Whitepaper Resiliente Gemeinden
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DALILAH PICHLER
WOLFGANG OBERASCHER
RESILIENTE
GEMEINDEN
WHITEPAPER
ANSPRUCHSVOLL
An dieser Stelle möchten die Autorin und der Autor dieses Whitepapers ein großes Dankeschön an die
Teilnehmer*innen der Workshops im Rahmen des KDZ-Kompetenznetzwerks „Resiliente Gemeinden“ aussprechen.
Das Engagement, die Vorträge und die lebhaften Diskussionen haben inspiriert und für unsere Arbeit
wichtige Impulse gegeben. Die Teilnehmer*innen waren:
Mario Abl (Bürgermeister Stadtgemeinde Trofaiach)
Sandra Akranidis-Knotzer (Stadträtin Stadtgemeinde Traiskirchen
und Direktor-Stellvertreterin Wasserleitungsverband der Triestingtal- und Südbahngemeinden)
Karl Aufner (Amtsleiter Stadtgemeinde Mattersburg)
Christian Breuß (Amtsleiter Marktgemeinde Rankweil)
Kriemhild Büchel-Kapeller (Büro für Freiwilliges Engagement und Beteiligung, Amt der Vorarlberger Landesregierung)
Martin Duelli (Abteilungsleiter Strategisches Management Stadt Feldkirch)
Andreas Haitzer (Bürgermeister Marktgemeinde Schwarzach im Pongau)
Markus Hödl (Stadtamtsdirektor Stadtgemeinde Bruck an der Mur)
Petra Holl (Amtsleiterin Marktgemeinde Oberalm)
Oskar Januschke (Abteilungsleiter Standortentwicklung, Wirtschaft und Marketing der Stadtgemeinde Lienz)
Christoph Kirchengast (Geschäftsführer Region Vorderland-Feldkirch)
Johannes Kreinecker (ehem. Amtsleiter Stadtgemeinde Eferding)
Heimo Maieritsch (Stabstelle Magistratsdirektion Stadt Graz)
Andrea Schwaighofer (Büro der Magistratsdirektion Stadt Innsbruck (karenziert))
Alfred Watzinger (ehem. Amtsleiter Gemeinde Engerwitzdorf)
Außerdem wollen wir uns beim gesamten KDZ Team für den internen Austausch und die Inputs bedanken.
Insbesondere bei Klaus Wirth für die Unterstützung mit seiner langjährigen Expertise
sowie der KDZ-Geschäftsführung für die Initiierung dieses Netzwerks.
2
RESILIENTE
GEMEINDEN
INHALT
GEMEINDEN: LEUCHTTÜRME IN DER KRISE 4
1. RESILIENZ – MEHR ALS NUR EIN SCHLAGWORT 7
HERAUSFORDERNDE ENTWICKLUNGEN UND MÖGLICHE KRISEN 8
WAS BEDEUTET RESILIENZ FÜR GEMEINDEN KONKRET? 9
SCHWERPUNKTE AUS DER PRAXIS 11
2. RESILIENZ IN DER ORGANISATION:
DIE GEMEINDEVERWALTUNG 12
STRATEGISCHE VORAUSSCHAU 13
AGILE ORGANISATIONSFORMEN 13
FÜHRUNG UND WERTE 15
PERSONALMANAGEMENT 15
DIGITALE PROZESSE 20
KOMMUNIKATION 20
3. RESILIENZ IN DER ÖRTLICHEN GEMEINSCHAFT:
DAS GEMEINWESEN 22
SOZIALKAPITAL 23
BETEILIGUNG DER ÖFFENTLICHKEIT 25
4. RESILIENZ DURCH KOOPERATION:
DIE REGIONALITÄT 28
5. AUSBLICK 32
Mai 2023
KDZ – Zentrum für Verwaltungsforschung
Guglgasse 13 • 1110 Wien
www.kdz.or.at
3
RESILIENTE
GEMEINDEN
GEMEINDEN
LEUCHTTÜRME
IN DER KRISE
4
RESILIENTE
GEMEINDEN
GEMEINDEN LEUCHTTÜRME IN DER KRISE
Das Reagieren auf multiple Krisen scheint für Gemeinden
in den Dauerzustand überzugehen. Nach herausfordernden
Pandemiejahren, in denen Organisationen und
Prozesse innerhalb kürzester Zeit auf den Kopf gestellt wurden,
folgten Energiekrise und Teuerung. Und nicht zu vergessen:
der allgegenwärtige Klimawandel wird mit jedem
Jahr deutlich spürbarer.
Diese Herausforderungen treffen die gesamte Gesellschaft.
Menschen in einer schwierigen Situation suchen Hilfe über
den kürzesten Weg, und das ist im Ort, in dem sie ihren Lebensmittelpunkt
haben. Somit ist die Gemeinde oftmals
erste und wichtigste Ansprechpartnerin für die Bevölkerung.
Gemeinden sind auch Orte, wo Engagement sichtbar wird.
Es gibt zahlreiche Menschen, die sich mit ihrer lokalen
Gemeinschaft verbunden fühlen und bereit sind, anderen
Hilfe anzubieten. Die Gemeinde wird dadurch eine Drehscheibe
für sämtliche Hilfsleistungen und bildet ein starkes
Rückgrat der Gesellschaft.
WARUM KOMMUNALE RESILIENZ?
Im Kontext von öffentlichen Verwaltungen wird der
Resilienz begriff häufig auf das Katastrophenmanagement
reduziert. Doch Resilienzmanagement sollte nach unserem
Verständnis einen Schritt weiter gehen – es betrachtet nicht
nur die Verwaltung als Organisation, sondern sieht die
Gemeinde als wesentliche Mitgestalterin der Umwelt, der
Gesellschaft und der Wirtschaft.
Am Beginn der Stärkung der kommunalen Resilienz steht
das Bewusstsein der eigenen Vulnerabilitäten, sowohl
innerhalb als auch außerhalb der Gemeindeverwaltung.
Ist man sich der eigenen Schwachstellen bewusst,
folgt die Suche nach geeigneten Maßnahmen zur Vorbereitung,
um negative Auswirkungen einer Krise
abzu mildern. Resilienz zeigt sich dann, wenn in einer
Stress situation die Strukturen robust genug sind, um
die „Schocks“ auf das System zu überstehen und die
Gemeinde gleichzeitig so flexibel ist, um sich rasch an neue
Rahmenbedingungen anzupassen.
Diese Position gilt es zu stärken und resilient für die Zukunft
zu machen.
Im Rückblick hat sich in der Coronakrise 2020 gezeigt, wie
schnell und gleichermaßen flexibel Gemeinden in einer
Ausnahmesituation agieren können. Über die damit losgetretenen
Veränderungsprozesse sollte reflektiert werden,
um diese für die Weiterentwicklung der Gemeinden und
der Regionen zu nutzen und sich für sich anbahnende
und unvohersehbare Herausforderungen zu rüsten. Um die
Krisenfestigkeit zu stärken, müssen den kommunalen
Entscheidungsträger*innen die entsprechenden Werkzeuge
in die Hand gegeben werden.
Ist die Gemeinde unzureichend vorbereitet, braucht es
um einiges mehr an (vor allem personellen) Ressourcen,
um überhaupt auf außerordentliche Ereignisse zu
reagieren.
Zu langsame Entscheidungsketten können zur Ohnmacht
führen und somit Krisen zusätzlich verstärken. Dies hat
das Aufflammen von (Existenz-)Ängsten, Unsicherheiten,
Unzufriedenheit und im schlimmsten Fall Chaos in der
Bevölkerung und Verwaltung zur Folge. In diesen Szenarien
sind es die Personen der kommunalen Politik und Verwaltung,
die am Ende vor der lokalen Öffentlichkeit Rede
und Antwort stehen müssen.
5
RESILIENTE
GEMEINDEN
GEMEINDEN LEUCHTTÜRME IN DER KRISE
Eine Auseinandersetzung mit Stärkung der kommunalen
Resilienz ist daher von großer Bedeutung. Wenn sich die
Menschen in einer Gemeinde in einer Krise vorbereitet
und zuversichtlich fühlen, dass die Herausforderungen
gemeinsam gemeistert werden können, ist bereits vieles
geschafft. Damit steht dem Aufbau einer nachhaltigen,
erfolgreichen Zukunft nichts im Weg.
ZIEL UND AUFBAU DIESES WHITEPAPERS
Dieses Whitepaper dient als Orientierungsrahmen für
kommunale Entscheidungsträger*innen, um Denkanstöße
für die Stärkung der eigenen Resilienz mitzunehmen.
Die nachfolgenden Inhalte fokussieren auf zentrale Hebel
der Resilienzstärkung, die einer Gemeindeverwaltung
und auch einem Gemeindeverband zur Verfügung stehen
und umfasst im Wesentlichen die Dimension der Governance
und Steuerung. Je nach Gemeindegröße werden
unterschiedliche Herangehensweisen erforderlich sein.
Die ausgewählten Themen wurden in mehreren Workshops
mit kommunalen Praktiker*innen im Rahmen des KDZ-
Kompetenznetzwerks „Resiliente Gemeinden“ gesammelt
und aufgearbeitet. Das Netzwerk wurde Ende 2021 ins
Leben gerufen und traf sich in mehreren Workshops.
Das KDZ verfolgte dabei zwei wesentliche Ziele:
1) Allen voran sollen die Mitglieder voneinander lernen.
Engagierte Menschen aus Verwaltung, Politik und
Verbänden von unterschiedlich großen Gemeinden
sollen ins Gespräch kommen, um Ideen und Erfahrungen
auszutauschen.
2) In einem weiteren Schritt sollen durch die gemeinsame
Arbeit andere Gemeinden inspiriert werden, sich über
die eigene Resilienz Gedanken zu machen.
Dieses Whitepaper ist das Ergebnis der vielen Diskussionen
und Beiträge des Netzwerks und ist wie folgt aufgebaut:
Das erste Kapitel behandelt vertiefend die möglichen
Bedrohungen und Herausforderungen, die auf die
Gemeinden zukommen werden. Dies soll eine Hilfestellung
sein, die eigenen Vulnerabilitäten zu erkennen.
Dem Abschnitt folgt eine nähere Beschreibung von
Faktoren, die die Resilienz in einem kommunalen Kontext
stärken.
Die darauf aufbauenden Maßnahmen vorschläge für
Resilienz werden aus drei Blickwinkeln betrachtet.
Die erste Perspektive beleuchtet die organisationale
Widerstandsfähigkeit. Wo sollen Gemeindeverwaltungen
besonders hinschauen, um resiliente Organisationen zu
schaffen? Hier werden Themen wie strategische Vorschau,
Personal, Führung, Kommunikation, agile Organisationsformen
sowie digitale Prozesse behandelt.
Die zweite Sichtweise ist die Betrachtung der Gemeinde
als Gemeinwesen. Hier werden Ideen zur Förderung von
Sozialkapital und Ehrenamt als wesentliche Faktoren
für das Funktionieren und Zusammenleben in lokalen
Gemeinschaften dargestellt. Dazu zählen auch Beteiligungsformate
für die Bevölkerung.
Als dritte Perspektive wird Regionalität und interkommunale
Kooperation als Chance dargestellt, um die zukünftigen
Herausforderungen bewältigen zu können.
In allen Kapiteln finden sich Beispiele von Praktiker*innen
österreichischer Städte und Gemeinden, die als Inspiration
dienen sollen.
6
RESILIENTE
GEMEINDEN
1. RESILIENZ – MEHR ALS NUR EIN SCHLAGWORT
1.
RESILIENZ
MEHR ALS NUR EIN
SCHLAGWORT
„DIE EINZIGE KONSTANTE IM UNIVERSUM IST DIE VERÄNDERUNG.“
Spätestens mit der COVID-Pandemie rückt das Zitat Heraklits Gerade öffentliche Organisationen müssen auch in Krisen
wieder ins Schlaglicht – besonders für Organisationen und ihre Funktionsfähigkeit bewahren, sie sollen in Krisenzeiten
Formen der Zusammenarbeit. Die Idee einer statischen, Leuchtturm und stabilisierendes Element in einem sein.
einmal durchdachten und anschließend für immer funktionierenden
Struktur kann getrost als überholt betrachtet wer-
Natur. Die nachfolgende Liste könnte viel ausführlicher
Die aktuellen Herausforderungen sind jedoch vielfältiger
den. Vielmehr geht es heutzutage darum, die laufende Veränderung
als Teil des Organisationsdaseins zu betrachten. die Gemeinden unmittelbar betreffen.
sein, es wird jedoch ein Fokus auf die Themen gelegt,
7
RESILIENTE
GEMEINDEN
1. RESILIENZ – MEHR ALS NUR EIN SCHLAGWORT
HERAUSFORDERNDE ENTWICKLUNGEN UND MÖGLICHE KRISEN
DEMOGRAFISCHER WANDEL
Ein Blick auf die aktuelle „Bevölkerungspyramide“ in Österreich
1 zeigt die deutliche Ausbuchtung der Baby-Boomer-
Generation (Jahrgänge 1955-69). Nicht nur wird dieser
Teil der Bevölkerung aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden,
es stellt sich außerdem die Frage, wie sich dies auf Fragen
der Auswirkung auf öffentliche Budgets (Pensionen) sowie
steigende Pflegebedarfe in naher Zukunft auswirken wird.
Zudem sind Gemeinden von Zu- oder Abwanderung der
Bevölkerung bzw. von Bevölkerungsschichten unterschiedlich
stark betroffen. Diese Entwicklungen bestimmen die
Erhaltung oder den Ausbau von kommunaler Infrastruktur.
Bevölkerungspyramide Österreich 2023 (Statistik Austria 2022)
GESELLSCHAFTLICHER WANDEL
Globale Megatrends sprechen einerseits von einer stärkeren
Individualisierung der Gesellschaft (im Fokus: Wunsch
nach persönlicher Wahlfreiheit und Selbstverwirklichung).
Andererseits sind Menschen immer besser vernetzt und
entwickeln ein neues „Wir-Gefühl“. Auch die Position der
Frauen in Gesellschaft und Wirtschaft verändert sich. 2
Polarisierung nimmt in der Gesellschaft zu, oft unterstützt
durch lauffeuerartige mediale Verbreitung. Ungleiche Verteilung
von Reichtum, Chancen, Bildung und Beschäftigung
führen zu sozialen Spannungen. Das Zusammenleben und
die Lebensqualität in einer Gemeinde werden davon erheblich
beeinflusst. 3
KLIMAWANDEL
Die ökologischen Risiken werden langfristig die meisten
Herausforderungen übertreffen. Neben direkten Effekten
wie Hitze oder Extremwetterereignissen trifft der Klimawandel
andere vulnerable Regionen der Welt noch härter.
Dies wird sich in Veränderungen der globalen Lieferketten
und Migrationsbewegungen mittelbar auf die lokale Ebene
auswirken.
Gemeinden sind gefordert, sämtliche Klimaschutzund
Klimawandelanpassungsmaßnahmen umzusetzen.
Diese Maßnahmen fallen je nach struktureller Gegebenheit
der Gemeinde unterschiedlich aus und müssen dementsprechend
angepasst werden. 4
DIGITALISIERUNG
Die Art wie und wo wir miteinander arbeiten, kommunizieren
und Dienstleistungen beziehen, ändert sich in einem
sich jedes Jahr potenzierenden Tempo. Dazu kommen die
Unmengen an Daten, die produziert, geteilt und genutzt
werden. Für Gemeinden eröffnen sich viele neue Möglichkeiten
der Erbringung von Leistungen 5 – gleichzeitig steigen
die Cyberbedrohungen, auf die man vorbereitet sein muss.
8
RESILIENTE
GEMEINDEN
1
Statistik Austria (2022). Bevölkerungsprognosen für Österreich.
2
Siehe Megatrends des deutschen Zukunftsinstituts unter www.zukunftsinstitut.de/dossier/megatrends.
3
Siehe Stressszenarien für die Stadtentwicklung in Kötter et al. (2018). Stresstest Stadt.
4
Siehe bspw. www.klimawandelanpassung.at.
5
Siehe Wirth, Krabina & Bareis (2018). Wege zur Digitalen Stadt.
1. RESILIENZ – MEHR ALS NUR EIN SCHLAGWORT
WAS BEDEUTET RESILIENZ
FÜR GEMEINDEN KONKRET?
AKUTE KRISEN
„Erwarte das Unerwartete“ kann eigentlich nur als Grundeinstellung
aufgenommen werden. Akute Krisen werden
immer wieder auftauchen, um dann so schnell wie sie gekommen
sind wieder zu verschwinden oder sich in unser
Leben zu integrieren. Wirtschaftliche Rezession, Pandemie,
Naturkatastrophen, Fluchtbewegungen, Krieg in der europäischen
Nachbarschaft, Energiekrise und Blackout-Gefahr
sind Stichwörter, die an jüngste Krisen erinnern, in denen
Gemeinden rasch handeln mussten und sich an neue
Rahmenbedingungen anpassten.
Vulnerabilitäten können durch eine Risikoanalyse erstmals
klar aufgezeigt werden. Doch Resilienzmanagement geht
weiter. Es bedarf eines achtsamen Umgangs mit Menschen,
Umwelt und Organisationen, damit das „System Gemeinde“
resilient werden kann.
TIPP
Risiken, Trends, Gefahren, Bedrohung,
Szenarien… all diese zu erfassen ist
für jede Gemeinde höchst individuell.
Es gibt einige Quellen, um sich der
systemischen Risiken bewusst zu werden:
• Stresstest Stadt, Deutsches Bundesinstitut
für Bau-, Stadt- und Raumforschung
• Risikobild, Bundesministerium für
Landesverteidigung
• Global Risk Report, World Economic Forum
• Megatrend-Map, Zukunftsinstitut
• Risikomanagement im Katastrophenmanagement,
Bundesministerium für Inneres
Resilienz bedeutet in ihrer Essenz die Fähigkeit und
Kompetenz, mit Krisensituationen umzugehen und
daraus zu wachsen. Dies erfordert vor allem Achtsamkeit
gegenüber sich selbst, den Mitmenschen und der Umwelt,
um überhaupt auf Veränderungen reagieren und Stresssituationen
bewältigen zu können.
Resilienz ist in den unterschiedlichsten Disziplinen und
Kontexten von Bedeutung. Der Ursprung des Begriffs liegt
in der Physik, bei der Materialien nach Belastungen und äußeren
Einflüssen wieder die Ausgangsform annehmen
konnten, und somit als resilient definiert wurden. Doch Resilienz
kann über das Individuum, Beziehungen, Organisationen
und schlussendlich Systemen definiert und analysiert
werden. 6
Bei Systemen und Organisationen sollen die Funktionen
und Strukturen auch im Falle von unerwarteten belastenden
Ereignissen erhalten bleiben, und nicht in sich zusammenbrechen.
Doch diese Strukturen müssen gleichzeitig
flexibel sein, um sich an neue Rahmenbedingungen rasch
anpassen zu können. Durch dieses Wechselspiel entsteht
ein Spannungsfeld, aber auch großes Potenzial Krisen zu
meistern.
Resilienz im kommunalen Kontext zeichnet sich durch zwei
Dimensionen aus. Auf der einen Seite müssen Strukturen
robust sein, um negative Auswirkungen von Ereignissen zu
verhindern oder abzumildern. Dies können auch stabilisierende
Erhaltungsprozesse sein, um in der Akutphase einer
Krise sicher zu navigieren. Auf der anderen Seite ist es
wesentlich, anpassungsfähig gegenüber sich (rasch)
ändernden Rahmenbedingungen zu sein. Es ist nicht
gegeben, dass der „Vor-Krisen-Zustand“ auch nach der
Krise das Optimum ist. Deshalb müssen dynamisierende
Erneuerungsprozesse Raum bekommen, um sich den
neuen Entwicklungen zu stellen. 7
• Risiko- und Krisenkommunikation für Gemeinden,
RFG 1/2021
6
Eine Sammlung sämtlicher Definitionen finden Sie in Hochholdinger & Schantl (2021).
Die resiliente Stadt – State of the art.
7
Siehe Haas et al. (2022). Resilienz in Organisationen; Kötter et al. (2018). Stresstest Stadt.
9
RESILIENTE
GEMEINDEN
1. RESILIENZ – MEHR ALS NUR EIN SCHLAGWORT
Es gibt zahlreiche Eigenschaften, die kommunale
Resilienz definieren können. 8 Der duale Ansatz, der im
Rahmen des deutschen „Stresstest Stadt“ operationalisiert
wurde, schafft es jedoch die meisten zu bündeln.
ROBUSTHEIT in den kommunalen Strukturen wird
durch vier zentrale Kriterien erreicht:
Die ANPASSUNGSFÄHIGKEIT einer Gemeinde
lässt sich an drei wesentlichen Merkmalen erkennen:
REAKTIONSFÄHIGKEIT
Gemeinden haben ein Risikobewusstsein über ihre Vulnerabilitäten
und leisten aktive Präventionsarbeit in Form
von Strategien und Konzepten (z.B. Personalstrategie).
10
RESILIENTE
GEMEINDEN
DIVERSITÄT UND VIELFALT
Monokulturen sind anfälliger für längere Ausfälle, wenn
eine Störung im System auftritt. Beispiele finden sich in
der Landwirtschaft (Anfälligkeit für Schädlinge) bis hin zu
IT-Systemen (Spezialisierung von Hackerangriffen auf
Windows-Betriebssysteme). In Organisationen kann es
die Altersstruktur der Belegschaft sein (Stichwort Pensionswellen),
oder auch die Verteilung von Rollen in Teams
(sind nur Ideenbringer*innen oder auch Umsetzer*innen
im Team?), die in gewissen Ausnahmesituationen die
Handlungs- und Umsetzungsfähigkeit bestimmen.
REDUNDANZ UND RESERVEN
Fallen gewisse Bausteine im System aus, braucht es ein
„Back-up“ und Reserven, die einspringen können. Dies
könnte im technischen Sinne z.B. ein Notstromaggregat
in einer Blackout-Situation oder im organisatorischen
Bereich z.B. Personalvertretungen, z.B. Personalvertretungen
bei Krankenständen, Urlauben oder Karenz sein.
MULTIFUNKTIONALITÄT
Sind Anlagen, Einrichtungen, bis hin zu Personen oder
Teams vielfältig einsetzbar, ist ein System oder eine Organisation
allgemein flexibler. Ein Beispiel im kommunalen
Kontext sind multifunktionale Grünflächen, die verschiedensten
Zwecken wie z.B. als Erholungsraum, Veranstaltungsfläche,
Abkühlung oder zur Wasserversickerung
dienen. Anlagen mit nur einer Funktion laufen Gefahr beim
Entfall des Zwecks eine ungenutzte Ressource zu werden.
ERHOLUNGSFÄHIGKEIT
Gemeinden sind erholungsfähig, wenn sämtliche krisenbedingte
Schäden beseitigt werden können (z.B. nach einer
Naturkatastrophe). Das System lernt und organisiert sich
neu oder anders, um für die nächste Herausforderung
gewappnet zu sein (Errichtung von Schutzbauten oder
Evaluierung und Verbesserung von Notfallplänen).
UMSETZUNGSFÄHIGKEIT
Strategien und Konzepte können umgesetzt werden, weil
die finanziellen und personellen Ressourcen vorhanden
sind und der politische Wille gegeben ist. Zusätzlich ist die
Mitwirkung und die Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft,
Wirtschaft und anderen Behörden gesichert.
INNOVATIONSFÄHIGKEIT
Die Gemeinde ermöglicht ein offenes Innovationsklima, wo
Verwaltung, Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft miteinander
laufend kooperieren und voneinander lernen, um
Herausforderungen gemeinsam zu meistern. Hier ist eine
offene Kommunikations- und Diskurskultur maßgeblich.
ROBUSTHEIT
Strukturen, die negative
Auswirkungen von
Krisen verhindern
• Diversität und Vielfalt
• Redundanz und Reserven
• Multifunktionalität
• Erholungsfähigkeit
Um adäquat reagieren zu können, muss die Dualität
zwischen Robustheit/Stabilität und Anpassungsfähigkeit/
Dynamik balanciert werden. Für Personen und Organisationen
ist es daher notwendig, achtsam gegenüber Mitmenschen
und Umwelt zu sein. In diesem Spannungsfeld
ist auch Agilität und Flexibilität gefragt, um in der Ausnahmesituation
beide Dimensionen einzubeziehen.
8
Laut OECD sind resiliente Städte adaptiv, robust, redundant, flexibel, ideenreich und inklusiv. Im City Resilience Framework des Resilient Cities Network sind
resiliente Stadtsysteme durch 7 zentrale Eigenschaften charakterisiert: reflektierend, reich an Ideen, inklusiv, integrierend, robust, redundant und flexibel.
ANPASSUNGS-
FÄHIGKEIT
Fähigkeiten und
Strategien zur Anpassung
an neue Rahmenbedingungen
• Reaktionsfähigkeit
• Umsetzungsfähigkeit
• Innovationsfähigkeit
1. RESILIENZ – MEHR ALS NUR EIN SCHLAGWORT
SCHWERPUNKTE AUS DER PRAXIS
Was braucht es also, damit Gemeinden zukünftig für allfällige
Krisen gut gerüstet sind?
Im ersten Workshop des KDZ-Kompetenznetzwerks wurde
über Krisenerfahrungen reflektiert und mit Blick in die
Zukunft die wichtigsten Stellschrauben zur Verbesserung
der kommunalen Resilienz herausgearbeitet. Die zentralen
Wirkungshebel laut den Praktiker*innen sind:
• Neben dem Streben der letzten Jahrzehnte nach Effizienz
in der Verwaltung sollten bei Veränderungsprozessen
auch die Fragen der Effektivität und Wirkung des Verwaltungshandelns
mehr im Mittelpunkt stehen. Nach dem
Motto: „Neben ‚die Dinge richtig tun‘ muss auch bedacht
werden, ‚die richtigen Dinge zu tun‘.“
• Sozialkapital ist ein bedeutender Hebel für die Resilienz
einer Gemeinde – seien es Ehrenamt, Gemeindepersonal
oder Vereine. Diese sozialen und gemeinschaftlichen
Strukturen müssen gesichert und gefördert werden.
Ohne diese Stützen ist die Bewältigung von Krisen eine
zusätzliche Herausforderung für Gemeindeverwaltungen.
• Qualifiziertes Personal muss für die Verwaltung gewonnen
werden. Die Selbstbefähigung von Personal
(Übertragung von Eigenverantwortung und Entscheidungskompetenzen)
ist ein Schlüsselfaktor. Dies verlangt
auch einen gewissen Bruch mit bisherigen Denkmustern
in der traditionellen Verwaltungskultur. Es muss ein
„Investment in die Menschen“ vorgenommen werden.
Besonders außerhalb von Krisenzeiten müssen Maßnahmen
gesetzt werden, während der Krise ist es zu spät.
• Die Selbstverantwortung der Gesellschaft muss gestärkt
werden. Hier liegt es an der richtigen Kommunikationsstrategie,
um alle Schichten adäquat zu erreichen.
• In der Verwaltungskultur muss Mut belohnt werden,
auch über den Aufbau einer von allen akzeptierten
Fehlerkultur.
• Risikomanagement und Governance/Steuerung hören
nicht bei den Gemeindegrenzen auf. Ein regional-räumliches
Denken muss etabliert und Kooperationen mit
öffentlichen, zivilen und wirtschaftlichen Akteur*innen
gezielt gefördert werden.
Diese Themen werden in den Folgekapiteln vertiefend
dargestellt und konkrete Maßnahmen aufgezeigt. Dabei
wurden für die Gliederung einerseits die Möglichkeiten
innerhalb der Organisation zusammengefasst (Wirkung,
Personal, Führungskompetenz, Eigenverantwortung der
Mitarbeiter*innen) und andererseits die Gemeinde als
Gemeinschaft (Sozialkapital, Beteiligung der Bevölkerung)
und regionaler Raum (regionales Handeln und Kooperation)
betrachtet.
Die Darstellung der zwei Resilienzdimensionen Robustheit
und Anpassungsfähigkeit dient als Richtschnur, die
folgenden beschriebenen Maßnahmen einzuordnen.
• Personen in Führungspositionen müssen die erforderlichen
Führungskompetenzen aufweisen und dezidiert die
mit der Funktion verbundenen Führungsaufgaben wahrnehmen,
anstatt primär operative Aufgaben auszuführen.
Führungskräfte sollen ihren Mitarbeiter*innen vertrauen
und ihnen den Rücken stärken, um so Selbstbefähigung
zu fördern. Das mittlere Management nimmt eine zentrale
Rolle ein, wenn es um Überzeugungsarbeit und Motivation
der Belegschaft geht („informelle Führungspersönlichkeiten“
in der Belegschaft identifizieren).
11
RESILIENTE
GEMEINDEN
2.
RESILIENZ IN DER
ORGANISATION:
DIE GEMEINDE-
VERWALTUNG
12
RESILIENTE
GEMEINDEN
Die Art der Zusammenarbeit in Organisationen ist im
Wandel. Doch dem Anspruch zeitgemäßer Organisationsstrukturen
stehen häufig historische Hierarchiemodelle in
der Praxis gegenüber. Während sich in Ausnahmesituationen
gewisse hierarchische Strukturen bewähren (z.B. Krisenstab),
ist für die operative Arbeit in Gemeinden ein Umdenken
der Organisationskultur notwendig, um in erster Linie
engagierte und kompetente Mitarbeiter*innen zu halten
und zu gewinnen sowie Grundlagen und Raum für mutige
Entscheidungen zu schaffen.
Die Liste an Ideen und Maßnahmen würde diese Publikation
sprengen. Der Fokus soll daher auf folgende Punkte gelegt
werden:
• Strategische Vorausschau
• Agile Organisationsformen
• Führung und Werte
• Personalmanagement
• Digitale Prozesse
• Kommunikation
2. RESILIENZ IN DER ORGANISATION:DIE GEMEINDEVERWALTUNG
STRATEGISCHE VORAUSSCHAU
Um Strategien für die Anpassung an neue Rahmenbedingungen
zu entwickeln, müssen Entscheider*innen die erforderlichen
Informationen erhalten. Dies bedeutet, dass
Themen der Compliance und des Risikomanagements
möglichst weitreichend in Standardprozesse integriert
werden (z.B. durch interne Kontrollsysteme). Handlungsakzente
an Mitarbeiter*innen werden erst gesetzt, wenn ein
Kontrollmechanismus anschlägt. Gleiches gilt für eine automatisierte,
unterjährige Haushaltsüberwachung, welche
die Grundlage für finanzwirksame Entscheidungen liefert.
Ein entsprechendes Controlling liefert zu definierten
Berichtszyklen die passenden Steuerungsberichte an
Entscheider*innen.
Vorab erstellte Krisenpläne helfen dabei, im Ausnahmefall
nicht erst eine Struktur finden zu müssen und die Modalitäten
des Handelns zu definieren. Neben der technischen
Infrastruktur muss auch die Organisation auf einen Ernstfall
vorbereitet sein – Probeläufe haben sich hier als taugliches
Mittel erwiesen (wie z.B. Blackout-Übungen).
Auch zum Umgang mit organisatorischen Regeln in Stresssituation
(z.B. Mehrzeiten) sollte ein gemeinsames Verständnis
geschaffen werden – sowohl von Seiten der Gemeindeverwaltung,
als auch seitens der Mitarbeiter*innen.
Man muss sich aufeinander verlassen können. Unnötige Regelungsfluten
sollten vorab reduziert und auf ein wesentliches
und überschaubares Maß beschränkt werden. Am
Ende zeigt sich die Handlungsfähigkeit einer Organisation
in der Bereitschaft der Mitarbeiter*innen im Ausnahmefall
und auch außerhalb ihres regelmäßigen Arbeitsfeldes
die erforderlichen Schritte mitzugehen, zu gestalten und
proaktiv zu entwickeln.
AGILE ORGANISATIONSFORMEN
Im Rahmen von Transformationsprozessen gilt es zu
berücksichtigen, dass solche nicht von heute auf morgen
erfolgen können. Am Beginn steht ein umfassendes Umdenken
in der Organisationskultur. Das Etablieren von Werten,
informellen Normen, Regeln und Verhaltensweisen erfordert
ein Vorleben ebendieser, allen voran durch die
Führungskräfte und informelle Schlüsselpersonen. Ebenso
das Zulassen von Freiräumen für Experimente und innovatives
Handeln, sodass mittelfristig eine Kulturänderung
der Organisation erreicht wird. Führungskräfte, aber auch
Mitarbeiter*innen sind dabei gleichermaßen gefordert über
den „Tellerrand des bisherigen“ zu denken.
Auch wenn in Managementhandbüchern Agilität in aller
Munde ist, sind umfassende Beispiele einer organisationsweiten
Implementierung selten, aber nicht abwesend (ein
Beispiel ist der Bauhof Herrenberg in Deutschland mit
selbst-organisierenden Teams). Dabei zeigen sich interessante
Aspekte, die auch in einer Verwaltung möglich sind,
z.B. Teamentscheidung bei Personalaufnahmen.
In der Praxis bewähren sich bereits teil-agile Strukturen, die
sich außerhalb der formalen Rahmenorganisation für eine
beschränkte Zeitspanne etablieren. Diese sind zumeist interdisziplinär
besetzt und durchbrechen bestehende Hierarchievorstellungen
(so kann z.B. eine Abteilungsleiterin in
einem Projektteam „nur“ eine Expertinnenrolle einnehmen,
während ein Referent die Teamleitung innehat).
Potentiale für österreichische Gemeinden werden vor allem
außerhalb der hoheitlichen Tätigkeit gesehen. Wobei die
Möglichkeit besteht, nach erfolgreichen Pilotprojekten
auch in hoheitlichen Aufgabenfeldern agile Strukturen zu
etablieren. Neben den klassischen Aufgabenfeldern bewähren
sich derartige Strukturen bereits mehrfach im Bereich
des Projektmanagements. Auch in Bau- und Wirtschaftshöfen
wurden erfolgreich sogenannte „Baustellenverantwortliche“
eingesetzt, die eine temporäre Führungsrolle (inkl.
der damit verbundenen Rechte und Pflichten) übernehmen
und Ergebnisverantwortung tragen.
Solche Modelle erlauben es, schneller auf Veränderungen
zu reagieren und helfen auch das Verständnis von Führungsentscheidungen
zu verbessern.
13
RESILIENTE
GEMEINDEN
2. RESILIENZ IN DER ORGANISATION:DIE GEMEINDEVERWALTUNG
STADT GRAZ
BLACKOUT: WAS, WENN’S WIRKLICH
FINSTER WIRD
Ein Blackout ist ein großflächiger, ungeplanter
bzw. unkontrollierter, länger andauernder Stromausfall
und ein Szenario, auf das sich Unternehmen,
aber auch Städte und Gemeinden aufgrund
der umfang reichen Auswirkungen vorzubereiten
haben. Expert*innen schätzen die Eintrittswahrscheinlichkeit
eines Blackouts in Österreich als
sehr gering ein. Trotzdem setzt sich die Stadt Graz
intensiv mit diesem Szenario auseinander, um im
Ernstfall darauf vorbereitet zu sein.
Jede Stabsfunktion ist laut staatlichem Krisenund
Katastrophenschutzmanagement personell
abge sichert besetzt. Insgesamt sind zusätzlich
zum Personal, inklusive Reserve für den systemkritischen
Einsatz, wie z.B. im Wasserwerk, ca. 300
städtische Mitarbeiter*innen für einen Notfall Personal-Pool
rekrutiert. Diese sind flexibel in unterschiedlichen
Einsatzbereichen, von der Meldesammelstelle
bis zur Fahrradstaffel, mehrfach
redundant für eine robuste Organisation im Notfall
eingeplant.
Der Einsatz ist genau vorbereitet und anpassungsfähig
bei unerwarteten und überraschenden Ereignissen.
Die Kommunikation mit diesen
Mitarbeiter*innen erfolgte vorab in Informationsveranstaltungen
und mittels eigener Folder. Kooperationen
mit internen, städtischen Beteiligungen
und Eigenbetrieben wie dem GPS, dem Grazer
Parkraum- und Sicherheitsservice, verstärken die
Einsatzkraft. Diese Mitarbeiter*innen sorgen im
Fall eines Blackouts mit ihrem robust ausgestatteten
Funknetz (Stütz akkumulatoren, externe
Stromeinspeisemöglichkeit) auch für die Kommunikation
zwischen Einsatzzentrale und Leuchttürmen.
Die Katholische Kirche Steiermark und die
evangelische Kreuzkirche mit ihren ehrenamtlichen
Helfer*innen sind weitere Kooperationspartnerinnen
zur Sicherung der Kriseninfrastruktur.
DIE INFRASTRUKTUR DER STADT GRAZ
FÜR DEN KRISENFALL
Das Vier-Säulen-Modell:
Um für die verschiedenen Krisenszenarien bestmöglich
gerüstet zu sein, fußt die Kommunikation
für die Bürger*innen auf vier Säulen: Einsatzzentrale,
Leuchttürme, Infopunkte und der Mobile Notruf.
Diese vier Säulen versorgen die Bevölkerung
mit allen notwendigen Informationen und bieten
den Menschen zudem die Möglichkeit, Notrufe abzusetzen.
Darum müssen die vier Säulen auch im
Fall eines Blackouts aufrechterhalten werden.
14
RESILIENTE
GEMEINDEN
Gilbert Sandner
Leitung Sicherheitsmanagement u. Bevölkerungsschutz
Behördlicher Führungsstab der Stadt Graz | Leiter Stabsarbeit
gilbert.sandner@stadt.graz.at · sicherheit.graz.at · graz.at
2. RESILIENZ IN DER ORGANISATION:DIE GEMEINDEVERWALTUNG
FÜHRUNG UND WERTE
Gute Führungsarbeit war schon immer ein kritischer Erfolgsfaktor
für Organisationen. Mit Blick auf die Umsetzung
neuer Arbeitsformen (Stichwort New Work) und den veränderten
Anforderungen der Arbeitskräfte steigt der Bedarf
noch weiter. Dabei wird Führungsarbeit in Hinkunft mehr
noch als in der Vergangenheit Beziehungs- und Kulturarbeit
leisten müssen. Führungskräfte sollten Vorbilder bei
New Work, der Digitalisierung und beim Kulturwandel sein.
Dabei ist auch ein gemeinsames Werteverständnis zentral.
Transparenz und Offenheit bei Prozessen und Entscheidungen
gegenüber Mitarbeiter*innen und Bevölkerung
können die Akzeptanz und Zusammenarbeit fördern.
Dabei müssen in der Organisation selbst neue Freiheiten im
Führungsverständnis zugelassen werden. Die Top-Down
Einführung agiler Strukturen bedeutet nicht, dass diese
Strukturen auch zum Selbstläufer werden. Die verstärkte
Autonomie in Teams oder Abteilungen bedeutet ein fachliches
Zurücknehmen der traditionellen Führungskraft, höhere
Fehlertoleranz sowie das Bereitstellen von Hilfe bei
Bedarf. Die Regeln der Autonomie müssen klar kommuniziert
und gewahrt werden.
(Teil-)Agile Strukturen bedeuten deshalb ein ebenso
starkes Commitment der betroffenen Mitarbeiter*innen
(man könnte ja weiterhin „Dienst-nach-Vorschrift“ machen;
spezielle verwaltungsrechtliche Rahmen für flexible
Strukturen sind derzeit noch nicht etabliert). Sie gewinnen
an Auto nomie über die Arbeitsmodalitäten (z.B. durch
freie Einteilung von Arbeitszeit im Rahmen der rechtlichen
Möglichkeiten, Homeoffice-Tage u.ä.) und gestalten
Ergebnisse in stärkerer Eigenverantwortung mit,
müssen jedoch auch die Verantwortung für die Ergebnisse
übernehmen.
PERSONALMANAGEMENT
Nachhaltiges und vorausschauendes Personalmanagement
ist eine wesentliche Grundlage für eine widerstandsfähige
und belastbare Organisation. Dabei stehen Gemeinden vor
einigen Herausforderungen, wie etwa der Pensionierungswelle,
den veränderten Anforderungen neuer Arbeitnehmer*innen
an den Beruf sowie einschränkende rechtliche
Rahmenbedingungen. Hier können Gemeinden in
unterschiedlichen Bereichen des Personalmanagements
Akzente setzen, um sich auf diese Entwicklungen vorzubereiten.
9
PERSONALPLANUNG
Für eine resiliente Organisation ist eine vorausschauende
Personalplanung unabdingbar. Ausgangspunkt hierfür sind
die bestehende Altersstruktur sowie die zukünftigen
Personalbedarfe als Folge von politischen Entscheidungen.
Um auch bei kurzfristigen Personalbedarfen handlungsfähig
zu sein, können gemeinsame Personalpools (mit anderen
Gemeinden) hilfreich sein, wie mancherorts bereits
mit Springer*innensystemen in Kindergärten praktiziert
wird. Solche kooperativen Lösungen könnten in vielen
Bereichen genutzt werden, indem Gemeinden durch
interkommunale Zusammenarbeit gemeinsam Aufgaben
organisieren (bspw. mittels Mehrzweckverband).
ARBEITSBEDINGUNGEN
Zu positiven Arbeitsbedingungen zählen eine sinnstiftende
Arbeit sowie digitalisierte bzw. hybride Arbeitsweisen
(Homeoffice). Flexible Arbeitszeitmodelle auf Teilzeitbasis
werden immer stärker nachgefragt.
Dafür ist eine Flexibilisierung des Dienstrechts notwendig.
Gemeinden sollten die Möglichkeit haben Stundenreduktionen
zu vereinbaren bzw. Gleitzeit- und Home -
office-Regelungen einzuführen. Die Vereinbarungen mit
Mitarbeiter*innen(-gruppen) werden immer individueller.
Gleichzeitig ist zu empfehlen, das Leistungsportfolio aktiv
zu durchleuchten. Beispiel: welche Aufgaben sind in Bezug
zu Parteienverkehr nicht mehr für einen gewissen Standard
notwendig (Aufgabenkritik).
9
Impulse aus dem Vortrag von. Klaus Wirth im Rahmen des KDZ-Kompetenznetzwerks am 8.9.2022, auf Basis Wirth (2018). Generationensensibles Personalmanagement.
15
RESILIENTE
GEMEINDEN
2. RESILIENZ IN DER ORGANISATION:DIE GEMEINDEVERWALTUNG
STADT FELDKIRCH
RESILIENZ IN DER FÜHRUNG:
FÜHRUNGSTANDEMS!
Der Bauhof der Stadt Feldkirch (36.000
Einwohner*innen) beschäftigt 130 Mitarbeitende
und wird seit 1,5 Jahren von Ing. Bernhard Kircher
und Martin Bolter in einem Führungstandem geleitet.
Die Aufgaben-palette des Bauhofes umfasst
die Infrastruktur-wartung und Pflege, Straßeninstandhaltung
und Winterdienst, Hochbauinstandhaltung,
Müllabfuhr, Wertstoffsammlung für die
Region, Gebäude reinigung, Kanalinstandhaltung
und Risiko management. Im Interview berichten
die beiden Führungskräfte über ihre bisherigen
Erfahrungen.
Gibt es eine Aufgabenverteilung in
eurem Führungstandem?
Wir haben eine schriftliche Aufgabenverteilung
in Form einer Aufgaben- Kompetenz-, Vertretungs
matrix. Parallel entscheiden wir
situativ, wer welche Aufgabe übernimmt.
Personalmanagementaufgaben liegen aktuell
bei Bernhard Kircher, weil er über viele Jahre
Erfahrung verfügt. Die Vertretung in verschiedenen
Besprechungen z.B. im Rathaus oder mit
Partnerunternehmen und das Beschwerdemanagement
übernimmt Martin Bolter.
Wie koordiniert ihr euch?
Wir haben unsere Arbeitsplätze direkt nebeneinander
und in unmittelbarer Nähe sind auch die
Leiter der Teams im Bauhof. Am Montag findet immer
ein Abstimmungsgespräch statt, in welchem
die Rollenaufteilung für die Woche erfolgt.
Was sind die Vorteile des Führungstandems?
Unser Führungstandem wurde nach der Pensionierung
des Bauhofleiters intern rekrutiert, wodurch
wir eine Personaleinsparung erzielen konnten.
Wir haben eine neue Kommunikation zu den
Leitern der einzelnen Teams eingerichtet. Der
schnelle gegenseitige Austausch, die zweite Meinung
zu einer Problemstellung, die gegenseitige
Unterstützung, die Vertretung und die gegenseitige
Reflexionsmöglichkeit sind wesentliche Vorteile
eines Tandems.
Was sind die Nachteile eines Tandems?
Uns sind bisher keine Nachteile bekannt. Die Gehaltsverhandlung
für 2 Führungskräfte war zu Beginn
eine kleine Herausforderung. Ein Aufwand für
die gegenseitige Abstimmung ist vorhanden. Eine
abgestimmte Fehlerkultur ist notwendig.
Würdet ihr ein Tandem anderen Bauhöfen
empfehlen?
Ja, wir würden ein Tandem empfehlen, wenn der
Bauhof eine bestimmte Größe hat. Steht ein Führungswechsel
an und ist ein Talentmanagement
vorhanden, dann sind das gute Bedingungen, ein
Tandem zu entwickeln.
Die Stadt Feldkirch hat in den Bereichen Personalmanagement,
Umwelt – Energie – Klimaschutz
und Stadtplanung weitere Führungstandems
etabliert.
16
RESILIENTE
GEMEINDEN
Martin Duelli
Strategisches Management der Stadt Feldkirch
martin.duelli@feldkirch.at
STADT FELDKIRCH
2. RESILIENZ IN DER ORGANISATION:DIE GEMEINDEVERWALTUNG
Trotz der Schaffung von attraktiven Arbeitsbedingungen
sind die klassischen Bediensteten, die Jahrzehnte in der
Verwaltung bleiben, eher selten und entsprechen nicht
mehr dem Zeitgeist. Die Akzeptanz, dass kompetente
Mitarbeiter*innen nur für kurze Zeit (2 bis 5 Jahre) bzw.
in einer bestimmten Lebensphase bleiben, muss erhöht
werden. Ein Wissensmanagementsystem muss daher
etabliert werden, um wertvolles Know-how für die
Gemeinden zu sichern.
PERSONALENTWICKLUNG
Angesichts der aktuellen Arbeitsmarktsituation ist ein in
der Vergangenheit oftmals erkennbares Verbrauchsdenken
(„wenn wir neue Beschäftigte brauchen, holen wir sie uns
einfach wieder am Markt“) nicht länger tragfähig. Die nachhaltige
Personalentwicklung gewinnt daher noch mehr an
Bedeutung. Konkret heißt das vermehrt in die Ausbildung
(v.a. Lehrlinge) und auch in die verstärkte Weiterbildung
des bestehenden Personals (insbesondere Expert-Level
und Führungskräfte) zu investieren.
Das bedeutet einerseits generell mehr Geld in die Hand zu
nehmen als bisher; es bedeutet aber auch neue und unkonventionelle
Ideen zu verfolgen. Andere Möglichkeiten sind
Ausbildungskooperationen mit Bildungsinstitutionen
(z.B. Lehrgang für „Young Professionals for Good Governance“)
oder bedarfsorientiertes Coaching für
Mitarbeiter*innen.
PERSONALGEWINNUNG
Für Nachwuchskräfte sind Sinn, Werte und die spezifische
Zweckbestimmung („Purpose“) einer Organisation immer
wichtigere Faktoren für die Karriereentscheidung. Hier haben
Gemeinden den Vorteil, dass sie zentrale Aufgaben der
Daseinsvorsorge für die Menschen vor Ort erfüllen und dem
Gemeinwohl dienen. Diese sinnstiftende Arbeit sollte im
Rahmen eines professionellen Employer Brandings in den
Vordergrund gestellt werden.
Dabei hilft es, sich als Marke am Arbeitsmarkt zu positionieren.
Es gibt jedoch regionale Unterschiede (liegt die Gemeinde
in einem Industrie-, Tourismus- oder ländlichen
Gebiet?), die im Branding berücksichtigt werden müssen,
um eine bestimmte Zielgruppe anzusprechen. Dafür sind
die derzeitigen rechtlichen Rahmenbedingungen der Bundesländer
sehr einschränkend.
Ein zweiter Ansatzpunkt betrifft die konsequente Professionalisierung
des Recruitings. Das beginnt bei kreativeren
Ausschreibungen und Werbekampagnen (z.B. regionale
Ausschreibungen, Entwicklung einer kommunalen Jobbörse).
Aber es betrifft auch die Rekrutierungsabläufe.
Hier überzeugen vor allem Organisationen, die schlanke,
schnelle und digitale Prozesse anwenden.
Im Anschluss an ein professionelles Recruiting benötigen
Gemeinden ein ebenso professionelles Onboarding für
neue Kolleg*innen, um diese nicht vorschnell wieder zu
verlieren, wenn sie mit dem Eingliederungsprozess in die
neue Organisation unzufrieden sind.
17
RESILIENTE
GEMEINDEN
2. RESILIENZ IN DER ORGANISATION:DIE GEMEINDEVERWALTUNG
MARKTGEMEINDE SCHWARZACH IM PONGAU
NEUE ARBEITSZEITMODELLE –
MEHR FREIZEIT – BESSERE LEISTUNG –
ZUFRIEDENE MITARBEITER*INNEN
Die Ausgangssituation
Die kleine Marktgemeinde Schwarzach im Pongau
hat rund 3.500 Einwohner*innen und arbeitete im
Gemeindeamt mit klassischen Arbeitszeiten von
Montag bis Freitag. Es gab flexible Arbeitszeiten
von Montag bis Donnerstag, 07:00 Uhr bis 18:00
Uhr und am Freitag von 07:00 Uhr bis 12:00 Uhr.
Insgesamt standen den Bürger*innen 28 Stunden
im Parteienverkehr zur Verfügung (Montag bis
Freitag am Vormittag, Montag und Donnerstag
auch am Nachmittag).
Die Idee
Der Fonds Gesundes Österreich bearbeitet in
seiner Seminarreihe für Führungskräfte in
Gemeinden (Bürgermeister*innen, Amtsleitung,
Abteilungsleitung) das Thema Gesundheit als
zentralen Inhalt. Die Belastungen auf unterschiedlichen
Ebenen mit extrem hohen Anforderungen
in weiten Wissensgebieten bringen die Mitarbeiter*innen
immer wieder an die Belastungsgrenzen.
Eine hohe Ausfallquote und „schlechte
Karten“ bei Stellenausschreibungen sind die
Folge.
In den Seminaren wurden Beispiele von verkürzten
Arbeitszeitmodellen bis hin zur 4-Tage-Woche
vorgestellt und die Auswirkungen dieser Veränderungen
präsentiert. Diese Modelle haben wir als
Anregung zur Diskussion in unserer Gemeinde
mitgenommen.
Die Umsetzung
Die Idee einer 4-Tage-Woche wurde zwischen
Amtsleiter und Bürgermeister in einigen Besprechungen
erörtert. Nach der grundsätzlichen Entscheidung
ein Arbeitszeitmodell mit 4 Arbeitstagen
(ohne Arbeitszeitverkürzung) von Montag bis
Donnerstag im Probebetrieb laufen zu lassen,
wurden die 9 Mitarbeiter*innen in der Verwaltung
und die Reinigungskraft informiert und auch in
die Entscheidung dieser Maßnahme miteingebunden.
Die Idee wurde von den Mitarbeiter*innen als
sehr positiv gesehen und damit stand einer Umsetzung
nichts mehr im Wege.
Begleitend zur Änderung der Arbeitszeit in eine
4-Tage-Woche wurden auch die Öffnungszeiten
im Parteienverkehr erweitert, sodass die Bevölkerung
auch an den Tagesrandzeiten die
Dienstleistungen der Gemeinde in Anspruch
nehmen können.
Der Rückblick
Nach einem Jahr haben wir in der Gemeinde
in Zusammenarbeit mit unseren Kolleg*innen
das neue Arbeitszeitmodel besprochen und
die Zufriedenheit abgefragt bzw. hinterfragt.
Einhellig war die Rückmeldung, dass ALLE mit
der 4-Tage-Woche sehr zufrieden sind und eine
Änderung auf eine 5-Tage-Woche unmöglich ist
und die Attraktivität des Arbeitsplatzes massiv
ein schränken würde.
18
RESILIENTE
GEMEINDEN
Andreas Haitzer
Bürgermeister Schwarzach im Pongau
haitzer@gde-schwarzach.at
2. RESILIENZ IN DER ORGANISATION:DIE GEMEINDEVERWALTUNG
STADTGEMEINDE BRUCK AN DER MUR
DIE STADTGEMEINDE GEHT NEUE WEGE
BEI DER PERSONALSUCHE
Seit mehr als einem Jahr wird intensiv an der „Strategi-
Im Jänner 2023 ging das neue Karriereportal online, wo
schen Personalentwicklung“ gearbeitet. Ziel ist es, die be-
man u.a. die Benefits herausgearbeitet hat und auf einen
stehenden Mitarbeiter*innen zu fördern, die persönliche
Klick alle offenen Stellen der Stadtgemeinde zu finden
Zufriedenheit zu steigern und dadurch auch bei der Perso-
sind. Unter www.bruckmur.at/karriere finden Interessier-
nalsuche einen Wettbewerbsvorteil im stark umkämpften
te aktuelle Stellenangebote, Benefits und die Möglichkeit
Arbeitskräftemarkt zu haben.
zur Bewerbung bzw. Initiativbewerbung.
Mit dem Veranstaltungsformat „Lange Nacht im Rathaus“
Onboarding-Prozess
im Oktober 2022 wurde die Stadtgemeinde als attraktive
Zum Konzept der „Personalsuche neu“ gehört auch ein
Arbeitgeberin präsentiert. Es drehte sich vor allem um die
völlig überarbeiteter Onboarding-Prozess, der völlig
Beantwortung und Präsentation der Fragen: „Was leistet
neu gedacht und überarbeitet wurde. Eine Onboarding-
die Stadt Bruck an der Mur? Welche Aufgaben erfüllen die
Checkliste sowie Mitarbeiter*innenmappe sind gerade
rd. 230 Beschäftigten im Dienste der Bevölkerung?“
in Ausarbeitung.
Außerdem wurde die MItarbeiter*innensuche bereits
Außerdem wurden auch für bestehende Mitarbeiter*innen
im Jahr 2022 stetig auf neue Beine gestellt. Die Stellen-
die Arbeitszeiten flexibler gestaltet und die Möglichkeit
ausschreibungen wurden neu überarbeitet und textlich,
zum Homeoffice sukzessive ausgebaut. Die Option auf
als auch grafisch attraktiviert. Auch die Kanäle, auf denen
eine „4-Tage-Woche“, zusätzliche freie Tage und Karriere-
die Ausschreibungen an die Öffentlichkeit gelangen,
und Aufstiegschancen runden das Portfolio ab.
wurden erweitert (z.B. über Facebook und Portale für
Arbeitssuchende).
Werben mit bestehenden Mitarbeiter*innen:
Die Stadt Bruck sucht dich!
Die Stadtgemeinde als innovative Organisation
Die Attraktivität eines Arbeitgebers wird am authentischs-
Insbesondere der demografische Wandel wird kurz-
ten über die bestehenden Mitar beiter*innen transportiert.
und mittelfristig enorme Änderungen beim Personal mit
Über eine neue Imagekampagne der Stabstelle Strategi-
sich bringen. Im Bereich der öffentlichen Verwaltung in
sche Kommu nikation & PR wird die Stadtgemeinde als
Österreich werden in den nächsten 10 bis 15 Jahren rd.
attraktive Arbeitgeberin noch stärker öffentlich wahrge-
48 Prozent der Bediensteten in
nommen.
Pension gehen. Auch die Stadtverwaltung
muss sich intensiv
Neben Bild und Textbotschaften produzierte man erst-
mit diesen Entwicklungen aus-
mals auch Videos für die Bewerbung in Social Media,
einandersetzen. Beispielhaft sei
Fernsehen und Kino. Die Videos wurden auf Facebook und
hier der Bereich Gebäudereini-
HiWay geschalten. Die Stellenausschreibungen wurden in
gung genannt: rd. 60 Prozent
allen regionalen Medien inseriert und auf den Videowalls
aller Bediensteten gehen in den
geschalten.
nächsten fünf bis zehn Jahren in
Pension.
Lehrlingsoffensive: Investitionen in die Jugend sind
Investitionen in die Zukunft
Neben der Tatsache, dass sich
Um für die Stadtgemeinde Bruck auch zukünftig den Fach-
gerade der öffentliche Dienst
kräftebedarf zu sichern und jungen Menschen aus der Re-
als langfristiger Arbeitgeber
gion eine hochwertige Ausbildung zu ermöglichen, wird
eignet, wirbt die Stadtgemeinde
2023 eine Lehrlingsoffensive gestartet. Die Präsentation
Bruck ganz offensiv mit gutem
auf Lehrlingsmessen wird ebenfalls ins Auge gefasst.
Betriebsklima und zahlreichen
Benefits für Bewerber*innen.
Unter dem Motto „Die Stadt Bruck sucht dich!“ wurde von
STADT BRUCK/PALLER
der Stabstelle Strategische Kommunikation und PR eine
völlig neue Werbelinie entwickelt.
Markus Hödl
Stadtamtsdirektor Bruck an der Mur
markus.hoedl@bruckmur.at
19
RESILIENTE
GEMEINDEN
2. RESILIENZ IN DER ORGANISATION:DIE GEMEINDEVERWALTUNG
DIGITALE PROZESSE
Digitalisierung schafft Resilienz. Während der COVID-Pandemie
hat sich gezeigt, dass ein erhöhter Digitalisierungsgrad
die Flexibilität von Organisationen positiv unterstützt.
Auf kommunaler Ebene umfasst das bspw. folgende
Systeme:
• Eine elektronische Aktenbearbeitung ermöglicht
ein ortsungebundenes Arbeiten, standardisiert Abläufe
und unterstützt damit auch die Anforderungen der neuen
Arbeitswelt.
• Ein Digitaler Post- und Rechnungslauf ermöglicht
schnellere Reaktionszeiten und transparente Dokumentenläufe
– „Aktensuchen“ ist damit Geschichte.
• Ein modernes Wissensmanagement hilft, die immer
komplexeren Wirklichkeiten zu managen und eine für alle
einsehbare und nutzbare „Organisationsenzyklopädie“
zu schaffen.
In Summe kann mit diesen Anwendungen – die idealerweise
möglichst ineinander integriert sind (Schnittstellenkompatibilität)
– ein signifikanter Beitrag geleistet werden,
agile (Teil-)Strukturen in der täglichen Arbeit zu unterstützen
und überhaupt erst zu ermöglichen. Denn: wird
eine strukturell innovative Organisation konzipiert, die
Abläufe jedoch den Arbeitsweisen des 20. Jahrhunderts
entsprechen, kann das volle Potential gar nicht erreicht
werden.
KOMMUNIKATION
Gemeinden sind ständig kommunizierende Organisationen.
Sie brauchen in Zeiten von Social Media und digitaler
(Echtzeit-)Vernetzung eine professionelle Kommunikation,
um die Zielgruppen mit den eigenen Botschaften nachhaltig
zu erreichen. Dabei ist es wichtig, nicht nur für die Kommunikation
nach außen eine abgestimmte Strategie zu entwickeln,
sondern auch interne Kommunikationsprozesse
mit den Mitarbeiter*innen zu etablieren.
Für die Kommunikation innerhalb der Organisation geht es
vor allem darum, Wissen und Informationen für alle
Mitarbeiter*innen, Führungskräfte und Abteilungen transparent,
verständlich und aktuell zugänglich zu machen
(z.B. über ein Intranet). Gleichermaßen relevant ist der regelmäßige
Austausch, einerseits innerhalb von Abteilungen
als auch abteilungsübergreifend. Durch freien Informationsaustausch
kann eine Gemeindeverwaltung an einem
Strang ziehen.
Bei der externen Kommunikation empfiehlt es sich verlässliche
Kommunikationskanäle mit der Bevölkerung und
regionalen Stakeholdern aufzubauen (u.a. durch Soziale
Medien, Website, Gemeindezeitung). Folgen die damit
transportierten Botschaften einer klaren Strategie, kann die
Akzeptanz von Entscheidungen erhöht sowie Identfikation
und Vertrauen gefördert werden. In Krisensituationen können
dann die bewährten Kanäle genutzt werden, um im
Notfall rasch die Bevölkerung zu erreichen. Dies ist der
Grundstein für integrierte strategische Kommunikation
bzw. für Krisenkommunikation. 10
20
RESILIENTE
GEMEINDEN
10
Für weitere Informationen siehe Zechner (2021). Risiko- und Krisenkommunikation für Gemeinden.
2. RESILIENZ IN DER ORGANISATION:DIE GEMEINDEVERWALTUNG
ZUSAMMENFASSUNG
Es gibt viele Stellschrauben, wo man als Gemeinde
innerhalb der eigenen Organisation ansetzen kann,
um die Resilienz zu stärken. Zusammengefasst geht
es darum, sich einerseits über die größten Risiken
bewusst zu sein, die Mitarbeiter*innen zu fördern,
Führungskompetenzen zu schulen und in der Art der
Zusammenarbeit und der Kommunikation offen für
Neues zu sein.
ROBUSTHEIT
Strukturen, die negative Auswirkungen
von Krisen verhindern / abmildern
ANPASSUNGSFÄHIGKEIT
Fähigkeiten und Strategien zur Anpassung
an neue Rahmenbedingungen
• Vielfältige Personalstruktur in Bezug auf Alter,
Lebensphase, Ausbildung, Geschlecht sicherstellen
• Genügend Personal einplanen, um Ausfälle
auszugleichen
• Personalentwicklung und -weiterbildung forcieren,
auch für Führungskräfte
• (Teil-)Agile Strukturen, abseits der Hierarchie
• Digitale Prozesse
• Etablierte Kommunikationskanäle
• Vorbereitung (Krisenpläne), Risikoantizipation und
proaktives Gegenwirken durch Steuerungssysteme
• Arbeitsbedingungen flexibilisieren
• Vertrauenskultur und Informationsaustausch
zwischen Organisation und Mitarbeiter*innen
• Führungsarbeit benötigt Sozialkompetenz
und nicht (nur) fachliche Kompetenzen
• Klare und einfache Regelungen, um Autonomie
über Arbeitsmodalitäten zu ermöglichen
• Eigenverantwortliche Mitarbeiter*innen
und Führungskräfte
• Vorbereitung im Sinne der Krisenkommunikation
21
RESILIENTE
GEMEINDEN
3.
RESILIENZ IN
DER ÖRTLICHEN
GEMEINSCHAFT:
DAS GEMEIN-
WESEN
22
RESILIENTE
GEMEINDEN
Im letzten Kapitel werden Ideen gegeben, wie die
Gemeindeverwaltung selbst widerstandsfähiger für
Krisen werden kann, um die Funktionsfähigkeit dieser für
das Gemein wesen so wesentlichen Organisation abzusichern.
Es gibt jedoch außerhalb der Organisationsgrenze
zentrale Elemente der Resilienz.
Eine Gemeinde ist auch ein Lebensraum ein soziales
Gebilde. Stärkt man die örtliche Gemeinschaft und fördert
die Selbstverantwortung der Menschen im Ort und in der
Region, können externe Krisen und Herausforderungen
besser bewältigt werden.
Dafür sind zwei Bereiche maßgeblich:
• Sozialkapital
• Beteiligung der Öffentlichkeit
3. RESILIENZ IN DER ÖRTLICHEN GEMEINSCHAFT: DAS GEMEINWESEN
SOZIALKAPITAL
Das Sozialkapital einer Gemeinde wird in unterschiedlicher
Form sichtbar: es sind die vielen persönlichen Beziehungen
der Menschen (formelle, aber vor allem auch informelle
wie z.B. Freundschaften), das sichtbare und aktive Leben in
Vereinen und ähnlichen Organisationen.
Sozialkapital ist somit eine Kultur von vertrauensvollen
Beziehungen. Vertrauensvolle Beziehungen zeichnen
sich dadurch aus, dass in Netzwerken agiert wird, die
Beteiligten sich an die gleichen Spielregeln halten und
Werte teilen sowie die Interaktion aus einem Geben und
Nehmen besteht. Ist das Sozialkapital in einer Gemeinschaft
hoch, steigt nachweislich die Lebensqualität und
die Umsetzungs- und Innovationsfähigkeit. 11
Es ist daher von zentraler Bedeutung, die Bevölkerung zu
aktivieren, Menschen zu vernetzen, Ehrenamt und Vereine
zu fördern und allgemein die Beziehungen zwischen Stakeholdern
zu verbessern, um somit Räume für Innovationen
und Identifikation mit dem Lebensort zu schaffen.
Solidarität und Verantwortungsgefühl des Individuums
in herausfordernden Situationen steigen, wenn man sich
mit der Gemeinde verbunden fühlt.
Das Vereinswesen und sämtliche Freiwilligenarbeit haben
zum Teil begrenzte Ressourcen. Gemeinden können
finanziell, materiell oder auch administrative Unterstützung
leisten. Die Vergabe von Förderungen an Vereine und
Organisationen ist ein gängiges Mittel. Darunter fallen auch
Sachleistungen, wie die Überlassung von kommunaler
Infrastruktur. Wichtig ist volle Transparenz, um eine faire
Verteilung der Ressourcen zu ermöglichen. Eine weitere
Möglichkeit ist die aktive Unterstützung für Vereine bei
Förderansuchen. Hier kann die Gemeinde Informationen
(zu Fördermöglichkeiten) und Know-how für das Förderansuchen
zur Verfügung stellen.
Ein weiterer Hebel ist die aktive Unterstützung von
Ehrenamt in der Personalpolitik. Dazu gehören das
positive Bewerten von Freiwilligenarbeit in Bewerbungen
oder das Ermöglichen von ehrenamtlichen Tätigkeiten
innerhalb der Arbeitszeiten. 12
VERTRAUEN AUFBAUEN
Sozialkapital soll sich nicht nur auf Ehrenamt beschränken.
Es geht allgemein um eine gute und gesunde Beziehungskultur
zwischen Menschen, die gemeinsam an der Weiterentwicklung
und Verbesserung der Lebensqualität in der
Gemeinde arbeiten.
EHRENAMT FÖRDERN
Gemeinden nehmen in Bezug zu Freiwilligenarbeit eine
wichtige Koordinations- und Sensibilisierungsaufgabe
wahr. Dabei geht es nicht nur um Vereine. Bildungseinrichtungen,
Non-Profit- und Blaulichtorganisationen, Unternehmen
sowie Kirchen und karitative Einrichtungen sind
ebenso wesentliche Beteiligte im Gemeinwesen.
Ein erster Schritt ist die Ernennung einer Ansprechperson
oder Koordinationsstelle innerhalb der Gemeindeverwaltung.
Und zwar nicht nur für Vereine, sondern auch
für Einzelpersonen und Projekte. Auch in der Gemeindepolitik
sollte es Zuständigkeiten geben, z.B. durch einen
eigenen Ausschuss für Freiwilligenarbeit. Es geht um die
Sichtbarkeit, die Anerkennung und vor allem um die Vernetzung
von engagierten Personen und Organisationen.
Unterstützen können dabei bspw. die Organisation von
Ehrenamt-Stammtische bzw. -Werkstätten oder Tage der
Frei willigenarbeit.
11
Aus dem Vortrag von. Kriemhild Büchel-Kapeller im Rahmen des KDZ-Kompetenznetzwerks am 26.1.2023.
12
Weitere konkrete Maßnahmen finden sich im Leitfaden für Freiwilligenarbeit in der Gemeinde von EURAC Research.
13
Klijn et al. (2010). Trust in Governance Networks.
Vertrauen ist dabei der Grundstein, entsteht jedoch nicht
von heute auf morgen. Die Arbeit an Vertrauen ist ein
langfristiges Unterfangen und ist oft durch informelle
Regeln und Verhaltensweisen geprägt. Vertrauen bedeutet,
dass man von der jeweils anderen Person erwartet,
dass diese nicht opportunistisch handelt, wenn sich die
Möglichkeit eröffnet. 13 Vertrauen einander die handelnden
Akteur*innen, verringern sich Transaktionskosten, der freie
Austausch von Informationen, Know-how und Ressourcen
werden erhöht und das gegenseitige Lernen wird gefördert.
So kann auch in unsicheren und volatilen Zeiten rasch
gehandelt werden.
Je mehr gemeinsame Aktivitäten in der Vergangenheit
durchgeführt wurden, desto förderlicher ist es für das
Vertrauen. Die Durchführung von gemeinsamen Projekten
oder Ausflügen ist wesentlich, damit sich Menschen
auch abseits regulärer Arbeitsabläufe kennen lernen.
Teilen die Personen Werte, Ziele und Visionen – oder auch
23
RESILIENTE
GEMEINDEN
3. RESILIENZ IN DER ÖRTLICHEN GEMEINSCHAFT: DAS GEMEINWESEN
STADTGEMEINDE TRAISKIRCHEN
TRAISKIRCHEN
LEBT GEMEINSCHAFT
Traiskirchen hat eine eigene Ehrenamtskoordinatorin, die gemeinsam mit ihrem Ausschuss Unterstützungs-
und Freizeitangebote für die ältere Generation entwickelt hat. In den letzten Jahren wurden die
folgenden Projekte ins Leben gerufen und erfolgreich umgesetzt:
Aktiv Café
DAS TRAISKIRCHNER GENERATIONENCAFÉ
Für alle, die zusammen etwas erleben wollen. Das Aktiv-Café im BiZENT Traiskirchen findet
jeden Monat statt, immer unter einem anderen Motto – so tritt es einmal als Heuriger,
Quizshow oder auch als Wunschkonzert zum Mitmachen auf. Das Organisationsteam rund
um GRin Hilde Mayer und ihrem Team aus Ehrenamtlichen lässt sich jedes Mal wieder
etwas Besonderes einfallen.
Senior*innenurlaube
STADT ERMÖGLICHT GÜNSTIGEN URLAUB
Ein besonderer Höhepunkt für viele Traiskirchner Senior*innen sind die von der Stadt
organisierten Reisen. Gemeinsam geht es als Gruppe für eine Woche auf Sommerfrische,
die gemeinsamen Ausflüge und Aktivitäten verbinden. Die Aktion erfreut sich großer
Beliebtheit – jedes Jahr sind die Plätze schnell ausgebucht.
Wir sind Ehrenamt
UNTERSTÜTZUNG & GESELLSCHAFT IM ALLTAG
Getreu dem Motto „Wir lassen niemanden zurück“ kümmert sich das Team von Ehrenamtlichen
um ältere Personen. Das Einsatzgebiet ist vielfältig. Sie bringen Katzen zum
Kastrieren, setzen Computer neu auf oder helfen, wenn das Telefon nicht funktioniert.
Sie begleiten bei Arztbesuchen, beim Gang zum Amt oder unternehmen gemeinsame
Spaziergänge.
Traiskirchner Dreiradler
MIT DER RIKSCHA DURCH DIE STADT
Wer spürt nicht gerne die frische Luft in der Nase und ein bisschen Wind in den Haaren?
Sieht Blumen und Bäume blühen und erfreut sich an der Natur? Für Traiskirchner
Senior*innen geht es mit der farbenfrohen und barrierefreien Rikscha, dem „Traiskirchner
Dreiradler“, durch die Stadt. Das Service läßt alle, die selbst nicht mehr in die Pedale treten
können, wieder Mobilität genießen und sich auf Ausflüge mit dem Rad freuen.
FOTOS: STADTGEMEINDE TRAISKIRCHEN
Traiskirchen hilft
EINKAUFSDIENST UND NOCH VIEL MEHR
Am Anfang des ersten Corona Lockdowns wurde der Einkaufsdienst „Traiskirchen hilft“
ins Leben gerufen. Einkäufe oder Medikamente wurden von Ehrenamtlichen an
ältere und vulnerable Personen nach Hause geliefert. Inzwischen ist das Service eine
Anlauf stelle für Anliegen aller Art, die Hotline ist 24/7 erreichbar.
Lorem ipsum
24
Hilde Mayer
Ausschussvorsitzende für die ältere Generation & Ehrenamtskoordinatorin der Stadt
ehrenamt@traiskirchen.gv.at
RESILIENTE
GEMEINDEN
3. RESILIENZ IN DER ÖRTLICHEN GEMEINSCHAFT: DAS GEMEINWESEN
nur Hobbies – fördert dies die Zusammenarbeit. Netzwerke
bleiben dann am Leben, wenn die Vorteile und der langfristige
Nutzen der Zusammenarbeit von allen Beteiligten gesehen
werden und die Personen sich an die gleichen Spielregeln
(auch im Konfliktfall) halten.
Dadurch kann bei gemeinsamen Zukunftsprojekten oder
beim Agieren in einer Stresssituation (man denke an die
Pandemie) auf bestehende Netzwerke zurückgegriffen werden
– „man weiß, wen man anrufen kann“. Im Sinne der Reaktions-,
Umsetzungs- und Innovationsfähigkeit handelnder
Personen sollte daher der Vertrauensaufbau in allen
kommunalen Aspekten aktiv gefördert werden.
BETEILIGUNG DER ÖFFENTLICHKEIT 14
Die Öffentlichkeit sollte bei Entscheidungen in der Gemeindeentwicklung
miteinbezogen werden. Allein durch die
technologische Vernetzung bewegt sich die Welt immer
mehr zu einer sogenannten „Wir-Gesellschaft“ – Menschen
mit ähnlichen Interessen oder Motiven können sich rasch
organisieren und kooperieren. Insbesondere bei Protestbewegungen
lassen sich so schnell Gruppen (in der Regel
Menschen mit viel Zeit- und Bildungskapital) mobilisieren.
Um gelebte Selbstverantwortung der Gesellschaft zu
stärken, Verständnis und Akzeptanz von Entscheidungen
aufzubauen und Lösungen für die Zukunft zu finden, müssen
Fachkompetenz (der Expert*innen) und Lebensweltkompetenz
(der Menschen die damit leben müssen) zusammengeführt
werden. Dadurch können Potenziale in der
Gesellschaft geweckt und Vertrauen zwischen Stakeholdern
aufgebaut werden. Im Sinne der Resilienz ist die gute Beziehung
der Verwaltung und Politik zur lokalen Öffentlichkeit
ein zentraler Pfeiler für das kommunale Handeln. Werden
(schwierige) Entscheidungen aufgrund mangelnden Vertrauens
von der lokalen Öffentlichkeit abgelehnt, sind die
Institutionen auf Dauer nicht handlungsfähig. Bürgerbeteiligungsprozesse
und professionelle Kommunikation können
dabei helfen, dass wichtige Veränderungsprozesse von
mehr Menschen mitgetragen werden.
BÜRGERBETEILIGUNGSPROZESSE
Partizipationsformate gibt es zahlreiche. Es beginnt bei der
reinen Information, geht über Ideensammlungen bis zur
gemeinsamen Erbringung kommunaler Dienstleistungen
durch die Zivilgesellschaft. 15 Beteiligung ist dennoch ein
Lernprozess. Nicht alle Themen oder Fragen eignen sich
automatisch für einen breiteren und zeitaufwendigen Beteiligungsprozess.
Es gilt vorab abzuwägen, mit welcher
Frage man in den Prozess gehen möchte. Dabei sind folgende
Punkte zu beachten:
• Beteiligung findet am Beginn des Prozesses statt, nicht
erst wenn alles bereits entschieden ist.
• Politik und Verwaltung nehmen den Prozess ernst und
sind ergebnisoffen.
• Spielregeln werden klar kommuniziert.
• Die Sprache muss für die Zielgruppe einfach, verständlich
und inklusiv sein.
• Es ist wichtig die Grenzen zu ziehen, worüber tatsächlich
gesprochen werden soll.
• Alle Beteiligten stellen Zeitressourcen zur Verfügung, dies
sollte entsprechend gewürdigt und wertgeschätzt werden.
14
Die Inhalte sind aus dem Vortrag von Kriemhild Büchel-Kapeller im Rahmen des KDZ-Kompetenznetzwerks am 26.1.2023.
15
Viele Beteiligungsformate und gute Beispiele finden sich auf www.partizipation.at.
25
RESILIENTE
GEMEINDEN
3. RESILIENZ IN DER ÖRTLICHEN GEMEINSCHAFT: DAS GEMEINWESEN
MARKTGEMEINDE GÖTZIS
SOZIALKAPITAL.
BÜRGERBETEILIGUNG. RESILIENZ.
Götzis ist eine Marktgemeinde mit über 11.800
Einwohner*innen im Vorarlberger Rheintal.
Hier wurde schon früh die Bedeutung des bürgerschaftlichen
Engagements für eine lebenswerte
und auch wirtschaftlich florierende Gemeinde
erkannt. So war Götzis die erste Gemeinde in
Vorarlberg, die 2006 eine eigene Sozialkapitalstudie
in Auftrag gab. Unter Sozialkapital versteht
man den sozialen Zusammenhalt innerhalb einer
Gemeinschaft. Studien rund um den Globus
belegen eindrücklich, wer gesund und glücklich
leben möchte oder als Gemeinde bzw. Region und
auch als Betrieb langfristig erfolgreich sein will,
braucht den gesellschaftlichen „Kitt“.
Vorreiter war Götzis auch mit einem Bürger*innen-
stärken. Dabei wird das formelle und informelle
büro im Haus der Generationen. Auf die
Engagement gefördert.
besonderen Herausforderungen in Coronazeiten
antwortete Götzis mit einer eigenen Ehrenamts-
Ab 2008 – Bürger*innenbüro: Ehrenamtlich
und Beteiligungsstrategie.
geführtes Bürger*innenbüro als Anlaufstelle
für Engagierte. Die Initiative dazu ging vom
Wie eine Beteiligungskultur wächst
ehrenamtlichen Kernteam aus.
und das Sozialkapital stärkt:
2020 – Einrichtung einer Gemeinwesenstelle als
Start 1998 – Projekt Lebenswert leben: Götzis war
Brückenbauer zwischen Bevölkerung, Verwaltung
eine von fünf Pilotgemeinden in Vorarlberg, die
und Politik bei den Themen Engagement, Beteili-
zahlreiche Projekte zur Sicherung der Lebensqua-
gung und Sozialkapital.
lität und Nahversorgung umsetzten.
2021/22 – Pilotprojekt Bürgerservice 2025:
2004 – Weiterentwicklung zu „Zämma leaba
Engagement, Selbstwirksamkeit und Gemeinwohl
z‘Götzis“ (Zusamenleben in Götzis): Gemeinsam
statt Einsamkeit.
mit dem Büro für Zukunftsfragen (ZUB), jetzt FEB
(Büro für Freiwilliges Engagement und Beteili-
Die zentralen Wirkungsziele des gesamten
gung) wurden viele innovative Projekte verwirk-
Prozesses sind die Selbstorganisation und Eigen-
licht, um das Miteinander in Götzis zu stärken.
verantwortung sowie das Empowerment in der
Dabei stützte sich das Projekt auf die Ergebnisse
Bevölkerung: Von der allzuständigen Gemeinde
der kommunalen Sozialkapitalstudie (2006), die
zur aktivierenden Bürger*innenkommune.
zum OECD Programm „Measuring social capital“
gehörte. „Zämma leaba z‘Götzis“ ist eine logische
Fortsetzung des Projekts „Lebenswert leben“.
Während es bei „Lebenswert leben“ um die Siche-
26
Zusammenfassung der
Veranstaltung „Was hält
Götzis wirklich zusammen“
im Juli 2020 in leichter
Sprache von Stefan
Sonderegger des Vereins
„Mensch zuerst – People
F1rst“ in Vorarlberg.
rung der Lebensqualität und Nahversorgung im
Ort ging, will „Zämma leaba z‘Götzis“ die mitmenschliche
und soziokulturelle „Nahversorgung“
Kriemhild Büchel-Kapeller
Büro für Freiwilliges Engagement und Beteiligung (FEB) – Amt der Vorarlberger Landesregierung
kriemhild.buechel-kapeller@vorarlberg.at
FOTO: K. BÜCHEL-KAPELLER
RESILIENTE
GEMEINDEN
3. RESILIENZ IN DER ÖRTLICHEN GEMEINSCHAFT: DAS GEMEINWESEN
ZUSAMMENFASSUNG
Gegenseitiges Vertrauen will verdient sein. Das bedeutet
aber auch, dass Beziehungsarbeit vorab zu leisten ist. Die
„Enablerfunktion“ obliegt den Gemeinden – sie sollen die
koordinative, steuernde und ermöglichende Komponente
einnehmen. Dafür braucht es jedoch auch entsprechende
Ressourcen sowie das politische Commitment. Damit
können nachfolgende Akzente im Bereich der Robustheit
und Anpassungsfähigkeit gesetzt werden.
ROBUSTHEIT
Strukturen, die negative Auswirkungen
von Krisen verhindern / abmildern
ANPASSUNGSFÄHIGKEIT
Fähigkeiten und Strategien zur Anpassung
an neue Rahmenbedingungen
• Vertrauensvolle Beziehungen und Zusammenarbeit
sämtlicher Akteur*innen in einer Gemeinde / Region,
gezeichnet durch freien Austausch von Informationen,
Know-how und Ressourcen
• Einbindung der Bevölkerung und diverser Stakeholder
einer Gemeinde in Krisenpläne und Strategien
• Regelmäßige Beteiligungsformate für die Bevölkerung
• Vielfalt an Ehrenamt, Vereinen und Unternehmen sowie
aktive Mitgliedschaften von Politik und Verwaltung in
diversen Organisationen
27
RESILIENTE
GEMEINDEN
4.
RESILIENZ DURCH
KOOPERATION:
DIE REGIONALITÄT
28
RESILIENTE
GEMEINDEN
Resilienz endet nicht an der Gemeindegrenze.
Menschen leben und arbeiten in funktionalen Räumen.
Das Agieren von kommunalen Akteur*innen auf regionaler
Ebene gewinnt nicht nur an Bedeutung, sondern ist
unabdingbar, um die Herausforderungen der demografischen
Entwicklung sowie des Klimawandels zu bewältigen.
Die „einfache“ Antwort wird oftmals bei größeren Ver waltungseinheiten
gesehen. Doch das kann keine pauschale
Lösung sein. Strukturelle, historische und topographische
Rahmenbedingungen bestimmen das Handeln der Gemeinden
und die Erbringung kommunaler Leistungen erheblich
mit. Bevor gleich eine Gemeindezusammenlegung erwägt
wird, die auch ihre Vor- und Nachteile mit sich bringt, bietet
die interkommunale Kooperation eine Möglichkeit, die
Region entlang gemeinsamer Ziele weiterzuentwickeln.
4. RESILIENZ DURCH KOOPERATION: DIE REGIONALITÄT
REGIO VORDERLAND-FELDKIRCH
EINE AKTIVE INNOVATIONSREGION
IN SACHEN GEMEINDEKOOPERATION
Die Regio Vorderland ist in den 1970er Jahren entstanden
und umfasst heute insgesamt 13 (sehr
unterschiedlich große) Gemeinden mit insgesamt
rund 70 Tsd. Einwohner*innen. Die Regio – ganz
im Westen Österreichs – ist seit vielen Jahren
Vorreiterin in Sachen Gemeindekooperation.
Hier ist eine der österreichweit ersten regionalen
Baurechtsverwaltungen umgesetzt worden.
Viele der inzwischen weit über 50 formalisierten
Kooperationen sind nach dem Jahr 2000 entstanden.
Auch jetzt bilden sich immer noch neue
Kooperationen, wie das vor wenigen Jahren in
Zusammenarbeit mit dem KDZ neu konzipierte
regionale „Bauamt“.
Durch die gemeinsame Leistungserbringung von
Verwaltungsaufgaben in den Bereichen Tiefbau,
Hochbau, Raumplanung, GIS und Digitalisierung
soll das regionale Bauamt eine Schlüsselfunktion
bei der Bewältigung des Klimawandels (Klimaschutz
und Klimawandelanpassung), der Sicherung
der Daseinsvorsorge, der erfolgreichen
digitalen Transformation und letztlich auch
einer professionellen (Infrastruktur- und Raum-)
Planung übernehmen.
Ein zweites aktuelles Innovationsprojekt geht der
Frage nach, wie die Gemeinden der Region die
(nach wie vor) wachsende Zahl an Kooperationen
in Hinkunft besser managen können. Dazu wurde
in Kooperation mit dem KDZ eine Machbarkeitsstudie
durchgeführt, um auszuloten, wie eine zukünftige
„Dachorganisation“ aussehen könnte,
unter der die verschiedenen Kooperationen zusammengeführt
und letztlich sowohl wirkungsvoller
als auch wirtschaftlicher gesteuert und betrieben
werden können.
Während das gemeinsame Bauamt bereits mit
ersten Gemeinden arbeitet, ist der Prozess zur
neuen Dachorganisation noch in der Konzeptionsphase.
Christoph Kirchengast
Geschäftsführung Verein Region Vorderland-Feldkirch
christoph.kirchengast@vorderland.com
www.vorderland.com
29
RESILIENTE
GEMEINDEN
4. RESILIENZ DURCH KOOPERATION: DIE REGIONALITÄT
STADTGEMEINDE LIENZ
RÄUMLICH-REGIONALES HANDELN:
RESILIENT DURCH NETZWERK-GOVERNANCE
Von der Hypothese ausgehend, dass Stadt- und
Standortentwicklung erst im funktionalräumlichen
Kontext – eine konsequent über das Gemeindegebiet
hinausgehende Planungsperspektive –
den multiplen Ansprüchen eines resilienten
sozioökonomischen Systems gerecht wird, hat die
Sonnenstadt Lienz bereits 2010 den Impuls für einen
intensiven stadt- und funktionalräumlichen
Planungs- und Entwicklungsprozess und eine strategische
Mehr-Ebenen-Kooperationspolitik gesetzt.
Dazu wurden auf vier Gestaltungsebenen
Governance-Strukturen für die Implementation
einer nachhaltigen, interkommunalen Zusammenarbeit
aufgebaut:
• Stadträumliche Kooperation von 15 Gemeinden
zum „Zukunftsraum Lienzer Talboden (Stadtregion
im Sinne des ÖREK, Planungsverband 36)
• Kooperation auf Ebene des politischen Bezirkes
Lienz, 33 Gemeinden (Gemeindeverbände,
Zweckverbände etc.)
• Funktionalräumliche Kooperation „Süd Alpen
Raum“, Living Corporation Lab für 240.000
Einwohner*innen, dem Bezirk Lienz, Teilbereichen
von Oberkärnten und dem Südtiroler
Pustertal
• Städtenetzwerk4 mit den Städten im „Süd
Alpen Raum“ Bruneck (Südtirol), Hermagor
(Kärnten), Lienz (Tirol) und Spittal/Drau (Kärnten)
Auf der stadträumlichen Ebene wird interkommunale
Zusammenarbeit als Gemeindeverband
nach dem „TROG“ in den
Themenbereichen überörtliche
Raumplanung, Wirtschaftsstandortentwicklung,
Infrastruktur- und
Wohnstandort politik, Ressourcen-Management
sowie
standorttouristische
Entwicklung, organisiert.
Im Sektor der digitalen Infrastruktur
konnte mit dem
„RegioNet®“ im gesamten Verbandsgebiet ein
umfassendes, im Eigentum der Gemeinden stehendes
Glasfasernetz als Gigabit-Infrastruktur
für alle Haushalte und Betriebe errichtet werden.
Mit dem „Digitalen Zukunftsbild“ wurden für alle
15 Gemeinden die infrastrukturellen/technischen
Voraussetzungen für einen „digitalen Datenraum“
eine „Smart Region Zukunftsraum Lienzer
Talboden“ errichtet. Datenautonomie, Selbstbestimmtheit
und Ressourceneffizienz sind die
Ziele einer interkommunalen Datenplattform für
die kommunalen Anwendungsbereiche Energie,
Wasser, Wärme, Mobilität, Winterdienst, Beleuchtung
und Risikomanagement etc.
Auf der Kooperationsebene des „Süd Alpen Raumes“
und des „Städtenetzwerkes4“ arbeiten wir
intensiv zu den Themenbereichen der Mobilität,
Erreichbarkeit im ÖPNV, Innenstadt- und Zentrenentwicklung
etc. im Modus eines „Living Corporation
Labs“ zusammen. Über die LAG‘s, Leader
und EU-Interreg-Programmebene und dem
„Städtenetzwerk4“realisieren wir länder- und
nationenübergreifende Programme und Projekte
im Bereich der Wirtschafts-, Lebens- und Bildungsstandortpolitik
sowie im Umwelt- und Naturschutzbereich.
Als experimentelles Projekt
konnten wir in Zusammenarbeit mit der TU-Wien
für die vier Städte ein ISEK4 (integriertes Innenstadtentwicklungskonzept)
ergänzt um eine
regionalräumliche Entwicklungsperspektive über
den gesamten „Süd Alpen Raum“ erarbeiten und
als Zielsystem einer räumlichen Entwicklung
über die Landes- und nationalen Grenzen hinweg
präsentieren.
Die Erfahrungen aus der interkommunalen Zusammenarbeit
und der Netzwerk-Governance-Politik
bestätigen anschaulich die Ausgangshypothese
„Konsequent räumlich-regionales Handeln
macht widerstandsfähiger, agiler und erhöht die
Resilienz unseres gesellschaftssozialen Systems“.
FOTO: STADT LIENZ
30
RESILIENTE
GEMEINDEN
v.r.n.l Bgm. LAbg. Gerhard Köfer (Spittal Drau),
Bgm. Dr. Roland Griessmair (Bruneck)
Bgm. Dipl-Ing. LAbg. Elisabeth Blanik (Lienz)
Bgm. DI LAbg. Leopold Astner (Hermagor)
Oskar Januschke
Standortentwicklung, Wirtschaft und Marketing der Stadt Lienz
o.januschke@stadt-lienz.at
www.zukunftsraumlienzertalboden.at · www.suedalpenraum.eu
4. RESILIENZ DURCH KOOPERATION: DIE REGIONALITÄT
Die interkommunale Zusammenarbeit ist kein neues
Phänomen. Häufig beginnt Kooperation bei einzelnen
Aufgabenfeldern in Form von Verbänden oder Verwaltungsgemeinschaften
(bspw. Wasser/Abwasser, baubehördliche
Agenden, Abgabeneinhebungsverbände, Abfallwirtschaft,
uvm.). Doch die Schaffung zusätzlicher Strukturen macht
die Steuerung nicht zwingend einfacher. Kooperation sollte
deshalb umfassender gedacht werden – zum Beispiel im
Sinne einer gemeinsamen Planungs- und Verwaltungsregion
(siehe Beispiel Regio Vorderland-Feldkirch).
Der Nutzen im Sinne der Resilienz kann vielfältig sein: 16
• Höhere Strategie- und Problemlösungskompetenzen
in Bereichen mit einem starken regionalen Raumbezug
wie Verkehr oder Wirtschafsstandort.
• Zukunftsfähigkeit für Gemeinden in der Region durch
gemeinsam getragene Projekte, da sich die Nutzung
kommunaler Leistungen immer weniger auf den
eigenen Wohnort beschränkt. Zudem sind Zukunftsthemen
immer mehr miteinander verflochten (Klimawandel,
Digitalisierung).
• Synergien bei der kommunalen Aufgabenerledigung,
um nicht nur ökonomische oder qualitative Vorteile zu erzielen,
sondern auch um Mitarbeiter*innen zu entlasten
und Redundanzen in den Strukturen aufzubauen.
Zusammenarbeit und Kooperationen finden schlussendlich
immer in einem Netzwerk von Akteur*innen (Personen und
Institutionen) statt. Allgemein sind Netzwerkorientierung
und eine Mehr-Ebenen-Koordination eine Voraussetzungen,
um gemeinsam als Region widerstandsfähiger zu werden
(siehe Beispiel Stadtgemeinde Lienz). Durch laufende
Zusammenarbeit in „guten“ Zeiten stärkt man dadurch
das Vertrauen und erhöht das Sozialkapital. Auf diese Netzwerke
kann schlussendlich in Krisenzeiten zurückgegriffen
werden, um gemeinsam die Probleme zu bewältigen.
ZUSAMMENFASSUNG
Ohne ein verstärkt regionales Denken von Lebensund
Wirkungsräumen kommunaler Stakeholder*innen,
kann keine erhöhte Resilienz geschaffen werden.
Dazu braucht es ein Bewusstsein (idealerweise in Form
empirischer Analysen) über räumliche Vulnerabiliäten,
auf welche es anschließend gilt, qualifiziert zu reagieren.
Dabei werden zusehends Multi-Governance-Ansätze
erforderlich werden, um alle Akteuer*innen als Teil des
koordinativen Wirkens zu akzentuieren. 17
ROBUSTHEIT
Strukturen, die negative Auswirkungen
von Krisen verhindern / abmildern
ANPASSUNGSFÄHIGKEIT
Fähigkeiten und Strategien zur Anpassung
an neue Rahmenbedingungen
• Umfassende und multifunktionale Kooperationen sind
umgesetzt, um Personalreserven aufzubauen und Synergien
bei der Aufgabenerbringung als Region zu nutzen
• Vulnerabilität wird in einem regionalen und räumlichen
Kontext gesehen und alle betroffenen Akteur*innen
einbezogen
• Eine Mehr-Ebenen-Koordination und damit verbundene
Kommunikationskanäle sind etabliert
• Netzwerke mit anderen Gebietskörperschaften, Zivilgesellschaft
und Wirtschaft werden gepflegt und lernen
voneinander, um gemeinsam neue Lösungen zu finden
16
Siehe Biwald & Parzer (2019). Chancen und Perspektiven interkommunaler Zusammenarbeit.
17
Wir danken auch hier den inspirierenden Vorträgen von Christoph Kirchengast sowie Oskar Januschke im Rahmen des KDZ-Kompetenznetzwerks am 27.1.2023.
31
RESILIENTE
GEMEINDEN
5.
AUSBLICK
32
RESILIENTE
GEMEINDEN
5. AUSBLICK
Dass Gemeinden eine „Leuchtturmfunktion“ in unsicheren
Zeiten einnehmen, haben vergangene Ereignisse
gezeigt. Wie sie dabei erfolgreich vorgehen können, welche
Maßnahmen die Gemeinde setzen kann, um nicht aus dem
Gleichgewicht zu geraten, war Ziel dieses Praktiker*innennetzwerks,
dessen Ergebnisse im vorliegenden Whitepaper
zusammengefasst wurden.
Ein zentrales Learning hat sich dabei schnell herauskristallisiert:
kommunale Einzelkämpfer*innen werden es in Zukunft
schwer haben.
Gelingen kann dies durch eine offene und ehrliche Kommunikation,
durch ehrenamtliche Strukturen, deren Wertschätzung
nicht erst im Bedarfsfall ausgesprochen wird,
und durch eine verstärkte Regionalität.
Das setzt voraus, die verwaltungsrechtlich gezeichnete
Grenze der Gemeinde nicht als Ende des „Mitdenkens“ zu
verstehen, sondern anhand von tatsächlichen Lebensrealitäten
der Stakeholder*innen die Räume entlang ihrer Bedarfe
zu gestalten – und dabei tatsächliche Mitwirkung zu
ermöglichen.
Verwaltungsinterne Akzente zu mehr Offenheit, Transparenz,
agilen Strukturen, digitalem Arbeiten und v.a.
eine qualifizierte Personalpolitik können dazu beitragen,
die Resilienz der Organisation selbst zu verbessern.
Ohne jedoch die Wirkungs- und Lebensrealitäten ihrer zentralen
Stakeholder*innen miteinzubeziehen – und zwar proaktiv
– läuft man im Krisenfall Gefahr, erst recht wieder allein
dazustehen und alles selbst meistern zu müssen.
Nur so wird das entsprechende Vertrauen aufgebaut, damit
im Krisenfall der „Leuchtturm Gemeinde“ die Krise meistern
und gestärkt daraus hervorgehen kann.
Am Ende des Tages kann hier kein allumfassendes Patentrezept
im Sinne einer „one-size-fits-all“-Lösung formuliert
werden. Österreichs Gemeinden sind dafür zu vielfältig in
Struktur, Topographie, Geographie und vieler weiterer Faktoren
– was auch gut so ist.
Gemeinden sollen im laufenden Wirken mit ihren Stakeholder*innen
Beziehungsnetzwerke aufbauen, sodass diese
im Krisenfall „belastbar“ sind. Damit ist keine institutionalisierte
oder durch Verträge formalisierte Belastbarkeit
gemeint. Vielmehr braucht es gegenseitiges Vertrauen, gemeinsame
Erfolge in der Vergangenheit und das Wissen,
sich im Notfall aufeinander verlassen zu können.
Vielmehr soll dieses Whitepaper Optionen aufzeigen und
eine Vernetzung ermöglichen, damit jede Gemeinde den
besten Mix an Maßnahmen für sich selbst herausziehen
kann, um die Resilienz auf kommunaler Ebene insgesamt
zu stärken.
33
RESILIENTE
GEMEINDEN
LITERATUR UND LINKS
LITERATUR UND LINKS
FOLGENDE LITERATUR UND QUELLEN SIND IN DIE
ERSTELLUNG DIESES WHITEPAPERS EINGEFLOSSEN:
Biwald, P. & Parzer, P. (2019). Chancen und Perspektiven interkommunaler Zusammenarbeit.
In Biwald, P., Mitterer, K., Prorok, T. & Wirth, K. (Hrsg.), Nachhaltig wirken. Impulse für den
öffentlichen Sektor (S. 92-108). Wien-Graz: Neuer Wissenschaftlicher Verlag.
Büchel-Kapeller, K. (2023). Resilienz. Zur Bedeutung von Sozialkapital und Partizipation.
Vortrag im Rahmen des KDZ-Kompetenznetzwerks „Resiliente Gemeinden“ am 26.01.2023
in Wien.
Haas, O., Huemer, B., & Preissegger, I. (2022). Resilienz in Organisationen. Erfolgskriterien
erkennen und Transformationsprozesse gestalten. Stuttgart: Schäffer-Poeschel Verlag.
Hochholdinger, N., & Schantl, A. (2021). Die resiliente Stadt – State of the art. Workpaper.
KDZ – Zentrum für Verwaltungsforschung. www.kdz.eu/wissen/studien/die-resilientestadt-state-art.
Zugriff am: 08.03.2023
Januschke, O. (2023). Räumlich-regionales Denken in Kontext kommunaler Resilienz.
Vortrag im Rahmen des KDZ-Kompetenznetzwerks „Resiliente Gemeinden“ am 27.01.2023
in Wien.
Kirchengast, C. (2023). Das Modell Regio Vorderland-Feldkirch. Wie durch Kooperation
die kommunale Resilienz verbessert werden kann. Vortrag im Rahmen des
KDZ-Kompetenznetzwerks „Resiliente Gemeinden“ am 27.01.2023 in Wien.
Klijn, E. H., Edelenbos, J., & Steijn, B. (2010). Trust in Governance Networks: Its Impacts on
Outcomes. Administration & Society, 42, S. 193-221.
Kötter, T., Weiß, D., Heyn, T., Grade, J., & Lennartz, G. (2018). Stresstest Stadt – wie resilient
sind unsere Städte? Unsicherheiten der Stadtentwicklung identifizieren, analysieren und
bewerten. Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR). https://www.bbsr.bund.
de/BBSR/DE/veroeffentlichungen/sonderveroeffentlichungen/2018/stresstest-stadt.html
Zugriff am: 25.02.2023
Kraus, S. (2020). New Work. Selbstorganisation im Bauhof Herrenberg. Präsentation.
https://agileverwaltungorg.files.wordpress.com/2020/03/507-19-tug-prc3a4sentationnew-work-rz.pdf.
Zugriff am: 01.03.2023
Laloux, F. (2014). Reinventing Organizations. Ein Leitfdaden zur Gestaltung sinnstiftender
Formen der Zusammenarbeit. München: Verlag Franz Vahlen.
Nationaler Normenkontrollrat (2021). Leistungsfähige Verwaltung – Zukunftsfester Staat.
Empfehlungen für eine nachhaltige Modernisierung – in der Krise, wie im Alltag.
34
RESILIENTE
GEMEINDEN
OECD (2023). More resilient public administrations after COVID-19: Lessons from using the
Common Assessment Framework (CAF) 2020. OECD Public Governance Policy Papers, No. 29.
LITERATUR UND LINKS
Schrems, A. (2021). Resilienz – die organisationale Widerstandsfähigkeit. Resilienz in Unternehmen
und Organisationen in der Praxis. Brunn am Gebirge: TÜV Austria Akademie.
Wirth, K. (2022). Impuls: Modernes Personalmanagement als ein Element zur resilienteren
Kommunalverwaltung? Vortrag im Rahmen des KDZ-Kompetenznetzwerks „Resiliente
Gemeinden“ am 08.09.2022 in Salzburg.
Wirth, K. (2018). Generationensensibles Personalmanagement. Toolbox – Ergebnisse aus
der gemeinsamen Diskussion im FA Personal des Österreichischen Städtebundes. Whitepaper.
KDZ – Zentrum für Verwaltungsforschung.www.kdz.eu/wissen/studien/generationensensiblespersonalmanagement-toolbox-ergebnisse-aus-der-gemeinsamen.
Zugriff am: 15.02.2023
Wirth, K., Krabina, B., & Bareis, M. (2018). Wege zur Digitalen Stadt. Whitepaper.
KDZ – Zentrum für Verwaltungsforschung. www.kdz.eu/wissen/whitepapers/digitalisierungwege-zur-digitalen-stadt.
Zugriff am: 15.02.2023
Zechner, M. (2021). Risiko- und Krisenkommunikation für Gemeinden. RFG 01/2021.
Wien: Manz Verlag.
HILFREICHE LINKS
Agenda 2030 und die 17 SDGs als Orientierungsrahmen, Informationen aus dem
Bundeskanzleramt:
https://www.bundeskanzleramt.gv.at/themen/nachhaltige-entwicklung-agenda-2030.html
Globale Risiken nach dem World Economic Forum (jährliche Berichte):
www.weforum.org/global-risks/reports
Information zu Klimaszenarien vom Umweltbundesamt: www.klimawandelanpassung.at
Leitfaden für Freiwilligenarbeit in der Gemeinde von EURAC Research:
http://webfolder.eurac.edu/EURAC/Publications/Institutes/autonomies/pubman/Leitfaden-
DE-DEF.pdf
Leitfaden Risikomanagement im Katastrophenmanagement vom Bundesministerium für
Inneres: https://www.bmi.gv.at/204/Download/start.aspx
Megatrends des deutschen Zukunftsinstituts: www.zukunftsinstitut.de/dossier/megatrends
Risikobild des Bundesministerium für Landesverteidigung (jährliche Publikation):
www.bundesheer.at/pdf_pool/publikationen/risikobild_2023.pdf
Tools und Beispiele zu Beteiligungsprozessen: www.partizipation.at
35
RESILIENTE
GEMEINDEN
www.kdz.or.at