass am
Ende des 20. Jahrhunderts die Chance, Schwanthalers
Nymphe zu kaufen, nicht von den Bayerischen
Staatsgemäldesammlungen wahrgenommen wurde,
sondern vom Bayerischen Nationalmuseum. 7 Zu
dieser Zeit war die Skulptur des 19. Jahrhunderts
längst aus dem Schatten herausgetreten, der ihre
Rezeption lange behindert hatte. 8
So, wie in Berlin Chaudets Napoleon aus historischen
Gründen im Sammlungskontext platziert war,
so Lorenzo Bartolinis Elisa Bonaparte. Künstleri-
sche Gründe führten hingegen zum Erwerb und zur
Bestellung von Ridolfo Schadows Sandalenbinderin
und Spinnerin. Letztere kam nicht zustande, da der
Künstler jung starb. Das war das zweite Missgeschick
für den sammelnden König, der schon auf
Thorvaldsens Adonis von 1808 bis 1832 hatte warten
müssen. Für eine intensive Sammlungstätigkeit,
für weitere Aufträge an potenziell säumige Künstler
war das keine Ermutigung.
Walhallas Genossen
Es ist erstaunlich genug, aber gilt als erwiesen, dass
dem bayerischen Kronprinzen eine seiner maßgeblichsten
Ideen in einem Berliner Bildhauer atelier
gekommen sein soll. Oder hat der Berliner Bildhauer
sie ihm eingegeben und er sie späterhin nur
als seine eigene ausgegeben? Gemeint ist die Geschichte,
wie der Prinz im Atelier des preußischen
Hofbildhauers Gottfried Schadow angesichts von
dessen umfangreichem Œuvre an Bildnisbüsten
zeitgenössischer Frauen und Männer, Potentaten
und Denker zu dem Beschluss gelangt sei, er müsse
oder wolle unter seiner bayerischen Ägide eine
Einrichtung stiften, in der die Porträtbüsten bedeutender
Deutscher versammelt würden. Sein
Begriff des Deutschen war dabei weit gefasst und
gefächert. Ludwig hatte als Kronprinz im Januar
1807 Berlin bereist und in Begleitung des Malers
Georg Dillis Schadows Werkstatt aufgesucht. Im
Tagebuch notierte er in seiner zuweilen gestelztgeschraubten
Sprache und mit seiner fehlerhaften
Interpunktion und Rechtschreibung die Bedeutung
der Begegnung: »Schadow, wenn nicht der beste,
wenigstens doch einer von denen die am nächsten
dem Vollkommenen, gekommen sind, diesseits der
Alpen. Ihn lernte ich heut kennen; besah sein Attelier,
und den Saal in dem manche seiner beendeten
Arbeiten, viele Abgüße seiner und andere Werke
aufgestellt sind. Ein so herrlich geordnetes, an sich
aber doch sehr einfaches Gemach, blos für Plastische
Produkte bestimmt, eines je gesehen zu haben,
so vollendet, so hinreißend ästhetisch in ähnlichem
Raume gestehe ich, daß meine Antwort verneinend
ausfällt.« 9 Die Rede war von über 70 Porträtbüsten
von Schadow; und man darf vermuten, dass auch
Werke von Christian Friedrich Tieck, Emanuel Bardou,
Carl Friedrich Hagemann – er hatte wenige
Jahre zuvor in Vertretung des nicht reisewilligen
Schadow Immanuel Kant in Königsberg porträtiert
(Abb. 3) – und von anderen Mitarbeitern und Schülern
vorhanden waren, manches wenigstens als
Gipsabguss. Die Überzeugungskraft des Faktischen
war für den jungen Prinzen stark, denn »angesichts
dieser Arbeiten kam dem bayerischen Kronprinzen
die Idee, die Büsten großer Deutscher in einer
Sammlung zu vereinigen«, 10 wobei die Sammlung
zunächst auf ein Ensemble von 50 Bildnissen angelegt
war, dann aber ausgebaut wurde. Die Idee
war eine nationale Einigung mittels einer gesamtdeutschen
Repräsentation geistiger Leistungen und
ihrer Urheber; Ludwig zielte mithin auf ein Denkmal
des deutschen Geistes, lange ehe die deutsche
Reichseinigung auch nur absehbar war, und bezweckte
damit eine andere Form der künstlerischen
Einigung als dies später mit der Berliner Nationalgalerie
angestrebt wurde. 11 Wenngleich dieser patriotische
Denkmalgedanke erst Jahrzehnte später
und außerhalb Münchens – in Donaustauf bei
Regensburg – realisiert wurde, so hatte er doch
für die Förderung der Bildhauer und für das Sammeln
von Skulpturen einen maßgeblichen Impuls
gegeben. Und noch 1807 schloss der Kronprinz mit
dem damals bedeutendsten deutschen Bildhauer –
allenfalls Heinrich Dannecker in Stuttgart konnte
ihm Konkurrenz machen, nicht aber dessen Auftraggeber,
dem preußischen Hof – einen Vertrag:
Schadow sollte elf Bildnisbüsten liefern, darunter
der verstorbene Preußenkönig und Aufklärer Friedrich
der Große, der noch lebende Dichter Christoph
Martin Wieland und der verstorbene Friedrich Gottlieb
Klopstock, der Historiker Johannes von Müller
und Immanuel Kant. Dass der Prinz seine Aufträge
noch lange geheim halten wollte und von einem
»Phantheon« sprach, zeigt, wie wichtig ihm
die Singularität des Projektes war und woher er
seine Anregungen bezogen hatte: vom römischen
Bauwerk des Pantheon und den darin denkmalhaft
aufgestellten Büsten.
10 Eine königliche Sammlung und ihre Kontexte
11
Abb. 3 Carl Friedrich Hagemann, Immanuel
Kant, 1801, Hamburg, Hamburger Kunsthalle
Doch Ludwig beließ es nicht bei dieser Konstruktion,
für die er noch einen Standort suchen musste,
sondern beauftragte sowohl an der Glyptothek 12 als
auch an der Alten Pinakothek jeweils Traditionsreihen
– da von Bildhauern, hier von Malern –, so
dass der patriotische Grundgedanke der Walhalla
von gesamteuropäischen Denkmalsideen jeweiliger
Professionen komplementär ergänzt wurde. Dass
die Entwürfe zu diesen Werken nicht in die eine
oder andere museale Sammlung gelangten, sondern
in der Regel bei den Bildhauern verblieben
und mit ihren Nachlässen überliefert oder untergegangen
sind – man denke an das kriegszerstörte
Schwanthaler-Museum in München –, entsprach
der allgemeinen Praxis. Nicht zufällig war gerade
im Zusammenhang mit dem Werkstattnachlass
Schwanthalers die Rede von »einer persönlichen
Ruhmeshalle«. 13
Nicht nur die Walhalla 14 zeugte von Ludwigs Förderung
der Skulptur unter dem Dach der architektonischen
Großbauten, sondern auch die eigentliche
Ruhmeshalle in München mit der Bavaria von
Schwanthaler. 15 Manche der in der Neuen Pinakothek
musealisierten Werke stehen in Verbindung
mit diesen Projekten. Die Werke aus der zunächst
in Schleißheim und später in der Neuen Pinakothek
aufgestellten Büstensammlung sind hier ebenfalls
zu nennen, die man vielleicht mit der Reihe der
Vorhallenstatuen im Alten Museum in Berlin vergleichen
kann, durch die – allerdings in überlebensgroßen
Statuen – die Architekten, Künstler, Kunstgelehrten
geehrt wurden, die für die preußische
Kunstentwicklung von hohem Belang waren. 16 Im
Unterschied zu den Balustradenfiguren der Alten
Pinakothek wurden diese jedoch nicht im Statuettenformat
reduziert repetiert. Insofern erweist sich
der Umstand, dass Schwanthalers Hans Memling
darstellende kleine Bronze 2018 erworben werden
konnte, als ein außerordentlicher Glücksumstand
und als Ausdruck eines anderen zeitgenössischen
Umgangs mit den vorhandenen Skulpturen von Alter
Pinakothek und Glyptothek, die schon frühzeitig
als kostbare Reproduktionen verfügbar gemacht
Friedhof, Denkmal, Bildhauernachlass
Skulptur in Bayern, das umfasste neben den Bildnisbüsten
und Büstenserien natürlich auch Denkmäler,
die die Städte schmückten und die etwa auch
durch einen Berliner Bildhauer wie Christian Daniel
Rauch ausgeführt wurden. Sein Monument für
den König Max I. Joseph steht vor der Residenz
(Abb. 4); ungewöhnlicherweise aber hat sich das
Modell dazu ebenfalls in München erhalten, wenngleich
fragmentarisch. 18 Das Andenken als Kernanliegen
zahlreicher bildhauerischer Schöpfungen
trug darüber hinaus zur Entstehung des schier unerschöpflichen
Skulpturenschmucks auf dem Alten
Südlichen Friedhof in München bei; hierzu gab es
zweifellos viele Modelle, keines davon jedoch in den
königlichen Museumssammlungen. Auch auf dem
Friedhof gab es eine Ruhmeshalle, eine Ehrenhalle
für Münchner Bürger. 19 Während viele Entwurfsund
einige Ausführungsmodelle für Bauplastik
und Denkmäler in Berlin in die Sammlungen der
Akademie der Künste und vor allem in die Modellund
Abgusssammlung der Nationalgalerie 20 und einige
in die Technische Universität von Berlin gelangten,
sind in München die Spuren der vielfältigen skulpturalen
Aufgaben und Aufträge erstaunlich stark verblasst:
Nichts davon fand Aufnahme in die Sammlungen,
da die Entwürfe als nicht final und das Material
Gips als minderwertiges Hilfsmittel galten. Doch wie
anders verfuhr man beispielsweise in Dresden, wo
das Modell zum Weimarer Goethe-Schiller-Denkmal
von Ernst Rietschel zum Teil des musealen Bestandes
aufrückte und damit als Krone in der Geschichte
der europäischen Bildhauerkunst verstanden werden
konnte. 21 In München gab es eine vergleichbare
Chance mit dem Nachlass des Bildhauers Ludwig
Schwanthaler, der jedoch in einem eigenen, der Akademie
der bildenden Künste angegliederten Personalmuseum
verblieb und damit im Krieg nicht jenen
Schutz erfuhr, den eine Museumssammlung erfahren
hätte (Abb. 5). 22 Und der Nachlass des anderen
großen Bildhauers der Stadt, Adolf Hildebrand, blieb
noch Jahrzehnte nach seinem Tod in seiner Villa und
damit zunächst geschützt, bis er an die Neue Pinako-
Abb. 4 Christian Daniel Rauch, Denkmal für
König Max I. Joseph von Bayern, 1834, München,
Max-Joseph-Platz
wurden. 17
thek übergeben wurde. 23
12 Eine königliche Sammlung und ihre Kontexte
13
Abb. 5 Der Saal der Bavaria im Schwanthaler-Museum, Fotografie, um 1900, München, Stadtarchiv
Zentren der Skulptur im 19. Jahrhundert
Italien und namentlich Rom waren das Zentrum
Kronprinz und König Ludwig von Bayern hat vieles
nicht gesammelt. Er nahm die französischen Antike und von ihren Zeitgenossen gleichermaßen
der Skulptur; hierher zogen die Bildhauer, von der
Bildhauer jenseits Jean-Antoine Houdons, dessen angelockt. Und mit den Namen Bartolini, Canova,
bekannte Gluck-Büste er in einem postumen Guss Schadow, Tenerani und Thorvaldsen hat der König
erwarb, nicht wahr: Künstler wie Augustin Pajou Werke von einigen der wichtigsten dortigen Künstler
in seine Sammlungen geholt. Bei den Berliner
und Joseph Chinard waren schon nicht mehr vorbehaltlos
modern, Jean-François Lorta, Philippe- Meistern hingegen, bei dem Vater der Berliner Bildhauerschule,
Gottfried Schadow, oder bei seinen
Laurent Roland und François-Joseph Bosio nicht
europaweit bekannt, Pierre Jean David d’Angers Schülern Rauch und Tieck bestellte er keine idealplastischen
Werke – als sei ein Ankauf aus dem
– von Goethe und Ludwig Tieck, von Carl Gustav
Carus und Alexander von Humboldt wahrgenommen
24 – muss für den bayerischen König doch gar allem philhellenischen Geist vereinbar gewesen.
Norden nicht mit seinem pro-römischen und vor
zu romantisch-aufklärerisch, zu pathetisch-provokativ
gewesen sein, als dass dieser Jüngere in sei-
zweiten Jahrhundertdrittel Ernst Rietschel tätig.
Gleiches gilt für den Dresdener Raum; hier war im
nen Sammlungen hätte einen Platz finden können. In Stuttgart wirkten Philipp Jakob Scheffauer und
Schmerzlich vermisst man auch James Pradier, dessen
sinnlich-haptische Kunst allerdings dem König tischen Werke gelangten nicht nach München. Der
Johann Heinrich Dannecker; doch ihre idealplas-
vielleicht gar nicht bekannt wurde.
sammelnde bayerische Regent hatte sich sichtlich
Grenzen gesetzt. Ihm war der Denkmalgedanke –
das Sammeln von Büsten – wichtiger als die Präsenz
aller deutscher Bildhauerschulen. Lag dem
ein Hegemonieanspruch zugrunde? Wollte er das
geistige Zentrum seiner Zeit für den deutschsprachigen
Raum in München verankern? Dafür war die
Sammlung der Bildnisse zweifellos tauglich; denn
natürlich ließ sich damit dokumentieren, dass hier
der Elite der Nation gehuldigt wurde.
Kleinere Sammlungen von zeitgenössischer Skulptur
befanden sich in privaten Händen, so bei Alfred
von Lotzbeck, dessen Spektrum von Wolf von Hoyer
bis Julius Troschel reichte und der diese Werke in
seinem Schloss Weyhern bei Fürstenfeldbruck zeigte.
25 Auch der in Berlin Unter den Linden residierende
Graf Wilhelm Friedrich von Redern versammelte
einige zeitgenössische Skulpturen, darunter
von Heinrich Kümmel, Christian Daniel Rauch und
Ludwig Schwanthaler. 26
Seit den späten 1830er-Jahren sammelte der württembergische
König Wilhelm I. systematisch idealplastische
Kunstwerke, seien es Kopien nach der
Antike oder nach modernen Werken oder eigenständige
Schöpfungen. Er stattete damit das Schloss Rosenstein
aus. 27 Das war ein Unterfangen von großer
Bedeutung und internationaler Offenheit; die Sammlung
umfasste deutsche, französische, italienische,
dänische Künstler, und wo eigenhändige Werke nicht
bezahlbar oder todeshalber nicht mehr erhältlich
waren, begnügte man sich mit Kopien. Vertreten
waren Künstler, deren Werke auch für Ludwig I.
erschwinglich gewesen wären, so beispielsweise
von den Deutschen Ludwig von Hofer, Emil Hopfgarten,
Ernst Matthiae, Franz Xaver Schwanthaler
und Emil Wolff. Die Motive waren höchst frappierend
vielfältig und entsprachen dem damaligen Geschmack
einschließlich der Orientmode (Abb. 6). 28
Während man in Berlin viel Kraft auf die Errichtung
von öffentlichen Denkmälern und auf Bauplastik
sowie ein wenig auch auf die Kunstförderung
durch Ankäufe von Werken einheimischer Künstler
richtete, während in Württemberg im zweiten Drittel
des 19. Jahrhunderts eine solche internationale
Kollektion von Salonskulpturen zusammengetragen
Abb. 6 Antonio Rossetti,
Ägyptische Wahrsagerin, 1853/56,
Stuttgart, Staatsgalerie (Leihgabe der Staatlichen
Schlösser und Gärten Baden-Württemberg)
14
Eine königliche Sammlung und ihre Kontexte
15
wurde, frönte München respektive der Regent der
Leidenschaft, durch eine Fülle von Bildnissen eine
Vielzahl von erinnerungswürdigen Menschen zu
vergegenwärtigen. So kann man das Eingangszitat
aus Goethes Tasso als die Grundlage einer kulturellen
Vielfalt sehen, die sich auch in den unterschiedlich
ausgerichteten Sammlungsbestrebungen
deutscher Regenten manifestierte und die zu dem
Ensemble führten, das hier erstmals in seiner Gänze
ausgebreitet und erforscht wird.
Dank
In der bisherigen Literatur zur Neuen Pinakothek
kamen die Skulpturen nur im Zusammenhang mit
dem gesamten ausgestellten Bestand vor oder am
Rande der Sammlungsgeschichte, indem erwähnt
wurde, dass es einen Büstensaal gab. 29 Und während
die Gemäldesammlung des Königs aufgearbeitet
ist, 30 fehlte gleiches für die Bildwerke. Umso
erfreulicher, dass dies nun hier mit wissenschaftlicher
Solidität erfolgt ist.
Für die Ermöglichung dieser Publikation danken
wir der Ernst von Siemens Kunststiftung und ihrem
Generalsekretär Martin Hoernes, die die Drucklegung
sowohl dieses Bandes als auch des zeitgleich
erscheinenden Bandes zum Bestand an Bildwerken
Adolf von Hildebrands in der Neuen Pinakothek
finanziert. Die Karl Thiemig-Stiftung ermöglichte
die Erstellung der Befunde durch Franziska Kolba
sowie die Restaurierung der Büste der Marchesa
Marianna Florenzi von Heinrich Imhof, sodass dieses
seit dem Zweiten Weltkrieg beschädigte Werk
für den Katalog fotografiert werden konnte. Koordiniert
wurden diese restauratorischen Arbeiten
von Renate Poggendorf.
Für die zweijährige Arbeit an diesem Bestandskatalog
danke ich Herbert W. Rott sehr herzlich. Er
hat mit profundester Sorgfalt zahlreiche Fakten
zusammengetragen und zugänglich gemacht und
stellt der Forschung nunmehr einen seit langem
erhofften Katalog vor, versehen mit Erläuterungen
auf allen Ebenen – zu den Künstlern, den Werken,
deren Provenienzen und ihrer wissenschaftlichen
Rezeption. Das Gelingen des Buches wäre aller-
dings auch nicht möglich gewesen ohne die hervorragenden
Neuaufnahmen der Werke, die klug in
Augenhöhe platziert, feinsinnig ausgeleuchtet und
jeweils von der sprechendsten Seite aufgenommen
wurden. Damit runden sich Text und Bild miteinander
zu einem gelungenen Gesamtwerk. Besonderer
Dank gilt hier Haydar Koyupinar und insbesondere
Nicole Wilhelms. Die Bildredaktion lag in den Händen
von Yvonne Hildwein. Emma Drouin hat im
Rahmen eines Praktikums vorbereitende Recherchen
übernommen. Thorsten Marr und Christian
Quaeitzsch von der Bayerischen Schlösserverwaltung
ist für detaillierte Auskünfte zu den Porzellanen
und Skulpturen der Residenz sowie zu den
Büsten der Ruhmeshalle zu danken. Im Bayerischen
Nationalmuseum und im Münchner Stadtmuseum
waren Astrid Scherp-Langen sowie Nico Kirchberger
und Antonia Voit mit Informationen und der Bereitstellung
von Bildmaterial behilflich. Hannelore
Putz, Mathias René Hofter und Johanna Selch ist
für die Bereitstellung von Dokumenten aus den im
Druck befindlichen Bänden des Briefwechsels zwischen
Ludwig I. und Johann Martin von Wagner zu
danken. Ein besonderer Dank gilt S. K. H. Herzog
Franz von Bayern und Andreas von Majewski für
den Zugang zu Archivalien des Wittelsbacher Ausgleichsfonds
sowie für die Kooperation bei der Klärung
der Eigentumsverhältnisse bei einigen Büsten.
Lektorat, Gestaltung und Produktion lagen in den
Händen von Petra Kruse und Kai Reschke, denen
wir für die fein abgestimmte, gute Zusammenarbeit
danken, und ebenso dem Deutschen Kunstverlag
für die verlegerische Betreuung.
Anmerkungen
1
Johann Wolfgang von Goethe, Torquato Tasso,
V.1, Vers 2843–2854.
2
Nationalgalerie Berlin. Das XIX. Jahrhundert.
Bestandskatalog der Skulpturen, hrsg. von Bernhard
Maaz, Bd. 2, Leipzig 2006, S. 713 f.
3
Christoph Martin Vogtherr, Das Königliche Museum
zu Berlin. Planungen und Konzeption des ersten
Berliner Kunstmuseums, Berlin 1997, S. 169;
Maaz 2006 (wie Anm. 2), Bd. 1, S. 9 f., 103, 149.
4
Johann Gottfried Schadow. Kunstwerke und
Kunstansichten, hrsg. von Götz Eckhardt, 3 Bde.,
Berlin 1987, Bd. 1, S. 116.
5
Eckardt 1987 (wie Anm. 4), Bd. 2, S. 575.
6
Christian Daniel Rauch Museum Bad Arolsen,
hrsg. von Birgit Kümmel und Bernhard Maaz, München
und Berlin 2002, S. 250.
7
Peter Volk, Ludwig Schwanthalers Sinnende Nymphe.
Eine romantische Skulptur, München 1998.
8
Bernhard Maaz, Skulptur in Deutschland zwischen
Französischer Revolution und Erstem Weltkrieg,
Bd. 1, Berlin und München 2010, S. 16–22.
9
Zit. nach Götz Eckardt, Johann Gottfried Schadow
1764–1850. Der Bildhauer, Leipzig 1990,
S. 141.
10
Ebenda, S. 142.
11
Peter-Klaus Schuster, Die Geburt der Nation aus
dem Geist der Kunst. Einige Bemerkungen zur Nationalgalerie
in Berlin, in: Die Nationalgalerie, hrsg. von
Peter-Klaus Schuster, Berlin und Köln 2001, S. 9–38.
12
Hinrich Sieveking, Materialien zu Programm
und Entstehung des Skulpturenschmucks am Außenbau
der Glyptothek, in: Glyptothek München
1830–1980, Kat. Ausst. München, Staatliche Antikensammlungen
und Glyptothek, hrsg. von Klaus
Vierneisel und Gottlieb Leinz, München 1980,
S. 234–255.
13
Gertrud Rank, Das Museum Ludwig Schwanthalers.
Zur Entstehungs- und Kunstgeschichte einer
persönlichen Ruhmeshalle, in: Oberbayerisches
Archiv 124, 2000, S. 97–193.
14
Jörg Traeger, Der Weg nach Walhalla. Denkmallandschaft
und Bildungsreise im 19. Jahrhundert,
Regensburg 1987.
15
Ruhmeshalle und Bavaria. Amtlicher Führer,
bearb. von Manfred F. Fischer und Sabine Heym,
3. überarbeitete und neugestaltete Auflage, München
2009.
16
Bernhard Maaz/Jörg Trempler, Denkmalkultur
zwischen Aufklärung, Romantik und Historismus.
Die Skulpturen der Vorhalle im Alten Museum und
im Säulengang vor dem Neuen Museum in Berlin,
in: Zeitschrift des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft
56/57, 2002/03, S. 211–254.
17
Peter Volk, Kleinbronzen aus der Königlichen
Erzgießerei in München, in: Münchner Jahrbuch
der bildenden Kunst, 3. F. 50, 1999, S. 217–247.
18
König Max I. Joseph. Modell und Monument.
Zu einer Installation von Erich Lindenberg in der
Alten Münze in München, hrsg. von Michael Petzet,
München 1996 (Arbeitshefte des Bayerischen Landesamtes
für Denkmalpflege, Bd. 86).
19
Claudia Denk und John Ziesemer, Kunst und
Memoria. Der Alte Südliche Friedhof in München,
Berlin und München 2014, S. 97–103.
20
Maaz 2006 (wie Anm. 2), Bd. 1, S. 18–20.
21
Kordelia Knoll, Das Albertinum vor 100 Jahren –
die Skulpturensammlung Georg Treus, Dresden
1994, S. 130.
22
Volk 1998 (wie Anm. 7), S. 61.
23
Joachim Kaak, Der Ateliernachlass Adolf von
Hildebrands in der Neuen Pinakothek, in: Fabian
Pius Huber, Adolf von Hildebrand, Berlin und München
2021 (Neue Pinakothek. Katalog der Skulpturen,
Bd. 2), S. 14–17.
24
Bernhard Maaz, Vom Kult des Genies. David
d’Angers’ Bildnisse von Goethe bis Caspar David
Friedrich, München und Berlin 2004.
25
Neue Pinakothek. Katalog der Gemälde und
Skulpturen, München und Köln 2003, S. 168, 398 f.
26
Maaz 2006 (wie Anm. 2), Bd. 2, S. 756.
27
Patricia Peschel, Die Skulpturen aus Schloss Rosenstein.
Aus der Sammlung König Wilhelms I. von
Württemberg, Stuttgart 2010 (Schätze aus unseren
Schlössern. Eine Reihe der Staatlichen Schlösser
und Gärten Baden-Württemberg, Bd. 8).
28
Bernhard Maaz, Das Alte am Neuen und das
Neue im Alten. Die Erwerbungen zeitgenössischer
Skulpturen durch König Wilhelm I. von Württemberg
als Spiegel individueller Interessen und zeittypischer
Tendenzen gegen Mitte des 19. Jahrhunderts,
in: Zeitschrift des Deutschen Vereins für
Kunstwissenschaft 67, 2013, S. 117–146.
29
Ludwig I. und die Neue Pinakothek, hrsg. von
Herbert W. Rott, München und Köln 2003, S. 70 f.
30
Ebenda, S. 123–358.
16
Die Skulpturen Ludwigs I. in der Neuen Pinakothek
Dieser Bestandskatalog stellt die in der Neuen Pinakothek
aufbewahrten Skulpturen vor, die als Eigentum
König Ludwigs I. nach dessen Tod Teil des
Hausgutfideikommisses waren und sich seit 1923
im Eigentum des Wittelsbacher Ausgleichsfonds befinden.
Dabei handelt es sich um 133 Bildwerke in
Marmor und Gips, die im Wesentlichen in der Zeit
von 1807 bis 1868 entstanden sind. Dazu zählen
Hauptwerke der klassizistischen Skulptur wie Antonio
Canovas Paris (WAF B 4) und Bertel Thorvaldsens
Adonis (WAF B 29). Dazu gehören vor allem
zahlreiche Porträtbüsten, die aus den Kontexten
von Walhalla, Ruhmeshalle und dem Büstensaal der
Neuen Pinakothek stammen. Ebenfalls aufgenommen
wurden zwölf Skulpturen, die nicht aus der
Sammlung Ludwigs I. sind, jedoch in diesen Zusammenhang
eingereiht werden können wie das postum
entstandene Bildnis des Königs von Anton Hess
(B 44), das von den Nachkommen des Dargestellten
erworbene Bildnis des Malers Peter Cornelius von
Ernst Hähnel (B 156) oder einige später hinzugekommene
Abgüsse von bereits in der königlichen
Sammlung befindlichen Porträtbüsten.
Es handelt sich bei den hier vorgestellten Bildhauerarbeiten
aus dem Besitz Ludwigs I. also nicht um
einen geschlossenen Bestand, keine homogene
Sammlung. Obwohl heute der Neuen Pinakothek
zugehörig, waren zahlreiche Werke für andere Auf-
stellungsorte geschaffen und gelangten erst Jahrzehnte
nach dem Tod des Königs in das von ihm
gegründete Museum für die Kunst des 19. Jahrhunderts.
Die Idealplastik sowie einige Marmorbüsten
waren zunächst im Saal der Neueren in der
Glyptothek aufgestellt, die in ihrer ursprünglichen
Konzeption nicht ausschließlich ein Museum für
die antike Plastik sein sollte, sondern für die Bildhauerkunst
auch der neuzeitlichen Epochen bis zur
damaligen Gegenwart (Abb. 1 und 2). Im Fall einiger
Marmorbüsten war jedoch die Aufstellung
in der Glyptothek bereits eine Art Zweitverwendung,
da sie eigentlich für die Walhalla vorgesehen
waren, dort jedoch aus unterschiedlichen Gründen
nicht zur Aufstellung kamen. Diese klassizistischen
Marmorskulpturen – Idealplastik und Porträtbüsten
– wurden 1920 im Zuge der Neuordnung
der staatlichen Galerien aus der Glyptothek in die
Neue Pinakothek überführt. Die Gipsbüsten gehörten
dagegen zum überwiegenden Teil bereits von
Beginn an zum Bestand der Neuen Pinakothek. Es
handelt sich um Porträts von Künstlern, Dichtern
und Gelehrten aus der Zeit Ludwigs I., die oftmals
in einer persönlichen Verbindung zum König standen.
Sie waren im Erdgeschoss der damaligen Neuen
Pinakothek aufgestellt, wo diese gipserne Porträtsammlung
bis um 1900 die Gemäldegalerie im
Obergeschoss ergänzte. Schließlich ist hier noch
Abb. 1 Glyptothek von Südosten, Fotografie von Joseph Albert, 1860, München, Bayerische Staatsbibliothek
die kleine Zahl der Frauenporträts zu erwähnen, der späteren Walhalla. Während die Sammlung von
meist von Geliebten des Königs, die ursprünglich museal präsentierter Idealplastik, obwohl Hauptwerke
von Canova und Thorvaldsen umfassend,
nicht für eine öffentliche Aufstellung vorgesehen
waren und erst lange nach dem Tod Ludwigs I. im Umfang und in der Zielsetzung limitiert blieb,
ins Museum kamen wie die Bildnisse der Lady Ellenborough
von Ernst von Bandel (WAF B 38), der ler Architektur sowie die Vergegenwärtigung be-
war die Verbindung von Plastik und monumenta-
Marchesa Florenzi von Heinrich Max Imhof (B 239) deutender Persönlichkeiten in Form von Büsten,
und der Lola Montez von Johann Leeb (WAF B 19). Statuen und Denkmälern dasjenige Aufgabenfeld,
Die Begeisterung Ludwigs für die Skulptur verdankte
sich zwei »Erweckungserlebnissen«. Das ern ein schier unermessliches, wenn auch etwas
in dem Ludwig durch seine Aufträge den Bildhau-
eine war die Begegnung mit Canovas Hebe während uniformes Betätigungsfeld bot. Kennzeichnend für
der ersten Italienreise 1804 in Venedig. Das andere alle diese Projekte war, dass der Skulptur eine dem
war der Besuch im Atelier von Gottfried Schadow übergeordneten Gedanken dienende Funktion zugewiesen
wurde.
in Berlin im Winter 1806/07, als der Kronprinz die
in einem eigenen Raum wirkungsvoll aufgestellten Die künstlerische Situation in München stellte sich
Modelle der Porträtbüsten des Bildhauers sah. Das zunächst so dar, dass sich Ludwig für seine ehrgeizigen
Projekte an anderen Orten nach geeigneten
Erlebnis Canovas veranlasste ihn, ab 1806 mehrere
große ideale Marmorskulpturen bei Konrad Eberhard,
Canova und Thorvaldsen in Auftrag zu geben, der sich 1809 in der Hoffnung auf Aufträge des
Bildhauern umschauen musste. Friedrich Tieck,
die den Grundstock für den späteren Saal der Neueren
in der Glyptothek bildeten. Das Erlebnis der Situation in polemischer Zuspitzung: »Auch ist die
Kronprinzen in München aufhielt, resümierte die
Schadow’schen Porträtsammlung veranlasste ihn Sculptur etwas ganz neu eingeimp[f]tes, denn auch
zusammen mit den beklemmenden Eindrücken im Bildhauer sind nicht einmahl hier. Einen ganz alten
französisch besetzten Berlin zu der politisch motivierten
Planung eines Ruhmestempels mit den jungen aber sehr elenden, den ich schon in Rom
ausgenommen der am Tode liegt, und einen sehr
Marmorbildnissen der bedeutendsten Deutschen, gekannt habe.« 1 Der erstere war der betagte Hof-
18 Die Skulpturen Ludwigs I. in der Neuen Pinakothek
19
Abb. 2 Der Saal der Neueren in der Glyptothek,
Fotografie, um 1900, München, Staatliche Antikensammlungen
und Glyptothek
bildhauer Roman Anton Boos, der 1810 starb. Der
zweite war Joseph Kirchmayer, der 1804 bis 1806
in Rom im Atelier Antonio Canovas gearbeitet hatte
und seither in München lebte. Kirch mayer fertigte
zwar sieben Marmorbüsten für den Kronprinzen,
doch der Großteil der frühen Walhalla-Büsten entstand
in Berlin und Rom. Ludwigs Projekte zogen
jedoch junge Künstler nach München, darunter
auch Bildhauer, die der Kronprinz durch Stipendien
förderte. Ein Romaufenthalt und insbesondere
die Mitarbeit in den Werkstätten von Thorvaldsen
sollte sie in die Lage versetzen, die erforderlichen
Skulpturen für die Bauten Leo von Klenzes zu liefern.
Die Versuche, mit Bertel Thorvaldsen und
Christian Daniel Rauch erfahrene Bildhauer nach
München zu ziehen, schlugen fehl. Erst als sich aus
dem Kreis junger, von Ludwig mit Romstipendien
geförderter Bildhauer Ludwig Schwan thaler als
hinreichend talentiert und leistungsfähig erwies,
verfügte der König über einen Bildhauer in München,
der in der Lage war, selbst größte Aufträge
künstlerisch und organisatorisch zu bewältigen. Im
Umkreis Schwanthalers entwickelten sich weitere
Bildhauer, die Ludwig für seine Porträtaufträge heranzog
wie Johann Leeb und insbesondere Johann
Halbig, der den Großteil der Künstlerporträts für
den Büstensaal der Neuen Pinakothek schuf.
Porträtbüsten für Walhalla und Ruhmeshalle
37 der in der Neuen Pinakothek bewahrten Porträtbüsten
in Marmor und Gips stehen in einem
mittelbaren oder unmittelbaren Zusammenhang
mit den großen Porträtzyklen, die Ludwig für Walhalla
und Ruhmeshalle in Auftrag gegeben hat. Bei
den Marmorbüsten handelt es sich um Werke, die
für eine der beiden Ehrenhallen produziert, später
jedoch nicht dort aufgestellt worden sind. Die
Gipsbüsten dienten als Modelle und Vorbilder, nach
denen Marmorbüsten für Walhalla oder Ruhmeshalle
geschaffen wurden.
Die Büsten für die Walhalla entstanden bereits seit
1807, auch wenn die Grundsteinlegung des von
Klenze entworfenen Gebäudes erst am 18. Oktober
1830 – dem 17. Jahrestag der Völkerschlacht
bei Leipzig – und die Einweihung am 18. Oktober
1842 erfolgte. Die Idee einer Büstensammlung großer
Deutscher entstand nach Ludwigs eigenem Bekunden
während eines Aufenthalts im französisch
besetzten Berlin im Winter 1806/07. 2 Ludwig fasste
den Entschluss, die Errichtung eines Gebäudes in
die Zeit nach der Thronbesteigung aufzuschieben,
da es für einen Kronprinzen zu kostspielig sei, jedoch:
»[…] jetzt lasse ich die Büsten verfertigen.« 3
Ludwig dachte zunächst an 50 Büsten aus Carrara-
Marmor und gab gleich elf Büsten bei Schadow in
Auftrag. Im Januar 1808 war schon »von 90–100
Büsten« die Rede. 4 Voraussetzung für eine Aufnahme
in Walhalla war, dass die zu ehrenden Personen
aus dem deutschen Sprachraum stammten und
nicht mehr am Leben waren: »Alle, die deutsch reden,
glaube ich, sind für Deutsche zu halten.« 5 Als
Berater spielte anfänglich bis zu seinem frühen Tod
am 29. Mai 1809 der Schweizer Historiker Johannes
von Müller eine wichtige Rolle, der den Namen
»Walhalla« vorschlug. Er stellte eine Auswahl von
27 historischen Persönlichkeiten zusammen, die
er im August 1808 an Ludwig übersandte. 6 Ludwig
schlug aber auch seinerseits Namen vor, die er den
Historiker zu kommentieren bat. Aus Müllers Nachlass
wurde dem Kronprinzen um 1813/14 schließlich
eine 86 Namen umfassende Liste bedeutender
Persönlichkeiten übermittelt, von denen schließlich
47 mit Büsten oder Tafeln gewürdigt wurden. Als
weitere Berater fungierten die Historiker Lorenz
Westenrieder sowie Joseph Hormayr, Nicolaus Vogt
und Heinrich Luden. 7
Ludwigs wichtigster Mittelsmann bei der Auswahl
und Beauftragung der Künstler und für die Beurteilung
der vollendeten Büsten war Georg Dillis.
Für die Gestaltung der Büsten gab es Vorgaben, an
die sich die Künstler zu halten hatten. Das Material
musste weißer, fleckenloser Marmor aus Carrara
sein, den die Künstler auf eigene Kosten zu
beschaffen hatten. Die Porträts sollten »im edlen,
einfachen Styl nach Art der griechischen Büsten«
in der Form von Hermenbüsten gefertigt werden,
wie Ludwig im Dezember 1807 an Friedrich Tieck
schrieb. 8 Der Sockel der ersten Büsten besaß eine
Abb. 3 Johann Georg von Dillis,
Schemazeichnung der Walhalla-Büsten, 1809,
München, Bayerisches Hauptstaatsarchiv,
Geheimes Hausarchiv
20 Die Skulpturen Ludwigs I. in der Neuen Pinakothek
21
trapezförmige, sich nach unten leicht verjüngende
Form. Ab 1812 hatte er rechteckig mit geraden,
rechtwinkligen Flächen zu sein. Als Höhe waren
26½ Zoll rheinisch vorgegeben, das waren etwa
69,5 Zentimeter. In einer Schemazeichnung legte
Dillis nicht nur Form und Höhe der Büsten fest,
sondern auch die Höhe des Sockels und die Höhe
der Augenlinie (Abb. 3). 9 Die männlichen Personen
waren mit nacktem Oberkörper darzustellen, die
weiblichen mit schlichter, schicklicher Kleidung.
Vorn am Sockel war der Name des Dargestellten
einzugravieren, hinten der Name des Bildhauers.
Außerdem waren in der Inschrift gegebenenfalls die
Bildquellen zu nennen, die dem Porträt zugrunde
lagen. 10 Diese detaillierten Vorgaben hatten eine
große Uniformität der Büsten zur Folge. Die Bildnisse
historischer Persönlichkeiten sollten nach
möglichst authentischen Vorlagen gefertigt werden;
ein Anspruch, den Ludwig immer wieder mit
Nachdruck erhob und ihn selbst Erkundigungen
bei Gelehrten und Kennern einholen ließ, mit dem
er aber nicht selten die Künstler zur Verzweiflung
trieb. In manchen Fällen wurde eine bereits vorhandene
Büste später durch eine Neuanfertigung
ersetzt, weil inzwischen neue, verlässlichere Porträts
als Vorbilder entdeckt worden waren. Bei noch
lebenden, für eine künftige Aufnahme in Walhalla
ausersehenen Personen waren die Büsten nach
dem Leben zu modellieren.
Ludwig gab insgesamt 142 Walhalla-Büsten in Auftrag,
von denen 101 in der Walhalla aufgestellt wurden.
41 wurden ausgeschieden und deponiert oder
an anderer Stelle platziert. 11 Zwölf von ihnen befinden
sich heute im Bestand der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen.
Die Büsten Johann Heinrich
Pestalozzis von Joseph Christen (WAF B 7), des Bischofs
Johann von Dalberg von Joseph Hermann
(WAF B 13), der Malerin Angelika Kauffmann von
Peter Kauffmann (WAF B 17), des Fürsten Metternich
von Johann Nepomuk Schaller (WAF B 25) und
des Kurfürsten Moritz von Sachsen von Friedrich
Tieck (WAF B 32) wurden in der Neuen Pinakothek
deponiert, ohne dass sie zuvor jemals das Licht der
Öffentlichkeit gesehen haben. Die Büsten Kathari-
nas der Großen von Johann Jürgen Busch (WAF
B 3), des Kurfürsten Friedrich von der Pfalz von
Heinrich Dannecker (WAF B 8), des Grafen Münnich
von Konrad Eberhard (WAF B 9), des Grafen
Stolberg von Hermann Ernst Freund (WAF B 11),
Cornelis Maartenszoon Tromps von Rauch (WAF B
21), August Wilhelm Ifflands von Gottfried Schadow
(WAF B 22) und Kaiser Friedrich Barbarossas von
Tieck (WAF B 33) waren dagegen seit 1830 beziehungsweise
1842 im Saal der Neueren der Glyptothek
ausgestellt und gelangten mit den übrigen
klassizistischen Marmorskulpturen 1920 von dort
in die Neue Pinakothek.
Die Gründe, weshalb diese Büsten nicht in der Walhalla
platziert wurden, sind vielfältig. Manche Persönlichkeiten,
von denen Ludwig bereits früh hat
Büsten anfertigen lassen, erschienen zum Zeitpunkt
der Eröffnung der Walhalla als nicht mehr bedeutend
genug für diese Ehrung. Bei anderen wurde
die Authentizität des Bildnisses in Zweifel gezogen,
was für Ludwig ein Ausschlusskriterium war. So
wurde die Büste des Wormser Bischofs Dalberg irrtümlich
nach einem falschen Vorbild gefertigt und
deshalb durch eine Neuanfertigung ersetzt. Ein besonderer
Fall ist die Büste des Fürsten Metternich,
die Ludwig nur aus politischem Kalkül hat anfertigen
lassen, ohne jemals ernsthaft daran gedacht
zu haben, sie nach dem Tod des Staatskanzlers in
der Walhalla aufstellen zu lassen.
Unter den Gipsbüsten befinden sich einige, die als
Modelle für Walhalla-Büsten gedient haben, so die
Büsten von Christoph Willibald Gluck von Jean-Antoine
Houdon (WAF B 161) und des Fürsten Wrede
von Johann Nepomuk Haller (WAF B 114), oder
die als Vorbilder für eine letztlich nicht ausgeführte
Walhalla-Büste dienen sollten wie jene von
Alois Reding von Joseph Christen (WAF B 156). Die
Büsten von Klenze und Cornelius, beide von Haller
(WAF B 108 und WAF B 109), ließ Ludwig ebenfalls
modellieren, um »in Marmor sie ausführen zu lassen,
in die Glyptothek zu stellen, vielleicht auch in
Walhalla«, was jedoch beides nicht geschehen ist. 12
Die Vorgaben für die Büsten der Ruhmeshalle waren
ähnlich wie jene für die Walhalla-Büsten, wie
auch der Gedanke einer bayerischen Ruhmeshalle
im Grundsatz bereits auf die Jahre der ersten Walhalla-Planungen
zurückgeht. Bereits 1809 ließ Ludwig
über Dillis den Historiker Lorenz Westenrieder
mit der Erstellung eines Verzeichnisses verdienter
bayerischer Persönlichkeiten beauftragen, das
schließlich 54 Namen umfasste. 13 In Gang kamen
die Planungen dann jedoch erst ab den 1820er-Jahren,
als Ludwig ein Programm mit eigenhändiger
Skizze entwarf und im Juli 1824 im Tagebuch die
Absicht festhielt, ein Gebäude »auf der Höhe der
Theresienwiese […] für ausgezeichnete Bayern und
in dessen Dienst Gestandene« zu errichten. 14 1834
lagen die Wettbewerbsentwürfe für das Gebäude
vor, wobei der als letzter eingereichte Entwurf
Klenzes durch die Verbindung von Ruhmeshalle mit
der kolossalen Statue der Bavaria beeindruckte.
Klenzes Hauptentwurf, ein »Porticus im dorischen
Styl«, wurde von Ludwig zur Ausführung bestimmt.
Am 28. Mai 1837 erhielt Schwanthaler den Auftrag
für die Bavaria. Die Grundsteinlegung der Ruhmeshalle
erfolgte am 15. Oktober 1843, dem Namenstag
der Königin Therese. Am 9. Oktober 1850 wurde
die Bavaria in einem großen Festakt enthüllt, die
formlose Eröffnung der Ruhmeshalle selbst erfolgte
am 15. Oktober 1853. 15
Die Aufträge für Ruhmeshallen-Büsten sind mitunter
nicht scharf von jenen für die Walhalla zu
trennen, da eine Doppelaufstellung von Büsten in
beiden Ehrenhallen zunächst nicht ausgeschlossen
war. Denn auch Bayern sollten in der Walhalla
als große Deutsche geehrt werden, durften aber
in der Ruhmeshalle nicht fehlen, sollte diese nicht
zu einer Walhalla zweiten Ranges degradiert werden.
16 Ab der Mitte der 1820er-Jahre ließ Ludwig
etliche Gipsbüsten zeitgenössischer Persönlichkeiten
anfertigen, die als Modelle für Marmorbüsten
in »der künftigen bayerischen Ruhmeshalle« dienen
sollten. 17 In diesen Jahren befasste sich Ludwig
intensiv mit der Auswahl der Personen und
zog dafür Erkundungen ein. Dass dabei Künstlern
und Gelehrten ein besonderes Interesse galt, belegt
ein von Dillis 1827 für den König erstelltes
Verzeichnis, das 55 Namen ausschließlich älterer
Künstler mit Lebensdaten und einer Auflistung der
Hauptwerke umfasst. 18 Ludwig führte jedoch auch
selbst erstellte Listen, die er über Jahre ergänzte
und umarbeitete. In einer 1829 angelegten Liste
unterteilte er die zu Ehrenden in fünf Rubriken
(»Krieger«, »Staatsmänner«, »Künstler«, »Gelehrte«,
»Dichter«) und unterschied zwischen bereits
Verstorbenen und noch Lebenden, die erst nach
dem Tod aufgenommen werden konnten. Mit 15
beziehungsweise 14 Nennungen von 40 dominieren
Künstler und Gelehrte deutlich. 19 Ludwigs Liste
wurde 1837 durch Eduard von Schenk ergänzt, der
zu den bereits in der Auswahl befindlichen Namen
unter anderem den von Friedrich Heinrich Jacobi
hinzufügte, den er zusammen mit Kant, Fichte und
Schelling zu den »größten teutschen Philosophen
neuerer Zeit« rechnet. 20 Wie in die Walhalla sollten
in die Ruhmeshalle keine lebenden Personen aufgenommen
werden. Ludwig erstellte daher im Mai
1837 eine Liste lebender Personen als möglicher
Kandidaten, die er in die Rubriken »sicher« (Wrede,
Schelling, Baader, Klenze, Gärtner, Cornelius,
Heinrich Hess, Amsler, Schwanthaler, Ziebland) und
»zweifelhaft« (Schorn, Peter Hess, Kaulbach, Ohlmüller,
Rottmann, Voigt) unterteilte. 21 Da es sich nahezu
ausschließlich um Künstler handelt, erkennt
man hier bereits die spätere Konzeption des Saales
der Künstlerbüsten in der Neuen Pinakothek, wo –
anders als in Walhalla und Ruhmeshalle – vorwiegend
lebende Personen geehrt wurden.
Zwei der in der Neuen Pinakothek befindlichen
Marmorbüsten waren für die Ruhmeshalle vorgesehen,
wurden aber nicht dort aufgestellt. Die Büsten
von Rudolf Agricola und Samuel von Pufendorf
(beide von Anton Horchler, 1843 beziehungsweise
1844, WAF B 14 und 15) stellen Gelehrte dar,
die an der von einem Wittelsbacher gegründeten
Universität Heidelberg tätig waren. Da die rechtsrheinischen
Gebiete der Pfalz mit Heidelberg und
Mannheim jedoch seit 1803 nicht mehr zu Bayern
gehörten und trotz Ludwigs Entschlossenheit nicht
zurückzuerlangen waren, wurden die beiden Büsten
beiseite gestellt, da in der Ruhmeshalle nur in
den aktuellen Grenzen Bayerns Geborene oder in
22 Die Skulpturen Ludwigs I. in der Neuen Pinakothek
23
Abb. 4 Antonio Canova, Venus, 1812,
München, Residenz
bayerischen Diensten stehende Persönlichkeiten geehrt
werden sollten.
Unter den Gipsbüsten der Sammlung dienten mehrere
unmittelbar als Modelle für Marmorbüsten in
der Ruhmeshalle. Dazu zählen die Porträts von Joseph
Daniel Ohlmüller von Bandel (WAF B 40); Ferdinand
Miller (WAF B 63 a), Hans Jakob Fugger (WAF
B 152), Georg Simon Ohm (WAF B 80) und Christoph
Scheiner (WAF B 106), alle von Halbig; Georg
Reichenbach von Kirchmayer (WAF B 174); Simon
Schmid (WAF B 158), Bischof Johann Michael Sailer
(WAF B 111) und Lorenz Westenrieder (WAF B 112),
alle von Haller; Franz Baader von Johann Baptist
Stiglmaier (WAF B 140); Ludwig Schwan thaler von
Franz Xaver Schwanthaler (B 1017); Eduard von
Schenk von Ludwig Schwan thaler (WAF B 138) sowie
Christoph Willibald Gluck aus dem Umkreis von
Jean-Antoine Houdon (WAF B 160). In einigen Fällen
wurden die Gipsbüsten eigens zu diesem Zweck
bestellt, in anderen wurde auf bereits vorhandene
Büsten als Modelle zurückgegriffen.
Idealplastik und Bildnisse aus dem
Saal der Neueren der Glyptothek
Für Walhalla und Ruhmeshalle entstanden – von
der Bauplastik abgesehen – ausschließlich Porträtbüsten.
Die wenigen Werke der freien Idealplastik,
die Ludwig erworben hat, waren im Saal der Neueren
in der Glyptothek aufgestellt. 22 Die Glyptothek
sollte nicht nur die von Ludwig erworbenen antiken
Skulpturen aufnehmen, sondern auch Werke
der neuzeitlichen und zeitgenössischen Plastik. Der
Kronprinz sprach von der Glyptothek im Jahr der
Grundsteinlegung als von dem »die Bildhauerwerke
alt[er] und neuer Zeiten enthaltende[n] Gebäude«.
So war vom Beginn der Planungen an ein Saal »für
moderne Sachen« vorgesehen. 23 Die später im Saal
der Neueren gezeigten Hauptwerke hat Ludwig bereits
ab 1806 in Auftrag gegeben, lange bevor 1816
mit dem Bau der Glyptothek begonnen wurde: Canovas
Paris, Thorvaldsens Adonis, Eberhards Amor
und Muse. 1818 kam Rudolf Schadows Sandalenbinderin
(WAF B 24) dazu. 1830, bei der Eröffnung
des Museums, fehlte Thorvaldsens Adonis, der erst
1832 nach München kam. Ludwig ließ dort auch
Canovas Venus aufstellen, die sich bereits seit 1812
in München befand und zunächst in der Residenz
und im Nymphenburger Schlossgarten aufgestellt
war (Abb. 4). Das 1821 in Rom entstandene Bildnis
des Kronprinzen von Thorvaldsen wurde ebenfalls
im Saal der Neueren aufgestellt (Abb. 5). In späteren
Jahren kam lediglich Pietro Teneranis Vesta
(WAF B 28) hinzu, die Ludwig 1862 in Auftrag gab
und deren Vollendung er nicht mehr erlebte. Der
Bestand an Werken im Saal der Neueren zu Lebzeiten
Ludwigs I. geht somit nahezu vollständig auf
Aufträge und Erwerbungen der Kronprinzenzeit
zurück. Die Pläne, auch Werke der Renaissance für
die Glyptothek zu erwerben und damit das an den
Fassaden vorgeführte Statuenprogramm der bedeutendsten
Bildhauer von der Antike über die Renaissance
bis zur Gegenwart im Inneren mit Werken
dieser Künstler zu veranschaulichen, kamen
über anfängliche Überlegungen nicht hinaus. 24 Die
Skulpturen erwerbungen für die Glyptothek waren
– wie im Bereich der antiken Plastik – mit der Eröffnung
des Museums so gut wie abgeschlossen.
Der König wandte sich in der Folge anderen Projekten
zu. Im Bereich der zeitgenössischen Kunst
war dies nun nicht mehr die Skulptur, sondern die
Malerei mit Blick auf die Neue Pinakothek, zu der
1846 der Grundstein gelegt wurde. Skulpturenaufträge
erfolgten nahezu ausschließlich nur noch für
die großen Bauprojekte sowie für Denkmäler, aber
nicht mehr als Exponate für das Museum.
Einen Zuwachs erhielt der Saal der Neueren erst
wieder am Ende des 19. Jahrhunderts, nachdem
der bayerische Staat 1892 begonnen hatte, zeitgenössische
Skulpturen zu erwerben und diese in der
Glyptothek auszustellen. 1910 waren dies 32 Plastiken
von Adolf von Hildebrand, Franz von Stuck,
August Gaul und anderen zeitgenössischen Bildhauern.
Die durch die Vermehrung des Bestands bedingte
Raumknappheit führte zu mehrfachen Umund
Neuaufstellungen der Bildwerke. So zeigt eine
um 1910 entstandene Aufnahme die Eingangshalle
der Glyptothek, wo nun Thorvaldsens Adonis, Johann
Christian Hirts Arethusa (1898 vom Staat aus
Abb. 5 Bertel Thorvaldsen, Kronprinz Ludwig
von Bayern, 1821, München, Glyptothek
24 Die Skulpturen Ludwigs I. in der Neuen Pinakothek
25
Abb. 6 Eingangshalle der Glyptothek, Fotografie von Georg Pettendorfer, um 1910,
München, Stadtarchiv
Abb. 7 Der Stiftersaal in der Neuen Pinakothek, Fotografie, 1929,
München, Bayerische Staatsgemäldesammlungen
dem Nachlass des Künstlers erworben) und Teneranis
Vesta zu sehen sind (Abb. 6). Die Neukonzeption
der Neuen Pinakothek nach der 1916 erfolgten Erwerbung
durch den Staat führte schließlich 1918 zu
der Entscheidung, die Skulpturen neuerer Meister
aus der Glyptothek abzuziehen und in der Neuen
Pinakothek sowie in der 1919 eingerichteten Neuen
Staatsgalerie aufzustellen. 25 So wurden die Werke
von Canova, Thorvald sen und der anderen klassizistischen
Bildhauer in die Neue Pinakothek überführt
und dort 1920 im sogenannten Königs- oder
Stiftersaal aufgestellt, der als erster großer Saal im
Hauptgeschoss den Beginn des Rundgangs durch
das Museum bildete. Dort wurden die beiden Statuen
von Canova und Thorvaldsen sowie einige Büsten
platziert, wo diese Werke zusammen mit Joseph
Stielers Porträt Ludwigs I. im Krönungsornat »die
Person und die Sammeltätigkeit des Königs würdigen«
sollten, wie es Direktor Friedrich Dörnhöffer
1918 gegenüber der königlichen Verwaltung formulierte
(Abb. 7). 26 Thorvaldsens Porträt des Kronprinzen
verblieb jedoch in der Glyptothek, ebenso
vorerst Teneranis Vesta. 1925 wurde sie in das Residenzmuseum
verlegt, wo sie seitdem ausgestellt
ist. Die Büste des Kronprinzen steht noch heute in
der Glyptothek.
Insgesamt stammen 17 der in diesem Band behandelten
Skulpturen aus dem Saal der Neueren in der
Glyptothek: neben den Idealplastiken von Canova,
Thorvaldsen, Eberhard, Rudolf Schadow und Tenerani
die Büsten von Elisa Bonaparte von Lorenzo
Bartolini (WAF B 2), Napoleon Bonaparte von Giacomo
Spalla (WAF B 26), Vittoria Caldoni von Rudolf
Schadow (WAF B 23) und Carl Wilhelm von Heideck
von Emil Wolff (WAF B 35) sowie die oben genannten,
ursprünglich für die Walhalla vorgesehenen
Büsten von Busch, Dannecker, Eberhard, Freund,
Rauch, Gottfried Schadow und Tieck.
Porträts von Künstlern und Zeitgenossen Ludwigs I.
aus dem Büstensaal der Neuen Pinakothek
Mit dem Saal der Künstlerbüsten, den Ludwig 1854
in der im Jahr zuvor eröffneten Neuen Pinakothek
einrichten ließ, realisierte der König den originellen
Gedanken einer Verbindung von Gemälde- und
Por trätgalerie. Zwar umfasste die Porträtsammlung
auch die Bildnisse von zeitgenössischen Architekten,
Bildhauern und Kupferstechern, doch
den Schwerpunkt bildeten die Porträts von Malern,
die mit Gemälden in der Sammlung des Königs
vertreten waren. Häufig lagen der Ankauf der
Gemälde und die Beauftragung der Porträtbüste
zeitlich nahe beisammen, sodass die Absicht Ludwigs,
nicht nur die Gemälde zu besitzen, sondern
darüber hinaus die Porträts ihrer Schöpfer, offensichtlich
ist. Diese Porträtgalerie im Inneren der
Neuen Pinakothek bildete eine Ergänzung und Erweiterung
der von Wilhelm Kaulbach entworfe-
nen Künstlerbildnisse an der Nordfassade des Gebäudes
(Abb. 8). Als Pantheon lebender Künstler
und museale Porträtsammlung ist sie in diesem
Umfang einzigartig und ohne direkten Vergleich.
Anders als die aufwendigeren und im Vergleich teureren
Marmorbüsten für Walhalla und Ruhmeshalle
waren die Porträts im Büstensaal der Neuen
Pinakothek sämtlich aus Gips. Einen Großteil dieser
Büsten schuf der Münchner Bildhauer Johann
Halbig. Er war als Porträtbildhauer im Münchner
Bürgertum geschätzt und modellierte lebensnahe
Bildnisse, die wegen ihres weitgehenden Verzichts
auf Idealisierung von manchen Zeitgenossen kritisiert
wurden. Ludwig legte aber bei Porträts von
Zeitgenossen, die grundsätzlich nach dem lebenden
Modell zu fertigen waren, auf Wirklichkeitsnähe
großen Wert. Die Auswahl war auf in München lebende
Künstler fokussiert, die zu Modellsitzungen
in das Atelier des Bildhauers kommen konnten.
26 Die Skulpturen Ludwigs I. in der Neuen Pinakothek
27
Verantwortlich für die Einrichtung des Saales war
der Historienmaler und Direktor der königlichen
Gemäldesammlungen Clemens Zimmermann, der
auch die Hängung und Einrichtung der Neuen Pinakothek
insgesamt leitete und einen erheblichen
Einfluss auf die Kunsterwerbungen und -entscheidungen
Ludwigs in den 1850er- und 1860er-Jahren
hatte. Er war ebenso verantwortlich für die
Aufstellung der Skulpturen in der Glyptothek und
in der Ruhmeshalle. Im Mai 1854 teilte Zimmermann
dem König mit, dass die Büsten vollständig
aufgestellt seien und zwar in chronologischer
Ordnung, vermutlich nach dem Geburtsdatum der
Dargestellten. 31 Dabei dürfte es sich um jene etwa
35 Por träts von Künstlern gehandelt haben, die zu
diesem Zeitpunkt vorhanden waren. In den Jahren
bis 1868 kamen rund 20 weitere Büsten hinzu, die
der König vor allem bei Halbig in Auftrag gab. Darunter
waren die Büsten der Maler Carl Theodor von
Piloty, Eduard Schleich d. Ä. und August Riedel, von
denen Ludwig in diesen Jahren Gemälde erworben
hat. 1868, zum Zeitpunkt des Todes von Ludwig I.,
waren 55 Porträts im Saal der Künstlerbüsten aufgestellt.
32 Davon sind 46 erhalten. In weiteren Sälen
des Erdgeschosses der Neuen Pinakothek waren ab
1854 die Porzellangemälde sammlung und ab 1867
im sogenannten Vedutensaal »photographische Abbildungen
merkwürdiger Gebäude und antiker Ruinen
etc. aus Venedig, Rom und Griechenland« ausgestellt.
33 Die Neue Pinakothek war zu Lebzeiten
ihres Gründers somit keine reine Gemälde galerie,
sondern zeigte auch Porzellanmalerei, Fotografie
und Skulptur.
Die Porträtsammlung Ludwigs I. in der Neuen Pinakothek
wurde jedoch bald ausgeweitet und umfasste
nicht nur Bildnisse von Künstlern. Das Inventar
von 1868 listet weitere 72 Gipsbüsten vornehmlich
von Persönlichkeiten aus den Bereichen Literatur,
Philosophie und Naturwissenschaften auf, die ebenfalls
im Erdgeschoss der Neuen Pinakothek aufgestellt
waren. 34 Davon sind 18 verschollen. Dazu gehörten
auch Gipsbüsten, die Ludwig als Modelle für
künftige Walhalla- oder Ruhmeshallen-Büsten hat
fertigen lassen wie jene des österreichischen Feld-
Abb. 8 Neue Pinakothek von Nordosten, Fotografie von Franz Hanfstaengl, um 1860, München, Stadtarchiv
Nachdem Halbig das Tonmodell einer Büste vollendet
hatte, lud er den König zur Begutachtung, des Galeriedirektors Dillis, der Architekten Klenverbunden
war. Die Auswahl dort umfasste Büsten
und meist hatte auch der Porträtierte anwesend ze, Gärtner, Ziebland und Ohlmüller, der Bildhauer
Martin Wagner, Johann Baptist Stiglmaier und
zu sein, damit der König Vorbild und Büste direkt
vergleichen konnte. 27 Nicht selten verlangte er Änderungen.
Erst nachdem das Tonmodell vom König rich Voigt, des Kupferstechers Samuel Amsler so-
Ludwig Schwanthaler, des Medailleurs Carl Fried-
abgenommen war, ließ der Bildhauer den Gipsabguss
herstellen. Halbigs Naturell ließ diese Mitspra-
Carolsfeld, Clemens Zimmermann, Heinrich Hess,
wie der Maler Peter Cornelius, Julius Schnorr von
che des Königs zu. Er war deshalb ein besonders Peter Hess, Joseph Stieler, Dome nico Quaglio und
geeigneter Künstler für die Umsetzung dieses großangelegten
Porträtprojekts. Andere Bildhauer taten Bandel. In welcher Form die Büsten aufgestellt wa-
Carl Rottmann. 29 13 der 18 Büsten stammten von
sich damit schwerer, wie es Klenze in seinen Erinnerungen
bereits aus den 1830er-Jahren berichtet: waren, ist nicht bekannt. Alle diese Büsten wurden
ren und ob sie schon damals öffentlich zugänglich
»[…] der Bildhauer Bandel, welchen er über eine 1854 in die Neue Pinakothek transferiert.
Büste, welche derselbe grade für ihn modellirte, Der Gedanke eines Büstensaales in diesem neuen
Vorwürfe und Einwendungen machte, reichte ihm Museum für Ludwigs Sammlung zeitgenössischer
lakonisch das Bossirstäbchen hin, um sich durch Malerei findet sich erstmals in einem Tagebucheintrag
des Königs vom März 1851. 30 Dafür vorgesehen
eigene Ansicht zu überzeugen, wie S. M. es haben
wollten!« 28
war einer der Säle im Erdgeschoss des Gebäudes,
Einen Vorläufer hatte der Saal der Künstlerbüsten wo die Büstensammlung 1854 aufgestellt wurde.
im Neuen Schloss in Schleißheim, wo Ludwig bereits
1837 einige Büsten von Künstlern aufstellen ist zu entnehmen, dass es sich dabei um einen grö-
Einem mit Beschriftungen versehenen Grundriss
ließ, mit denen er durch Aufträge und Erwerbungen ßeren Saal in der Mitte des Gebäudes handelte.
marschalls Radetzky oder des Physikers Ohm, beide
von Halbig (WAF B 55 und WAF B 80). Nicht alle
Gipsbüsten waren öffentlich zugänglich. So wurden
etwa die Büsten des Königs und der Königin
oder der Lady Ellenborough und der Lola Montez in
separaten Räumen aufbewahrt. Den öffentlich zugänglichen
Teil der Büstensammlung dokumentiert
das 1882 erstellte Inventar des Büstensaales, das 108
Nummern umfasst. 35 Hier sind nun die Porträts
der Künstler mit denen der Dichter, Gelehrten und
Politiker vereint, die zu diesem Zeitpunkt offenbar
alle im selben Saal aufgestellt waren, dem »Büstensaal«.
Der gemeinsame Nenner, den das Inventar
im Titel anführt, lag darin, dass es sich um »Zeitgenossen
des Königs Ludwig I.« handelte. Nach
1882 kamen noch weitere Büsten hinzu, die von
den Direktoren der Neuen Pinakothek als Schenkung
angenommen oder zur Ergänzung der Sammlung
Ludwigs I. in Auftrag gegeben worden sind,
darunter die der Maler Emil Squindo von Wilhelm
Rümann (WAF B 133), Carl Spitzweg von Konrad
Knoll (WAF B 127), Friedrich Voltz von Friedrich
Kühn (WAF B 128) sowie das Selbstbildnis von Bertel
Thorvaldsen (WAF B 143).
Das Ende des Büstensaales kam in den 1890er-
Jahren, als die Raumnot in der Neuen Pinakothek
durch die staatlichen Bilderkäufe stetig anwuchs
und das Verständnis für die ursprüngliche Konzeption
Ludwigs I. nicht mehr gegeben war. Dies führte
im Jahr 1900 zu einer Umgestaltung des Erdgeschosses,
wo nunmehr drei Säle für Gemälde eingerichtet
wurden. Spätestens zu diesem Zeitpunkt
wurde der Büstensaal aufgelöst und die Porträtbüsten
deponiert, bis sie im August 1904 in das Neue
Schloss in Schleißheim ausgelagert wurden. Ob die
Sammlung der Gipsbüsten dort wie vorgesehen in
fünf Räumen im Obergeschoss des Mittelbaus des
Schlosses aufgestellt wurde, ist nicht bekannt. Ab
1939 waren die Gipsbüsten im Speicher oberhalb
des großen Festsaales deponiert; 1946 wurden sie
in einen Kellerraum im Nordflügel des Schlosses
verlagert. 1954 stellte man sie in einem Depotraum
im Zwischengeschoss sicher. Durch den Umzug, die
wiederholten Umlagerungen und die Unterbringung
28 Die Skulpturen Ludwigs I. in der Neuen Pinakothek
29
Abb. 9 Saal im Erdgeschoss der Neuen
Pinakothek mit dem Gipsmodell der Quadriga,
Fotografie von Georg Pettendorfer, um 1910,
München, Stadtarchiv
in Speicher- und Kellerräumen entstanden an den
fragilen Gipsbüsten erhebliche Beschädigungen.
Laut einem Bericht von Ernst Buchner an den Wittelsbacher
Ausgleichsfonds vom November 1954
fehlten 23 Büsten vollständig, von 20 Büsten sei
nur der abgebrochene Kopf vorhanden, sodass sie
nicht mehr identifiziert werden könnten, weitere
24 Büsten seien leicht beschädigt. 60 Büsten seien
intakt. 36 Die Gipsbüsten befanden sich noch Ende
der 1960er-Jahre in Schleißheim und wurden vermutlich
erst mit dem Bezug der Neuen Pinakothek
Ende der 1970er-Jahre dorthin verlagert. 37 Gleicht
man die Inventare des 19. Jahrhunderts mit dem aktuellen
Bestand ab, kommt man zu dem Schluss, dass
31 Gipsbüsten fehlen und vermutlich zerstört sind. 38
Von 13 Büsten sind lediglich die Porträtköpfe erhalten,
während die Sockel mit den Inschriften
verloren sind. In diesem von jahrzehntelanger Geringschätzung
geprägten Zustand ist die außergewöhnliche
Sammlung von Porträtbüsten aus Gips
auf uns gekommen. Rund 30 Büsten wurden in
den 1970er- und 1980er-Jahren für diverse Ausstellungen
in einen nach damaligem Verständnis
ausstellbaren Zustand versetzt, indem sie ergänzt,
gereinigt oder neu gefasst wurden. Die übrigen sind
in einem weitgehend ursprünglichen, wenn auch
durch Abplatzungen, Brüche und Verschmutzung
beeinträchtigten Zustand erhalten. Die für diesen
Band angefertigten Neuaufnahmen geben dies un -
geschönt wieder. Die Befunde, die nach Augenschein
erstellt wurden, nennen bei beschädigten Büsten
nur die größeren Fehlstellen an den Porträts. Die
zahlreichen Ausbrüche und Kratzer an den Sockeln
werden nicht eigens erwähnt.
Aus diesem Überblick über die Herkunft der Objekte
wird deutlich, dass von einer Skulpturensammlung
Ludwigs I. im engeren Wortsinn kaum gesprochen
werden kann. Selbst das Kernstück, der Saal
der Neueren in der Glyptothek, entbehrt eines klaren
Profils. Neben Hauptwerken Canovas und Thorvaldsens
standen Porträtbüsten von Kaiser Friedrich
Barbarossa und des niederländischen Admirals
Tromp, die zwar von namhaften deutschen Bildhau-
ern der Epoche stammen – Christian Daniel Rauch
und Friedrich Tieck –, aber keineswegs als repräsentative
Beispiele der Porträtkunst dieser beiden
Künstler gelten können. Vielmehr handelt es sich
um Büsten, die für die Walhalla bestimmt waren,
dort aber keine Verwendung fanden. Um idealplastische
Werke von Rauch und Tieck hat sich Ludwig
nie bemüht, auch nicht von Gottfried Schadow, von
dem lediglich die Büste Ifflands im Saal der Neueren
aufgestellt war, oder von Schwanthaler, der in
diesem musealen Kontext gar nicht vertreten war. 39
In der Neuen Pinakothek besaß der Saal der Künstlerbüsten
zunächst ein deutlicheres Profil, indem er
Bildnisse jener Künstler umfasste, mit denen Ludwig
selbst Umgang hatte und die für ihn arbeiteten.
Mit der Zeit verschwammen aber auch dort
die Konturen, da die Büstensammlung um immer
weitere Stücke ergänzt wurde, die aus anderen Verwendungszusammenhängen
stammten und nicht
mehr nur Künstler zeigten, sondern darüber hinaus
Dichter, Naturforscher und Politiker. So wie die
Glyptothek der Ort war, wo Ludwig die Marmorbildwerke
aufstellen ließ, so kamen alle bildhauerischen
Produkte aus Gips in die Neue Pinakothek.
Ab 1856 gelangten nach und nach auch die Gipsmodelle
für die von Ludwig in Auftrag gegebenen
Denkmäler in die Neue Pinakothek und wurden
dort im Erdgeschoss aufgestellt, ebenso das Modell
der Quadriga vom Siegestor (Abb. 9) und die
Modelle der Bildhauerstatuen an den Fassaden der
Glyptothek. 1916 wurden auch diese Gipsmodelle
der Statuen und Denkmäler nach Schleißheim verbracht,
nachdem die Sammlung der Porträtbüsten
bereits 1904 dorthin ausgelagert worden war. 40 Nur
die 1918 aus der Glyptothek überführten Marmorbüsten
verblieben im Depot der Neuen Pinakothek.
Seitdem ist dieser Teil der Kunstsammlungen Ludwigs
I., der in dem nach dem Tod des Königs erstellten
Inventar 270 Nummern umfasst, weitgehend in
Vergessenheit geraten.
Anmerkungen
1
Schreiben Friedrich Tiecks an August Wilhelm
Schlegel vom 24. April 1809; Krisenjahre der Frühromantik.
Briefe aus dem Schlegelkreis, hrsg. von
Josef Körner, Bd. 2, 2. Aufl., Bern und München
1969, S. 31–33, hier S. 31.
2
»Es waren die Tage von Teutschland’s tiefster
Schmach […]«; Walhalla’s Genossen, geschildert
durch König Ludwig den Ersten von Bayern, den
Gründer Walhalla’s, München 1842, S. V.
3
Schreiben Kronprinz Ludwigs an Johannes von
Müller vom 2. Oktober 1808; zit. nach Steger 2011,
Bd. 1, S. 14.
4
Schreiben Kronprinz Ludwigs an Johannes von
Müller vom 15. Januar 1808; zit. nach Steger 2011,
Bd. 1, S. 35 f.
5
Schreiben Kronprinz Ludwigs an Johannes von
Müller vom 15. Januar 1808; zit. nach Steger 2011,
Bd. 1, S. 33.
6
Schreiben Johannes von Müllers an Kronprinz
Ludwig vom 9. August 1808; Steger 2011, Bd. 1,
S. 41.
7
Steger 2011, Bd. 1, S. 43 f., 47–49; Walhalla.
Amtlicher Führer, bearb. von Christian Quaeitzsch,
München 2017, S. 93–95.
8
Steger 2011, Bd. 1, S. 54.
9
Schreiben Kronprinz Ludwigs an Georg Dillis
vom 1. August 1807; Briefwechsel Ludwig I. – Dillis,
1966, Dok. 13; Schreiben von Georg Dillis an
Kronprinz Ludwig vom 7. Juli 1809 mit der Schemazeichnung;
Briefwechsel Ludwig I. – Dillis, 1966,
Dok. 67.
10
Steger 2011, Bd. 1, S. 61–65.
11
Steger 2011, Bd. 1, S. 71–73; Quaeitzsch 2017
(wie Anm. 7), S. 98–103.
12
Ausgabebuch 1820/21-1825/26, Mai 1824.
13
Briefwechsel Ludwig I. – Dillis, 1966, Dok. 62;
Steger 2011, Bd. 1, S. 46.
14
Briefwechsel Ludwig I. – Klenze, Bd. I/3, 2004,
S. 258.
15
Ruhmeshalle und Bavaria. Amtlicher Führer,
bearb. von Manfred F. Fischer und Sabine Heym,
3. überarbeitete und neugestaltete Auflage, München
2009, S. 62–69 und passim.
30 Die Skulpturen Ludwigs I. in der Neuen Pinakothek
16
Adrian von Buttlar, Leo von Klenze. Leben,
Werk, Vision, München 1999, S. 280 f.
17
Eintrag Ludwigs vom Juni 1825 im Ausgabebuch
1820/21-1825/26 zur Büste des Komponisten
Georg Joseph Vogler von Joseph Kirchmayer.
18
»Verzeichnis der vorzüglichsten bayerischen
Künstler, welche in dem XV XVI XVII und XVIII
Jahrhundert sich besonders ausgezeichnet haben«
von Georg Dillis, 8. März 1827; Ludwig I.-
Archiv 26.
19
»Verzeichnis rühmlich ausgezeichneter Bayern
gebohrene oder in des K[önigs] Dienst befind liche«
von König Ludwig I., 6. November 1829; Ludwig I.-
Archiv 26.
20
Bemerkungen über »die in die bayerische Ruhmeshalle
aufzunehmenden Männer« von Eduard
von Schenk, 2. Mai 1837; Ludwig I.-Archiv 26.
21
»Anwartschaft f[ür] Bayerns Ruhmeshalle Würdiger«
von König Ludwig I., 15. Mai 1837; Ludwig
I.-Archiv 26.
22
Herbert W. Rott, Thorvaldsen im Museum. Ludwig
I. und der Saal der Neueren in der Glyptothek,
in: Bertel Thorvaldsen und Ludwig I. Der dänische
Bildhauer in bayerischem Auftrag, Kat. Ausst. München,
Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek,
hrsg. von Florian S. Knauß, München 2021,
S. 207–227.
23
Schreiben Kronprinz Ludwigs an Carl Haller von
Hallerstein vom 18. April 1816; zit. nach Gottlieb
Leinz, Baugeschichte der Glyptothek 1806–1830, in:
Glyptothek München 1830–1980, Kat. Ausst. München,
Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek,
hrsg. von Klaus Vierneisel und Gottlieb Leinz,
München 1980, S. 90–181, hier: S. 132; Kommentar
Klenzes zu seinem Grundriss der Glyptothek vom
8. Mai 1816; ebenda, S. 151.
24
Im Saal der Neueren waren an frühneuzeitlichen
Skulpturen lediglich eine Christusstatue von
Alessandro Algardi und eine Terrakottabüste mit
dem vermeintlichen Porträt Raffaels ausgestellt;
Glyptothek 1830, S. 219, Nr. 319 und 323.
25
Schreiben der Hausgutverwaltung an das Kultusministerium
vom 10. Juni 1918; München, Bayerisches
Hauptstaatsarchiv, MK 14381.
26
Schreiben Friedrich Dörnhöffers an den Obersthofmeisterstab
vom 30. Januar 1918; BStGS Archiv
Fach 49/5, Nr. 2196.
27
Zahlreiche Briefe Halbigs haben sich im Nachlass
Ludwigs I. erhalten; Nachlass König Ludwig I.
89/6/1-3.
28
Klenzeana I, 2, fol. 11 r-11 v.
29
Liste der in Schleißheim befindlichen Gipsbüsten
im Eigentum König Ludwigs I. von Konservator
Joseph Gündter, 4. März 1837; Kabinettskasse
König Ludwigs I. 52/1/5.
30
»Trug ihm [Nilson, d. Maler] auf Voit, dem Baumeister
auszurichten er solle innen d. Räume unten,
in dies. Gebäud. aufsparen, um 50 Künstler
Brustbilder [von] Gyps enthalt. zu könn.« (22. März
1851); Briefwechsel Ludwig I. – Klenze, Bd. III/1,
2011, S. 408.
31
Schreiben Clemens Zimmermanns an König
Ludwig I. vom 18. Mai 1854; Nachlass König Ludwig
I. 89/6/2.
32
Dies geht aus dem 1868 erstellten Inventar der
Sammlungen Ludwigs I. hervor, in dem als Standort
dieser Werke der »Saal der Künstlerbüsten« in
der Neuen Pinakothek genannt ist; Inventar 1868 b,
Nr. 203–257.
33
Verzeichniss der Gemälde in der Neuen königlichen
Pinakothek zu München, München 1871, S. IV.
34
Inventar 1868 b, Nr. 139–202, 258–265.
35
Inventar 1882.
36
Schreiben Ernst Buchners an den Wittelsbacher
Ausgleichsfonds vom 29. November 1954; BStGS
Archiv Fach 42/2, Nr. 2228.
37
Dr. Kunert, Sensationeller und erfreulicher
Fund in München. Gipsplastik vom Dichter Frh. v.
Zedlitz lagerte im Schloß Schleißheim. Kommt es
zu einem neuen Zedlitz-Denkmal?, in: Jauerniger
Heimatbrief 19, 1968, S. 7 f.
38
Siehe Anhang, S. 336–341.
39
Siehe dazu den Beitrag von Bernhard Maaz in
diesem Band, S. 6–15.
40
Rechnung der Speditionsfirma J. H. Herlitz vom
26. August 1916: »6 ueberlebensgroße und 22 lebensgroße
Figuren, 4 Gruppen, 4 Löwen, Sockeln
etc.«; München, Staatsarchiv, Landbauämter 2120.
Katalog der Skulpturen
32 Joseph Ernst von Bandel
33
Künstler Geboren am 17. Mai 1800 in Ansbach
als Sohn des Juristen und Direktors des Appellationsgerichtes
Georg Karl Friedrich Bandel, der
1813 durch König Max I. Joseph nobilitiert wurde
(Transmissions adel), gestorben am 25. September
1876 auf Gut Neudegg bei Donauwörth. – Nach
der Schulzeit in Ansbach und Nürnberg ging
Bandel 1816 nach München, wo er nach der Begegnung
mit Carl von Fischer die künstlerische
Laufbahn einschlug. Er schrieb sich an der Akademie
im Fach Architektur ein und arbeitete als
Bauzeichner im Atelier Fischers beim Bau des
Nationaltheaters mit. Nach Fischers frühem Tod
1820 wechselte er zur Malerei bei Peter und Robert
von Langer und zur Bildhauerei bei Johann
Nepomuk Haller. Bereits im Herbst 1820 zeigte er
auf der Ausstellung der Akademie die Gipsfigur
eines ruhenden Mars sowie zwei Porträtbüsten
aus Gips (nicht erhalten). Nach dem Tod des Vaters
wurde Bandel durch Max I. Joseph gefördert,
der ihm 1825 die erste Italienreise ermöglichte. In
Rom entstanden die Por trätbüste Max’ I. Joseph
sowie im Auftrag Ludwigs I. die Büste Franz von
Sickingens für die Walhalla. Nach der Rückkehr
nach München 1827 wurde Bandel von Ludwig I.
mit der Ausführung von zwei Giebelskulpturen für
die Glyptothek nach Modellen Hallers beauftragt.
Schon während der Ausführung dieses Auftrags
kam es zu Spannungen zwischen Bandel und dem
König, weil der selbstbewusste Künstler es als erniedrigend
empfand, nach Entwürfen anderer zu
arbeiten. 1830 wurde Bandel Mitglied im Verwaltungsausschuss
des Kunstvereins und schuf 1831
»aus freiem edlen Antrieb« die Porträtbüsten der
vier Gründer des Vereins, Friedrich Gärtner, Peter
Hess, Domenico Quaglio und Joseph Stieler
(Kunstverein München 1831, S. 7). 1833 beauftragte
Ludwig I. Bandel mit der Ausführung von
neun weiteren Porträtbüsten Münchner Künstler.
Ebenfalls im Auftrag des Königs sollte Bandel
sechs Nischenfiguren für den Außenbau der
Glyptothek wiederum nach Modellen Hallers ausführen,
was Bandel jedoch zurückwies. Nach dem
Zerwürfnis mit Ludwig I. siedelte Bandel 1834 mit
seiner Familie nach Berlin und anschließend nach
Hannover über. Seit 1837 beschäftigte er sich vornehmlich
mit jenem Projekt, mit dem sein Name
seit jeher verbunden ist: dem Hermannsdenkmal
im Teutoburger Wald. Geprägt von der Erfahrung
der Freiheitskriege gegen Napoleon und patriotisch
gesinnt hatte Bandel bereits 1819 erste Ideen
zu einem Nationaldenkmal entwickelt, das Arminius/Hermann
dem Cherusker als Sieger gegen die
römischen Invasoren gewidmet sein sollte. 1834
und 1838 stellte er ein Modell des Denkmals in
Berlin und Hannover aus. 1837 wählte Bandel die
Grotenburg im Teutoburger Wald als Standort und
siedelte mit der Familie nach Detmold über, um das
Projekt voranzutreiben. Zur Finanzierung durch
Spenden wurden Vereine in Detmold und später
in Hannover gegründet. Bandel selbst investierte
sein gesamtes Vermögen in die Realisierung des
Projekts. Nach Rückschlägen und Phasen der Stagnation
gab die Reichsgründung 1871 dem Vorhaben
entscheidenden Auftrieb. Der Reichstag und
Kaiser Wilhelm I. bewilligten größere Summen
zur Fertigstellung des Denkmals. Am 16. August
1875, ein Jahr vor Bandels Tod, wurde das Hermannsdenkmal
als erstes Nationaldenkmal des
deutschen Kaiserreichs eingeweiht. Das bildhauerische
Werk Bandels – neben dem Hermannsdenkmal
vor allem Idealplastik mit Motiven aus dem
antiken Mythos, Grabmäler und Porträts – bewegt
sich innerhalb der spätklassizistischen Konventionen.
Die Porträtbüsten der Münchner Zeit nehmen
aufgrund der naturalistischen, prägnanten Erfassung
der Physiognomien einen besonderen Rang
ein. Sie geben ein wirklichkeitsnahes Bild der dargestellten
Personen und lassen die individuellen
Züge markant hervortreten. Die Gipsabgüsse sind
sauber ausgearbeitet, die Gussnähte geglättet und
die Oberflächen fein geschliffen.
Schriften und Briefe [Joseph Ernst von Bandel,]
Hermanns-Denkmal. Dem Cherusker-Fürsten Hermann,
dem Befreier Deutschlands errichtet vom
Deutschen Volke, Hannover 1862; Joseph Ernst von
Bandel, Erinnerungen aus meinem Leben. Heraus-
gegeben, mit Erläuterungen versehen und bis zum
Tode des Meisters fortgeführt von Adolf Gregorius,
Detmold 1937 (Sonderveröffentlichungen des Naturwissenschaftlichen
Vereins für das Land Lippe,
Bd. 4); Ernst von Bandel an Wilhelm Tegeler. Briefe
zur Entstehungsgeschichte des Hermannsdenkmals
1850–1864, bearb. und eingeleitet von Rose Hellfaier,
Detmold 1975 (Nachrichten aus der Lippischen
Landesbibliothek Detmold, Heft 5)
Literatur Nagler, Bd. 1, 1835, S. 250; Allgemeine
Deutsche Biographie, Bd. 46, 1902, S. 202 f.
(Hyacinth Holland); Thieme/Becker, Bd. 2, 1908,
S. 436–438 (Paul Kühn); Hermann Schmidt, Ernst
von Bandel. Ein deutscher Mann und Künstler,
Hannover 1892; Neue Deutsche Biographie, Bd. 1,
1953, S. 574 (Margarete Braun-Ronsdorf); Ernst
von Bandel 1800–1876. Bildhauer in Hannover,
Beiheft zur Ausstellung im Historischen Museum
am Hohen Ufer, Hannover 1976; Karl-Alexander
Hellfaier, Die Bandel-Sammlung der Lippischen
Landesbibliothek Detmold in einer Dokumentation,
Detmold 1975 (Nachrichten aus der Lippischen
Landesbibliothek Detmold, Heft 6); Rudolf
Klußmann, Der Bildhauer Ernst von Bandel und
München. Zeitkritisches aus den Jahren 1823 bis
1834, in: Oberbayerisches Archiv, Bd. 103, 1978,
S. 327–331; Brigitte Bötel, Joseph Ernst von Bandel
1800–1876. Das bildhauerische Werk, Diss. Georg-
August-Universität Göttingen 1984 (Werkverzeichnis);
Allgemeines Künstlerlexikon, Bd. 6, 1992,
S. 563 f. (Peter H. Feist); Dictionary of Art, Bd. 3,
1996, S. 155 f. (Sepp Kern)
WAF B 39
Der Architekt Friedrich von Gärtner (1791–1847)
1831
Befund Gips, 58,0 × 32,2 × 27,2 cm – Inschrift
am Sockel vorn: FRIEDR: GAERTNER. / BAUMEIS-
TER.; rechts: JB [ligiert] sc. / 1831. / Abgusz – Auf
der Rückseite Zettel, darauf mit Kugelschreiber: 85
Provenienz Zwischen 1831 und 1837 durch König
Ludwig I. erworben.
Inventare 1868, Nr. 214; 1882, Nr. 52; 1890,
Nr. 135; WAF B, Nr. 39
Ausstellungen Kunstverein München 1831, S. 46,
Nr. 6 (»Bandel, Ernst von. Büste des Professors
Friedrich Gärtner, n. d. N. In Gyps«); Bayern. Kunst
und Kultur, Kat. Ausst. Münchner Stadtmuseum,
München 1972, S. 494, Nr. 1796 (Peter Böttger);
»Vorwärts, vorwärts sollst du schauen …«. Geschichte,
Politik und Kunst unter Ludwig I., Kat.
Ausst. Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum,
hrsg. von Johannes Erichsen und Michael Henker,
München 1986, S. 32 f., Nr. 15 mit Abb. (Susanne
Bäumler)
Literatur Nagler, Bd. 1, 1835, S. 250; Brigitte Bötel,
Joseph Ernst von Bandel 1800–1876. Das bildhauerische
Werk, Diss. Georg-August-Universität
Göttingen 1984, S. 211, Nr. 76 mit Abb.; Rott 2003,
S. 46, Abb. 4, S. 363
34 Bandel
35
Werk Friedrich Gärtner war neben seinem Antipoden
Leo von Klenze der meistbeschäftigte und
einflussreichste Architekt im Königreich Bayern
während der Regierungszeit Ludwigs I. Als Sohn
des Architekten und Münchner Hofbauintendanten
Andreas Gärtner studierte er bei Carl von Fischer
an der Akademie und ging anschließend von 1812
bis 1814 nach Karlsruhe und Paris, wo er mit dem
Architekturrationalismus Jean-Nicolas- Louis Durands
in Berührung kam. Für seine spätere Stilund
Formensprache als entwerfender Architekt war
ein ausgedehnter Aufenthalt in Italien von 1814 bis
1817 prägend, wo er unter anderem die mittelalterliche
Architektur Siziliens studierte. 1820 wurde er
als Nachfolger Fischers Professor für Architektur
an der Akademie. Seit 1822 fungierte er als künstlerischer
Leiter der Nymphenburger Porzellanmanufaktur.
Erst 1828 erhielt er die Möglichkeit, mit den
Großbauten an der Ludwigsstraße eigene Projekte
zu verwirklichen: die königliche Bibliothek (Auftrag
1828, Grundsteinlegung 1831), die Ludwigskirche
(Grundsteinlegung 1829) und die Universität
(Grundsteinlegung 1835). In den beiden folgenden
Jahrzehnten kamen weitere prestigeträchtige Aufträge
hinzu wie der Bau des königlichen Schlosses
in Athen (1836–1843), der Wittelsbacher Palast
(1843–1848), die Befreiungshalle bei Kelheim
(Grundsteinlegung 1842, mit Änderungen vollendet
von Leo von Klenze) und das Siegestor (Grundsteinlegung
1843, vollendet von Eduard Metzger). 1836
wurde Gärtner der persönliche Adel verliehen und
als Nachfolger Sulpiz Boisserées zum Generalinspekteur
der plastischen Denkmale Bayerns ernannt.
1841 folgte er Peter Cornelius als Direktor
der Münchner Akademie nach. 1 Durch diese Ämter,
seine zahlreichen Schüler an der Akademie und
die Funktion als Gutachter im Baukunstausschuss
übte Gärtner einen weitreichenden Einfluss auf die
Bautätigkeit im ganzen Königreich aus, der den seines
Konkurrenten Klenze noch übertraf. Ludwig I.
widmete ihm das Distichon: »Wie du es selbst, sind
deine Gebäude gediegen, verkünden / Späten Jahrhunderten
noch den nicht erkünstelten Ruhm.« 2 –
Die Büste zeigt Gärtner im Alter von 40 Jahren und
ist das früheste plastische Bildnis des Architekten.
Das volle, rundliche Gesicht, die kräftig gelockten
Haare und die Koteletten sind plastisch ausgearbeitet,
die Falten um Augen und Mund fein gezeichnet.
Der Blick ist fest auf den Betrachter gerichtet.
Entstehung Modell 1831, Abguss zwischen 1831
und 1837. – Gärtner gehörte neben Peter Hess,
Domenico Quaglio und Joseph Stieler zu den vier
»Stiftern« des Münchner Kunstvereins, jenen
Künstlern, auf deren Initiative hin es im Herbst
1823 zur Gründung des Vereins kam. Bandel berichtet
in seinen Lebenserinnerungen, dass er 1831
auf Wunsch des Vorstands die Bildnisse der vier
Gründer modellierte, um sie im Lokal des Vereins
aufzustellen. Er führte die Arbeit unentgeltlich aus,
erhielt dann jedoch als Anerkennung 80 Dukaten
und fertigte dafür jeweils einen weiteren Abguss
der Büsten, der den Dargestellten geschenkt wurde.
3 Die Büsten der vier Kunstvereinsgründer in
der Sammlung Ludwigs I. sind ebenfalls Abgüsse
der Modelle Bandels, die der König spätestens 1837
erworben hat, da die Büsten im März dieses Jahres
als in Schleißheim befindlich erwähnt sind. 4 Der
Ankauf ist in den Ausgabebüchern Ludwigs I. und
in den Kassenbüchern der Kabinettskassenverwaltung
jedoch nicht vermerkt. Er dürfte sie daher
als Geschenk erhalten haben. Ab 1854 standen die
vier Büsten im Büstensaal der Neuen Pinakothek.
1904 wurden die Büsten von Gärtner, Quaglio und
Stieler nach Schleißheim gebracht und dort deponiert.
Die Büste von Peter Hess war bereits 1901 als
Dauerleihgabe an das Bayerische Nationalmuseum
gegeben worden und ist verschollen. Größere Bekanntheit
als Porträt Gärtners erlangte die Büste,
die Johann Halbig 1848 im Auftrag Ludwigs I. für
die Ruhmeshalle schuf. Halbig verwendete dazu
ein eigenes Modell, das 1845 noch zu Lebzeiten des
Architekten entstanden war. Die Marmorbüste der
Ruhmeshalle wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt
und durch eine Replik von H. Goebel ersetzt. 5
1867 wurde, ebenfalls auf Veranlassung Ludwigs I.,
das Denkmal Gärtners auf dem Gärtnerplatz aufgestellt.
Max Widnmann schuf das Modell des Stand-
bildes, gegossen wurde es von Ferdinand Miller.
Das Porträt folgt ebenfalls dem Vorbild der Büste
Halbigs. Das Standbild wurde im Zweiten Weltkrieg
eingeschmolzen. Der Kopf blieb erhalten und wurde
auf einer modernen Stele neu aufgestellt. 6
Anmerkungen
1
Zur Biografie des Dargestellten vgl. Kunstverein
München 1847, S. 64 f. (Nachruf); Allgemeine
Deutsche Biographie, Bd. 8, 1878, S. 380 f. (Friedrich
Pecht); Neue Deutsche Biographie, Bd. 6, 1964,
S. 21 (Oswald Hederer); Friedrich von Gärtner. Ein
Architektenleben, 1791–1847. Mit den Briefen an
Johann Martin von Wagner, Kat. Ausst. Münchner
Stadtmuseum, hrsg. von Winfried Nerdinger, München
1992 (Ausstellungskataloge des Architekturmuseums
der Technischen Universität München
und des Münchner Stadtmuseums, Bd. 8), S. 219;
Allgemeines Künstlerlexikon, Bd. 47, 2005, S. 158–
160 (Elke Katharina Wittich).
2
Gedichte Ludwigs des Ersten, Königs von Bayern,
Bd. 4, München 1847, S. 166.
3
Joseph Ernst von Bandel, Erinnerungen aus
meinem Leben. Herausgegeben, mit Erläuterungen
versehen und bis zum Tode des Meisters fortgeführt
von Adolf Gregorius, Detmold 1937, S. 230 f.
4
Verzeichnis der Gipsbüsten im Privateigentum
Ludwigs I., die »gegenwärtig in der Königl. Gallerie
zu Schleissheim« aufgestellt sind vom 4. März
1837; Nachlass König Ludwig I. 52/1/5.
5
Halbig erhielt im Dezember 1848 440 fl. »für Anfertigung
der Büste des Direktors v. Gärtner«; Kassenbuch
60 a, 1848/49, S. 99, Nr. 1 (Ruhmeshalle).
Zur Büste in der Ruhmeshalle vgl. August Alckens,
Die Denkmäler und Denksteine der Stadt München,
München 1936, S. 26; Ruhmeshalle und Bavaria.
Amtlicher Führer, bearb. von Manfred F. Fischer
und Sabine Heym, 3. überarbeitete und neugestaltete
Auflage, München 2009, S. 120, Nr. 57.
6
Widnmann erhielt zwischen Dezember 1865
und April 1866 Zahlungen von insgesamt 1 500 fl.
»für Anfertigung des Modells zum Standbilde
des Architekten Friedrich von Gärtner«; Kassenbuch
75, 1865/66, S. 22, Nr. 3. Zum Denkmal am
Gärtnerplatz vgl. Alckens 1936 (wie Anm. 5), S. 46 f.;
Landeshauptstadt München Südwest. Ensembles,
Baudenkmäler, archäologische Denkmäler, bearb.
von Denis A. Chevalley und Timm Weski (Denkmäler
in Bayern, Bd. II/2, 2), Bd. 1, München 2004,
S. 232 mit Abb.; Gerd Reichardt, Heroen der Kunst.
Standbilder und Denkmale für bildende Künstler
im 19. Jahrhundert, Köln 2009 (LETTER Schriften,
Bd. 17), S. 165, Nr. 12.
WAF B 37
Der Architektur- und Landschaftsmaler
Domenico Quaglio (1787–1837)
1831
Befund Gips, 57,9 × 32,0 × 27,5 cm – Inschrift
am Sockel vorn: DOMINICO QUAGLIO / HOFMA-
LER.; rechts: JB [ligiert] fc: / 1831 – Bez. mit grüner
Kreide auf Stirn und Brust: 37 – Auf der Rückseite
gedruckter Inventarzettel mit handschriftlicher
Nummer in Bleistift: Königliche Neue Pinakothek /
Königl. Familiengut / Neues Supplement-Inventar /
Nr. 131
Provenienz Zwischen 1831 und 1837 durch König
Ludwig I. erworben.
Grafische Reproduktion a) Radierung von Hans
Rudolf Rahn, 1838. München, Münchner Stadtmuseum,
Inv. Nr. G M I/2840
Inventare 1868, Nr. 210; 1882, Nr. 40; 1890,
Nr. 131; WAF B, Nr. 37
Ausstellung Kunstverein München 1831, S. 46,
Nr. 5 (»Bandel, Ernst von. Büste des Hofmalers Dominic
Quaglio, n. d. N. In Gyps«)
Literatur Nagler, Bd. 1, 1835, S. 250; Brigitte
Bötel, Joseph Ernst von Bandel 1800–1876. Das
bildhauerische Werk, Diss. Georg-August-Unive r-
sität Göttingen 1984, S. 212, Nr. 77; Rott 2003,
S. 366
36 Bandel
37
damit zum Begründer der Münchner Architekturmalerei
und beeinflusste nachfolgende Künstler wie
Michael Neher und Max Emanuel Ainmiller. Seine
Darstellungen zeichnen sich durch eine hohe Detailgenauigkeit
aus und besitzen vielfach dokumentarischen
Rang. Besondere Bedeutung kommt den
zwischen 1821 und 1828 entstandenen Ansichten
der Münchner Residenz und ihrer Umgebung zu, in
denen Quaglio die Situation vor den durch Ludwig I.
veranlassten Um- und Neubauten dokumentiert.
Diese Werke wie auch einige Ansichten aus Frankreich
und Italien gelangten in die Sammlung Ludwigs
I., so dass der König schließlich nicht weniger
als zwölf Gemälde Quaglios besaß. 2 Ab 1833 bis zu
seinem frühen Tod 1837 leitete Quaglio im Auftrag
des Kronprinzen Maximilian die Renovierung und
Ausstattung der Burg Hohenschwangau. – Bandels
Büste zeigt den 44-jährigen Künstler mit gelockten
Haaren und modischen Favoris. Sie ist das einzige
plastische Bildnis Quaglios. Das rundliche Gesicht
wirkt lebensnah, die Muskulatur an Wangen und
Kinn ist plastisch durchgebildet. Der Blick aus den
Augen mit gebohrten Augensternen ist auf den Betrachter
gerichtet.
WAF B 36
Der Porträtmaler Joseph Stieler (1781–1858)
1831
Befund Gips, 59,2 × 34,0 × 27,7 cm – Inschrift
am Sockel vorn: IOSEPH STIELER / HOFMALER.;
rechts: JBandel [JB ligiert] fc / 1831 – Bez. mit grüner
Kreide auf Stirn und Brust: 36 – Am Sockel
vorn fragmentierter Klebezettel mit Aufdruck in
Schwarz: 3[2]; auf der Rückseite gedruckter Inventarzettel
mit handschriftlicher Nummer in Bleistift:
Königliche Neue Pinakothek. / Königl. Familiengut /
Neues Supplement-Inventar / Nr. 127 – Fehlstellen:
rechte Augenbraue, Kinn, Haarspitzen.
Provenienz Zwischen 1831 und 1837 durch König
Ludwig I. erworben.
Inventare 1868, Nr. 206; 1882, Nr. 32; 1890,
Nr. 127; WAF B, Nr. 36
Ausstellung Kunstverein München 1831, S. 46,
Nr. 20
Entstehung Modell 1831, Abguss zwischen 1831
und 1837. – Zur Entstehung und zur Aufstellung der
Büste siehe S. 34 f. unter WAF B 39. Die Büste wurde
durch den Schweizer Stecher Hans Rudolf Rahn
in einer Radierung reproduziert, die dem Jahresbericht
des Münchner Kunstvereins, der den Nekrolog
enthält, als Frontispiz beigegeben wurde (a). 3
Werk Domenico Quaglio gehörte einer verzweigten,
aus Oberitalien stammenden Künstlerfamilie
an, deren Mitglieder vorwiegend im Bereich der
Dekorations- und Perspektivmalerei tätig waren.
Von seinem Vater, dem Münchner Hoftheaterarchitekten
Giuseppe Quaglio, lernte er die Theatermalerei,
so dass er bereits 1803 eine Anstellung als
Dekorationsmaler am Hof- und Residenztheater
erhielt. Daneben erlernte er die grafischen Tech-
niken und entwickelte ein frühes Interesse an mittelalterlicher
Architektur. Ab 1811 veröffentlichte
Quaglio mehrere druckgrafische Ansichtenwerke
der »merkwürdigen Gebäude« Münchens und Bayerns.
1818 gab er seine Anstellung auf, um dank
einer von Max I. Joseph gewährten Unterstützung
durch verschiedene europäische Länder zu reisen
und vor allem mittelalterliche Bauten und Stadtansichten
zu malen und zu zeichnen. 1 Quaglio wurde
Anmerkungen
1
Zur Biografie des Dargestellten vgl. Kunstverein
München 1837, S. 79–81 (Nachruf); Brigitte Trost,
Domenico Quaglio 1787–1837. Monographie und
Werkverzeichnis, München 1973 (Materialien zur
Kunst des 19. Jahrhunderts, Bd. 6); Neue Deutsche
Biographie, Bd. 21, 2003, S. 31 f. (Peter Prange);
Allgemeines Künstlerlexikon, Bd. 97, 2018, S. 238 f.
(Susanna Partsch).
2
Rott 2003, S. 270–275.
3
Trost 1973 (wie Anm. 1), S. 200, Nr. IV.
38 Bandel
39
Farbauftrag von porzellanhafter Glätte, hatte sich
aber, vermittelt durch seinen Lehrer Füger, auch die
Eleganz und Lebendigkeit der englischen Porträtmalerei
des 18. Jahrhunderts angeeignet. Zwischen
1826 und 1850 malte er für Ludwig I. 36 Bildnisse
schöner Frauen, die sogenannte Schönheitengalerie.
2 1828 sandte ihn der König nach Weimar, um
das Bildnis Goethes zu malen. Dem Dichter war der
Umgang mit Stieler angenehm, und er schätzte den
Künstler, »der vom Deutschtum und Frommtun nicht
gelitten [habe], da sich seine Bildung von älterer Zeit
herschreibt«. 3 Stieler prägte mit seinen Schülern, zu
denen Friedrich Dürck und Joseph Bernhardt gehörten,
die Münchner Porträtmalerei noch über die
Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus. – Bandel gibt die
markante Physiognomie Stielers mit den betonten
Wangenknochen und dem spitz zulaufenden Kinn lebensnah
wieder. Die Haare sind in kräftigen Strähnen
nach hinten gekämmt. Der Blick, durch Augensterne
betont, ist leicht zur Seite gerichtet.
Literatur Nagler, Bd. 1, 1835, S. 250; Brigitte Bötel,
Joseph Ernst von Bandel 1800–1876. Das bildhauerische
Werk, Diss. Georg-August-Universität
Göttingen 1984, S. 210, Nr. 75; Rott 2003, S. 369
Werk Die Büste zeigt den 50-jährigen Joseph Stieler,
der seit 1820 die Stellung eines Hofmalers im
Dienst der bayerischen Könige innehatte. Nach der
Ausbildung in Würzburg bei Christoph Fesel und in
Wien bei Heinrich Füger war ein Aufenthalt in Paris
prägend, wo Stieler 1807/08 bei dem David-Schüler
François Gérard lernte, dem Hofmaler Napoleons.
1809 bis 1812 lebte Stieler in Italien; dort arbeitete er
in Mailand für Eugène de Beauharnais, über den er
mit dem Münchner Königshaus in Verbindung kam.
Ab 1812 lebte Stieler in München, unterbrochen
durch einen längeren Aufenthalt in Wien 1816 bis
1820, und malte Bildnisse der königlichen Familie,
darunter die Krönungsbildnisse Max’ I. Joseph und
Ludwigs I. Daneben entstanden Porträts für Auftraggeber
aus dem Adel und gehobenen Bürgertum. 1 Stilistisch
folgte Stieler dem Vorbild der klassizistischen
französischen Malerei mit einem dünnschichtigen
Entstehung Modell 1831, Abguss zwischen 1831
und 1837. – Zur Entstehung und zur Aufstellung
der Büste siehe S. 34 f. unter WAF B 39.
Anmerkungen
1
Zur Biografie des Dargestellten vgl. Kunstverein
München 1858, S. 50–52 (Nachruf); Allgemeine
Deutsche Biographie, Bd. 36, 1893, S. 189–196
(Hyacinth Holland); Ulrike von Hase, Joseph Stieler
1781–1858. Sein Leben und sein Werk. Kritisches
Verzeichnis der Werke, München 1971 (Materialien
zur Kunst des 19. Jahrhunderts, Bd. 4); Neue Deutsche
Biographie, Bd. 25, 2013, S. 328 f. (Ulrike von
Hase-Schmundt).
2
Gerhard Hojer, Die Schönheitengalerie König
Ludwigs I., 7. Aufl., Regensburg 2011.
3
Brief Goethes an Carl Friedrich Zelter, undatiert
[2. Juni 1828]; Der Briefwechsel zwischen Goethe
und Zelter, hrsg. von Max Hecker, Bd. 3: 1828–1832,
Frankfurt am Main 1918, S. 35.
WAF B 38
Lady Jane Ellenborough (Jane Elizabeth Digby,
1807–1881)
1831
Befund Gips, 64,3 × 43,3 × 29,4 cm – Inschrift
am Sockel vorn: LADY IANTHE / ELLENBO ROUGH;
rechts: JBandel [JB ligiert] / fecit a. D. / MDCCCXXXI –
Bez. mit Bleistift vorn oberhalb des Sockels: 150;
mit grüner Kreide auf Stirn und Brust: 38 – Auf
der Rückseite gedruckter Inventarzettel mit handschriftlicher
Nummer in Bleistift: Königliche Neue
Pinakothek. / Königl. Familiengut / Neues Supplement-Inventar
/ Nr. 71
Provenienz 1832 durch König Ludwig I. vom Künstler
erworben. 1
Inventare 1868, Nr. 150; 1890, Nr. 71; WAF B, Nr. 38
Literatur Brigitte Bötel, Joseph Ernst von Bandel
1800–1876. Das bildhauerische Werk, Diss. Georg-
August-Universität Göttingen 1984, S. 206 f., Nr. 73;
Rott 2003, S. 362
Werk Jane Digby, seit ihrer Heirat mit ihrem
ersten Ehemann als Lady Ellenborough bekannt,
führte ein unkonventionelles, aufsehenerregendes
Leben mit Stationen in England, Frankreich,
Deutschland, Griechenland und Syrien, an der Seite
von vier Ehemännern verschiedener Nationalitäten,
denen sie nach vier verschiedenen Riten angetraut
war, und einer weitaus größeren Zahl von
Liebhabern. Sie war die Enkelin von Thomas Coke,
1. Earl of Leicester, und wuchs in Holkham Hall auf,
einem der prachtvollsten palladianischen Landsitze
Englands. Sie war für ihre Schönheit berühmt,
trat kultiviert auf und beherrschte neun Sprachen. 2
Nach der Scheidung von Lord Ellenborough und
der Trennung von Felix Fürst zu Schwarzenberg,
mit dem sie einige Zeit in Paris gelebt hatte, kam
sie im Sommer 1831 nach München, wo Ludwig I.
auf sie aufmerksam wurde. Es entwickelte sich
ein engeres Verhältnis, der König ließ ihr kostbare
Geschenke zukommen, widmete ihr Gedichte und
schrieb, anstatt sich drängenden Staatsgeschäften
zu widmen, »parfümierte Briefe«. 3 Joseph Stieler
malte im Auftrag Ludwigs I. noch im selben Jahr ihr