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Der Arbeit die Schönheit geben

ISBN 978-3-422-98598-8

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»DER ARBEIT

DIE SCHÖNHEIT

GEBEN«

Tiepolo und seine Werkstatt in Würzburg



»DER ARBEIT

DIE SCHÖNHEIT

GEBEN«

Tiepolo und seine Werkstatt in Würzburg

Martin von Wagner Museum

der Universität Würzburg

in Kooperation mit dem

Museum für Franken, Würzburg

Herausgegeben von

Damian Dombrowski

unter Mitarbeit von Aylin Uluçam

Mit Beiträgen von Damian

Dombrowski, Verena Friedrich,

Claudia Lichte, Alexander Linke,

Aylin Uluçam und Ulrike Weikart


Diese Publikation erscheint anlässlich der Ausstellung

»Der Arbeit die Schönheit geben«

Tiepolo und seine Werkstatt in Würzburg

Veranstalter: Martin von Wagner Museum

der Universität Würzburg in Kooperation mit

dem Museum für Franken, Würzburg

31. Oktober 2020 bis 31. Januar 2021

Gemäldegalerie des Martin von Wagner

Museums der Universität Würzburg

Ausstellung und Katalog wurden großzügig gefördert durch:

Ernst von Siemens Kunststiftung

Herbert Wellhöfer, Würzburg

va-Q-tec, Würzburg

Wolfgang Ratjen Stiftung, Liechtenstein

Dr. Hedwig Waldmann-Klement, Langgöns

Tanja-Natascha und Jens Geisendörfer

Tavolozza Foundation, München

Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Sparkassenstiftung für die Stadt Würzburg

Dr. Peter Schlagbauer, Würzburg

Knauf Gips KG, Iphofen

Lauda Dr. R. Wobser GmbH & Co. KG, Lauda-Königshofen

Freunde der Würzburger Residenz e. V.

Frankenbund (Ortsgruppe Würzburg)

Soroptimist International, Club Würzburg

Alumni Universität Würzburg

Engel & Völkers Immobilien Würzburg

WOLFGANG RATJEN STIFTUNG

Liechtenstein


Inhalt

7 Grußwort

8 Vorwort und Dank

Essays

12 »Der Arbeit die Schönheit geben«

Tiepolo und seine Werkstatt in Würzburg

Damian Dombrowski

26 Originale, Pauskopien, Vorstudien, Merkskizzen

Das Würzburger Tiepolo-Urlaub-Zeichnungskonvolut

und die Werkstattpraxis

Ulrike Weikart

43 Morgenlicht und Schaffensdrang

Entdeckungen bei der Restaurierung der Gemälde

Die Frauen Roms vor Coriolan und Mucius Scaevola vor Porsenna

von Giambattista Tiepolo

Julia Pracher und Georg F. R. Pracher

Katalog

51 Kapitel 1

Um Tiepolo

Die Künstler bei Hofe

69 Kapitel 2

In Würzburg

Tiepolo in Dokumenten

89 Kapitel 3

Vor Würzburg

Generalprobe Palazzo Labia

107 Kapitel 4

»In seiner Mahlerey zimlich avanciret«

Die Ausstattung der Residenz


139 Kapitel 5

Entwerfen, Pausen, Kopieren

Die Tiepolo-Werkstatt in Aktion

195 Kapitel 6

Zweiklänge

Pendantgemälde der Würzburger Zeit

217 Kapitel 7

Vielfalt der Stile, Virtuosität des Strichs

Tiepolo als Meisterzeichner

251 Kapitel 8

Geistesblitze und Formenspiele

›Kapriziöse‹ Erfindungen

273 Kapitel 9

Historien mit Sehnsuchtsmotiv?

Die Flucht nach Ägypten in Zeichnung und Radierung

299 Kein Kapitel

Greser & Lenz

Eine Hommage an Tiepolo in Würzburg

303 Bibliografie

311 Bildnachweis

312 Impressum


Grußwort

Das Martin von Wagner Museum der Julius-

Maximilians-Universität Würzburg (JMU) ist eines

der bedeutendsten Universitätsmuseen Europas.

Die seit 1832 zusammengetragene Kunstsammlung

umfasst Bestände antiker und nachantiker

Kunst aus sechs Jahrtausenden Kunst- und Kulturgeschichte.

Die Würzburger Residenz, in deren Südflügel

das Museum seit 1963 seinen Sitz hat, gehört zum

UNESCO-Weltkulturerbe. Mit diesem Titel darf

sich das ehemalige Stadtschloss der Fürstbischöfe

vor allem wegen seiner unvergleichlichen Fresken

schmücken, welche Giambattista Tiepolo dort zwischen

1750 und 1753 ausführte. Mit der Ausmalung

des Kaisersaals und des Treppenhausgewölbes hat

dieser bedeutendste Künstler des 18. Jahrhunderts

echte Meisterwerke geschaffen.

Weniger bekannt ist der Umstand, dass auch

das Martin von Wagner Museum selbst ein ›Tiepolo-Ort‹

erster Güte ist. Nicht nur hat dieses älteste

Museum Unterfrankens schon sehr früh zwei

Gemälde erwerben können, die der Venezianer

hier in Würzburg für den Architekten der Residenz,

Balthasar Neumann, anfertigte. Auch bewahrt die

Graphische Sammlung des Universitätsmuseums

ein üppiges Konvolut von Arbeiten, die unmittelbar

mit dem dreijährigen Aufenthalt Tiepolos in Würzburg

zusammenhängen.

Glanzlichter unter den Exponaten aus dem Besitz

des Martin von Wagner Museums sind nicht

nur Zeichnungen von Giambattista Tiepolo selbst.

Auch die Entwürfe und Nachzeichnungen seines

Sohnes Giandomenico, der ihn nach Franken begleitete,

haben ihre unbestrittene Faszination.

Hinzu kommen Merkskizzen und Pauskopien, die

der wichtigste Mitarbeiter Tiepolos in dessen

Würzburger Jahren, Georg Anton Urlaub, für sich

anfertigen durfte. Ferner zahlreiche Radierungen,

denn auch in diesem druckgrafischen Medium haben

die Tiepolo ihre Meisterschaft bewiesen.

Das 250. Todesjahr des großen Venezianers ist

willkommener Anlass, in Gestalt einer Ausstellung

seiner zu gedenken. Die gegenwärtige Ausstellung

hat sich zum Ziel gesetzt, die Werkstattpraxis auch

und gerade hinsichtlich der Übertragungswege

vom Entwurf bis hin zur Ausführung der Kunstwerke

zu veranschaulichen. So erklärt sich ihr Titel

»Der Arbeit die Schönheit geben«, der auf eine Äußerung

von Tiepolos Auftraggeber, Carl Philipp von

Greiffenclau, zurückgeht. Der Würzburger Fürstbischof

brachte damit zum Ausdruck, was er von

dem soeben verpflichteten Künstler erwartete.

In einem Universitätsmuseum gehen Wissenschaft

und Kunst Hand in Hand. Die Ausstellung,

die im vorliegenden Katalog dokumentiert ist, zeigt

eine Vielzahl künstlerischer Werke von höchster

Qualität, aber auch die wissenschaftlichen Wege,

die ein besseres Verständnis dieser Werke erschließen.

Insbesondere baut die Tiepolo-Ausstellung auf

Einsichten auf, die im Rahmen einer Dissertation

am Würzburger Lehrstuhl für Kunstgeschichte gewonnen

worden sind.

Für ihre Initiative danke ich dem Direktor und

dem Kurator der Neueren Abteilung, Prof. Dr.

Damian Dombrowski und Dr. Markus Josef Maier,

sowie ihrer Projektmitarbeiterin Aylin Uluçam.

Dank gebührt auch dem Museum für Franken, insbesondere

seiner Leiterin, Dr. Claudia Lichte, für die

stets gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit.

Ich wünsche allen Besucherinnen und Besuchern

der Ausstellung viele interessante Einblicke.

Prof. Dr. Alfred Forchel

Präsident der Julius-Maximilians-Universität

Würzburg

7


Vorwort und Dank

1770 starb Giambattista Tiepolo, der berühmteste

Maler seines Zeitalters, in Madrid. Sein 250. Todesjahr

motivierte das Martin von Wagner Museum

der Universität Würzburg dazu, mit einer Ausstellung

des Künstlers zu gedenken, dessen Werke

für die Identität der Kulturstadt Würzburg ein unersetzlicher

Bestandteil sind. Gerade dort wird Tiepolo,

verständlicherweise, in erster Linie als Schöpfer

der unvergleichlichen Fresken in der Residenz

wahrgenommen. Eine Ausstellung, die sich überwiegend

aus Proben seiner Zeichenkunst (und der

seiner Mitarbeiter) zusammensetzt, verspricht eine

intimere Annäherung an den Künstler als das berauschende

Erlebnis von Treppenhaus und Kaisersaal.

Die unmittelbare Nachbarschaft des im Südflügel

der Residenz gelegenen Martin von Wagner

Museums zu Tiepolos Wand- und Deckengemälden

erlaubt Nah- und Fernblick in einem Zug, woraus

sich ein vollständigeres Bild der Künstlerpersönlichkeit

ergeben mag als aus der exklusiven Betrachtung

von Malerei oder Zeichnung. Beide Gattungen

verfügen jedoch über eine gemeinsame Wurzel,

nämlich eine voraussetzungslose Freiheit in der

Handhabung der künstlerischen Mittel.

Aussehen und Struktur der Ausstellung, die sich

auch im Aufbau des vorliegenden Katalogs widerspiegeln,

ergaben sich aus dem nahezu täglichen

Austausch mit Dr. Markus Josef Maier, dem Kurator

der Neueren Abteilung des Martin von Wagner

Museums der Universität Würzburg. Er brachte

sich mit zahlreichen Anregungen ein und war Korrektiv

in Zweifelsfragen, ganz zu schweigen von

seiner unverzichtbaren Präsenz bei der praktischen

Realisierung der Ausstellung. Zudem hat er die ausgestellten

Tiepolo-Dokumente im Staatsarchiv neu

transkribiert. Ihm sei an dieser Stelle auf das Herzlichste

gedankt – wie auch der zweiten Person, die

sich um die Ausstellung größte Verdienste erworben

hat: Aylin Uluçam wurde in der Hochphase der

Vorbereitungen bei sämtlichen kuratorischen Vorgängen

sowie für die Katalogredaktion zur so unentbehrlichen

wie unermüdlichen Stütze des Projekts.

Ihr organisatorisches Geschick, ihre fachliche

Kompetenz und nicht zuletzt ihre Begeisterung für

die Sache haben Ausstellung und Publikation in vielerlei

Gestalt mitgeprägt. Ihre Stelle wurde in großzügiger

Weise von der Universität Würzburg finanziert;

dafür geht ein besonderer Dank an Thomas

Leimeister, den Leiter der Finanzabteilung.

Ohne die Expertise von Dr. Ulrike Weikart, der

besten Kennerin unseres Bestandes an Zeichnungen

der Tiepolo-Werkstatt, wäre das wissenschaftliche

Niveau der Ausstellung deutlich niedriger

ausgefallen. Dank ihrer Mitarbeit tritt dieser Komplex,

der für die Entstehung der in Würzburg geschaffenen

Fresken und Staffeleibilder nicht gerade

unwesentlich ist, hier ins Licht der Öffentlichkeit,

zum ersten Mal in dieser Breite und Tiefe. Einmal

mehr gilt es den massiven Beitrag der Restauratorin

des Martin von Wagner Museums Inge Klinger

M. A. zu würdigen, die fast alle Zeichnungen für die

Präsentation vorbereitet und neu gerahmt hat. Das

gesamte Team des Martin von Wagner Museums

verdient einen herzlichen Dank, besonders Carolin

Koch, Ramin Shafiai, Max Nalbach und Hans-Jörg

Berghammer.

Mit dem Museum für Franken wurde frühzeitig

vereinbart, diese Ausstellung als Kooperation zwischen

unseren Häusern durchzuführen. Dies findet

in der Mitarbeit von Museumsleiterin Dr. Claudia

Lichte seinen sichtbaren Ausdruck im Katalog, doch

darüber hinaus verdient die zuvorkommende Unterstützung

und Kollegialität in allen Belangen besondere

Erwähnung; dabei sei ausdrücklich die immer

hilfsbereite Sammlungsmanagerin Katharina

Nittel hervorgehoben.

Auch den übrigen externen Autoren des Katalogs

sei herzlich gedankt. Neben Dr. Verena Friedrich

und Dr. Alexander Linke gehören zu ihnen

Julia Pracher M. A. und Dipl.-Restaurator Georg F. R.

Pracher, dem die grundlegende Restaurierung der

beiden Historienbilder Giambattista Tiepolos im

Besitz des Martin von Wagner Museums anvertraut

worden war. Die Maßnahme konnte über eine

hochherzige Spende von Dr. Hedwig Waldmann-

Klement und eine Beteiligung der Universität

Würzburg finanziert werden; wir sind sehr dankbar

dafür, in der Ausstellung mit den restaurierten

Gemälden aufwarten zu können; sie stellen eine

kleine Sensation dar. Dasselbe gilt für die Zeichnung,

in der die Aschaffenburger Karikaturisten

Greser & Lenz einen Entwurf Tiepolos für die Darstellung

des Kontinents Australien erkannt haben.

Die Zusammenarbeit mit ihnen war von umwerfender

Komik.

Der Dank des Museums gilt ferner der Bayerischen

Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten

und Seen, namentlich Susanne Streichfuß und

8


Konstanze Köppe, für die Erlaubnis, in den Prunkräumen

der Residenz Fotografien anfertigen zu

dürfen, um sie in der Ausstellung und im Ausstellungskatalog

zu verwenden, sowie André Mischke

vom Würzburger Institut für Kunstgeschichte für

die brillanten Neuaufnahmen. Er fotografierte auch

sämtliche Werke aus dem Bestand des Martin von

Wagner Museums, die das Gros der Exponate stellen;

wir bedanken uns sehr herzlich für die Möglichkeit,

auf den Institutsfotografen zurückgreifen

zu dürfen. Weitere unentgeltliche Unterstützung

erfuhr die Bildredaktion des Katalogs durch die

Staatsgalerie Stuttgart (Christiane Benecke) und

die Fondazione Giorgio Cini in Venedig (Monica

Bassanello).

Selbstverständlich gäbe es die Ausstellung nicht,

wenn nicht andere Sammlungen ihre Bereitschaft

erklärt hätten, sich für die Dauer der Ausstellung

von ihren Werken zu trennen. Hier geht unser Dank

an die Staatlichen Museen zu Berlin (Gemäldegalerie

und Kupferstichkabinett), an das Stadtmuseum

Fürth, an das Nationalmuseum Stettin, an die Musei

Civici di Venezia (Museo Correr), an das Staatsarchiv

Würzburg, an das Stadtarchiv Würzburg und an

eine Schweizer Privatsammlung. Den Verantwortlichen

dort sei für ihr freundliches Entgegenkommen

gedankt.

Ein ebenso wichtiger Pfeiler für die Realisierung

dieser Ausstellung ist die Finanzierung. Hier

konnten wir auf das Sponsoring durch eine Reihe

von Stiftungen, Institutionen, Vereinigungen, Unternehmen

und Privatpersonen bauen: die Ernst

von Siemens Kunststiftung, die Tavolozza Foundation,

die Stiftung Wolfgang Ratjen, die Sparkassenstiftung

für die Stadt Würzburg, die Universität

Würzburg, den Soroptimist International Club

Würzburg, die Alumni der Universität Würzburg,

die Freunde der Würzburger Residenz, den Frankenbund

(Ortsgruppe Würzburg), die Firma va-Qtec

Veitshöchheim, die Knauf Gips KG, die Lauda

Dr. R. Wobser GmbH & Co. KG, Engel & Völkers

Würzburg, Tanja-Natascha und Jens Geisendörfer,

Dr. Peter Schlagbauer und nicht zuletzt unseren

langjährigen Mäzen Herbert Wellhöfer. Jede einzelne

Spende hat zum Gelingen des Vorhabens

beigetragen, wofür das Museum zu großem Dank

verpflichtet ist. Der Gegenstand der Zuwendung

ist in diesem Fall von unbestreitbar hoher kultureller

Bedeutung. Mögen sich unsere Förderer überzeugen

lassen, dass ihr Betrag zur Tiepolo-Ausstellung

gut investiert ist. Und unsere Besucherinnen

und Besucher, dass ihre Zeit in der Ausstellung gut

investiert ist!

Prof. Dr. Damian Dombrowski

Direktor der Neueren Abteilung des Martin von

Wagner Museums der Universität Würzburg

9



Essays


DAMIAN DOMBROWSKI

»Der Arbeit die Schönheit geben«

Tiepolo und seine Werkstatt in Würzburg

Die Fresken, die Giambattista Tiepolo zwischen

1750 und 1753 in der Würzburger Residenz hinterlassen

hat, gehören ohne Frage zu den bedeutendsten

Schöpfungen des venezianischen Jahrhundertkünstlers.

Wenn uns diese Meisterwerke auch wie

Der Himmel auf Erden vorkommen mögen, wie es

der Titel der letzten großen Tiepolo-Ausstellung

in Würzburg treffend verkündete, 1 so sind sie dennoch

nicht vom Himmel gefallen, sondern das Ergebnis

unablässiger kreativer und handwerklicher

Arbeit. Die Produktivität der Tiepolo-Werkstatt

war enorm. Schon die Bewältigung des in seinen

Ausmaßen beispiellosen Treppenhausfreskos der

Würzburger Residenz erforderte eine zweckgenaue

Rekrutierung und ausgefeilte Koordination der Mitarbeiter

(von Aspekten wie Materialbeschaffung,

Gerüstaufbau oder Rechnungswesen einmal ganz

abgesehen). 2 Bei der letzten Restaurierung (2003 –

2006) wurde aus den technischen Untersuchungen

des Freskos geschlossen, dass Tiepolo drei bis vier

Arbeitsteams beaufsichtigt haben muss, jedes

einzelne bestehend aus einem Maler, einem Putzer

und einem Gehilfen. 3 Daneben entstand eine Vielzahl

an Staffeleigemälden, von Altarretabeln über

Historienbilder bis hin zu Werken nach dichterischen

Stoffen.

Der spiritus rector hinter allen diesen Unternehmungen

war der bei Ankunft vierundfünfzigjährige

Giambattista Tiepolo, der sich in Würzburg auf dem

Gipfel seiner schöpferischen Kräfte zeigte. Als einsames

Genie hätte er den Projekten der Jahre 1750

bis 1753 dennoch nicht zur Verwirklichung verhelfen

können; vielmehr sorgte er dafür, dass für wenige

Jahre so etwas wie eine Würzburger »industry of

art« entstand. 4 Tiepolo sollte, so die Erwartung des

Fürstbischofs, »nach seiner gerühmten stärcke der

arbeit die schönheit geben«. 5 Eine seiner Stärken

bestand darin, die Arbeitslast so zu verteilen, dass

er die ästhetische Seite – die Stimmigkeit von Komposition

und Kolorit, die Anpassung an die Lichtverhältnisse,

die Wohlgestalt der einzelnen Figur –

umso kontrollierter im Blick behalten konnte. Auf

dass das Ergebnis den Prozess vergessen mache;

auf dass die Arbeit am Ende unsichtbar werde und

den Platz an die Schönheit abtreten könne.

Genau dafür brauchte Tiepolo eine perfekt aufeinander

abgestimmte Werkstatt. Es gehört zu den

eher wenig beachteten Anzeichen von Genialität,

wenn ein Künstler seine Assistenten so zu formen

versteht, dass sie gleichsam zur Verlängerung seiner

Hand werden. Von Tiepolos Schüler Francesco

Lorenzi wird berichtet, er habe von einer Fassung

des Gemäldes Gebet am Ölberg eine Kopie angefertigt,

die dem Original so nahegekommen sei,

dass der Meister selbst die beiden Bilder nicht habe

auseinanderhalten können. 6 Nur wenigen ist eine

solche Ausdehnung der eigenen Handlungsmacht

vollständig gelungen: Raffael, Rubens, Bernini, nur

große und größte Namen kommen einem in den

Sinn. Wenn sich diese Größe nicht zuletzt an ihrer

Schaffenskraft bemisst, so gehört Tiepolo ganz

gewiss in die überschaubare Reihe jener seltenen

Künstler, die Jacob Burckhardt als die »primären

Meister« bezeichnet hat. 7

1 Ausst.-Kat. Würzburg 1996 (Tiepolo).

2 Siehe dazu Staschull 2006, S. 80 – 93.

3 Ebd., S. 91.

4 In Anlehnung an den Titel des epochalen Buches von Jennifer Montagu,

Roman Baroque Sculpture. The Industry of Art, New Haven 1989.

5 Nachricht über die Bereitschaft Tiepolos, nach Würzburg zu kommen,

vom 29. Mai 1750 (Kat. 7).

6 Siehe Zannandreis 1891, S. 427.

7 Burckhardt 1984, S. 294 u. 299.

8 Siehe Kat. 23, 30, 31, 33 – 42, 44 – 46.

9 Siehe Kat. 16, 17, 43, 49 – 51, 53 – 56, 58 – 61.

10 Siehe van der Wall 1996, S. 76f.

11 Siehe van der Wall 1996, S. 77f. Öhm 2009, S. 133 – 151 unternahm eine

stilkritische Zuschreibung weiter Teile der sogenannten »Tiepolo-

12


Die ›Tiepolo-Zeichnungen‹ des Martin von

Wagner Museums: Zuschreibungsfragen

Ein Organismus wie die Würzburger Tiepolo-Werkstatt

wirft zwangsläufig das Problem der Händescheidung

auf. Nur relativ wenige Blätter, die in

den Inventaren des Martin von Wagner Museums

den Namen Giambattista Tiepolos tragen, werden

heute noch als eigenhändige Schöpfungen angesehen.

Viel öfter handelt es sich um Nachzeichnungen

seines Sohnes Giandomenico, entweder nach

Studien oder nach ausgeführten Werken Giambattistas,

um einzelne Figurenerfindungen für eine

spätere Wiederverwendung zu bewahren. 8

Ein noch größeres Konvolut bilden die Kopien,

die Georg Anton Urlaub nach malerischen und grafischen

Arbeiten Giambattistas, häufiger jedoch

nach Zeichnungen Giandomenicos anfertigte, und

zwar sowohl nach dessen eigenen Entwürfen als

auch nach ricordi, mit denen der Sohn die Bildideen

des Vaters aufzeichnete. 9 Der Maler aus Thüngersheim

hatte sich in den späten 1740er-Jahren in

Venedig aufgehalten und in der Tiepolo-Werkstatt

entweder mitgearbeitet oder zumindest in regem

Austausch mit ihr gestanden. 10 Urlaubs Rückkehr

nach Würzburg erfolgte 1750 oder 1751 und damit

wohl nicht zufällig zeitgleich mit der Ankunft der

Tiepolo. Zahlreiche Kopien und ricordi nach ihren

Werken – hauptsächlich Zeichnungen 11 – lassen

keinen anderen Schluss zu, als dass er in Würzburg

zum innersten Kreis der Tiepolo-Werkstatt gehörte.

Aber auch Lorenzo, der jüngere der Tiepolo-

Söhne und ebenfalls angehender Maler, hat in

Würzburg gezeichnet; welche Blätter ihm zuzuweisen

sind, wird in der Forschung freilich kontrovers

beurteilt. Zu diesem ›Kernatelier‹ stießen weitere

Künstler; einige sind namentlich fassbar (Franz

Ignaz Roth, Johann Andreas Urlaub, Johann Christoph

Fesel, Lukas Anton Flachner, Johann Octavian

Salver), ohne dass ihnen bestimmte Zeichnungen

aus der fraglichen Zeit zugeschrieben werden

könnten. Daneben existieren solche Zeichnungen,

die auf eine Entstehung in der Tiepolo-Werkstatt

schließen lassen, deren Urheber aber in der Anonymität

verbleiben. 12

Die Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit

von Tiepolos Zeichenstil – die traumwandlerische

Sicherheit des Strichs, die Flüssigkeit der Übergänge,

die Effizienz der Mittel und die Freiheit des

Zugriffs darauf, die Lebendigkeit des Ausdrucks, das

zielsichere Zusammenfinden zu bildmäßiger Geschlossenheit

13 – tritt in seinen autografen Kreideund

Federzeichnungen unübersehbar hervor. Doch

noch in den Kopien, ricordi oder Übungen nach

seinen Werken, die in der Ausstellung die Mehrzahl

der Exponate stellen, schwingt immer etwas von

diesen Qualitäten mit, mal als unmittelbare Resonanz,

mal als ferneres Echo.

Auf jeden Fall geht aus der Fülle des Materials,

gleich wie eng oder lose im Einzelnen der Zusammenhang

mit den Originalen Giambattistas ist,

eines unmissverständlich hervor: In der Würzburger

Tiepolo-Werkstatt beanspruchte das zeichnerische

Medium einen enormen Stellenwert – nicht

nur hinsichtlich der praktischen Vorbereitung und

Durchführung von Wand- oder Staffeleigemälden,

sondern auch als Speicherort kreativen Wissens.

Schließlich war Zeichnen für jeden Maler das vorrangige

Mittel sowohl der Weltaneignung, also des

Lernens und Übens, als auch der Hervorbringung

von Welt, des Konzipierens und Komponierens. Die

Zeichnung ist das, was der Erfindungsmacht und

Entwurfskraft am nächsten steht; sie bezeichnet

den Übergang von der Imagination zur Materialität,

vom Nichtstofflichen zum Stofflichen, von dem,

was nur dem Künstler vor Augen steht, zu einer

›objektiven‹ Sichtbarkeit. Schon in dieser Hinsicht

kommen wir Tiepolo in seinen Zeichnungen sehr

nahe.

Skizzenbücher« im Martin von Wagner Museum (bes. WS 132 und WS

134) an Urlaub. Siehe dazu auch den Beitrag von Ulrike Weikart im

vorliegenden Band.

12 Zu diesem Themenkomplex siehe Öhm 2009, S. 102 – 178.

13 Zum Zeichner Tiepolo siehe (in Auswahl): Hadeln 1928; Lorenzetti

1946; Knox 1960; Ausst.-Kat. Stuttgart 1970; Pallucchini 1971; Ausst.-

Kat. Stuttgart 1997; Knox 1980; Ausst.-Kat. Cambridge, Mass. 1996;

Alpers/Baxandall 1996, S. 51 – 63; Schulze Altcappenberg 1996;

Ausst.-Kat. Rom 2014/15; Höper 2019; Klemm 2019; Ausst.-Kat. Venedig

2020.

13


1 | Giambattista Tiepolo, Apoll und die Kontinente, Detail: Amerika und der Götterhimmel, 1752/53.

Würzburg, ehemalige Fürstbischöfliche Residenz.

14


Ornamentale Strukturen in

Zeichnung und Malerei

Freilich geht bei ihm die Bedeutung der Zeichnung

über den Charakter eines Entwurfsmediums weit

hinaus. Das Zeichnerische ist für Tiepolo vielmehr

eine künstlerische Grundhaltung, die sich auch in

seinen malerischen Werken nicht verliert, sie bis zu

einem gewissen Grad sogar dominiert. Die Fresken

der Residenz befinden sich hoch über den Köpfen

der Besucher; aus der Entfernung nehmen wir sie

als ein einziges Schwelgen in der Farbmaterie wahr.

Von Nahem gesehen zeigt sich jedoch, dass ein

eminent grafischer Duktus über ihre Erscheinungsweise

gebietet. 14 Bei der Betrachtung von Details

kann bisweilen der Eindruck farbig lavierter Zeichnungen

entstehen. Wir sehen uns Schraffuren,

Strichelungen, Weißhöhungen, Liniengeflechten

gegenüber. 15 Zudem sind immer wieder Partien

eingestreut – mal einzelne Figuren, mal ganze

Gruppen –, die fast ohne koloristische Anteile auskommen.

16 Dieselben Phänomene prägen seine

Staffeleigemälde, in denen die koloristische Brillanz

ein enges Bündnis mit der zeichnerischen Matrix

eingeht.

Wenn Tiepolo demnach auch in seinen malerischen

Werken als Zeichner am Werk ist, so kommt

darin ein zentrales Merkmal seines Gestaltens zum

Vorschein: die Nähe zum Ornament, 17 die sich ohne

die Medialität der Linie nicht einstellen würde. Tiepolo

muss bei seiner Verpflichtung in Venedig

schon in Aussicht gestellt worden sein, dass nach

dem Kaisersaal die Decke des Treppenhauses – und

damit das größte freitragende Gewölbe, das je

über einen Raum gespannt worden war – auf ihre

Ausmalung wartete. 18 Vermutlich hat er darin die

Chance erkannt, den ihm eigenen ornamentalen

Modus in seiner wahrhaft welterschließenden

Funktion anzuwenden.

Das Ornamentale als Möglichkeit, die Welt in

ihren Rhythmen zu fassen, ist nirgendwo überzeugender

verwirklicht als im Fresko des Treppenhauses,

wo ja Sichtbares, Sinnbildliches und Göttliches

ineinander über- und aufgehen. 19 Es veranschaulicht

die Tatsächlichkeit der Welt genauso wie ihre höheren

Kräfte. Die Globalität des Freskos geht freilich

nur vordergründig aus der Ikonografie ›Erdteile

mit Götterhimmel‹ hervor; sie gründet vielmehr

in einer ornamentbewussten Gestaltung. 20 Aus

der Natur abgeleitet, sie aber nicht nachbildend,

verkörpert jedes Ornament unser Wissen um die

Prinzipien von Wachstum und Form. Ringe, Schichtungen,

Aus- und Einrollungen, Verzweigungen, die

in der Natur vorkommen (in den Jahresringen eines

Baumes ebenso wie in den Spiralen einer Galaxie),

bilden die Grundlage sowohl für ornamentale als

auch für kosmologische Systeme. 21 Auf genau diese,

Erkenntnis stiftende Weise – eine direkte, sinnliche

Erkenntnis, keine sittliche über den Umweg des

Denkens – weitet sich in Würzburg die Darstellung

der Kontinente zu einem umfassend welthaltigen

Bild.

Die über 677 Quadratmeter sich ausdehnende

Fläche, die sich ihm im Treppenhaus darbot, hat

Tiepolo dergestalt bewältigt, dass er die Gesamtkomposition

nach Art einer gigantischen Rocaille

organisierte [Abb. 1], bestehend aus grauen, bräunlichen,

gelblichen, orangenen und roséfarbenen

Wolken, die jede für sich zeichnerisch umrissen

sind. Doch nicht nur für die Großform bediente sich

Tiepolo grafischer Prägnanz, auch die einzelnen

Figuren des Freskos wahren in Konturierung und

Modellierung eine Nähe zum Zeichnerischen. Die

Gestalt des Merkur, der oberhalb des Europafrieses

14 Diese Eigenart wurde bereits sehr treffend beschrieben von Hetzer

1996 (1943), S. 226: »Und doch besteht zwischen dem Schattenton

der Zeichnung und der Farbigkeit des Freskos ein Zusammenhang,

wie wir ihn so bei keinem Venezianer kennen. Die der Zeichnung entstammende

Schwarz-Weiß-Reihe als Ausdruck von Licht und Schatten

schwingt in aller natürlichen Farbigkeit Tiepolos mit […] Es ist

dies ein abstrakter Zug in der sinnlichen Welt des Venezianers.«

15 Staschull 2006, S. 116 findet dafür den treffenden Ausdruck »kalligrafisches

Finito«.

16 Beispielsweise die Gruppe aus Jupiter und einem Jüngling links oberhalb

des himmelfahrenden Greiffenclau-Porträts [Abb. 13].

17 Vgl. Hetzer 1996 (1943), S. 234: »Seine Figuren haben zum Ornament

Beziehung, nachahmende und absolute Gestaltung werden von

demselben Rhythmus durchpulst.«

18 Siehe den Brief des Hofkammerpräsidenten Adam Friedrich von

Seinsheim an Joseph Franz von Schönborn vom 16. Dezember 1750:

»[…] vorgestern haben wir den famosen Mahler Tieppolo aus Venedig

hier zu sehen bekommen, welcher berufen worden, den Saal und die

Stiegen hier zu mahlen […]«; zit. nach Kossatz 1996 a, S. 179.

19 Zum Treppenhausfresko siehe Hetzer 1996 (1943), S. 283 – 303; von

Freeden/Lamb 1956, S. 51 – 64 und 76 – 98; Büttner/von der Mülbe

1980, S. 93 – 122; Ausst.-Kat. Würzburg 1996 (Tiepolo), Bd. 1, S. 98 – 121;

Helmberger/Staschull 2006; Staschull/Rösch 2009.

20 Vgl. Dombrowski 2013, S. 129 – 132.

21 Vgl. Phillips 2002, Nr. 5.

15


2 | Giambattista Tiepolo, Apoll und die Kontinente,

Detail: Merkur, 1752. Würzburg, ehemalige Fürstbischöfliche

Residenz.

3 | Giambattista Tiepolo, Apoll und die Kontinente,

Detail: Vögel unterhalb Apolls, 1752/53. Würzburg,

ehemalige Fürstbischöfliche Residenz.

4 | Giambattista Tiepolo, Apoll und die Kontinente,

Detail: Personifikation Afrikas, 1752/53. Würzburg,

ehemalige Fürstbischöfliche Residenz.

5 | Giambattista Tiepolo, Apoll und die Kontinente,

Detail: Papagei über der Tigerjagd im Asienfries, 1752/53.

Würzburg, ehemalige Fürstbischöfliche Residenz.

16


6 | Giambattista Tiepolo, Apoll und die Kontinente, Detail: Merkur und leere Himmelszone, 1752/53. Würzburg, ehemalige

Fürstbischöfliche Residenz.

mit elastischer Verve emporfliegt [Abb. 2], ist dafür

ein geradezu emblematisches Beispiel. 22

Die Figur setzt sich aus der Kombination von

C- und S-Bögen zusammen und trägt damit das

Grundvokabular des Rokoko in die menschliche

Gestalt hinein. 23 Darin besteht der einzige Sinn

von Merkurs ausladender Gebärde: Der C-Bogen

der Arme kehrt wieder in dem Schwung, welcher

Fackel, Arm und Kopf des begleitenden Putto verbindet,

aber auch in den geflügelten Schlangenköpfen

des caduceus in Merkurs linker Hand, in den

Schwingen seines – wegen der Untersicht unsichtbaren

– Helms und seines linken Schuhs (der rechte

Fuß darf keinen Schuh tragen, weil das ornamentale

Motiv sich sonst überkreuzen würde), in der

gespreizten Haltung von Daumen und Zeigefinger

seiner rechten Hand. Dieselbe Grundform unterliegt

allen möglichen Richtungswechseln, bis hin

zu dem nach unten gerichteten Bogen, der sich aus

dem rechten Bein und der hinteren Schwinge des

Putto ergibt.

In dieser ornamentalen Bestimmtheit ähnelt

die Figur der großen Wolkenkartusche, die in umgekehrter

Richtung von der Amerikaseite hinaufwirbelt,

aber genauso dem Kranich über der Ecke

zwischen Afrika und Amerika. Ja, morphologisch ist

Merkurs Kontur mit den überall eingestreuten, aus

zwei an- und abschwellenden Strichen aufgebauten

Vogel-Chiffren verwandt [Abb. 3], in denen die

Leiblichkeit der Götter- und Menschenwelt auf einen

geometrischen Begriff reduziert erscheint. Das

kleinste, fast abstrakte Zeichen trägt die Semiotik

der Kosmogenese in sich, die auch im größten

Motiv – der Wolkenkartusche – aufgehoben ist.

Wie eine beständige Erinnerung daran kommen

die Vögel, das vielleicht am meisten zeichnerisch

aufgefasste Element des ganzen Freskos, über die

gesamte Malfläche verstreut vor. Ihre Kreise ziehen

sie über den Erdteilen, aber genauso dringen sie

auch in den innersten Bezirk um Apoll.

Zwei dieser Vögel sind nahe der huldvollen

Geste der Personifikation Afrikas [Abb. 4] angeordnet;

ihre Umrissform wiederholt den Knick

ihres Arms. Das Prinzip der Selbstähnlichkeit, des

Wiederkehrens einer Form in den Ausprägungen

verschiedener Zustände und Größenordnungen, 24

bestimmt die formale Erscheinung des Treppenhausfreskos,

seiner Gesamtheit wie seiner Einzelheiten.

Der Papagei über der Tigerjagd [Abb. 5],

nahe der südwestlichen Ecke des Asienfrieses, entspricht

in seinem Umriss den Zweistrich-Vögeln, die

in dieser Rückenfigur (damit möglichst viel Form erhalten

bleibt) aus dem geometrischen in den organischen

Zustand überzugehen scheinen.

22 In der Ausstellung ist sie in Form eines besonders gelungenen ricordo

vertreten (Kat. 31). Die Freskierung des Treppenhausgewölbes begann

mit der Figur des Merkur; siehe Staschull 2006, S. 99 und Staschull

2009, S. 357f.

23 Vgl. Alpers/Baxandall 1996, S. 143 – 153 über die »Syntax des Rokoko«

im Würzburger Treppenhausfresko.

24 Ohne direkte Referenz in der Wirklichkeit kennt das Ornament keinen

absoluten Maßstab. Vgl. Phillips 2002, Nr. 39.

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7 | Giambattista Tiepolo, Armida und Rinaldo im Zaubergarten,

zwischen 1750 und 1753. Würzburg, Bayerische

Staatsgemäldesammlungen, Zweiggalerie in der

Residenz (Leihgabe der Bayerischen Verwaltung der

staatlichen Schlösser, Gärten und Seen).

8 | Giambattista Tiepolo, Armida und Rinaldo im Zaubergarten,

Anfang 1740er-Jahre. Chicago, The Art Institute.

Man könnte endlos fortfahren mit dem Aufdecken

solcher ornamentalen Bezugnahmen und

Zusammenhänge in Tiepolos Weltfresko. Aber schon

mit den bisherigen Beobachtungen dürfte klargeworden

sein, dass die beschriebene Formenkohärenz

keine malerische, sondern eine lineare, das heißt

zeichnerische Wurzel hat. Betrachtet man den Merkur

als lebendige Ganzheit, vor der Leere des dunstigen

Himmels [Abb. 6], so verstärkt sich dieser Eindruck

noch, denn es ist der Umriss, der sich glasklar

abzeichnet (schon die unvermittelt sich einstellende

Wortwahl ist von der grafischen Erscheinungsweise

geprägt). Theodor Hetzer hat dieses Phänomen darauf

zurückgeführt, dass Tiepolo immer den Raum

Venedigs in sich getragen habe, den ungegliederten

Raum des Meeres und des freien Horizonts, »gegen

den jede Figur und jede Bewegung sich groß abhebt«

25 Und so wird auch die Gestalt des Götterboten

als Ganze zu einem großen grafischen Zeichen.

Häufiger als in Einzelfiguren begegnet einem

dieser charakteristische Kontur in Gruppen wie

der Heiligen Familie in der Ruhe auf der Flucht

(Kat. 105), die Tiepolo vielleicht in Würzburg gezeichnet

hat, oder in Figurenpaaren wie in den

verschiedenen Versionen von Armida und Rinaldo,

von denen eine ganz sicher in Würzburg entstand

[Abb. 7]. 26 Zehn Jahre früher hatte er sich desselben

Stoffes in einem Gemäldezyklus für den Palazzo

Corner in Venedig angenommen [Abb. 8]. 27 Trotz

aller Unterschiede zwischen den beiden Fassungen

– Verhältnis Figur-Format, Figurenzuordnung,

landschaftliche Einbettung, koloristische Grundstimmung

– geht das Zusammenspiel Armidas, Rinaldos

und der bauschenden Gewänder beide Male

auf den rhomboiden Prototyp zurück, der eine,

wenn nicht die Basisfigur in Tiepolos formalem Repertoire

darstellt. Weil dieses Grundelement sich in

der Nähe zum Rocaille-Ornament hält, eignet Tiepolos

Figuren von Grund auf nichts Monadisches.

Vielmehr sind sie von einer Weltteilhabe bestimmt,

wie sie nur ein Gestalten aus tiefer Neigung zum

Ornamentalen vermitteln kann.

Besagter Prototyp ist auch für eine Art der Konfiguration

grundlegend, die für Giambattista und den

jungen Giandomenico Tiepolo besonders typisch

ist, jene zentrifugalen Konglomerate aus Allegorien,

25 Hetzer 1996 (1943), S. 234.

26 Würzburg, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Staatsgalerie

in der Würzburger Residenz (Leihgabe der Bayerischen Verwaltung

Schlösser, Gärten und Seen). Siehe Pedrocco 2003, S. 287f. und Ausst.-

Kat. Stuttgart 2019/20, S. 138f. (Damian Dombrowski).

27 Siehe Pedrocco 2003, S. 249.

28 Besonders ansprechende Ausprägungen dieses Typs sind: die Gruppe

um Venus und Saturn im Deckenfresko der Galleria Clerici (Mailand,

Palazzo Clerici), 1740; die Gruppe um Virtus und Nobilitas aus

dem Palazzo Barbarigo (heute Venedig, Ca‘ Rezzonico), 1744/45; die

Gruppe um den Fanfarenengel im Jüngsten Gericht als modello für

die Kapelle von Schloss Ludwigsburg (Vicenza, Intesa Sanpaolo, Gallerie

d’Italia), Mitte 1740er-Jahre; die Gruppe um Virtus und Nobili­

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9 | Giambattista Tiepolo, Apoll und die Kontinente,

Detail: Porträtmedaillon Carl Philipps von Greiffenclau

mit Herzogshut und Herzogsmantel, begleitet von Fama

und Virtus, über dem Europafries, 1752/53. Würzburg,

ehemalige Fürstbischöfliche Residenz.

10 | Giambattista Tiepolo, Apoll und die Kontinente,

Detail: ›Kapriziöse‹ Gruppe aus dem Asienfries, 1752/53.

Würzburg, ehemalige Fürstbischöfliche Residenz.

Putten, Draperien und oft allerlei wesensfremden

Objekten, die in vielen seiner Bildschöpfungen verdichtende

Wirbel ausbilden. 28 Einzelne Gliedmaßen,

Engelsflügel, Lanzen, Zepter, Fanfaren oder

Banderolen ragen aus einem kompakten Kern hervor

und verleihen diesen figürlichen Knäueln einen

stachelig-viralen Charakter. In Würzburg ist das

prominenteste Beispiel für diesen Kompositionstyp

die Gruppierung um das Greiffenclau-Porträt

[Abb. 9]. Mit volltönender Dynamik tritt es am Anfang

von Giandomenicos Idèe pittoresche sopra La

Fugga in Egitto in der Apotheose von Wappen und

Insignien desselben Fürstbischofs in Erscheinung

(Kat. 96). Weitere Exempel in diesem Katalog sind:

das wirbelnde Rad aus Armen, Beinen und Flügeln,

das die Gottesmutter vor den Seligen Simon Stock

trägt (nach dem Deckengemälde der Scuola Grande

del Carmine von 1748/49, das Giandomenico Tiepolo

kurz darauf in eine Radierung übertragen hat

[ Kat. 52]), und die Gruppe aus sechs Engeln (Kat. 23),

einem ricordo nach einem Detail aus der Marienkrönung

an der Decke von Santa Maria della Pietà

in Venedig, das seinerseits eine Würzburger Bildidee

weiterführt. Auch in seinen Capricci und Scherzi

(Kat. 83 – 91) ballen sich regelmäßig mehrere Figuren

und Gegenstände zusammen, wenn auch aus

Gründen, die uns verborgen bleiben. Wie sich etwas

Kapriziöses (»Launenhaftes«) allen Gebilden dieser

Art nicht absprechen lässt.

Freiheit und Verweigerung

Tiepolos erster Biograf hat es als hervorstechendes

Merkmal benannt, dass er »ganz Witz und Feuer«

sei; auf diese Weise habe er schon früh eine »flotte

und entschlossene Handschrift« angenommen. 29

Dieses »ganz« (»tutto spirito e foco«) lässt sich so

verstehen, dass der Maler sich mit solcher Verve

auf das Künstlerische der Gestaltung warf, dass bei

ihm das zu Gestaltende – ›Bedeutung‹ im gegenständlichen

Sinne – an die zweite Stelle rückte. 30

Im vertraulichen Raum der Zeichnung, aber

genauso auch in seinen großen, in der Mehrzahl

öffentlich oder halböffentlich sichtbaren Kompositionen,

unterläuft Tiepolo die Gebote von

tas aus dem Palazzo Dolfin-Manin (heute Pasadena, Norton-Simon-

Museum), um 1745/50; die Gruppe um die himmelfahrende Maria im

rechten Altarbild der Hofkirche der Würzburger Residenz; die Gruppe

um Gottvater in dem Altargemälde Die heilige Thekla betet für die

Pestkranken (Este, Dom), 1759; die Gruppe um die Assunta im Deckenfresko

des Oratorio della Purità (Udine), 1759.

29 In der Lebensbeschreibung von Tiepolos Lehrer Gregorio Lazzarini;

siehe Canal 1809, S. 31f.: »G. B. Tiepolo […], ora di gran nome, gli è

stato discepolo, quantunque si dipartisse dalla di lui maniera diligente,

giacchè tutto spirito e foco ne abbracciò una spedita e risoluta.«

30 Zu Bereichen jenseits der Gegenständlichkeit in Tiepolos zeichnerischem

Œuvre vgl. Alpers/Baxandall 1996, S. 60f.; Fassl 2004.

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Impressum

Ausstellungskonzeption und Katalog:

Damian Dombrowski unter Mitarbeit von Aylin Uluçam

Ausstellungsparcours und -aufbau:

Markus Josef Maier

Ausstellungsgestaltung:

Markus Josef Maier, Choon-Hee Bae

Covermotiv:

Giambattista Tiepolo, Die Frauen Roms vor Coriolan,

1752/53 (Kat. 62), Detail: Gesicht Vergilias.

Rückencover:

Giambattista Tiepolo, An einer Vase sitzender Junge und

Gruppe aus einer stehenden Frau und Orientalen vor Ruinen,

Radierung, vor 1742 (Kat. 83), Detail: Gesicht des Jungen.

Konservatorische und restauratorische Betreuung:

Ingeborg Klinger

Umschlaggestaltung und Kataloglayout:

Choon-Hee Bae

Lektorat:

Aylin Uluçam

Korrektorat (Verlag):

Katrin Boskamp-Priever, Christiane Weidemann

Korrektorat (Museum):

Carolin Koch, Hans-Jörg Berghammer

Satz und Umbruch, Bildbearbeitung:

Rüdiger Kern, Berlin

Druck und Bindung:

Graphisches Centrum Cuno, Calbe (Saale)

© 2020 Deutscher Kunstverlag GmbH Berlin München und

Martin von Wagner Museum der Universität Würzburg

Deutscher Kunstverlag GmbH Berlin/München

Lützowstraße 33

D-10785 Berlin

www.deutscherkunstverlag.de

Ein Unternehmen der Walter de Gruyter GmbH Berlin Boston

www.degruyter.com

ISBN: 978-3-98598-8

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

unter http://dnb.dnb.de abrufbar.

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