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Reframing Friedrich Nerly

ISBN 978-3-422-98950-4

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REFRAMING

FRIEDRICH

NERLY


Freunde des Angermuseums e.V.

2




Claudia Denk · Kai Uwe Schierz ·

Thomas von Taschitzki (Hrsg.)

REFRAMING

FRIEDRICH

NERLY

Landschaftsmaler

Reisender

Verkaufstalent


INHALT

6

Tobias J. Knoblich

Grußwort

8

Kai Uwe Schierz

Vorwort

DEUTSCHE LANDSCHAFTSMALER IN ITALIEN

103

Golo Maurer

Glanz und (vor allem) Elend –

Deutsche Künstler der Romantik in Rom

13

Claudia Denk

Reframing Nerly – Eine Einführung

DIE »NORDISCHE MONDSCHEINROMANTIK«

ALS EIN PHÄNOMEN KÜNSTLERISCHEN

TRANSFERS

31

Thomas von Taschitzki

Die Erfurter Nerly-Schenkung –

Eine Rekonstruktion der Gemälde sammlung

127

Claudia Denk

Friedrich Nerlys Piazzetta in Venedig bei

Mondschein – Ein früher Welterfolg?

SPIELARTEN DER PLEINAIRMALEREI

51

Bernhard Maaz

Vermauerte Blicke, gefangene Räume, oder:

Pleinair ohne Himmel

147

Ulrich Pohlmann

Belichtete Nacht. Mondschein und andere

Lichtphänomene in der Fotografie des

19. Jahrhunderts

163

Carl-Johan Olsson

Topography vs Stimmung – On two Paths

in Nordic Moonlight Painting

4




AUF REISEN: ZEICHNEN UND MALEN UNTER

FREIEM HIMMEL UND IM ATELIER

181

Werner Busch

Wie kann die Darstellung bloßer Bäume

bildwürdig werden? Von Cozens zu Nerly

197

Dorothee Hansen

Campagnalandschaft mit Aqua Claudia –

Ein frühes Hauptwerk von Friedrich Nerly

215

Cornelia Nowak

Ferne Welten. Zum Nerly-Bestand im Angermuseum

Erfurt – Die Arbeiten auf Papier

BILDER ALS MATERIELLE ZEUGNISSE –

KUNSTTECHNOLOGIE, RESTAURIERUNG

UND PRÄSENTATION

277

Renate Poggendorf

Unframing Nerly – Über Voraussetzungen

und Möglichkeiten kunsttechnologischer

Untersuchungen

289

Karin Kosicki · Katharina Bellinger-Soukup ·

Susanne Kirchner

Kunsttechnologische Untersuchungen,

Konservierung und Restaurierung der

Ölstudien von Friedrich Nerly

im Angermuseum Erfurt

237

Andreas Strobl

»Ich wollte die malerischen Schätze der

Welt zeigen« – Der Landschaftsmaler

Johann Moritz Rugendas ein Expeditionskünstler?

297

Börries Brakebusch

Naturtalent oder Methode – Betrachtungen

zur Maltechnik der römischen Ölstudien

Nerlys

255

Anna Ahrens

Drei Landschaftsmaler – Drei Kunstförderer

– Drei Reisen. Beobachtungen zum Kunstund

Marktwert von Ölskizzen im frühen

19. Jahrhundert

315 Autorenverzeichnis

318 Bildnachweis

320 Impressum

5


GRUSSWORT

Friedrich Nerly ist auch außerhalb Erfurts ein klingender Name. Der 1807 hier

geborene Maler Christian Friedrich Nehrlich nutzte die neue Mobilität seiner

Zeit, nicht nur selbst aufzubrechen und sich späterhin in Venedig niederzulassen,

sondern auch seine Landschaften und Veduten einem sich allmählich

globalisierenden Markt zuzuführen. Bis nach Indien, Amerika oder Russland »reisten«

die Arbeiten des Erfurters. Mit seiner nächtlichen Verwandlung Venedigs gelang

ihm schließlich ein Welterfolg – und in Venedig schloss sich der Lebenskreis

des Künstlers auch 1878. Sein Grab wurde jüngst mit Mitteln des Fördervereins

»Freunde des Angermuseums« e.V. restauriert; es wird als Erinnerungsstätte an

eine wirkmächtige Persönlichkeit der Stadt begriffen.

Dem Nachlass Friedrich Nerlys, den sein ebenfalls künstlerisch aktiver Sohn

Friedrich Nerly d. J. (1842–1919) nach Erfurt lenkte, verdanken wir die Gründung

eines städtischen Museums. Es ist der bedeutendste und umfangreichste Künstlernachlass

des heutigen Angermuseums – Kunstmuseum der Landeshauptstadt Erfurt.

Mit dem Namen Nerly verbindet sich folglich ein gewisser Nimbus Erfurts als

Museumsstadt. Diese für das Museum impulsgebende, ja identitätsstiftende Kraft

lenkt immer wieder den Blick auf den Maler Nerly und sein Werk. So kam es auch

zur Durchführung jener internationalen Tagung im Oktober 2021, deren Ergebnisse

nun vorgelegt werden. Sie führte hochkarätige Spezialisten für die Kunst des

19. Jahrhunderts nach Erfurt, um im Rahmen der laufenden, man muss sagen überfälligen

Bestandserforschung der Gemälde, Ölstudien und grafischen Werke neue

Perspektiven auf Friedrich Nerly zu gewinnen.

Wir beleuchten also Nerly neu, setzen uns für seinen Hauptnachlass sowie dessen

künftige Erforschung und Präsentation ein. Eine wesentliche Aufgabe ist die

wissenschaftliche Begleitung der Restaurierungskampagne, da der Erhaltungszustand

eines großen Teils des Gemäldenachlasses als kritisch zu bewerten ist. Ziel

ist es ferner, sowohl einen Bestands- bzw. Ausstellungskatalog als auch eine große

Ausstellung zu Nerly vorzubereiten; beides im Ergebnis der Forschungen, Restaurierungsarbeiten

und neuen Erkenntnisse über Werk und Wirkung.

Wenn wir auf diese Weise dem Erfurter Nerly-Bestand inklusive seiner Papierarbeiten

kunsthistorisch und museal besser gerecht werden wollen, so könnten wir

6




darüber hinaus auch ein kulturpolitisches Zeichen setzen: Ich schlage vor, dies

zum Anlass zu nehmen, das Angermuseum nominell noch klarer als Kunstmuseum

zu rubrizieren und nach Friedrich Nerly zu benennen. Um Irritationen zu vermeiden

– etwa den Eindruck, es handle sich um ein Personalmuseum –, könnte die

neue Bezeichnung Kunstmuseum »Friedrich Nerly« lauten. Dies hätte zwei Vorteile:

zum einen wäre klarer erkennbar, wofür das Haus steht und wessen Arbeiten

(auch) ausgestellt sind, zum anderen überwänden wir den topographisch wenig

strahlkräftigen »Anger« als rein räumlichen Bezugspunkt. Die Benennung Angermuseum

könnte auch auf ein Spezialmuseum für grasbewachsene Dorf- oder Festplätze

hinweisen – für das Kunstmuseum einer Landeshauptstadt kein guter Assoziationspfad.

Es mag Einrichtungen geben, da trägt aufgrund der Typologie der

Ortsbezug zur Orientierung bei (etwa Anger-Apotheke). Bei einem Kunstmuseum

sollte die Adressbildung dagegen über die Tiefe seiner Tradition erfolgen.

Zunächst wünsche ich den laufenden und geplanten Anstrengungen zur Nerly-

Pflege und -Rezeption viel Erfolg! Ich danke allen Beteiligten im Angermuseum,

aber auch den projektbezogen Mitwirkenden von Herzen für ihr großes Engagement.

Und ich danke jenen, die fördernd in Erscheinung treten und die wichtigen

Arbeiten am Nerly-Gemäldebestand ermöglichen, vor allem der Ernst von Siemens

Kunststiftung, der Rudolf-August Oetker-Stiftung, dem Förderverein »Freunde des

Angermuseums« e.V. und privaten Spendern aus Erfurt.

Möge es ein umfassendes und weit ausstrahlendes »Reframing Friedrich Nerly«

werden, das das Museum selbst in Besitz nimmt.

Dr. Tobias J. Knoblich

Dezernent für Kultur und Stadtentwicklung

der Landeshauptstadt Erfurt

7


VORWORT

Vor einiger Zeit führte ich eine Gruppe Jugendlicher durch die Dauerausstellung

der Gemälde des Angermuseums, und wir traten vor die große

Wand mit Friedrich Nerlys Ölstudien und Gemälden aus Italien. Ich erzählte,

dass der in Erfurt Gebürtige, 1828 in Rom angekommen, gar nicht mehr

zurückwollte in seine Heimat nördlich der Alpen – so wie zahlreiche andere deutsche,

skandinavische, englische und französische Künstler seiner Zeit auch. Nerly

habe schließlich von 1837 bis zu seinem Tod in Venedig gelebt. Ich ging auf verschiedene

seiner Originale ein und erklärte, seine Farben hätten in den lichterfüllten

italienischen Landschaften eine besondere Reinheit und Leuchtkraft gewonnen.

Die Gruppe schaute einigermaßen interessiert in diese Richtung. Schließlich

bemerkte einer der Jugendlichen, er fände diese Bilder gar nicht so lichterfüllt und

leuchtend, sondern ziemlich dunkel und irgendwie alt. Er sei selbst bereits mit

seinen Eltern in Italien gewesen und hätte andere Erinnerungen an das Land. Ich

verwies auf die vor über zweihundert Jahren in Europa noch vorherrschende Ausrichtung

der Landschaftsmalerei an einer kontrastarmen Ton-in-Ton-Farbigkeit, in

der alle Details auf eine grundlegende Farbe abgestimmt wurden; Nerlys Bilder

hingegen, oft in direkter Anschauung und malerischer Notation wechselnder Naturphänomene

begonnen, würden sich davon deutlich abheben. Die künstlerische

Formung der im Freien gesehenen Farben, Lichter und Schattenfälle sei für Maler

wie Nerly wichtig geworden – eine Tendenz, die schließlich bis zum französischen

Impressionismus des letzten Jahrhundertdrittels geführt habe, u. a. zu so weltbekannten

Malern wie Claude Monet. Ich befürchte jedoch, die Skepsis des Jugendlichen

konnte ich auf die Schnelle nicht mildern.

Später befragte ich die Konditionen, unter denen ich selbst den Bildern von

Nerly in Erfurt zum ersten Mal begegnete. In der DDR aufgewachsen, hatte ich Italien

erst um die Mitte der 1990er Jahre erstmals bereist. Italiensehnsucht – das ist

ein Begriff, der sich mir intuitiv und emotional erschließt, parallel zur historischen

Perspektive. Nach Italien fahrend, genoss ich wie viele andere Reisende vor mir

die Magie der Alpen- und Grenzüberschreitung in Richtung Süden. Meine Erlebnisse

in Italien vertieften stets auch mein Interesse und meine Neigung für die

Werke jener Künstler, die im späten 18. und im 19. Jahrhundert dort gelebt und ge-

8


Kai Uwe Schierz

arbeitet hatten. Gewürzt mit der Euphorie der 1990 unverhofft gewonnenen individuellen

Freiheit, war dieser Zugang für mich ein glücklicher und blieb fruchtbar.

Meine Wertschätzung für die Landschaftsmalerei im 19. Jahrhundert mit Motiven

aus Italien, einschließlich der dort nach 1800 aufblühenden Pleinair-Bewegung,

wurde emotional durch das kulturell bewusste Reisen verstärkt, eine von mir bevorzugte

Form des Urlaubs. Auch bildende Künstler wie Blechen, Nerly und viele

andere erlebten Italien als Reisekünstler, sprich: durch die Brille der Faszination

für alles Fremde. Ihre Kunst schufen sie für ein kennerschaftliches Publikum in

der jeweiligen Heimat. Die eingangs skizzierte Begegnung mit den Jugendlichen

machte mir bewusst, dass sich meine Erfahrungen und Wertungen bezüglich Reisen,

Italien und Kunst nicht einfach auf andere Menschen übertragen lassen.

(Meine Intuition allerdings hätte diese Frage eher bejaht.) Es gilt vielmehr, die sich

ändernden Interessenlagen, Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeitsmuster zu studieren,

um neue Zugänge zu den Beständen unserer Museen, die wir selbst als

Schätze begreifen, zu öffnen. Einerseits werden das Schauen und Interpretieren

von Kunstwerken reichhaltiger und tiefer, wenn man dabei Freude empfindet,

Übung und Erfahrung mitbringt. Andererseits wirken Werke der Kunst über ihre

sinnliche Erscheinung auch unmittelbar auf uns Menschen, wecken intuitiv Aufmerksamkeit,

Neugier, Empfindungen, Emotionen und Erinnerungen. Sie ähneln

Resonanzquellen, die unser Inneres zum Schwingen bringen, noch bevor wir genauer

erkunden und sagen könnten, was da vor sich geht. Derartige Beziehungen

etabliert jeder Mensch für sich selbst, eher intuitiv als bewusst, individuell gefärbt,

aber immer biografisch beeinflusst.

Hier wird deutlich, dass die Idee vom Museum als einer Art von Zeitkapsel, welche

alle Dinge und Verhältnisse, die sie umschließt, konserviert, also materiell und

zeitlich zum Stillstand bringt, nicht zielführend ist. Langsam aber stetig verändern

sich die gesammelten Objekte: Sie altern oder werden restauriert. Viel schneller

verändern sich die Betrachterinnen und Betrachter all dieser Objekte. Jede neue

Generation mit der jeweils eigenen Welterfahrung und Weltanschauung, inneren

und äußeren Beweglichkeit, den eigenen Ritualen, Moden und Schwerpunkten der

Aufmerksamkeit, etabliert auch eigene Kriterien für Wertschätzung und Kritik.

Dieser Wandel, wie vieles in unserer modernen Gesellschaft, unterliegt einem Prozess

der Beschleunigung. Für radikale Veränderungen unserer Beziehungen zu

uns selbst und zur Welt sorgt die Digitalisierung aller Lebensbereiche. Können wir

wissen, in welcher Weise die digital gestützte Weltaneignung des 21. Jahrhunderts

die Seherfahrungen ihrer Nutzerinnen und Nutzer verändern wird, längst verändert

hat? Auch die Formen des Reisens ändern sich permanent. Es hat heute seine

Exklusivität verloren. Die Menschen sind beweglicher; das Reisen über Grenzen

hinweg wurde deutlich bequemer im Vergleich zu den Bedingungen vor 50, 100

oder 200 Jahren. Urlaube mit Fernreisen sind heute in fast allen Milieus unserer

Gesellschaft eine Selbstverständlichkeit – ganz im Gegensatz zu den Erfahrungen

9


10

unserer Groß- und Urgroßeltern. Dieser Wandel verändert auch die Perspektive auf

Begriffe wie Italiensehnsucht und auf Kunstformen, denen diese Sehnsucht und

das Reisen inhärent ist. Nerlys Kunst war in seiner Zeit für viele Deutsche eine

ästhetisch nobilitierte Kunde vom Anderen – von anderen Orten, Regionen, Menschen,

Sitten, zu denen der direkte Zugang limitiert war. Entsprechend kostbar

schienen die Objekte, welche die Begegnung mit dem anderen Land, der anderen

Landschaft und Kultur verkörperten.

Heute versammeln sich solche Objekte in Form von Kunstwerken in den Museen.

Dürfen sie auf ähnliches Interesse und die hohe Wertschätzung ihrer Betrachterinnen

und Betrachter hoffen wie noch vor Jahrzehnten oder vor einem Jahrhundert?

Sicher ist das nicht. Einzig sicher ist der stetige Wandel der Erfahrungen,

Interessen und Wertmaßstäbe. Sie nicht nur in Betracht zu ziehen, sondern als

Voraussetzung der Vermittlung zu begreifen, ist die Sisyphusaufgabe eines Museums.

Dieses erwirbt und bewahrt einerseits verschiedene Formen des materiellen

und immateriellen Erbes der Menschheit, anderseits beforscht, präsentiert und

vermittelt es dieses Erbe zum Zweck von Studien, der Bildung und des Genusses,

wie es die aktuelle Definition des ICOM-Weltverbandes formuliert. Die Erforschung

und Vermittlung von Bedeutung (ästhetisch, biografisch, historisch) ist dabei nicht

alles. Vielmehr geht es um die Etablierung jeweils angepasster Formen von Begegnung,

die subjektive Bedeutsamkeit, Sinn und gelingende Resonanzbeziehungen

provozieren können. Auch muss man dem Eindruck entgegentreten, das Beforschen

der Sammlungsbestände eines Museums wäre ein einmalig zu vollziehender

Akt, der im gelungenen Falle vollständig absolviert und dann publiziert, also öffentlich

zugänglich gemacht wird. Jede forschende Generation hat ihre eigenen

Fragen an das Erbe. Die Erneuerung dieser Fragen ist das mentale Bindemittel,

welches die subjektiv motivierte Identifikation mit dem Erbe überhaupt erst ermöglicht.

Das Forschen ist ein sich stetig erneuernder Vorgang, dem die Gesellschaft

große Bedeutung zumessen sollte. Da es allein von menschlichen Hirnen zu

leisten ist, also Personalkosten verursacht, wird es oft von den Betreibern der Museen

als ein Posten in der Kalkulation gesehen, den man sich selbst bei komplexen

Vorhaben nur selten zusätzlich leisten will und/oder kann. Im Falle unserer aktuellen

Forschungen zum Erfurter Nerly-Bestand ist das zum Glück anders. Hier wird

zum ersten Mal seit der Schenkung des Konvoluts aus dem Nachlass des Malers

an die Stadt Erfurt eine umfassende Bestandsaufnahme in Form wissenschaftlicher

und konservatorisch-restauratorischer Arbeit geleistet. Es ist das umfangreichste

und aufwendigste Forschungsprojekt des Museums seit seiner Gründung.

Die Initiative dafür verdanken wir der Münchner Kunsthistorikerin Dr. Claudia

Denk, Spezialistin für die europäische Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts mit

jahrelanger Erfahrung in der Erforschung der Sammlung der in München beheimateten

Christoph Heilmann Stiftung. Gemeinsam mit Thomas von Taschitzki,

Kurator für die Sammlungen Gemälde und Skulpturen am Angermuseum, entwarf


sie ein Konzept für die Jahre bis 2024, in dem die Inhalte und zeitlichen Schritte

der forschenden und konservatorisch-restauratorischen Arbeiten am Gemäldebestand

der Nerly-Sammlung sowie der entsprechenden Publikation und der finalen

Präsentation in einer Ausstellung beschrieben sind.

Ermöglicht wurde dies durch Dr. Martin Hoernes, Generalsekretär der Ernst von

Siemens Kunststiftung, der Anfang 2021 förderpolitisch auf die Krise der Corona-

Pandemie reagiert hatte. Die Stiftung stellte uns unkompliziert die finanziellen

Mittel für den ersten Aufschlag zur Verfügung und auch für nachfolgende Schritte,

immer in der Hoffnung, dass andere Fördermittelgeber und die Museumsträgerin

(die Stadt Erfurt) ihrem Beispiel folgen würden. Ihm und der Ernst von Siemens

Kunststiftung gilt daher unser herzlicher Dank! Heute können wir sagen, dass sich

seine und unsere Erwartungen wohl erfüllen werden. Die Rudolf-August Oetker-

Stiftung unter der Leitung von Dr. Monika Bachtler sicherte mit eigenen Förderbeiträgen

weitere wichtige Abschnitte der wissenschaftlichen Arbeit für das Nerly-

Projekt ab. Auch ihr gilt unser ausdrücklicher Dank sowie anderen wichtigen

Förderern: dem Freistaat Thüringen und der Sparkassen-Finanzgruppe Hessen-

Thüringen. Der Förderverein »Freunde des Angermuseums« e.V. organisierte die

Mittelverwaltung, stellte darüber hinaus aber auch Mittel für die Organisation der

Fachtagung sowie für die weitere wissenschaftliche Bearbeitung des Bestandes

bereit. Als Kenner und Liebhaber von Malerei des 19. Jahrhunderts trug schließlich

auch ein Erfurter Unternehmer großzügig zur Finanzierung von Projekt und Tagung

bei.

Die Tagung im Herbst 2021, deren Beiträge wir nun in diesem Band versammelt

finden, diente dem wissenschaftlichen und kollegialen Austausch. Fachspezialisten

aus ganz Deutschland, aber auch aus Schweden und Italien haben gemeinsam mit

den in Erfurt Tätigen Wesentliches zum aktuellen Stand der Forschung in den Themengebieten

Deutsche Landschaftsmalerei in Italien im 19. Jahrhundert und Friedrich

Nerly im Kontext der Zeitgenossen beigesteuert. Wir danken allen Menschen,

die Rat gebend, vermittelnd und fördernd zum Gelingen der Tagung und des Tagungsbandes

beigetragen haben! Besonders genannt seien hier Alice Goldet, Knut

Ljøgodt, Ger Luijten, Stefanie Mansfeld, Elena Marchetti, Elisabeth zu Sayn-Wittgenstein

und Hinrich Sieveking. Unser herzlicher Dank gilt neben allen Autorinnen

und Autoren dem Deutschen Kunstverlag für die sorgfältige Betreuung, Rudolf

Winterstein für sein kenntnisreiches Lektorat und Edgar Endl für die geglückte

visuelle Umsetzung.

Ich wünsche der Publikation zahlreiche interessierte Leser und unserem Nerly-

Projekt gutes Gelingen bis zum Abschluss im Jahr 2024!

Kai Uwe Schierz

Direktor der Kunstmuseen Erfurt

11


12

Kai Uwe Schierz


Claudia Denk

REFRAMING NERLY

EINE EINFÜHRUNG

Maler wie Nerly sind rüstigen, kühnen Wanderern vergleichbar, die sich

Bahn brechen durch irgend ein merkwürdiges Gebirgsland, […], in

Höhen und Tiefen den Wundern der Natur nachspüren, und durch ihre

Schilderungen des Erlebten dann die horchenden, angenehm erstaunten Mitgenossen

erfreuen: der Art ist der frische Hauch, der durch alle Werke Nerly’s weht.« –

Mit diesen Worten wurde Friedrich Nerlys künstlerisches Vorgehen 1846 in den

Österreichischen Blättern für Literatur und Kunst charakterisiert. 1 Was hier anekdotisch

im Sinne einer sich im Naturkontakt sensuell »erfrischenden« Gattung beschrieben

wird, weist den Weg für ein Verständnis seiner frühen, zu Recht hochbewerteten

Ölstudien, die er vorzugsweise in dem neu entdeckten Bergdorf Olevano

im römischen Hinterland malte (Abb. 1). Zugleich aber, und dies wird in der Nerly-

Forschung bislang gerne übersehen, gewährt dieser Einblick in Nerlys künstlerische

Methode als mobiler Freilichtmaler auch einen wesentlichen Zugang zu seinem

lange mit Vorbehalten belegten venezianischen Hauptwerk.

Der Praxis des Malens unter freiem Himmel, der sich Nerly seit seiner Lehrzeit

bei Carl Friedrich von Rumohr und seinen frühen Jahren im römischen Umland

widmete, blieb er sein Leben lang treu – auch noch, als er sich während seiner

langjährigen venezianischen Schaffenszeit vom Wanderer zum zeichnenden und

malenden Spaziergänger wandelte bzw. als er sich auf dem Wasser in Gondeln fortbewegte.

Seine fortwährende Suche nach immer neuen Perspektiven war auch in

Venedig erfolgreich, so im nahen Bereich, in Ansichten kleiner, sich im Wasser

spiegelnder Mauerabschnitte. Wie Bernhard Maaz in seinem Beitrag zeigen kann

(siehe dort Abb. 3 u. 47), mündeten diese Studien schließlich in Nerlys mehrfach wiederholtem

Liebesbild, dem ›Haus der Desdemona‹ in Venedig (siehe dort Abb. 49), das

unmittelbar von Gioachino Rossinis freier Opern-Adaption (1816) nach Shakespeares

Othello (1603/04) inspiriert ist. Im Zuge seines Unterwegsseins eroberte sich

Nerly neue Wahrnehmungsmöglichkeiten und im Sinne eines maltechnischen

Transfers brachte er nicht nur die Pleinairmalerei von Rom nach Venedig, sondern

mit der deutschen Mondscheinromantik verlegte er die neue Praxis des Umherstreifens

vom Tag in die Nacht, so dass ihm die entscheidende Erneuerung der von

Canaletto geprägten Venedig-Vedute durch ihre lunare Verwandlung gelang. Er

< Ausschnitt aus Abb. 1, S. 14

13


wusste die Stadt als Epizentrum des beginnenden Tourismus für sich zu nutzen.

Mit den 36 Varianten der Piazzetta in Venedig bei Mondschein erzielte er einen frühen

Welterfolg; stellvertretend sei hier auf eine überaus qualitätvolle, signierte und

auf 1849 datierte Version in Privatbesitz verwiesen (Abb. 2).

Der nun vorliegende Tagungsband steht in engstem Zusammenhang mit dem

Bestandserforschungsprojekt der Gemälde Nerlys am Angermuseum, das sich insbesondere

durch einen reichen Bestand zu seinen frühen römischen Ölstudien

sowie zu seinen späteren venezianischen Nocturnes auszeichnet. Der Versuch einer

Rekonstruktion des ursprünglichen Umfangs bildet einen zentralen Pfeiler des

Projekts, verbunden mit dem Ziel, nicht nur die Ursachen für die zahlreichen Abgänge

zu ermitteln, sondern auch möglichst viele verlorene Werke wieder ausfindig

zu machen. Wichtige Ergebnisse liegen bereits vor, wie dies der in den Tagungsband

einführende Beitrag von Thomas von Taschitzki darstellen kann, der überdies

anhand neu aufgefundener Quellen die schrittweise Gründungsgeschichte des Angermuseums

in Verbindung mit der Nachlass-Schenkung beleuchtet.

Mit der Idee, den Erfurter Nerly-Nachlass der Gemälde – einschließlich des umfangreichen

Ölstudien-Konvoluts – in einem Bestandserforschungsprojekt zu bearbeiten,

entstand der Wunsch, möglichst von Beginn an in einen Austausch mit

Kolleginnen und Kollegen aus der Kunstgeschichte, aber auch aus der Restaurierung

und Kunsttechnologie zu treten. Im Sinne eines »Reframing« 2 soll Nerly dabei

unter neuen Perspektiven betrachtet werden und die alten Kontexte, in denen er

Abb. 1 Friedrich Nerly, Landschaft bei Olevano, 25,8 × 40 cm, 1829/35, Öl auf Papier auf Pappe.

Staatliche Kunsthalle Karlsruhe (wohl aus dem Teilnachlass von Eduard von Hagen),

Inv.-Nr. 2827

14

Claudia Denk


Abb. 2 Friedrich Nerly, Die Piazzetta in Venedig bei Mondschein, 1849, Öl auf Leinwand,

64,5 × 88 cm. Privatbesitz

eher zu einer Randfigur der Kunstgeschichte wurde, durch neue ersetzt werden,

indem er beispielsweise als besonders ausgewiesener Vertreter des neuen Typus

des Landschaftsmalers als Reisekünstler gesehen wird. Diesem unter den Landschaftsmalern

sehr verbreiteten, einen entscheidenden Wandel herbeiführenden

Typus wurde in jüngerer Zeit im Rahmen von Forschungsprojekten der Christoph

Heilmann Stiftung nachgegangen. 3 Auf Reisen gingen im Jahrhundert der Beschleunigung

und Verwandlung 4 fast alle Landschaftsmaler, nur die wenigsten

wählten aber die Mobilität derart weitreichend zu ihrem Lebens-, Schaffens- und

Verkaufsprinzip.

Pleinair- versus Atelierkunst.

Nerlys Rezeption in der Kunstgeschichte

Unter dem Eindruck der Pleinairmalerei des Impressionismus, die dem späten

19. Jahrhundert den Aufbruch in die Moderne erbrachte, bewertete die Kunstgeschichte

Nerlys Werk für lange Zeit ungleichgewichtig. Seine frühen Leistungen

im Bereich der Ölstudie als dem neuen Leitmedium der Gattung Landschaft und

sein intensives Bemühen um eine Darstellbarkeit lichtdurchfluteter Landschaften

(Abb. 1) erfuhren eine über mehr als ein Jahrhundert hinweg andauernde positive

Reframing Nerly 15


Bewertung. Sein eigentliches, in Venedig ab 1837 entstandenes Hauptwerk wurde

indessen ebenso lange als gängige Marktware ohne angebrachte Differenzierungen

beiseitegeschoben.

Als Erster verwies Franz Meyer mit Blick auf seine römischen Ölstudien in der

bislang einzigen, 1907/08 erschienenen Nerly-Monographie auf seine großen Verdienste.

Nerlys venezianisches Werk schätzte er dagegen gering: »Er [Nerly, Anm.

d. Autorin] hatte eine Ahnung von der stillen Gewalt der Schönheit in einem einfachen

Stück Natur, […]. Umso melancholischer stimmt uns deswegen, wenn wir

verfolgen müssen, wie unter der Gestaltung der Lebensverhältnisse sich seine

Werke veräußerlichen, […]. So müssen wir uns mit den wenigen bedeutenden Gemälden

begnügen, […], und im übrigen dankbar das genießen, was uns in seinen

köstlichen Studien und Skizzen seine Hand weist.« 5

Auch für den Parteigänger des von Frankreich ausgehenden Impressionismus

und ersten Direktor der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark, wiesen die frühen

römischen Ölstudien Nerly »einen ganz hervorragenden Platz unter den Landschaftsmalern

der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts« 6 zu und so verwundert

es nicht, dass er qualitätvolle Beispiele aus dem zweiten Teilnachlass als

Schenkungen für sein Museum sicherte (Abb. 3). 7 Für ein Studium dieser unter

freiem Himmel entstandenen Malereien empfahl Lichtwark aber den reichen Nachlass-Bestand

des Angermuseums zu konsultieren, 8 der zu seiner Zeit, wie dies Thomas

von Taschitzki anhand archivalischer Quellen rekonstruieren kann, noch seinen

ursprünglichen Umfang von 144 sowohl römischen als auch venezianischen

Ölstudien aufwies. 9

Über die Jahre des geteilten Deutschlands hinweg blieb die Bevorzugung von

Nerlys frühen Ölstudien unangefochten. Mit der Erwerbung des zweiten großen

Teils des Nachlasses aus dem Besitz der Nachfahrin von Nerlys Neffen Eduard von

Hagen durch die Kunsthalle Bremen in den frühen 1950er Jahren, 10 wurde durch

Günter Busch und Horst Keller Nerly in diesem Sinne »nach langer Zeit der Verkennung

[…] durch eine hochmütige Kunstgeschichtsschreibung« eine »Ehrenrettung«

zuteil. 11 Auf der anderen Seite der Mauer, unter dem Eindruck des sozialistischen

Realismus, verfolgte wiederum die verdiente Erfurter Nerly-Forscherin

Mechthild Lucke, die 1978 im Angermuseum die bislang größte Nerly-Ausstellung

ausrichtete, eine Rehabilitierung mit Verweis auf sein Frühwerk. 12 Diesen Standpunkt

griff sie 1991 erneut auf, als mit den Erfurter Nerly-Beständen eine Ausstellung

zu Nerly und dem Künstlerkreis um Carl Friedrich von Rumohr ausgerichtet

wurde: »Neben dem hochbegabten, aber schon 26jährig gestorbenen Franz Horny

ist Friedrich Nerly zweifellos der bedeutendste unter den Schülern Rumohrs. Das

gilt in erster Linie im Hinblick auf sein in Rom entstandenes Frühwerk, […].« 13 Für

Lucke ist es kaum erklärlich, dass sich Nerlys Schaffen von einer »realistischen

Landschaftsmalerei« in seinen venezianischen Jahren zu einem rückwärtsgewandten,

noch deutlich romantisch geprägten Spätwerk entwickelte, treten doch

16

Claudia Denk


Abb. 3 Friedrich Nerly, Römischer Balkon, 1834, Öl auf Papier auf Leinwand, 43,4 × 57 cm.

Hamburger Kunsthalle, Inv.-Nr. HK 1191

»[…] die unterschiedlichen Richtungen in seinem Schaffen in einer zeitlichen Abfolge

in Erscheinung, die der von der Kunstwissenschaft als folgerichtig erachteten

Entwicklung vollkommen zuwiderläuft«. 14

Nerlys Ölstudien aus seiner römischen Zeit (Abb. 1 u. 2) zählen berechtigterweise

bis heute zum kunsthistorischen Kanon der in Rom entstandenen wegweisenden

Pleinairmalerei. Mit deren Wiederentdeckung seit den 1980er Jahren wurden Nerlys

Ölstudien deshalb in die einschlägigen Ausstellungsprojekte integriert, die sich

mit der naturnahen, frischen und informellen Seite der damaligen Landschaftsmalerei

beschäftigten. 15 Folgerichtig sind Nerlys wichtigste Erfurter Ölstudien auch

prominent in der Ausstellung der Villa Massimo Olevano Romano – Vermessung

eines Mythos vertreten. 16

Gegenüber dieser langwährenden Privilegierung von Nerlys frühen Ölstudien

erfolgte nach der Jahrtausendwende eine Öffnung gegenüber seinem venezianischen

Hauptwerk, das ihm einst über die europäischen Grenzen hinaus Ruhm,

positive Kunstkritiken 17 sowie Käufer aus aller Herren Länder verschaffte. Die 2007

unter der Leitung von Wolfram Morath-Vogel von Erfurt ausgehende Ausstellung

Römische Tage – Venezianische Nächte widmete sich seinem Früh- und Hauptwerk

erstmals ohne qualitative Bewertungen. 18 Daran anschließend konnte Johannes

Reframing Nerly 17


Myssok zeigen, wie weitreichend Nerlys Perspektiven auf die Lagunenstadt durch

die Literatur geprägt waren, indem er sich mit Shakespeare auf die Spuren Othellos

begab oder sich intensiv mit dem Leben Lord Byrons in Venedig beschäftigte,

der sein Epos Childe Herold’s Pilgrimage (1812/18) teilweise dort verfasst hatte. 19

›Inventing Friedrich Nerly‹ – Carl Friedrich von Rumohrs

außergewöhnliches Erziehungsexperiment

Um Nerlys Leistungen in beiden Bereichen, seine en plein air gemalten Studien und

seine vielfach literarisch inspirierten Ateliergemälde, differenzierter beurteilen zu

können, gilt es einen genauen Blick auf die Entstehungsumstände zu werfen, seine

Ausbildungszeit und seine Motivation, sich beständig in Venedig niederzulassen.

Zu Nerlys Zeit wurde die Landschaftsmalerei vom Kopf auf die Füße gestellt: Die

frühen Pleinairmaler hatten einen entscheidenden Anteil am Wandel der Gattung

Landschaft von einer Ideenmalerei, die sich erdachter Bildwelten bediente, hin zu

einer Erfahrungskunst mit großem Wirklichkeitssinn. Nerly verdankte dabei seine

erfolgreiche Partizipation am Kreis der frühen deutschen Pleinairmaler in Rom

ganz wesentlich seiner Lehrzeit bei Carl Friedrich von Rumohr (Abb. 4) als unter

anderem eigenwilligsten Kunstpädagogen seiner Zeit, 20 auf den überdies in diesem

Tagungsband in zwei Beiträgen Bezug genommen wird. 21

Zweifellos machte Rumohr Nerly zu dem, was unter dem Verdikt einer zu großen

Marktgerechtigkeit gerne übersehen wird, nämlich zu einem künstlerisch bestausgebildeten,

sich der neuen wirtschaftlichen Situation äußerst geschickt anpassenden

und damit schließlich zu einem der erfolgreichsten Landschafts- und Vedutenmaler

seiner Zeit. Rumohr stand ihm auch nach seiner Ausbildungszeit auf dem

Gut Rothenhausen weiterhin zur Seite, führte ihn nach Italien und dürfte letztlich

hinter der sich gerade auch ökonomisch erfolgreich erweisenden Entscheidung

Nerlys gestanden haben, nicht in die Heimat zurückzukehren, sondern Venedig als

beständigen Wirkungsort zu wählen.

Rumohrs einzigartiges kunstpädagogisches Experiment, das er seinem jungen

Schützling angedeihen ließ, ist zu sehen in der Nachfolge von Pierre-Henri de Valenciennes’

Neuausrichtung der Landschaftsmalerei als Reisekunst, dessen Ratgeber

für die reisenden Landschaftsmaler bereits 1803 in einer deutschen Übersetzung

vorlag und in dem er auch die neue, der zeichnerischen Naturerfassung

Konkurrenz machende Ölstudienpraxis unter freiem Himmel propagierte. 22 Rumohrs

in seinen Drey italienischen Reisen (1832) niedergelegten Ausführungen zur

Künstlerausbildung machen deutlich, dass auch er schon sehr bald das neue Naturstudium

in Öl favorisierte. 23

Obgleich der als Amateurkünstler vorzugsweise zeichnende Rumohr zunächst

der Kunstauffassung der Nazarener nahestand – womit auch die Förderung seines

ersten Meisterschülers, des begabten Zeichners Franz Horney zu verbinden ist –, 24

18

Claudia Denk


Abb. 4 Friedrich Nerly,

Bildnis von Carl Friedrich

von Rumohr, 1827,

Öl auf Leinwand,

31 × 25 cm. Staatliche

Museen zu Berlin,

Nationalgalerie

hatte er sich in dem durch Ludwig Richter kolportierten Wettstreit zwischen den

Nationen in den 1820er Jahren in Rom früh auf die Seite der Franzosen geschlagen.

Damals stellte sich die Frage, welches Medium geeigneter für die Naturnachahmung

sei, der gespitzte deutsche Bleistift oder der breite französische Borstenpinsel

mit Ölfarbe, oder in den Worten Richters: »Die französischen Maler mit ihren

Riesenkasten brauchten zu ihren Studien ungeheure Quantitäten von Farbe, welche

mit großen Borstenpinseln halb fingerdick aufgepatzt wurden. […] Dagegen

wir: da wurde – gerade umgekehrt – mehr gezeichnet als gemalt. Der Bleistift

konnte nicht hart, nicht spitz genug sein, um die Umrisse bis ins feinste Detail fest

und bestimmt zu umziehen.« 25

Für eine Einschätzung von Nerlys Landschaftskunst ist Rumohrs Kehrtwende

insofern wesentlich, da er den Seitenwechsel zur Farbe bereits vollzogen hatte, als

er Nerly 1823 auf sein Gut Rothenhausen nahm. Für die deutsche Künstlerausbildung

radikal übersprang Rumohr mit seinem Schützling die Phase des alleinigen

Reframing Nerly 19

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