Bröhan 100 DE
ISBN 978-3-422-98709-8
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/ Bröhan 100 /
Herausgegeben von
Tobias Hoffmann
und Anna Grosskopf
Bröhan-Museum,
Landesmuseum für
Jugendstil, Art Deco und
Funktionalismus
/ Inhalt /
I
Einleitung
Bröhan 100 – Ein Blick zurück und nach vorn — 6
Ein Lieblingsstück: Zierteller der KPM Berlin — 18
II
Katalog
Französischer Art Nouveau — 20
Japonismus — 42
Arts and Crafts — 52
Die Weltausstellung 1900 in Paris — 64
Internationaler Jugendstil — 84
Jugendstil und Reformkunst in Deutschland — 98
Die Darmstädter Künstlerkolonie — 108
Berlin um 1900 — 118
Berliner Secession — 136
Die Werkstättenbewegung — 164
Gestaltung aus Wien — 176
Französischer Art Deco — 190
Die Exposition internationale des arts décoratifs et
industriels modernes 1925 in Paris — 216
Deutscher Art Deco — 222
Industriedesign und funktionalistische Gestaltung — 236
III
Anhang
Autorinnen und Autoren — 260
Bildnachweis — 262
Dank/Umschlag — 263
Impressum — 264
/ Bröhan 100 – Ein Blick zurück
und nach vorn /
Der Sammler Karl H. Bröhan, 1970er Jahre
1 Bröhan, Karl H.: Zum Geleit.
In: Ders. (Hg.): Porzellan. Kunst
und Design 1889 bis 1939. Vom
Jugendstil zum Funktionalismus
(= Bestandskataloge des Bröhan-
Museums, Bd. V.I), Berlin 1993,
S. 7.
Berlin 1993, Bröhan zitiert Goethe: „Sammlungen werden
meist von Privatleuten zusammengetragen, sie sind späterhin
aber am besten in öffentlichem Besitz untergebracht.
Nur hier erfüllen sie ihre eigentliche Funktion … Die
Direktion sollte für die Besucher gute Kataloge herstellen,
möglichst in historischer Folge.“ 1
Heute, 2021, wollen wir diese Forderung
mit dem vorliegenden Band einmal mehr erfüllen. Der Anlass
seines Erscheinens ist der hundertste Geburtstag
unseres Museumsgründers Karl H. Bröhan (1921–2000) –
der die Funktionen des Sammlers und Direktors übrigens
in Personalunion erfüllte – am 6. Juli 2021. Das Jubiläum
macht nachdenklich: Die letzten Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter, die Karl H. Bröhan noch selbst einstellte,
gehen derzeit eine nach dem anderen in den Ruhestand.
Erstmals seit der Gründung arbeiten im Bröhan-Museum
mehrheitlich Menschen, die den Sammler nicht mehr
persönlich gekannt haben. Das Museum ist heute ein anderes
– und dennoch: Auch als Landesmuseum mit jährlich
über 80 000 Besucherinnen und Besuchern, mit neuen
Themen und Schwerpunktsetzungen hat sich das Bröhan-
Museum den intimen Charakter eines privaten Hauses
bewahrt. Manche berichten noch heute von den Anfängen
7 / Bröhan 100 – Ein Blick zurück und nach vorn
Ausstellungsräume im Privatmuseum
Sammlung Karl H. Bröhan,
Max-Eyth-Straße 27
2 Bröhan, Karl H.: Rückblick.
In: Ingeborg Becker / Dieter
Högermann (Hg.): Zum 25jährigen
Bestehen des Bröhan-
Museums, Berlin 1998, S. 7–11,
hier S. 8.
3 Ebd., S. 7. Bei dem erwähnten
Katalog handelt es sich um
Bröhan, Karl H.: Porzellan-Kunst,
Berlin 1969.
in der Max-Eyth-Straße, wo 1973 tief im Westen der geteilten
Stadt Berlin das erste Bröhan-Museum eröffnete.
Es muss ein besonders charmanter und inspirierender Ort
gewesen sein, ganz dazu angetan, die schönen Dinge einer
fast vergessenen Epoche zu bewahren und behutsam
wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu heben.
Außerdem, wenn auch hinter den Kulissen: ein Ort der
Forschung über einstmals bedeutende Manufakturen,
seinerzeit bahnbrechende Kunsthandwerkstechniken und
all die Details echter Kennerschaft, die die frühen Bestandskataloge
zum Evangelium einer ganzen Sammlergeneration
gemacht haben.
Die Geschichte des Bröhan-Museums beginnt
1965 mit dem Umzug des Hamburger Kaufmanns
Karl H. Bröhan und seiner kleinen Familie nach West-
Berlin. Sein Vermögen hat er, der selbst nicht aus reichem
Hause stammte, als Inhaber einer zahnmedizinischen
Großhandlung erworben und ist nun, in der Lebensmitte,
auf der Suche nach neuen Herausforderungen jenseits
des unternehmerischen Erfolgs. Berlin verspricht den ersehnten
Neuanfang: eine Metropole mit glanzvoller Vergangenheit,
zerstört und zerrissen durch den Zweiten
Weltkrieg, traumatisiert und doch voller Leben. Seit 1961
verläuft eine Mauer durch die geteilte Stadt, John F.
Kennedy spricht vor dem Rathaus Schöneberg, die Rolling
Stones spielen in der Waldbühne, und in der Studentenschaft
brodelt es. Gigantische Bauprojekte prägen die
Stadt im Osten wie im Westen. Bröhan findet hier, was er
im vergleichsweise bürgerlich-saturierten Hamburg vermisst
hatte: „Offenheit, geistige Anregung, Unkonventionalität,
künstlerischen Reichtum und Vielfalt.“ 2 In dieser
Stadt, in dieser Zeit eine Kunstsammlung aufbauen? Ein
verwegener Plan.
Die Sammlung beginnt, wie Sammlungen
eben beginnen: als Liebhaberei, mit gelegentlichen privaten
Käufen. Doch rasch setzt eine Professionalisierung
ein, es bilden sich Schwerpunkte heraus. Dem Berliner
Porzellan des 18. Jahrhunderts, sowohl der 1763 gegründeten
KPM als auch ihrer Vorgänger-Manufakturen
Wegely und Gotzkowsky, gilt Bröhans erste Leidenschaft.
In wenigen Jahren entsteht eine Sammlung von musealer
Qualität, die 1969 im Schloss Charlottenburg ausgestellt
wird, begleitet von einem umfangreichen Katalog, den
Bröhan später als seine „Lehrlingsarbeit“ bezeichnen wird. 3
Ausstellung und Katalog haben zwei Teile. Der erste,
„Berliner Porzellane vom Rokoko bis zum Empire“, stellt
8 / Bröhan 100 – Ein Blick zurück und nach vorn
4 Die erste Sammlung Bröhan,
Berliner Porzellan des 18. und
19. Jahrhunderts, befindet sich
heute im Besitz des Landes
Berlin. Teile davon sind als Dauerleihgabe
an die Stiftung Preußische
Schlösser und Gärten in
dem von Carl Gotthard Langhans
errichteten Belvedere im Park
des Charlottenburger Schlosses
ausgestellt.
eine abgeschlossene Sammlung vor, der zweite, „Kunst-
Porzellane und Keramik um 1900“, ein neu erwachtes
Interesse des Sammlers. Vom Porzellan des 18. und 19. Jahrhunderts
trennt sich Bröhan kurz darauf, die Zeit um 1900
wird ihn dagegen nicht mehr loslassen. 4
„Ich hatte bemerkt, dass in der Epoche um
1900 ein kaum bekannter Schatz lag, der nur darauf zu
warten schien, gehoben zu werden“, schreibt der Sammler
1998 im Rückblick. Bröhan erwirbt Porzellan, Glas, Keramik,
Möbel und Metallarbeiten des Jugendstils und des Art
Deco, außerdem funktionalistische Gestaltung von ihren
Anfängen im 19. Jahrhundert bis in die 1930er Jahre. Den
zeitlichen Rahmen seiner Sammlung definiert er genau:
von der Pariser Weltausstellung 1889, bei der der Jugendstil
erstmals zutage trat, bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs
1939, der den letzten großen Epochenstilen ein Ende
setzte. Dabei orientiert er sich an den wichtigen Figuren,
Institutionen und Ereignissen der Zeit, kauft Objekte aus
dem Umkreis von Siegfried Bings Pariser Galerie L’Art
Nouveau und Meier-Graefes Maison Moderne, von Gestaltern
des Deutschen Werkbunds und Künstlerinnen der
Wiener Werkstätte. Noch heute zeugen rote Anstreichungen
in den mittlerweile archivierten historischen Zeitschriften
davon, wie intensiv er diese Publikationen studierte,
um die seinerzeit bedeutenden, wirkmächtigen Entwürfe
und Manufakturen zu identifizieren.
Parallel zur Gestaltung interessiert sich
Bröhan für die Kunst der Berliner Secession, denn auch
hier gilt es, verschüttete Werke und Akteure wieder
ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Er konzentriert
sich zunächst auf Hans Baluschek, Karl Hagemeister
und Willy Jaeckel, etwas später wird diesen „großen Drei“
noch Walter Leistikow an die Seite gestellt. Bröhans Ehefrau
und Partnerin beim Aufbau der Sammlung und
des Museums, die Kunsthistorikerin Dr. Margrit Bröhan,
widmet diesem Bereich besondere Aufmerksamkeit
und wird in den folgenden Jahren vielbeachtete Monografien
zu Hans Baluschek, Walter Leistikow, Franz Skarbina
und Karl Hagemeister vorlegen.
Sammeln und Forschen gehen Hand in
Hand. Die Sammlung wird begleitet vom Aufbau einer
Fachbibliothek und eines Archivs. Bröhan, längst selbst
Experte auf seinem Gebiet, beschäftigt einen kleinen
Mitarbeiterstab, um seinen wachsenden Bestand zu katalogisieren
und in mehreren Bänden zu veröffentlichen.
Acht erscheinen zu seinen Lebzeiten, der letzte, „Glaskunst
9 / Bröhan 100 – Ein Blick zurück und nach vorn
5 Bröhan 1998, S. 9.
6 Ebd.
1889–1939“, im Jahr 2010. Mit der Sammlung wächst der
Wunsch nach einem dauerhaften Ausstellungsort, und so
erwirbt Bröhan eine Villa in Berlin-Dahlem, die 1973 als
Privatmuseum Sammlung Karl H. Bröhan eröffnet wird.
Die 550 qm Ausstellungsfläche in dem 1922 erbauten
ehemaligen Wohnhaus des Bankdirektors Ludwig Berliner
reichen zwar schon damals nur für einen Teil der Sammlung,
doch sie bieten einen kongenialen Rahmen: „In den
eleganten Räumen des repräsentativen Hauses unter den
Bäumen des Grunewalds konnten wir […] das Kunstwollen
eines anspruchsvollen kultivierten Bürgertums vor dem
Zweiten Weltkrieg vorzüglich vermitteln.“ 5 In diesem ersten
Bröhan-Museum entwickelt der Sammler ein Präsentationskonzept,
dem er fortan treu bleibt: Möbel, Gemälde
und Skulpturen, Kunsthandwerk und Designobjekte
werden zusammen ausgestellt und bilden räumliche Ensembles,
um in ihrem Nebeneinander auf die Gleichwertigkeit
aller Kunstgattungen aufmerksam zu machen. Auf
einem historischen Foto der Räume sieht man Möbel
von Louis Majorelle und eine Bodenvase von Sèvres neben
Gemälden von Karl Hagemeister; im Vordergrund eine
Vitrine mit Jugendstilporzellanen der KPM.
„Jeder Sammler steht eines Tages vor der
Frage, was aus seinem Hort werden soll.“ 6 Karl H. Bröhan
entschließt sich zu einem mäzenatischen Akt: Anlässlich
seines 60. Geburtstages schenkt er die Sammlung dem
Land Berlin, einzige Bedingungen sind ihr Erhalt als
geschlossenes Konvolut und eine dauerhafte Ausstellungsmöglichkeit.
Mit der Eröffnung des Bröhan-Museums
am heutigen Standort in der Charlottenburger Schloßstraße
1a am 14. Oktober 1983 wird beides Wirklichkeit. Das
spätklassizistische Kasernengebäude, das zum Architekturensemble
des Charlottenburger Schlosses gehört
und seit dem Ersten Weltkrieg eine Vielzahl verschiedener
Nutzungen erfahren hat, passt gut zu den Anforderungen
des jungen Museums. Man bespielt erst nur das Erdgeschoss
mit der stetig wachsenden Kollektion und ersten
Sonderausstellungen, 1990 wird die dritte Etage hinzugewonnen,
1998 die erste. 1994 wird das Bröhan-Museum
eine Stiftung öffentlichen Rechts in der Trägerschaft des
Landes Berlin, das Landesmuseum für Jugendstil, Art
Deco und Funktionalismus, wie fortan der Untertitel lautet,
ist zu diesem Zeitpunkt längst eine feste Größe in der
Kulturlandschaft der wiedervereinigten Hauptstadt. Karl
H. Bröhan erhält zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen,
unter anderem das Bundesverdienstkreuz und
10 · 11 / Bröhan 100 – Ein Blick zurück und nach vorn
Das heutige Bröhan-Museum in der Charlottenburger Schloßstraße
7 Buddensieg, Tilmann: Zum
Tod des Kunstmäzens und
Berliner Museumsgründers. In:
Tagesspiegel, 04.01.2000.
8 Bröhan 1998, S. 7.
9 Ebd., S. 12.
eine Berliner Ehrenprofessur. Er bleibt Direktor seines
Museums und wird die Sammlung bis zu seinem Tod
durch kontinuierliche Ankäufe erweitern. Als Bröhan am
2. Januar 2000 nach kurzer schwerer Krankheit im Alter
von 78 Jahren stirbt, hinterlässt er nicht nur ein „wohlgeordnetes
und vollendetes Lebenswerk“ 7 , wie der Kunsthistoriker
und Sammlerkollege Tilmann Buddensieg in
seinem Nachruf schreibt, sondern mit dem Bröhan-Museum
auch einen Ort, der für zahlreiche Sammlerinnen
und Sammler seiner und der nachfolgenden Generation
zur zweiten Heimat geworden ist.
Es ist beeindruckend, wie viele Menschen
Karl H. Bröhan mit seiner Entdeckerfreude, seinem forschenden
Geist und seinem Sinn für Form, Material und
Ästhetik inspiriert hat. Noch heute melden sich bei uns die
Besitzer von kleinen oder größeren „Satellitensammlungen“
und berichten von ihren Erweckungserlebnissen vor
den Vitrinen des Bröhan-Museums, von Ausstellungen,
Vorträgen und Begegnungen mit dem Sammler, die eine
lebenslange Passion für den einen Künstler oder die andere
Gestalterin, eine bestimmte Kunsthandwerkstechnik
oder Manufaktur auslösten. Nicht selten landen solche
Sammlungen als Schenkung oder Erbschaft im Bröhan-
Museum.
„Mich hat es als Sammler und Kunstliebhaber
nie gereizt, ausgefahrene, bekannte Wege zu gehen“,
schreibt Bröhan 1998. 8 „Genau betrachtet ist das Bröhan-
Museum ein Dach, unter dem eine Vielzahl von Spezialsammlungen
vereint ist […]. In fünfzig Jahren hat sich,
gegen die leeren Formeln des Historismus, vom Jugendstil
bis zum Industriedesign die Ästhetik des 20. Jahrhunderts
entwickelt, ist die Formensprache ausgebildet worden, mit
der wir heute leben.“ 9 Was für eine Sammlung – was für
ein Vergnügen, heute mit ihr zu arbeiten!
Seit 2013 hat das Bröhan-Museum mit
Dr. Tobias Hoffmann erstmals einen Direktor, der nicht aus
dem unmittelbaren Umfeld des Sammlers stammt. 2000
war ihrem Mann zunächst Dr. Margrit Bröhan, danach die
langjährige Stellvertreterin Dr. Ingeborg Becker gefolgt,
die beide jeweils eigene Akzente gesetzt, die grundsätzliche
Linie jedoch beibehalten hatten.
Was jedoch ist die grundsätzliche Linie
des Bröhan-Museums und wie positioniert man sie in der
heutigen Museumslandschaft Berlins?
Mit einem Museum verhält es sich wie mit
allen Dingen des Lebens – es muss sich weiterentwickeln.
12 / Bröhan 100 – Ein Blick zurück und nach vorn
13 / Bröhan 100 – Ein Blick zurück und nach vorn
Es gibt nichts Schlimmeres und Traurigeres als Museen,
die auf einem bestimmten Stand stehen bleiben und
sich nicht mehr verändern. Dem haben wir in den letzten
Jahren nach Kräften entgegengewirkt: Die Sammlung ist
weiter gewachsen, und es ist – trotz beklagenswert geringer
öffentlicher Ankaufsetats – gelungen, einige wichtige Werke
und Objektgruppen für das Museum zu sichern. Vor
allem im Bereich des Industriedesigns und der funktionalistischen
Gestaltung sind bedeutende Neuzugänge zu
verzeichnen, so etwa ein umfangreiches Konvolut zum
Neuen Frankfurt inklusive einer „Frankfurter Küche“,
Berliner Stahlrohrmöbel sowie Möbel und Beleuchtungskörper
des tschechischen Funktionalismus. Durch den
Erwerb verschiedener Möbel und Objekte u. a. von Edward
William Godwin, William Morris, Charles F. A. Voysey
und Ambrose Heal konnte die in Relation zu ihrer Bedeutung
in der Sammlung bisher unterrepräsentierte Artsand-Crafts-Bewegung
entscheidend ergänzt werden. Und
auch der Sammlungsbereich Grafikdesign und Plakatkunst
hat sich in den letzten Jahren äußerst positiv entwickelt
– mit Arbeiten von Eugène Grasset, Alfons Mucha,
Jules Chéret, Pierre Bonnard, Fidus, Ludwig Hohlwein,
Willi Baumeister und George Grosz, um nur einige bekannte
Namen zu nennen. Hinzu kommen immer wieder Entdeckungen
abseits des kunsthistorischen Kanons – wie
die Werke Martin Brandenburgs, eines bisher wenig erforschten
symbolistischen Malers der Berliner Secession,
von dem das Museum inzwischen vier bedeutende Werke
besitzt. Ganz in der Tradition seines Gründers sammelt
das Bröhan-Museum weiterhin antizyklisch und vermeidet
die „ausgefahrenen Wege“, die schon ihn langweilten.
Margrit Bröhan und der von ihr begründete Verein Freunde
des Bröhan-Museums e.V. sind uns dabei oft eine unentbehrliche
Hilfe.
Die Sonderausstellungen der letzten Jahre
haben das Themenspektrum erweitert und Kunst und
Design der Jahrhundertwende vermehrt in einen Dialog
mit zeitgenössischen Werken gebracht. Die ungeheure
Vielfalt und Anschlussfähigkeit der Sammlung Bröhan, die
ästhetische, kulturgeschichtliche, politische und noch
viele andere Themenfelder streift, ermöglicht dies und fordert
nachgerade dazu auf. So konnten wir in Ausstellungen
wie „Do It Yourself Design“ (2016), „Berliner Realismus“
(2018), „Von Arts and Crafts zum Bauhaus“ (2019) oder
„Luigi Colani und der Jugendstil“ (2020) unsere Bestände
immer wieder neu kontextualisieren.
Blick in die Dauerausstellung, 2020
14 · 15 / Bröhan 100 – Ein Blick zurück und nach vorn
Die Aufgaben eines Museums werden
heute anders definiert als noch vor 20 Jahren. Neben der
klassischen Sammlungs- und Ausstellungstätigkeit
übernehmen Museen zunehmend auch gesellschaftliche
Verantwortung, indem sie für niedrigschwellige, inklusive
Zugänge sorgen und sich fragend und forschend mit
der eigenen Sammlungsgeschichte auseinandersetzen.
Mit den Bereichen Vermittlung und Outreach sowie Provenienzforschung
wurden daher neue Arbeitsfelder
erschlossen und diese wichtigen Zukunftsthemen auch
personell im Museum verankert.
Das Sammlerpaar Karl und Margrit Bröhan
hat sich zweimal für Berlin entschieden. Einmal, als sie
am Tiefpunkt der Stadtgeschichte kurz nach dem Mauerbau
nach Berlin kamen, und dann Anfang der 1980er
Jahre, als sie Berlin trotz anderer Optionen als Adressatin
ihrer Sammlungsdonation auswählten. Die Stadt und
damit auch die Rolle ihrer Museen hat sich seitdem gewaltig
verändert. Das heutige Berlin – als deutsche Hauptstadt
– ist der wichtigste Museumsstandort Deutschlands,
der mit der sukzessiven wirtschaftlichen Erholung der
Stadt auch immer noch wichtiger werden wird. In dieser
einzigartigen Museumslandschaft ist es besonders
wichtig, dass das Bröhan-Museum seine grundsätzliche
Linie klar definiert und kommuniziert.
Darum noch einmal die Frage nach der
grundsätzlichen Linie des Museums. Obwohl es eine
bedeutende Jugendstilsammlung besitzt und eine beachtliche
Zahl von Gemälden der Berliner Secession, ist das
Bröhan-Museum nicht das ultimative Jugendstil-Museum
oder das Museum der Berliner Secession. Vielmehr war
das Bröhan-Museum von Anfang an – wie Karl H. Bröhan
feststellte – „ein Dach, unter dem eine Vielzahl von Spezialsammlungen
vereint ist“. Gemeinsam haben sie, dass
es sich um Spitzenstücke der angewandten Kunst, der
Gestaltung, des Designs handelt. Warum diese drei Begriffe
für die Objekte der Sammlung? Diese drei Begriffe
verdeutlichen ein Dilemma, das ein Spezifikum der Designentwicklung
in Deutschland darstellt.
Der Reformstil Ende des 19. Jahrhunderts
mit Arts and Crafts in England und dann dem Jugendstil
in ganz Europa entwickelte sich als Reaktion auf die Veränderungen
durch die Industrialisierung. Technisierung
und Industrialisierung schufen eine völlig veränderte
gesellschaftliche Situation in Europa, und dies in einem
atemberaubenden Tempo. Eines der Resultate dieses Pro-
16 / Bröhan 100 – Ein Blick zurück und nach vorn
zesses war die Geburt eines neuen Berufes. Nicht mehr
der Handwerker oder bei der maschinellen Produktion
der Ingenieur sollte allein für das Aussehen eines Gegenstandes
verantwortlich sein. Zuerst waren es Künstler,
die am Entstehen der Dinge mitwirkten, doch schon
bald entwickelte sich gerade in Deutschland der Beruf
eines künstlerisch, handwerklich und technisch geschulten
Experten für die Formgebung heraus, der an
speziellen Hochschulen ausgebildet wurde. Die deutsche
Sprache liebt es zu differenzieren, weshalb sich für
diesen Beruf in Deutschland – je nach Ausrichtung
und Ausbildung unterschieden – neben dem Formgeber
oder Formgestalter die schon erwähnten Begriffe angewandter
Künstler, Gestalter oder Designer etablierten.
Die englischsprachigen Länder taten sich da viel leichter,
setzten sich über die feinen Nuancierungen hinweg
und sprachen einfach nur vom Designer bzw. vom
Design.
Bei den Machern ist diese Diskussion mittlerweile
entschieden – spätestens seit den 1970er Jahren
nennen sich die Gestalter auch in Deutschland Designer
und haben damit den internationalen Begriff akzeptiert.
Bei den Museen dauerte es viel länger. Mit dem 1989 eröffneten
Vitra Design Museum nutzte das erste Museum
in Deutschland diesen Begriff. Das Bröhan-Museum ist
kein Kunstgewerbemuseum, da es im Vergleich zu diesen
Häusern nicht vom Mittelalter an sammelt. Die Sammlung
des Museums setzt genau mit der oben beschriebenen
Entwicklung ein. Schritt für Schritt – von den Künstlern,
die im Jugendstil beginnen, Häuser und deren Einrichtung
zu entwerfen, über den Deutschen Werkbund bis zur
funktionalistischen Gestaltung der 1920er und 1930er
Jahre, die nun konsequent für die industrielle Produktion
entworfen wurde – lassen sich die Entwicklungen zeigen,
die international als die Geburt des Designs und seine
sukzessive Etablierung und Ausdifferenzierung verstanden
werden.
Aber das Bröhan-Museum ist auch kein
reines Design-Museum. Denn von Anfang an hat das
Zusammenspiel von angewandter und freier Kunst, von
Design und Kunst das Sammlerpaar Bröhan interessiert.
Von den angewandt arbeitenden Jugendstilkünstlern
über Gropius’ Forderung „Kunst und Technik – eine neue
Einheit“, die Rolle der Konkreten Kunst an der HfG
Ulm, die Wiederverschmelzung von Kunst und Design
bei Memphis und im Neuen Deutschen Design der 1980er
10 Ebd., S. 12.
Jahre bis zur Design-Art-Bewegung Anfang der 2000er
Jahre ist die Entwicklung gerade des Designs von einem
intensiven Dialog der Disziplinen geprägt. Eine Trennung
von Kunst und Design, wie sie fast alle Museen praktizieren,
ergibt somit nicht nur keinen Sinn, sondern ist
vor allem für das Verständnis des Designs kontraproduktiv.
Es war deshalb Anfang der 1980er Jahre vom Sammlerpaar
Bröhan geradezu revolutionär, ein Museum zu
eröffnen, das sich diesen beiden Disziplinen gleichermaßen
widmet.
Genau das ist das Alleinstellungsmerkmal
des Bröhan-Museums und damit die Antwort auf die
oben gestellte Frage nach der grundsätzlichen Linie. Das
Bröhan-Museum stellt – um es mit international gebräuchlichen
Begriffen zu kommunizieren – die Entwicklung
des Designs ausgehend von seinem Ursprung Ende des
19. Jahrhunderts dar und beleuchtet dabei immer besonders
das Zusammenspiel von Design und Kunst. Das
Bröhan-Museum ist ein Museum für Design und Kunst;
und zwar in dieser Reihenfolge der Begriffe, da der Sammlungsblock
Design der wesentlich größere ist.
Die Sammlung stellt etwa 50 Jahre der Entwicklung
von 1890 bis 1940 dar, die jedoch für das ganze
20. Jahrhundert prägend waren. In dieser Zeit ist, wie Karl
H. Bröhan feststellte, „vom Jugendstil bis zum Industriedesign
die Ästhetik des 20. Jahrhunderts entwickelt, ist die
Formensprache ausgebildet worden, mit der wir heute
leben“. 10 Es liegt deshalb auf der Hand, ausgehend von den
Fragestellungen, die in der Sammlung thematisiert werden,
in Wechselausstellungen auch immer wieder nach der
Relevanz dieser Frage heute oder nach den heutigen Antworten
auf diese Frage zu suchen. Denn es ist geradezu erschütternd,
wie sehr die Themen vor 100 Jahren unseren
heutigen Problemen ähneln. Von der neuen Relevanz der
sozialen Frage über das Bild der Natur in Zeiten des Klimawandels
bis zur Rolle der Frau und der Umsetzung der
Emanzipation. Die Fragen sind geblieben, nur die Antworten
haben sich geändert.
/ Tobias Hoffmann /
/ Anna Grosskopf /
17 / Bröhan 100 – Ein Blick zurück und nach vorn
/ 001 /
Zierteller mit Heuschrecke, 1901
Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin (KPM)
Porzellan mit Reliefgold- und Emaildekor
Dm. 15,4 cm
Inventar-Nr.: 77-178
In jeder Sammlung gibt es Lieblingsstücke, und oft sind es gar nicht die großen Formate
und imponierenden Hauptwerke, an denen das Sammlerherz hängt. Im Gegenteil: Gerade
von den kleinen, intimen Kostbarkeiten, die man in die Hand nehmen und zum
Studium nah ans Auge führen kann, scheint ein besonderer Reiz auszugehen. So wie von
diesem zierlichen, nur gut 15 cm breiten Teller der Königlichen Porzellan-Manufaktur
Berlin, der, so will es die Überlieferung, zu den Lieblingswerken Karl H. Bröhans gehörte.
Der Dekor ist in Reliefgold- und Emailmalerei ausgeführt, beides Spezialitäten
der KPM um 1900. Die Berliner Manufaktur zeigte sich in technischer Hinsicht
stets experimentierfreudig, war europaweit führend in der Entwicklung von Kunstglasuren
und meisterte so auch als erste das Aufschmelzen farbiger Glasflüsse auf Porzellan.
Die in dieser Technik ausgeführten Objekte stehen zeitlich und stilistisch an der
Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert – wie unser Teller, der historistische Gestaltungsmerkmale
mit der neuen Formensprache des Jugendstils kombiniert. Den Rand ziert
als schmales Band ein historistisches Volutenornament, das in regelmäßigen Abständen
von geometrischen Schmuckmotiven und stilisierten Blüten unterbrochen wird. Ein
vorsichtiges Tasten in Richtung Jugendstil ist dagegen die Darstellung einer nur leicht
stilisierten, auf einer zarten Beerenrispe sitzenden Heuschrecke; ein auf den ersten Blick
unspektakulärer, beinahe zufällig wirkender Naturausschnitt, der sich hier kostbar
gerahmt und plastisch hervorgehoben in schimmernden Gold-, Gelb- und Orangetönen
von dem dunklen Glasurfond abhebt. Die Asymmetrie und Lebendigkeit der
kleinen Szene zeigen den Einfluss japanischer Naturdarstellungen, die für die Naturauffassung
des Jugendstils von größter Bedeutung waren.
Für die KPM waren Objekte dieser Art der Einstieg in eine moderne
Gestaltung. Ab 1902, unter dem Einfluss des späteren Direktors Theo Schmuz-Baudiß,
wandte sich die Manufaktur verstärkt dem Jugendstil zu.
/ AG /
18 · 19 / Ein Lieblingsstück
/ Impressum /
Dieser Katalog erscheint anlässlich des 100. Geburtstags von Prof. Karl H. Bröhan
(1921–2000), dem Gründer des Bröhan-Museums, am 6. Juli 2021.
HERAUSGEBER: Tobias Hoffmann, Anna Grosskopf
IDEE UND KONZEPTION: Tobias Hoffmann, Anna Grosskopf
TEXT: Layla Fetzer, Anna Grosskopf, Julia Hartenstein, Simon Häuser, Sylvia Hinz,
Tobias Hoffmann, Johannes Honeck, Alexandra Koronkai-Kiss, Sabine Meister,
Nils Martin Müller, Fabian Reifferscheidt
REDAKTION UND LEKTORAT: Anna Grosskopf, Markus Zehentbauer
BILDREDAKTION: Anna Grosskopf
GESTALTUNG: Gerwin Schmidt
BILDBEARBEITUNG: Florian Zech, Eberl & Kœsel Studio GmbH
PROJEKTMANAGEMENT VERLAG: David Fesser, Deutscher Kunstverlag
HERSTELLUNG VERLAG: Jens Lindenhain, Deutscher Kunstverlag
VERLAG:
Deutscher Kunstverlag GmbH Berlin / München
Lützowstraße 33
10785 Berlin
www.deutscherkunstverlag.de
Ein Unternehmen der Walter de Gruyter GmbH Berlin / Boston
www.degruyter.com
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliothek; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de
abrufbar. Alle Rechte vorbehalten.
Die Geltendmachung der Ansprüche gem. § 60h UrhG für die Wiedergabe von
Abbildungen der Exponate/Bestandswerke erfolgt durch die VG Bild-Kunst.
© Bröhan-Museum. Landesmuseum für Jugendstil, Art Deco und Funktionalismus
© 2021 Deutscher Kunstverlag GmbH Berlin / München und die Autoren
Druck und Bindung: Eberl & Kœsel GmbH & Co. KG, Altusried-Krugzell
ISBN 978-3-422-98709-8
Veröffentlichung des Bröhan-Museums Nr. 41
264 / Impressum