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Leo von Koenig

ISBN 978-3-422-98770-8

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Der Maler Leo von König


Ernst Barlach

Leo von König, 1938

Bronze, Lebzeitguss 39,1 × 26,2 × 29,5 cm

Hamburg, Ernst Barlach Haus – Stiftung Hermann F. Reemtsma


Ingrid von der Dollen

Der Maler Leo von König

1871–1944

Ein Zeitbild im Spiegel seiner Porträts


Mit freundlicher Unterstützung:

- des Förderkreises Expressiver Realismus e.V., München

- der Badischen Beamtenbank, Karlsruhe

Umschlagvorderseite:

Leo von König, Porträt Mary Wigman, 1912

Öl auf Leinwand, 73,5 × 58,5 cm

Berlin, Stiftung Stadtmuseum

Fotonachweis:

Clémence Vallée, Paris, S. 28, 36, 37

Elke Estel/Hans-Peter Klut, Albertinum, GNM, Staatl. Kunstsammlungen

Dresden, S. 115

Andres Kilger, Staatl. Museen zu Berlin: S. 30

Dirk Scherer, Städtisches Museum Braunschweig: S. 24

Rudolf Faist, München S. 74, 140

Detlef Bach/A. Kusch, Kaiserslautern: S. 47

Annette Fischer, Karlsruhe: S. 23

Andreas Weiss, Hamburg S. 2, 104

Manuel Schimansky, S. 14, 132

Der Versuch, die Fotografen aller Abbildungen ausfindig zu

machen, war leider erfolglos. Wenn Sie meinen, dass deshalb

eine Urheberrechtsverletzung vorliegt, wenden Sie sich bitte für

eine einvernehmliche Regelung an die Autorin.

Layout und Satz:

weppdesign.de, Nicolas Weppert

Druck und Bindung:

Beltz Grafische Betriebe GmbH, Bad Langensalza

Verlag:

Deutscher Kunstverlag GmbH Berlin München

Lützowstraße 33, 10785 Berlin

www.deutscherkunstverlag.de

Ein Unternehmen der Walter de Gruyter GmbH Berlin Boston

www.degruyter.com

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© VG Bildkunst, Bonn 2022 für Gerhard Marcks

© Ernst Barlach Lizenzverwaltung Ratzeburg, S. 109

© Stiftung Stadtmuseum Berlin, S. 70

© 2022 Deutscher Kunstverlag GmbH Berlin München

ISBN 978-3-422-98770-8


Inhalt

6

7

9

15

46

151

164

166

186

188

Geleitwort

Vorwort

Einführung

Herkommen und Grundlagen

Freunde und Weggefährten

„Wahrheitsmalerei“

Biografische Daten

Fototeil

Literatur

Personenregister

5


Geleitwort

Wer etwas Großes will, der muss sich zu beschränken wissen. Das wusste

schon der alte Goethe und, wie nicht viele andere moderne Künstler,

wusste dies auch Leo von König. Seine Beschränkung auf die Porträtkunst,

und auch hier auf ein bestimmtes Format, das Brustbild, lässt ihn wie

einen alten Meister erscheinen. Die Bildnismalerei von Frans Hals oder des

späten Rembrandt standen sicherlich dabei Pate.

Leo von König drängte sich mit seinen Bildern nicht auf. Seine Werke

entstanden oftmals als Auftragsarbeiten und blieben daher der Öffentlichkeit

entzogen. Erst als Student fiel mir der Maler in der Ahnengalerie des

Lehrstuhls für Kunstgeschichte in Braunschweig auf, dort hing eine Reproduktion

des Bildnisses Julius Meier-Graefes von 1931. Ingrid von der Dollen

hat das nachdenkliche Zwiegespräch zwischen Leo von König und

den von ihm porträtierten Zeitgenossen, wie im Selbstbildnis von 1902 zu

sehen, in aller Breite beschrieben und darüber hinaus ein Panorama der

‚Viri illlustres‘ der Weimarer Zeit und den sich anschließenden schwierigen

Zeiten des Nationalsozialismus entfaltet. In einem späteren Selbstporträt

von 1917 (Berlin, Berlinische Galerie) wird man im direkten Blickkontakt

das ebenso gewinnende wie noble Wesen des Künstlers erkennen, dem

sich seine Gegenüber gerne öffneten.

Hatte Leo von König nach 1933 in Porträts wie dem von Ernst Barlach

die Bleierne Zeit der Diktatur spürbar werden lassen, so stellte der Bildhauer

seinerseits Leo von König 1938 wie einen standhaften römischen

Aristokraten dar, dem Cura und Dignitas in den Charakter eingeschrieben

sind. In seinem letzten Lebensjahr am Starnberger See begegnete der

Maler auch Wilhelm Hausenstein. Der Münchner Kunstkritiker notierte am

29. September 1943, berührt von der Persönlichkeit Leo von Königs, in sein

Tagebuch folgendes: Dieser sei ihm schon deshalb so wert, weil er zu den

Malern gehört, die im Alter ihr Bestes gemacht haben. […] Es kommt hinzu,

dass er in einem Grade, den ich sonst nur sehr selten erlebt habe, den

Edelmann verkörpert: die Generosität und ganze Selbstverständlichkeit

des Edelmanns. In Leo von König sind beide Eigenschaften mit einer schönen

Künstler-Liberalität verbunden. 1

Felix Billeter, München 1 Hausenstein, Tagebücher 1967, S. 158f.

6


Vorwort

2 Alexandra Bechter, Leo von König. Leben

und Werk, Darmstadt 2000.

Alexandra Bechter, Leo von König, in: Leo von

König. Maler der Berliner Secession, Kat. der

Ausst. im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte

Oldenburg, hrsg. von Bernd Küster,

Bremen 2001.

Die Präsentation des Malers Leo von König in seiner Zeit geht von den Forschungen

Alexandra Bechters aus. 2 Die Besonderheit dieser Grundlage

besteht in den dort verarbeiteten Primärquellen: Alexandra Bechter hatte

noch die Möglichkeit, mit der Witwe Leo von Königs zu sprechen, die nur

ihr bekannte Details erzählte und ihr weitere Quellen eröffnete.

Die vorliegende Darstellung basiert fast ausschließlich auf den Zeugnissen

der Zeitgenossen des Malers. Sekundäre Erkenntnisse von späteren

Forschern, Kunsthistorikern oder Historikern wurden nur ausnahmsweise

herangezogen. Kunsthistoriker kommen zu Wort, sofern sie zum Umkreis

des Malers gehörten, wie der Bremer Museumsdirektor Emil Waldmann,

der Kunstkritiker Fritz Nemitz oder der spätere Professor Heinrich Lützeler.

Deren persönliche Beziehungen zu Leo von König manifestieren sich in

der Festschrift anlässlich seines 70. Geburtstags, 1941.

Freunden und Bekannten, die den Maler in engem Kontakt erlebten,

wurde mit direkten Zitaten breiter Raum eingeräumt. Die Durchsicht ihrer

schriftlichen Äußerungen in Tagebüchern, Erinnerungen, Autobiografien

und Briefen ergaben ein dichtes Netz von Informationen und Einsichten,

die sich zu einem Mosaik jener entscheidenden Jahre zusammensetzen

ließen. Dies war umso ergiebiger als die Persönlichkeiten, die mit Leo von

König zusammentrafen, als Repräsentanten ihrer Zeit gelten können, die

auch untereinander verbunden waren. Der Maler selbst eignete sich dabei

als Zentrum der Begegnungen, da er stets in engem Austausch mit seinem

gesellschaftlichen Umfeld stand. Er war kein Einzelgänger, sondern

liebte es, Menschen um sich zu haben und pflegte zahlreiche, dauerhafte

Freundschaften. Seine Zugewandtheit gerade war Antrieb zur Porträtmalerei,

die seinen Ruhm begründete. In Zeiten von Verfolgung und Krieg, als

die Auftragslage düster wurde, wandte er sich den Freunden und Weg -

gefährten in besonderer Weise zu. Die damals geschaffenen Bildnisse vor

allem gehen über jegliche Konvention hinaus und vermitteln ein Panorama

dieser erschütternden Epoche.

Für Bildvorlagen bin ich Museen und Privatleuten zu Dank verpflichtet,

viele Fotoarbeiten verdanke ich Joseph Hierling aus Tutzing. Für die Korrektur

gilt mein besonderer Dank Andreas Hoelscher aus Hohenschäftlarn.

Ingrid von der Dollen, Bad Honnef-Rhöndorf

7


Selbstbildnis, 1902

Öl auf Leinwand, 48,5 × 41,5 cm

Schweinfurt, Museum Georg Schäfer

8


Einführung

3 Der Ausdruck stammt von Nikolaus

Sombart, zit. n. Bechter, Berliner Secession,

2001, S. 29, Anm. 179.

4 Leo von König in einem Biref an Margarete

Hauptmann vom 13. 10. 1934. Handschriftenabt.

der Staatsbibliothek Berlin, Autogr. GH Br

NL Nr. 27/28, zit. n. Bechter, Berliner Secession,

2001, S. 25.

Malerische Wesenserfassung 3

Das umfangreiche, malerische Werk Leo von Königs umfasst neben Porträts

auch Landschaften, Tierbilder und mythologische Themen. Vor allem

aber hat seine Bildniskunst die Aufmerksamkeit auf sich gezogen, dies

umso mehr als sie mit wachsendem Abstand zu ihrer Entstehung schließlich

zu einem Spiegel der Zeit wurde. Zwar sind Porträts immer schon historische

Quellen gewesen, doch dienten sie in früheren Zeiten meistens

der Repräsentation, und so hatte Leo von König am Anfang seiner Laufbahn

auch begonnen. Er hatte gut honorierte Bildnisse von Zeitgenossen

gemalt, Aufträge von Diplomaten, Politikern, Bankiers oder Industriellen

und deren Gattinnen. Daneben standen die selbstgewählten, persönlichen

Porträts seiner Familie, denen bereits früh die Besonderheit seiner psychologischen

Einfühlungsgabe eigen war. Allmählich, ab Mitte der zwanziger

Jahren, scheint in ihm das Bedürfnis gewachsen zu sein, diese Fähigkeit

auch für seine engeren Freunde zu nutzen, nämlich sie malend in ihrem

Wesen zu erfassen und so seiner innersten Beziehung zu ihnen Ausdruck

zu verleihen.

Um manche Freunde oder bewunderte Weggefährten musste er sich

dann bemühen, sie vor seine Staffelei zu bringen, wie den scheuen Ernst

Barlach, woraus sich erst im gegenseitigen Porträtieren eine lebhafte

Freundschaft entwickelte. Manchmal gelang es auch gar nicht, den Freund

zum Modellsitzen zu bewegen wie etwa einen Gerhart Hauptmann, den

er sich dann im Gedächtnis einprägen musste, oder aber der Maler musste

sich in einem nicht dafür geschaffenen, kleinen Raum provisorisch

arrangieren wie im Fall von Rudolf Alexander Schröder. Meistens fertigte

Leo von König dann mehrere Bildnisse an, von denen er eines seinem

Modell zum Geschenk machte.

Solche Bilder von langjährigen oder beim Malen neu gewonnenen

Freunden entstanden vor allem ab 1937, als sich die Künstler bewusst werden

mussten, dass sie von den Machthabern aussortiert worden waren,

nämlich aus den Museen und der Ersten Großen Kunstausstellung im

Haus der Kunst in München, um sich stattdessen wiederzufinden auf der

gleichzeitigen Schau Entartete Kunst. Auch für Leo von König endete

damals die Aussicht auf lukrative Aufträge. Er hatte zwar noch 1934 den

Reichsminister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, Bernhard Rust,

porträtiert, ein aktives Mitglied der NSDAP der ersten Stunde, den er

damals allerdings für einen absoluten Gentleman hielt, mit dem man alle

Dinge offen ansprechen könne, so brieflich an Margarete Hauptmann 4 ,

9


dem er jedoch intuitiv einen bösartig gefährlichen Ausdruck verlieh. Rust

entzog sich 1945 der drohenden Strafe durch Selbstmord. Noch 1935 entstanden

Porträts von Joseph Goebbels und seiner Familie. Das Bildnis des

Propagandaministers gefiel Hitler jedoch nicht, es wurde abgehängt und

verschwand. Wie zum Hohn schuf Leo von König nun in dieser Zeit der

Missachtung seiner Malerei die wesentlichen Werke seiner Porträtkunst.

Reinhold Schneider hat dieses Phänomen in eindruckvollen Worten

zusammengefasst: Im letzten Jahrzehnt vor der Zerstörung Berlins vollendete

sich die Kunst Leo von Königs. Sie stand in einer tiefen Beziehung zu

ihrer Zeit, aber nicht in dem Sinne, daß sie sich dieser Zeit ausgeliefert

hätte; sie rang vielmehr dieser Zeit Werte und Gebilde ab, die nur einer

bedeutenden Tradition erreichbar waren. Der große geistige Zusammenhang,

in dem Leo von König lebte, der ganze lange Weg, den er gegangen

war, erhoben ihn zur Meisterschaft dieses letzten Jahrzehnts, etwa

der Jahre 1933–43, in denen er die lange Reihe seiner größten Bildnisse

schuf. 5

Der große geistige Zusammenhang

Ein lockeres Beziehungsgeflecht von Persönlichkeiten, Schriftstellern,

Malern, Bildhauern, Schauspielern, Musikern belebte den Kreis, der Leo

von König und seine Frau Anna umgab. In den Porträts steht er uns seither

vor Augen. Es lohnt sich, zu untersuchen, welcher Art die Gemeinsamkeit

zwischen Maler und Gemalten war und was die Gemalten ihrerseits

verband. Die Quellen dazu fließen reichlich.

Viele der Porträtierten standen miteinander in Beziehung durch ihre

künstlerischen Begabungen, Aktivitäten oder Interessen, durch eine kulturelle

Gleichgestimmheit auf hohem Niveau. Die bildenden Künstler, Emil

Nolde, Ernst Barlach, Käthe Kollwitz und Gerhard Marcks, stellten gemeinsam

mit Leo von König in der Berliner Secession aus, jener damals modernen,

gegen die akademische Tradition gerichteten Vereinigung der Bildenden

Künstler. Sie alle waren als Verfemte oder Ungeliebte ab 1933 in ihrer

öffentlichen Arbeit behindert.

Die Schriftsteller, Dichter, häufig auch Übersetzer, die Leo von König

porträtiert hat, waren entweder untereinander befreundet oder hatten

sich als Gäste bei den Dichter- oder Dramenlesungen im Hause Leo von

Königs kennengelernt, obwohl sie nicht alle ständig in Berlin lebten, und

später als Ort der Begegnung Tutzing am Starnberger See hinzukam. Eine

wichtige Rolle als Bindeglied kam dabei den beiden wesentlich jüngeren

Schriftstellern Jochen Klepper und Reinhold Schneider zu. Dagegen gehörten

Julius Meier-Graefe und Rudolf G. Binding, beide 1867 geboren, der

älteren Generation an wie auch der ein Jahr jüngere Friedrich von Falkenhausen.

Einige Jahre älter war Gerhart Hauptmann, jünger dagegen waren

Rudolf Alexander Schröder und Ernst Wiechert. 5 Schneider, Leben und Werk, 1977, S. 92.

10


Alle verbrachten Kindheit oder Jugend in der Kaiserzeit. Der Erste Weltkrieg

war für sie gleichermaßen eine traumatische Erfahrung. Sie erlebten

dann die moralische und wirtschaftliche Depression der ersten Nachkriegszeit,

die Turbulenzen der Weimarer Republik, schließlich ihr Ende im

Jahre 1933. Den zitierten Schriftstellern ist ein der Zeit entsprechendes

Pathos eigen, das auf eine vergangene, dem gegenwärtigen Menschen

meist fremde Welt verweist. Ernst Wiechert und Reinhold Schneider erfüllten

so nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst die Rolle von Vermittlern

zwischen den Zeiten, ja einer moralischen Orientierungshilfe und gelangten

zu einem heute fast vergessenen Ruhm. Um Ihre katholische Basis und

Bindung sind Sie zu beneiden, schrieb 1953 Thomas Mann an Reinhold

Schneider. 6

6 Thomas Mann, Tagebücher 1953-1955,

2003, S. 542, Brief vom 18.12.1953.

7 Zuckmayer, Als wär’s ein Stück von mir,

1969, S. 201.

8 Thomas Mann, Die Entstehung des Doktor

Faustus, 1949, S. 174.

9 Meier-Graefe, Tagebuch 2009, S. 255.

Widerstand und Widerspruch

Bei allem leidenschaftlichen Engagement und weitgehender Gleichgestimmtheit

im Hinblick auf die Künste waren die politischen Orientierungen

von solch relativer Einmütigkeit unberührt, ja die Anschauungen, insbesondere

in Bezug auf die Person Hitlers und seiner Bewegung, lassen

sich nicht uneinheitlicher denken. Da gab es Dissonanzen, so wie sie auch

innerhalb der einzelnen Persönlichkeiten existierten. Bekannt ist in dieser

Hinsicht die Doppelzüngigkeit des großen Dramatikers und Dichters Gerhart

Hauptmann, bekannt als Künder des sozialen Mitleids und der

Menschlichkeit 7 , der sich zu seinem 80. Geburtstag wohlgefällig von den

Größen der NS-Gesellschaft huldigen ließ, 1942! Dazu Thomas Mann: Ein

glücklicher Mann. Ein Segensmensch. Und er wollte es bleiben. Die Märtyrerrolle

wies er ab. 8 Neuerdings wird wieder der unlösbare Zwiespalt in

der Person Emil Noldes diskutiert, der doch mit seiner Malerei dem Kunstgeschmack

Hitlers einen vehementen Protest entgegenschleuderte, sich

auch nicht beugte und dennoch Mitglied der NSDAP war und blieb. Ein

anderer Fall ist der Schriftsteller Rudolf G. Binding, ein Verehrer der Person

Hitlers und Anhänger seiner Bewegung, gleichzeitig jedoch lautstarker

Verteidiger des ins Exil getriebenen Thomas Mann, darüber hinaus von

1933 an vereint mit einer Jüdin, die er in einem Gedichtszyklus als Nordische

Kalypso pries, sie aber nicht heiraten durfte und bis an sein Lebensende,

1938, vor Hitlers Schergen beschützen musste.

Schließlich, in anderem Zusammenhang, sei Julius Meier-Graefe

genannt, der sich als engagierter Francophile beim Ausbruch des Ersten

Weltkriegs intensiv darum bemühte, als Kämpfer (mit 47 Jahren) am Krieg

gegen Frankreich teilnehmen zu dürfen, er spreche die Sprache, habe drüben

viele Freunde!. 9 Vor Hitler aber warnte er von Beginn an. Beispielhaft

schildert Ludwig Marcuse die Misshelligkeiten zwischen ihm und Gerhart

Hauptmann: Er [Meier-Graefe] beschloß nach Rapallo zu fahren, auf einen

Kreuzzug. Sein ältester Freund, Gerhart Hauptmann, war da; Meier-Graefe

11


wollte ihn nicht zur Vernunft, sondern zur Sittlichkeit bringen. [...] Er fuhr

nach Rapallo in den Krieg. Bald kam er zurück ganz ohne Waffen; er war

geschlagen, wie er bekannte, von einem unvorstellbaren Ausmaß an

Unempfänglichkeit. 10

Die Frage der Toleranz

Die grundsätzlich tolerante Veranlagung eines Leo von König innerhalb

eines Kreises, den er durch seine Porträtmalerei zusammenschmiedete,

hat Rudolf Alexander Schröder hervorgehoben, der mit ihm und Meier-

Graefe zeitweilig zusammen haushielt: Bei Diskussionen sei es zwischen

ihm und Meier-Graefe oft zu einem heftigen Anprall von Meinung und

Gegenmeinung gekommen, König sei dabei der Ausgleichende und Vermittelnde

gewesen, da dann seine angeborene Humanität sich jederzeit

im schönsten Licht zeigte. Im Bereich der Politik galt seine Haltung zum

aufkommenden Nationalsozialismus entsprechend zunächst dem Bemühen

um Verständigung, in diesem Fall mit dem für die Kunst zuständigen

Propagandaminister Joseph Goebbels: Gelingt es nicht, Einfluß zu gewinnen,

so ist dann immer noch Zeit für eine Opposition und Proteste,

schreibt er am 13. April 1933 an Gerhard Marcks. 11 Er täuschte sich wohl

zunächst über den wahren Charakter des NS-Regimes, im Gegensatz zu

Meier-Graefe, der ihn warnte. Leo von Königs Toleranz setzte sich ja sogar

über Differenzen im Bereich der Kunst hinweg. Hätte er sonst einen verfemten

Emil Nolde aufgesucht, um ihn zu porträtieren, obwohl er eine entgegengesetzte

Malauffassung vertrat? Offenbar schätzte er ihn als Persönlichkeit,

trotz begründeter Vorbehalte in Bezug auf seinen politischen

Opportunismus. 12

Das Problem der Toleranz war damals wie auch heute für die derzeitige

Geschichtsschreibung der nationalsozialistischen Ära ein grundsätzliches

Problem. Leo von Königs enger Freund, Reinhold Schneider, dereinst

moralischer Kompass für viele Menschen, hatte dazu eine entschiedene

Haltung. Über seinen elsässischen Verleger-Freund, den Kollaborateur

Joseph Rossé, schreibt er: Das politische Zwielicht, in dem zu leben er verdammt

war, kann ich nicht zerstreuen; ich habe nicht zu urteilen, sondern

zu bekennen. Joseph Rossé könne morgen ein Held sein, übermorgen

wieder ein Verräter. Mich kümmert das nicht. Unter allen Umständen müssen

wir der Politisierung des Menschlichen widerstehn. 13 Eine ganz andere

Meinung hatte dazu Schneiders Freund Jochen Klepper, den die Schneidersche

Toleranz mit Misstrauen erfüllte. 14

Panorama der Zeit

Die Porträtkunst Leo von Königs unter historischem Gesichtspunkt zu

betrachten, wie das im folgenden geschieht, hat Reinhold Schneider

10 Marcuse, Mein zwanzigstes Jahrhundert,

1975, S. 188.

11 Marcks, Briefe und Werke, 1988, S. 72.

12 Leo von König an Margarete Hauptmann

vom 08. 03.1937, Handschriftenabt. der Staatsbibliothek

Berlin. Autogr. GH Br NL. Nr 32,

zit. n. Bechter, Berliner Secession, 2001, S. 133,

Anm. 147.

13 Schneider, Verhüllter Tag, 1991, S. 181.

14 Klepper, Unter dem Schatten deiner Flügel,

2005, S. 226.

12


15 Schneider in: Festschrift, Berlin 1941, S. 37.

16 ebd. Firle, S. 23.

17 ebd., Brockhusen, S. 25.

bereits in seinem Beitrag zur Festschrift für Leo von König zu dessen 70.

Geburtstag im Jahre 1941 empfohlen: Die Darstellung des Schicksalhaften,

das in tieferem Sinne immer geschichtlich ist, erscheint uns als ein

wesentlicher Zug der Kunst Leo von Königs. Damit soll die ästhetische und

kunsthistorische Betrachtung seines Werkes in ihrem Rechte nicht eingeschränkt

werden; es soll nur gesagt werden, daß in der Perspektive des

Geschichtlichen einmal ein sehr hoher Wert in diesem Werke offenbar

werden wird. Dieser Wert ist zum Teil noch verborgen, weil er zu nah ist;

erst wenn ein Blick über die Epoche möglich wäre, wenn es deutlich würde,

was eigentlich geschah und was sich in dieser Zeit in den Seelen der

Menschen begeben hat, könnten diese Bilder ganz verstanden werden,

heute mögen ihnen vielleicht nur Ahnungen nahe kommen. Denn wir

sehen, wie aus dem unfaßbaren Wirbel des Geschehens Gestalten sich

lösen und wie sie sich formen. 15

Nicht nur derartige Gedanken machen die Festschrift für Leo von König

wertvoll. Sie ergänzt die Welt der Portäts durch schriftliche Zeugnisse, die

seine Freunde und Weggefährten zusammentrugen. Da finden Repräsentanten

der verschiedensten Gebiete zusammen. Neben den Malern, Kollegen

und ehemaligen Lehrern, Bildhauern, Dichtern Schriftstellern, Übersetzern,

Philosophen, Theologen, auch Galeristen, Verleger, Kunsthistoriker,

Museumsdirektoren und Publizisten, ja schließlich kommt der Architekt zu

Wort, Otto Firle, der zusammen mit Leo von König den stolzen Pferdestall

auf dem Grundstück der Schwiegereltern seiner zweiten Ehefrau, Anna

von Hansemann, in der Fraunhofer Straße in Berlin-Charlottenburg in ein

Wohnhaus mit Atelier umwandelte; der Zauber dieses Fleckchens Erde, in

das die Sonne und die alten Bäume des Nachbargartens hineinblickten,

habe ihn sogleich gefangengenommen. Für seine Arbeit hatte er dankbar

ein Gemälde von Utrillo entgegengenommen. 16

Einen Blick in das Atelier dieses ungewöhnlichen Hauses, wo so viele

der hier besprochenen Porträts entstanden, gewährt uns die Publizistin

Vicky von Brockhusen in ihrem Beitrag zur Festschrift: In dem hohen Saal

seines Hauses stehen Leo von Königs Bilder auf den Steinfliesen des

Bodens – Abbilder einer erlesenen Auswahl von Menschen unserer Zeit.

Er sieht ihre Geistigkeit, er gibt sie in seinen verschwiegenen Farben wieder,

als spräche er halblaut zu ihnen und wüßte sich einverstanden. Er

wahrt den Abstand zum Allzupersönlichen, vom ‚Sentimentalen‘, wie er

selber sagt. Das Bildnis wird nie zur anatomischen oder seelischen Zergliederung

mißbraucht – die äußere Form steht fast unnahbar kühl für

das innerliche Gut. 17 So bilden die Porträts Leo von Königs zusammen mit

den schriftlichen Zeugnissen gleichsam ein kulturhistorisches Panorama

der Zeit.

13


Bildnis meiner Eltern, 1925

Öl auf Leinwand, 105 × 126 cm

Recklinghausen, Kunsthalle

14

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