eR 07/25
Die neue Ausgabe des expertenReport 07/2025 fragt: Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich? Stimmen aus der Branche zeigen, wie vielfältig das Verständnis von Freiheit zwischen Maklerpool, Plattformdruck und unternehmerischer Verantwortung ist. Weitere Beiträge widmen sich der Berufsunfähigkeitsversicherung – von neuen Prüfverfahren über psychologische Aspekte im Verkauf bis hin zu ihrer Rolle als existenzielle Absicherung. Auch die Altersvorsorge wird neu gedacht: Ein Beitrag zeigt, wie Riester und Rürup zu einem zukunftsfähigen Modell verschmelzen könnten. Digitale Tools, KI-Agenten, moderne Vertriebsstrategien und der Einsatz von Social Media runden das Heft ab – ein fundierter Impulsgeber für Vermittler, die Vertrieb, Beratung und Prozesse weiterentwickeln wollen.
Die neue Ausgabe des expertenReport 07/2025 fragt: Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich? Stimmen aus der Branche zeigen, wie vielfältig das Verständnis von Freiheit zwischen Maklerpool, Plattformdruck und unternehmerischer Verantwortung ist. Weitere Beiträge widmen sich der Berufsunfähigkeitsversicherung – von neuen Prüfverfahren über psychologische Aspekte im Verkauf bis hin zu ihrer Rolle als existenzielle Absicherung. Auch die Altersvorsorge wird neu gedacht: Ein Beitrag zeigt, wie Riester und Rürup zu einem zukunftsfähigen Modell verschmelzen könnten. Digitale Tools, KI-Agenten, moderne Vertriebsstrategien und der Einsatz von Social Media runden das Heft ab – ein fundierter Impulsgeber für Vermittler, die Vertrieb, Beratung und Prozesse weiterentwickeln wollen.
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<strong>07</strong>/<strong>25</strong><br />
UNABHÄNGIGKEIT<br />
HAT<br />
VIELE<br />
GESICHTER<br />
www.experten.de<br />
Beratung & Marketing<br />
„Social Media gehört heutzutage<br />
zum Unternehmertum dazu“<br />
LEBEN<br />
Wenn Riester und Rürup zu einem echten<br />
Zukunftsmodell verschmelzen<br />
Digitale Welt<br />
Wie KI-Agenten den<br />
Beratungsalltag neu definieren
EDITORIAL<br />
Liebe Leserinnen und Leser,<br />
der Sommer ist da – und mit ihm ein Moment zum Innehalten. Zwischen<br />
Kundenterminen, regulatorischen Neuerungen und Digitalprojekten bleibt<br />
oft wenig Zeit für die Frage: Was treibt uns eigentlich an?<br />
Diese Ausgabe des expertenReport ist daher mehr als ein saisonaler<br />
Begleiter. Sie ist ein Plädoyer für Klarheit – in der Beratung, in der unternehmerischen<br />
Ausrichtung und in der Haltung gegenüber Kunden und<br />
Geschäftspartnern.<br />
Unsere Titelstory fragt, was Unabhängigkeit heute wirklich bedeutet.<br />
Zwischen Poolbindung, Plattformwahl und Selbstbestimmung kommen<br />
führende Köpfe der Branche zu Wort – vielstimmig, aber mit einem gemeinsamen<br />
Nenner: Unabhängigkeit ist keine rein formale Frage, sondern<br />
eine des Mindsets.<br />
Auch sonst bieten die Beiträge dieser Ausgabe Orientierung: Ob zur Digitalisierung<br />
in der Risikoprüfung, zum Einsatz von KI-Agenten im Beratungsgespräch<br />
oder zur Frage, wie Vertrieb und Cyberrisiken künftig zusammengedacht<br />
werden müssen.<br />
Und wenn Sie diesen Report vielleicht am See, im Garten oder im klimatisierten<br />
Büro durchblättern – dann nehmen Sie sich ruhig einen Moment<br />
für die Themen, die sonst zu kurz kommen: Reflexion, Haltung, Zukunft.<br />
Wir wünschen Ihnen einen inspirierenden Sommer!<br />
Im Namen der gesamten Redaktion<br />
Michael Fiedler<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 1
Neu<br />
Beratung & Marketing<br />
34 Schäden aus dem Leben:<br />
Wenn Kundenerwartungen und<br />
Vertragswirklichkeit auseinanderklaffen<br />
38 Cross-Selling ist kein Verkaufen<br />
auf Verdacht<br />
40 „Social Media gehört heutzutage<br />
zum Unternehmertum dazu“<br />
44 So nutzen Sie „die Weisheit der Kunden“<br />
mit fokussierenden Fragen<br />
48 Psychologie des Verkaufs in der<br />
Lebensversicherung<br />
Digitale Welt<br />
Gutes noch<br />
einfacher,<br />
individueller,<br />
besser<br />
gemacht.<br />
Tarif-Update in der EUROPA<br />
Risikolebensversicherung.<br />
50<br />
52<br />
54<br />
58<br />
60<br />
„Ich habe keine Zeit für<br />
schlechte Prozesse“<br />
„Erfolgreich ist, wer seinen<br />
Digitalvertrieb ganzheitlich versteht"<br />
Wie KI-Agenten den<br />
Beratungsalltag neu definieren<br />
„Mit Versicherungen allein<br />
werden wir Cyberrisiken<br />
nicht begegnen können“<br />
Brille auf:<br />
So erleben Kunden ihre<br />
Geldanlage hautnah<br />
Wir haben unsere Risikolebensversicherung<br />
verbessert, damit Sie Ihre Kunden noch<br />
leichter erreichen.<br />
Ihre Vorteile:<br />
• Erweiterte Zielgruppe und leichterer<br />
Zugang durch neue Tarifvarianten und<br />
verlängerte Fristen<br />
• Noch mehr Einsatzmöglichkeiten für<br />
unsere Kurzanträge mit nur 2 Gesundheitsfragen<br />
– speziell für junge Leute,<br />
Familien und Immobilienfinanzierer<br />
• Weniger administrativer Aufwand vor<br />
und nach Abschluss<br />
RECHT<br />
62<br />
Rückforderung von Gehalt im Vertrieb:<br />
Bundesarbeitsgericht setzt<br />
strenge Grenzen<br />
Mehr Infos finden Sie unter<br />
europa-vertriebspartner.de<br />
oder unter 0221 5737-300<br />
64<br />
Impressum<br />
60<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
TITELSTORY<br />
Unabhängigkeit<br />
hat<br />
viele<br />
Gesichter<br />
Zwischen Poolbindung, Plattformwahl und Selbstbestimmung:<br />
Wie frei sind Makler wirklich?<br />
Unabhängigkeit gilt als zentrales Ideal der Maklerschaft. Doch wie steht es um dieses Ideal in der Praxis? Im Vorfeld<br />
des 13. Independence Day des Bundesverbands Finanzdienstleistung AfW stieß Nico Streker, Geschäftsführer der<br />
Asspick Versicherungsmakler GmbH, auf LinkedIn eine unbequeme Debatte an: Ist ein Event, das Maklerpools ins<br />
Zentrum rückt, wirklich ein Ort der Unabhängigkeit? „Viele junge Makler sind über Pools angebunden – aus pragmatischen<br />
Gründen. Doch wer seinen Bestand dort verwaltet, gibt ein Stück seiner unternehmerischen Souveränität ab.“<br />
Am 17. Juni bot sich auf dem Independence Day Gelegenheit, nachzuforschen, wie Poolchefs diesem Verständnis von<br />
Unabhängigkeit und Unternehmertum gegenüberstehen.<br />
4<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
Unterstützung statt Vorgaben<br />
Norbert Porazik, Gründer und Geschäftsführer der Fonds Finanz, hebt hervor:<br />
„Unabhängigkeit bedeutet für mich, die komplette unternehmerische Verantwortung<br />
und Freiheit für das eigene Handeln zu haben, frei von Umsatzvorgaben<br />
und immer das Wohl des Kunden im Fokus.“ Der zunehmende Regulierungsdruck<br />
mache Pools nahezu unverzichtbar – nicht aus Abhängigkeit, sondern<br />
aus Notwendigkeit. Gerade künstliche Intelligenz eröffne neue Möglichkeiten,<br />
setze aber auch standardisierte Prozesse und technische Infrastruktur voraus.<br />
Ein Einzelmakler allein könne dies kaum leisten.<br />
Fokus statt Bauchladen<br />
Für Lars Drückhammer (blau direkt) ist Unabhängigkeit eng mit Fokussierung<br />
verbunden: „Kein Kunde glaubt heute, dass ein Berater sich in allen Themen<br />
sehr gut auskennt. Die Hauptaufgabe der Vermittler wird es immer mehr sein,<br />
der Kontaktmanager zum Kunden zu sein.“ Netzwerke, Plattformen und digitale<br />
Unterstützung seien keine Einschränkung, sondern notwendige Ermöglicher.<br />
Klarheit und Haltung als Basis<br />
Bastian Roeder, Vorstand der BCA AG, sieht das größte Hindernis für freie<br />
Vermittler nicht in Technik oder Regulierung, sondern in mangelnder unternehmerischer<br />
Klarheit: „Berater zu sein bedeutet nicht, Produkte zu verkaufen –<br />
sondern Verantwortung für den Kunden zu übernehmen. Wer langfristig erfolgreich<br />
sein will, braucht eine klare Linie, unternehmerische Freiheit und ein<br />
Umfeld, das diese Freiheit nicht einschränkt, sondern stärkt.“ Dabei zähle<br />
weniger die Technik an sich als vielmehr ihre Einbettung in ein System, das<br />
Individualität fördert und unternehmerische Freiheit respektiert.<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 5
TITELSTORY<br />
Vertrieb trifft Unternehmertum<br />
Marvin Pfanschilling, Vorstand der Charta Börse für Versicherungen AG, betont<br />
die doppelte Herausforderung: „Gute Vertriebler sind nicht automatisch gute<br />
Unternehmer, gute Unternehmer nicht automatisch gute Vertriebler.“ Besonders<br />
jüngere Maklerinnen und Makler müssten sich frühzeitig strategisch<br />
aufstellen – bei Digitalisierung, Marktentwicklung und Regulatorik. Pools könnten<br />
dafür wichtige Partner sein, um das eigene Profil zu schärfen.<br />
Hybride Strategien und digitale Architektur<br />
Marcus Rex, Vorstand der JDC Group, unterstreicht die Rolle moderner Technologie:<br />
„Wir konzentrieren uns als unabhängiger Pool auf unsere hybride<br />
Advisortech-Strategie, also die Kombination aus innovativer Vertriebstechnologie<br />
plus persönlicher Beratung.“ Der Zugang zu einer medienbruchfreien<br />
Architektur sei Voraussetzung, um Kunden qualitativ hochwertig und gleichzeitig<br />
effizient beraten zu können.<br />
Lösungen statt Komplexität<br />
Netfonds-CEO Martin Steinmeyer bringt es auf den Punkt: „Selbst der beste Finanzberater<br />
benötigt Lösungen, um ganzheitlich, sicher und effizient arbeiten zu können.“<br />
Und Dr. Bernward Maasjost, Vorstand der [pma:], ergänzt: „Die kontinuierlich<br />
steigenden Bürokratieanforderungen beanspruchen einen unverhältnismäßig hohen<br />
Anteil der Arbeitszeit. Unsere Aufgabe als Pool ist es, Berater durch Compliance-<br />
Unterstützung, moderne Technik und administrative Entlastung zu unterstützen.“<br />
6<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
Vielstimmig<br />
–<br />
und doch einig<br />
Was Unabhängigkeit bedeutet, ist individuell – das zeigen die Perspektiven der<br />
Poolchefs deutlich. Für die einen steht der Zugang zu Technik im Vordergrund, für<br />
andere das Verständnis von unternehmerischer Verantwortung oder die Fokussierung<br />
auf den Kundenkontakt. Gemeinsam ist ihnen: Unabhängigkeit braucht ein<br />
Umfeld, das sie ermöglicht und nicht beschneidet.<br />
Daran wird sich auch ein Vermittler wie Nico Streker messen lassen müssen, der<br />
als Einzelmakler seinen eigenen Weg geht. Unabhängigkeit hat viele Gesichter.<br />
Entscheidend ist, ob sie gelebt wird – nicht, wie sie aussieht.<br />
Unabhängigkeit ist kein absoluter Zustand, sondern eine unternehmerische Haltung.<br />
Die Wege dorthin sind unterschiedlich – mal digital, mal technisch unterstützt, mal<br />
durch radikale Eigenständigkeit geprägt. Entscheidend ist nicht die Anbindung,<br />
sondern der bewusste Umgang damit.<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 7
GESUNDHEIT & PFLEGE<br />
„Gesundheitsleistungen schlagen<br />
Firmenhandy und Jobticket“<br />
Warum Zusatzleistungen mehr sind als ein nettes Extra: Im Interview erklärt Thomas Brahm, Vorsitzender des<br />
Verbands der Privaten Krankenversicherung, warum die betriebliche Krankenversicherung boomt, welche Rolle sie im<br />
Wettbewerb um Talente spielt – und wo noch regulatorischer Handlungsbedarf besteht.<br />
experten: Die betriebliche Krankenversicherung gilt<br />
als einer der dynamischsten Bereiche im Zusatzversicherungsgeschäft.<br />
Worauf führen Sie das aktuelle<br />
Wachstum dieses Segments zurück?<br />
Thomas Brahm: Die betriebliche Krankenversicherung<br />
(bKV) ist tatsächlich ein echtes Erfolgsmodell. Die Zahl der<br />
versicherten Personen ist in den vergangenen fünf Jahren<br />
enorm gestiegen. Ende 2024 hatten rund 2,5 Millionen<br />
Beschäftigte eine solche betriebliche Absicherung – ein<br />
Plus von 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das ist<br />
beachtlich. Übrigens zählen wir hier nur die Versicherungen,<br />
bei denen die Beiträge komplett vom Arbeitgeber<br />
übernommen werden.<br />
»Budgettarife ermöglichen eine flexible<br />
Gesundheitsversorgung – abgestimmt auf<br />
die individuellen Bedürfnisse.«<br />
Herr Thomas Brahm<br />
Vorsitzender des Verbandes der Privaten Krankenversicherungen<br />
Dieses Wachstum ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen:<br />
Betriebliche Krankenversicherungen sind für Arbeitgeber<br />
ein sehr gutes Instrument im Wettbewerb um Fachkräfte.<br />
Unternehmen nutzen sie zunehmend, um qualifizierte<br />
Mitarbeiter zu gewinnen und langfristig zu binden.<br />
Zudem kann eine bessere Versorgung im Krankheitsfall<br />
potenziell die Ausfallzeiten der Belegschaft reduzieren.<br />
Hinzu kommt: Arbeitgeberfinanzierte Beiträge zur bKV<br />
sind im Rahmen der Freigrenze für Sachbezüge steuerund<br />
sozialabgabenfrei. Das macht sie für Unternehmen<br />
auch finanziell attraktiv.<br />
8<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
Inwiefern kann eine bKV helfen, qualifizierte Fachkräfte<br />
zu gewinnen und langfristig ans Unternehmen<br />
zu binden – gerade im Wettbewerb um Talente?<br />
Die bKV stärkt die Arbeitgeberattraktivität, da sie Gesundheitsleistungen<br />
bietet, die über den Schutz in der GKV<br />
hinausgehen – und das in der Regel ohne Kosten für die<br />
Mitarbeitenden. Das können etwa Zahnzusatzversicherungen<br />
oder Wahlleistungen für Krankenhausaufenthalte<br />
sein.<br />
Unternehmen signalisieren ihrer Belegschaft auf diese<br />
Weise ihre Wertschätzung. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels<br />
ist das eine wichtige Komponente im „Run for<br />
Talents“.<br />
Starkes Wachstum bei der bKV<br />
2,5 Mio.<br />
+20 %<br />
Beschäftigte mit<br />
bKV (Ende 2024)<br />
Wachstum gegenüber<br />
dem Vorjahr<br />
Welche Kriterien sind für Arbeitgeber bei der Auswahl<br />
eines bKV-Tarifs besonders entscheidend, und wie lassen<br />
sich diese in der Praxis umsetzen?<br />
Ein großer Vorteil der bKV ist, dass sich der Versicherungsschutz<br />
an die individuellen Bedürfnisse einzelner Unternehmen<br />
und ihrer Beschäftigten anpassen lässt. Das gilt<br />
auch für kleinere Unternehmen. Da in der betrieblichen<br />
Krankenversicherung keine Gesundheitsprüfungen erforderlich<br />
sind, ist der Verwaltungsaufwand zudem relativ<br />
gering.<br />
Wie wird die bKV von Mitarbeitenden wahrgenommen<br />
– und welche Kommunikationsstrategien haben<br />
sich bewährt, um deren Mehrwert verständlich zu<br />
vermitteln?<br />
Die Vorteile einer bKV sprechen für sich. Der Verzicht auf<br />
eine Gesundheitsprüfung, die Beitragsübernahme durch<br />
den Arbeitgeber oder die Einbeziehung von Angehörigen<br />
sind starke Argumente. Hinzu kommt ein spürbarer Gesundheitsnutzen<br />
– etwa bei Komfortleistungen im Krankenhaus,<br />
Zahnersatz oder Sehhilfen. Mitarbeitende wissen<br />
das Angebot einer bKV durch ihr Unternehmen<br />
durchaus zu schätzen. Umfragen zeigen, dass besonders<br />
junge Fachkräfte diese Zusatzleistung bisweilen sogar<br />
höher schätzen als andere Benefits wie Jobtickets oder<br />
Firmenhandys.<br />
Welche Entwicklungen beobachten Sie derzeit bei den<br />
bKV-Produkten – gibt es neue Leistungsbausteine<br />
oder Zielgruppenansprachen?<br />
Die Produkte im Rahmen der betrieblichen Krankenversicherung<br />
sind sehr flexibel und entwickeln sich immer<br />
weiter. Relativ neu sind zum Beispiel Budgettarife. Hier<br />
erhalten die Beschäftigten ein bestimmtes Budget, das<br />
für Gesundheitsleistungen ihrer Wahl verwendet werden<br />
kann.<br />
Wo liegen derzeit noch regulatorische oder operative<br />
Hürden in der Verbreitung der bKV, und was müsste<br />
sich ändern, um diesen Wachstumsmarkt weiter zu<br />
fördern?<br />
Die starke Nachfrage zeigt, dass immer mehr Unternehmen<br />
die zahlreichen Vorteile der betrieblichen Krankenversicherung<br />
erkennen. Ich bin fest überzeugt, dass bei<br />
weiter steigender Bekanntheit dieses tollen Produkts sich<br />
noch viel mehr Unternehmer für diese Art der Absicherung<br />
entscheiden werden.<br />
Welche Rolle könnte die bKV im Bereich Pflegeabsicherung<br />
spielen und welche gesetzlichen Rahmenbedingungen<br />
sind dafür erforderlich?<br />
Die betriebliche Pflegeversicherung (bPV) ist ein sehr<br />
gutes Instrument für eine der größten sozialpolitischen<br />
Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte. Wer heute<br />
bei Pflegebedürftigkeit im Heim versorgt wird, muss einen<br />
hohen Beitrag aus eigener Tasche zahlen. Mit der bPV<br />
lässt sich das Problem dieser Pflegelücke für viele Menschen<br />
lösen. Um die wichtige Vorsorge für den Pflegefall<br />
breiter in der Gesellschaft zu verankern, sollten daher<br />
Aufwendungen zur Absicherung der Pflegelücke im Steuerrecht<br />
als eigenständiger Fördertatbestand berücksichtigt<br />
werden. Bisher sind die Zuwendungen des Arbeitgebers<br />
lediglich im Rahmen der 50-Euro-Sachbezugsfreigrenze<br />
steuer- und sozialabgabenfrei. In diesem engen<br />
Rahmen konkurrieren sie aber mit allen anderen Zuwendungen<br />
des Arbeitgebers.<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 9
GESUNDHEIT & PFLEGE<br />
Krankenversicherung:<br />
„Wer neue Kunden gewinnen will, braucht moderne,<br />
leistungsstarke und attraktive Produkte“<br />
Die private Krankenversicherung wächst – vor allem bei Zusatz- und Budgettarifen. Welche Rolle Digitalisierung,<br />
Demografie und Beitragsstabilität dabei spielen, erklärt Alexander Kraus, Fachkoordinator Krankenversicherung bei<br />
Assekurata, im Interview.<br />
Wachstumstreiber in der PKV<br />
Beamtenbereich als stärkster Zuwachs bei der Vollversicherung<br />
Zusatzversicherungen & Budgettarife im Aufschwung<br />
bKV (betriebliche Krankenversicherung) mit hoher Nachfrage<br />
Ambulante Zusatzversicherungen als nächstes Wachstumsfeld<br />
10<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
expertenReport: In welchen Segmenten der PKV sehen<br />
Sie aktuell die stärksten Wachstumsimpulse?<br />
Alexander Kraus: Grundsätzlich sehen wir in den letzten<br />
Jahren wieder eine stärkere Vollversicherung. Bereits das<br />
siebte Jahr in Folge konnte die Branche mehr Zugänge aus<br />
der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) als Abgänge<br />
in die GKV verzeichnen. Zum zweiten Mal gab es sogar ein<br />
leichtes Nettowachstum. Die Zahl der Vollversicherten ist<br />
nach vorläufigen Zahlen des PKV-Verbandes um 0,3<br />
Prozent auf 8,74 Millionen gestiegen. Dieses Wachstum<br />
stammt hauptsächlich aus dem Beamtenbereich, während<br />
die Zahlen bei Angestellten und Selbstständigen immer<br />
noch leicht rückläufig, aber stabiler sind. Alternde<br />
Bestände und damit verbundene Abgänge durch Todesfälle<br />
bremsen das Wachstum aber weiterhin.<br />
Noch positiver sieht es aktuell bei den Zusatzversicherungen<br />
aus. Trotz des herausfordernden Marktumfelds, etwa<br />
durch steigende Lebenshaltungskosten, bleibt dieser<br />
Marktbereich stabil und wächst kontinuierlich.<br />
Ein wesentlicher Wachstumstreiber ist neben den beliebten<br />
Zahnzusatzversicherungen vor allem die betriebliche<br />
Krankenversicherung (bKV). Besonders gut kommt hier<br />
das Konzept der sogenannten Budgettarife an. Einfach<br />
strukturierte Produkte, die gezielt Versorgungslücken vor<br />
allem bei gesetzlich Versicherten schließen. Bei diesen<br />
Tarifen liegt der Fokus stärker auf dem ambulanten Bereich.<br />
Die Angebote stoßen auf großes Interesse bei Arbeitgebern,<br />
Arbeitnehmern und im Vertrieb.<br />
In den nächsten Jahren wird es spannend sein zu beobachten,<br />
ob auch die ambulanten Zusatzversicherungen<br />
im privaten Bereich stärker wachsen. Hier könnten gesetzliche<br />
Reformen, die Leistungskürzungen zur Folge<br />
haben, einen weiteren Wachstumsimpuls liefern.<br />
Welche neuen Tarifmodelle beobachten Sie aktuell im<br />
Markt – und wie reagieren Versicherer dabei auf den<br />
demografischen Wandel?<br />
Zuletzt haben wir eine stärkere Tendenz zu leistungsstarken<br />
Top-Tarifen am Markt gesehen. Schon im vergangenen<br />
Jahr wurden in diesem Bereich neue Tarife eingeführt.<br />
Für dieses Jahr erwarten wir weitere Neuerungen. Gerade<br />
infolge der Corona-Pandemie ist das Thema Gesundheit<br />
wieder stärker in den Fokus gerückt, sodass die Nachfrage<br />
»Wer neue Kunden gewinnen will, braucht moderne,<br />
leistungsstarke und attraktive Produkte.«<br />
Alexander Kraus,<br />
Fachkoordinator Krankenversicherung, Assekurata Assekuranz Rating Agentur GmbH<br />
nach hochwertigem Schutz zugenommen hat.<br />
Bei den neuen Tarifen sehen wir einen klaren Trend: Nachhaltige<br />
und alltagsnahe Leistungen gewinnen an Bedeutung.<br />
Das reicht von Angeboten zur Gesundheitsvorsorge<br />
bis hin zu familienfreundlichen Lösungen. Ein gutes Beispiel<br />
ist die Beitragsfreistellung während der Elternzeit – ein<br />
Punkt, bei dem die PKV bisher oft schlechter dastand als<br />
die gesetzliche Krankenversicherung (GKV). Insgesamt orientieren<br />
sich die privaten Anbieter heute stärker an den<br />
Leistungen der GKV. Ziel ist es, bestehende Versorgungslücken<br />
zu schließen – ohne die bekannten Vorteile der PKV<br />
aufzugeben. Denn klar ist: Wer neue Kunden gewinnen will,<br />
braucht moderne, leistungsstarke und attraktive Produkte.<br />
Auf den demografischen Wandel reagieren die Unternehmen<br />
weniger über konkrete AVB-Inhalte als vielmehr über<br />
zusätzliche Angebote im Bereich des Gesundheitsmanagements.<br />
So können die Versicherten auch vor Eintritt einer<br />
Erkrankung Unterstützungen in Anspruch nehmen. Die<br />
Digitalisierung bietet sowohl Versicherern als auch Versicherten<br />
deutlich effizientere Zugänge, beispielsweise über<br />
Apps. Hier spielt Prävention eine größere Rolle, also die<br />
Vermeidung von schweren oder langwierigen Erkrankungen<br />
und somit auch die Vermeidung von Leistungsfällen.<br />
Wird es künftig eine stärkere Differenzierung zwischen<br />
klassischen Vollversicherungen und ergänzenden Modellen<br />
geben?<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 11
GESUNDHEIT & PFLEGE<br />
Kennzeichen moderner PKV-Tarife:<br />
Familienfreundlich<br />
Digitale Services<br />
Präventionsangebote<br />
Budgetflexibilität<br />
Transparent kalkuliert<br />
Wir gehen mittelfristig nicht davon aus, dass sich am<br />
aktuellen dualen System grundsätzlich etwas ändern wird.<br />
Auch wenn es aus der Politik aktuell wieder Signale in<br />
Richtung Bürgerversicherung gibt. In der öffentlichen Debatte<br />
steht häufig die ungleiche Versorgung zwischen<br />
gesetzlich und privat Versicherten im Fokus, etwa bei<br />
Wartezeiten oder dem Zugang zu Fachärzten und Kliniken.<br />
Kritiker sprechen daher von einer „Zweiklassenmedizin“.<br />
Dabei wird oft übersehen, dass Privatpatienten mit ihrem<br />
Mehrumsatz einen wichtigen Beitrag zur Finanzierung des<br />
gesamten Gesundheitssystems leisten. Laut PKV-Verband<br />
würden ohne sie jährlich über 14 Milliarden Euro fehlen,<br />
was Auswirkungen auf viele Bereiche haben würde, da<br />
zum Beispiel der Fortbestand von Arztpraxen im ländlichen<br />
Bereich gefährdet wäre. Letztendlich profitieren somit<br />
alle vom dualen System.<br />
Gleichzeitig bietet die GKV schon jetzt eine gute Grundversorgung,<br />
die sich im internationalen Vergleich immer<br />
noch auf einem sehr hohen Niveau befindet. Durch private<br />
Zusatzversicherungen kann dieser Schutz gezielt ergänzt<br />
werden. Die GKV hat also nicht unbedingt ein Leistungs-,<br />
sondern vielmehr ein Finanzierungsproblem, das<br />
durch gestiegene Kosten und den demografischen Wandel<br />
jetzt immer mehr zum Tragen kommt. Die Lösung hierfür<br />
ist aber nicht in der Abschaffung des dualen Systems zu<br />
suchen.<br />
Wie können Versicherer heute noch mit dem Thema<br />
Beitragsstabilität punkten – und was erwarten Kunden<br />
darüber hinaus?<br />
Natürlich ist neben den Leistungsinhalten auch die langfristige<br />
Beitragsstabilität für die Versicherten ein ganz<br />
relevanter Punkt. Zuletzt waren die Versicherten mit größeren<br />
Beitragsanpassungen konfrontiert, deren Ursachen<br />
in der komplexen Kalkulation der PKV liegen. Gerade deshalb<br />
ist Transparenz seitens der Versicherer besonders<br />
wichtig. Denn letztendlich sind Beitragsanpassungen nicht<br />
zu vermeiden, doch die Versicherten sollten klar, verständlich<br />
und offen über die Hintergründe informiert<br />
werden. Das schafft Vertrauen und Akzeptanz. Denn die<br />
PKV verfügt über verschiedene Mechanismen, um Beitragsanpassungen<br />
zu begrenzen. Ein Aspekt, der in der<br />
öffentlichen Diskussion oft zu kurz kommt. Hier könnten<br />
die Unternehmen zum Beispiel mehr Transparenz<br />
schaffen, indem sie die Historie der Beitragsanpassungen<br />
sowie ihre Finanzstärke, etwa durch solide Kapitalanlagen<br />
oder Rückstellungen für Beitragsanpassungen (RfB), offen<br />
kommunizieren. Das sind übrigens alles Punkte und<br />
Kennzahlen, die wir uns in unseren Unternehmensratings<br />
sehr detailliert anschauen und die aufgrund der hohen<br />
Bedeutung für die Versicherten eine höhere Gewichtung<br />
haben.<br />
12<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
GemeinsamGesund:<br />
so geht bKV heute<br />
Das flexible bKV-Konzept bietet Gesundheitsschutz<br />
auf Privatpatientenniveau: Punkten Sie bei Arbeitgebern<br />
und Mitarbeitern mit den Vorteilen unserer arbeitgeberund<br />
arbeitnehmerfinanzierten bKV.<br />
Ergänzend dazu betrachten wir in unseren Tarifanalysen<br />
zur privaten Vollversicherung nicht nur die relevanten<br />
Leistungsinhalte, sondern – als Besonderheit am Markt<br />
– auch die Kalkulationsgrundlagen der Tarife. Nur solche<br />
Tarife, deren Kalkulation transparent und nachvollziehbar<br />
ist, erhalten unser Siegel.<br />
Welche strategischen Schritte sollten Versicherer<br />
jetzt unternehmen, um ihre Tarifstruktur zukunftssicher<br />
aufzustellen?<br />
Ein Wechsel in die PKV ist eine langfristige Entscheidung –<br />
der Versicherungsschutz begleitet die Versicherten meist<br />
über Jahrzehnte. Ein zentraler Vorteil: Die Leistungen<br />
sind vertraglich garantiert und können nicht einfach gekürzt<br />
werden. In der GKV hingegen sind Leistungskürzungen<br />
durch Gesetzesänderungen möglich.<br />
Ausgezeichnet<br />
und voll digital<br />
HERAUSRAGEND<br />
Münchener Verein<br />
Krankenversicherung a.G.<br />
Budget 300 / 600 / 1000 / 1500<br />
(Tarifstufen 260 / 261 / 263 / 265)<br />
bKV-Budget (Ambulant,Zahn)<br />
05 | 20<strong>25</strong> ascore.de<br />
Die PKV ermöglicht darüber hinaus Zugang zur bestmöglichen<br />
medizinischen Versorgung. Besonders wichtig<br />
sind dabei Tarife mit offen formulierten Leistungen – sie<br />
sind nicht auf feste Kataloge beschränkt und schließen<br />
so auch medizinischen Fortschritt automatisch mit ein.<br />
Dieser Trend ist im Markt bereits gut erkennbar: Viele<br />
neue Tarife setzen auf solche offenen Leistungsbeschreibungen,<br />
oft ohne dass eine schriftliche Zustimmung des<br />
Versicherers erforderlich ist. Allerdings kann eine vorherige<br />
Genehmigung aus Sicht der Beitragsstabilität sinnvoll<br />
sein, da sie Kosten transparenter macht und das<br />
Versichertenkollektiv schützt. Der Nachteil: Versicherte<br />
müssen vor einer Behandlung aktiv eine Freigabe einholen.<br />
Das ist zeitaufwendig und widerspricht dem Wunsch<br />
nach Planungssicherheit.<br />
Ein Lösungsansatz könnte in einer besseren digitalen<br />
Vernetzung zwischen Versicherten, Ärzten und Versicherern<br />
liegen. Denn häufig kennen weder die Versicherten<br />
noch die Behandelnden die genauen Tarifinhalte. Das<br />
führt im Nachhinein zu Ärger bei Ablehnungen oder Kürzungen.<br />
Durch Digitalisierung und den Einsatz von KI<br />
ließe sich hier vielleicht ein System schaffen, das ohne<br />
formale Zustimmung auskommt – aber dennoch in Echtzeit<br />
Klarheit schafft, ob eine Leistung übernommen wird.<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport<br />
Top: Services und Leistungen<br />
● Vier leistungsstarke Budget-Tarife<br />
● Keine unterjährige Budget-Teilung<br />
in der obligatorischen bKV<br />
● 100 % Leistung für Vorsorge, PZR,<br />
Präventionskurse, LASIK<br />
● Keine Gesundheitsprüfung und Wartezeit<br />
● Zusätzlich: Zwei top stationäre Tarife<br />
● NEU: fakultative arbeitnehmerfinanzierte<br />
Tarife<br />
Weitere Infos unter:<br />
089 / 5152 - 1015<br />
mv-maklernetz.de/bkv-neu
LEBEN<br />
In der Beratung von Ingenieuren zur Berufsunfähigkeitsversicherung legt Benjamin Friedrich großen Wert auf Transparenz,<br />
Ehrlichkeit und fachliche Tiefe. Im Interview erklärt der Gründer von Friedrich Finance, warum Nachversicherungsoptionen<br />
allein oft nicht ausreichen – und wieso der passende Tarif mehr ist als eine Zahl auf dem Papier.<br />
14<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
»Ich will, dass mein Gegenüber<br />
versteht, was er da<br />
unterschreibt.«<br />
Benjamin Friedrich<br />
Friedrich Finance, Spezialist für Berufsunfähigkeitsversicherung<br />
expertenReport: Was macht Ingenieure – ob angestellt,<br />
selbstständig oder freiberuflich – aus Ihrer<br />
Sicht zu einer besonders relevanten Zielgruppe für<br />
die Arbeitskraftabsicherung, warum betreuen Sie<br />
genau diese Zielgruppe?<br />
Benjamin Friedrich: Ich vertrete nicht die verbreitete<br />
Ansicht, dass pauschal JEDER eine Berufsunfähigkeitsversicherung<br />
braucht. In erster Linie braucht es einen<br />
absicherungswürdigen Status, sowohl in Bezug auf den<br />
Lebensstandard als auch im Hinblick auf den Karriereweg.<br />
Wer studiert hat und anschließend seinen Karriereweg<br />
mit Weiterbildungen, MBA, Prozess- und Personalverantwortung<br />
beschreitet, um sich damit einen hohen<br />
Lebensstandard mit Familie, Eigenheim und mehrfachen<br />
Urlauben aufzubauen, der hat viel zu verlieren. Die<br />
Berufsunfähigkeitsversicherung ist quasi die Garantie,<br />
dass man all das nicht umsonst auf sich genommen hat<br />
und auch im Krankheitsfall genau so weiterleben kann.<br />
Auf die meisten Ingenieure trifft die Beschreibung eines<br />
anspruchsvollen Karriere- und privaten Weges zu, das<br />
heißt, es gibt innerhalb der Zielgruppe einen klaren Bedarf.<br />
Ich selbst habe so viel Freude an der Arbeit mit Ingenieuren,<br />
weil sie sich mit ihrer analytischen Denkweise<br />
nicht vom klassischen Vertriebs-Blabla blenden lassen.<br />
Seit Beginn meiner Makler-Tätigkeit habe ich den Anspruch,<br />
dass mein Gegenüber versteht, was es da unterschreibt.<br />
Nur mit den entsprechenden fachlichen Grundlagen<br />
kann mein Gegenüber fundierte Entscheidungen<br />
treffen. Die meisten Ingenieure und andere Vertreter<br />
des MINT-Bereiches teilen diese Meinung. Daher begegnen<br />
wir uns auf derselben Ebene und haben die gleichen<br />
Ansprüche an eine Beratung. Es geht nicht darum, mit<br />
dem Sargdeckel zu klappern, sondern Risiken sachlich<br />
zu benennen und ihnen lösungsorientiert zu begegnen.<br />
Welche berufsspezifischen Risiken oder Besonderheiten<br />
sehen Sie bei Ingenieuren im Hinblick auf die<br />
BU-Absicherung?<br />
Ohne Blick auf die individuelle Situation ist das kaum<br />
abschließend zu beantworten. Die offensichtliche Gemeinsamkeit<br />
fast aller ingenieurtechnischen Berufe sind<br />
große Einkommenssprünge und aussichtsreiche Gehaltsentwicklungen.<br />
Mit wachsendem Einkommen steigt zumeist<br />
auch der Lebensstandard an. Höhere Ausgaben<br />
bedeuten einen höheren Absicherungsbedarf in der<br />
Berufsunfähigkeitsversicherung. Hierfür pauschal das<br />
Wort „Nachversicherung“ als Lösung auszurufen, greift<br />
allerdings aus meiner Sicht zu kurz. Ich brauche für diese<br />
Fälle Tarife, die ohne erneute Risikoprüfung möglichst<br />
hohe Obergrenzen für Nachversicherungen und die jährliche<br />
Dynamik bieten und optimalerweise auch große<br />
Sprünge bei jedem Ereignis zulassen. Es macht schon<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 15
LEBEN<br />
einen Unterschied, ob ich pro Ereignis nur um 500 Euro<br />
oder um 50 Prozent der BU-Rente erhöhen kann – und<br />
ob ich auf maximal 3.000 Euro nachversichern kann oder<br />
inklusive Karrieregarantie Luft bis auf 6.000 oder gar<br />
über 7.000 Euro habe. Ebenso verhält es sich mit der<br />
jährlichen Dynamik: Endet diese mit dem 55. Lebensjahr,<br />
ist dieser Tarif sehr viel unflexibler in den Hochrisiko-Jahren<br />
als eine BU, die Dynamiken bis zum Ablauf mit<br />
67 zulässt.<br />
Wie ausgeprägt ist das Bewusstsein für Berufsunfähigkeitsrisiken<br />
in dieser Berufsgruppe?<br />
Finanztip, Finanzfluss oder große Makler-Influencer wie<br />
Versicherungen mit Kopf haben in den letzten Jahren<br />
massiv dazu beigetragen, für die Notwendigkeit einer BU<br />
zu sensibilisieren. Verantwortlich dafür ist sicher auch die<br />
Tatsache, dass diese Finfluencer ein Umdenken angeregt<br />
haben. Geld und Finanzen haben ihr Tabu-Image im Vergleich<br />
zu früher noch nicht abgelegt, aber deutlich reduziert.<br />
Vermögensaufbau und Altersvorsorge sind in jüngeren<br />
Generationen vermutlich so gesellschaftstauglich<br />
wie nie zuvor – und damit auch die Frage, wie denn weiter<br />
Vermögen aufgebaut werden soll, wenn das Einkommen<br />
krankheitsbedingt ganz oder teilweise wegfällt. Dieser<br />
Wissenstransfer sorgt bei den meisten (angehenden)<br />
Ingenieuren dafür, die BU nicht nur als direkte Absicherung<br />
des Einkommens, sondern auch als notwendiges<br />
Instrument zur Erhaltung der Altersvorsorge zu sehen.<br />
Ich glaube trotzdem, dass manch andere Berufszweige<br />
ein noch ausgeprägteres Bewusstsein für die BU haben,<br />
beispielsweise Lehrerinnen und Lehrer. Dort ist das Verständnis<br />
für psychische Erkrankungen berufsbedingt<br />
noch ausgeprägter als im MINT-Bereich.<br />
Wie gestalten Sie die BU-Beratung speziell für selbstständige<br />
oder freiberufliche Ingenieure?<br />
Mein BU-Beratungsprozess ist grundsätzlich immer identisch,<br />
wenngleich mehr ein Korridor als ein konkreter<br />
Pfad. Wir arbeiten immer zuerst die Gesundheitshistorie<br />
mit Unterstützung einer ehemaligen Risikoprüferin auf,<br />
die aus ihrer Berufserfahrung sehr genau weiß, was wie<br />
angegeben werden muss, um sauberen Versicherungsschutz<br />
zu gewährleisten. Damit minimieren wir vorvertragliche<br />
Anzeigepflichtverletzungen und maximieren<br />
die Leistungswahrscheinlichkeit im BU-Fall. Nach erfolgter<br />
Aufarbeitung der Gesundheitshistorie und der entsprechenden<br />
Risikovoranfrage gehen wir mit diesen Ergebnissen<br />
zur eigentlichen Beratung über. Erst hier werden<br />
dann verschiedene Themen anders gewichtet als in<br />
der Beratung eines angestellten Ingenieurs. Beispiels-<br />
16<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
Beratungstipps für MINT-Berufe<br />
Karrieregarantie mit hohen Obergrenzen<br />
Dynamiken bis 67 Jahre<br />
Umorganisationsklausel beachten<br />
Stundung ohne Deckungskapital<br />
Individuelle Risikovoranfrage nutzen<br />
weise ist eine Karrieregarantie, die nur bei 5 Prozent<br />
Gehaltserhöhung mit unbefristetem Arbeitsvertrag greift,<br />
für einen Selbstständigen praktisch nutzlos. Der entsprechende<br />
Versicherer wäre in so einem Fall weniger interessant<br />
als für einen angestellten Ingenieur. Ich prüfe also<br />
auf Basis jedes individuellen Falles, welches die neuralgischen<br />
Punkte in den Versicherungsbedingungen sind,<br />
und stelle diese Inhalte aus den Versicherungsbedingungen<br />
gegenüber. Dabei fällt auf, dass Versicherungsbedingungen<br />
in der Marktspitze nie schlecht, aber die Unterschiede<br />
zwischen „passend“ und „unpassend“ trotzdem<br />
groß sind. Schlussendlich entscheidet mein Kunde, welcher<br />
Tarif seine Vorstellungen erfüllt.<br />
Welche Alternativen bieten Sie an, wenn eine klassische<br />
BU nicht möglich oder nicht wirtschaftlich darstellbar<br />
ist?<br />
Glücklicherweise hapert es praktisch nie an der wirtschaftlichen<br />
Darstellbarkeit, da ingenieurtechnische Berufe<br />
in den allermeisten Fällen eine der drei besten und<br />
somit günstigsten Berufsgruppeneinstufungen erhalten.<br />
Im Gegensatz dazu machen uns umfangreiche Vorerkrankungen<br />
häufiger einen Strich durch die Rechnung.<br />
Tritt ein solcher Fall auf, ist die Grundfähigkeitsversicherung<br />
die Alternative der Wahl. Hierbei ist klare Kommunikation<br />
für mich das A und O: Die Grundfähigkeitsversicherung<br />
ist im Gegensatz zur BU keine Einkommensabsicherung.<br />
Die Unterschiede im Leistungsversprechen<br />
sind essenziell für die Entscheidungsfindung des Kunden.<br />
Ja, es gibt Krankheitsbilder, infolge derer sowohl<br />
eine BU als auch eine Grundfähigkeitsversicherung leistet.<br />
Aber wir können auch andere gesundheitliche Vorfälle<br />
konstruieren, bei denen entweder die BU leistet<br />
und die GF nicht oder die GF leistet und die BU nicht. Wir<br />
haben es schlicht mit zwei völlig verschiedenen Leistungsversprechen<br />
zu tun. Dabei bleibt die BU meiner Meinung<br />
nach die einzige Versicherung, die direkt am existenziellen<br />
Problem ansetzt. Vereinfacht: Sobald ich meinem Beruf<br />
gesundheitlich bedingt nur noch zu maximal 50 Prozent<br />
nachgehen kann und somit einen Einkommensverlust<br />
erleide, wird dieser durch die BU ausgeglichen.<br />
Die Grundfähigkeitsversicherung kann daher keine BU<br />
ersetzen, stellt aber meiner Ansicht nach trotzdem die<br />
beste Alternative dar. Durch weiterentwickelte Tarife und<br />
buchbare Zusatzbausteine wie eine AU-Klausel nähert<br />
sich die GF in Sachen Leistungsumfang zumindest nach<br />
und nach der BU an. Sie ist ein verhältnismäßig neues<br />
Produkt, das nach wie vor weiterentwickelt und sehr<br />
wahrscheinlich auch in vielen Jahren noch existieren wird,<br />
während Dread Disease und Erwerbsunfähigkeitsversi-<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 17
LEBEN<br />
cherung praktisch keinen Anklang mehr am Markt finden.<br />
Auch aus diesen Produkten ließen sich in der Vergangenheit<br />
Alternativ-Absicherungen zur BU stricken, die jedoch<br />
mit dem zunehmenden Rückzug der Versicherer aus<br />
diesen Geschäftsfeldern immer uninteressanter geworden<br />
sind.<br />
für MINT-Berufsgruppen günstiger ist und einen umfassenderen<br />
Versicherungsschutz bietet. Ich fürchte daher,<br />
dass auch eine berufsspezifisch auf Ingenieure zugeschnittene<br />
Grundfähigkeitsversicherung keinen relevanten<br />
Marktanteil gegenüber der BU erreichen und somit<br />
früher oder später eingestampft werden würde.<br />
Welche Elemente sind für ein tragfähiges Absicherungskonzept<br />
bei selbstständigen Ingenieuren besonders<br />
wichtig?<br />
Gibt es aus Ihrer Beratungserfahrung typische Fallstricke,<br />
etwa bei der Berufseinstufung, Leistungsprüfung<br />
oder Verständlichkeit der Bedingungen?<br />
Auch diese Frage ist schwer allumfassend zu beantworten,<br />
weil vom Einzelfall abhängig. Unverzichtbar für viele Selbstständige<br />
ist eine belastbare Regelung zur Umorganisation.<br />
Als Kunde kaufe ich mir hiermit schlicht und ergreifend<br />
Ruhe im Leistungsfall ein. Da spielt es eine massive Rolle,<br />
ob eine Umorganisation immer möglich ist, ob darauf bei<br />
weniger als fünf oder weniger als zehn Mitarbeitern verzichtet<br />
wird – oder eben vollständig. Wählt man hier einen<br />
Versicherer mit einer suboptimalen Regelung, sollte das<br />
allen Parteien bewusst sein und entsprechend in der<br />
Beratungsdokumentation festgehalten werden. Je nach<br />
individueller Tätigkeit kann die konkrete Verweisung eine<br />
über- oder untergeordnete Rolle spielen. Zudem können<br />
insbesondere für Existenzgründer mit inkonstantem Einkommen<br />
Stundungsoptionen wichtig sein, die nicht bedingungsgemäß<br />
an ein vorhandenes Deckungskapital gebunden<br />
sind. Auch die Nachversicherungsoptionen sind von<br />
großer Relevanz für Selbstständige. Wie oben bereits erwähnt:<br />
Eine Karrieregarantie, die nur bei fünf Prozent<br />
Gehaltserhöhung mit unbefristetem Arbeitsvertrag greift,<br />
ist für einen Selbstständigen praktisch nutzlos. Hier sollten<br />
Empfehlungen nicht pauschal auf Basis möglichst<br />
großer Zahlen bei den Obergrenzen getroffen, sondern<br />
wirklich auf Passgenauigkeit im Einzelfall geprüft werden.<br />
Grundfähigkeitsversicherungen werden zunehmend<br />
berufsspezifisch gestaltet, zum Beispiel für Lokführer.<br />
Halten Sie diese Form der Absicherung auch für Ingenieure<br />
für eine sinnvolle Option?<br />
Erfahrungen dahingehend habe ich bezüglich der Berufseinstufung.<br />
Ich erlebe es in der Beratungspraxis immer<br />
wieder, dass ehemalige Vermittler oder gar Kunden selbst<br />
der Meinung waren, sich eine Berufsgruppe aussuchen<br />
zu können. Damit meine ich Fälle mit diffizilem Tätigkeitsprofil<br />
oder einer der vielen neuartigen Berufsbezeichnungen.<br />
Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Letztes<br />
Jahr erhielt ich die Anfrage eines Ingenieurs mit der Berufsbezeichnung<br />
„Digital Transformation Manager“. Er<br />
hatte sich im Rahmen seiner vorherigen Recherche bereits<br />
sehr auf die BU die LV1871 eingeschossen, was per se<br />
erst mal keine schlechte Wahl wäre. Aufgrund seines<br />
höchsten Abschlusses als Diplom-Ingenieur für Maschinenbau<br />
war er der Meinung, dass er als Maschinenbauingenieur<br />
eingestuft werden sollte, und versteifte sich daher<br />
nicht nur auf die LV1871 als Lösung, sondern auch auf die<br />
genannte Einstufung. Nach unserer Risikovoranfrage unter<br />
Berücksichtigung seines beruflichen Tätigkeitsprofils<br />
votierte die LV 1871 auf eine Einstufung als „Prozessmanager“.<br />
Inhaltlich gesehen völlig nachvollziehbar und korrekt,<br />
aber in seinem Fall eben auch nominell zwölf Euro<br />
teurer. Hätte er seine BU einfach mit einer Einstufung<br />
„Maschinenbauingenieur“ abgeschlossen, könnten wir<br />
direkt über die Verletzung der vorvertraglichen Anzeigepflicht<br />
sprechen.<br />
Welche Erfolgsfaktoren haben sich in der Praxis für<br />
eine hohe Beratungsqualität und langfristige Kundenzufriedenheit<br />
herauskristallisiert?<br />
Ich bin grundsätzlich ein Freund von Zielgruppen-Konzepten,<br />
sofern sie nicht nur Marketing-Zwecken dienen,<br />
sondern echte Mehrwerte für die Zielgruppe bieten. Bei<br />
Ingenieuren halte ich diesen Ansatz in der Grundfähigkeitsversicherung<br />
für wenig zukunftsträchtig. Aus ihrer<br />
Sicht ist die Berufsunfähigkeitsversicherung vermutlich<br />
in 99 von 100 Fällen die bevorzugte Absicherung, da sie<br />
Ehrlichkeit. Viele Kunden wollen an die Hand genommen,<br />
aber nicht über vertriebliche Tricks bevormundet werden.<br />
Sobald ich einen Kunden offen und ehrlich über alle Vorund<br />
Nachteile seiner Lösungsoptionen aufkläre, habe ich<br />
den wichtigsten Schritt im Vertrieb gemacht: Ich habe ihm<br />
das Werkzeug an die Hand gegeben, um selbst eine fundierte<br />
Entscheidung treffen zu können.<br />
18<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
Leben<br />
ADVERTORIAL<br />
Leistungsstärker, flexibler, einfacher:<br />
die neuen Risikolebensversicherungen der EUROPA<br />
Mehr Möglichkeiten, bessere Leistungen, einfacherer<br />
Abschluss: Die EUROPA hat ihre Risikolebensversicherungen<br />
überarbeitet und optimiert. Unter anderem ist<br />
es für Familien und junge Leute nun noch einfacher<br />
vorzusorgen. Zudem können Immobiliendarlehen bis zu<br />
einer Millionen Euro abgesichert werden.<br />
Ab sofort stehen die family-, Junge-Leute- sowie easy-<br />
Kurzanträge für jeden Tarif zur Verfügung. Damit brauchen<br />
Kunden lediglich zwei Gesundheitsfragen zu<br />
beantworten. Zudem hat der Kölner Versicherer die<br />
Beitragsdynamik seiner Tarife mit konstanter Versicherungssumme<br />
flexibler gestaltet: So können Versicherte<br />
ihren Beitrag nun jährlich um 2, 3 oder 4 Prozent<br />
erhöhen. Dieses Erhöhungsrecht bleibt auch nach<br />
mehrmaligem Widerspruch bestehen.<br />
Durch „Über-Kreuz-Absicherung“ Darlehen bis<br />
zu einer Million Euro absichern<br />
Der easy-Antrag, mit dem Versicherte die Finanzierung<br />
einer Immobilie oder Praxis absichern können, kann<br />
nunmehr auch für konstante Versicherungssummen<br />
zum Einsatz kommen. Im Basis- und im Premium-<br />
Schutz (Tarife E-RL und E-RLP) gilt das bis zu 500.000<br />
Euro Versicherungssumme. Partner, die sich für eine<br />
Über-Kreuz-Absicherung entscheiden und beide Darlehensnehmer<br />
sind, können sogar einen Darlehensbetrag<br />
von einer Million Euro abdecken – indem sie<br />
sich gegenseitig mit 500.000 Euro Versicherungssumme<br />
im Tarif E-VRL absichern.<br />
family-Antrag mit wichtiger Neuerung<br />
Beim family-Antrag hat die EUROPA die Frist für die<br />
Beantragung nach der Geburt oder Adoption von 6 auf<br />
12 Monate erweitert. Außerdem entfällt bei Antragstellung<br />
die Vorlage weiterer Dokumente wie Mutterpass<br />
oder Geburtsurkunde. Zusätzlich hat der Versicherer<br />
in allen Tarifen den „vorläufigen Versicherungsschutz“<br />
von 100.000 auf 200.000 Euro angehoben.<br />
Mehr Infos zu den Tarifen der<br />
EUROPA Risikolebensversicherung<br />
erhalten Sie beim:<br />
Makler-Service-Team<br />
Telefonnummer: 0221 5737-300<br />
E-Mail: vep@europa.de<br />
www.europa-vertriebspartner.de/produkte/risiko-leben<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 19
LEBEN<br />
Bis dass der Tod euch scheidet…<br />
Was passiert mit Rentenansprüchen und Altersvorsorge bei Scheidung? Alexander Schrehardt (AssekuranZoom) und<br />
Martin Gräfer (die Bayerische) erläutern die komplexen Regelungen zum Versorgungsausgleich – und zeigen, wie<br />
Berater heikle Fragen mit Fingerspitzengefühl ansprechen können.<br />
»Versorgungsausgleich ist<br />
kein romantisches Thema –<br />
aber eines mit weitreichenden<br />
Folgen.«<br />
Alexander Schrehardt & Martin Gräfer<br />
Martin Gräfer<br />
Mitglied der Vorstände die Bayerische<br />
Alexander Schrehardt<br />
AssekuranZoom GbR<br />
I<br />
m Jahr 2024 gaben sich 329.000 Paare das Ja-Wort und stellten vor einem<br />
Standesbeamten die Weichen für einen gemeinsamen Lebensweg. Doch rund<br />
ein Drittel der Ehepaare hatte den Wunsch, den Bund der Ehe vor einem Scheidungsrichter<br />
wieder aufzulösen – teilweise schon nach durchaus kurzer Zeit. Im Fall einer<br />
Ehescheidung werden auch die Vermögenswerte und Versorgungsanwartschaften<br />
bewertet und zwischen den ehemaligen Ehepartnern auseinanderdividiert. Eine<br />
Situation, die für viele Betroffene oftmals zu unangenehmen Überraschungen führt.<br />
Nach dem vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Trennungsjahr, das in begründeten<br />
Einzelfällen nicht eingehalten werden muss (zum Beispiel bei körperlicher Gewalt<br />
gegen einen Ehegatten), kann eine Ehe geschieden werden. Gehen die Ehegatten<br />
wieder getrennte Wege müssen, Vermögenswerte – vorbehaltlich einer Regelung<br />
20<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
Was ist der Versorgungsausgleich?<br />
Der Versorgungsausgleich regelt bei einer Scheidung die Aufteilung<br />
der während der Ehe erworbenen Rentenansprüche beider<br />
Ehepartner. Ziel ist eine faire Verteilung der Altersvorsorge, einschließlich<br />
gesetzlicher, betrieblicher und privater Rentenanwartschaften.<br />
im Rahmen eines Ehevertrages – aufgeteilt und ein Versorgungsausgleich durchgeführt<br />
werden. Im Rahmen des Versorgungsausgleichs werden während der Ehezeit<br />
von den Ehepartnern erworbene Versorgungsanwartschaften und -ansprüche wegen<br />
Alters und einer verminderten Erwerbsfähigkeit bewertet und ausgeglichen.<br />
Der Gesetzgeber hat im Versorgungsausgleichsgesetz normiert, dass die während<br />
der Ehezeit erworbenen Anteile von Anrechten (Ehezeitanteile) jeweils zur Hälfte<br />
zwischen den geschiedenen Ehegatten zu teilen sind; man spricht dabei von einer<br />
Halbteilung der Anrechte. Dabei wird der Ehegatte, der einen auszugleichenden<br />
Versorgungsanteil während der Ehezeit erworben hat, als ausgleichspflichtige Person<br />
und der Ehegatte, dem die Hälfte des ehezeitanteiligen Versorgungsanspruchs<br />
zusteht, als ausgleichsberechtigte Person bezeichnet.<br />
Im Rahmen des Versorgungsausgleichs müssen durch Arbeit oder Vermögen im In-<br />
und Ausland ehezeitanteilig erworbene Versorgungsanwartschaften und -ansprüche<br />
aus<br />
• der gesetzlichen Rentenversicherung,<br />
• der Beamtenversorgung,<br />
• berufsständischen Versorgungswerken,<br />
• der Zusatzversorgung des öffentlichen Dienstes,<br />
• der betrieblichen Altersversorgung und<br />
• privaten Lebensversicherungen<br />
zwischen den Ehepartnern ausgeglichen werden.<br />
Versorgungsanwartschaften, die bei einem Träger der gesetzlichen Rentenversicherung,<br />
einem berufsständischen Versorgungswerk oder bei einem privaten Lebensversicherer<br />
erworben wurden, werden im Rahmen der internen Teilung ausgeglichen.<br />
Dabei wird ein zeitanteiliger Versorgungsanspruch von dem Rentenkonto oder<br />
dem Versicherungsvertrag des ausgleichspflichtigen Ehegatten auf das Rentenkonto<br />
oder den Versicherungsvertrag des ausgleichsberechtigten Ehegatten übertragen.<br />
Ein Ausgleich von Versorgungsanwartschaften und -rechten muss verpflichtend<br />
durchgeführt werden, wenn die Ehe mindestens drei Jahre bestanden hat. Im Fall<br />
einer Ehezeit von weniger als drei Jahren kann ein Versorgungsausgleich von einem<br />
der Ehepartner aber beantragt werden und muss dann auch durchgeführt werden.<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 21
LEBEN<br />
Ausgleich von Versorgungsanwartschaften<br />
Bei einem Ausgleich von Versorgungsanwartschaften bei einem Träger der gesetzlichen<br />
Rentenversicherung werden die ehezeitanteilig erworbenen Entgeltpunkte<br />
ermittelt und nach dem Halbteilungsverfahren zwischen den geschiedenen Ehegatten<br />
ausgeglichen. In der Alltagspraxis werden versorgungsrechtliche Ansprüche<br />
zwischen geschiedenen Ehegatten in der Mehrheit der Fälle im Rahmen der internen<br />
Teilung ausgeglichen. Dabei überträgt das zuständige Familiengericht nach der<br />
Ermittlung des Anspruchs der ausgleichsberechtigten Person ein Anrecht in Höhe<br />
des Ausgleichswerts bei dem Versorgungsträger, bei dem das Anrecht der ausgleichspflichtigen<br />
Person besteht.<br />
»Am Ende bleiben von<br />
gemeinsamen Jahren<br />
oft nur geteilte<br />
Ansprüche.«<br />
Alexander Schrehardt &<br />
Martin Gräfer<br />
Der Versorgungsausgleich umfasst auch eine Teilung von Versorgungsansprüchen<br />
aus privaten Kapitalversicherungen, das heißt, zu Verträgen der privaten Altersvorsorge<br />
wird der ehezeitanteilige Aufbau von Versorgungsansprüchen ermittelt. Allerdings<br />
muss im ersten Schritt die Form der Auszahlung hinterfragt werden. So umfasst<br />
der Versorgungsausgleich nur private Kapitalversicherungsverträge, die eine<br />
Rentenzahlung im Versicherungsfall vorsehen. Sofern die Versicherungsleistung aus<br />
einer Kapitalversicherung als einmalige Kapitalleistung ausbezahlt wird, wird dieser<br />
Versicherungsvertrag nicht vom Versorgungsausgleich umfasst. Vielmehr müssen<br />
Ansprüche im Rahmen des Zugewinnausgleichs berücksichtigt werden. Dies gilt<br />
auch für eine Rentenversicherung, zu der ein Versicherungsnehmer das vertraglich<br />
eingeräumte Kapitalwahlrecht ausgeübt hat.<br />
Sofern der Versicherungsfall zum Zeitpunkt der Scheidung noch nicht eingetreten<br />
ist, erfolgt die Halbteilung regelmäßig mit der Übertragung eines der auszugleichenden<br />
Rentenanwartschaft entsprechenden Kapitalbetrags. Nachdem für Versicherungsverträge<br />
der Versorgungsschicht 1 eine Kapitalisierung ausgeschlossen ist,<br />
wirft dies die Frage nach der Zulässigkeit einer Kapitalübertragung auf. Das Bundesministerium<br />
für Finanzen führt hierzu in seinem Schreiben vom 24.5.2017 aus, dass<br />
„die Übertragung von Anrechten aus einem Basis-Rentenvertrag zur Regelung von<br />
Scheidungsfolgen nach dem Versorgungsausgleichsgesetz, insbesondere im Rahmen<br />
einer internen oder externen Teilung unschädlich ist.“<br />
Ausgleich von Invaliditätsrenten<br />
Nachdem in Verbindung mit einer privaten Rentenversicherung auch das Risiko der<br />
Berufsunfähigkeit des Versicherungsnehmers sowohl in der Versorgungsschicht 3<br />
als auch in der Versorgungsschicht 1 abgesichert werden kann, stellt sich die Frage<br />
nach einer Ausgleichspflicht für diesen ergänzenden Versicherungsschutz.<br />
Mit dem laufenden Beitrag zu einer Berufsunfähigkeitsversicherung sichert sich der<br />
Versicherungsnehmer einen garantierten Versicherungsschutz für den Fall einer<br />
bedingungsgemäßen Berufsunfähigkeit. Ein Deckungskapital wird erst bei Eintritt<br />
des Versicherungsfalls gebildet. Auch Berufsunfähigkeits- und andere Rentenleistungen,<br />
die im Invaliditätsfall, das heißt aufgrund eines (teilweisen) Verlustes der<br />
Arbeitskraft, ausbezahlt werden, müssen im Fall einer Scheidung im Rahmen des<br />
Versorgungsausgleichs berücksichtigt werden. Dabei müssen private Versorgungs-<br />
22<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
ansprüche für den Fall der Berufs- oder Erwerbsunfähigkeit, der teilweisen oder<br />
vollen Erwerbsminderung und betriebliche Versorgungsansprüche für den Fall der<br />
Invalidität differenziert betrachtet werden.<br />
Der Gesetzgeber hat im Versorgungsausgleichsgesetz normiert, dass ein Versorgungsanspruch<br />
wegen Invalidität aus einem privaten Vorsorgevertrag nur auszugleichen<br />
ist, wenn der Versicherungsfall während der Ehezeit eingetreten ist. Sofern<br />
ein Anrecht auf Invaliditätsleistungen aus einem privaten Versicherungsvertrag<br />
besteht und dieses in den Versorgungsausgleich einzubeziehen ist, gilt das Anrecht<br />
in vollem Umfang als in der Ehezeit erworben. Der auszugleichende Wert der Invaliditätsversorgung<br />
entspricht dabei der Hälfte der von dem ausgleichspflichtigen<br />
Ehepartner bezogenen Rentenleistungen. Ein Anspruch des ausgleichsberechtigten<br />
Ehepartners setzt allerdings voraus, dass dieser<br />
• entweder am Ende der Ehezeit eine laufende Versorgung aufgrund einer leistungspflichtigen<br />
Invalidität bezieht oder<br />
• die Voraussetzungen für einen Anspruch auf Invaliditätsleistungen dem Grunde<br />
nach erfüllt.<br />
Strategische Vorsorgeberatung mit Blick auf ein Worst-Case-<br />
Szenario<br />
Vor allem ältere oder schon einmal geschiedene Partner werden vor dem Gang zum<br />
Standesamt auch schon einmal die Folgen einer möglichen Trennung besprechen.<br />
Von Versicherungsvermittlern werden in der Beratung gelegentlich sehr fragwürdige<br />
Vorschläge für die Einrichtung von zum Beispiel einer privaten Altersversorgung mit<br />
Blick auf eine eventuelle Scheidung vorgelegt, wie das nachfolgende Beispiel verdeutlichen<br />
soll:<br />
Michael Mustermann, erfolgreicher Unternehmer, hatte nach der Scheidung<br />
von seiner langjährigen Ehefrau Margit die 20 Jahre jüngere Melanie geheiratet.<br />
Nachdem Herr Mustermann den Rosenkrieg mit Ehefrau Nr. 1 noch vor Augen<br />
hatte, wollte er Ehefrau Nr. 2 gut versorgen, aber auch gleichzeitig die „Hand<br />
auf dem Portemonnaie“ halten. Von seinem Versicherungsmakler erhielt der<br />
Unternehmer hierfür folgenden Versorgungsvorschlag:<br />
»Versorgungsanwartschaften<br />
müssen bei<br />
Scheidung hälftig geteilt<br />
werden – oft mit<br />
unerwarteten Folgen.«<br />
Alexander Schrehardt &<br />
Martin Gräfer<br />
Der Makler offerierte seinem Kunden den Abschluss einer privaten Basis-Rentenversicherung<br />
mit einer Berufsunfähigkeits-Zusatzversicherung für Ehefrau<br />
Melanie. Herr Mustermann sollte als Versicherungsnehmer in den Vertrag<br />
eintreten und sich die Bezugsrechte für den Todes- und Erlebensfall sichern;<br />
für Ehefrau Melanie sollte das Bezugsrecht für den Fall einer Berufsunfähigkeit<br />
eingetragen werden. Nachdem Herr Mustermann als Versicherungsnehmer die<br />
Beiträge für die Basis-Rentenversicherung bezahlen würde, könnte er diese im<br />
Rahmen des Sonderausgabenabzugs auch steuermindernd geltend machen.<br />
Ein Blick in das Schreiben des Bundesministeriums der Finanzen beweist sehr<br />
schnell, dass die Offerte des Versicherungsmaklers nicht realisierbar ist. So benennt<br />
das BMF in seinem Schreiben zur einkommensteuerrechtlichen Behandlung von<br />
Vorsorgeaufwendungen vom 24.5.2017 (Rn. 10) als verpflichtende Voraussetzung<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport<br />
23
LEBEN<br />
für die Berücksichtigung der Beiträge zu einer Basis-Rentenversicherung (oder<br />
auch einem Basis-Sparvertrag) die Personenidentität von Versicherungsnehmer,<br />
versicherter Person und Beitragszahler. Ein steuerrechtliches Dogma, das nur<br />
bei der Absicherung des Berufsunfähigkeitsrisikos des Inhabers eines Basis-<br />
Sparvertrages teilweise durchbrochen werden darf.<br />
Trotzdem kann die Einrichtung einer Basis-Rentenversicherung für die Ehefrau<br />
im vorliegenden Fall durchaus sinnvoll sein. So müssten im Fall einer Scheidung<br />
der Ehegatten die ehezeitanteilig erworbenen Versorgungsleistungen im Rahmen<br />
des Versorgungsausgleichs aufgeteilt werden. Unterstellt man, dass der<br />
Abschluss der Basis-Rentenversicherung erst nach dem Ehegelübde erfolgte,<br />
würden die bis zum Zeitpunkt der Scheidung erworbenen Versorgungsleistungen<br />
hälftig zwischen den Ehepartnern aufgeteilt werden. Allerdings sollte die Beitragszahlung<br />
zu der Basis-Rentenversicherung von einem Bankkonto der Ehefrau<br />
erfolgen, sodass einerseits die geforderte Personenidentität von Versicherungsnehmer,<br />
versicherter Person und Beitragszahler nachweislich gewährleistet<br />
ist und andererseits nicht die Frage nach der steuerrechtlichen Bewertung<br />
einer Schenkung aufgeworfen wird.<br />
Fingerspitzengefühl in der Beratung gefordert ...<br />
Die Thematisierung eines Ausgleichs von Versorgungsanrechten im Rahmen<br />
des Versorgungsausgleichs im Kundengespräch mit frisch getrauten Ehepaaren<br />
erfordert vom Vermittler ein Höchstmaß an „Fingerspitzengefühl“. Nicht alle<br />
Kunden werden sich diesem Thema mit der gebotenen Sachlichkeit öffnen. Vor<br />
allem im Fall einer Scheidung und einer anschließenden Wiederverheiratung<br />
werden sich ein oder beide Ehepartner sicherlich in vielen Fällen dem qualifizierten<br />
Sachvortrag des Vermittlers, der gegenüber seinen Kunden mit fachlicher<br />
Expertise punkten kann, nicht verschließen.<br />
Beratungsleitfaden Versorgungsausgleich<br />
Gut zu wissen:<br />
Versorgungsausgleich ist Pflicht bei Ehen ab drei Jahren<br />
Betrifft Renten, Beamtenversorgung, bAV, private Altersvorsorge<br />
Kapitalwahlrecht kann Auswirkungen haben<br />
Interne Teilung ist der Regelfall<br />
24<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
Mal Budder bei die Fische:<br />
Kann man mit bAV ’nen<br />
großen Fang machen?<br />
Ja, mit dem Komplettpaket der CDL!<br />
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nur Zeit spart, sondern auch neue Chancen eröffnet. Leinen los für Ihren Erfolg!<br />
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bav-beratungsservice@condor-versicherungen.de<br />
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LEBEN<br />
Digitalisierung in der Berufsunfähigkeitsversicherung:<br />
Neue Wege der Risikoprüfung<br />
Digitale Diagnosen, KI & Selfies: Wie die Risikoprüfung in der Berufsunfähigkeitsversicherung revolutioniert wird – und<br />
welche Herausforderungen bleiben. Ein Blick in die Praxis von Diana Boduch, Versicherungsforen Leipzig.<br />
»Falsche oder unvollständige Diagnosen können auch<br />
digitale Systeme nicht kompensieren.«<br />
Diana Boduch<br />
Leiterin Produkt-, Prozess- &<br />
Serviceentwicklung Versicherungsforen Leipzig<br />
D<br />
ie Berufsunfähigkeitsversicherung ist eine der wichtigsten Absicherungen<br />
für Erwerbstätige – und zugleich eine der beratungsintensivsten. Im Zentrum<br />
des Abschlussprozesses steht seit jeher die Risikoprüfung, die traditionell mit<br />
umfangreichen Gesundheitsfragen, Angaben zu Hobbys, Raucherstatus, BMI und<br />
Vorerkrankungen verbunden ist. Für Kundinnen und Kunden bedeutet das oft eine<br />
hohe Hürde: Die Aufarbeitung der Gesundheitshistorie und Beschaffung aller<br />
relevanten Daten ist aufwendig und nicht selten mit Unsicherheiten verbunden.<br />
Für Vermittler ist die Abfrage sensibler Gesundheitsdaten eine Herausforderung –<br />
sowohl in Bezug auf die Gesprächsführung als auch auf die rechtssichere Dokumentation.<br />
Für Versicherer ist der Prozess, angefangen bei der Risikovoranfrage<br />
über die eigentliche Datensichtung bis zur Entscheidung, noch immer ressourcenintensiv,<br />
aber notwendig, um das Risiko adäquat zu kalkulieren.<br />
In den letzten Jahren hat die Digitalisierung jedoch neue Perspektiven eröffnet, wie<br />
dieser komplexe Prozess transformiert werden kann.<br />
26<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
Digitale Risikoprüfung im Überblick<br />
Neu & zukunftsweisend:<br />
Etabliert:<br />
ePA (elektronische Patientenakte)<br />
Ermöglicht die strukturierte Nutzung realer Gesundheitsdaten<br />
– mit Zustimmung des Kunden.<br />
Teleunderwriting<br />
Telefonische Gesundheitsinterviews durch geschulte<br />
Fachkräfte – spart Zeit, sorgt für rechtssichere Dokumentation.<br />
KI & GenAI<br />
Analysieren komplexe Daten, erkennen Risikomuster<br />
und schaffen individuelle Risikoprofile – lernend und<br />
adaptiv.<br />
Point-of-Sale-Tools<br />
Digitale Antragsstrecken beim Kunden – teils mit<br />
Sofortentscheidung bei einfachen Fällen.<br />
Selfie-Biometrie<br />
Testweise im Einsatz: KI analysiert Gesichtsmerkmale<br />
zur Einschätzung von Alter, Gesundheitszustand und<br />
Lebensstil.<br />
Evolution der Risikoprüfung<br />
Die Risikoprüfung bei Berufsunfähigkeitsversicherungen durchlief bereits mehrere<br />
Entwicklungsstufen. Vor über einem Jahrzehnt begannen Versicherer mit der Einführung<br />
des Teleinterviewings und Teleunderwritings, um den Antragsprozess zu<br />
vereinfachen. Statt schriftlicher Fragebögen werden dabei Gesundheitsfragen telefonisch<br />
durch geschulte Experten digital erfasst, was die Antragsbearbeitungszeit<br />
zu damaligen Zeiten um durchschnittlich 30 Prozent reduzierte und den Prozess<br />
für Kundinnen und Kunden sowie Vertrieb erleichterte.<br />
Ein weiterer Schritt in Richtung Digitalisierung waren Point-of-Sale-Systeme, die<br />
Versicherer ihrem Vertrieb zur Verfügung stellen. Damit ist die digitale Antragserfassung<br />
und Übermittlung der Daten vor Ort beim Kunden möglich, in einfachen<br />
Fällen sogar mit einem sofortigen Votum. Obwohl aus Prozesssicht für den Versicherer<br />
ein echter Vorteil, erfreuen sich diese Systeme beim Vertrieb anfänglich<br />
nicht großer Beliebtheit, da vor allem komplexe Fälle schwer abbildbar waren und<br />
noch immer sind.<br />
Auch die Kommunikation mit Fachärzten und -ärztinnen, für die Anforderung von<br />
Hausarztberichten oder für konkrete Rückfragen, rückt immer mehr vom klassischen<br />
Postweg ab und geht in Richtung digitaler Kommunikation, was die Prozesse beschleunigt.<br />
Bereits 2018 verfolgte ein Versicherer einen ganz neuen Ansatz in der Antragsprüfung:<br />
Gesundheitsdaten wurden aus den Akten der Krankenkassen in den Antragsprozess<br />
integriert, um den Kunden bei den Gesundheitsangaben zu entlasten. Dies<br />
war zum damaligen Zeitpunkt noch mit manuellem Auswertungsaufwand durch<br />
den Versicherer verbunden und konnte sich nicht durchsetzen.<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 27
LEBEN<br />
Digitale Risikoprüfung im Wandel<br />
ePA: Strukturierte Gesundheitsdaten statt fehleranfälliger Selbstauskunft<br />
KI & GenAI: Automatisierte Bewertung medizinischer Daten, lernende Systeme<br />
Selfie-Analyse: Biometrische Daten liefern neue Gesundheitsindikatoren<br />
Herausforderung: Datenqualität, Datenschutz, Akzeptanz<br />
Mit der Einführung der elektronischen Patientenakte (ePA) gewinnt der Grundgedanke,<br />
externe Daten einzubeziehen, wieder an Attraktivität. Durch die strukturierte<br />
digitale Erfassung von Gesundheitsdaten könnte – mit entsprechender Einwilligung<br />
des Antragstellers – ein direkter und effizienter Datenaustausch für die Risikoprüfung<br />
realisiert werden. Während Kundinnen und Kunden bei der herkömmlichen<br />
Selbstauskunft Angaben vergessen oder falsch einschätzen können, bieten digital<br />
erfasste Diagnosen, Medikationshistorien und Krankschreibungen ein lückenloses<br />
Bild: viel Potenzial für eine Verbesserung der Risikoeinschätzung bei gleichzeitiger<br />
Vereinfachung für den Kunden.<br />
Die zentrale Herausforderung besteht allerdings weiterhin in der automatisierten<br />
Interpretation und Bewertung dieser komplexen medizinischen Informationen.<br />
KI und GenAI als Gamechanger<br />
KI-Systeme und GenAI setzen an dieser Herausforderung an und haben das Potenzial,<br />
die Risikoprüfung zu revolutionieren. KI-Systeme können aus diesen neuen<br />
und digital verfügbaren Gesundheitsdaten Wahrscheinlichkeiten für Berufsunfähigkeitsrisiken<br />
berechnen und ermöglichen zudem eine kontinuierliche Verbesserung<br />
der Risikomodelle. Das System lernt aus jedem neuen Fall und erhöht die<br />
Prognosegüte kontinuierlich. Weg von pauschalen Risikokategorien hin zu individualisierten<br />
Risikoprofilen. So können in Medikamenten- und Diagnosedaten Muster<br />
erkannt werden, die auf erhöhte BU-Risiken hindeuten und einen Aufschlag in<br />
der Kalkulation begründen. Auf der anderen Seite kann eine versicherte Person<br />
mit gut eingestellter chronischer Erkrankung künftig vielleicht deutlich besser<br />
eingestuft werden als im traditionellen System, das oft mit harten Ausschlusskriterien<br />
arbeitet.<br />
28<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
Biometrische Daten als Ergänzung<br />
Neben der reinen Digitalisierung der Prozesse und der Analyse der Daten über KI<br />
können auch ganz neue Daten und Informationsquellen künftig in die Risikoprüfung<br />
einfließen. In Asien als auch Amerika wurden bereits 2018 innovative Ansätze<br />
erprobt, die biometrische Daten in die Antragstellung einbeziehen: Die Kundin<br />
reicht unter anderem ein Selfie ein. Das KI-System scannt das Bild und analysiert<br />
Tausende verschiedene Regionen des Gesichts. Dies erlaubt ihm Rückschlüsse auf<br />
Alter, Körpergewicht und Gesundheitszustand sowie darauf, wie schnell die Person<br />
altert und ob sie beispielsweise raucht.<br />
Herausforderungen und Ausblick<br />
Die Risikoprüfung in der Berufsunfähigkeitsversicherung wird in Zukunft nicht mehr<br />
dieselbe sein, der Wandel ist in vollem Gange und die Potenziale für Prozessbeschleunigung<br />
und Individualisierung riesig. Trotz aller Fortschritte bleiben Herausforderungen.<br />
Die Qualität der zugrunde liegenden Daten ist entscheidend für die<br />
Güte der Risikoprüfung.<br />
An dieser Stelle sei auf unbewusst wie bewusst falsch dokumentierte Diagnosen<br />
in den Krankenakten der Kunden hingewiesen, denn falsche oder unvollständige<br />
Angaben können auch digitale Systeme nicht kompensieren. Zudem müssen Datenschutz<br />
und IT-Sicherheit höchsten Standards genügen, um das Vertrauen der<br />
Kundinnen und Kunden zu erhalten. Nicht zuletzt ist die Akzeptanz beim Vermittler<br />
und natürlich beim Kunden ein Schlüsselfaktor.<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 29
LEBEN<br />
Das Beste aus zwei Welten<br />
Wenn Riester und Rürup zu einem echten Zukunftsmodell verschmelzen<br />
Wie kann eine zeitgemäße Altersvorsorge aussehen? Prof. Michael Hauer vom Institut für Vorsorge und Finanzplanung<br />
sieht erheblichen Reformbedarf – und liefert mit seinem Team konkrete Vorschläge. In seinem Gastbeitrag erklärt er,<br />
warum die Riester-Rente nicht abgeschafft, sondern modernisiert werden sollte, welche Chancen die Frühstartrente<br />
bietet und was von der Bundesregierung jetzt gefordert ist.<br />
30<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
D<br />
ie aktuelle Bundesregierung hat sicherlich zunächst einmal andere Probleme<br />
wie zum Beispiel Ukrainekrieg, Zolldrohungen von Trump und so<br />
weiter, die gelöst werden müssen. Das Thema Altersvorsorge wird jedoch<br />
spätestens Ende 20<strong>25</strong> bzw. in 2026 angepackt werden müssen. Bei der gesetzlichen<br />
Rente scheinen sich CDU/CSU und SPD gemäß Koalitionsvertrag einig zu sein, dass<br />
das Rentenniveau zumindest bis 2031 bei 48 Prozent gehalten wird. Aus fachlicher<br />
Sicht ist diese Maßnahme nicht optimal, da dadurch eine nicht unbeachtliche Beitragserhöhung<br />
für die Arbeitnehmer die Folge sein wird. Zudem sorgt das Rentenniveau<br />
von 48 Prozent bei weitem nicht dafür, den Lebensstandard im Alter zu sichern.<br />
Deshalb muss die private und betriebliche Altersversorgung (bAV) unweigerlich<br />
gestärkt werden.<br />
Zur bAV sind im Koalitionsvertrag letztendlich nur pauschale Aussagen wie zum<br />
Beispiel, dass die bAV gestärkt und vereinfacht und die Portabilität bei einem Arbeitgeberwechsel<br />
erhöht werden soll, zu finden. Wie dies konkret umgesetzt werden<br />
kann, wird in keinster Weise angesprochen. Somit ist viel Spielraum bei der Umsetzung<br />
vorhanden – wir müssen uns also gedulden, wohin hier die Reise geht.<br />
Im Koalitionsvertrag ist auch ein neues Thema zu finden: Die Frühstartrente. Diese<br />
Frühstartrente soll bereits zum 1.1.2026 eingeführt werden. Bei dieser sollen die<br />
Kinder vom sechsten bis zum 18. Lebensjahr pro Monat zehn Euro erhalten, die in<br />
ein Altersvorsorgedepot fließen. Die Erträge aus dem Depot sollen bis zum Renteneintritt<br />
steuerfrei sein und das Kapital kann erst beim Erreichen der Regelaltersgrenze<br />
ausgezahlt werden. Sicherlich ein guter Ansatz, der in Kombination mit einer reformierten<br />
Riester-Rente ein sehr gutes Gesamtkonstrukt ergeben kann.<br />
»Das neue Produkt<br />
soll unabhängig von<br />
Einkommen und Lebenssituation<br />
immer<br />
passen.«<br />
Prof. Michael Hauer<br />
Institut für Vorsorge und Finanzplanung<br />
Zur privaten Altersvorsorge gibt es im Koalitionsvertrag eine relativ kurze Passage,<br />
in der auf die Absicht hingewiesen wird, ein neues Vorsorgeprodukt anstelle der<br />
Riester-Rente einzuführen. Bei dem neuen Anlageprodukt soll auf zwingende Garantien<br />
verzichtet sowie die Kosten reduziert werden. Zudem soll der Förderkreis ausgeweitet<br />
werden.<br />
Das Institut für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP) hat dazu einen Reformvorschlag<br />
veröffentlicht (abrufbar siehe QR-Code). In diesem Reformvorschlag wird die Riester-<br />
Rente für alle gefordert, das heißt keine Unterscheidung mehr zwischen unmittelbarer<br />
und mittelbarer Förderfähigkeit – eine wesentliche Vereinfachung für die Praxis.<br />
Darüber hinaus schlägt das IVFP eine grundlegende Modernisierung der geförderten<br />
privaten Altersvorsorge vor, indem die erfolgreichen Elemente der Riester-Rente als<br />
auch der Rürup-Rente in ein gemeinsames Förderkonstrukt überführt werden.<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 31
LEBEN<br />
Gleichzeitig sollen die bedeutendsten Schwachstellen entfernt werden. Das neue<br />
Produkt soll grundsätzlich jedem offenstehen und derart gestaltet sein, dass es<br />
unabhängig von Einkommen und Lebenssituation immer passt. Im Kern sehen die<br />
Reformvorschläge vom IVFP die Möglichkeit vor, dass automatisch zwischen der<br />
Zulagenförderung (Zulagenmodus) und einer steuerlichen Förderung (Steuersparmodus)<br />
entschieden wird – je nachdem, was für den Sparer günstiger ist. Dadurch<br />
wird sichergestellt, dass sowohl Haushalte mit niedrigem Einkommen als auch<br />
besser verdienende Bürger eine optimal auf ihre finanzielle Situation zugeschnittene<br />
Förderung erhalten.<br />
Ein wesentlicher Bestandteil dieser Neuausrichtung ist die Auszahlung der Grundund<br />
Kinderzulagen an alle Vertragsinhaber – ohne die bisherige Hürde eines Mindesteigenbeitrags.<br />
Die komplexe Prüfung des Mindesteigenbeitrags in Abhängigkeit<br />
vom Vorjahreseinkommen entfällt somit. Im Zulagenmodus wird die Zulagensystematik<br />
um einen Vorsorgeanreiz ergänzt, indem jedem zusätzlich eingezahlten<br />
Euro ein Zuschuss von 20 Cent aufgeschlagen wird. Als maximal förderfähiger<br />
Betrag soll die heute schon vorhandene Fördergrenze der ersten Schicht übernommen<br />
werden (29.344 Euro/58.688 Euro bei ledig/verheiratet), die bereits heute bei<br />
der Rürup-Rente besteht.<br />
Ein weiterer wichtiger Aspekt des Reformvorschlags ist die Erhöhung der Flexibilität<br />
bei der Kapitalanlage und den Auszahlungsmöglichkeiten. Die bisherige Verpflichtung<br />
zur 100%igen Beitragsgarantie wird aufgehoben, um höhere Renditechancen<br />
zu ermöglichen. Gleichzeitig soll die starre Auszahlungsregelung gelockert werden:<br />
Bis zu 50 Prozent des angesparten Kapitals können auf Wunsch als Einmalbetrag<br />
entnommen werden. Alternativ ist die steuerneutrale Übertragung in einen Auszahlplan<br />
möglich. Der nicht kapitalisierte Anteil ist zwingend als Leibrente darzustellen.<br />
In allen Fällen ist der Mittelzufluss regulär zu versteuern.<br />
Ein weiterer Reformbaustein ist die Verbesserung der Wechselmöglichkeiten zwischen<br />
Anbietern. Nach einer gewissen Mindestlaufzeit soll ein kostenfreier Wechsel<br />
möglich sein, um den Wettbewerb zwischen den Anbietern zu fördern und die<br />
Verwaltungskosten für die Sparer zu senken. Zudem wird eine klare Trennung von<br />
Anspar- und Auszahlungsphase angestrebt, sodass Bürger beim Übertritt in die<br />
Auszahlungsphase flexibel den Anbieter wechseln und sich für die individuell<br />
passende Form der Altersvorsorge entscheiden können. Nach dem Motto „das<br />
Beste aus zwei Welten“ würde der Gesetzgeber mit der Zusammenlegung von<br />
Riester und Rürup mit relativ einfachen Schritten eine optimale Lösung für die<br />
private Altersvorsorge schaffen. Hoffentlich hat er den Mut dazu.<br />
So könnte Altersvorsorge morgen aussehen<br />
Reformvorschlag des IVFP entdecken<br />
32<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
Insurance Today<br />
and Tomorrow<br />
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<br />
<br />
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Dr. Norbert<br />
Rollinger<br />
<br />
<br />
Klaus-Jürgen<br />
Heitmann<br />
<br />
<br />
Prof. em.<br />
Dr. Walter<br />
Brenner<br />
<br />
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<br />
Dr. Olaf<br />
Frank<br />
<br />
Petra<br />
Hielkema<br />
<br />
Klaus<br />
Günther<br />
Leyh<br />
<br />
<br />
<br />
<br />
Mathias<br />
Röcker<br />
<br />
<br />
Jens<br />
Warkentin<br />
<br />
<br />
<br />
u.v.a.<br />
<br />
<br />
<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 33
RUBRIK BERATUNG & MARKETING<br />
Schäden aus dem Leben<br />
Wenn Kundenerwartungen und Vertragswirklichkeit auseinanderklaffen<br />
Versicherungen sollen im Ernstfall schützen. Doch immer wieder prallen Vorstellungen der Kunden und die tatsächlichen<br />
Vertragsinhalte aufeinander. Der Jahresbericht der Ombudsfrau für Versicherungen 2024 zeigt exemplarisch, wie<br />
falsche Erwartungshaltungen zu Konflikten führen. Vermittler sind gefragt, aufzuklären – insbesondere über Ausschlüsse,<br />
Obliegenheiten und die Grenzen des Versicherungsschutzes.<br />
Wenn Versicherte mehr erwarten, als der Vertrag vorsieht<br />
1. Streik und Rechtsschutz: Das unterschätzte Kleingedruckte<br />
Fall: Ein Kunde forderte Rechtsschutz für Ansprüche nach einem Flugausfall<br />
wegen Streiks. Der Versicherer lehnte ab – unter Berufung auf einen allgemeinen<br />
Streikausschluss in den Bedingungen.<br />
Kundenerwartung: Versicherungsnehmer gingen davon aus, dass der Rechtsschutzversicherungsschutz<br />
grundsätzlich für alle privatrechtlichen Auseinandersetzungen<br />
mit Unternehmen bestehe – insbesondere bei offenkundig<br />
fremdverursachten Leistungsausfällen wie Flugstreichungen.<br />
Beratungsimpuls: Ausschlussklauseln – etwa bei Streik, vorsätzlichen Straftaten<br />
oder Kapitalanlagen – gehören zu den besonders beratungsintensiven Bestandteilen<br />
eines Rechtsschutzvertrags. Vermittler sollten im Beratungsgespräch konkret<br />
auf diese Regelungen hinweisen und typische Anwendungsfälle besprechen. – und<br />
dabei auch die Bedeutung der jeweiligen Bedingungstexte verständlich erklären.<br />
34<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
2. Hausrat „ertrinkt“: War es nun Starkregen oder Sturmflut?<br />
Fall: Nach einer Überflutung seines Wohnwagens auf einem Ostsee-Campingplatz<br />
forderte ein Versicherungsnehmer Leistungen aus der Hausratversicherung.<br />
Der Versicherer lehnte ab, da in den Bedingungen Schäden durch Sturmflut<br />
explizit ausgeschlossen waren. Der Kunde argumentierte, dass Starkregen<br />
die Ursache gewesen sei. Der Versicherer blieb nach Prüfung der Wetterdaten<br />
weitgehend bei seiner Auffassung, da die Überflutung zumindest überwiegend<br />
auf Meerwasser zurückzuführen war.<br />
Kundenerwartung: Versicherte setzen voraus, dass bei Wasserschäden im<br />
Zusammenhang mit Wetterereignissen grundsätzlich Versicherungsschutz<br />
besteht – unabhängig von der konkreten Ursache.<br />
Beratungsimpuls: Kunden sollten frühzeitig auf Begriffsdefinitionen hingewiesen<br />
werden. Die Differenzierung zwischen Sturmflut, Überschwemmung durch Regen<br />
und Rückstau ist elementar für den Versicherungsschutz in Sachversicherungen.<br />
Gerade bei Aufenthalten in exponierten Lagen – etwa an Küsten – ist eine ausführliche<br />
Beratung zu Elementardeckungen und Ausschlüssen notwendig. Vermittler<br />
sollten Kunden dafür sensibilisieren, sich auch gegen seltenere aber existenzbedrohende<br />
Risiken gezielt abzusichern.<br />
»Versicherungsbeiträge<br />
sollten nicht<br />
ins Leere laufen,<br />
sondern im Ernstfall<br />
genau das leisten,<br />
was der Kunde erwartet<br />
– und wofür<br />
er sie abschließt.«<br />
Nathalie Pappelbaum<br />
expertenReport<br />
3. Pedelec-Unfall – Rad oder Kfz?<br />
Fall: Zwei Versicherungsnehmer hatten mit Pedelecs (bis <strong>25</strong> Stundenkilometer<br />
Tretunterstützung) Drittschäden verursacht. Die Privathaftpflichtversicherer<br />
lehnten zunächst mit Verweis auf einen allgemeinen Risikoausschluss für „Pedelecs<br />
und E-Bikes“ die Leistung ab. Die Ombudsfrau stellte fest, dass diese<br />
Fahrzeuge rechtlich als Fahrräder gelten und die verwendeten Ausschlüsse<br />
von den Musterbedingungen des GDV abweichen – trotz zugesicherter Bestleistungsgarantie.<br />
Die Versicherer lenkten ein.<br />
Kundenerwartung: Versicherungsnehmer gehen davon aus, dass Schäden<br />
mit einem verkehrsrechtlich als Fahrrad eingestuften Fahrzeug – unabhängig<br />
vom technischen Antrieb – durch ihre Privathaftpflicht abgedeckt sind.<br />
Beratungsimpuls: Technologische Entwicklungen erfordern regelmäßige Überprüfung<br />
des Bedingungswerks. Aufklärung über Besonderheiten bei neuen Mobilitätsformen<br />
wie E-Bikes, Pedelecs oder E-Scootern. Vermittler sollten aktiv darauf hinweisen,<br />
ob und in welchem Umfang solche Fahrzeuge mitversichert sind – insbesondere<br />
bei älteren Verträgen oder Sondervereinbarungen.<br />
»Versicherungen sollen schützen – nicht überraschen.«<br />
Ombudsfrau Jahresbericht 2024, sinngemäß<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 35
RUBRIK BERATUNG & MARKETING<br />
4. Unfallversicherung – psychische Folgen nach<br />
Boots-Unfall ausgeschlossen?<br />
Fall: Eine Versicherte wurde beim Schwimmen von einem Boot überfahren<br />
und erlitt schwere psychische Beeinträchtigungen. Der Unfallversicherer verweigerte<br />
zunächst eine Leistung für die Folgen mit Verweis auf den Ausschluss<br />
von „psychische Reaktionen“. Die Ombudsfrau stellte klar, dass nicht jede<br />
psychische Folge ausgeschlossen ist – insbesondere dann nicht, wenn sie<br />
physisch erklärbare Ursachen wie die Ausschüttung von Stresshormonen nach<br />
einem Schockereignis hat.<br />
Kundenerwartung: Versicherte setzen voraus, dass auch seelische Verletzungen<br />
und andere Folgeschäden nach einem realen Unfallereignis durch die<br />
Unfallversicherung abgedeckt sind – insbesondere bei offenkundig traumatischen<br />
Erlebnissen.<br />
Beratungsimpuls: Die Unterscheidung zwischen körperlicher und psychischer<br />
Unfallfolge ist komplex. Eine fundierte Aufklärung über die Leistungsvoraussetzungen<br />
und Grenzen der Invaliditätsleistung – auch im Hinblick auf die medizinische<br />
Begutachtung. Beispielfälle helfen, das Kundenverständnis zu fördern.<br />
5. Reisegepäck: Verwechslung statt Diebstahl<br />
Fall: Ein Versicherter nahm versehentlich den falschen Koffer aus dem Zug<br />
mit. Als der Irrtum auffiel, war der eigene Koffer bereits verschwunden. Der<br />
Versicherer sah hierin ein „Zurücklassen“ des Gepäcks und verweigerte die<br />
Leistung. Erst nach Intervention der Ombudsfrau wurde zugunsten des Versicherten<br />
entschieden, da ein Entwendungsszenario ebenfalls plausibel war.<br />
Kundenerwartung: Versicherte gehen davon aus, dass das Abhandenkommen<br />
eines Gepäckstücks regelmäßig versichert ist – unabhängig von den<br />
konkreten Umständen.<br />
Beratungsimpuls: Vermittler sollten die Anforderungen an die Sorgfalt und Beweisführung<br />
erläutern. Die Besprechung konkreter Schadenszenarien im Beratungsgespräch<br />
kann zur Sensibilisierung beitragen.<br />
36<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
Beratung schützt vor Enttäuschung<br />
Die dargestellten Fälle verdeutlichen nicht nur typische Missverständnisse hinsichtlich<br />
des Umfangs des Versicherungsschutzes – sie zeigen auch, wie wichtig eine fundierte<br />
Beratung im Vorfeld ist. Viele Beschwerden hätten sich durch Aufklärung und Erwartungssteuerung<br />
vermeiden lassen.<br />
Dabei zeigt sich: Nicht jeder Versicherte verfügt über einen persönlichen Ansprechpartner<br />
oder Vermittler. Gerade im Bereich der Sachversicherungen, in denen zahlreiche<br />
Ausschlüsse, Obliegenheiten und Definitionsfragen bestehen, ist jedoch professionelle<br />
Unterstützung von großer Bedeutung. Der Teufel steckt oft im Detail – und wer im<br />
Schadenfall nicht enttäuscht werden möchte, sollte sich frühzeitig an einen qualifizierten<br />
Vermittler wenden.<br />
Versicherungsbeiträge sollten nicht ins Leere laufen, sondern im Ernstfall genau das<br />
leisten, was der Kunde erwartet – und wofür er sie abschließt. Damit das gelingt, ist<br />
kompetente Beratung kein Luxus, sondern ein zentraler Baustein für wirksamen Versicherungsschutz.<br />
„Klartext statt Kleingedrucktes“ – Wer Kunden<br />
gezielt über Ausschlüsse, Begriffsdefinitionen<br />
und Obliegenheiten aufklärt, verhindert<br />
Enttäuschungen im Schadenfall.<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 37
BERATUNG & MARKETING<br />
Cross-Selling ist kein Verkaufen auf Verdacht<br />
Cross-Selling kann weit mehr sein als das bloße Andocken von Zusatzprodukten. Dr. Sebastian Grabmaier, Vorstand<br />
von Jung, DMS & Cie., erklärt, wie Makler mit kluger Beratung, klarer Bedarfsermittlung und digitaler Unterstützung<br />
nachhaltigen Mehrwert schaffen.<br />
»Wer es schafft, den Bedarf überzeugend aufzuzeigen<br />
und Lösungen transparent darzustellen, kann nicht nur<br />
die Kundenbindung stärken, sondern auch nachhaltig<br />
den Geschäftserfolg steigern.«<br />
Dr. Sebastian Grabmaier<br />
Vorstandsvorsitzender Jung, DMS & Cie. AG<br />
Erfolgreiches Cross-Selling im LV-Bereich:<br />
Mehrwert schaffen durch intelligente Produktbündelung<br />
Für Makler, die Lebensversicherungen vermitteln, bietet sich ein enormes Potenzial<br />
durch Cross-Selling ergänzender Produkte wie Berufsunfähigkeitsversicherung<br />
(BU), Pflegeversicherung oder betriebliche Altersversorgung (bAV). Doch der Weg<br />
zur erfolgreichen Mehrfachvermarktung ist nicht ohne Herausforderungen.<br />
Chancen durch Cross-Selling<br />
Cross-Selling ermöglicht es Maklern, den Kunden ganzheitlich abzusichern und<br />
gleichzeitig den eigenen Umsatz pro Kunde deutlich zu steigern. Kunden, die mehrere<br />
Verträge beim gleichen Vermittler halten, sind zudem loyaler und seltener<br />
wechselbereit. Die Kombination aus Lebensversicherung und BU beispielsweise<br />
bietet einen umfassenden Schutz – für den Todesfall wie für den Verlust der Arbeitskraft.<br />
Die Pflegezusatzversicherung wiederum adressiert ein wachsendes Risiko<br />
im Alter, das vielen Kunden bewusst ist, aber oft zu spät abgesichert wird.<br />
38<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
Drei starke Cross-Selling-Kombis<br />
Hauptprodukt Ergänzung Vorteil<br />
Lebensversicherung Berufsunfähigkeitsversicherung Schutz bei Todesfall und Arbeitskraftverlust<br />
LV oder BU Pflegezusatzversicherung Absicherung eines oft unterschätzten<br />
Risikos im Alter<br />
Lebensversicherung Betriebliche Altersvorsorge Steuerliche Vorteile + Arbeitgeberzuschüsse<br />
Beratung als Schlüssel zum Erfolg<br />
Erfolgreiches Cross-Selling beginnt mit der richtigen Bedarfsermittlung. Makler<br />
müssen in der Lage sein, komplexe Zusammenhänge verständlich zu vermitteln.<br />
Wer beispielsweise eine Kapitallebensversicherung verkauft, kann im Beratungsgespräch<br />
auch die Frage stellen: „Was passiert, wenn Sie gar nicht mehr arbeiten<br />
können, bevor der Vertrag fällig wird?“ Hier bietet sich die BU als logische Ergänzung<br />
an. Auch die Einbindung einer bAV lohnt sich. Arbeitnehmer profitieren von steuerlichen<br />
Vorteilen und Arbeitgeberzuschüssen, was die Abschlussmotivation erhöht.<br />
Herausforderungen beim Cross-Selling<br />
Trotz der Vorteile gestaltet sich Cross-Selling in der Praxis oft schwierig. Viele Kunden<br />
fühlen sich durch Zusatzangebote schnell überfordert oder vermuten ein rein verkäuferisches<br />
Interesse. Daher ist es wichtig, den Mehrwert transparent und nachvollziehbar<br />
zu machen. Auch regulatorische Anforderungen – etwa im Rahmen der<br />
IDD-Richtlinie – erschweren spontane Ergänzungsangebote. Makler müssen daher<br />
besonders sorgfältig dokumentieren und beraten.<br />
Ein weiterer Hemmschuh ist die begrenzte Zeit im Kundengespräch. Gerade bei<br />
komplexen Produkten wie BU oder Pflege ist eine ausführliche Risikoanalyse nötig,<br />
die sich nicht immer spontan integrieren lässt. Hier helfen digitale Tools, die Beratung<br />
zu strukturieren und visualisieren.<br />
Vertriebsperspektive<br />
Cross-Selling ist für Makler kein „Verkaufen auf Verdacht“, sondern Teil einer umfassenden<br />
Kundenberatung. Wer es schafft, den Bedarf überzeugend aufzuzeigen<br />
und Lösungen transparent darzustellen, kann nicht nur die Kundenbindung stärken,<br />
sondern auch nachhaltig den Geschäftserfolg steigern. Schulung, Vorbereitung und<br />
ein strukturierter Beratungsprozess sind dabei unerlässlich. Letztlich profitieren<br />
beide Seiten: Der Kunde durch besseren Schutz, der Makler durch steigende Einnahmen<br />
und stabilere Kundenbeziehungen.<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 39
BERATUNG & MARKETING<br />
„Social Media gehört heutzutage<br />
zum Unternehmertum dazu“<br />
BU statt Beauty: Wie Versicherungsmaklerin Marlene Drescher über Instagram Berufsunfähigkeitsversicherungen<br />
verkauft – und was andere Makler*innen in Sachen Social Selling lernen können.<br />
»Menschen folgen nicht<br />
Produkten, sie folgen<br />
Persönlichkeiten.«<br />
Marlene Drescher<br />
Versicherungsmaklerin<br />
expertenReport: Frau Drescher, Sie gelten als Vorreiterin,<br />
wenn es um den Vertrieb von Biometrie-<br />
Produkten über Social Media geht. Wie sind Sie auf<br />
diese Idee gekommen – und wie war der Start?<br />
Marlene Drescher: Die Idee hatte ich eigentlich gar<br />
nicht. Es hat sich durch Zufall so ergeben. Ich habe<br />
2019/2020 mit Instagram begonnen und mich dort eigentlich<br />
– wie vorher auch schon – auf die Familienansprache<br />
konzentriert. Doch nach kurzer Zeit erhielt ich<br />
immer mehr Anfragen zur BU-Absicherung, überwiegend<br />
von Frauen. Und so entwickelte sich das dann von<br />
ganz alleine und wurde immer mehr.<br />
Wir haben hier ja trotzdem einen großen „Pain“ bei den<br />
Menschen da draußen. Viele wollen sich absichern, aber<br />
ihnen fehlt das Wissen dazu. Eine Privathaftpflichtversicherung<br />
trauen sich viele selber online abzuschließen.<br />
Eine Berufsunfähigkeitsversicherung nicht. Die Menschen<br />
wissen genau, wie wichtig diese Absicherung ist.<br />
Trotzdem struggeln sie schon bei der Auswahl des richtigen<br />
Versicherers, der Aufarbeitung der Krankenhistorie<br />
und dem Umgang mit bestehenden Vorerkrankungen.<br />
Zu all diesen Themen kann man die Menschen via<br />
Social Media super abholen – oder sie überhaupt erst<br />
mal auf die Idee bringen, wie wichtig diese Absicherung<br />
ist.<br />
Viele Vermittler*innen empfinden BU, Grundfähigkeitsversicherung<br />
oder Risikoleben als schwer vermittelbar.<br />
Warum sind gerade diese Themen ideal<br />
für Social Selling?<br />
Wie erreichen Sie über Social Media Menschen, die<br />
sich vorher nie mit BU oder Absicherung beschäftigt<br />
haben?<br />
40<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
Durch regelmäßigen Content zu diesem Thema und<br />
über Werbeanzeigen. Weiterhin schreiben wir auch<br />
wöchentlich Blogbeiträge. All das führt dazu, dass die<br />
Menschen uns als Experten zu diesem Thema wahrnehmen,<br />
uns besser kennenlernen, indem sie mir folgen –<br />
und dann auch einen Termin buchen.<br />
Welche Rolle spielt dabei Content – und wie finden<br />
Sie immer neue Inhalte, ohne sich zu wiederholen?<br />
Gerade regelmäßiger Content spielt eine große Rolle,<br />
um immer wieder wahrgenommen zu werden, auch von<br />
Nicht-Followern. Natürlich ist das Thema BU jetzt nicht<br />
so ein superbeliebtes Thema, mit dem man mit einem<br />
Beitrag eine Reichweite von Millionen Menschen erreichen<br />
kann. Da haben es die Finfluencer mit Themen<br />
rund um ETFs & Co. sicher einfacher. Trotzdem ist es<br />
mir wichtig, nicht mit der Masse zu schwimmen, sondern<br />
mich weiterhin mit meinem Team als wirkliche Spezialistin<br />
zum Thema BU zu positionieren. Neue Inhalte finde<br />
ich jeden Tag im Tagesgeschäft. Jeder Kunde ist mit<br />
seiner Geschichte und seiner Krankenhistorie individuell<br />
und bringt immer Themen mit, die ich in Content umwandeln<br />
kann. Abgesehen davon ist es trotzdem wichtig,<br />
gewisse Themen immer wieder zu wiederholen, damit<br />
sie sich in den Köpfen der Menschen einprägen.<br />
Was sind aus Ihrer Sicht die drei wichtigsten Zutaten<br />
für erfolgreiches Social Selling in der Versicherungsbranche?<br />
Authentisch sein, persönlicher Content (Personal Brand)<br />
und Ausdauer.<br />
Gibt es klassische Fehler, die Sie bei anderen Vermittler*innen<br />
immer wieder sehen?<br />
Ich kenne ehrlich gesagt kaum Accounts, zum Beispiel<br />
bei Instagram, die sich auf das Thema BU-Absicherung<br />
richtig spezialisiert haben. Grundsätzlich fehlt vielen<br />
aber die Ausdauer und das Verständnis, dass Social<br />
Media heutzutage zum Unternehmertum dazugehört.<br />
Wer gerade in unserer Branche anfängt, wird um die<br />
verschiedenen Social-Media-Plattformen nicht herumkommen.<br />
Wie messen Sie den Erfolg Ihrer Social-Media-Aktivitäten<br />
– und was ist Ihnen wichtiger: Reichweite<br />
oder Relevanz?<br />
Den Erfolg kann ich täglich an der Menge der Anfragen<br />
messen – das ist relativ simpel. Auf Instagram spielt die<br />
organische Reichweite schon eine große Rolle. Wie aber<br />
schon erwähnt, bekommt man bei so einem spitzen<br />
Thema nicht unbedingt die Reichweite wie bei anderen<br />
Finanzthemen. Trotzdem hatte ich bisher mit diesem<br />
Modell Erfolg. Es ist eine Kombination aus organischer<br />
Reichweite durch regelmäßigen Content, Werbeanzeigen<br />
und Blogbeiträgen, die nun auch anfangen auf Google<br />
eine gewisse Relevanz zu erzeugen. Wir sehen, dass<br />
das regelmäßige Schreiben Schritt für Schritt Ergebnisse<br />
»Nicht mit der Masse<br />
schwimmen – sondern als<br />
Spezialistin sichtbar sein.«<br />
Marlene Drescher<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 41
BERATUNG & MARKETING<br />
zeigt. Zum Beispiel, wenn unsere Beiträge unter den<br />
Top 3 oder auf der ersten Seite der Google-Suche landen.<br />
Welche Tools, Routinen oder Formate helfen Ihnen,<br />
trotz Distanz fokussiert und verbunden zu bleiben?<br />
Ihr Team besteht aus sieben Mitarbeiterinnen – und<br />
einem Quotenmann –, alle arbeiten im Homeoffice.<br />
Wie funktioniert die Zusammenarbeit bei euch konkret?<br />
Im Team kennt jede ihren Aufgabenbereich und ist auf<br />
diesem Gebiet Spezialistin. Im Ganzen ist das Team<br />
superharmonisch, und somit läuft alles perfekt zusammen<br />
– wie bei einem Zahnrad einer Uhr. Wir tauschen<br />
uns täglich aus, je nachdem, welche Themen aufkommen,<br />
und treffen uns regelmäßig in Teammeetings. Die<br />
Mitarbeiterinnen genießen von meiner Seite aus eine<br />
große Vertrauensbasis, und das geben sie mir jeden Tag<br />
mit ihrer super Arbeit zurück. Nur so ist die Umsetzung<br />
im Homeoffice möglich. Alle im Team kennen und leben<br />
die Unternehmensphilosophie und stehen unseren Kund*innen<br />
mit maximaler Aufmerksamkeit und Expertise<br />
zur Seite.<br />
Klare Abläufe in den jeweiligen Prozessen. Jeder<br />
Schritt – zum Beispiel im BU-Prozess – ist klar definiert,<br />
und jede*r im Team weiß, was zu tun ist. Ansonsten<br />
ist es aus meiner Sicht kein Hexenwerk, trotz Entfernung<br />
zusammenzuarbeiten. Grundsätzlich muss da<br />
natürlich auch eine Bereitschaft bei den Mitarbeitenden<br />
vorhanden sein. Den klassischen Austausch in der<br />
Mittagspause oder an der Kaffeetheke gibt es bei uns<br />
nicht. Den ganzen Tag zu Hause zu sitzen und quasi<br />
allein zu arbeiten – das muss man auch wollen und<br />
können. Ich verstehe, dass das nicht jedermanns Sache<br />
ist. Ansonsten tauschen wir uns regelmäßig aus.<br />
Was würden Sie anderen Maklerbetrieben raten,<br />
die mit dem Gedanken spielen, ihr Team dezentral<br />
aufzustellen?<br />
42<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
Ehrlich gesagt ist das schwer zu sagen – da ist jeder<br />
anders. Wie schon erwähnt, muss die Bereitschaft dazu<br />
da sein, von beiden Seiten. Es braucht aber auch ein<br />
großes Vertrauen in die Mitarbeiter, dass alles funktioniert<br />
und die Arbeit erledigt wird. Und dazu braucht<br />
man die passenden Mitarbeiter. Ich habe großes Glück,<br />
diese gefunden zu haben. Grundsätzlich kann ich aber<br />
empfehlen, sich nicht dagegen zu sperren. Wenn man<br />
Mitarbeiter sucht und eine passende Bewerbung erhält<br />
– und die Person fürs Homeoffice geeignet ist –,<br />
sollte man es einfach mal versuchen.<br />
Wenn eine Kollegin oder ein Kollege heute mit Social<br />
Selling starten will – was ist Ihr wichtigster Rat?<br />
Auf jeden Fall: authentisch sein und voll auf die Personal<br />
Brand gehen. Zeig dich und deine Arbeit. Zeig, wer<br />
du bist und wofür du täglich brennst. Nimm die Menschen<br />
zu deinem Thema mit. Bleib geduldig und binde<br />
das Thema Social Media fest in deine Arbeitsabläufe<br />
ein. Poste regelmäßig – mindestens ein Jahr lang. Hinterfrage<br />
dich und deinen Content immer wieder und<br />
versuche herauszufinden, was deine Zielgruppe<br />
braucht und bewegt.<br />
Und ganz persönlich gefragt: Was motiviert Sie jeden<br />
Tag aufs Neue, Menschen über Versicherungen<br />
aufzuklären?<br />
Mich motivieren zum einen die Menschen, die uns jeden<br />
Tag das Feedback geben, wie dankbar sie sind, sich<br />
durch uns versichert zu haben. Die Erleichterung und<br />
sogar Freude, endlich ihre Berufsunfähigkeitsversicherung<br />
in den Händen zu halten. Aber auch all die positiven<br />
und langfristigen Kundenbeziehungen, die ich<br />
mittlerweile seit über 20 Jahren mit vielen Kund*innen<br />
habe. Das macht einfach Spaß. Und dann ist da noch<br />
die Tatsache, dass es da draußen immer noch unfassbar<br />
viele Menschen gibt, die wenig über Versicherungen<br />
wissen, aber mehr wissen sollten – und wollen.<br />
Und die Menschen, die nichts wissen, aber leider viele<br />
Unwahrheiten oder gefährliches Halbwissen verbreiten.<br />
Für all diese Menschen ist unser täglicher Content.<br />
Tipps für den Einstieg ins Social Selling<br />
1.<br />
2.<br />
3.<br />
4.<br />
5.<br />
Zeig dich – echt & nahbar!<br />
Erfolg braucht Persönlichkeit. Wer seine Personal Brand aufbaut, wird als<br />
Expert*in wahrgenommen und bleibt im Kopf.<br />
Fang an – und bleib dran!<br />
Mindestens ein Jahr lang regelmäßig posten – nicht auf schnelle Likes setzen,<br />
sondern auf Vertrauen und Sichtbarkeit.<br />
Wähle dein Thema – und bleib dabei!<br />
Spitze Zielgruppen bringen klare Botschaften. Statt Bauchladen lieber BU<br />
oder ein anderes Spezialthema durchziehen.<br />
Nutze Kundengeschichten!<br />
Jede Beratung liefert Inhalte: Vom Umgang mit Vorerkrankungen bis zur<br />
Auswahl des richtigen Tarifs – echtes Leben, echter Mehrwert.<br />
Ergänze Reichweite durch Ads und SEO!<br />
Organischer Content ist das Rückgrat – Anzeigen und Blogbeiträge helfen,<br />
die Sichtbarkeit zu verstärken.<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 43
BERATUNG & MARKETING<br />
So nutzen Sie<br />
„die Weisheit der Kunden“<br />
mit fokussierenden Fragen<br />
Fokussierende Fragen ergänzen klassische Kundenumfragen nicht nur – sie können sie sogar ersetzen, sagt Autorin<br />
Anne M. Schüller. Denn sie bringen erfolgskritische Wünsche in Echtzeit auf den Punkt. Was es dafür braucht? Die<br />
richtige Fragetechnik – und ein wenig Mut.<br />
44<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
»Wer durch einen Argumente-Beschuss per Schrotflinten-Taktik<br />
Zufallstreffer landen will, wird versagen.«<br />
Anne M. Schüller ist Managementdenker, Keynote-Speaker, mehrfach preisgekrönte Bestsellerautorin und Businesscoach.<br />
Die Diplom-Betriebswirtin gilt als führende Expertin für das Touchpoint.<br />
W<br />
er seine Kunden auf klassische Weise befragt, was sie wünschen und<br />
wollen, bekommt oftmals eine ganze Liste von Begehrlichkeiten, die man<br />
einfach nicht alle erfüllen kann. Das Ergebnis? Der Kunde ist enttäuscht, und man<br />
selbst ist frustriert. Mehr noch: Genau das, was man meinte streichen zu können,<br />
weil es einem selbst belanglos erschien, wäre für den Kunden bedeutend. Oder<br />
andersherum: Was man selbst für besonders wichtig hielt, ist für den Kunden völlig<br />
uninteressant.<br />
Fokussierende Fragen können hier Abhilfe schaffen. Mit ihrer Hilfe kommt man<br />
schnell auf den Punkt. Fokus bedeutet, sich auf das Wesentliche einer Sache zu<br />
konzentrieren. Mit fokussierenden Fragen trifft man geradewegs ins Schwarze:<br />
unmittelbar und ungefiltert. Sie eignen sich hervorragend, um gezielt die wichtigsten<br />
Kundenbedürfnisse herauszukitzeln. Sie unterstützen auch dabei, zu priorisieren,<br />
wenn Sie Überholtes entsorgen und Neues in Angriff nehmen wollen.<br />
Weshalb fokussierende Fragen so überaus hilfreich sind<br />
Fokussierende Fragen machen schnell und flexibel. Sie helfen, ruckzuck den Kern<br />
der Sache zu finden, um danach prompt reagieren zu können. So spart man sich<br />
eine Menge Kosten für langwierige Marktforschung und vermeidet Fehlentscheidungen<br />
am grünen Tisch. Egal, ob es um Konzepte, Produkte, Services oder Lösungen<br />
geht: Befragen Sie zu einem möglichst frühen Zeitpunkt die entsprechenden<br />
Kundinnen und Kunden.<br />
Wer nicht täglich neu in Erfahrung bringt, was die Kund:innen wirklich wollen,<br />
produziert rasch am Markt vorbei. Denn die Vorstellungen der Konsumenten ändern<br />
sich laufend. Und keiner wartet heute noch lange geduldig, bis eine Firma<br />
endlich in die Gänge kommt. Den nächsten Anbieter erreicht man mit wenigen<br />
Klicks. Dritte erzählen einem im Web haargenau, was dieser ganz anders, schneller<br />
und besser macht.<br />
Doch anstatt sich mit klugen Fragen in die Lebens- oder Arbeitssituation eines<br />
Kunden hineinzuversetzen, wird dieser mit Produktmerkmalen bombardiert. Nur:<br />
Wer durch einen Argumente-Beschuss versucht, sozusagen per Schrotflinten-Taktik<br />
Zufallstreffer zu landen, wird versagen. Denn diesem Verkäufer fehlt neben dem<br />
Einfühlungsvermögen in seinen Gesprächspartner auch die Intuition, um zu erkennen,<br />
wann er einen Treffer gelandet hat.<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 45
BERATUNG & MARKETING<br />
»Es ist die<br />
wahre Antwort,<br />
die zählt.«<br />
Anne M. Schüller<br />
So stellen Sie fokussierende Fragen im Verkaufsgespräch<br />
Mit fokussierenden Fragen erfahren Sie präzise und schnell, was Kunde und Kundin<br />
bewegt. In den einzelnen Verkaufsphasen klingen diese zum Beispiel so:<br />
• Was ist denn derzeit in Ihrem Business das brennendste Problem?<br />
• Worauf legen Sie bei Ihrer Lieferantenauswahl denn den größten Wert?<br />
• Was ist denn auf Ihrer aktuellen Prioritätenliste der wichtigste Punkt?<br />
• Welchen Teil unseres Angebots finden Sie denn am passendsten?<br />
• Was ist Ihr vorrangigstes Kriterium, wenn es um eine Entscheidung geht?<br />
Nach solchen Fragen machen Sie unbedingt eine ausführliche Pause. Lassen Sie<br />
dem Gesprächspartner Zeit, auch wenn das etwas dauert. Es ist die wahre Antwort,<br />
die zählt. Nur so kommen Sie den tatsächlichen Beweggründen eines Menschen<br />
sehr nahe.<br />
Stellen Sie fokussierende Fragen am Ende eines Telefonats!<br />
Fokussierende Fragen sind auch dann sehr wertvoll, wenn man von seinen Kund:<br />
innen lernen will. So kann etwa am Ende eines Telefonats immer eine der folgenden<br />
Fragen stehen. Diese wird am besten eingeleitet mit: „Ach übrigens ...“:<br />
• Was ist eigentlich für Sie der wichtigste Grund, bei uns zu kaufen?<br />
• Was wäre für Sie der wichtigste Punkt, den wir schnellstmöglich ändern sollten?<br />
• Auf was könnten Sie bei uns am wenigsten verzichten?<br />
• Wenn es etwas gibt, das Sie bei uns mal gestört hat, was war da das Störendste?<br />
• Wenn es eine Sache gibt, für die Sie uns garantiert weiterempfehlen können,<br />
was wäre das Empfehlenswerteste aus Ihrer Sicht?<br />
Am Ende einer solchen Frage können Sie dann noch ein „Erzählen Sie mal ...“<br />
dranhängen. Im Erzähl-Modus legen Menschen ihre wahren Motive am ehesten<br />
offen.<br />
46<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
So nutzen Sie „die Weisheit der Kunden“ fürs Optimieren<br />
Es gibt unglaublich viele Möglichkeiten, mithilfe seiner Kunden besser zu werden.<br />
Auf einfachem Weg geht das mit fokussierenden Fragen wie diesen:<br />
• Was ist für Sie der wichtigste Grund, uns die Treue zu halten?<br />
• Was ist der Punkt, der Sie bei uns am meisten begeistert?<br />
• Was ist die schönste Geschichte, die Sie je bei uns erlebt haben?<br />
• Was würden Sie bei uns schnellstens verändern/verbessern?<br />
• Was kommt Ihnen bei uns am überflüssigsten vor?<br />
Auf diese Weise erfahren Sie eine Menge darüber, was Ihre Kunden sich wünschen,<br />
was sie vermissen und was sie wirklich bewegt. Sie wollen keine schlafenden Hunde<br />
wecken? Die Hunde schlafen nicht! Sie toben sich nur woanders aus. Zum Beispiel<br />
in den sozialen Netzwerken sowie auf Meinungsplattformen und Bewertungsportalen.<br />
Zugegeben, es erfordert ein wenig Mut, solche Fragen zu stellen. Doch der Lerngewinn<br />
ist gewaltig. Egal, welche Antworten kommen: Hören Sie wohlwollend hin,<br />
bedanken Sie sich und wertschätzen Sie die Offenheit des befragten Kunden. Denn<br />
Sie erfahren etwas über die kaufentscheidenden Pluspunkte oder Ihre größten<br />
Schwachstellen – aus Sicht des Kunden betrachtet, und die allein zählt. Wer sich<br />
daran gewöhnt, fokussierende Fragen zu stellen, macht seine Kunden zu Übermorgengestaltern<br />
des Unternehmens.<br />
Anne M. Schüller:<br />
Bahn frei für Übermorgengestalter!<br />
Gabal Verlag 2022<br />
216 S.<br />
24,90 €<br />
ISBN 978-3967390933<br />
Das Buch zeigt <strong>25</strong> rasch umsetzbare Initiativen und weit<br />
über 100 Aktionsbeispiele, um zu einem Überflieger der<br />
Wirtschaft zu werden. Kompakt und sehr unterhaltsam<br />
veranschaulicht es jedem, der helfen will, eine bessere<br />
Zukunft zu gestalten, die maßgeblichen Vorgehensweisen<br />
in drei Bereichen: Wie machen wir die Menschen stärker,<br />
das Zusammenarbeiten besser und die Innovationskraft<br />
im Unternehmen größer?<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 47
BERATUNG & MARKETING<br />
Psychologie des Verkaufs in der Lebensversicherung<br />
7 Praxis-Tipps, um die Notwendigkeit der Absicherung effektiv zu vermitteln<br />
Emotion schlägt Excel: Vertriebscoach Jörg Laubrinus zeigt sieben psychologische<br />
Wege, wie Lebensversicherungen wirksam und empathisch vermittelt werden.<br />
Der Verkauf von Lebensversicherungen zählt zu den anspruchsvollsten Aufgaben im<br />
Vertrieb. Die Absicherung gegen Tod, Invalidität oder Altersarmut ist rational betrachtet<br />
unverzichtbar – emotional aber oft weit entfernt vom Alltag des Kunden. Genau hier setzt<br />
die Verkaufspsychologie an. Wer versteht, wie Menschen Entscheidungen treffen, kann<br />
mit der richtigen Strategie Vertrauen schaffen und den Nutzen einer Absicherung greifbar<br />
machen. Diese sieben Praxis-Tipps helfen Ihnen dabei:<br />
1<br />
Nutzen statt Produkt erklären<br />
Kunden kaufen keine Versicherung – sie kaufen Sicherheit, Zukunftsplanung und das Gefühl, ihre<br />
Familie abgesichert zu wissen. Stellen Sie daher nie das Produkt in den Vordergrund, sondern<br />
immer den emotionalen Nutzen. Fragen Sie: „Was würde passieren, wenn Sie morgen nicht mehr<br />
da wären?“ und zeigen Sie, wie die Versicherung konkret helfen würde.<br />
Praxis-Tipp: Erzählen Sie eine wahre, anonymisierte Geschichte eines Kunden, dem die Versicherung<br />
wirklich geholfen hat. Das schafft emotionale Nähe und verdeutlicht den praktischen Nutzen.<br />
2<br />
Visualisierung statt Zahlenkolonnen<br />
Komplexe Zahlen und Tarifdetails überfordern viele Kunden. Das Gehirn verarbeitet Bilder deutlich<br />
besser als abstrakte Informationen.<br />
Praxis-Tipp: Nutzen Sie Visualisierungen wie Lebenslinien, Szenarien oder einfache Diagramme, um<br />
Risiken und Auswirkungen fehlender Absicherung zu verdeutlichen. Ein Bild vom „Sicherheitsnetz für<br />
die Familie“ bleibt hängen – ein Zahlenblatt nicht.<br />
3<br />
Entscheidungsdruck durch zeitliche Relevanz erzeugen<br />
„Darüber denke ich noch mal nach“ – ein Satz, der oft das Ende eines Verkaufs bedeutet. Menschen<br />
schieben unangenehme Entscheidungen gern auf.<br />
Praxis-Tipp: Verdeutlichen Sie, dass Absicherung nicht warten kann. Nutzen Sie Formulierungen wie:<br />
„Je früher Sie starten, desto günstiger sichern Sie sich ab – und Sie schützen Ihre Familie ab sofort.“<br />
48<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
4<br />
Vertrauen durch gezielte Selbstoffenbarung aufbauen<br />
Kunden kaufen nur, wenn sie Vertrauen in Sie als Berater haben. Dieses entsteht nicht nur durch<br />
Fachwissen, sondern auch durch Persönlichkeit.<br />
Praxis-Tipp: Teilen Sie in Maßen eigene Erfahrungen. Beispielsweise: „Ich habe selbst eine Lebensversicherung<br />
abgeschlossen, weil ich mir die Frage gestellt habe: Wie sichere ich meine Kinder ab, wenn<br />
mir etwas passiert?“ – Das macht Sie nahbar und glaubwürdig.<br />
5<br />
Kognitive Dissonanz abbauen<br />
Viele Kunden wissen, dass eine Absicherung sinnvoll ist, fühlen sich aber unwohl bei der Vorstellung,<br />
sich mit Tod oder Krankheit zu befassen. Dieses innere Spannungsfeld gilt es aufzulösen.<br />
Praxis-Tipp: Sprechen Sie diese Spannung aktiv an: „Niemand denkt gern an solche Fälle – aber gerade<br />
deshalb ist es gut, vorbereitet zu sein, damit es nie ein Thema werden muss.“<br />
6<br />
Entscheidungen erleichtern durch klare Optionen<br />
Zu viele Wahlmöglichkeiten lähmen. Geben Sie dem Kunden nicht zehn Tarifoptionen, sondern drei<br />
klare Alternativen.<br />
Praxis-Tipp: Präsentieren Sie zum Beispiel ein Basis-, Komfort- und Premium-Modell mit klaren Unterschieden.<br />
So kann der Kunde einfach abwägen, statt sich in Details zu verlieren.<br />
7<br />
Nachfass-Routine mit Mehrwert<br />
Ein „Nein“ beim ersten Gespräch ist kein endgültiges Nein. Oft brauchen Kunden Zeit – und Impulse.<br />
Praxis-Tipp: Bleiben Sie nach dem Gespräch in Kontakt, etwa durch einen kurzen Videolink zum Thema<br />
„Was passiert ohne Absicherung?“ oder einen Newsletter mit Fallbeispielen. Machen Sie es persönlich<br />
und zeigen Sie, dass Ihnen das Wohl des Kunden wirklich am Herzen liegt.<br />
Vertriebsimpuls:<br />
Der Verkauf von Lebensversicherungen gelingt nicht über Druck oder Produktwissen<br />
allein – er lebt von psychologischem Feingefühl, ehrlichem Interesse<br />
und der Fähigkeit, den Kundennutzen emotional und verständlich zu vermitteln.<br />
Mit diesen Praxis-Tipps bauen Sie Vertrauen auf und helfen Ihren Kunden,<br />
eine wichtige Entscheidung nicht aufzuschieben, sondern heute zu treffen.<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 49
DIGITALE WELT<br />
„Ich<br />
habe<br />
keine<br />
Zeit<br />
für<br />
schlechte<br />
Prozesse“<br />
Warum es heute mehr denn je darauf ankommt, Prozesse effizient und kundenorientiert<br />
zu gestalten, erklärt Jan Pohl, CSO bei Softfair, im Interview – Über Beratungsqualität<br />
und die Herausforderung, am Puls der Zeit zu bleiben.<br />
expertenReport: Herr Pohl, bevor wir tiefer in die Themen einsteigen,<br />
würden wir gerne mehr über Sie erfahren. Sie sind heute bei Softfair im<br />
Vertrieb tätig, aber Ihre Laufbahn ist sehr facettenreich. Wie hat sich Ihre<br />
Rolle im Laufe der Zeit entwickelt?<br />
Jan Pohl: Ich habe bewusst viele Perspektiven in der Branche eingenommen,<br />
weil ich sie verstehen wollte. Ich komme ursprünglich aus dem Strukturvertrieb,<br />
bin später Makler mit eigenem Unternehmen geworden und war dann im Pool-<br />
Umfeld aktiv. Nach der Referententätigkeit habe ich die letzten zwei Jahre die<br />
Maklerbetreuung der Inter mit bundesweit 14 Maklerbetreuern geleitet. Jetzt<br />
leite ich den Vertrieb bei Softfair. Jede Station hat mir geholfen, die Komplexität<br />
unserer Branche besser zu verstehen – und auch zu erkennen, wie Prozesse<br />
vereinfacht werden könnten.<br />
Sie haben also viele Blickwinkel erlebt. Wie digital ist Ihre eigene Arbeitsweise?<br />
Sehr digital. Ich mache schon ganz lange Onlineberatung, Onlineterminbuchungen<br />
und so weiter – also so viel Digitalisierung wie möglich, weil ich eben diese<br />
Doppelrolle habe und alles optimieren muss. Ich habe keine Zeit für schlechte<br />
Prozesse. Gerade in der Master Class der Jungmakler ist mir bewusst geworden,<br />
wie weit manche Maklerbetriebe bereits sind. Das hat mich motiviert, noch<br />
konsequenter am Puls der Zeit zu bleiben. Ich transkribiere die Gespräche, um<br />
die Nacharbeit mit Hilfe von KI deutlich zu vereinfachen und zu professionalisieren,<br />
dafür experimentiere ich mit KI gestützter Beratungsdokumentation und<br />
KI Assistenten.<br />
50<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
Wie bewerten Sie die aktuelle Entwicklung im Vertrieb, insbesondere die<br />
Rolle von Vergleichsportalen?<br />
Vergleichsrechner sind zentrale Werkzeuge im Maklervertrieb geworden. Sie<br />
ermöglichen eine neutrale Darstellung, bessere Vergleichbarkeit und helfen,<br />
komplexe Produkte zu strukturieren. Allerdings können sie nicht jeden Sonderfall<br />
umfassend abbilden. Darum prüfe ich als Makler bei sensiblen Punkten immer<br />
noch mal nach. Und: Die Rechner müssen ständig weiterentwickelt werden, um<br />
dem Markt gerecht zu werden. Früher wurde persönlich vor Ort beraten. Heute<br />
virtuell. Das verändert auch die Anforderungen an einen modernen Vergleichsrechner.<br />
Welche Trends beobachten Sie hinsichtlich der Digitalisierung im Maklervertrieb?<br />
Zwei Themen stechen hervor: Zum einen der Wunsch, Beratungs- und Antragsprozesse<br />
zu automatisieren und effizienter zu gestalten. Zum anderen der Einsatz<br />
von KI, um zum Beispiel aus Transkripten automatisch Beratungsdokumentationen<br />
zu erstellen oder Kundenanfragen intelligent zu bearbeiten. Auch die<br />
Integration mit CRM-Systemen und Dokumentenanalyse wird wichtiger.<br />
Wie unterstützt Softfair konkret bei der Beratung und im Vertrieb?<br />
Wir bieten eine Vielzahl an Vergleichsrechnern – von LV über KV, Sach bis KFZ.<br />
Neu ist unser Produkt „Insights“, mit dem Versicherer das Nutzerverhalten in<br />
den Rechnern detailliert analysieren können. Das hilft enorm bei Produktentwicklung,<br />
Vertriebssteuerung und Pricing. Unsere Rechner unterstützen Makler<br />
bei der Vorbefüllung von Anträgen, digitaler Unterschrift und zukünftig hoffentlich<br />
noch stärker bei der Datenübernahme aus Gesprächen und CRM-Systemen.<br />
»Wir wollen<br />
die besten Prozesse<br />
für die besten<br />
Berater bieten.«<br />
Jan Pohl<br />
CSO Softfair<br />
Wie sieht es mit Maklerpools aus? Welche Rolle spielen diese in Ihrer<br />
Strategie und wie unterstützt Softfair diese bei der Digitalisierung der<br />
Prozesse?<br />
Als Teil der Infitech-Gruppe treiben wir die Digitalisierung des Maklermarkts<br />
aktiv mit voran – sei es über Vergleichsrechner, digitale Antragsstrecken oder<br />
datenbasierte Analyseplattformen.<br />
Welche Herausforderungen sehen Sie für Makler in den nächsten fünf<br />
Jahren?<br />
Der Druck zur Effizienzsteigerung steigt. Kunden erwarten einfache, digitale<br />
Prozesse. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Vermittler, der Bedarf aber bleibt oder<br />
steigt sogar. Makler müssen ihre Prozesse automatisieren, um Zeit für Kundenberatung<br />
zu gewinnen. Nur wenn Makler technisch aufrüsten, ihre Prozesse<br />
digitalisieren und effizient arbeiten, können sie in der zunehmend automatisierten<br />
Versicherungswelt konkurrenzfähig bleiben. Softfair liefert dafür die nötigen<br />
Werkzeuge.<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 51
DIGITALE WELT<br />
Wie sich der Versicherungsvertrieb durch KI grundlegend verändert und warum datenbasierte Steuerung, personalisierte<br />
Ansprache und Conversational AI künftig entscheidend sind, erklärt Fynn Monshausen, Leiter Digitalvertrieb bei<br />
Barmenia-Gothaer, im Interview.<br />
experten: Herr Monshausen, Digitalvertrieb ist kein neues Thema mehr.<br />
Wann ist er aus Ihrer Sicht erfolgreich?<br />
Fynn Monshausen: Erfolg bedeutet nicht mehr nur, online Geschäft zu generieren<br />
– das kann mittlerweile jeder. Erfolgreich ist, wer seinen Digitalvertrieb ganzheitlich<br />
versteht. Es geht darum, Deckungsbeiträge aktiv zu steuern, Risiken zu<br />
analysieren, bevor sie entstehen, und datengetrieben zu entscheiden: Welche<br />
Kund:innen passen wirklich zu uns?<br />
Das klingt sehr selektiv. Wie funktioniert diese Steuerung in der Praxis?<br />
Über gezielte Ansprache – wir nutzen Prädiktionen, um bestimmte Kundentypen<br />
mit bestimmten Risikoprofilen anzusprechen. Plattformen wie Google oder Meta<br />
ermöglichen das: Wir definieren anhand vergangener Schadenquoten, Stornound<br />
Cross-Selling-Raten, welche Zielgruppen wirtschaftlich sinnvoll sind. Die Plattform<br />
spielt dann Werbung nur diesen ähnlichen Nutzern aus – ohne dass wir<br />
wissen, wer sie genau sind.<br />
Welche Daten fließen in diese Modelle ein?<br />
Wir arbeiten mit anonymisierten soziodemografischen Merkmalen – Alter, Lebenssituation,<br />
Urbanität. Die eigentliche Intelligenz liegt aber in der Verknüpfung von<br />
historischen Verläufen mit dem Verhalten neuer Nutzer. Das ermöglicht eine<br />
deutlich präzisere Ansprache und deutlich differenziertere Preisgestaltung.<br />
52<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
Mit der Fusion von Barmenia und Gothaer ergeben sich auch neue Möglichkeiten.<br />
Was bedeutet das konkret für den Digitalvertrieb?<br />
Wir haben sehr unterschiedliche Stärken zusammengeführt: Flexibilität und<br />
Partnerschaftsfähigkeit auf der einen, starke Nutzerzentrierung auf der anderen<br />
Seite. Jetzt entsteht daraus eine gemeinsame Infrastruktur – ein konsolidierter<br />
Auftritt über Website, App, Kundenportal, Abschlussprozesse und Kommunikation.<br />
Das bringt spürbare Effekte: Die Customer Journey wird einheitlicher, effizienter<br />
und gezielter.<br />
Wie personalisiert ist das Kundenerlebnis heute?<br />
Sehr. Wir spielen jährlich über <strong>25</strong>0 Millionen digitale Werbekontakte aus. Dank<br />
Machine Learning können wir diese Kontakte inzwischen stark personalisieren –<br />
nicht nur in der Auswahl der Zielgruppen, sondern auch im Wording, im Design,<br />
in der Bildsprache. Jeder sieht eine für ihn relevante Botschaft – und das nahezu<br />
automatisiert.<br />
»Erfolg heißt nicht,<br />
digital zu verkaufen –<br />
das kann heute jeder.<br />
Erfolg heißt, digital zu<br />
steuern.«<br />
Fynn Monshausen<br />
Leiter Digitalvertrieb Barmenia-Gothaer<br />
Welche Kundenansprache funktioniert besonders gut?<br />
Die Mischung macht’s. Der ideale Kunde ist aus unserer Sicht jemand mit guten<br />
Schadenverläufen, hohem Cross-Selling-Potenzial und niedrigen Akquisitionskosten.<br />
Wer das über viele Kanäle hinweg erkennt, hat die besten Chancen auf nachhaltigen<br />
Vertriebserfolg.<br />
Welchen Stellenwert hat dabei die persönliche Beratung?<br />
Einen hohen – aber sie wird durch Technologie unterstützt. In der Praxis sehen<br />
wir, dass Conversational AI den gesamten Vertriebsprozess verändert: von der<br />
Vorqualifikation bis zur Transkription und Nachbereitung. Ein digitaler Partner von<br />
uns hat bereits zwei Drittel seines Beraterteams durch KI ergänzt – mit höherem<br />
Output als zuvor.<br />
Wie weit sind Sie im Einsatz von KI-Systemen?<br />
Wir arbeiten mit Sprachmodellen wie Clara und Mina im Kundenkontakt und<br />
entwickeln aktuell Lösungen für Vertriebspartner – etwa GPT-basierte Assistenten,<br />
die bei Produktsuche oder Bedingungsvergleichen helfen. Das ist nicht Zukunft,<br />
das läuft jetzt schon – mit messbar besseren Ergebnissen.<br />
Was raten Sie Vermittlerinnen und Vermittlern, die digitaler werden wollen?<br />
KI kommt nicht als neuer Vertriebsweg – sie verändert alle bestehenden Wege<br />
horizontal. Wer nicht früh genug beginnt, effizient zu werden, verliert im Wettbewerb.<br />
Das ist keine Frage der Strategie mehr, sondern der Überlebensfähigkeit im<br />
Markt.<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 53
DIGITALE WELT<br />
Die Maklerarbeit verändert sich rasant: Digitale Assistenten auf KI-Basis übernehmen Routinetätigkeiten und ermöglichen<br />
so mehr Fokus auf Beratung und Beziehungspflege. Jonathan Posselt, Teamleiter KI bei Fonds Finanz, zeigt im<br />
Gastbeitrag, wie Maklerbüros schon heute die Weichen für die Zukunft stellen können.<br />
»KI ersetzt keine<br />
Beratung – sie gibt<br />
Zeit dafür zurück.«<br />
Jonathan Posselt<br />
Teamleiter KI der Fonds Finanz<br />
D<br />
ie Versicherungswelt befindet sich im Umbruch. Prozesse werden weiter digitalisiert<br />
und automatisiert, Kundenerwartungen steigen – und technologische<br />
Entwicklungen eröffnen neue Chancen. Besonders ein Trend wird den Maklerberuf<br />
in den kommenden Jahren grundlegend verändern: der Einsatz von KI-Agenten.<br />
Was sind KI-Agenten eigentlich?<br />
KI-Agenten sind digitale Assistenten, die auf künstlicher Intelligenz basieren. Sie<br />
können eigenständig Aufgaben übernehmen, Entscheidungsgrundlagen vorbereiten<br />
und mit anderen Systemen kommunizieren – ähnlich wie ein virtueller Kollege,<br />
der rund um die Uhr verfügbar ist.<br />
Diese digitalen Helfer entfalten ihr volles Potenzial, wenn sie auf eine gemeinsame<br />
Datenbasis zugreifen können – sei es für Angebotsberechnungen, die Analyse von<br />
Kundenprofilen oder die automatisierte Kommunikation.<br />
Schon heute lohnt es sich, bei der Auswahl von Systemen und Partnern darauf zu<br />
achten, dass diese miteinander kompatibel sind. Denn nur so entsteht Schritt für<br />
Schritt die Grundlage für ein intelligentes Zusammenspiel von KI-Agenten – und<br />
damit für eine spürbare Entlastung im Alltag.<br />
54<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
Maklerarbeit im Team mit digitalen Assistenten<br />
Für den Makler bedeutet das: Sein Berufsalltag wird rund um die Uhr und ohne<br />
Wartezeiten von einem digitalen Team begleitet:<br />
• Einem MVP-Agent, der Kundendaten aktuell hält, Gespräche vorbereitet und<br />
proaktiv auf Beratungsbedarfe hinweist.<br />
• Einem Analyse-Agent, der mit einem Klick erkennt, wo Absicherungsbedarf<br />
besteht – individuell und datenbasiert.<br />
• Einem Vergleichs-Agent, der Alttarife analysiert, Tarife optimiert und die Ergebnisse<br />
übersichtlich aufbereitet.<br />
• Einem Verwaltungs-Agent, der Ergebnisse dokumentiert und die Kundenkommunikation<br />
automatisiert übernimmt.<br />
Warum die Datenbasis der Schlüssel ist<br />
Damit KI-Agenten sinnvoll arbeiten können, benötigen sie Zugang zu strukturierten,<br />
vollständigen und vernetzten Daten: Kundendaten, Vertragsdetails, Produktinformationen,<br />
Kommunikationsverläufen.<br />
In vielen Maklerbüros sind diese Daten noch fragmentiert – das MVP auf der einen<br />
Plattform, die Vergleichsberechnungen auf der anderen, Analysen wieder woanders.<br />
Zudem sind die Kunden auch noch über mehrere Maklerpools und/oder Direktanbindungen<br />
verteilt.<br />
KI im Maklerbüro:<br />
Was schon heute möglich ist<br />
Analyse-Agent: identifiziert Absicherungsbedarf<br />
automatisch<br />
Verwaltungs-Agent: führt Akte & Kommunikation<br />
Vergleichs-Agent: optimiert Alttarife & Alternativen<br />
MVP-Agent: erkennt Beratungsbedarf & unterstützt<br />
Vorbereitung<br />
Voraussetzung: strukturierte, vernetzte Datenbasis<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 55
DIGITALE WELT<br />
Genau hier liegt das größte Potenzial:<br />
Wer diese Daten zusammenführt – über gemeinsame Plattformen oder standardisierte<br />
Schnittstellen –, schafft die Grundlage für ein leistungsfähiges, abgestimmtes<br />
System. Denn nur wenn alle Agenten auf dieselbe Datenbasis zugreifen und untereinander<br />
kommunizieren können, entsteht ein echtes digitales Team. Die Agenten<br />
arbeiten intelligent zusammen, tauschen Informationen aus und übergeben<br />
Aufgaben nahtlos. So entsteht ein durchgängiger, automatisierter Prozess – ohne<br />
Medienbrüche und doppelte Eingaben. Der größte Gewinn dabei ist, dass Maklerinnen<br />
und Makler von zeitintensiven Routinetätigkeiten entlastet werden und sich<br />
auf das konzentrieren können, was kein Computer leisten kann: persönliche Beratung,<br />
Vertrauen und Beziehungspflege.<br />
Der Makler bleibt unersetzlich –<br />
aber seine Rolle verändert sich<br />
Trotz aller Technologie bleibt der Makler das zentrale Element im Kundenkontakt.<br />
KI-Agenten ersetzen keine menschliche Beratung – sie ergänzen sie. Sie liefern<br />
fundierte Analysen, schlagen Optionen vor und halten Prozesse im Fluss. Die Aufgabe,<br />
das richtige Produkt zu empfehlen, Vertrauen aufzubauen und die Kundenbeziehung<br />
zu pflegen, übernimmt weiterhin der Makler.<br />
Warum es sich lohnt, schon heute die richtigen Weichen zu<br />
stellen<br />
Die Digitalisierung schreitet stetig voran und mit ihr wachsen die Möglichkeiten,<br />
Prozesse intelligenter, schneller und individueller zu gestalten. KI-Agenten sind<br />
dabei kein ferner Zukunftstrend, sondern ein vielversprechender nächster Schritt.<br />
Damit solche Technologien ihr volles Potenzial entfalten können, braucht es als<br />
Grundlagen eine klare Datenbasis, vernetzte Systeme und vor allem starke Partner.<br />
Denn die Entwicklung leistungsfähiger KI-Agenten ist aufwendig, kostenintensiv<br />
und nur im Zusammenschluss realisierbar.<br />
Nur Pools, Verbünde oder Plattformanbieter mit entsprechender Finanzkraft, den<br />
richtigen Systemen und strategischer Ausrichtung sind in der Lage, echte Innovationen<br />
in die Fläche zu bringen – von der intelligenten Datenvernetzung bis zur<br />
nahtlosen Integration KI-gestützter Prozesse.<br />
Maklerhäuser, die sich frühzeitig einem solchen Netzwerk anschließen, sichern sich<br />
langfristige Wettbewerbsvorteile durch Zugang zu Technologien, die den Beratungsalltag<br />
wirklich entlasten und gleichzeitig Raum für das schaffen, was den<br />
Makler unersetzlich macht: persönliche Nähe, fundierte Empfehlungen und echtes<br />
Vertrauen.<br />
In einer zunehmend digitalen Branche kann der Einsatz intelligenter Assistenten<br />
zum entscheidenden Erfolgsfaktor werden – für mehr Effizienz, stärkere Kundenbindung<br />
und nachhaltigen Markterfolg.<br />
56<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
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DIGITALE WELT<br />
Cyberversicherung braucht mehr als Policen: Dr. Christopher Lohmann spricht im Interview über Weichmarkt,<br />
regulatorischen Druck – und warum ein Security Operating Center (SOC) künftig genauso selbstverständlich<br />
sein könnte wie eine Sprinkleranlage in der Sachversicherung.<br />
expertenReport: Wie hat sich der Markt für Cyberversicherungen<br />
in den letzten Jahren entwickelt –<br />
und welche Faktoren haben diese Entwicklung maßgeblich<br />
beeinflusst?<br />
Dr. Christopher Lohmann: Wir sehen viel Bewegung<br />
auf diesem Markt. Unternehmen investieren mehr und<br />
gezielt in ihre Cybersicherheit, nicht zuletzt aufgrund<br />
regulatorischer Vorgaben wie NIS-2. Mit der Verbesserung<br />
der Security steigt die Versicherbarkeit von Cyberrisiken.<br />
Auch bei den Anbietern tut sich was. Cyber gilt<br />
als Wachstumsmarkt und zieht weiter Kapital an. Junge<br />
Assekuradeure wie Baobab, Coalition oder Stoik setzen<br />
Tools wie Surface Scans zur Analyse und Verbesserung<br />
von Cyberrisiken ein. Das ersetzt für Makler und Kunden<br />
die mühsame Risikoanalyse über Fragebögen und verbreitert<br />
das Angebot an Cyberschutz. Diese Ansätze tun<br />
dem Markt gut und treiben etablierte Versicherer an,<br />
innovativer und digitaler zu werden.<br />
Welche neuen Bedrohungslagen sehen Sie aktuell,<br />
auf die Versicherer besonders reagieren müssen?<br />
Für Unternehmen sind Business-E-Mail-Compromise-Attacken<br />
die Cyberbedrohung, die unsere Experten am<br />
häufigsten beobachten. Bei dieser Betrugsmasche kapern<br />
Kriminelle E-Mail-Konten, um Mitarbeiter oder Geschäftspartner<br />
zu manipulieren. Die kostspieligste Bedrohung<br />
für KMU bleibt allerdings Ransomware, die<br />
Sperrung von Computern zur Erpressung von Lösegeld.<br />
Angesichts der Bedrohungslage und steigender Schadenzahlen<br />
ist erstaunlich, dass wir uns aktuell in einer ausgeprägten<br />
Weichmarktphase befinden. Das äußert sich<br />
nicht nur in fallenden Prämien, sondern auch darin, dass<br />
Versicherer Risiken zeichnen, die sie lange nicht mal<br />
angeschaut haben. Das wird sich in steigenden Schadenquoten<br />
bemerkbar machen. Es würde mich nicht überraschen,<br />
wenn wir in den nächsten 18 Monaten eine<br />
Verhärtung des Marktes für Cyberversicherungen sehen.<br />
Wie haben sich die Anforderungen und Erwartungen<br />
von Kunden an Cyberversicherungen angesichts der<br />
neuen Bedrohungslagen verändert?<br />
Viele Kunden erkennen, dass wirksamer Schutz gegen<br />
Cyberrisiken mehr braucht als passiven Risikotransfer<br />
durch eine Versicherung. Aktiver, vorbeugender Schutz<br />
ist wichtig. Darauf setzen die erwähnten Tech-Assekuradeure,<br />
aber auch Anbieter wie Eye Security. Deren Security<br />
Operating Center (SOC) überwacht die Systeme<br />
der Kunden rund um die Uhr, um bei Auffälligkeiten<br />
sofort zu reagieren. Die Experten von Eye etwa erkennen<br />
Angriffe innerhalb von drei Minuten. Damit lassen sich<br />
Incidents so schnell bekämpfen, dass Schäden gar nicht<br />
58<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
erst entstehen. Verbleibende Risiken werden mit einer<br />
passenden Versicherung abgesichert. Seit ihrem Start<br />
waren Cyberversicherungen immer eine Kombination<br />
aus Risikotransfer und Assistance-Leistungen. Die neue<br />
Generation von Cyberschutz verknüpft technischen und<br />
Versicherungsschutz noch enger. Das ist angesichts der<br />
Bedrohung auch wichtig.<br />
Wie gelingt es, Entscheider in Unternehmen von der<br />
Relevanz einer Cyberversicherung zu überzeugen –<br />
auch wenn bisher keine Vorfälle eingetreten sind?<br />
Regulatorische Vorgaben sowie verschärfte Haftungsregelungen<br />
führen dazu, dass sich Unternehmenslenker<br />
viel mehr mit Cyberversicherungen beschäftigen. Für<br />
Makler ist das die Chance, über den Vergleich von Bedingungswerken<br />
hinaus Kunden als Risikomanager für umfassenden<br />
Cyberschutz zur Seite zu stehen. Das passiert<br />
auch: Ich bin immer wieder beeindruckt von der Cyberexpertise<br />
der Makler-Partner, mit denen wir zusammenarbeiten.<br />
Sie haben über Jahre gezielt in ihre Kompetenz<br />
investiert und ein tiefes Verständnis technischer Ansätze<br />
zum Schutz gegen Cybergefahren entwickelt. Das versetzt<br />
sie in die Lage, auf Augenhöhe mit Entscheidern zu<br />
sprechen. Ich finde es ermutigend, dass sich viele Maklerhäuser<br />
auf den Weg gemacht haben, eben um mit<br />
Kompetenz in den Dialog gehen zu können.<br />
Was müsste aus Ihrer Sicht geschehen, damit das<br />
Thema Cyberversicherung dauerhaft den Stellenwert<br />
bekommt, den es angesichts der steigenden<br />
Risiken verdient?<br />
Ich finde, dass sich der Markt für Cyberversicherungen<br />
seit dem Start vor 15 Jahren eigentlich gut entwickelt hat.<br />
Alle führenden Gewerbe- und Industrieversicherer bieten<br />
Cyberprodukte an, und mit den erwähnten Tech-Assekuradeuren<br />
sehen wir besonders viel Bewegung. Es gibt<br />
lebhaften Wettbewerb und die typischen Zyklen. Gutes<br />
Cyberrisiko-Management führt zu besseren Bedingungen<br />
und mehr Kapazität. Wie die Sprinkleranlage in der<br />
Sachversicherung können Kunden über ein SOC ihre<br />
Versicherungsprämien senken, weil sie besser geschützt<br />
sind. All das sind Merkmale, wie sie für reife Versicherungsmärkte<br />
typisch sind. Am ehesten sehe ich weiteren<br />
Entwicklungsbedarf auf der Vermittlerseite. Zwar bauen<br />
viele umfassende Cyberexpertise auf oder nutzen die<br />
Angebote, die Finlex, Cyberdirekt oder Howden bieten.<br />
»Ein Security Operating Center wird künftig<br />
so selbstverständlich sein wie eine<br />
Sprinkleranlage in der Sachversicherung.«<br />
Christopher Lohmann<br />
Geschäftsführer The Mulberry Ventures<br />
Es gibt aber doch Vermittler, die sich Cyber noch stärker<br />
öffnen und sich schneller entwickeln müssten. Sie laufen<br />
Gefahr, Geschäft zu verlieren, an andere Makler, aber<br />
auch an IT-Sytemhäuser, die ebenfalls den Dialog mit<br />
Entscheidern suchen.<br />
Welche Entwicklungen erwarten Sie in den nächsten<br />
drei bis fünf Jahren – sowohl im Hinblick auf Produkte<br />
als auch auf die Kundenerwartungen?<br />
Angesichts der tiefgreifenden Veränderungen, die wir<br />
erleben, finde ich den Blick in die fernere Zukunft schwierig,<br />
gerade für Cyberrisiken. Wichtiger ist es, aktuelle<br />
Entwicklungen zu bewerten und Lösungen für die Herausforderungen<br />
von heute zu finden. Die Multipolarität<br />
unserer Welt und der Krieg in der Ukraine führen dazu,<br />
dass professionelle Hacker neue Auftraggeber finden.<br />
Die Bedrohungslage verschärft sich, wir sehen mehr<br />
Betrug und deutlich mehr Spionage. Mit künstlicher Intelligenz<br />
lassen sich dabei immer raffiniertere Angriffsvektoren<br />
entwickeln. Mehr denn je muss es daher darum<br />
gehen, Unternehmen wirksam gegen Cyberrisiken zu<br />
schützen. Mit Versicherungen allein werden wir dem<br />
nicht begegnen können. Ein wirkmächtiges SOC, gepaart<br />
mit regelmäßigen Back-ups der IT und einer passenden<br />
Versicherung gegen mögliche Restrisiken, das ist Cyberschutz,<br />
den Unternehmen immer stärker nachfragen.<br />
Heute, und auch in drei Jahren.<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 59
DIGITALE WELT<br />
Wie moderne Technik aus Finanzberatung ein echtes Kundenerlebnis macht,<br />
erklärt Uwe Mahrt, CEO von Pangaea Life, im Interview<br />
»Die Brille schafft Transparenz –<br />
und emotionalisiert das Produkt.«<br />
Uwe Mahrt<br />
60<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
expertenReport: Herr Mahrt, Sie setzen in der Kundenberatung<br />
auf Virtual und Augmented Reality.<br />
Was ist der Unterschied?<br />
Uwe Mahrt: Bei Virtual Reality taucht der Kunde vollständig<br />
in eine andere Welt ein. Er setzt die Brille auf<br />
und steht plötzlich in einem Solarpark in Spanien oder<br />
einem Windpark in Norwegen. Unsere Assets werden<br />
in 360 Grad erlebbar – das ist keine Werbung, sondern<br />
Information pur. Augmented Reality dagegen blendet<br />
zusätzliche Informationen in die reale Umgebung ein.<br />
Diese Brille trägt meist der Berater, nicht der Kunde,<br />
und sie zeigt etwa steuerliche Rahmenbedingungen<br />
oder Produktdetails in Echtzeit an.<br />
Welche Technologie setzen Sie konkret ein?<br />
Wir arbeiten mit zwei VR-Brillen: einer einfachen Variante,<br />
bei der das Handy eingesetzt wird, und der sogenannten<br />
Pico-Brille, die ohne Smartphone funktioniert.<br />
Letztere ist besonders immersiv – man hat wirklich<br />
das Gefühl, vor Ort zu sein. Zusätzlich testen wir<br />
AR-Brillen, etwa mit Informationen zur Basisrente oder<br />
interaktiven Beratungsfunktionen. Das ist aber noch<br />
stark gewöhnungsbedürftig – man muss trainieren,<br />
mit diesen eingeblendeten Infos umzugehen.<br />
Wie reagieren die Kunden auf das Angebot?<br />
»Kunden erleben ihre Geldanlage hautnah –<br />
nicht abstrakt, sondern vor Ort.«<br />
Uwe Mahrt<br />
CEO Pangaea Life<br />
Sehr positiv. Die meisten schauen sich drei Videos an –<br />
zu Wind, Sonne und Wasser – und sind danach deutlich<br />
informierter. Rund 40 bis 50 Prozent der Vermittler,<br />
die wir in unseren digitalen Investmentreisen<br />
schulen, übernehmen die Technologie in ihre Beratung.<br />
Viele Kunden entscheiden sich anschließend bewusster<br />
für bestimmte Investments. Die Brille schafft<br />
Transparenz – und emotionalisiert das Produkt.<br />
Gibt es Herausforderungen?<br />
Natürlich. Jüngere Kunden sind technikaffin, haben<br />
aber oft weniger Kapital. Ältere Kunden wiederum<br />
verfügen über das Kapital, aber tun sich mit der Technik<br />
schwerer. Deshalb setzen wir auf einfache Lösungen:<br />
Entweder der Berater bringt die Brille mit oder<br />
sie wird dem Kunden nach Hause geschickt – fertig<br />
konfiguriert.<br />
Wie schätzen Sie die Zukunft ein?<br />
Die Entwicklung ist erst am Anfang. Mit AR-Brillen und<br />
KI wird es bald möglich sein, in der Beratung Informationen<br />
in Echtzeit einzublenden – ob steuerliche Aspekte<br />
oder Produkthinweise. Und mit neuen Geräten<br />
wie der Apple Vision Pro wird man sogar gemeinsame<br />
virtuelle Beratungsgespräche führen können – unabhängig<br />
vom Ort. Wir testen das bereits und bereiten<br />
unsere nächste „digitale Investmentreise“ auch in den<br />
USA vor.<br />
Was bedeutet das für den Vertrieb?<br />
Es verändert die Rolle des Beraters. Wer sich darauf<br />
einlässt, bekommt neue Möglichkeiten – aber auch<br />
neue Anforderungen. Technik allein reicht nicht, man<br />
muss damit umgehen können. Wer das schafft, wird<br />
gewinnen.<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 61
RECHT<br />
Die Rückforderung gezahlter Provisionen nach Ende eines Arbeitsverhältnisses ist rechtlich heikel – besonders im<br />
Versicherungsvertrieb. Ein Fachbeitrag von Dr. Jan Freitag, Kanzlei Michaelis, bietet Orientierung. Die Redaktion hat<br />
zentrale Aussagen für Sie gebündelt.<br />
V<br />
ergütungsmodelle mit geringem Festgehalt und hohem variablen Anteil sind<br />
in der Versicherungsbranche, besonders im Vertrieb, weitverbreitet. Doch<br />
was passiert, wenn der Arbeitgeber bereits gezahlte Provisionen zurückfordert,<br />
etwa nach einer Stornierung oder gar nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses?<br />
Diese Frage stellt sich vielen angestellten Vermittlern, gerade wenn der Provisionsvorschuss<br />
später negativ abgerechnet wird.<br />
Dr. Jan Freitag, Arbeitsrechtler bei der Kanzlei Michaelis in Hamburg, hat sich in<br />
einem aktuellen Fachbeitrag ausführlich mit der rechtlichen Zulässigkeit solcher<br />
Rückforderungsklauseln beschäftigt. Grundlage seiner Einschätzung ist unter anderem<br />
ein von ihm erstrittenes Grundsatzurteil des Bundesarbeitsgerichts (BAG,<br />
Urteil vom 21.1.2015 – 10 AZR 84/14), das sich mit der Wirksamkeit solcher vertraglichen<br />
Regelungen beschäftigt.<br />
Variable Vergütung erlaubt – aber Mindestlohnpflicht gilt<br />
Zunächst stellt Freitag klar: Eine arbeitsvertragliche Konstruktion aus geringem<br />
Grundgehalt und variabler Vergütung ist grundsätzlich zulässig, solange die Grundvergütung<br />
den gesetzlichen Mindestlohn nicht unterschreitet. Bei einer 40-Stunden-<br />
Woche müssen demnach mindestens 2.222 Euro brutto monatlich gezahlt werden<br />
(Stand April 20<strong>25</strong>). Und zwar unabhängig davon, ob überhaupt Provisionen erzielt<br />
wurden oder nicht. Eine Unterschreitung des Mindestlohns, etwa durch nachträgliche<br />
Rückforderungen, ist nicht zulässig und kann als Ordnungswidrigkeit mit hohen<br />
Bußgeldern geahndet werden.<br />
62<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
Rückforderungen nur unter engen Voraussetzungen wirksam<br />
Rückforderungen von bereits gezahlten Vergütungsbestandteilen sind laut Bundesarbeitsgericht<br />
zwar nicht grundsätzlich unzulässig, unterliegen jedoch strengen<br />
Voraussetzungen. Arbeitgeber müssen unter anderem darlegen, welche konkreten<br />
Schritte sie selbst oder der Mitarbeitende unternommen haben, um eine Vertragsstornierung<br />
zu verhindern. Dieser sogenannte Nachbearbeitungsnachweis ist für<br />
jeden Einzelfall zu erbringen – auch bei kleineren Beträgen.<br />
Darüber hinaus gelten umfassende Transparenzpflichten: Provisions- und Stornohaftungsbedingungen<br />
müssen für die Mitarbeitenden jederzeit zugänglich sein,<br />
etwa durch Einsicht im Intranet oder durch regelmäßige Schulungen. Allgemeine<br />
Verweise im Arbeitsvertrag genügen nicht. Auch muss die Abrechnung über zurückzufordernde<br />
Beträge nachvollziehbar erfolgen.<br />
Stornoreservekonten oft unzulässig geregelt<br />
Ein weiterer kritischer Punkt betrifft sogenannte Stornoreservekonten, auf denen<br />
Provisionsbestandteile für den Fall von Stornierungen zurückgehalten werden. Laut<br />
BAG müssen Arbeitgeber hier nachweisen, dass die Zurückbehaltung sachlich<br />
begründet ist – pauschale Laufzeiten von zum Beispiel zehn Jahren oder pauschale<br />
Auskehrung am Ende der letzten Stornohaftungszeit sind unzulässig. Vielmehr ist<br />
eine individuelle Betrachtung jedes einzelnen Vertrags notwendig.<br />
In der Praxis führen diese Anforderungen dazu, dass viele Rückforderungsklauseln<br />
unwirksam sind. Betroffene Arbeitnehmer können sich deshalb erfolgreich gegen<br />
entsprechende Forderungen zur Wehr setzen.<br />
Betriebsvereinbarung als „Hintertür“?<br />
Einige Arbeitgeber versuchen, die vom BAG gesetzten Grenzen durch alternative<br />
Rechtsgrundlagen wie Betriebsvereinbarungen zu umgehen. Doch auch hier gilt:<br />
Die Transparenzanforderungen und arbeitsrechtlichen Schranken bleiben bestehen.<br />
So kann etwa die tarifliche Sperrwirkung des § 77 Abs. 3 BetrVG einer solchen<br />
Regelung entgegenstehen, wenn ein einschlägiger Tarifvertrag Anwendung findet.<br />
Vergütungsmodelle im Versicherungsvertrieb, die stark auf Provisionsvorschüsse<br />
setzen, bergen erhebliche rechtliche Risiken für Arbeitgeber.<br />
Wer im Nachhinein Vergütung zurückfordern will, muss strenge gesetzliche<br />
und richterliche Vorgaben beachten. Transparenz, Nachweispflichten<br />
und die Einhaltung des Mindestlohns sind dabei zentrale Kriterien.<br />
Mitarbeitende sollten entsprechende Rückforderungen unbedingt arbeitsrechtlich<br />
prüfen lassen.<br />
<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport 63
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<strong>07</strong>-<strong>25</strong> | expertenReport
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