Hinterglasgemälde
ISBN 978-3-422-99231-3
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HINTERGLAS
GEMÄLDE
AUS VIER JAHRHUNDERTEN IM
SCHAEZLERPALAIS
AUGSBURG
2
Wolfgang Steiner
HINTERGLAS
GEMÄLDE
AUS VIER JAHRHUNDERTEN IM
SCHAEZLERPALAIS
AUGSBURG
Bestandskatalog der Kunstsammlungen und Museen Augsburg
aus der Sammlung Steiner
Unter Mitarbeit von Christof Trepesch und Alexandra Ulrich
4
INHALT
7
VORWORT
9
AUGSBURG UND DIE HINTERGLASGEMÄLDE-SAMMLUNG
VON GISELA UND PROF. WOLFGANG STEINER
Christof Trepesch
15
VORSICHT, ZERBRECHLICH!
DIE KUNST DER HINTERGLASMALEREI
Wolfgang Steiner · Alexandra Ulrich
27
KATALOG
330
LITERATURVERZEICHNIS
334
KÜNSTLERREGISTER
336
IMPRESSUM UND BILDNACHWEIS
5
VORWORT
Das Sammlerehepaar Gisela und Prof. Wolfgang Steiner hat
über mehrere Jahrzehnte hinweg die bedeutendste europäische
Privatsammlung an Hinterglasgemälden mit inzwischen
mehr als 700 Objekten zusammengetragen. Die in
München und am Mondsee beheimatete Kollektion ist aufgrund
ihrer qualitativen Dichte und ihres Umfangs einzigartig,
da sie nicht nur hoch qualitätsvolle Beispiele von der
Zeit der Renaissance bis zum frühen 19. Jahrhundert beinhaltet,
sondern auch geografisch einen weiten Bogen spannt:
Schwerpunkt sind die deutschen Produktionszentren, hier
vor allem der gesamte süddeutsche Raum, ferner die angrenzenden
Regionen und Länder, darunter Österreich, Italien,
Böhmen, die Schweiz, Flandern, die Niederlande und bis
nach China mit Hinterglasgemälden für den europäischen
Markt. Das wichtigste Zentrum der Kunst der Hinterglasmalerei
aber bildete die freie Reichsstadt Augsburg, die im
18. Jahrhundert Maßstäbe setzte, da sich dort der so genannte
»Augsburger Stil« herausbildete, der in ganz Europa populär
wurde. Vor diesem Hintergrund ist der Erwerb für die Augsburger
Museen geradezu eine ideale Ergänzung ihrer bedeutenden
Bestände, welche vielfältige Schwerpunkte umfassen,
darunter herausragende manieristische Plastik, kostbare Silberschätze,
bedeutende Barockmalerei und vieles mehr.
Durch die gemeinsame Kraftanstrengung mehrerer Partner
ist es im Jahr 2021 gelungen, ein herausragendes Konvolut
von insgesamt 153 Hinterglasgemälden für die Kunstsammlungen
und Museen Augsburg zu erwerben. Die Ernst von
Siemens Kunststiftung, die Kulturstiftung der Länder und
die Staatsministerin des Bundes für Kultur und Medien
waren die drei maßgeblichen Förderer des Ankaufs. Unterstützt
wurden sie vom Freistaat Bayern, der Stadt Augsburg
sowie einem privaten Sponsor. Allen gemeinsam ist dieser
großartige Erwerb gelungen, der fortan einen Meilenstein
innerhalb der Sammlungsgeschichte des städtischen Museumsverbundes
der Kunstsammlungen und Museen Augsburg
darstellen wird.
Mit vorliegendem Bestandskatalog werden sämtliche
neu erworbenen Hinterglasgemälde erstmals geschlossen
präsentiert und wissenschaftlich dokumentiert. Zudem werden
die grafischen Vorlagen publiziert, die Prof. Wolfgang
Steiner für den Bestand identifiziert hat. Besonders erfreulich
ist in diesem Zusammenhang, dass viele der Originalstiche
ebenfalls zur Erwerbung zählen, sodass damit bereits
eine ideale Grundlage für die weitere Erforschung der europäischen
Hinterglasmalerei gelegt ist und die Kunstsammlungen
und Museen Augsburg so ihren Hinterglas-Schwerpunkt
weiter ausbauen können.
Wir danken allen, die beim Erwerb beteiligt waren, den
Gutachterinnen und Gutachtern, allen Fachleuten für ihre
Unterstützung und den politischen Mandatsträgerinnen
und Mandatsträgern, die sich mit großem Engagement der
Sache angenommen haben. Besonderer Dank gilt aber dem
Leitenden Museumsdirektor der Kunstsammlungen und
Museen Augsburg, Dr. Christof Trepesch, der den Ankauf
initiiert und mit großer Beharrlichkeit vorangebracht hat.
Zu guter Letzt danken wir den Autorinnen und Autoren des
vorliegenden Bestandskataloges und besonders Prof. Wolfgang
Steiner für seine grundlegenden Forschungen zur Hinterglaskunst,
die wesentlich zur Steigerung der Bekanntheit
dieser Kunstgattung beigetragen haben.
Prof. Dr. Markus Hilgert
Generalsekretär der Kulturstiftung
der Länder, Berlin
Markus Blume
Bayerischer Staatsminister für
Wissenschaft und Kunst, München
Claudia Roth
Staatsministerin des Bundes für
Kultur und Medien, Berlin
Dr. Martin Hoernes
Generalsekretär der Ernst von Siemens
Kunststiftung, München / Berlin
Eva Weber
Oberbürgermeisterin der
Stadt Augsburg
7
8
Christof Trepesch
AUGSBURG UND DIE
HINTERGLASGEMÄLDE-SAMMLUNG
VON GISELA UND PROF. WOLFGANG STEINER
Den Kunstsammlungen und Museen Augsburg ist es im
Jahre 2021 gelungen, 153 Hinterglasgemälde aus der Sammlung
Gisela und Prof. Wolfgang Steiner zu erwerben. Unter
der Federführung der Ernst von Siemens Kunststiftung
konnten die Kulturstiftung der Länder ebenso für das Finanzierungskonsortium
gewonnen werden, wie die Beauftragte
des Bundes für Kultur und Medien, der Freistaat Bayern
sowie ein privater Sponsor. Damit ist es gelungen, ein
bisher wenig beachteter Sammlungsbereich bei den Kunstsammlungen
und Museen Augsburg zum Schwerpunktthema
auszubauen. Im Bestand des Museums befanden sich
bisher lediglich 80 Hinterglasgemälde 1 sowie 60 Dauerleihgaben
aus der Sammlung Steiner. 2 Letztere sind in einem
eigens hierfür hergerichteten Raum im Erdgeschoss des
Schaezlerpalais dauerhaft der Öffentlichkeit zugänglich gemacht
worden, so dass der Hinterglaskunst schon eine entsprechende
Präsenz zugewiesen werden konnte.
Der Sammler Prof. Wolfgang Steiner
Der Sammler Prof. Wolfgang Steiner hat in vier Jahrzehnten
eine herausragende Sammlung von Hinterglasgemälden
aufgebaut, die heute sicherlich als die bedeutendste Privatsammlung
dieses Genres weltweit gelten darf. 3 Mit größter
Akribie, Sachverstand und Leidenschaft widmete er sich
dem Thema Hinterglasmalerei, das noch vor wenigen Jahrzenten
in der kunsthistorischen und volkskundlich-ethnologischen
Forschung allenfalls als Randthema in Erscheinung
getreten war.
Vor fast 20 Jahren veröffentliche Steiner erstmals seine
umfassenden Forschungen zu den Quellen der Hinterglaskunst,
die er damals unter dem Titel Hinterglas und Kupferstich.
Hinterglasgemälde und ihre Vorlagen 1550–1850 publizierte.
4 Mit diesem grundlegenden Werk war es ihm gelungen,
die Quellen der Hinterglasmalerei umfassend zu würdigen.
Steiners Ansatz gründete in der Bestimmung der Vorlagen
für die Hinterglasgemälde, d. h. der Identifikation der Hilfsmittel
für die Hinterglasmaler, die sich auf vielfältige Art und
Weise – mal kopierend, mal variierend bis hin zu eigenschöpferischen
Neuinterpretationen – mit grafischen Vorlagen
auseinandersetzten. Frieder Ryser (1920–2005), der bekannte
Sammler und große Kenner der Hinterglaskunst, schrieb im
Vorwort zu Steiners erstem Buch, dass er das Geschick des
Autors »beim Aufspüren der Vorlagen« besonders bewundere,
ebenso dessen scharfes Auge und ausgezeichnetes Bildgedächtnis,
das insbesondere im Hinblick auf die Seitenverkehrtheit
vieler Abbildungen eine besondere Herausforderung
darstelle. 5 Diesen besonderen Blick hat Wolfgang Steiner in
seinen weiteren Publikationen angewendet, so vor allem in
seinem opulenten, 2012 beim Deutschen Kunstverlag erschienenen
Standardwerk … eine andere Art von Malerey. Hinterglasgemälde
und ihre Vorlagen 1550–1850, das zugleich als
Ausstellungskatalog für die gleichnamige Ausstellung im
Schaezlerpalais diente. 6 Darin wird ein weiterer Teil seiner
Sammlung umfassend erschlossen und analysierend dargestellt.
Als vorbildlich und bis zu diesem Zeitpunkt ohne Vergleich
hat sich auch die durch Steiner initiierte Drucktechnik
des Buches erwiesen, denn die abgebildeten Hinterglasgemälde
sind mit einem besonderen Lack überzogen worden,
so dass der spezifischen Glanzoberfläche der Hinterglasmalereien
Rechnung getragen wird. Weitere Ausstellungen mit
Hinterglasgemälden aus der hier vorgestellten Sammlung
wie etwa Verborgene Schätze. Tiroler Hinterglasmalerei 1550–
9
Das Sammlerehepaar Gisela und Prof. Wolfgang Steiner
1850 im Diözesanmuseum Hofburg Brixen (2009) 7 oder
Landschaft in der Hinterglasmalerei des 18. Jahrhunderts im Pilatushaus
in Oberammergau (2013) 8 zeigen Steiners universelles
Verständnis vom Wesen der Hinterglaskunst, das er
systematisch zu erforschen und zu erschließen verhilft. Aber
auch der Bestandskatalog zu einer Privatsammlung Raimundsreuther
Hinterglasbilder ist inzwischen zu einem
Standardwerk geworden. 9
Wolfgang Steiner ist nicht nur ein bedeutender Sammler
und Kenner der Hinterglaskunst, sondern er ist auch ein
Netzwerker, der das Fachwissen der Spezialisten aus unterschiedlichen
Fachdisziplinen zu bündeln versteht. Er initiierte
2006 eine Fachtagung zur Hinterglaskunst, die seither
jährlich mit zunehmender Resonanz stattfindet und bisher
insgesamt über 700 Teilnehmer aus 14 Nationen verzeichnete.
Die 12. Hinterglastagung fand in Augsburg statt, konzipiert
und organisiert durch die Kunstsammlungen. 10 Diese
Tagungen fördern den Diskurs von Sammlern, Restauratoren,
Museumsfachleuten und Wissenschaftlern unterschiedlichster
Disziplinen bis hin zu Hinterglaskünstlern und dienen
dazu, die kulturhistorische Bedeutung und das Wissen
zur Hinterglaskunst weiteren Kreisen zugänglich zu machen.
Zum Profil der neu erworbenen Hinterglasgemälde
Die 153 neu erworbenen Hinterglasgemälde bilden einerseits
einen exemplarischen Querschnitt durch die Sammlung
Steiner, andererseits repräsentieren sie auch die unterschiedlichen
Produktionszentren der Hinterglaskunst Europas.
10
Der Schwerpunkt bei diesem Konvolut liegt hierbei auf
Werken aus Deutschland und den angrenzenden Regionen.
Die frühen Hinterglasbilder des 16. Jahrhunderts, wie
etwa die Mondsichelmadonna aus der Zeit nach 1500 (Kat. 7),
stellen den Beginn der Hinterglaskunst in den Kontext der
spätmittelalterlichen Tafelmalerei und dokumentieren die
besondere Wertigkeit dieser Kunstform in der Renaissancezeit.
Die Nähe zur Tafelmalerei wird auch durch die Wahl
der ikonografischen Themen deutlich, die sich in dieser Zeit
bereits durch Druckgrafiken europaweit verbreiteten. Das
17. Jahrhundert ist u. a. durch Johann Schapers (1621–1670)
Allegorie Amerika vertreten (Kat. 9) wie auch durch Gerhard
Janssens (1636–1725) Zimelie der Fußwaschung Christi
(Kat. 6), die in kostbarer Eglomisé-Technik ausgeführt wurde.
11 Von diesem Meister sind weltweit nur noch wenige
Werke erhalten.
Einen weiteren besonderen Schwerpunkt bilden Augsburger
Arbeiten. Die freie Reichsstadt Augsburg war das
wichtigste Zentrum der Hinterglasmalerei im 18. Jahrhundert.
Hier bildete sich der »Augsburger Stil« heraus (oftmals
auch als Malschule Augsburg bezeichnet), der in ganz Europa
populär wurde. Paul von Stetten beschreibt in seiner
Kunst-, Gewerb- und Handwerksgeschichte der Reichs-Stadt
Augsburg von 1779 die weltweite Bekanntheit und Bedeutung
der Augsburger Hinterglasproduktion: »Es ist hier noch
eine andere Art von Malerey in Uebung, welche, besonders wann
nicht eben Kunstarbeiten verlangt werden, zu Auszierung der
Zimmer und Kabinete sehr dienlich, und deswegen an vielen
Orten sehr beliebt ist, nämlich die Malerey auf Glas. Es ist nicht
diejenige, welche vor Zeiten beliebt war, und zur Zierde der Kirchenfenster
gebraucht wurde, welcher ich oben gedacht habe; auch
nicht diejenige, welche Baumgartner gleichsam erfand, wie ich
auch schon angeführet habe, wozu er Terpentin gebrauchte. Sie
bedient sich der gewöhnlichen Oelfarbe, doch erfordert die verkehrte
Art, sie aufzutragen, einen eigenen Mechanismum. Von
dieser Art werden durch die Herren Bauren, Bersauter, Lederer
und andere sehr schöne und feine Arbeiten gemacht, welche auch
bis nach Portugall, Spanien und in die amerikanischen Colonien
gebracht werden. Zwar werden sie meistens nach Kupferstichen
verfertiget, allein die Colorit erfordert einen eigenen Künstler,
und diejenigen, welche darinn sich besonders hervorthun, sind so
gut als andere darunter zu zählen.« 12
In der Sammlung Steiner sind etliche qualitätvolle
Augsburger Hinterglasgemälde vertreten, die meisten davon
können jedoch keinem bestimmten Meister zugeordnet
werden, da sie unsigniert sind. Es handelt sich um so charakteristische
Themen wie Erdteile- und Jahreszeiten-Allegorien,
Schäferidyllen, aber auch alttestamentarische Themen,
Heiligendarstellungen und Porträts, wie das des letzten
Augsburger Fürstbischofs Clemens Wenzeslaus (Kat. 78).
Zwischen 1730 und 1800 waren in Augsburg bis zu 13
Meister tätig, darunter der berühmte Johann Wolfgang Baumgartner
(1702–1761), von dem gleich zehn Werke in der Sammlung
Steiner vertreten sind, wovon nun sechs ihren Weg in
unsere Kunstsammlungen gefunden haben (Kat. 10–15). Nur
er verwendete eine spezifische Technik der Hinterglas-Farbradierung,
die in keinem anderen Hinterglaszentrum der Welt
jemals Einsatz fand. Von Baumgartner existieren nach derzeitigem
Wissen insgesamt nur 38 Werke. 13 Eine ebenfalls spezifische
Hinterglastechnik verwendete auch Niklaus Michael
Spengler (1700–1776), der als Hofmaler der Landgrafen von
Hessen-Darmstadt tätig war (Kat. 50). Seine Eglomisé-Technik,
also das Arbeiten mit Lüsterfarben, hinterlegt mit dünnen
Gold- und Silberfolien, erzeugt ein einzigartiges leuchtendes
und repräsentatives Erscheinungsbild. Abgerundet
werden die deutschen Kunstlandlandschaften durch Johanna
Elisabeth Weydmüller-Krügers (1725–1807) herausragendes
Blumenstillleben (Kat. 20), das aus den Sammlungen des sächsischen
Königshofs stammt und sich auf die niederländische
Stilllebenmalerei des 17. Jahrhunderts beziehen lässt.
Aus Böhmen ist ein Inkunabel-Werk Vincenz Jankes
(1769–1838) hervorzuheben. Anhand der Taufe Christi im Jordan,
das die Signatur »Janke Vin. Hayde« aufweist (Kat. 128),
ist es Wolfgang Steiner gelungen den nordböhmischen Hin
11
Blick in die Ausstellung … eine andere Art von Malerey – Hinterglasgemälde und ihre Vorlagen 1550–1850
im Schaezlerpalais, Kunstsammlungen und Museen Augsburg, 2012
terglasmaler zu identifizieren und eine ganze Werkgruppe
zu lokalisieren, die 2017 in einer umfassenden Ausstellung
im Nordböhmischen Museum in Liberec präsentiert und in
einer umfangreichen Monografie publiziert wurde. 14 Inzwischen
werden dem Maler rund 180 Werke zugeschrieben.
Auch Kaufbeuren am nordöstlichen Rand des bayerischen
Allgäus hatte im 18. Jahrhundert unter dem Einfluss
der Augsburger Hinterglasmalerei eine beachtenswerte
Hinterglaskunst entwickelt, die hauptsächlich für einen südschwäbischen
protestantischen Käuferkreis produzierte. 15
Bekannt ist die Vorliebe für weltliche Themen, z. B. Immerwährende
Kalender oder Jagdbilder. In der Sammlung Steiner
ist das Johann Matthäus Bauhoff (1716–1788) zugeschriebene
Porträt Friedrichs des Großen vertreten, das nach einem
Stich des Augsburger Kupferstechers Johann Esaias Nilson
(1721–1788) entstanden ist (Kat. 77).
Unter den Tiroler Arbeiten finden sich eine frühe Kreuzabnahme
(Kat. 3) sowie eine Verkündigung (Kat. 1) jeweils aus
der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, aber auch die charakteristischen
Heiligenbilder bzw. Allegorien mit Verwendung
des für Tirol typischen Kupfergrüns. Werke aus Italien,
England, dem Elsass und der Schweiz runden die Sammlung
ab und verweisen auf andere wichtige Zentren der Hinterglaskunst.
Zur Bedeutung der Sammlung
Die Sammlung Gisela und Prof. Wolfgang Steiner ist nicht
nur durch ihren Umfang und ihre Vielfältigkeit als einmalig
zu bezeichnen, sondern vor allem auch durch die künstlerische
Qualität der hier zusammengeführten Hinterglasbilder.
Besondere Bedeutung erhält sie zudem dadurch, dass sie
qualitativ hochwertige Beispiele aus allen Produktionslandschaften
der Hinterglasmalerei enthält. Durch diesen exemplarischen
Ansatz kann das Produktionsspektrum der Hinterglaskunst
umfassend museal abgebildet und präsentiert
werden. Neben diesen malerischen und exemplarischen
12
Qualitäten sind auch die materialspezifisch-technischen Besonderheiten
(z. B. Eglomisé-Technik, Radier-Techniken,
»trügerische« Hinterglasmalerei u. a.) zu erwähnen. Zudem
besitzt die Sammlung eine ganze Reihe von sehr seltenen
signierten Hinterglasbildern, die das Werk bestimmter
Maler dokumentieren.
Ein weiterer wichtiger Aspekt, der die Bedeutung der
Sammlung unterstreicht, ist die Tatsache, dass die graphischen
Vorlagen zu zahlreichen Bildern in der Sammlung
Steiner vorhanden sind, so dass sich die Wege der Vorlagenfindung
konkretisieren lassen. Es existiert keine weitere
Hinterglasgemäldesammlung bei der gut zwei Drittel der
Werke hinsichtlich ihrer grafischen Vorlagen erschlossen ist,
geschweige denn, dass die originalen Vorlagen in Form von
Grafiken zu der Sammlung selbst gehören.
Nicht unerwähnt bleiben soll der einwandfreie technisch-konservatorische
Zustand, der durch eine fachmännische
und auf Hinterglasgemälde spezialisierte Restauratorin
gewährleistet wurde. Durch die international renommierte
Restauratorin Simone Bretz konnten mit modernster Technologie
und aktuellen Methoden Schäden an Bildern behoben
werden. Viele Bilder haben auch noch den originalen
Rahmen und dort, wo er fehlte, wurde er durch den Stil entsprechende
ersetzt.
Die neu erworbenen 153 Hinterglasgemälde bilden nunmehr
gemeinsam mit den 80 Werken aus dem Eigenbestand
den Grundstock einer wichtigen Museumssammlung, bei
der für die Zukunft zu wünschen ist, dass noch weitere
Werke aus dem Bestand der Hinterglasgemäldesammlung
von Gisela und Prof. Wolfgang Steiner als Ergänzung hinzukommen
werden.
Dr. Regina Kaltenbrunner (1963–2020), ehemalige Direktorin
des Salzburger Barockmuseums, charakterisierte
diese Sammlung einmal wie folgt: »Qualität, Quantität, Provenienz,
nach wissenschaftlichen Kriterien vorgenommene Katalogisierung
und Inventarisierung, der einwandfreie konservatorische
Zustand aller Arbeiten dank der vorgenommenen
restauratorischen Maßnahmen – das alles macht die Sammlung
zu einem Musterbeispiel. Dementsprechend sollten die weitere
Pflege und eine wünschenswerte Erweiterung dieser einzigartigen
Sammlung ermöglicht bzw. als Verpflichtung wahrgenommen
werden.
Die Entscheidung des Sammlers sich selbst um die Zukunft
seiner Sammlung zu kümmern, ist ein Glücksfall – für die
Sammlung und für das ausgewählte Museum. Die Leidenschaft
und die Expertise des Sammlers sind schon längst anerkannt. Sie
kann nun mit der mehr als gerechtfertigten Auszeichnung seiner
Sammlung als museumswürdig belohnt werden.«
Anmerkungen
1 Trepesch 2008. Dort waren 25 Werke verzeichnet, inzwischen kamen
55 weitere hinzu, so dass der Gesamtbestand nunmehr 80 Werke
umfasst.
2 Steiner 2017.
3 Trepesch 2013.
4 Steiner 2004.
5 Ebd., S. 6.
6 Steiner 2012.
7 Steiner 2009.
8 Steiner 2013.
9 Steiner 2018.
10 Die Tagung fand vom 7.–8. Oktober 2022 im Maximilianmuseum statt.
11 Hierzu: Steiner 2015.
12 Stetten 1779, S. 359 f.
13 Ausst. Kat. Augsburg 2012. – Seither sind 16 weitere Werke hinzugekommen.
14 Ausst. Kat. Liberec 2017.
15 Weber u. a. 2017.
13
14
Wolfgang Steiner · Alexandra Ulrich
VORSICHT, ZERBRECHLICH!
DIE KUNST DER HINTERGLASMALEREI
»Glück und Glas, wie leicht bricht das« – Sprichwörter wie
dieses sind nur ein Beispiel dafür, wie sehr die Zerbrechlichkeit
von Glas in unser Allgemeindenken eingegangen ist.
Und jedes Paket mit zerbrechlichem Inhalt wird mit der
Aufschrift »Vorsicht, Glas!« gekennzeichnet. Warum also
wählt man überhaupt etwas derart empfindliches als Bildträger
für kostbare Gemälde, und seit wann gibt es diese
Kunst der Hinterglasmalerei?
In unserer heutigen Zeit, in der wir überall von Glas umgeben
sind – man denke nur an die riesigen Schaufensterfronten
in den Fußgängerzonen – ist die Faszination, die
dieser Werkstoff seit Tausenden von Jahren ausübt, nur mehr
schwer nachvollziehbar. Der »lichtdurchlässige, meist durchsichtige,
leicht zerbrechliche Stoff, der aus einem geschmolzenen
Gemisch hergestellt wird und als Werkstoff (z. B. für Scheiben,
Gläser) dient« – so die Definition des Dudens für Glas – wird
heute standardisiert und in einer immer gleichbleibenden
Perfektion hergestellt, ist ständig und überall verfügbar und
längst alltäglich und selbstverständlich geworden. Doch natürlich
war das zu Zeiten, als Glas ein seltener und hochbegehrter
Werkstoff war, gänzlich anders.
Unser Wort Glas leitet sich von dem germanischen Wort
»glaesum« ab, was »das Glänzende, Schimmernde« bedeutet
und ursprünglich für die Bezeichnung von Bernstein verwendet
wurde. Glänzend und schimmernd präsentieren sich
auch die Zeugnisse der Hinterglasmalerei. Während heute
Kunstwerke in Museen hinter entspiegeltem Glas gezeigt
werden, damit keine Reflexion den Kunstgenuss trübt und
keine Lichtbrechung den Blick auf das Werk dahinter verzerrt,
würde ein Hinterglasbild – auf ein derartiges Glas gemalt
– jeglichen Reiz verlieren. Denn ein solches lebt von
eben jenen Reflexionen und Lichtbrechungen, die von Unregelmäßigkeiten
der Oberfläche verursacht werden, wie
man sie nur auf altem Glas findet.
Betrachtet man ein Hinterglasgemälde, so scheint es
meist nicht sofort greifbar, das einfallende Licht erzeugt je
nach Standpunkt und Blickwinkel immer andere Reflexe
und Brechungen. Spiegelungen täuschen das Auge, verführen
dazu, näher an das Bild heranzugehen, es von links zu
betrachten, dann von rechts – und dabei die Einzelheiten der
Darstellung in aller Tiefe zu erkennen.
Zur Technik der Hinterglasmalerei
Dieses Spiel mit den Sinnen übt auf den Betrachter einen
Zauber aus, der nur allzu oft vergessen lässt, wie kompliziert
und mühsam die Hinterglasmalerei ist. Anders als bei der
Tafelmalerei können während des Malprozesses keine Korrekturen
vorgenommen werden. Da der Malgrund gleichzeitig
die Sichtfläche des Bildes darstellt, bleibt jeder falsch
gesetzte Pinselstrich sichtbar, eine Übermalung ist nicht
möglich. Deshalb bedienten sich die Hinterglasmaler sehr
oft Kupferstichen oder anderer Druckgraphiken, die sie auf
das Glas pausten oder nach denen sie selbst Risse anfertigten,
um so zumindest die Konturen ihrer Bilder sicher auf
das Glas zu bringen.
Die klassische Malweise für ein Hinterglasgemälde ist
der Auftrag von opaken und lasierenden Farben vom Vordergrund
ausgehend in den Hintergrund. In umgekehrter
Reihenfolge zur üblichen Tafelmalerei werden also zunächst
Konturen und Details wie Spitzlichter, Augen, Mund, Verzierungen
etc. aufgebracht, der Hintergrund wird erst zum
Schluss gemalt. 1
15
Neben diesen nur mit dem Pinsel aufgetragenen Hinterglasbildern
gibt es die Techniken des Églomisierens und des
Amelierens. Bei églomisierten Bildern wird zunächst die jeweilige
Darstellung mit bunten, lasierenden Farben aufgetragen
und dann mit Metallfolien hinterklebt, während beim
Amelieren die erste Schicht aus Metall besteht, hinter der
eine oder mehrere Schichten Farbe folgen, die dann durch
eine weitere Lage von Metallfolien aus Silber, Messing o. Ä.
zum Leuchten gebracht werden. Bei der Hinterglasradierung
wird Blattgold oder -silber auf die Glasplatte geklebt
und die Darstellung radiert oder gekratzt und dann mit einer
kontrastierenden Farbe hintermalt.
Allen diesen Techniken ist jedoch gemein, dass man
dazu Flachglas von bester Qualität benötigt, reinweiß, ohne
grünlichen Farbstich, ohne Schlieren, Blasen und Rückstände,
also »un pezzo di vetro bianco, che non verdeggi, ben
netto, senza vesciche«, so der italienische Maler Cennino
Cennini um 1400 in seinem Libro dell’arte o trattato della pittura.
2 Glas sollte die Reinheit und Durchsichtigkeit des
Bergkristalls haben und tatsächlich ist der italienische Name
für das venezianische Glas des 15. und 16. Jahrhunderts, das
diesen Anspruch weitgehend erfüllt, »cristallo«.
Abb. 1
»Stiersprung«, älteste bisher bekannte Hinterglasmalerei aus dem Palast von
Knossos, um 1600–1450 v. Chr., Archäologisches Museum Heraklion, Kreta
Es begann von 3.500 Jahren
Nach heutigem Forschungsstand ist wohl das früheste
Zeugnis für Hinterglasmalerei ein bemaltes Plättchen aus
Bergkristall 3 , das heute im Museum von Heraklion auf Kreta
zu sehen ist und in die Zeit zwischen 1600 und 1450 v. Chr.
datiert wird. |Abb. 1| Das kleine Fragment zeigt einen Stiersprung
– eine für die minoische Kultur typische Szene, die
ihren Ursprung in einer wohl kultischen Handlung hat. Mit
feiner Feder und Pinsel gemalt, ist es ein einzigartiges Beispiel
für minoische Miniaturkunst und ein beeindruckender
Auftakt für 3 500 Jahre Hinterglasmalerei.
Weite Verbreitung finden in der Antike die sogenannten
»Fondi d’oro«, runde Medaillons, die als Boden für Glasbecher
und Schalen dienen und aus Gold- oder Metallfolie
ausgeschnittene, radierte Dekore zeigen, die zwischen zwei
Schichten Glas eingeschmolzen wurden. Diese Technik, die
sich wohl im 3. Jahrhundert vor Christus im Großraum Alexandria
entwickelte und während der gesamten römischen
Herrschaft bis ins 5. Jahrhundert nach Christus angewendet
wurde, schildert der Autor des sogen. Heraclius-Traktats
(11.–13. Jh.): »De coloribus et artibus Romanorum« im fünften
Kapitel »De fialis auro decoratis« (deutsch: »Von goldverzierten
Schalen«):
16
»Die Römer machten sich Schalen, auf sorgliche Weise mit
Gold ausgestattet, aus Glas, eine überaus kostbare Sache. Daran
habe ich meine Mühe aus höchstem Eifer gewendet […], dass ich
diese Kunst erringen möchte, in Folge welcher die Schalen herrlichen
Schimmer erhalten. […] Ich kam darauf, geschlagene Goldblätter
vorsichtig zwischen doppeltem Glase einzuschließen. Als
ich dieses Werk öfters mit Verstand betrachtet hatte, regte es mich
immer mehr und mehr an, bis ich mir einige Schalen von hellem,
glänzendem Glase suchte, die ich mit der Ausschwitzung, Gummi
genannt, mittelst eines Pinsels bestrich. Dann begann ich Goldplättchen
darauf zu legen, und sobald sie trocken waren, grub ich
Vögel, Menschen- und desgleichen Löwenbilder nach meinem Geschmacke
darauf ein. Als das geschehen war, zog ich geschickt eine
Hülle von Glas darüber, indem ich es beim Feuer dünn geblasen
hatte; sobald aber das Glas die gleichmäßige Hitze empfunden
hatte, schloss es sich ringsum dünn, in trefflicher Weise an.« 4
Auf gleiche Weise gearbeitete kleine Glasplättchen mit
floralen oder geometrischen Dekoren aus Blattmetall werden
in Syrien und Byzanz vom 8. bis zum 12. Jahrhundert
vermutlich zur Gestaltung von Altären verwendet. |Abb. 2| 5
Abb. 2
»Lebensbaum«, Fondo d’Oro, Byzanz um 1000 n. Chr. 5 ,
Sammlung Steiner (HGS 603)
Im Hochmittelalter dann wird Hinterglasmalerei in verschiedenen
Techniken in ganz Europa als Dekorationsform
verwendet, vorwiegend zur Gestaltung von Andachtsbildern,
liturgischem Gerät und Schmuck, aber auch in der
Innenarchitektur. Eine Mengenproduktion von Hinterglasmalereien
findet man zu dieser Zeit nicht, dafür war die
Nachfrage zu gering und die benötigten Glastafeln zu teuer. 6
Die erste Blütezeit der Hinterglasmalerei …
…setzt Mitte des 16. Jahrhunderts ein, als endlich qualitätvolles,
reinweißes Flachglas zur Verfügung steht. Erst im
Jahr 1455 hatte man Angelo Barovier in Venedig das Recht
zugestanden, »vetro cristallo« herzustellen, also reinweißes
Glas. Zuvor bezog man Glaserzeugnisse sowie Rohglas aus
Syrien zur Weiterverarbeitung, denn die europäischen Glashütten
waren bis zu Baroviers Erfindung nicht in der Lage,
reinweißes, kristallklares Glas zu produzieren. Man kann
sich also unschwer vorstellen, welchen Erfolg das venezianische
Cristallo verzeichnete! So verkündet zum Beispiel Pfarrer
Johannes Mathesius (1504–1565) in seiner Predigt vom
Glasmachen:
»waserley Cörper und himlisch wesen wird […] bekommen
werden, wenn unser leibe leuchten wie die liebe Sonne und klärer
denn ein Crystal oder rein Venedigisch glaß sein und in ewigkeit
bleiben wird […]« 7
Bald schon verbreitet sich das Geheimnis dieser Herstellungmethode
– obwohl von der Republik Venedig
strengstens gehütet und bei Verrat mit hohen Strafen belegt
– über Venedigs Grenzen hinaus, so dass in ganz Europa
nun dieses bergkristallähnliche, weiße Klarglas zu erschwinglichen
Kosten angefertigt werden kann.
Ein weiterer Faktor, der die Blütezeit der Hinterglasmalerei
im 16. Jahrhundert befeuert, ist die Verbreitung des
Kupferstichs. Diese Drucktechnik erlaubt sowohl die Erschaffung
eigener Kunstwerke als auch die Reproduktion
17
der Werke anderer Künstler, die sich so über ganz Europa
verbreiten. Auch Hinterglasmaler bedienten sich dieser Stiche
als Vorlagen für ihre Preziosen. 8
Kostengünstig verfügbare Glastafeln und Vorlagen in
Form von Kupferstichen tragen nun also dazu bei, dass die
Hinterglasmalerei – einst nur der reichen Oberschicht des
Adels und Klerus vorbehalten – nun im 16. Jahrhundert Eingang
ins wohlhabende Bürgertum findet. 9
In Flandern und am Niederrhein, in Prag, Augsburg
oder Zürich – im 16. Jahrhundert entstehen in ganz Europa
herausragende Zeugnisse der Hinterglasmalerei. 10 Ein bedeutendes
Zentrum dieser ersten Blütezeit ist der Raum Venetien
– Tirol. Wo genau diese in stattlicher Zahl bis in unsere
Zeit überkommenen Hinterglasbilder entstanden sind,
ist bis heute ungeklärt. Da für Venedig selbst Zeugnisse fehlen,
die das Hintermalen von Glas belegen könnten, hat erstmals
Frieder Ryser 1991 die Theorie aufgestellt, dass diese
frühen Hinterglasbilder auch in Nordtirol, im Raum Innsbruck-Hall,
entstanden sein könnten. 11 Auch für Südtirol
wurden zwischenzeitlich Belege für eine dortige Hinterglasmalerei
gefunden. 12
In Hall in Tirol, 10 Kilometer von Innsbruck entfernt,
wird im Jahr 1534 die erste Glashütte nördlich der Alpen gegründet,
die farbloses Glas in venezianischer Qualität herstellt
und daraus Scheiben und Tafelglas in unterschiedlichen
Größen produziert. Die Stückzahlen liegen zwischen
2 und 3 Millionen pro Jahr. Ebenso wird Hohlglas hergestellt,
also Becher, Gläser, Pokale und Schalen aller Art für
den täglichen Gebrauch, aber auch als Luxusgut.
Im Jahr 1571 gründet zudem Erzherzog Ferdinand II. in
Innsbruck als erster Fürst seiner Zeit seine eigene Hofglashütte,
die für den Hof Luxusgläser produziert, wie sie damals
nur die Glasmacher auf Murano fertigen konnten. Der nötige
Werkstoff für die Hinterglasmalerei war also vorhanden.
Gleichzeitig war Innsbruck ein wichtiges Kunstzentrum der
Renaissance, so dass auch die entsprechenden Künstler und
Handwerker im Tiroler Raum zu finden waren. 13 Auch wenn
die Frage der genauen Herkunft der Hinterglasbilder dieser
Gegend bis dato unbeantwortet bleiben muss, so lassen sich
doch charakteristische Gemeinsamkeiten feststellen: Auf dicken,
unregelmäßigen Glastafeln mit verwärmter Kante gemalt,
erstrahlen sie in leuchtenden Farben und partiellem
Églomisé und wirken durch die ausgeprägte Konturmalerei
wie die Druckgraphiken, nach deren Vorlagen sie entstanden
sind – in vielen Fällen nach Raffael (1483–1520) oder nach
Albrecht Dürer (1471–1528), deren Werke durch die Werkstatt
vom Marcantonio Raimondi (um 1475–um 1534) in Kupferstichen
weite Verbreitung erlangten. |Abb. 3|
Abb. 3
Kreuzabnahme, Venetien–Tirol, 2. Hälfte 16. Jahrhundert, nach einem
Kupferstich von Marcantonio Raimondi (1480–1534?), nach einer Zeichnung
von Raffael (1483–1520), Sammlung Steiner (HGS 553)
In Süddeutschland, vor allem in Nürnberg und Augsburg,
wo die dort ansässigen Handwerker und Künstler Arbeiten
schaffen, die aufgrund ihrer Qualität und Kunstfertigkeit in
ganz Europa begehrt sind – man denke nur an die Augsburger
Kabinettschränke, an die kunstvoll gedrechselten Nürn
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Diese Kabinettstücke mit religiösen, aber auch mythologischen
und literarischen Bildthemen fanden Eingang in die
Kunst- und Wunderkammern fürstlicher Sammler. So besaß
auch Kaiser Rudolf II. (1552–1612) in Prag »hinder Glas gemalte
Historien und Gemeld« aus Zürich.
Ab der Mitte des 17. Jahrhunderts …
Abb. 4
Allegorie der Künste, Hans Jakob Sprüngli (1559–1637), nach einer Zeichnung
von Gotthard Ringgli (1575–1635), Sammlung Steiner (HGS 836)
berger Elfenbeinpokale oder natürlich auch an die zahlreichen
Silber- und Goldschmiedearbeiten aus Nürnberger
und Augsburger Werkstätten – schaffen Meister wie Augustin
Hirsvogel (1502–1553), Virgil Solis (1514–1562) oder der
Zürcher Jost Amman (1539–1591) Preziosen der Amelierkunst
14 . In der Schweiz entwickelt der Zürcher Hans Jakob
Sprüngli (1559–1637) eine besondere Form der »trügerischen
Hinterglasmalerei«, bei der er die Aktfiguren seiner Bilder
auf dünnes Pergament malt, ausschneidet und diese dann
hinter Glas klebt. Zusammen mit amelierten Motiven, die
aus Blattgold radiert, mit bunten Lüsterfarben hintermalt
und mit leicht geknitterter Zinnfolie hinterlegt sind, ergibt
sich eine prunkvolle Wirkung. Sie kommt nicht nur in den
als Wandschmuck gedachten Einzelbildern zur Wirkung,
sondern schmückt oft auch Silberobjekte wie Prunkhumpen,
Schalen o.ä., die von so bedeutenden Goldschmieden wie
dem Zürcher Hans Heinrich Riva (1590–1660) oder auch
dem Nürnberger Wenzel Jamnitzer (1508–1585) gefertigt
werden und damit eindrucksvolle Belege für künstlerischen
Austausch und Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg
darstellen. 15 |Abb. 4|
…entwickelt sich in ganz Europa die Hinterglasmalerei
immer mehr zum farbigen Wandschmuck. Dem Zeitgeschmack
entsprechend umfasst die Auswahl der Bildthemen
nun neben den nach wie vor beliebten Szenen aus der Bibel
auch weltliche Motive wie Genreszenen, Landschaften mit
Figurenstaffage und Porträts, die auch beim erstarkenden
wohlhabenden Bürgertum Abnehmer finden.
In Italien finden im 17. Jahrhundert Kabinettschränke
mit eingebauten Hinterglasbildern weite Verbreitung und
sind Zeugnis für eine vor allem in Neapel beheimatete Tradition
der Hinterglasmalerei. |Abb. 5|
Abb. 5
Prunk-Kabinett mit Hinterglasmalerei, Neapel, 17. Jahrhundert.
Hinterglasmalerei mit Szenen aus den »Metamorphosen« des Ovid nach
Radierungen von Antonio Tempesta (1555–1630), Sammlung Steiner
19
Das 18. Jahrhundert –
die Hochzeit der Hinterglaskunst
Abb. 6
»Die Fußwaschung«, Gerhard Janssen (1636–1725), monogrammiert GJ,
nach einem Kupferstich von Wolfgang Kilian (1581–1663),
Kunstsammlungen und Museen Augsburg (HGS 377) – siehe Kat. 6
So ist es nicht erstaunlich, dass der neapolitanische Maler
Luca Giordano (1634–1705), der wegen seiner Schnelligkeit
und großen Schaffenskraft auch den Beinamen »Fà presto«
/ »Mach schnell« erhalten hat, neben zahlreichen Fresken und
Tafelbildern auch Hinterglasgemälde geschaffen hat. Zwei
von ihm signierte Hinterglasbilder, Darstellungen der »Anbetung
der Hirten« (davon eine Tafel signiert L. Jordanus F.
1688), befinden sich beispielsweise im Palast von La Granja de
San Ildefonso in der Nähe von Segovia (Spanien). In seinem
Werkstattbetrieb bildet Giordano Schüler und Nachfolger
aus – so soll er laut Vertrag Carlo della Torre darin unterrichten,
wie man Landschaften auf Glas malt, und während des
ganzen 18. Jahrhunderts hindurch entstehen in seiner Manier
in Süditalien und Spanien Hinterglasbilder.
Zur gleichen Zeit, als Luca Giordano seine farbenprächtigen
Werke im Stil des italienischen Barocks schafft, entstehen
in Wien goldstrahlende Arbeiten des gebürtigen Niederländers
Gerhard Janssen (1636–1725) in Églomisétechnik,
indem er zunächst die Glasplatte mit dunkler Lackfarbe
bemalt, aus dieser Lackschicht die Darstellung auskratzt und
alles schließlich mit Goldfolie hinterlegt. Die so gefertigten
Hinterglasgemälde wirken feierlich, manchmal düster, sind
aber gerade im österreichisch-böhmischen Raum sehr beliebt,
was die große Zahl der bis heute überdauerten, derartig
églomisierten Hinterglasbilder belegt. |Abb. 6|
In der Schweiz, im Großraum Sursee, ca. 25 Kilometer nordwestlich
von Luzern, bildet sich in der ersten Hälfte des
18. Jahrhunderts ein neues Zentrum der Hinterglasmalerei,
deren Maler zum Teil namentlich bekannt sind, da ca. 500
signierte und zum Teil datierte Bilder überliefert sind. 16 Am
bekanntesten dürfte Anna Maria Barbara Abesch (1706–1773)
sein, die Tochter des Tafel- und Hinterglasmalers Johann
Peter Abesch (1666–1731). Allein ca. 300 Hinterglasgemälde,
davon 160 signiert, können bislang dieser ersten hauptberuflichen
Hinterglasmalerin der Schweiz zugeschrieben werden.
Anna Maria Barbara Abesch beherrscht die Kunst der barocken
Hinterglasmalerei meisterlich. Zu ihren Auftraggebern
zählen Klöster und einflussreiche Adelsfamilien. Ihr Stil ist
dabei richtungsweisend für andere Künstler ihrer Zeit, beispielsweise
Leo Leodegar und Johann Crescenz Meyer in
Großwangen, Cornel Suter d. Ä. und d. J. in Beromünster
Abb. 7
»Don Quichotte bei den Damen der Herzogin«, Anna Maria Barbara Abesch
(1706–1773), monogrammiert A B V E [Anna Barbara Von Esch],
nach einem Kupferstich von Louis Surugue (1686–1762), nach einem
Gemälde von Antoine Coypel (1661–1722), Sammlung Steiner (HGS 815)
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IMPRESSUM
Die Publikation erscheint begleitend zur Ausstellung
»Vorsicht, zerbrechlich! – Hinterglasgemälde aus
vier Jahrhunderten im Schaezlerpalais Augsburg«
im Schaezlerpalais der Kunstsammlungen
und Museen Augsburg
vom 8. Oktober 2022 bis 15. Januar 2023
Herausgeber Christof Trepesch,
Kunstsammlungen und Museen Augsburg
Ausstellungskonzeption Wolfgang Steiner
Projektkoordination im Museum Julia Quandt
Lektorat Rudolf Winterstein, München
Bildnachweis
Augsburg, Kunstsammlungen und Museen Augsburg, Grafische
Sammlung: Seite 2, Kat. 34, 35, 62, 78, 86, 101, 105
Augsburg, Staats- und Stadtbibliothek: Kat. 44
Berlin, Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett: Kat. 55
Coburg, Kunstsammlungen der Veste Coburg: Kat. 83
Dresden, Staatliche Kunstsammlungen Dresden: Kat. 20
Karlsruhe, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Kupferstichkabinett:
Kat. 108
London, The British Museum: Kat. 1, 8, 15, 42, 45, 61, 110
Stuttgart, Staatsgalerie Stuttgart, Graphische Sammlung:
Kat. 92, 116, 121, 123, 128
Würzburg, Martin von Wagner Museum der Universität
Würzburg: Kat. 136–139
Zürich, Ulrich Stückelberger: Abb. 1
Gestaltung, Layout und Satz Edgar Endl, booklab, München
Reproduktionen Reproline Genceller, München
Druck und Bindung Passavia Druckservice, Passau
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
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Wolfgang Steiner
und
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ISBN 978-3-422-99231-3
Entnommen aus Publikationen:
Ausst. Kat. Dresden 1996: Kat. 25
Ausst. Kat. Murnau 2003: Kat. 26
Ernst Emmerling, Johann Conrad Seekatz, Landau/Pfalz 1991:
Kat. 89
Hollstein XLVI, Band 2, Nr. 1077: Kat. 131
Lucas Heinrich Wüthrich, Das druckgraphische Werk von
Matthaeus Merian d. Ae., Basel 1966, Bd. 1: Kat. 72a, 73a
Armin Zweite, Marten de Vos als Maler, Berlin 1980: Kat. 100
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