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Wasser im Jugendstil

ISBN 978-3-422-98845-3

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Wasser im Jugendstil

HEILSBRINGER UND TODESSCHLUND

Herausgegeben

von

Peter Forster

für das

Museum Wiesbaden


Inhalt

FRANK THIELMANN Die Brunnen als Herz des Sprudelhofes

DIE PLANERISCHE UND BAULICHE ENTWICKLUNG DER SPRUDEL-

UMBAUUNGEN 108

CHRISTINA USLULAR-THIELE »Und immer wieder das Wasser«

BAD NAUHEIM ALS MUSTERBEISPIEL HESSISCHEN JUGENDSTILS 118

LEA SCHÄFER Von der Natur inspiriert WASSER IN MUSIK

UND BILD IN DER ZEIT DES JUGENDSTILS 130

VÉRONIQUE DUMAS Vom Mythos zum Symbol

DAS THEMA WASSER IM SCHAFFEN VON ALPHONSE OSBERT

ANDREAS HENNING, PETER FORSTER Wasser im Jugendstil

Heilsbringer und Todesschlund EINE EINFÜHRUNG 8

MARTIN HOERNES Geleitwort 15

PETER FORSTER Wasser als Reformer ZU KÜNSTLERISCHEN

ASPEKTEN DER WASSERDARSTELLUNG INNERHALB DER LEBENSREFORM 16

INGEBORG BECKER Die Spur des Wassers WASSER IN DER KUNST

UM 1900 34

THOMAS MOSER Das Aquarium als Paradigma ÉMILE GALLÉ

IM SOG MEERESBIOLOGISCHER EMPIRIE 44

THOMAS MOSER Achtarmiger Liebhaber oder fesselnde

Femme fatale? ZUR AMBIGEN GESCHLECHTLICHKEIT DES KRAKEN

IN KUNST UND LITERATUR DER BELLE ÉPOQUE 58

ADRIAN RENNER Kräfteflüsse LITERARISCHE WASSERMOTIVE

ZWISCHEN SYMBOLISMUS UND JUGENDSTIL 72

NIKOLAS WERNER JACOBS Uralte Heilkraft – Ewigjunge

Schönheit DAS WASSER, DER JUGENDSTIL UND DIE WELTKURSTADT:

ZU EINEM AMBIVALENTEN VERHÄLTNIS IM WIESBADEN DES FRÜHEN

20. JAHRHUNDERTS 80

NIKOLAS WERNER JACOBS Friedrich Zitzmann WIESBADENS

»HIDDEN CHAMPION« DER GLASKUNST 96

AM BEISPIEL DER THERMALEINRICHTUNG ERSTER KLASSE

IN VICHY (1903–1904) 146

PETER FORSTER Wasser MYTHOS ZWISCHEN HEILSBRINGER

UND TODESSCHLUND 154

FRITZ GELLER-GRIMM Ernst Haeckels Beitrag zur Kenntnis

der Ozeane 176

BARBARA GROTKAMP-SCHEPERS Bestecke 186

CHRISTINA USLULAR-THIELE Bad Nauheim DER SPRUDELHOF 204

NIKOLAS WERNER JACOBS Arnold Henslers Wasserschöpferin

und Georg Kolbes Badende FÜR DIE REISINGER-ANLAGE

IN WIESBADEN 210

JANA DENNHARD Im Rausch der Farbe HANS CHRISTIANSENS

GLÄSERNE TRAUMWELTEN DER SEE 216

JANA DENNHARD Dialog und Konfrontation DIE OPHELIA-

DARSTELLUNGEN FRITZ ERLERS UND PAUL QUINSACS 222

JANA DENNHARD Wasserdarstellungen in der Textilkunst

des Jugendstils 226

EDWIN BECKER Georges de Feure 228

EDWIN BECKER Wilhelm List 230

HUBERTUS KOHLE Wasserfreuden für das Volk DAS MÜLLER’SCHE

VOLKSBAD IN MÜNCHEN UND DIE VOLKSBADBEWEGUNG 102

JANA DENNHARD Abenteuer zur See DIE GESCHEITERTE

SPITZBERGENEXPEDITION 232


BERND SCHÄFER Wasser, Wogen, Wellenbänder

FARBHOLZSCHNITTE DES JUGENDSTILS 234

JANA DENNHARD Peter Behrens’ Spiel mit der Linie 246

NICO KIRCHBERGER Carl Strathmanns »fabelhafte Kunst« 250

JANA DENNHARD Von Angesicht zu Angesicht ERNST STÖHR

UND DAS WEIB 254

KRISTINA LEMKE »Wiesbaden im Sommer

der kühlende Born« WERBEFOTOGRAFIEN ZUM THEMA

BADEN VON PAUL WOLFF 258

DÖRTE FOLKERS Taufgeräte von Ernst Riegel 262

WOLFGANG GLÜBER Jugendstilschmuck 264

THOMAS RABENAU Fliesen zum Thema Wasser 272

JANA DENNHARD Leben unter Wasser DIE AQUARIENMALEREI

GERRIT WILLEM DIJSSELHOFS 292

CHRISTIAN LECHELT Max Esser 296

CHRISTIAN LECHELT Kai Nielsen 298

THOMAS MOSER Louis Chalon 300

THOMAS MOSER Rudolf Bosselt 302

NIKOLAS WERNER JACOBS Drei prächtige Einzelstücke

aus dem Kaiser-Friedrich-Bad 304

MARKUS BERTSCH Max Klinger 308

JOACHIM KERN Badende 312

ELENA TARAZI Das Wassermotiv in der Plakatkunst

des Jugendstils 314

THERESA NISTERS Skandinavische Porzellangefäße 318

SIMON HÄUSER Zwei Zierschalen der Königlichen

Porzellan-Manufaktur Meissen 328

SIMON HÄUSER Frösche, Lurche, Fische WASSERLEBEWESEN

IM WERK VON THEO SCHMUZ-BAUDISS 332

THERESA NISTERS Keramik aus Böhmen und Ungarn 336

SIMON HÄUSER Der Karpfen als Motiv im

Art Nouveau 344

THERESA NISTERS Vasen der Glasmanufaktur

Johann Lötz Witwe 352

THERESA NISTERS Innovation und Retrospektive

KÜNSTLERISCHE FAYENCE UND STEINZEUG AUS FRANKREICH 360

SIMON HÄUSER Mystische Wasserdarstellungen und

technische Innovationen DER KÖNIGLICHEN

PORZELLAN-MANUFAKTUR BERLIN 368

SIMON HÄUSER Die geschwungene Linie

MÜNCHNER JUGENDSTIL VON HERMANN GRADL D. Ä.

UND FRIEDRICH ADLER 372

THERESA NISTERS Alexandre-Louis Marie Charpentier 376

THERESA NISTERS Émile Gallé 380

THERESA NISTERS Clément Massiers Lüsterkeramik

des Art Nouveau 384

SIMON HÄUSER Fischplastiken der Königlichen

Porzellanmanufaktur Kopenhagen 386

SIMON HÄUSER Sophie Burger-Hartmann und

Ludwig Habich FÜR DIE VEREINIGTEN WERKSTÄTTEN FÜR

KUNST IM HANDWERK 390

THERESA NISTERS François-Emile Décorchemont 392

SIMON HÄUSER Die poetische Belebung des Wassers

IN PLASTIKEN DER KÖNIGLICHEN PORZELLANMANUFAKTUR

KOPENHAGEN 394

Impressum 398

Bild- und Fotonachweis 400




Wasser im Jugendstil – Heilsbringer und Todesschlund

EINE EINFÜHRUNG

Charles Baudelaire

Der Mensch und das Meer

Freier mensch! Das meer ist dir teuer allzeit ·

Es ist dein Spiegel · das meer · du kannst dich beschauen

In seiner wellen unendlichem rollendem grauen ·

In deinem geist ist ein abgrund nicht minder weit.

Gerne versenkest du dich tief in dein bild ·

Ziehst es an dich mit auge und hand – deine sinne

Halten manchmal im eigenen tosen inne

Bei dem geräusch dieser klage unzähmbar und wild.

Beide lebt ihr in finstrer und heimlicher flucht.

Mensch noch sind unerforscht deine innersten gründe!

Meer noch sind unentdeckt deine kostbarsten schlünde!

Euer geheimnis bewahrt ihr mit eifersucht.

Und seit unzähligen jahren rollet ihr weiter

Ohne mitleid ohne reuegefühl ·

So sehr liebet ihr das blut und totengewühl –

Unversöhnliche brüder! Ewige streiter!

Charles Baudelaire, Die Blumen des Bösen

Umdichtungen von Stefan George, Berlin 1930

Die Leitmotive des Symbolisten Carlos Schwabe (Abb. 1)

entstammen einer literarisch-vergeistigten, mystisch-religiösen

Welt und weisen Schnittstellen zu Märchen und antiker

Mythologie auf. Damit gibt er eine Richtung innerhalb der

hochkomplexen Auseinandersetzung mit dem Thema Wasser

im Jugendstil und Art Nouveau vor. Neben seinen malerischen

Erzeugnissen entwarf Schwabe auch Plakate und

revolutionierte die Kunstillustration durch sehr persönliche

Interpretationen, beispielsweise zu Émile Zolas 1888 erschienenem

Roman Le rêve (Der Traum) und zu Charles Baudelaires

Gedichtband Les Fleurs du Mal (Die Blumen des Bösen), den er 1900

prachtvoll in virtuos-präziser Aquarelltechnik gestaltete. In

der darin enthaltenen Sektion »Spleen et Idéal« (»Trübsinn

und Vergeistigung«) illustrierte er auch das Gedicht L’Homme

et la mer (»Der Mensch und das Meer«), das Stefan George

kongenial ins Deutsche übertragen hat. 1907 wählte Schwabe

dieses Thema ein weiteres Mal und stellte das Begriffspaar

Melancholie und Ideal als existenziellen Überlebenskampf

zwischen einem Engel und einem Seeungeheuer inmitten

einer schäumenden Welle dar. Die dramatische Szene zeigt

den ewigen Kampf des Geistes gegen den Körper, der für die

Symbolisten von zentraler Bedeutung war.

Der Jugendstil war eine revolutionäre Kunstrichtung. Sie forderte

eine genuin moderne, ihrer eigenen Zeit angemessene

Kunst und kehrte damit der über Jahrhunderte beständigen

8


1 Carlos Schwabe

Melancholie und Ideal

vor 1907 Aquarell auf Papier

27,5 × 19,5 cm

Museum Wiesbaden

Sammlung

Ferdinand Wolfgang Neess


Wasser im Jugendstil – Heilsbringer und Todesschlund

2 Wilhelm Jost (ungesichert) Ausführung: Glasmalerei Rast & Co., Darmstadt Schmuckfenster mit Venus und Pan, Badehaus 4, Sprudelhof Bad Nauheim

um 1907/08 Glas, Blei Stiftung Sprudelhof Bad Nauheim

Praxis den Rücken, Kunst stets an vorangegangenen Stilen

und Strömungen auszurichten. Ihr Anspruch erschöpfte sich

jedoch nicht im Künstlerischen: Mit den Mitteln der Kunst

suchte (und fand) der Jugendstil Antworten für eine utopische,

ästhetisch bestimmte Gesellschaftsform. Geboren aus

der Dynamik der Natur und der Kraft der Jugend, verkörperte

die Kunst in den Jahren um 1900 aber auch die Schattenseiten

des Daseins; der Symbolismus stand für eine abgründige

Ästhetik des Verfalls, des Mythischen und Rätselhaften. Ziel

war es, ein Gesamtkunstwerk zu schaffen, das die Grenzen

zwischen Leben und Kunst letztendlich aufheben sollte.

Das Element Wasser spielte im Jugendstil eine zentrale

Rolle, ein komplexes und faszinierendes Motiv mit vielen

unterschiedlichen symbolisch aufgeladenen Facetten: Japonismus,

naturwissenschaftliche Erforschung, Heilsvorstellungen,

Evolutionstheorie und Zivilisationsflucht wurden

symbiotisch miteinander verknüpft.

Die Ausstellung im Museum Wiesbaden beleuchtet das

Thema im Jugendstil von zwei Seiten: Wasser als heilende

Kraft innerhalb der Lebensreform-Bewegung einerseits, die

gefährliche und geheimnisvolle Seite des feuchten Elements

und seiner Bewohnerinnen und Bewohner andererseits. Diese

zweigleisige Ausrichtung ermöglicht es, anhand herausragender

Objekte des Jugendstils und des Art Nouveau sowohl

die Umsetzung des Themas innerhalb der Lebensreform

mit all ihren ideologischen, auch radikal-völkischen Nachwirkungen

zu zeigen – wie beispielsweise dem Maler und

Illustrator Fidus – als auch deutlich zu machen, in welchen

Formen Wasser als Imaginationsraum begriffen wurde.

Neben Wiesbaden als Weltkurstadt um 1900 behandeln Ausstellung

und Katalog weitere bedeutende Bade- und Kuranlagen

in Bad Nauheim, München und Vichy. Die größte

Jugendstilbadeanlage in Europa wurde 1905 bis 1912 unter

der Leitung des Architekten Wilhelm Jost in Bad Nauheim

10


erbaut: Als Ursprung allen Lebens ist Wasser in der einmaligen

Jugendstilkuranlage Sprudelhof ein zentrales Element,

zwischen Kunst und Gesundheit angesiedelt. So boten die Bad

Nauheimer Heilquellen zu Beginn des 20. Jahrhunderts zahlreichen

Jugendstilkünstlern wie dem Maler Friedrich Wilhelm

Kleukens, dem Bildhauer Heinrich Jobst oder auch dem Keramiker

Jakob Julius Scharvogel eine Möglichkeit, ihre Arbeiten

in einer Art Gesamtkunstwerk gemeinsam zu präsentieren.

Die Kurgäste wurden von Fabelwesen aus der Wasserwelt

der griechischen Mythologie in Empfang genommen, aber

auch von Seesternen, Krebsen oder Pelikanen begrüßt; sie

konnten in eine ganz dem Element Wasser entsprechende

Welt abtauchen und den Alltag vergessen (Abb. 2).

In der Belle Époque floss nicht nur Alkohol wie Absinth

und Champagner in Strömen, sondern auch das Wasser.

Kreative aller Richtungen ließen sich von dem wundersamen

Element inspirieren, das so widersprüchlich und

vielseitig schien wie die Kunst der Jahrhundertwende

selbst. In einem Moment konnte es transparent und farblos

wirken, nur um dem Blick in der nächsten Minute als

finstere Tiefe oder reflektierender Spiegel einen undurchdringlichen

Widerstand zu bieten. Geradezu überwältigend

wirken die Gegensätze, die das Wasser in sich vereint, in

den Ozeanen: Sie verbinden die Kontinente und trennen

sie gleichermaßen voneinander. Obwohl oder vielleicht

gerade weil es so furchteinflößend wirkt, ist das Meer nicht

erst seit der Romantik zu einem emotional aufgeladenen

Sehnsuchtsort avanciert; und trotz seiner schier unvorstellbaren

Größe vermittelt es den Badenden ein wohliges Gefühl

von Schwerelosigkeit. Vor allem aber ist es die Wiege

allen irdischen Lebens – und dennoch in weiten Teilen ein

lichtloser, lebensfeindlicher Ort.

Magisch wurden die Symbolisten von der düsteren Abgründigkeit

angezogen, in ihren oft traumbesetzten Bildern

und Gedichten bespiegelten sie sich selbst, ihr verborgenes

Unterbewusstes und die fragile menschliche Existenz wie in

einer Wasseroberfläche. Die lebensbejahenden Jugendstilkünstler

waren hingegen davon überzeugt, dass eine in der

Natur begründete Kunst, die das Alltagsleben durchdringen

sollte, ihre Vitalität aus dem Wasser schöpfen müsse, aus

3 Reisinger-Anlage in Wiesbaden mit Blick auf die Brunnenskulptur Arnold Henslers

undatiert Postkarte Privatsammlung Wiesbaden

dem schließlich auch alles biologische Leben evolutionär

hervorgegangen war. Organische Wellenformen, Motive

mariner wie submariner Flora und Fauna fluteten die Interieurs

und versetzten sie an Teiche, Seeufer oder unter

die Wasseroberfläche. Als Gast wähnte man sich in einem

exklusiven Aquarium, das noch spektakulärer anmutete als

die zeitgleich gefeierten öffentlichen Schauaquarien in den

namhaften Kulturhauptstädten Europas.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist ein Wechsel in der kulturellen

Bedeutung des Wassers für die Stadt Wiesbaden

zu beobachten. Zwar waren die heißen Quellen bereits in

den Jahrhunderten zuvor von zentraler Wichtigkeit und

begründeten den Aufstieg der Stadt zum internationalen

Kurbad, doch spielte das Wasser als Element paradoxerweise

eine eher untergeordnete Rolle. Das nassauische und

frühe preußische Wiesbaden war ein Ort der Gesellschaftskur:

Ereignisse, die der Zerstreuung des Publikums dienten,

waren demnach von größerer Bedeutung für Wiesbaden

als die eigentliche Bade- und Trinkkur. Das änderte sich im

20. Jahrhundert. Das Wasser und seine insbesondere Heilkräfte

wurden zunehmend als Werbemittel für die Stadt eingesetzt.

Diese Entwicklung ist vor allem einem allgemeinen

kulturellen Wandel zuzuschreiben.

Die Lebensreform- und Jugendbewegung etwa besann sich

auf das Wasser als Naturelement. In ihrem Umfeld kann

zudem eine pseudohistorische Verklärung der Natur als

Ursprung der deutsch-germanischen Nation konstatiert

werden. Es ist daher kein Zufall, dass Kreative wie Fritz


Wasser im Jugendstil – Heilsbringer und Todesschlund

4 Charles-Amable Lenoir Der Tod der Sappho vor 1896 Öl auf Leinwand

210 × 115 cm (Bild) Museum Wiesbaden, Dauerleihgabe Sammlung Ferdinand

Wolfgang Neess

Erler, Ernst Wolff-Malm und Ludwig Hohlwein, die zu jener

Zeit in Wiesbaden tätig waren, ab den 1930er-Jahren der

nationalsozialistischen Kunstnorm folgten beziehungsweise

diese mitprägten. Die künstlerische Beschwörung der Natur

und des Wassers ist somit ambivalent zu sehen. Zunächst

handelte es sich um eine progressive Bewegung, die ab

1933 für das neue Regime in Teilen nicht mehr akzeptabel

war, partiell sich aber durchaus als anschlussfähig erwies.

In Wiesbaden lassen sich diese vielfältigen, zum Teil widerläufigen

Strömungen gut nachvollziehen. Beginnend mit

dem Kurhaus 1907 über den Bau des Kaiser-Friedrich-Bads

1913, die Planungen für die Reisinger- und Herbert-Anlagen

bis hin zum Opelbad 1934 finden sich Bauprojekte, an

denen lokale und überregionale Künstler gleichermaßen

mitwirkten und die allesamt Beispiele für den Umgang mit

dem Thema Wasser bieten. Arnold Henslers Quellnymphe

in den Reisinger- und Herbert-Anlagen (Abb. 3), die, umgeben

von Wasserfontänen, den ankommenden Besucher

der Stadt am Bahnhof empfängt, ist ein Beispiel für die sachlich-moderne

Interpretation des Quellenmythos. Ludwig

Hohlweins androgyner »Quellgeist« auf seinem zweiten

Frühling in Wiesbaden-Plakat thematisiert das Thema hingegen

mystischer. Die dem Neuen Sehen verpflichteten Leica-

Fotos von Paul Wolff, mit denen die Stadt unter anderem für

das Opelbad warb, sollten sich in ihrer Ästhetik stilprägend

für den Nationalsozialismus erweisen. Fred Overbecks Entwürfe

für das Stadtlogo und den Stadtslogan »Uralte Heilkraft

– Ewigjunge Schönheit« fassen schließlich beispielhaft

die Ambivalenz und Bedeutung des Wassermythos für die

Moderne in Wiesbaden zusammen: Diese Propagierung

von ewiger Gesundheit und Schönheit durch Wasser war

im Kontext des nationalsozialistischen Körperkults ebenso

anschlussfähig wie in der unmittelbaren Nachkriegszeit.

Gerade in den jetzigen, für den kulturellen Bereich so herausfordernden

Zeiten bedarf es Partner und Förderer wie

des Kulturfonds Frankfurt RheinMain, der es mit seiner Geschäftsführerin

Karin Wolff überhaupt erst möglich macht,

Projekte in dieser Größenordnung anzudenken und umzusetzen.

Dafür unser großer Dank. Ebenso gilt unser Dank

dem Wiesbadener Oberbürgermeister Gerd-Uwe Mende

für die Unterstützung durch die Stadt, die als ehemalige

Weltkurstadt mit dem Thema Wasser immer verbunden sein

wird. Daher steuert das Museum Wiesbaden zum Wasser-

Jahr der Stadt zwei Ausstellungen bei. Unser Haus bespielt

mit seinen zwei Sparten Kunst und Natur das Thema aus

ihren jeweiligen Perspektiven und betont wichtige Gemeinsamkeiten.

Dem Leiter der Naturhistorischen Sammlungen,

Fritz Geller-Grimm, sei für seinen Beitrag im Katalog ebenso

gedankt wie dem Kurator Hannes Lerp für seine Unterstüt-

12


5 Henri Bergé Ausführung: Daum Frères

Algen und Fische 1898 Glas, Silber H. 26,5 cm

Museum Wiesbaden, Sammlung Ferdinand Wolfgang Neess

6 Ludwig Tischler Ausführung: Königlich-Bayerische Porzellan-Manufaktur

Nymphenburg Nixenvase um 1899 weißglasiertes Porzellan H. 24,5 cm

Hessisches Landesmuseum Darmstadt

zung. Innerhalb der Kunstsammlung wurde der Fokus der

Wasserausstellung auf die neue Abteilung Jugendstil und

Art Nouveau gelegt, die sich dank der Schenkung Neess

seit 2019 im Museum befindet. Dabei reicht das motivische

Spektrum von Charles-Amable Lenoirs Gemälde La Mort de

Sapho (Der Tod der Sappho; vor 1896; Abb. 4) bis hin zu dem

hinreißenden Entwurf Algen und Fische (1898) von Henri

Bergé, den die Glasmanufaktur Daum Frères in Nancy umsetzte

(Abb. 5). Ohne die großherzige Schenkung unseres

verstorbenen Mäzens Ferdinand Wolfgang Neess würde

es diese Ausstellung nicht geben. Seine Ehefrau Danielle

Neess unterstützt die Sammlung im Museum und die Aktivitäten

des Museums um den Jugendstil auch nach seinem

Tod ganz in seinem Sinne weiter. Dafür möchten wir

ihr hier unseren herzlichen Dank aussprechen! Der Ernst

von Siemens Kunststiftung gilt unser expliziter Dank für

die Ermöglichung des Kataloges. Durch ihre Förderung

konnte dem vielschichtigen und komplexen Thema eine

grundlegende Form verliehen werden. Dem Generalsekretär

Martin Hoernes sei hier für seine verlässliche Partnerschaft

ausdrücklich gedankt.

Den Autorinnen und Autoren gilt unser weiterer Dank. Ihre

Leistung ging vielfach über das reine Verfassen eines wissenschaftlichen

Beitrages hinaus. Vielmehr unterstützten sie das

Projekt von Beginn an maßgeblich über den Katalog hinaus,

insbesondere möchten wir Dörte Folkers, Thomas Moser

und Nikolas Werner Jacobs erwähnen. Ein besonderer Dank

geht an die Büchermacher Reschke, Steffens & Kruse für


Wasser im Jugendstil – Heilsbringer und Todesschlund

7 Schüttelreim-Sonett mit Illustration von Oskar Zwintscher

in: Meggendorfers humoristische Blätter: Zeitschrift für Humor und Kunst, Bd. XXIX, 1897,

Nr. 9, S. 86 Universitätsbibliothek Heidelberg

die wie immer umsichtige Begleitung der gesamten Katalogproduktion

und die gelungene Realisation des Buches

sowie dem Deutschen Kunstverlag, der die Publikation in

sein Programm aufnimmt.

Die Ausstellung präsentiert außer Arbeiten aus dem Bestand

des Museums Wiesbaden Werke von 46 öffentlichen und

privaten Leihgeberinnen und Leihgebern, denen unsere

Dankbarkeit für ihre Unterstützung gilt. Drei von ihnen

sollen hier exemplarisch genannt werden, da ihre Objekte

das Fundament der Ausstellung bilden. Das Bröhan-Museum

in Berlin veranstaltete mit eigenen Beständen 1995

eine bis heute wegweisende Ausstellung zum Thema Wasser.

Es ist wunderbar, dass sein Direktor Tobias Hoffmann

und seine Stellvertreterin Anna Grosskopf dem Museum

Wiesbaden äußerst großzügig ihre kostbaren und fragilen

Objekte völlig unkompliziert zur Verfügung stellen. Zudem

konnten wir die ehemalige Direktorin Ingeborg Becker

und damalige Kuratorin der Ausstellung Wasserwelten als

Autorin gewinnen. Ferner vermittelte uns das Bröhan-Museum

den Kontakt zu Theresa Nisters und Simon Häuser,

die sich im Katalogteil um die wissenschaftliche Bearbeitung

dieser und weiterer Objekte verdient gemacht haben.

Die freundschaftliche Nähe zu unserer »Schwester«, dem

Hessischen Landesmuseum Darmstadt, schlägt sich auch

in dieser Ausstellung nieder. Für die unkomplizierte Leihe

solch wunderbarer Objekte wie der Nixenvase von Ludwig

Tischler (Abb. 6) sei dem Direktor Martin Faass und dem

Sammlungsleiter Wolfgang Glüber gedankt. Neben Berlin

und Darmstadt hat uns München in vielfacher Form geholfen.

Hier gilt unser großer Dank Paul und Diana Tauchner,

die uns mit herausragenden Werken aus ihrer fantastischen

Privatsammlung ebenso großzügig unterstützt haben. Ferner

soll nicht unerwähnt bleiben, dass es keine Selbstverständlichkeit

ist, die Rosse des Neptun von Walter Crane in

Wiesbaden als absolutes Highlight präsentieren zu dürfen.

Für dieses Vertrauen gilt dem Generaldirektor der Bayerischen

Staatsgemäldesammlungen, Bernhard Maaz, unser

aufrichtiger Dank. Ebenso sei dem Vorstand der Stiftung

Sprudelhof gedankt, Frank Thielmann, der das Glück hat,

ein Jugendstiljuwel zu verwalten.

Das hoch kompetente wissenschaftliche »Wasser-Team« im

Hause kann gar nicht ausreichend lobend erwähnt werden.

Wie immer fehlt der Platz, um hier alle namentlich erwähnen

zu können, weshalb wir gern auf die Übersicht im Impressum

verweisen. Die Wissenschaftlerinnen Lea Schäfer,

Jana Dennhard und Valerie Ucke haben sich mit viel Verve

und Akribie »ins Wasser gestürzt« und Ausstellung sowie

Katalog erst zu dem gemacht, was heute zu bewundern ist;

unterstützt wurden sie von Elena Tarazi, die ihr Freiwilliges

Soziales Jahr im Museum leistet. Die Registrarin Caren Jones

hat das Projekt wie immer mit großer Umsicht betreut; Bernd

Fickert hat mit seinen fotografischen Aufnahmen den Katalog

bereichert. Dem gesamten Team gilt unser großer Dank.

Andreas Henning

Direktor

Museum Wiesbaden

Peter Forster

Kustos

Museum Wiesbaden

14


Geleitwort

Dank der einzigartigen Schenkung von Ferdinand Wolfgang

Neess zählt das Museum Wiesbaden seit 2019 zu den führenden

Zentren des Jugendstils und Symbolismus in Europa.

Die zur Erstpräsentation erschienene Publikation des Museums

Ruf des Progressiven wurde von der Ernst von Siemens

Kunststiftung gefördert. Das Katalogbuch dokumentiert die

herausragende Qualität von Objekten internationaler Provenienz,

die sich jetzt im öffentlichen Besitz befinden, und

präsentiert die tiefgreifenden Spuren, welche die Jugendstilbewegung

in der Kunst und Architektur der Stadt Wiesbaden

und im Museum selbst hinterlassen hat. Damit wurde das

Buch auch zum Referenzwerk für das 2019 von der Stadt

Wiesbaden proklamierte »Jugendstil-Jahr«.

Bereits mehrfach zuvor hatte die Ernst von Siemens Kunststiftung

Publikationen rund um den Jugendstil und die Wiener

Secession gefördert wie beispielsweise 2010 den Sammlungskatalog

Meisterwerke des Jugendstils im Bayerischen Nationalmuseum

München oder den Sonderausstellungskatalog des Kunstmuseums

Moritzburg, Klimt kommt nach Halle! im Jahr 2018. Als

uns jetzt der Antrag zur Förderung der Wiesbadener Ausstellung

Wasser im Jugendstil: Heilsbringer und Todesschlund vorlag,

lag die Förderung nahe, versprach der Katalog doch den Anspruch

umzusetzen, dieses so zentrale Motiv der Zeit in all

seinen Facetten zu behandeln. In den Werken des Jugendstils

schaffen (be)rauschende Wellen, Fische, Quallen und Muscheln

oder Wesen aus mythologischen Erzählungen einen

Imaginationsraum, der einerseits die Wünsche und Träume

der Menschen bedient und andererseits als geheimnisvolle

Parallelwelt schaudern lässt: Der Sehnsuchtsort Wasser wird

in der Publikation und der Ausstellung mit über 250 Werken

präsentiert: Japonistisch anmutende Arbeiten wie der Paravent

von Louis Guingot aus der École de Nancy, schillernde Keramiken

eines Émile Gallé und düster mythologische Malerei

wie die des deutschen Künstlers Karl Wilhelm Diefenbach

führen das Thema Wasser in unglaublicher Vielfalt vor Augen.

Ganz im Sinne der Idee des Jugendstils vom Gesamtkunstwerk

spiegeln Buch und Ausstellung die ungeheure Medienvielfalt

des Jugendstils wider, beginnend mit Besteck und Glasobjekten

über Fliesen und anderer Gebrauchskeramik bis hin zu

Gemälden und Skulpturen, zur Fotografie und Architektur.

Das von der Stadt Wiesbaden ausgerufene »Jahr des Wassers«

erfährt somit eine lokale wie nationale als auch internationale

Aufarbeitung und dies interdisziplinär. Der im

Deutschen Kunstverlag erschienene Band stellt eine wesentliche

Bereicherung der Thematik dar und wird dem eigenen

Anspruch des Museums Wiesbaden gerecht, auch zukünftig

als Forschungsstätte für den Jugendstil zu agieren, und ich

danke allen Beteiligten.

Der Ernst von Siemens Kunststiftung liegt viel daran – die

Unterstützung von mittlerweile über 250 Bestandskatalogen

legen ein deutliches Zeugnis ab –, vertiefende kunsthistorische

Wissenschaft zu fördern und zu ermöglichen.

Den Museen gerade in den heutigen schwierigen Zeiten

hier an der Seite zu stehen, ist eine der Hauptaufgaben der

Stiftung, die sich auch in der Förderung dieser Publikation

niederschlägt.

Dr. Martin Hoernes

Generalsekretär

Ernst von Siemens Kunststiftung


PETER FORSTER

Wasser als Reformer

ZU KÜNSTLERISCHEN ASPEKTEN

DER WASSERDARSTELLUNG

INNERHALB DER LEBENSREFORM

Der Jugendstil war eine revolutionäre Kunstrichtung, die

bis heute nicht nur mit ihrer ornamental-dekorativen,

höchst reizvollen Ästhetik und ihrer handwerklichen Perfektion

nachwirkt, sondern aufgrund ihrer angestrebten

gesellschaftlich-politischen Veränderungen bis in unsere

Gegenwart hinein eine außergewöhnliche Aktualität besitzt.

Geboren aus dem Geist der Jugend und durchdrungen

von der alles verbindenden Kraft der Natur und deren unerschöpflicher

Formenvielfalt, forderte der Jugendstil als

Maximalziel das Gesamtkunstwerk ein und strebte damit die

Einheit aus Kunst und Leben an. Innerhalb der vielfältigen

Strömungen einer sich äußerst facettenreich artikulierenden

Kunstrichtung nahm die Lebensreform eine Sonderrolle ein.

Diese in Deutschland und der Schweiz beheimatete Bewegung

entwickelte sich in der zweiten Hälfte 19. Jahrhunderts;

der Begriff Lebensreform tauchte allerdings erst in den

1890er-Jahren auf. Während sich einige ihrer Themen im

Lebensstil der breiten Bevölkerung rasch etablierten, fand

der harte Kern der alternativen Aussteiger mit sich prophetisch

aufführenden Anführern, exzentrischen Ideologien und

einer sehr überschaubaren treuen Gefolgschaft kaum Beachtung.

Ausgehend von der Kritik an Industrialisierung sowie

Urbanisierung definiert sich die Lebensreform durch zahlreiche

Ansätze wie etwa Siedlungsbewegung (Stadtflucht),

Ernährungsreform, Vegetarismus, Antialkoholbewegung,

Naturheilkunde, Kleidungsreform, (Frei-)Körperkultur. 1

Aber auch Reformpädagogik, Tierschutz und Pazifismus

gehörten zum Spektrum einer beherzt auftretenden Reformbewegung

mitten im Wilhelminischen Kaiserreich.

Treibende Kräfte in der Ausformung eines Gegenentwurfs

zum Bestehenden waren auch Künstler; entsprechend eng

waren die Beziehungen zwischen bildender Kunst und der

Lebensreform. 2 Sie prägten nicht nur das inhaltliche Erscheinungsbild

der Bewegung, sondern sorgten darüber hinaus

mit der Gestaltung groß angelegter Werbekampagnen für

die Vermittlung ihrer Ideen, die auch in zahlreichen Zeitschriften

propagiert wurden. Die Präsenz im öffentlichen

Ausstellungswesen war ebenfalls wichtig; so beteiligten sich

beispielweise einige Gruppierungen der Lebensreform an

der Internationalen Hygiene-Ausstellung in Dresden 1911. Ziel

der Schau, für die Franz von Stuck das Plakat nach einem

Augenmotiv von Willi Petzold umsetzte (Abb. 1) und Max

Klinger die Ehrenurkunde für wissenschaftliche Mitarbeit

gestaltete (Abb. 2), war es, »einmal im grossen Stile eine

Belehrung der Allgemeinheit über die Gesundheitspflege zu

unternehmen« 3 – ein zentrales Anliegen der Reformbewegungen.

Diese Ausstellung, die von weit über fünf Millionen

Menschen besucht wurde, verdeutlichte den Stellenwert der

Hygiene. Durch die Industrialisierung war der Bevölkerungszuwachs

in den Großstädten um die Jahrhundertwende immens.

Katastrophale gesundheitliche Bedingungen und eine

damit einhergehende permanente Seuchengefahr, miserable

sanitäre Standards und eine große Wohnungsnot führten

zu erheblichen sozialen Spannungen. Von offizieller Seite

standen vor allem Maßnahmen rund um die Wasserqualität

und -versorgung im Mittelpunkt der Gegenmaßnahmen.

Welche elementare Rolle das Wassers für die Hygiene spielt,

zeigt sich in der von Klinger entworfenen Ehrenurkunde. Im

16


Zentrum steht ein monumentaler Atlas im wild bewegten

Wasser. In dem schwer auf seinen Schultern lastenden arkadisch

anmutenden Landschaftsausschnitt tanzen Menschen

nackt und unbeschwert an einem See, während drei Frauen

Krüge halten, aus denen sich Wasser ergießt. Die Fontänen

aus diesen drei Quellen treffen offenbar feindliche Gestalten.

Das fantastische Blatt zeigt in bester symbolistischer Manier

die vielschichtigen künstlerischen Allegorien für Wasser.

In Dresden ebenfalls präsente Themen wie etwa Rassenhygiene

weisen voraus auf den ideologischen Weg des späteren

Nationalsozialismus und spiegeln eine starke Nähe zu jenen

Teilen der Lebensreformbewegung wider, die von einer völkisch-nationalen

Einstellung geprägt waren.

Aus der Perspektive von 1911 betrachtet, war das Bild der

Lebensreform im Jugendstil und Symbolismus längst final

ausformuliert worden. Exemplarisch ist hier das Œuvre von

Ludwig von Hofmann (1861–1945), der sich wie kein zweiter

einer unauflösbaren Einheit von Mensch und Landschaft

verschrieben hatte. Bereits 1895 bis 1899 sind in seinen Arbeiten

für die Kunstzeitschrift PAN die Einflüsse des Jugendstils

zu erkennen. Mit über 60 Illustrationen, in denen er sich

auch mit dem japanischen Holzschnitt auseinandersetzte,

vermittelte er schon dort sein unkonventionelles Bild einer

von äußeren Zwängen befreiten Welt. Nach seiner Berufung

1903 an die Kunstschule nach Weimar begann seine künstlerisch

erfolgreichste Zeit. Im engen Austausch vor allem mit

Harry Graf Kessler und Henry van de Velde intensivierte er

seine Vorstellung einer alternativen Welt, die in der Feier

der Jugend und schöner Körper in harmonischer Einheit

mit der Natur bestand. 4 Zu den wesentlichen Quellen für

seine arkadischen Fantasien zählte neben Reisen nach Paris

sowie Italien und Griechenland, wo er sich mit der Antike

beschäftigte, die damalige literarische Avantgarde, die auf

unterschiedliche Weise von der Lebensreform geprägt war,

wie Stefan George, Rainer Maria Rilke, Thomas Mann und

vor allem Gerhart Hauptmann, mit dem ihn eine engere

Freundschaft verband. 5 Seine Kunst inspirierte Literaten

und wurde von Literatur beeinflusst, so in seiner Arbeit als

Illustrator. Diese Wechselwirkung sowie seine Nähe zum

Theater als Bühnenbildner, aber auch zu Tanz und Musik

1 Franz von Stuck Internationale Hygiene-Ausstellung Dresden 1911

Druckgrafik/Farblithografie auf Papier 88 × 60,4 cm

Sprengel Museum Hannover

mündete in Werken von zeitloser Schönheit einer idealen

Natur, die ohne Wasser für den Künstler nicht denkbar war

(Abb. 4). Aus allen Perspektiven, nah und fern, und in allen

Formverläufen, gerade oder geschlängelt oder an felsige

Küsten brandend, findet sich in seinen Werken Wasser.

Von Bach, Quelle und See über den Kanal und Fluss bis hin

zum Meer, selten aufgewühlt und bewegt, meist ruhig und

erhaben, steht es für das Leben schlechthin.

In der kleinen Kreidezeichnung Der Jungbrunnen aus dem

Jahr 1900 finden wir seine mit Wasser verbundene Heils-


Wasser als Reformer

2 Ehrenurkunde nach einem Entwurf von Max Klinger für die Förderung

der Internationalen Hygiene-Ausstellung Dresden 1911 an den Herrn Geheimen

Oberbaurat Grimm 1912 Kupferstich 60 × 55,4 cm Deutsches Hygiene

Museum Dresden

3 Ludwig von Hofmann Der Jungbrunnen undatiert Bleistift auf Papier

34 × 27 cm (Rahmen) Privatsammlung

erwartung auf den Punkt gebracht (Abb. 3). Die Szenerie

wirkt wie eine Setzung für sein eigenes Weltbild und für

die Lebensreform: Entrückt und losgelöst von der Realität,

versetzt Wasser den hüllenlosen Menschen in einen Zustand

von Freiheit, Gleichheit, Lebensglück und versöhnt ihn mit

seiner Umwelt. Hofmanns träumerische Werke erscheinen

wie eine Blaupause für jene Anhänger einer alternativen

Lebensreform, die sich nach natürlich-paradiesischen Zuständen

sehnten und die sich wenigstens auf diesem Weg

den Auswirkungen einer immer expansiveren Industrialisierung

im Kaiserreich entziehen wollten.

Zwei besonders komplexe Arbeiten in Hofmanns Œuvre

zeigen seine außergewöhnlichen künstlerischen Fähigkeiten

in der Darstellung von Wasser. Ganz der Idee des Gesamtkunstwerks

verhaftet, gestaltete der Künstler die Rahmen

der beiden Bilder selbst und überführte so die zweite malerische

Dimension in eine reliefierte dreidimensionale Form. 6

Dabei werden das Gemälde und der geschnitzte sowie gefasste

Rahmen inhaltlich und formal zu einer in den Raum

wirkenden Einheit. Bei dem Gemälde Largo (Sonnenuntergang

am Meer) aus dem Belvedere in Wien von 1898 stellt der

Rahmen durch die oben sichtbare Maske mit dem Antlitz

von Ludwig van Beethoven die Verbindung zur Musik her. 7

Ein Mädchen und ein Jüngling stützen sich auf die schwarze

Umrahmung und scheinen den Klängen der Kompositionen

zu lauschen (Kat.-Abb. S. 22). 8

Beim zweiten Gemälde Idyllische Landschaft mit Badenden, um

1900 gemalt, bevölkern Badende das Gemälde, während

sich auf dem Rahmen geschnitzte Darstellungen einer Unterwasserwelt

finden (Kat.-Abb. S. 29). 9 Dabei gelang dem

Künstler ein perfekt organischer Übergang aus der gemalten

Leinwand in den geschnitzten Rahmen. Harmonisch verläuft

auch der Übergang von der Badeszene am schmalen

Fluss zu den Tiefen des aufgewirbelten Wassers, in dem sich

Fische und Wasserpflanzen befinden. Analog zum vorherigen

Bild befindet sich im oberen Teil des Rahmens mittig

das inhaltliche Zentrum, diesmal die Liebesgöttin Venus,

die gerade aus der geöffneten Muschel steigt.

18


4 Ludwig von Hofmann Mädchen am See vor 1906 Pastell auf braunem Papier, auf Leinwand aufgezogen 80 × 139,5 cm

Museum Wiesbaden, Sammlung Ferdinand Wolfgang Neess

Hofmann nutzte ein Leben lang das Motiv Wasser, um seine

arkadischen Traumvisionen atmosphärisch aufzuladen. Zwei

Beispiele um 1905 stehen exemplarisch hierfür. Das Pastell

Küstenlandschaft, möglicherweise ein Bühnenbildentwurf, zeigt

zwei Frauen an einer markanten Felsenküste; das ruhige Meer

verleiht der Darstellung einen zeitlosen Charakter (Abb. 5). 10

Bei der handkolierten Lithografie Festlicher Empfang handelt

es sich um das dritte Blatt aus der zwölf Blätter umfassenden

Grafikmappe »Tänze«, in deren motivischem Zentrum eine

griechisch-antik anmutende Szene zeitgenössisch interpretiert

wird. Während sich auf einer halbkreisförmigen Anhöhe

oberhalb des Meeres die wellenartig-rhythmisch bewegten

Frauentanzgruppen befinden, fällt der Blick auf das tiefblaue

Mittelmeer hinter ihnen und stellt den harmonischen Einklang

mit der Natur her (Abb. 6). 11

Lebensreformer, die ihre Ansichten tatsächlich in die Wirklichkeit

umsetzen wollten, gründeten 1900 das heute noch

bekannte Siedlungsprojekt Monte Verità – Berg der Wahrheit

– auf einem Hügel oberhalb des Dorfes Ascona im

schweizerischen Tessin. Hier sollten Körper, Natur und

Kultur in der Gemeinschaft miteinander in Einklang gebracht

werden (Abb. 8). 12 Disziplin und Verzicht wurden

gefordert, etwa auf alle tierischen Produkte, Rauchwaren,

Kaffee und Alkohol, gefördert wurden das Tragen luftiger

Reformgewänder und Körperertüchtigungen sowie der

Nackttanz. Der alternative Lebensentwurf auf dem Monte

Verità zog Exzentriker, bürgerliche Aussteiger und eine

internationale Bohème an.

In der Gemeinschaft um den Maler und Pionier der Lebensreformer,

Karl Wilhelm Diefenbach (1851–1913),

in seiner Landkommune Himmelhof im Wiener Stadtteil

Ober St. Veit hatte das Projekt eines irdischen Paradieses

in Ascona einen unmittelbaren Vorläufer. 13 Diefenbachs

Aussehen, sein Auftreten und letztlich seine radikale und

kompromisslose Art – »Lieber sterben, als meine Ideale

verleugnen« – beeinflussen noch heute unsere Vorstellung

von einem sogenannten »Gesundheitsapostel« (Abb. 9). 14

Sein Gemälde Du sollst nicht töten aus dem Jahr 1906 befindet

sich dank der Schenkung F. W. Neess seit 2019 im Museum

Wiesbaden. Bei dem von ihm erstmals 1895 als Gemälde

umgesetzten Motiv, von dem der Künstler weitere Fassungen

erstellte, handelt es sich um Diefenbachs bekannteste

Arbeit, die zu einer Ikone des ethischen Vegetarismus wurde

(Abb. 12). Der Vegetarismus stand stellvertretend für die

Lebensreform, für eine natürliche Lebensweise und wurde

entsprechend mit den weiteren Bestrebungen der Bewegung


Wasser als Reformer

5 Ludwig von Hofmann Bühnenbild zu Aglavaine et Sélysette um 1905 Pastell

24 × 36 cm Privatbesitz, Heidelberg

6 Ludwig von Hofmann Festlicher Empfang, Blatt 3 aus der Folge »Tänze«

um 1905 Wachskreide und Kohle über Lithografie, handkolorierter Probedruck

29 × 41,2 cm Privatbesitz, Heidelberg

7 Ludwig von Hofmann Mappe zu Holzschnitten Wassermusik,

herausgegeben im Insel Verlag, Leipzig 1908 bis 1924/25

Neuauflage Leipzig 1989 Museum Wiesbaden, Schenkung Joachim Kern

wie Naturheilkunde, Nacktkulturbewegung oder alternativer

Medizin verbunden, zeigt aber auch die Achtung gegenüber

dem Leben allgemein. Zu sehen ist eine dramatische Begegnung

zwischen dem hell aus dem Dunkeln hervortretenden

Gott und einem erschrocken-angstvoll zurückweichenden

Jäger; zwischen ihnen befindet sich ein Hirsch, der sich

schutzsuchend der himmlischen Erscheinung zuwendet.

Diefenbach schuf Gott nach seinem Ebenbild und drückte

damit sein prophetisches Selbstverständnis aus.

Nach einer ihn zutiefst bewegenden Vision erklärte sich

Diefenbach mit seiner Schrift Sonnen-Aufgang selbst zum

Heilspropheten. Barfuß, mit einer Mönchskutte bekleidet,

zog er durch das Land und predigte gegen Fleisch- oder

Alkoholkonsum sowie sexuelle Unzucht. Seine Auftritte

wurden als Skandale gewertet, er selbst als »Kohlrabi-Apostel«

verspottet. Gleichzeitig gewann er jedoch durch sie

Anhänger, die bereit waren, ihm bedingungslos zu folgen.

Nach einem öffentlichen Redeverbot ließ er sich mit einer

kleinen Schar getreuer Jünger im Isartal nieder, eröffnete

1885 die Kommune Humanitas und lebte nach der Natur

sowie der Gewaltlosigkeit verpflichteten Prinzipien. Von

dort und schließlich aus Deutschland vertrieben, strandete

die kleine Gruppe 1997 in Wien, wo sie weiterhin versuchte,

alternative Lebensvorstellungen unter prekären finanziellen

Verhältnissen zu realisieren. Nach dem Auseinanderbrechen

der dortigen Kommune Himmelhof zog Diefenbach nach

Triest und 1899 nach Capri, wo er 1913 starb.

Unmittelbar nach seiner Ankunft dort hatte der studierte

Maler seine erste, durchaus erfolgreiche Ausstellung. Ab dieser

Zeit trat er konsequent als symbolistischer Landschaftsmaler

auf, dessen Malerei zwischen Empfindsamkeit und

Monumentalität mäanderte, dabei immer so atmosphärisch

hoch aufgeladen war, dass eine nicht greifbare höhere Ebene

bildbestimmend mitschwingt. Diefenbach postulierte die

Vereinigung des Individuums mit der Natur als eigentlichen

transzendenten Akt. Seine Landschaften zeigen eine erhabene,

überwältigende, zeitlose Natur, die sich absetzt von

einer durch Menschen kultivierten und dadurch zerstörten

Welt. In diesem Naturschauspiel, zwischen steil abfallenden

Küsten und dunklen Grotten, spielt Wasser eine zentrale

20


8 Hans Brandenburg Mary Wigman tanzt am Lago Maggiore 1913

Fotografie Stadtbibliothek München

9 Die Lebensgemeinschaft K. W. Diefenbachs 1890 Fotografie

Archiv der deutschen Jugendbewegung

10 Fidus/Diefenbach »Per Aspera ad Astra« (Gemälde Nr. 1 aus dem Fries; Selbstportrait des Künstlers in prophetischer Haltung) 1888 Öl auf Leinwand

100 × 200 cm Hadamar, Karl Wilhelm Diefenbach Museum


Diese Publikation erscheint anlässlich der Ausstellung

Wasser im Jugendstil – Heilsbringer und Todesschlund

13. Mai bis 23. Oktober 2022

Museum Wiesbaden – Hessisches Landesmuseum

für Kunst und Natur

Friedrich-Ebert-Allee 2, 65185 Wiesbaden

www.museum-wiesbaden.de

AUSSTELLUNG

KURATOR Peter Forster

WISSENSCHAFTLICHE ASSISTENTINNEN

Jana Dennhard, Lea Schäfer, Valerie Ucke

AUSSTELLUNGSGESTALTUNG Atelier Hähnel-Bökens

MITARBEITERINNEN UND MITARBEITER

(KUNSTSAMMLUNGEN)

DIREKTOR Andreas Henning

STELLVERTRETENDER DIREKTOR Jörg Daur

VERWALTUNGSLEITUNG Patricia Becker-Matthews

REFERENTIN DES DIREKTORS Oksana Katvalyuk

KUSTODEN Jörg Daur, Peter Forster, Roman Zieglgänsberger

KURATORIN DIGITALE SAMMLUNGEN Rebecca Krämer

REGISTRARIN Caren Jones

WISSENSCHAFTLICHE VOLONTÄRINNEN Jana Dennhard, Valerie Ucke

FSJ KULTUR Elena Tarazi

PRESSE- UND ÖFFENTLICHKEITSARBEIT Martina Brand, Susanne Löffler,

Sarah Schach

FOTOGRAFIE UND BILDARCHIV Bernd Fickert

MEDIENGESTALTUNG Leana Berlinger

RESTAURATORISCHE BETREUUNG Jana Merseburg, Pascale Renault,

Linda Schmidt, Ines Unger

HAUSTECHNIK UND WERKSTATT Markus Becker, Eve-Michelle

Bubitsch, Michael Edler, Bjarte Gismarvik, Salem Khalfani,

Michael Krag, Christian Rücker, Manfred Wolfsheimer,

Johanna Zwick

IT-LEISTUNGEN Alexander Rücker

DIGITAL UNIT Tamara Brauns

BILDUNG UND VERMITTLUNG Daniel Altzweig, Astrid Lembcke-Thiel,

Christine Scholzen

VERWALTUNG Elmira Gyrdjan, Angelika Hermersdorfer,

Swantje Kroener, Heidi Piechnik, Barbara Schade

KUNSTBIBLIOTHEK Mariana Biris, Martina Frankenbach

VERANSTALTUNGSMANAGEMENT Suzan Mesgaran, Stephan Müller

HAUSMEISTER Lekbir Azarg

EMPFANG UND PFORTE Denisa Julevic, Stephan Müller,

Thorsten-Marius Röhnke

SHOP Adriana Vinzeni, Adelheid Geisler

ZENTRALE STELLE FÜR PROVENIENZFORSCHUNG IN HESSEN

Larissa Engler, Miriam Merz

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KATALOG

HERAUSGEBER Peter Forster für das Museum Wiesbaden

REDAKTION Jana Dennhard

PROJEKTLEITUNG | LEKTORAT | GESTALTUNG | LITHOGRAFIE | HERSTELLUNG

Reschke, Steffens & Kruse, Berlin/Köln

ÜBERSETZUNG Stefan Barmann, Köln (Essay Veronique Dumas)

SCHRIFT Weiss in verschiedenen Schnitten

PAPIER 135 g/m 2 Magno Volume 1,1

DRUCK UND BUCHBINDERISCHE VERARBEITUNG

Druckerei Kettler GmbH, Bönen

Dieser Katalog wurde gefördert von

VERLAG UND VERTRIEB

Deutscher Kunstverlag GmbH Berlin München

Lützowstraße 33 · 10785 Berlin

www.deutscherkunstverlag.de

Ein Unternehmen der Walter de Gruyter GmbH Berlin Boston

www.degruyter.com

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbiografie; detaillierte Informationen

sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

ISBN 978-3-422-98845-3

Medienpartner

© 2022 Museum Wiesbaden, Deutscher Kunstverlag

Berlin München sowie die Autorinnen und Autoren

© 2022 für die Abbildungen S. 400

UMSCHLAG Emilio Longoni, La voce del ruscello (Die Melodie

des Flusses), 1904, Öl auf Leinwand, 100 × 140 cm,

Museum Wiesbaden, Dauerleihgabe Sammlung Ferdinand

Wolfgang Neess (Ausschnitt)

FRONTISPIZ Max Nonnenbruch, Die Windsbraut, 1904,

Öl auf Leinwand, 110 × 80 cm, Familie Eisenreich (Ausschnitt)

S. 6/7 Walter Crane, Die Rosse des Neptun, 1892,

Öl auf Leinwand, 85,6 × 215 cm, Bayerische Staatsgemäldesammlungen

– Neue Pinakothek (Ausschnitt)

S. 396/397 Karl Mediz, Karstküste mit Regenbogen

(Dalmatien), 1898, Öl auf Leinwand, 101,1 x 204 cm,

Privatbesitz, über Kunsthandel Widder, Wien

In Kooperation mit

Manche Autorinnen und Autoren verzichten in dieser

Publikation an einigen Stellen auf die Verwendung

geschlechtergerechter Formulierungen. Die ausschließliche

Verwendung der männlichen Form soll geschlechterunabhängig

verstanden werden.


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