Campus38 Magazin No. 8
Liebe Leserinnen und Leser, Freiheit – ein großes Wort. Vielleicht das Größte überhaupt. Und genau deshalb haben wir es uns nicht leicht gemacht. Wir haben uns monatelang den Kopf zerbrochen, diskutiert, verworfen, neu gedacht. Warum? Weil Freiheit mehr ist als ein Gefühl. Sie ist ein Versprechen, ein Kampf, ein Zustand – und manchmal reine Illusion. Diese achte Ausgabe des Campus38-Magazins ist unsere Einladung an Dich, das Thema Freiheit neu zu entdecken. In Texten, Bildern und Gedanken, die berühren, provozieren, vielleicht auch mal weh tun. Denn wir wollten nicht nur an der Oberfläche kratzen – sondern dahin gehen, wo es spannend wird.
Liebe Leserinnen und Leser,
Freiheit – ein großes Wort. Vielleicht das Größte überhaupt. Und genau deshalb haben wir es uns nicht leicht gemacht. Wir haben uns monatelang den Kopf zerbrochen, diskutiert, verworfen, neu gedacht. Warum? Weil Freiheit mehr ist als ein Gefühl. Sie ist ein Versprechen, ein Kampf, ein Zustand – und manchmal reine Illusion.
Diese achte Ausgabe des Campus38-Magazins ist unsere Einladung an Dich, das Thema Freiheit neu zu entdecken. In Texten, Bildern und Gedanken, die berühren, provozieren, vielleicht auch mal weh tun. Denn wir wollten nicht nur an der Oberfläche kratzen – sondern dahin gehen, wo es spannend wird.
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Gedanken über Freiheit [1/9] zusammengetragen von Andreas Förster
Liebe Leser:innen,
Freiheit – ein großes Wort. Vielleicht das Größte überhaupt. Und genau deshalb haben wir es uns
nicht leicht gemacht. Wir haben uns monatelang den Kopf zerbrochen, diskutiert, verworfen, neu
gedacht. Warum? Weil Freiheit mehr ist als ein Gefühl. Sie ist ein Versprechen, ein Kampf, ein Zustand
– und manchmal reine Illusion.
Diese achte Ausgabe des Campus38-Magazins ist unsere Einladung an Dich, das Thema Freiheit
neu zu entdecken. In Texten, Bildern und Gedanken, die berühren, provozieren, vielleicht auch
mal weh tun. Denn wir wollten nicht nur an der Oberfläche kratzen – sondern dahin gehen, wo es
spannend wird.
Wer wir sind?
3
Freiheit. Jeder kennt das Wort und verbindet
etwas damit. Für die meisten ist sie von
großer Bedeutung; viele streben nach mehr
individueller Freiheit, einige kämpfen sogar für
sie. Doch was bedeutet Freiheit eigentlich? Und
welche Rolle spielt sie für jede einzelne Person?
Um Einblicke in verschiedene – und vielleicht
neue – Perspektiven zu geben, stellt diese Serie
im Magazin unterschiedliche Vorstellungen
von persönlicher Freiheit sowie individuelle
Einstellungen dazu vor.
Ein wilder Haufen Studierender aus den Studiengängen Medienkommunikation und Mediendesign.
Plötzlich steckten wir in Rollen, die wir vorher nur vom Hörensagen kannten: Chefredaktion,
Chef:in vom Dienst, Bildredaktion, Titelseiten-Team, Korrektorat, Fact-Checking, Endredaktion,
Social Media sowie last but not least die Art Direction. Zwischen Vorlesungen und Alltagschaos
fühlten wir uns in diesem gemeinsamen Projekt wie in einer echten Redaktion – und waren es
am Ende auch. Mit allem, was dazugehört: Höhenflüge, Frustmomente, nächtliche Diskussionen,
kreative Explosionen. Und ja, manchmal auch der eine oder andere Nervenzusammenbruch. Aber
hey – so fühlt sich echte Arbeit an, oder?
Warum Freiheit?
Weil es uns alle betrifft. Immer. Überall. In Beziehungen, im Konsum, im Körper, in der Politik,
in der Welt. Unsere Artikel greifen das Thema aus den unterschiedlichsten Richtungen auf – mal
laut, mal leise, mal ganz nah dran. Sie handeln von Selbstbestimmung, Grenzen, Mut und Utopien.
Echte Geschichten von echten Menschen.
Ein großer Dank gilt allen, die diese Ausgabe möglich gemacht haben: Professor:innen, Fotograf:innen
– und uns selbst: der Redaktion und der Art Direction. Weil wir drangeblieben sind. Weil
wir etwas sagen wollten. Und weil wir glauben, dass dieses Thema Deine Aufmerksamkeit verdient.
Und jetzt: Schlag die erste Seite auf. Lass Dich überraschen, herausfordern, mitreißen. Nimm Dir
die Freiheit, Dich auf dieses Magazin einzulassen.
Es lohnt sich.
Die Chefredaktion
Was hier so
drin ist
09
16
22
29
37
Gedankenlos frei
Ein Gedicht über Gedanken,
die wie Wolken vorbeiziehen
Anschrift: Unbekannt
Wenn man nicht weiß, wo man hingehört
Wenn das Leben anderer
lauter erscheint als meins
Eine Kolumne über Druck und Ehrlichkeit
Frei zu hassen?
Wenn Meinungsfreiheit zur
Gefahr wird
Und plötzlich stehst du
rechts von mir
Was passiert, wenn politische Überzeugungen
zur Zerreißprobe werden
Gedanken über Freiheit
Eine Zitatstrecke zum Thema Freiheit
„Ich bin eine Bauchmalerin.“
Ein Portrait über eine Frau, die Chancen
ergreift, weil sie sich traut
Nightlife in Braunschweig
Eine Fotostrecke über das Nachtleben
Echt. Verletzlich. Sichtbar.
Mette Kleinert gegen den Schönheitsdruck
im Netz
Alltag: Ausnahmezustand
Eine Fotostrecke aus der Ukraine
02
10
18
24
30
40
46
Hunde in Käfigen und Ketten
Wie Hunde in Rumänien ums nackte
Überleben kämpfen
Billig. Bequem. Brutal
Moderne Sklaverei beginnt mit jedem
Klick
52 Freiheit
Eine FOTO25-Bildstrecke zum Magazin-Thema
64
72
80
Liebe ohne Grenzen?
Ein Portrait über die ersten Zweifel bis
zur Selbstverständlichkeit
Wo der Körper träumt
Sobald sie sich bewegt, verschwinden
Raum und Zeit
24 Stunden in der
Zustimmungszone
Was passiert, wenn man einen ganzen
Tag nur Ja sagt?
„Frauen können das!“
Ein Gespräch über starke Frauen
und schwache Fußballclubs
Keine Pride im Paradies
Ein Portrait eines schwulen Paares,
das einen Traum von Freiheit teilt
Der Tod und alles, was
danach kommt
Wie Andrea nach zwei Suiziden in der
Familie zur Stütze für andere wird
Danke, Sterne. Für nichts.
Das ist Satire. Nicht ernst gemeint.
Oder etwa doch?
Liebe(n) lernen
Liebe kennt mehr
als einen Weg
Dämmerlicht der Freiheit
Ein Gedicht über den Freiheitskampf der Natur
38
Liebe Welt, wir werden
dich vermissen 44
Ein offener Brief an die Politik
48
60
68
79
82
Die Beteiligten
7
Alida
Ramovic
Alina Sophie
Gadde
Andreas
Förster
Antonia
Steffens
Leona
Hartmann
Leonie
Neu
Maike
Tomala
Marc-Christian
Ollrog
Marcel
Franze
Carolin
Eimecke
Catherine
Sanchez Gonzalez
Cecile
Stötzner
Cédric
Heck
Claudett Minaya
Vialet
Marlene
Krause
Megan
Hanisch
Melina Sophie
Nikitaidis
Merle
Schröder
Finn
Krajewski
Florian
Wulff
Giada
Berto
Henri
Klein
Mia
Kalloch
Mika Collien
Nestler
Nele
Schmidt
Nina
Brandt
Jana-Carlotta
Schwabe
Jens
Martens
Jette
Strothmann
Johanna
Wittkowski
Sarah
Matos da Silva
Sarina
Kaiser
Silvia
Trematerra
Simon
Mengeu
Smilla Helen
Witte
Es fehlen:
Klaus Neuburg
Helge Krückeberg
6
Jolina
Krinke
Lana
Nagl
Laura
Löhner
Laura
von der Brüggen
Tara
Dernedde
Tim J.
Famulla
Vanessa
Pichiri
Victoria
Teichmann
„ Freiheit bedeutet Gedankenlos frei
9
8
auch, sich zu
positionieren
und standfest zu
sein – im Sinne
unserer Werte.“
„Die Freiheit von Forschung und Lehre ist ein Grundpfeiler
unserer Demokratie und Voraussetzung für
wissenschaftlichen Fortschritt. Als Hochschule tragen
wir Verantwortung. Freiheit bedeutet auch, sich
zu positionieren und standfest zu sein – im Sinne
unserer Werte.“
Prof. Dr. Julia Siegmüller, Präsidentin Ostfalia
Gedanken über Freiheit [2/9] zusammengetragen von Andreas Förster
Jana-Carlotta Schwabe
Woran ich wohl gerade denke?
Ich denke, die Gedanken stehen nicht still
Es ist ihnen auch egal, ob ich das so will
Schweben wie Wolken über mich hinweg
Kann sie nicht greifen, nicht kontrollieren
Habe Angst, mich langsam zu verlieren
Meine Gedanken - frei und schwerelos
Doch mit mir, spielen sie ein Spiel
Ich denke, ich denke zu viel
Was soll ich noch versuchen?
Ich schreie, aber keiner hört mir zu
Die Gedanken lassen mich nicht in Ruh
Ich bin am Kämpfen – bin am Verlieren
Mich selbst kann ich nicht besiegen
Würde gerne frei, wie die Wolken fliegen
Kann man das überhaupt verstehen?
Wie kann ich entkommen?
Ich denke, dass ich etwas ändern muss
Nur schwarz-weiß, damit ist jetzt Schluss!
Einfach mal nicht nachzudenken
Mir einen Moment zu schenken:
Die Wolken lasse ich vorüberziehen
Frage mich, was wohl dahinter liegt
Wenn man über den Wolken fliegt
Stillzustehen, nichts zu sehen und trotzdem
Ich versuche, weiterzugehen
Ich denke … ich bin gedankenlos frei
„Ich bin eine
Bauchmalerin.“
Mia Kalloch
„Daraus male ich in meinem
Kopf dann eine Geschichte –
wie ein Autor.“
11
Eine Tür und zwei Stufen – die Schwelle in eine eigene kleine
Welt. Dahinter ein Raum voller Geschichten und Emotionen,
die auf Leinwänden gesehen werden wollen. Der eindringliche
Geruch von Acrylfarbe liegt in der Luft, und die ruhigen
Töne von Cigarettes After Sex nehmen das kleine Atelier im
Erdgeschoss des Einfamilienhauses ein. Durch das Fenster
fällt helles Licht auf den Platz, an dem Erlebtes und Gefühltes
in Form von intensiven Pigmenten ineinanderfließt und
verwandelt wird. Zwischen offenen Farbtuben und farbverklebten
Pinseln sitzt Conny. Barfuß. Nur sie, eine große Leinwand
und viele bunte Farben um sie herum. Leise summt sie
den Songtext mit, während sie in gleichmäßigen Bewegungen
den Pinsel über die weiße Fläche gleiten lässt. Sie benötigt
keine Zeit, um sich einzumalen. Wie auf Knopfdruck
kann sie zurück in die angefangene Geschichte auf der Leinwand
eintauchen. Es ist ein Moment des Abschaltens und
des Einklangs. Völlig frei von den Hürden des Alltags, einfach
im Hier und Jetzt.
10
Fotos: Mia Kalloch
Was als Hobby begann, ist
heute ihr Beruf. Conny
Wachsmann ist eine Frau,
die Chancen ergreift,
weil sie sich traut. Als
freischaffende Künstlerin
malt sie Geschichten
auf große Leinwände,
die andere bewegen. Ihr
ständiger Begleiter: Ihr
Bauchgefühl.
Riesige Bilder und Menschen, die eine Geschichte verewigen
möchten. Seit über 20 Jahren bringt Conny Wachsmann
zwischenmenschliche Beziehungen, Familiengeschichten
oder prägende Ereignisse auf große Leinwände. Sie ist eine
Frau, die viel lacht und Lebensfreude ausstrahlt. Sie erinnert
sich gern mit einem Lächeln an Vergangenes, hält sich aber
nicht zu lange daran auf. Negatives lässt sie „wie eine Wolke
an sich vorbeiziehen“, so nennt sie es. Die Menschen, für
die sie malt, müssen mit ihr eine Bildsprache sprechen. Sie
müssen ihr ausreichend Freiheiten einräumen, damit sie ihre
Kreativität entfalten kann. Dafür braucht es meist nicht mehr
als drei oder vier Impulse. „Daraus male ich in meinem Kopf
dann eine Geschichte – wie ein Autor“, erklärt sie. Die tiefen
Emotionen, die Menschen in sich tragen, verarbeitet sie in
Form von bunten Farben, Formen und abstrakten Techniken.
Wenn sie mit dem Pinsel diese Geschichte malt, fühlt sie
sich frei und lebendig. So, als wäre sie auf eine Art und Weise
Teil des Lebens eines anderen.
Intuition als Wegweiser
Sie stellt sich nicht gerne Was-wäre-wenn-Fragen, lebt am
liebsten im Jetzt. Es gibt ihn jedoch trotzdem. Einen dieser
berühmten Tage, an denen das Leben in eine neue Straße
abbiegt. Es ist ein einziger Satz, der auf dem Wegweiser geschrieben
steht. So nüchtern und überraschend zugleich:
13
„Du hast in vier Wochen eine Ausstellung.“ Andere wären überrascht,
verdutzt oder überfordert. Hätten ihrem Gegenüber tausende Fragen
und „Abers“ entgegengeworfen. Nicht aber Conny. Als eine gute
Freundin ihr aus heiterem Himmel dieses Angebot macht, nimmt sie es
an. Eine spontane Aktion. Ein unkompliziertes Setting in einer privaten
Wohnung. Zehn Bilder. Getreu dem Motto „Einfach machen“. Rückblickend
ist es der Tag, an dem sie ihr erstes Bild verkauft. Nie zuvor war
der Gedanke da, mit der Kunst Geld zu verdienen.
Es ist dieselbe Freundin, die ihr später auch ein weiteres Angebot unterbreitet,
einige Werke für die Inneneinrichtung eines Restaurants zu
malen. Beide Male ist es eine Impulsentscheidung. Kein stundenlanges
Abwägen der Risiken und Vorteile, sondern eine Tür, deren Klinke gedrückt
und deren Schwelle übertreten werden kann.
Auch jetzt ist es das reine Bauchgefühl, das sie zu der orangenen Farbe
greift und die leuchtenden Pigmente auf die Leinwand überträgt. Warum
genau diese Farbe? Eine Frage des Gefühls. Intuition trifft Abstraktion.
„Ich bin eine absolute Bauchmalerin“, sagt sie, während ihr Blick
auf ihr Werk fällt. Die weißen Anteile des Bildes werden weniger, die
Farbschichten mehr. Mit jedem weiteren Strich wird die Geschichte auf
der Leinwand lebendiger.
Die Kunst – ein „Nebenbei-Ding“
Ein Kinderzimmer in Halberstadt in den 80er-Jahren ist der Ort, an dem
Conny zu ihrer Leidenschaft findet. Schon in Kindertagen hat sie die
Muse geküsst. Als kleines Mädchen liebt sie es, Modezeichnungen
anzufertigen. „Ich hatte so eine große Mappe für meine Zeichnungen.
Damit habe ich mich dann immer wie eine richtige Modedesignerin gefühlt“,
erinnert sich Conny mit einem Schmunzeln. Schon damals ist
ihr Stil sehr intuitiv. Ihre Ideen entstehen immer erst während des Kreativ-Flow.
Über die Jahre probiert sie immer etwas Neues aus, malt Alltägliches
oder Abstraktes. Auch nach der Wende und ihrem Umzug in den Westen
hält Connys Leidenschaft an. Die Kunst ist schon immer etwas, das
nebenbei läuft. Etwas, das erlaubt, sich frei auszuleben, und das kreative
Potenzial, das in ihr schlummert, zu entfalten. Ein „Nebenbei-Ding“,
so nennt sie es.
„Einfach mal machen. Was soll
schon passieren?“
Nach ihrer ersten Ausstellung folgen weitere Aufträge. Conny nimmt
sie an – damals noch parallel zu ihrem Teilzeitjob. Irgendwann ist da
eine Idee, die in ihr zu reifen beginnt, die Kunst zu dem zu machen, womit
sie ihren Lebensunterhalt finanzieren kann.
Ein Gedanke, mit dem Conny nicht allein ist. Für viele in der Szene ist
die Kunst zunächst nur ein Hobby, und die Selbstständigkeit meist eine
Traumvorstellung. Es ist vor allem der Schaffensdruck. Die Angst vor
hohen Stapeln an Rechnungen, die nicht bezahlt werden können, weil
das Geld fehlt. Die Sorge, in dem Markt unterzugehen. Gründe, weshalb
sich viele Künstler:innen dagegen entscheiden, sich mit der Kunst
selbstständig zu machen.
Bei Conny ist es wieder einmal ihr Mindset, ihr Bauchgefühl und ein
bestimmtes Gedankenspiel, das sie bei der Entscheidung begleitet:
„Einfach mal machen. Was soll schon passieren?“ Es ist ein Risiko. Mut
und Entschlossenheit sind schließlich der Antrieb, weshalb Conny den
Schritt wagt. „Ich möchte für ein Jahr ausprobieren, wie es sein könnte,
ob ich mir da was aufbauen kann“, sagt sie damals zu ihrem Mann Mark.
Er ermutigt sie, das Wagnis einzugehen und unterstützt sie gänzlich in
ihrem Vorhaben. Mark selbst ist zu der Zeit nebenberuflicher Musiker
und versteht deswegen, wie es ist, der eigenen Passion vollkommen
nachgehen zu wollen. „Ich stand total dahinter!“, erinnert er sich. Er
glaubt an Connys Talent und weiß um ihre Offenheit gegenüber neuen
Vermarktungskanälen.
Mit seiner Unterstützung im Rücken stößt Conny die Tür endgültig auf,
übertritt die Schwelle in die Selbstständigkeit. Um in der Kunstbranche
langfristig Fuß zu fassen, benötigt es Beharrlichkeit, ein Gespür für den
Markt und die Innovation, aber zugleich eine authentische Ausstrahlung.
Qualitäten, die Conny auszeichnen. Sie weiß: „Taktische Fähigkeiten
sind eigentlich viel wichtiger als das Malen an sich.“
Symbiose des kreativen Schaffens
Mittlerweile steht die Sonne tiefer und warme Sonnenstrahlen schaffen
im Atelier den perfekten Golden-Hour-Moment. Aus der Box in der
Ecke dringen nicht mehr melancholische Klänge, sondern laute Musik.
Conny singt nun energiegeladen mit. Der Beat, der Rhythmus und der
Text vermischen sich und erscheinen in leuchtenden Farben auf der
Leinwand. Das Singen ist ihre zweite große Leidenschaft. Sie malt und
singt – eine Symbiose des kreativen Schaffens. Wenn sie sich einmal
vermalt, ist das nicht weiter schlimm. Ein Strich, der da eigentlich nicht
sein sollte? Conny sieht ihn als Wink des Schicksals, denn: „Alles passiert
aus einem Grund“, sagt sie.
12
15
„Ein Bild suchst du dir nicht aus,
es findet dich.“
Damals reicht das eine Jahr, um Connys künstlerische Karriere voranzutreiben.
Es sind vor allem die neuen technischen Entwicklungen durch
das Internet, die ihr zuvor nie da gewesene Möglichkeiten eröffnen.
Schon von Anfang an beschäftigt sie sich mit dem Programmieren und
Gestalten von Websites, um ihre Bilder zu vermarkten. Anfangs war es
eine echte Herausforderung: teuer und unflexibel. Dennoch eine Möglichkeit,
ihren Werken eine Bühne zu geben. Die Kunst ist jetzt nicht
mehr nur ein „Nebenbei-Ding“. Die Kunst ist ihr Ding. Das, was sie auszeichnet.
Mit dem Wissen für den Markt findet Conny ihre Nische. „Ein
Bild suchst du dir nicht aus. Es findet dich“, ist der Leitsatz auf ihren
Verkaufskanälen. Auftragsarbeiten und ausdrucksstarke Bilder auf
XXL-Leinwänden sind ihr Steckenpferd.
Es ist September im Jahr 2018, als Conny ihre Werke in der Neuen Galerie
in Dresden ausstellt. Jedes der Werke ist individuell und erzählt seine
eigene Geschichte. Dennoch bilden sie zusammen ein Ganzes und
ermöglichen somit einen Einblick in Connys Leben. Was für den einen
eine monochrome und farbige Bildreihe ist, bedeutet für sie die Verbindung
von Vergangenheit und Gegenwart. Angefangen bei ihrer Kindheit
in Halberstadt, über die Wende hinaus bis hin zu ihrem heutigen
Leben in Niedersachsen.
Ein Kreis, der sich schließt
Nur noch wenige Sonnenstrahlen erreichen an diesem späten Nachmittag
das Atelier. Conny zieht einen letzten finalen Pinselstrich und steht
nun vor ihrem Werk. Orange und Pink. Zwei verschiedene Einheiten,
die sich durch die ähnlichen Farbnuancen dennoch zu etwas Gemeinschaftlichem
verbinden. Wie eine Familie. Lange steht sie vor dem Bild,
betrachtet es und lässt es wirken. Es ist wieder ein intuitives Gefühl,
dass sie nun zu einem weißen Stift greift und einen Strich über das
fertige Werk zieht. Ein einziger Strich, der das Ganze zerstören kann.
Als sie den Stift absetzt, ist da ein Lächeln auf ihren Lippen. Die Hände
in die Hüften gestemmt, betrachtet sie ihr Bild. Die Musik im Hintergrund
ist nun leiser, melancholischer. Für Conny sind diese Momente
wie ein Kreis, der sich schließt. Sie, die Klänge der Musik und die Farben
– all das ist in diesem Moment eins. „Wir sind für immer“, sagt sie und
tritt einen Schritt zurück. Ein Titel für das von einer Patchworkfamilie
in Auftrag gegebene Werk, der wie alles in ihrem Leben eine Bauchentscheidung
ist.
Wenn sie jetzt die zwei Stufen aus ihrem Atelier hoch in Richtung Hausflur
geht, ist zwar ihr Moment des kreativen Schaffens beendet und der
Alltagswahnsinn zurück, die Ausgeglichenheit jedoch bleibt.
14
Anschrift:
Unbekannt
Leonie Neu
Das Verlassen der vertrauten Heimat bedeutet für viele Menschen
einen tiefgreifenden Einschnitt. Die Herausforderung
liegt darin, im Unbekannten nicht nur anzukommen, sondern
sich auch ein neues Zuhause aufzubauen – geprägt von neuen
Begegnungen, Unsicherheiten und dem Erwachsenwerden.
Zuhause.
Ein Wort – doch für jeden ist es mit einer anderen Bedeutung versehen.
Für mich ist es die schwarz-weiße Nummer an der rot gestrichenen Hauswand, der Duft von
frisch gebackenem Brot, das Knarzen des Bodens, wenn man den Raum betritt.
Doch dann zieht man aus.
Auf einmal steht nicht mehr das Sofa im Wohnzimmer, auf dem man nach der Schule seine
Lieblingssendung geschaut hat. Die Heizung, die früher im Winter einen pfeifenden Ton von
sich gab, ist auf einmal still.
Generell hat sich alles verändert.
Man ist damit beschäftigt, die neugewonnene Freiheit und die Verantwortung,
die nun auf einem selbst lastet, zu managen.
Währenddessen schleicht sich langsam, aber sicher das Gefühl
ein, bei Besuchen im Elternhaus fremd zu sein.
Dass das ehemalige Kinderzimmer in ein Büro mit Schlafmöglichkeit verwandelt wurde, erschwert
das Ankämpfen gegen dieses Gefühl. An dem Ort, an dem man die ganze Kindheit
verbracht hat, ist man jetzt nicht mehr als ein Gast.
Ein komisches Gefühl, das in manchen Momenten
verunsichern kann.
16
Doch wenn man wieder in sein neues Zuhause
kommt, fühlt sich alles wieder normal und wie das
eigene Leben an. Man ist jetzt der „Main-Charakter“
(in development) – nur an einem anderen Ort
als zuvor. Und die Freunde, die man in der Heimatstadt
zurückgelassen hat, weichen einem neuen Set
von Menschen, die sich selbst nach kurzer Zeit wie
ewig Vertraute anfühlen. Das kann alles sehr verwirrend
und überfordernd sein. Verwirrend auch für
mich. Und wenn ich online nachschaue, ob dies ein
ganz normaler Prozess im Loslösen von der elterlichen
Fürsorge sei, komme ich nur in Kontakt mit jeglichen
Ratgebern für Eltern. Wie sie mit dem Empty-
Nest-Syndrom gut zurechtkämen. Und dass junge
Erwachsene lediglich zwischen Glücksgefühlen über
die Eigenständigkeit und Heimweh schwanken. Aber
dass man sich verloren und schlecht fühlt, wenn man
nun mehrere Orte hat, die sich wie ein Zuhause anfühlen
und vorherige Bezugspersonen nicht mehr die
ersten sind, die Neuigkeiten erfahren, darüber wird
nicht ein Wort geschrieben. Also übernehme ich diese
Rolle! Es ist in Ordnung, dass die Heimat nicht
mehr gleichzeitig das Zuhause ist. Nicht umsonst
sind dies zwei verschiedene Wörter mit unterschiedlicher
Bedeutung. Zuhause kann auch eine Person
sein. Ihr habt die Möglichkeit, euer eigenes Leben
zu formen, fernab von gewohntem Terrain! Und das
ist genau das, was passieren soll. Denn: Zuhause ist
nicht nur ein Ort. Zuhause ist ein Gefühl. Und man
kann es überall finden.
„ Eine kleine Bushaltestelle,
idyllisch gelegen
an einer sattgrünen
Wiese, umrahmt
von den Häusern
zweier Orte, keine 100
Schritte voneinander
entfernt.“
„Eine kleine Bushaltestelle, idyllisch gelegen an einer
sattgrünen Wiese, umrahmt von den Häusern zweier
Orte, keine 100 Schritte voneinander entfernt: Das ist
mein persönliches Sinnbild für Freiheit. Einst hieß die
Wiese ‘Todesstreifen’ und riss die Dorfgemeinschaft
der Zwillingsdörfer Böckwitz (DDR, heute Sachsen-
Anhalt) und Zicherie (BRD, heute Niedersachsen)
auseinander. Heute erklingt als Ansage ‘Europawiese’,
wenn der Bus dort hält.“
Verena Treichel,
Vorsitzende Grenzmuseumsverein Böckwitz Zicherie
17
Gedanken über Freiheit [3/9] zusammengetragen von Andreas Förster
Der Abend startet voller Vorfreude, im Hintergrund laufen
laut 2000er Songs. Draußen ist es dunkel geworden,
die Lichter sind verschwommen. In der Nachtluft liegt
Qualm, Stimmen erfüllen den Raum. Zehn Shots, dann
plötzlich Stimmungstief – ab nach Hause.
19
Laura von der Brüggen
Nightl ife in
18
rauns chweig
21
Wenn das Leben
anderer lauter
erscheint als meins
Maike Tomala
Und da ist sie schon wieder.
Egal, was ich tue oder wo ich bin – sie flüstert mir zu.
Willkommen in meinem Kopf –
und damit auch in der Ära von FOMO.
The Fear of Missing Out.
Warum kann ich das nicht einfach abschalten?
Und ich?
Die Angst.
„Bestimmt passiert woanders was Besseres,
und du verpasst es.“
Vielleicht liegt es daran, dass ich
in den sozialen Medien
nur noch perfekte Leben sehe.
Alle reisen an schöne Orte, frühstücken in fancy Cafés oder
gehen morgens um sechs mal wieder zum Pilates.
Ich bin schon stolz,
wenn ich es überhaupt schaffe, mal rauszugehen.
Wenn ich dann noch höre, dass meine Freunde Pläne schmieden, und
ich wieder keine Zeit habe, fühlt es sich an, als würde ich
wieder ein kleines bisschen mehr den Anschluss verlieren.
Was mache ich denn falsch?
Warum wirkt mein Leben im Vergleich so normal,
so langweilig und
so klein?
Zwischen perfekten Insta-Storys
und ständigem Vergleich fühlt sich
das eigene Leben schnell zu
gewöhnlich an. Aber was, wenn im
Verpassen auch ein Gewinn steckt?
Eine Kolumne über persönliche
Gefühle, Druck, Ehrlichkeit – und
dem „Fun of Missing Out“.
Aber mal ehrlich: Ich kann doch nicht die einzige sein, oder? Niemand
lebt ständig, das perfekte Leben, was wir zu sehen bekommen.
Was wir nicht sehen: Müdigkeit, Einsamkeit, Leere. Kein Wunder also,
dass ich manchmal das Gefühl habe, etwas zu verpassen. Vielleicht ist
jetzt auch die Zeit gekommen, den Blickwinkel zu ändern. Vielleicht ist
es mittlerweile wichtiger, auch mal alleine zu sein.
Alleinsein kann heilen. Ruhe kann Kraft geben. Wirklich präsent sein.
Die richtigen Momente mit den richtigen Personen erleben – nicht für
Instagram, sondern für die echten Gefühle.
JOMO – also „Joy of Missing Out“ – heißt das neue Zauberwort. Die
Freunde, sich bewusst für sich selbst zu entscheiden.
FOMO wird wahrscheinlich immer ein kleiner Begleiter in meinem
Leben sein. Aber er wird leiser. Und ich werde lauter. Ich habe gelernt,
die Zeit mit mir zu genießen, ehrlicher und freundlicher zu mir selbst
zu sein.
Und wenn wir das alle ein kleines Stück mehr tun, bringen wir damit
vielleicht auch ein bisschen mehr Echtsein zurück in diese Welt.
Wenn du dich manchmal auch so fühlst: Du bist nicht alleine! Mehr
Menschen als du denkst, kämpfen mit demselben Gedanken. Also nennen
wir FOMO doch ab jetzt einfach „Fun of Missing out“. Das befreiende
Gefühl, nicht überall dabei sein zu müssen, weil man längst dort
ist, wo es am schönsten ist: bei sich selbst.
23
22
Mein Leben wirkt im Verglich so … gewöhnlich.
Ich hadere immer wieder mit mir selbst.
Vielleicht lebe ich ja auch falsch,
oder erlebe zu wenig.
Eigentlich sollen die Zwanziger doch so aufregend sein und
alle haben immer einen so großen Freundeskreis.
Illustration: Maike Tomala
Echt.
Verletzlich.
Sichtbar.
Schön zu hören, dass du von Anfang
an so realistisch an das Thema
herangegangen bist. Ich hatte
eingangs erwähnt, dass auf Social
Media oft Idealbilder verbreitet
werden. Wann hast du selbst gemerkt,
dass diese Idealisierung auf dich wirkt
oder dich beeinflusst?
25
Auf jeden Fall. Es gab Phasen, in denen ich alles daran gesetzt
habe, perfekt zu wirken, keine Angriffsfläche zu bieten. Ich habe
mich angepasst und versucht, genau das Bild zu verkörpern, das
auf Social Media als Ideal galt. Dabei habe ich aber ein Stück weit
meine Authentizität und meinen Charakter verloren – genau das, was
die Leute an meinen Videos eigentlich immer geschätzt haben. Ich
wollte möglichst wenig Angriffsfläche bieten, weil ich durch frühere
Erfahrungen verletzt wurde und mich davor schützen wollte.
Immer perfekt, immer makellos – soziale Medien
schaffen Illusionen, die echten Menschen
echten Druck machen. Ein Interview mit der
Influencerin Mette Kleinert.
Campus38: Hallo Mette, könntest du
erzählen, wie du zur aktiven Nutzung
von Social Media gekommen bist?
Tara Dernedde
“Sobald die Kamera aus war, konnte ich endlich wieder durchatmen.” Mette
Kleinert, Influencerin und Studentin, kennt die Schattenseiten von Social Media
nicht nur aus Erklärungsvideos oder Studienartikeln. Sie hat sie selbst durchlebt.
Was als kreatives Hobby begann, wurde zum Alltag mit Anspruch auf Perfektion.
Likes wurden zur Währung des Selbstwerts, Filter zum digitalen Schutzschild.
Mette Kleinert verspürte das, was viele auf Instagram kennen: den Drang, zu
gefallen. Immer perfekt, immer makellos – oder lieber gar nicht sichtbar. Heute
steht Mette für das Gegenteil: Offenheit, Echtheit und kritisches Bewusstsein.
Mit ihren über 600.000 Followern auf Tiktok spricht sie über psychische
Gesundheit, gesellschaftliche Erwartungen und den Mut, Schwäche zu zeigen.
Ihre Inhalte sind mehr als „pretty feeds“ – sie sind Statements. Im Gespräch mit
uns berichtet sie, warum der Druck zu gefallen krank machen kann, wie sich ihr
Selbstbild durch Ehrlichkeit verändert hat – und warum wir endlich aufhören
sollten, uns mit Scheinwelten zu messen.
Mette Kleinert: Ich fand es schon immer spannend, Videos zu drehen
– für Freunde oder gemeinsam mit Freunden. Irgendwann habe ich
angefangen, meinen Alltag zu dokumentieren. Als ich in die Klinik
gekommen bin, habe ich spaßeshalber begonnen, meinen Tagesablauf
vlogartig festzuhalten und das auch online gestellt – einfach aus Spaß,
ohne große Hintergedanken.
Fotos: Tara Dernedde
Du bist dann wieder mehr zu deinem
Selbst geworden und hast dich
entschieden, die perfekte Fassade
abzulegen. Wie ist es dazu gekommen
und wie haben die Menschen darauf
reagiert?
Ich habe gemerkt, dass dieses ideale Bild überhaupt nicht realistisch
ist – weder für meinen Alltag noch für mich als Person. Ich konnte
mich selbst nicht mehr mit meinen Inhalten identifizieren. Das
Videodrehen, was früher mein Hobby war und mir unglaublich viel
Spaß gemacht hat, wurde plötzlich zu einer Belastung. Es kostete
mich mehr Kraft und Aufwand, als es mir Freude bereitete.
Also habe ich mich gefragt: Woran liegt das? Warum macht mir etwas,
das ich immer geliebt habe, plötzlich keinen Spaß mehr?
Ich habe viel mit meinem Freund, meiner Familie und insbesondere
mit meiner besten Freundin darüber gesprochen. Sie hat mich
immer wieder ermutigt, wieder mehr ich selbst zu sein – auch mal
wieder lustige oder spontane Videos zu machen, die mich früher
ausgezeichnet haben. Nach und nach habe ich so wieder meinen
Weg gefunden. Heute konfrontiere ich mich bewusst damit, auch
Bilder oder Videos zu posten, auf denen ich nicht perfekt aussehe
oder die nicht ideal wirken könnten. Ich erinnere mich dann immer
daran: Das ist Quatsch. Niemand ist perfekt – und genau das sollten
die Menschen auch sehen. Es bringt nichts, eine Scheinwelt zu
präsentieren. Wirkliche Authentizität ist viel wichtiger. Trotzdem ist es
auch eine Überwindung für mich, solche Fotos oder Videos zu posten.
Dieses Idealbild ist immer noch tief in meinem Kopf verankert, weil ich
tagtäglich auf Social Media damit konfrontiert werde.
24
Du hast also dein Hobby ein Stück weit
zum Beruf gemacht.
Genau. Heute lebe ich das auch beruflich aus. Aber angefangen hat
alles damit, dass ich meinen Alltag – besonders während der Klinikzeit
– dokumentiert habe. Ich wollte die Leute daran teilhaben lassen und
gleichzeitig für mich selbst eine Art Tagebuch führen.
Klar, du wirst ja auch ständig von
diesem Idealismus beeinflusst.
Genau. Ich sehe das bei vielen Influencern – es sieht immer alles
so leicht und perfekt aus. Aber als ich selbst versucht habe, solche
perfekten Videos zu drehen oder genauso zu sein wie sie, habe ich
gemerkt, wie schwer es wirklich ist. Es war alles andere als einfach.
„Hätte es Social Media in der
Form nicht gegeben, hätte ich
selbst viele meiner Probleme gar
nicht entwickelt.“
Gerade heute, wo auf Social Media
viele Trends wie die „Clean-Girl-
Ästhetik“ ein unrealistisches,
perfektes Leben zeigen.
27
Genau. Diese Trends vermitteln ein Bild, das so nicht dauerhaft
erreicht werden kann. Es funktioniert vielleicht eine Zeit lang, aber auf
Dauer entspricht es einfach nicht der Realität.
Denkst du, dass sich viele Influencer
verstellen?
Ja, absolut. Ich bin mir sogar sicher: Kein Mensch kann perfekt sein.
Selbst wenn sie nach außen so wirken, zeigen sie oft nur die besten
Seiten von sich. Ich finde es schade, wenn Influencer ausschließlich
perfekte Momente präsentieren, weil das ein komplett verzerrtes Bild
vermittelt.
Genau darauf wollte ich hinaus.
Glaubst du, diese perfekte
Selbstdarstellung ist problematisch für
die Gesellschaft?
Auf jeden Fall. Gerade weil auf Social Media eine sehr junge
Zielgruppe unterwegs ist. Jugendliche in der Pubertät oder jungen
Erwachsenenphase sind ohnehin oft unsicher und auf der Suche
nach ihrer Identität. Wenn sie dann ständig perfekte Menschen
sehen, die massenhaft Komplimente bekommen und scheinbar
mühelos bewundert werden, führt das schnell zu Vergleichen. Man
beginnt, sich zu fragen: Warum bin ich nicht so? Warum sehe ich
nicht so aus? Das kann enorme Auswirkungen haben – Unsicherheit,
Selbstzweifel bis hin zu psychischen Erkrankungen wie Essstörungen
oder Depressionen. Ich bin mir sicher: Hätte es Social Media in der
Form nicht gegeben, hätte ich selbst viele meiner Probleme gar nicht
entwickelt.
Hat sich dadurch, wie du dich heute
auf Social Media präsentierst und
welche Werte du vertrittst, auch dein
Selbstbild verändert?
Auf jeden Fall. Ich bin dadurch viel selbstbewusster und offener
geworden. Allerdings habe ich auch festgestellt, dass es Nachteile
geben kann, wenn man sich zu sehr auf das Thema mentale
Gesundheit fokussiert. Als ich ausschließlich darüber gesprochen
habe, war ich ständig in dieser Rolle gefangen. Ich blieb immer
„die Mette mit der Essstörung“ – und konnte nie völlig heilen oder
abschließen, weil ich mich ständig damit beschäftigte. Genauso
schwierig war die Phase, in der ich versucht habe, perfekt zu wirken.
Es fühlte sich wie ein Doppelleben an: Sobald die Kamera aus war,
konnte ich endlich wieder durchatmen. Man gerät innerlich in einen
Konflikt und verliert sich selbst ein Stück weit. Das Schöne daran ist,
heute ehrlich zu sein und mich so zu zeigen, wie ich wirklich bin. Ich
fühle mich eins mit mir selbst. Ich kann mich frei entfalten – und das
hat mein Selbstbild enorm positiv verändert.
„Kein Leben ist perfekt – auch
nicht das der Reichen, Schönen
und scheinbar Makellosen.“
26
Deshalb finde ich es umso besser, dass
du heute bewusst dagegen arbeitest.
Du versuchst ja auch, den Leuten die
Augen zu öffnen.
Genau, das ist mein Ziel. Ich gehe so offen mit meinen Krankheiten
und meiner Geschichte um, weil ich damals, als ich selbst in einer
schwierigen Situation war, genau so eine Person gebraucht hätte –
jemanden, der offen darüber spricht, der einen an die Hand nimmt
und zeigt: Es ist normal, solche Gedanken zu haben. Und es ist
möglich, daraus wieder herauszufinden. Es ist wichtig, auch mal
die nicht perfekten Seiten des Lebens zu zeigen – die traurigen, die
chaotischen, einfach das echte Leben. Ehrlichkeit ist entscheidend,
nicht das Schönreden oder das Romantisieren von Problemen.
Was würdest du den Leuten
abschließend mit auf den Weg geben?
Ich möchte den Leuten mitgeben, dass sie hinterfragen, was sie
auf Social Media sehen. Kein Leben ist perfekt – auch nicht das der
Reichen, Schönen und scheinbar Makellosen. Man sollte sich nicht
ständig vergleichen, sondern versuchen, glücklich mit sich selbst zu
sein. Es ist viel wichtiger, sich auf das eigene Leben zu konzentrieren,
anstatt sich durch Bilder auf Social Media beeinflussen zu lassen.
Auch diese Menschen haben schlechte Tage, sind nicht perfekt und
kämpfen mit ihren eigenen Problemen.
„Frei sein in jeglicher
Hinsicht. All
das habe ich als
große Errungenschaft
erkannt
– aber für selbstverständlich
gehalten.“
Gedanken über Freiheit [4/9] zusammengetragen von Andreas Förster
28
„Als jemand aus der Nachkriegsgeneration, habe
ich die Möglichkeiten der individuellen Freiheit
genossen. Frei sein in jeglicher Hinsicht. All das
habe ich als große Errungenschaft erkannt – aber
für selbstverständlich gehalten. Die Rückkehr der
Demagogen und Volksverhetzer hat uns schmerzhaft
vor Augen geführt, wie sich der Freiheitsbegriff
innerhalb kurzer Zeit dramatisch verändern
kann.“
Wolfgang Pozzato,
Vorsitzender Kleinkunstbühne Salzgitter-Bad
Frei zu hassen?
Weltweit wird Meinungsfreiheit unterschiedlich interpretiert.
In den meisten Ländern existiert sie gar nicht
oder stark eingeschränkt, während sie in Ausnahmen
nahezu ohne Grenzen gilt.
Finn Krajewski
Elon Musk zeigt sich als Verfechter uneingeschränkter
Meinungsfreiheit. Als er jedoch 2022
Twitter kaufte, löschte er Nutzer, die sich zuvor
über ihn lustig gemacht hatten. Ließ jedoch kontroverse
Persönlichkeiten, die seiner Meinung entsprachen,
wieder auf die Plattform. Ein durchaus
einseitiger Blick auf Meinungsfreiheit. Im Februar
schrieb Kanye West, heute Ye, auf X: „I AM A NAZI“
und äußert sich in vielen seiner Beiträge antisemitisch.
Warum wird das in den USA toleriert und ist
sogar erlaubt, während es bei uns strafbar wäre?
Der Grund dafür liegt in der Geschichte der Vereinigten
Staaten und dem hohen Stellenwert
von Free Speech. Direkt im ersten Zusatzartikel
der Verfassung wird sie garantiert. Nach der Unabhängigkeit
war es für die Gesellschaft der USA
wichtig, Freiheit in den Vordergrund zu stellen.
Die eigenen Bürger sollten möglichst wenig eingeschränkt
werden, so wird es bis heute gehandhabt.
Nahezu nur Äußerungen, die unmittelbar zu
Gewalt oder Straftaten aufrufen, sind betroffen.
In Deutschland zog man aus der eigenen Geschichte
andere Lehren. Im Grundgesetz wird
die Meinungsfreiheit in Artikel 5 festgeschrieben,
gleichzeitig aber auch die Einschränkungen.
Diese gelten, wenn Äußerungen die Menschenwürde
angreifen oder andere Grundgesetze verletzen.
Auch die Verwendung einiger Symbole ist
in Deutschland beispielsweise verboten.
Ye müsste sich in Deutschland vermutlich strafrechtlich
verantworten, in den USA hingegen
bleibt er ohne Anklage. Dies, obwohl er sich
mehrfach antisemitisch äußert und nationalsozialistische
Symbole verwendet. Auch auf X hatte
sein Verhalten keine Konsequenzen, dabei widerspricht
es den Regeln der Plattform.
Angriffe aufgrund von ethnischer oder nationaler
Herkunft, sexueller Orientierung, Religionszugehörigkeit
oder Geschlechtsidentität sind klar verboten.
Unterschiedliche Meinungen sind gut, unterschiedliche
Meinungen sind wichtig und vor allem
müssen sie ertragen werden. Ohne sie kann eine
freie Gesellschaft nicht funktionieren. Dennoch
gibt es in Deutschland wichtige Regeln, die sowohl
Menschen als auch Demokratie schützen.
Um gegen die Verbreitung illegaler Inhalte vorzugehen,
brachte die EU 2022 den Digital Services
Act (DSA) auf den Weg. Seit Februar 2024 gilt
dieser, noch im Mai nahm die Bundesnetzagentur
als zuständige Behörde in Deutschland ihre
Arbeit auf. Daniela Kluckert, damals Parlamentarische
Staatssekretärin beim Bundesamt für Digitales
und Verkehr, sagte: „Es muss gelten, dass
das, was offline verboten ist, das muss es auch
online sein”. Doch auch nach einem Jahr kam es
aus Deutschland zu keinem Verfahren gegen die
verschiedenen Anbieter. Insgesamt wirkt es, als
hätten beim DSA transparentere Werbungen, Online-Shops
und irreführende Designs einen höheren
Stellenwert als die Durchsetzung geltenden
Rechts der Meinungsfreiheit. So sind aktuell nicht
nur die gegebenen Schranken, sondern auch der
DSA in der Hinsicht wirkungslos.
Besonders Influencer und Prominente haben große
Reichweiten, ihre Aussagen polarisieren. Wenn
auf sozialen Medien Inhalte verbreitet werden, die
den Nationalsozialismus verharmlosen und gesellschaftsfähig
erscheinen lassen, ist das problematisch.
Die Aussagen von Ye wurden millionenfach
geklickt. Grenzen werden verschoben, was
früher als Skandal galt, wird heute akzeptiert. Für
diese Fälle gibt es in der deutschen Meinungsfreiheit
Einschränkungen und diese sollten auch
durchgesetzt werden.
29
31
Fragile Welt, resiliente Menschen:
Auch unter widrigen
Umständen leben die Menschen
in der Ukraine ein bemerkenswert
ruhiges Leben,
wie die Bilder aus Kyjiw und
Lviv dokumentieren.
Felix Warsawa
30
Alltag:
Ausnahmezustand
33
Ich habe Menschen getroffen, die trotz allem
unermüdlich weitermachen und die Hoffnung
nicht verlieren. Dass die Zivilbevölkerung trotz
des Krieges ein weitgehend normales Leben
führen kann, verdankt sie jenen, die unter Einsatz
ihres Lebens die Unabhängigkeit des Landes
verteidigen. Dieser Dank ist im ganzen Land
sichtbar und hat mich tief bewegt. Er erinnert
mich daran, welch großes Privileg Frieden und
Freiheit sind – Werte, die nur rund 1.000 Kilometer
östlich von uns auf dem Spiel stehen.
Wie sieht ein Alltag im Ausnahmezustand
aus? Spätestens seit des russischen
Überfalls im Februar 2022 hat
sich das Leben in der Ukraine grundlegend
verändert. Trotz der zerstörerischen
Realität erscheint das Alltagsleben
überraschend ruhig und von einer
bemerkenswerten Resilienz geprägt.
Was genau ist in einer solchen Situation
noch normal? Oder ist Normalität,
wie wir sie begreifen, unter derartigen
Umständen doch wieder etwas Besonderes?
Diese Fragen haben mich vor
und während meiner bisherigen zwei
Reisen in die Ukraine beschäftigt.
32
35
Die Bilder stammen aus dem Februar und April 2025
34
„ Ich wünsche mir Und plötzlich
eine bunte, stehst du
tolerante Gesellschaft
in Freiheit,
Was passiert, wenn politische Überzeugungen
zur Zerreißprobe werden? Wenn jemand,
dem man sich nah fühlte, plötzlich Positionen
vertritt, die verletzen, ausgrenzen und
alles infrage stellen, was man miteinander
geteilt hat? Über Freundschaft, Haltung und
die Frage wann Betroffenheit beginnt.
37
rechts
von
mir.
Gedanken über Freiheit [5/9] zusammengetragen von Andreas Förster
36
die Andersdenkende
und
Anderslebende
einschließt.“
„Ich wünsche mir eine bunte, tolerante Gesellschaft
in Freiheit, die Andersdenkende
und Anderslebende einschließt. Deswegen
trete ich für Demokratie und Freiheit
ein und gegen die auf, die diese abschaffen
wollen. Nie wieder ist jetzt.“
Erdmute Trustorff, Mitglied Omas
gegen Rechts Braunschweig
Simon Mengeu
Ich dachte, ich kenne meine Freunde. Wir lachen über die gleichen
Memes, trinken dieselben überteuerten Matcha-Lattes,
sind uns einig, dass Nachhaltigkeit wichtig ist – und Diskriminierung
scheiße. Und dann kommt dieser eine Satz. Leise gesagt.
Fast beiläufig.
„Ich glaube, ich wähle diesmal
rechts.“
Was sagt man da? Ich habe geschwiegen. Nicht, weil es mir egal
war. Sondern weil ich nicht wusste, wie ich reagieren soll. Weil
ich erschrocken war. Und vielleicht zum ersten Mal wirklich gespürt
habe, was politische Haltung mit Nähe macht. Es geht
nicht darum, dass jemand eine andere Meinung hat. Sondern
darum, was diese Haltung für andere bedeutet: Für Menschen
mit Migrationsgeschichte. Für queere Menschen. Für Menschen
jüdischen Glaubens, für Muslime, für People of Colour.
Für alle, die systematisch ausgegrenzt werden. Und vielleicht
auch für mich? Ich bin nicht direkt betroffen. Ich passe oft ins
Bild. Habe einen deutschen Pass, einen Namen, der nicht fremd
klingt, und bin oft einfach unauffällig genug. Ich kann schweigen
– und genau das macht mir Angst. Denn wie lange ist man
Zuschauer:in? Und ab wann macht Schweigen mitschuldig? Ist
Haltung Privatsache, wenn sie das Leben anderer einschränkt?
Und wenn wir schweigen, um Freundschaften nicht zu gefährden
– was genau ist das dann für eine Freundschaft? Vielleicht
war das nie Freundschaft. Sondern nur Bequemlichkeit. Ich will
reden. Zuhören. Diskutieren. Ich glaube an Veränderung, an Reflexion,
an echte Gespräche – auch wenn sie unbequem sind.
Aber Diskurs braucht eine gemeinsame Basis: Menschlichkeit.
Empathie. Respekt. Fehlt diese Grundlage, wird jedes Gespräch
zum leeren Austausch. Und wenn du plötzlich auf der anderen
Seite stehst, bleibt am Ende nur Ehrlichkeit: Nicht jede Nähe
ist echte Verbindung. Nicht jede Freundschaft verdient es, gehalten
zu werden.
„Frauen
können das!“
Campus38: Frau Deumelandt, Sie
sind jetzt seit 3 Jahren ehrenamtliche
Aufsichtsrätin beim FC Sankt Pauli.
Woher kommt Ihre Verbundenheit zum
Fußball?
Was hat sie dazu bewogen, diese Leidenschaft
stärker auszuleben und als
Aufsichtsrätin zu kandidieren?
Deumelandt: Ich komme aus einer sehr fußballaffinen Familie. Tatsächlich
ist meine Liebe zum Fußball erst entflammt, als ich vor 25
Jahren nach Hamburg gezogen bin und mein erstes Spiel beim FC
Sankt Pauli gesehen habe. Danach wusste ich: Hier gehe ich nicht
wieder weg! Bis heute stehe ich regelmäßig in der Kurve.
Ich habe schnell angefangen, mich für tiefere Fragen zu interessieren.
Als Sozialökonomin finde ich Kennzahlen spannend und wollte herausfinden,
wie der Verein aufgestellt ist. Ich habe gezielt geschaut, wie
kann ich dem Verein nützlich sein? Und das dachte ich, das kann ich
und habe mich einfach getraut.
39
Der FC Sankt Pauli ist der einzige Fußballverein
aller Männer-Fußball-Bundesligen, in dem
mehrheitlich Frauen in Führungsgremien vertreten
sind. Ein Gespräch über starke Frauen, mittelmäßige
Entwicklungen und schwache Fußballclubs ...
Smilla Helen Witte
Fakten: FC Sankt Pauli
Seit Saison 24/25 erste Bundesliga
57 % Frauen im Aufsichtsrat
60 % Frauen im Wahlausschuss,
Ehrenrat, Präsidium
Im gesamten deutschen Profifußball
sind erschreckend wenig Frauen
in Führungspositionen tätig. Neben
Nicole Kumpis, der Präsidentin von
Eintracht Braunschweig oder Anne-
Kathrin Laufmann, der Geschäftsführerin
für Sport & Nachhaltigkeit
beim SV Werder Bremen, sind Sie
eine der Frauen in solch einer Rolle.
Wie bewerten Sie diese in Bezug auf
Geschlechtergleichheit im Profifußball
der Männer?
Sie sprechen gerade die fehlende
Diversität in den Fußballvereinen an.
Doch Sankt Pauli ist da die Ausnahme.
Was macht der Verein richtig bzw.
anders?
Würden Sie sagen, dass Frauen und
Männer unterschiedlich auf Ihr Amt
reagieren?
Meine eigene Rolle sehe ich darin, eine von denen zu sein, die das Feld
bereiten für die Kolleginnen, die nach mir kommen. Diese Vorbildfunktion
teilt der gesamte Verein. Alle Wahlämter bei uns haben eine starke
weibliche Konjunktion. Der Fußball ist ein männerdominantes System,
das von Verharrungstendenzen geprägt ist. Bei Auswärtsspielen fällt
es auf, dass wir mit keiner rein männlichen Delegation anreisen. Unsere
Funktion dabei ist zu zeigen, dass das Geschlecht keine Rolle spielt,
denn wir machen unsere Jobs, weil wir gewählt wurden und qualifiziert
sind.
Vor einigen Jahren haben wir bereits darüber diskutiert, warum denn
immer nur Männer in den Gremien sitzen und ob eine Frauenquote
nicht zeitgemäß wäre. Diese wurde schließlich mit überwältigender
Mehrheit beschlossen. Der Unterschied bei uns ist, dass der Verein
deutlich kommuniziert: Wir wollen mehr Frauen, wir wollen diesen Weg
gezielt gehen und viel wichtiger: Wir stehen auch zur Verfügung!
Ich muss sagen, pauschalisieren kann man nicht. Dennoch habe ich
bislang keine Frau getroffen, die mit Unverständnis oder Irritation
reagierte. Bei Männern gibt es schon ein paar, wenn auch wenige, die
sagen: Ihr bei Sankt Pauli, ihr macht wieder verrückte Sachen. Das Zutrauen
ist deutlich geringer...
Foto: FC Sankt Pauli
38
2020: Erster Verein im deutschen
Profifußball, der Frauenquote
einführte
Einziger Verein, der sich zu einer
Frauenquote von 30 % verpflichtet
AG Diversität für mehr
Gleichstellung vorhanden
Kathrin Deumelandt (51) ist Vorsitzende des Aufsichtsrates des FC
Sankt Pauli. 2022 wurde sie in den Rat gewählt und war zunächst
stellvertretende Vorsitzende, bis sie am 16. November 2024 das Amt
ihrer Vorgängerin Sandra Schwedler übernahm.
Ist eine Frau dann mal an der Spitze
eines Vereins, wird die Story medial
enorm aufgebauscht. Bei Ihnen war
das sicher ähnlich. Gibt es mittlerweile
Fragen oder Aussagen, die Sie
in Bezug auf Ihre Position nicht mehr
hören können?
Was muss sich Ihrer Meinung nach
weiter verändern, damit Frauen mehr
Möglichkeiten haben, sich in den Führungsebenen
mit einzubringen?
Sie sprachen an, was Vereine verändern
sollten. Was müssen denn Frauen
auf der Gegenseite tun, um eigenhändig
die Entwicklung voranzutreiben?
Müssen Frauen sich in der Männerwelt
behaupten?
Was ich ärgerlich finde, ist, dass weniger nach meinen Aufgaben oder
Vorstellungen gefragt wird, sondern erstmal im Fokus steht, dass ich
ja eine Frau bin. So schwingt immer mit: Kann die das überhaupt? Mit
dem Irrglauben, dass ich als Aufsichtsrätin die Fußballkenntnis eines
Trainers oder sportliche Erfahrung haben muss, werde ich leider immer
wieder konfrontiert. Dabei muss ich diese Dinge für die Erfüllung
meiner Rolle gar nicht können.
Ein Kulturwandel mit einer gewollten Offenheit muss vorangetrieben
werden, der es sowohl Frauen ermöglicht als auch sie motiviert, so ein
Amt zu übernehmen. Vereine müssen sich fragen: Was können wir bieten?
Wie können wir uns attraktiv machen für Frauen? Das muss die
Methode zur notwendigen Weiterentwicklung von Fußballclubs sein.
Das ist nicht das vorrangige Ziel. Der Standard muss ganz klar sein,
dass ich unabhängig von meinem Geschlecht in meiner Rolle wahrgenommen
werde. Was können Frauen tun? Unterstützt euch gegenseitig!
Seid selbstbewusst, traut euch Aufgaben zu! Wir dürfen uns
nicht zu schnell von geschlechterspezifischen Klischees abschrecken
lassen. Es gibt nichts, was wir nicht genauso gut könnten wie Männer!
41
Hunde in Käfigen
und Ketten
40
Ein Leben in Angst und Einsamkeit – das ist die Realität
für tausende Hunde in Rumänien. Die Hunde kämpfen
ums nackte Überleben. Sie werden in Tötungsstationen
in trostlose Käfige eingesperrt und warten auf ihren Tod.
Doch es gibt Hoffnung.
Vanessa Pichiri
Der Alltag rumänischer
Straßenhunde
Die Straßen sind voller streunender Hunde, viele
verletzt und in schlimmen Zuständen. Gerade
in den Wintermonaten ist es für sie schwer,
Futter zu finden oder nicht zu erfrieren. Auch
Tiere, die sich in Sheltern oder Tötungsstationen
befinden, haben oft nur wenig Futter oder
Möglichkeiten, sich zu wärmen. Sie liegen in
den kleinen grauen Käfigen aus Beton und
Gittern. Wenn es sehr kalt ist, frieren sie mit
ihren Bäuchen am Boden fest. Genau das, ein
schrecklicher Zustand, gar nicht so weit weg,
ist Alltag für die Tiere – nämlich in Rumänien.
Etwa 600.000 Hunde leben dort auf der Straße.
Obwohl in vielen Ländern in Europa das
Thema Tierschutz immer mehr Aufmerksamkeit
bekommt, fühlt es sich so an, als würde
Rumäniens Bevölkerung und Regierung auf
der Strecke bleiben. Leid, was durch den Menschen
immer weiter vorangetrieben wird.
Einige Vereine setzen sich zum Glück für den Schutz
der Hunde ein. Darunter auch Sabine Peschke von Na-
TiNo.e.V.. Aber warum gibt es überhaupt so viele Straßenhunde
in Rumänien? Einen Grund für diese Thematik
erklärt Sabine Peschke folgend: „Da viele immer noch
den Glauben in den Vordergrund stellen und sagen, unkastrierte
Hunde stehen für die Fruchtbarkeit, wenn du
sie kastrierst, dann bringt das auch Schlechtes ins Haus.“
Doch um das Elend zu stoppen sind Kastrationen unumgänglich.
Sonst nimmt die Fortpflanzung kein Ende. „Wir
müssen das Elend stoppen, indem wir die Tiere rausholen,
aber gleichzeitig, indem wir kastrieren.“, sagt Sabine
Peschke anschließend.
„Wir müssen das
Elend stoppen.“
Doch dieser Lösungsansatz wird nicht vom Staat
durchgesetzt. Die Hunde vermehren sich immer
weiter und das Leid wird größer. Es gibt zwar eine
Kastrationspflicht in Rumänien, aber keine Kontrolle
und somit auch keine Umsetzung des Gesetzes.
Es fühlt sich so an, als würde es kein Gesetz
geben. Der Kreislauf der Straßenhunde nimmt kein
Ende.
Hoffnungslosigkeit
hinter Gittern
Viele Hunde, die auf der Straße leben oder Hofhunde,
die mal kurz spazieren gehen, landen durch
Hundefänger:innen in Tötungsstationen. Dort haben
sie eine vierzehntägige Frist, bevor sie legal
umgebracht werden dürfen. Die Frist wird von „Besitzer:innen“
oft nicht genutzt. Das hat laut Sabine
Peschke folgenden Grund: „Wird ein Hund zum
Beispiel von Hundefänger:innen eingefangen, weil
er gerade vor die Tür gegangen ist, wird die Familie
niemals danach suchen. Das gibt es nicht! Die holen
sich einfach den nächsten.“ Ein Hund wird als
Sache angesehen und hat somit keinen Stellenwert
in der Familie. Ganz anders als bei vielen Familien
in Deutschland.
„Die holen sich einfach
den nächsten.“
Foto:picture alliance / Kerstin Joensson
Wenn die Hunde dann in der Tötungsstation
landen, ist ihr Schicksal besiegelt
– ein kurzes Leben in schlimmsten Bedingungen.
Ein Ort voller Angst und Trauer.
Käfig an Käfig gibt es lange Gänge, wo
verschiedene Hunde warten. Es befinden
sich immer mehrere Hunde in einem Gehege
– man muss Platz sparen. Durch den
ständigen Wechsel der Hunde kommt es
nicht selten zu blutigen Beißereien. Diese
enden zum Teil auch tödlich. Außerdem
leiden die Hunde in dieser Zeit unter
starkem Stress. Folgen sind zum Beispiel
epileptische Anfälle. So kommt es auch
vor, dass die Hunde von anderen Zellenbewohnern
während eines Anfalls totgebissen
werden. Sie bewegen sich komisch
und werden als Gefahr angesehen.
43
42
Sind die Käfige voll, wird getötet. Ein
schreckliches Verfahren, was in Rumänien
Alltag ist. Traurige Bilder gehen einem
durch den Kopf. Viele Hunde haben sich
schon vor ihrem Tod aufgegeben. Ein Leben,
was nichts wert ist. Wenn die Tür zu
den einzelnen Gehegen geöffnet werden,
heißt dies oft nichts Gutes für die Hunde.
Wenn ihre Frist abgelaufen ist, werden
sie nicht eingeschläfert, wie man es in
Deutschland bei einem unheilbaren Hund
machen würde. Einige gängige Methoden
sind es, den Hunden Frostschutzmittel
zu spritzen oder sie in einem gelben Sack
zu erschlagen. Über eine Millionen Hunde
wurden in Rumänien schon getötet. Die
einzige Chance, diesem grausamen Ende
zu entkommen sind die Tierschutzvereine.
Rettung unter Druck
Die Aufgabe der Tierschützer:innen ist alles
andere als einfach. Sie gehen durch die Gänge
und entscheiden, welchen Hund sie mitnehmen
und wer zurückbleiben muss. Dabei
konzentrieren sie sich auf zutrauliche Hunde
– wer bissig ist und nicht an den Zaun kommt,
hat verloren. Hunde, die zutraulich sind, können
vermittelt werden, die anderen eher selten.
Um möglichst viele Hunde zu vermitteln,
braucht man einen Tunnelblick. Am besten
man konzentriert sich nicht auf die Hunde,
die zurückbleiben. Man kann das Elend sonst
nicht aushalten.
Es ist nie gewiss, wie lange die Hunde noch
haben. Werden viele Tiere in der Tötung abgegeben,
muss auch viel Platz geschaffen
werden. So kann es auch mal passieren,
dass eine komplette Halle von ungefähr
200 Hunden geräumt und getötet wird. Ein
schrecklicher Gedanke, der die Tierschützer
bedrückt, wenn sie durch die Gänge gehen.
Trotz der Schwere der Aufgabe ist genau
diese Arbeit sehr wichtig für die Tiere. Nur
durch die Tierschützer werden sie gerettet.
Sie sind unschuldig, leiden und sterben.
„Kein Hund kann was dafür, dass er vielleicht
in diesem Land geboren ist, dass er
von Menschen nicht gewollt ist“, sagt Sabine
Peschke. Genau darum versuchen sie so
viele Hunde wie möglich rauszuholen.
Tierschutz schenkt Hoffnung
Nachdem die Tiere aus der Tötung oder den Sheltern
gerettet wurden, bringen die Tierschützer von NaTiNo
e.V. sie in ihren selbst gebauten Shelter. Vor Ort werden
sie mit Futter und Schlafplätzen versorgt. Wenn die
Tiere krank sind, werden sie zum Tierarzt gebracht, um
sie medizinisch zu versorgen. Einen Alltag gibt es bei
den Tierschützer:innen nicht. Oft kommen Notfälle dazwischen.
„Auf einmal ein Anruf: Könnt ihr uns helfen?
SOS! Dann wird dein ganzer Plan eigentlich über Bord
geworfen.“ Die Tierschützer:innen helfen dort, wo es gebraucht
wird. Eine Arbeit, die man mit Geld nicht entlohnen
kann. Eine unglaubliche Herzensangelegenheit,
die den größten Respekt verdient. Wenn die Hunde ausreisebereit
sind, werden sie auf der Homepage und auf
Social Media veröffentlicht und vorgestellt. Sie suchen
schließlich ein neues liebevolles Zuhause. Die potenziellen
Adoptanten können sich dort die Hunde anschauen
und sich für sie bewerben. Vor der Ausreise werden die
Hunde kastriert sowie geimpft.
„Könnt ihr uns
helfen? SOS!“
Foto: Vanessa Pichiri
Es gibt zwei Wege, die ein Hund nun durchlaufen kann. Entweder
die direkte Adoption oder den Platz in einer Pflegestelle
in Deutschland. Es gibt viele wunderbare Pflegestellen,
die Hunde übergangsweise aufnehmen und von Deutschland
aus vermitteln. Die Zahl der Hunde in Deutschland
gibt Hoffnung. Ungefähr 33,9 % der Hunde in Deutschland
stammen aus Rumänien und viele Hundebesitzer würden
wieder einen Hund aus dem Auslandstierschutz aufnehmen.
Pflege mit Verantwortung
Ulrike aus Wolfsburg hat sich der Aufgabe als Pflegestelle
gestellt. Sie nimmt regelmäßig Hunde aus Rumänien auf
und vermittelt diese dann in Deutschland. Dabei arbeitet
sie sehr eng mit dem Tierschutzverein zusammen. Doch
was ist die Aufgabe einer Pflegestelle? Ulrike erklärt:
„Also wie der Name sagt: pflegen.“ Viele Hunde kommen
mit verschiedenen gesundheitlichen Problemen nach
Deutschland. Durchfälle, Giardien und Würmer – all das
sind Krankheiten, die behandelt werden müssen. Außerdem
werden die Hunde an den Umgang mit Menschen
gewöhnt. Sie lernen einen Alltag im Haus kennen sowie
das Spazierengehen. Das klingt erstmal einfach, aber die
Hunde kennen keine Leinen oder Geschirre. Doch es ist
auch wichtig sagt Ulrike „den Hunden Liebe zu schenken.
Liebe, Vertrauen, Geduld ist eigentlich das A und O.“
„Liebe, Vertrauen,
Geduld ist eigentlich
das A und O.“
Doch nicht nur dafür brauchen die Hunde aus Rumänien
die Pflegestellen. Es gibt einfach so viele Hunde
in Rumänien, die vergessen werden. Man kennt die
Hunde nicht, hat keinen Bezug zu ihnen. Die Hunde
werden nicht gesehen und das wird ihnen zum Verhängnis.
Sobald die Hunde in Deutschland sind, werden
sie meistens schnell vermittelt. Regelmäßig holt Ulrike
am Wochenende neue Hunde vom Transporter nach
Deutschland ab. Außerdem ist es für viele schön, einen
Hund vor der Adoption zu sehen. Dabei helfen Pflegestellen
auch, sagt Ulrike, denn „wenn man Kinder hat,
[…] einen Ersthund hat oder wenn man nicht so mutig
ist und den Hund vorher kennenlernen will, dann ist eine
Pflegestelle das Sprungbrett in eine schöne Zukunft.“
Falls Mensch und
Hund sich finden
Wenn die Hunde Interessent:innen haben, ist es
wichtig, dass diese mehrere Stufen der Auswahl
durchlaufen. Von einem Interessentenbogen über
Erstgespräch mit Kennenlernen bis zum Hausbesuch
ist alles mit dabei. Den Hunden soll es gut gehen
und die zukünftigen Besitzer:innen sollten sich
der Verantwortung bewusst sein. Wenn alles passt,
ziehen die Hunde in ihr neues Leben. Genau das ist
der Moment, auf den die Pflegestellen die ganze
Zeit hinarbeiten. Ulrike beschreibt dies so: „Also es
ist ein lachendes und ein weinendes Auge, obwohl
ich sagen muss, je mehr Hunde es werden, das Positive
überwiegt für mich, […] weil es einfach mein
Ziel ist.“ Durch die Vermittlung eines Hundes wird
Platz gemacht für den nächsten. Nur so funktionieren
Pflegestellen. Alle behalten geht nicht und genau
das möchte Ulrike auch nicht. Sie sagt: „Meine Mission
ist, möglichst vielen Hunden zu helfen und ich
habe mein Ziel erreicht.“ Schon über 70 Hunde hat
sie vermittelt und es werden stetig mehr. So wird der
Traum vieler Hunde wahr – ein Zuhause in Sicherheit.
Hoffnung durch Engagement
Nur durch gemeinsame Arbeit, Übernehmen von
Verantwortung und Mitgefühl kann den Hunden in
und aus Rumänien geholfen werden. Durch Kastrationen
kann dem Leid ein Ende gesetzt werden. Das
funktioniert aber nur, wenn alle zusammenhalten
und gespendet wird. Wir müssen hinsehen und aktiv
werden, auch wenn wir nur einen kleinen Beitrag
dazu leisten können. Es muss etwas passieren, damit
wir in Zukunft dieses Massenleid beenden können,
denn auch heute sterben viele Hunde in Rumänien
oder warten nur auf ihr schreckliches Ende – sie leben
in Angst und Trauer.
Liebe Welt,
wir werden dich
vermissen
44
Melina Sophie Nikitaidis
Liebe Welt,
was läuft hier eigentlich falsch?
Wir haben Angst um unsere Zukunft, man hört uns nicht zu.
Wir werden nicht ernst genommen in unseren Sorgen und es
fühlt sich an, als würde niemand handeln.
Liebe Welt,
Immer wieder wird über unsere Köpfe hinweg entschieden.
Wir haben das Gefühl, nur zusehen zu können, wie unsere
Zukunft verspielt wird.
Gehört unsere Zukunft überhaupt noch uns oder wird sie in
fremden Händen bleiben?
Ungewissheit ist unsere Realität geworden.
Sie raubt uns den Schlaf und wir schaffen es kaum noch
die Hoffnung aufrechtzuerhalten.
Unsere Stimmen verhallen zwischen wertlosen
Versprechen.
Es dreht sich um kurzfristige politische Strategien:
Klimapolitik wird angekündigt, aber wir erleben Greenwashing,
Symbolpolitik und Verdrängung.
Wir sind dem, was getan wird, hoffnungslos ausgeliefert.
Liebe Welt,
Liebe Welt,
Es wurde uns 2030 versprochen!
Was sollen wir da noch mit 2050?!
Ein Problem aufzuschieben, schafft es nicht aus dem Weg.
Versprechen werden gebrochen und zurück bleibt
eine Generation zwischen Frust und Resignation.
Wie sollen wir da noch vertrauen?
sie hatten den Verfassungsauftrag, uns zu schützen, unsere
Lebensgrundlagen für die Zukunft, doch sie haben ihn missachtet.
Sie haben ihn übersehen, genauso wie sie uns übersehen.
Es scheint ein zu großer Interpretationsspielraum in unserer
Verfassungsgrundlage zu bestehen.
Sie häufen Schulden über Schulden.
Für uns bleibt immer weniger übrig.
Wohnungsnot, Inflation, Klimakrise, Burnout schon mit
Anfang 20.
Krisen werden ungelöst weitergereicht.
Und trotzdem heißt es: Reißt euch zusammen! Leistet!
Zahlt!
Warum wird beim Wählen nicht mehr über die Zukunft nachgedacht,
sondern stattdessen über Tradition, kurzfristige
Ängste oder Nostalgie?
Der Gang zur Wahlurne bestimmt unsere Zukunft und entscheidet
darüber, wie lebenswert unsere Zukunft noch sein
wird.
wir fühlen uns machtlos gegen sie.
Wir möchten ihnen sagen:
„Wir verstehen eure Angst vor Veränderung, aber wir haben
Angst vor dem, was bleibt, wenn nichts mehr verändert wird.
Wenn ihr nicht vorangeht, dann haltet uns nicht auf.“
Wir wissen nicht, ob wir dich noch retten können,
aber wir werden dich vermissen.
45
47
Billig. Bequem.
Brutal.
Shein und Temu liefern, was wir wollen: Viel, schnell, günstig.
Doch der wahre Preis wird nicht auf der Rechnung ausgewiesen –
sondern in klimatisierten, doch unmenschlich geführten Fabriken
bei 75-Stunden-Wochen und Hungerlöhnen. Die moderne Sklaverei
beginnt nicht in China oder Bangladesch, sondern bei jedem
Klick auf „Kaufen“.
2016
2017
42 %
der Deutschen, die Shein
kennen fühlen sich von
Shein manipuliert.
15 %
der Personen, die Shein
genutzt haben, halten die
Produkte für nachhaltig.
Sheins Umsatz (in Mrd. $)
0,6
Sheins Nutzer weltweit (in Mio.)
2,8
88,8
2023
32,5
2023
Lana Nagl
Temu – Die neue
Konsummaschine
Was ist Temu? Shopping-App; vermittelt Produkte
von Dritthändlern; hat keine eigenen Fabriken,
aber volle Verantwortung; Hauptquelle: China
2023
September 2022
46
Temu-Website-Besuche (in Mio.)
68,9 1300 2025
Temus Handelsvolumen (in Mio. $)
3 1000
(Maßstab 1:10)
Grafik: Florian Wulff
11 %
der Personen, die Temu
genutzt haben, halten die
Produkte für nachhaltig.
Was unser Klick bedeutet:
• Viele wissen um die Ausbeutung,
klicken aber trotzdem
• Bequemlichkeit verdrängt
Verantwortung
• Unser Konsum schafft Nachfrage
und unterstützt damit das System
Juni 2023
Was wir ändern können:
• Weniger und bewusster kaufen
• Herkunft hinterfragen
• Marken meiden, die auf
Ausbeutung setzen
• Verantwortung beginnt bei jeder
Kaufentscheidung
51 %
der Deutschen, die Temu
kennen, fühlen sich von
Temu manipuliert.
Shein – Das Gesicht
der Fast Fashion
Kritikpunkte: Kinderarbeit nachgewiesen;
Schadstoffe in Kleidung; Umweltzerstörung
durch Überproduktion
Arbeitsrealität bei Shein
(z. B. Panyu, “Shein Village”):
300
pro Monat (unter Lebensstandard)
75
Stunden
pro Woche
13-27
Euro
Cent
pro Shirt
1 freier
Tag
pro Monat
8 %
INDIEN
10 %
BANGLADESCH
6 %
INDONESIEN
70 %
CHINA
4 %
VIETNAM
Hauptproduktionsländer von Shein: Diese Länder
sind Drehscheiben billiger Massenproduktion. Die
dortigen Arbeitsbedingungen stehen oft im Widerspruch
zu grundlegenden Menschenrechten.
49
Keine Pride im
Paradies
Jung, männlich, verliebt – doch in der idyllischen
Dominikanischen Republik ist dafür kein Platz.
Ein Porträt eines schwulen Paares, das einen
Traum von Freiheit teilt.
meinsam betriebenen Schönheitssalon. Marlon begeisterte
sich bereits mit 13 Jahren für Haare und
Kosmetik, während Jawel sich das Nageldesign autodidaktisch
aneignete. Marlon steht auf und wendet
sich einer ankommenden Kundin zu. Er streicht konzentriert
mit einem feinen Pinsel über die dunklen
Augenbrauen. Ein Hauch von Henna färbt die Haut
unter den Härchen. Die Frau muss danach ein paar
Minuten warten, bis die Farbe getrocknet ist. Das
junge Paar wendet sich wieder zur Kamera und lächelt
glücklich. Sie warten gespannt auf die Fragen.
Beide erzählen sehr offen von ihren Geschichten.
„Diese
Schwuchtel-
Kacke!“
Schon als Zehnjähriger spürte Marlon den Druck,
eine Freundin haben zu müssen, und versuchte, sein
Verhalten nach den Erwartungen seiner Verwandten
zu richten. „Mit meiner ersten Freundin habe ich alles
gemacht, was Männer und Frauen getan haben. Wir
haben uns geküsst, wir haben Händchen gehalten“,
erzählt Marlon. Als der Kontakt zu seinem ersten
männlichen Flirt zustande kam, durchsuchte sein
Onkel heimlich sein Handy. Daraufhin musste sofort
ein ungeplantes Familientreffen stattfinden. In Tränen
und Verzweiflung drohte Marlon, sich das Leben
zu nehmen, bis sein Opa ihm sagte: „Ich akzeptiere,
wer du bist, aber wage es nicht, dich wie eine Frau
zu kleiden.“
Claudett Minaya Vialet
48
Eines warmen Abends im Juli laufen
Marlon und Jawel Arm in Arm eine Straße
entlang, nicht weit entfernt von einer
Tankstelle in Puerto Plata. Das Licht der
flackernden Laternen spiegelt sich auf
„Ich dachte, er
würde nicht zur
Schule gehen
können, so wie
er war.“
dem Asphalt, als plötzlich fünf uniformierte
Polizisten von der anderen Straßenseite
sie rufen. Die beiden gehen zögernd hinüber.
„Ihr seid doch Schwuchteln, oder?“,
sagt einer spöttisch. Ein anderer grinst
breit und fragt: „Und welcher von euch
bläst uns jetzt einen?“ Dabei formt er mit
Mund und Hand eindeutige Gesten. Marlon
und Jawel stehen zunächst wie erstarrt.
„Keiner von uns!“, entgegnen sie empört.
Die Polizisten lachen nur, steigen zurück
in ihren Wagen und lassen das Paar wortlos
weitergehen. Zurück bleibt ein Gefühl
von Scham, Wut – und Ohnmacht. So wie
sie es schilderten. Heute sind Marlon und
Jawel 21 Jahre alt. Sie leben zusammen, sie
arbeiten zusammen und sie lieben sich. In
einem Land, das ihre Liebe nicht frei lassen
will.
Für viele ist die Dominikanische Republik eine Postkartenidylle:
weiße Sandstrände, exotische Klänge
und tropische Früchte. Über elf Millionen Tourist:innen
kamen allein im vergangenen Jahr. Doch abseits
der Resorts erleben Menschen wie Marlon und Jawel
ein anderes Land. Eines, in dem Homosexualität zwar
legal ist, aber gesellschaftlich oft mit Ablehnung, Gewalt
und Ausgrenzung bestraft wird. Das Interview
findet online statt, trotzdem hört man draußen den
Regen rauschen, drinnen summt leise ein Besucher
vor sich hin. Die beiden sitzen in ihrem seit 2024 ge-
Marlon wuchs bei seinen Großeltern auf. Der Großvater, ein
liebevoller Baumeister, der nüchtern ein guter Mensch war,
angetrunken jedoch Zorn in sich trug. Die Großmutter Ana,
eine strenge, gläubige Frau, die lange brauchte, um Marlon
so zu akzeptieren, wie er ist. Doch sie stand immer felsenfest
hinter ihm. So beschreibt Marlon die beiden. Über seine
Mutter kann er nicht viel sagen. Sie wollte ihn nie bei sich
aufnehmen. Die Frau trug während der Schwangerschaft
angeblich enge Bandagen – sogenannte Fajas – um ihren
Bauch zu verbergen, und überließ den Säugling direkt nach
der Geburt seiner Großmutter väterlicherseits – Ana.
Ana ist ebenfalls im Schönheitssalon ihres
Enkels, um Zeit mit den beiden zu verbringen.
Sie trägt ein schwarzes Tuch auf dem
Kopf, unter dem vorne ihre weißen Haare
hervorblitzen. Sie hat einen sanften Blick
und glasige Augen. „Marlon kam mit sehr
eingeschränkter Beweglichkeit in Händen
und Füßen zur Welt. Ich dachte, er würde
nicht zur Schule gehen können, so wie er
war. Ich habe alles getan, um ihn zweimal
in der Woche zur Therapie zu bringen, bis
Marlon normal laufen und greifen konnte“,
erinnert sie sich. Marlons Vater, ebenfalls
ein Dominikaner, lebt in England. Er unterstützte
die Familie zwar finanziell, war aber
aufgrund der Distanz nur selten zu Hause.
Illustrationen: Maike Tomala
Jawel erlebte eine harte Kindheit unter einer
alkoholkranken Mutter, die ihn bei jedem
Wutausbruch schlug. Seine Rettung
fand er in seinem liebevollen Stiefvater
aus Texas, der ihm bis zu seinem Schlaganfall
2018 Geborgenheit schenkte. „Meine
Mutter hat ihn in einem Bordell kennengelernt.
Sie hatte heimlich immer wieder
andere Partner, und trotzdem waren sie
19 Jahre lang zusammen“, sagt Jawel und
atmet tief durch. „Entschuldige bitte, falls
ich weinen muss.“ Dann steigen ihm Tränen
in die Augen und mit brüchiger Stimme
sagt er: „Er war der beste Mensch, den
ich je kennengelernt habe.“
Marlon und Jawel fanden 2023
über Tinder zueinander. Nach
drei intensiven Tagen, die sie
gleich miteinander verbrachten,
war klar: Sie gehören zusammen.
Daran hat sich bis heute
nichts geändert. In der Kirchengemeinschaft
und Schule
waren Marlon und Jawel oft
Außenseiter – oder Zielscheibe.
Ein Priester gab Marlon
demonstrativ die Hand mit Bemerkungen
wie: „Drück mir die
Hand wie ein richtiger Mann.“ In
der Schule erlebte er nicht nur
Hänseleien durch Mitschüler,
sondern auch offene Ablehnung
durch Lehrkräfte.
51
Besonders ein Französischlehrer blieb
ihm in schmerzhafter Erinnerung: Immer
wieder stellte er ihn vor der Klasse
bloß – fragte ihn, ob er sich sicher
sei, dass er Mädchen möge, und ob er
bei gruppengetrennten Aktivitäten lieber
mit den Jungen oder den Mädchen
spielen wolle. Der schlimmste Moment
aber kam, als derselbe Lehrer spontan
den Unterricht besuchte, um mit einer
Kollegin zu flirten. Als er Marlons offen
homosexuellen Mitschüler mit lackierten
Fingernägeln sah, schrie er unvermittelt:
„Wie kann man so einen Dreck
hier dulden? Diese Schwuchtel-Kacke!“
Marlon stand auf, schrie zurück – Worte,
für die er sich heute fast schämt.
Die Lehrerin versuchte die Situation zu
schlichten und forderte den Kollegen
schließlich zum Gehen auf. Die Klasse
machte sich darüber lustig und rief
„Raus!“ – doch Marlon blieb der Einzige,
der ernsthaft gegen die homophobe
Beleidigung protestierte.
„Ich akzeptiere,
wer du bist, aber
wage es nicht, dich
wie eine Frau zu
kleiden.“
Jawel ging es ähnlich. Mit sieben
Jahren sperrten ihn Mitschüler
in einer Schultoilette
ein und versuchten, ihn zu entkleiden.
„Ich habe geschrien
und geweint wie verrückt, bis
eine Putzfrau mich befreit hat“,
erinnert er sich. Das Verhalten
der Mitschüler wurde nie gemeldet.
Wochen später traf er
die Putzfrau auf der Straße –
„ich konnte sie nur umarmen“,
so Jawel.
Foto: Privat
Im Land gibt es nur schwache Gesetze
zum Schutz vor Diskriminierung aufgrund
der sexuellen Orientierung: „Im
Allgemeinen ist der einzige Weg eine Anzeige
bei der Generalstaatsanwaltschaft
wegen Diskriminierung. Aber diese Fälle
enden fast immer in informellen Einigungen“,
sagt Anderson J. Dirocie De León,
ein Rechtsanwalt, der auf Internationales
Recht und Menschenrechte spezialisiert
ist. Die Staatsanwaltschaft meide gerichtliche
Prozesse. Ihre Begründung ist, dass
rechtliche Regelungen nicht präzise genug
seien, um Diskriminierung aufgrund
sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität
zu ahnden.
Die Dominikanische Republik
ist eines der wenigen Länder
in Amerika, das sogar homosexuelle
Handlungen in einigen
Bereichen weiterhin strafrechtlich
verfolgt. Laut der Human
Rights Watch verbieten die Bestimmungen,
die Gegenstand
einer Verfassungsbeschwerde
sind, homosexuelle Handlungen
im militärischen und
polizeilichen Bereich. „Zurzeit
haben wir einen Fall vor dem
Verfassungsgericht anhängig,
der sich gegen Gesetze richtet,
die Homosexualität bei der Polizei
und im Militär bestrafen“,
sagt Dirocie De León. Er führt
aus, wenn das Gericht diese
Verbote für verfassungswidrig
erkläre, könne das einen Präzedenzfall
für mehr Gleichberechtigung
schaffen. Diese Einschränkungen
zeigen, wie tief
die institutionelle Diskriminierung
noch verankert ist. „Viele
queere Aktivist:innen scheuen
rechtliche Schritte aus Angst,
durch eine negative Gerichtsentscheidung
dauerhaft Rückschläge
zu erleiden“, sagt der
Rechtsanwalt. Es gebe kaum Gesetze, die
die Rechte von LGBTQI+-Personen sicherten
oder förderten. Gleichgeschlechtliche
Ehen oder Elternschaften würden nicht
anerkannt, auch dann nicht, wenn sie im
Ausland legal geschlossen worden seien,
fügt Dirocie De León hinzu. „Die konservative
christliche Moral verhindert juristische
Fortschritte“, so Dirocie De León.
„Viele queere
Aktivist:innen
scheuen rechtliche
Schritte aus
Angst …“
Das Bild der Karibik bleibt trotzdem in puncto
LGBTQI+-Rechte gemischt: Drei Länder – Antigua
und Barbuda, Saint Kitts und Nevis sowie
Barbados – haben im Jahr 2022 das Verbot
von Homosexualität aufgehoben, wie queer.de
schreibt. Rückschritte hingegen gab es in Trinidad
und Tobago: Im März 2025 machte das Berufungsgericht
ein Urteil rückgängig, das Homosexualität
entkriminalisiert hatte, so die Website
Erasing 76 Crimes.
Marlon und Jawel glauben fest, dass Gott sie liebt. „Wir sind
hier, um zu zeigen, dass der Glaube keinen ausschließt“, erklärt
Jawel. Ihre Träume aber reichen weiter als der Salon
und die Regenzeit. Marlon möchte seinen Schönheitssalon
erweitern. Er möchte gerne nach Europa reisen und seinen
Vater in England besuchen. Jawel will anderen Jugendlichen
Zuflucht bieten – mit einem Haus, das Schutz und Hoffnung
schenkt. Wenn sich die politische Stimmung weiter verschlechtert,
sagen sie, sind sie aber bereit zu gehen. Mit ihrer
Geschichte wollen sie anderen Menschen Hoffnung geben,
um weiterzumachen. Auch wenn es Rückschläge gibt und
der Anfang manchmal schwer ist.
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Freiheit
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… die ich meine, … die ich habe,
… zu sein, wer ich bin, … zu werden, was ich will.
Vivan Vu, Lenny Joe Neufeld
Es gibt viele Freiheiten – das Selbstsein-Können
ist eine der Grundbedeutungen. Die hier gezeigten
Fotoarbeiten thematisieren dieses Thema auf ganz
unterschiedliche Weise. Konkret, abstrahiert, farbig,
schwarz-weiß. Was sie verbindet, ist die Erkenntnis,
dass der Weg zum Selbstsein-Können für jede/n ein
anderer ist.
52
Die Fotoarbeiten stammen von Studierenden des
Studiengangs Mediendesign, die sich freiwillig und
in regelmäßig unregelmäßigen Abständen als Gruppe
foto25 treffen, um zu fotografieren und sich über
Fotografie auszutauschen. Wer möchte, kann sich
uns gerne anschließen.
Laura Lissner
54
57
59
Anna-Lena Gieselmann
Der Tod und
alles, was
danach kommt
Beide Geschwister verloren durch Suizide: Wie Andrea nach
zwei Suiziden in ihrer Familie selbst zur Stütze für andere
wird.
Victoria Teichmann
Eine Geschichte wie aus einem tragischen Buch. Das ist
das
Leben einer Frau, welche immer wieder mit
Schicksalsschlägen zu kämpfen hat. Trotz aller Erlebnisse
kämpft sie für Verständnis und nimmt
eine
wichtige Rolle in der Gesellschaft ein. Sie schenkt sich und
anderen Hoffnung, zu leben. Sie schafft gemeinsam einen
Weg aus der Trauer und versucht dabei, das mit
Vorurteilen behaftete Thema Suizid der Gesellschaft näherzubringen.
Im Jahr 2023 nahmen sich mehr als zehntausend Menschen
allein in Deutschland das Leben. Das sind deutlich
mehr Todesopfer als durch Verkehrsunfälle, Drogenmissbrauch
und HIV zusammen. Statistisch gesehen sind
Männer fast dreimal häufiger von Suizid betroffen
als Frauen. Hinter jedem dieser Tode stehen Angehörige
– Eltern, Kinder, Geschwister,
Freunde und
viele mehr. Sie alle müssen mit dem plötzlichen Verlust und
der besonderen Form der Trauer leben. So verbirgt sich hinter
jeder dieser
Zahlen, hinter jedem Tod eine
Geschichte, die das Leben der Hinterbliebenen maßgeblich
und dauerhaft verändert.
Es war ein kalter Dienstag im Februar – ein Valentinstag,
an dem sich Andreas Leben
langfristig veränderte.
Sie kann sich noch genau daran erinnern, wie sie
mit ihrem Auto auf den Hof der kleinen Werkstatt
60
ihres Bruders fuhr. Sie wollte ihn um Rat zu einem neuen
Auto fragen, doch der Blick ihres Bruders
schockierte
sie. Er wirkte abwesend, eingefallen und erschöpft.
Er hatte
kaum Zeit und verwies Andrea auf seinen
Arbeitskollegen. Wenige Tage später nahm er sich das
Leben. Er ist nicht der Erste in Andreas Familie.
Auch ihre Schwester hat die Familie vor vielen Jahren durch
Suizid verloren.
Beide Verluste mussten Andrea und ihre Familie auf tragische
Weise
verkraften. Das hält sie jedoch nicht
davon ab, für sich und andere zu kämpfen. Heute, viele Jahre
nach den Vorfällen, leitet sie eine
Selbsthilfegruppe
für Hinterbliebene von Suizid. Sie schenkt anderen
Betroffenen Kraft und Hoffnung.
Der erste Verlust
Im Jahr 1997 verlor Andrea ihre älteste Schwester. Sie war alleinerziehende
Mutter von
zwei Kindern (damals
11 und 15 Jahre alt). Eine depressive Episode hatte sie mit ihr
e r
Familie bereits überstanden. Sie war erneut
in stationärer Behandlung, als sie sich während ihrer zweiten
depressiven Episode das Leben nahm.
Rückblickend
beschreibt Andrea die Krankheit als schleichend
und brutal. Ihre Schwester litt viele Jahre unter tiefen Ängs-
In der Öffentlichkeit wird Suizid oft tabuisiert oder falsch
dargestellt.
Andrea lehnt daher die Worte
Selbstmord und Freitod ab. „Das klingt nach Schuld oder
freiem Willen – aber das ist es nicht.
Es ist die
Enge im Kopf, die keinen Ausweg mehr sehen lässt.“ So wie
Andrea beschäftigt sich der ehemalige Gesundheitsministen
und sei kaum noch handlungsfähig gewesen. Trotz allem
hat sie nach außen hin immer versucht, stark
z u
wirken – insbesondere für ihre zwei Kinder. Als sie von ihrer
Schwester
erzählt, ist Andreas Stimme ruhig
und gefasst. Ihre Stimme wird zittrig, als sie die Kinder ihrer
Schwester erwähnt: „Das war das Schlimmste. Ihnen sagen
zu müssen, dass ihre Mutter tot
ist.“ Die Großmutter
der beiden zog zu ihnen und auch Andrea zog für
kurze Zeit zurück. Sie wollte der Familie bestmöglich
helfen und als Stütze dienen. Doch ersetzen kann
einen solchen Verlust
niemand. Es bleibt immer
eine Lücke, die nicht gefüllt werden kann.
Therapeutische Begleitung für die Familie gab es damals
kaum. „Wir haben einfach versucht,
irgendwie
klarzukommen“, erinnert sich Andrea. An eine Selbsthilfegruppe
dachte niemand. Hierzu gab es
kaum Angebote und das Thema Suizid war nicht so publik.
Heutzutage sind Informationen über Hilfsangebote leichter
zu finden. Das Internet und eine Sensibilisierung
der Gesellschaft gegenüber psychischen Krankheiten und
Belastungen
gestalten die Suche nach Hilfe
einfacher. Dennoch stellt es auch heute für Viele eine große
Überwindung dar, sich Hilfe zu holen.
Versöhnung und Neubeginn –
und der Albtraum danach
Gerade als der Suizid ihrer Schwester überwunden schien,
folgte
der zweite. Dieser traf Andrea fast noch
härter. Insbesondere, weil sie dachte, ihren Bruder wiedergefunden
zu haben. Nach längeren
familiären
Streitigkeiten fanden beide Stück für Stück wieder zusammen.
Gemeinsam verbrachten sie mehr Zeit, tauschten
sich regelmäßig aus und halfen einander. Sie
unterstützte ihn bei seinen Bewerbungen und er sie bei Angelegenheiten
rund um ihr Auto.
Sie lachten
wieder miteinander und bildeten zusammen ein unschlagbares
Team.
Ihr Bruder erzählte ihr oft von seinem großen Traum – dem
Traum,
eine eigene Kfz-Werkstatt zu besitzen.
Nicht nur seine Leidenschaft für alte Motorräder, sondern
auch seine Qualifikation als Kfz-Meister brachten ihn diesem
Traum ein Stückchen näher.
Eines Tages wurde
er von einem Freund gefragt, ob sie gemeinsam eine Werkstatt
übernehmen wollten. Und so erfüllte sich der lebenslange
Wunsch
ihres Bruders. Doch der Alltag in
der Selbstständigkeit entpuppte sich schnell als Albtraum.
Anstelle der erhofften Selbstbestimmung, Freiheit und der
Freude am täglichen Schrauben an Autos erlebte er Druck,
große Verantwortung und bürokratische
Hürden.
Er arbeitete rund um die Uhr, litt unter Schlaflosigkeit und
wurde
allmählich reizbarer. Andrea bemerkte
die Veränderungen und sprach ihre Sorgen in der Familie
an. Jedoch beschwichtigten ihre
Mutter und ihr
Bruder sie. Schließlich war ihr Bruder ein anderer Typ Mensch
als ihre Schwester:
Er konnte gut seine Meinung
mitteilen und Grenzen für sich setzen. Niemand ahnte, wie
schlecht es ihm wirklich ging.
Nachdem auch noch der Verkauf von Andreas Auto gescheitert
war, bekundete er in einem
gemeinsamen
Gespräch mit ihr starke Schuldgefühle. Nur wenige Tage
danach
nahm er sich das Leben. Es fühlte sich
für Andrea wie ein Déjà-vu an. Nur war es die Wahrheit und
diese musste sie fassungslos hinnehmen.
Die Ohnmacht der Hinterbliebenen
61
Zusammen mit einer Freundin musste sie ihrer Mutter die
Nachricht über den
Tod ihres Sohnes überbringen.
Derselben Mutter, die bereits zuvor ein Kind durch Suizid
verloren hatte. „Ich wusste nicht, wie ich ihr sagen sollte,
dass nun auch ihr Sohn tot ist.“ Die
Wochen
nach dem zweiten Verlust beschreibt Andrea, als ob sie in
Trance
gewesen sei. Der Umgang mit der Polizei,
dem Bestattungsunternehmen und der Arbeit lief fast automatisch
ab. Erst später hatte Andrea Zeit, sich bewusst mit
sich und der eigenen Trauer
auseinanderzusetzen.
Beistand und Halt gaben ihr in dieser schweren Zeit besonders
ihre Freunde.
„Depression hat viele Gesichter“, sagt sie. Bei ihrer Schwester
war die Krankheit lähmend, raubte alle Hoffnung
und machte sie kaum handlungsfähig. Ihr
Bruder hingegen wirkte nach außen gefestigt und selbstsicher,
während er innerlich ausgebrannt war.
Beide einte eine stille Verzweiflung und das Vortäuschen
einer
Normalität kurz vor ihrem Tod. „Das war
kein böser Wille. Es war eher wie Schauspiel – als wollten sie
uns schützen.“
ter Karl Lauterbach mit der Berichterstattung über Suizid.
„Wir müssen das gesellschaftliche Tabu
von Tod
und Suizid überwinden, psychische Erkrankungen von ihrem
Stigma
befreien und Hilfsangebote besser bündeln“,
so Karl Lauterbach in einem Interview.
Eine Stimme für die, die bleiben
Lange Zeit verarbeitete Andrea ihre Verluste allein. Sie
habe funktioniert, sei
aber innerlich völlig leer
gewesen. Erst über den Verein AGUS e.V. (Angehörige um
Suizid) fand sie einen Weg, mit ihrer Trauer umzugehen. Sie
besuchte Geschwisterseminare, schrieb ihre
Gedanken
auf und sprach mit anderen Betroffenen. „Da habe
ich
gemerkt: Es geht auch anderen so. Ich bin
nicht allein.“ Dass solche Angebote den Betroffenen helfen
können, bestätigt die Psychiaterin
Dr. Christiane
Schlang in einem Interview: „Viele Betroffene verspüren ein
Gefühl der Erleichterung, wenn sie über ihre Gedanken und
Gefühle sprechen können. Sie wissen dann, dass sie nicht
allein sind.“
Heute ist Andrea selbst Leiterin einer Selbsthilfegruppe.
Einmal im Monat kommen Hinterbliebene
von geliebten Menschen zusammen, um sich auszutauschen.
Sie helfen sich gegenseitig
und schenken
sich einander Kraft. „Es geht nicht nur ums Weinen. Es geht
ums Erzählen, ums Verstehen, ums Leben.“
62
Hinweise und Hilfe
Hoffnung weitergeben
„Die Trauer geht nie weg, aber sie verändert sich.“ Andrea
hat gelernt, mit dem Verlust zu leben
und anderen
dabei zu helfen, dies ebenfalls zu lernen. Ihre Geschichte
ist ein
Beispiel dafür, wie aus der eigenen Tragödie
Mut und Hoffnung gewonnen werden kann. Sie zeigt, wie
wichtig es ist, über Tabuthemen zu sprechen.
Heute lebt Andrea mit ihrem Freund und zwei Katzen in
Wolfsburg. Ihre Familie ist
zwar kleiner geworden,
aber enger zusammengerückt. Sie weiß, auf welche
Freunde sie sich verlassen kann und wer
ihr auch in schlechten Zeiten beiseitesteht. Ihr Wunsch ist
es, dass mehr über Suizid gesprochen
wird. Sie
möchte, dass Angehörige ernst genommen werden und die
Gesellschaft nicht wegsieht, wenn ein Mensch durch eine
schwere Zeit geht.
„Manchmal reicht schon ein
Gespräch, das ehrlich ist, oder ein Ohr, das zuhört, ohne
zu urteilen.“ Gerade in einer Welt, in der
Suizid
tabuisiert wird, braucht es Stimmen wie ihre, um anderen
einen Weg durch die Trauer zu zeigen.
Andrea selbst hat nie mit dem Gedanken gespielt, sich das
Leben zu
nehmen, auch wenn sie sich oft gefragt
hat, warum sie sich in dieser Hinsicht von ihren Geschwistern
unterscheidet. Auf diese Frage hat
sie zwar keine
Antwort, aber eines ist ihr klar: Das Thema Suizid prägt einige
Kapitel ihrer Lebensgeschichte. Dennoch lässt sie sich
nicht entmutigen.
Und sie wird nicht zulassen,
dass Suizid auch ihr Leben bestimmt.
Wenn du selbst betroffen bist – als Hinterbliebene:r oder dich in einer
Krisensituation befindest, gibt es Hilfe unter:
• Telefonseelsorge: 0800 / 111 0 111 oder 0800 / 111 0 222 (kostenlos
und anonym)
• AGUS e.V. – Angehörige um Suizid: www.agus-selbsthilfe.de
• Deutsche Depressionshilfe: www.deutsche-depressionshilfe.de
„ Persönliche
Freiheit bedeutet
für mich, ohne
psychisch oder
physisch ausgeübten
Druck von
außen Entscheidungen
treffen
zu können.“
Gedanken über Freiheit [7/9] zusammengetragen von Andreas Förster
63
„Persönliche Freiheit bedeutet für mich, ohne psychisch
oder physisch ausgeübten Druck von außen
Entscheidungen treffen zu können. Sie ist somit eine
Idealvorstellung. Freiheit unterliegt letztlich den inneren
Regeln eines jeden Menschen und ist auch ein
soziales Ereignis.“
Petra Wassmann, erste Vorsitzende NABU Salzgitter
Liebe ohne
Grenzen?
Alina Sophie Gadde
Die gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber homosexuellen
Menschen wächst, doch zwischen Verständnis und Selbstverständlichkeit
zeigen sich Erfahrungen, bei denen homosexuelle
Menschen Intoleranz durch Unwissenheit, Hass
oder Geringschätzung erleben.
Von der Angst zur Freiheit
„Die Angst vor einer Veränderung war da. Verändert hat sich
auch alles, doch in eine positive Richtung.“ Heute spricht
der 20-jährige Niklas offen über seine Sexualität, sein Coming-out
und die Zeit davor. Er bekommt ein wohliges Gefühl,
wenn er an die positive Entwicklung denkt, die er nach
seinem Coming-out gemacht hat.
Für ihn bedeutet es alles, lieben zu können, ohne Grenzen
zu haben. Frei sein zu können — im gesellschaftlichen und
rechtlichen Aspekt. Einen Menschen unabhängig von einer
Norm lieben zu können und diese Liebe bedingungslos in
der Öffentlichkeit zu zeigen, ohne Ausgrenzung, Beleidigungen
oder Einschränkungen erleben zu müssen, ist für ihn
das Idealbild. „Ich möchte von anderen so akzeptiert werden,
wie ich bin.“
Erste Gedanken seiner
Kindheit
Niklas erinnert sich gut an die Zeit, in der er das erste Mal
angefangen hat, über sich nachzudenken. Seine Sexualität
ist schon immer da, nur wirklich bewusst war sie ihm nicht.
Dieses Bewusstsein musste sich erst entwickeln. In vielen
alltäglichen Situationen damals fühlte er sich von Zeit zu
Zeit anders. In Kinderserien fühlte sich Niklas oft zu männlichen
Charakteren hingezogen. Die Bedeutung hinter dem
Wort „Liebe“ spielte dabei keine Rolle. Wenn er eine Figur
mochte, wünschte er sich, so jemanden auch in seinem Leben
zu haben — meist in einer wichtigen Rolle in seinem nahen
Umfeld. Ob nun als großer Bruder oder bester Freund —
als Kind waren diese Charaktere es, die ein positives Gefühl
in ihm auslösten.
64
Über die ersten Zweifel
bis zur Selbstverständlichkeit
— ein Porträt
über Niklas, der sich
selbst gefunden hat.
Kurze Zeit später, mit elf Jahren, outete sich Niklas. Erst bei
seiner besten Freundin, später bei seiner Familie und seinem
Umfeld. Heute weiß jeder über seine sexuelle Orientierung
Bescheid und doch war es ein langer Weg zu dem Menschen,
der er heute ist.
Offenheit und Sorge treffen auf
Akzeptanz
Tatsächlich fiel es Niklas zur Zeit seines Coming-outs leicht,
sich selbst zu akzeptieren, da seine Schwester sich weit vor
ihm geoutet hatte und eine Freundin mit nach Hause gebracht
hatte. Auch sein Onkel ist schwul und verheiratet.
Daher war Niklas nicht der erste queere Mensch in seiner
Familie und hatte schon Outings von nahestehenden Personen
miterlebt. „Anfangs habe ich selbst hinterfragt, ob dieser
Gedanke, dasselbe Geschlecht zu mögen, nur ein Gedanke
oder wirklich real ist. Dabei habe ich Zeit gebraucht, um dies
zu realisieren.“
„Mein näheres Umfeld hat total positiv auf mein Coming-out
reagiert. Niemand, der mir nahestand, hat Schlechtes gesagt
oder es schlecht aufgenommen.“ Seine größte Sorge war es
dennoch, dass seine Eltern es nicht gut aufnehmen würden.
„Als Kind denkt man besonders an die Meinung der eigenen
Eltern. Diese war mir wichtig und ich bin froh, dass sie mich
so unterstützt haben.“ Niklas hat Unterstützung bekommen.
Besonders die Mutter seiner besten Freundin hat ihm geholfen
und ihn in seinem Sein bestätigt.
Er fühlte sich erleichtert, da er seine Gedanken teilen konnte,
ohne etwas zu verheimlichen. Er traute sich, über Jungs
zu reden, die er gut fand, aber auch über seinen Musikgeschmack
— der durch Lady Gaga geprägt war. „Damals und
heute bin ich ein riesiger Fan von ihr! Sie steht für Selbstliebe,
Einzigartigkeit und queere Rechte. Damals hatte ich die
Angst, es könnten daher Vermutungen über meine Sexualität
entstehen, bevor ich selbst genau wusste, wie ich fühlte.“
Endlich konnte er freier reden und diese Art der Gespräche
genießen.
Identitätsfindung im
neuen Umfeld
2016, mit elf Jahren, erzählte Niklas einer Klassenkameradin,
dass er sich in einen Jungen aus seiner Klasse verliebt
hatte. Diese Aussage war anfangs eher überspitzt. Er hatte
von Seesen in eine andere Schule nach Osterode gewechselt
und war „der Neue“ in der Klasse. In seiner alten Klasse
war Niklas zu dem Zeitpunkt schon geoutet. „Der Junge hat
mein Interesse geweckt, doch ich wusste nicht, ob ich ihn
cool finde und mir eine enge Freundschaft wünsche, oder ob
da mehr ist.“ Mit dieser Aussage erhoffte er sich in der neuen
Klasse Aufmerksamkeit, da er seine alten Freunde hinter
sich lassen musste und Anschluss finden wollte. Nach einiger
Zeit bestätigte ihn seine eigene Aussage. Er fühlte sich in
der Rolle des Homosexuellen wohl und begann, sich damit
zu identifizieren.
Große Erwartungen hatte er damals keine. Wichtig war ihm
allerdings, dass sich durch sein Outing nichts veränderte
und dass die Personen ihn weiterhin so wahrnahmen, wie er
war — als die Person Niklas, nicht nur noch als Homosexuellen.
Sein näheres Umfeld gab ihm, was er brauchte.
Erste Ausgrenzungserfahrungen
Doch es gab negative Reaktionen. In Seesen
wurde er damals noch als heterosexueller
Junge eingeschult und hatte sich
dort mit den Jungen aus seiner Klasse
angefreundet. Nach seinem Outing gab es
keine großen Probleme. Niklas wurde als
homosexuell angesehen, doch veränderte
sich für ihn nichts. Die Jungen spielten
weiterhin mit ihm, verbrachten Zeit in
den Pausen, und beim Sportunterricht
haben sie sich eine Umkleide mit ihm geteilt.
Dies änderte sich, nachdem er die Schule
gewechselt hatte. In der neuen Schule
lernten seine Klassenkameraden ihn sofort
als homosexuell kennen, was einen
erheblichen Unterschied in der Art und
Weise machte, wie Niklas wahrgenommen
wurde. Die Jungen hielten sich von ihm
fern und hatten keine Absicht, ihn zu integrieren.
Nicht nur in den Pausen, auch bei
Gruppenarbeiten merkte Niklas, dass die
Jungs ungern mit ihm zusammenarbeiteten.
Foto: Alina Sophie Gadde
Freundschaften und Klischees
Er fand bei den Mädchen Anschluss, denn sie fingen an, Interesse
an ihm zu zeigen. Sie wollten mit ihm die Pausen verbringen
und arbeiteten im Unterricht mit ihm zusammen.
Anfangs dachte Niklas sich nichts dabei. „Irgendwann habe
ich doch gefragt, woher denn dieses Interesse kommt. Dann
habe ich als Antwort bekommen, dass sie schon immer einen
schwulen besten Freund haben wollten. Es fing an, dass
ich immer öfter gehört habe, dass die Mädchen aus meinem
Jahrgang aufgrund meiner Sexualität mit mir befreundet
sein wollten.“ Zwar fühlte Niklas sich geschmeichelt, doch
er wünschte sich, dass das Interesse nicht nur aufgrund seiner
Sexualität besteht, sondern aufgrund seines Charakters.
Diskriminierung und mutige
Reaktionen
Die Lehrpersonen an seiner neuen Schule reagierten
unterstützend und engagierten sich,
wenn Niklas eine Erfahrung mit Diskriminierung
machen musste. In der 9. Klasse bekam er Probleme
mit den Jungen. Besonders der Sportunterricht
wurde zu einer persönlichen Hölle für ihn.
Sätze wie „Du kannst ja in die Schwuchtel-Umkleide
gehen und weg von uns“, und „Du willst
doch eh nur mit jedem von uns was haben“, hörte
er wöchentlich.
Er vertraute sich seiner Klassenlehrerin an, welche
sofort reagierte und Konsequenzen für die
Mitschüler verhängte.
Heute nimmt Niklas es den Jungs nicht mehr übel. „Ihnen
hatte damals der Kontaktpunkt gefehlt und das nachvollziehbare
Denken, dass ich durch meine Homosexualität
zwar Männer, aber nicht jeden Mann gut finde. Wenn jemand
heterosexuell ist, steht diese Person auf das andere
Geschlecht, aber eben nicht auf jede Person des anderen
Geschlechts. Da fehlte ihnen die emotionale Reife zu diesem
Thema.“
Im Leben angekommen
Heute ist es in alltäglichen Situationen einfacher für ihn,
da er in Seesen und Umgebung bekannt und offen geoutet
ist. Mit seinen Zumba-Kursen, die er als Trainer beim hiesigen
Sportverein anbietet, und der Musik, die er auf seiner
Geige in Kirchen und Seniorenheimen macht, begeistert er
66
die Menschen in seinem Umfeld. „Die meisten Leute freuen
sich, mich zu sehen und verbringen unglaublich gerne Zeit
mit mir!“ Auch Menschen in seiner Altersgruppe, egal welchen
Geschlechts, sind freundlich und unterstützend, sollte
ein negativer Kommentar kommen.
Je mehr er sich mit sich selbst und mit seiner Sexualität auseinandergesetzt
hat, desto mehr hat er gelernt, sich so zu lieben,
wie er ist und Negativität keinen Platz in seinem Leben
zu geben.
Schlagfertig, reflektiert
und empatisch
Früher nahm er Vieles als Angriff wahr, heute hinterfragt
er, wenn jemand etwas Negatives zu ihm
sagt. Er gibt der Person eine Chance, die Aussage
zu erklären. Ist es nachvollziehbar, geht er offen
damit um und akzeptiert die Meinung des anderen
als gutgemeinte Kritik. Wenn er jedoch eine
boshafte Bemerkung bekommt, versucht er diese
mit Humor zu nehmen und sie nicht an sich zu
lassen. Mit dem Gedanken „Take their Weapons!“
gibt er gerne mal einen provokanten Kommentar
zurück und lässt Wörter wie „Schwuchtel“ keine
Gewichtung bekommen. Damit nimmt er den
Worten die Macht und hebt für sich selbst das Negativbild
auf.
„Ich finde, es sagt viel über mein Gegenüber aus,
wenn jemand versucht, mich aufgrund meiner Sexualität
zu beleidigen. Oft sehe ich dahinter nicht
einfache Boshaftigkeit, denn vielen Personen
fehlt der Kontakt zu diesem Thema. Was für einen
fremd ist, sieht man häufig skeptisch. Wenn eine
Person einen blöden Kommentar aus Unwissenheit
macht, kläre ich diese Person lieber auf, anstatt
mich mit ihr zu streiten. Wenn es nicht so gemeint
ist, kann diese es bei der nächsten queeren
Person besser machen.“
Mehr Platz für Menschlichkeit
Von der Gesellschaft wünscht sich Niklas, dass jeder so akzeptiert
wird, wie er ist. Es sollte nicht mit dem Finger auf
andere gezeigt werden und der Versuch, sich mit anderen
zu messen oder etwas Negatives zu sehen, sollte beiseitegeschoben
werden. Die Gesellschaft würde profitieren, wenn
sich mehr Zufriedenheit und Freude ausbreiten würde und
diese Freude kann dadurch erreicht werden, indem man
einen Menschen lieben lässt, wie er es will.
„
Gedanken über Freiheit [6/9] zusammengetragen von Andreas Förster
„Kunst lebt von der Freiheit, sich auszudrücken, neue Wege zu gehen, das
Bestehende infrage zu stellen und eigene Gedanken und Gefühle zu teilen.
Jede Einschränkung ist der Anfang, der das Ende einer offenen Gesellschaft
einläutet. In der Geschichte wurde auch immer wieder der Wunsch
nach Freiheit in unfreien Gesellschaften zum Thema gemacht. So zeigt die
Kunst auch auf, wie wichtig Freiheit für die Menschen ist.“
Rolf Großjohann, erster Vorsitzender Kunststudio Spektrum
Kunst lebt von der
Freiheit, sich auszudrücken,
neue
Wege zu gehen, das
Bestehende infrage
zu stellen und
eigene Gedanken
und Gefühle zu
teilen.“
67
Claudett Minaya Vialet
Was wäre unser Alltag ohne Horoskope? Trist, unsicher, unplanbar.
Ein Glück also, dass Zeitungshoroskope existieren.
Schließlich müssen wir uns auf irgendetwas verlassen, wenn
schon Wetterberichte, Politiker und Züge versagen.
69
Es ist beruhigend zu wissen, dass das Universum –
zwischen Supernovae und galaktischen Kollisionen
– noch Zeit findet, sich um meine Lebensentscheidungen
zu kümmern. Käsekuchen
oder Apfel? Die Sterne beraten mich gern.
Dank astrologischer Lebenshilfe à la „Eine
positive Wendung steht bevor“ lehne ich
mich entspannt zurück. Irgendwas wird
schon passieren. Irgendwann. Irgendwie.
Und das Beste: Es trifft immer zu!
Das haben wir selbstredend „nicht?“
dem Barnum-Effekt zu verdanken. „Sie
sind ein guter Mensch, aber manchmal
werden Sie sauer. Und – zack – denken
viele: „Krass, das bin ich!“ Mal ehrgeizig,
mal entspannt, mal die Interessante,
mal das Mysterium. Spaß beiseite.
Wer will denn schon nüchterne Fakten,
wenn der Kosmos uns liebevoll den Weg
weist? Außerdem: Wenn mein Horoskop
mir ein erholsames Wochenende verspricht
und ich mir dabei den Knöchel breche, dann
ist das eine Sache zwischen mir und den Sternen.
Die gute alte Synchronizität hat nichts damit
zu tun. Der Erfinder des Zeitungshoroskops
hatte es wohl nicht geahnt.
Vor 95 Jahren haute Richard Naylor sein erstes
„Astro-Märchen“ raus. Dabei drehte sich alles
um die Geburt von Prinzessin Margaret und
die ein oder andere Prophezeiung. Plötzlich
wollte ein ganzes Volk ein Stückchen vom
Kosmos. Der Rest ist Geschichte – oder
besser gesagt geschicktes Zielgruppenmarketing.
Denn natürlich klingt das Horoskop
im teuren Frauenmagazin nach:
„Gönn dir eine Spa-Auszeit.“ An der
Tankstelle eher: „Vorsicht bei Geldentscheidungen.“
Astrolog:innen, die echte
Geburtshoroskope schreiben, schlagen
jetzt vermutlich die Hände vors Gesicht.
Denn echte Astrologie sei etwas
ganz anderes, sagen sie. Individuell.
Tiefgehend. Wissenschaftlich … angeblich.
Wissenschaftler:innen – und damit
meine ich die echten – sind da anderer
Meinung. Ihr Appell ist eindeutig: Horoskope
bitte als Pseudowissenschaft bezeichnen.
Und bevor dieses Blatt Papier bei
Sternengläubigen im Müll landet, denkt dran:
Vielleicht hat das Universum genau für diesen
Augenblick gesorgt. Schön, oder?
Danke, Sterne.
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Illustrationen: Maike Tomala
Für nichts.
„ Für uns als
71
Bildungs- und
Sozialunternehmen
bedeutet
Freiheit gemein-
70
sam Potenziale
entfalten
zu können!“
„Für uns als Bildungs- und Sozialunternehmen bedeutet Freiheit,
gemeinsam Potenziale entfalten zu können! Dafür entwickeln
wir für die Menschen Angebote, die sie fördern und
fordern. Die Reflexion über unterschiedliche Weltanschauungen
und das Streben nach einem gelungenen Miteinander sind
wichtige Voraussetzungen für die Demokratiefähigkeit.“
Heike Antvogel,
Gesamtleitung CJD Verbund Niedersachsen Süd Ost
Gedanken über Freiheit [8/9] zusammengetragen von Andreas Förster
Fotos: Sarah Matos da Silva
73
72
Sobald sie sich bewegt, verschwinden Raum und
Zeit. Für Noriko Nishidate ist Tanzen mehr als nur
Bewegung. Ein Einblick in das Leben einer japanischen
Tänzerin in Braunschweig, für die das Tanzen
nicht nur Beruf, sondern vor allem Freiheit bedeutet.
Sarah Matos da Silva
Wo der
Körper
75
Es ist ein warmer Dienstagmorgen, die Sonne scheint durch das grüne Dickicht und
streift ihr Gesicht. Das Fahrrad neben sich herschiebend, geht sie den gepflasterten
Weg durch den Theaterpark entlang zu ihrem Arbeitsplatz. Sie betritt das Gelände der
Theaterwerkstatt des Braunschweiger Staatstheaters.
Noriko Nishidate öffnet die gläserne Tür des roten Backsteinhauses. Drinnen vermischen
sich laute Stimmen zu einem bunten Durcheinander. Einige ihrer KollegInnen
kommen ihr bereits entgegen. Mit schnellen Schritten geht sie in Richtung des Saals,
in dem sich offenbar alle gleich versammeln werden. Sie streift ihre Schuhe ab und
betritt ebenfalls den Raum. Hinter der Tür erwartet sie ein großer Saal. Die Decken sind
hoch, weit oben lassen große Fenster den Raum mit Licht durchfluten. Lächelnd läuft
Noriko zu ihren KollegInnen, begrüßt diese und fängt an, sich aufzuwärmen.
Langsam führen Norikos Bewegungen sie Richtung Boden. Es ist zuerst ihr Knie, das
den Boden berührt. Dann folgt ihre rechte Hand, ihr Ellenbogen und dann ihre Schulter.
Der zweite Arm stützt sich ebenfalls ab und sie rollt über ihre Schultern auf dem
Boden, um dann wieder abrupt aufzustehen und ihr fließendes Bewegungsmuster
fortzusetzen. Um sie herum bewegen sich ihre KollegInnen. Alle aneinander vorbei, alle
in unterschiedlichem Tempo, alle getrennt voneinander. Und trotzdem scheinen sie als
Ganzes zu funktionieren und zu tanzen.
Die Musik wird lauter und rhythmischer, die Bewegungen dynamischer und zackiger.
„Fünf, sechs,
Musik setzt ein. Aus den großen Boxen an der Wand dringt eine laute
Melodie, die alle zum Aufhorchen bringt. Der Unterricht beginnt und
Noriko und ihre KollegInnen folgen den Anweisungen des Trainers.
Heute unterrichtet sie Michael Langeneckert. Für Noriko Routine. Fast
jeden Tag trainiert sie hier mit dem Rest des Ensembles.
Der stickige Saal mit den gelben Wänden verwandelt sich nun
sieben, acht.“
Der Trainer gibt den Einsatz. Noriko und ihre Kolleg:innen bewegen
sich jetzt immer schneller und dynamischer über den Boden.
Floor Work. Noriko rollt sich mit einer schnellen Bewegung auf
den Boden. Dort stößt sie sich ab. Ihre Beine fliegen durch die
Luft. Sie landet und steht wieder auf. Für Außenstehende mögen
ihre Bewegungen befremdlich wirken, aber bei Noriko sieht es
ganz normal aus. Als würde sie nie etwas anderes tun.
in einen Ort der Bewegung und Leichtigkeit. Der Trainer zählt laut an. Noriko
beginnt mit ihren Händen und Armen: Sie gleiten langsam durch die Luft.
Sie kreist mit ihren Schultern und überträgt die langsamen Bewegungen
auf Kopf und Oberkörper. Es scheint, als würde ihr Körper auftauen und sich
den Raum nehmen, den er braucht. „Don‘t be stiff, let your body respond“,
verlangt der Trainer. Noriko beginnt sich durch den Raum zu bewegen. Ihre
Bewegungen sind weich und fügen sich nahtlos aneinander. Ihren Pullover
zieht sie dabei aus und wirft ihn ziellos zur Seite. Sie befreit sich von den
Stoffen, die sie beim Tanzen hindern.
Aus zerfließenden Bewegungen sind kraftvolle Schrittkombinationen geworden, die
Noriko durch den ganzen Raum wandern lassen. „Feel the Space“, fordert ihr Trainer.
Sie soll den Raum um sich herum einnehmen. Ihn mit Bewegung füllen und ihren Emotionen
freien Lauf lassen. Noriko wird immer lebendiger. Ihr Körper findet einen Weg,
sich elegant und kraftvoll zugleich durch den Raum zu bewegen. Eine Drehung reiht
sich an die nächste. Gedrehte Sprünge durch die Luft und zum Abschluss der Kombination
ein Kopfstand. Und dann geht die Musik aus. Ende. Noriko sinkt erschöpft zu
Boden. Langsam trinkt sie aus ihrer Wasserflasche. Ihre ganze Energie hat sie gerade
ins Training gesteckt, als gäbe es nur sie und das Tanzen.
träumt
Diese Art des Unterrichts macht Noriko besonders Spaß. Contemporary. Ein moderner
Tanzstil, der Elemente aus Ballett, Jazz und Improvisation verbindet. Die Tanzart ist
moderner und befreiender als das klassische Ballett. Ihre ersten Tanzstunden nahm
Noriko bereits mit drei Jahren in ihrer Heimat Japan im klassischen Ballett. Der Druck
war hoch: ein hoher Spann, großes Auswärts und gestreckte, dünne Beine. Die Regeln
und Anforderungen an junge Mädchen, die Ballett lernen, sind enorm. “If you have the
intention and the emotions, you can do it. It doesn’t matter if you don’t have the bodies.”
Noriko wurde früh bewusst, dass das Ballett für sie zu streng war und sehnte sich
nach mehr Freiheit im Tanzen.
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77
Beim Contemporary-Tanz kann Noriko ihren Gedanken freien Lauf lassen,
sich völlig der Musik hingeben. Mittlerweile ist sie 36 Jahre alt und tanzt
seit der Spielzeit 2023/2024 als festes Ensemblemitglied am Braunschweiger
Staatstheater. Tanzen ist ihr Beruf. Doch für Noriko ist das
Tanzen weit mehr als nur das.
Die Musik läuft bereits. Aus den Boxen kommt leise eine ruhige Melodie. Schnell bindet sie
ihre Haare zu einem lockeren Zopf zusammen. Den großen, hellen Vorhang vor dem Spiegel
zieht Noriko langsam zu, sodass sie sich selbst nicht mehr sehen kann. Jetzt sind es nur
noch sie und der leere Raum, der mit Bewegung und Emotionen gefüllt werden will.
Zuerst sind es ihre Arme:
„Without dance I think I don’t exist“
…sagt sie, und es klingt nicht übertrieben, sondern vollkommen selbstverständlich.
Für Noriko ist das Tanzen wie Atmen: etwas, das ganz
natürlich geschieht. „You don’t think about it, you just do it.“ Für Noriko
beginnt das Tanzen nicht mit der Bewegung selbst, sondern im Herzen.
„I’m not thinking that I am dancing right now … Of course this is my job,
so I need to dance. But when I start moving, I don’t feel dancing. I just
free myself“, versucht Noriko zu erklären. Beim Tanzen ist sie ehrlich zu
sich selbst und ihren Gefühlen. Gefühle, die sie nicht mit Worten, sondern
durchs Tanzen ausdrücken möchte.
Sie führen sie und geben die Bewegung vor.
Ihr Körper folgt und sie geht in die Knie.
Sie lässt sich vom Rhythmus tragen. Weich bewegt sie ihre Arme zur Musik
und gleitet durch den Raum. Elegant und energiegeladen zugleich. Ein plötzlicher
Rhythmuswechsel lässt Noriko hochschrecken. Ihre Arme reißen sie
nach oben. Es dauert nicht lange und schon bewegt sie sich in schnellen,
aber fließenden Bewegungen gen Boden. Zügig gleiten ihre Arme und eines
ihrer Beine nach vorne und stoßen sich vom Boden ab. Sie rutscht über den
Boden und steht wieder auf. Der Raum gehört nur ihr.
Tänzerin zu sein bedeutet harte Arbeit. Aber vor allem bedeutet es für Noriko Freiheit.
„When dancing, it’s nice to be free”, sagt sie, und versucht zu erklären, was sie damit
meint. Durch Bewegungen ihre Gefühle zum Ausdruck bringen und mit dem Publikum
teilen zu können. Am besten gelingt Noriko das, wenn sie improvisiert. Was ihr zunächst
gar nicht liegt, entwickelt sich schnell zu Norikos Leidenschaft. In einem leeren
Raum stehen, ungewiss darüber, wie man seinen Körper gleich einsetzen wird. Ihr ist
bewusst: In diesen Momenten fließt alles zusammen. Ihre Erfahrung, ihre Emotionen
und ihre Intuition führen sie durch den Raum. „When all the experience is coming together,
and it will let you feel free“, beschreibt Noriko. In diesen Momenten spürt sie die
Freiheit, die sich für sie kaum in Worte fassen lässt. Sie zeigt es lieber mit dem, was sie
am besten kann:
Dem Tanzen.
Mühelos reiht sie Bewegung an Bewegung
und lässt sie zu einem Ganzen verschmelzen. Die Musik wird schneller und impulsiver.
Noriko fängt an, sich auf den Boden zu werfen. Schnell schieben ihre Arme sie von
ihrem Platz weg. Ihr Körper scheint wie vom Blitz getroffen zu sein: Immer schneller
bewegt sie sich durch den Raum. Die Musik vibriert durch sie hindurch. Ihr Körper folgt
den Impulsen, die sie spürt. Sie lässt sich nach vorne, zur Seite und nach hinten treiben.
Dorthin, wo es sich für sie richtig anfühlt. Energiegeladen springt sie in die Luft und
rollt sich ab. Ihre Umgebung ist für Noriko jetzt bedeutungslos. Was jetzt zählt, sind die
Bewegungen
– der Tanz.
Noriko geht durch die schmalen Gänge des Staatstheaters. Sie befindet sich unter der
Bühne, wo die Gänge immer enger werden. Sie biegt um eine weitere Kurve. Vor ihr
liegt eine schwere, graue Tür, die sie langsam öffnet. Sie betritt einen großen Tanzsaal.
Er ist etwas kleiner als der Hauptsaal, hat keine Fenster und scheint nur selten genutzt
zu werden. Noriko läuft ein paar Stufen hinunter zur Musikanlage. Ihren Rucksack legt
sie beiseite, Schuhe und Jacke streift sie ab. Langsam geht sie in die Mitte des Saals.
Ihre schwarze Jogginghose endet nur knapp über dem Boden, sodass nur ihre nackten
Füße hervorschauen. Ihre Socken hat sie bereits ausgezogen, denn barfuß tanzt es
sich besser.
Sie legt all ihre Emotionen in diesen Moment voller Kraft. Und dann ist er da: der erlösende
Schrei am Ende ihres Tanzes, der sie erschöpft zu Boden sinken lässt.
76
„ Freiheit ist einer Liebe(n) lernen
79
der wichtigsten
Werte.“
Monogamie, Polyamorie, offene Beziehungen – die Liebe
wird vielfältiger. Doch mit der Vielfalt wächst auch das Unverständnis.
Warum wir endlich aufhören sollten, einander zu
bewerten und stattdessen mehr zuhören.
Silvia Trematerra
78
„Freiheit ist einer der wichtigsten Werte. Sie
braucht Verantwortung, damit meine Freiheit
nicht die Freiheit eines anderen begrenzt. Ein
Beispiel: Ich habe die Freiheit, billige Textilien zu
kaufen, aber ich trage damit auch die Verantwortung
für ungerechte Arbeitsverhältnisse in dieser
Welt. Mit aller Entschiedenheit für Freiheit und
Gerechtigkeit bleibt die Welt dennoch ein Ort, an
dem Kriege und Unrecht herrschen. Sind wir Menschen
also wirklich frei? Als Christin glaube ich,
dass Gott mir meine Freiheit schenkt. Weil ich um
Gottes Liebe zu mir weiß, bin ich frei.“
Marlen Below,
Pfarrerin Trinitatisgemeinde Salzgitter-Bad
Gedanken über Freiheit [9/9] zusammengetragen von Andreas Förster
Früher war alles klar: Man traf jemanden, verliebte sich, heiratete,
bekam Kinder, blieb zusammen – bis der Tod einen
schied. Heute? Heute klickt man sich durch Dating-Apps,
lebt in Patchwork-Familien, pflegt offene Beziehungen, entdeckt
Polyamorie, trennt sich, datet weiter. Willkommen in
der Gegenwart der Liebe – wo Monogamie zwar noch existiert,
aber längst nicht mehr „die wahre“ Art zu lieben widerspiegelt.
Deutschland entdeckt die Vielfalt der Beziehungen. Was für
die einen ein bedrohlicher Verlust von Werten ist, ist für andere
endlich gelebte Freiheit. Doch statt aufeinander zuzugehen,
reagieren viele mit Unverständnis.
Vielleicht sollten wir aufhören, Beziehungsmuster gegeneinander
auszuspielen. Die Frage ist nicht: Was ist besser? Sondern:
Was passt zu mir – und zu den Menschen, mit denen
ich mein Leben teile? Diese Antwort ist individuell, manchmal
unbequem, oft überraschend. Und genau das macht sie
wertvoll.
Polygamie
Monogamie
Wer: häufig ein Mann
mit mehreren Frauen
Herkunft: historisch/kulturell/religiös
Wann: seit Frühgeschichte
Vorteile: höhere Nachkommenschaft
Nachteile: Ungleichberechtigung
zwischen Mann und Frau, Eifersucht
und Konkurrenz, rechtliche und
gesellschaftliche Konflikte
Wer: Zwei Personen
Herkunft: kulturell/religiös
Wann: mindestens seit Antike
Vorteile: ökonomische
Stabilität, fördert Vertrauen,
rechtliche Vorteile
Nachteile: Einschränkungen
und Abhängigkeit, Gefahr der
Routine, Erwartungsdruck
Was wir brauchen, ist ein Klima der Empathie. Statt vorschnell
zu urteilen, sollten wir zuhören: Liebe ist nicht weniger
echt, nur weil sie anders ist. Denn wahre Liebe braucht
nicht nur Romantik, sondern auch Ehrlichkeit. Und wer in
einer monogamen Beziehung lebt, obwohl er oder sie eigentlich
etwas anderes braucht, verrät am Ende nicht nur den
Partner, sondern auch sich selbst.
Ob monogam, polyamor, offen, queer, single oder irgendetwas
dazwischen: Es gibt keinen universellen Weg zum Glück.
Aber es gibt ein universelles Bedürfnis nach Nähe, Ehrlichkeit
und Anerkennung. Wer das versteht, hat den ersten
Schritt getan – nicht nur zu einer besseren Beziehung, sondern
zu einer besseren Gesellschaft.
Offene Beziehung
Wer: Ein Paar mit einvernehmlichem
sexuellen Kontakt zu anderen
Herkunft: gesellschaftlich
Wann: im Westen seit 1960-70er Jahre
Vorteile: weniger geheimes Fremdgehen,
sexuelle Freiheit
Nachteile: Eifersucht, potentielle
emotionale Verstrickung mit Partnern,
gesellschaftliche Missbilligung
Polyamorie
Wer: Mehrere Personen
Herkunft: gesellschaftlich
Wann: im Westen seit 1990er Jahre
Vorteile: vielfältige Emotionalität,
sexuelle Erfüllung, geförderte Ehrlichkeit
Nachteile: fordert viel Kommunikation,
Eifersucht durch Einseitigkeit,
gesellschaftliche Stigmatisierung
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24 Stunden
in der Zustimmungszone
Was passiert, wenn man einen ganzen Tag lang
nur JA sagt? Landet man in Paris, Mailand oder
Athen? Trinke ich Tequila mit George Clooney?
Oder übernachte ich am Ende des Tages bei
der Cousine meiner Sitznachbarin aus der ersten
Klasse?
Mika Collien Nestler
In der Vorstellung spielt sich das Leben mit dem Wort JA wie ein Blockbuster zur Primetime
ab. Spoiler: Bei mir endete es in meinem Bett, ohne Getränke mit Promis, allerdings mit viel
Familie und überraschend wenig Reue. Beginnen wir ganz am Anfang:
07:28 Uhr
Der Wecker klingelt nun schon zum dritten Mal. Da fällt mir ein ... Heute ist der Ja-Tag! Also
Schluss mit dem Aufschieben, ja mein lieber Wecker, ich stehe jetzt auf. Und guten Morgen,
lieber Tag! Ich bin gespannt, was so passiert.
08:11 Uhr
Ich stehe in der Küche. In der einen Hand meinen Prinzessin-Lillifee-Früchtetee, in der anderen
meinen Sauerteig, den ich gestern bereits vorbereitet habe, um daraus Bagels zu machen.
Meine Mitbewohnerin betritt den Raum. „Ui, backst du jetzt die Bagels aus? Frühstücken wir
dann zusammen?“ – JA! Eigentlich nicht geplant, aber los geht’s.
08:54 Uhr
Die Bagels sind Ready, der Tisch ist gedeckt. Wir tauschen uns am Tisch über den neusten
Klatsch und Tratsch aus und sind erfreut über die Sonnenstrahlen vor unseren Fenstern.
10:15 Uhr
Nachricht von meiner Mutter. „Hast du Lust, heute vorbeizukommen?“ – JA. Also schnell Sachen
zusammenpacken, die letzten Bagels einpacken und auf den Weg machen.
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ja
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ja
10:42 Uhr
Ankunft zu Hause. Schnelle Umarmung, dann direkt die Frage: „Kannst du kurz mit deinem
Bruder einkaufen gehen?“, als wüssten sie, dass meine Antwort natürlich JA lautet.
10:54 Uhr
Im Supermarkt. Mein 14-jähriger Bruder fragt, ob ich Geld mithabe. JA. Der Einkauf geht wohl
auf mich. Es ist nicht so, als hätte er das nicht schon öfter versucht. Diesmal ist es ihm gelungen,
na toll. Großes Lächeln auf seinem Gesicht. Naja, immerhin.
14:30 Uhr
„Willst du mit mir Playsi spielen? Fifa?“– JA. Ich hasse Fifa. Moritz freut sich wie Bolle. Ich verliere
19:2. Den restlichen Tag darf ich mir lachend von ihm anhören, dass ich alt werde.
15:51 Uhr
Mein Handy pingt erneut. Nachricht einer Kollegin in der Arbeitsgruppe. „Möchte jemand
spontan am Social-Media-Meeting teilnehmen?“ Wie soll es auch anders sein. Mein JA drücke
ich in Form einer Daumen-Hoch-Reaktion aus. In 9 Minuten muss ich fertig sein. Lust habe ich
nicht besonders.
16:02 Uhr
Ich sitze in meinem alten Kinderzimmer mit 96-Pullover und versuche, so seriös wie möglich
auszusehen. Im Hintergrund ruft jemand, ob ich noch Nudeln haben möchte. Ich mute schnell.
16:34 Uhr
Das Meeting ging schneller als erwartet. Und wer hätte es gedacht: Ich konnte echt viel einbringen
und werde künftig mehr eingebunden!
18:03 Uhr
Familienabendessen. Laut, warm, durcheinander. Ich werde gefragt, ob ich morgen wiederkommen
kann. Eigentlich habe ich keine Zeit, doch wie überraschend, meine Antwort ist JA.
Naja, alles, was ich zu Hause machen kann, kann ich auch hier machen.
21:37 Uhr
Zurück in meiner WG. Meine Mitbewohnerin fragt: „Noch eine Folge Trash-Tv?“ Ich bin total
müde. Aber JA. Und eins kann ich sagen: Es hat sich gelohnt. Die Folge war der Hammer.
Immer JA zu sagen bedeutet nicht, auf einer Yacht Schampus zu schlürfen. Ich gebe zu, auch
ich dachte, der Tag würde verrückter ablaufen und ich würde hier die „Mega-Story“ des Jahrzehnts
präsentieren. Doch so ist das Leben nun mal nicht. Allerdings habe ich dennoch eine
Erkenntnis durch das Experiment gewinnen können. Wann hast du das letzte Mal deine Großeltern
angerufen? Oder mit deiner Familie ein Spiel gespielt? Wann wurde der letzte Kaffee
mit deiner besten Freundin getrunken? Die Menschen, die wir lieben, machen unser Leben
lebenswert. Doch trotzdem widmen wir uns ihnen viel zu selten. Die Lächler, die ich über den
Tag sehen durfte, sind das Aufregendste und Herzerwärmendste was auf unserem Planeten
wohl existiert.
81
Dämmerlicht der
Freiheit
Cecile Stötzner
Die Dunkelheit weicht, der Wald erwacht,
die Vögel singen, die Sonne lacht.
Eine sanfte Brise, so frisch und rein,
der Wald im goldenen Sonnenschein.
82
Blumen blühen auf Wiesen weit,
Bäume schenken Lebenszeit.
Der Bach so klar und sacht,
belebt das Tier, gibt ihm die Kraft.
Das Wasser einst so blau und klar,
trägt Mikroplastik Jahr für Jahr.
Eis es rinnt, der Spiegel steigt,
das Tier verwirrt, wo ist sein Reich?
Wie ein Donnerknall, der Mensch tritt heran,
zerstört bewusst, was blühen kann.
Mit Baggern Macht und festem Plan
wird Wald zu Land, so fängt es an.
Luft so schwer von Feinstaub dicht
vernebelt jedes Morgenlicht.
Acker breit, doch Gift im Schos,
Früchte weichen, der Preis ist hoch.
Wir müssen heilen, was zerbricht,
und finden zurück ins Gleichgewicht.
Die Zeit ist knapp, der Weg ist weit,
doch Hoffnung wächst aus Dunkelheit.
In stillen Kämpfen unbemerkt
Natur heilt, wie unbeschwert.
Freiheit strebt zurück ans Licht,
Hoffnung blüht, zerbrich sie nicht.
Impressum
Campus38
Ein studentisches Projekt der Ostfalia Hochschule
für angewandte Wissenschaften. Die achte
Ausgabe des Campus38-Magazins wurde in einem
interdisziplinären Projekt von Studierenden
der Fachrichtungen Medienkommunikation (B.A.)
und Mediendesign (B.A.) produziert.
Adresse
Karl-Scharfenberg-Straße 55/56
38229 Salzgitter
Redaktion Campus38
Redaktion Studiengang
Medienkommunikation B.A.
V.i.S.d.P.: Prof. Dr. Marc-Christian Ollrog
Mitarbeit: Megan Hanisch, Marcel Franze und
Jens Martens
Kontakt
Telefon: 05341/87552170
Email: m.ollrog@ostfalia.de
Druck
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Claudett Minaya Vialet
Johanna Wittkowski
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strategische Kommunikation und möchtest später in der
PR oder im Journalismus tätig sein? Dann bist du im
Studiengang Medienkommunikation (MK) richtig
MK
MM
Du möchtest Medien produzieren, vermarkten und
Kenntnisse in der BWL, im Management und der
Unternehmenskommunikation erlangen? Dann bist du im
Studiengang Medienmanagement (MM) richtig.
MASTER
KM
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Kommunikation einsteigen, deine Theoriekenntnisse
und praktischen Fähigkeiten in Audio-,
Film- und Online- Projekten erweitern? Dann bist du
im Studiengang Kommunikationsmanagement (KM) richtig.
Du willst deine kreativen Fertigkeiten vertiefen,
spezifische Mediendesignkenntnisse in Projekt-Teams
vertiefen und deine medienwissenschaftlichen
Fähigkeiten erweitern? Dann bist du im Masterstudiengang
Mediendesign (MD) richtig.
MD