26.06.2025 Aufrufe

MEDIAkompakt Ausgabe 38

Die Zeitung des Studiengangs Mediapublishing an der Hochschule der Medien Stuttgart - www.mediapublishing.org Das Zeitungsprojekt im 7.Semester Mediapublishing beinhaltet alle Aufgaben einer Zeitungsredaktion: vom Recherchieren, Interviews führen, Artikel verfassen, Bildmotive selektieren und natürlich dem Akquirieren von Anzeigenkunden ist alles dabei. Jede Ausgabe behandelt dabei ein von den Studierenden gewähltes Oberthema.

Die Zeitung des Studiengangs Mediapublishing an der Hochschule der Medien Stuttgart - www.mediapublishing.org
Das Zeitungsprojekt im 7.Semester Mediapublishing beinhaltet alle Aufgaben einer Zeitungsredaktion: vom Recherchieren, Interviews führen, Artikel verfassen, Bildmotive selektieren und natürlich dem Akquirieren von Anzeigenkunden ist alles dabei. Jede Ausgabe behandelt dabei ein von den Studierenden gewähltes Oberthema.

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DIE ZEITUNG DES STUDIENGANGS MEDIAPUBLISHING

DER HOCHSCHULE DER MEDIEN STUTTGART

AUSGABE 02/2025 03.07.2025

LIEBE

media

kompakt


2 LIEBE

mediakompakt

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02/ 2025 LIEBE

3

INHALT

LUST AUF LIEBE!

4 Niemals allein

Unterwegs mit Ultras – Vorurteil und Leidenschaft

6 Mama lernt lieben

Wenn Mutterliebe erst wachsen muss

8 Literatur als Lebensweg

Von Menschen in der Bücherwelt

9 Schallt ins Ohr, heilt die Seele

Musikalische Selbsttherapie über Streams

10 Erfolgsrezept: Liebe

Wie viel Realität steckt hinter Beziehungsmythen?

12 Jesus updated

Was kann Kirche noch bewirken?

13 Die Brücke zwischen zwei Welten

Wie die Familie Liebe prägt

14 Why choose?

Vom Ausbruch aus der Monogamie

16 Liebe, Wald und Schuss

Unterwegs mit einem jungen Jäger

18 Herz auf vier Pfoten

Versteckte Liebesbotschaften von Haustieren

20 Kämpfen oder gehen?

Ein Resümee nach 60 Jahren Ehe

21 Warum Gefühle nicht alt werden

„Öffnet eure Herzen immer wieder“

22 Es lebe der Sport

Zwischen Sport-App und Vereinsabenden

23 Mit Mister Kruger auf Japans Straßen

Keine Angst vor dem Unbekannten

24 Heimat auf drei Kontinenten

Wenn das Herz überall und nirgends zuhaue ist

25 Liebe ist nicht programmierbar

...aber man kann ihr helfen

26 Let‘s talk about Sex, Baby!

Frauen wissen, was sie wollen

Wenn die Welt Kopf steht, schlägt das Herz manchmal lauter. In einer Zeit, die geprägt ist von Krisen,

Kriegen, Klimakatastrophen und Kontrollverlust, haben die Studierenden ein Thema gewählt,

das stärker ist als all das: Liebe. Ein großes Wort, ein noch größeres Gefühl – und für uns alle lebenswichtig.

Eigentlich war „Liebe“ schon oft Kandidatin für ein Leitthema. Immer wieder vorgeschlagen, immer

wieder verworfen. Zu kitschig? Zu privat? Zu groß? Dieses Mal aber wollten die Studierenden bewusst

eine Ausgabe, die sich positiv anfühlt. Seiten, die Hoffnung machen, statt Angst. Und plötzlich hatte

sie ihren Auftritt – die Liebe.

Aber eben nicht als rosa Wattebausch, sondern als Kraft, die Gesellschaft bewegt. Als etwas, das verbindet

– Generationen, Kulturen, Menschen und Tiere. Unsere Redaktion hat sich mit klopfendem

Herzen und klarem Kopf auf Spurensuche gemacht: Wo steckt Liebe drin? Und wie zeigt sie sich?

Vom ohrenbetäubenden Liebesbeweis der Fußballfans auf der Südtribüne bis zur leisen Zärtlichkeit

zwischen Paaren, deren Liebe bereits mehrere Jahrzehnte anhält. Vom Mut einer interkulturellen Beziehung,

über ein Gespräch mit einer Pfarrerin zur Nächstenliebe, bis hin zu einem Jäger, der zwischen

Leben und Tod entscheidet – in dieser Ausgabe finden Sie viele Facetten eines Gefühls, das uns

alle angeht.

Denn: Manchmal ist die Liebe romantisch, manchmal freundschaftlich, körperlich oder spirituell. Sie

ist queer, digital, tierisch, familiär, polyamor oder unerreichbar. Aber immer ist sie: echt.

Wir hatten das Glück, diese besondere Ausgabe gemeinsam mit einer leidenschaftlichen, kreativen

Redaktion zu entwickeln. Die Texte sind voller Neugier, Offenheit – und ja: Liebe.

Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen.

Und wer weiß: Vielleicht verlieben Sie sich ja ein kleines bisschen in diese Seiten.

Die Chefredaktion

Nathalie Kauder & Sabrina Kreuzer

I M P R E S S U M

mediakompakt

Zeitung des Studiengangs Mediapublishing

Hochschule der Medien Stuttgart

28 Love your Idols, love your Friendships

K-Pop bringt Fans zusammen

29 Ein Schutzraum für Liebe

Wo die LSBTTIQ-Community Rückhalt findet

30 Liebe ohne WLAN

Wie Technologie die Liebe verändert

32 Die Nächste, bitte?

Nach der Pandemie ist vor der Pandemie

HERAUSGEBER

Professor Christof Seeger

Studiengang Mediapublishing

Postanschrift:

Nobelstraße 10

70569 Stuttgart

REDAKTION

Sabrina Kreuzer, Nathalie Kauder (v.i.S.d.P.)

lb-kreuzer@hdm-stuttgart.de, lb-kauder@hdm-stuttgart.de

Nicole Fröhlich (CvD) froehlich@hdm-stuttgart.de

TITELSEITE

Anna Frauenhoffer, Rebekka Hatzenbühler, Sina Bolta

PRODUKTION

Alle

ANZEIGENVERKAUF

Janina Poliak, Eileen Ellis, Paola Sfilio, Betty Görnitz,

Nadia Butt

BLATTKRITIK

Leonie Haas, Jaline De Leon, Vanessa Ruppert

MEDIA NIGHT

Frederik Stoll, Aleksander Rehm, Jean-Luc Vallat,

Ayla Tansel, Hilal Kaymaz

LEKTORAT

Anike Ovia, Clara Solarek, Lara Bernold, Artur Vakhrameev

DRUCK

Z-Druck Zentrale Zeitungsgesellschaft GmbH & Co. KG

Böblinger Straße 70

71065 Sindelfingen

ERSCHEINUNGSWEISE

Einmal im Semester zur Medianight

Copyright

Stuttgart, 2025


4 LIEBE

mediakompakt

NIEMALS ALLEIN

Eigentlich sprechen Ultras nicht gerne über sich, sondern lassen Pyrotechnik und Choreografien

für sich sprechen. Heute ist das anders. Jannik* und seine Ultra-Gruppe haben mich eingeladen,

sie bei einem BVB-Spiel zu begleiten.

VON BETTY GÖRNITZ

BVB-Ultras bei einer Feuerwerksshow.

81.365 Menschen sind an diesem Nachmittag

im Dortmunder Westfalenstadion.

Ausverkauft. Bekannt ist das

Westfalenstadion für die größte Stehplatztribüne

Europas. Auf dieser Stehplatztribüne,

die von den Fans die „Gelbe Wand“

genannt wird, ist Jannik mit seiner Ultra-Gruppe.

Jannik ist ein großer, breit gebauter, junger

Mann. Wie die meisten anderen Ultras ist er in

Schwarz gekleidet. Mit seinem kurz geschorenen

Haar und den markanten Gesichtszügen sieht er

aus, wie das wahrgewordene Klischee eines Ultras.

Doch Jannik ist eigentlich ganz anders: Wenn er

spricht, hat er stets ein Lächeln auf den Lippen.

Seine Ultra-Gruppe ist groß, die meisten Leute

sind jung. Schulter an Schulter stehen sie dicht

zusammen gedrängt. Fast alle haben ein Bier oder

eine Zigarette in der Hand. Auch ein paar Frauen

sind in der Menge auszumachen.

„Mach lieber keine Fotos“, meint Jannik zu

mir, als ich mein Handy raushole. Auf meinen fragenden

Blick erklärt er: „Die meisten Ultras wollen

nicht auf Fotos zu sehen sein. Außerdem gehören

Handys nicht ins Stadion – man ist hier für

den Fußball.“ Als Jannik erzählt, dass er schon gesehen

hat, wie Leuten fürs Fotomachen das

Handy aus der Hand geschlagen wurde, stecke ich

mein Smartphone zurück in die Tasche.

Zwischen Leidenschaft und Identitätssuche

„BVBler bin ich seit meiner Geburt“, erzählt

Jannik, als ich ihn frage, wie er Ultra geworden ist.

Erneut hat er ein breites Lächeln im Gesicht. „Früher

bin ich immer mit meinem Vater ins Stadion

gegangen. Da saßen wir immer.“ Jannik zeigt mit

seiner Hand auf einen Block auf der anderen Seite

des Stadions. Janniks Vater habe wenig für Ultras

übriggehabt. „Er wollte nur sein Bier trinken und

die Spiele sehen“, sagt Jannik. Er muss jetzt lauter

sprechen, denn der Stadion-DJ hat die neusten

Radiohits aufgelegt. „Deswegen hatte ich lang

nichts mit den Ultras zu tun.“

Doch alles änderte sich, als Janniks Vater unerwartet

starb. Da war Jannik gerade einmal 18 Jahre

alt. „Das hat mir wirklich krass den Boden unter

den Füßen weggezogen“, erzählt er und nippt an

seinem Bier. Ohne seinen Vater war Jannik für

lange Zeit nicht im Stadion gewesen – es hätte sich

Woher kommen die Ultras?

nicht richtig angefühlt, die Spiele alleine anzuschauen.

Erst als ein Arbeitskollege, der in der Fanszene

aktiv ist, zufällig erfährt, dass Jannik früher

BVB-Fan war, lädt er ihn ein. Das erste Mal als Teil

der „Gelben Wand“, inmitten einer Choreografie,

grölte Jannik die Fangesänge sofort mit. Aus einem

Spiel wurde noch eins, und dann noch eins.

„Meine Jungs haben mir gezeigt, was Gemeinschaft

heißt“, sagt der 25-Jährige.

„Einmal Ultra,

immer Ultra!“

Am unteren Rand der Tribüne, geschützt unter

Fahnen, versammeln sich einige Ultras. Sturmmasken

und Pyrotechnik sind sichtbar, doch niemand

scheint sich daran zu stören. Die Ultras wis-

Die Ultra-Bewegung entstand in den 1960er-Jahren in Mailand als linke Protestbewegung gegen

die zunehmende Kommerzialisierung des Fußballs. In den 1990er-Jahren wurden Ultras in

Deutschland fester Teil der Stadion- und Fußballkultur. Heute gibt es hierzulande etwa 300 Ultra-

Gruppen mit rund 25.000 Mitgliedern.


02/ 2025 LIEBE

5

BVB-Fans singen gemeinsam „You‘ll never walk alone“.

Quelle: Betty Görnitz

sen um die Risiken: Pyrotechnik wird von der DFL

hart bestraft und kann sogar als Verbrechen gewertet

werden. Deshalb bleiben sie während der

Show anonym. Warum so viel Aufwand und so

hohe Geldstrafen für ein bisschen Rauch?

Zwischen Pyrorauch und Massenschlägereien

„Na, weil‘s geil aussieht“, sagte Jannik verschmitzt,

„Pyro gehört zum Fußball wie das Jubeln

bei nem Tor.“ Er macht eine kurze Pause.

„Aber wenn’s um Raketen ausm Block schießen

oder so geht, bin ich ehrlicherweise raus. Pyro soll

geil aussehen, aber niemandem wehtun. Aber

manche Ultra-Gruppen nehmen Verletzte leider

durchaus in Kauf.“

Ultras werden oft mit Gewalt assoziiert. Erst

vor wenigen Monaten schockierte ein Vorfall:

Rund 150 vermummte HSV-Anhänger griffen auf

dem Hamburger Kiez 1. FC Köln-Fans an. Darunter

auch Frauen und Rentner. Die Hooligans

schlugen die Köln Anhänger zu Boden, traten

wahllos auf die Menschen ein. Videos der Taten

verbreiteten sich rasant im Internet. Und schnell

waren für viele die Schuldigen gefunden: die Ultras.

„Das Ding ist halt, dass Ultras und Hooligans

oft als Synonym verwendet werden. Meiner Meinung

nach sind Hooligans keine Ultras. Hooligans

verstecken sich aber gerne hinter der Fassade

der Ultrakultur. Für Hooligans steht im Vordergrund,

Stress zu machen. Für Ultras steht im Vordergrund,

den Verein zu unterstützen.“

Zwischen Geldgeilheit und Traditionsbewahrung

Die Unterstützung des eigenen Vereins äußert

sich für Ultras unter anderem auch durch den

Kampf gegen die Kommerzialisierung des Fußballs.

Ein Beispiel dieses Kampfs sind die im Winter

2023/24 von Ultras organisierten Protestaktionen

gegen einen möglichen Medieninvestor in

der Bundesliga. Nach wochenlangen Demonstrationen

knickte die DFL ein und verwarf den Investorendeal.

Ein Sieg für die Ultras. Jannik betont:

„Der Fußball gehört den Fans – sonst niemanden!“

Dennoch entstand in den letzten Jahrzehnten

ein anderes, oft negatives öffentliches Bild der

Ultras, geprägt von Gewalt, Sexismus und Homophobie.

„Keine Weiber in den ersten drei Reihen“,

verhängte eine Ultragruppe in einem Flugblatt als

Regel oder homophobe Banner wie „CBD statt

CSD“ tauchten auf.

„Für so ne Scheiße stehen wir nicht“, macht

der 25-Jährige mir über seine eigene Ultra Gruppierung

klar, „Hier ist jeder willkommen, der den

BVB liebt und lebt.“ Dass das nicht überall so ist,

gibt er aber zähneknirschend zu. Mit seiner Aussage

unterstreicht Jannik die Tatsache, dass die verschiedenen

Ultraszenen in Deutschland eine ganze

Bandbreite von Einstellungen und Werten vertreten.

Jede Ultra-Gruppe hat ganz andere Schwerpunkte.

„Ich glaub viele Leute unterschätzen, dass Ultras

oft eher links eingestellt sind“, sagt er und erzählt

mir von verschiedenen Bannern, die Ultra-

Gruppen im Pride Month oder zur Feier des Weltfrauentags

gestalteten. „Aber natürlich gibt es

auch die Gruppen, die rechts und gewaltbereit

sind. Die machen das Außenbild halt für alle kaputt.“

Zwischen sozialer Arbeit und asozialer Außenwirkung

Das soziale Engagement einiger Ultras mag

überraschen. Jannik erzählt von einer Aktion

während Corona, bei der Ultras für Menschen in

Risikogruppen Einkäufe erledigten. Auch erwähnt

er die BVB-Stiftung „leuchte auf“. Diese ermöglicht

verschiedene Aktionen: Kinder mit Behinderung

können Einlaufkinder sein und für Kinder

aus ärmeren Verhältnissen gibt es den BVB-

Wunschbaum. Deutschlandweit gib es unzählige,

von Ultras gegründete oder unterstützte Aktionen

für Menschen in Not.

„Die Öffentlichkeit

denkt, dass wir

‚die Terroristen der

Fußballfans‘ sind.

Das stimmt nicht.“

Jannik wirkt nachdenklich, als er sagt: „Klar

sind wir Ultras irgendwie verrückt und wir machen

Sachen, die nicht immer in Ordnung sind.

Aber am Ende geht‘s um Fußball und um Gemeinschaft.“

Mit einem Blick auf seine UItra-Gruppe

fügt er hinzu: „Es geht darum, zu wissen, dass man

dazu gehört. Als Ultra ist man niemals allein.“

*Name von der Redaktion geändert

Blick von der „Gelben Wand“ aufs Spielfeld. Quelle: Betty Görnitz


6 LIEBE

mediakompakt

Mama

lernt

lieben

Anne Hauser erzählt von ihrem schwierigen Start ins Muttersein, ihren Gefühlen zwischen Leere

und Schuld – und davon, wie echte Liebe wachsen kann.

VON PAOLA SFILIO

dung zu ihrem Kind wollte sich einfach nicht einstellen.

„Ich habe funktioniert – gewickelt, gestillt,

getragen. Aber innerlich war ich wie betäubt.“

Erst Monate später wurde ihr klar, dass sie

an einer postpartalen Depression litt. “Die Postpartale

Depression tritt im ersten Jahr nach der

Geburt auf, meist in den ersten Wochen, und

kann Monate bis manchmal über ein Jahr dauern“,

sagt Helen Hürlimann Welstead, Fachpsychologin

für Psychotherapie FSP sowie ehemaliges

Vorstandsmitglied des Vereins Postnatale Depression

Schweiz. „Die Symptome unterscheiden

sich nicht prinzipiell von anderen Depressionen.“

Anne Hauser suchte sich Hilfe bei einer Therapeutin,

später auch im Austausch mit anderen betroffenen

Müttern. Sie begann, sich selbst und ihre

Rolle als Mutter neu zu betrachten. „Ich habe

gelernt, dass Liebe nicht immer sofort da ist. Und

dass sie trotzdem echt sein kann.“

Auch in ihrer Partnerschaft wurde die neue

Realität zur Belastungsprobe. „Mein Mann war

liebevoll und bemüht, aber er konnte nicht nachempfinden,

was in mir vorging. Ich wusste selbst

kaum, was los war.“ Gespräche endeten oft im

Nichts, es gab Momente emotionaler Entfremdung,

obwohl sie Seite an Seite lebten. Das Bild,

das sie von sich als Mutter hatte, übertrug sich auf

ihre Beziehung. „Ich hatte Angst, dass mein Mann

mich für schwach hält.“ Aus Scham und Überforderung

spielte sie lange vor, dass es ihr besser gehe.

Die Beziehung litt darunter – zerbrach aber

nicht. Im Gegenteil: „Wir sind nicht mehr diesel-

Anne Hauser* erinnert sich noch ganz

genau an die ersten Stunden mit ihrem

neugeborenen Sohn: Die Geburt

war anstrengend, lang, erschöpfend.

Als sie das Baby schließlich auf den

Arm gelegt bekam, geschah – nichts. Kein Glücksrausch.

Keine Tränen. Keine überwältigende Liebe.

Stattdessen: innere Leere. Müdigkeit. Zweifel.

Überforderung.

„Ich hatte mir immer vorgestellt, dass ich ihn

ansehe und sofort weiß: Du bist mein Kind. Ich

liebe dich. Aber das kam einfach nicht“, sagt sie

heute, sechs Jahre später. Ihre Stimme ist ruhig,

klar. „Mir ist es wichtig, darüber zu sprechen, weil

es so viele Mütter gibt, die ähnliche Gefühle erleben,

sich aber nicht trauen.“ Felicitas Heyne, Psychologin

und Autorin, erklärt: „Mutterschaft als

solche – speziell bei uns in Deutschland – wird extrem

glorifiziert. Sie wird als höchstmögliche Erfüllung

im Leben einer Frau propagiert und somit

selbstverständlich auch als die Quelle des höchstmöglichen

Glücks.“

Anne Hauser hat dieses Tabu selbst erlebt: „Ich

dachte damals, ich bin die Einzige. Dass mit mir

etwas nicht stimmt. Ich hatte Angst, es jemandem

zu sagen.“ Dabei war und ist sie kein Ausnahmefall.

Ihre Schwangerschaft war geplant, das Kind

gewünscht. Sie hatte sich auf das Leben als Mutter

gefreut – jedenfalls theoretisch. In der Realität jedoch

stürzte sie nach der Geburt in eine Krise. Die

Tage waren geprägt von Schlafmangel, Unsicherheit,

dem ständigen Gefühl zu versagen. Die Binben

wie vorher. Aber wir sind bewusster, aufmerksamer

und ein Stück ehrlicher zueinander. Wir

hatten beide Bilder im Kopf, wie Familie zu sein

hat. Diese mussten wir loslassen – und unsere eigene

Version finden.“ Heute beschreibt sie ihre

Eine postpartale Depression hält oft über ein Jahr an.


02/ 2025 LIEBE

7

Beziehung zu ihrem Sohn als tief, stark und innig.

Die Liebe, die anfangs fehlte, ist mit der Zeit gewachsen

– ganz langsam, in kleinen Schritten. Es

waren keine großen filmreifen Momente, die alles

veränderten. Sondern Alltagsszenen: das erste

echte Lachen, ein stiller Blick, eine kleine Kinderhand

in ihrer. „Ich erinnere mich an einen Abend,

da war er vielleicht drei. Er kam zu mir, legte seinen

Kopf auf meinen Schoß und sagte ‚Mama, ich

hab dich so lieb.‘ Da habe ich gespürt: Jetzt ist sie

da. Die Liebe.“

Heute ist ihr Sohn sechs Jahre alt – lebendig,

neugierig, klug. Ihre Beziehung ist voller Vertrauen.

Jeden Abend erzählen sie sich drei Dinge, die

sie aneinander schön fanden an diesem Tag.

Trotzdem ist das Gefühl des Phänomens „regretting

motherhood“, also den anhaltenden Zustand,

in dem Frauen bedauern, Mütter geworden

zu sein, und die Rolle als Mutter negativ erleben,

ein wichtiger Bestandteil ihrer persönlichen Geschichte

geblieben. „Ich habe mein Kind nie abgelehnt.

Aber ich habe mein altes Leben vermisst.

Meine Freiheit. Meine Ruhe. Ich war wütend,

traurig, überfordert und das war schwer auszuhalten.“

„Die höchste und

tiefste Liebe ist die

Mutterliebe.“

Mutterliebe ist kein romantischer Dauerzustand.

Sie weiß heute: Diese Gefühle machen sie

nicht zu einer schlechten Mutter. Im Gegenteil.

Sie zeigen, wie ernst sie ihre Rolle nimmt, wie tief

sie sich reflektiert. „Mutterliebe ist kein romantischer

Dauerzustand. Sie ist oft Arbeit, Entscheidung,

Geduld.“ Ein Perspektivwechsel habe ihr

geholfen: Nicht nur das Kind im Blick zu haben,

sondern auch sich selbst. Sie begann wieder zu arbeiten,

nahm sich Zeit für eigene Bedürfnisse und

lernte, Grenzen zu setzen. „Je mehr ich bei mir

bin, desto besser kann ich für ihn da sein.“

Anne Hauser wünscht sich, dass es künftig

normaler wird, auch über die Schattenseiten der

Mutterschaft zu sprechen – ohne Angst vor Stigmatisierung.

„Wir brauchen mehr Raum für Ambivalenz.

Für Mütter, die ihr Kind lieben, aber

nicht immer das Muttersein. Für Frauen, die zweifeln.“

Finja Riedel-Wendt, Psychotherapeutin mit

Fachkunde für Kinder- und Jugendlichen Psycho-

therapie, ergänzt: „Um sich verschiedene Alternativen

des Mutterseins vorstellen zu können, müssen

wir in der Lage sein, zu verstehen, dass die eigene

Realität von der Realität anderer abweichen

kann.“

Rückblickend würde Anne Hauser nichts ungeschehen

machen, aber einiges anders angehen:

„Ich hätte früher Hilfe gesucht, weniger perfekt

sein wollen, mir erlaubt, nicht sofort alles fühlen

zu müssen.“

Und ihr Wunsch für die Zukunft? „Dass mein

Sohn immer weiß, dass er geliebt wird – auch

wenn ich Fehler mache oder an meine Grenzen

komme. Und dass er lernt: Liebe ist nicht immer

laut. Aber sie bleibt.“

* Name von der Redaktion geändert.

Postpartale Depression

Was ist das?

Eine postpartale Depression ist eine

ernste psychische Erkrankung, die in

den ersten Wochen oder Monaten

nach der Geburt auftreten kann.

Symptome:

Antriebslosigkeit, Ängste, Schuldgefühle,

emotionale Leere, Überforderung

– oft begleitet von dem Gefühl,

keine Bindung zum Baby aufbauen zu

können.

Was hilft?

Gesprächstherapie, medikamentöse

Unterstützung, Selbsthilfegruppen –

und vor allem: Verständnis und Unterstützung

aus dem Umfeld.

„Wir brauchen mehr Raum für Ambivalenz. Für Mütter, die ihr Kind lieben, aber nicht immer das Muttersein. Für Frauen, die zweifeln.“ Quelle (4): Pinterest


8 LIEBE

mediakompakt

Literatur als Lebensweg

„Bücher sterben aus.“ Schon seit Jahren hält sich dieser Satz hartnäckig. Aber was halten Leute davon,

die ihr Leben zwischen Büchern verbringen? Welche Erwartungen haben sie an die Zukunft?

VON LARA BERNHOLD

Aufwendige Farbschnitte, duftende Sticker,

individuell abgestimmte Buchboxen,

schnelle Reels – wer sich näher

mit Büchern beschäftigt, stellt schnell

fest: Die Buch-Bubble lebt. Sie ist präsenter

als je zuvor und setzt neue Trends, vor allem

auf Social Media. Dennoch suggerieren Statistiken

ein sinkendes Interesse an Büchern.

Wer das kleine Geschäft in der Calwer Straße

betritt, fühlt sich in eine andere Zeit versetzt. Dicke

Luft und warmes Licht schlagen einem entgegen.

Die prall gefüllten Massivholzregale sorgen

für eine warme, heimelige Atmosphäre, ganz anders

als man es von großen Buchhandelsketten

kennt.

Gunnar Gräff leitet das Stuttgarter Antiquariat

„Müller und Gräff“ bereits in der sechsten Generation

– und zwar ganz ohne Social Media. Mit ruhiger

Stimme erzählt er über seine Beziehung zur Literatur.

Schon seit seiner Kindheit lebt er immer

umgeben von Büchern: „Als Antiquar betrachte

ich das Buch eher als Kunstwerk, Sammelobjekt

oder als Teil der Einrichtung, aber weniger zum

Inhalt.“ Die Besonderheit des kleinen Ladens: Der

Handel mit gebrauchten und alten Titeln bedeutet

finanzielle Unabhängigkeit. Die Kundschaft

Stefan Zeh ist nicht nur Veranstalter, sondern auch Krimi-Autor

aus Leidenschaft. Quelle: Stefan Zeh

„Wir wollten gemeinsam

etwas erschaffen.

Eine Geschichte

schreiben, die bleibt“

suche oft nach spezielleren Büchern, die man selten

im klassischen Buchhandel findet. Und sollte

man nicht fündig werden, bestellt Gunnar Gräff

auch gern Titel. Durch diesen Service schafft er

Nähe zu seinen Kunden – und bindet sie so an sein

Geschäft.

Privat vergräbt Gunnar Gräff seine Nase in historischen

Biografien oder Klassikern wie Hermann

Hesse, aber ab und an fällt sein Blick auch

auf eine Bestsellerliste. „Man will ja doch nicht

ganz in der Vergangenheit leben“, lacht er und

empfiehlt die Romane von Behzad Karim Khani.

Sabrina Mank ist ständig auf Achse. Immer mit

dabei? Ihr Handy und ihre Bücher. Unter dem Namen

„sabi.reads“ veröffentlicht sie seit dem Jahr

2021 regelmäßig neue Einblicke in ihr Leben als

Buch-Fan auf Instagram.

Vom Manuskript über Lizenzen und Herstellung

bis hin zum Verkauf, Sabrina Mank interessiert

sich für alle Themen rund ums Buch. Die sozialen

Medien sind für sie der perfekte Kanal, um

sich mit der Community aktiv auszutauschen. So

entstand ihr Podcast „Buchzeit“. Auf Social Media

schätzt sie vor allem das schnelle und direkte

Feedback. Bookfluencing als Vollzeitjob? Kann sie

sich nicht vorstellen. So sehr die 27-Jährige es

liebt, „aber dann muss alles zu streng geplant werden,

das würde mir die Freude nehmen“, sagt sie.

Bücher seien ein wichtiges Fundament der

menschlichen Kultur: „Das kann man nicht einfach

löschen.“

Ästhetisch und gemütlich: Das ist der Content von Sabrina

Mank. Quelle: Sabrina Mank

Stefan Zeh liebt seine Bücher blutig und spannend.

Zusammen mit der Autorin Ann-Katrin

Zellner organisiert er die Stuttgarter Buchmesse,

die im Februar 2026 bereits zum dritten Mal stattfinden

wird. Das große Highlight der Veranstaltung:

Die Verleihung des Stuttgarter Buchpreises.

„Wir wollten gemeinsam etwas erschaffen. Eine

Geschichte schreiben, die bleibt“, sagt er über die

Entstehung der Messe. Trotz großer Herausforderungen

glaubt er nicht daran, dass Bücher aussterben.

Für ihn zeige der Erfolg der Buchmesse genau

das Gegenteil. Auf der Buchmesse in Leipzig wurde

dieses Jahr mit 298.000 Besucher:innen sogar

ein neuer Rekord aufgestellt. Stefan Zeh freut sich

darauf, noch größere Messen zu planen, aber der

Blick in die Zukunft bereitet ihm Sorgen: „Auf einem

schier unendlich großen Buchmarkt wird es

immer schwieriger, sich erfolgreich von der Konkurrenz

abzuheben.“

Alle drei - Gunnar Gräff, Stefan Zeh und Sabrina

Mank - sind sich einig: Bücher sterben nicht

aus. Sie erfinden sich immer wieder neu, vor allem

durch Trends wie Farbschnitte und Duftsticker.

Vielleicht werden sie zur Nische oder zum Luxus,

aber es wird immer Platz für Bücher geben, egal ob

in kleinen Läden, auf Messen oder Social Media.

Quelle: Lara Bernhold


02/ 2025 LIEBE

9

Quelle: Deepai.org

Schallt ins Ohr,

heilt die Seele

Entspannung, Trost, Geborgenheit

– gesucht in endlosen Musikstreams.

Musiktherapeutin

Josephine Geipel erklärt, wann

digitale Selbsttherapien helfen

und wo sie professionelle Hilfe

nicht ersetzen.

VON ARTUR VAKHRAMEEV

Eine Medizinstudentin im zweiten Semester

kommt von der Uni heim. Sie

setzt sich an den Schreibtisch und startet

auf ihrem Laptop den YouTube-Livestream

„lofi hip hop radio – beats to

relax/study to“. Die Musik läuft in Endlosschleife,

während sie bis tief in die Nacht hinein lernt. Um

vier Uhr steht sie vom Schreibtisch auf und

schlüpft unter die Decke. Der Laptop bleibt an.

Diese Klänge sind das Erste, was sie beim Aufwachen

hören wird.

So sieht die Lernroutine von „@ST4R“ aus, einer

von fast 15 Millionen Follower:innen des You-

Tube-Kanals „Lofi Girl“. Seit dem Jahr 2017 laufen

hier rund um die Uhr leicht rauschende Beats unabhängiger

Musiker:innen. Visuell untermalt

wird die Endlosschleife mit einer handgezeichneten

jungen Frau mit „Lofi“-Kopfhörern, die am

Schreibtisch über ihren Notizen brütet – bei jedem

Wetter, jeder Tages- und Jahreszeit. Diese Kulisse

hilft @ST4R dabei, sich besser zu konzentrieren

und – in den Lernpausen – im Live-Chat soziale

Kontakte zu knüpfen. „Ich habe riesigen Spaß dabei,

denn ich treffe hier auf Menschen, die Humor

haben, und auf solche, die meine Lebenssituation

verstehen“, teilt @ST4R. „Dieses Radio ist toll für

lange Lernphasen.“ Sogar Migräne vor Prüfungen

überstehe sie besser mithilfe von Lo-Fi-Schleifen.

Für viele Studierende sind solche Dauerschleifen

mehr als Hintergrundrauschen – sie schaffen

einen virtuellen Rückzugsort vor Stress und Einsamkeit,

die sich in schlaflosen Lernnächten

breitmachen. Solche Praktiken zählen zum „musikbasierten

Stimmungsmanagement“, erklärt

Doktorin Josephine Geipel, Professorin für Musiktherapie

am Leopold Mozart College of Music

(LMC) der Universität Augsburg. Der Griff zur passenden

Musik erfolge oft intuitiv und zeuge von

einer emotionalen Reife im Umgang mit Alltagsbelastungen

– so zumindest bei gesunden Menschen.

„Typische Symptome

für Depressionen sind

Grübeln und dieses

Musikhören“

Doch nicht jede:r kommt allein durch herausfordernde

Phasen. Wenn Musikstreams zur ständigen

Begleitung werden und Grübeleien statt

Empowerment auslösen, sieht Geipel darin mögliche

Warnzeichen. In solchen Fällen könne eine

musiktherapeutische Begleitung helfen – ambulant,

schulbasiert oder sogar stationär.

Als Musiktherapeutin an der SRH Campusambulanz

Heidelberg begegnet Geipel häufig Jugendlichen,

die unter Leistungsdruck oder Selbstwertproblemen

leiden und dabei gelegentlich in

depressive Verstimmungen rutschen. Diese seien

mit der Störung der Emotionsregulation stark verbunden.

„Typische Symptome für Depressionen

sind dieses Grübeln und dann eben dieses Musikhören

– die Grübelschleifen“, erläutert Geipel. Sie

verweist auf Studien, laut denen Musik und Emo-

tion teilweise über dieselben neuronalen Netzwerke

im Gehirn verarbeitet werden.

„Lofi Girl“-Livestreams erzielen die Emotionssteuerung

durch Musik auf eigene Faust. Ohne ein

physisches Therapiesetting aufzusuchen, erfahren

Zuhörer:innen darin emotionale Entlastung,

indem sie vertraute Musikgenres in Lo-Fi-Verarbeitung

hören. Stream-Titel versprechen: „Klänge

zum Lernen, Entspannen und Schlafen“. „Minimum

range, minimum change“, nennt Geipel die

minimalistische Klangästhetik von solchen Endlosschleifen.

Sie schaffen durch einen gleichbleibenden

Takt und unkomplizierte Melodien eine

entspannte Atmosphäre. Solche Musik könne

stressreduzierend und öffnend wirken – dadurch

fiele es jungen Nutzer:innen leichter, sich auf den

Austausch im Live-Chat einzulassen. „Fragen Sie

sich selbst, ob es Ihnen nach dem Hören schlechter

geht“, sagt Geipel zum Vorgehen bei der

Selbsttherapie. Sie fügt hinzu: „Und wenn dieses

natürliche Gespür irgendwie verloren gegangen

ist oder gerade nicht zugreift, dann würde ich es

mir anschauen.“ Da käme der YouTube-Kanal mit

seinem Ansatz zu kurz: „Es ist trotzdem ein sozialer

und weniger ein therapeutischer Raum.“

Für @ST4R geht inzwischen eine weitere lange

Lernnacht zu Ende. Ohne zu grübeln, tippt sie:

“lofi for deep sleep”. Doppelte Entspannung für

doppelte Mühe.

Was ist Lo-Fi?

Lo-Fi steht für „Low Fidelity“, also eine

niedrige Wiedergabetreue des Klangs.

Als Musikrichtung entstand Lo-Fi in

den 1950er-Jahren durch Bob Dylan

und andere Indie-Rock-Künstler. Die

Soundkulisse ist typischerweise rauschend

und entschleunigt.


10 LIEBE

mediakompakt

Schmetterlinge im Bauch,

Seelenverwandtschaft, ewige

Harmonie? Klingt schön –

funktioniert aber selten. Was

Beziehungen wirklich stark

macht, beginnt dort, wo die romantischen

Mythen enden.

VON AYLA TANSEL

Erfolgsrezept:

Liebe

Wir kennen sie alle: Die Vorstellung

von der „einen wahren Liebe“,

die alles übersteht: von Schmetterlingen

im Bauch, die niemals

vergehen, und von Partnerschaften,

die ohne Mühe funktionieren – solange man

nur „den richtigen Partner“ gefunden hat. Filme,

Bücher und Social Media verstärken diese Ideale

und vermitteln das Bild, dass Liebe vor allem aus

Schicksal, dauerhafter Leidenschaft und blindem

Verständnis füreinander besteht.

Doch die Realität sieht anders aus. Ein Thema,

dem Corinna Stolz in ihrem Alltag als Paartherapeutin

immer wieder begegnet, sind unrealistische

Erwartungen an die Liebe selbst: „Viele Menschen

gehen davon aus, dass eine gute Beziehung

vor allem leicht und selbst verständlich sein müsse

– konfliktfrei, intuitiv und voller Leidenschaft.“

Der Glaube daran, dass die Beziehungsperson eigene

Bedürfnisse ohne Worte erkennen und erfüllen

könne, sei besonders hartnäckig. Die Folge ist

eine wachsende Unzufriedenheit, die aus der

ständigen Enttäuschung über nicht erfüllte Wünsche

resultiert.

Auch die Vorstellung, dass intensive Gefühle

wie Schmetterlinge im Bauch dauerhaft spürbar

bleiben müssten, sorge oft für Enttäuschung. „Dabei

ist genau das eine Illusion“, erklärt Stolz. Denn

Liebe allein sei selten genug, um eine Beziehung

tragfähig zu machen – was fehle, sei meist das Bewusstsein

für die gemeinsame Arbeit an der Verbindung.

„Social Media zeigt oft nur die schönen Seiten

einer Beziehung, und Konflikte oder Schwierigkeiten

bleiben unsichtbar. Das führt zu einem verzerrten

Bild von Harmonie und perfektem

Glück.“ Ständige Vergleiche mit scheinbar perfekten

Beziehungen beeinflussen das eigene Beziehungsempfinden

negativ, was zur Unzufriedenheit

innerhalb der Partnerschaft beitragen kann.

Stolz hebt hervor, dass eine stabile Partnerschaft

auf einer soliden Basis von Kommunikati-

Drei Beziehungstipps für den Alltag

„Social Media zeigt nur die schönen Seiten (...) Das führt zu einem verzerrten Bild von perfektem Glück.“ Quelle: Pexels

on, Wertschätzung und Vertrauen aufbaut. „Offene,

respektvolle Kommunikation ist unerlässlich.

Dazu gehört echtes Zuhören, bei dem der Partner

nicht nur auf seine eigene Antwort wartet, sondern

wirklich versucht, den anderen zu verste-

1. Themen zeitnah konstruktiv aus eigener Perspektive ansprechen: keine Vorwürfe machen,

sondern Gefühle schildern

2. Interpretationen, Bewertungen und Unterstellungen vermeiden: Lieber noch mal

nachfragen, statt eigene Annahmen aufstellen

3. Kleine Gewohnheiten und Gesten etablieren - ohne Erwartung von „Gegenleistungen“

hen“, betont sie. Dies bedeutet auch, dass beide

Beziehungspersonen bereit sind, ihre Bedürfnisse

zu teilen, ohne Vorwürfe zu erheben. „Ich bin

überzeugt, dass es sehr wichtig ist, mit offenen

Karten zu spielen, anstatt zu interpretieren oder

zu spekulieren, was der andere denkt“, erklärt sie.

Ein weiteres Fundament ist das Verständnis, dass

in einer Beziehung nicht immer Übereinstimmung

herrschen muss. Laut Stolz sei es normal,

unterschiedliche Meinungen zu haben. Was jedoch

langfristig wichtig sei: ein ähnliches Wertesystem.

„Konträre Werte können auf Dauer eine

Beziehung belasten, da sie fundamentale Lebensentscheidungen

beeinflussen.“ Der Wunsch, gemeinsam

durchs Leben zu gehen, erfordere eine

gemeinsame Richtung, auch wenn der Weg dorthin

nicht immer ohne Meinungsverschiedenhei-


02/2025 LIEBE

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Expertin Corinna Stolz in ihrer Praxis. Quelle: Corinna Stolz

ten verläuft. Als einen genauso wichtigen Aspekt

sieht die Expertin die Akzeptanz von Veränderung.

In jeder Beziehung sei es unvermeidlich,

dass sich Menschen weiterentwickeln. Stolz erklärt,

dass diese Veränderungen oft als Bedrohung

wahrgenommen werden, dabei aber die Chance

für gemeinsames Wachstum bieten können. „Es

ist entscheidend, Veränderungen nicht als etwas

Negatives zu sehen, sondern als Teil einer gesunden

Beziehung. Eine offene Haltung ist wichtig –

zu fragen, was diese Veränderung für uns bedeutet

und was wir jetzt brauchen“, betont sie.

Im Alltag bestehe oft die Gefahr, dass die Beziehung

„nebenherläuft“ und dadurch an Tiefe

verliert. Wenn Nähe und Kommunikation im Alltag

verloren gehen, entsteht emotionale Distanz,

die die Verbindung zwischen den Beziehungspersonen

schwächen kann. „Routinen können für

manche stabilisierend und hilfreich sein, aber für

andere auch einengend und ermüdend“, so Stolz.

„Es ist wichtig, die Beziehung aktiv zu pflegen und

nicht als selbstverständlich hinzunehmen.“ Dies

erfordere bewusste Anstrengung, regelmäßige Zeit

miteinander zu verbringen und auf die Bedürfnisse

der Beziehungsperson einzugehen. Stolz gibt

konkrete Tipps für Paare, die ihre Beziehung aktiv

gestalten möchten: Dazu gehört regelmäßige

Kommunikation, etwa durch feste „Beziehungs-

Check-ins“ oder Dates zum Reden. „Neugierig

bleiben und Fragen stellen ist wichtig, um in der

Beziehung nicht in der Alltagsautomatik zu verfallen.

Auch Offenheit statt Harmoniezwang ist

entscheidend – kleine Themen sollten nicht unter

den Teppich gekehrt werden“, empfiehlt sie.

„Communication is key!“, lautet ein bekanntes

Sprichwort, das auch Stolz unterstützt. Für sie

ist gute Kommunikation einer der zentralen Erfolgsfaktoren

für jede Partnerschaft. Diese muss

aktiv gepflegt und geübt werden. Viele Paare hätten

nie gelernt, wie man konstruktiv miteinander

spricht, was oft zu Missverständnissen führe:

„Kommunikation ist kein angeborenes Talent,

sondern etwas, das geübt werden muss. Alte Muster

und Prägungen aus der Familie oder Verletzungen

aus der Vergangenheit können es schwer machen,

wirklich offen miteinander zu sprechen.“

Stolz empfiehlt regelmäßige Reflexion und das

Üben konstruktiver Kommunikation – eine Fähigkeit,

die in vielen Paarbeziehungen entscheidend

sein kann.

Auch die Bereitschaft, Hilfe durch eine Paarberatung

in Anspruch zu nehmen, sieht sie nicht als

Schwäche, sondern als Zeichen von Verantwortung

für die Beziehung. In der Paarberatung geht

es nicht darum, fertige Lösungen anzubieten, sondern

den Paaren zu helfen, ihre eigene Dynamik

zu verstehen und herauszufinden, was für sie

funktioniert. Die Veränderung muss immer bei

den Paaren selbst beginnen – durch Reflexion, Offenheit

und den Willen, an der Beziehung zu arbeiten.

Abschließend betont Stolz einen wichtigen

Punkt: „Liebe ist ein Gefühl, das nicht immer kontrollierbar

ist. Doch eine Beziehung ist eine Entscheidung.

Ich entscheide mich bewusst dafür,

mit meiner Beziehungsperson zusammen zu sein,

ihr Zeit und Energie zu widmen und gemeinsam

Herausforderungen zu meistern.„ Eine gute Beziehung

ist nicht das Ergebnis von Schicksal oder Zufall,

sondern von bewusster Arbeit, Kommunikation

und dem Willen, gemeinsam zu wachsen.“

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12 LIEBE

mediakompakt

Quelle: Unsplash

Jesus updated

„Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst.“ Alte Worte im Jahr 2025. Worte, die inmitten

von Polarisierung, kalten politischen Fronten und Shitstorms oft untergehen.

Was ist Nächstenliebe? Und sollte man jemanden lieben, der dich oder andere hasst?

Pfarrerin Martina Rupp gibt der Nächstenliebe ein Update.

VON ANNA FRAUENHOFFER

Für die evangelische Pfarrerin der Gemeinde

Eschenbach ist das Christentum

ein Weg. Einer mit vielen Stationen:

Sie arbeitete in einem Heim für

Menschen mit Behinderung, studierte

Theologie und war in mehreren Gemeinden tätig.

Sie engagierte sich bei Amnesty, auf Kirchentagen,

in Jugendfreizeiten und reiste nach Bosnien,

um Kriegswaisen zu unterstützen. „Auf Gott hören

und für Gott handeln.“ So bringt sie ihren

Glauben auf den Punkt.

Update Nächstenliebe: Was bedeutet das?

Für Martina Rupp ist klar: Dein Nächster oder

deine Nächste ist der Mensch, der dir gerade begegnet.

„Das heißt aber nicht, dass man demjenigen

gleich um den Hals fallen muss“, lacht sie. Für

sie beginnt Nächstenliebe im Kleinen: mit Hilfsbereitschaft,

Respekt und einem kleinen Vertrauensvorschuss.

„Ich gehe davon aus, dass der andere

es erst mal gut mit mir meint.“

„Christ:in sein, heißt:

Werden, was man ist.“

Als Pfarrerin sieht Rupp Nächstenliebe überall.

„Es muss nichts Spektakuläres sein. Ein soziales

Miteinander, das vor Einsamkeit schützt.“ Besonders

berühren sie die Worte Jesu aus dem Gleichnis

aus Matthäus 25: „Ich war hungrig, ihr habt

mir zu essen gegeben. Ich war krank, ihr habt

mich besucht (…) was ihr einem meiner geringsten

Brüder oder Schwestern getan habt, das habt

ihr mir getan.“ Nächstenliebe könne sich auch im

Praktischen zeigen: „Beim Steuern zahlen. Denn

diese sozialen Strukturen helfen Menschen in

Notlagen.“

Wann ist Schluss mit Liebe?

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich

selbst, das bedeutet auch, dass ich auf mich achten

muss. Nächstenliebe schließt die Verantwortung

für die eigene Belastbarkeit ein. Niemand

muss die ganze Welt retten. Wenn jeder zu einem

solidarischen Miteinander beiträgt, kann bereits

viel bewirkt werden. Dazu gehört es für mich

auch, Grenzen zu setzen und sich nicht ausnutzen

zu lassen.“

„Man muss sich auch nicht jeden Müll anhören.

Manchmal bin ich auch einfach sprachlos.“

Martina Rupp nimmt in ihrer Gemeinde wahr,

wie hitzig über Themen wie AfD, Migration, Islam

oder Klimaschutz diskutiert wird. Ihr ist wichtig,

Menschen nicht vorschnell für eine politische

Aussage zu verurteilen. „Der Mensch ist mehr als

seine Meinung.“ Aber: „Es gibt Haltungen, bei denen

man sich fragt: Was stimmt denn da nicht?!“

Daher setzt die Pfarrerin auf Gespräche, auch

wenn es unbequem wird. Wo es nötig ist, zeigt sie

klare Haltung. „Aber nicht jede Diskussion führt

zur Einsicht.“

Was kann Kirche tun?

Die evangelische Kirche zählt knapp 18 Millionen

Mitglieder und mit ihnen auch ein breites

Spektrum an Meinungen. „Hier kann und muss

Kirche vermitteln. Sie sollte keine Vorschriften geben,

aber einen klaren Rahmen.“ Immer begründet

durch Bibel und Theologie. „Wer glaubt, trägt

auch Verantwortung. Und es ist gut, wenn die Kirche

in zentralen Fragen Haltung zeigt.“ Etwa

durch die Aussage von Landesbischof Ernst-Wilhelm

Gohl: „Die AfD ist für Christen nicht wählbar.“

Oder mit dem Satz aus der Kirchentagsbewegung

zur Seenotrettung: „Man lässt niemanden

ertrinken. Punkt.“ Kirche „darf nicht schweigen,

wenn Unrecht geschieht“. Im Umgang mit gesellschaftlichen

Spannungen wünscht sich Rupp von

der Kirche vor allem eines: genau hinzusehen. Wo

liegen die Konflikte, was sind die Ursachen? „Nur

wer die kennt, kann Orientierung geben.“ Gerade

in einer Zeit, in der Meinungsverschiedenheiten

zum Katalysator für Spaltung werden kann, sei es

wichtig, nicht gleich Angst zu haben. „Unterschiedliche

Positionen, bedingt durch die zahlreichen

aktuellen Krisen, sind ganz normal. Entscheidend

ist, sich davon nicht lähmen zu lassen.

Mir hilft es, mich aufs Wesentliche zu besinnen.“

Auf die Begegnungen zwischen den Menschen.

„Jenseits aller Unterschiede verbinden uns die

existenziellen Erfahrungen: In Liebe, Tod und

Krankheit ist man sich oft näher als man denkt.“

Pfarrerin Martina Rupp. Quelle: Unsplash


02/ 2025 LIEBE

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Eine Brücke zwischen

zwei Welten

Ein Swipe nach rechts – mehr brauchte es nicht, um eine Verbindung zu schaffen, die bis heute

hält. Inmitten der Pandemie, zwischen Lockdowns und Ungewissheit, lernten sich Noor

Ahmad* (26) und ihr Partner Felix Fink* (26) auf der Dating-App Tinder kennen. Was mit einem

digitalen Wischen begann, wurde bald zu einer echten Beziehung – allerdings im Verborgenen.

VON HILAL KAYMAZ

Schon beim ersten Treffen spürte die

Deutsch-Jordanierin, dass ihr Gegenüber

anders war. Es war eine ruhige

Neugier, ein ehrliches Interesse, das sie

an ihm faszinierte. Doch der Beginn

war nicht nur romantisch, sondern auch komplex:

In der arabischen Kultur hat Familie einen

besonderen Stellenwert. Präsent, verbindlich, mit

klaren Erwartungen. Bei Felix ist die Bindung lockerer,

individueller. „Da habe ich schon gemerkt,

wie unterschiedlich wir geprägt sind.“

Für Noor ist das Leben in zwei Realitäten

nichts Neues. Schon als Jugendliche jonglierte die

26-Jährige zwischen den kulturellen Normen ihrer

Herkunft und den westlichen Freiheiten. Heute

bedeutet das: Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit?

Kein Thema. Natürlich nur solange es nicht

in der Nähe ihrer Familie passiert.

Ihre Beziehung bleibt bis heute ein streng gehütetes

Geheimnis. Nicht aus Scham, sondern aus

der Angst heraus, ihre Eltern zu enttäuschen. Nur

ein paar Vertraute aus dem ihrem Umfeld wissen

von Felix – Menschen, bei denen sie sich sicher

fühlt, die ihre Realität kennen und sie darin unterstützen.

„Ich möchte meinen

Eltern erst den Mann

vorstellen, bei dem ich

sicher bin, dass er

bleibt.“

Doch das hat seinen Preis. Schuldgefühle vermischen

sich mit dem Wunsch nach Selbstbestimmung.

Die eigene Identität wird täglich zur

Verhandlungssache zwischen Respekt und persönlichem

Glück. Und immer bleibt ist die Sorge:

Was, wenn die Wahrheit ans Licht kommt? Trotzdem

meistert Noor den Balanceakt bemerkenswert

reflektiert. Sie spricht offen mit ihrem Partner

über kulturelle Erwartungen, religiöse Hintergründe

und mögliche Konflikte. Seine Offenheit

hilft. Missverständnisse bleiben aus. Es ist eine Beziehung

auf Augenhöhe, getragen von Geduld

und gegenseitigem Lernen.

Besonders im gesellschaftlichen Umgang

wünscht sie sich mehr Sensibilität: Nicht jede Tradition

ist ein Zwang, nicht jede Zurückhaltung

ein Mangel an Freiheit. „Es geht um Respekt vor

der Familie, vor Werten, vor dem eigenen Weg.“

Auch Menschen in ihrem Umfeld, die denselben

kulturellen Hintergrund teilen, haben Schwierigkeiten,

diese Balance zu verstehen. Zwischen der

Loyalität zu den eigenen Wurzeln und dem Streben

nach Liebe fühlt sich Noor oft hin- und hergerissen.

Sie hofft, dass ihr Umfeld, mehr Verständnis

für diesen inneren Konflikt aufbringt.

Zwischen zwei Welten

Für Noor ist diese Herausforderung besonders

schwierig, weil sie sich zwischen zwei Welten bewegt.

Die eine: Die Welt ihrer Familie, in der Tradition

und kollektive Werte im Vordergrund stehen.

Die andere: Die Welt ihrer eigenen Wünsche

und Vorstellungen von individueller Freiheit.

„Ich will meine Kultur nicht verlieren“, erklärt sie,

„aber ich möchte auch nicht, dass meine eigene

Identität und Liebe unterdrückt werden.“

Was Noor sich von ihrer Familie wünscht?

Verständnis. Für das Ringen um Identität, das Gefühl,

sich nie ganz zugehörig zu fühlen. Und die

Hoffnung, eines Tages beides vereinen zu können.

Für sie geht es nicht darum, die Werte ihrer

Familie abzulehnen, sondern vielmehr darum, eine

Brücke zwischen diesen zwei Welten zu bauen.

Echte Liebe muss nicht immer laut sein

Denn so herausfordernd die Unterschiede

auch sind, das, was Noor und Felix verbindet, ist

stärker: Vertrauen, Ehrlichkeit und das Wissen,

dass echte Liebe nicht immer laut sein muss, um

stark zu sein. Ihre Beziehung lebt von den ungesagten

Momenten, vom gemeinsamen Lernen

und der tiefen Verbundenheit, die sich über kulturelle

Unterschiede hinweg entwickelt hat.

Auch wenn die Herausforderung groß ist, betrachtet

Noor ihre Geschichte als eine, die Hoffnung

gibt – Hoffnung auf ein Verständnis, das

nicht nur zwischen den beiden Kulturen existiert,

sondern auch im eigenen Herzen. Denn am Ende

ist es nicht die Gesellschaft, die entscheidet, was

Liebe bedeutet, sondern die, die sie leben.

* Namen von der Redaktion geändert

Quelle: Unsplash


14 LIEBE

mediakompakt

WHY CHOOSE?

Quelle: Pixelshot

Edward und Jacob, Peeta statt Gale. Wir alle kennen klassische

Liebesdreiecke. Doch was, wenn man sich am Ende nicht nur für

eine Person entscheidet? So kann ein Ausbruch aus der Monogamie

gelingen.

VON REBEKKA HATZENBÜHLER

Zuerst kann sie es gar nicht richtig fassen.

Es scheint unmöglich, immerhin

ist sie seit fünf Jahren glücklich verheiratet.

Aber das zarte Flattern in ihrem

Bauch und ihre Gedanken, die ständig

um ihre neue Kollegin kreisen, kann sie nicht länger

leugnen. Sie ist verliebt – und der Wunsch den

Gefühlen nachzugehen ist überwältigend und bedrückend

zugleich. „Ich habe mich verliebt“, gesteht

sie ihrem Mann. Er ist fassungslos: „Bin ich

dir nicht mehr genug?“ Die Situation ist verzwickt,

die Stimmung zuhause angespannt. Eine

Lösung muss her. Doch kann eine nicht-monogame

Beziehung für sie funktionieren?

Solche oder ähnliche Fragen begegnen Paartherapeut

Robert. A. Coordes bei einem Viertel

der Paare, die er betreut. „Wir haben mit Menschen

zu tun, die sich auf einmal in eine andere

Person schockverliebt haben“, berichtet er. „Oder

jemand hat eine Affäre gehabt und will sie fort-

führen.“ Es gibt verschiedene Gründe, warum

Paare aus der Monogamie ausbrechen wollen.

Wie genau sie sich dabei ausleben, kann ganz unterschiedliche

Formen annehmen. Die einen besuchen

gemeinsam Swinger-Clubs und führen eine

offene Beziehung, andere definieren sich als

polyamor. Doch wo genau liegt der Unterschied?

Coordes beschreibt Polyamorie als den Anspruch,

mehrere gleichwertige, emotional involvierte

Beziehungen zu führen. Offene Beziehungen

hingegen seien oft sexuell motiviert. „Es gibt

meist eine Kernbeziehung und dann, in mehr

oder weniger besprochener Art und Weise, Möglichkeiten

daraus auszubrechen“, erklärt Coordes.

Innerhalb einer stabilen Grenze werden also bestimmte

Erlaubnisse erteilt und offen ausgesprochene

Bedürfnisse ausgelebt.

„Polyamorie geht vom Konzept her weit darüber

hinaus“, meint Coordes, fügt aber auch hinzu:

„Ich glaube offene Beziehungen sind ein weitaus

Nicht-monogame

Beziehungsformen

Offene Beziehung

Ein Paar einigt sich darauf, einander

auch andere Partner, meist Sexualpartner,

zu erlauben.

Dabei führt das Paar gemeinsam die sogenannte

Kernbeziehung und vereinbart

individuelle Regeln für weitere Partnerschaften.

Ist das Paar verheiratet, spricht

man von einer offenen Ehe.

Polyamorie

Wer polyamor lebt, führt mit mehreren

Menschen gleichzeitig diverse Liebesbeziehungen.

Der unterscheidende Faktor ist dabei,

dass es sich um romantische Partnerschaften

handelt und nicht nur um Sexbeziehungen.

Mehr Begriffe rund um nicht-monogame

Beziehungen gibt es online unter:

www.annikaackermann.de/polyamoriebegriff


02/ 2025

LIEBE

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größeres Feld.“ Für Paare, die bereits eine stabile

Beziehung führen, sei es häufig naheliegender, die

Beziehung zu öffnen. „Das ist für viele schon ein

Riesenschritt.“ Auch sei es immer auch eine Frage

des Labels, das man sich selbst gibt und wie man

sich selbst versteht.

„Polyamorie ist ein Szene-Ding. Es gibt Bubbles,

in denen das die Norm ist.“ Dabei nennt der

Paartherapeut vor allem Kink-Szenen und queere

Communities. Aber alternative Beziehungsmodelle

seien auch Teil der Jugendkultur, gerade unter

Studierenden. Häufig stecke hinter der Bezeichnung

„polyamor“ eine philosophische und

politische Motivation. Aber die grundlegende Frage

sei immer, ob man in der Lage ist, eine Beziehung

mit mehreren Partner:innen zu führen.

„Ob ich nun sage, ich bin polyamor oder nicht,

ändert ja nichts daran, ob ich lieben kann“, betont

Coordes.

„Sie müssen gut in

Beziehungen sein und

das ist das, was vielen

schwerfällt.“

„Man muss seine

eigenen Abgründe

kennenlernen.“

Krisen können zu einer Entwicklung führen, aber

das kann nur funktionieren, wenn man sich offen

ausspricht. „Wir haben immer mit einer Vermittlung

zu tun. In einer Beziehung muss ich kommunizieren,

was mir wichtig ist und wo meine Grenzen

liegen“, erklärt Coordes.

Auch für monogame Beziehungen sei das

wichtig. Doch der Vermittlungsprozess potenziere

sich, wenn man mehrere Beziehungen führt. In

nicht-monogamen Beziehungen sei man in dauerhafter

Anpassung, beschäftige sich mehr mit

den eigenen Grenzen, damit, worüber man reden

muss und was man auch mit sich selbst ausmachen

muss. „Man guckt genauer hin.“

Nicht-monogame Beziehungen bieten also Chancen

– sind aber auch eine emotionale Zumutung.

Doch die wichtigste Grundlage für eine erfolgreiche

Beziehung, ob nun monogam, offen oder polyamor,

ist immer Kommunikation und die Fähigkeit

sich auf andere einzulassen. Man muss zuerst

lieben können.

Polyamorie in Zahlen

66 Prozent der Deutschen schließen eine

offene Beziehung für sich aus.

17 Prozent können sich eine Beziehungsöffnung

grundsätzlich vorstellen.

11 Prozent haben bereits eine offene Beziehung

geführt.

Mehr dazu: www.elitepartner.de/studien/

offene-beziehung/

Die Beziehung zu öffnen oder Polyamorie zu praktizieren,

sei für viele in der Regel nicht die Lösung,

sondern der Auftakt zu einem intensiven Entwicklungsprozess,

der auch schmerzhaft werden

kann. „Wenn ich mich entscheide polyamor zu

leben, habe ich erst mal ziemlichen Stress“, erklärt

Coordes. Grund hierfür sei, dass man in Erklärungsnot

kommt. Man müsse dem oder der bestehenden

Partner:in vermitteln, warum man diesen

Schritt gehen möchte. „Das bedeutet, gemeinsam

Kompromisse zu finden.“

Es müsse geklärt werden, welche Erfahrungen

möglich sind und welche Schritte man gehen

kann, ohne die Kernbeziehung zu gefährden.

Geht es um sexuelle Abenteuer oder romantische

Dates? Welche Regeln müssen vereinbart, welche

Grenzen gesetzt werden?

In polyamoren Beziehungskonstrukten seien

es oft symbolische Themen, die stark ausgehandelt

werden müssen. Mit wem verbringt man den

gemeinsamen Urlaub oder wer schläft am Ende

des Tages gemeinsam in einem Bett? „Und dann

ist nicht ausgeschlossen, dass es wieder Konflikte

gibt.“

Trotz der festgelegten Grenzen könnten Unzufriedenheit

und Unsicherheit nicht vermieden

werden, wenn sich eine Person vernachlässigt

fühlt. Viele haben selbst schlechte Bindungserfahrungen

gemacht und werden in nicht-monogamen

Beziehungskonstrukten mit unterbewussten

Ängsten konfrontiert. Sie empfinden Eifersucht

oder Schuldgefühle, weil sie das Gefühl haben,

den Erwartungen nicht gerecht zu werden.

Konflikte entstünden dabei oft durch unausgesprochene

Bedürfnisse, so Coordes.

„Beziehung findet im diffusen Bereich statt“,

fasst er zusammen. Ob die Beziehung stabil ist,

zeige sich erst dann, wenn sie auf die Probe gestellt

wird.

Häufig findet man in nicht-monogamen Beziehungen Dreierkonstellationen. Quelle: Pexels


16 LIEBE

mediakompakt

Liebe, Wald

und Schuss

Mit der Initiative „Lernet Natur” des Deutschen Jagdverbands besucht Patrick Ziemer regelmäßig Schulen und Kitas,um ihnen seinen Beruf näher zu bringen. Quelle: Eileen Ellis

Jagd – für manche ein blutiges Hobby, für andere ein aktiver Beitrag zum Naturschutz. Zwischen

Emotion und Verantwortung, Tradition und Nachhaltigkeit bewegt sich ein Handwerk, das oft missverstanden

wird. In Zeiten von Klimawandel, Artensterben und übernutzten Ökosystemen lohnt sich

ein genauer Blick auf jene, die sagen, sie würden „die Natur schützen, indem sie eingreifen“. Doch

kann man wirklich lieben, was man tötet?

VON EILEEN ELLIS

Wenn ein Tier erlegt wird, ist das

kein schneller Moment. In der

Weidmannssprache heißt es

nicht „töten“, sondern „erlegen“.

Und das Erlegen ist von Ritualen

begleitet, die tief in der jagdlichen Kultur verwurzelt

sind. „Jedes Tier bekommt seinen letzten Bissen“,

erklärt Patrick Ziemer. Ein kleiner Bruch,

meist von Eiche, Tanne oder Fichte, wird dem Tier

ins Maul gelegt. Es wird auf der rechten Seite gebettet

– das Herz zeigt gen Himmel. Ein stilles Zeichen

von Achtung. Dann erklingt das Totsignal

mit dem Jagdhorn. Keine Melodie im klassischen

Sinne, sondern ein respektvoller Gruß. „Das

Hornblasen ist unsere Art, das Tier zu ehren“, sagt

Patrick. „Es hatte ein gutes Leben. War frei. Und

jetzt wird es nicht vergessen.“ Der 27-Jährige ist

gemeinsam mit seinem Großvater Jagdpächter –

ein Mann, dessen Liebe zur Jagd längst zur Lebenshaltung

geworden ist. Am Wanderparkplatz

Hardtwald in Renningen beginnt der Tag. Sein

Auto ist voll mit allem, was man braucht: Hammer,

Astsäge, Messer, Fernglas, Gewehr. Dazu der

Geruch frisch gesägten Holzes. Auf einem schmalen

Waldweg geht es zur Lichtung, wo gerade ein

neuer Hochsitz gebaut wird. Mitten im Wald, zwischen

Holz, Erde und Harz beginnt der Tag – im


02/ 2025 LIEBE

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Einklang mit dem Takt der Natur. Patrick steht

mit erdverschmierten Händen im Wald. Für ihn

ist das Alltag. „Ich bin eigentlich jeden Tag draußen“,

sagt er. Die Jagd ist für ihn Verpflichtung –

und ein Erbe. Schon früh entdeckte er die Faszination

dafür, ausgelöst durch seinen Großvater.

Während andere Kinder Cartoons schauten, war

er mit Fernglas und Wildkamera unterwegs.

„Während Corona sind wir uns wieder nähergekommen.

Ich habe gemerkt, wie gut mir die Ruhe

im Wald tut.“

Ein Revier – viele Aufgaben

Das Revier, das der junge Jäger betreut, umfasst

120 Hektar Wald und 200 Hektar Feld. Doch

wer glaubt, Jagen sei nur Schießen, irrt. „Das

macht vielleicht zwei Prozent aus“, erklärt er. Die

übrige Zeit verbringt er mit Beobachten, Pflegen,

Bauen, Füttern, Kontrollfahrten und Wildmonitoring

– echte Handarbeit für den Naturschutz.

Patrick spricht vom „Auftrag der Hege“: ein

Gleichgewicht zwischen Wald und Wild. Rehe

zerstören junge Bäume, Wildschweine verwüsten

Felder. „Ohne den Menschen gerät vieles aus dem

Gleichgewicht. Der Wald braucht unsere Unterstützung.“

Hege bedeutet auch, Lebensräume zu gestalten:

Wildäcker anzulegen, Kirrungen zu kontrollieren,

Hochsitze zu pflegen und Jagdpfade freizuhalten.

„Was wir machen, ist nicht nur für uns – es

ist für die Zukunft dieses Lebensraums.“

Stadtjäger – Wildtiere im urbanen Dschungel

Neben dem klassischen Revier engagiert sich

der Naturfreund auch als angehender Stadtförster.

Waschbären, Füchse und Marder sind längst im

urbanen Raum heimisch geworden. Sie leben auf

Dachböden, graben Gärten um oder verursachen

Schäden in Mülltonnen und Leitungen. „Manchmal

reichen einfache Maßnahmen – Löcher abdichten,

Äste entfernen. Aber nicht immer.“

Stadtjagd bedeutet nicht nur Praxis, sondern

auch Aufklärung. „Wir greifen nicht ein, weil wir

wollen, sondern weil wir müssen. Der Mensch hat

die Kontrolle übernommen – jetzt muss er Verantwortung

übernehmen.“ Stadtjagd bedeutet auch,

mit Vorurteilen aufzuräumen. „Viele Menschen

in der Stadt haben keinen Bezug mehr zur Natur.

Für sie ist der Wald ein Ort zum Joggen, nicht zum

Leben und Sterben.“ Patrick versucht zu vermitteln:

zwischen Mensch und Tier, Stadt und Wald,

Leben und Tod.

Naturverbindung und gelebte Nachhaltigkeit

Für Patrick ist Jagd mehr als ein Handwerk – es

ist Naturverbundenheit. „Sie hat mir beigebracht,

die Natur wirklich zu sehen – mit all ihren Rhythmen

und Ungleichgewichten.“ Er beobachtet, dokumentiert

und greift nur ein, wenn nötig. Nachhaltigkeit

ist für ihn Alltag. „Wir schießen nicht

einfach drauflos. Wir wählen gezielt: schwache

Tiere, kranke, oder solche, deren Bestand reguliert

werden muss.“ Er spricht von genetisch starken

Rehböcken, die bewusst geschont werden, damit

sie ihre guten Anlagen weitergeben können.

Auch Fleischkonsum wird neu gedacht: regional,

transparent, bewusst. „Wir wissen genau, woher

unser Wild kommt. Kein Tier musste dafür in

einem Stall leiden. Es hatte ein Leben in Freiheit.“

Jagd als Bildung – Lernen mit Fell und Horn

Diese Haltung gibt der junge Jäger weiter – an

Kinder. Mit der Initiative „Lernet Natur” des Deutschen

Jagdverbands besucht er regelmäßig Schulen

und Kitas. Im Gepäck: Felle, Geweihe, Präparate,

Fotos, Hörner. Kinder dürfen anfassen, fragen,

erleben. „Wir zeigen, dass Jagd nichts mit Lust am

Töten zu tun hat – sondern mit Wissen, Respekt

und Verantwortung.“ Auch Fleischkonsum ist

Thema: „Viele wissen nicht, wo ihr Essen herkommt.

Wir bringen ihnen das näher.“ Und dabei

lernt auch Patrick immer wieder etwas Neues.

„Kinder stellen Fragen, die einen selbst zum Nachdenken

bringen.“

Liebe und Tod – ein Widerspruch?

Kann man etwas lieben, das man tötet? Patrick

überlegt lange. „Man erlegt nicht aus Spaß. Es

geht um Verantwortung. Um das große Ganze.“

Er kritisiert die Doppelmoral: „Wer Fleisch im Supermarkt

kauft, hat auch ein Tier getötet – nur

eben nicht selbst.“ Jäger stehen zu ihrer Entschei-

„Kinder stellen Fragen, die einen selbst zum Nachdenken

bringen.“ Quelle: Eileen Ellis

dung – mit Respekt. „Ich verblase jedes Stück mit

dem Horn. Weil es das verdient.“ Nach dem Erlegen

wird das Tier aufgebrochen, zerlegt. Einen Teil

isst die Familie selbst, der Rest wird verkauft – direkt,

regional, nachvollziehbar. Alles wird verwendet:

Fleisch, Fell, Geweih – ein Tierleben in

Würde.

Nach getaner Arbeit sitzt man auf dem neuen

Hochsitz. Der Renninger öffnet zwei Flaschen Bier

– „Ein gutes Jäger Spezial, wie sich’s gehört“, sagt

er und grinst. Das Werkzeug liegt beiseite. Die

Sonne sinkt langsam hinter die Baumkronen. Es

ist still. Nur das Klirren der Flaschen und das Knacken

des Waldbodens – ein Feierabend, wie ihn

sich ein Naturfreund kaum schöner wünschen

kann. Die Geräusche des Waldes wirken wie ein

Herzschlag – leise, stetig, beruhigend.

Eine letzte Frage zum Schluss: Warum jagst du

– und warum wirst du niemals damit aufhören?

Patrick lehnt sich zurück, schaut in den Wald.

„Weil es mein Ruhepol ist. Es gibt mir unglaublich

viel – die Stille, die Klarheit, das Einssein mit der

Natur. Wer einmal verstanden hat, was es heißt,

sich selbst im Wald zu begegnen, der hört nie wieder

damit auf.“

Auf der Jagd. Quelle: Eileen Ellis


18 LIEBE

mediakompakt

Herz auf vier Pfoten

Quelle: Sina Bolta

Sie bellen, schnurren oder legen sich einfach zu uns – doch was bedeutet das eigentlich? Können

Tiere lieben? Und wenn ja: Wie zeigen sie es? Tierärztin Kim Usko verrät, wie tief die Gefühle der

tierischen Freunde wirklich gehen.

VON SINA BOLTA

Wenn sich ein Hund eng an sein

Herrchen drückt oder sich die eigene

Katze leise auf dem Schoß

zusammenrollt, spürt man es

ganz deutlich: Zuneigung. Aber

ist das wirklich Liebe oder bloßer Instinkt?

Kim Usko meint: „Menschen haben den Hang

dazu, Tiere zu vermenschlichen. Liebe ist eine

wahnsinnig komplexe Emotion, die wir selbst nur

schwer definieren können. Bei Tieren würde ich

eher von Nähe, Vertrauen und einem Bedürfnis

nach Sicherheit sprechen.“

Tiere zeigen auf vielfältige Weise, dass sie Bindung

zu Menschen aufbauen. Sie nutzen andere

Mittel als Sprache, um Zuneigung zu vermitteln.

Hunde gelten allgemein als besonders men-

„In einem optimalen

Verhältnis zwischen

Mensch und Tier verhalten

sich beide liebevoll.“

schenbezogen, da sie als Rudeltiere auf soziale Interaktion

angewiesen sind. Sie suchen aktiv Körperkontakt,

legen sich unter den Stuhl ihres Menschen

oder starren ihn in unsicheren Situationen

nach dem Motto „Hm, das ist jetzt komisch, was

machen wir?“ an und warten auf Anweisung. Das

Ausführen von Anweisungen zeugt von großem

Vertrauen. Auch das Bringen von Gegenständen

Wüstenrennmäuse sind soziale Tiere. Quelle: Sina Bolta

wird als Versuch gedeutet, Zuneigung zu zeigen.

„Ich erinnere mich, wie ein Hütehund regelmäßig

kleine Geschenke wie Stöckchen brachte, offenbar

um Aufmerksamkeit zu bekommen und seinem

Menschen eine Freude zu machen.“

Kim Usko zufolge zeigen Katzen ihre Zuneigung

subtiler, aber ebenso deutlich. „Bei Katzen

ist es eher die Toleranz von Nähe“, erklärt sie. Indem

sie sich mit dem Kopf oder dem Schwanz an

Personen reiben, markieren sie diese mit ihrem

Duft – ein Zeichen der Zugehörigkeit. Auch das sogenannte

„Slow Blinking“, ein langsames Blinzeln

bei direktem Blickkontakt, wird als Ausdruck

tiefen Vertrauens interpretiert. Wenn eine Katze

sich mit entblößtem Bauch in der Nähe eines

Menschen schlafen legt, zeuge das von einem hohen

Maß an Sicherheit und sozialer Bindung. Am

„Level an excitement“ lässt sich jedoch erkennen,

wer die Bezugsperson des Tieres ist. „Der Kater

meiner Mutter begrüßt sie viel überschwänglicher

als mich. Bei mir ist das eher so ein: ‚Okay, cool.

Gut, dass du wieder da bist.’ Und dann geht er

wieder.“

Ein Aspekt, der unterschätzt werde, sei das sogenannte

Pflege- und Ruheverhalten von Tieren –

ein Zeichen tiefen Vertrauens. „Wenn ein Hund

neben dir so fest schläft, dass er zu träumen be-


02/ 2025

LIEBE

19

Wie zeigen Tiere

Zuneigung?

Hund:

– Blickkontakt in unsicheren Situationen

– Kuscheln, anlehnen, Schutz suchen

– „Geschenke“ bringen, gefallen wollen

Katze:

– Reibt sich mit Kopf oder Schwanz

– Markierung und Zugehörigkeit

– „Slow Blinking“

– langsames Blinzeln bei Blickkontakt

– Komfortverhalten: Putzen, Schlafen

mit freigelegtem Bauch

Gemeinsamkeiten:

– Nähe und Vertrauen sind Zeichen von

Bindung

–Komfortverhalten ist oft ein unterschätztes

Liebeszeichen

– Keine Romantik, aber soziale Bindung

ginnt, mit den Pfoten rudert oder leise fiepst, zeigt

das, wie sicher er sich fühlt“, erklärt sie. Solche

Verhaltensweisen seien vergleichbar mit der Nähe,

die wir auch im menschlichen Miteinander

nur mit engen Vertrauten zulassen.

Auch bei Katzen sei das deutlich zu beobachten:

Wenn sie sich direkt neben einem Menschen

ausgiebig putzen – mit angehobenen Beinchen in

einer Art ‚Everything-Shower‘ – oder sich in völlig

entspannter Haltung auf die Seite drehen, ist das

laut Kim ein deutliches Zeichen für Wohlbefinden.

„Das sind keine Positionen, aus denen heraus

man schnell fliehen könnte. Eine Katze

macht das nur, wenn sie sich wirklich sicher

fühlt.“ Dieses sogenannte Komfortverhalten sei

zwar unspektakulär, aber ein klarer Beleg für soziale

Bindung – und werde im Alltag oft übersehen.

Interessanterweise lässt sich liebevolles Verhalten

nicht pauschal auf bestimmte Tierarten zurückführen.

Während Hunderassen wie der Australian

Shepherd oft spezifische Eigenschaften mitbringen

– etwa ein starkes Bedürfnis nach Arbeit

und Bestätigung wie bei Hütehunden – ist es am

Ende vor allem der individuelle Charakter, der bestimmt,

wie Zuneigung gezeigt wird. Manche Katzen

sind verschmust, andere eher distanziert. Und

manche Hunde möchten ständig kuscheln, während

andere ihre Ruhe wollen.

Auch die Vorgeschichte spiele eine Rolle: Tiere

aus dem Tierschutz etwa hätten oft andere Bindungsmuster

und zeigten Nähe auf andere Weise

als Tiere, die von klein auf in einem stabilen Zuhause

lebten. Was oft romantisiert wird, etwa das

Zusammenleben von „Geschwistertieren“, ist aus

tiermedizinischer Sicht eher pragmatisch zu verstehen.

„Tiere nehmen Geschwister nicht als solche

wahr. Es geht eher darum, dass sie sich sehr

lange kennen – und diese Vertrautheit schafft Bindung.“

Auch romantische Paarbindung wie beim

Menschen gibt es bei Hunden und Katzen nicht in

Vor allem der individuelle Charakter bestimmt bei Tieren, wie sie Zuneigung zeigen. Quelle: Sina Bolta

vergleichbarer Weise. Auch der Tod eines Artgenossen

weckt bei Tieren Emotionen: „Manche

Tiere rufen oder suchen aktiv nach dem verstorbenen

Partnertier“, berichtet die Tierärztin. Aus diesem

Grund lassen manche Tierhalter das Partnertier

nach dem Einschläfern noch einmal Abschied

nehmen. „Ein kurzes Schnuppern, manchmal ein

Winseln – und dann ist das Thema innerlich aber

abgeschlossen.“ In bestimmten Situationen zeigen

Tiere auch Reaktionen, die an Eifersucht erinnern:

Hunde, die sich zwischen zwei Menschen

drängen, oder Katzen, die sich demonstrativ unter

eine streichelnde Hand schieben. Inwiefern das

mit menschlicher Eifersucht gleichzusetzen ist, ist

unklar. Ob das nun wirklich das Verlangen nach

Aufmerksamkeit ist, oder eher ein „Ich will nicht,

dass du dieser Person oder diesem Tier zu Nahe

kommst“, sei laut Kim Usko jedoch schwer zu beurteilen.

Das emotionale Verhalten von Tieren stellt die

Forschung noch immer vor Herausforderungen:

Während Stresshormone wie Cortisol nachgewiesen

werden können, ist Liebe als messbare Größe

schwer zu erfassen. In der Ethologie, der Verhaltensforschung,

stützt man sich vor allem auf beobachtbares

Verhalten und wiederkehrende Muster.

Beispielsweise Hunde, die in unsicheren Situationen

die Nähe ihres Menschen suchen.

Für Kim Usko ist es klar, dass Tiere zwar keine

Liebe in Worten ausdrücken könnten, aber über

Verhalten, Nähe und Vertrauen deutlich machten,

dass sie emotionale Bindungen eingehen. Ihre

Zuneigung sei vielleicht nicht romantisch, dafür

jedoch echt und unverstellt.


20 LIEBE

mediakompakt

– und vor allem Sorgen.„Liebe ist nicht nur ein

Gefühl, ich habe ihn geliebt, weil er mir zugehört

hat. Weil er nie weggelaufen ist, auch wenn es

schwierig wurde“, erklärt Johanna Wagner. Über

60 Jahre hat diese Beziehung gehalten. Statistiken

zeigen, dass etwa jede vierte Ehe in Deutschland

nach 25 Jahren bereits geschieden wird. Johannas

Geschichte bietet einen Kontrast dazu. Sie betont

die Bedeutung von Kommunikation und gegenseitigem

Respekt: „Wir hatten Krisen, aber wir haben

nie aufgehört, miteinander zu reden.“ Und

wenn dann doch mal tagelang Schweigen

herrschte? „Irgendwann haben wir uns hingesetzt,

geredet – und dann ging es weiter, zusammen.“

Johanna hat dafür eine Erklärung: „Bestimmt

denken viele, Liebe muss sich immer gut anfühlen.

Aber Liebe kann auch langweilig und anstrengend

sein. Dann muss man sich fragen: Ist mir das

hier die ganze Mühe, die Arbeit, wert?“

Hat sie „alles“ für die Liebe getan? Für kurze

Zeit sitzt sie still da, überlegt: „Ich habe auf vieles

verzichtet – Reisen, einen Beruf, den ich gern gemacht

hätte. Aber Ich habe das nie als Minus für

mich gesehen. Wir haben Kinder großgezogen,

ein Haus gekauft. Wenn man das zusammen

macht, muss man auch oft zurückstecken. Und

das hat er auch getan“, sagt sie. Zum Beispiel habe

Friedrich Wagner auf einen beruflichen Wechsel

verzichtet, um in der Nähe der Familie zu bleiben.

„Damit wir nicht jedes Jahr umziehen müssen, als

die Kinder klein waren“, erzählt sie. Entscheidend

sei, dass es ausgeglichen bleibt. „Manchmal trägt

der eine mehr von der Last, manchmal der andere.“

Besonders offen spricht Johanna Wagner über

eine Krise, die erst spät kam. Nach fast 30 Jahren

Ehe, als die Kinder aus dem Haus waren.

„Wir saßen da und fragten uns: Wer sind wir

eigentlich ohne unsere Kinder?“ Der Auszug der

Kinder stellt für viele Eltern eine emotionale Herausforderung

dar. Dieses Phänomen, bekannt als

„Empty-Nest-Syndrom“, beschreibt Gefühle von

Leere und Traurigkeit, die auftreten können,

wenn das letzte Kind das Elternhaus verlässt. Eine

Studie der Freien Universität Berlin zeigt, dass insbesondere

Mütter in dieser Phase eher unglücklich

werden, während Väter tendenziell weniger

betroffen sind. Für Johanna und Friedrich Wagner

war der Auszug ihrer Kinder eine Zeit des Umbruchs,

die sie jedoch nutzten, um ihre Beziehung

neu zu entdecken und zu festigen.

„Wir mussten uns neu

kennenlernen und dabei

haben wir uns wieder

verliebt.“

Kämpfen oder gehen?

Was bleibt von der Liebe,

wenn der Alltag kommt? Wenn

die Kinder gehen, Träume

sich ändern – und man sich

selbst neu kennenlernen

muss? Johanna Wagner, 83,

ist seit über 60 Jahren verheiratet.

Ihre Geschichte zeigt:

Liebe ist in ihrem Fall kein

Zufall.

VON ALEKSANDER REHM

Nach 30 Jahren Ehe haben wir uns

wieder verliebt“, sagt Johanna Wagner.

Sie spricht ruhig, fast schon

zärtlich. Die 83-Jährige sitzt aufrecht

in einem Sessel mit grünen

Polstern, ein Teeglas in der Hand, die Haare silberweiß

und ordentlich hochgesteckt. Was sie dann

erzählt, ist nicht kitschig, sondern sehr berührend.

Es geht um ein gemeinsames Leben, Zweifel,

Nähe und das große Ganze, das Liebe heißt.

In einer Zeit, in der laut Statistischem Bundesamt

rund 129.000 Ehen jährlich geschieden werden

und die durchschnittliche Ehedauer bis zur

Scheidung bei rund 15 Jahren liegt, wirkt ihre Geschichte

fast wie ein Märchen. Johanna Wagner

und ihr Mann Friedrich Wagner lernten sich 1962

bei einem Tanzabend kennen. „Er war schrecklich

nervös, als er mich zum Tanzen aufforderte, aber

er hatte so eine freundliche Art, da konnte ich

nicht Nein sagen“, erinnert sie sich und lächelt.

Was dann folgte, war alles andere als ein Märchen,

sondern echtes Leben: Kinder, Arbeit, Alltag

Quelle: Pixabay

Was rät sie jungen Paaren? „Bleibt auch in einer

Beziehung noch euer „Ich“, nicht nur ein

„Wir“. Ich hatte meine Freundinnen, meine Hobbys

und das hat mein Mann auch immer respektiert.

Liebe braucht viel Freiheit.“ In ihren Worten

steckt Wahrheit: Wahre Liebe besteht nicht aus

ständigen Höhepunkten, sondern wächst in den

leisen Momenten – durch Geduld, Gespräche und

gegenseitiges Vertrauen. Die Hamburger Psychologin

Lisa Fischbach, die in ihrer Praxis Singles

und Paare berät, betont in der ElitePartner-Studie

2024, dass genau dieses Vertrauen zu den wichtigsten

Grundlagen für stabile Beziehungen gehört.

Befragt wurden knapp 4000 Menschen. Im

Fall von Johanna Wagner kommt noch etwas dazu:

der Wunsch, auch im Alter nicht stehenzubleiben

– sondern gemeinsam weiterzuwachsen.

Wahre Liebe besteht nicht aus ständigen Höhepunkten,

sondern wächst in den leisen Momenten. Quelle: Pixabay


02/ 2025 LIEBE

21

Warum Gefühle nicht alt werden

Sie lachten beim ersten Tanz, streiten über Fernbedienungen und halten sich beim

Spaziergang an den Händen: Marianne und Erwin Kaiser sind seit vierzig Jahren verheiratet –

mit über 70 Jahren. Eine Geschichte über Zärtlichkeit, Krisen und das Jungbleiben des Herzens.

VON JALINE DE LEON

Wenn Marianne Kaiser über ihren

Mann spricht, leuchten ihre Augen.

„Erwin ist mein Lieblingsmensch“,

sagt sie. „Auch wenn er

das Thermostat immer zu hoch

dreht.“ Erwin Kaiser schmunzelt: “Sie liebt mich

trotzdem.“ Seit vier Jahrzehnten sind die beiden

verheiratet – mit einer Vertrautheit, die durch Höhen

und Tiefen gewachsen ist.

Ein Walzer als Anfang fürs Leben

Kennengelernt haben sie sich vor über 40 Jahren

bei einem Tanztee im Bürgerzentrum ihrer

Kleinstadt bei Ulm. Beide waren jung, voller Träume

– und ahnten nicht, dass aus einem Tanz ein

gemeinsames Leben werden würde. „Ich war sofort

fasziniert“, erzählt die 73-Jährige. „Es war, als

würde jemand mein Herz ganz leicht anstoßen.“

Als der junge Erwin Kaiser sie zum Walzer aufforderte,

war das Eis gebrochen. Heute leben sie zusammen

in einer hellen Zwei-Zimmer-Wohnung

mit Parkblick. Sie kochen gemeinsam, diskutieren

über Bücher und planen kleine Reisen. „Wir waren

gerade in Amsterdam“, erzählt Erwin Kaiser.

Liebe im Alter ist real. Laut einer Umfrage der

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

fühlen sich rund 60 Prozent der über 65-Jährigen

emotional zu anderen hingezogen – viele erleben

sogar eine neue Form der Verbundenheit. „Man

geht bewusster mit der Zeit um“, sagt Marianne

Kaiser. „Nichts ist selbstverständlich.“

„Liebe wird nicht alt. Sie

wird vielleicht ruhiger, aber

nicht schwächer.“

meint, wir hätten nie aufgehört, uns neu ineinander

zu verlieben.“ Studien zeigen: Soziale Bindungen

im Alter stärken nicht nur das Wohlbefinden,

sie fördern auch die Gesundheit. „Seit wir zusammen

sind, habe ich meinen Blutdruck besser im

Griff“, sagt Erwin Kaiser. Marianne Kaiser ergänzt:

„Und ich brauche keine Schlaftabletten mehr.“

Liebe im Alltag

Für die beiden bedeutet Liebe heute vor allem,

den Alltag zu teilen. Frühstücken, Fernsehen, Spazierengehen.

„Kompromisse gehören dazu“, sagt

Marianne. „Aber das war mit 30 Jahren genauso.“

Streiten sie? „Natürlich“, sagt Erwin Kaiser. „Meist

über Banales – Salz oder kein Salz ins Frühstücksei?“

Doch sie versöhnen sich schnell: „Es ist keine

Zeit für lange Funkstille.“ Zum Valentinstag

schenkte Marianne Kaiser ihm ein Gedicht. Erwin

Kaiser bastelte ihr eine CD mit Liedern aus ihrer

Jugend. Die kleinen Gesten zählen für sie mehr als

große Versprechen.

Ein Herz, das nicht alt wird

Was sie aus 40 Jahren Liebe gelernt haben?

Marianne Kaiser überlegt. „Gefühle werden nicht

alt, weil man sich gemeinsam weiterentwickelt –

auch durch Krisen. Wer nie aufhört, füreinander

da zu sein, bleibt einander nah.“ Und was raten sie

jüngeren Paaren? Da sind sie sich einig: „Sich

trauen, das Herz immer wieder neu zu öffnen.“

Soziale Bindungen im Alter stärken nicht nur das Wohlbefinden,

sie fördern auch die Gesundheit. Quelle: Pixabay

Gemeinsam durch schwere Zeiten

Dabei war nicht immer alles leicht: Als Erwin

Kaiser mit Anfang 50 seinen Job verlor, war plötzlich

vieles ungewiss. „Wir mussten unser Haus

verkaufen, haben lange gestritten, wie es weitergeht“,

erzählt Marianne Kaiser. „Aber genau da

haben wir gemerkt: Wir können uns aufeinander

verlassen.“ Auch gesundheitliche Rückschläge haben

sie gemeinsam durchgestanden. „Ich war

zweimal im Krankenhaus, einmal ziemlich ernst“,

sagt Erwin Kaiser. „Marianne war jeden Tag da.

Ohne sie hätte ich das nicht so gepackt.“

Mehr als Gewohnheit: echte Nähe

„Unsere Tochter war in der Pubertät nicht begeistert

davon, wie nah wir uns als Paar waren“,

erinnert sich Erwin Kaiser. „Heute sagt sie: ‚Ihr

seid mein Vorbild.‘“ Marianne Kaiser lacht: „Sie

Liebe im Alter ist real. Laut einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung fühlen sich rund 60 Prozent der

über 65-Jährigen emotional zu anderen hingezogen. Quelle: Pixabay


22 LIEBE

mediakompakt

Es lebe der Sport

Ob Running Club, Bolzplatz oder Vereinstraining – die Liebe zum Sport zeigt sich heute auf ganz

neue Weise: Zwischen spontanem Kicktreff per App und traditionsreichen Vereinsabenden erlebt

Bewegung ein Comeback. Nicht als schweißtreibende Pflicht, sondern als Gefühl.

VON FREDERIK STOLL

Laut des Deutschen Olympischen Sportbunds sind derzeit 28,4 Millionen Menschen in über 86.000 Sportvereinen aktiv.

Quelle: Frederik Stoll via Midjourney

Wenn Liebe ein Ort wäre, wäre sie

manchmal ein Bolzplatz. Zwei

kaputte Tornetze, ein Ball, Menschen,

die sich vorher nie begegnet

sind. Und trotzdem fühlt es

sich nach Community an. So ist das manchmal

mit dem Sport – er bringt Menschen zusammen,

die sich sonst nicht gefunden hätten. Ob per App

oder über das schwarze Brett: Der Treffpunkt ist

das Spielfeld, die Tartanbahn oder der Kiosk um

die Ecke. Der Rest? Herzenssache.

Sport ist nicht mehr nur Bewegung. Er ist Haltung.

Kultur. Statement. Die Orte dafür haben

sich verschoben: Statt ins Vereinsheim geht es

heute zum Kiosk Ost. Running Clubs wie die Kraft

Runners, 0711.Runners oder das Munich Run-

Pack, sind dabei weit mehr als Laufgruppen – sie

sind gelebte Community und urbaner Ausdruck

eines Lifestyles. Hier wird vor dem Laufen die

Playlist geteilt, nach dem Zieleinlauf noch ein gemeinsames

Getränk genossen. Alles ohne Druck,

ohne Leistungsnachweis. Es geht nicht um persönliche

Bestleistungen, sondern um das Zusammensein.

Die Vorteile? Keine Mitgliedsanträge,

keine Vorstandssitzungen – einfach loslaufen.

Parallel dazu verändern auch digitale Plattformen

das sportliche Miteinander. Jugad, eine Fußball-Meeting-App,

vereint über 16.000 Hobbykicker:innen

und ist ein Beispiel dafür, wie einfach

sich heute Gleichgesinnte für ein Spiel finden lassen

– oft spontan, oft anonym, aber mit verbindender

Wirkung. Der User Tim Marlinghaus

bringt es in den Google Play Rezensionen zur App

auf den Punkt: „Einfach gut, perfekt für Leute, die

einfach mal ein bisschen zocken wollen, ohne

sich in einen Verein einzuschreiben. Die Commu-

nity ist bisher auch ausgesprochen nett.“ Ein anderer

User namens As Assburger schreibt: „Geil,

casual, unkompliziert, einfach kicken mit den

Jungs.“ Sport wird nicht unsozialer – nur anders

organisiert. Man trifft sich digital, spielt analog.

Die App ist nur das Werkzeug. Was zählt, ist der

Moment auf dem Platz.

Trotz aller Trends sind die klassischen Strukturen

nicht verschwunden. Laut des Deutschen

Olympischen Sportbunds sind derzeit 28,4 Millionen

Menschen in über 86.000 Sportvereinen aktiv.

Besonders bei Kindern unter 14 Jahren steigen

die Zahlen leicht – ein zartes Comeback der Vereinsbindung

in jungen Jahren. In vielen Vereinen

wird die Lücke spürbar zwischen denen, die kommen

– und denen, die bleiben. „Gerade im Jugendbereich

ist es entscheidend, kontinuierlich

zu überprüfen, ob alle Trainerstellen besetzt

sind“, betont Dietmar Walcher, Vorsitzender des

süddeutschen Fußballvereins FC Neuhausen 80

mit Sitz in Metzingen/Neuhausen.

„Hier besteht stets Handlungsbedarf.“ Aktuell

läuft es im Nachwuchsbereich gut, doch der Übergang

zu den Aktiven wird schwieriger: Viele junge

Erwachsene ziehen für das Studium oder die Ausbildung

weg, kommen nur sporadisch zum Training

oder beenden ihre Sportkarriere ganz. „Wir

haben zwar 30 Spieler mit gültigem Pass, aber im

Training stehen oft nur zehn oder zwölf auf dem

Platz“, so der Vorsitzende des etwa 500 Mitglieder

starken Vereins. Auch die Anforderungen an die

Organisation haben sich verändert: Mehr Veranstaltungen,

mehr Abstimmungen, mehr Kommunikation

– aber immer weniger helfende Hände.

Die Gremien seien klein, die Aufgaben groß. Vieles

werde nur gestemmt, weil sich Einzelne über

das normale Maß hinaus engagieren. Und doch

hält ihn etwas: „Die Faszination für den Sport –

die bleibt.“

Vielleicht ist das die Zukunft des Sports: kein

Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch.

Vereine, die offener werden. Apps, die Leute verbinden

und Bewegungen, die nicht in Konkurrenz

stehen, sondern sich gegenseitig inspirieren.

Der Soundtrack zum Text:

„Es lebe der Sport“

von Rainhard

Fendrich

[Spotify]


02/ 2025 LIEBE

23

Mit Mister Kruger auf Japans Straßen

Der TikToker „Mister Kruger“

zeigt, wie Reisen zur Herzenssache

wird. Seine Liebe zu

Japan und die Begegnungen

unterwegs machen deutlich:

Fernweh ist mehr als nur ein

Gefühl, es ist ein Ziel, das

verbindet.

VON JEAN-LUC VALLAT

Hab ich schon gesagt, dass ich Japan

liebe?“, fragt Mister Kruger und

grinst in die Kamera. Hinter ihm

flimmert das Neonlicht von Tokios

Straßen, während er durch eine

kleine Gasse läuft – ein Mix aus Tradition und Moderne.

Seine Augen leuchten, seine Gesten sind lebendig.

Man spürt sofort: Er meint es ernst.

So wie Mister Kruger, der über 123.000 Follower

auf TikTok hat, geht es auch vielen Menschen

in Deutschland, die sich für das Land der aufgehenden

Sonne begeistern. Laut der Japan National

Tourism Organization reisten 2024 über 3 Millionen

Europäer:innen nach Japan – ein klarer Anstieg

im Vergleich zu den Vorjahren. Im Jahr 2023

waren es eine Million Tourist:innen, 2022 zwischen

300.000 und 400.000. Besonders beliebt ist

Japan nicht nur wegen seiner kulturellen Vielfalt,

sondern auch wegen der Sicherheit, die das Land

auszeichnet: Laut Global Peace Index zählt Japan

zu den zehn sichersten Ländern weltweit.

Chris Rowthorn, renommierter Japan-Experte

und Autor von insgesamt 19 Lonely-Planet-Japan-

Guidebooks, lebt seit 1992 in Kyoto. Der britischamerikanische

Journalist, der fließend Japanisch

spricht und mit einer Frau aus Kyoto verheiratet

ist, erklärt: „Japan ist ein Paradoxon: Hier treffen

uralte Teezeremonien auf Hightech-Roboter,

schneebedeckte Tempel auf Megacity-Neonlichter.

Diese Spannung fasziniert Reisende weltweit –

und schafft ein Gefühl, als beträte man mehrere

Zeitzonen gleichzeitig.“Der Experte betont auch

Japans Sicherheit: „Es hat die zweitniedrigste Kriminalitätsrate

der G7-Staaten – ein Schlüsselfaktor

für Reisende, die Exotik ohne Risiko suchen.“

Mister Krugers Reisen nach Japan sind mehr

als Sightseeing, sie sind eine Herzensangelegenheit.

Schon bei seinem ersten Aufenthalt spürte

der 28-Jährige, dass ihn das Land nicht mehr loslassen

würde. „Die Mischung aus Tradition und

Moderne, die Herzlichkeit der Menschen und die

kleinen Alltagsmomente berühren mich immer

wieder aufs Neue.“ Besonders in Tokio fühle er

sich lebendig, neugierig und offen für alles, was

kommt. „Ich liebe das Gefühl, fremd zu sein und

jeden Tag etwas Neues zu entdecken.“ Diese Offenheit

sei für ihn der Schlüssel zu echten Begegnungen

und damit auch zu einer besonderen

Form von Liebe: der Liebe zur Welt und zu den

Menschen, denen er auf seinen Reisen begegnet.

„Reisen ist für mich mehr als nur Urlaub. Es ist eine

Möglichkeit, den eigenen Horizont zu erweitern

und Vorurteile abzubauen“, sagt Mister Kruger,

der mit bürgerlichem Namen Enes heißt.

In seinen Videos teilt der Japan-Fan nicht nur

praktische Tipps, sondern auch persönliche Geschichten,

die zeigen, wie sehr ihn das Reisen berührt.

So berichtet er von einer Begegnung in einem

Vorort von Tokio, als er sich verirrte und eine

ältere Dame ihm mit Händen und Füßen den Weg

wies. „Manchmal reicht ein Lächeln, um sich verbunden

zu fühlen, solche Momente sind für mich

Ausdruck einer universellen Menschlichkeit und

einer Liebe, die keine Sprache braucht.“

Auch die Freundlichkeit zwischen Menschen

spielt auf seinen Reisen eine Rolle. In einem seiner

Clips erzählt er von einem Abenteuer mit einer

Für Enes bedeutet jede Reise eine neue Erfahrung.

Quelle: misterkruger1

neuen Freundin in Japan. „Gemeinsame Erlebnisse,

das Teilen von Eindrücken und das Überwinden

von Unsicherheiten schweißen zusammen

und machen deutlich, dass Liebe auf Reisen viele

Gesichter haben kann.“

Für Mister Kruger ist die Liebe zum Reisen ein

ständiger Antrieb. Sie lässt ihn immer wieder aufbrechen,

Neues wagen und offen bleiben für das

Unbekannte. Seine Community inspiriert er, es

ihm gleichzutun: „Ich bekomme oft Nachrichten

von Leuten, die dank meiner Videos den Mut gefunden

haben, selbst nach Japan zu reisen.“ Für

viele ist es der erste Schritt in ein neues Abenteuer

– und manchmal auch in eine neue Liebe.

Sein wichtigster Tipp für alle, die sich auf das

Abenteuer Japan einlassen wollen: Keine Angst

vor dem Unbekannten! „Japan ist ein sehr sicheres

Land, und die Menschen sind unglaublich

hilfsbereit. Am besten plant man grob, lässt aber

viel Raum für Spontanität. Und: Einfach mal

einen Automaten ausprobieren – da gibt es die

verrücktesten Snacks, wie zum Beispiel Aalfleisch

am Spieß!“ Ein Snack, den Mister Kruger besonders

empfiehlt? „Warme Maissuppe direkt aus

dem Getränkeautomaten oder Melonpan – ein süßes

Brötchen mit knuspriger Kruste, das nach Melone

duftet.“

Zu seinen Lieblingsorten zählen neben Tokio

auch Kyoto mit seinen Tempeln, Osaka als Streetfood-Mekka

und das verschneite Takayama in den

japanischen Alpen – ein Geheimtipp für alle, die

es ruhiger mögen.

Für Mister Kruger ist klar: Die Liebe zum Reisen

hört nie auf. Mit jedem Trip wächst sie weiter,

wird reicher und vielfältiger. Die nächste Reise

nach Japan ist bereits geplant – und dort wartet

schon das nächste große Abenteuer.

Vokabeln für die Reise

Japan ist ein Paradoxon: Hier treffen uralte Teezeremonien auf Hightech-Roboter, schneebedeckte Tempel auf Megacity-

Neonlichter. Bild: edo_tokyo_

Konnichiwa – Hallo

Arigatou – Danke

Oishii – Lecker

Sake kudasai – Einen Sake bitte.

chikatetsu – U-Bahn

tasukete kudasai – Bitte helfen Sie mir.


24 LIEBE

mediakompakt

Heimat auf drei Kontinenten

Was bedeutet es, wenn man zwischen Kontinenten aufwächst und Liebe zur Heimat nicht an einen

Ort gebunden ist?

VON VANESSA RUPPERT

Amy Kulich wuchs in Shanghai auf –

doch ihre Schulhefte waren auf

Deutsch. Die Tochter eines amerikanischen

Vaters und einer deutschen

Mutter besuchte eine deutsche Schule

in China. Heute lebt sie in Lörrach und unterrichtet

selbst. Im Interview spricht sie über kulturelle

Identität, Heimatgefühle und warum sie sich

manchmal nirgends – und manchmal überall – zu

Hause fühlt.

„Ich bin ein Third Culture Kid“. So definiert

Amy Kulich sich selbst. Schätzungen zufolge gibt

es weltweit mehrere Millionen sogenannte Third

Culture Kids; je nach Definition und Studie

schwanken die Zahlen zwischen etwa drei und

acht Millionen. Ihre Eltern zogen mit ihr aufgrund

der Arbeit ihres Vaters nach China. Die Kultur,

in der sie aufwuchs, war weder ganz die ihrer

Familie noch die ihres Umfelds. Und doch wurde

sie zu ihrer eigenen. „Ich glaube so etwas prägt die

Identität und auch die Persönlichkeit, aber auch

bestimmte Eigenschaften wie Anpassungsfähigkeit

oder Empathie. Selbst mein kulturelles Interesse,

interkulturelles Wissen und meine Kommunikationskompetenzen

wurden dadurch positiv

geprägt.“

Expert:innen sehen sowohl Vorteile als auch

Risiken im Aufwachsen zwischen Kulturen. Diese

Perspektiven werden insbesondere in der interkulturellen

Pädagogik und der Forschung zu den

Third Culture Kids diskutiert. Es fördere Offenheit

und Anpassungsfähigkeit, könne aber auch zu einem

Gefühl der Entwurzelung führen.

Heute, mit Anfang 30, lebt Kulich in Deutschland,

unterrichtet Englisch und Mathe and einem

Gymnasium und arbeitet in ihrer Freizeit ehrenamtlich

als Jugendpastorin.

Zuhause fühlt sie sich – geografisch – dort, wo sie

gerade ist. „Ich bin gut im Ankommen“, sagt sie.

„Ich richte meine Wohnung schnell ein und habe

ein paar Gegenstände, die aus jeder neuen Wohnung

mein Zuhause machen.“ Und doch beschreibt

sie Heimat nicht als einen Ort, sondern

verbindet es mit viel mehr.

„Wenn man Heimat nur als Ort definiert,

dann bin ich wohl heimatlos.“ Ihre eigentliche

Heimat, sagt die Lehrerin, sei ihr Glaube.

„Ich sehe mein Leben

hier eher als eine

Durchreise – meine eigentliche

Heimat ist im

Himmel.“

Doch trotz aller Losgelöstheit ist da auch tiefe

Verwurzelung – in Freundschaften, in Erinnerungen,

in Gerüchen. „Ich glaube Heimat ist für mich

Freundschaft, Familie, aber auch der leichte

Mundgeruch von Taxifahrern in Shanghai.“ Bei

diesen Worten muss sie lachen. Aber auch wenn

sie geschlachtete Enten und Hühner in Schaufenstern

sieht. Oder das gedämpfte Stimmenge-

wirr vieler Sprachen hört. „Heimat ist für mich

Stadtlärm. Nicht, weil ich ihn vermisse – aber,

weil er mir vertraut ist.“

Kulich erinnert sich gut an ihre Zeit auf der

deutschen Schule in China. Weltweit gibt es rund

140 deutsche Auslandsschulen mit über 84.000

Schüler:innen. Dort trafen sich viele Kinder wie

sie. „In internationalen Communities fühle ich

mich am meisten verstanden“, sagt sie. In

Deutschland sei sie „zu amerikanisch“, in den

USA „zu europäisch“, in China immer „die Ausländerin“.

Es sei nicht schlimm, eben Tatsache.

„Deshalb ist Heimat für mich einfach da, wo mein

Herz ist. Und mein Herz hängt an Menschen.“

In Deutschland gibt es etwa 180 internationale

Schulen, die speziell auf Schüler:innen mit internationalem

Hintergrund ausgerichtet sind.

Diese Zahlen zeigen: Das Leben zwischen Kulturen

ist Realität für viele Kinder weltweit. Kulichs

Geschichte steht exemplarisch für eine ganze Generation,

die kulturelle Vielfalt nicht nur erlebt,

sondern lebt. In ihren Unterricht bringt sie diese

Herzenshaltung mit – offen, neugierig, zugewandt.

Ihre Schüler:innen feiern mit ihr amerikanische

Feiertage wie den Fourth of July, probieren

Pancakes und erfahren, dass man sich auch

gleichzeitig fremd und zugehörig fühlen kann.

„Ich will, dass sie wissen: Heimat kann mehr sein,

als ein Ort.“

Sie denkt nicht in Grenzen. Im Sommer 2026

plant sie für einige Jahre nach Uganda zu ziehen,

um dort in einer Schule zu arbeiten. Wieder ein

neues Land. Wieder ein Neuanfang

Amy Kulich ist die Tochter eines amerikanischen Vaters und einer deutschen Mutter. Sie besuchte eine deutsche Schule in China. Quelle: Amy Kulich


02/ 2025 LIEBE

25

Liebe ist nicht

programmierbar

Quelle: Blindmate

Was passiert, wenn man sich beruflich mit der Liebe beschäftigt? Wie die Arbeit an einer Dating-

App den Blick auf Beziehungen verändert.

VON CLARA SOLAREK

Es beginnt mit einer einfachen Frage:

„Wie würdest du dich beim Daten beschreiben?“

Ich sitze mit meiner

Freundin Kim auf dem Sofa. Eigentlich

helfe ich ihr nur, ein Datingprofil zu

erstellen. Doch plötzlich sprechen wir über mehr

als nur Vorlieben. Wir reden über Unsicherheiten,

Tempo, Erwartungen. Themen, die sonst selten

Platz haben.

Eine App, die genau dies möglich machen

will, heißt „Blindmate“. Das Prinzip: Nicht du

selbst suchst Matches aus, sondern deine

Freund:innen. Und: Du siehst dein Gegenüber

nicht sofort. Erst wenn ihr ins Gespräch kommt,

decken sich Stück für Stück die Profile auf – wie

bei einem digitalen Blind Date.

Die Idee hinter der App

Einer der Mitgründer ist Andreas „Andi“ Lindner.

In seinem Leben hat die Entwicklung dieser App

mehr verändert als nur seinen Beruf. „Die Idee

kam tatsächlich von Anna“, erzählt er. „Sie meinte

irgendwann, dass unsere Freund:innen viel besser

darin wären, potenzielle Paare zu erkennen als

wir selbst.“ So wie bei ihr und Ben.

Die beiden Mitgründer:innen Anna Schotenröhrwaren

und Benjamin Wiegand waren im Studium

einfach nur befreundet, aber alle um sie herum

sahen längst: Das passt. Nur sie selbst nicht.

Erst an einem zufällig zu zweit verbrachten Abend

kam der Wendepunkt – und so die Idee zur App.

Weniger Wischen, mehr Gefühl

„Klassische Datingapps“, sagt Andi, „sind wahnsinnig

visuell. Man entscheidet in Sekunden – basierend

auf ein paar Fotos. Das hat mit echter Verbindung

wenig zu tun.“ Sie wollen das umdrehen:

Wer hier „swipen“ will, macht das für seine

Freund:innen – und achtet viel mehr auf Charakter

und Humor als auf Optik.

Andi ist überzeugt, dass das mehr bedeutet als

nur ein anderes Interface. „Theoretisch könnten

wir einen riesen Einfluss drauf nehmen, wer sich

verliebt, wenn wir das wollen würden“, sagt er.

„Machen wir aber nicht. Wir lassen es einfach die

Freund:innen entscheiden.“

Liebe, Version 2.0

Hat diese Arbeit seine eigene Sicht auf Beziehungen

verändert? „Eher andersherum“, meint Andi.

Blindmate sei entstanden aus der Frustration über

Oberflächlichkeit in der digitalen Datingwelt –

aus dem Wunsch, wieder etwas Echtes zu schaffen.

Trotzdem: Der Einblick in Liebesgeschichten,

die über die App beginnen, bewegt ihn. „Da war

zum Beispiel eine Userin, der irgendwann die vor-

gegebenen Icebreaker-Fragen ausgingen“, erzählt

er lachend. „Sie und ihr Match haben dann mit

Absicht die Profile noch nicht aufgedeckt, sondern

sich eigene Fragen ausgedacht.“ Solche Geschichten

machen für ihn den Wert der App aus.

Wenn Liebe ein Update bekommt

Und wie sieht Andi die Zukunft von Dating-Apps?

„Da passiert gerade so viel, das ist unvorhersehbar.“

Was er aber sieht: Die Generation Z ist müde

von schnellen Matches und sehnsüchtig nach

echtem Kennenlernen. „Aber spätestens, wenn

man arbeitet, trifft man einfach nicht mehr so viele

Leute wie zum Beispiel im Studium. Insofern

würde ich sagen, dass es diese Apps und Plattformen

in irgendeiner Form immer geben wird.“

Dass Blindmate heute wächst, während andere

Plattformen stagnieren, zeigt: Der Wunsch

nach Tiefe ist da. Und manchmal beginnt alles

mit einem Match, das man nicht selbst gemacht

hat – sondern jemand, der einen wirklich kennt.

Übrigens: Andi selbst hat seine Freundin über

Blindmate kennengelernt. Das war noch vor dem

offiziellen Launch. Im Team witzelten sie damals:

„Wenn Andi durch die App jemanden kennenlernt,

dann hat es sich schon gelohnt.“ Heute

lacht er über den Satz – und weiß, dass er mehr

Wahrheit enthält, als ihm damals bewusst war.


26 LIEBE

mediakompakt

LET‘S TALK ABOUT

SEX, BABY!

Quelle: Pexels

Es ist paradox: Sex ist überall – in Werbung, Filmen und auf Social Media. Und doch spricht kaum

jemand ehrlich über ihn. Nicht so Alexandra Steinmann und Mascha Hülsewig. Sie holen ihn aus

der Tabuzone. Ihre Überzeugung: Eine gesunde Sexualität stärkt Körper und Seele.

VON ANIKE OVIA

Gedämpftes Licht, verstohlene Blicke,

Hände, die über grell bedruckte Pornocover

streichen und Luft, die erfüllt

ist vom schweren Duft abgestandenen

Parfüms. So stellen sich

viele Menschen Sexshops vor – Orte, die man mit

hochgezogenen Schultern betritt und schnell wieder

verlässt. Mascha Hülsewig und Alexandra

„Alex“ Steinmann wollten etwas anderes: Einen

Raum, an dem Sexualität nicht schmuddelig, sondern

sinnlich, offen und ehrlich ist.

„Wir hatten schon länger überlegt, ob wir zusammen

etwas auf die Beine stellen wollen“, erzählt

Alex. „Der Gedanke, eine erotische Boutique

zu eröffnen, ließ uns einfach nicht mehr los.“ Also

begannen sie zu recherchieren, tauchten tiefer in

die Welt der Erotik ein und entwickelten Stück für

Stück ihre eigene Version eines modernen Sexshops.

„Frau Blum“ ist mehr als nur ein Laden – es ist

ein „Safe Space“, ein Ort, an dem sich die Menschen

gesehen und akzeptiert fühlen sollen. Statt

schnellem Verkauf geht es um Austausch, Aufklärung

und die Einladung zur Selbstreflexion. Denn

sexuelle Bildung ist für Mascha und Alex ein zentrales

Anliegen. „Viele glauben, dass Sexualität etwas

ist, das man einfach kann. Dass man auf die

Welt kommt und Sexualität einem einfach in die

Wiege gelegt wird“, sagt Mascha.

„Eine erfüllte,

intensive, schöne

Sexualität wirklich zu

leben, muss man

lernen.“

Als zentraler Bestandteil ihres „Instituts für sexuelle

Bildung“ finden daher regelmäßig Workshops

und Vorträge zu Themen wie Intim-Massage,

Polyamorie oder Selbstliebe statt. „Es gibt einfach

so viele Menschen, die sich in ihrer Sexualität

noch nicht sicher fühlen oder ihre Wünsche nicht

klar formulieren können“, erklärt Alex. „Dabei ist

es völlig normal, dass man sich weiterentwickelt,

Neues entdeckt und seine eigene Sexualität immer

wieder neu definiert.“

Gerade für Frauen sei es oft schwer, die eigenen

Bedürfnisse klar zu formulieren – im Alltag

genauso wie im Bett. Mascha sieht die Gründe dafür

in der Geschichte: „Jahrhundertelang haben

Männer bestimmt, wie das Leben läuft. Sie haben

das Geld verdient, die Regeln gemacht. Frauen

hatten keine eigene Identität, kein eigenes Geld,

keine Stimme. Ihre Aufgabe war es, Kinder zu kriegen

und den Haushalt zu führen. Das hat sich

zum Glück geändert, aber ich glaube, dass das immer

noch tief in unserer DNA verwurzelt ist.“

Deshalb müssten Frauen heute umso mehr

Verantwortung für ihre eigene Sexualität übernehmen,

sagt sie. „Sie müssen sich erkunden, herausfinden,

wie sie funktionieren, was sie mögen,

was nicht. Wann sie Nein sagen wollen und wann

ihre Grenzen überschritten sind. All das durften

Frauen früher nicht einmal denken. Heute dürfen

sie es endlich.“

Mascha Hülsewig (links) und Alexandra Steinmann: „Wir

sind zwei ganz normale Frauen, die einfach einen spezielleren

Job haben als so manch andere.“ Quelle: Frau Blum


02/ 2025

LIEBE

27

Doch das ist leichter gesagt als getan. Viele ihrer

Kund:innen wenden sich mit Unsicherheiten

an sie – etwa, weil sie beim Sex nichts spüren oder

keinen Orgasmus erleben. „Vor allem Frauen denken

oft, mit ihnen stimme etwas nicht“, sagt Alex.

Dabei sei das häufig schlicht die Folge mangelnder

Aufklärung. Noch immer hält sich beispielsweise

der Mythos, der vaginale Orgasmus sei der

einzig wahre – obwohl medizinisch längst belegt

ist, dass fast alle weiblichen Orgasmen klitoral

ausgelöst werden. Auch gesellschaftliche Prägungen

spielen eine Rolle. Im Schnitt haben die Deutschen

rund 2,2 Mal pro Woche Sex. Doch was dabei

zählt, ist nicht die Häufigkeit, sondern das Erleben:

Studien zufolge können 70 bis 100 Prozent

der Männer von sich behaupten, beim letzten Sex

zum Orgasmus gekommen zu sein. Von den Frauen

können das hingegen nur 30 bis 60 Prozent.

Besonders groß sei die Diskrepanz in heterosexuellen

Beziehungen.

Laut Expert:innen liegt der Grund dafür nicht

zuletzt in einem Mangel an Wissen über den weiblichen

Körper und in der Vorstellung, dass Penetration

allein „reichen“ müsse. Auch gesellschaftliche

Rollenbilder erschweren es Frauen, ihre Sexualität

selbstbestimmt zu leben, da von ihnen

oftmals Passivität erwartet wird und von Männern

Initiative. Mascha erklärt: „Viele Männer

glauben, sie müssten über alles Bescheid wissen –

auch über die Sexualität ihrer Partnerin. Der Kauf

eines Sextoys wird dann schnell als Eingeständnis

gesehen, dass sie es alleine nicht können.“ Dabei

Sextoy-Regulierung

Quelle: Pexels/Anike Ovia

Obwohl jede:r vierte Deutsche ein Sexspielzeug

besitzt und 63 Prozent dieses sogar regelmäßig

benutzen, unterliegt Sexspielzeug

in Deutschland keinen einheitlichen Regulierungen.

So ist es leider kein Einzelfall,

dass Produkte mit Giftstoffen versetzt sind,

die von unseren Schleimhäuten dankbar

aufgenommen werden. Daher ist es besonders

wichtig, bei der Auswahl von Artikeln

auf deren Herkunft zu achten

sei genau das Gegenteil der Fall: „In dem Moment,

wo Männer die Gewissheit haben, dass die Frau

ihnen sagen wird, was ihr gefällt oder nicht gefällt,

können auch sie loslassen und sich freier

entfalten.“

„Der Moment, in dem

sich zwei Menschen

auf Augenhöhe begegnen,

ist das Schönste.“

Dass Aufklärung einen Unterschied macht, erleben

sie jeden Tag. Denn Sexualität sei nichts Statisches.

„Wir sehen das an unseren Kund:innen.

In den elf Jahren seit der Gründung unserer Boutique

hat sich viel verändert. Es gibt heute eine viel

größere Offenheit für Sexualität. Immer mehr

junge Menschen kommen zu uns, die sich nicht

mehr verstecken wollen und offen für Neues

sind.“ Auch in Stuttgart hat die Sexpositivity-Bewegung

an Aufschwung gewonnen. Events wie

Kinky-Partys oder offene Gesprächsformate sind

längst keine Seltenheit mehr. „Frau Blum“ versteht

sich als Teil dieser Bewegung. „Wir hoffen,

dass immer mehr den Mut dazu finden, über ihre

Wünsche und Fantasien zu sprechen. Denn echte

Verbindungen entsteht erst, wenn wir sagen, was

wir wollen, zuhören, was andere brauchen – und

einander mit Respekt begegnen.“

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28 LIEBE

mediakompakt

Love your Idols,

love your Friendships!

Fanatisch und übergriffig? Die Realität sieht anders aus. K-Pop

Fans sind eng miteinander verbunden.

VON JANINA POLJAK

Bunte Lichter, Sounds, die an die Ohren

gehen, und ausgefallene Bühnenoutfits:

Das alles gehört zum

K-Pop. Das Phänomen aus Südkorea

ist bei uns angekommen. Für viele

junge Menschen ist die südkoreanische Musik

nicht nur ein Hobby. Es ist ein Lifestyle. K-Pop

verbindet Fans und zeichnet sich durch starke

Fanbeziehungen aus, untereinander und zu den

Idols. Den Fans wird von Gesellschaft und Medien

oft realitätsfernes Verhalten und Fanatismus vorgeworfen.

Eine parasoziale Liebe, die übergriffig

ist. Doch wie sehen K-Pop-Fandoms und Beziehungen

unter Fans tatsächlich aus?

Um die Realität von Fandoms zu verstehen, ist

es am besten, mit einem Fan zu sprechen: Jenny

Kurz ist zum ersten Mal im Jahr 2011 mit K-Pop in

Berührung gekommen. Seit der Pandemie ist sie

ein „Staytiny”: Jenny gehört zu den Fandoms der

Gruppen „Straykids” und „Ateez”. Für Jenny sind

die Freundschaften, die durch das Fandom entstanden

sind, ein wichtiger und erfüllender Teil

ihres Daseins als Fan.

Zuerst hat sie sich nur online beteiligt. Über eine

Bekannte ist Jenny dann zu „K-Pop Events

wie jemand mit Herz und Seele bei seinem Job dabei

ist und erfolgreich ist!“. Je mehr ein Idol Authentizität

zeigt, desto mehr Begeisterung bringt

Jenny in ihrem Engagement mit.

Gleichzeitig sei es erforderlich kritisches Bewusstsein

für den dadurch entstehenden Personenkult

mitzubringen. Als Beispiel nennt die

28-Jährige die ausgeprägten patriarchalen Strukturen

Südkoreas. Laut des World Economic Forums

steht Südkorea auf Platz 94 von 146 in Punkto

Gleichberechtigung. Im K-Pop sind diese Strukturen

auch zu spüren.

Hier kommt Jennys Frustration zum Ausdruck:

„Letztendlich darf man nie vergessen, dass

man Idols am Ende vom Tag nicht kennt und sie

in bestimmten Strukturen aufwachsen.“ Ein weiterer

Kritikpunkt für sie: Der Wettbewerb der teilweise

unter Fans besteht. „Es geht oft darum, wer

die meisten Alben kauft, für mich ist das Nichts.

Deswegen habe ich auch eine eigene Auswahl an

Freunden getroffen, die positive Werte und kritisches

Bewusstsein vertreten. Fandoms machen

am meisten Spaß, wenn du deine eigenen Menschen

hast!“

Tatsächlich bestätigt die Wissenschaft Jennys

Erfahrung: Freundschaften in Fandoms basieren

auf dem geteilten Interesse und entwickeln sich

darüber hinaus weiter zu engen Beziehungen – in

Person oder online. Die Beziehung zu den Idols

verbindet. Auf dieser Bindung basiert das Erfolgskonzept

von K-Pop. Durch den persönlichen Bezug

steigt die Zahlungsbereitschaft. Jenny betont

hier einen gesunden Umgang: „Es ist wichtig immer

in der Realität zu bleiben. Am Ende vom Tag

konsumiert man ein Produkt, bei dem es auch um

monetäre Gewinne geht.“ Gefühle und Freundschaften

werden dadurch aber nicht künstlich: Eine

Studie der Universität Gadjah Mada in Indonesien

zeigt, dass Freundschaften in Fandoms langfristig

zum Wohlbefinden der Fans beitragen und

auf lange Zeit bestehen bleiben. So bleibt Fans am

Ende nicht nur das Produkt, sondern auch tiefverbundene

Freundschaften.

Wörterbuch:

Fandom: Bezeichnung für Fangemeinden. Im

K-Pop hat jede Gruppe ein eigenes Fandom

mit eigenem Namen zum Beispiel „Ateez“ mit

ihrem Fandom „Atiny“.

Idol: Stars im K-Pop werden als “Idol” bezeichnet.

Fotocards: Offizielle Bilder von Idols im Kartenformat,

die von Fans gesammelt und getauscht

werden.

Cup Sleeve: Papierhülle, die um To-Go-Becher

gelegt wird.

„Es ist einfach super

schön, neue Leute mit

den gleichen Interessen

zu treffen, dadurch

erweitert man auch

ständig seine sozialen

Kreise.”

Stuttgart” gestoßen. Die Community organisiert

genau das: K-Pop Events im Raum Stuttgart. Ganz

typisch sind „Cup Sleeve“-Events, die in Zusammenarbeit

mit „Bubble Tea“-Läden organisiert

werden. Dafür übernehmen sie die Produktion

der Sleeves und der Fotocards. Jenny hat durch ihre

Arbeit in der Community Freunde gewonnen,

die für sie inzwischen über K-Pop hinaus wichtig

sind.

Auf die Frage, ob sie auch eine emotionale Bindung

zu ihren Stars hat, fällt ihre Antwort eindeutig

aus. „Ja,“ erzählt sie lachend. „Ich fühle mich

wie eine stolze Mutter! Es ist einfach toll zu sehen,

„Bubble Tea“-Event. Quelle: Jenny Kurz


02/ 2025 LIEBE

29

Ein Schutzraum

für Liebe

Bild: Pexels/Monstera Production

Wenn sich Stimmen der Gesellschaft

spalten und Ablehnung

lauter wird, bedarf es

Rückzugsorte. Besonders für

Menschen der LSBTTIQ-Community

werden solche Safe-

Spaces zu einem Schutzraum,

der Zugehörigkeit und Sichtbarkeit

ermöglicht.

VON LEONIE HAAS

Gut versteckt hinter einer Mauer eines

Stuttgarter Hinterhofs, verbirgt sich

ein unscheinbares Gebäude. Das Logo

auf der weißen Fassade bietet den

ersten Hinweis darauf, was sich hinter

diesen Wänden verbirgt: „Weissenburg Zentrum

LSBTTIQ Stuttgart“. Beim Betreten dieses

Hauses wird direkt klar, dass das unscheinbare Äußere

in starkem Kontrast zu seinem Inneren steht:

Bunte Regenbögen begrüßen die Ankömmlinge

und schaffen eine angenehme Atmosphäre. Neben

einem Tischkicker, einem Klavier und Brettspielen,

steht eine einladende Bar. Das unauffällige

Äußere hat seinen Grund: Wer den Weg hinter

diese Mauern findet, kennt die Werte dieser Ein-

Ehrenamtlicher Vorstand Mark Schwarz. Bild: Leonie Haas

richtung und muss sich hier keine Gedanken über

ungewollte Einmischung der Gesellschaft machen.

An der Bar sitzt Mark Schwarz, ehrenamtlicher

Vorstand des Weissenburg Zentrums. Der 31-Jährige

war seit seinem Eintritt in „die Burg“, wie die

Mitglieder sie liebevoll nennen, in einigen Ämtern

tätig: Von der Leitung einer Gruppe für queere

Jungen, über eine hauptamtliche Tätigkeit in

der Beratungsstelle des Zentrums, bis hin zu seiner

heutigen Arbeit im Vorstand. Auch er machte in

jungen Jahren erste Erfahrungen in einer Gruppe

für queere Jungen. „Ich bin hier 2008 dazugestoßen

und sagte: ´Hallo, mein Name ist Mark und

ich bin schwul´. Die Gruppenleiter:innen meinten

dazu nur ´Sonst wärst du ja nicht hier´.“ In

diesem Moment merkte er, dass er sich dort weder

outen noch rechtfertigen muss.

Seine Motivation für das Ehrenamt? Anderen

Menschen ähnliche Erfahrungen ermöglichen

und diese verbessern. „Wenn ich als schwuler

Mann oder als schwuler Junge zu den Königskindern

komme, dann steht das [Schwulsein] nicht

mehr zur Debatte. Ich darf so sein, wie ich bin und

fühle mich geborgen.“

Das Weissenburg-Zentrum ist aber viel mehr

als nur ein Safe-Space: Es bietet klassische und

professionelle Selbsthilfe, Projekte und ein eigenes

Café als Zentrum des Vereins. „Es ist eben

nicht nur ein Vereinsheim, sondern ich treffe da

meine Freunde oder kann neue Leute finden, mit

denen ich Hobbys teilen kann.“ Neben kleinen

Safe-Spaces, wie den Lunas, einer Gruppe für

weibliche Personen und dem männlichen Gegenstück,

den Königskindern, gibt es viele weitere Angebote.

Das Regenbogenrefugium“ bietet einen

Schutzraum für queere Geflüchtete in Stuttgart.

Eine Beratungsstelle für trans-, inter-, nichtbinäre

und agender Personen stellt psychosoziale Unterstützung

bei Lebensproblemen bereit.

„Bei Schwierigkeiten wegen der eigenen Geschlechtsidentität

in der Schule, Ausbildung, Familie,

oder in Beziehungskrisen, können sich die

Personen an diese Stellen wenden.“ Auch Projekte

wie die „Regenbogen-Bildung“ geben Schüler:in-

„Für viele Menschen,

die neu in Stuttgart

sind, ist die Weissenburg

ein Sprungbrett in

die sehr vielseitige

Community.“

nen erste Einblicke in queeres Leben und leisten

Aufklärungsarbeit. Jedoch gibt es auch in Stuttgart

einige Hindernisse für die queere Community:

„Eine Zeit lang war viel Fortschritt spürbar, was

auch mit Angeboten der Selbsthilfe zu tun hat.

Dadurch erhalten unterschiedlichste Personen

Unterstützung. So etwas prägt das Stadtbild.“

Mit Beginn der Pandemie und der politischen

Veränderung hat sich die Situation sehr verschärft:

„Innerhalb weniger Jahre wurde das

Händchen halten in der Innenstadt wieder

schwieriger und offen queeres Leben wird wieder

beäugt.“ Auch queere Bars und Clubs litten an den

Folgen der Pandemie und mussten betriebsbedingt

schließen. Durch Projekte wie die Weissenburg,

kann die queere Landschaft Stuttgarts weiter

erhalten bleiben.

Wer selbst Teil der Weissenburg werden

möchte, findet alle Informationen zu den einzelnen

Projekten auf der Website: https://www.zen

trum-weissenburg.de/

Was bedeutet LSBTTIQ?

LSBTTIQ ist ein Sammelbegriff für

Menschen, außerhalb der heterosexuellen

und zweigeschlechtlichen Norm :

Die Buchstaben stehen für lesbisch,

schwul, bisexuell, transsexuell, transgender,

intersexuell

Bild: Cottonbro

und

Studio

queer.

auf Pexels


30 LIEBE

mediakompakt

Liebe ohne WLAN

längere Zeit getrennt waren. Über mehrere Jahre

hinweg schrieben sie sich regelmäßig Briefe – jeder

einzelne ein Stück Nähe. „Es war wirklich aufregend,

wenn der Postbote kam. Er kam immer

um 12 Uhr mittags“, erzählt sie mit einem Lächeln.

Ihre Augen leuchten, wenn sie davon spricht,

wie sie jeden Tag auf den Brief wartete. „Es war unser

Ritual“, erinnert sich die heute 56-Jährige. Die

Briefe waren ihre einzige Möglichkeit, miteinander

zu sprechen – in einer Zeit, in der das Telefonieren

teuer war. Es war nicht so einfach wie heute,

eine Nachricht zu verschicken. Stattdessen verbrachte

sie manchmal Stunden in der Telefonzelle,

wenn sie mit ihm sprechen wollte.

Die wirkliche Magie geschah durch die Briefe.

Der Weg, auf dem sie ihre Gefühle austauschten,

war zwar langsam, aber umso bedeutungsvoller.

Tinte auf Papier, handgeschrieben, oft mit einem

Foto oder einer Sprachbotschaft dabei. „Manchmal

schickte er mir eine Kassette mit einer Aufnahme

von sich. Wir hatten damals schon ein

Kind“, sagt sie und schmunzelt. Ein einfaches

„Ich liebe dich“ wurde zu einem wertvollen, persönlichen

Moment, der die Entfernung für einen

kurzen Augenblick überwinden konnte.

Und dann war da noch der romantische

Touch. Ihr Partner verschickte getrocknete Blumen

per Post. „Ich habe die Blumen immer

noch“, erzählt die langjährig Verheiratete, als ob

es gestern gewesen wäre. „Das war eine besondere

Geste, und ich habe mich unglaublich gefreut. Es

war etwas, das man heute fast nicht mehr erwarten

würde.“ Die Blumen sind nun 35 Jahre alt.

Wie die Frau auf dem Bild, verbrachte auch Saiqa Kausar viel Zeit in Telefonzellen. Quelle: Pinterest

Früher warteten Paare auf

Briefe, heute auf den blauen

Haken auf Whatsapp. Was

passiert, wenn „Ich liebe dich“

nur noch ein Emoji ist?

VON NADIA BUTT

Schnell, kurz, beiläufig - dabei sind Worte

wie „Ich liebe dich“ bedeutungsvoll.

In Zeiten von Whatsapp und Co. sind

die aber oft schnell getippt. Liebe gab

es auch mal ohne blauen Haken. Noch

vor wenigen Jahrzehnten bedeutete Fernbeziehung:

warten, vermissen, hoffen – und schreiben.

Saiqa Kausar führte einst eine Fernbeziehung, die

durch Briefe am Leben gehalten wurde. Mit Tinte

auf Papier, mit echten Emotionen und auch mal

tagelangem Warten auf eine Antwort.

Was hat sich verändert, wenn wir heute lieben –

und wie wir darüber kommunizieren. Wie wirkt

sich Technologie auf Nähe, Sehnsucht, Intimität

und Beziehungserleben aus? Und was sagt jemand,

der noch weiß, wie Liebe ohne WLAN

funktioniert hat?

Die Zeit der Briefe: Von der Telefonzelle zum Postboten

Eine Zeit ohne schnelle Nachrichten und unzählige

WhatsApp-Gruppen. Für viele Menschen

ist das kaum noch vorstellbar. Aber es gab sie, die

Zeit, in der Kommunikation über Entfernung Wochen

in Anspruch nahm – mit einer anderen Art

von Intensität. Für Saiqa und ihrem Mann begann

ihre Liebesgeschichte in einer Zeit, in der sie über

Die digitale Revolution: Schnell, aber oberflächlich?

Im Gegensatz dazu erleben wir heute eine

ganz andere Art der Kommunikation. Beziehungen

sind schneller geworden – und irgendwie

oberflächlicher. Dieser schnelle Austausch hat

Vorteile – wir sind ständig erreichbar, können unsere

Gefühle sofort ausdrücken.

Aber bedeutet das auch, dass wir uns auf die

gleiche Weise mit der Liebe verbinden wie damals?

Man fragt sich hier, ob die digitale Kommunikation

wirklich dasselbe Gefühl vermittelt, wie

die Briefe von früher.

„Es ist schon erstaunlich, wie sich die Kommunikation

verändert hat“, sagt Saiqa. „Aber ich denke,

dass das Warten damals – das Warten auf die

Briefe, das Warten auf das Telefonat – auch die

Liebe mehr geschätzt hat. Man wusste, dass der

Moment, in dem man von dem anderen hört, etwas

Besonderes war.“

Es ist dieser Gedanke, der bei uns bleibt: Heutzutage

ist es fast unmöglich, überhaupt den Tag

zu verbringen, ohne dass eine WhatsApp-Nachricht

hin- und hergeschickt wird. Das kann zwar

praktisch sein, aber es fehlt oft an der Tiefe, die

mit den langen, überlegten Briefen und den Stunden

des Wartens verbunden war.

Veränderte Nähe und Intimität in der heutigen Zeit


02/2025 LIEBE

31

Die Frage bleibt also: Was haben wir durch die

Technologie gewonnen und was verloren? Auf der

einen Seite ist es faszinierend, dass wir heute in

Echtzeit mit unserem Partner kommunizieren

können – unabhängig von Ort und Zeit. Wir teilen

Bilder, Videos und Sprachnachrichten, sehen

uns per Videoanruf und sind ständig erreichbar.

Prof. Dr. Christiane Eichenberg fragt sich, ob das

wirklich „Nähe“ ist. Oder handelt es sich lediglich

um eine moderne, schnelle Form der Kommunikation,

die uns kaum Raum für das Warten und

die intensive Auseinandersetzung mit unseren eigenen

Gefühlen lässt?

Die Psychotherapeutin betont außerdem, dass

digitale Medien zwar neue Möglichkeiten für Beziehungen

schaffen, jedoch auch Herausforderungen

mit sich bringen. In ihrer Forschung weist

sie darauf hin, dass die ständige Verfügbarkeit und

die Vielzahl an Kommunikationskanälen zu einer

Oberflächlichkeit in Beziehungen führen können,

da tiefgehende emotionale Bindungen Zeit

und bewusste Auseinandersetzung erfordern.

„Es ist natürlich einfacher geworden, in Kontakt

zu bleiben“, sagt Saiqa Kausar. „Aber ich finde,

dass es auch weniger aufregend geworden ist.

Früher konnte ich mich kaum auf den nächsten

Brief oder das nächste Telefonat freuen. Heute ist

alles sofort da – aber ist das wirklich immer das,

was wir wollen?“

Die digitale Liebe – schneller, aber auch flüchtiger?

Digitale Kommunikation hat Beziehungen beschleunigt

und vereinfacht – wir sind ständig erreichbar,

tauschen Nachrichten, Bilder und Emojis

in Echtzeit. Wie Prof. Dr. Christiane Eichenberg

betont: „Eine permanente Erreichbarkeit ersetzt

keine echte Beziehungstiefe. Nähe entsteht

nicht durch Quantität der Kommunikation, sondern

durch Qualität.“

Genau darin zeigt sich, was wir mit der ständigen

Verfügbarkeit auch verlieren – die Tiefe, die

durch Zeit und echte Nähe entsteht. Laut Eichenberg

können digitale Beziehungen oberflächlicher

werden, weil echte emotionale Bindung Zeit

und bewusste Auseinandersetzung braucht. Was

wir gewinnen an Tempo, verlieren wir womöglich

an Intensität. Haben wir etwas verloren, wenn

„Ich liebe dich“ nur noch ein Emoji ist? Vielleicht

nicht die Liebe selbst – aber ihre Langsamkeit, ihre

Tiefe, ihr Gewicht. Und das ist etwas, das wir nicht

vergessen sollten.

Quelle: Pinterest

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DAS RÄTSEL DER LIEBE

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soll Liebe

TIPP

Lies das Magazin genau durch,

um herauszufinden, welche

Wörter wir suchen.

1 Welches Phänomen beschreibt das

Gefühl von Leere und Traurigkeit nach dem

Auszug der Kinder?

2 Was ist besonders wertvoll, wenn man

sie miteinander verbringt?

3 Was kommt mit jedem Jahr ein bisschen

mehr – bei uns allen?

4 Ein öffentlicher Ort mit zwei Toren, an

dem oft spontan gekickt wird.

5 In welcher japanischen Stadt lebt der

Japan-Experte Chris Rowthorn seit 1992?

6 In welcher italienischen Stadt startete die

Ultra-Bewegung?

7 Eine Person, die auf die Jagd geht.

8 Ein auf Pfählen gebauter oder auf einem

Baum angebrachter Beobachtungsstand des

Jägers.

9 Paare, die Probleme haben, profitieren

meistens von einer...?

10 Edward, Bella und Jacob bilden ein...?

11 Wie nennt man die Liebe gegenüber

Menschen, die einem Böses wollen?

12 Welches Lustorgan spielt bei fast allen

weiblichen Orgasmen eine zentrale Rolle?

13 Wischbewegung auf Touchscreens, die

häufig bei Dating-Apps verwendet wird.

14 Vertrauen ohne Basis.

15 Was ist eine gesunde Beziehung nicht?

16 Konflikte entstehen in polyamoren

Beziehungen oft, wenn sich eine Person ...

fühlt. (ein Wort)

17 Wie zeigt eine Katze, dass sie dich

mag?

drin stecken

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