15.07.2025 Aufrufe

eR 07/25

Die neue Ausgabe des expertenReport 07/2025 fragt: Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich? Stimmen aus der Branche zeigen, wie vielfältig das Verständnis von Freiheit zwischen Maklerpool, Plattformdruck und unternehmerischer Verantwortung ist. Weitere Beiträge widmen sich der Berufsunfähigkeitsversicherung – von neuen Prüfverfahren über psychologische Aspekte im Verkauf bis hin zu ihrer Rolle als existenzielle Absicherung. Auch die Altersvorsorge wird neu gedacht: Ein Beitrag zeigt, wie Riester und Rürup zu einem zukunftsfähigen Modell verschmelzen könnten. Digitale Tools, KI-Agenten, moderne Vertriebsstrategien und der Einsatz von Social Media runden das Heft ab – ein fundierter Impulsgeber für Vermittler, die Vertrieb, Beratung und Prozesse weiterentwickeln wollen.

Die neue Ausgabe des expertenReport 07/2025 fragt: Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich? Stimmen aus der Branche zeigen, wie vielfältig das Verständnis von Freiheit zwischen Maklerpool, Plattformdruck und unternehmerischer Verantwortung ist. Weitere Beiträge widmen sich der Berufsunfähigkeitsversicherung – von neuen Prüfverfahren über psychologische Aspekte im Verkauf bis hin zu ihrer Rolle als existenzielle Absicherung. Auch die Altersvorsorge wird neu gedacht: Ein Beitrag zeigt, wie Riester und Rürup zu einem zukunftsfähigen Modell verschmelzen könnten. Digitale Tools, KI-Agenten, moderne Vertriebsstrategien und der Einsatz von Social Media runden das Heft ab – ein fundierter Impulsgeber für Vermittler, die Vertrieb, Beratung und Prozesse weiterentwickeln wollen.

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<strong>07</strong>/<strong>25</strong><br />

UNABHÄNGIGKEIT<br />

HAT<br />

VIELE<br />

GESICHTER<br />

www.experten.de<br />

Beratung & Marketing<br />

„Social Media gehört heutzutage<br />

zum Unternehmertum dazu“<br />

LEBEN<br />

Wenn Riester und Rürup zu einem echten<br />

Zukunftsmodell verschmelzen<br />

Digitale Welt<br />

Wie KI-Agenten den<br />

Beratungsalltag neu definieren


EDITORIAL<br />

Liebe Leserinnen und Leser,<br />

der Sommer ist da – und mit ihm ein Moment zum Innehalten. Zwischen<br />

Kundenterminen, regulatorischen Neuerungen und Digitalprojekten bleibt<br />

oft wenig Zeit für die Frage: Was treibt uns eigentlich an?<br />

Diese Ausgabe des expertenReport ist daher mehr als ein saisonaler<br />

Begleiter. Sie ist ein Plädoyer für Klarheit – in der Beratung, in der unternehmerischen<br />

Ausrichtung und in der Haltung gegenüber Kunden und<br />

Geschäftspartnern.<br />

Unsere Titelstory fragt, was Unabhängigkeit heute wirklich bedeutet.<br />

Zwischen Poolbindung, Plattformwahl und Selbstbestimmung kommen<br />

führende Köpfe der Branche zu Wort – vielstimmig, aber mit einem gemeinsamen<br />

Nenner: Unabhängigkeit ist keine rein formale Frage, sondern<br />

eine des Mindsets.<br />

Auch sonst bieten die Beiträge dieser Ausgabe Orientierung: Ob zur Digitalisierung<br />

in der Risikoprüfung, zum Einsatz von KI-Agenten im Beratungsgespräch<br />

oder zur Frage, wie Vertrieb und Cyberrisiken künftig zusammengedacht<br />

werden müssen.<br />

Und wenn Sie diesen Report vielleicht am See, im Garten oder im klimatisierten<br />

Büro durchblättern – dann nehmen Sie sich ruhig einen Moment<br />

für die Themen, die sonst zu kurz kommen: Reflexion, Haltung, Zukunft.<br />

Wir wünschen Ihnen einen inspirierenden Sommer!<br />

Im Namen der gesamten Redaktion<br />

Michael Fiedler<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 1


Neu<br />

Beratung & Marketing<br />

34 Schäden aus dem Leben:<br />

Wenn Kundenerwartungen und<br />

Vertragswirklichkeit auseinanderklaffen<br />

38 Cross-Selling ist kein Verkaufen<br />

auf Verdacht<br />

40 „Social Media gehört heutzutage<br />

zum Unternehmertum dazu“<br />

44 So nutzen Sie „die Weisheit der Kunden“<br />

mit fokussierenden Fragen<br />

48 Psychologie des Verkaufs in der<br />

Lebensversicherung<br />

Digitale Welt<br />

Gutes noch<br />

einfacher,<br />

individueller,<br />

besser<br />

gemacht.<br />

Tarif-Update in der EUROPA<br />

Risikolebensversicherung.<br />

50<br />

52<br />

54<br />

58<br />

60<br />

„Ich habe keine Zeit für<br />

schlechte Prozesse“<br />

„Erfolgreich ist, wer seinen<br />

Digitalvertrieb ganzheitlich versteht"<br />

Wie KI-Agenten den<br />

Beratungsalltag neu definieren<br />

„Mit Versicherungen allein<br />

werden wir Cyberrisiken<br />

nicht begegnen können“<br />

Brille auf:<br />

So erleben Kunden ihre<br />

Geldanlage hautnah<br />

Wir haben unsere Risikolebensversicherung<br />

verbessert, damit Sie Ihre Kunden noch<br />

leichter erreichen.<br />

Ihre Vorteile:<br />

• Erweiterte Zielgruppe und leichterer<br />

Zugang durch neue Tarifvarianten und<br />

verlängerte Fristen<br />

• Noch mehr Einsatzmöglichkeiten für<br />

unsere Kurzanträge mit nur 2 Gesundheitsfragen<br />

– speziell für junge Leute,<br />

Familien und Immobilienfinanzierer<br />

• Weniger administrativer Aufwand vor<br />

und nach Abschluss<br />

RECHT<br />

62<br />

Rückforderung von Gehalt im Vertrieb:<br />

Bundesarbeitsgericht setzt<br />

strenge Grenzen<br />

Mehr Infos finden Sie unter<br />

europa-vertriebspartner.de<br />

oder unter 0221 5737-300<br />

64<br />

Impressum<br />

60<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


TITELSTORY<br />

Unabhängigkeit<br />

hat<br />

viele<br />

Gesichter<br />

Zwischen Poolbindung, Plattformwahl und Selbstbestimmung:<br />

Wie frei sind Makler wirklich?<br />

Unabhängigkeit gilt als zentrales Ideal der Maklerschaft. Doch wie steht es um dieses Ideal in der Praxis? Im Vorfeld<br />

des 13. Independence Day des Bundesverbands Finanzdienstleistung AfW stieß Nico Streker, Geschäftsführer der<br />

Asspick Versicherungsmakler GmbH, auf LinkedIn eine unbequeme Debatte an: Ist ein Event, das Maklerpools ins<br />

Zentrum rückt, wirklich ein Ort der Unabhängigkeit? „Viele junge Makler sind über Pools angebunden – aus pragmatischen<br />

Gründen. Doch wer seinen Bestand dort verwaltet, gibt ein Stück seiner unternehmerischen Souveränität ab.“<br />

Am 17. Juni bot sich auf dem Independence Day Gelegenheit, nachzuforschen, wie Poolchefs diesem Verständnis von<br />

Unabhängigkeit und Unternehmertum gegenüberstehen.<br />

4<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


Unterstützung statt Vorgaben<br />

Norbert Porazik, Gründer und Geschäftsführer der Fonds Finanz, hebt hervor:<br />

„Unabhängigkeit bedeutet für mich, die komplette unternehmerische Verantwortung<br />

und Freiheit für das eigene Handeln zu haben, frei von Umsatzvorgaben<br />

und immer das Wohl des Kunden im Fokus.“ Der zunehmende Regulierungsdruck<br />

mache Pools nahezu unverzichtbar – nicht aus Abhängigkeit, sondern<br />

aus Notwendigkeit. Gerade künstliche Intelligenz eröffne neue Möglichkeiten,<br />

setze aber auch standardisierte Prozesse und technische Infrastruktur voraus.<br />

Ein Einzelmakler allein könne dies kaum leisten.<br />

Fokus statt Bauchladen<br />

Für Lars Drückhammer (blau direkt) ist Unabhängigkeit eng mit Fokussierung<br />

verbunden: „Kein Kunde glaubt heute, dass ein Berater sich in allen Themen<br />

sehr gut auskennt. Die Hauptaufgabe der Vermittler wird es immer mehr sein,<br />

der Kontaktmanager zum Kunden zu sein.“ Netzwerke, Plattformen und digitale<br />

Unterstützung seien keine Einschränkung, sondern notwendige Ermöglicher.<br />

Klarheit und Haltung als Basis<br />

Bastian Roeder, Vorstand der BCA AG, sieht das größte Hindernis für freie<br />

Vermittler nicht in Technik oder Regulierung, sondern in mangelnder unternehmerischer<br />

Klarheit: „Berater zu sein bedeutet nicht, Produkte zu verkaufen –<br />

sondern Verantwortung für den Kunden zu übernehmen. Wer langfristig erfolgreich<br />

sein will, braucht eine klare Linie, unternehmerische Freiheit und ein<br />

Umfeld, das diese Freiheit nicht einschränkt, sondern stärkt.“ Dabei zähle<br />

weniger die Technik an sich als vielmehr ihre Einbettung in ein System, das<br />

Individualität fördert und unternehmerische Freiheit respektiert.<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 5


TITELSTORY<br />

Vertrieb trifft Unternehmertum<br />

Marvin Pfanschilling, Vorstand der Charta Börse für Versicherungen AG, betont<br />

die doppelte Herausforderung: „Gute Vertriebler sind nicht automatisch gute<br />

Unternehmer, gute Unternehmer nicht automatisch gute Vertriebler.“ Besonders<br />

jüngere Maklerinnen und Makler müssten sich frühzeitig strategisch<br />

aufstellen – bei Digitalisierung, Marktentwicklung und Regulatorik. Pools könnten<br />

dafür wichtige Partner sein, um das eigene Profil zu schärfen.<br />

Hybride Strategien und digitale Architektur<br />

Marcus Rex, Vorstand der JDC Group, unterstreicht die Rolle moderner Technologie:<br />

„Wir konzentrieren uns als unabhängiger Pool auf unsere hybride<br />

Advisortech-Strategie, also die Kombination aus innovativer Vertriebstechnologie<br />

plus persönlicher Beratung.“ Der Zugang zu einer medienbruchfreien<br />

Architektur sei Voraussetzung, um Kunden qualitativ hochwertig und gleichzeitig<br />

effizient beraten zu können.<br />

Lösungen statt Komplexität<br />

Netfonds-CEO Martin Steinmeyer bringt es auf den Punkt: „Selbst der beste Finanzberater<br />

benötigt Lösungen, um ganzheitlich, sicher und effizient arbeiten zu können.“<br />

Und Dr. Bernward Maasjost, Vorstand der [pma:], ergänzt: „Die kontinuierlich<br />

steigenden Bürokratieanforderungen beanspruchen einen unverhältnismäßig hohen<br />

Anteil der Arbeitszeit. Unsere Aufgabe als Pool ist es, Berater durch Compliance-<br />

Unterstützung, moderne Technik und administrative Entlastung zu unterstützen.“<br />

6<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


Vielstimmig<br />

–<br />

und doch einig<br />

Was Unabhängigkeit bedeutet, ist individuell – das zeigen die Perspektiven der<br />

Poolchefs deutlich. Für die einen steht der Zugang zu Technik im Vordergrund, für<br />

andere das Verständnis von unternehmerischer Verantwortung oder die Fokussierung<br />

auf den Kundenkontakt. Gemeinsam ist ihnen: Unabhängigkeit braucht ein<br />

Umfeld, das sie ermöglicht und nicht beschneidet.<br />

Daran wird sich auch ein Vermittler wie Nico Streker messen lassen müssen, der<br />

als Einzelmakler seinen eigenen Weg geht. Unabhängigkeit hat viele Gesichter.<br />

Entscheidend ist, ob sie gelebt wird – nicht, wie sie aussieht.<br />

Unabhängigkeit ist kein absoluter Zustand, sondern eine unternehmerische Haltung.<br />

Die Wege dorthin sind unterschiedlich – mal digital, mal technisch unterstützt, mal<br />

durch radikale Eigenständigkeit geprägt. Entscheidend ist nicht die Anbindung,<br />

sondern der bewusste Umgang damit.<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 7


GESUNDHEIT & PFLEGE<br />

„Gesundheitsleistungen schlagen<br />

Firmenhandy und Jobticket“<br />

Warum Zusatzleistungen mehr sind als ein nettes Extra: Im Interview erklärt Thomas Brahm, Vorsitzender des<br />

Verbands der Privaten Krankenversicherung, warum die betriebliche Krankenversicherung boomt, welche Rolle sie im<br />

Wettbewerb um Talente spielt – und wo noch regulatorischer Handlungsbedarf besteht.<br />

experten: Die betriebliche Krankenversicherung gilt<br />

als einer der dynamischsten Bereiche im Zusatzversicherungsgeschäft.<br />

Worauf führen Sie das aktuelle<br />

Wachstum dieses Segments zurück?<br />

Thomas Brahm: Die betriebliche Krankenversicherung<br />

(bKV) ist tatsächlich ein echtes Erfolgsmodell. Die Zahl der<br />

versicherten Personen ist in den vergangenen fünf Jahren<br />

enorm gestiegen. Ende 2024 hatten rund 2,5 Millionen<br />

Beschäftigte eine solche betriebliche Absicherung – ein<br />

Plus von 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das ist<br />

beachtlich. Übrigens zählen wir hier nur die Versicherungen,<br />

bei denen die Beiträge komplett vom Arbeitgeber<br />

übernommen werden.<br />

»Budgettarife ermöglichen eine flexible<br />

Gesundheitsversorgung – abgestimmt auf<br />

die individuellen Bedürfnisse.«<br />

Herr Thomas Brahm<br />

Vorsitzender des Verbandes der Privaten Krankenversicherungen<br />

Dieses Wachstum ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen:<br />

Betriebliche Krankenversicherungen sind für Arbeitgeber<br />

ein sehr gutes Instrument im Wettbewerb um Fachkräfte.<br />

Unternehmen nutzen sie zunehmend, um qualifizierte<br />

Mitarbeiter zu gewinnen und langfristig zu binden.<br />

Zudem kann eine bessere Versorgung im Krankheitsfall<br />

potenziell die Ausfallzeiten der Belegschaft reduzieren.<br />

Hinzu kommt: Arbeitgeberfinanzierte Beiträge zur bKV<br />

sind im Rahmen der Freigrenze für Sachbezüge steuerund<br />

sozialabgabenfrei. Das macht sie für Unternehmen<br />

auch finanziell attraktiv.<br />

8<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


Inwiefern kann eine bKV helfen, qualifizierte Fachkräfte<br />

zu gewinnen und langfristig ans Unternehmen<br />

zu binden – gerade im Wettbewerb um Talente?<br />

Die bKV stärkt die Arbeitgeberattraktivität, da sie Gesundheitsleistungen<br />

bietet, die über den Schutz in der GKV<br />

hinausgehen – und das in der Regel ohne Kosten für die<br />

Mitarbeitenden. Das können etwa Zahnzusatzversicherungen<br />

oder Wahlleistungen für Krankenhausaufenthalte<br />

sein.<br />

Unternehmen signalisieren ihrer Belegschaft auf diese<br />

Weise ihre Wertschätzung. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels<br />

ist das eine wichtige Komponente im „Run for<br />

Talents“.<br />

Starkes Wachstum bei der bKV<br />

2,5 Mio.<br />

+20 %<br />

Beschäftigte mit<br />

bKV (Ende 2024)<br />

Wachstum gegenüber<br />

dem Vorjahr<br />

Welche Kriterien sind für Arbeitgeber bei der Auswahl<br />

eines bKV-Tarifs besonders entscheidend, und wie lassen<br />

sich diese in der Praxis umsetzen?<br />

Ein großer Vorteil der bKV ist, dass sich der Versicherungsschutz<br />

an die individuellen Bedürfnisse einzelner Unternehmen<br />

und ihrer Beschäftigten anpassen lässt. Das gilt<br />

auch für kleinere Unternehmen. Da in der betrieblichen<br />

Krankenversicherung keine Gesundheitsprüfungen erforderlich<br />

sind, ist der Verwaltungsaufwand zudem relativ<br />

gering.<br />

Wie wird die bKV von Mitarbeitenden wahrgenommen<br />

– und welche Kommunikationsstrategien haben<br />

sich bewährt, um deren Mehrwert verständlich zu<br />

vermitteln?<br />

Die Vorteile einer bKV sprechen für sich. Der Verzicht auf<br />

eine Gesundheitsprüfung, die Beitragsübernahme durch<br />

den Arbeitgeber oder die Einbeziehung von Angehörigen<br />

sind starke Argumente. Hinzu kommt ein spürbarer Gesundheitsnutzen<br />

– etwa bei Komfortleistungen im Krankenhaus,<br />

Zahnersatz oder Sehhilfen. Mitarbeitende wissen<br />

das Angebot einer bKV durch ihr Unternehmen<br />

durchaus zu schätzen. Umfragen zeigen, dass besonders<br />

junge Fachkräfte diese Zusatzleistung bisweilen sogar<br />

höher schätzen als andere Benefits wie Jobtickets oder<br />

Firmenhandys.<br />

Welche Entwicklungen beobachten Sie derzeit bei den<br />

bKV-Produkten – gibt es neue Leistungsbausteine<br />

oder Zielgruppenansprachen?<br />

Die Produkte im Rahmen der betrieblichen Krankenversicherung<br />

sind sehr flexibel und entwickeln sich immer<br />

weiter. Relativ neu sind zum Beispiel Budgettarife. Hier<br />

erhalten die Beschäftigten ein bestimmtes Budget, das<br />

für Gesundheitsleistungen ihrer Wahl verwendet werden<br />

kann.<br />

Wo liegen derzeit noch regulatorische oder operative<br />

Hürden in der Verbreitung der bKV, und was müsste<br />

sich ändern, um diesen Wachstumsmarkt weiter zu<br />

fördern?<br />

Die starke Nachfrage zeigt, dass immer mehr Unternehmen<br />

die zahlreichen Vorteile der betrieblichen Krankenversicherung<br />

erkennen. Ich bin fest überzeugt, dass bei<br />

weiter steigender Bekanntheit dieses tollen Produkts sich<br />

noch viel mehr Unternehmer für diese Art der Absicherung<br />

entscheiden werden.<br />

Welche Rolle könnte die bKV im Bereich Pflegeabsicherung<br />

spielen und welche gesetzlichen Rahmenbedingungen<br />

sind dafür erforderlich?<br />

Die betriebliche Pflegeversicherung (bPV) ist ein sehr<br />

gutes Instrument für eine der größten sozialpolitischen<br />

Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte. Wer heute<br />

bei Pflegebedürftigkeit im Heim versorgt wird, muss einen<br />

hohen Beitrag aus eigener Tasche zahlen. Mit der bPV<br />

lässt sich das Problem dieser Pflegelücke für viele Menschen<br />

lösen. Um die wichtige Vorsorge für den Pflegefall<br />

breiter in der Gesellschaft zu verankern, sollten daher<br />

Aufwendungen zur Absicherung der Pflegelücke im Steuerrecht<br />

als eigenständiger Fördertatbestand berücksichtigt<br />

werden. Bisher sind die Zuwendungen des Arbeitgebers<br />

lediglich im Rahmen der 50-Euro-Sachbezugsfreigrenze<br />

steuer- und sozialabgabenfrei. In diesem engen<br />

Rahmen konkurrieren sie aber mit allen anderen Zuwendungen<br />

des Arbeitgebers.<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 9


GESUNDHEIT & PFLEGE<br />

Krankenversicherung:<br />

„Wer neue Kunden gewinnen will, braucht moderne,<br />

leistungsstarke und attraktive Produkte“<br />

Die private Krankenversicherung wächst – vor allem bei Zusatz- und Budgettarifen. Welche Rolle Digitalisierung,<br />

Demografie und Beitragsstabilität dabei spielen, erklärt Alexander Kraus, Fachkoordinator Krankenversicherung bei<br />

Assekurata, im Interview.<br />

Wachstumstreiber in der PKV<br />

Beamtenbereich als stärkster Zuwachs bei der Vollversicherung<br />

Zusatzversicherungen & Budgettarife im Aufschwung<br />

bKV (betriebliche Krankenversicherung) mit hoher Nachfrage<br />

Ambulante Zusatzversicherungen als nächstes Wachstumsfeld<br />

10<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


expertenReport: In welchen Segmenten der PKV sehen<br />

Sie aktuell die stärksten Wachstumsimpulse?<br />

Alexander Kraus: Grundsätzlich sehen wir in den letzten<br />

Jahren wieder eine stärkere Vollversicherung. Bereits das<br />

siebte Jahr in Folge konnte die Branche mehr Zugänge aus<br />

der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) als Abgänge<br />

in die GKV verzeichnen. Zum zweiten Mal gab es sogar ein<br />

leichtes Nettowachstum. Die Zahl der Vollversicherten ist<br />

nach vorläufigen Zahlen des PKV-Verbandes um 0,3<br />

Prozent auf 8,74 Millionen gestiegen. Dieses Wachstum<br />

stammt hauptsächlich aus dem Beamtenbereich, während<br />

die Zahlen bei Angestellten und Selbstständigen immer<br />

noch leicht rückläufig, aber stabiler sind. Alternde<br />

Bestände und damit verbundene Abgänge durch Todesfälle<br />

bremsen das Wachstum aber weiterhin.<br />

Noch positiver sieht es aktuell bei den Zusatzversicherungen<br />

aus. Trotz des herausfordernden Marktumfelds, etwa<br />

durch steigende Lebenshaltungskosten, bleibt dieser<br />

Marktbereich stabil und wächst kontinuierlich.<br />

Ein wesentlicher Wachstumstreiber ist neben den beliebten<br />

Zahnzusatzversicherungen vor allem die betriebliche<br />

Krankenversicherung (bKV). Besonders gut kommt hier<br />

das Konzept der sogenannten Budgettarife an. Einfach<br />

strukturierte Produkte, die gezielt Versorgungslücken vor<br />

allem bei gesetzlich Versicherten schließen. Bei diesen<br />

Tarifen liegt der Fokus stärker auf dem ambulanten Bereich.<br />

Die Angebote stoßen auf großes Interesse bei Arbeitgebern,<br />

Arbeitnehmern und im Vertrieb.<br />

In den nächsten Jahren wird es spannend sein zu beobachten,<br />

ob auch die ambulanten Zusatzversicherungen<br />

im privaten Bereich stärker wachsen. Hier könnten gesetzliche<br />

Reformen, die Leistungskürzungen zur Folge<br />

haben, einen weiteren Wachstumsimpuls liefern.<br />

Welche neuen Tarifmodelle beobachten Sie aktuell im<br />

Markt – und wie reagieren Versicherer dabei auf den<br />

demografischen Wandel?<br />

Zuletzt haben wir eine stärkere Tendenz zu leistungsstarken<br />

Top-Tarifen am Markt gesehen. Schon im vergangenen<br />

Jahr wurden in diesem Bereich neue Tarife eingeführt.<br />

Für dieses Jahr erwarten wir weitere Neuerungen. Gerade<br />

infolge der Corona-Pandemie ist das Thema Gesundheit<br />

wieder stärker in den Fokus gerückt, sodass die Nachfrage<br />

»Wer neue Kunden gewinnen will, braucht moderne,<br />

leistungsstarke und attraktive Produkte.«<br />

Alexander Kraus,<br />

Fachkoordinator Krankenversicherung, Assekurata Assekuranz Rating Agentur GmbH<br />

nach hochwertigem Schutz zugenommen hat.<br />

Bei den neuen Tarifen sehen wir einen klaren Trend: Nachhaltige<br />

und alltagsnahe Leistungen gewinnen an Bedeutung.<br />

Das reicht von Angeboten zur Gesundheitsvorsorge<br />

bis hin zu familienfreundlichen Lösungen. Ein gutes Beispiel<br />

ist die Beitragsfreistellung während der Elternzeit – ein<br />

Punkt, bei dem die PKV bisher oft schlechter dastand als<br />

die gesetzliche Krankenversicherung (GKV). Insgesamt orientieren<br />

sich die privaten Anbieter heute stärker an den<br />

Leistungen der GKV. Ziel ist es, bestehende Versorgungslücken<br />

zu schließen – ohne die bekannten Vorteile der PKV<br />

aufzugeben. Denn klar ist: Wer neue Kunden gewinnen will,<br />

braucht moderne, leistungsstarke und attraktive Produkte.<br />

Auf den demografischen Wandel reagieren die Unternehmen<br />

weniger über konkrete AVB-Inhalte als vielmehr über<br />

zusätzliche Angebote im Bereich des Gesundheitsmanagements.<br />

So können die Versicherten auch vor Eintritt einer<br />

Erkrankung Unterstützungen in Anspruch nehmen. Die<br />

Digitalisierung bietet sowohl Versicherern als auch Versicherten<br />

deutlich effizientere Zugänge, beispielsweise über<br />

Apps. Hier spielt Prävention eine größere Rolle, also die<br />

Vermeidung von schweren oder langwierigen Erkrankungen<br />

und somit auch die Vermeidung von Leistungsfällen.<br />

Wird es künftig eine stärkere Differenzierung zwischen<br />

klassischen Vollversicherungen und ergänzenden Modellen<br />

geben?<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 11


GESUNDHEIT & PFLEGE<br />

Kennzeichen moderner PKV-Tarife:<br />

Familienfreundlich<br />

Digitale Services<br />

Präventionsangebote<br />

Budgetflexibilität<br />

Transparent kalkuliert<br />

Wir gehen mittelfristig nicht davon aus, dass sich am<br />

aktuellen dualen System grundsätzlich etwas ändern wird.<br />

Auch wenn es aus der Politik aktuell wieder Signale in<br />

Richtung Bürgerversicherung gibt. In der öffentlichen Debatte<br />

steht häufig die ungleiche Versorgung zwischen<br />

gesetzlich und privat Versicherten im Fokus, etwa bei<br />

Wartezeiten oder dem Zugang zu Fachärzten und Kliniken.<br />

Kritiker sprechen daher von einer „Zweiklassenmedizin“.<br />

Dabei wird oft übersehen, dass Privatpatienten mit ihrem<br />

Mehrumsatz einen wichtigen Beitrag zur Finanzierung des<br />

gesamten Gesundheitssystems leisten. Laut PKV-Verband<br />

würden ohne sie jährlich über 14 Milliarden Euro fehlen,<br />

was Auswirkungen auf viele Bereiche haben würde, da<br />

zum Beispiel der Fortbestand von Arztpraxen im ländlichen<br />

Bereich gefährdet wäre. Letztendlich profitieren somit<br />

alle vom dualen System.<br />

Gleichzeitig bietet die GKV schon jetzt eine gute Grundversorgung,<br />

die sich im internationalen Vergleich immer<br />

noch auf einem sehr hohen Niveau befindet. Durch private<br />

Zusatzversicherungen kann dieser Schutz gezielt ergänzt<br />

werden. Die GKV hat also nicht unbedingt ein Leistungs-,<br />

sondern vielmehr ein Finanzierungsproblem, das<br />

durch gestiegene Kosten und den demografischen Wandel<br />

jetzt immer mehr zum Tragen kommt. Die Lösung hierfür<br />

ist aber nicht in der Abschaffung des dualen Systems zu<br />

suchen.<br />

Wie können Versicherer heute noch mit dem Thema<br />

Beitragsstabilität punkten – und was erwarten Kunden<br />

darüber hinaus?<br />

Natürlich ist neben den Leistungsinhalten auch die langfristige<br />

Beitragsstabilität für die Versicherten ein ganz<br />

relevanter Punkt. Zuletzt waren die Versicherten mit größeren<br />

Beitragsanpassungen konfrontiert, deren Ursachen<br />

in der komplexen Kalkulation der PKV liegen. Gerade deshalb<br />

ist Transparenz seitens der Versicherer besonders<br />

wichtig. Denn letztendlich sind Beitragsanpassungen nicht<br />

zu vermeiden, doch die Versicherten sollten klar, verständlich<br />

und offen über die Hintergründe informiert<br />

werden. Das schafft Vertrauen und Akzeptanz. Denn die<br />

PKV verfügt über verschiedene Mechanismen, um Beitragsanpassungen<br />

zu begrenzen. Ein Aspekt, der in der<br />

öffentlichen Diskussion oft zu kurz kommt. Hier könnten<br />

die Unternehmen zum Beispiel mehr Transparenz<br />

schaffen, indem sie die Historie der Beitragsanpassungen<br />

sowie ihre Finanzstärke, etwa durch solide Kapitalanlagen<br />

oder Rückstellungen für Beitragsanpassungen (RfB), offen<br />

kommunizieren. Das sind übrigens alles Punkte und<br />

Kennzahlen, die wir uns in unseren Unternehmensratings<br />

sehr detailliert anschauen und die aufgrund der hohen<br />

Bedeutung für die Versicherten eine höhere Gewichtung<br />

haben.<br />

12<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


GemeinsamGesund:<br />

so geht bKV heute<br />

Das flexible bKV-Konzept bietet Gesundheitsschutz<br />

auf Privatpatientenniveau: Punkten Sie bei Arbeitgebern<br />

und Mitarbeitern mit den Vorteilen unserer arbeitgeberund<br />

arbeitnehmerfinanzierten bKV.<br />

Ergänzend dazu betrachten wir in unseren Tarifanalysen<br />

zur privaten Vollversicherung nicht nur die relevanten<br />

Leistungsinhalte, sondern – als Besonderheit am Markt<br />

– auch die Kalkulationsgrundlagen der Tarife. Nur solche<br />

Tarife, deren Kalkulation transparent und nachvollziehbar<br />

ist, erhalten unser Siegel.<br />

Welche strategischen Schritte sollten Versicherer<br />

jetzt unternehmen, um ihre Tarifstruktur zukunftssicher<br />

aufzustellen?<br />

Ein Wechsel in die PKV ist eine langfristige Entscheidung –<br />

der Versicherungsschutz begleitet die Versicherten meist<br />

über Jahrzehnte. Ein zentraler Vorteil: Die Leistungen<br />

sind vertraglich garantiert und können nicht einfach gekürzt<br />

werden. In der GKV hingegen sind Leistungskürzungen<br />

durch Gesetzesänderungen möglich.<br />

Ausgezeichnet<br />

und voll digital<br />

HERAUSRAGEND<br />

Münchener Verein<br />

Krankenversicherung a.G.<br />

Budget 300 / 600 / 1000 / 1500<br />

(Tarifstufen 260 / 261 / 263 / 265)<br />

bKV-Budget (Ambulant,Zahn)<br />

05 | 20<strong>25</strong> ascore.de<br />

Die PKV ermöglicht darüber hinaus Zugang zur bestmöglichen<br />

medizinischen Versorgung. Besonders wichtig<br />

sind dabei Tarife mit offen formulierten Leistungen – sie<br />

sind nicht auf feste Kataloge beschränkt und schließen<br />

so auch medizinischen Fortschritt automatisch mit ein.<br />

Dieser Trend ist im Markt bereits gut erkennbar: Viele<br />

neue Tarife setzen auf solche offenen Leistungsbeschreibungen,<br />

oft ohne dass eine schriftliche Zustimmung des<br />

Versicherers erforderlich ist. Allerdings kann eine vorherige<br />

Genehmigung aus Sicht der Beitragsstabilität sinnvoll<br />

sein, da sie Kosten transparenter macht und das<br />

Versichertenkollektiv schützt. Der Nachteil: Versicherte<br />

müssen vor einer Behandlung aktiv eine Freigabe einholen.<br />

Das ist zeitaufwendig und widerspricht dem Wunsch<br />

nach Planungssicherheit.<br />

Ein Lösungsansatz könnte in einer besseren digitalen<br />

Vernetzung zwischen Versicherten, Ärzten und Versicherern<br />

liegen. Denn häufig kennen weder die Versicherten<br />

noch die Behandelnden die genauen Tarifinhalte. Das<br />

führt im Nachhinein zu Ärger bei Ablehnungen oder Kürzungen.<br />

Durch Digitalisierung und den Einsatz von KI<br />

ließe sich hier vielleicht ein System schaffen, das ohne<br />

formale Zustimmung auskommt – aber dennoch in Echtzeit<br />

Klarheit schafft, ob eine Leistung übernommen wird.<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport<br />

Top: Services und Leistungen<br />

● Vier leistungsstarke Budget-Tarife<br />

● Keine unterjährige Budget-Teilung<br />

in der obligatorischen bKV<br />

● 100 % Leistung für Vorsorge, PZR,<br />

Präventionskurse, LASIK<br />

● Keine Gesundheitsprüfung und Wartezeit<br />

● Zusätzlich: Zwei top stationäre Tarife<br />

● NEU: fakultative arbeitnehmerfinanzierte<br />

Tarife<br />

Weitere Infos unter:<br />

089 / 5152 - 1015<br />

mv-maklernetz.de/bkv-neu


LEBEN<br />

In der Beratung von Ingenieuren zur Berufsunfähigkeitsversicherung legt Benjamin Friedrich großen Wert auf Transparenz,<br />

Ehrlichkeit und fachliche Tiefe. Im Interview erklärt der Gründer von Friedrich Finance, warum Nachversicherungsoptionen<br />

allein oft nicht ausreichen – und wieso der passende Tarif mehr ist als eine Zahl auf dem Papier.<br />

14<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


»Ich will, dass mein Gegenüber<br />

versteht, was er da<br />

unterschreibt.«<br />

Benjamin Friedrich<br />

Friedrich Finance, Spezialist für Berufsunfähigkeitsversicherung<br />

expertenReport: Was macht Ingenieure – ob angestellt,<br />

selbstständig oder freiberuflich – aus Ihrer<br />

Sicht zu einer besonders relevanten Zielgruppe für<br />

die Arbeitskraftabsicherung, warum betreuen Sie<br />

genau diese Zielgruppe?<br />

Benjamin Friedrich: Ich vertrete nicht die verbreitete<br />

Ansicht, dass pauschal JEDER eine Berufsunfähigkeitsversicherung<br />

braucht. In erster Linie braucht es einen<br />

absicherungswürdigen Status, sowohl in Bezug auf den<br />

Lebensstandard als auch im Hinblick auf den Karriereweg.<br />

Wer studiert hat und anschließend seinen Karriereweg<br />

mit Weiterbildungen, MBA, Prozess- und Personalverantwortung<br />

beschreitet, um sich damit einen hohen<br />

Lebensstandard mit Familie, Eigenheim und mehrfachen<br />

Urlauben aufzubauen, der hat viel zu verlieren. Die<br />

Berufsunfähigkeitsversicherung ist quasi die Garantie,<br />

dass man all das nicht umsonst auf sich genommen hat<br />

und auch im Krankheitsfall genau so weiterleben kann.<br />

Auf die meisten Ingenieure trifft die Beschreibung eines<br />

anspruchsvollen Karriere- und privaten Weges zu, das<br />

heißt, es gibt innerhalb der Zielgruppe einen klaren Bedarf.<br />

Ich selbst habe so viel Freude an der Arbeit mit Ingenieuren,<br />

weil sie sich mit ihrer analytischen Denkweise<br />

nicht vom klassischen Vertriebs-Blabla blenden lassen.<br />

Seit Beginn meiner Makler-Tätigkeit habe ich den Anspruch,<br />

dass mein Gegenüber versteht, was es da unterschreibt.<br />

Nur mit den entsprechenden fachlichen Grundlagen<br />

kann mein Gegenüber fundierte Entscheidungen<br />

treffen. Die meisten Ingenieure und andere Vertreter<br />

des MINT-Bereiches teilen diese Meinung. Daher begegnen<br />

wir uns auf derselben Ebene und haben die gleichen<br />

Ansprüche an eine Beratung. Es geht nicht darum, mit<br />

dem Sargdeckel zu klappern, sondern Risiken sachlich<br />

zu benennen und ihnen lösungsorientiert zu begegnen.<br />

Welche berufsspezifischen Risiken oder Besonderheiten<br />

sehen Sie bei Ingenieuren im Hinblick auf die<br />

BU-Absicherung?<br />

Ohne Blick auf die individuelle Situation ist das kaum<br />

abschließend zu beantworten. Die offensichtliche Gemeinsamkeit<br />

fast aller ingenieurtechnischen Berufe sind<br />

große Einkommenssprünge und aussichtsreiche Gehaltsentwicklungen.<br />

Mit wachsendem Einkommen steigt zumeist<br />

auch der Lebensstandard an. Höhere Ausgaben<br />

bedeuten einen höheren Absicherungsbedarf in der<br />

Berufsunfähigkeitsversicherung. Hierfür pauschal das<br />

Wort „Nachversicherung“ als Lösung auszurufen, greift<br />

allerdings aus meiner Sicht zu kurz. Ich brauche für diese<br />

Fälle Tarife, die ohne erneute Risikoprüfung möglichst<br />

hohe Obergrenzen für Nachversicherungen und die jährliche<br />

Dynamik bieten und optimalerweise auch große<br />

Sprünge bei jedem Ereignis zulassen. Es macht schon<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 15


LEBEN<br />

einen Unterschied, ob ich pro Ereignis nur um 500 Euro<br />

oder um 50 Prozent der BU-Rente erhöhen kann – und<br />

ob ich auf maximal 3.000 Euro nachversichern kann oder<br />

inklusive Karrieregarantie Luft bis auf 6.000 oder gar<br />

über 7.000 Euro habe. Ebenso verhält es sich mit der<br />

jährlichen Dynamik: Endet diese mit dem 55. Lebensjahr,<br />

ist dieser Tarif sehr viel unflexibler in den Hochrisiko-Jahren<br />

als eine BU, die Dynamiken bis zum Ablauf mit<br />

67 zulässt.<br />

Wie ausgeprägt ist das Bewusstsein für Berufsunfähigkeitsrisiken<br />

in dieser Berufsgruppe?<br />

Finanztip, Finanzfluss oder große Makler-Influencer wie<br />

Versicherungen mit Kopf haben in den letzten Jahren<br />

massiv dazu beigetragen, für die Notwendigkeit einer BU<br />

zu sensibilisieren. Verantwortlich dafür ist sicher auch die<br />

Tatsache, dass diese Finfluencer ein Umdenken angeregt<br />

haben. Geld und Finanzen haben ihr Tabu-Image im Vergleich<br />

zu früher noch nicht abgelegt, aber deutlich reduziert.<br />

Vermögensaufbau und Altersvorsorge sind in jüngeren<br />

Generationen vermutlich so gesellschaftstauglich<br />

wie nie zuvor – und damit auch die Frage, wie denn weiter<br />

Vermögen aufgebaut werden soll, wenn das Einkommen<br />

krankheitsbedingt ganz oder teilweise wegfällt. Dieser<br />

Wissenstransfer sorgt bei den meisten (angehenden)<br />

Ingenieuren dafür, die BU nicht nur als direkte Absicherung<br />

des Einkommens, sondern auch als notwendiges<br />

Instrument zur Erhaltung der Altersvorsorge zu sehen.<br />

Ich glaube trotzdem, dass manch andere Berufszweige<br />

ein noch ausgeprägteres Bewusstsein für die BU haben,<br />

beispielsweise Lehrerinnen und Lehrer. Dort ist das Verständnis<br />

für psychische Erkrankungen berufsbedingt<br />

noch ausgeprägter als im MINT-Bereich.<br />

Wie gestalten Sie die BU-Beratung speziell für selbstständige<br />

oder freiberufliche Ingenieure?<br />

Mein BU-Beratungsprozess ist grundsätzlich immer identisch,<br />

wenngleich mehr ein Korridor als ein konkreter<br />

Pfad. Wir arbeiten immer zuerst die Gesundheitshistorie<br />

mit Unterstützung einer ehemaligen Risikoprüferin auf,<br />

die aus ihrer Berufserfahrung sehr genau weiß, was wie<br />

angegeben werden muss, um sauberen Versicherungsschutz<br />

zu gewährleisten. Damit minimieren wir vorvertragliche<br />

Anzeigepflichtverletzungen und maximieren<br />

die Leistungswahrscheinlichkeit im BU-Fall. Nach erfolgter<br />

Aufarbeitung der Gesundheitshistorie und der entsprechenden<br />

Risikovoranfrage gehen wir mit diesen Ergebnissen<br />

zur eigentlichen Beratung über. Erst hier werden<br />

dann verschiedene Themen anders gewichtet als in<br />

der Beratung eines angestellten Ingenieurs. Beispiels-<br />

16<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


Beratungstipps für MINT-Berufe<br />

Karrieregarantie mit hohen Obergrenzen<br />

Dynamiken bis 67 Jahre<br />

Umorganisationsklausel beachten<br />

Stundung ohne Deckungskapital<br />

Individuelle Risikovoranfrage nutzen<br />

weise ist eine Karrieregarantie, die nur bei 5 Prozent<br />

Gehaltserhöhung mit unbefristetem Arbeitsvertrag greift,<br />

für einen Selbstständigen praktisch nutzlos. Der entsprechende<br />

Versicherer wäre in so einem Fall weniger interessant<br />

als für einen angestellten Ingenieur. Ich prüfe also<br />

auf Basis jedes individuellen Falles, welches die neuralgischen<br />

Punkte in den Versicherungsbedingungen sind,<br />

und stelle diese Inhalte aus den Versicherungsbedingungen<br />

gegenüber. Dabei fällt auf, dass Versicherungsbedingungen<br />

in der Marktspitze nie schlecht, aber die Unterschiede<br />

zwischen „passend“ und „unpassend“ trotzdem<br />

groß sind. Schlussendlich entscheidet mein Kunde, welcher<br />

Tarif seine Vorstellungen erfüllt.<br />

Welche Alternativen bieten Sie an, wenn eine klassische<br />

BU nicht möglich oder nicht wirtschaftlich darstellbar<br />

ist?<br />

Glücklicherweise hapert es praktisch nie an der wirtschaftlichen<br />

Darstellbarkeit, da ingenieurtechnische Berufe<br />

in den allermeisten Fällen eine der drei besten und<br />

somit günstigsten Berufsgruppeneinstufungen erhalten.<br />

Im Gegensatz dazu machen uns umfangreiche Vorerkrankungen<br />

häufiger einen Strich durch die Rechnung.<br />

Tritt ein solcher Fall auf, ist die Grundfähigkeitsversicherung<br />

die Alternative der Wahl. Hierbei ist klare Kommunikation<br />

für mich das A und O: Die Grundfähigkeitsversicherung<br />

ist im Gegensatz zur BU keine Einkommensabsicherung.<br />

Die Unterschiede im Leistungsversprechen<br />

sind essenziell für die Entscheidungsfindung des Kunden.<br />

Ja, es gibt Krankheitsbilder, infolge derer sowohl<br />

eine BU als auch eine Grundfähigkeitsversicherung leistet.<br />

Aber wir können auch andere gesundheitliche Vorfälle<br />

konstruieren, bei denen entweder die BU leistet<br />

und die GF nicht oder die GF leistet und die BU nicht. Wir<br />

haben es schlicht mit zwei völlig verschiedenen Leistungsversprechen<br />

zu tun. Dabei bleibt die BU meiner Meinung<br />

nach die einzige Versicherung, die direkt am existenziellen<br />

Problem ansetzt. Vereinfacht: Sobald ich meinem Beruf<br />

gesundheitlich bedingt nur noch zu maximal 50 Prozent<br />

nachgehen kann und somit einen Einkommensverlust<br />

erleide, wird dieser durch die BU ausgeglichen.<br />

Die Grundfähigkeitsversicherung kann daher keine BU<br />

ersetzen, stellt aber meiner Ansicht nach trotzdem die<br />

beste Alternative dar. Durch weiterentwickelte Tarife und<br />

buchbare Zusatzbausteine wie eine AU-Klausel nähert<br />

sich die GF in Sachen Leistungsumfang zumindest nach<br />

und nach der BU an. Sie ist ein verhältnismäßig neues<br />

Produkt, das nach wie vor weiterentwickelt und sehr<br />

wahrscheinlich auch in vielen Jahren noch existieren wird,<br />

während Dread Disease und Erwerbsunfähigkeitsversi-<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 17


LEBEN<br />

cherung praktisch keinen Anklang mehr am Markt finden.<br />

Auch aus diesen Produkten ließen sich in der Vergangenheit<br />

Alternativ-Absicherungen zur BU stricken, die jedoch<br />

mit dem zunehmenden Rückzug der Versicherer aus<br />

diesen Geschäftsfeldern immer uninteressanter geworden<br />

sind.<br />

für MINT-Berufsgruppen günstiger ist und einen umfassenderen<br />

Versicherungsschutz bietet. Ich fürchte daher,<br />

dass auch eine berufsspezifisch auf Ingenieure zugeschnittene<br />

Grundfähigkeitsversicherung keinen relevanten<br />

Marktanteil gegenüber der BU erreichen und somit<br />

früher oder später eingestampft werden würde.<br />

Welche Elemente sind für ein tragfähiges Absicherungskonzept<br />

bei selbstständigen Ingenieuren besonders<br />

wichtig?<br />

Gibt es aus Ihrer Beratungserfahrung typische Fallstricke,<br />

etwa bei der Berufseinstufung, Leistungsprüfung<br />

oder Verständlichkeit der Bedingungen?<br />

Auch diese Frage ist schwer allumfassend zu beantworten,<br />

weil vom Einzelfall abhängig. Unverzichtbar für viele Selbstständige<br />

ist eine belastbare Regelung zur Umorganisation.<br />

Als Kunde kaufe ich mir hiermit schlicht und ergreifend<br />

Ruhe im Leistungsfall ein. Da spielt es eine massive Rolle,<br />

ob eine Umorganisation immer möglich ist, ob darauf bei<br />

weniger als fünf oder weniger als zehn Mitarbeitern verzichtet<br />

wird – oder eben vollständig. Wählt man hier einen<br />

Versicherer mit einer suboptimalen Regelung, sollte das<br />

allen Parteien bewusst sein und entsprechend in der<br />

Beratungsdokumentation festgehalten werden. Je nach<br />

individueller Tätigkeit kann die konkrete Verweisung eine<br />

über- oder untergeordnete Rolle spielen. Zudem können<br />

insbesondere für Existenzgründer mit inkonstantem Einkommen<br />

Stundungsoptionen wichtig sein, die nicht bedingungsgemäß<br />

an ein vorhandenes Deckungskapital gebunden<br />

sind. Auch die Nachversicherungsoptionen sind von<br />

großer Relevanz für Selbstständige. Wie oben bereits erwähnt:<br />

Eine Karrieregarantie, die nur bei fünf Prozent<br />

Gehaltserhöhung mit unbefristetem Arbeitsvertrag greift,<br />

ist für einen Selbstständigen praktisch nutzlos. Hier sollten<br />

Empfehlungen nicht pauschal auf Basis möglichst<br />

großer Zahlen bei den Obergrenzen getroffen, sondern<br />

wirklich auf Passgenauigkeit im Einzelfall geprüft werden.<br />

Grundfähigkeitsversicherungen werden zunehmend<br />

berufsspezifisch gestaltet, zum Beispiel für Lokführer.<br />

Halten Sie diese Form der Absicherung auch für Ingenieure<br />

für eine sinnvolle Option?<br />

Erfahrungen dahingehend habe ich bezüglich der Berufseinstufung.<br />

Ich erlebe es in der Beratungspraxis immer<br />

wieder, dass ehemalige Vermittler oder gar Kunden selbst<br />

der Meinung waren, sich eine Berufsgruppe aussuchen<br />

zu können. Damit meine ich Fälle mit diffizilem Tätigkeitsprofil<br />

oder einer der vielen neuartigen Berufsbezeichnungen.<br />

Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Letztes<br />

Jahr erhielt ich die Anfrage eines Ingenieurs mit der Berufsbezeichnung<br />

„Digital Transformation Manager“. Er<br />

hatte sich im Rahmen seiner vorherigen Recherche bereits<br />

sehr auf die BU die LV1871 eingeschossen, was per se<br />

erst mal keine schlechte Wahl wäre. Aufgrund seines<br />

höchsten Abschlusses als Diplom-Ingenieur für Maschinenbau<br />

war er der Meinung, dass er als Maschinenbauingenieur<br />

eingestuft werden sollte, und versteifte sich daher<br />

nicht nur auf die LV1871 als Lösung, sondern auch auf die<br />

genannte Einstufung. Nach unserer Risikovoranfrage unter<br />

Berücksichtigung seines beruflichen Tätigkeitsprofils<br />

votierte die LV 1871 auf eine Einstufung als „Prozessmanager“.<br />

Inhaltlich gesehen völlig nachvollziehbar und korrekt,<br />

aber in seinem Fall eben auch nominell zwölf Euro<br />

teurer. Hätte er seine BU einfach mit einer Einstufung<br />

„Maschinenbauingenieur“ abgeschlossen, könnten wir<br />

direkt über die Verletzung der vorvertraglichen Anzeigepflicht<br />

sprechen.<br />

Welche Erfolgsfaktoren haben sich in der Praxis für<br />

eine hohe Beratungsqualität und langfristige Kundenzufriedenheit<br />

herauskristallisiert?<br />

Ich bin grundsätzlich ein Freund von Zielgruppen-Konzepten,<br />

sofern sie nicht nur Marketing-Zwecken dienen,<br />

sondern echte Mehrwerte für die Zielgruppe bieten. Bei<br />

Ingenieuren halte ich diesen Ansatz in der Grundfähigkeitsversicherung<br />

für wenig zukunftsträchtig. Aus ihrer<br />

Sicht ist die Berufsunfähigkeitsversicherung vermutlich<br />

in 99 von 100 Fällen die bevorzugte Absicherung, da sie<br />

Ehrlichkeit. Viele Kunden wollen an die Hand genommen,<br />

aber nicht über vertriebliche Tricks bevormundet werden.<br />

Sobald ich einen Kunden offen und ehrlich über alle Vorund<br />

Nachteile seiner Lösungsoptionen aufkläre, habe ich<br />

den wichtigsten Schritt im Vertrieb gemacht: Ich habe ihm<br />

das Werkzeug an die Hand gegeben, um selbst eine fundierte<br />

Entscheidung treffen zu können.<br />

18<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


Leben<br />

ADVERTORIAL<br />

Leistungsstärker, flexibler, einfacher:<br />

die neuen Risikolebensversicherungen der EUROPA<br />

Mehr Möglichkeiten, bessere Leistungen, einfacherer<br />

Abschluss: Die EUROPA hat ihre Risikolebensversicherungen<br />

überarbeitet und optimiert. Unter anderem ist<br />

es für Familien und junge Leute nun noch einfacher<br />

vorzusorgen. Zudem können Immobiliendarlehen bis zu<br />

einer Millionen Euro abgesichert werden.<br />

Ab sofort stehen die family-, Junge-Leute- sowie easy-<br />

Kurzanträge für jeden Tarif zur Verfügung. Damit brauchen<br />

Kunden lediglich zwei Gesundheitsfragen zu<br />

beantworten. Zudem hat der Kölner Versicherer die<br />

Beitragsdynamik seiner Tarife mit konstanter Versicherungssumme<br />

flexibler gestaltet: So können Versicherte<br />

ihren Beitrag nun jährlich um 2, 3 oder 4 Prozent<br />

erhöhen. Dieses Erhöhungsrecht bleibt auch nach<br />

mehrmaligem Widerspruch bestehen.<br />

Durch „Über-Kreuz-Absicherung“ Darlehen bis<br />

zu einer Million Euro absichern<br />

Der easy-Antrag, mit dem Versicherte die Finanzierung<br />

einer Immobilie oder Praxis absichern können, kann<br />

nunmehr auch für konstante Versicherungssummen<br />

zum Einsatz kommen. Im Basis- und im Premium-<br />

Schutz (Tarife E-RL und E-RLP) gilt das bis zu 500.000<br />

Euro Versicherungssumme. Partner, die sich für eine<br />

Über-Kreuz-Absicherung entscheiden und beide Darlehensnehmer<br />

sind, können sogar einen Darlehensbetrag<br />

von einer Million Euro abdecken – indem sie<br />

sich gegenseitig mit 500.000 Euro Versicherungssumme<br />

im Tarif E-VRL absichern.<br />

family-Antrag mit wichtiger Neuerung<br />

Beim family-Antrag hat die EUROPA die Frist für die<br />

Beantragung nach der Geburt oder Adoption von 6 auf<br />

12 Monate erweitert. Außerdem entfällt bei Antragstellung<br />

die Vorlage weiterer Dokumente wie Mutterpass<br />

oder Geburtsurkunde. Zusätzlich hat der Versicherer<br />

in allen Tarifen den „vorläufigen Versicherungsschutz“<br />

von 100.000 auf 200.000 Euro angehoben.<br />

Mehr Infos zu den Tarifen der<br />

EUROPA Risikolebensversicherung<br />

erhalten Sie beim:<br />

Makler-Service-Team<br />

Telefonnummer: 0221 5737-300<br />

E-Mail: vep@europa.de<br />

www.europa-vertriebspartner.de/produkte/risiko-leben<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 19


LEBEN<br />

Bis dass der Tod euch scheidet…<br />

Was passiert mit Rentenansprüchen und Altersvorsorge bei Scheidung? Alexander Schrehardt (AssekuranZoom) und<br />

Martin Gräfer (die Bayerische) erläutern die komplexen Regelungen zum Versorgungsausgleich – und zeigen, wie<br />

Berater heikle Fragen mit Fingerspitzengefühl ansprechen können.<br />

»Versorgungsausgleich ist<br />

kein romantisches Thema –<br />

aber eines mit weitreichenden<br />

Folgen.«<br />

Alexander Schrehardt & Martin Gräfer<br />

Martin Gräfer<br />

Mitglied der Vorstände die Bayerische<br />

Alexander Schrehardt<br />

AssekuranZoom GbR<br />

I<br />

m Jahr 2024 gaben sich 329.000 Paare das Ja-Wort und stellten vor einem<br />

Standesbeamten die Weichen für einen gemeinsamen Lebensweg. Doch rund<br />

ein Drittel der Ehepaare hatte den Wunsch, den Bund der Ehe vor einem Scheidungsrichter<br />

wieder aufzulösen – teilweise schon nach durchaus kurzer Zeit. Im Fall einer<br />

Ehescheidung werden auch die Vermögenswerte und Versorgungsanwartschaften<br />

bewertet und zwischen den ehemaligen Ehepartnern auseinanderdividiert. Eine<br />

Situation, die für viele Betroffene oftmals zu unangenehmen Überraschungen führt.<br />

Nach dem vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Trennungsjahr, das in begründeten<br />

Einzelfällen nicht eingehalten werden muss (zum Beispiel bei körperlicher Gewalt<br />

gegen einen Ehegatten), kann eine Ehe geschieden werden. Gehen die Ehegatten<br />

wieder getrennte Wege müssen, Vermögenswerte – vorbehaltlich einer Regelung<br />

20<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


Was ist der Versorgungsausgleich?<br />

Der Versorgungsausgleich regelt bei einer Scheidung die Aufteilung<br />

der während der Ehe erworbenen Rentenansprüche beider<br />

Ehepartner. Ziel ist eine faire Verteilung der Altersvorsorge, einschließlich<br />

gesetzlicher, betrieblicher und privater Rentenanwartschaften.<br />

im Rahmen eines Ehevertrages – aufgeteilt und ein Versorgungsausgleich durchgeführt<br />

werden. Im Rahmen des Versorgungsausgleichs werden während der Ehezeit<br />

von den Ehepartnern erworbene Versorgungsanwartschaften und -ansprüche wegen<br />

Alters und einer verminderten Erwerbsfähigkeit bewertet und ausgeglichen.<br />

Der Gesetzgeber hat im Versorgungsausgleichsgesetz normiert, dass die während<br />

der Ehezeit erworbenen Anteile von Anrechten (Ehezeitanteile) jeweils zur Hälfte<br />

zwischen den geschiedenen Ehegatten zu teilen sind; man spricht dabei von einer<br />

Halbteilung der Anrechte. Dabei wird der Ehegatte, der einen auszugleichenden<br />

Versorgungsanteil während der Ehezeit erworben hat, als ausgleichspflichtige Person<br />

und der Ehegatte, dem die Hälfte des ehezeitanteiligen Versorgungsanspruchs<br />

zusteht, als ausgleichsberechtigte Person bezeichnet.<br />

Im Rahmen des Versorgungsausgleichs müssen durch Arbeit oder Vermögen im In-<br />

und Ausland ehezeitanteilig erworbene Versorgungsanwartschaften und -ansprüche<br />

aus<br />

• der gesetzlichen Rentenversicherung,<br />

• der Beamtenversorgung,<br />

• berufsständischen Versorgungswerken,<br />

• der Zusatzversorgung des öffentlichen Dienstes,<br />

• der betrieblichen Altersversorgung und<br />

• privaten Lebensversicherungen<br />

zwischen den Ehepartnern ausgeglichen werden.<br />

Versorgungsanwartschaften, die bei einem Träger der gesetzlichen Rentenversicherung,<br />

einem berufsständischen Versorgungswerk oder bei einem privaten Lebensversicherer<br />

erworben wurden, werden im Rahmen der internen Teilung ausgeglichen.<br />

Dabei wird ein zeitanteiliger Versorgungsanspruch von dem Rentenkonto oder<br />

dem Versicherungsvertrag des ausgleichspflichtigen Ehegatten auf das Rentenkonto<br />

oder den Versicherungsvertrag des ausgleichsberechtigten Ehegatten übertragen.<br />

Ein Ausgleich von Versorgungsanwartschaften und -rechten muss verpflichtend<br />

durchgeführt werden, wenn die Ehe mindestens drei Jahre bestanden hat. Im Fall<br />

einer Ehezeit von weniger als drei Jahren kann ein Versorgungsausgleich von einem<br />

der Ehepartner aber beantragt werden und muss dann auch durchgeführt werden.<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 21


LEBEN<br />

Ausgleich von Versorgungsanwartschaften<br />

Bei einem Ausgleich von Versorgungsanwartschaften bei einem Träger der gesetzlichen<br />

Rentenversicherung werden die ehezeitanteilig erworbenen Entgeltpunkte<br />

ermittelt und nach dem Halbteilungsverfahren zwischen den geschiedenen Ehegatten<br />

ausgeglichen. In der Alltagspraxis werden versorgungsrechtliche Ansprüche<br />

zwischen geschiedenen Ehegatten in der Mehrheit der Fälle im Rahmen der internen<br />

Teilung ausgeglichen. Dabei überträgt das zuständige Familiengericht nach der<br />

Ermittlung des Anspruchs der ausgleichsberechtigten Person ein Anrecht in Höhe<br />

des Ausgleichswerts bei dem Versorgungsträger, bei dem das Anrecht der ausgleichspflichtigen<br />

Person besteht.<br />

»Am Ende bleiben von<br />

gemeinsamen Jahren<br />

oft nur geteilte<br />

Ansprüche.«<br />

Alexander Schrehardt &<br />

Martin Gräfer<br />

Der Versorgungsausgleich umfasst auch eine Teilung von Versorgungsansprüchen<br />

aus privaten Kapitalversicherungen, das heißt, zu Verträgen der privaten Altersvorsorge<br />

wird der ehezeitanteilige Aufbau von Versorgungsansprüchen ermittelt. Allerdings<br />

muss im ersten Schritt die Form der Auszahlung hinterfragt werden. So umfasst<br />

der Versorgungsausgleich nur private Kapitalversicherungsverträge, die eine<br />

Rentenzahlung im Versicherungsfall vorsehen. Sofern die Versicherungsleistung aus<br />

einer Kapitalversicherung als einmalige Kapitalleistung ausbezahlt wird, wird dieser<br />

Versicherungsvertrag nicht vom Versorgungsausgleich umfasst. Vielmehr müssen<br />

Ansprüche im Rahmen des Zugewinnausgleichs berücksichtigt werden. Dies gilt<br />

auch für eine Rentenversicherung, zu der ein Versicherungsnehmer das vertraglich<br />

eingeräumte Kapitalwahlrecht ausgeübt hat.<br />

Sofern der Versicherungsfall zum Zeitpunkt der Scheidung noch nicht eingetreten<br />

ist, erfolgt die Halbteilung regelmäßig mit der Übertragung eines der auszugleichenden<br />

Rentenanwartschaft entsprechenden Kapitalbetrags. Nachdem für Versicherungsverträge<br />

der Versorgungsschicht 1 eine Kapitalisierung ausgeschlossen ist,<br />

wirft dies die Frage nach der Zulässigkeit einer Kapitalübertragung auf. Das Bundesministerium<br />

für Finanzen führt hierzu in seinem Schreiben vom 24.5.2017 aus, dass<br />

„die Übertragung von Anrechten aus einem Basis-Rentenvertrag zur Regelung von<br />

Scheidungsfolgen nach dem Versorgungsausgleichsgesetz, insbesondere im Rahmen<br />

einer internen oder externen Teilung unschädlich ist.“<br />

Ausgleich von Invaliditätsrenten<br />

Nachdem in Verbindung mit einer privaten Rentenversicherung auch das Risiko der<br />

Berufsunfähigkeit des Versicherungsnehmers sowohl in der Versorgungsschicht 3<br />

als auch in der Versorgungsschicht 1 abgesichert werden kann, stellt sich die Frage<br />

nach einer Ausgleichspflicht für diesen ergänzenden Versicherungsschutz.<br />

Mit dem laufenden Beitrag zu einer Berufsunfähigkeitsversicherung sichert sich der<br />

Versicherungsnehmer einen garantierten Versicherungsschutz für den Fall einer<br />

bedingungsgemäßen Berufsunfähigkeit. Ein Deckungskapital wird erst bei Eintritt<br />

des Versicherungsfalls gebildet. Auch Berufsunfähigkeits- und andere Rentenleistungen,<br />

die im Invaliditätsfall, das heißt aufgrund eines (teilweisen) Verlustes der<br />

Arbeitskraft, ausbezahlt werden, müssen im Fall einer Scheidung im Rahmen des<br />

Versorgungsausgleichs berücksichtigt werden. Dabei müssen private Versorgungs-<br />

22<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


ansprüche für den Fall der Berufs- oder Erwerbsunfähigkeit, der teilweisen oder<br />

vollen Erwerbsminderung und betriebliche Versorgungsansprüche für den Fall der<br />

Invalidität differenziert betrachtet werden.<br />

Der Gesetzgeber hat im Versorgungsausgleichsgesetz normiert, dass ein Versorgungsanspruch<br />

wegen Invalidität aus einem privaten Vorsorgevertrag nur auszugleichen<br />

ist, wenn der Versicherungsfall während der Ehezeit eingetreten ist. Sofern<br />

ein Anrecht auf Invaliditätsleistungen aus einem privaten Versicherungsvertrag<br />

besteht und dieses in den Versorgungsausgleich einzubeziehen ist, gilt das Anrecht<br />

in vollem Umfang als in der Ehezeit erworben. Der auszugleichende Wert der Invaliditätsversorgung<br />

entspricht dabei der Hälfte der von dem ausgleichspflichtigen<br />

Ehepartner bezogenen Rentenleistungen. Ein Anspruch des ausgleichsberechtigten<br />

Ehepartners setzt allerdings voraus, dass dieser<br />

• entweder am Ende der Ehezeit eine laufende Versorgung aufgrund einer leistungspflichtigen<br />

Invalidität bezieht oder<br />

• die Voraussetzungen für einen Anspruch auf Invaliditätsleistungen dem Grunde<br />

nach erfüllt.<br />

Strategische Vorsorgeberatung mit Blick auf ein Worst-Case-<br />

Szenario<br />

Vor allem ältere oder schon einmal geschiedene Partner werden vor dem Gang zum<br />

Standesamt auch schon einmal die Folgen einer möglichen Trennung besprechen.<br />

Von Versicherungsvermittlern werden in der Beratung gelegentlich sehr fragwürdige<br />

Vorschläge für die Einrichtung von zum Beispiel einer privaten Altersversorgung mit<br />

Blick auf eine eventuelle Scheidung vorgelegt, wie das nachfolgende Beispiel verdeutlichen<br />

soll:<br />

Michael Mustermann, erfolgreicher Unternehmer, hatte nach der Scheidung<br />

von seiner langjährigen Ehefrau Margit die 20 Jahre jüngere Melanie geheiratet.<br />

Nachdem Herr Mustermann den Rosenkrieg mit Ehefrau Nr. 1 noch vor Augen<br />

hatte, wollte er Ehefrau Nr. 2 gut versorgen, aber auch gleichzeitig die „Hand<br />

auf dem Portemonnaie“ halten. Von seinem Versicherungsmakler erhielt der<br />

Unternehmer hierfür folgenden Versorgungsvorschlag:<br />

»Versorgungsanwartschaften<br />

müssen bei<br />

Scheidung hälftig geteilt<br />

werden – oft mit<br />

unerwarteten Folgen.«<br />

Alexander Schrehardt &<br />

Martin Gräfer<br />

Der Makler offerierte seinem Kunden den Abschluss einer privaten Basis-Rentenversicherung<br />

mit einer Berufsunfähigkeits-Zusatzversicherung für Ehefrau<br />

Melanie. Herr Mustermann sollte als Versicherungsnehmer in den Vertrag<br />

eintreten und sich die Bezugsrechte für den Todes- und Erlebensfall sichern;<br />

für Ehefrau Melanie sollte das Bezugsrecht für den Fall einer Berufsunfähigkeit<br />

eingetragen werden. Nachdem Herr Mustermann als Versicherungsnehmer die<br />

Beiträge für die Basis-Rentenversicherung bezahlen würde, könnte er diese im<br />

Rahmen des Sonderausgabenabzugs auch steuermindernd geltend machen.<br />

Ein Blick in das Schreiben des Bundesministeriums der Finanzen beweist sehr<br />

schnell, dass die Offerte des Versicherungsmaklers nicht realisierbar ist. So benennt<br />

das BMF in seinem Schreiben zur einkommensteuerrechtlichen Behandlung von<br />

Vorsorgeaufwendungen vom 24.5.2017 (Rn. 10) als verpflichtende Voraussetzung<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport<br />

23


LEBEN<br />

für die Berücksichtigung der Beiträge zu einer Basis-Rentenversicherung (oder<br />

auch einem Basis-Sparvertrag) die Personenidentität von Versicherungsnehmer,<br />

versicherter Person und Beitragszahler. Ein steuerrechtliches Dogma, das nur<br />

bei der Absicherung des Berufsunfähigkeitsrisikos des Inhabers eines Basis-<br />

Sparvertrages teilweise durchbrochen werden darf.<br />

Trotzdem kann die Einrichtung einer Basis-Rentenversicherung für die Ehefrau<br />

im vorliegenden Fall durchaus sinnvoll sein. So müssten im Fall einer Scheidung<br />

der Ehegatten die ehezeitanteilig erworbenen Versorgungsleistungen im Rahmen<br />

des Versorgungsausgleichs aufgeteilt werden. Unterstellt man, dass der<br />

Abschluss der Basis-Rentenversicherung erst nach dem Ehegelübde erfolgte,<br />

würden die bis zum Zeitpunkt der Scheidung erworbenen Versorgungsleistungen<br />

hälftig zwischen den Ehepartnern aufgeteilt werden. Allerdings sollte die Beitragszahlung<br />

zu der Basis-Rentenversicherung von einem Bankkonto der Ehefrau<br />

erfolgen, sodass einerseits die geforderte Personenidentität von Versicherungsnehmer,<br />

versicherter Person und Beitragszahler nachweislich gewährleistet<br />

ist und andererseits nicht die Frage nach der steuerrechtlichen Bewertung<br />

einer Schenkung aufgeworfen wird.<br />

Fingerspitzengefühl in der Beratung gefordert ...<br />

Die Thematisierung eines Ausgleichs von Versorgungsanrechten im Rahmen<br />

des Versorgungsausgleichs im Kundengespräch mit frisch getrauten Ehepaaren<br />

erfordert vom Vermittler ein Höchstmaß an „Fingerspitzengefühl“. Nicht alle<br />

Kunden werden sich diesem Thema mit der gebotenen Sachlichkeit öffnen. Vor<br />

allem im Fall einer Scheidung und einer anschließenden Wiederverheiratung<br />

werden sich ein oder beide Ehepartner sicherlich in vielen Fällen dem qualifizierten<br />

Sachvortrag des Vermittlers, der gegenüber seinen Kunden mit fachlicher<br />

Expertise punkten kann, nicht verschließen.<br />

Beratungsleitfaden Versorgungsausgleich<br />

Gut zu wissen:<br />

Versorgungsausgleich ist Pflicht bei Ehen ab drei Jahren<br />

Betrifft Renten, Beamtenversorgung, bAV, private Altersvorsorge<br />

Kapitalwahlrecht kann Auswirkungen haben<br />

Interne Teilung ist der Regelfall<br />

24<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


Mal Budder bei die Fische:<br />

Kann man mit bAV ’nen<br />

großen Fang machen?<br />

Ja, mit dem Komplettpaket der CDL!<br />

Mit der CDL ziehen Sie die ganz dicken bAV-Fische an Land. Überzeugen Sie Ihre Kunden mit starken<br />

Leistungen, individuellen Lösungen und frischen Impulsen. Als unser Partner profitieren Sie von<br />

• maßgeschneiderten Konzepten und einer umfangreichen Produktauswahl.<br />

• der Möglichkeit einer vollständig automatisierten bAV-Beratung durch ein digitales Tool.<br />

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Telefon 040 36139789<br />

bav-beratungsservice@condor-versicherungen.de<br />

makler-leuchttuerme.de/bav


LEBEN<br />

Digitalisierung in der Berufsunfähigkeitsversicherung:<br />

Neue Wege der Risikoprüfung<br />

Digitale Diagnosen, KI & Selfies: Wie die Risikoprüfung in der Berufsunfähigkeitsversicherung revolutioniert wird – und<br />

welche Herausforderungen bleiben. Ein Blick in die Praxis von Diana Boduch, Versicherungsforen Leipzig.<br />

»Falsche oder unvollständige Diagnosen können auch<br />

digitale Systeme nicht kompensieren.«<br />

Diana Boduch<br />

Leiterin Produkt-, Prozess- &<br />

Serviceentwicklung Versicherungsforen Leipzig<br />

D<br />

ie Berufsunfähigkeitsversicherung ist eine der wichtigsten Absicherungen<br />

für Erwerbstätige – und zugleich eine der beratungsintensivsten. Im Zentrum<br />

des Abschlussprozesses steht seit jeher die Risikoprüfung, die traditionell mit<br />

umfangreichen Gesundheitsfragen, Angaben zu Hobbys, Raucherstatus, BMI und<br />

Vorerkrankungen verbunden ist. Für Kundinnen und Kunden bedeutet das oft eine<br />

hohe Hürde: Die Aufarbeitung der Gesundheitshistorie und Beschaffung aller<br />

relevanten Daten ist aufwendig und nicht selten mit Unsicherheiten verbunden.<br />

Für Vermittler ist die Abfrage sensibler Gesundheitsdaten eine Herausforderung –<br />

sowohl in Bezug auf die Gesprächsführung als auch auf die rechtssichere Dokumentation.<br />

Für Versicherer ist der Prozess, angefangen bei der Risikovoranfrage<br />

über die eigentliche Datensichtung bis zur Entscheidung, noch immer ressourcenintensiv,<br />

aber notwendig, um das Risiko adäquat zu kalkulieren.<br />

In den letzten Jahren hat die Digitalisierung jedoch neue Perspektiven eröffnet, wie<br />

dieser komplexe Prozess transformiert werden kann.<br />

26<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


Digitale Risikoprüfung im Überblick<br />

Neu & zukunftsweisend:<br />

Etabliert:<br />

ePA (elektronische Patientenakte)<br />

Ermöglicht die strukturierte Nutzung realer Gesundheitsdaten<br />

– mit Zustimmung des Kunden.<br />

Teleunderwriting<br />

Telefonische Gesundheitsinterviews durch geschulte<br />

Fachkräfte – spart Zeit, sorgt für rechtssichere Dokumentation.<br />

KI & GenAI<br />

Analysieren komplexe Daten, erkennen Risikomuster<br />

und schaffen individuelle Risikoprofile – lernend und<br />

adaptiv.<br />

Point-of-Sale-Tools<br />

Digitale Antragsstrecken beim Kunden – teils mit<br />

Sofortentscheidung bei einfachen Fällen.<br />

Selfie-Biometrie<br />

Testweise im Einsatz: KI analysiert Gesichtsmerkmale<br />

zur Einschätzung von Alter, Gesundheitszustand und<br />

Lebensstil.<br />

Evolution der Risikoprüfung<br />

Die Risikoprüfung bei Berufsunfähigkeitsversicherungen durchlief bereits mehrere<br />

Entwicklungsstufen. Vor über einem Jahrzehnt begannen Versicherer mit der Einführung<br />

des Teleinterviewings und Teleunderwritings, um den Antragsprozess zu<br />

vereinfachen. Statt schriftlicher Fragebögen werden dabei Gesundheitsfragen telefonisch<br />

durch geschulte Experten digital erfasst, was die Antragsbearbeitungszeit<br />

zu damaligen Zeiten um durchschnittlich 30 Prozent reduzierte und den Prozess<br />

für Kundinnen und Kunden sowie Vertrieb erleichterte.<br />

Ein weiterer Schritt in Richtung Digitalisierung waren Point-of-Sale-Systeme, die<br />

Versicherer ihrem Vertrieb zur Verfügung stellen. Damit ist die digitale Antragserfassung<br />

und Übermittlung der Daten vor Ort beim Kunden möglich, in einfachen<br />

Fällen sogar mit einem sofortigen Votum. Obwohl aus Prozesssicht für den Versicherer<br />

ein echter Vorteil, erfreuen sich diese Systeme beim Vertrieb anfänglich<br />

nicht großer Beliebtheit, da vor allem komplexe Fälle schwer abbildbar waren und<br />

noch immer sind.<br />

Auch die Kommunikation mit Fachärzten und -ärztinnen, für die Anforderung von<br />

Hausarztberichten oder für konkrete Rückfragen, rückt immer mehr vom klassischen<br />

Postweg ab und geht in Richtung digitaler Kommunikation, was die Prozesse beschleunigt.<br />

Bereits 2018 verfolgte ein Versicherer einen ganz neuen Ansatz in der Antragsprüfung:<br />

Gesundheitsdaten wurden aus den Akten der Krankenkassen in den Antragsprozess<br />

integriert, um den Kunden bei den Gesundheitsangaben zu entlasten. Dies<br />

war zum damaligen Zeitpunkt noch mit manuellem Auswertungsaufwand durch<br />

den Versicherer verbunden und konnte sich nicht durchsetzen.<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 27


LEBEN<br />

Digitale Risikoprüfung im Wandel<br />

ePA: Strukturierte Gesundheitsdaten statt fehleranfälliger Selbstauskunft<br />

KI & GenAI: Automatisierte Bewertung medizinischer Daten, lernende Systeme<br />

Selfie-Analyse: Biometrische Daten liefern neue Gesundheitsindikatoren<br />

Herausforderung: Datenqualität, Datenschutz, Akzeptanz<br />

Mit der Einführung der elektronischen Patientenakte (ePA) gewinnt der Grundgedanke,<br />

externe Daten einzubeziehen, wieder an Attraktivität. Durch die strukturierte<br />

digitale Erfassung von Gesundheitsdaten könnte – mit entsprechender Einwilligung<br />

des Antragstellers – ein direkter und effizienter Datenaustausch für die Risikoprüfung<br />

realisiert werden. Während Kundinnen und Kunden bei der herkömmlichen<br />

Selbstauskunft Angaben vergessen oder falsch einschätzen können, bieten digital<br />

erfasste Diagnosen, Medikationshistorien und Krankschreibungen ein lückenloses<br />

Bild: viel Potenzial für eine Verbesserung der Risikoeinschätzung bei gleichzeitiger<br />

Vereinfachung für den Kunden.<br />

Die zentrale Herausforderung besteht allerdings weiterhin in der automatisierten<br />

Interpretation und Bewertung dieser komplexen medizinischen Informationen.<br />

KI und GenAI als Gamechanger<br />

KI-Systeme und GenAI setzen an dieser Herausforderung an und haben das Potenzial,<br />

die Risikoprüfung zu revolutionieren. KI-Systeme können aus diesen neuen<br />

und digital verfügbaren Gesundheitsdaten Wahrscheinlichkeiten für Berufsunfähigkeitsrisiken<br />

berechnen und ermöglichen zudem eine kontinuierliche Verbesserung<br />

der Risikomodelle. Das System lernt aus jedem neuen Fall und erhöht die<br />

Prognosegüte kontinuierlich. Weg von pauschalen Risikokategorien hin zu individualisierten<br />

Risikoprofilen. So können in Medikamenten- und Diagnosedaten Muster<br />

erkannt werden, die auf erhöhte BU-Risiken hindeuten und einen Aufschlag in<br />

der Kalkulation begründen. Auf der anderen Seite kann eine versicherte Person<br />

mit gut eingestellter chronischer Erkrankung künftig vielleicht deutlich besser<br />

eingestuft werden als im traditionellen System, das oft mit harten Ausschlusskriterien<br />

arbeitet.<br />

28<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


Biometrische Daten als Ergänzung<br />

Neben der reinen Digitalisierung der Prozesse und der Analyse der Daten über KI<br />

können auch ganz neue Daten und Informationsquellen künftig in die Risikoprüfung<br />

einfließen. In Asien als auch Amerika wurden bereits 2018 innovative Ansätze<br />

erprobt, die biometrische Daten in die Antragstellung einbeziehen: Die Kundin<br />

reicht unter anderem ein Selfie ein. Das KI-System scannt das Bild und analysiert<br />

Tausende verschiedene Regionen des Gesichts. Dies erlaubt ihm Rückschlüsse auf<br />

Alter, Körpergewicht und Gesundheitszustand sowie darauf, wie schnell die Person<br />

altert und ob sie beispielsweise raucht.<br />

Herausforderungen und Ausblick<br />

Die Risikoprüfung in der Berufsunfähigkeitsversicherung wird in Zukunft nicht mehr<br />

dieselbe sein, der Wandel ist in vollem Gange und die Potenziale für Prozessbeschleunigung<br />

und Individualisierung riesig. Trotz aller Fortschritte bleiben Herausforderungen.<br />

Die Qualität der zugrunde liegenden Daten ist entscheidend für die<br />

Güte der Risikoprüfung.<br />

An dieser Stelle sei auf unbewusst wie bewusst falsch dokumentierte Diagnosen<br />

in den Krankenakten der Kunden hingewiesen, denn falsche oder unvollständige<br />

Angaben können auch digitale Systeme nicht kompensieren. Zudem müssen Datenschutz<br />

und IT-Sicherheit höchsten Standards genügen, um das Vertrauen der<br />

Kundinnen und Kunden zu erhalten. Nicht zuletzt ist die Akzeptanz beim Vermittler<br />

und natürlich beim Kunden ein Schlüsselfaktor.<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 29


LEBEN<br />

Das Beste aus zwei Welten<br />

Wenn Riester und Rürup zu einem echten Zukunftsmodell verschmelzen<br />

Wie kann eine zeitgemäße Altersvorsorge aussehen? Prof. Michael Hauer vom Institut für Vorsorge und Finanzplanung<br />

sieht erheblichen Reformbedarf – und liefert mit seinem Team konkrete Vorschläge. In seinem Gastbeitrag erklärt er,<br />

warum die Riester-Rente nicht abgeschafft, sondern modernisiert werden sollte, welche Chancen die Frühstartrente<br />

bietet und was von der Bundesregierung jetzt gefordert ist.<br />

30<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


D<br />

ie aktuelle Bundesregierung hat sicherlich zunächst einmal andere Probleme<br />

wie zum Beispiel Ukrainekrieg, Zolldrohungen von Trump und so<br />

weiter, die gelöst werden müssen. Das Thema Altersvorsorge wird jedoch<br />

spätestens Ende 20<strong>25</strong> bzw. in 2026 angepackt werden müssen. Bei der gesetzlichen<br />

Rente scheinen sich CDU/CSU und SPD gemäß Koalitionsvertrag einig zu sein, dass<br />

das Rentenniveau zumindest bis 2031 bei 48 Prozent gehalten wird. Aus fachlicher<br />

Sicht ist diese Maßnahme nicht optimal, da dadurch eine nicht unbeachtliche Beitragserhöhung<br />

für die Arbeitnehmer die Folge sein wird. Zudem sorgt das Rentenniveau<br />

von 48 Prozent bei weitem nicht dafür, den Lebensstandard im Alter zu sichern.<br />

Deshalb muss die private und betriebliche Altersversorgung (bAV) unweigerlich<br />

gestärkt werden.<br />

Zur bAV sind im Koalitionsvertrag letztendlich nur pauschale Aussagen wie zum<br />

Beispiel, dass die bAV gestärkt und vereinfacht und die Portabilität bei einem Arbeitgeberwechsel<br />

erhöht werden soll, zu finden. Wie dies konkret umgesetzt werden<br />

kann, wird in keinster Weise angesprochen. Somit ist viel Spielraum bei der Umsetzung<br />

vorhanden – wir müssen uns also gedulden, wohin hier die Reise geht.<br />

Im Koalitionsvertrag ist auch ein neues Thema zu finden: Die Frühstartrente. Diese<br />

Frühstartrente soll bereits zum 1.1.2026 eingeführt werden. Bei dieser sollen die<br />

Kinder vom sechsten bis zum 18. Lebensjahr pro Monat zehn Euro erhalten, die in<br />

ein Altersvorsorgedepot fließen. Die Erträge aus dem Depot sollen bis zum Renteneintritt<br />

steuerfrei sein und das Kapital kann erst beim Erreichen der Regelaltersgrenze<br />

ausgezahlt werden. Sicherlich ein guter Ansatz, der in Kombination mit einer reformierten<br />

Riester-Rente ein sehr gutes Gesamtkonstrukt ergeben kann.<br />

»Das neue Produkt<br />

soll unabhängig von<br />

Einkommen und Lebenssituation<br />

immer<br />

passen.«<br />

Prof. Michael Hauer<br />

Institut für Vorsorge und Finanzplanung<br />

Zur privaten Altersvorsorge gibt es im Koalitionsvertrag eine relativ kurze Passage,<br />

in der auf die Absicht hingewiesen wird, ein neues Vorsorgeprodukt anstelle der<br />

Riester-Rente einzuführen. Bei dem neuen Anlageprodukt soll auf zwingende Garantien<br />

verzichtet sowie die Kosten reduziert werden. Zudem soll der Förderkreis ausgeweitet<br />

werden.<br />

Das Institut für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP) hat dazu einen Reformvorschlag<br />

veröffentlicht (abrufbar siehe QR-Code). In diesem Reformvorschlag wird die Riester-<br />

Rente für alle gefordert, das heißt keine Unterscheidung mehr zwischen unmittelbarer<br />

und mittelbarer Förderfähigkeit – eine wesentliche Vereinfachung für die Praxis.<br />

Darüber hinaus schlägt das IVFP eine grundlegende Modernisierung der geförderten<br />

privaten Altersvorsorge vor, indem die erfolgreichen Elemente der Riester-Rente als<br />

auch der Rürup-Rente in ein gemeinsames Förderkonstrukt überführt werden.<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 31


LEBEN<br />

Gleichzeitig sollen die bedeutendsten Schwachstellen entfernt werden. Das neue<br />

Produkt soll grundsätzlich jedem offenstehen und derart gestaltet sein, dass es<br />

unabhängig von Einkommen und Lebenssituation immer passt. Im Kern sehen die<br />

Reformvorschläge vom IVFP die Möglichkeit vor, dass automatisch zwischen der<br />

Zulagenförderung (Zulagenmodus) und einer steuerlichen Förderung (Steuersparmodus)<br />

entschieden wird – je nachdem, was für den Sparer günstiger ist. Dadurch<br />

wird sichergestellt, dass sowohl Haushalte mit niedrigem Einkommen als auch<br />

besser verdienende Bürger eine optimal auf ihre finanzielle Situation zugeschnittene<br />

Förderung erhalten.<br />

Ein wesentlicher Bestandteil dieser Neuausrichtung ist die Auszahlung der Grundund<br />

Kinderzulagen an alle Vertragsinhaber – ohne die bisherige Hürde eines Mindesteigenbeitrags.<br />

Die komplexe Prüfung des Mindesteigenbeitrags in Abhängigkeit<br />

vom Vorjahreseinkommen entfällt somit. Im Zulagenmodus wird die Zulagensystematik<br />

um einen Vorsorgeanreiz ergänzt, indem jedem zusätzlich eingezahlten<br />

Euro ein Zuschuss von 20 Cent aufgeschlagen wird. Als maximal förderfähiger<br />

Betrag soll die heute schon vorhandene Fördergrenze der ersten Schicht übernommen<br />

werden (29.344 Euro/58.688 Euro bei ledig/verheiratet), die bereits heute bei<br />

der Rürup-Rente besteht.<br />

Ein weiterer wichtiger Aspekt des Reformvorschlags ist die Erhöhung der Flexibilität<br />

bei der Kapitalanlage und den Auszahlungsmöglichkeiten. Die bisherige Verpflichtung<br />

zur 100%igen Beitragsgarantie wird aufgehoben, um höhere Renditechancen<br />

zu ermöglichen. Gleichzeitig soll die starre Auszahlungsregelung gelockert werden:<br />

Bis zu 50 Prozent des angesparten Kapitals können auf Wunsch als Einmalbetrag<br />

entnommen werden. Alternativ ist die steuerneutrale Übertragung in einen Auszahlplan<br />

möglich. Der nicht kapitalisierte Anteil ist zwingend als Leibrente darzustellen.<br />

In allen Fällen ist der Mittelzufluss regulär zu versteuern.<br />

Ein weiterer Reformbaustein ist die Verbesserung der Wechselmöglichkeiten zwischen<br />

Anbietern. Nach einer gewissen Mindestlaufzeit soll ein kostenfreier Wechsel<br />

möglich sein, um den Wettbewerb zwischen den Anbietern zu fördern und die<br />

Verwaltungskosten für die Sparer zu senken. Zudem wird eine klare Trennung von<br />

Anspar- und Auszahlungsphase angestrebt, sodass Bürger beim Übertritt in die<br />

Auszahlungsphase flexibel den Anbieter wechseln und sich für die individuell<br />

passende Form der Altersvorsorge entscheiden können. Nach dem Motto „das<br />

Beste aus zwei Welten“ würde der Gesetzgeber mit der Zusammenlegung von<br />

Riester und Rürup mit relativ einfachen Schritten eine optimale Lösung für die<br />

private Altersvorsorge schaffen. Hoffentlich hat er den Mut dazu.<br />

So könnte Altersvorsorge morgen aussehen<br />

Reformvorschlag des IVFP entdecken<br />

32<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


Insurance Today<br />

and Tomorrow<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

Dr. Norbert<br />

Rollinger<br />

<br />

<br />

Klaus-Jürgen<br />

Heitmann<br />

<br />

<br />

Prof. em.<br />

Dr. Walter<br />

Brenner<br />

<br />

<br />

<br />

Dr. Olaf<br />

Frank<br />

<br />

Petra<br />

Hielkema<br />

<br />

Klaus<br />

Günther<br />

Leyh<br />

<br />

<br />

<br />

<br />

Mathias<br />

Röcker<br />

<br />

<br />

Jens<br />

Warkentin<br />

<br />

<br />

<br />

u.v.a.<br />

<br />

<br />

<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 33


RUBRIK BERATUNG & MARKETING<br />

Schäden aus dem Leben<br />

Wenn Kundenerwartungen und Vertragswirklichkeit auseinanderklaffen<br />

Versicherungen sollen im Ernstfall schützen. Doch immer wieder prallen Vorstellungen der Kunden und die tatsächlichen<br />

Vertragsinhalte aufeinander. Der Jahresbericht der Ombudsfrau für Versicherungen 2024 zeigt exemplarisch, wie<br />

falsche Erwartungshaltungen zu Konflikten führen. Vermittler sind gefragt, aufzuklären – insbesondere über Ausschlüsse,<br />

Obliegenheiten und die Grenzen des Versicherungsschutzes.<br />

Wenn Versicherte mehr erwarten, als der Vertrag vorsieht<br />

1. Streik und Rechtsschutz: Das unterschätzte Kleingedruckte<br />

Fall: Ein Kunde forderte Rechtsschutz für Ansprüche nach einem Flugausfall<br />

wegen Streiks. Der Versicherer lehnte ab – unter Berufung auf einen allgemeinen<br />

Streikausschluss in den Bedingungen.<br />

Kundenerwartung: Versicherungsnehmer gingen davon aus, dass der Rechtsschutzversicherungsschutz<br />

grundsätzlich für alle privatrechtlichen Auseinandersetzungen<br />

mit Unternehmen bestehe – insbesondere bei offenkundig<br />

fremdverursachten Leistungsausfällen wie Flugstreichungen.<br />

Beratungsimpuls: Ausschlussklauseln – etwa bei Streik, vorsätzlichen Straftaten<br />

oder Kapitalanlagen – gehören zu den besonders beratungsintensiven Bestandteilen<br />

eines Rechtsschutzvertrags. Vermittler sollten im Beratungsgespräch konkret<br />

auf diese Regelungen hinweisen und typische Anwendungsfälle besprechen. – und<br />

dabei auch die Bedeutung der jeweiligen Bedingungstexte verständlich erklären.<br />

34<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


2. Hausrat „ertrinkt“: War es nun Starkregen oder Sturmflut?<br />

Fall: Nach einer Überflutung seines Wohnwagens auf einem Ostsee-Campingplatz<br />

forderte ein Versicherungsnehmer Leistungen aus der Hausratversicherung.<br />

Der Versicherer lehnte ab, da in den Bedingungen Schäden durch Sturmflut<br />

explizit ausgeschlossen waren. Der Kunde argumentierte, dass Starkregen<br />

die Ursache gewesen sei. Der Versicherer blieb nach Prüfung der Wetterdaten<br />

weitgehend bei seiner Auffassung, da die Überflutung zumindest überwiegend<br />

auf Meerwasser zurückzuführen war.<br />

Kundenerwartung: Versicherte setzen voraus, dass bei Wasserschäden im<br />

Zusammenhang mit Wetterereignissen grundsätzlich Versicherungsschutz<br />

besteht – unabhängig von der konkreten Ursache.<br />

Beratungsimpuls: Kunden sollten frühzeitig auf Begriffsdefinitionen hingewiesen<br />

werden. Die Differenzierung zwischen Sturmflut, Überschwemmung durch Regen<br />

und Rückstau ist elementar für den Versicherungsschutz in Sachversicherungen.<br />

Gerade bei Aufenthalten in exponierten Lagen – etwa an Küsten – ist eine ausführliche<br />

Beratung zu Elementardeckungen und Ausschlüssen notwendig. Vermittler<br />

sollten Kunden dafür sensibilisieren, sich auch gegen seltenere aber existenzbedrohende<br />

Risiken gezielt abzusichern.<br />

»Versicherungsbeiträge<br />

sollten nicht<br />

ins Leere laufen,<br />

sondern im Ernstfall<br />

genau das leisten,<br />

was der Kunde erwartet<br />

– und wofür<br />

er sie abschließt.«<br />

Nathalie Pappelbaum<br />

expertenReport<br />

3. Pedelec-Unfall – Rad oder Kfz?<br />

Fall: Zwei Versicherungsnehmer hatten mit Pedelecs (bis <strong>25</strong> Stundenkilometer<br />

Tretunterstützung) Drittschäden verursacht. Die Privathaftpflichtversicherer<br />

lehnten zunächst mit Verweis auf einen allgemeinen Risikoausschluss für „Pedelecs<br />

und E-Bikes“ die Leistung ab. Die Ombudsfrau stellte fest, dass diese<br />

Fahrzeuge rechtlich als Fahrräder gelten und die verwendeten Ausschlüsse<br />

von den Musterbedingungen des GDV abweichen – trotz zugesicherter Bestleistungsgarantie.<br />

Die Versicherer lenkten ein.<br />

Kundenerwartung: Versicherungsnehmer gehen davon aus, dass Schäden<br />

mit einem verkehrsrechtlich als Fahrrad eingestuften Fahrzeug – unabhängig<br />

vom technischen Antrieb – durch ihre Privathaftpflicht abgedeckt sind.<br />

Beratungsimpuls: Technologische Entwicklungen erfordern regelmäßige Überprüfung<br />

des Bedingungswerks. Aufklärung über Besonderheiten bei neuen Mobilitätsformen<br />

wie E-Bikes, Pedelecs oder E-Scootern. Vermittler sollten aktiv darauf hinweisen,<br />

ob und in welchem Umfang solche Fahrzeuge mitversichert sind – insbesondere<br />

bei älteren Verträgen oder Sondervereinbarungen.<br />

»Versicherungen sollen schützen – nicht überraschen.«<br />

Ombudsfrau Jahresbericht 2024, sinngemäß<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 35


RUBRIK BERATUNG & MARKETING<br />

4. Unfallversicherung – psychische Folgen nach<br />

Boots-Unfall ausgeschlossen?<br />

Fall: Eine Versicherte wurde beim Schwimmen von einem Boot überfahren<br />

und erlitt schwere psychische Beeinträchtigungen. Der Unfallversicherer verweigerte<br />

zunächst eine Leistung für die Folgen mit Verweis auf den Ausschluss<br />

von „psychische Reaktionen“. Die Ombudsfrau stellte klar, dass nicht jede<br />

psychische Folge ausgeschlossen ist – insbesondere dann nicht, wenn sie<br />

physisch erklärbare Ursachen wie die Ausschüttung von Stresshormonen nach<br />

einem Schockereignis hat.<br />

Kundenerwartung: Versicherte setzen voraus, dass auch seelische Verletzungen<br />

und andere Folgeschäden nach einem realen Unfallereignis durch die<br />

Unfallversicherung abgedeckt sind – insbesondere bei offenkundig traumatischen<br />

Erlebnissen.<br />

Beratungsimpuls: Die Unterscheidung zwischen körperlicher und psychischer<br />

Unfallfolge ist komplex. Eine fundierte Aufklärung über die Leistungsvoraussetzungen<br />

und Grenzen der Invaliditätsleistung – auch im Hinblick auf die medizinische<br />

Begutachtung. Beispielfälle helfen, das Kundenverständnis zu fördern.<br />

5. Reisegepäck: Verwechslung statt Diebstahl<br />

Fall: Ein Versicherter nahm versehentlich den falschen Koffer aus dem Zug<br />

mit. Als der Irrtum auffiel, war der eigene Koffer bereits verschwunden. Der<br />

Versicherer sah hierin ein „Zurücklassen“ des Gepäcks und verweigerte die<br />

Leistung. Erst nach Intervention der Ombudsfrau wurde zugunsten des Versicherten<br />

entschieden, da ein Entwendungsszenario ebenfalls plausibel war.<br />

Kundenerwartung: Versicherte gehen davon aus, dass das Abhandenkommen<br />

eines Gepäckstücks regelmäßig versichert ist – unabhängig von den<br />

konkreten Umständen.<br />

Beratungsimpuls: Vermittler sollten die Anforderungen an die Sorgfalt und Beweisführung<br />

erläutern. Die Besprechung konkreter Schadenszenarien im Beratungsgespräch<br />

kann zur Sensibilisierung beitragen.<br />

36<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


Beratung schützt vor Enttäuschung<br />

Die dargestellten Fälle verdeutlichen nicht nur typische Missverständnisse hinsichtlich<br />

des Umfangs des Versicherungsschutzes – sie zeigen auch, wie wichtig eine fundierte<br />

Beratung im Vorfeld ist. Viele Beschwerden hätten sich durch Aufklärung und Erwartungssteuerung<br />

vermeiden lassen.<br />

Dabei zeigt sich: Nicht jeder Versicherte verfügt über einen persönlichen Ansprechpartner<br />

oder Vermittler. Gerade im Bereich der Sachversicherungen, in denen zahlreiche<br />

Ausschlüsse, Obliegenheiten und Definitionsfragen bestehen, ist jedoch professionelle<br />

Unterstützung von großer Bedeutung. Der Teufel steckt oft im Detail – und wer im<br />

Schadenfall nicht enttäuscht werden möchte, sollte sich frühzeitig an einen qualifizierten<br />

Vermittler wenden.<br />

Versicherungsbeiträge sollten nicht ins Leere laufen, sondern im Ernstfall genau das<br />

leisten, was der Kunde erwartet – und wofür er sie abschließt. Damit das gelingt, ist<br />

kompetente Beratung kein Luxus, sondern ein zentraler Baustein für wirksamen Versicherungsschutz.<br />

„Klartext statt Kleingedrucktes“ – Wer Kunden<br />

gezielt über Ausschlüsse, Begriffsdefinitionen<br />

und Obliegenheiten aufklärt, verhindert<br />

Enttäuschungen im Schadenfall.<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 37


BERATUNG & MARKETING<br />

Cross-Selling ist kein Verkaufen auf Verdacht<br />

Cross-Selling kann weit mehr sein als das bloße Andocken von Zusatzprodukten. Dr. Sebastian Grabmaier, Vorstand<br />

von Jung, DMS & Cie., erklärt, wie Makler mit kluger Beratung, klarer Bedarfsermittlung und digitaler Unterstützung<br />

nachhaltigen Mehrwert schaffen.<br />

»Wer es schafft, den Bedarf überzeugend aufzuzeigen<br />

und Lösungen transparent darzustellen, kann nicht nur<br />

die Kundenbindung stärken, sondern auch nachhaltig<br />

den Geschäftserfolg steigern.«<br />

Dr. Sebastian Grabmaier<br />

Vorstandsvorsitzender Jung, DMS & Cie. AG<br />

Erfolgreiches Cross-Selling im LV-Bereich:<br />

Mehrwert schaffen durch intelligente Produktbündelung<br />

Für Makler, die Lebensversicherungen vermitteln, bietet sich ein enormes Potenzial<br />

durch Cross-Selling ergänzender Produkte wie Berufsunfähigkeitsversicherung<br />

(BU), Pflegeversicherung oder betriebliche Altersversorgung (bAV). Doch der Weg<br />

zur erfolgreichen Mehrfachvermarktung ist nicht ohne Herausforderungen.<br />

Chancen durch Cross-Selling<br />

Cross-Selling ermöglicht es Maklern, den Kunden ganzheitlich abzusichern und<br />

gleichzeitig den eigenen Umsatz pro Kunde deutlich zu steigern. Kunden, die mehrere<br />

Verträge beim gleichen Vermittler halten, sind zudem loyaler und seltener<br />

wechselbereit. Die Kombination aus Lebensversicherung und BU beispielsweise<br />

bietet einen umfassenden Schutz – für den Todesfall wie für den Verlust der Arbeitskraft.<br />

Die Pflegezusatzversicherung wiederum adressiert ein wachsendes Risiko<br />

im Alter, das vielen Kunden bewusst ist, aber oft zu spät abgesichert wird.<br />

38<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


Drei starke Cross-Selling-Kombis<br />

Hauptprodukt Ergänzung Vorteil<br />

Lebensversicherung Berufsunfähigkeitsversicherung Schutz bei Todesfall und Arbeitskraftverlust<br />

LV oder BU Pflegezusatzversicherung Absicherung eines oft unterschätzten<br />

Risikos im Alter<br />

Lebensversicherung Betriebliche Altersvorsorge Steuerliche Vorteile + Arbeitgeberzuschüsse<br />

Beratung als Schlüssel zum Erfolg<br />

Erfolgreiches Cross-Selling beginnt mit der richtigen Bedarfsermittlung. Makler<br />

müssen in der Lage sein, komplexe Zusammenhänge verständlich zu vermitteln.<br />

Wer beispielsweise eine Kapitallebensversicherung verkauft, kann im Beratungsgespräch<br />

auch die Frage stellen: „Was passiert, wenn Sie gar nicht mehr arbeiten<br />

können, bevor der Vertrag fällig wird?“ Hier bietet sich die BU als logische Ergänzung<br />

an. Auch die Einbindung einer bAV lohnt sich. Arbeitnehmer profitieren von steuerlichen<br />

Vorteilen und Arbeitgeberzuschüssen, was die Abschlussmotivation erhöht.<br />

Herausforderungen beim Cross-Selling<br />

Trotz der Vorteile gestaltet sich Cross-Selling in der Praxis oft schwierig. Viele Kunden<br />

fühlen sich durch Zusatzangebote schnell überfordert oder vermuten ein rein verkäuferisches<br />

Interesse. Daher ist es wichtig, den Mehrwert transparent und nachvollziehbar<br />

zu machen. Auch regulatorische Anforderungen – etwa im Rahmen der<br />

IDD-Richtlinie – erschweren spontane Ergänzungsangebote. Makler müssen daher<br />

besonders sorgfältig dokumentieren und beraten.<br />

Ein weiterer Hemmschuh ist die begrenzte Zeit im Kundengespräch. Gerade bei<br />

komplexen Produkten wie BU oder Pflege ist eine ausführliche Risikoanalyse nötig,<br />

die sich nicht immer spontan integrieren lässt. Hier helfen digitale Tools, die Beratung<br />

zu strukturieren und visualisieren.<br />

Vertriebsperspektive<br />

Cross-Selling ist für Makler kein „Verkaufen auf Verdacht“, sondern Teil einer umfassenden<br />

Kundenberatung. Wer es schafft, den Bedarf überzeugend aufzuzeigen<br />

und Lösungen transparent darzustellen, kann nicht nur die Kundenbindung stärken,<br />

sondern auch nachhaltig den Geschäftserfolg steigern. Schulung, Vorbereitung und<br />

ein strukturierter Beratungsprozess sind dabei unerlässlich. Letztlich profitieren<br />

beide Seiten: Der Kunde durch besseren Schutz, der Makler durch steigende Einnahmen<br />

und stabilere Kundenbeziehungen.<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 39


BERATUNG & MARKETING<br />

„Social Media gehört heutzutage<br />

zum Unternehmertum dazu“<br />

BU statt Beauty: Wie Versicherungsmaklerin Marlene Drescher über Instagram Berufsunfähigkeitsversicherungen<br />

verkauft – und was andere Makler*innen in Sachen Social Selling lernen können.<br />

»Menschen folgen nicht<br />

Produkten, sie folgen<br />

Persönlichkeiten.«<br />

Marlene Drescher<br />

Versicherungsmaklerin<br />

expertenReport: Frau Drescher, Sie gelten als Vorreiterin,<br />

wenn es um den Vertrieb von Biometrie-<br />

Produkten über Social Media geht. Wie sind Sie auf<br />

diese Idee gekommen – und wie war der Start?<br />

Marlene Drescher: Die Idee hatte ich eigentlich gar<br />

nicht. Es hat sich durch Zufall so ergeben. Ich habe<br />

2019/2020 mit Instagram begonnen und mich dort eigentlich<br />

– wie vorher auch schon – auf die Familienansprache<br />

konzentriert. Doch nach kurzer Zeit erhielt ich<br />

immer mehr Anfragen zur BU-Absicherung, überwiegend<br />

von Frauen. Und so entwickelte sich das dann von<br />

ganz alleine und wurde immer mehr.<br />

Wir haben hier ja trotzdem einen großen „Pain“ bei den<br />

Menschen da draußen. Viele wollen sich absichern, aber<br />

ihnen fehlt das Wissen dazu. Eine Privathaftpflichtversicherung<br />

trauen sich viele selber online abzuschließen.<br />

Eine Berufsunfähigkeitsversicherung nicht. Die Menschen<br />

wissen genau, wie wichtig diese Absicherung ist.<br />

Trotzdem struggeln sie schon bei der Auswahl des richtigen<br />

Versicherers, der Aufarbeitung der Krankenhistorie<br />

und dem Umgang mit bestehenden Vorerkrankungen.<br />

Zu all diesen Themen kann man die Menschen via<br />

Social Media super abholen – oder sie überhaupt erst<br />

mal auf die Idee bringen, wie wichtig diese Absicherung<br />

ist.<br />

Viele Vermittler*innen empfinden BU, Grundfähigkeitsversicherung<br />

oder Risikoleben als schwer vermittelbar.<br />

Warum sind gerade diese Themen ideal<br />

für Social Selling?<br />

Wie erreichen Sie über Social Media Menschen, die<br />

sich vorher nie mit BU oder Absicherung beschäftigt<br />

haben?<br />

40<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


Durch regelmäßigen Content zu diesem Thema und<br />

über Werbeanzeigen. Weiterhin schreiben wir auch<br />

wöchentlich Blogbeiträge. All das führt dazu, dass die<br />

Menschen uns als Experten zu diesem Thema wahrnehmen,<br />

uns besser kennenlernen, indem sie mir folgen –<br />

und dann auch einen Termin buchen.<br />

Welche Rolle spielt dabei Content – und wie finden<br />

Sie immer neue Inhalte, ohne sich zu wiederholen?<br />

Gerade regelmäßiger Content spielt eine große Rolle,<br />

um immer wieder wahrgenommen zu werden, auch von<br />

Nicht-Followern. Natürlich ist das Thema BU jetzt nicht<br />

so ein superbeliebtes Thema, mit dem man mit einem<br />

Beitrag eine Reichweite von Millionen Menschen erreichen<br />

kann. Da haben es die Finfluencer mit Themen<br />

rund um ETFs & Co. sicher einfacher. Trotzdem ist es<br />

mir wichtig, nicht mit der Masse zu schwimmen, sondern<br />

mich weiterhin mit meinem Team als wirkliche Spezialistin<br />

zum Thema BU zu positionieren. Neue Inhalte finde<br />

ich jeden Tag im Tagesgeschäft. Jeder Kunde ist mit<br />

seiner Geschichte und seiner Krankenhistorie individuell<br />

und bringt immer Themen mit, die ich in Content umwandeln<br />

kann. Abgesehen davon ist es trotzdem wichtig,<br />

gewisse Themen immer wieder zu wiederholen, damit<br />

sie sich in den Köpfen der Menschen einprägen.<br />

Was sind aus Ihrer Sicht die drei wichtigsten Zutaten<br />

für erfolgreiches Social Selling in der Versicherungsbranche?<br />

Authentisch sein, persönlicher Content (Personal Brand)<br />

und Ausdauer.<br />

Gibt es klassische Fehler, die Sie bei anderen Vermittler*innen<br />

immer wieder sehen?<br />

Ich kenne ehrlich gesagt kaum Accounts, zum Beispiel<br />

bei Instagram, die sich auf das Thema BU-Absicherung<br />

richtig spezialisiert haben. Grundsätzlich fehlt vielen<br />

aber die Ausdauer und das Verständnis, dass Social<br />

Media heutzutage zum Unternehmertum dazugehört.<br />

Wer gerade in unserer Branche anfängt, wird um die<br />

verschiedenen Social-Media-Plattformen nicht herumkommen.<br />

Wie messen Sie den Erfolg Ihrer Social-Media-Aktivitäten<br />

– und was ist Ihnen wichtiger: Reichweite<br />

oder Relevanz?<br />

Den Erfolg kann ich täglich an der Menge der Anfragen<br />

messen – das ist relativ simpel. Auf Instagram spielt die<br />

organische Reichweite schon eine große Rolle. Wie aber<br />

schon erwähnt, bekommt man bei so einem spitzen<br />

Thema nicht unbedingt die Reichweite wie bei anderen<br />

Finanzthemen. Trotzdem hatte ich bisher mit diesem<br />

Modell Erfolg. Es ist eine Kombination aus organischer<br />

Reichweite durch regelmäßigen Content, Werbeanzeigen<br />

und Blogbeiträgen, die nun auch anfangen auf Google<br />

eine gewisse Relevanz zu erzeugen. Wir sehen, dass<br />

das regelmäßige Schreiben Schritt für Schritt Ergebnisse<br />

»Nicht mit der Masse<br />

schwimmen – sondern als<br />

Spezialistin sichtbar sein.«<br />

Marlene Drescher<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 41


BERATUNG & MARKETING<br />

zeigt. Zum Beispiel, wenn unsere Beiträge unter den<br />

Top 3 oder auf der ersten Seite der Google-Suche landen.<br />

Welche Tools, Routinen oder Formate helfen Ihnen,<br />

trotz Distanz fokussiert und verbunden zu bleiben?<br />

Ihr Team besteht aus sieben Mitarbeiterinnen – und<br />

einem Quotenmann –, alle arbeiten im Homeoffice.<br />

Wie funktioniert die Zusammenarbeit bei euch konkret?<br />

Im Team kennt jede ihren Aufgabenbereich und ist auf<br />

diesem Gebiet Spezialistin. Im Ganzen ist das Team<br />

superharmonisch, und somit läuft alles perfekt zusammen<br />

– wie bei einem Zahnrad einer Uhr. Wir tauschen<br />

uns täglich aus, je nachdem, welche Themen aufkommen,<br />

und treffen uns regelmäßig in Teammeetings. Die<br />

Mitarbeiterinnen genießen von meiner Seite aus eine<br />

große Vertrauensbasis, und das geben sie mir jeden Tag<br />

mit ihrer super Arbeit zurück. Nur so ist die Umsetzung<br />

im Homeoffice möglich. Alle im Team kennen und leben<br />

die Unternehmensphilosophie und stehen unseren Kund*innen<br />

mit maximaler Aufmerksamkeit und Expertise<br />

zur Seite.<br />

Klare Abläufe in den jeweiligen Prozessen. Jeder<br />

Schritt – zum Beispiel im BU-Prozess – ist klar definiert,<br />

und jede*r im Team weiß, was zu tun ist. Ansonsten<br />

ist es aus meiner Sicht kein Hexenwerk, trotz Entfernung<br />

zusammenzuarbeiten. Grundsätzlich muss da<br />

natürlich auch eine Bereitschaft bei den Mitarbeitenden<br />

vorhanden sein. Den klassischen Austausch in der<br />

Mittagspause oder an der Kaffeetheke gibt es bei uns<br />

nicht. Den ganzen Tag zu Hause zu sitzen und quasi<br />

allein zu arbeiten – das muss man auch wollen und<br />

können. Ich verstehe, dass das nicht jedermanns Sache<br />

ist. Ansonsten tauschen wir uns regelmäßig aus.<br />

Was würden Sie anderen Maklerbetrieben raten,<br />

die mit dem Gedanken spielen, ihr Team dezentral<br />

aufzustellen?<br />

42<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


Ehrlich gesagt ist das schwer zu sagen – da ist jeder<br />

anders. Wie schon erwähnt, muss die Bereitschaft dazu<br />

da sein, von beiden Seiten. Es braucht aber auch ein<br />

großes Vertrauen in die Mitarbeiter, dass alles funktioniert<br />

und die Arbeit erledigt wird. Und dazu braucht<br />

man die passenden Mitarbeiter. Ich habe großes Glück,<br />

diese gefunden zu haben. Grundsätzlich kann ich aber<br />

empfehlen, sich nicht dagegen zu sperren. Wenn man<br />

Mitarbeiter sucht und eine passende Bewerbung erhält<br />

– und die Person fürs Homeoffice geeignet ist –,<br />

sollte man es einfach mal versuchen.<br />

Wenn eine Kollegin oder ein Kollege heute mit Social<br />

Selling starten will – was ist Ihr wichtigster Rat?<br />

Auf jeden Fall: authentisch sein und voll auf die Personal<br />

Brand gehen. Zeig dich und deine Arbeit. Zeig, wer<br />

du bist und wofür du täglich brennst. Nimm die Menschen<br />

zu deinem Thema mit. Bleib geduldig und binde<br />

das Thema Social Media fest in deine Arbeitsabläufe<br />

ein. Poste regelmäßig – mindestens ein Jahr lang. Hinterfrage<br />

dich und deinen Content immer wieder und<br />

versuche herauszufinden, was deine Zielgruppe<br />

braucht und bewegt.<br />

Und ganz persönlich gefragt: Was motiviert Sie jeden<br />

Tag aufs Neue, Menschen über Versicherungen<br />

aufzuklären?<br />

Mich motivieren zum einen die Menschen, die uns jeden<br />

Tag das Feedback geben, wie dankbar sie sind, sich<br />

durch uns versichert zu haben. Die Erleichterung und<br />

sogar Freude, endlich ihre Berufsunfähigkeitsversicherung<br />

in den Händen zu halten. Aber auch all die positiven<br />

und langfristigen Kundenbeziehungen, die ich<br />

mittlerweile seit über 20 Jahren mit vielen Kund*innen<br />

habe. Das macht einfach Spaß. Und dann ist da noch<br />

die Tatsache, dass es da draußen immer noch unfassbar<br />

viele Menschen gibt, die wenig über Versicherungen<br />

wissen, aber mehr wissen sollten – und wollen.<br />

Und die Menschen, die nichts wissen, aber leider viele<br />

Unwahrheiten oder gefährliches Halbwissen verbreiten.<br />

Für all diese Menschen ist unser täglicher Content.<br />

Tipps für den Einstieg ins Social Selling<br />

1.<br />

2.<br />

3.<br />

4.<br />

5.<br />

Zeig dich – echt & nahbar!<br />

Erfolg braucht Persönlichkeit. Wer seine Personal Brand aufbaut, wird als<br />

Expert*in wahrgenommen und bleibt im Kopf.<br />

Fang an – und bleib dran!<br />

Mindestens ein Jahr lang regelmäßig posten – nicht auf schnelle Likes setzen,<br />

sondern auf Vertrauen und Sichtbarkeit.<br />

Wähle dein Thema – und bleib dabei!<br />

Spitze Zielgruppen bringen klare Botschaften. Statt Bauchladen lieber BU<br />

oder ein anderes Spezialthema durchziehen.<br />

Nutze Kundengeschichten!<br />

Jede Beratung liefert Inhalte: Vom Umgang mit Vorerkrankungen bis zur<br />

Auswahl des richtigen Tarifs – echtes Leben, echter Mehrwert.<br />

Ergänze Reichweite durch Ads und SEO!<br />

Organischer Content ist das Rückgrat – Anzeigen und Blogbeiträge helfen,<br />

die Sichtbarkeit zu verstärken.<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 43


BERATUNG & MARKETING<br />

So nutzen Sie<br />

„die Weisheit der Kunden“<br />

mit fokussierenden Fragen<br />

Fokussierende Fragen ergänzen klassische Kundenumfragen nicht nur – sie können sie sogar ersetzen, sagt Autorin<br />

Anne M. Schüller. Denn sie bringen erfolgskritische Wünsche in Echtzeit auf den Punkt. Was es dafür braucht? Die<br />

richtige Fragetechnik – und ein wenig Mut.<br />

44<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


»Wer durch einen Argumente-Beschuss per Schrotflinten-Taktik<br />

Zufallstreffer landen will, wird versagen.«<br />

Anne M. Schüller ist Managementdenker, Keynote-Speaker, mehrfach preisgekrönte Bestsellerautorin und Businesscoach.<br />

Die Diplom-Betriebswirtin gilt als führende Expertin für das Touchpoint.<br />

W<br />

er seine Kunden auf klassische Weise befragt, was sie wünschen und<br />

wollen, bekommt oftmals eine ganze Liste von Begehrlichkeiten, die man<br />

einfach nicht alle erfüllen kann. Das Ergebnis? Der Kunde ist enttäuscht, und man<br />

selbst ist frustriert. Mehr noch: Genau das, was man meinte streichen zu können,<br />

weil es einem selbst belanglos erschien, wäre für den Kunden bedeutend. Oder<br />

andersherum: Was man selbst für besonders wichtig hielt, ist für den Kunden völlig<br />

uninteressant.<br />

Fokussierende Fragen können hier Abhilfe schaffen. Mit ihrer Hilfe kommt man<br />

schnell auf den Punkt. Fokus bedeutet, sich auf das Wesentliche einer Sache zu<br />

konzentrieren. Mit fokussierenden Fragen trifft man geradewegs ins Schwarze:<br />

unmittelbar und ungefiltert. Sie eignen sich hervorragend, um gezielt die wichtigsten<br />

Kundenbedürfnisse herauszukitzeln. Sie unterstützen auch dabei, zu priorisieren,<br />

wenn Sie Überholtes entsorgen und Neues in Angriff nehmen wollen.<br />

Weshalb fokussierende Fragen so überaus hilfreich sind<br />

Fokussierende Fragen machen schnell und flexibel. Sie helfen, ruckzuck den Kern<br />

der Sache zu finden, um danach prompt reagieren zu können. So spart man sich<br />

eine Menge Kosten für langwierige Marktforschung und vermeidet Fehlentscheidungen<br />

am grünen Tisch. Egal, ob es um Konzepte, Produkte, Services oder Lösungen<br />

geht: Befragen Sie zu einem möglichst frühen Zeitpunkt die entsprechenden<br />

Kundinnen und Kunden.<br />

Wer nicht täglich neu in Erfahrung bringt, was die Kund:innen wirklich wollen,<br />

produziert rasch am Markt vorbei. Denn die Vorstellungen der Konsumenten ändern<br />

sich laufend. Und keiner wartet heute noch lange geduldig, bis eine Firma<br />

endlich in die Gänge kommt. Den nächsten Anbieter erreicht man mit wenigen<br />

Klicks. Dritte erzählen einem im Web haargenau, was dieser ganz anders, schneller<br />

und besser macht.<br />

Doch anstatt sich mit klugen Fragen in die Lebens- oder Arbeitssituation eines<br />

Kunden hineinzuversetzen, wird dieser mit Produktmerkmalen bombardiert. Nur:<br />

Wer durch einen Argumente-Beschuss versucht, sozusagen per Schrotflinten-Taktik<br />

Zufallstreffer zu landen, wird versagen. Denn diesem Verkäufer fehlt neben dem<br />

Einfühlungsvermögen in seinen Gesprächspartner auch die Intuition, um zu erkennen,<br />

wann er einen Treffer gelandet hat.<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 45


BERATUNG & MARKETING<br />

»Es ist die<br />

wahre Antwort,<br />

die zählt.«<br />

Anne M. Schüller<br />

So stellen Sie fokussierende Fragen im Verkaufsgespräch<br />

Mit fokussierenden Fragen erfahren Sie präzise und schnell, was Kunde und Kundin<br />

bewegt. In den einzelnen Verkaufsphasen klingen diese zum Beispiel so:<br />

• Was ist denn derzeit in Ihrem Business das brennendste Problem?<br />

• Worauf legen Sie bei Ihrer Lieferantenauswahl denn den größten Wert?<br />

• Was ist denn auf Ihrer aktuellen Prioritätenliste der wichtigste Punkt?<br />

• Welchen Teil unseres Angebots finden Sie denn am passendsten?<br />

• Was ist Ihr vorrangigstes Kriterium, wenn es um eine Entscheidung geht?<br />

Nach solchen Fragen machen Sie unbedingt eine ausführliche Pause. Lassen Sie<br />

dem Gesprächspartner Zeit, auch wenn das etwas dauert. Es ist die wahre Antwort,<br />

die zählt. Nur so kommen Sie den tatsächlichen Beweggründen eines Menschen<br />

sehr nahe.<br />

Stellen Sie fokussierende Fragen am Ende eines Telefonats!<br />

Fokussierende Fragen sind auch dann sehr wertvoll, wenn man von seinen Kund:<br />

innen lernen will. So kann etwa am Ende eines Telefonats immer eine der folgenden<br />

Fragen stehen. Diese wird am besten eingeleitet mit: „Ach übrigens ...“:<br />

• Was ist eigentlich für Sie der wichtigste Grund, bei uns zu kaufen?<br />

• Was wäre für Sie der wichtigste Punkt, den wir schnellstmöglich ändern sollten?<br />

• Auf was könnten Sie bei uns am wenigsten verzichten?<br />

• Wenn es etwas gibt, das Sie bei uns mal gestört hat, was war da das Störendste?<br />

• Wenn es eine Sache gibt, für die Sie uns garantiert weiterempfehlen können,<br />

was wäre das Empfehlenswerteste aus Ihrer Sicht?<br />

Am Ende einer solchen Frage können Sie dann noch ein „Erzählen Sie mal ...“<br />

dranhängen. Im Erzähl-Modus legen Menschen ihre wahren Motive am ehesten<br />

offen.<br />

46<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


So nutzen Sie „die Weisheit der Kunden“ fürs Optimieren<br />

Es gibt unglaublich viele Möglichkeiten, mithilfe seiner Kunden besser zu werden.<br />

Auf einfachem Weg geht das mit fokussierenden Fragen wie diesen:<br />

• Was ist für Sie der wichtigste Grund, uns die Treue zu halten?<br />

• Was ist der Punkt, der Sie bei uns am meisten begeistert?<br />

• Was ist die schönste Geschichte, die Sie je bei uns erlebt haben?<br />

• Was würden Sie bei uns schnellstens verändern/verbessern?<br />

• Was kommt Ihnen bei uns am überflüssigsten vor?<br />

Auf diese Weise erfahren Sie eine Menge darüber, was Ihre Kunden sich wünschen,<br />

was sie vermissen und was sie wirklich bewegt. Sie wollen keine schlafenden Hunde<br />

wecken? Die Hunde schlafen nicht! Sie toben sich nur woanders aus. Zum Beispiel<br />

in den sozialen Netzwerken sowie auf Meinungsplattformen und Bewertungsportalen.<br />

Zugegeben, es erfordert ein wenig Mut, solche Fragen zu stellen. Doch der Lerngewinn<br />

ist gewaltig. Egal, welche Antworten kommen: Hören Sie wohlwollend hin,<br />

bedanken Sie sich und wertschätzen Sie die Offenheit des befragten Kunden. Denn<br />

Sie erfahren etwas über die kaufentscheidenden Pluspunkte oder Ihre größten<br />

Schwachstellen – aus Sicht des Kunden betrachtet, und die allein zählt. Wer sich<br />

daran gewöhnt, fokussierende Fragen zu stellen, macht seine Kunden zu Übermorgengestaltern<br />

des Unternehmens.<br />

Anne M. Schüller:<br />

Bahn frei für Übermorgengestalter!<br />

Gabal Verlag 2022<br />

216 S.<br />

24,90 €<br />

ISBN 978-3967390933<br />

Das Buch zeigt <strong>25</strong> rasch umsetzbare Initiativen und weit<br />

über 100 Aktionsbeispiele, um zu einem Überflieger der<br />

Wirtschaft zu werden. Kompakt und sehr unterhaltsam<br />

veranschaulicht es jedem, der helfen will, eine bessere<br />

Zukunft zu gestalten, die maßgeblichen Vorgehensweisen<br />

in drei Bereichen: Wie machen wir die Menschen stärker,<br />

das Zusammenarbeiten besser und die Innovationskraft<br />

im Unternehmen größer?<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 47


BERATUNG & MARKETING<br />

Psychologie des Verkaufs in der Lebensversicherung<br />

7 Praxis-Tipps, um die Notwendigkeit der Absicherung effektiv zu vermitteln<br />

Emotion schlägt Excel: Vertriebscoach Jörg Laubrinus zeigt sieben psychologische<br />

Wege, wie Lebensversicherungen wirksam und empathisch vermittelt werden.<br />

Der Verkauf von Lebensversicherungen zählt zu den anspruchsvollsten Aufgaben im<br />

Vertrieb. Die Absicherung gegen Tod, Invalidität oder Altersarmut ist rational betrachtet<br />

unverzichtbar – emotional aber oft weit entfernt vom Alltag des Kunden. Genau hier setzt<br />

die Verkaufspsychologie an. Wer versteht, wie Menschen Entscheidungen treffen, kann<br />

mit der richtigen Strategie Vertrauen schaffen und den Nutzen einer Absicherung greifbar<br />

machen. Diese sieben Praxis-Tipps helfen Ihnen dabei:<br />

1<br />

Nutzen statt Produkt erklären<br />

Kunden kaufen keine Versicherung – sie kaufen Sicherheit, Zukunftsplanung und das Gefühl, ihre<br />

Familie abgesichert zu wissen. Stellen Sie daher nie das Produkt in den Vordergrund, sondern<br />

immer den emotionalen Nutzen. Fragen Sie: „Was würde passieren, wenn Sie morgen nicht mehr<br />

da wären?“ und zeigen Sie, wie die Versicherung konkret helfen würde.<br />

Praxis-Tipp: Erzählen Sie eine wahre, anonymisierte Geschichte eines Kunden, dem die Versicherung<br />

wirklich geholfen hat. Das schafft emotionale Nähe und verdeutlicht den praktischen Nutzen.<br />

2<br />

Visualisierung statt Zahlenkolonnen<br />

Komplexe Zahlen und Tarifdetails überfordern viele Kunden. Das Gehirn verarbeitet Bilder deutlich<br />

besser als abstrakte Informationen.<br />

Praxis-Tipp: Nutzen Sie Visualisierungen wie Lebenslinien, Szenarien oder einfache Diagramme, um<br />

Risiken und Auswirkungen fehlender Absicherung zu verdeutlichen. Ein Bild vom „Sicherheitsnetz für<br />

die Familie“ bleibt hängen – ein Zahlenblatt nicht.<br />

3<br />

Entscheidungsdruck durch zeitliche Relevanz erzeugen<br />

„Darüber denke ich noch mal nach“ – ein Satz, der oft das Ende eines Verkaufs bedeutet. Menschen<br />

schieben unangenehme Entscheidungen gern auf.<br />

Praxis-Tipp: Verdeutlichen Sie, dass Absicherung nicht warten kann. Nutzen Sie Formulierungen wie:<br />

„Je früher Sie starten, desto günstiger sichern Sie sich ab – und Sie schützen Ihre Familie ab sofort.“<br />

48<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


4<br />

Vertrauen durch gezielte Selbstoffenbarung aufbauen<br />

Kunden kaufen nur, wenn sie Vertrauen in Sie als Berater haben. Dieses entsteht nicht nur durch<br />

Fachwissen, sondern auch durch Persönlichkeit.<br />

Praxis-Tipp: Teilen Sie in Maßen eigene Erfahrungen. Beispielsweise: „Ich habe selbst eine Lebensversicherung<br />

abgeschlossen, weil ich mir die Frage gestellt habe: Wie sichere ich meine Kinder ab, wenn<br />

mir etwas passiert?“ – Das macht Sie nahbar und glaubwürdig.<br />

5<br />

Kognitive Dissonanz abbauen<br />

Viele Kunden wissen, dass eine Absicherung sinnvoll ist, fühlen sich aber unwohl bei der Vorstellung,<br />

sich mit Tod oder Krankheit zu befassen. Dieses innere Spannungsfeld gilt es aufzulösen.<br />

Praxis-Tipp: Sprechen Sie diese Spannung aktiv an: „Niemand denkt gern an solche Fälle – aber gerade<br />

deshalb ist es gut, vorbereitet zu sein, damit es nie ein Thema werden muss.“<br />

6<br />

Entscheidungen erleichtern durch klare Optionen<br />

Zu viele Wahlmöglichkeiten lähmen. Geben Sie dem Kunden nicht zehn Tarifoptionen, sondern drei<br />

klare Alternativen.<br />

Praxis-Tipp: Präsentieren Sie zum Beispiel ein Basis-, Komfort- und Premium-Modell mit klaren Unterschieden.<br />

So kann der Kunde einfach abwägen, statt sich in Details zu verlieren.<br />

7<br />

Nachfass-Routine mit Mehrwert<br />

Ein „Nein“ beim ersten Gespräch ist kein endgültiges Nein. Oft brauchen Kunden Zeit – und Impulse.<br />

Praxis-Tipp: Bleiben Sie nach dem Gespräch in Kontakt, etwa durch einen kurzen Videolink zum Thema<br />

„Was passiert ohne Absicherung?“ oder einen Newsletter mit Fallbeispielen. Machen Sie es persönlich<br />

und zeigen Sie, dass Ihnen das Wohl des Kunden wirklich am Herzen liegt.<br />

Vertriebsimpuls:<br />

Der Verkauf von Lebensversicherungen gelingt nicht über Druck oder Produktwissen<br />

allein – er lebt von psychologischem Feingefühl, ehrlichem Interesse<br />

und der Fähigkeit, den Kundennutzen emotional und verständlich zu vermitteln.<br />

Mit diesen Praxis-Tipps bauen Sie Vertrauen auf und helfen Ihren Kunden,<br />

eine wichtige Entscheidung nicht aufzuschieben, sondern heute zu treffen.<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 49


DIGITALE WELT<br />

„Ich<br />

habe<br />

keine<br />

Zeit<br />

für<br />

schlechte<br />

Prozesse“<br />

Warum es heute mehr denn je darauf ankommt, Prozesse effizient und kundenorientiert<br />

zu gestalten, erklärt Jan Pohl, CSO bei Softfair, im Interview – Über Beratungsqualität<br />

und die Herausforderung, am Puls der Zeit zu bleiben.<br />

expertenReport: Herr Pohl, bevor wir tiefer in die Themen einsteigen,<br />

würden wir gerne mehr über Sie erfahren. Sie sind heute bei Softfair im<br />

Vertrieb tätig, aber Ihre Laufbahn ist sehr facettenreich. Wie hat sich Ihre<br />

Rolle im Laufe der Zeit entwickelt?<br />

Jan Pohl: Ich habe bewusst viele Perspektiven in der Branche eingenommen,<br />

weil ich sie verstehen wollte. Ich komme ursprünglich aus dem Strukturvertrieb,<br />

bin später Makler mit eigenem Unternehmen geworden und war dann im Pool-<br />

Umfeld aktiv. Nach der Referententätigkeit habe ich die letzten zwei Jahre die<br />

Maklerbetreuung der Inter mit bundesweit 14 Maklerbetreuern geleitet. Jetzt<br />

leite ich den Vertrieb bei Softfair. Jede Station hat mir geholfen, die Komplexität<br />

unserer Branche besser zu verstehen – und auch zu erkennen, wie Prozesse<br />

vereinfacht werden könnten.<br />

Sie haben also viele Blickwinkel erlebt. Wie digital ist Ihre eigene Arbeitsweise?<br />

Sehr digital. Ich mache schon ganz lange Onlineberatung, Onlineterminbuchungen<br />

und so weiter – also so viel Digitalisierung wie möglich, weil ich eben diese<br />

Doppelrolle habe und alles optimieren muss. Ich habe keine Zeit für schlechte<br />

Prozesse. Gerade in der Master Class der Jungmakler ist mir bewusst geworden,<br />

wie weit manche Maklerbetriebe bereits sind. Das hat mich motiviert, noch<br />

konsequenter am Puls der Zeit zu bleiben. Ich transkribiere die Gespräche, um<br />

die Nacharbeit mit Hilfe von KI deutlich zu vereinfachen und zu professionalisieren,<br />

dafür experimentiere ich mit KI gestützter Beratungsdokumentation und<br />

KI Assistenten.<br />

50<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


Wie bewerten Sie die aktuelle Entwicklung im Vertrieb, insbesondere die<br />

Rolle von Vergleichsportalen?<br />

Vergleichsrechner sind zentrale Werkzeuge im Maklervertrieb geworden. Sie<br />

ermöglichen eine neutrale Darstellung, bessere Vergleichbarkeit und helfen,<br />

komplexe Produkte zu strukturieren. Allerdings können sie nicht jeden Sonderfall<br />

umfassend abbilden. Darum prüfe ich als Makler bei sensiblen Punkten immer<br />

noch mal nach. Und: Die Rechner müssen ständig weiterentwickelt werden, um<br />

dem Markt gerecht zu werden. Früher wurde persönlich vor Ort beraten. Heute<br />

virtuell. Das verändert auch die Anforderungen an einen modernen Vergleichsrechner.<br />

Welche Trends beobachten Sie hinsichtlich der Digitalisierung im Maklervertrieb?<br />

Zwei Themen stechen hervor: Zum einen der Wunsch, Beratungs- und Antragsprozesse<br />

zu automatisieren und effizienter zu gestalten. Zum anderen der Einsatz<br />

von KI, um zum Beispiel aus Transkripten automatisch Beratungsdokumentationen<br />

zu erstellen oder Kundenanfragen intelligent zu bearbeiten. Auch die<br />

Integration mit CRM-Systemen und Dokumentenanalyse wird wichtiger.<br />

Wie unterstützt Softfair konkret bei der Beratung und im Vertrieb?<br />

Wir bieten eine Vielzahl an Vergleichsrechnern – von LV über KV, Sach bis KFZ.<br />

Neu ist unser Produkt „Insights“, mit dem Versicherer das Nutzerverhalten in<br />

den Rechnern detailliert analysieren können. Das hilft enorm bei Produktentwicklung,<br />

Vertriebssteuerung und Pricing. Unsere Rechner unterstützen Makler<br />

bei der Vorbefüllung von Anträgen, digitaler Unterschrift und zukünftig hoffentlich<br />

noch stärker bei der Datenübernahme aus Gesprächen und CRM-Systemen.<br />

»Wir wollen<br />

die besten Prozesse<br />

für die besten<br />

Berater bieten.«<br />

Jan Pohl<br />

CSO Softfair<br />

Wie sieht es mit Maklerpools aus? Welche Rolle spielen diese in Ihrer<br />

Strategie und wie unterstützt Softfair diese bei der Digitalisierung der<br />

Prozesse?<br />

Als Teil der Infitech-Gruppe treiben wir die Digitalisierung des Maklermarkts<br />

aktiv mit voran – sei es über Vergleichsrechner, digitale Antragsstrecken oder<br />

datenbasierte Analyseplattformen.<br />

Welche Herausforderungen sehen Sie für Makler in den nächsten fünf<br />

Jahren?<br />

Der Druck zur Effizienzsteigerung steigt. Kunden erwarten einfache, digitale<br />

Prozesse. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Vermittler, der Bedarf aber bleibt oder<br />

steigt sogar. Makler müssen ihre Prozesse automatisieren, um Zeit für Kundenberatung<br />

zu gewinnen. Nur wenn Makler technisch aufrüsten, ihre Prozesse<br />

digitalisieren und effizient arbeiten, können sie in der zunehmend automatisierten<br />

Versicherungswelt konkurrenzfähig bleiben. Softfair liefert dafür die nötigen<br />

Werkzeuge.<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 51


DIGITALE WELT<br />

Wie sich der Versicherungsvertrieb durch KI grundlegend verändert und warum datenbasierte Steuerung, personalisierte<br />

Ansprache und Conversational AI künftig entscheidend sind, erklärt Fynn Monshausen, Leiter Digitalvertrieb bei<br />

Barmenia-Gothaer, im Interview.<br />

experten: Herr Monshausen, Digitalvertrieb ist kein neues Thema mehr.<br />

Wann ist er aus Ihrer Sicht erfolgreich?<br />

Fynn Monshausen: Erfolg bedeutet nicht mehr nur, online Geschäft zu generieren<br />

– das kann mittlerweile jeder. Erfolgreich ist, wer seinen Digitalvertrieb ganzheitlich<br />

versteht. Es geht darum, Deckungsbeiträge aktiv zu steuern, Risiken zu<br />

analysieren, bevor sie entstehen, und datengetrieben zu entscheiden: Welche<br />

Kund:innen passen wirklich zu uns?<br />

Das klingt sehr selektiv. Wie funktioniert diese Steuerung in der Praxis?<br />

Über gezielte Ansprache – wir nutzen Prädiktionen, um bestimmte Kundentypen<br />

mit bestimmten Risikoprofilen anzusprechen. Plattformen wie Google oder Meta<br />

ermöglichen das: Wir definieren anhand vergangener Schadenquoten, Stornound<br />

Cross-Selling-Raten, welche Zielgruppen wirtschaftlich sinnvoll sind. Die Plattform<br />

spielt dann Werbung nur diesen ähnlichen Nutzern aus – ohne dass wir<br />

wissen, wer sie genau sind.<br />

Welche Daten fließen in diese Modelle ein?<br />

Wir arbeiten mit anonymisierten soziodemografischen Merkmalen – Alter, Lebenssituation,<br />

Urbanität. Die eigentliche Intelligenz liegt aber in der Verknüpfung von<br />

historischen Verläufen mit dem Verhalten neuer Nutzer. Das ermöglicht eine<br />

deutlich präzisere Ansprache und deutlich differenziertere Preisgestaltung.<br />

52<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


Mit der Fusion von Barmenia und Gothaer ergeben sich auch neue Möglichkeiten.<br />

Was bedeutet das konkret für den Digitalvertrieb?<br />

Wir haben sehr unterschiedliche Stärken zusammengeführt: Flexibilität und<br />

Partnerschaftsfähigkeit auf der einen, starke Nutzerzentrierung auf der anderen<br />

Seite. Jetzt entsteht daraus eine gemeinsame Infrastruktur – ein konsolidierter<br />

Auftritt über Website, App, Kundenportal, Abschlussprozesse und Kommunikation.<br />

Das bringt spürbare Effekte: Die Customer Journey wird einheitlicher, effizienter<br />

und gezielter.<br />

Wie personalisiert ist das Kundenerlebnis heute?<br />

Sehr. Wir spielen jährlich über <strong>25</strong>0 Millionen digitale Werbekontakte aus. Dank<br />

Machine Learning können wir diese Kontakte inzwischen stark personalisieren –<br />

nicht nur in der Auswahl der Zielgruppen, sondern auch im Wording, im Design,<br />

in der Bildsprache. Jeder sieht eine für ihn relevante Botschaft – und das nahezu<br />

automatisiert.<br />

»Erfolg heißt nicht,<br />

digital zu verkaufen –<br />

das kann heute jeder.<br />

Erfolg heißt, digital zu<br />

steuern.«<br />

Fynn Monshausen<br />

Leiter Digitalvertrieb Barmenia-Gothaer<br />

Welche Kundenansprache funktioniert besonders gut?<br />

Die Mischung macht’s. Der ideale Kunde ist aus unserer Sicht jemand mit guten<br />

Schadenverläufen, hohem Cross-Selling-Potenzial und niedrigen Akquisitionskosten.<br />

Wer das über viele Kanäle hinweg erkennt, hat die besten Chancen auf nachhaltigen<br />

Vertriebserfolg.<br />

Welchen Stellenwert hat dabei die persönliche Beratung?<br />

Einen hohen – aber sie wird durch Technologie unterstützt. In der Praxis sehen<br />

wir, dass Conversational AI den gesamten Vertriebsprozess verändert: von der<br />

Vorqualifikation bis zur Transkription und Nachbereitung. Ein digitaler Partner von<br />

uns hat bereits zwei Drittel seines Beraterteams durch KI ergänzt – mit höherem<br />

Output als zuvor.<br />

Wie weit sind Sie im Einsatz von KI-Systemen?<br />

Wir arbeiten mit Sprachmodellen wie Clara und Mina im Kundenkontakt und<br />

entwickeln aktuell Lösungen für Vertriebspartner – etwa GPT-basierte Assistenten,<br />

die bei Produktsuche oder Bedingungsvergleichen helfen. Das ist nicht Zukunft,<br />

das läuft jetzt schon – mit messbar besseren Ergebnissen.<br />

Was raten Sie Vermittlerinnen und Vermittlern, die digitaler werden wollen?<br />

KI kommt nicht als neuer Vertriebsweg – sie verändert alle bestehenden Wege<br />

horizontal. Wer nicht früh genug beginnt, effizient zu werden, verliert im Wettbewerb.<br />

Das ist keine Frage der Strategie mehr, sondern der Überlebensfähigkeit im<br />

Markt.<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 53


DIGITALE WELT<br />

Die Maklerarbeit verändert sich rasant: Digitale Assistenten auf KI-Basis übernehmen Routinetätigkeiten und ermöglichen<br />

so mehr Fokus auf Beratung und Beziehungspflege. Jonathan Posselt, Teamleiter KI bei Fonds Finanz, zeigt im<br />

Gastbeitrag, wie Maklerbüros schon heute die Weichen für die Zukunft stellen können.<br />

»KI ersetzt keine<br />

Beratung – sie gibt<br />

Zeit dafür zurück.«<br />

Jonathan Posselt<br />

Teamleiter KI der Fonds Finanz<br />

D<br />

ie Versicherungswelt befindet sich im Umbruch. Prozesse werden weiter digitalisiert<br />

und automatisiert, Kundenerwartungen steigen – und technologische<br />

Entwicklungen eröffnen neue Chancen. Besonders ein Trend wird den Maklerberuf<br />

in den kommenden Jahren grundlegend verändern: der Einsatz von KI-Agenten.<br />

Was sind KI-Agenten eigentlich?<br />

KI-Agenten sind digitale Assistenten, die auf künstlicher Intelligenz basieren. Sie<br />

können eigenständig Aufgaben übernehmen, Entscheidungsgrundlagen vorbereiten<br />

und mit anderen Systemen kommunizieren – ähnlich wie ein virtueller Kollege,<br />

der rund um die Uhr verfügbar ist.<br />

Diese digitalen Helfer entfalten ihr volles Potenzial, wenn sie auf eine gemeinsame<br />

Datenbasis zugreifen können – sei es für Angebotsberechnungen, die Analyse von<br />

Kundenprofilen oder die automatisierte Kommunikation.<br />

Schon heute lohnt es sich, bei der Auswahl von Systemen und Partnern darauf zu<br />

achten, dass diese miteinander kompatibel sind. Denn nur so entsteht Schritt für<br />

Schritt die Grundlage für ein intelligentes Zusammenspiel von KI-Agenten – und<br />

damit für eine spürbare Entlastung im Alltag.<br />

54<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


Maklerarbeit im Team mit digitalen Assistenten<br />

Für den Makler bedeutet das: Sein Berufsalltag wird rund um die Uhr und ohne<br />

Wartezeiten von einem digitalen Team begleitet:<br />

• Einem MVP-Agent, der Kundendaten aktuell hält, Gespräche vorbereitet und<br />

proaktiv auf Beratungsbedarfe hinweist.<br />

• Einem Analyse-Agent, der mit einem Klick erkennt, wo Absicherungsbedarf<br />

besteht – individuell und datenbasiert.<br />

• Einem Vergleichs-Agent, der Alttarife analysiert, Tarife optimiert und die Ergebnisse<br />

übersichtlich aufbereitet.<br />

• Einem Verwaltungs-Agent, der Ergebnisse dokumentiert und die Kundenkommunikation<br />

automatisiert übernimmt.<br />

Warum die Datenbasis der Schlüssel ist<br />

Damit KI-Agenten sinnvoll arbeiten können, benötigen sie Zugang zu strukturierten,<br />

vollständigen und vernetzten Daten: Kundendaten, Vertragsdetails, Produktinformationen,<br />

Kommunikationsverläufen.<br />

In vielen Maklerbüros sind diese Daten noch fragmentiert – das MVP auf der einen<br />

Plattform, die Vergleichsberechnungen auf der anderen, Analysen wieder woanders.<br />

Zudem sind die Kunden auch noch über mehrere Maklerpools und/oder Direktanbindungen<br />

verteilt.<br />

KI im Maklerbüro:<br />

Was schon heute möglich ist<br />

Analyse-Agent: identifiziert Absicherungsbedarf<br />

automatisch<br />

Verwaltungs-Agent: führt Akte & Kommunikation<br />

Vergleichs-Agent: optimiert Alttarife & Alternativen<br />

MVP-Agent: erkennt Beratungsbedarf & unterstützt<br />

Vorbereitung<br />

Voraussetzung: strukturierte, vernetzte Datenbasis<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 55


DIGITALE WELT<br />

Genau hier liegt das größte Potenzial:<br />

Wer diese Daten zusammenführt – über gemeinsame Plattformen oder standardisierte<br />

Schnittstellen –, schafft die Grundlage für ein leistungsfähiges, abgestimmtes<br />

System. Denn nur wenn alle Agenten auf dieselbe Datenbasis zugreifen und untereinander<br />

kommunizieren können, entsteht ein echtes digitales Team. Die Agenten<br />

arbeiten intelligent zusammen, tauschen Informationen aus und übergeben<br />

Aufgaben nahtlos. So entsteht ein durchgängiger, automatisierter Prozess – ohne<br />

Medienbrüche und doppelte Eingaben. Der größte Gewinn dabei ist, dass Maklerinnen<br />

und Makler von zeitintensiven Routinetätigkeiten entlastet werden und sich<br />

auf das konzentrieren können, was kein Computer leisten kann: persönliche Beratung,<br />

Vertrauen und Beziehungspflege.<br />

Der Makler bleibt unersetzlich –<br />

aber seine Rolle verändert sich<br />

Trotz aller Technologie bleibt der Makler das zentrale Element im Kundenkontakt.<br />

KI-Agenten ersetzen keine menschliche Beratung – sie ergänzen sie. Sie liefern<br />

fundierte Analysen, schlagen Optionen vor und halten Prozesse im Fluss. Die Aufgabe,<br />

das richtige Produkt zu empfehlen, Vertrauen aufzubauen und die Kundenbeziehung<br />

zu pflegen, übernimmt weiterhin der Makler.<br />

Warum es sich lohnt, schon heute die richtigen Weichen zu<br />

stellen<br />

Die Digitalisierung schreitet stetig voran und mit ihr wachsen die Möglichkeiten,<br />

Prozesse intelligenter, schneller und individueller zu gestalten. KI-Agenten sind<br />

dabei kein ferner Zukunftstrend, sondern ein vielversprechender nächster Schritt.<br />

Damit solche Technologien ihr volles Potenzial entfalten können, braucht es als<br />

Grundlagen eine klare Datenbasis, vernetzte Systeme und vor allem starke Partner.<br />

Denn die Entwicklung leistungsfähiger KI-Agenten ist aufwendig, kostenintensiv<br />

und nur im Zusammenschluss realisierbar.<br />

Nur Pools, Verbünde oder Plattformanbieter mit entsprechender Finanzkraft, den<br />

richtigen Systemen und strategischer Ausrichtung sind in der Lage, echte Innovationen<br />

in die Fläche zu bringen – von der intelligenten Datenvernetzung bis zur<br />

nahtlosen Integration KI-gestützter Prozesse.<br />

Maklerhäuser, die sich frühzeitig einem solchen Netzwerk anschließen, sichern sich<br />

langfristige Wettbewerbsvorteile durch Zugang zu Technologien, die den Beratungsalltag<br />

wirklich entlasten und gleichzeitig Raum für das schaffen, was den<br />

Makler unersetzlich macht: persönliche Nähe, fundierte Empfehlungen und echtes<br />

Vertrauen.<br />

In einer zunehmend digitalen Branche kann der Einsatz intelligenter Assistenten<br />

zum entscheidenden Erfolgsfaktor werden – für mehr Effizienz, stärkere Kundenbindung<br />

und nachhaltigen Markterfolg.<br />

56<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


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DIGITALE WELT<br />

Cyberversicherung braucht mehr als Policen: Dr. Christopher Lohmann spricht im Interview über Weichmarkt,<br />

regulatorischen Druck – und warum ein Security Operating Center (SOC) künftig genauso selbstverständlich<br />

sein könnte wie eine Sprinkleranlage in der Sachversicherung.<br />

expertenReport: Wie hat sich der Markt für Cyberversicherungen<br />

in den letzten Jahren entwickelt –<br />

und welche Faktoren haben diese Entwicklung maßgeblich<br />

beeinflusst?<br />

Dr. Christopher Lohmann: Wir sehen viel Bewegung<br />

auf diesem Markt. Unternehmen investieren mehr und<br />

gezielt in ihre Cybersicherheit, nicht zuletzt aufgrund<br />

regulatorischer Vorgaben wie NIS-2. Mit der Verbesserung<br />

der Security steigt die Versicherbarkeit von Cyberrisiken.<br />

Auch bei den Anbietern tut sich was. Cyber gilt<br />

als Wachstumsmarkt und zieht weiter Kapital an. Junge<br />

Assekuradeure wie Baobab, Coalition oder Stoik setzen<br />

Tools wie Surface Scans zur Analyse und Verbesserung<br />

von Cyberrisiken ein. Das ersetzt für Makler und Kunden<br />

die mühsame Risikoanalyse über Fragebögen und verbreitert<br />

das Angebot an Cyberschutz. Diese Ansätze tun<br />

dem Markt gut und treiben etablierte Versicherer an,<br />

innovativer und digitaler zu werden.<br />

Welche neuen Bedrohungslagen sehen Sie aktuell,<br />

auf die Versicherer besonders reagieren müssen?<br />

Für Unternehmen sind Business-E-Mail-Compromise-Attacken<br />

die Cyberbedrohung, die unsere Experten am<br />

häufigsten beobachten. Bei dieser Betrugsmasche kapern<br />

Kriminelle E-Mail-Konten, um Mitarbeiter oder Geschäftspartner<br />

zu manipulieren. Die kostspieligste Bedrohung<br />

für KMU bleibt allerdings Ransomware, die<br />

Sperrung von Computern zur Erpressung von Lösegeld.<br />

Angesichts der Bedrohungslage und steigender Schadenzahlen<br />

ist erstaunlich, dass wir uns aktuell in einer ausgeprägten<br />

Weichmarktphase befinden. Das äußert sich<br />

nicht nur in fallenden Prämien, sondern auch darin, dass<br />

Versicherer Risiken zeichnen, die sie lange nicht mal<br />

angeschaut haben. Das wird sich in steigenden Schadenquoten<br />

bemerkbar machen. Es würde mich nicht überraschen,<br />

wenn wir in den nächsten 18 Monaten eine<br />

Verhärtung des Marktes für Cyberversicherungen sehen.<br />

Wie haben sich die Anforderungen und Erwartungen<br />

von Kunden an Cyberversicherungen angesichts der<br />

neuen Bedrohungslagen verändert?<br />

Viele Kunden erkennen, dass wirksamer Schutz gegen<br />

Cyberrisiken mehr braucht als passiven Risikotransfer<br />

durch eine Versicherung. Aktiver, vorbeugender Schutz<br />

ist wichtig. Darauf setzen die erwähnten Tech-Assekuradeure,<br />

aber auch Anbieter wie Eye Security. Deren Security<br />

Operating Center (SOC) überwacht die Systeme<br />

der Kunden rund um die Uhr, um bei Auffälligkeiten<br />

sofort zu reagieren. Die Experten von Eye etwa erkennen<br />

Angriffe innerhalb von drei Minuten. Damit lassen sich<br />

Incidents so schnell bekämpfen, dass Schäden gar nicht<br />

58<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


erst entstehen. Verbleibende Risiken werden mit einer<br />

passenden Versicherung abgesichert. Seit ihrem Start<br />

waren Cyberversicherungen immer eine Kombination<br />

aus Risikotransfer und Assistance-Leistungen. Die neue<br />

Generation von Cyberschutz verknüpft technischen und<br />

Versicherungsschutz noch enger. Das ist angesichts der<br />

Bedrohung auch wichtig.<br />

Wie gelingt es, Entscheider in Unternehmen von der<br />

Relevanz einer Cyberversicherung zu überzeugen –<br />

auch wenn bisher keine Vorfälle eingetreten sind?<br />

Regulatorische Vorgaben sowie verschärfte Haftungsregelungen<br />

führen dazu, dass sich Unternehmenslenker<br />

viel mehr mit Cyberversicherungen beschäftigen. Für<br />

Makler ist das die Chance, über den Vergleich von Bedingungswerken<br />

hinaus Kunden als Risikomanager für umfassenden<br />

Cyberschutz zur Seite zu stehen. Das passiert<br />

auch: Ich bin immer wieder beeindruckt von der Cyberexpertise<br />

der Makler-Partner, mit denen wir zusammenarbeiten.<br />

Sie haben über Jahre gezielt in ihre Kompetenz<br />

investiert und ein tiefes Verständnis technischer Ansätze<br />

zum Schutz gegen Cybergefahren entwickelt. Das versetzt<br />

sie in die Lage, auf Augenhöhe mit Entscheidern zu<br />

sprechen. Ich finde es ermutigend, dass sich viele Maklerhäuser<br />

auf den Weg gemacht haben, eben um mit<br />

Kompetenz in den Dialog gehen zu können.<br />

Was müsste aus Ihrer Sicht geschehen, damit das<br />

Thema Cyberversicherung dauerhaft den Stellenwert<br />

bekommt, den es angesichts der steigenden<br />

Risiken verdient?<br />

Ich finde, dass sich der Markt für Cyberversicherungen<br />

seit dem Start vor 15 Jahren eigentlich gut entwickelt hat.<br />

Alle führenden Gewerbe- und Industrieversicherer bieten<br />

Cyberprodukte an, und mit den erwähnten Tech-Assekuradeuren<br />

sehen wir besonders viel Bewegung. Es gibt<br />

lebhaften Wettbewerb und die typischen Zyklen. Gutes<br />

Cyberrisiko-Management führt zu besseren Bedingungen<br />

und mehr Kapazität. Wie die Sprinkleranlage in der<br />

Sachversicherung können Kunden über ein SOC ihre<br />

Versicherungsprämien senken, weil sie besser geschützt<br />

sind. All das sind Merkmale, wie sie für reife Versicherungsmärkte<br />

typisch sind. Am ehesten sehe ich weiteren<br />

Entwicklungsbedarf auf der Vermittlerseite. Zwar bauen<br />

viele umfassende Cyberexpertise auf oder nutzen die<br />

Angebote, die Finlex, Cyberdirekt oder Howden bieten.<br />

»Ein Security Operating Center wird künftig<br />

so selbstverständlich sein wie eine<br />

Sprinkleranlage in der Sachversicherung.«<br />

Christopher Lohmann<br />

Geschäftsführer The Mulberry Ventures<br />

Es gibt aber doch Vermittler, die sich Cyber noch stärker<br />

öffnen und sich schneller entwickeln müssten. Sie laufen<br />

Gefahr, Geschäft zu verlieren, an andere Makler, aber<br />

auch an IT-Sytemhäuser, die ebenfalls den Dialog mit<br />

Entscheidern suchen.<br />

Welche Entwicklungen erwarten Sie in den nächsten<br />

drei bis fünf Jahren – sowohl im Hinblick auf Produkte<br />

als auch auf die Kundenerwartungen?<br />

Angesichts der tiefgreifenden Veränderungen, die wir<br />

erleben, finde ich den Blick in die fernere Zukunft schwierig,<br />

gerade für Cyberrisiken. Wichtiger ist es, aktuelle<br />

Entwicklungen zu bewerten und Lösungen für die Herausforderungen<br />

von heute zu finden. Die Multipolarität<br />

unserer Welt und der Krieg in der Ukraine führen dazu,<br />

dass professionelle Hacker neue Auftraggeber finden.<br />

Die Bedrohungslage verschärft sich, wir sehen mehr<br />

Betrug und deutlich mehr Spionage. Mit künstlicher Intelligenz<br />

lassen sich dabei immer raffiniertere Angriffsvektoren<br />

entwickeln. Mehr denn je muss es daher darum<br />

gehen, Unternehmen wirksam gegen Cyberrisiken zu<br />

schützen. Mit Versicherungen allein werden wir dem<br />

nicht begegnen können. Ein wirkmächtiges SOC, gepaart<br />

mit regelmäßigen Back-ups der IT und einer passenden<br />

Versicherung gegen mögliche Restrisiken, das ist Cyberschutz,<br />

den Unternehmen immer stärker nachfragen.<br />

Heute, und auch in drei Jahren.<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 59


DIGITALE WELT<br />

Wie moderne Technik aus Finanzberatung ein echtes Kundenerlebnis macht,<br />

erklärt Uwe Mahrt, CEO von Pangaea Life, im Interview<br />

»Die Brille schafft Transparenz –<br />

und emotionalisiert das Produkt.«<br />

Uwe Mahrt<br />

60<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


expertenReport: Herr Mahrt, Sie setzen in der Kundenberatung<br />

auf Virtual und Augmented Reality.<br />

Was ist der Unterschied?<br />

Uwe Mahrt: Bei Virtual Reality taucht der Kunde vollständig<br />

in eine andere Welt ein. Er setzt die Brille auf<br />

und steht plötzlich in einem Solarpark in Spanien oder<br />

einem Windpark in Norwegen. Unsere Assets werden<br />

in 360 Grad erlebbar – das ist keine Werbung, sondern<br />

Information pur. Augmented Reality dagegen blendet<br />

zusätzliche Informationen in die reale Umgebung ein.<br />

Diese Brille trägt meist der Berater, nicht der Kunde,<br />

und sie zeigt etwa steuerliche Rahmenbedingungen<br />

oder Produktdetails in Echtzeit an.<br />

Welche Technologie setzen Sie konkret ein?<br />

Wir arbeiten mit zwei VR-Brillen: einer einfachen Variante,<br />

bei der das Handy eingesetzt wird, und der sogenannten<br />

Pico-Brille, die ohne Smartphone funktioniert.<br />

Letztere ist besonders immersiv – man hat wirklich<br />

das Gefühl, vor Ort zu sein. Zusätzlich testen wir<br />

AR-Brillen, etwa mit Informationen zur Basisrente oder<br />

interaktiven Beratungsfunktionen. Das ist aber noch<br />

stark gewöhnungsbedürftig – man muss trainieren,<br />

mit diesen eingeblendeten Infos umzugehen.<br />

Wie reagieren die Kunden auf das Angebot?<br />

»Kunden erleben ihre Geldanlage hautnah –<br />

nicht abstrakt, sondern vor Ort.«<br />

Uwe Mahrt<br />

CEO Pangaea Life<br />

Sehr positiv. Die meisten schauen sich drei Videos an –<br />

zu Wind, Sonne und Wasser – und sind danach deutlich<br />

informierter. Rund 40 bis 50 Prozent der Vermittler,<br />

die wir in unseren digitalen Investmentreisen<br />

schulen, übernehmen die Technologie in ihre Beratung.<br />

Viele Kunden entscheiden sich anschließend bewusster<br />

für bestimmte Investments. Die Brille schafft<br />

Transparenz – und emotionalisiert das Produkt.<br />

Gibt es Herausforderungen?<br />

Natürlich. Jüngere Kunden sind technikaffin, haben<br />

aber oft weniger Kapital. Ältere Kunden wiederum<br />

verfügen über das Kapital, aber tun sich mit der Technik<br />

schwerer. Deshalb setzen wir auf einfache Lösungen:<br />

Entweder der Berater bringt die Brille mit oder<br />

sie wird dem Kunden nach Hause geschickt – fertig<br />

konfiguriert.<br />

Wie schätzen Sie die Zukunft ein?<br />

Die Entwicklung ist erst am Anfang. Mit AR-Brillen und<br />

KI wird es bald möglich sein, in der Beratung Informationen<br />

in Echtzeit einzublenden – ob steuerliche Aspekte<br />

oder Produkthinweise. Und mit neuen Geräten<br />

wie der Apple Vision Pro wird man sogar gemeinsame<br />

virtuelle Beratungsgespräche führen können – unabhängig<br />

vom Ort. Wir testen das bereits und bereiten<br />

unsere nächste „digitale Investmentreise“ auch in den<br />

USA vor.<br />

Was bedeutet das für den Vertrieb?<br />

Es verändert die Rolle des Beraters. Wer sich darauf<br />

einlässt, bekommt neue Möglichkeiten – aber auch<br />

neue Anforderungen. Technik allein reicht nicht, man<br />

muss damit umgehen können. Wer das schafft, wird<br />

gewinnen.<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 61


RECHT<br />

Die Rückforderung gezahlter Provisionen nach Ende eines Arbeitsverhältnisses ist rechtlich heikel – besonders im<br />

Versicherungsvertrieb. Ein Fachbeitrag von Dr. Jan Freitag, Kanzlei Michaelis, bietet Orientierung. Die Redaktion hat<br />

zentrale Aussagen für Sie gebündelt.<br />

V<br />

ergütungsmodelle mit geringem Festgehalt und hohem variablen Anteil sind<br />

in der Versicherungsbranche, besonders im Vertrieb, weitverbreitet. Doch<br />

was passiert, wenn der Arbeitgeber bereits gezahlte Provisionen zurückfordert,<br />

etwa nach einer Stornierung oder gar nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses?<br />

Diese Frage stellt sich vielen angestellten Vermittlern, gerade wenn der Provisionsvorschuss<br />

später negativ abgerechnet wird.<br />

Dr. Jan Freitag, Arbeitsrechtler bei der Kanzlei Michaelis in Hamburg, hat sich in<br />

einem aktuellen Fachbeitrag ausführlich mit der rechtlichen Zulässigkeit solcher<br />

Rückforderungsklauseln beschäftigt. Grundlage seiner Einschätzung ist unter anderem<br />

ein von ihm erstrittenes Grundsatzurteil des Bundesarbeitsgerichts (BAG,<br />

Urteil vom 21.1.2015 – 10 AZR 84/14), das sich mit der Wirksamkeit solcher vertraglichen<br />

Regelungen beschäftigt.<br />

Variable Vergütung erlaubt – aber Mindestlohnpflicht gilt<br />

Zunächst stellt Freitag klar: Eine arbeitsvertragliche Konstruktion aus geringem<br />

Grundgehalt und variabler Vergütung ist grundsätzlich zulässig, solange die Grundvergütung<br />

den gesetzlichen Mindestlohn nicht unterschreitet. Bei einer 40-Stunden-<br />

Woche müssen demnach mindestens 2.222 Euro brutto monatlich gezahlt werden<br />

(Stand April 20<strong>25</strong>). Und zwar unabhängig davon, ob überhaupt Provisionen erzielt<br />

wurden oder nicht. Eine Unterschreitung des Mindestlohns, etwa durch nachträgliche<br />

Rückforderungen, ist nicht zulässig und kann als Ordnungswidrigkeit mit hohen<br />

Bußgeldern geahndet werden.<br />

62<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


Rückforderungen nur unter engen Voraussetzungen wirksam<br />

Rückforderungen von bereits gezahlten Vergütungsbestandteilen sind laut Bundesarbeitsgericht<br />

zwar nicht grundsätzlich unzulässig, unterliegen jedoch strengen<br />

Voraussetzungen. Arbeitgeber müssen unter anderem darlegen, welche konkreten<br />

Schritte sie selbst oder der Mitarbeitende unternommen haben, um eine Vertragsstornierung<br />

zu verhindern. Dieser sogenannte Nachbearbeitungsnachweis ist für<br />

jeden Einzelfall zu erbringen – auch bei kleineren Beträgen.<br />

Darüber hinaus gelten umfassende Transparenzpflichten: Provisions- und Stornohaftungsbedingungen<br />

müssen für die Mitarbeitenden jederzeit zugänglich sein,<br />

etwa durch Einsicht im Intranet oder durch regelmäßige Schulungen. Allgemeine<br />

Verweise im Arbeitsvertrag genügen nicht. Auch muss die Abrechnung über zurückzufordernde<br />

Beträge nachvollziehbar erfolgen.<br />

Stornoreservekonten oft unzulässig geregelt<br />

Ein weiterer kritischer Punkt betrifft sogenannte Stornoreservekonten, auf denen<br />

Provisionsbestandteile für den Fall von Stornierungen zurückgehalten werden. Laut<br />

BAG müssen Arbeitgeber hier nachweisen, dass die Zurückbehaltung sachlich<br />

begründet ist – pauschale Laufzeiten von zum Beispiel zehn Jahren oder pauschale<br />

Auskehrung am Ende der letzten Stornohaftungszeit sind unzulässig. Vielmehr ist<br />

eine individuelle Betrachtung jedes einzelnen Vertrags notwendig.<br />

In der Praxis führen diese Anforderungen dazu, dass viele Rückforderungsklauseln<br />

unwirksam sind. Betroffene Arbeitnehmer können sich deshalb erfolgreich gegen<br />

entsprechende Forderungen zur Wehr setzen.<br />

Betriebsvereinbarung als „Hintertür“?<br />

Einige Arbeitgeber versuchen, die vom BAG gesetzten Grenzen durch alternative<br />

Rechtsgrundlagen wie Betriebsvereinbarungen zu umgehen. Doch auch hier gilt:<br />

Die Transparenzanforderungen und arbeitsrechtlichen Schranken bleiben bestehen.<br />

So kann etwa die tarifliche Sperrwirkung des § 77 Abs. 3 BetrVG einer solchen<br />

Regelung entgegenstehen, wenn ein einschlägiger Tarifvertrag Anwendung findet.<br />

Vergütungsmodelle im Versicherungsvertrieb, die stark auf Provisionsvorschüsse<br />

setzen, bergen erhebliche rechtliche Risiken für Arbeitgeber.<br />

Wer im Nachhinein Vergütung zurückfordern will, muss strenge gesetzliche<br />

und richterliche Vorgaben beachten. Transparenz, Nachweispflichten<br />

und die Einhaltung des Mindestlohns sind dabei zentrale Kriterien.<br />

Mitarbeitende sollten entsprechende Rückforderungen unbedingt arbeitsrechtlich<br />

prüfen lassen.<br />

<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 63


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Handelsregister: HRB 43198<br />

Steuer-Nr.: 117 / 1<strong>25</strong> / 91694<br />

Ust-IdNr.: DE229152627<br />

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MÖLLER PRO MEDIA® GmbH<br />

Redaktion: Michael Fiedler<br />

Grafik & Produktion: Deutrik GmbH / www.deutrik.de<br />

Die verwendeten Bilder wurden mit der KI-gestützten Bildgenerierung MidJourney erstellt.<br />

Erscheinungsweise/Versand: Erscheinungsweise vierteljährlich im kostenpflichtigen Einzelversand<br />

Erscheinungstermin: Juli 20<strong>25</strong><br />

Mediadaten: www.experten.de<br />

Pressemitteilungen an: news@experten.de<br />

ISSN 2196-4238<br />

Kostenpflichtiger Bezug: Heftpreis 3,80 € zzgl. MwSt.<br />

Der expertenReport (Print und E-Paper) und die Newsletter daily, weekly und AssekuranZoom sind Pressedienste für Journalisten, Redaktionen,<br />

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<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport


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