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Star oder Loser?

ISBN 978-3-422-98821-7

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Karin Guggeis

STAR ODER LOSER?

Zum Making-of von Objektkarrieren

in einem ethnologischen Museum


Bayerische Studien zur Museumsgeschichte · Band 5

Herausgegeben von der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern


Karin Guggeis

STAR ODER LOSER?

Zum Making-of von Objektkarrieren

in einem ethnologischen Museum


Inaugural-Dissertation im Fach Ethnologie

an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät

der Universität Bayreuth

Betreuer: Prof. Dr. Kurt Beck

Zweitgutachterin: PD Dr. Paola Ivanov

Annahmedatum: 9.5.2018

Lektorat: Rudolf Winterstein

Redaktion: Wolfgang Stäbler

Gestaltungskonzept: Edgar Endl

Satz und Umbruch: Rüdiger Kern

Druck und Bindung: Beltz Grafische Betriebe,

Bad Langensalza

Verlag:

Deutscher Kunstverlag GmbH Berlin München

Lützowstraße 33

10785 Berlin

www.deutscherkunstverlag.de

Ein Unternehmen der

Walter de Gruyter GmbH Berlin Boston

www.degruyter.com

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2022 Deutscher Kunstverlag GmbH Berlin München

ISBN 978-3-422-98821-7


INHALT

7 GELEITWORT DES HERAUSGEBERS

8 DANK

10 I. EINLEITUNG

10 1. Stars werden gemacht, nicht geboren

11 2. Fragestellung und Erkenntnis interesse

15 3. Methodische Überlegungen

17 II. AUSWAHL UND KONTUREN DES

MÜNCHNER ETHNOLOGISCHEN

MUSEUMS

21 III. THEORETISCHER RAHMEN

21 1. Die kulturelle Biografie von Dingen

22 2. Aneignung

25 3. Communities of Practice

27 4. Skilled Vision

29 5. Skilled Practice

30 6. Unterscheidung der Bewertung relevanter

Merkmale

32 IV. DAS MAKING-OF VON

OBJEKTKARRIEREN IM MUSEUM:

AUSGEWÄHLTE BEISPIELE

32 1. Auswahl und Darstellung der Fallbeispiele

33 2. Die Fallbeispiele

35 2.1 Aktuell gehypte Superstars – Zwei Veranda-Pfosten des

Yoruba-Schnitzers Olowe aus Ise

35 2.1.1 Der gezielte Erwerb 1998

37 2.1.2 Erste öffentliche Bühnen

44 2.1.3 Dynamiken des Making-of zu Superstars

54 2.1.4 Zusammenfassung und Fazit

59 2.2 Der klassische Star: Ein Panther(-Paar) aus dem

Königreich Benin

59 2.2.1 Der Erwerb eines Traumpaares 1952

64 2.2.2 Vorbereitungen für den Bühnenauftritt

64 Schönheitsreparaturen am Objekt selbst

65 Erste fotografische Inszenierungen: Von Raubkatzen bis

Hauskatzen

73 2.2.3 Erste Bühnen des Paares nach ihrem Erwerb

75 2.2.4 Die Trennung des Paares durch Tausch

80 Verbleib vs. Abgabe – Zufall oder Kalkül?

81 Die Tauschobjekte: Asien schlägt Afrika

81 2.2.5 Die weitere Karriere der im Museum verbliebenen Figur

87 2.2.6 Konturen der weiteren Karriere der weggetauschten

Figur

88 2.2.7 Zusammenfassung und Fazit

93 2.3 Der aktuelle Coverboy: Eine Maske aus der Wara-Region

93 2.3.1 Der gezielte Erwerb 1986

94 2.3.2 Skilled Practice: Recherchen

94 2.3.3 Erste öffentliche Bühnen

96 2.3.4 Das Making-of als Coverboy eines Katalogs

101 2.3.5 Zusammenfassung und Fazit

103 2.4 Der aktuelle Publikumsliebling: Der Sprechende Schuh –

La Source

103 2.4.1 Der gezielte Erwerb 2010

106 2.4.2. Erste öffentliche Auftritte auf alten und neuen Bühnen

INHALT

5


107 2.4.3 Dynamiken zum Publikumsliebling

111 2.4.4 Zusammenfassung und Fazit

113 2.5 Der Comebacker ins Museum – Eine Uli-Figur namens

»Waldo«

113 2.5.1 Der Erwerb als Geschenk 1912

114 2.5.2 Erste öffentliche Bühnen

117 2.5.3 Der Wegtausch im Jahre 1951

117 46 gegen 2

126 Die Klassifikation von »Dubletten« und ihre Folgen

130 2.5.4 Das Comeback von »Waldo« ins Museum

131 Warum teuer zurückgekauft?

132 Hinterbühnen des Comebacks

133 Die Auktion und dortige Preisbildung

134 Die weitere Karriere des Comebackers

137 2.5.5 Zusammenfassung und Fazit

141 2.6 Der Comebacker im Museum: Ein »Fetisch« von der

Loango-Küste

141 2.6.1 Der Erwerb als Geschenk 1875

142 2.6.2 Öffentliche Bühnen und Hinterbühnen in den nächsten

Jahrzehnten

169 2.8.3 Erste öffentliche Bühnen

170 2.8.4 Der Total-Crash der Karriere

174 2.8.5 Zusammenfassung und Fazit

177 2.9 Der verstoßene Hinterbühnler: Ein Amulett aus dem

Ogowe-Gebiet

177 2.9.1 Der Erwerb als unwillkommenes Geschenk 1888

180 2.9.2 Die Hinterbühne als Bühne

181 2.9.3 Karrierecrash und Karriereende des physischen Objekts

182 2.9.4 Zusammenfassung und Fazit

184 V. CONCLUSIO UND AUSBLICK

196 QUELLENNACHWEIS UND

LITERATUR

196 Interviews sowie mündliche und schriftliche

Mitteilungen

197 Archivalische Primärquellen

197 Sekundärliteratur

206 Filmische Quellen

207 ABBILDUNGSVERZEICHNIS

149 2.6.3 Das Comeback im Museum

152 2.6.4 Zusammenfassung und Fazit

155 2.7 Das gesunkene Sternchen: Ein Speer aus Ostafrika

155 2.7.1 Der Erwerb als Geschenk 1891

155 2.7.2 Skilled Practice auf der Hinterbühne

157 2.7.3 Erste öffentliche Bühnen

161 2.7.4 Der Karriereeinbruch

163 2.7.5 Zusammenfassung und Fazit

165 2.8 Das gefallene Sternchen: Der Karrierecrash eines

Elfenbein-Blashorns

165 2.8.1 Der gezielte Erwerb 1974

168 2.8.2 Der Erwerb von Wissen

6 INHALT


GELEITWORT DES HERAUSGEBERS

Als Publikationsforum für Forschungsarbeiten über die

bayerischen Museen oder auch Untersuchungen, die sich

mit ihrem »Innenleben« auseinandersetzen, hat die Landesstelle

für die nichtstaatlichen Museen in Bayern 2011

ihre jüngste Publikationsreihe ins Leben gerufen, die

»Bayerischen Studien zur Museumsgeschichte«. Bei den

ersten beiden Bänden stand die historische Untersuchung

regionaler Museumslandschaften, genauer der Stadt- und

Heimatmuseen Frankens und Schwabens, im Mittelpunkt.

Ebenfalls der Museumsgeschichte, nun allerdings

mit Blick auf einen speziellen Zeitabschnitt, widmete sich

die dritte Untersuchung: dem Kunstraub unter der Herrschaft

der Nationalsozialisten. Die Publikation verfolgte

nicht zuletzt das Ziel, die Projekte und Hilfestellungen der

Landesstelle für die Museen im Hinblick auf die wichtigen

Aufgaben der Provenienzforschung zu begleiten.

Ins »Innenleben« der Museen stieß hingegen der folgende

Band 4 vor, eine Arbeit aus dem Bereich der Empirischen

Kulturwissenschaften. Diese Museografie, also

die Untersuchung eines Museums und seiner Tätigkeiten,

analysierte Legitimationsstrategien und soziokulturelle

Funktionen eines Designmuseums. Dabei wurden am

konkreten Beispiel Vorgehensweisen, Sammlungskonzeptionen

und Präsentationsformen beleuchtet. An diese Arbeit

knüpft unter anderem Blickwinkel der nun vorliegende

fünfte Band an. In seinem Mittelpunkt steht die Frage,

welche Abläufe und Einflüsse dazu führen, dass einzelne

Museumsobjekte die »Stars« der Sammlung und von Ausstellungen

werden, andere dagegen entweder weniger beachtet

im Schatten stehen oder gar als »Loser« aus ihrem

früheren Rampenlicht entfernt werden. Die Dissertation

der Ethnologin Karin Guggeis an der Kulturwissenschaftlichen

Fakultät der Universität Bayreuth diskutiert

diese spannende Fragestellung eingehend anhand mehrerer

treffender Beispiele aus dem Museum Fünf Kontinente

in München. Ohne hier ihre Ergebnisse vorwegnehmen

zu wollen: Es zeigt sich, welch lebendiger Organismus ein

Museum ist, dem ja oft zu Unrecht eine gewisse in sich ruhende,

fast unveränderliche Statik nachgesagt wird. Mit allem

Nachdruck wird aufgezeigt, wie einzelne Personen mit

ihrem durchaus individuellen Blick auf und durch ihr unterschiedliches

Verständnis von den Objekten die Wertschätzung

von Sammlungsobjekten und -teilen beeinflussen,

wie auch der Kunstmarkt, Zeit- und Modeströmungen

und das Fortschreiten wissenschaftlicher Erkenntnisse jenes

Verständnis verändern kann. Auch ein gesteigerter

Bekanntheitsgrad durch Veröffentlichungen oder Ausstellungen

oder sogar das politische Umfeld kann in die

»Karriere« eines Objekts bestimmend mit eingreifen.

Ohne Zweifel: Museen »leben«, sie entwickeln sich,

sind einem ständigen Wandel unterworfen, beeinflusst

durch das gesellschaftliche Umfeld ebenso wie Entwicklungen

in ihrem Inneren. Und ebenso unzweifelhaft: Ihre

wichtigste Aufgabenstellung sind die Bewahrung und Bearbeitung

der gesammelten Objekte, die immer wieder

neue Erkenntnisse liefern und Umdeutungen erfahren

können.

München, im März 2022

Dr. Dirk Blübaum

Leiter der Landessstelle

für die nichtstaatlichen Museen in Bayern

Geleitwort des Herausgebers

7


DANK

Bereits die Inspiration zu dieser Arbeit verdanke ich einer

Vielzahl von Menschen, die durch persönliche und fachliche

Gespräche oder durch ihre Publikationen meine Aufmerksamkeit

auf das Thema lenkten. Ihnen möchte ich

an dieser Stelle meinen Dank aussprechen, auch wenn sie

nicht alle im Rückblick und an dieser Stelle namentlich erwähnt

werden können.

Ein besonderer Dank gilt meinem Doktorvater Professor

Dr. Kurt Beck für die Freiheit, diese Arbeit ausführen

zu können, sowie für seine wertvollen Kommentare und

Anregungen. Professorin Dr. Paola Ivanov mit ihrer großen

Kenntnis über das Themenfeld meiner Arbeit danke

ich dafür, sich als zweite Gutachterin zur Verfügung gestellt

zu haben. Professor Dr. Bernt Schnettler danke ich

für seine spontane Bereitschaft, als weiterer Gutachter bei

meinem Rigorosum teilzunehmen.

Ein großer Dank gilt auch allen Teilnehmer*innen

der Doktorand*innen-Kolloquien von Professor Dr. Kurt

Beck in Wallenfels für ihre eigenen bereichernden Forschungsbeiträge

sowie für ihre konstruktiven Anregungen

und Kommentare zum jeweiligen Stand meiner Arbeit.

Im Münchner ethnologischen Museum Fünf Kontinente

haben zahlreiche Mitarbeitende meine Arbeit in

vielfältiger Weise unterstützt. Besonders danken möchte

ich der 2017 überraschend verstorbenen Direktorin

Christine Kron für ihre Unterstützung meiner Feldforschung

im Münchner Museum. Zu besonders großem

Dank verpflichtet bin ich weiterhin der früheren Afrika-Abteilungsleiterin

Maria Kecskési posthum für ihre

wertvolle Unterstützung und ihre kollegiale Bereitschaft,

mir für Fragen zu früheren Jahrzehnten stets geduldig

und bereitwillig ihre Zeit zu opfern. Für Interviews, konstruktive

Gespräche und ihre Expertise sowie mannigfaltige

weitere Unterstützungen bedanke ich mich bei Michaela

Appel, Stefan Eisenhofer, Marianne Franke, Julia

Glaser, Nicolai Kästner, Bruno Richtsfeld, Wolfgang Stein,

Regina Stumbaum, Helga Theodhori, Hilke Thode-Arora,

Claudia Walke und Marietta Weidner sowie posthum

Dorothee Schäfer. Veronika Grahammer, Martin Gross,

Anka Krämer de Huerta, Sabine Polacek, Gertraud Remmers

und Ronald Schwarzenberger danke ich für ihre

Hilfsbereitschaft. Für wichtige Anregungen, Informationen

und Gespräche, die direkt oder als Hintergrundwissen

in die Arbeit einflossen, bin ich zudem externen

Kolleg/-innen zu großem Dank verpflichtet, vor allem

Christian Feest, Jan-Loedewijk Grootaers, Iris Hahner,

Lorenz Homberger, Kerstin Pinther, Markus Schindlbeck,

Barbara Thompson und Ulf Vierke.

Wertvolle Informationen und Einsichten in den Afrikanischen

Kunstmarkt und hierbei vor allem zu Auktionen

verdanke ich Heinrich Schweizer, einem der international

renommiertesten Experten für Afrikanische und

Ozeanische Kunst. Wichtige Erkenntnisse zum Kunstmarkt

im Wandel der Jahrzehnte verdanke ich zudem

Karl-Ferdinand Schaedler, weiterhin Christina und Rolf

Miehler, Andreas Schlothauer, Anita Schröder, Gert Stoll

und dem 2015 verstorbenen René David. Peter Stepan

danke ich für seinen Einblick in Mechanismen des Verlagswesens.

Günter Kuhn war mir bei der Umrechnung alter

Währungen in heutige Bezugsgrößen eine große Unterstützung.

Dem Bildhauer, Professor für Plastisches Gestalten an

der Technischen Universität München und Sammler Afrikanischer

Kunst Fritz Koenig danke ich posthum dafür,

dass er bei der Bearbeitung seiner großen Afrika-Sammlung

mit mir seinen persönlichen Blick auf die Werke teilte

und mir dadurch Einsicht in grundsätzliche Unterschiede

zwischen einer öffentlichen Museumssammlung und

seiner Privatsammlung gewährte.

Für das großzügige kostenlose und schnelle Bereitstellen

von Fotografien danke ich dem National Museum of

African American History and Culture (NMAAHC) der

Smithsonian Institution in Washington D.C., dort vor allem

Jarrett L. Smith, und dem Haus der Kunst in München

8 Dank


und hierbei Iris Ludwig, für die Erlaubnis zur Abbildung

eines Titelcovers Pia Werner vom Prestel Verlag.

Dr. Astrid Pellengahr, Dr. Dirk Blübaum und Dr.

Wolfgang Stäbler von der Landesstelle für die nichtstaatlichen

Museen in Bayern gilt mein großer Dank für ihre

Bereitschaft, vorliegende Arbeit in der Reihe »Studien zur

Bayerischen Museumsgeschichte« zu veröffentlichen.

Ein ganz besonderer Dank gilt meinen Freund/-innen

für ihre konstruktiven Beiträge, vor allem jedoch für ihre

Aufmunterungen. Namentlich danken möchte ich Karin

und Khodr Abdallah, Michael Ewert, Brigitta Niehaus,

Karin Sommer, Renate Möller, Regina Ober, Maria Prem,

Kai Stepper, Jochen von Stieglitz und Barbara Westner.

Für das konzentrierte Lesen der Arbeit oder einzelner

Kapitel und vor allem für ihre konstruktiven Anregungen

und Kommentare bin ich Ulrike Budde, Leonie Emeka,

Regina Ober und Karin Sommer zu großem Dank verpflichtet.

Doch ohne das sanfte, doch stetige Nachhaken

nach weiteren Kapiteln zum Lesen von Lourdes Ros de

Andrés und ihren wertvollen Hinweisen wäre diese Arbeit

noch länger in der Zielgerade verharrt.

Aus vollstem Herzen für ihre Anteilnahme und Unterstützung,

für ihre Aufmunterungen sowie für ihre mir entgegengebrachte

Geduld beim Verfassen dieser Arbeit danke

ich meinen Eltern Lotte und Helmut Guggeis, vor allem

aber meiner Tochter Leonie und meinem Mann Stefan.

Karin Guggeis

Dank

9


I. EINLEITUNG

»Schönheit liegt im Auge des Betrachters«

(Thukydides, vor 454–ca. 396 v. Chr.)

1. STARS WERDEN GEMACHT,

NICHT GEBOREN

Stars werden nicht geboren. Stars werden gemacht. Der

Fußballer Cristiano Ronaldo mag einen unberechenbaren

Schuss haben und ein geniales Spielverständnis,

die Sängerin Rihanna eine ergreifende und atemberaubende

Stimme. Doch durch Talent allein füllen sie nicht

ganze Stadien, erzielen nicht ein gigantisches Einkommen

und Millionen von Klicks, Likes und Followers im Netz.

Einzig durch Talent wurden sie nicht zu globalen Mega-

Stars, denn Talent besitzen unzählige Fußballer*innen

und Sänger*innen. Das »Making-of« von Stars ist vielmehr

ein komplexer Prozess ihrer Erzeugung, an dem viele

Akteur*innen aus unterschiedlichsten Bereichen beteiligt

sind. Dies zeigt etwa die (Ver)Wandlung von Norma

Jeane Baker zum globalen Superstar Marilyn Monroe: Ein

neuer prägnanter Name, ein neues Outfit mit wasserstoffblondierten

Haaren, anderem Make-Up mit kräftigem, geschwungenen,

die Augen betonenden Oberlidstrich und

aufgehelltem Teint bis hin zu neuen Bewegungen und Posen

bei Foto-Shootings und Filmen sind nur einige der

Veränderungen derselben Person, die keineswegs ihre alleinige

Erfindung waren. Bei diesem Prozess der Transformation

waren Model-Agenturen über Stylisten bis hin zu

Fotografen und Filmproduzenten entscheidend beteiligt.

Erst durch diesen Prozess der Transformationen wurde

ein unscheinbares Pin-Up-Model zur globalen Sex-Ikone. 1

Doch nicht nur die Stars im Rampenlicht werden gemacht,

sondern auch die Loser, die Verlierer am anderen

Ende des Spektrums – diejenigen, denen keine Beachtung

zukommt, die stets übergangen werden, die vom Publikum

unbemerkt und ungeschätzt oder vergessen sind.

Das Making-of von Stars und Losern beschränkt sich

keineswegs auf Personen im globalen Show- oder Fußballbusiness.

Es findet auf vielen sozialen Bühnen statt, in der

Kunstwelt, der Literatur, aber aber auch im Museum. Das

Making-of von Objekten in Museen aufzuzeigen ist Ziel

dieser Arbeit. Dies beschränkt sich nicht auf die Karrieren

von internationalen Ikonen in Kunstmuseen wie etwa

der Mona Lisa im Pariser Louvre oder der Nofretete im

Ägyptischen Museum Berlin, sondern findet ebenso bei

Werken in ethnologischen Museen statt. Die vorliegende

Arbeit fokussiert das älteste ethnologische Museum in

Deutschland, lange Zeit bekannt als Staatliches Museum

für Völkerkunde in München, das seit 2014 den Namen

Museum Fünf Kontinente trägt. Die Beispiele stammen,

mit einer Ausnahme, aus dessen Afrika-Sammlung.

Stars werden nicht geboren, Stars werden gemacht, die

Grund- und Ausgangsthese dieser Arbeit, ist nur scheinbar

eine banale Aussage. Denn sie hat weitreichende Implikationen.

Sie beinhaltet, dass ein Star selbst keinerlei

ihm immanente Qualitäten besitzt, die universell und

zeitlos höchste Wertschätzung beanspruchen können (vgl.

Clifford 1988, zit. n. Ivanov 2005: 35). Welche Merkmale,

Prozesse und Akteur*innen für das Making-of einer erfolgreichen,

aber auch einer erfolglosen Karriere maßgeblich

sind, wird in vorliegender Arbeit untersucht.

Der Begriff des »Making of« ist der Filmsprache entlehnt.

Das »Making-of«, wie die eingedeutschte Bezeichnung

lautet, bietet Einsichten in das Machen eines bestimmten

Films, sein Entstehen und Werden, es zeigt

1 Mehrere hundert Publikationen widmen sich Marilyn Monroe

und ihrem Leben. Für mich erkenntnisreich und zielführend

waren vor allem die Biografie des Journalisten und Dokumentarfilmers

James Glaeg (2012) und die Memoiren des

Fotografen André de Dienes (Crist & Ellis de Dienes 2015).

10 I. Einleitung


Akteur*innen jenseits der Schauspieler*innen vor der

Kamera, es ermöglicht Einblicke in die Voraussetzungen

zum und in die Prozesse beim Drehen dieses Films.

In Anlehnung daran bietet, wie ich vorschlage, die Untersuchung

und Darstellung des Making-of bei Museumsobjekten

Einblicke in die Bühnen und Hinterbühnen beim

»Machen«, beim Entstehen ihrer Karrieren als Resultat

komplexer und für die Öffentlichkeit meist nicht sichtbarer

Prozesse.

2. FRAGESTELLUNG UND

ERKENNTNIS INTERESSE

Meine Untersuchung über das Making-of von Stars und

von Losern in einem ethnologischen Museum hat das

Ziel, die dynamischen Prozesse in den sozio-kulturellen

Karrieren von Museumsobjekten aufzuzeigen. Wie und

durch welche Prozesse werden sie zu Stars oder Losern

gemacht? Welche Akteur*innen sind entscheidend in diesem

Prozess? Welche Wahrnehmungen, Deutungen und

Wertschätzungen werden bei den Karrieren von Objekten

in synchroner Perspektive deutlich? Welche dynamischen

Prozesse sind in diachroner Perspektive zu erkennen?

Wieso ist ein Objekt stets in einer Ausstellung präsent,

während andere unbeachtet im Depot aufbewahrt sind?

Inwieweit sind die Karrieren vorherbestimmt und vorhersehbar?

Tatsächlich zeigen sich deutliche Unterschiede in der

Biografie von Museumsobjekten. Einige sind innerhalb

von mehrere hundert, tausend oder sogar zehntausend

Objekte umfassenden Sammlungen scheinbar permanent

in Ausstellungen oder auf anderen öffentlichen Bühnen

präsent und können dadurch als Stars klassifiziert werden.

Andere hingegen verbringen den Großteil ihres Lebens im

Museum weitgehend unbeachtet im Depot und sind für

die Öffentlichkeit unsichtbar. Sie werden als »Magazinhüter«

oder »Hinterbühnler« klassifiziert. Doch damit sind

nur die Eckpunkte des Spektrums angedeutet. Denn Objekte

im Museum sind entgegen dominierender populärer

Auffassungen durchaus Dynamiken in ihrer Wahrnehmung,

Deutung und Wertschätzung unterworfen.

Das Museum ist Schnittstelle für unterschiedliche Akteur*innen

in unterschiedlichen »Communities of Practice«

(vgl. hierzu Kap. III. 3.). Die Handelnden, die für

das Making-of der Karrieren von Objekten im Münchner

ethnologischen Museum entscheidend sind, an besonders

prägnanten Fallbeispielen herauszuarbeiten und

darzustellen, ist das Ziel meiner Untersuchung. Dabei sollen

die jeweiligen Strategien des Making-of, des Machens

im Hintergrund, aufgezeigt werden. Nicht die einzelnen

Karrierestationen der Objekte stehen daher im Zentrum.

Vielmehr will die Untersuchung erklären, durch welche

Deutungen und Bewertungen der entscheidenden Akteur*innen

das Making-of von Objekten bewirkt und verhindert

wird. Auch wird untersucht, welche Interessen

diesen Handlungen zugrunde liegen.

Die Arbeit basiert somit auf der Annahme, dass Objekte

im Museum entgegen gängiger Vorstellungen in der

breiten Öffentlichkeit keineswegs »tot« sind. Meine Untersuchung

steht damit im Gegensatz etwa zu Adornos Sichtweise,

wenn er schreibt: »Museum und Mausoleum verbindet

nicht bloß die phonetische Assoziation. Museen

sind wie Erbbegräbnisse von Kunstwerken« (Adorno 1997

[1955]: 181). Vielmehr schließe ich mich in der Tendenz der

möglichen Karrieren von Objekten Peter Sloterdijk an, der

die Metapher vom Museum als Mausoleum oder Friedhof

für Objekte durch die Metapher des irdischen Himmels

ersetzt: »In Wahrheit ist das Museum weniger ein Friedhof

als ein irdischer Himmel der übrig gebliebenen Objekte,

denn mit dem Tag der Ausstellung brach für sie der Tag

der Auferstehung an« (Sloterdijk 2007: 365–366).

Mit dem Eintritt eines Objekts in das Museum betrachte

ich daher seine Biografie, seine Karriere keineswegs als

beendet. Ein Museumsobjekt mag in seiner Glasvitrine in

der Ausstellung statisch erscheinen. Doch ist dies eine nur

situative, eine generalisierte Momentaufnahme und daher

eine unangemessene und unkundige Sichtweise auf Museumsobjekte

(vgl. auch Gosden & Marshall 1999: 170). Trotz

ihres vermeintlich statischen Zustands werden diese Objekte

ständig neu angeeignet, werden ihnen von entscheidenden

Akteur*innen neue Bedeutungen und Bedeutsamkeiten

zugewiesen und neue Verknüpfungen hergestellt,

die für ihre weitere Karriere von Relevanz sind.

2. Fragestellung und ERKENNTNIS INTERESSE

11


Mit dem Eintritt in das Museum beginnt das »zweite

Leben« der Objekte. Es unterscheidet sich deutlich von

ihrem »ersten Leben« im einheimischen Zusammenhang,

dem Leben, das die Hersteller*innen, Auftraggeber*innen

und Nutzer*innen in ihren ursprünglichen Herkunftsregionen

für sie vorgesehen hatten. Dieses bisher untererforschte

zweite Leben bildet den Fokus meiner Untersuchung. Denn

die Karriere von Objekten im Museum ist keineswegs nur

eine »Geschichte über das Andere, sondern gerade auch die

Geschichte des Eigenen« (Bose 2008: 189). Das Spektrum

dieses zweiten Lebens ist jedoch nicht auf die Orte »Ausstellung«

und »Museumsdepot« zu begrenzen. Zudem stehen

die Objekte selbst nur scheinbar im Vordergrund. Weitaus

wichtiger sind, wie erwähnt, die Akteur*innen und die Dynamiken

ihrer Wahrnehmungen, Deutung und Bewertung

innerhalb einer sich wandelnden Welt.

Zielsetzung der Arbeit ist damit ausdrücklich nicht, eigene

Bewertungen hinsichtlich der Ästhetik, Qualität oder

Authentizität eines untersuchten Objekts zu erarbeiten.

Von Relevanz für die Untersuchung sind ausschließlich

die Bewertungen der Akteur*innen in ihren dynamischen

Prozessen, die für die Karrieren von Objekten entscheidende

Bedeutung hatten.

Das erste Leben der Museumsobjekte wird nur dargestellt,

soweit es bekannt war und für das zweite Leben

beim Making-of ihrer Karrieren im Münchner Museum

Relevanz besaß. Eigene Feldforschungen im einheimischen

Kontext oder Archivstudien zum ersten Leben

der Werke wurden aufgrund des Fokus dieser Arbeit nicht

vorgenommen. Diese Arbeit leistet dadurch zwar einen

Beitrag zur Provenienzforschung, indem sie die bisherigen

Vorbesitzer*innen im Globalen Norden sowie die Erwerbsmodi

durch das Museum darstellt. Doch ist das primäre

Ziel nicht, die Biografien der Objekte bis zu ihren

Ursprüngen, ihren Hersteller*innen, Auftraggeber*innen,

Nutzer*innen sowie Vorbesitzer*innen im einheimischen

Kontext bei ihrem Erwerb durch Akteur*innen des Globalen

Nordens aufzuzeigen oder die Rechtmäßigkeit der Erwerbungen

darzustellen. Dies ist zwar eine überaus wichtige

Aufgabe heutiger ethnologischer Museen, doch nicht

das Thema dieser Arbeit.

Zu weiteren Begrifflichkeiten:

Der Begriff »Star«, »Sternchen« und weitere meiner zentralen

Bezeichnungen wie »Bühne«, »Hinterbühne«, »Auftritt«,

»Hauptrolle«, »Nebenrolle« oder »Ersatzspieler«

machen deutlich, dass ich auffallende Ähnlichkeiten zwischen

Museum und vor allem Theater (vgl. z. B. Hanak-

Lettner 2014) und Film, aber auch beispielsweise Fußball

sehe. Die Begrifflichkeiten aus der Theater-, Film- und

Fußballsprache schlage ich in einem metaphorischen Sinne

vor, um die entscheidenden Prozesse im Making-of der

Karrieren von Objekten mit prägnanten Bezeichnungen

darzustellen und sie klarer werden zu lassen.

Die Objekte werden daher nicht aus analytischer Perspektive

als Stars, Sternchen usw. untersucht und dargestellt,

zumal es nach dem Medienwissenschaftler Werner

Faulstich (2000: 296) ohnehin keine »annähernd

zufriedenstellende Star-Theorie« gibt. 2 Vielmehr drückt

die Metapher aus, dass ich die Objekte aufgrund ihrer

Wahrnehmung, Deutung und Bewertung im Blick relevanter

Akteur*innen als Star, Sternchen usw. bezeichne.

Dies gilt auch für Ausdrücke, die ich der populären Sportsprache

entnommen habe, wie »Comebacker« oder »Loser«.

Meine Klassifikation ist inspiriert vom Filmhistoriker

Enno Patalas. In seinem heute als Klassiker geltenden

Buch Sozialgeschichte der Stars (1963) bildete er 15 Kategorien,

die von »Jungfrauen« und »Männer der Tat« über

»Femmes fatales« bis hin zu »Rebellen ohne Sache« und

»die Nymphe« umfassten. Um den aktuellen Status eines

Objekts in den relevanten Dynamiken und Prozessen

seiner Karriere geschärft auf den Punkt zu bringen, verwende

ich Bezeichnungen, die diese Dynamik oder auch

Konstanz prägnant machen, also »beschreibende Namen«

(vgl. Ingold 2011: 169–170), wie etwa »gehypte Superstars«,

»der gefallene Star« oder, wie oben erwähnt, »der Comebacker«.

2 Laut Faulstich gehört das Starproblem »zur kulturwissenschaftlichen

Bringschuld« (ebd.). Die weitgehende Ungeklärtheit

des Phänomens führt er darauf zurück, dass das Phänomen

nur historiographisch, d. h. zeitlich umfassend, sowie holistisch,

d. h. in seiner ganzen systematischen Komplexität, behandelt

werden kann, dies aber noch nicht geleistet wurde (Faulstich

2000: 294).

12 I. Einleitung


Ich folge in meiner Verwendung des Begriffs »Star«

weitgehend Faulstich, der den relationalen Charakter

dieses Begriffs betont: »Was ein Star ist, läßt sich nur bestimmen

in der Beziehung des Stars zu anderen Vertretern

derselben Personengruppe, in der Beziehung zu bestimmten

Präferenzen von Menschen, in der Beziehung

zu einem zeitlichen und geografischen Bezugsrahmen, in

der Beziehung zu einem bestimmten Distributionsmechanismus

und den jeweils zugrundeliegenden Funktionen«

(Faulstich 2000: 293). 3

Dabei verwende ich den Begriff »Bühne«, um die Auftritte

der Objekte in einer Ausstellung oder einer Publikation

zu bezeichnen. In Anlehnung an Erving Goffmans

Terminologie unterscheide ich hierbei die »Vorderbühne«,

also die Region der Bühne, in der die Vorstellung

stattfindet (Goffman 2017 [1969]: 100), im Museum die

Ausstellung, die für Besuchende sichtbare Bühne, und die

»Hinterbühne« (ebd.: 104), einen für die breite Öffentlichkeit

unsichtbaren, doch ebenfalls überaus wichtigen Ort.

Als Hinterbühne im Münchner ethnologischen Museum

ist vor allem das Magazin der Sammlung von Bedeutung,

das synonym als Depot bezeichnet wird. Dort sind die

Objekte untergebracht, die nicht in einer Ausstellung als

Exponat gezeigt sind. Doch inwieweit ist dieses Dasein im

Magazin zwangsweise gleichzusetzen mit der Nichtwahrnehmung

des Objekts, wie häufig in der öffentlichen oder

wissenschaftlichen Wahrnehmung behauptet wird (vgl.

z. B. Doering 2000: 268)? Welche anderen Möglichkeiten

bietet diese Hinterbühne für das Making-of der Karrieren

von Museumsgegenständen?

Den Begriff »Objekt« verwende ich als Fachvokabular

der »Community of Practice« (vgl. Kap. III. 3.) des Museums.

Ein Gegenstand in der Sammlung eines Museums

wird dabei als Objekt bezeichnet, in einer Ausstellung präsentiert

als Exponat. Weiterhin übernehme ich bestimmte

Begriffe wie »Ding« oder »Artefakt« als Bezeichnungen

der spezifischen Fachliteratur, wie bei meinen Ausführungen

zur »kulturellen Biografie der Dinge« von Kopytoff

(2003 [1986]) als theoretischen Rahmen (vgl. Kap. III. 1.).

Dennoch bin ich mir bewusst, dass der Begriff des Dings

neutraler ist als die Bezeichnung Objekt. In der wissenschaftlichen

Tradition des Globalen Nordens gilt das Objekt

seit René Descartes dem Subjekt gegenübergestellt.

Dabei wird das Objekt als das passiv in der Wahrnehmung

Gegebene betrachtet, das Subjekt hingegen als das aktiv

Wahrnehmende und Handelnde. 4 Diese Dichotomie wird

jedoch seit einiger Zeit in Frage gestellt (s. u.).

Im Interesse der Lesbarkeit des Textes sind Begriffe

wie »Skilled Vision(s)«, oder »Star« nur dann in doppelte

Anführungszeichen gesetzt, wenn sie im Text eingeführt

werden. In den Überschriften sind sie als Fachbegriffe dieser

Arbeit in normaler Schreibweise verwendet. Eine Ausnahme

bilden die Bezeichnungen »Fetisch« oder »Götze«,

die mittlerweile nicht nur als veraltet, sondern entsprechend

dem kolonialen Blick als gezielt abwertend zu verstehen

sind und deren Ablehnung im gesamten Text durch

doppelte Anführungszeichen gekennzeichnet ist.

3 Faulstich (2000: 294) zufolge werden in der Forschung vor

allem folgende stargenerierende Merkmale als relevant gewertet:

Die Faktoren »Leistung« und »Image« sowie als rezente Ergänzung

»Kontinuität«. Er formuliert folgende Vorüberlegungen

zur Star-Theorie: »zur kulturellen Reichweite und Bedeutung

des Stars, zur paradoxen Struktur des Starwesens, zur Geschichtlichkeit

des Stars als theatraler Inszenierung, zu seinen

zentralen Funktionen, schließlich zum Verhältnis von Star und

öffentlichem Raum als dessen unverzichtbarer Bedingung«

(ebd.). Faulstich reduziert Stars auf reale Personen und schließt

explizit Dinge als Stars aus (ebd.). Dies begründet er mit der

»spannungsreich widersprüchlichen Beziehung von Nähe und

Distanz« eines Stars als kulturellem Angebot (Faulstich 2000:

298). Die »Rätselhaftigkeit des Stars« muss bestehen bleiben, da

er wie jede Art von Elite eines hinreichenden kommunikativen

Raums bedarf, um Aura zu entfalten (ebd.: 298–299). Faulstich

erhebt mehrere Befunde zu Stars, von denen ich einige skizzieren

möchte. Auch in Faulstichs Blick wird ein Star »gemacht«,

wobei er Fans als entscheidend betrachtet (ebd.: 295). Dabei

sieht er diese Beziehung als wechselseitig: »Ohne die Fans gibt

es keinen Star. Die Voraussetzung seiner Entstehung ist das Vorhandensein

einer Vielzahl von Bewunderern. Niemand ist ein

Star, wenn ihn nur seine Freunde schätzen. Andererseits stellt

der Star auch für seine Fans etwas dar, wonach diese dringend

verlangen. Niemand wird zum Star, der den Wünschen seiner

Verehrer nicht nachkommt. Das Bedürfnis der Fans nach Stars

und der Stars nach Fans ist reziprok«. (ebd.)

4 Vgl. z. B. https://de.wikipedia.org/wiki/Objekt_(Philosophie),

Zugriff am 15.4.2016. Ausführlicher zu den Begriffen

Ding, Artefakt etc. siehe z. B. Hahn (2005: v. a. 18–21).

2. Fragestellung und ERKENNTNIS INTERESSE

13


Durch die Schreibweise »Afrikanische Kunst« im Gegensatz

zur gängigen deutschsprachigen Bezeichnung

»afrikanische Kunst« soll das Bewusstsein für die Aneignungen

von Werken aus Afrika geschärft werden. Was als

Afrikanische Kunst definiert und klassifiziert wurde und

wird, was als ästhetisch schön, als qualitätvoll, als authentisch

wahrgenommen und bewertet wird, die damit verknüpften

Bezeichnungen und Klassifikationen, sind als

Aneignung dieser Werke durch den Kunstmarkt vor allem

des Globalen Nordens zu verstehen. Mit den Vorstellungen

im lokalen Kontext hat diese Wahrnehmung, Deutung

und Bewertung Afrikanischer (Kunst)Objekte vor allem

bei früheren Werken selten viele Gemeinsamkeiten (vgl.

hierzu Kap. III. 2.). Gleiches gilt für Außereuropäische

Kunst generell oder etwa Ostasiatische Kunst.

Museen verstehe ich als Teil des Kunstmarkts und

nicht als außerhalb desselben. So benennt Andrea Hausmann

in ihrem Handbuch Kunstmarkt (2014) als Akteure

des Kunstmarkts die Folgenden, wobei ich ihre Auflistung

mit ihren Begriffen wiedergebe: Erstens »Künstler«,

zweitens »Kunsthochschulen«, drittens »Galerien und

Kunsthandel«, viertens »private Sammler und Corporate

Collections«, fünftens »Kunstmuseen, Kunsthallen

und Kunstvereine«, sechstens »Auktionshäuser«, siebtens

»Kunstmessen«, achtens »Kunstberater«, neuntens

»Kunstexperten und Kunstsachverständige«, und zehntens

»Kunstkritiker« (Hausmann 2014a: 20–29). Den engen

Zusammenhang zwischen Museum und Markt, die

Möglichkeiten und Bedeutung der Einflussnahme von

Ersterem auf Letzteren haben Pommerehne und Frey bei

Museen moderner Kunst betont, doch gilt dies meiner

Wahrnehmung und Erfahrung zufolge auch für ethnologische

Museen: »Durch ihr Prestige, ihre Erfahrung und

die ihnen zur Verfügung stehenden Informationen sind

Kunstmuseen in der Lage, das Verhalten anderer Entscheidungsträger

in diesem Bereich [dem Kunsthandel, KG]

direkt und indirekt zu beeinflussen« (Pommerehne/Frey

1993: 143). Der Kunstmarkt in diesen vielschichtigen Komponenten

war Gegenstand zahlreicher Untersuchungen

(siehe z. B. Ressler [2001], Zahner [2006], Dossi [2007],

Fehr [2008], Jeuthe [2011], Findlay [2012], Fenkart [2014],

Boll [2014], Büttner/Finke [2014], Lüddemann [2014],

Rössel [2014] oder Pricken [2014]), wobei meist der eigene

berufliche Blick und das spezifische Wissen und Interesse

der Akteur*innen eine zentrale Bedeutung bei der Darstellung

besaß. Grundsätzlich ist jedoch beim Markt für

Außereuropäische Kunst zu beachten, dass nicht alle der

beispielsweise von Hausmann genannten Akteur*innen

und Institutionen für die Mehrheit der Sammlungsgegenstände

in einem ethnologischen Museum Relevanz besitzen.

So wird etwa Kunsthochschulen keine Bedeutung

zugewiesen, und auch der Name der Künstler*innen bzw.

Hersteller*innen ist in den wenigsten Fällen bekannt und

hat erst in rezenter Zeit größere Bedeutung erlangt, um

nur auf die wichtigsten Unterschiede hinzuweisen.

Gendering betrachte ich als überaus wichtig, um geschlechtsspezifische

Machtverhältnisse zu hinterfragen,

neu zu verhandeln und ihrer aktuellen Bedeutung entsprechend

angemessen zu positionieren. Bezieht sich eine

Aussage nur auf Personen eines Geschlechts, sind diese

in der jeweiligen geschlechtsspezifischen Form benannt.

Wenn Personen beiderlei Geschlechts von Bedeutung waren,

wurden die Begriffe mit Gendersternchen versehen

oder geschlechtsneutrale Bezeichnungen verwendet, und

zwar im Interesse des Leseflusses beispielsweise »Abteilungsleitende«

oder »Museumsleitende«.

Diese Arbeit ist als work in progress zu begreifen und

zeigt den aktuellen Stand meiner Forschungen. Sie wurde

im Mai 2018 als Inaugural-Disseration von der Universität

Bayreuth angenommen. Der Stand der dargestellten

Forschungen ist somit eine Momentaufnahme und nur

ein vorläufiger Endpunkt beim Making-of der Karrieren

von Objekten im Münchner Museum durch Akteur*innen

in diesem Museum und durch mit dieser Institution

verknüpften unterschiedlichen Communities of Practice.

Denn die Karrieren der Objekte mit ihren Umarbeitungen,

Umdeutungen und Umwertungen nehmen weiterhin

mehr oder weniger spektakulär, doch unaufhaltsam ihren

Lauf.

14 I. Einleitung


3. METHODISCHE ÜBERLEGUNGEN

Methodisch hat die Arbeit einen multi-perspektivischen

Ansatz. Sie basiert auf einer »dichten Teilnahme« (Spittler

2001) im Rahmen der Feldforschung im Münchner ethnologischen

Museum als meinem Hauptforschungsfeld

sowie im Kunstmarkt. Als entscheidend bei der dichten

Teilnahme betont Spittler Beobachten und Fragen, Interviews

und natürliche Gespräche, systematische teilnehmende

Beobachtung und offenes Sehen sowie die Verwendung

aller Sinne (Spittler 2014: 213, Hervorhebung KG). 5

Auch in meiner Feldforschung erwiesen sich beispielsweise

natürliche Gespräche als manchmal ebenso wichtig für

den Erkenntnisgewinn wie Interviews. Das »In-die-Lehre-gehen«

(vgl. Lave/Wenger 1991) hatte bereits vor meiner

Feldforschung weitaus früher begonnen, vor allem mit

dem Erlernen von Skilled Visions im Rahmen für und von

Führungen, der Teilhabe an Vorbereitungen von Ausstellungen

Afrikanischer Kunst, der Bearbeitung einer großen

Privatsammlung Afrikanischer Kunst, dem Besichtigen

zahlreicher Sammlungen öffentlicher und privater Hand

sowie relevanter Ausstellungen im Globalen Norden und

Süden. Gespräche mit Kurator*innen, Kunstsammler*innen

und -händler*innen seit Mitte der 1990er-Jahre vertieften

mein Wissen und meine Kenntnisse. Zudem umfasste

meine Feldforschung im Münchner ethnologischen

Museum mehrere Jahre, von Juli 2010 bis Dezember 2016.

Vereinzelt erfolgten spätere Nachfragen.

Im Rahmen der dichten Teilnahme wurden Interviews

mit Expert*innen sowie mit anderen relevanten

Akteur*innen zum Making-of der Karrieren einzelner

Objekte oder zu generellen Themen geführt. Ergänzend

erfolgten kürzere Gespräche zu gezielten Themen oder

Aspekten, aber auch schriftliche Nachfragen per E-Mail.

Die Interviews wurden zumeist persönlich geführt; in Einzelfällen,

wie bei dem in New York lebenden Afrika-Experten,

auch telefonisch. Die aktuellen Akteur*innen im

Museum wurden zu Aspekten befragt, die ihre Amtszeit

betreffen, ebenso frühere Mitarbeiter*innen. Hierbei war

vor allem die vorherige Afrika-Abteilungsleiterin Maria

Kecskési meine wichtigste Informantin, die mir aufgrund

ihrer persönlichen Teilhabe, ihres kundigen Blicks und ihrer

kundigen Praktiken sowie ihrer Erinnerung wichtige

Aspekte beim Making-of der Karrieren von Objekten zu

erhellen verhalf.

Der zweite wichtige Ansatz waren Forschungen in Archiven.

Sie waren grundlegend für die Rekonstruktion der

Karrieren von Objekten in weiter zurückliegenden Jahrzehnten

und dadurch zur Erhellung der diachronen Perspektive.

Hierbei erwiesen sich das Münchner ethnologische

Museum wie auch das Bayerische Hauptstaatsarchiv

als entscheidend. Die Arbeit mit diesen historischen Dokumenten

kann überaus zeitfressend und wenig gewinnbringend

sein, wenn, wie häufig und auch im Münchner

ethnologischen Museum, die archivalischen Quellen

noch kaum erschlossen waren. Doch kann sie auch durchaus

unbekannte Schätze ans Licht bringen. Daher können

immer weitere neue Erkenntnisse gewonnen werden, die

neue Umdeutungen mit sich ziehen können.

Als wichtige Anregung meiner Forschung diente auch

der von Ann Laura Stoler in ihrem Buch Along the Archival

Grain (2010) entworfene Ansatz, der von mir vom

Archiv auf das Museum übertragen wurde. Stoler erklärte

das Archiv zum Gegenstand ihrer Untersuchung und

nahm die Verwerfungen, Auslassungen, Widersprüche,

den Bedeutungswandel sowie die Genealogie sozialer

Etymologien in den Fokus. Sie las die Quellen eines Archivs

nicht mehr nur zwischen den Zeilen und gegen den

Strich, sondern hielt inne, legte den Strich fein säuberlich

frei und las mit ihm die Quellen. In Anlehnung an diesen

Ansatz stehen im Mittelpunkt der Untersuchung im Sinne

von Stolers »minor history« nicht nur diejenigen Museumsobjekte,

die bei der Präsentation und Repräsentation

von Afrika, seiner Kunst und seinen Menschen seit Jahrzehnten

als Kanon anerkannt sind. Vielmehr werden auch

Objekte im Magazin oder solche, die das Museum wieder

verlassen haben, fokussiert.

Forschungen zum und über das Museum rückten in

den letzten Jahrzehnten wieder stärker in den Fokus der

Aufmerksamkeit der Wissenschaft, so auch der Ethnologie.

Dies führte zu einer Vielzahl von Publikationen mit

unterschiedlichsten Schwerpunkten, von grundsätzlichen

5 Ein pointiertes Gegenbeispiel zeigt die Filmkomödie Kitchen

Stories (2003) des norwegischen Regisseurs Bent Hamer.

3. Methodische Überlegungen

15


Studien zu Museen (vgl. z. B. Pearce [1995 und 2001], Baur

[2010 und 2010a] oder te Heesen [2010] bis hin zu spezielleren

Fragestellungen meiner Arbeit [vgl. z. B. Paudrat

[1972], Ivanov [2001], Junge [2005] oder Malefakis

[2009]). Auch meine Arbeit soll einen Beitrag zu museumsethnologischen

Fragestellungen bieten, vor allem zu

den dort stattfindenden dynamischen Prozessen (siehe

unten).

Auch die Untersuchung von Objektbiografien ist seit

einigen Jahrzehnten stärker Gegenstand von Forschungen.

Sie mündete in zahlreiche Veröffentlichungen, die

sich auch mit Objektbiografien in Museen beschäftigen.

Als relevant für meine Arbeit erwiesen sich vor allem die

folgenden Publikationen: Krzysztof Pomian (1998 [1988])

stellte am Beispiel der Vasen der Medici-Sammlungen

dar, mit welchen Bedeutungen sie in ihrer Geschichte verknüpft

wurden. Christan Feest (1998) spürte dem Weg einer

Nootka Maske seit ihrem ersten dokumentierten Auftauchen

über Stationen im Museum und Kunstmarkt in

eine Privatsammlung sowie den damit einhergehenden

Transformationen ihrer Bedeutung nach. Den Bedeutungswandel

eines Kunstwerks durch Künstler, Museum

und Publikum zeigten Sam Bardaouil und Till Fellrath

(2014) anhand von Nofretete. Boris Wastiau (2000) übertrug

Arjun Appadurais Konzept des »sozialen Lebens der

Dinge« auf Afrikanische Kunst und speziell auf Meisterwerke

im Royal Museum for Central Africa in Tervuren.

Jody Joy (2002, 2009 und 2010) untersuchte die Biografien

von archäologischen Objekten. Francesca Bonazzoli

und Michele Robecchi (2014) zeigten am Beispiel zahlreicher

Meisterwerke Mechanismen auf, wie diese aus

der Masse an Kunstwerken herausgehoben und zu Ikonen

der Popkultur gemacht wurden. Die Arbeiten von

Markus Schindlbeck (2001) und Beatrix Hoffmann (2010

und 2012) widmeten sich dem Bedeutungswandel von

Museumsgegenständen zu Dubletten und ihrer Abgabe

im ethnologischen Museum Berlin. In derselben Institution

stellte Maria Gaida (2010) die Frage nach Echtheit

oder Fälschung, dargestellt am Beispiel eines Stuckkopfes

der Maya. Im Museum Fünf Kontinente verfolgte Jürgen

Frembgen (1998) die biografischen Stationen einer Reiterstatue

der Kalasha aus dem Hindukusch von der Herkunftsgemeinschaft

bis in das Museum in München. Auch

in einführenden Publikationen zur materiellen Kultur

sind Objektbiografien vertreten (z. B. Hahn 2005; Hennig

2014). Große Breitenwirkung erzielte diese Art der Untersuchung

und Darstellung von Objekten vor allem durch

MacGregors Werk Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten

(2011).

Ein Alleinstellungsmerkmal gewinnt vorliegende Arbeit

durch die detaillierte Untersuchung und Darstellung

von unterschiedlichen Objektbiografien in diachroner

Perspektive binnen mehrerer Jahrzehnte, mit dem Fokus

auf den unterschiedlichen Aneignungen innerhalb seines

zweiten Lebens in einem einzigen Museum. Ziel ist dabei,

das Spektrum, die Bandbreite von Karrieren darzustellen,

jenseits der in der Öffentlichkeit als einzige und zugleich

als Gegenpole wahrgenommen Stationen Ausstellung und

Museumsdepot. Hierbei war dem Making-of besondere

Aufmerksamkeit gewidmet, dem Blick hinter die Kulissen,

jenseits von Ausstellungen mit den Fotografien

der Räume oder den Begleitkatalogen. Im Rahmen einer

Feldforschung im Museum waren archivalische Unterlagen

sowie mündliche Informationen früherer und aktueller

Akteur*innen wichtige Quellen, um die Bedeutungsund

Wertzuweisungen durch entscheidende Mitglieder im

Museum wie auch in anderen Communities of Practice zu

erfahren.

16 I. Einleitung


II. AUSWAHL UND KONTUREN DES MÜNCHNER

ETHNOLOGISCHEN MUSEUMS

Den Begriff »ethnologisches Museum« verwende ich als

Bezeichnung für das Museum Fünf Kontinente in München

als meinem Hauptforschungsfeld, wenn ich mich

auf dieses Museum beziehe und der jeweilige, seit seiner

Gründung mehrmals geänderte Name keine Rolle spielt

und eher zu gedanklichen Verwirrungen und Ablenkungen

(ver)führt. Ebenso verwende ich den Begriff als generellen

Oberbegriff für eigenständige Museen mit ethnologischen

Sammlungen. 1

Zunächst zu den Rahmenbedingungen: Der zentrale

Ort meiner Feldforschung und Ausgangspunkt meiner

Forschungen war das ethnologische Museum in München.

Dort führte ich eine sechsjährige Feldforschung

durch. Entscheidend für die Auswahl dieses Museums

waren drei Kriterien. Erstens erweist es sich durch sein

Gründungsdatum (siehe unten) als das älteste seiner Art

im deutschsprachigen Raum. Zweitens sind dort sowohl

die Objekte als auch die Akten weitgehend ohne größere

Kriegsverluste vorhanden, was eine Untersuchung von

Karrieren auch in einer größeren zeitlichen Tiefe ermöglichte.

Und drittens war ich in diesem Museum bereits Teil

dieser Community of Practice und konnte daher durch

jahrzehntelange Teilhabe auf bereits erworbenes Wissen

zurückgreifen, das ein »eigenständiges und tieferes Graben«

ermöglichte.

Zur Geschichte des Münchner ethnologischen Museums

wurden bereits mehrere Publikationen veröffentlicht,

mit jeweils spezifischen Schwerpunkten. Die Zeit des ersten

Konservators Moritz Wagner fokussierte Michaela Appel

(Appel/Stelzig 2012) im Begleitbuch zu einer Sonderausstellung

zum 150-jährigen Jubiläum des Museums. Die

Jahre seiner Amtszeit als zweiter Museumskonservator

mit seinen Problemen und Herausforderungen schilderte

Max Buchner (1919) selbst in deutlichen und drastischen

Worten. Leben und Wirken des folgenden Museumsdirektors

Lucian Scherman untersuchte Uta Weigelt (2003) in

ihrer Dissertation. Die geschichtliche Tiefe der Institution

lotete Claudius Müller (1980) aus. Das ethnologische Museum

im Kontext der Institutionalisierung der Völkerkunde

in München stellte Wolfgang Smolka (1994) dar. Den

historischen Wandel museumsethnologischer Konzeptionen

untersuchte Sigrid Gareis (1990) anhand des Münchner

Museums. Die staatlichen Museen Münchens und daher

auch das ethnologische Museum untersuchte Michael

Kamp (2002 und 2005) als Ort der Politik im 19. Jahrhundert.

2

Zunächst zu den Umbennungen der als »Königlich

Ethnographische Sammlung« gegründeten Institution,

wie sie auch auf der Webseite des Museums aufgelistet

sind. 3

Königlich Ethnographische Sammlung: 1862–1912

Königlich Ethnographisches Museum: 1912–1917

Museum für Völkerkunde: 1917–1954

Staatliches Museum für Völkerkunde: 1954–2014

Museum Fünf Kontinente: seit 2014

1 Der jahrzehntelang für die meisten dieser deutschsprachigen

Institutionen wie auch generell für die Fachwissenschaft gängige

Begriff Völkerkunde wurde im 21. Jahrhundert vielfach nicht

nur als veraltet kritisiert, sondern vor allem aufgrund seiner kolonialen

und rassistischen Verknüpfungen abgelehnt. Dies fand

in der Umbenennung zahlreicher wissenschaftlicher Institute,

Museen und 2017 der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde

ihren Ausdruck. Die Bezeichnung »Ethnographisches Museum«

wird in dieser Arbeit nur als historischer Terminus verwendet,

der mit spezifischen, in der Anfangsphase dieser Institution vorherrschenden

Sammel-, Forschungs- und Ausstellungspraktiken

verbunden ist.

2 Zudem existieren Publikationen zu einzelnen wissenschaftlichen

Mitarbeiter*innen, deren Auflistung jedoch über den Fokus

dieser Arbeit hinausgeht.

II. Auswahl und Konturen des Münchner ETHNOLOGISCHEN Museums

17


Das Datum der Umbenennung in »Staatliches Museum

für Völkerkunde« auf der Webseite ist allerdings aufgrund

meiner Forschungen zu korrigieren. 4 Sie erfolgte nicht

1954 und somit nicht in der Nachkriegszeit. Die Ergänzung

als staatliche Institution erfolgte im Nationalsozialismus,

und zwar spätestens im Jahre 1940, wie einzelne

aufgefundene Archivmaterialien sowie Bücher in der Museumsbibliothek

verdeutlichen, die den Stempel des Museums

mit nationalsozialistischem Emblem und zugleich

der Bezeichnung des Museums als »Staatliches Museum

für Völkerkunde« tragen.

Zu den Direktor*innen: Auch die Bezeichnungen der

Positionen der Leiter*innen des ethnologischen Museum

wurden durch neue Namen umgedeutet. Die ersten beiden

hatten die Amtsbezeichnung »Konservator« inne. Erst

der dritte Leiter erhielt den Titel »Direktor«. Ihre Namen

und Eckdaten werden im Interesse der Überschaubarkeit

erneut als Übersicht dargestellt.

Moritz Wagner: 1862–1887 5

Max Buchner: 1887–1907

Lucian Scherman: 1907–1933 6

Heinrich Ubbelohde-Doering: 1933–1956

Andreas Lommel: 1957–1977

Walter Raunig: 1977–2001

Claudius Müller: 2001–2010

Christine Kron: 2011–2017 7

Uta Werlich: seit April 2018 8

Einen Leiter für die Abteilung Afrika gab es jahrzehntelang

nicht. Einige der Konservatoren oder als Wissenschaftler

angestellte Personen hatten jedoch Afrika als ihren

regionalen Schwerpunkt. Dies war zum einen von 1887

bis 1907 der Konservator Max Buchner. 9 Der erste Mitarbeiter

mit Afrika-Schwerpunkt war von 1925 bis 1932 Pater

Meinulf Küsters 10 . Sein Nachfolger war Max Feichtner

(bis 1939 am Museum). Anschließend war Andreas Lommel

zwar für Afrika und Ozeanien zuständig, doch war

Australien sein Forschungsschwerpunkt. Nachdem er 1957

zum Museumsdirektor ernannt worden war, fehlte über

10 Jahre ein wissenschaftlicher Spezialist für Afrika. Die

erste offizielle Leiterin der Afrika-Abteilung im Münchner

ethnologischen Museum war von 1970 bis Juli 2000 Maria

Kecskési (1935–2019). Ihr Nachfolger seit 2001 ist Stefan

Eisenhofer.

Da die Geschichte des Münchner ethnologischen Museums

selbst nicht im Fokus meiner Arbeit steht, werde

ich nur die relevanten Eckpunkte skizzieren. Die meisten

ethnologischen Museen wurden in den 1870er Jahren gegründet

und entstanden im Zuge der sich neu etablierenden

wissenschaftlichen Disziplin Völkerkunde. Auch in

München war die Gründung dieser Institution mit wissenschaftlichen

Veränderungen verknüpft, jedoch mit

deutlich anderem Schwerpunkt. Für verschiedene neu zu

gründende Museen wurden die bisherigen Sammlungen

des Hauses Wittelsbach, die »Vereinigten Sammlungen«,

neu geordnet und verteilt. Dem Bayerischen Nationalmuseum

wurden die europäischen Bestände zugewiesen,

dem »Königlich Ethnographischen Museum« vorwiegend

die außereuropäischen (Kamp 2002: 183). Diese umfassten

die so genannten »Transatlantischen Sammlungen«

von Forschungsreisen nach Brasilien, in die Südsee und

nach Russisch-Amerika. Eine weitere Kollektion stammte

aus China. Afrikanische Gegenstände waren nur einige

wenige vorhanden, und zwar innerhalb der vor allem

indische Gegenstände umfassenden Sammlung des Apo-

3 siehe http://www.museum-fuenf-kontinente.de/museum/geschichte-des-museums.html,

Zugriff am 16.5.2017.

4 Wer diese Datierung vorgenommen hat und auf welcher

Quellenlage, war nicht zweifelsfrei zu rekonstruieren.

5 Er setzte am 31.51887 seinem von Krankheit gezeichneten Leben

ein Ende (Buchner (1919: 20).

6 Scherman wurde am 1.10.1933 aufgrund seiner jüdischen

Herkunft zwangspensioniert (ausführlich zu diesem Museumsdirektor

siehe Weigelt 2003).

7 Bis 2014 Stelzig, 2017 verstorben; im Interesse der Lesbarkeit

und Verständlichkeit verwende ich in meiner Arbeit ihren letzten

Familiennamen Kron, den sie bei ihrer Heirat angenommen

hatte.

8 Die neue Direktorin war bei Abgabe der Dissertation noch

nicht bekannt, jedoch bei Abgabe der Publikationsversion. Daher

wurde ihr Name ergänzend aufgenommen.

9 Max Buchner hatte 1878–1882 eine Expedition ins Lunda-

Reich in Zentralafrika unternommen (Heintze 1999), von 1884

bis 1885 war er Interimsgouverneur in der neuen deutschen Kolonie

Kamerun (Buchner 1914).

10 Ausführlich hierzu Kecskési 1990.

18 II. Auswahl und Konturen des Münchner ETHNOLOGISCHEN Museums


thekers Lamare-Piquot (Eisenhofer/Guggeis 2007: 54).

Die außereuropäischen Sammlungen waren bis dahin in

unterschiedlichen Gebäuden und Institutionen ausgestellt

und mussten zusammengeführt werden. 1862 wurde der

naturwissenschaftliche Forschungsreisende, Journalist

und Reiseschriftsteller Moritz Wagner zum ersten Konservator

der Königlich Ethnographischen Sammlung ernannt

(Kamp 2002: 182–186). Im Jahre 1868 wurden die im Nordflügel

des Galerie-Gebäudes in den Hofgartenarkaden zusammengeführten

Sammlungen der Öffentlichkeit präsentiert

(Scherman 1922: 3).

Das neue ethnographische Museum beinhaltete somit

als Grundstock Sammlungen des Hauses Wittelsbach insbesondere

aus außereuropäischen Regionen. Seine Aufgaben

erinnern stark an den Vorschlag zur Gründung eines

ethnographischen Museums, den bereits 1835 Philipp

Franz von Siebold König Ludwig I. unterbreitet hatte: die

Förderung des Handels, des Kunstgewerbes und der Wissenschaft

(vgl. Kamp 2002: 192 und Gareis 1990: 157–161).

Nach seiner Gründung herrschte jedoch ein Desinteresse

von staatlicher Seite an diesem Museum. Dies

verdeutlicht seine kärgliche finanzielle, personelle und

räumliche Ausstattung. Während der Jahresetat für die

Münchner Kunstmuseen 100.000 Mark umfasste, war er

für die Königlich Ethnographische Sammlung mit knapp

3.000 Mark äußerst bescheiden bemessen. 11 Ähnlich dürftig

war die personelle Ausstattung dieser Institution. 1907

hatten insgesamt drei Angestellte 24.131 Inventarnummern

zu betreuen, während im Berliner Museum für

Völkerkunde für 297.550 Inventarnummern 85 Mitarbeiter

zur Verfügung standen. 12 Auch die räumliche Ausstattung

war derart unzureichend, dass Wagners Nachfolger

Max Buchner (1919: 5) es als »Schandgebäude« bezeichnete.

Die Räume waren feucht, kalt und ohne Heizung,

die Fenster undicht. »Mehr als einmal lagen während des

ersten Winters Schneehäufchen neben Museumsschätzen

in den scheinbar verschlossenen Schränken«, beklagte er

(ebd.: 20). Bezeichnenderweise bestand seine letzte Amtshandlung

darin, aus Sparrücklagen modernste Museumsschränke

anzuschaffen (ebd.), die eine vertikale Aufstellung

der Objekte statt der bisherigen Präsentation in

Schautischen ermöglichten. Die Mehrheit der Exponate

litt unter extremem Raummangel. Ausreichend Platz war

vor allem der japanischen Sammlung Siebolds und weiterhin

den Kollektionen aus China und Indien gewidmet

(Buchner 1919: 23). Umstellungen waren den beiden ersten

Konservatoren kaum erlaubt (ebd.).

Buchners Nachfolger Lucian Scherman konnte nach

jahrelangen Bemühungen im Jahre 1925 den Umzug in das

heutige Gebäude in der Maximilianstraße erwirken, den

ursprünglichen Standort des Bayerischen Nationalmuseums,

das hier 1867 eröffnet worden war. Es erfüllte moderne

Anforderungen wie etwa eine Heizung. Vor allem

jedoch bot dieses Haus weitaus mehr Platz für die Sammlungen

sowohl in den Ausstellungen wie in den Depots.

Der Indologe Scherman verlagerte den Schwerpunkt der

Ausstellung von der Präsentation der Kollektionen einzelner

Sammler*innen auf Kunst und Kontext, also auf die

ästhetischen Qualitäten der Exponate wie auch deren Objektbezeichnung

und geografische Herkunft. Damit folgte

er neben persönlichen Interessen auch dem Geschmack

der lokalen Bevölkerung und vor allem der Eliten der

»Kunststadt München« (vgl. Nutz 2003: 138, ausführlicher

hierzu Kap. IV. 2.7.3). Durch diese Neupositionierung hatte

das Münchner Museum eine Sonderstellung gegenüber

anderen ethnologischen Museen. Dieser Schwerpunkt

hatte Auswirkungen auf die Erwerbs- und vor allem Ausstellungspraktiken

(ausführlicher hierzu bei den einzelnen

Fallbeispielen). So bestimmte der Fokus »Kunst« das Thema

sowie die Auswahl und Anordnung der Exponate bis

zur letzten, 1999 eröffneten Afrika-Dauerausstellung.

Ein weiteres wichtiges Merkmal des Münchner ethnologischen

Museums ist, dass es kaum Kriegsverluste in seinem

Bestand zu verzeichnen hat. Anfang der 1940er Jahre

wurden nach ersten Luftangriffen auf die »Hauptstadt

der Bewegung« die Sammlungsgegenstände präventiv

außerhalb Münchens eingelagert. Ihr Rücktransport aus

den unterschiedlichen Orten erfolgte sukzessiv. Das Auspacken

der Objekte aus den Kisten zog sich aufgrund der

11 Verhandlungen des Bayerischen Landtags 1907, S. 602; zit. n.

Nutz 2003: 136.

12 BayHStA, MK 19454, Buchner an Generalkonservator K. Th.

von Heigel vom 15.3.1907, zit. n. Nutz 2003: 136.

II. Auswahl und Konturen des Münchner ETHNOLOGISCHEN Museums

19


geringen personellen Ausstattung des Museums bis zum

Ende der 1960er Jahre hin. 13

Die Personalsituation im Münchner ethnologischen

Museum insbesondere hinsichtlich der wissenschaftlichen

Mitarbeiter*innen ist bis heute äußerst dürftig. So besteht

die Abteilung Afrika einzig und allein aus ihrem Leiter.

Nur überaus selten und temporär sehr begrenzt wurden

externe Wissenschaftler*innen beschäftigt oder Stellen

intern umgewidmet, um bei der Bearbeitung eines Konvoluts

oder zur Vorbereitung von Ausstellungen eine Unterstützung

zu bieten.

Das Museumsgebäude war zu Ende des Zweiten Weltkrieges

von starken Bombenschäden gezeichnet und wurde

erst in den 1950er Jahren wieder hergestellt. 14 Daher

fanden die ersten Ausstellungen von Museumsbeständen

in Ausweichquartieren statt, wie 1953 im Amerika-Haus zu

Afrikanischer Kunst (Lommel 1953, Klappentext).

Bereits 1984 war die Totalsanierung des Museums geplant

und daher wurde auch die Afrika-Dauerausstellung

abgebaut. Der Beginn der Renovierungsarbeiten verzögerte

sich allerdings stark und begann erst 1992. Nach ihrem

Abschluss wurde im Jahr 1998 die erste Dauerausstellung

neu eröffnet, und zwar zu den Beständen aus Südamerika,

1999 dann die neue permanente Schau zu Kunst aus Afrika.

15

13 Mündliche Mitteilung Maria Kecskési am 6.10.2017. Auch sie

selbst war noch mit dem Auspacken von Sammlungsgegenständen

aus Afrika beauftragt.

14 Mündliche Mitteilung Maria Kecskési am 6.10.2017.

15 Mündliche Mitteilung Maria Kecskési am 6.6.2015. Von den

baulichen Maßnahmen hatte Kecskési als jahrelange Stellvertreterin

von Direktor Raunig genauere Kenntnis.

20 II. Auswahl und Konturen des Münchner ETHNOLOGISCHEN Museums



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