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Manet und Astruc

ISBN 978-3-422-98760-9

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Manet und Astruc

Künstlerfreunde


Porträt Zacharie Astruc, um 1874/78,

Fotografie von Ferdinand Mulnier

Porträt Édouard Manet, um 1867/70,

Fotografie von Nadar


Manet und Astruc

Künstlerfreunde

Herausgegeben von

Dorothee Hansen

Mit Beiträgen von

Jean-Paul Bouillon

Christine Demele

Sharon Flescher

Alice Gudera

Dorothee Hansen

Maren Hüppe

Gudrun Maurer

Édouard Papet

Samuel Rodary


Dank

Leihgeber

Der Ausstellungskatalog wurde

ermöglicht durch die

Ernst von Siemens Kunststiftung.

Die Ausstellung wurde ermöglicht durch:

Karin und Uwe Hollweg Stiftung

Gefördert durch:

Kulturstiftung der Länder

Wirtschaftsförderung Bremen GmbH

Ernst von Siemens Kunststiftung

Die Sparkasse Bremen ag

swb ag

CITIPOST

und private Förderer

Mobilitätspartner:

metronom Eisenbahngesellschaft mbH

Medienpartner:

weser-kurier

Bremen Zwei

arte

filmflut

Kulturpartner:

ndr Kultur

Wir danken allen, die uns mit Leihgaben so

großzügig unterstützt haben:

Musées d’Angers

Museum of Fine Arts, Boston

Übersee-Museum, Bremen

Gillis Goldman Fine Art, Brüssel

The Art Institute of Chicago

Staatliche Kunstsammlungen Dresden,

Kupferstich-Kabinett

Hugh Lane Gallery, Dublin

Musée d’art, histoire et archéologie, Évreux

Kelvingrove Art Gallery and Museums,

Glasgow

Göteborgs Konstmuseum

The Museum of Fine Arts, Houston

Musées de Laval

The National Gallery, London

Musée des Beaux-Arts, Lyon

Sammlung Dr. Sharon Flescher, New York

The Metropolitan Museum of Art, New York

Stadtmuseum Oldenburg

Bibliothèque nationale de France, Paris

Institut national d’histoire de l’art, Paris

Musée d’Orsay, Paris

Palais de la Légion d’honneur, Paris

Petit Palais, Musée des Beaux-Arts

de la Ville de Paris

Conservation des œuvres d’art religieuses

et civiles (coarc), Paris

Philadelphia Museum of Art

Fonds Musée de l’Opéra, Vichy

Chrysler Museum of Art, Norfolk, Virginia

National Gallery of Art, Washington, d. c.

The Phillips Collection, Washington, d. c.

Albertina, Wien

Sammlung Oskar Reinhart „Am Römerholz“,

Winterthur

sowie privaten Leihgebern,

die ungenannt bleiben möchten.

Die englische Ausgabe des

Katalogs wurde unterstützt vom

ceeh Verlag, Madrid.


Inhalt

6

Vorwort und Dank

8

Manet und Astruc

Künstlerfreunde

Dorothee Hansen

24

Konzentrische Kreise

Astruc, Manet und la jeunesse

Sharon Flescher

36

Manet und Astruc

Auf den Spuren von Velázquez,

El Greco und Goya

Gudrun Maurer

54

„Es ist purer Goya. Trotzdem

war Manet nie so sehr er selbst!“

Das Werk des spanischen

Maler-Radierers als Inspirationsquelle

für den Wegbereiter der Moderne

in Frankreich

Christine Demele

66

Manet, Astruc und die Anfänge

des Japonismus in Frankreich

Alice Gudera

80

Manet, Astruc, Bracquemond

und „Jing-Lar“

„Japonismus“ im Paris

der zweiten Hälfte der 1860er Jahre

Jean-Paul Bouillon

90

„So eine Blume kann zu einem ganzen

Drama werden“

Gemalte Bouquets von Manet,

Astruc und ihren Zeitgenossen

Dorothee Hansen

104

Zacharie Astruc als Bildhauer

Édouard Papet

114

Manet und Astruc, Astruc und Manet

Correspondance / Briefwechsel

Eingeführt und kommentiert

von Samuel Rodary

151

Die Ausstellung

mit Werkkommentaren

von Dorothee Hansen und Alice Gudera

290

Biografien von Édouard Manet

und Zacharie Astruc

Maren Hüppe / Dorothee Hansen

300

Verzeichnis der ausgestellten Werke

306

Ausgewählte Literatur

314

Personenregister

318

Impressum und Abbildungsnachweis


Vorwort und Dank

Anfang 1909 erwarb der Kunstverein in Bremen ein Hauptwerk der Kunsthallen-Sammlung: das

Bildnis des Zacharie Astruc von Édouard Manet. Der Dargestellte, erst eineinhalb Jahre zuvor

gestorben, war so gut wie unbekannt. Manet hingegen, der schon 1883 im Alter von nur 51 Jahren

verstorben war, hatte bereits zu Lebzeiten einen Ruf als provozierend moderner Künstler.

Sein Bildnis Astrucs ist mehr als ein Porträt: Es ist ein Freundschaftsbild und steht für ein

ästhetisches Programm. Die Ausstellung Manet und Astruc – Künstlerfreunde untersucht jene

Themen, die Manet und Astruc gemeinsam intensiv beschäftigt haben – Spanien und die Inspiration

durch Diego Velázquez und Francisco de Goya, aber auch die japanische Kunst oder das Thema

der Blumenstillleben. Sie präsentiert eindrucksvolle, weltberühmte Meisterwerke Manets zusammen

mit nahezu unbekannten Aquarellen und Skulpturen Astrucs und führt erstmals den Dialog zwischen

dem einzigartigen Maler Manet und der facettenreichen Persönlichkeit Zacharie Astruc vor Augen.

Dabei werden auch ihre freundschaftlichen Beziehungen zu Künstlern und Kritikern wie Félix

Bracquemond, Henri Fantin-Latour, Claude Monet, Pierre-Auguste Renoir und Émile Zola sichtbar.

Zolas von Manet gemaltes Porträt kann geradezu als „Schwesterstück“ von Astrucs Bildnis betrachtet

werden – nebeneinander in einem Raum sind sie ein Highlight der Ausstellung. Einen weiteren Höhepunkt

stellt das großformatige Gruppenporträt Ein Atelier im Batignolles-Viertel von Henri

Fantin-Latour dar, das wir – wie das Zola-Bildnis – als Leihgabe aus dem Pariser Musée d’Orsay

erhalten haben. Es versammelt fortschrittliche Künstler jener Zeit um Manet, der an der Staffelei

sitzt und das Porträt Astrucs malt. Das ambitionierte Gemälde Fantin-Latours unterstreicht die

besondere Bedeutung des Bremer Astruc-Bildnisses und veranschaulicht zugleich das freundschaftliche

Netzwerk, in dem sich Astruc und Manet befanden.

Mit der aktuellen Ausstellung setzt die Kunsthalle Bremen ihre Reihe großer Präsentationen

zur französischen Kunst des 19. Jahrhunderts fort, die die bedeutendsten Werke der Sammlung in

den Mittelpunkt stellen. Neben dem Mohnfeld von Vincent van Gogh und der Camille von Claude

Monet gehört das Bildnis des Zacharie Astruc zu jener Trias international bedeutender Meisterwerke,

die dank der mutigen und fortschrittlichen Sammlungsstrategie von Gustav Pauli, dem ersten

Direktor der Kunsthalle von 1899 bis 1914, bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts erworben wurden.

Sein Nachfolger in den Jahren bis 1945, Emil Waldmann, wurde einer der führenden Manet-Experten

Deutschlands und würdigte diesen in zahlreichen Publikationen als überragenden Künstler des

19. Jahrhunderts. 1910 übersetzte er die Manet-Biografie von Théodore Duret ins Deutsche, und 1923

verfasste er selbst eine Monografie über Manet, die er Duret widmete.

Édouard Manets Werk wurde seither unter den verschiedensten Aspekten kunstwissenschaftlich

untersucht. Der enorme Umfang der Literatur über den Maler steht in starkem Gegensatz zu

der Forschungssituation über Astruc. Bis heute ist die 1977 abgeschlossene Doktorarbeit von Sharon

Flescher an der Columbia University in New York die einzige umfangreiche Publikation über Astruc;

ein Jahr später erschien das Manuskript als Dissertationsdruck. Zwar wird Astruc verschiedentlich

in der Manet-Literatur erwähnt, doch es gibt nach wie vor kein einziges illustriertes Buch über ihn.

So leistet der vorliegende Katalog Pionierarbeit, um diese kaum bekannte Künstlerpersönlichkeit

vorzustellen. Ausgehend von der profunden Arbeit von Frau Flescher wurden neue Dokumente und

jüngere Forschungen einbezogen, vor allem aber zahlreiche unbekannte Werke entdeckt. Viele sind

in dieser Ausstellung erstmals seit Astrucs Lebzeiten wieder zu sehen, verschollen geglaubte Arbeiten

aus Privatbesitz werden ausnahmsweise gezeigt, und eine Reihe von Werken wurde speziell für die

Präsentation direkt in der Kunsthalle Bremen restauriert. Mit der Veröffentlichung der Briefe von

Manet und Astruc erschließt der Katalog zudem wichtiges Quellenmaterial über die beiden Künstler

nicht nur im französischen Original, sondern zudem in übersetzter und kommentierter Form: eine

Grundlagenarbeit, die hoffentlich zu weiteren Forschungen anregt.


7

Auch das Kupferstichkabinett der Kunsthalle Bremen trägt mit seinen hervorragenden Beständen

zu diesem umfangreichen Projekt bei. Unsere Kustodin Christine Demele hat eine begleitende Aus -

stellung unter dem Titel Manet und Goya – Revolutionäre Radierungen kuratiert. Darin nimmt sie

das Verhältnis zwischen den beiden Künstlern und ihrem großen gemeinsamen Vorbild Velázquez

vertieft in den Blick. Ein Beitrag über diese Ausstellung ist im vorliegenden Katalog enthalten.

Wir freuen uns und sind dankbar, dass Frau Flescher sich mit einem wissenschaftlichen Beitrag

am Katalog beteiligt hat. Auch allen anderen Autoren, die mitgearbeitet haben, danken wir ganz

herzlich: dem Japonismus-Experten Jean-Paul Bouillon; Gudrun Maurer, Goya-Spezialistin und

Kuratorin am Prado in Madrid; Édouard Papet, Chefkurator für Skulpturen am Musée d’Orsay, und

Samuel Rodary, Paris, der zurzeit eine Gesamtpublikation der Briefe Manets vorbereitet. Juliet

Wilson-Bareau, London, motivierte uns durch ihren begeisterten Zuspruch und stand uns mit zahlreichen

inhaltlichen Hinweisen zur Seite. Auch die Übersetzer und unsere ausgezeichnete Lektorin

Almut Otto haben zum Gelingen dieses Projektes in bedeutendem Maße beigetragen.

Die Ausstellung hätte ohne die vielen Leihgeber nicht stattfinden können. In den schwie rigen

Zeiten der Corona-Pandemie sind wir ganz besonders dankbar für das Vertrauen der bedeutenden

internationalen Häuser, die uns herausragende Werke von Manet, Astruc und anderen Künstlern

zur Verfügung gestellt haben. Hier ist vor allem das Musée d’Orsay in Paris zu nennen, das mit dem

Porträt Émile Zola und dem Atelier im Batignolles-Viertel zwei zentrale Werke ausleiht. Besonderer

Dank gilt aber auch dem Metropolitan Museum of Art in New York, dem Museum of Fine Arts

in Boston, dem Art Institute of Chicago, der National Gallery of Art und der Philips Collection in

Washington, d. c., der National Gallery in London und verschiedenen weiteren wichtigen Ausstellungsinstituten

sowie den privaten Leihgebern, die uns mit Begeisterung unterstützt haben.

Für dieses aufwendige Projekt bildete die Unterstützung durch Mäzene und Stiftungen

die Voraussetzung. Die Kunsthalle Bremen, die bis heute vom privaten Kunstverein in Bremen

getragen wird, ist in besonderem Maße auf solche Hilfe angewiesen. Den Grundstein der Ausstellungsfinanzierung

legte – wie so oft – die großzügige Zuwendung durch die Karin und Uwe

Hollweg Stiftung. Dem Ehepaar Hollweg gilt dafür unser allerherzlichster Dank. Für die großzügige

Unterstützung der Ausstellung danken wir besonders auch der WfB Wirtschaftsförderung

Bremen GmbH, der Kulturstiftung der Länder sowie unseren langjährigen Sponsoren Sparkasse

Bremen ag, der swb ag und einer Gruppe privater Förderer. Der Katalog wurde durch Unterstützung

der Ernst von Siemens Kunststiftung ermöglicht, der wir gleichfalls ganz herzlich danken.

So umfangreiche wissenschaftliche Publikationen wären aus eigener Kraft für den Kunstverein

nicht realisierbar. Gerade für einen derart grundlegenden Band war eine englische Ausgabe wichtig.

Sie wurde unterstützt durch das Centro de Estudios Europa Hispánica (ceeh), dessen Verlag

die englische Fassung des Kataloges veröffentlicht.

Nicht zuletzt ist unserem Team zu danken, das die Ausstellung vorbereitet hat, allen voran

der Kuratorin Dorothee Hansen. Sie hat das Projekt konzipiert und seit vielen Jahren mit viel

Energie und Intelligenz vorangetrieben, den Katalog herausgegeben und wesentliche Texte verfasst.

Wir danken ihr für ihren leidenschaftlichen Einsatz und eine spannende Ausstellung. Ihr stand

die Kunsthistorikerin Alice Gudera mit ihrem großen kunstgeschichtlichen Wissen und hohem

persönlichen Engagement zur Seite. Sie schrieb nicht nur zahlreiche Katalogtexte, sondern ermöglichte

ebenso anregende wie motivierende wissenschaftliche Diskussionen und entwickelte zahlreiche

Ideen für Vermittlungsangebote. Die Mitarbeit Frau Guderas wurde ermöglicht durch Christa

Bürger, die der Kunsthalle Bremen durch großzügige Zuwendungen verbunden ist. Manuela

Husemann und die Volontärin Mara-Lisa Kinne haben engagiert die englische Katalogausgabe

betreut. Maren Hüppe unterstützte als besonders fähige Praktikantin das Team, und Dorothea Sager

stand uns als ehrenamtliche Mitarbeiterin bei der Katalogarbeit zur Seite. Den schönen Katalog

gestalteten Florian Pfeffer und René Schmitt vom Studio one/one. Für die visuelle Erscheinung

der Ausstellung zeichnet diesmal das Büro Bach Dolder & Kraus Lazos verantwortlich. Wir danken

allen wissenschaftlichen und kreativen Köpfen für die inspirierende Zusammenarbeit!

Ihnen, liebe Besucherinnen und Besucher, wünschen wir einen anregenden Ausstellungsbesuch:

Sie werden eindrucksvolle Meisterwerke sehen und in die Zeit von Manet und Astruc eintauchen.

Unter den Stichworten Networking und interkultureller Austausch lassen sich zahlreiche

Parallelen zum heutigen Kunstbetrieb ziehen.

Nicole Lamotte

Vorsitzerin des Kunstvereins in Bremen

Christoph Grunenberg

Direktor der Kunsthalle Bremen


Manet und Astruc

Künstlerfreunde

Dorothee Hansen

Anfang 1909 erwarb der Kunstverein in Bremen das Bildnis des Zacharie Astruc von Édouard Manet

(Abb. 1). Finanziert wurde es von Kunstfreunden unter Beihilfe des Galerievereins als Geschenk

zu Ehren des Kunstvereinsvorsitzers Carl Schütte. Die Auswahl dürfte maßgeblich auf den Direktor

Gustav Pauli zurückgegangen sein, der das Museum von 1899 bis 1914 leitete. Dessen damaliger

Assistent und anschließender Nachfolger, Emil Waldmann, hat seine eigene hohe Bewunderung für

den Künstler Manet sowie die malerische und historische Bedeutung dieses Gemäldes ausführlich

dargelegt. 1 Zentral war für ihn die malerische Gestaltung. Über den Dargestellten, der etwa eineinhalb

Jahre vor dem Einzug des Bildes in die Kunsthalle gestorben war, wusste man damals jedoch

nur wenig. Manet hingegen, der bereits 1883 im Alter von nur 51 Jahren verstorben war, hatte schon

zu Lebzeiten einen Ruf als provozierend moderner Künstler gehabt. Seit den 1890er Jahren stieg

die Nachfrage nach seinen Gemälden insbesondere auf dem us-amerikanischen und dem deutschen

Kunstmarkt, und seine Werke zogen hier auch erstmals in fortschrittlich ausgerichtete Museumssammlungen

ein.

Bis heute ist Zacharie Astruc in der Kunstgeschichte eine marginale Gestalt geblieben.

Auch das Porträt, das Manet 1866 von ihm schuf, wurde zunächst wenig beachtet. Es war zu Manets

Lebzeiten nur einmal öffentlich zu sehen, als er es 1867 in seiner selbst organisierten Einzelausstellung

in einem Pavillon nahe dem Pont de l’Alma in Paris unter dem Titel Portrait de Z. A. zeigte. 2

Für die posthume Retrospektive des Künstlers in der École des Beaux-Arts 1884 wählte man es

jedoch nicht aus. Vor allem aber bleibt es ein Rätsel, warum sich das Porträt bei Manets Tod

ungerahmt in dessen Atelier befand, denn es trägt eine Widmung: „Dem Dichter Z. Astruc / sein

Freund Manet 1866“ (Abb. 6). 3

Abb. 1

Édouard Manet,

Bildnis des Zacharie Astruc, 1866,

Kunsthalle Bremen –

Der Kunstverein in Bremen

(Kat. 19)


9

Dennoch hatte das Bildnis des Zacharie Astruc einmal einen besonderen Auftritt im Pariser Salon:

1870 stellte dort Henri Fantin-Latour, der mit Manet und Astruc befreundet war, sein großformatiges

Gruppenbildnis Ein Atelier im Batignolles-Viertel aus (Abb. 13). Den Mittelpunkt bildet Manet mit

seiner Palette, während Astruc ihm Modell sitzt. Auf der Staffelei steht also das Astruc-Porträt, von

dem jedoch nur die Rückseite zu sehen ist. Fantin verleiht hier dem Werk eine Bedeutung, die kaum

zu dessen oben angerissener Rezeptionsgeschichte zu passen scheint. Warum wählte er gerade diese

Porträtsitzung als Motiv für sein Gruppenbildnis? Ging es ihm vielleicht weniger um Manets Gemälde

als um die Person Astrucs – den Dichter, den Kritiker, den Künstler, aber vor allem den Freund?

Im Unterschied zu dem Bildnis des Zacharie Astruc hat Manets Porträt Émile Zola (Abb. 2),

das nur zwei Jahre später entstanden war, Karriere gemacht. Es war im Pariser Salon von 1868 unter

vollem Namen – als Portrait de M. Émile Zola – ausgestellt und erntete dort zahlreiche Kommentare

seitens der Kritiker. 4 Fotografien zeigen, dass Zola es zunächst in seinem Arbeitszimmer aufgehängt

hatte; später fotografierte er es selbst als zentrales Stück über dem Kamin. 5 Für die posthume Retrospektive

Manets wurde das Werk extra ausgeliehen. Zwar war der Schriftsteller Zola 1868, als das

Bildnis entstand, ähnlich unbekannt

wie Astruc, doch ab den 1870er Jahren

erlangte er durch seine Romane große

Berühmtheit: Dieser Umstand trug

im Folgenden zur Prominenz seines

Porträts erheblich bei. Als Alexandrine

Zola, die Witwe des Schriftstellers,

das Bild 1918 dem französischen Staat

vermachte, war der Dargestellte vielleicht

sogar bekannter als der Maler.

Mit der Ausstellung Manet und

Astruc – Künstlerfreunde in der Kunsthalle

Bremen rückt erstmals die Person

Zacharie Astruc als Kunstkritiker,

Dichter, Maler und Bildhauer näher in

den Blick. Dabei ist nach seinem

Verhältnis zu Manet zu fragen: Welche

Rolle spielte er für ihn? Waren sie

befreundet, ging es um den inspirierenden

Austausch zu ästhetischen

Fragen, oder stand der professionelle

und nützliche Kontakt zwischen Künstler

und Kritiker im Vordergrund?

Gerade im Vergleich mit Manets

Beziehung zu Zola zeigen sich diesbezüglich

deutliche Unterschiede,

die sich auch in der Gestaltung ihrer

Bildnisse spiegeln. Eine Gegenüberstellung

der beiden Gemälde bietet

daher den besten Einstieg zur Beantwortung

dieser Fragen.

Abb. 2

Édouard Manet

Porträt Émile Zola, 1868

Musée d’Orsay, Paris (Kat. 20)


Für das Bildnis des Zacharie Astruc wählte

Das Bildnis des Zacharie Astruc Manet ein Querformat. Das war ungewöhnlich

für ein Porträt. 6 Es ermöglichte Manet eine

komplexe Komposition, die das reine Bildnis mit einem Stillleben und einer Interieurszene verbindet.

Knapp zwei Drittel der Leinwand nimmt die Figur Astrucs ein. Er sitzt entspannt auf einem

gepolsterten Stuhl, lässig liegt die linke Hand auf der Armlehne, während er die Rechte in seine

Weste geschoben hat. Der markante Gestus erinnert an die Pose Napoleons, tatsächlich findet man

ihn aber in zahlreichen gemalten und fotografischen Bildnissen des 19. Jahrhunderts. Der nach oben

weisende Daumen bildet eine Gegenbewegung zu der nach unten hängenden linken Hand und leitet

den Blick auf das Gesicht des Mannes, der offen zum Betrachter schaut. Seine Züge leuchten hell vor

dem dunklen Hintergrund – ein Stellschirm mit goldener Einfassung –, vor dem sein langes, wallendes

Haar kaum zu erkennen ist.

Hände und Gesicht bringen die Figur zum Sprechen: Sie erzählen von Gelassenheit und

Selbstbewusstsein sowie von Jugend und Offenheit. Manet unterstreicht dies durch einen kraftvollen

Strich und demonstriert dabei die Vielfalt seiner malerischen Möglichkeiten: Er brilliert mit der

plastischen Ausarbeitung des Gesichts, dessen Inkarnat durch unterschiedliche Farbnuancen, die

mit breiten Pinselzügen aufgetragen sind, äußerst lebendig wirkt. Auch die großen, glänzenden

Augen, die sinnlichen Lippen und der weich ansetzende Vollbart sind mit kräftigen Strichen geformt

und halten eine sensible Balance zwischen Illusionismus und der augenfälligen Sichtbarkeit der

malerischen Handschrift. Die rechte Hand mit dem nach oben weisenden Daumen gestaltete der

Maler zwar plastisch und opak, doch er verzichtete auf physiognomische Details, während er die

Linke in einem gänzlich skizzenhaften Zustand beließ: Die Konturen der Finger sind nur locker

angedeutet, und das Inkarnat ist so dünn aufgetragen, dass auf dem Handrücken teilweise die grundierte

Leinwand zu erkennen ist. Auf diese Weise wirkt die Hand beinahe wie ein herabhängender,

ausgezogener Handschuh. Nicht ohne Grund erinnern Astrucs Hände an Tizians Porträt Der Mann

mit dem Handschuh, das sich bereits damals im Louvre befand (Abb. 3). 7 Die Nähe zu Tizians

Gemälde war zunächst sogar noch deutlicher, denn Manet hatte ursprünglich Astrucs rechte Hand

mit ausgestrecktem Zeigefinder angelegt. Erst im Laufe des Malprozesses ließ er sie weitgehend

hinter der schwarzen Weste verschwinden. 8 Schon damals galten Hände als eine besondere Herausforderung

in der Malerei: „An der Hand erkennt man die Qualität eines Malers“, schrieb Théophile

Thoré 1864 unter seinem Pseudonym W. Bürger. 9 Als prominentestes Beispiel führte er Tizians

Mann mit dem Handschuh an.

Auch die Gesamtkomposition des Bildnisses des Zacharie Astruc geht auf ein Vorbild Tizians

zurück. Gemeint ist die Venus von Urbino (Abb. 4), die Manet 1857 kopiert hatte und die er in seinem

Gemälde Olympia 1863 offen zitierte (Abb. 5). 10 Die Position Astrucs vor dunklem Fond, neben dem

sich der Blick in einen Nebenraum öffnet, in welchem die (Rücken-)Figur einer Frau vor einem Fenster

zu sehen ist, entspricht gleichfalls Tizians Gemälde. Daher erübrigt sich die oft diskutierte Frage,

ob neben Astruc ein Spiegel, ein Gemälde oder ein Durchblick in den hinteren Raum dargestellt ist:


11

← ← ← Abb. 3

Tizian,

Der Mann mit dem Handschuh

1520–1523,

Musée du Louvre, Paris

← ← Abb. 4

Tizian,

Venus von Urbino, 1538,

Uffizien, Florenz

← Abb. 5

Édouard Manet,

Olympia, 1863,

Musée d’Orsay, Paris

Wichtig ist vor allem das doppelte Zitat, das in der Komposition angelegt ist. 11 Denn die gesamte

Szene ist keineswegs so „real“, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Astruc sitzt nicht im

Arbeitszimmer seiner Wohnung, sondern im Atelier Manets, der diese Konstellation mithilfe von

Requisiten inszeniert hat. Den samtbezogenen Stuhl benutzte Manet mehrfach für Porträts, und

einen solchen Stellschirm mit der goldglänzenden Zierleiste und dem oben rechts angeschnittenen

Medaillon hatte er bereits ganz ähnlich für das Gemälde Olympia verwendet, das im Salon von 1865

einen großen Skandal hervorrief. Manets Briefe belegen, wie tief ihn die scharfen, gar vernichtenden

Kritiken zu dem Werk getroffen hatten, 12 und auch Astruc, der ihn zu trösten versuchte, wurde damals

in einer Karikatur geschmäht, weil er ein Gedicht zu dem Gemälde verfasst hatte (Abb. S. 293). 13

Indem die Komposition des Astruc-Porträts auf jene der Olympia zurückgreift, enthält sie also eine

Erinnerung an den gemeinsam erlebten Skandal, der wenig später zu einer fluchtartigen Reise

Manets nach Spanien führte, auf der er sich, mit einer Reiseanleitung von Astruc in der Tasche, Rat

vom „Maître Velázquez“ erhoffte. 14

Mit dem Arrangement von Büchern und Schreibfedern sowie einem Glas, einer Zitrone

und einem Messer auf einem Lacktablett fügte Manet ein Stillleben in das Astruc-Porträt ein.

Es spielt in freier Paraphrase auf die niederländische Tradition des 17. Jahrhunderts an und ist zugleich

als Attribut Astrucs zu lesen. Die Schreibwerkzeuge bezeichnen den Kritiker und Dichter,

die Bücher verweisen auf seine Gelehrsamkeit wie auch auf seine eigene Produktion: Neben zahlreichen

Beiträgen in Zeitungen hatte er zwei Bücher mit Kritikensammlungen veröffentlicht: 1859

war Les 14 stations du Salon und 1860 Le Salon intime erschienen (Abb. S. 31).

Während die italienische Renaissancemalerei und die niederländische Kunst des 17. Jahrhunderts

durch Komposition und gattungsspezifische Arrangements gegenwärtig sind, verweisen

konkrete Motive im Astruc-Porträt auf die Musik sowie auf die spanische und die japanische Kunst –

drei Gebiete, für die sich Astruc ganz besonders begeisterte. Das mit wenigen Pinselstrichen

angedeutete Saiteninstrument im Hintergrund steht für seine musikalischen Aktivitäten als Komponist,

Sänger und Gitarrenspieler, der außerdem Musikkritiken veröffentlichte. Die um seinen Bauch

gewickelte rote Schärpe dient nicht nur als wirkungsvoller Farbakzent, sondern ist vor allem eine

Anspielung auf die Gürtung der Toreros. 15 Nicht zuletzt erweist sich das dünne Heft, das unmittelbar

neben dem Dargestellten auf dem Tisch liegt, durch den Streifen mit Schriftzeichen als ein japanisches

Album. Astruc, der zu den frühen Liebhabern und Kennern der japanischen Kunst und Kultur gehörte,

sammelte solche Alben mit Holzschnitten ebenso wie einzelne Drucke. Ein Jahr nach der Entstehung

seines Porträts publizierte er zwei Texte zur japanischen Kunst, und ein weiterer folgte 1868. 16 Damals

wurde er zudem Gründungsmitglied der Jing-Lar-Gesellschaft, die sich im Zeichen der japanischen

Kultur und einer republikanischen Gesinnung zu geselligen Diners versammelte. 17 Auf das japanische

Album setzte Manet seine Widmung des Gemäldes an den Dichter und Freund Astruc (Abb. 6).

Bei dem Porträt Émile Zola scheint Manet auf den ersten Blick einen ähnlichen Ansatz

verfolgt zu haben (Abb. 2): Auch hier zeigt er den Kritiker und Schriftsteller mit bedeutungsvollen

Attributen. Doch nun entschied er sich für ein klassisches Hochformat. Dessen Größe – es ist


Abb. 6

Édouard Manet, Bildnis des

Zacharie Astruc (Detail), 1866,

Kunsthalle Bremen –

Der Kunstverein in Bremen

beinahe doppelt so groß wie das Bildnis des Zacharie Astruc – verrät die Absicht des Malers,

im Salon die Aufmerksamkeit auf das Werk zu ziehen. Statt der Halbfigur hat er nun nahezu die

gesamte Person wiedergegeben, die auf einem Polsterstuhl am Schreibtisch sitzt. Zola ist im

Profil zu sehen, ohne Kontakt zum Betrachter, den Blick sinnend nach rechts gerichtet, als denke

er über seine Lektüre nach. Sein tiefschwarzes Jackett und das übergeschlagene Bein signalisieren

gleichfalls Abwendung und Distanz.

Wie das Bildnis Astrucs wurde dieses „Interieur“ im Atelier Manets inszeniert. 18 Auch hier

sind auf dem Schreibtisch Bücher und Schreibfedern aufgehäuft, die von der Profession Zolas erzählen.

Die hellblau gebundene Broschüre trägt den deutlich lesbaren Titel „Manet“, darüber ist mit

Mühe der Autorenname „Zola“ zu entziffern. Der Buchtitel fungiert zugleich als Signatur und

Widmung des Gemäldes. Er bezieht sich auf die engagierte Kritik über Manets Malerei, die Zola

erstmals 1866 sowie in überarbeiteter Fassung Anfang 1867 publiziert hatte und die er wenig später

nochmals als eigene Broschüre herausgab. 19 Die drei Bilder, die im Hintergrund in einem gemeinsamen

Rahmen an der Wand befestigt sind, sprechen eine klare Sprache: Der japanische Holzschnitt

von Utagawa Kuniaki ii., die Radierung Francisco de Goyas nach Diego Velázquez’ Gemälde Die

Betrunkenen und eine Fotografie von Manets Gemälde Olympia versammeln Kunstwerke aus unterschiedlichen

Zeiten und Ländern (Kat. 21–23). Moderne und historische Reproduktionstechniken

ermöglichen diese Cross-Culture-Collage. Ein japanischer Stellschirm öffnet links die Bildfläche in

eine imaginäre Landschaft und formt zusammen mit dem Polsterstuhl einen farbigen Rahmen um

die schwarz gekleidete Person, der an der oberen Kante des Bildes durch zwei Pfauenfedern und einen

Goldrahmen im Anschnitt ergänzt wird: So erscheint Zola eingeschlossen in seine Studierstube wie

der heilige Hieronymus im Gehäuse, vertieft in seine Gedanken.

Profilbild und en face, Abwendung und Blickkontakt, Nähe und Distanz führen zu einer

grundsätzlich unterschiedlichen Wirkung der beiden Porträts, die zugleich das Verhältnis zwischen

dem Maler und seinen Modellen spiegelt. Das intime Bildnis Astrucs mit der freundschaftlichen,

persönlichen Widmung hatte privaten Charakter und war zugleich ein inhaltlich anspruchsvolles

Werk. Hinweise auf die italienische, die niederländische, die spanische oder die japanische Kunst

sind darin indirekt vermittelt oder in unauffälligen Motiven angedeutet, die nur der Künstler und

der Dargestellte oder ihre engsten Freunde sofort zu erkennen vermochten. Sie stehen nicht nur

für die Person Astrucs, sondern zugleich auch für Manet, denn beide teilten diese Interessen. Das

Bildnis Zolas wirkt dagegen plakativ und explizit: Der gedruckte Buchtitel ersetzt die handschriftliche

Widmung, und die Namen „Manet“ und „Zola“ sowie die Bilder im Hintergrund wenden sich

an eine zeitgenössische Öffentlichkeit. Die Person Émile Zolas wird hier höchst anspruchsvoll in

Szene gesetzt, obgleich jener als Schriftsteller und Kritiker noch am Anfang seiner Karriere stand

und keineswegs als Sammler von japanischer Druckgrafik bekannt war. 20 Tatsächlich repräsentieren

die Attribute im Hintergrund weniger Zolas künstlerische Interessen als jene Manets, der hier sein

ästhetisches Programm, das im Astruc-Bildnis auf eher indirekte Weise bereits enthalten ist, nun

demonstrativ zur Schau stellt.


13

Geschenke erhalten die Freundschaft

Die unterschiedlichen Tonlagen der beiden

Bildnisse von Astruc und Zola entsprechen dem

persönlichen Verhältnis zwischen Manet und

den Dargestellten. Mit Astruc war Manet seit der Zeit um 1860 befreundet. 21 Ihre erste Begegnung

ist nicht dokumentiert, aber beide verkehrten schon in den späten 1850er Jahren in ähnlichen Kreisen

und waren gleichermaßen mit Fantin-Latour und Charles Baudelaire befreundet. 22 Seit 1863 sind

Briefe zwischen Manet und Astruc erhalten, doch bereits zuvor gab es einen regelmäßigen Austausch,

der sich in Bildnissen, Kritiken, Geschenken und Widmungen nachzeichnen lässt. 23 Als Manet 1862

in seinem Gemälde Musik im Tuileriengarten (Kat. 2) erstmals Astruc porträtierte, gehörte dieser

schon einige Zeit zu seinem Freundeskreis. Er hatte Manet ein Exemplar seines Buches Le Salon

intime von 1860 zugeeignet: „Dem besten meiner Freunde, dem liebenswerten und großen Künstler

Édouard Manet, sein ewig ergebener Zacharie Astruc“ (Abb. S. 31). 24 Die überschwängliche Formulierung

unterscheidet sich von den wesentlich knapper gehaltenen Widmungen in anderen Büchern

aus Manets Besitz und zeugt gleichermaßen von großer persönlicher Zuneigung wie auch hoher

Bewunderung für den Maler.

Ihre gemeinsame Verehrung der spanischen Tänzerin Lola de Valence, die im Frühjahr und

Sommer 1862 in Paris auftrat, intensivierte den Austausch zwischen Manet und Astruc. Manet malte

ein Bildnis der Tänzerin (Abb. S. 61) und schenkte Astruc ein Aquarell nach dem Gemälde (Abb. 7). 25

Astruc komponierte Lola de Valence zu Ehren eine Serenade mit eigenen Versen, für die Manet

wiederum das Titelblatt gestaltete (Kat. 14 a, 14 b). Diese musikalisch-künstlerische Gemeinschaftsarbeit

erschien im März 1863, während Manet in der Galerie Martinet 14 Gemälde zeigte, darunter

Lola de Valence und Musik im Tuileriengarten. Als im Mai der Pariser Salon und wenig später der

Salon des Refusés eröffnet wurde, gab Astruc die Zeitung Le Salon als tägliches Feuilleton heraus.

Zwar musste sie aufgrund von staatlicher Zensur vorzeitig das Erscheinen einstellen, doch in der

letzten Ausgabe vom 20. Mai veröffentlichte Astruc seine emphatische Besprechung von Manets

Werken. Darin bezeichnete er diesen als „einen der größten Künstler unserer Zeit“: Er sei im Salon

„das Glitzern, die Inspiration, die kraftvolle Würze und die Überraschung“. 26 Bereits am 19. Mai,

kurz vor dem Erscheinungsdatum, übersandte Astruc zehn Exemplare dieser Ausgabe an Manet

zum „persönlichen Gebrauch“ als ein „freundschaftliches Geschenk“. 27 Aus dem Begleitbrief geht

hervor, dass er den Text schon zuvor Manet gezeigt hatte. Vor allem aber drückt Astruc seine Freundschaft

und seinen Einsatz für den Künstler aus: „Ich bin stolz darauf, dass Ihnen gefällt, was ich über

Sie gesagt habe. Ich freue mich über Ihre Wertschätzung und Zuneigung, es ist mein Wunsch, Ihrem

Geschmack zu entsprechen. Mögen diese Zeilen, die zu schreiben mir ein so großes Vergnügen

bereitet hat, Ihnen beweisen, dass es um Sie herum nicht an Mut, Hingabe und Gerechtigkeit mangelt,

mein lieber Freund!“ 28

In den folgenden Jahren standen Manet und Astruc in engem freundschaftlichen und künstlerischen

Austausch. So verfasste Astruc, inspiriert von Manets Gemälde Olympia, das Gedicht

„La Fille des Îles“ (Abb. S. 293). 29 Als Manet 1865 das Gemälde im Salon präsentierte, wurde die

erste Strophe des Gedichts im Salonkatalog abgedruckt, und vermutlich war sie zudem auf einem

Schild am Rahmen des Gemäldes befestigt. 30 In diesem Jahr brach die Kritik noch heftiger über

Manet herein als je zuvor. Astrucs Gedicht muss als dessen Bekenntnis zu Manet betrachtet werden,

und wie bereits erwähnt wurde auch er teilweise von der Kritik attackiert. Aus Fontainebleau

beobachtete er die Reaktionen: „Mein Freund, mein lieber Édouard! Mir scheint, der Kampf hat

begonnen – selbst von hier aus sehe ich die Funken […]. Diesen schweren Stürmen werden gewiss

bald Regenbögen folgen. Es bleibt zu hoffen, dass kühne Kameraden einen Toast auf Ihren Geist

ausbringen werden. […] Die Verse wurden anscheinend veröffentlicht. Nun stehe ich Wache und

beschütze das königliche Zelt.“ 31 Auch Astrucs Brief mit detaillierten Reiseempfehlungen für Spanien

wenige Wochen später ist ein Ausdruck persönlicher Verbundenheit. Astruc lässt den Freund

an den Erfahrungen teilhaben, die er selbst in Spanien gemacht hatte, und schließt beinahe verzweifelt:

„Hätte ich nur etwas Geld zur Verfügung, so könnte ich Ihnen diese verrückte Reise, auf

der alles nur ernst und traurig sein wird, angenehm gestalten. Ich schwöre bei Gott, es ist nicht die

Verlockung einer Reise – schon gar nicht unter diesen Voraussetzungen –, sondern es geht mir einzig

darum, Ihnen meine Freundschaft zu beweisen, damit dieses Abenteuer nach Ihren Vorstellungen

verläuft.“ 32 Manets tatsächliche Reise zeigt, dass beide durchaus unterschiedliche Vorstellungen und

Abb. 7

Édouard Manet, Lola de Valence, 1862,

Feder und Pinsel, Aquarell und

Gouache, Harvard Art Museums,

Cambridge, Massachusetts


14

Erwartungen mit dieser Unternehmung verbanden. 33 Astrucs Engagement für die Vermittlung

seines Wissens über Spanien und die dortigen Kunstschätze ist dennoch als ein Freundschaftsdienst

zu betrachten, der Manet sicher von praktischem Nutzen war.

Mit dem Bremer Bildnis des Zacharie Astruc von 1866 und der persönlichen Widmung

erwiderte Manet auf eindrucksvolle Weise die Freundschaftsbekundungen Astrucs. 1868 bedankte

er sich für Astrucs Salonkritik, in der dieser auf das Zola-Bildnis eingegangen war: 34 „Meine

Zuneigung zu Ihnen gibt mir die Gewissheit, dass dieses Gefühl auf Gegenseitigkeit beruht. Zudem

weiß ich, dass Sie wissen, was wirklich gut ist, und dass Sie, sobald es Ihnen möglich sein wird, meinem

übertriebenen Stolz Genüge tun werden. Ich drücke Ihnen die Hand. Ihr getreuer Édouard

Manet.“ 35 Zwei Jahre später saß Astruc Manet nochmals Modell, diesmal für das große Gemälde

Die Musikstunde (Kat. 28), das im Salon desselben Jahres ausgestellt wurde – ein solches zeitaufwendiges

Modellsitzen muss gleichfalls als ein Freundschaftsdienst gewertet werden, wenngleich

Astruc offenbar Gefallen daran fand. 36 Beide zusammen stellten sich damals auch ihrem Freund

Fantin-Latour als Modelle zur Verfügung, der im selben Jahr sein Gruppenporträt Ein Atelier im

Batignolles-Viertel im Salon präsentierte (Abb. 13). „Unter uns gesagt“, schrieb Fantin wenig später

an seinen englischen Freund Edwin Edwards, „ich glaube, es gibt kaum einen, der ihn [Astruc] nicht

gemalt hat. Es macht ihm Vergnügen zu posieren.“ 37

Nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 und der Belagerung von Paris, die Manet

und Astruc in der Stadt erlebten, sind weniger Dokumente ihrer Freundschaft erhalten. Von seiner

etwa eineinhalbjährigen Spanienreise 1872/73 brachte Astruc eine Aquarellkopie nach Goyas

Bekleideter Maja mit und schenkte sie Manet, 38 der das Gemälde des Spaniers bereits 1862 mit seiner

Jungen Frau im spanischen Kostüm zitiert hatte. 39 Außerdem wechselten sie in den 1870er Jahren

in ihren Briefen zum vertrauten „Du“, was bei Manet nur selten vorkam. Als sich Manet 1880 in

Bellevue bei Paris zur Kur aufhielt, schickte er Astruc einen Brief, der mit einem großen Aquarell

geschmückt war (Abb. S. 115). Damit gehörte Astruc zu dem kleinen Kreis von nur zehn Männern,

die einen persönlich dekorierten Gruß erhielten, während alle übrigen der 45 erhaltenen aquarellierten

Briefe aus dem Kurort an Freundinnen Manets adressiert waren. 40

Einen eindrucksvollen Abschluss in diesem Austausch bildet die Porträtbüste Manets, die

Astruc 1881 anfertigte (Kat. 72). Die Bronzeversion, die im selben Jahr im Pariser Salon ausgestellt

war, befand sich laut Katalog in Manets Besitz. Astruc soll sie Manet geschenkt haben, wie Armand

Silvestre berichtet. 41 Die Büste ist Astrucs künstlerische Antwort auf die drei Porträts, die Manet

mehr als zehn Jahre zuvor von ihm geschaffen hatte. Sie zeugt von der anhaltenden Beziehung zwischen

den beiden bis zu Manets Tod und sogar darüber hinaus: 1885 soll sie im Restaurant Père

Lathuille bei dem Gedächtnisbankett zum ersten Jahrestag der posthumen Retrospektive Manets in

der École des Beaux-Arts aufgestellt gewesen sein. 42

In diesem Überblick wird deutlich, wie die Beziehung zwischen Manet und Astruc durch

zahlreiche gegenseitige Freundschaftsbekundungen, kleine Geschenke und bedeutende Kunstwerke

geprägt und gefestigt wurde. Es waren ideelle und persönliche Gaben wie Kritiken, kleine Aquarelle,

Gemeinschaftsarbeiten und große Porträts, bei deren Modellsitzungen ein jeder dem anderen nicht

nur seine kreative Schaffenskraft, sondern auch seine Zeit „schenkte“. Zwar erreichten Manet und

Astruc im Rückblick bei Weitem nicht den gleichen künstlerischen Rang, doch das war 1866, als

beide noch am Anfang ihrer Karriere standen, keineswegs klar. Es ist daher ein wichtiges Detail, dass

Manet seinen Freund Astruc in der Widmung auf dem Gemälde als „Dichter“ bezeichnet: Bereits

durch die Verbindung der Olympia mit Versen von Astruc hatte Manet seine Wertschätzung gezeigt

und dem Freund die Möglichkeit geboten, sich dem Publikum zu präsentieren. Ein Jahr später würdigte

er durch seine Zueignung dessen Ringen um eine Laufbahn als Poet und Dramatiker, obwohl

Astruc damals noch kaum etwas auf diesem Gebiet veröffentlicht hatte. Solange sie auf unterschiedlichen

Feldern arbeiteten, konnten sie sich ergänzen; das änderte sich, als sich Astruc ab 1869

zunehmend selbst der bildenden Kunst verschrieb und nach 1872 die Kunstkritik gänzlich aufgab.

Von nun an gestaltete er seine Reaktion auf Manet in eigenen Kunstwerken. 43

Auch Émile Zola hatte am 7. Mai 1866, als er seine erste Kritik über Manet verfasste, noch

keinen großen schriftstellerischen Erfolg zu verzeichnen. Mit dem Künstler verband ihn keine

gewachsene Freundschaft. 44 Um dessen Werke zu sehen, hatte er sich vermutlich im April 1866 von

dem Maler Antoine Guillemet in Manets Kreis einführen lassen. 45 Zola scheint sich gezielt


15

entschieden zu haben, über den umstrittenen Künstler zu schreiben, der im Jahr zuvor einen derartigen

Skandal im Salon hervorgerufen hatte. Beabsichtigte er, durch die spektakuläre Verteidigung

eines Verfemten selbst ins Rampenlicht zu rücken? 46 Am 1. Januar 1867 publizierte Zola seinen

ersten Text noch einmal in überarbeiteter Fassung, und nachdem Manet den Plan zu einer Einzelausstellung

in einem eigenen Pavillon nahe dem Weltausstellungsgelände gefasst hatte, schlug Zola eine

weitere Publikation in einer separaten Broschüre vor – ein strategischer Schachzug, der die Bekanntheit

von Künstler und Kritiker gleichermaßen befördern sollte. Mit seiner Studie über Manet hatte

Zola ein Porträt des Künstlers geschaffen. Dieser bedankte sich dafür im folgenden Jahr durch sein

gemaltes Bildnis Zolas, für das möglicherweise der Schriftsteller selbst den Anstoß gegeben hatte. 47

Zola widmete ihm im Gegenzug gleichfalls 1868 seinen Roman Madeleine Férat. Ähnlich wie dessen

Kritik sollte das Ölbild gezielt ein großes Publikum ansprechen: So entstand das Porträt Émile Zola

als Salongemälde, das zugleich ein vielschichtiges Manifest von Zolas, vor allem aber Manets Kunstauffassung

darstellte. 48 Zola war durch seine Kritiken zum Herold Manets geworden, das Bildnis

ermöglichte nun ihm selbst einen öffentlichen Auftritt, nachdem er mit seinem Roman Thérèse

Raquin im Jahr zuvor seinerseits Kritik – aber auch positive Resonanz – erzielt hatte. Im Unterschied

zu dem Bildnis des Zacharie Astruc, das zu einem kontinuierlichen intimen Austausch gehörte, löste

Manet mit dem höchst ambitionierten Porträt Émile Zola eine gewisse Verpflichtung zum Dank

gegenüber dem Kritiker ein und gestaltete das Geschenk zum Nutzen für beide. Mit dem gemalten

Bildnis überbot er sogar jenes biografisch-kritische Porträt, das Zola zuvor von ihm geschaffen hatte. 49

Es war damals (wie heute) durchaus üblich, dass Künstler, Schriftsteller und Kritiker ein

freundschaftliches Netzwerk zur gegenseitigen Unterstützung aufbauten. Dabei wurden zahlreiche

Gefälligkeiten und Geschenke ausgetauscht, mit denen man sich bedankte oder jemanden in die

Pflicht nahm. So verschenkte Manet einen gemalten Spargel oder gemalte Blumensträuße wie „echte“

Bouquets an Freundinnen und Sammler. 50 Astruc pflegte auch mit anderen einen intensiven sozialen

Gabentausch. Während er sich in den 1860er Jahren vor allem mit seinen Salonbesprechungen für

Künstler einsetzte, revanchierte er sich ab den 1870er Jahren bei seinen Kritikern mit eigenen Kunstwerken.

Die von ihm selbst geschriebene Liste seiner Aquarelle dokumentiert Geschenke an Kunstkritiker

wie Charles Blanc, Ernest Chesneau, Edmond Duranty (vgl. Kat. 38), Georges Lafenestre,

Hector Pessard, Mario Proth, Armand Silvestre und Arthur Stevens. Außerdem verschenkte er

Aquarelle an befreundete Schriftsteller wie Léon Cladel, Alphonse Daudet, Alexandre Dumas d. J.

und Frédéric Mistral; an Künstler wie Carolus-Duran, Alfred Dehodencq, Édouard Manet, Claude

Monet, Gonzague Privat und Théodule Ribot; an Verwandte und andere Bekannte wie den Musiker

Louis Lacombe, den republikanischen Politiker Léon Gambetta oder Abbé Hurel. 51

Auch Henri Fantin-Latour, der mit Manet und

Astruc eng verbunden war, bekannte sich zu Porträt und Stillleben –

seinen Freunden. 1867, als Manet sich angesichts

seiner Ablehnung durch die Salonjury im Jahr Prüfsteine der Malerei

zuvor gar nicht erst im Salon beworben hatte,

präsentierte Fantin dort sein Bildnis des Künstlers mit der demonstrativen Widmung: „Für meinen

Freund Manet. Fantin“ (Kat. 24). 52 Er zeigt Manet als eleganten Flaneur vor schlichtem grauem

Hintergrund – kein Attribut verrät seine Profession als Maler. Fantin war bestrebt, den Charakter

Manets in seinen Gesichtszügen, im Ausdruck und in seiner körperlichen Gestalt einzufangen.

Das gelang ihm mit diesem Bildnis, und viele Betrachter waren überrascht von dem freundlichen,

offenen und gepflegten jungen Mann, der ihnen hier entgegentrat. Sie hatten einen notorischen

Provokateur, einen wilden Bohemien, einen Außenseiter der Gesellschaft erwartet, doch sie standen

einem Menschen des gehobenen Bürgertums gegenüber.

Der Kontrast zwischen Fantins Porträt und Manets Bildnissen von Astruc und Zola könnte

nicht größer sein, sowohl hinsichtlich der malerischen Gestaltung als auch in Bezug auf das Bildkonzept:

Statt der feinen Tonwerte und zarten Modellierungen Fantins setzte Manet harte Kontraste,

starkes Helldunkel und breite, summarische Pinselstriche. In seinen Porträts machen die umgebenden

Attribute dem zentralen Modell Konkurrenz: Regelrechte Stillleben, die komplexe ästhetische Botschaften

vermitteln, sprechen – insbesondere im Zola-Bildnis – lautstärker zum Betrachter als die

dargestellte Person. Zola berichtet, dass er sich während seiner Porträtsitzungen als reines „Objekt“


16

↓ Abb. 8

Albrecht Dürer,

Melencolia I (Die Melancholie), 1514,

Kupferstich,

Kunsthalle Bremen –

Der Kunstverein in Bremen

↘ Abb. 9

Alfred Stevens,

Die Herzogin (Das blaue Kleid), 1866,

Clark Art Institute, Williamstown

dem Blick des Malers ausgesetzt gefühlt habe. 53 Entsprechend merkten mehrere Kritiker an, dass im

Zola-Bildnis die Stillleben dominierten beziehungsweise dass Manet Menschen wie Stillleben

behandele: „Sein Fehler besteht gegenwärtig in einer Art Pantheismus, der einen Schädel nicht höher

achtet als einen Pantoffel; der zuweilen einem Blumenstrauß mehr Wichtigkeit beimisst als dem

Antlitz einer Frau“, monierte Théophile Thoré alias W. Bürger. 54 Ähnlich urteilte Paul Mantz über

Manet: „Stillleben gelingen ihm ziemlich gut; zum Porträtmaler ist er dagegen weniger berufen. Im

Porträt Émile Zola gilt das Hauptinteresse nicht der Persönlichkeit, sondern gewissen japanischen

Zeichnungen, mit denen die Wände bedeckt sind.“ 55 Besonders hart fiel das Urteil von Odilon Redon

aus (der damals noch Kritiken schrieb). Das Porträt Émile Zola war für ihn „eher ein Stillleben als

der Ausdruck eines menschlichen Charakters“. Manet hätte nicht „die Schönheit des Samtes, die

Möbel und Einrichtungsgegenstände sowie all die malerischen Details der Tapisserie zu malen“,

sondern im Gegenteil diese überflüssigen Dinge opfern sollen, „um einen Charakter darzustellen und

hervorzuheben […]. Manet, der uns hauptsächlich für Stillleben begabt zu sein scheint, sollte sich auf

diese Gattung konzentrieren.“ 56

„Das Stillleben ist der Prüfstein des Malers“, soll Manet 1881 tatsächlich gesagt haben. 57 Für

Astruc war dagegen das Porträt die entscheidende Gattung. „Sie mögen ein großes Genie sein, Sie

werden kein großer Maler im vollen Sinn des Wortes sein, wenn Ihr Werk kein einziges schönes Porträt

enthält. Es ist der Prüfstein der vollkommenen und vor allem der durchdachten Werke“, schrieb er

1868 in seiner Salonbesprechung. 58 Man könnte meinen, dieser Satz sei unmittelbar auf die Bildnisse

von Astruc und Zola gemünzt – letzteres hing im damaligen Pariser Salon –, denn gerade der Hinweis

auf die „durchdachten“ Werke scheint auf die komplexen Arrangements in diesem Bild zuzutreffen.

Astruc ging es jedoch vornehmlich um die Gestaltung des Menschen: „Das Porträt muss sich durch

die ausdrucksvolle Sprache der (Gesichts-)Züge offenbaren, um uns, da wir es in den Blick nehmen,

seine Gedanken mitzuteilen; folglich muss es uns frappieren – und deshalb ist das Porträt das Gegenteil

des ‚tableau‘, das uns nur Schritt für Schritt erlaubt, in seine schönsten Partien einzudringen.“ 59

Demnach soll das Porträt den Menschen so wiedergeben, dass dem Betrachter auf einen

Schlag die Persönlichkeit des Dargestellten vor Augen steht, das heißt, es soll lebendig sein und die

Person charakterisieren. Dem Künstler gelingt dies laut Astruc mit einer kraftvollen Malerei und

energischen Pinselzügen, die wie die Gesichtszüge etwas vom Menschen erzählen. Man kann das in

Manets Bildnis des Zacharie Astruc ausgezeichnet nachvollziehen, dessen Gesicht mit breiten Strichen

in pastoser Farbe markant modelliert ist. Für Astruc, der Frans Hals und Velázquez besonders

schätzte, spielte vor allem die künstlerische Gestaltung selbst eine entscheidende Rolle: „Man muss

die Malerei um ihrer selbst willen lieben, in ihren materiellen Mitteln“, betonte er. 60 Gerade in dieser


17

Hinsicht dürften ihn die Bilder Manets überzeugt haben. „Manet ist bei uns eine Ausnahme

geblieben; was auch immer er macht, er wird stets die Neugier im Salon auf sich ziehen“, schrieb

Astruc in seinem Salonbericht 1868 zum Porträt Émile Zola. „Bei dieser stürmischen Seele ist der

gegenwärtige Augenblick nicht ohne Krisen; die Unkorrektheiten grenzen an Schönheiten ersten

Ranges, die harten Farbtöne an exquisite Nuancen, an Färbungen, die dem Auge schmeicheln und

es liebkosen. Und dann erscheint er lebendig und leidenschaftlich. Das Porträt von Émile Zola ist

mit großer Offenheit angepackt. Die Accessoires verleihen ihm einen echten Ausdruck von Originalität.

Der allgemeine Ton ist reizvoll; Maler werden das Wesentliche daran immer lieben.“ 61

Die zahlreichen Attribute im Zola-Porträt, die von anderen Kritikern beanstandet wurden,

betrachtete Astruc offenbar als eine besondere Qualität! Zum einen spiegelten die Verweise auf

die spanische und die japanische Kunst seine eigenen ästhetischen Vorlieben wider, zum anderen

passte es zu seinem Konzept der Porträtmalerei, dass beredte Attribute oder die Kleidung eine

dargestellte Person in ihrer Zeit charakterisieren. Astruc begrüßte diese fruchtbare Kombination

der Gattungen: „Stillleben können Ideen darstellen“, schrieb er. „Indem sie sich mit einer Figur

verbinden, erklären sie diese. Als Beleg genügt Albrecht Dürers Melancholie, der die Objekte

eine wissenschaftliche Erscheinung verleihen.“ 62 Mit der Anhäufung von Schriftstücken, Büchern

und Bildern sowie dem nachdenklich-starren Blick erscheint Manets Zola-Bildnis wie eine moderne

Antwort auf Dürers Allegorie, die den kreativen Geist und zugleich die Bürde des Schöpferischen

verkörpert (Abb. 8).

Mit der Aufwertung des Porträts wandte sich Astruc gegen die akademische Konvention von

der Hierarchie der Gattungen, in der Stillleben und Porträts weit unter den am höchsten geschätzten

Historienbildern rangierten. Er lehnte grundsätzlich die Trennung der Gattungen ab und formulierte

damit einen Standpunkt, den die jungen, unabhängigen Künstler der 1860er Jahre wie auch die späteren

Impressionisten teilten: „Die Gattungen vermischen sich mehr und mehr“, schrieb er. „Es gibt

heutzutage keinen Geist, der nicht der alten Klassifikation entflieht und sich nicht der Position in der

etablierten Ordnung der Kompositionen verweigert.“ 63 So enthielt Astrucs Porträtkonzept wichtige

moderne Ansätze, ohne dass er je eine umfassende Theorie entwickelt hätte. Vielmehr formulierte

er seine Ansichten an unterschiedlichen Stellen in seinen Salonkritiken und war offen für so ver -

schiedene Porträtauffassungen wie jene von Fantin-Latour und Manet.

↖ Abb. 10

Edgar Degas,

Der Grafiksammler, 1866,

The Metropolitan Museum of Art,

New York, Sammlung h. o. Havemeyer,

Vermächtnis Mrs. h. o. Havemeyer, 1929

↑ Abb. 11

Edgar Degas,

James-Jacques-Joseph Tissot,

um 1867/68,

The Metropolitan Museum of Art,

New York, Rogers Fund, 1939


18

Die Bildnisse von Zacharie Astruc und Émile Zola sind einzigartig in Manets Œuvre. Nie wieder

setzte er in einem Porträt einen so dominanten „Apparat“ von Attributen ein. 64 Als er diese beiden

Bilder malte, beschäftigten sich aber auch andere Künstlerkollegen mit der Frage des Porträts und

dessen Inszenierung. Werke von Edgar Degas und Alfred Stevens, die gleichfalls zwischen 1866

und 1868 entstanden, machen deutlich, dass die Künstler im gegenseitigen Austausch standen und

auf die Arbeit ihrer Freunde reagierten, wobei natürlich ein gewisser Wettbewerb im Spiel war. 65

So malte Degas, mit dem Manet seit Mitte der 1860er Jahre näher befreundet war, 66 1866 den

Grafiksammler (Abb. 10). Zwischen den Mappen und Büchern mit französischen Blumenaquarellen

sowie einer Vitrine mit einer chinesischen Pferdestatuette, die den Dargestellten umgeben, und

insbesondere mit der Pinnwand im Hintergrund nimmt die Komposition wichtige Elemente aus dem

Porträt Émile Zola vorweg. Reproduktionen wie Druckgrafik und Fotografien spielten im Austausch

von Sammlern und Künstlern eine bedeutende Rolle. Dies gilt nicht nur für Manet, der seine Werke

schon damals durch Fotografen wie Anatole Godet (vgl. Kat. 23) und später Fernand Lochard dokumentieren

ließ, sondern beispielsweise auch für Fantin-Latour: In seinem Briefwechsel mit dem

deutschen Künstlerfreund Otto Scholderer ist sehr häufig von Fotografien nach Werken alter Meister

oder eigenen aktuellen Arbeiten die Rede, die sie einander schickten und gegenseitig kommentierten.

67 Eine inszenierte Fotografie Fantins in seinem Atelier entspricht im Grunde dem Bildkonzept

des Zola-Porträts und veranschaulicht die Präsenz von Fotografien der Werke alter Meister – hier

Tizians und Correggios – im Atelier, in dem sie ein hyperimage bildeten, das beliebig neu zusammengestellt

werden konnte (Abb. 12). 68

Den Künstler James Tissot, der auch mit Manet und Astruc befreundet war, inszenierte Degas

vor einem ähnlichen hyperimage. 69 In einem großen Bildnis von circa 1867/68 lässt er ihn vor einer

Kopie nach dem 1532 entstandenen Porträt Friedrichs des Weisen von Lucas Cranach d. Ä. aus dem

Louvre posieren; darüber hängt die Darstellung einer japanischen Szene, und hinter der Staffelei

rechts befindet sich vermutlich eine venezianische Malerei des 16. oder 17. Jahrhunderts (Abb. 11). 70

Tissot sitzt jedoch nicht in seinem eigenen Atelier, sondern ist durch Spazierstock, Hut und Mantel als

Besucher ausgewiesen. Die Werke im Hintergrund repräsentieren demnach zwar nicht seine persönliche

Auswahl, sie entsprachen aber dennoch seinen ästhetischen Vorlieben und Inspirationsquellen

sowie jenen der anderen Künstler im Kreis um Degas und Manet.

Auch Alfred Stevens, ein Freund von Manet und gut bekannt mit Astruc, 71 malte Figuren in

reich ausgestatteten Interieurs. Die Komposition seines Gemäldes Die Herzogin (Das blaue Kleid)

von 1866 weist durch den japanischen Stellschirm links und den Blick in den Raum rechts, in dem

Bücher und eine Schale auf einem Tisch arrangiert sind, deutliche Parallelen zu Manets Bildnissen

von Zacharie Astruc und Émile Zola auf (Abb. 9). 72 Stevens beabsichtigte jedoch nicht, ein Porträt

Abb. 12

Anonym,

Fantin-Latour im Atelier, 1897–1904,

Fotografie,

Bibliothèque nationale de France, Paris,

Département des estampes et de la photographie


19

anzufertigen, sondern er war auf weibliche Genrefiguren in Interieurs spezialisiert. Das Ambiente

charakterisiert hier die Frau nicht als Intellektuelle, Dichterin oder Sammlerin, sondern als elegante,

modebewusste Angehörige der Oberschicht mit erlesenem Geschmack, die müßig ihren Gedanken

nachhängt. Im Unterschied zu Manets großen, mit breitem Strich gemalten Porträts legte Stevens sein

Werk im kleinen Format an und gestaltete es mit feinem Pinsel wie ein kostbares Schmuckstück.

Nicht nur bei Manet, Degas und Stevens ist ein

Verschwimmen der künstlerischen Gattungen zu Gruppenbilder – Netzwerke im Bild

beobachten. Auch Fantin-Latour, der sich auf

Porträts und Blumenstillleben spezialisiert hatte, kombinierte diese bisweilen. In seine Gruppenbildnisse

fügte er beispielsweise Blumensträuße, Bilder oder kunstgewerbliche Gegenstände ein. 73 Das

gilt auch für das Werk Ein Atelier im Batignolles-Viertel (Abb. 13), in dem links ein Tisch mit einem

solchen Arrangement aufgebaut ist. Dort befinden sich der Gipsabguss einer Athena-Statue, ein Gefäß

des Künstlers Laurent Bouvier im japonisierenden Stil und ein Lacktablett. Die Staffelei mit der

aufgespannten Leinwand fügt sich als weiterer Gegenstand in diese Gruppe „toter“ Objekte ein und

fungiert zugleich als Brücke zu den acht Männern, die das Hauptmotiv bilden. Fantin zeigt Manet,

der dabei ist, Astruc zu porträtieren: Der Blick des Künstlers ist auf sein Modell gerichtet, während er

bereits den Pinsel ansetzt. Folglich muss auf der Staffelei jenes Bildnis Astrucs stehen, das Manet 1866

gemalt hatte und das sich heute in der Kunsthalle Bremen befindet (Abb. 1). Sogar der Sessel, auf dem

Astruc posiert, hat Ähnlichkeit mit Manets Porträtstuhl. Fantin hatte die Staffelei mit dem Bild in

einer vorbereitenden Ölskizze zunächst so ausgerichtet, dass der Betrachter ein wenig von der Vorderseite

des Werkes erkennen konnte (Abb. S. 200). In der endgültigen Fassung drehte er sie jedoch,

sodass die Leinwand nur von hinten zu sehen ist. Nicht das Porträt Astrucs sollte offenbar im Mittelpunkt

stehen, sondern Manet selbst im Akt des Malens. Dabei ist er zwischen seinen bevorzugten

Motiven platziert: dem Stillleben und der menschlichen Figur, der er sich ausdrücklich zuwendet.

Ähnlich wie Manet seine Modelle im eigenen Atelier in Szene setzte, baute Fantin diese Komposition

in seinem Atelier mit den eigenen Requisiten auf. 74 Daher mag das Format des Gemäldes auf der

Staffelei nicht exakt den Dimensionen des realen Astruc-Porträts entsprechen. Trotzdem verleiht

Fantin mit dieser Darstellung der Modellsitzung dem Bildnis Astrucs einen besonderen Status, denn

in dem Porträt waren bereits jene programmatischen Aspekte formuliert, die auch in Fantins

Gruppenbildnis ent halten sind: So verbindet bereits das Astruc-Porträt Figuren und Stillleben und

führt die wichtigsten Inspirationsquellen von Manet, Fantin und Astruc zusammen: Spanien, Japan

sowie die italienischen und holländischen alten Meister.

Die Männer, die sich im Atelier im Batignolles-Viertel versammelt haben, wurden schon von

den Zeitgenossen als eine Gruppe fortschrittlicher Künstler verstanden, die den akademischen

Regeln kritisch gegenüberstanden. Seit seinem Erfolg mit dem Spanischen Sänger (Le Guitarrero)

(Kat. 1) im Salon von 1861 war Manet stillschweigend zum Mittelpunkt eines Kreises geworden, der

sich zunächst im Café de Bade und dann im Café Guerbois traf. 75 Fantin und Astruc gehörten von

Anfang an dazu und waren freundschaftlich fest mit Manet verbunden. Der deutsche Maler Otto

Scholderer, der in dem Gruppenbild links hinter Manet steht, zählte zu den vertrautesten Freunden

Fantins. Die außerdem wiedergegebenen Pierre-Auguste Renoir, Monet, Frédéric Bazille und sein

enger Freund, der Musiker und Kunstliebhaber Edmond Maître, waren dagegen etwas jünger und

stießen erst ein wenig später zu der Gruppe im Café Guerbois, ähnlich wie Zola, der unmittelbar

hinter Astruc steht. Er blickt als Einziger nach rechts aus dem Bild und scheint dadurch von den

übrigen distanziert zu sein. 76 Auch einige andere hätten in Fantins Gruppenbild gepasst. So wollte der

Künstler ursprünglich seinen englischen Freund und Unterstützer Edwin Edwards sowie den Kritiker

Edmond Duranty porträtieren. In seinen Skizzen waren sie eingeplant (vgl. auch hierzu Abb. S. 200). 77

Doch Edwards konnte nicht aus London anreisen, und mit Duranty hatten sich seit einiger Zeit

Spannungen entwickelt, die am 20. Februar 1870 bei einem Streit mit Manet eskalierten, der drei Tage

später in einem Duell ausgetragen wurde. 78 Den Platz Durantys nahm daraufhin Renoir ein: Obwohl

Fantin in seinem Gruppenbild den Eindruck einer eingeschworenen, homogenen Künstlergemeinschaft

erweckt, zeigt dieser Vorfall, welche Spannungen und Konkurrenz zugleich herrschten. Dies

scheint auch in der seltsam kommunikationslosen Stille zum Ausdruck zu kommen. 79


20

↓ Abb. 13

Henri Fantin-Latour,

Ein Atelier im Batignolles-Viertel, 1870,

Musée d’Orsay, Paris (Kat. 27)

↘ Abb. 14

Bertall, „Die göttliche Schule

von Manet, religiöses Gemäde

von Fantin-Latour“,

in: Le Journal amusant

vom 21. Mai 1870

Insgesamt wird deutlich, dass bei der Personenauswahl neben dem programmatischen Bildkonzept

vor allem die persönliche, freundschaftliche Bindung zwischen dem Maler Fantin und seinen Modellen

entscheidend war und dass darüber hinaus schlicht die praktische Verfügbarkeit eine Rolle spielte.

Er selbst bezeichnete sein Werk 1870 als ein „Treffen von Freunden“. 80 Wie Manet, den Fantin

besonders verehrte, gehörte auch Astruc seinem engsten, vertrauten Kreis an. Astruc (wie Manet)

hatte Fantin bereits 1865 in seinem Gruppenbildnis Der Toast! dargestellt (vgl. Kat. 26), und in Fantins

erstem Gruppenbildnis, Hommage an Delacroix von 1864 (Abb. S. 198), fehlt Astruc wahrscheinlich

nur deshalb, weil er sich während der Entstehung des Bildes auf einer langen Spanienreise

befand. 81 Immer wieder hatte sich Astruc in seinen Salonkritiken für Manet und Fantin eingesetzt, 82

aber auch mit den anderen Künstlern des Ateliers im Batignolles-Viertel war Astruc ausgezeichnet

vernetzt. Mit Monet verband ihn eine persönliche Freundschaft, die durch Bildertausch untermauert

war. 83 Angeblich soll er 1866 Monet und Manet miteinander bekannt gemacht haben. 84 Er hatte über

Monets Camille geschrieben, Renoirs Lise im Salon 1868 gewürdigt und verfasste 1870 eine

begeisterte Salonkritik über Bazilles Sommerszene (Badende). 85

Bazille malte 1870 – inspiriert von Fantins Gruppenbild – selbst eine Atelierszene: Das Atelier

in der Rue la Condamine (Abb. 15), das sich gleichfalls im Batignolles-Viertel befand. Sein Werk

belegt die Verbindungen Manets und Astrucs zu dem Kreis der zukünftigen Impressionisten: Er habe

Freude daran gehabt, sein Atelier „mit seinen Freunden darin“ zu malen, berichtete Bazille seinen

Eltern. 86 Sein Atelier schildert er als Arbeitsraum (mit Staffelei am Fenster und der Palette an der

Wand), zugleich aber als sozialen Ort, an dem sich die Freunde treffen und austauschen. Diese beiden

Funktionen hatte auch Manets Atelier in der Rue Guyot, 87 das in Fantins Gruppenbildnis beschworen

wird. Doch Fantin inszenierte die Zusammenkunft der Freunde in dunklen Anzügen ziemlich formell,

in der klassischen Tradition eines niederländischen Gruppenporträts. Bazille gestaltete sein

Atelier in der Rue la Condamine gänzlich anders: als lichtdurchflutetes, modernes Interieur, in dem

sich die Personen wie in einem Genrebild ungezwungen bewegen. Locker im Raum verteilt sieht man

rechts Edmond Maître am Piano; Monet wendet sich von der Treppe herab an den darunter sitzenden

Renoir. Bazille steht mit der Palette in der Hand bei seiner Staffelei und diskutiert mit Manet, neben

dem Astruc konzentriert das Bild betrachtet. 88 In seinem Salonbericht von 1870 besprach er nicht nur

Bazilles Sommerszene (Badende), sondern er erwähnte darin auch das Bild Blick auf die Stadt, das

hier auf der Staffelei dargestellt ist. 89

Mit Bazilles Atelierbild, das zugleich ein Gruppenporträt ist, kündigt sich eine neue, helle

Malerei des modernen Lebens an, die die Impressionisten im kommenden Jahrzehnt insbesondere in

der Gattung der Landschaftsmalerei weiterentwickelten (und von deren Impulsen Manet nicht

unberührt blieb). Diese zukünftige Malerei wird in Fantins Gruppenbild durch Bazille, Renoir und

Monet repräsentiert, daher hat man es auch als frühes Manifest der Impressionisten gelesen. Bezüglich

Komposition, Licht und Farbe und mit der klaren Referenz auf die Malerei der alten Niederländer ist

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