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Usama
Al Shahmani
In der Tiefe
des Tigris schläft
ein Lied
Roman
Limmat Verlag
Zürich
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Gadis Flugzeug landet auf dem Flughafen Ben Gu
rion. Obwohl er nur Handgepäck dabei hat, dauert
es lange, bis er durch die Passkontrolle ist.
«Zum Hadassah Medical Center in Jerusalem,
bitte», sagt er zum Taxifahrer.
Er sitzt hinten. Das Taxi gleitet über die Autobahn,
in der frühen Nacht sieht er Lichter leuchten
wie eine Fata Morgana aus glühenden Kohlen, durch
das offene Fenster weht trockene Luft herein.
Er schließt die Augen. Warum kommt er hierher?
Muss er den Vater wirklich besuchen? Schweigend
starrt er aus dem Fenster. Als er zufällig sein Gesicht
im Rückspiegel erblickt, erstarrt er. Die Zeit hat
Spuren hinterlassen, er sieht plötzlich so aus, wie
er seinen Vater in Erinnerung hat. Dass sich sein
Vater in seinem Körper ausbreitet wie eine Glut
unter der Asche, versetzt ihm einen Stich. Warum
fährt er jetzt ins Krankenhaus, um den Wunsch
seines Vaters zu erfüllen? Eine plötzliche Wut steigt
in ihm auf.
«Können Sie mich bitte zum Flughafen zurückbrin
gen?»
Der Taxifahrer sieht ihn durch den Spiegel an.
«Gern, die nächste Ausfahrt kommt in etwa fünf
Minuten.»
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Kurz vor dem Flughafen klingelt sein Telefon. «Bist
du schon da? Wo bist du?», fragt ihn seine Schwester.
«Ich … ich bin …, ja, ich bin auf dem Weg, ich
brauche noch etwas Zeit.»
«Beeile dich. Er ist gerade aus dem Koma aufgewacht
und hat nach dir gefragt.»
Gadi schweigt. Das Auto fährt auf das Flughafenge
län de. Der Fahrer schaut ihn an, als hätte er etwas
verstanden.
«Hallo, hörst du mich noch?», ruft Tamar durch
das Telefon.
«Ja, ich höre dich, ich sagte, ich bin auf dem
Weg.»
Stille. Der Taxifahrer hält an.
«Entschuldigen Sie, können Sie mich bitte doch
zum Krankenhaus bringen?»
«Es gibt keinen Grund zur Entschuldigung, ich
fahre Sie den ganzen Tag hin und her, solange Sie
bezahlen», antwortet der Taxifahrer und schaltet
das Radio ein.
Gadi fällt ein, dass ein Teil seiner Haare grün ge
färbt ist wegen einer Kostümparty, auf der er war.
Er überlegt, das Taxi bei einem Friseur anhalten zu
lassen, aber dann kommt ihm das absurd vor.
Ein dünner Faden alter Traurigkeit schnürt sich
plötzlich um sein Herz. Er hat seinen Vater das letz
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te Mal vor dreißig Jahren gesehen. Er hatte gerade
die Mittelschule abge schlos sen und brachte ihm
nach dem Tod der Mutter Papiere und Briefe vorbei.
Auf ihren Wunsch.
«Du musst deine Schuhe nicht ausziehen», hatte
der Vater an der Tür gesagt. «Wie geht es dir, möchtest
du einen Tee?»
«Nein, danke, ich muss rasch wieder gehen.»
Schweigend stand er vor dem Vater.
«Würdest du dich für ein paar Minuten hinsetzen?»
«Nein, ich habe keine Zeit. Ich bin nur gekommen,
um dir diese Tasche zu übergeben. Das war
Mutters Wunsch.»
«Ja, danke.»
Der Vater stellte die Tasche auf eine Kommode
und schaute Gadi an: «Auch ich habe etwas für dich,
warte einen Augenblick.» Er verschwand in ein an
de res Zimmer.
Gadi schaute sich um: Auf dem Boden lag ein
dunkelblauer Teppich, Bücherregale erstreckten
sich über die gesamte Wand. Ein Klavier, ein Ledersessel
und ein großer Schreibtisch voller Bücher,
darüber ein Gemälde der Sängerin Fairouz und ein
signiertes Porträt des Dichters Paul Celan. Vater
hatte es auf einem Flohmarkt in Wien gekauft.
Der Vater kam zurück, seine Augen leuchteten
hinter der schwarzen, rechteckigen Brille. Gadi mied
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die Augen seines Vaters und blickte in jene von Paul
Celan.
«Das gehört dir, vielleicht brauchst du es einmal»,
sagte der Vater und reichte ihm ein gelbes Skizzenheft.
Gadi bedankte sich flüchtig und verabschiedete
sich.
Er war sechs Jahre alt gewesen, als ihm die Mutter
dieses Skizzenheft gekauft hatte.
«Jetzt schreiben wir deinen Namen auf Hebräisch
und Deutsch darauf», hatte Mutter gesagt.
«Und Arabisch?», hatte er gefragt.
«Du kannst ihn nicht auf Arabisch schreiben, weil
er dort nicht existiert», hatte sie gesagt.
Vor dem Haupteingang des Krankenhauses klingelt
sein Telefon erneut.
«Ich hoffe, du kommst noch, bevor es zu spät ist»,
sagt Tamar.
«Ich stehe vor dem Haupteingang. Welche Ab teilung?
Welche Etage?»
«Wir sind auf der Intensivstation. Nicht durch
den Haupteingang, sondern weiter links. Frag bei
der Information. Du siehst mich dann im Flur.»
Tamar ist schwarz gekleidet und eilt ihm entgegen.
Ihre Schritte sind schnell, sie wirkt verwirrt,
ihr Gesicht sieht anders aus als früher.
Sie umarmen sich. Es ist einer der schönsten
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Mo mente seit sehr langer Zeit – seit er Israel verlassen
hat. Tamar verströmt den Duft der Mutter
und deren Wärme. Ein un bestimmbares Gefühl
durchfährt ihn, als sie ihn drückt, eine Mischung
aus Traurigkeit und Wut, Hoffnung und Angst. Aber
die Liebe überlagert alles; Gadi ist, als um arme er
sich selbst zum allerersten Mal. Es sind inzwischen
sieben Jahre her, seit sie sich gesehen haben.
Und auch das ist ihm vertraut: eine Art bittere
Sprachlosigkeit, mit der er aufgewachsen ist.
«Das ist das Zimmer. Er ist wieder nicht ansprechbar»,
sagt Tamar und zeigt auf eine nüchterne Tür.
Ein schmaler, großer Mann liegt auf einem Metallbett,
das mitten in dem kleinen Zimmer steht, um
geben von Geräten, die Geräusche machen, blinken
und leuchten. Das bleiche Gesicht des Vaters ragt
aus dem hellblauen Patientengewand. Es ist nicht
der Vater, den Gadi in Erinnerung hat. Es ist ein
Mensch, der in einem sehr tiefen Schlaf liegt oder
in einer ungeheuren Einsamkeit.
Gadi schließt die Augen, um sich der Situation
nicht weiter stellen zu müssen. Aber eine Flut von
Bildern bedrängt ihn. Bilder vom Vater, von all den
alten Ge schich ten, als hätte es die darauffolgenden
dreißig Jahre nie gegeben.
Als sein Vater die Familie verlassen hatte. Es war ein
ge wöhnlicher Abend gewesen, die Mutter stellte
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Früchte auf den Tisch, Tamar und Gadi saßen in
der Stube, nachdem die Mutter ihren Streit um die
Hängematte ge schlichtet hatte – 30 Minuten für
jeden, dann musste man raus. Gadi erinnert sich
an die Ruhe, die diese einfache Lösung in den Raum
brachte, und an den Augenblick, als Vater das Wohnzimmer
betrat. Er legte einen Koffer auf das Sofa,
öffnete ihn langsam, warf ein paar Papiere und
Bücher hinein und ging zurück ins Schlafzimmer.
Nach ein paar Minuten kam er zurück mit einer
Mappe, stellte sie neben den Koffer und begann, in
den Bücherregalen etwas zu suchen.
«Willst du verreisen?», unterbrach Tamar die
Stille.
«Ja», antwortete Vater.
Die Mutter sah ihm ruhig beim Packen zu.
«Wie lange bleibst du weg?», fragte Tamar.
«Ich weiß es noch nicht genau. Ich muss jetzt
gehen.»
Mit diesen Worten hatte er das Haus verlassen.
Gadi erinnert sich bis ins kleinste Detail an dieses
geräuschlose Weggehen. Und wie die Mutter
jahrelang versucht hatte, Worte dafür zu finden.
Er öffnet die Augen, eine Krankenschwester lächelt
ihn an. Er weicht ihrem Blick aus und starrt stattdessen
auf seine Fingernägel.
«Das ist das dritte Mal in den letzten vierund
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zwanzig Stunden, dass Ihr Vater nicht ansprechbar
ist», sagt die Krankenschwester.
Tamar nähert sich ihrem Bruder. Er versucht, ins
Geschehen zu finden, nicht außerhalb zu sein. Sanft
berührt er die Schultern seiner Schwester. Dann
spürt er Tamars Hand. Sie hält ihn fest. Ein be ru higendes
Gefühl von Frieden steigt aus der Tiefe seines
Innern auf.
Zwei Wochen vor seinem Tod hatte der Vater seine
An wältin getroffen, um sein Testament zu ändern,
das in Hebräisch und Arabisch verfasst war. Jetzt
sitzen die Geschwister im Büro der Anwältin, einer
Frau um die fünfzig, an einem runden Tisch. Sie
betrachtet die beiden aufmerksam, dann sagt sie:
«Ihr Vater hat mir diese korrigierte Version seines
Testaments überreicht. Es trägt, wie Sie sehen,
seine Unterschrift. Auch diese Mappe hier hat er
mir übergeben.» Sie zeigt auf eine schwarze Ledermappe
mit einem glänzenden Metallschloss. «Ihr
Vater hat mich beauftragt, es Ihnen noch vor den
Trauerzeremonien vorzulesen», sagt sie höflich.
Sie richtet ihre Brille und beginnt zu lesen:
Ich möchte, dass mein Leichnam eingeäschert wird.
Die eine Hälfte der Asche soll in Jerusalem der Erde
beigesetzt werden, im Grab meiner Mutter. Die andere
Hälfte soll in Bagdad unter der alten Brücke im Tigris
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verstreut werden. Dort, wo ich die schönsten Momente
meiner Kindheit verbracht habe. Ich glaube, dies wird
meinen Tod leichter machen und meine Schritte auf
dem Weg zur Ewigkeit der Seele beschleu nigen.
Heute bin ich vierundachtzig Jahre alt geworden.
Ich bin das letzte Mitglied der Familie Mieche, das in
Bagdad zur Welt kam. Und nach meiner Mutter werde
ich das zweite sein, das nicht im Irak stirbt. Ich empfinde
mich als Hüter eines Bildes, das bruchstückhaft
in meiner Erinnerung ruht. Bevor ich abends in den
Schlaf falle, tauche ich ein in die Räume und Orte meiner
Kindheit, gehe die Wege, die ich in Bagdad kannte.
Ich berühre die Steine der Mauer, die die alte Mühle
umgibt, und rieche den Sand, den der Wind am Ufer
des Tigris aufwirbelt. Ich erinnere mich an die alten
Bagdader Gassen. Vor allem an die eine, in der ich als
Kind einen Dinar fand. Mein Herz hörte fast auf zu
klopfen vor Freude. Der Dinar rollte vor meinen Augen
dahin, in Schwung gehalten von einem sanften Wind.
Ich rannte hinterher wie verrückt und schnappte ihn
schließlich wie ein Reiher den Fisch. Ich erinnere mich,
wie ich über die alte Brücke zum Haus meines Onkels
ging.
In dieser Stadt verbrachte ich die schönsten Tage
meines Lebens, besonders im Frühling und im Sommer.
Ich ging mit einem Freund an das südliche Ufer
des Flusses, dorthin, wo ein großer Baum sich über den
Fluss beugte, als ob er den Tigris küsste oder etwas in
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sein Ohr flüsterte. In meinem Gedächtnis nistet noch
immer das Lied, das die Frauen sangen, die ihre Wä
sche und ihr Geschirr am Ufer wuschen. Es war unter
der alten Brücke, auf dem Asphalt dieser Brücke versuchten
wir als Kinder, die Autos zu hören, bevor sie
kamen. Wir legten unser Ohr auf den Boden, und einer,
den wir Latif den Lügner nannten, behauptete, dass
er nicht nur jedes Auto hören könne, sondern auch die
Stimmen der Menschen, die darin saßen. Er erfand
Geschichten und behauptete, er habe sie aus den Ge
sprächen der Menschen gehört.
Die Wellen des Tigris höre ich noch immer wie das
Lied, das über diese Wellen getragen wurde. Alles war
weit, und der blaue Himmel war den Dächern dieser
Stadt und den Kronen ihrer Bäume und Palmen nah.
Auch meinem Baum, von dem ich nicht weiß, welcher
Art er war, von dem ich aber nie vergesse, wie er seinen
stärksten Ast beschützend über den Tigris streckte.
Die Anwältin blickt auf und schaut die beiden an.
Dann nimmt sie einen Schluck Wasser, tippt mit
dem Finger an ihre Brille und liest weiter.
Es ist mir bewusst, dass mein Wunsch nicht einfach
zu erfüllen sein wird. Wenn es nicht geht, dann geht
es nicht. Und doch ist es mein einziger Wunsch. Er soll
meinen Tod zur Vollendung meines Lebens machen
und meine Seele befreien, denn wenn euch das gelingt,
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wird mein Tod nicht mein Ende sein. Die meiste Zeit
meines Lebens verbrachte ich damit, irgendwelche
Regeln zu befolgen. Jetzt möchte ich, dass mein Tod so
wird, wie ich ihn mir wünsche, und nicht so, wie es die
Sitten vorgeben.
Liebe Tamar, lieber Gadi, es interessiert mich überhaupt
nicht, ob ihr das Kaddisch über meiner Leiche
betet. Es interessiert mich auch nicht, wann meine
Asche beigesetzt wird oder ob ihr überhaupt eine Ze
remonie für die Trauertage abhaltet. All das ist mir
gleichgültig. Das Einzige, was meinen Tod leichter
machen kann, ist, dass ihr beide im Moment des Sterbens
da seid. Ich glaube, meine Seele wird in die Ewigkeit
eingehen, wenn ihr die letzten Sekunden meines
Lebens direkt miterlebt.
Was meinen Nachlass betrifft: Ich habe meine Bü
cher dem Institut für babylonische Forschung und
Geschichte in Tel Aviv vermacht – sie wissen Bescheid.
Alles andere, was in meinem Besitz ist – meine Wohnung,
die Dinge, die sich darin befinden, die Aktentasche
mit meinen Aufzeichnungen zur Geschichte
meiner Familie, mein Bankkonto sowie dieses Testament
–, vererbe ich euch, meinen beiden Kindern Gadi
und Tamar. Ihr könnt die Sachen unter euch aufteilen
und damit machen, was ihr wollt. Das Einzige in
meiner Wohnung, was euch nicht gehören soll, ist
meine Laute. Die ist für meinen Freund Sami Jandl in
Ramallah bestimmt. Seine Adresse bekommt ihr von
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meiner Anwältin, Frau Howard, die euch dieses Testament
vorliest.
Zum Schluss bitte ich euch, auf meinen Grabstein
diese Verse von Fernando Pessoa zu setzen:
Ich bin nichts.
Ich werde nie etwas sein.
Ich kann nicht einmal etwas sein wollen.
Abgesehen davon trage ich in mir alle Träume
der Welt.
In meinem Leben bin ich einen weiten Weg gegangen.
Während ich diese Zeilen schreibe, spüre ich die endlose
Ebene, die ich hinter mir gelassen habe. Ich bereue
keinen einzigen Schritt, den ich in meinem Leben ge
gangen bin. Was eigentlich hat mich bei all meinen
Schritten begleitet? Ich weiß es nicht. Die Liebe vielleicht?
Oder die Hoffnung?
Ich hoffe, ihr versteht meinen Wunsch.
Euer Vater, Zakai Mieche
Jerusalem, 19. Februar 2018
Im Taxi zurück zum Flughafen starrt Gadi aus dem
Fenster. Palmen stehen schlank und hoch entlang
der Autobahn, der Duft ihrer Wedel erfüllt auch das
Auto.
Sein Flug nach Zürich geht in zwei Stunden.
Als die zwei Angestellten des Krankenhauses
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den Leichnam des Vaters auf den Totenwagen ge legt
und ihn langsam durch den langen Flur ge schoben
hatten, war alles still geworden. Selbst die Sprache
war im Sterbezimmer zurückgeblieben. Schweigend
hatten die beiden Geschwister das Krankenhaus
verlassen. Ein Schweigen, das auf Gadis Haut
kleben geblieben war.
Die sieben Trauertage hatten Gadi und Tamar mit
ihrer Familie eingehalten, dem Testament zum
Trotz. Die beiden sprachen wenig miteinander, und
ihre Sätze waren wie Nebel, weder Luft noch Wasser.
Sie hinterließen bloß Fragen und einen leeren Raum,
als würde einer den anderen einladen, ihn zu füllen.
Erst am letzten Tag gab sich Tamar plötzlich
einen Ruck: «Es gibt Momente im Leben, in denen
die großen Streitereien ihre Macht verlieren. Sie
werden banal und lächerlich. Einer dieser Momente
ist der Tod. Stimmt’s?»
Er hörte einen verschleierten Ärger in ihrer Stimme.
«Er wollte dich unbedingt sehen. Hättest du dich
mit ihm versöhnt, wenn er diesen Herzinfarkt überlebt
hätte?»
«Was für einen Wert hat eine Versöhnung so kurz
vor dem Tod? Ist sie nötig? Für wen? Für ihn? Für
mich? Für uns?», entgegnete Gadi, ohne dass er sich
bewegte in dem Schaukelstuhl, in dem er saß.
Tamar schwieg.
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«Ich mag eigentlich nicht darüber reden. Diese
Art von Versöhnung kommt mir vor, wie wenn man
einem fertigen Text ein Wort hinzufügen will, das
es nicht braucht. Weder sein Verlust noch sein
Ge winn ist relevant», sagte Gadi.
«Hör auf, wie ein Professor zu reden», fuhr ihn
Tamar an.
«Du stellst mir philosophische Fragen nach dem
Tod und der Versöhnung, wie willst du sie beantwor
tet haben?»
«Gadi, wir sprechen über unsern Vater …»
«Ja ja, ich weiß. Aber ich bin nicht wie Vater.»
«Das ist nicht das Problem», sagte Tamar.
«Doch, das ist das Problem. Er wollte, dass ich so
bin wie er, und das ist unmöglich. Nichts habe ich
von ihm außer dem Familiennamen. Und ich wüsste
nicht, warum dann der Tod, diese endgültige Trennung,
ein Grund zur Versöhnung sein sollte», regte
sich Gadi auf. Er musste erneut daran denken, wie
der Vater die Familie verlassen hatte. Vor seinem
inneren Auge sah er die Mutter, wie sie regungslos
in der Mitte des Wohnzimmers stand und schweigend
auf ihren Mann blickte. «Du hast mich gefragt,
ob ich das Archiv und die Tagebücher unseres Vaters
mitnehmen könnte. Warum?»
«Das weiß ich nicht genau. Ich glaube, es ist besser,
diese Dinge nicht hier zu haben. Dass sie einen
anderen Ort bekommen. Bist du dagegen?»
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«Nein, ich kann das schon machen, ich wollte nur
verstehen, warum.»
«Nimm sie bitte einfach zur Sicherheit mit.»
Gadi schwieg, warf ihr einen besänftigten Blick
zu.
«Ja, ich kann es machen.»
«Danke. Aber du musst mir versprechen, dass du
nichts damit unternimmst, ohne es mit mir abzusprechen.
Kannst du mir das versprechen?» Tamar
schaute ihren Bruder prüfend an und erhob sich.
«Und noch etwas. Könntest du zudem die Hälfte
der Asche mit in die Schweiz nehmen, die Vater in
den Tigris gestreut haben wollte?»
«Warum das?»
«Warum nicht, Gadi? Seit deiner Ankunft hier
stellst du mir ständig Fragen. Du weichst allem aus
und benimmst dich, als wäre Zakai mein Sohn ge
wesen und nicht unser Vater. Ich kenne die Ge
schich te, Gadi, ich kenne sie. Doch wir können nicht
jedes Mal wieder bei dieser alten, nie verheilten
Wunde beginnen, wenn wir eigentlich über anderes
sprechen sollten. Das alles belastet mich, verstehst
du?»
Gadi schwieg, als hätte er nichts gehört.
«Jedenfalls kann ich nicht als Frau und erst recht
nicht mit meinem israelischen Pass in den Irak
reisen», meinte Tamar schließlich: «Es liegt also
an dir. Wenn du nicht willst, verstreust du sie viel
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leicht einfach in den Alpen? Erinnerst du dich,
damals im Tirol? Wie er von den Alpen geschwärmt
hat, den Landschaften und der Ruhe? Er hat das
ge liebt.»
Gadi war stumm geblieben.
Beim Abschied sagte Tamar: «Ich verstehe dich
und deine Gefühle. Ich bitte dich: Wir sollten nicht
länger verhaftet bleiben in dem, was unsere Be
ziehung jahrzehntelang erschwert hat. Bitte, lass
den Tod des Vaters zu einer zweiten Geburt für
unsere Beziehung werden. Kannst du mir versprechen,
dass du mich ab und zu anrufst? Und bitte:
Komm wieder.»
Und Gadi hatte sie daraufhin fest umarmt. «Ich
versuche es.»