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Kurt W. Streubel - Spielarten des Abstrakten in der DDR

ISBN 978-3-422-98723-4

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Kurt W. Streubel


GOTHA GMBH

Diese Publikation entstand in Kooperation zwischen dem Lehrstuhl für Kunstgeschichte der Friedrich-Schiller-

Universität Jena im Rahmen des Forschungsverbundes „Diktaturerfahrung und Transformation” und der

KulTourStadt Gotha GmbH.

Gefördert von:

KulTOURSTADT


Andrea Karle / Verena Krieger (Hg.)



INHALT

Kurt W. Streubel – Retrospektive zum 100. Geburtstag des Künstlers

Grußwort des Oberbürgermeisters der Stadt Gotha 6

Kurt W. Streubel – Spielarten des Abstrakten in der DDR

Andrea Karle, Verena Krieger 8

„Entdeckungsreise ins Unbekannte”

Andrea Karle 12

Kurt W. Streubels Kunst als ästhetische Forschung

Michaela Mai 34

Freiheit zur Entfaltung und Bewahrung

Anne-Kathrin Hinz 50

Katalogteil 64

Vita Kurt W. Streubel 138

Verzeichnis der ausgestellten Werke 144

Autorinnen 150

Abbildungsnachweis 151


KURT W. STREUBEL –

RETROSPEKTIVE ZUM

100. GEBURTSTAG DES

KÜNSTLERS

Grußwort des Oberbürgermeisters der Stadt Gotha

Endlich, ja endlich gedenkt die Residenzstadt Gotha dem Künstler Kurt W. Streubel mit

einer großen Retrospektive seines Schaffens! Die von der KulTourStadt Gotha GmbH

anlässlich seines 100. Geburtstages im Jahre 2021 veranstaltete Ausstellung im Kunst-

Forum Gotha soll das Œuvre des Kunstschaffenden präsentieren und seine Rolle in der

deutschen Kunstgeschichte beleuchten.

Kurt W. Streubel kam 1945 nach Gotha und wurde mit Großflächengestaltungen im Stadtbild

beauftragt. Am Boxberg schuf er 1949 die Pinselzeichnung Kosmische Komposition,

mit der er in Thüringen die Formalismus-Diskussion auslöste. Ein Jahr später nahm er

kurz entschlossen eines seiner Bilder, lief damit zum Rathaus, vorbei an der Sekretärin,

direkt in das Büro des Bürgermeisters. Dem Stadtoberhaupt hielt er das Bild unter die

Nase und fragte: „Können Sie sich vorstellen, damit Geld zu verdienen?“ Nein, das konnte

sich der Bürgermeister selbst beim besten Willen nicht denken. Aber der Besuch im Rathaus

hatte Nachwirkungen, denn Kurt W. Streubel bekam aus dem Gothaer Stadtsäckel

von 1951 bis 1952 zweihundert Mark monatlich gezahlt. Zu dieser Zeit war er, sowohl als

Staatsbürger wie auch als Künstler, politisch leider in Ungnade gefallen. Für die Verabschiedung

von Bürgermeister Salzmann 1955 hat er das abgebildete Gemälde des Rathauses

gefertigt.

Kurt W. Streubel wollte eigentlich engagiert an dem neu entstehenden Deutschland mitarbeiten.

Er war eines der ersten SED-Mitglieder in Thüringen, an der Gründung des Kulturbundes

beteiligt, wirkte an der ersten Parteikulturkonferenz mit. Aber schon Anfang

der 1950er Jahre endete seine Parteimitgliedschaft, er wurde als bürgerlich dekadent

und als Formalist verunglimpft. Erst 1979 wurde er in den Verband bildender Künstler aufgenommen.

1981 erfolgte eine Ausstellung seiner Werke im Gothaer Schlossmuseum.

Streubel, der fast vier Jahrzehnte am Hauptmarkt 14 wohnte, war nicht mundtot zu machen.

Je mehr er in die Ecke gedrängt wurde, umso umfänglicher wurde sein Werk. Doch

auch nach 1989 blieben seine Bilder, Grafiken und Gedichte für den Kunstbetrieb scheinbar

uninteressant. Trotzdem oder gerade deswegen hat Kurt W. Streubel als Künstler der

Moderne durchaus europäische Bedeutung und die Würdigung der Stadt Gotha verdient.

6


Zwei Persönlichkeiten: Siegfried Geißler, Komponist, Dirigent und Alterspräsident des

Thüringer Landtages, und H. Johannes Wallmann, ebenfalls Komponist und Autor des

Buches Integrale Moderne – Vision und Philosophie der Zukunft, regten die Würdigung

des Malers, Grafikers und Schriftstellers anlässlich seines 90. Geburtstages an. Im Jahre

2012 beschloss der Stadtrat der Stadt Gotha die Aufnahme seines Namens in die Liste

zur Benennung öffentlicher Straßen und Plätze und seither weist auch eine Gedenktafel

an seinem langjährigen Wohnhaus auf den Maler, Grafiker und Schriftsteller hin.

Ich freue mich, dass es zum 100. Geburtstag Kurt W. Streubels gelungen ist, diese Retrospektive

zu gestalten. Ein ganz besonderer Dank gilt hierbei der Kulturstiftung Thüringen,

die mit ihrer umfangreichen Förderung die Umsetzung dieser Ausstellung von hohem

künstlerischem Rang erst möglich gemacht hat und damit ganz ihrem Ansinnen

entsprechend zur Bewahrung der Kunst und Kultur in Thüringen beiträgt. Zudem gilt ein

weiterer herzlicher Dank der KulTourStadt Gotha GmbH, der Kuratorin der Ausstellung,

Andrea Karle, dem Lehrstuhl für Kunstgeschichte der Friedrich-Schiller-Universität Jena

sowie allen Partnern und Förderern für ihr Engagement zu dieser Ausstellung. Damit wird

die Stadt Gotha dem Werk und dem Wirken dieses besonderen Künstlers gerecht und ich

bin überzeugt, dass sich Streubels Position im kulturellen Gedächtnis unserer Stadt mit

dieser Schau verändern wird.

Knut Kreuch

Kurt W. Streubel

Rathaus Gotha, anlässlich der Verabschiedung des Oberbürgermeisters Werner Salzmann,

1955, Öl auf Leinwand, 47,5 cm x 65 cm, Privatbesitz.

7


Andrea Karle, Verena Krieger

KURT W. STREUBEL –

SPIELARTEN DES

ABSTRAKTEN IN DER DDR

Dieser Band rückt einen Künstler in den Fokus, der nur wenigen Kennerinnen und Kennern

des Kunstraums Thüringen ein Begriff ist und den es nun in der Vielfalt seines Schaffens

zu entdecken gilt: Kurt W. Streubel (1921–2002). Er schuf neben Gemälden und Grafiken

auch Werke konkreter Poesie, betätigte sich auf dem Feld der Musik und arbeitete als

Gestalter. Stets der europäischen Moderne verpflichtet, zählte Streubel in seiner konsequent

abstrakten Arbeitsweise eher zu den Ausnahmen innerhalb der Kunstproduktion

in der DDR. Ein besonderes Charakteristikum seines Œuvres ist dabei, dass es plurale

Tendenzen der Abstraktion in friedlicher Koexistenz umfasst: abstrahierende Landschaft

ebenso wie radikale Gegenstandslosigkeit, ‚formloses‘ Informel ebenso wie geometrische

Abstraktion.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Thüringen gelangt, beginnt Streubel ein

Kunststudium an der Staatlichen Hochschule für Baukunst und bildende Kunst in Weimar,

der Nachfolgeinstitution des Bauhauses. Inspiriert durch seinen Lehrer Hanns

Hoffmann-Lederer, einen ehemaligen Bauhaus-Studenten, ist er davon überzeugt, nun

an die von den Nationalsozialisten verfemte abstrakte Kunst anknüpfen zu können. Doch

rasch muss Streubel feststellen, dass dies im Ostteil Deutschlands nicht gewollt ist.

Im Zuge der Erhebung des Sozialistischen Realismus zur offiziellen Doktrin Anfang der

1950er Jahre wird er wie viele andere Künstlerinnen und Künstler als sogenannter Formalist

gebrandmarkt und nicht in den neu gegründeten, staatlich gelenkten Verband der

Bildenden Künstler (VBK) der DDR aufgenommen, wodurch ihm jede Arbeitsgrundlage

entzogen ist. Viele verlassen deshalb das Land. Die wenigen, die bleiben, ziehen sich

zurück. So auch Kurt Streubel: Fortan verdient er seinen Lebensunterhalt mit Gebrauchsgrafik

und setzt sein künstlerisches Schaffen weitgehend außerhalb des öffentlichen kulturellen

Sektors fort. Zeitlebens bleibt er so den künstlerischen Idealen des frühen Weimarer

Bauhauses treu – um den Preis einer isolierten Künstlerexistenz ohne öffentliche

Aufträge und Anerkennung.

8


Auch als Streubel nach langen Jahren der Ausgrenzung 1979 endlich in den Verband

der Bildenden Künstler der DDR aufgenommen wird, erfährt er keine echte Wiedergutmachung:

Der Katalog zu seiner ersten Einzelausstellung im Schlossmuseum Gotha

im Jahr 1981 wird schon bald nach seinem Erscheinen konfisziert. Auch nach der Wende

dauert es noch lange, bis Streubel erste Würdigung erfährt. Nachdem Ausstellungsvorhaben

in den 1990er Jahren scheitern, gelingt es erstmals im Jahr 2002, seine Werke in

einer Einzelausstellung zu präsentieren. 1 An der Vorbereitung der Retrospektive in Altenburg

und Sonneberg, die ihm späte Anerkennung verschafft, kann der Künstler noch

mitarbeiten.

Kurt W. Streubel

Selbstbildnis, 1951,

Gouache auf Leinwand,

48 x 38 cm (Kat.-Nr. 16).

Nach dem Ende der DDR wurde die Kunst aus dem Osten Deutschlands lange Zeit pauschal

als angepasste Staatskunst beurteilt und entsprechend abwertend behandelt. Erst

nach dem Höhepunkt des „deutsch-deutschen Bilderstreits“ im Jahr 1999 2 setzte eine

differenzierte historische und kunsthistorische Aufarbeitung der in der DDR entstandenen

Kunst in ihrer Breite und ihren spezifischen Rahmenbedingungen ein. Ausstellungen

wie Abschied von Ikarus 2012/13 im Neuen Museum Weimar 3 und Utopie und Untergang

2019 im Kunstpalast Düsseldorf 4 nahmen die Kunst aus der DDR neu in den Blick und

präsentierten auch abstrakte und nonkonforme Positionen. 5

Kurt W. Streubel, über dessen Kunst zu DDR-Zeiten nur wenig geschrieben wurde 6 ,

fand jedoch auch nach der Wende nur zögerliche Wahrnehmung durch die Kunstwissenschaft.

1996 wurde er im Sammelband Kunstdokumentation der SBZ/DDR als „Solitär“

innerhalb des Kunstraums Thüringen erwähnt. 7 Seither zählt sein Name zum festen

Inventar in Darstellungen der modernen Kunstgeschichte in Thüringen. 8 Doch vertiefte

kunsthistorische Forschungen zu Streubel und seinem künstlerischen Umfeld blieben

selten. Eine bemerkenswerte Ausnahme ist die Monografie von Michael Löffelholz zu

9


Streubels zeitweiligem Weggefährten Hans Winkler (1919–2000), die dessen Werke entlang

seiner biografischen Stationen untersucht. 9 Hier liefert die Betrachtung der frühen

Nachkriegsjahre wichtige Hinweise zur Erforschung Streubels und seines Umfelds, wie

der Künstlergruppe in Gotha und der Gewerkschaft 17 in Weimar.

Mit der Ausstellung Entdeckungsreise ins Unbekannte im KunstForum Gotha werden

nun erstmals die unterschiedlichen Spielarten des Abstrakten aus allen Schaffensphasen

und Wirkungsfeldern Kurt W. Streubels in ihrer ganzen Breite und Vielfalt gezeigt: Von

frühen Bleistift- und Pinselzeichnungen aus seiner Studienzeit an der Bauhaus-Nachfolgeinstitution

in Weimar über Design-Entwürfe bis hin zu Druckgrafiken aus seinem Spätwerk

reichen die ausgestellten Werke, die in diesem Katalog abgebildet sind. Das Œuvre

des Künstlers erfährt in den Beiträgen der Autorinnen erstmals eine grundlegende kunsthistorische

Einordnung. Andrea Karle, die Kuratorin der Ausstellung, gibt einen Überblick

über die Biografie Kurt Streubels und einzelne Aspekte des künstlerischen Schaffens.

Besondere Aufmerksamkeit legt sie dabei auf die Studienjahre bei Hanns Hoffmann-

Lederer in Weimar, der eine „Scharnierfunktion“ für Streubel hatte. Der ehemalige Bauhaus-Schüler

übernahm Grundelemente der berühmten Vorlehre in seinem Unterricht

und bereitete damit den Weg in eine neue Zeit – die mit dem Formalismusstreit 1950

jedoch jäh enden sollte. Kurt W. Streubels Pinselzeichnung Kosmische Komposition

(1950), gegen die sich der Formalismus-Vorwurf vor allem richtete, ist Ausgangspunkt

des Beitrags von Michaela Mai, die ausführlich den mannigfaltigen Bezügen zu Werken

von Paul Klee und Wassily Kandinsky nachgeht und aufzeigt, wie Streubel ausgehend

von den Impulsen der Bauhausmeister seine eigene Bildsprache entwickelte. Anne-

Kathrin Hinz stellt den experimentellen Charakter von Streubels künstlerischer Arbeit

heraus. Abstraktion war für Streubel Sinnbild für die Freiheit und damit seine „Gegenstimme

zum offiziellen Kunstbetrieb“. Am Beispiel einiger Grafiken, darunter Exlibris-

Entwürfe der 1960er Jahre zeigt Hinz die Nähe zu zeitgenössischen Strömungen wie dem

Informel auf. In der Gesamtschau erweist sich Kurt W. Streubel als ein vielseitiger und

musikaffiner Maler, Grafiker und Dichter, der seiner künstlerischen Grundhaltung trotz

widriger Umstände lebenslang treu blieb und in großer Experimentierfreude ein vielfältiges

Werk schuf.

1 Kurt W. Streubel – Retrospektive. Ausst.-Kat. Städt.

Galerie Sonneberg und Lindenau Museum Altenburg,

Sonneberg 2002.

2 Vgl. Rolf Bothe, Thomas Föhl (Hg.): Aufstieg und Fall

der Moderne, Ausst.-Kat. Weimar, Ostfildern-Ruit 1999,

sowie Kunstsammlungen zu Weimar (Hg.): Der Weimarer

Bilderstreit. Szenen einer Ausstellung. Eine Dokumentation,

Weimar 2000.

3 Karl-Siegbert Rehberg, Wolfgang Holler, Paul Kaiser

(Hg.): Abschied von Ikarus. Bildwelten der DDR – neu gesehen,

Ausst.-Kat. Klassik Stiftung Weimar, Köln 2014.

4 Steffen Krautzig (Hg.): Utopie und Untergang. Kunst

in der DDR, Ausst.-Kat. Kunstpalast Düsseldorf, Dresden

2019.

5 Zur abstrakten Kunst in der DDR: Paul Kaiser, Karl-

Siegbert Rehberg (Hg.): Abstraktion im Staatssozialismus.

Feindsetzungen und Freiräume im Kunstsystem

der DDR, Weimar 2003; sowie jüngst: Anna-Carola Krausse:

Andere Horizonte. Ostdeutsche Nachkriegsmoderne

im Schatten des Sozialistischen Realismus, Berlin/München

2021.

6 Lothar Lang: Malerei und Graphik in der DDR, Leipzig

1978, S. 235; Erhard Zelmer: Zur Malerei des Gothaer

Künstlers Kurt W. Streubel unter besonderer Berücksichtigung

seiner Beziehungen zu künstlerischen Tendenzen

des Bauhauses, Diplomarbeit an der Pädagogischen

Hochschule Erfurt/Mühlhausen, 1984 (unveröffentlicht).

7 Detlev Lücke: „Zwischen Tradition und Moderne.

Thüringens Kunstentwicklung nach 1945“, in: Günter

Feist, Eckhart Gillen, Beatrice Vierneisel (Hg.): Kunstdokumentation

SBZ/DDR, Köln 1996, S. 630–638, hier 633.

8 Ulrike Rüdiger: InnenSichten. Kunst in Thüringen

von 1945 bis heute, Ausst.-Kat. Gera, Gera 1999; Jürgen

Winter: Zwischen Wald und Welt: der Kunstraum Thüringen

im 20. Jahrhundert, Heiligenstadt 2010; Felice Fey:

Verschwiegene Kunst. Die internationale Moderne in der

DDR, Berlin/München 2021.

9 Michael Löffelholz: Hans Winkler (1919–2000) – Informelle

Malerei als Gegensprache, Wien/Köln/Weimar

2020. Die gemeinsamen künstlerischen Anfänge werden

auch im Abschlussband zum Projekt Kunstraum Thüringen

der Mühlhäuser Museen dargestellt: Winter 2010

(wie Anm. 8).

10


Hans Winkler

Maler Kurt W. Streubel, 1950, Kohlezeichnung, 31,8 x 26 cm, Stiftung Schloss Friedenstein Gotha.

11


Andrea Karle

„ENTDECKUNGSREISE

INS UNBEKANNTE“ 1

Zu einigen Aspekten von Kurt W. Streubels künstlerischem Schaffen

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft

findet Kurt Streubel über das Rote Kreuz zu seiner Mutter nach Gotha, deren

Flucht aus Böhmen dort endet. Mit seiner Ankunft in der Industrie- und ehemaligen Residenzstadt

beginnt für den 24-jährigen gelernten Textilgestalter die Suche nach einem

Platz in der neuen Gesellschaft.

Kaum in Thüringen tritt Streubel mit Künstlern in Kontakt, die sich gemeinsam mit

den Mitteln der Kunst gegen die Verfemung des Expressionismus und der Abstraktion im

Nationalsozialismus aussprechen. Sie suchen Wege, den „verhängnisvollen zwölf Antikunstjahre[n]“

entgegen zu treten. 2 So wird Streubel jüngstes Mitglied der am 4. Juli 1945 3

im ausgebombten Nationaltheater in Weimar gegründeten Gewerkschaft 17 Kunst und

Schrifttum. Ihr stand der im Widerstand agierende Kunstmaler Martin Pohle (1899–1970)

vor. Weitere Mitglieder waren unter anderem Karl Meusel (1912–1986) 4 , Harry Schmidt-

Schaller (1913–1988) und Otto Kayser (1915–1998). 5

Mit Hans Winkler (1919–2000), Gerhard Ströch (genannt Altenbourg) (1926–1989),

Alfred Traugott Mörstedt (1925–2005) und Werner Schubert-Deister (1921–1991) schließt

er sich zur sogenannten Künstlergruppe zusammen, die in Gotha im Jahr 1950 eine folgenreiche

Ausstellung bestücken wird. 6 Die jungen Künstler lernen sich auch an der Weimarer

Hochschule kennen, wo sie unter anderem bei Hanns Hoffmann-Lederer Kurse

besuchen. Der Lehrer, der selbst von 1919 bis 1923 am Bauhaus in Weimar studiert hat,

übernimmt Elemente der Bauhaus-Pädagogik an der neugegründeten Hochschule und

wird für Streubel ein wichtiger Akteur.

Die von Aufbruch und Umbruch geprägte Nachkriegszeit gleicht für Kurt Streubel

einer „Entdeckungsreise ins Unbekannte“. 7 Wobei die Reise für Streubel niemals zu enden

scheint, experimentiert er doch im Laufe seines künstlerischen Schaffens mit allen

Mitteln der Abstraktion und probiert sich in verschiedenen Medien aus. Doch die Entdeckungsreise

als Metapher lässt sich nicht nur für die Perspektive des Künstlers anführen.

Sie gilt auch für die Auseinandersetzung mit der Kunst Kurt Streubels, die bisher zu

wenig stattgefunden hat und für viele deshalb hier beginnt. Im Folgenden werden Streubels

künstlerische Anfänge in Weimar und die tiefe Zäsur des Formalismus-Verdikts,

welches alle Hoffnungen des jungen Künstlers erschütterte, nachgezeichnet. Aspekte

seines Schaffens werden gerahmt, die Besonderheiten und Eigenheiten seines Werkes

herausgearbeitet. Die bislang dünne Forschungslage wird durch das Zusammenziehen

der Quellen angereichert, sodass am Ende ein schärfer konturiertes Bild des Künstlers

Kurt Streubels entstehen kann.

12


Aufbruch: Kurt W. Streubel und die Wiederbelebung des Bauhauses

„Wir haben die Zeit spannend gemacht“, resümiert der Künstler im Gespräch mit den

Ausstellungskuratorinnen zur Retrospektive 2002 und meint damit sicher auch seine Zeit

als Student an der 1946 als erste Hochschule in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ)

wiedereröffneten Staatlichen Hochschule für Baukunst und bildende Künste in Weimar. 8

Dort werden Altenbourg, Mörstedt und Streubel von Albert Schaefer-Ast und Hanns Hoffmann-Lederer

unterrichtet. Letzterer, um 1899 in Jena geboren, war im Gründungsjahr in

das Bauhaus Weimar eingetreten und hatte 1923 als Jungmeister für künstlerische Form

und Technisches (Stoff) die Ausbildung abgeschlossen. 9 Neben Wassily Kandinsky und

Paul Klee war es Johannes Itten, der Hoffmann-Lederer am stärksten prägte. Überzeugt

von der Mazdaznan-Lehre folgten er und seine Frau Mila Johannes Itten nach Herrliberg

(Schweiz) und kehrten 1926 zurück ans Bauhaus. Doch sollten es nur drei kurze Monate

sein, da von der Itten’schen „Ideengemeinschaft“ in Dessau nicht viel geblieben war. 10

Mit dem Ende der NS-Diktatur begann eine produktive Phase, in die auch seine Anstellung

an der wiedereröffneten Weimarer Hochschule fiel. 11 Zunächst ist es die Absicht des

Rektors Hermann Henselmann und auch der Sowjetischen Militäradministration, sich

am Bauhaus zu orientieren, ist die Schule doch zum „Repräsentanten einer demokratischen

Kunstausbildung geworden“. 12 Die Überschrift aus der Täglichen Rundschau vom

16. September 1945 lautet zwar „‚Bauhaus‘ wird wieder Bauhaus“ 13 , sie soll jedoch nicht

in aller Konsequenz gelten, wie sich im Folgenden zeigen wird.

Zunächst kann Hoffmann-Lederer den Unterricht strukturell am Bauhaus orientieren und

„sein Vorlehrekonzept weitgehend verwirklichen, dessen Grundgedanken sich bis in die

Wortwahl hinein an Itten anlehnt“. 14 Im Rahmen von Übungen zur Befreiung des eigenen

künstlerischen Ausdrucks entstehen beispielsweise naturalistische Pflanzen-Studien.

Außerdem entstehen zahlreiche Pinsel- und Bleistiftzeichnungen mit landschaftlichem

Sujet, wobei sowohl von Hoffmann-Lederer als auch seinen Schülern solche Zeichnungen

erhalten sind. 15 Datiert sind sie auf das Jahr 1949, was verwundert, soll Streubel doch

nur von 1946 bis 1947 bzw. „spätestens 1948“ an der Weimarer Hochschule gelernt haben.

16 Da im Hochschularchiv keine Unterlagen zur exakten Studiendauer erhalten sind,

kann anhand dieser Zeichnungen doch davon ausgegangen werden, dass er noch im Jahr

1949 an Kursen von Hoffmann-Lederer teilnahm oder zumindest engen Kontakt zu den

Studenten und/oder zu Hoffmann-Lederer pflegte.

Die Nähe Streubels zu seinem (ehemaligen) Lehrer zeigt sich beim Vergleich zweier

Zeichnungen: Hoffmann-Lederers Lithografie Landschaft in Thüringen (Abb. 1) staffelt

mit weitestgehend gleichbleibend breitem Strich Felder, ein Dorf, Wald und Himmel auf

dem Papier. Eine Tiefenwirkung entsteht durch die aus kurz geschwungenen Bögen bestehende

Linienreihe am unteren Bildrand, welche sich zur Bildmitte hin abflacht, und

die kurzen, dünnen vertikalen Striche, die die Stämme des Waldes oder eines Zaunes

darstellen. Einzig die einen Hügel beschreibende dünne Linie zieht sich – zwar mit Unterbrechung

– ausgedehnt über die gesamte Bildbreite. Während Hoffmann-Lederers Zeichnung

gediegen und beinahe massig erscheint, setzt Kurt Streubel in Thüringen (landschaftlich)

(Abb. 2) die Impulse des Lehrers in einem facettenreicheren Kohlestrich um.

In einer Variante des Motivs wird der Blick in die Landschaft vom Punkt zur Vertikalen

über offene Kreide hin zu gekräuselten Linien gestaffelt. Mit schräg angesetzter Kreide

sind kurze Wellen schraffiert, welche vor einem breiten massiven Gitter in der Bildmitte

enden. Hinter dem ‚Zaun‘ beruhigt sich der Strich: flache, dünn gezogene und sich

schneidende Linien ziehen sich über das Hochformat. Am oberen Rand verdichten sich

die breiten, porösen fast geraden Linien zum Himmel und schließen das Bild ab.

13


1•Hanns Hoffmann-Lederer

Landschaft in Thüringen,

Lithografie, 29 x 36 cm,

Privatbesitz.

2•Kurt W. Streubel

Thüringen (landschaftlich), 1949, Kohle auf Papier, 38 x 33,5 cm (Kat.-Nr. 3).

14


Das Blatt aus der Sammlung Schloss Friedenstein Gotha bietet einen ähnlich ruhigen

Ausblick, wohingegen der Vordergrund mit seinen naturalistischeren Formen organischer

gestaltet ist (Kat.-Nr. 2).

Auch die farbigen Pinselzeichnungen Kosmische Komposition (Kat.-Nr. 5), Komposition

– Ausgleich (Kat.-Nr. 12) und Werden und Vergehen (Kat.-Nr. 4) sowie die in schwarzer

Tinte gehaltenen Zeichnungen wie Hin – über aus den Jahren 1949 knüpfen an die

Bildsprache Hoffmann-Lederers an. 17 Die Kunsthistorikerin Anne Hoormann identifiziert

in einigen Grafiken Hoffmann-Lederers Aspekte des Musikalischen vor allem in Bezug

auf die Schwerelosigkeit der Formgebilde, den Rhythmus der gesetzten Linien sowie deren

An- und Abschwellen. 18 Sie finden sich auch in Werken Kurt Streubels wieder, wie im

Aufsatz von Michaela Mai in diesem Band herausgearbeitet wird.

Der Lehrer scheint eine Scharnierfunktion für Streubel einzunehmen. Entwickelt

Hoffmann-Lederer doch Werke seiner Lehrer, wie beispielsweise Klees Aquarell

Schwungkräfte (1929) (Abb. S. 45) weiter, indem er die ellipsoiden Kreise vereinzelt und

ihre Gestaltung differenziert (Abb. 3). Kurt Streubel steigert in Gemälden wie Gleichart

veränderlich (1973) (Kat.-Nr. 49), Gleichart feststehend (1974) (Kat.-Nr. 45) oder Begrenzung

(1977) die Konzentration der amorphen Kreisformen hin zu einer solitär stehenden,

die sich aus verschiedenfarbigen Flächen zusammensetzt. Das gestalterische Grundelement

des Punktes findet im zweitgenannten Werk seine maximale Ausdehnung auf dem

gestreckt hochformatigen Malgrund.

Neben der Verbindung zur Gestaltungslehre des Bauhauses nimmt der Lehrer für Kurt

Streubel eine weitere wichtige Rolle ein: Streubel äußert sich unzufrieden mit dem Studium

in Weimar und sehnt sich nach einer Vertiefung seiner Kenntnisse in der Textgestaltung,

die er in der Lehre in Starkstadt (heute Stárkow/ Tschechien) erworben hat. 19

Wohl auf Anraten Hoffmann-Lederers nimmt er Kontakt zu Georg Muche auf. 20 Streubel

reist 1948 zu dem als Professor an der Krefelder Textilingenieurschule unterrichtenden

ehemaligen Bauhäusler. Zwischen 1953 und 1955 hält sich Streubel längere Zeit im Raum

Düsseldorf auf. 21 Über den dortigen Aufenthalt von Streubel und seine Beziehung zu Mu-

3•Hanns Hoffmann-Lederer

ohne Titel, 1948, Tuschezeichnung,

29,6 x 21,1 cm,

Nachlass Hoffmann-Lederer.

15


che ist zu wenig bekannt. Nur auf den Rückseiten einiger Gemälde, etwa Einseitig erhabene

Ebene (1950) (Kat.-Nr. 13) ist vermerkt, dass es 1954 bei einer Ausstellung in Krefeld

zu sehen war. 22 Neben der Abbildung des als Wandbild ausgeführten Gemäldes Konstruktiv

– polar (1950) (Kat.-Nr. 14) in der Bosch Gaskonzern Verwaltung Düsseldorf (Abb. S.

81) zeugt eine Pinselzeichnung von Harlekinen und Clowns, die zu einer Veranstaltung im

Krefelder Hof einlädt, von Streubels Schaffen im Westen (Abb. 4).

4•Kurt W. Streubel

Jux et Jus, Krefelder Hof, 1955,

Pinselzeichnung auf Papier,

14 x 12 cm (Kat.-Nr. 75).

Umbruch: Kurt W. Streubels Kunst und die Formalismus-Debatte

In den Jahren 1950 und 1951 spitzt sich die Situation für die Kunstszene in Thüringen

zu: In Weimar wird über die Zukunft der Hochschule und insbesondere der Abteilung

Kunst entschieden. Mit der Neugründung 1946 sollte an die Ideen des Bauhauses als

Schule mit gesellschaftsoffenem und -gestaltendem Konzept angeknüpft werden, sollten

Industrie und Kunst sich miteinander verbinden. Dabei beton Hermann Henselmann

in seiner Eröffnungsrede die Abgrenzung zur Barbarei des NS und bezieht sich auf den

Humanismus und das klassische Erbe der Stadt Weimar sowie ihr einschneidendes Erbe

der jüngsten Vergangenheit mit dem Konzentrationslager Buchenwald. Infolge einer Verengung

des Erbe-Begriffs, der Behauptung des Elitarismus, den das Bauhaus fördere,

und der Forderung nach Volksnähe vonseiten der Parteifunktionäre spitzt sich der ideologische

Disput zu. 23 Er mündet in der Schließung der Abteilung Bildende Kunst an der

Hochschule im Jahr 1951. 24

Die Auseinandersetzung wird auch an der Person Hoffmann-Lederers ausgetragen,

der wegen seiner aus dem Bauhaus übernommenen Inhalte der Vorlehre kritisiert wird.

Erst die Studierenden, dann die Lehrenden lehnen die experimentelle Arbeitsweise ab

und fordern eine Fokussierung auf das Handwerklich-Künstlerische. 25 In der Folge reist

Hoffmann-Lederer in den Westen, kehrt der Hochschule den Rücken und verlässt Weimar

für immer. 26

16


Auch Kurt Streubel wird Angriffspunkt für Kritik aus demselben ideologischen Lager,

das sich gegen abstrakte künstlerische Positionen wendet. In der eingangs erwähnten

Ausstellung 1950 in Gotha sind er und seine Kollegen Anfeindungen ausgesetzt, wobei

sich der sprachliche Duktus in der Öffentlichkeit innerhalb kurzer Zeit verschärft: Am 14.

Februar 1950 lobt die Zeitung Thüringer Volk den eigenen Ausdruck der Maler Kurt W.

Streubel und Hans Winkler, die es vermochten, die Besucherinnen und Besucher „durch

neue Ausdrucksmöglichkeiten in den Bann einer Kunst [zu] ziehen, die von diesen Künstlern

selbstschöpferisch gestaltet wird.“ 27 Im April wird dann in derselben Zeitung der

Ausstellung ein „ausgesprochen formalistische[r] Charakter“ attestiert und betont, dass

die ausstellenden Künstler für diese von staatlicher Seite angeregte Diskussion kein Verständnis

hätten. 28 Besonders Streubels Kosmische Komposition wird in diesem Bericht

über eine Gesprächsveranstaltung zwischen Künstlern und Werktätigen als Negativbeispiel

hervorgehoben: „Wenn nun die Werktätigen auf der einen Seite kein Verständnis

für die Experimente der Gothaer Künstler zeigen, vor allem nicht für die nebenstehende

‚Kosmische Komposition‘ in Tinte […], so darf das nicht verwundern.“ 29 Am 1. Juli 1950

relativiert Karl Sippel diese vernichtenden Ausstellungsbesprechungen und zeigt sich

optimistisch, dass die Künstlergruppe zur Einsicht gekommen sei, hätten ihre Mitglieder

doch erkannt, dass „der Weg in den Formalismus ein gefährlicher Irrweg war“. Streubel

und seine Freunde hätten sich – wohl aus Angst vor weiteren Repressionen – „bereiterklärt,

ihr Bekenntnis zu einer fortschrittlichen Kunst durch ein realistisches Wandbild

unter Beweis zu stellen.“ 30 Ob das Wandbild realisiert wurde, ist bislang ungeklärt. In der

Sammlung der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha befindet sich ein Zyklus von acht Bleistiftzeichnungen

mit dem Titel Revolutionäre Traditionen der deutschen Arbeiterklasse,

die im Inventar mit 1959 datiert sind. Zu welchem Zweck Streubel diese Zeichnung anfertigt

und ob sie möglicherweise Vorskizzen zu einem, wenn nicht sogar diesem Wandbild

sind, worauf ihr Längsformat schließen lässt, konnte noch nicht abschließen geklärt

werden. Parallel wird in derselben Zeitung ein heftiger Streit um das abstrakt-expressive

Wandbild von Hermann Kirchberger für das Nationaltheater Weimar ausgetragen. Das

Bild sei „[f]ehl am Platze“ wie Das Volk am 31. Mai 1950 einen Artikel dazu überschreibt. 31

Die Erkenntnis, dass das zunächst als neu gelobte Bild ein „Irrweg“ sei, rührt von der

durch Alexander Dymschitz in der Presse platzierten Diskussion über Formalismus her,

die bereits 1946 entflammt. 32

Doch woher diese Umkehr? Die Kulturpolitik der SED fokussiert sich ab 1947 nicht

mehr allein auf den Kampf gegen den Faschismus, sondern nimmt vermehrt den Aufbau

einer neuen Gesellschaft in den Blick, die sich vor allem auch durch die Abgrenzung zum

Westen hin definiert. 33 War die Situation in der SBZ relativ „offen, plural und differenziert“

und „geprägt von unterschiedlichen künstlerischen Kräften“, gilt ab 1951 der Sozialistische

Realismus als Maßgabe, dessen Durchsetzung als „Bombardement“ auf die Kunst

bezeichnet wird. 34 Die von der Parteileitung ausgerufenen Grundprinzipien lauten zusammengefasst:

„wahrheitsgetreue Darstellung, sozialistische Parteilichkeit und Volksverbundenheit“.

35 Mit Wahrheitstreue ist aber weniger die Abbildung der Realität gemeint

als vielmehr eine Projektion einer staatlich gelenkten, zukünftigen Realität: Durch

die „Erhebung in den Stand einer ästhetischen Kategorie sollte [der Sozialistische Realismus]

der kulturpolitischen Zielstellung universale Gültigkeit verschaffen.“ 36 Kunst und

ihre Daseinsformen, wie Theater, Film, Kunsthandwerk und Architektur werden – keine

zehn Jahre nach Ende der NS-Diktatur – in den Dienst des Staates gestellt. In dieser Konsequenz

werden einige Verbände, darunter die 1945 in Weimar von Streubel mitgegründete

Gewerkschaft 17 Kunst und Schrifttum, aufgelöst. Der Verband Bildender Künstler

Deutschlands (VBKD) 37 tritt an ihre Stelle. Er sorgt nach sowjetischem Vorbild dafür, dass

die Künstlerinnen und Künstler sich diesen ideologischen Stil zu eigen machen.

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Während die Gewerkschaft 17 frei zugänglich war, werden die Mitglieder des VBKD

einer Überprüfung unterzogen 38 , der nicht alle Stand halten: Kurt Streubel wird nicht aufgenommen.

Zu stark ist sein Drang nach Abstraktion, der schon in den frühen Alltagsstudien

(Kat.-Nr. 6–10) zum Vorschein kommt.

Die Übernahme der kulturpolitischen Doktrin des Sozialistischen Realismus ist „für

viele nicht nur anachronistisch, sondern wegen [deren] Nähe zur nationalsozialistischen

Kunst unannehmbar.“ 39 Sie verlassen die DDR oder wenden sich von der Kunst ab. Als

Nichtmitglieder des VBKD haben die verbleibenden Künstlerinnen und Künstler es bei

den Auftragsvergaben durch den Verband sehr schwer, bleiben unberücksichtigt, wodurch

ihnen schlicht die Lebensgrundlage entzogen wird. Kurt Streubel schafft es jedoch,

sich bei der Stadt Gotha eine sogenannte Formalistenrente von 200 Mark zu erstreiten,

da er schlicht nicht anders könne, als abstrakt zu arbeiten. 40

Die schmerzhafte Zäsur der Hochschulschließung und der Weggang vieler Kunstschaffender

führt, wie Ulrike Rüdiger schreibt, zum „Exodus der künstlerischen lntelligenzija,

der Thüringen für Jahrzehnte zur kulturellen und geistigen Provinz stempelte.“ 41

In dieser Provinz bleibt Kurt Streubel seinem abstrakten Stil treu und schafft in innerer

Emigration in Gotha ein bemerkenswertes Œuvre.

Zwischenstation: Gestaltung für die Werktätigen

Seinen Lebensunterhalt bestreitet Kurt Streubel nach seiner Rückkehr aus dem Westen

mit mit Aufträgen für die Industrie. So entwirft er 1959 beispielsweise für den VEB (K)

Bekleidungswerk Gotha die Label (Kat.-Nr. 77) und Werbeanzeigen für die Bauindustrie.

Auch Wandbilder für den VEB Waggonbau Gotha für den Hauptbahnhof werden von

Streubel im selben Jahr entworfen (Abb. 5). Die drei Bildfelder zeigen abstrahierte, kantige

Illustrationen der Arbeit im Werk und der fertigen Produkte: Eine Straßenbahn mit wartenden

Passagieren vor der Stadt und Eisenbahnwaggons auf dem Schienenweg zum

Werk. Während diese Bilder in der Stadt präsent sind, gibt es zahlreiche Entwürfe, die

Konzept bleiben. Erhalten haben sich etwa ein Plakatentwurf für die Museen der Stadt

Gotha (Abb. 6) sowie Vorschläge für das Layout des Umschlags für den Gedichtband Arioso

von Hanns Cibulka, der ab 1953 in Gotha lebt.

Mit den verwendeten serifenlosen Schriften knüpft Streubel an die Schriftgestaltung

von Herbert Beyer an und steht mit seinen Entwürfen in der Traditionslinie des Bauhauses.

Beim Entwurf für die Museen ist es die Montage der Bildelemente, beim Entwurf

für die Teerverwertung Thüringen KG Gotha (Kat.-Nr. 79) sind es die abstrakten Formen,

welche an die Plakatgestaltung der 1920er Jahren erinnern, wenngleich Streubel hier die

Elemente noch stärker zu reduzieren weiß. Auch die abstrahierten Figuren der Bekleidungslabels

sprechen durch ihre Reduktion eine klare Designsprache. Diesen Stil greifen

auch die Entwürfe von Horst Michel (1904–1989) auf, der ab 1946 als Professor für

Formgestaltung an der Weimarer Hochschule lehrt. Seine Entwürfe für Möbel oder Alltagsgegenstände

wie Geschirr knüpfen in ihrer Schlichtheit an Marianne Brandt oder

Marcel Breuer an. 42 Womöglich prägt seine Initiative gegen den Kitsch auch Kurt Streubel.

43 Immerhin notiert dieser auf der Rückseite seines Gemäldes Einseitig erhabene

Ebene (Kat.-Nr. 13) für das Jahr 1948 „gleichzeitig Assistenz? Prof.Michel Weimar“.

Ab 1965 wird Streubel ‚Hausgrafiker‘ des Staatlichen Sinfonieorchesters Suhl (später

Suhler Philharmonie), mit dessen Chefdirigent Siegfried Geißler er zwei Jahre zuvor

Freundschaft schloss. Fortan wird Streubel die Konzerthefte und Plakate gestalten. Nicht

immer ist sein Stil dabei so reduziert und klarlinig, wie in den eben besprochenen Entwürfen.

44 Das Programmheft für das Sinfonische Oratorium Der Mensch aus dem Jahr

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1969 ist figurativ gestaltet (Kat.-Nr. 81–82): Im Entwurf ist eine figürliche Pinselzeichnung

zentral, die vom Text gerahmt wird. Im Bild erkennbar sind ein Bein und ein Arm sowie

ein Auge und eine Lyra. Vor schraffiertem Hintergrund und angedeuteter Landschaft

sind links oben ein Gesicht mit geöffnetem Mund und rechts eine nach unten stürzende,

menschliche Gestalt abstrahiert dargestellt. Der Text ist handschriftlich gesetzt, wobei

die Buchstaben bei „der Mensch“ nicht auf einer Grundlinie laufen, sondern einen Bogen

zeichnen. Von staatlicher Seite wird die Gestaltung aufgrund ihres surrealistischen

Charakters kritisiert und sogar der Druck des Heftes untersagt. Geißler gibt schließlich

eigenverantwortlich 100 Stück in Auftrag. 45

5•Kurt W. Streubel

Wandbild für VEB Waggonbau Gotha, Hauptbahnhof Gotha, 1959, Fotoabzug, 3-teilig,

13 x 8,6 cm, 8,5 x 13,6 cm, 12,8 x 8,5 cm, Familienbesitz (Kat.-Nr. 76).

6•Kurt W. Streubel

Entwurf für Museen der Stadt Gotha, 1960, Papiercollage, 25,7 x 35,4 cm (Kat.-Nr. 80).

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Der Dirigent und Komponist wird einer der wichtigsten Förderer und Bezugspersonen

Streubels, bietet er ihm doch neben Grafik-Aufträgen auch die Möglichkeit der

freieren künstlerischen Entfaltung und des Austauschs. In den Jahren 1968 und 1969

gestaltet Streubel schließlich die Wohnung von Rosemarie und Siegfried Geißler. Möbelund

Textilentwürfe werden umgesetzt und Gemälde Streubels in die Raumkonzeption

eingebunden. Die Wohnung der Familie wird ein kulturelles Zentrum für Kunstschaffende.

Bei der Eröffnung einer Privatausstellung Streubels im Anschluss an ein Konzert am

4. Mai 1976, wird von der Staatssicherheit im Protokoll „elitäres Gehabe“ und Unkenntnis

gegenüber der Kunst attestiert. 46 Der Chefdirigent und kulturpolitische Verantwortungsträger

Geißler kann den Rat des Bezirkes damit beschwichtigen und wohl größeren Schaden

abwenden, indem er erklärt, dass es „solche“ – gemeint war die abstrakte – Malerei

neben der realistischen geben müsse. 47 Die Arbeit für das Orchester und mit Sigfried

Geißler hinterlässt auch in Arbeiten jenseits der Gestaltungsaufträge ihre Spuren.

Musik, Lyrik und bildende Kunst

Gemälde mit Titeln wie Etüde I (1965) (Kat.-Nr. 31), Etüde III (1969) oder Opus M und das

Triptychon Opus 69 (beide 1969) entstehen. Das wohl eindrücklichste Werk, in dem sich

Streubels Interessen für Musik und Lyrik ausdrücken, ist die im Jahr 1970 entstandene

dreiteilige Tondichtung antioper. Mit der „Tendenz eines Gesamtkunstwerks“ verbindet

Streubel Musik, Lyrik und bildende Kunst in einem Werk. 48 Gesamtkunstwerk meint jedoch

nicht ausschließlich die „Addition der üblicherweise nur einzeln verwendeten

sprachlichen Medien und künstlerischen Techniken“. 49 Nach Bazon Brock ist es auch

möglich, bei einem Gemälde von einem Gesamtkunstwerk zu sprechen, wenn es sich

das Konzept im Sinne eines „übergeordneten Zusammenhanges“ zum Thema macht. 50

Streubel stellt diesen durch die Beschäftigung mit Literatur und Existentialphilosophie

her und schließt dabei beispielsweise an Wassily Kandinsky an. 51 Der Bauhaus-Meister

hatte sich mit Schriften der Theosophie und Kunsttheorie ebenso befasst wie mit der Anthroposophie

Rudolf Steiners oder der Metaphysik. Dies kommt beispielsweise in seiner

Bühnenkomposition Gelber Klang (1909–14) zum Tragen. Durch reine Farben, Formen

und Klänge enthebe sich die Kunst dem „irdischen Raum- und Zeitbegriff“ und offenbare

die „‚innere Notwendigkeit‘ der Schöpfung. […] Mittels Farbsequenzen, Gesten, menschlichen

Lauten und instrumentalen Tönen wird die Seele des Zuschauers in Schwingung

versetzt“ und so ein Ganzes der Künste gebildet, schreibt Alois Müller im Katalog zur

Ausstellung Der Hang zum Gesamtkunstwerk 1983. 52

Die 84 Blatt von Streubels antioper umfassen sowohl schreibmaschinengeschriebene

Seiten als auch Grafiken, bei denen Streubel sich teilweise auf vorangegangene

Werke bezieht. Die Blätter sind individuell gestaltet und folgen keiner formalen Logik.

Wie bei Publikationen des Bauhauses, verzichtet der Künstler auf die Beachtung von

Groß- und Kleinschreibung und größtenteils die Interpunktion. Neben Regieanweisungen

beschreibt Streubel auch das Szenenbild. Eine Notenfassung des Stücken sollte von

Siegfried Geißler erarbeitet werden, wobei „Überlegungen, eine dem Libretto gemäße

musikalische Form zu finden, [sich] in Richtung Aleatorik (= Einbeziehung des Zufalls in

der Werkgenese resp. -interpretation; Anm. AK) [bewegen].“ 53 Während der überwiegende

Teil der Blätter an der gewohnten Leserichtung von Text orientiert ist, hat beispielsweise

das Seite 8 den Charakter einer eigenen grafischen Arbeit (Abb 7). Im Text werden

Worte aus der vorherigen Seite aufgegriffen: Er beginnt mit „all erlebt 1953 nicht ....“ und

formt in 40 Zeilen einen kreisförmigen Satzspiegel, wobei die ersten und die letzten Worte

außerhalb dessen liegen. Der Kreistext ist nur mit großer Mühe lesbar, da die Laufweite

der Schrift stark variiert und die aneinandergereihten Worte keiner erkennbaren

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