Die gestohlene Zeit (Leseprobe, Sept 25)
Sam Sedgman Die gestohlene Zeit 320 Seiten, Hardcover, Euro (D) 16 | Euro (A) 16.90 | CHF 24 ISBN 978-3-03876-365-9 (Midas Kinderbuch) Isaac Turner ist zwölf Jahre alt. Sein Vater ist Uhrmacher in London und zuständig für den BIG BEN! Als die Uhren für die Sommerzeit zurückgestellt werden, verschwindet Isaacs Vater aus dem Glockenturm und hinterlässt eine kryptische Nachricht. Auf der abenteuerlichen Suche nach ihm kommt Isaac einem finsteren Komplott aus Regierungskreisen auf die Spur. In einem Wettlauf gegen die Zeit muss er seinen Vater retten … und sogar die Zeit selbst.
Sam Sedgman
Die gestohlene Zeit
320 Seiten, Hardcover, Euro (D) 16 | Euro (A) 16.90 | CHF 24
ISBN 978-3-03876-365-9 (Midas Kinderbuch)
Isaac Turner ist zwölf Jahre alt. Sein Vater ist Uhrmacher in London und zuständig für den BIG BEN! Als die Uhren für die Sommerzeit zurückgestellt werden, verschwindet Isaacs Vater aus dem Glockenturm und hinterlässt eine kryptische Nachricht. Auf der abenteuerlichen Suche nach ihm kommt Isaac einem finsteren Komplott aus Regierungskreisen auf die Spur. In einem Wettlauf gegen die Zeit muss er seinen Vater retten … und sogar die Zeit selbst.
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s a m
s e d g m a n
Für meinen Vater,
der die Uhren immer am Laufen hält.
SAM SEDGMAN
Aus dem Englischen
von André Mumot
MIDAS
JUNIOR
© 2025 Midas Verlag AG
1. Auflage
ISBN 978-3-03876-365-9
Text: © Sam Sedgman, 2024
Illustrationen: © Stephanie Shafer, 2024
Weitere Illustrationen: seb@kja-artists.com, 2024
Karten und Querschnitt von Big Ben: © Thy Bui, 2024
Übersetzung: André Mumot
Lektorat: Marietheres Wagner
Korrektorat: Kathrin Lichtenberg
Layout: Ulrich Borstelmann
Cover: Stefan Hilden
Druck & Bindung: Finidr
Midas Verlag AG, Dunantstrasse 3, CH 8044 Zürich
Webseite: www.midas.ch, E-Mail: kontakt@midas.ch
Midas Büro Berlin, Mommsenstraße 43, D 10629 Berlin
E-Mail: berlin@midasverlag.com (GPSR)
Originaltitel: »The Clockwork Conspiracy«
© 2024 Bloomsbury Publishing Plc, London
Printed in Europe
Alle Rechte der deutschen Ausgabe
© 2025 bei Midas Verlag AG
Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich
geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Textund
Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor.
Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
»Mach dir keine Sorgen, dass die Welt heute untergehen
könnte. In Australien ist schon Morgen.«
Charles M. Schulz
»Zeit ist eine Illusion.«
Albert Einstein
GLOCKENTURM
AYRTON-LICHT
GROSSE GLOCKE
GEWICHTSSCHACHT
VIERTELSTUNDENGLOCKEN
TREPPENHAUS
UHRWERKSKAMMER
VERLASSENER
BRENNOFEN
SANDSÄCKE
EINS
In der Nacht, in der die Uhren zurückgestellt wurden, stieg Isaac
Turner zu Big Ben hinauf, um seinem Vater dabei zuzuschauen, wie
er die Zeit anhielt.
Es gab dreihundertvierunddreißig Stufen im Inneren des Elizabeth
Tower, und als Isaac über das Geländer schaute, schien sich die Wendeltreppe
unter ihm wie ein Teleskop in die Tiefe zu ziehen. Sofort
wurde ihm schwindlig. Er mochte Höhen nicht, aber der schwierige
Aufstieg war es jedes Mal wert – schließlich wurde er mit einem Blick
auf das fantastische Uhrwerk an der Spitze belohnt.
»Komm schon, du Schnecke!«, rief Dad von oben. »Ist nicht mehr
weit.«
Isaacs Dad war Horologe – das heißt, er kümmerte sich um Uhren,
um kleine und große. Hier, im Palast von Westminster, war er der
Hüter der Großen Uhr, der berühmtesten auf der ganzen Welt. Alle
dachten, dass sie Big Ben genannt wird, aber das stimmte nicht.
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»Ich bin fast da!«, rief Isaac und eilte die letzten Stufen hinauf.
»Siehst du?«
Sein Dad blinzelte ihm freundlich zu, als er auf dem Absatz ankam.
Diggory Turner war ein kleiner Mann mit einem tellerrunden Gesicht.
Lockige schwarze Haare umspielten seine Schläfen, während sein
Schädel so kahl war wie ein Kornkreis. Eine Drahtgestell-Brille saß auf
seiner Stupsnase, und darunter begann sein zerzauster Vollbart. Er
trug einen dunkelblauen Overall über weißem Hemd und Weste, dazu
ausgetretene, schwarze Lederschuhe. »Bist du bereit?«, fragte er.
»Natürlich.« Isaac grinste. Um nichts in der Welt hätte er das verpassen
wollen.
Die Uhrwerkskammer war ein großer Raum mit weißen Wänden
mitten im Turm, und sie wurde von schweren Eisenstangen durchkreuzt.
Auf einer erhöhten Plattform in der Mitte zogen glänzende,
schwarze Apparaturen Isaacs Blick auf sich. Sie brachten seine Augen
vor Aufregung zum Strahlen.
Dies war die Uhr, das Herz von allem. Dies war die Maschine, die
die Zeit maß.
Hebel und Zahnräder, die so groß waren wie Isaac, schoben sich in
Zylinder, an denen schwere Kabel nach oben und unten führten. Die
massiven Eisenstangen waren durch die Wände zu allen vier Seiten
mit den gewaltigen gläsernen Zifferblättern verbunden, die über die
unter ihnen gelegene Stadt wachten. Die Maschinerie lag totenstill,
wie ein schlafender Drache. Nur ein kleiner Hebel in der Mitte schob
sich alle zwei Sekunden mit einem leisen Tick vorwärts.
»Wo fangen wir an?« Erwartungsvoll schaute sich Isaac um.
»Einen Moment«, erwiderte Diggory. Er hatte eine glänzende goldene
Taschenuhr hervorgezogen, groß wie ein Haferkeks, die mit einer
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dünnen Goldkette an seiner Weste befestigt war. Er ließ sie aufschnappen,
um die genaue Uhrzeit zu überprüfen. »Und jetzt!«
Der schlafende Drache erwachte. Mit einem plötzlichen Klicken
begannen die Getriebe und Hebel sich zu drehen und ihre Zahnräder
ineinander zu schieben. Die Kabel, die aus der Decke herabhingen,
schwangen vor und zurück, und aus dem Glockenturm über ihnen
hörte Isaac das Schlagen der Viertelstundenglocken.
BING bong bing BONG … bing BONG BING bong … BING
BONG bing BONG …
Ein Metallfächer drehte sich klickend um die eigene Achse und
blieb stehen, als das Geläut verstummte. Der Mechanismus kam
wieder zur Ruhe, und der Drache fiel in neuen Schlaf.
»Einundzwanzig Uhr fünfundvierzig.« Mit zufriedenem Nicken verstaute
Diggory die Uhr in seiner Weste. »Und man merkt noch nicht
mal, dass die G-Dur-Glocke rausgenommen wurde. Wir haben drei
Minuten. Hilf mir, meine Werkzeuge auszulegen!«
Er stellte seine Tasche ab und rollte ein Bündel aus Stoff aus, in
dem sich Spanner, Schraubendreher und Zangen befanden.
»Ich wünschte, du hättest mich schon früher mitarbeiten lassen.«
Isaac kniete sich auf die Dielen, bereit, seinem Vater zu helfen.
»Früher warst du noch zu klein«, sagte Diggory.
»Nein, war ich nicht!«, protestierte Isaac. »Seit ich zehn bin, weiß
ich, wie diese Uhrwerke funktionieren.«
»Als ich dich zum ersten Mal mit hier heraufgenommen habe, warst
du so aufgeregt, dass du dir im Schlagwerk beinahe die Finger zerquetscht
hättest.«
»Ich wollte die Zahnräder sauber machen!«
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»Deine Finger hatten da nichts zu suchen. Aber das ist schon in
Ordnung. Ich weiß, dass du bei sowas einfach nicht widerstehen
kannst. An allem musst du herumschrauben – da bist du genau wie
ich.«
»Aber jetzt bin ich schon fast dreizehn«, entgegnete Isaac.
»Deshalb habe ich dich heute ja auch mitgenommen. Ich muss dir
zeigen, wie die Uhren zurückgestellt werden. Für den Fall … nun ja.«
Er verzog das Gesicht. »Für den Fall, dass wir das heute zum letzten
Mal tun.«
Isaac sah, dass sein Dad vor sich hin starrte. Diesen Blick setzte er
immer auf, wenn er an das Neue-Zeit-Gesetz dachte.
»Sollen wir die Uhr jetzt anhalten?«, fragte er, um ihn aus seiner
Grübelei zurückzuholen.
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»Ja«, sagte Diggory. Dann näherte er sich dem gewaltigen Uhrwerk.
»Erst einmal entfernen wir den Sicherheitsriegel« – er nahm einen
Spanner zur Hand, um die schwarze Mutter von einer langen Schraube
zu lösen – »und unterbrechen die Verbindung zum laufenden Uhrwerk.«
Er löste die Mutter vom Gewinde und legte sie sorgsam auf die
Dielenbretter. Seine Fingerspitzen waren mit Schmierfett bedeckt.
»Und jetzt gib mir deine Hand.«
Isaac streckte ihm die Hand entgegen. Sein Dad nahm sie, und
gemeinsam griffen sie ins Uhrwerk hinein, bis sie tief im Inneren einen
bestimmten Hebel gefunden hatten. Isaacs lange Finger schlossen
sich darum.
»Was mache ich jetzt?`«, fragte er.
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»Zieh daran, wenn ich es dir sage«, erwiderte Diggory. »Heute darfst
du sie anhalten.«
Isaacs Herz klopfte laut, und sein Gesicht leuchtete auf. »Wirklich?«
»Aber erst, wenn ich es dir sage, im richtigen Moment.« Diggory
legte eine Hand auf Isaacs Schulter. »Um einundzwanzig Uhr achtundvierzig,
keine Sekunde später. Bereit?«
Isaac nickte. Er wagte nicht zu atmen, wartete nur auf das Ticken.
Dann stutzte er. In der Stille glaubte er, ein unterdrücktes Husten
wahrzunehmen.
»Hast du das auch gehört?« Isaac drehte sich zur Treppe um.
»Bloß der Wind.« Diggory musterte seine Taschenuhr. »Bereit?
Drei, zwei, eins – jetzt!«
Isaac zog am Hebel. Er musste seinen Bizeps anspannen, denn das
Ding ließ sich nur schwer bewegen. Tief in der Maschine ächzte das
Getriebe, aber endlich löste sich der Hebel und rastete mit einem
dumpfen Klong ein.
»Einundzwanzig Uhr achtundvierzig.« Diggory klopfte ihm anerkennend
auf die Schulter. »Gut gemacht.«
Isaac zog die Hand aus dem Uhrwerk.
»Ist sie wirklich stehengeblieben?«, fragte er.
»Hör doch.«
Isaac lauschte. Das Ticken war tatsächlich verstummt.
Hinter ihnen, auf der Treppe, bewegte sich jemand.
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ZWEI
Hattie schraubte den Deckel von ihrer Thermoskanne und gönnte
sich einen Schuss heißen Zitronentee. Hier oben auf dem Dach
durfte sie sich nicht aufhalten. Sie durfte vieles nicht – aber Hattie
machte es Spaß, die Regeln zu brechen. Wer sollte sie auch stoppen?
Ganz bestimmt nicht Claire Turnbull, die Serjeant-at-Arms, die Sicherheitschefin
hier im Palast. Hattie machte es die größte Freude, sie
auszutricksen. Das Leben war viel zu öde, wenn man sich immer nur
an die Vorschriften hielt.
Während sie trank, schaute sie zum Big-Ben-Turm hinauf. Sie beobachtete,
wie die Beleuchtung an der großen Uhr nach und nach ausgeschaltet
wurde – Zifferblatt für Zifferblatt. Die Zeit verschwand in
der diffusen Finsternis. Es war eine wolkige Nacht im Oktober, kein
Mond, keine Sterne waren zu sehen. Trotzdem wurde es in London
niemals wirklich dunkel. Unter ihr funkelten die roten und weißen
Lichter der Autos und Busse, während sie über die Westminster Bridge
rauschten, hinter der der Palast aufragte.
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Tatsächlich dachte bei diesem
Bauwerk niemand an einen Palast.
Wenn man sich die berühmten Paläste
Londons vor Augen hielt, fiel
einem sofort der Buckingham Palace
ein. Könige und Königinnen sollten
in Palästen leben, im Palast von
Westminster aber arbeiteten die
Politiker. Hier wurden Gesetze gemacht.
Es sollte ein »Palast des
Volkes« sein. Dennoch – hier oben
auf dem Dach kam sich Hattie in
diesem Moment wie eine Königin
vor.
Sie kramte in ihrem Rucksack
und zog ein Fernglas heraus, das sie
auf die dunklen Zifferblätter der
Uhr richtete. Sie waren um neun
Uhr achtundvierzig eingefroren.
Doch nun, im Londoner Zwielicht,
beobachtete sie, wie sich die Zeiger
erneut in Bewegung setzten. Nicht
rückwärts, wie sie erwartet hatte,
sondern vorwärts. Sie drehten sich in
hoher Geschwindigkeit. Der lange
Minutenzeiger sauste in Sekundenschnelle
einmal um das Blatt herum
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und zog den Stundenzeiger mit sich. Ohne, dass die Glocken anschlugen,
rauschten die Zeiger auf zehn Uhr an, dann weiter auf elf. Hattie
wurde fast schwindlig. Es war, als würde die gesamte Stadt durch die
Zeit rasen.
Unvermittelt kamen die Zeiger zum Stehen – auf einer Minute vor
Mitternacht. Die Zeit stand still. Hattie grinste. Sie fühlte sich wie
eine Forscherin, die auf ihrer Expedition eine neue Welt entdeckt
hatte.
Sie fragte sich, was in Zukunft mit dieser Uhr passieren würde. Das
Neue-Zeit-Gesetz würde ihr wahrscheinlich ein Ende setzen. Und
dass sie mitten in der Nacht umgestellt wurde, wie eben, würde wohl
nicht mehr vorkommen. Gut möglich, dass es gerade zum letzten Mal
passiert war – und sie, Hattie, war live dabei. Eine seltsame Mischung
aus Stolz und Traurigkeit erfüllte sie.
Während sie von ihrem Käse-Marmite-Sandwich abbiss, fiel ihr
etwas auf. Die Zeiger der Uhr rührten sich nicht, aber auf dem Turm
war eine Bewegung zu sehen. Sie presste das Fernglas gegen ihre
Augen. Es war im schummrigen Licht schwer zu erkennen, aber sie
glaubte, eine dünne Gestalt auszumachen, die am Rand des Glockenturms
stand. Sie hatte dichtes weißes Haar, und ihr langer Mantel
flatterte im Wind. Die Person schaute direkt zu ihr herüber.
Hattie zuckte zusammen und ließ vor Schreck ihre Thermoskanne
fallen. Sie rollte die abschüssigen Dachziegel hinab und prallte scheppernd
gegen einen Schornstein. Panisch huschte Hattie hinterher.
Nachdem sie sie in ihrem Rucksack verstaut hatte, wandte sie sich
wieder zum Glockenturm um. Noch einmal spähte sie durch ihr Fernglas.
Doch die Gestalt war verschwunden.
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Hatte sie es sich nur eingebildet? Oder schlug schon jemand Alarm?
Ohne lange innezuhalten und weiter darüber nachzudenken, kletterte
Hattie in einer breiten Regenrinne hinab. Dann eilte sie rasch über
das Dach davon, während die dunklen Zifferblätter am Turm bedrohlich
auf sie herabzuschauen schienen.
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DREI
Da«, sagte Isaacs Dad und schaltete einen Hebel in die korrekte
Position. »Genau elf Uhr neunundfünfzig.«
Er streckte die Hand aus und Isaac gab ihm High Five.
Sie hatten die Lichter hinter den Zifferblättern ausgeschaltet und
die Zeiger der Uhr auf kurz vor Mitternacht gedreht. Wie die Zeit
selbst konnte man auch die Uhr nicht rückwärtslaufen lassen.
»Warum elf Uhr neunundfünfzig?«, fragte Isaac und betrachtete
das kleine Zifferblatt aus Bronze im Herzen der Maschine, wo die
Zeiger unmittelbar vor der Zwölf hingen. »Bringen wir sie dann wieder
zum Laufen?«
»Erst einmal läuten die Viertelstundenglocken etwa eine Minute
lang«, erklärte sein Dad. »Mitternacht ist beim ersten Schlag der
großen Glocke, weißt du noch? Eine Minute vor Mitternacht lassen
wir sie weiterlaufen – vor der neuen Mitternacht also, sobald die
Uhren zurückgestellt werden. Jetzt haben wir aber erst einmal ein paar
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Stunden, in denen wir in Ruhe an ihr arbeiten können.« Er griff nach
einem Schraubendreher.
»Warum werden die Uhren denn überhaupt zurückgestellt?«, fragte
Isaac.
»Das weißt du doch«, erwiderte sein Vater.
»Ich weiß, dass wir das Tageslicht so gut wie möglich ausnutzen
wollen – sodass die Sommerabende länger werden und es an den
Wintermorgen heller ist.« Isaac runzelte die Stirn. Dies war der
Gesichtsausdruck, den man am häufigsten bei ihm sah – ein »Ich versteh
das nicht«-Stirnrunzeln. »Aber warum? Warum stehen wir nicht
einfach früher auf? Warum müssen wir die Uhren überhaupt umstellen?«
»Wir können nicht alle Menschen dazu bringen, sich so zu verhalten,
wie wir es gerne hätten, Isaac«, sagte sein Dad und hievte sich auf
die eisernen Balken hinauf. »Aber den Lauf einer Uhr zu ändern, ist
leicht. Und die Menschen tun immer, was die Uhr ihnen sagt.«
»Nur du nicht«, sagte Isaac. »Die Uhren tun, was du ihnen sagst!«
Sein Dad lächelte und machte einen vorsichtigen Schritt über ein
großes Getriebe im Zentrum des Uhrwerks hinweg – dem Antriebsmechanismus
der Uhr.
»Ich denke, da hast du wohl Recht«, sagte er. »Noch. Reich mir mal
die Ölkanne, ja?«
Isaac tat es, gefolgt von mehreren anderen Werkzeugen, um die ihn
sein Vater bat – einen langen Schraubendreher, einen Spanner und
schließlich einen Hammer, mit dem sein Dad sofort einen schrecklichen
Lärm erzeugte. Es erinnerte Isaac an ihren Schuppen, zu Hause
in ihrem Garten, wo die beiden sonntags am ganzen Stolz seines Vaters
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herumwerkelten – einem Vincent-Black-Shadow-Motorrad. Sie hatten
es vom Schrottplatz gerettet und reparierten es gemeinsam. Eines
Tages – bald, hoffte Isaac – würde es fertig sein, und sie würden damit
von ihrem Haus in Leytonstone aus am Fluss entlang fahren, den
ganzen Weg bis zum Meer.
»Hol mir mal einen Penny vom Stapel, ja?«, sagte Diggory und markierte
eines der Getriebe mit einem Stück Kreide. »Sie ist vorhin ein
bisschen vorgegangen.«
Isaac ging zum Pendel hinüber – es war sein Lieblingsbereich der
Uhr. Die gewichtige Pendelstange schwang sanft in einem Freiraum
unter dem Dielenboden hin und her, genauer gesagt, einmal alle zwei
Sekunden – so blieb die Uhr immer in der richtigen Zeit.
Eine Handvoll alter Kupfermünzen war auf dem Pendel gestapelt,
und als es auf ihn zu geschwungen kam, nahm Isaac vorsichtig eine
davon herunter.
»Wie kann es überhaupt sein, dass die Uhr vor- oder nachgeht?«
Isaac drehte die Münze in seiner Handfläche herum. »Ich dachte, das
Pendel würde immer den richtigen Takt einhalten?«
»Hitze, Staub, eine Taube, die sich auf den Stundenzeiger setzt.«
Sein Dad zuckte mit den Schultern. »Keine Uhr ist perfekt. Die Pennys
regulieren den Lauf jeden Tag um etwa eine halbe Sekunde. Das
bedeutet es, ein Horologe zu sein – winzigste Anpassungen vorzunehmen,
als würde man ein gewaltiges Schiff steuern.«
Isaac schaute zu, wie das Pendel hin und her schwang, und rieb den
alten Penny zwischen seinen Fingern.
»Deshalb magst du auch das Neue-Zeit-Gesetz nicht, oder?«, fragte
er vorsichtig. »Weil es eine zu große Veränderung ist?«
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Sein Dad seufzte. »Dieses neue Gesetz wird gar nichts ändern.«
»Aber es ändert doch alles!«, protestierte Isaac. »Oder nicht? Wenn
wirklich die metrische Zeitrechnung eingeführt wird? Dann kann man
keine einzige Uhr, keine einzige Armbanduhr mehr gebrauchen! Und
was passiert dann mit Big Ben?«
»Es hat keinen Sinn, sich jetzt darüber den Kopf zu zerbrechen«,
sagte Dad streng. »Vielleicht kommt das Gesetz ja doch nicht durch.
Machen wir uns mit solch einem Unsinn nicht diesen Abend kaputt.
Du bist hier, weil du mir dabei helfen willst, mich um die beste Uhr
auf der ganzen Welt zu kümmern – und genau das werden wir auch
tun. Also, ziehen wir die Gewichte auf.«
Er holte eine lange Metallkurbel unter dem Uhrwerk hervor. »Ich
hoffe, du hast noch ein bisschen Kraft übrig.«
»Wie schwer ist das Gewicht?«, fragte Isaac.
»Eine Vierteltonne.« Sein Dad blinzelte ihm zu. »Fühlst du dich
stark genug?«
Isaac fühlte sich alles andere als stark, aber bevor er dies zugeben
konnte, schallte ein unerwarteter Ton durch die Kammer.
… bing … bing … bing …
Das schwache Läuten einer Glocke drang von oben zu ihnen herab.
»F-Dur«, murmelte sein Dad und schaute hinauf. »Eine der Viertelstundenglocken.«
»Aber die Uhr ist doch ausgeschaltet«, sagte Isaac.
»Ich weiß.«
»Wie kann dann …?«
»Ich bin mir sicher, das hat gar nichts zu bedeuten«, erwiderte sein
Dad beschwichtigend. »Wahrscheinlich bloß ein Vogel. Warte hier.
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Ich sehe mal nach. In der Zwischenzeit kannst du dich schon mal
nützlich machen und mit dem Aufziehen anfangen.« Er klopfte Isaac
auf die Schulter. »Ich bin gleich wieder da.«
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VIER
Es war harte Arbeit, ein Gewicht von einer Vierteltonne den Mittelschacht
des Turms hinaufzuziehen. Die Kurbel, an der er
drehte, gab ein ohrenbetäubendes Quietschen von sich, während sich
die Getriebe und Ratschen drehten. Isaac packte den Griff so fest,
dass seine Handknöchel weiß wurden. Er stöhnte und schwitzte, während
er kurbelte und die zitternden Kabel in die Höhe zog, die durch
eine hölzerne Bodenklappe im Gewichteschacht verschwanden.
Die Gewichte trieben die Uhr an. Mit jedem Schwung des Pendels
sackte das Hauptgewicht im Turm ein kleines Stück ab. Dieser langsame
Abfall versorgte den Zahnradzug mit Energie – jenen Teil also,
der dafür sorgte, dass die Zeiger sich drehten. Hatten die Gewichte
den Boden des Schachtes erreicht, blieb die Uhr stehen, daher musste
sein Dad sie alle paar Tage wieder in die Höhe ziehen.
Mit brennenden Armen ließ Isaac die Kurbel los und sackte schwer
atmend auf die hölzerne Frachtkiste in der Ecke. Er wusste, er hatte
das Gewicht gerade mal ein paar Meter in die Höhe gezogen, aber er
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brauchte eine Pause. Die Kiste war mit Seilen verschnürt und hatte
etwa die Größe eines Sessels.
In seiner hinteren Hosentasche drückte ihn etwas. Es war die Kupfermünze,
die er vom Pendel genommen hatte. Er holte sie hervor und
rieb sie zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie war abgegriffen und
zeigte das Antlitz eines Königs, den Isaac
nicht kannte.
Es war ein alter Penny. Vor langer
Zeit hatten zwölf von diesen
Pennys einen Schilling ergeben
und zwanzig Schillinge ein Pfund.
Aber dann hatte die Regierung
das alte Geld aus dem Verkehr
gezogen – und alles deutlich vereinfacht:
Ein Pfund setzte sich jetzt aus
hundert Pennys zusammen. Man nannte das »Dezimalisierung«. Isaac
hatte dieses Thema gerade erst in der Schule durchgenommen,
schließlich hatte die Regierung vor, mit der Zeit dasselbe zu tun.
Wenn das Neue-Zeit-Gesetz in Kraft trat, würde sich die Art und
Weise verändern, wie das Land die Zeit maß. Statt vierundzwanzig
Stunden würde der Tag nur noch zehn haben. Eine Stunde hätte dann
einhundert Minuten, und hundert Sekunden ergaben eine Minute.
Man würde die Zeit dann genauso berechnen wie Gramm und Kilogramm.
Das sollte alles einfacher machen, schließlich wurden die
meisten anderen Dinge auch metrisch gemessen. Isaac wusste, dass
seinem Dad diese Vorstellung gar nicht behagte. Er hätte so gern mit
ihm darüber gesprochen.
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Isaac schaute sich in der Uhrwerkskammer um. Es wunderte ihn,
dass sein Dad schon so lange fort war. Also ließ er den Penny in eine
Kiste neben dem Pendel fallen und trat auf den Treppenaufgang
hinaus.
»Dad?«, rief er.
Sein Vater hatte Isaac gesagt, dass er hierbleiben solle, aber die
Neugier ging mit ihm durch. Das war meistens so.
Ein kalte Brise schlug ihm ins Gesicht, als er die Trittleiter aus
Metall hinaufstieg und auf dem Glockenturm ankam. Er zog sich seine
graue Wollmütze tiefer über den nicht zu bändigenden braunen Haarschopf.
Der Glockenturm hatte ein Dach, war aber an den Seiten
offen. Darunter breitete sich die Stadt aus wie ein Teppich aus Licht.
Die Schatten der Glocken hoben sich in der Düsternis ab – die kleineren
in den Ecken, die die Viertelstundentöne schlugen, und in der
Mitte die Glocke, die so berühmt war, dass ihr Name im Volksmund
auf die gesamte Uhr übergegangen war: Big Ben.
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Big Ben war größer als Isaac. Gegossen aus Kupfer und Zinn, wog
sie vierzehn Tonnen. Ihr wahrer Name lautete: The Big Bell, die Große
Glocke, aber niemand nannte sie so, genau wie auch die Uhr niemand
bei ihrem wahren Namen nannte. The Big Clock, die Große Uhr. In
raschen Stößen atmete Isaac die kalte Nachtluft ein.
»Hallo?«, rief er.
Der tief stehende Mond beleuchtete die glatte Oberfläche der
Glocke und machte eine zickzack-förmige Narbe auf dem Metall
sichtbar. Dort hatte die Glocke ihren Riss bekommen, vor vielen
Jahren, als ein viel zu schwerer Hammer genutzt worden war, um sie
zu schlagen. Man hatte sie geflickt, und seitdem war ihr Ton leicht verstimmt.
Deshalb hatten sie vor Kurzem auch die G-Dur-Glocke ausgebaut.
Man musste sie untersuchen und herausfinden, ob auch sie
Risse aufwies. Solange sie nicht hier war, wurde ihr Ton von einem
Lautsprecher eingespielt.
Als er keine Antwort bekam, überquerte Isaac den Glockenturm
und suchte nach seinem Dad. Doch er war nirgends zu sehen.
Unter der Sohle seines Turnschuhs knirschte etwas. Isaac blickte
nach unten und sah eine goldene Kette, die auf dem Boden funkelte.
Ihm drehte sich der Magen um. Am Ende dieser Kette befand sich die
Taschenuhr seines Vaters – die er niemals ablegte. Sie war geöffnet,
und das Glas über dem Zifferblatt war gesplittert.
»Dad?«, rief er noch einmal. Isaacs Herz schlug schneller. Er ging
um die große Glocke herum, und sein Blicke schossen in jede Ecke.
Es gab keine Spur von seinem Vater. Isaac huschte bis zum Geländer
hinüber. Eine Schar Tauben stob aus dem Turm und segelte in die
Tiefe auf den Westminster-Palast zu. Isaac beugte sich über die Brüstung,
aber vom Blick in den Abgrund wurde ihm sofort übel.
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»DAD!«, schrie er. Keine Antwort.
Er rannte zur Treppe zurück, stopfte sich die Uhr seines Vaters in
die Tasche und eilte zurück in die Uhrwerkskammer. Dort war alles so,
wie er es zurückgelassen hatte. Niemand war hier. Er eilte die Wendeltreppe
hinab und blieb auf jedem Absatz kurz stehen. Kein Mensch
war zu sehen. Schließlich stürmte er am Fuß des Turms aus der breiten
Eichentür. Auf dem Kreuzgang stieß er mit dem Mann vom Wachschutz
zusammen.
»Whoa, immer schön langsam, Kleiner!«, sagte der Wachmann und
hielt ihn an der Schulter fest. »Wo kommst du denn her?«
»Der Uhrmacher – Diggory Turner«, stieß Isaac atemlos aus.
»Haben Sie ihn gesehen?«
»Was? Nein, seit einer halben Stunde ist hier keiner mehr vorbeigekommen.«
Der Blick des Mannes huschte kurz zu einigen Zigarettenkippen
auf dem Boden. »Warum? Was ist denn los?«
»Er ist mein Dad.« Isaac schluckte. »Ich weiß nicht, wo er ist.«
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FÜNF
Solomon Bassala marschierte durch den Kreuzgang auf den Elizabeth
Tower zu, während sich sein burgunderroter Morgenmantel
hinter ihm aufbauschte. Es war ein ziemlich beeindruckender Morgenmantel,
aber Solomon Bassala war auch ein ziemlich beeindruckender
Mann. Breit wie ein Schrank, groß wie ein Ross und elegant
wie ein Katze, dominierte er sofort jeden Raum, den er betrat. Die
Wachen vor dem Uhrenturm traten rasch beiseite, als er sich näherte,
da sie den Speaker of the House sofort erkannten. Solomon rauschte an
ihnen vorbei und stieg die Stufen hinauf.
In der Uhrwerkskammer hörte er undeutliches Gemurmel. Mit eingezogenem
Kopf trat er durch die Tür.
»Guten Abend!« Seine volltönende Stimme ließ das Gerede augenblicklich
verstummen. »Wer kann mir sagen, was hier vor sich geht?«
»Mr. Speaker!« Eine kleine, blasse Frau in maßgeschneidertem
Jackett nahm augenblicklich Haltung an, als sie Solomon bemerkte.
Ihre Stiefel klackerten über den Boden, und sie trat auf ihn zu. Sie
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strich über ihren Bob aus glatten, schwarzen Haaren und versuchte,
nicht beunruhigt auszusehen. Solomon merkte jedoch gleich, dass es
ihr nicht gelang. »Sie hätten sich wirklich nicht bis nach hier oben
bemühen müssen.«
»Unsinn, Claire.« Er tupfte sich mit einem Taschentuch den
Schweiß von der Stirn. »Man hat mir mitgeteilt, Diggory wäre verschwunden.
Ich war in meinem Arbeitszimmer, und ich …« Sein Blick
fiel auf den dürren Jungen, der hinter einem der Zahnräder stand und
ihn mit großen Augen ansah. »Isaac Turner, bist du das?«
»Onkel Sol?«
Isaac trat vor. Der Junge klang erleichtert, aber Solomon sah die
Angst in seinen Augen.
»Sie kennen diesen Jungen, Mr. Speaker?«, fragte Claire überrascht.
Solomon ignorierte sie.
»Ist schon eine ganze Weile her, nicht wahr?« Er lächelte Isaac
freundlich an. »Was macht dein Laboratorium? Hast du es geschafft,
deine Rakete zum Fliegen zu bekommen?«
»Ja«, sagte Isaac mit einem kurzen Lächeln. »Im Sommer. Sie ist im
Garten von Mrs. Peach gelandet und hat ihre Zucchini in die Luft
gesprengt.«
»Sehr beeindruckend.« Solomon ließ sich am Rand des Uhrwerks
nieder und stopfte seine großen Hände in die Taschen des Morgenmantels.
»Wie ich höre, hast du einen recht außergewöhnlichen Abend
hinter dir. Warum erzählst du mir nicht, was passiert ist?«
»Isaac ist vorhin zu einem unserer Sicherheitsmitarbeiter gerannt,
Mr. Speaker«, begann Claire. »Er sagte, er könne seinen Vater nicht
finden.«
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»Ich weiß, dass Sie für die Palastsicherheit zuständig sind, Claire.
Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich es jedoch bevorzugen,
wenn Isaac mir das selbst erzählt«, sagte Solomon. Claire sträubte
sich, aber Solomon beachtete sie nicht weiter und nickte dem Jungen
aufmunternd zu. »Was ist passiert?«
Isaac erzählte ihm die ganze Geschichte. Wie sie die Uhr zurückgestellt
hatten und wie sein Dad danach zum Glockenturm hinaufgestiegen
und nicht zurückgekommen war.
»Wir haben den gesamten Turm abgesucht«, fügte Claire hinzu.
»Auch unten den Bereich rund um den Turm.« Sie räusperte sich.
»Nirgends findet sich eine Spur von Mr. Turner.«
»Wir wissen nicht, wo er steckt«, sagte Isaac. Sein Gesicht war
bleich.
»Und du hast nichts Merkwürdiges beobachtet?« Besorgt runzelte
Solomon die Stirn. »Oder etwas gehört? Hat dein Dad womöglich
erwähnt, dass er irgendwo hin musste? Hat er vielleicht eine Nachricht
hinterlassen?«
»Nein.« Isaac schüttelte den Kopf und schob die Hände tiefer in
seine Taschen. »Nichts.«
Solomon fragte sich, ob er wirklich ehrlich zu ihm war.
»Ich wusste nicht, dass dieser Junge Ihr Neffe ist, Mr. Speaker«,
sagte Claire.
»Ist er auch nicht – nicht offiziell«, erklärte Solomon. »Er ist mein
Patenkind. Sein Dad und ich sind alte Freunde. Und immer wenn ich
zu Besuch komme, ist Isaac so freundlich, mir eines seiner wissenschaftlichen
Experimente zu zeigen. Damit hat er auf sehr eindrucksvolle
Weise schon so manchen meiner Anzüge in Brand gesetzt.« Er
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legte den Kopf schief und schaute Isaac lange an. »Du hast sonst keine
Verwandten in der Stadt, nicht wahr, Isaac?«
»Nein.« Isaac schüttelte den Kopf. »Ich habe nur Dad.«
»Hm.« Solomon kaute auf seiner Unterlippe.
»Ich kann mit dem Jugendamt Kontakt aufnehmen, falls Sie meinen,
dass wir …«, begann Claire.
»Ganz sicher nicht!« Solomon unterbrach sie sofort. »Isaac bleibt
heute Nacht bei mir. Es ist schon viel zu spät, um etwas anderes zu
unternehmen. Er muss sich ausruhen.«
»Mr. Speaker, dies ist ein höchst ungewöhnliches Vorgehen«, sagte
Claire und hob die Hände. »Es gibt ein vorschriftsmäßiges Verfahren
in solchen Fällen. Die Polizei muss …«
»Es ist sehr spät, Claire«, entgegnete Solomon streng. »Isaac hat
schon genug durchgemacht. Ich lebe hier, ich kenne Isaac, und ich
habe ein Gästezimmer. Die Polizei kann morgen früh mit ihm sprechen.
Oder wollen Sie ihm heute Nacht noch mehr Unannehmlichkeiten
zumuten?«
Claire wandte ihren frustrierten Blick ab und schüttelte den Kopf.
»Danke«, sagte Isaac. Er sah erleichtert aus.
»Dann husch, husch!« Solomon erhob sich. »Ich sollte längst im
Bett liegen, und ich nehme an, du auch. Claire, Sie leiten alles Weitere
in die Wege?«
»Die Metropolitan Police wird jeden Moment hier sein. Ich spreche
dann mit dem leitenden Beamten«, sagte Claire. »Wir sperren den
Turm, bis die Beamten mit ihrer Arbeit fertig sind.«
»Ich bringe dich zu meiner Wohnung, Isaac«, sagte Solomon. »Ich
bin sicher, dein Vater taucht bald wieder auf.«
32
»Aber wir können noch nicht gehen!«, protestierte Isaac. »Was ist
mit der Uhr?«
»Was soll mit ihr sein?«
»Dad hat sie angehalten, um die Zeiger vorzudrehen«, sagte Isaac.
»Es ist doch bestimmt schon fast Mitternacht. Wir müssen sie wieder
in Betrieb nehmen!«
»Isaac, dein Vater ist nicht hier. Ich bin mir nicht sicher, ob …«
»Aber ich kann das!«, sagte Isaac. Er löste sich von seinem Patenonkel,
ging auf das Uhrwerk zu und kniete sich neben der Werkzeugtasche
seines Vaters auf den Boden.
»Ich kann nicht zulassen, dass du damit rumspielst«, schnappte
Claire. »Es handelt sich hier um Eigentum der Regierung.«
»Als ranghöchster Vertreter der Regierung in diesem Gebäude gebe
ich ihm die Erlaubnis«, entgegnete Solomon. »Wir können Big Ben
nicht im Dunkeln lassen.« Er kniete sich neben Isaac. »Du weißt
doch, was du tust, oder?«
Isaacs zog die Augenbrauen zusammen und nickte. Dann blendete
er die Welt um sich herum aus und konzentrierte sich ganz auf die
Hebel und Getriebe.
»Wie spät ist es?«, fragte er.
»Null Uhr siebenundfünfzig«, sagte Solomon nach einem Blick auf
seine Armbanduhr. »Oh, aber ich habe meine Uhr noch gar nicht
zurückgestellt.«
»Zähl bitte die Sekunden zurück bis dreiundzwanzig Uhr neunundfünfzig«,
sagte Isaac. Er griff ins Herz der Apparatur und tastete darin
herum. »Dann beginnt die neue Mitternacht.« Er schien sich zu beruhigen,
als seine Hand eine vertraute Stelle zwischen den Zahnrädern
fand. »Da bist du ja«, sagte er leise.
33
»Fünfzehn Sekunden«, sagte Solomon. »Zehn … fünf, vier, drei …«
Isaac packte den Griff fest an und zog den Hebel zurück. Metall
kreischte, die Getriebe knirschten, und das Hemmwerk rastete neuerlich
ein. Er ließ den Griff los. Die Uhr begann wieder zu ticken.
Solomon sprang zur Seite, als eines der Getriebe laut dröhnte, sich
drehte und Kabel abspulte, während die Viertelstundenglocken über
ihnen im Turm zu läuten begannen.
»Dein Dad ist ein guter Lehrmeister, nicht wahr?«, sagte er beeindruckt.
Isaac antwortete nicht. Er schaute nur zu Boden.
»Es wird alles gut.« Solomon legte ihm eine Hand auf die Schulter.
»Wir finden ihn.«
Dann führte er Isaac die Treppe des Glockenturms hinab, während
Big Ben die neue Mitternacht einläutete.
34
SECHS
Das Speaker’s House war ein großes Steingebäude auf dem Innenhof
in unmittelbarer Nähe des Glockenturms. Isaac folgte Onkel
Sol durch eine hohe Eichentür in einen Eingangsbereich mit Marmorboden
und einem dicken roten Teppich, der von goldenen Lampen
erhellt wurde.
»Hier wohnst du?«, fragte er verblüfft. »In einem Palast? Wie kommt
es, dass du uns nie hierher eingeladen hast?«
»Hier unten halte ich mich nur auf, wenn ich arbeite«, sagte Onkel
Sol und führte ihn eine reich verzierte Treppe hinauf. »Das ist hier
eigentlich eher mein Büro – aber ich habe eine kleine Wohnung im
obersten Stock, die sehr viel weniger opulent ist. Der Speaker of the
House ist die einzige Person, die hier im Parlament wohnen darf. Das
ist wirklich eine Ehre.«
Oben kamen sie auf einen Treppenabsatz, an dessen steinernen
Wänden jede Menge einschüchternde Gemälde hingen. Durch eine
unauffällige Seitentür führte Solomon ihn über einen engen Treppen-
35
aufgang zu einem deutlich gewöhnlicheren Flur, an dem ein Schild
hing. Wohnsitz des Speakers stand darauf. Mit einem großen Schlüssel
schloss er eine Tür auf und winkte Isaac hinein. Sie betraten einen
warmen Korridor mit ausgetretenem Teppichboden. Ein schwacher
Geruch von gebratenem Hähnchen lag in der Luft. Über einem Wirrwarr
aus Schuhen hingen Mäntel und Jacken an den Garderobenhaken,
und durch eine Tür konnte Isaac ein Badezimmer erkennen.
Onkel Sol blieb stehen und schaltete eine Lampe ein.
»Wir müssen leise sein«, flüsterte er und legte einen Finger an die
Lippen. »Meine Tochter schläft.« Er deutete auf eine geschlossene
Tür mit einem Muster aus goldenen Blumen. »Du erinnerst dich wahrscheinlich
nicht an sie, oder? Die meiste Zeit lebt sie bei ihrer Mutter.
Na komm, hier kannst du’s dir gemütlich machen.«
Er führte Isaac in ein Gästezimmer. Dann holte er ihm ein Handtuch,
eine Zahnbürste und einen viel zu großen Seidenpyjama. »Ich
fürchte, was anderes kann ich dir nicht anbieten«, sagte er entschuldigend.
»Danke, Onkel Sol.«
»Versuch, zu schlafen.« Sein Patenonkel lächelte ihm zu, aber Isaac
sah das Mitleid in diesem Lächeln. Als er sich abwandte, schloss Solomon
hinter sich die Tür.
Isaac fiel mit einem dumpfen Plumps aufs Bett und schaute zur
Stuckdecke hinauf. Innerhalb weniger Stunden war sein Leben völlig
auseinandergefallen. Es fühlte sich nicht real an. Sein Dad hatte sich
in Luft aufgelöst, und niemand konnte ihm sagen, warum – oder wie.
Er schob die Brille hoch, um sich die Augen zu reiben. Er hoffte, wenn
er sie wieder aufschlug, würde sein Dad zur Tür reinkommen und ihm
36
sagen, dass alles nur ein Missverständnis war – dass sie einfach nach
Hause gehen könnten.
Aber das passierte nicht.
Isaac zog die Taschenuhr seines Dads hervor und fuhr mit dem
Finger über das gesprungene Glas. Ein kleine Scherbe, so groß wie ein
Fingernagel, fehlte. Darunter ließ sich das Zifferblatt erkennen. Die
Uhr war stehengeblieben, tickte nicht mehr. Er drückte sie an sich. Er
hatte sie absichtlich nicht erwähnt, vor allem wegen Claire Turnbull.
Sie hätten sie ihm garantiert weggenommen.
Er hatte diese Uhr seines Vaters immer geliebt. Dad trug sie stets
bei sich, angesteckt an das Knopfloch seiner Weste. Das große Zifferblatt
verriet einem die Zeit und das Datum, und eine kleine Aussparung
ganz oben ließ sich als Stoppuhr nutzen, die Minuten und Sekunden
maß. Dad hatte sie ihm immer mal wieder geliehen, um seine
wissenschaftlichen Experimente zu stoppen. Isaac bemerkte, dass sie
nach acht Minuten und vierunddreißig Sekunden stehengeblieben
war. Vielleicht hatte sein Dad tatsächlich eine Zeit gestoppt.
Dann fielen ihm die Hauptzeiger auf.
Sie standen nicht richtig. Die Zeit war falsch.
Dad war nach einundzwanzig Uhr achtundvierzig verschwunden.
Sie hatten die Uhr in genau diesem Augenblick angehalten, die Zeit
mit seiner Taschenuhr abgestimmt.
37
Warum stand die Uhr dann auf halb zehn?
Isaac versuchte zu begreifen, was das bedeutete, merkte aber, wie
ihm die Augen zufielen. Er gähnte und beschloss, die Vorhänge zuzuziehen.
Er hielt nur noch einmal kurz inne, um einen Blick auf den
Fluss und die Westminster Bridge zu werfen.
Etwas bewegte sich hinter der Scheibe. Draußen vor dem Fenster
blinzelten ihn zwei Augen an. Erschrocken sprang Isaac zurück und
taumelte rückwärts gegen das Bett. Er sah, wie sich vor dem Nachthimmel
eine Gestalt bewegte. Rasch schaltete er das Licht aus und
erkannte, dass draußen auf dem Fenstersims ein Mädchen stand. Er
starrte es entgeistert an, und es starrte zurück. Neugierig legte es den
Kopf schief, dann hob es einen Finger an die Lippen. Es zwinkerte
ihm zu, kletterte weiter und war wieder verschwunden.
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SIEBEN
Pascal blieb auf der Westminster Bridge stehen und zog das vibrierende
Handy aus der Tasche seines langen, schwarzen Mantels.
Dann lehnte er sich gegen die Balustrade, und ein Windstoß spielte
mit seinem geisterhaft weißen Haar.
»Ist es erledigt?«, fragte der Anrufer.
»Ja«, erwiderte Pascal. »Alles ist geklärt.«
»Alles? Es ist Polizei im Palast. Warum?«
Pascal spürte, wie sich seine Kehle zusammenzog. Er warf einen
Blick zurück auf Westminster. Der Turm mit der Uhr leuchtete am
Nachthimmel wie ein zweiter Mond.
»Die werden nichts finden. Es gab bloß eine winzige Störung. Ich
habe mich aber darum gekümmert.«
»Was für eine Störung, Pascal?«
Er umklammerte das Brückengeländer, wollte nicht erklären, dass
er von ihrem ursprünglichen Plan abweichen musste.
»Sag es mir«, drängte der Anrufer.
39
Pascal tat es. Es war die
Schuld von diesem Kind! Auf
die Anwesenheit des Jungen
war er nicht gefasst gewesen
– er tauchte aus dem
Nichts auf und warf
seine Pläne über den
Haufen. Pascal mochte
keine Überraschungen.
Für ihn war jede Überraschung
ein Sandkorn, das im
reibungslosen Getriebe der Welt
feststeckte.
»Du bist ein großes Risiko eingegangen«,
sagte der Anrufer. »Ich
mag keine Risiken. Du bist dir
sicher, dass niemand Verdacht
schöpft?«
»Ich schwöre«, erwiderte Pascal.
»Alles läuft wie ein gut geschmiertes
Uhrwerk – genau wie es sollte. Ich
habe all meine Spuren verwischt.«
»Gut«, sagte der Anrufer. »Ich
wusste, dass du uns nicht enttäuschen
würdest.«
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In Pascals Brust flammte kurz Stolz auf, während die Viertelstundenglocken
von der Großen Uhr herüberschallten. Er schaute auf,
betrachtete die schweren eisernen Zeiger, die sich wie Skeletthände
vom leuchtenden Zifferblatt abhoben. Sehr passend, dachte er. Es sind
ja auch Skelette – Überbleibsel einer längst überholten Vergangenheit.
»Und was ist mit dem Schlüssel?«, fragte der Anrufer.
Pascals Auge zuckte. »Den hatte er nicht bei sich.« Er räusperte
sich kurz. »Aber wir wussten ja, dass das passieren könnte. Ich habe
meine Suche noch nicht beendet – morgen kann ich …«
»Der Schlüssel ist von entscheidender Bedeutung, Pascal«, sagte
der Anrufer drängend.
»Das weiß ich.«
»Ohne ihn wird der Plan scheitern.«
»Ich weiß!«, entgegnete Pascal barsch und bereute es sofort.
Der Anrufer blieb stumm. »Zügele dein Temperament!«, sagte er
schließlich. »Ich bin hier nicht derjenige, der seinen Auftrag nicht
erfüllt hat.«
Pascal schloss die Augen und senkte den Kopf. »Es tut mir leid«,
sagte er.
»Schon gut«, erwiderte der Anrufer. »Finde den Schlüssel! Morgen!«
»Das werde ich.«
»Du musst. Denk daran, was auf dem Spiel steht. Enttäusch’ mich
nicht, Pascal. Enttäusch’ uns nicht.«
»Das werde ich nicht«, entgegnete er. »Versprochen.«
Der Anrufer legte auf, und Pascal stieß einen langen Atemzug aus.
Die Lichter der Stadt tanzten vor seinen Augen, während er darüber
nachdachte, wie er ihren Plan weiterverfolgen konnte. Er wusste
genau, wo er nach dem Schlüssel suchen musste. Es würde keine
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weiteren Überraschungen geben. Das Kind würde sich seinem Erfolg
nicht noch einmal in den Weg stellen.
Pascal wandte sich vom Fluss ab und marschierte auf den Bahnhof
zu. Passanten standen in Gruppen um die Bars und Döner-Läden
herum, ihr Juchzen und Grölen schallte auf die Straße hinaus. Keiner
von ihnen wusste es, dachte Pascal, aber was er in dieser Nacht getan
hatte, würde das Leben von ihnen allen verändern – das Leben von
allen Menschen auf dieser Welt und auch die Welt selbst. Für immer.
42
ACHT
Hattie spähte zur Tür ihres Zimmers hinaus. Aus der Küche hörte
sie Stimmen und das Brutzeln von Speck. Rasch warf sie einen
Blick zurück, um sicherzustellen, dass ihr nächtliches Kletterabenteuer
über die Dächer keine Spuren hinterlassen hatte. Dann schlüpfte
sie in ihre Hausschuhe und ging zum Frühstück.
»Guten Morgen, mein Engel.« Die Stimme ihres Vaters schallte ihr
fröhlich entgegen, während er am Herd stand und mit einer Pfanne
herumhantierte. Er trug eine lange grüne Schürze – Ich bin der Herr im
Haus stand darauf. »Wie du siehst, haben wir Besuch: Das ist Isaac,
der Sohn von meinem Freund Diggory.« Er deutete mit seinem Pfannenwender
auf den dürren Jungen, der am Küchentisch saß. Es war
der Junge, den sie fast zu Tode erschreckt hatte, als sie vom Dach herabgeklettert
und am Gästezimmerfenster vorbeigekommen war. Seine
Augen blitzen beunruhigt auf, als er sie erkannte. »Sag hallo, Hattie«,
rief ihr Dad. »Sei nett.«
43
»Ich bin immer nett.« Hattie rutschte auf ihren Stuhl und schaute
Isaac vielsagend an. »Hallo, Isaac. Freut mich, dich kennenzulernen.«
Der Junge schien völlig verblüfft zu sein. Sie bemerkte seinen
schwarzen Pulli mit dem ausgeblichenen Bild einer Heavy-Metal-
Band darauf. Er hatte Löcher.
»Ihr seid euch schon mal begegnet«, sagte ihr Dad und beförderte
Bacon-Streifen auf ihre Teller.
»Nein, sind wir nicht«, sagte Isaac rasch.
»Doch, aber da wart ihr noch klein.« Solomon ließ sich auf dem
dritten Stuhl nieder. »Bevor Hattie aufs Internat gegangen ist. Ihr habt
zusammen bei euch im Garten gespielt, Isaac.«
Eine verschwommene Erinnerung an einen ungepflegten Rasen
kam Hattie in den Sinn, und nun fiel ihr auch wieder ein, dass sie
einem kleinen Jungen beigebracht hatte, wie man auf den Apfelbaum
neben dem Schuppen kletterte. Besonders geschickt hatte er sich
nicht angestellt.
»Isaac bleibt bei uns, bis wir Diggory gefunden haben«, erklärte ihr
Dad und schenkte sich eine Tasse Kaffee ein.
»Was ist denn mit ihm passiert?«, fragte Hattie.
»Er ist verschwunden«, sagte Isaac. »Aus dem Glockenturm. Heute
Nacht.«
»Aus dem Glockenturm?« Hattie klappte vor Überraschung die
Kinnlade herunter.
»Ja. Warum?« Isaac schaute sie groß an.
»Nur so.« Hatties Blick huschte zu ihrem Dad hinüber. »Ist bloß
komisch.«
»Er taucht schon wieder auf«, sagte Solomon rasch. »Die Polizei
sucht alles ab. Der alte Junge kann ja nicht weit sein.«
44
Hattie schluckte und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen,
während sie nach dem Besteck griff.
Auf dem Tablet, das an einem Blumentopf lehnte, lief eine Nachrichtensendung,
und die Stimme der Moderatorin erfüllte die Küche.
»… wird im House of Commons nächste Woche das Neue-Zeit-Gesetz
zum dritten Mal vorgelegt. Dann werden die Abgeordneten endgültig
darüber abstimmen, ob Großbritannien einen Zehn-Stunden-Tag einführen
wird. Damit wären wir das erste Land der Welt mit Dezimalzeit. Bei
mir zu Gast ist jetzt der Premierminister, Simon Rose, mit dem wir über
dieses Gesetz sprechen können …«
Hattie schaute zum Tablet auf und sah die schlanke, lächelnde
Gestalt des Premierministers. Die Studiolichter brachten sein mit viel
Gel zurückgekämmtes, kastanienbraunes Haar zum Glänzen.
»Herzlichen Dank, Laura. Allerdings muss ich sagen, dass wir nicht
das erste Land mit metrischer Zeitrechnung sein werden. Das alte China,
Indien und auch Frankreich im achtzehnten Jahrhundert haben sich die
dezimale Zeitrechnung zunutze gemacht.«
»Und sie wieder abgeschafft«, warf die Moderatorin ein. »Warum sollten
wir das heutzutage benötigen?«
»Die Welt ist digital«, sagte der Premierminister und öffnete die
Hände. »Warum sollte die Zeit es dann nicht auch sein?«
»Passiert das wirklich?«, fragte Hattie. »In der Schule wird dauernd
darüber geredet. Wir kriegen nicht wirklich einen Zehn-Stunden-Tag,
oder?«
»Gut möglich, dass das Gesetz nicht verabschiedet wird, mein
Engel«, sagte ihr Dad und spießte mit der Gabel ein Stück Bacon auf.
»Aber es wird eine knappe Entscheidung. Die Debatte morgen dürfte
45
hitzig werden. Die werden wie die Kesselflicker aufeinander losgehen
in der Kammer.«
»Und willst du, das es durchkommt?«, fragte Hattie. »Willst du,
dass wir hundert Sekunden in der Minute haben?«
»Du weißt ganz genau, dass ich dir das nicht beantworten kann«,
sagte ihr Dad mit einem Augenzwinkern.
»Warum nicht?«, fragte Isaac.
»In meinem Job muss ich völlige Neutralität wahren.«
»Wie siehst du das denn?«, fragte ihn Hattie.
»Ich?« Isaac schaute auf.
»Natürlich du.«
Sie beobachtete, wie er sich verlegen an der Schulter kratzte. Ȁhm.
Ich denke, ich verstehe den Sinn nicht. Alles zu ändern. Es funktioniert
doch alles ganz gut so, wie es ist. Oder?«
»Wenn wir nie etwas ändern würden, was ganz gut funktioniert,
hätten wir immer noch keine Flugzeuge und kein Internet«, sagte
Hattie.
»Das waren Erfindungen«, erwiderte Isaac. »Neue Dinge, mit denen
man Probleme lösen konnte – was für ein Problem löst denn ein Zehn-
Stunden-Tag?«
»Ist es nicht ziemlich schwierig, mit Uhrzeiten zu rechnen, wenn
die Zahlen bis zur Zwölf hinaufgehen und nicht bloß bis zur Zehn?«,
fragte Hattie. »Zum Beispiel – wie viel sind fünfzehn Prozent einer
Stunde? Wer weiß! Die Zeit ist so schrecklich kompliziert – vor allem
mit den Schaltjahren und den unterschiedlichen Zeitzonen. Und letzte
Nacht – da wurden die Uhren um eine Stunde zurückgestellt, und im
Frühling drehen wir sie dann einfach wieder vor? Ist das nicht ziemlich
dumm?«
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»Hattie diskutiert gern«, sagte ihr Dad. »Lass dich davon nicht verrückt
machen.«
»Neun Minuten«, sagte Isaac.
»Was?«
»Fünfzehn Prozent einer Stunde sind neun Minuten«, sagte Isaac.
»So schwer ist das gar nicht.« Er biss von seinem Bacon ab und schaute
Hattie direkt in die Augen. Unwillkürlich musste sie lächeln.
»Und ich drehe die Uhren gern zurück«, fügte er hinzu. »Mein Dad
meint, es ist wie ein Willkommenszeichen, weil eine neue Jahreszeit
beginnt. Jetzt ist der Herbst da.«
»Ein schöner Gedanke«, sagte Solomon und stellte seinen Kaffee
ab. »Genau solche Diskussionen erwarte ich auch morgen im Parlament.
Heute Nachmittag muss ich mich darauf vorbereiten, Isaac.
Wir beide sollten jetzt also dringend aufbrechen.«
»Wo geht ihr hin?«, fragte Hattie.
»Zu Isaac nach Hause«, sagte ihr Dad. »Wir holen ihm ein paar
Sachen.«
»Und sehen nach, ob Dad da ist«, fügte Isaac hinzu,
»Natürlich.« Solomon zeigte ein schwaches Lächeln. »Ich hoffe,
wir erfahren was Neues.«
Hattie sah zu, wie Isaac vom Tisch aufstand. Er tat ihr leid, aber vor
allem war sie erleichtert, dass er sie nicht verraten hatte. Sie biss sich
auf die Unterlippe. Was sie gestern Nacht beobachtet hatte, könnte
wichtig sein.
Vielleicht sollte sie ihm sagen, was sie wusste.
47
NEUN
Isaac öffnete die quietschende Gartenpforte, holte unter einem
Pflanztopf den Ersatzschlüssel hervor und schloss die Haustür auf.
Er trat in den Flur. Onkel Sol folgte ihm in seinem schicken Mantel.
»Dad?«, rief Isaac. Seine Stimme schallte die Treppe hinauf, aber es
kam keine Antwort. Er schaute sich in der Küche um und sah die
Teller ihres Abendessens neben der Spüle. Er spürte einen Kloß im
Hals. Seine Mutter war gestorben, als er noch klein gewesen war, und
seitdem hatten sie zu zweit in diesem Haus gelebt, nur sie beide. Aber
einsam hatte er sich nie gefühlt – bis jetzt.
»Vielleicht hat er eine Nachricht hinterlassen«, sagte Solomon. »Ich
schaue mich mal um. Geh du nach oben und zieh dir ein paar frische
Sachen an, ja?«
Isaac polterte die Treppe zum schmalen Flur im ersten Stock hinauf.
Das Zimmer seines Vaters war ganz vorn, Isaacs ganz hinten, und
dazwischen lag das Bad. Er öffnete die erste Tür. Der Raum seines
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Vaters war so schlicht und unauffällig wie immer, die Bettdecke glatt
und unberührt.
Niedergeschlagen ging Isaac in sein eigenes Zimmer, das sich wie
eine Schatzhöhle vor ihm öffnete. Es quoll fast über mit Dingen, die er
liebte. Die wuchtigen Regale an den Wänden waren vollgestopft mit
Lehrbüchern und Atlanten, seltenen Gesteinsproben, Modellautos,
3D-Puzzles und vollgekritzelten Notizblöcken. An den Wänden hingen
Poster, die das Sonnen- und das Periodensystem zeigten. Auf dem
Schreibtisch in der Ecke lagen zahllose Textmarker, Reagenzgläser und
lose Drahtspulen.
Hier, bei seinen Sachen, fühlte sich Isaac gleich ruhiger. Er nahm
sein Schweizer Armeetaschenmesser vom Nachttisch und ging zum
Fenster, wo das Teleskop auf seinem Stativ stand. Von dort aus warf er
einen Blick auf ihren kleinen, chaotischen Garten, weil er hoffte,
seinen Dad neben dem Schuppen zu sehen, wie er am Motorrad
schraubte.
Aber natürlich erblickte er nur das buschige Unkraut und das hohe
Gras. Er erkannte auch die Pfade, die von ihm und seinem Dad freigehackt
worden waren, als sie vor ein paar Wochen Dschungelforscher
gespielt hatten. Sie hatten Platz für ein Lagerfeuer gemacht, Marshmallows
geröstet und zum Nachthimmel aufgeschaut. Und Isaac hatte
auf alle Sternbilder gedeutet, die er kannte.
»Du bist der cleverste Junge im ganzen Universum!«, hatte sein Dad
kichernd gesagt und Isaac durchs Haar gewuschelt. »Welches ist das
da drüben?«
»Das gezackte ist Kassiopeia«, hatte er geantwortet, sich ins Gras
gelegt und nach oben gezeigt. »Und das da drüben ist Orion, der Jäger.
Da, wo das Rechteck in die Mitte gequetscht zu sein scheint.«
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Er schmeckte noch die Marshmallows, heiß und klebrig.
»Keine Spur«, sagte Solomon hinter ihm. Mit einem entschuldigenden
Lächeln spähte er durch die Tür ins Zimmer.
Isaac nickte.
»Das ist ein beeindruckendes Gerät.« Onkel Solomon deutete auf
das Teleskop.
»Dad hat es mir geschenkt«, sagte Isaac. »Einige der besten Uhrmacher
der Geschichte waren auch Astronomen. Wenn man die
Sterne sehen kann, lässt sich genau bestimmen, wo man sich befindet.«
»Und wer ist dieser Geselle?« Solomon schlenderte zu Isaacs
Schreibtisch hinüber und hob einen tellergroßen Metallgegenstand
auf.
»Das ist Bolt«, erklärte Isaac. »Er ist meine Schildkröte.«
»Er hat Rollen.«
»Er ist keine echte Schildkröte, aber man kann ihn programmieren,
sich an bestimmte Orte zu bewegen. Man gibt einen Code ein, und
dann folgt er den Anweisungen. Links, rechts, vorwärts … Neulich ist
er die Treppe runtergefallen. Ich muss ihn noch reparieren.«
»Du bist gut darin, Dinge zu reparieren, nicht wahr?«
»Mir macht’s einfach Spaß, Sachen aufzuschrauben und darin herumzustochern.«
Isaac zuckte mit den Schultern. »Ich verstehe gern,
wie etwas funktioniert.«
»Genau wie dein Dad.« Onkel Sol seufzte. »Hör zu, ich hoffe, dass
es nicht dazu kommt, aber es kann schon sein, dass du noch eine
Nacht bei uns bleiben musst.«
Isaac hatte das schon vermutet.
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»Ich denke, es wird das Beste sein, wenn du eine Tasche packst«,
fuhr Onkel Sol fort. »Bloß ein paar Sachen. Vielleicht brauchst du sie
gar nicht. Aber stell dir vor, wie sauer dein Dad wäre, wenn ich nicht
dafür sorge, dass du saubere Socken hast.« Unten klingelte es an der
Tür. »Ich sehe nach, wer da ist.« Solomon ging wieder nach unten, und
Isaac zog eine alte Sporttasche unter seinem Bett hervor. Dann hörte
er die aufgeregte Stimme von Mrs. Peach, ihrer Nachbarin, an der Tür.
Isaac öffnete seine Kommode und zog sich einen frischen Pulli und
Jeans an. Als er zu seiner Jogginghose griff, stutzte er. Etwas stimmte
nicht. Normalerweise lagen seine Sachen immer kreuz und quer in
den Schubladen herum. Sein Dad erledigte die Wäsche immer in Eile.
Er zwang ihn auch nie, sein Zimmer aufzuräumen. Die Jogginghose in
Isaacs Händen aber war ordentlich zusammengelegt worden. Die
T-Shirts ebenso. Isaac schaute sich in seinem Zimmer um. Erst jetzt
bemerkte er, dass sein Bett gemacht worden war. Genau wie das von
Dad.
Er spürte, wie sich ihm die Nackenhaare aufstellten. Jemand war
hier gewesen.
Er legte seine Tasche ab, um es Onkel Sol zu erzählen. Aber von
unten drang noch immer Mrs. Peachs ungehemmter Redefluss an sein
Ohr. Plötzlich war er sich unsicher.
Dann hörte er, dass im Zimmer seines Dads eine Bodendiele knarrte.
Mrs. Peach schwatzte ziemlich laut vor sich hin, aber dennoch: Isaac
war sich sicher, etwas gehört zu haben. Er öffnete die Tür. Und als
seine Blicke durch den leeren Raum huschten, bemerkte er etwas, das
ihm zuvor nicht aufgefallen war. Der eingebaute Kleiderschrank neben
dem Fenster. Eine der Türen stand offen.
Misstrauisch schlich Isaac hinüber.
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Er zögerte, dann streckte er die Hand aus und riss die Tür auf. Aber
es war niemand im Schrank – nur Dads weiße Hemden auf ihren
Bügeln. Und darunter – Dads Safe. Isaac hockte sich hin und musterte
ihn nachdenklich. Das uralte Ding bestand aus schwarzem Gusseisen
und war etwa so groß wie Isaacs Schulranzen: Sie hatten es auf
einem Schrottplatz gefunden, als sie auf der Suche nach Ersatzteilen
für das Motorrad gewesen waren. Sein Dad liebte diesen Safe und
bewahrte wichtige Unterlagen wie seinen Pass und Isaacs Geburtsurkunde
darin auf.
»Vielleicht hat er ja doch eine Nachricht hinterlassen«, murmelte
Isaac vor sich hin. Er drehte das Rad und gab die Familien-Kombination
ein: eine Mischung aus seinem Geburtsdatum und dem seines
Dads. Die Tür schwang auf. Isaac sah die Pappmappe, die ihre kostbaren
Dokumente enthielt. Und ganz oben das Tagebuch seines
Vaters.
Neugierig schlug er das in Leder gebundene Buch auf und betrachtete
den neuesten Eintrag. Zeichnungen, Post-It-Kleber und Diagramme
waren zwischen die Seiten gestopft. Aber er konnte nichts
davon lesen: Alles war in einer Mischung aus Zahlen und Buchstaben
verfasst – es sah aus wie ein Code.
Etwas flatterte zwischen den Seiten hervor und landete auf dem
Teppich. Isaac hob einen kleinen schwarzen Umschlag auf, der an
seinen Vater adressiert war – er hatte etwa die Größe einer Kreditkarte.
Auf der Rückseite war ein goldenes Zahnrad mit zwölf Zähnen
eingeprägt.
»Isaac?« Onkel Sols Stimme schallte die Treppe herauf. Isaac
packte den Umschlag zurück in das Tagebuch, nahm es mit in sein
52
Zimmer und stopfte es zu den anderen Sachen in die Tasche. »Fast
fertig!«, rief er.
Unten hatte sein Patenonkel Mrs. Peach eine Tasse Tee gebrüht.
Sie sagte, wie entsetzlich besorgt sie um Isaac sei. Vermutlich hätte sie
noch bis in alle Ewigkeit weiter geredet, aber Onkel Sol beförderte sie
höflich zur Tür hinaus. Sie winkte noch zum Abschied, als Onkel Sols
Chauffeur aus seinem schnittigen schwarzen Wagen stieg und Isaacs
Tasche in den Kofferraum lud.
»Hast du alles gefunden, was du brauchst?«, fragte Onkel Sol, als
sie auf dem Rücksitz saßen.
»Ich glaub schon«, sagte Isaac und warf noch einen Blick zurück
zum Fenster von Dads Zimmer, während sich der Wagen in Bewegung
setzte.
Gut möglich, dass er es sich bloß einbildete, aber er glaubte etwas
zu sehen. Der Vorhang hatte sich bewegt.
53
ZEHN
Big Ben schlug zwölf Uhr mittags, als sie zum Palast zurückkamen.
Die Sonne blinkte hinter der Westminster Abbey hervor, als der
Wagen auf den Parliament Square bog. Die kleine Grünfläche auf dem
Platz war voller wütender Demonstranten, die selbstgebastelte Plakate
in die Höhe reckten: Keine Neue Zeit!, stand darauf. Und: Hände weg
von unseren Stunden!
KEINE
NEUE
ZEIT!
HÄNDE
WEG
VON
UNSEREN
54
STUNDEN!
Im New-Scotland-Yard-Gebäude, einem öden Bürokomplex am
Ufer der Themse, war Isaac zuvor in einen kleinen Raum geführt
worden. Zwei Polizeibeamte in Anzügen stellten ihm viele, äußerst
detaillierte Fragen darüber, was er in der vergangenen Nacht gesehen
hatte. Onkel Sol saß neben ihm und warf ihm aufmunternde Blicke
zu. Die Polizisten hielten Isaacs Aussagen auf ihren gelben Notizblöcken
fest, aber er spürte, dass sie vollkommen ratlos waren. Von seinem
Vater fehlte immer noch jede Spur.
Eine Sozialarbeiterin in einer grauen Strickjacke saß in der Ecke
und lächelte ihn während der gesamten Befragung an. Sie jagte Isaac
eine Heidenangst ein. Onkel Sol sprach leise mit ihr, als ihr Gespräch
mit den Polizisten beendet war, während Isaac im Wartebereich ein
trockenes Schinkensandwich aß. Sie brachen auf, ohne dass die Frau
ein einziges Wort an ihn gerichtet hatte. Auf der Fahrt zurück ins Parlament
konnte er dennoch an nichts anderes denken.
»Was passiert jetzt mit mir?«, fragte er, als sich der Wagen durch die
gusseisernen Tore des Palastes manövrierte.
»Du bleibst bei mir, bis dein Vater wieder auftaucht«, sagte Solomon
unbekümmert. »Und ich bin mir sicher, das wird sehr bald der
Fall sein.«
Isaac merkte, dass sein Patenonkel dies selbst nicht glaubte.
Im Speaker’s House verschwand Solomon in seinem Büro, während
Isaac oben in der Wohnung seine Sachen auspackte. Das letzte, was er
aus der Tasche holte, war das Tagebuch seines Vaters. Er ließ sich auf
der Bettkante nieder, holte erneut den schwarzen Umschlag hervor
und untersuchte den goldenen Prägedruck. Die Schrift kam ihm vage
bekannt vor. Er meinte sich zu erinnern, dass er schon früher gesehen
hatte, wie ein ähnlicher Brief durch ihren Briefschlitz geschoben
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worden war. Aber sein Dad hatte solch einen Umschlag nie in seiner
Gegenwart geöffnet.
Im Inneren fand er eine einzelne schwarze Karte, auf die eine seltsame
Nachricht gedruckt worden war:
Das Blatt gen Süden.
Neun Ketten – ein Kapitel.
Die Stunde zeigt den Weg.
Was sollte das bedeuten? Und warum hatte sein Dad diese Nachricht
im Safe versteckt?
Verzweifelt griff Isaac unter sein Kissen und streckte die Finger
nach dem beruhigenden Gewicht der Taschenuhr aus. Aber er konnte
sie nicht finden. Er runzelte die Stirn, tastete am Rand der Matratze
entlang, bis er schließlich aufschaute. Verwirrt stellte er fest, dass sie
auf der Kommode lag. Er beugte sich vor und hob sie erleichtert auf.
»Warum ist sie kaputt?«
Die Frage kam von Hattie. Sie stand mit den Händen in den Taschen
ihrer Jeansjacke in der Tür. Isaac versuchte, sich zu erinnern – an das
Mädchen mit den roten Wangen und der hellbraunen Haut. Hatten
sie wirklich in ihrem Garten miteinander gespielt? Ihr Haar war damals
länger gewesen, und sie hatte es zu Zöpfen geflochten – im Gegensatz
zu den schulterlangen Locken, die sie nun trug. Aber sie hatte immer
noch dieses freche Funkeln in den Augen.
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»Sie gehört meinem Dad.« Isaac schlang sich die goldene Kette um
den Hals und steckte sich die Uhr unter den Pulli. »Warum hast du
meine Sachen durchgewühlt?«
»Tut mir leid«, sagte Hattie. »Ich war neugierig. Du bist ein seltsamer
Typ.«
»Danke.«
»Nein, auf ne gute Weise! Ich bin auch seltsam.« Sie lehnte sich
gegen den Türrahmen. »Wenn sie gestern Nacht kaputtgegangen ist,
warum zeigt sie dann das falsche Datum an?«
»Das Datum?« Isaac zog die Uhr wieder hervor. Hattie hatte Recht.
Statt Oktober zeigte das winzige Fenster, das in die linke Seite des Zifferblattes
eingelassen war, den 20. Februar. »Das ist ja komisch.«
»Fand ich auch«, sagte Hattie. »Ich habe mich gefragt, ob du den
Grund dafür kennst.«
Isaac zuckte mit den Schultern und versuchte, desinteressiert zu
wirken, damit sie wieder wegging. Aber es funktionierte nicht.
»Danke, dass du meinem Dad nicht gesagt hast, dass du mich letzte
Nacht vor deinem Fenster gesehen hast«, sagte sie und kam in den
Raum. »Er wäre total durchgedreht.«
»Was hast du denn da draußen gemacht?«
»Ich bin geklettert. Gibt hier sonst nicht viel, was Spaß macht.«
»Und wenn du runterfällst?«
»Ich falle nicht runter. Und erwischt werde ich auch nicht. Du
darfst es also auf keinen Fall irgendwem verraten.«
»Werde ich nicht«, erwiderte Isaac.
»Gut.« Sie nickte vor sich hin, als würde sie sich zu einer Entscheidung
durchringen. »Wenn das so ist, muss ich dir was zeigen. Es geht
um deinen Dad.«
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Isaac schaute auf. »Was?«
»Nicht hier«, sagte sie rasch. »Komm mit.«
Verblüfft folgte Isaac dem Mädchen in sein Zimmer. Es war makellos
aufgeräumt. Hattie ging zum Fensterbrett, wo ein goldener Briefbeschwerer
in Form einer Libelle auf einem Stapel Schulbücher lag.
Hattie öffnete das Fenster, und zu Isaacs großer Überraschung kletterte
sie hinaus.
»Wo willst du hin?«, rief er.
»An einen Ort, wo uns niemand hört.« Sie trat auf die abschüssigen
Dachziegel und grinste. »Kommst du?«
Isaacs Mund klappte auf und zu – wie bei einem Fisch. Sie mussten
hier mindestens im fünften Stock sein! Er steckte seinen Kopf hinaus
und spürte sofort, wie der wilde Herbstwind an seiner Wollmütze riss.
Draußen grenzte das abfallende Dach an ein weiteres, sodass zwischen
ihnen eine Art Tal entstand. Hattie spazierte lässig durch eine Regenrinne
und winkte ihm zu, damit er ihr folgte. Er atmete tief ein, hielt
sich am Fensterrahmen fest und kletterte hinaus. Das Kreischen einer
Möwe erschreckte ihn, und er verlor den Halt. Seine Turnschuhe
schlitterten über die glatten Ziegel, während er das Dach hinunterrutschte
und mit einem Aufklatschen in der Rinne landete.
»Du bist nicht besonders gut darin, oder?«, fragte Hattie und half
ihm auf die Füße.
»Gut in Was?«, fragte Isaac. »Wo bringst du mich denn überhaupt
hin?«
»Bloß da rauf.« Hattie deutete über die Absenkung zwischen den
Dächern. »Hier kannst du dich an dem alten Kabel festhalten, während
du die Füße gegen den Schornstein drückst. Ja, genau so.«
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Isaac schnaufte, während er hinter ihr das rutschige Dach hinaufstieg.
Rasch wurde sein Pulli auf den regenfeuchten Ziegeln nass und
kalt. Über ihm setzte sich Hattie breitbeinig auf den Dachfirst – ihre
Bewegungen waren so sicher wie bei einer Turnerin. Sie streckte ihre
Hand aus und zog ihn zu sich hinauf.
»Also?«, fragte er, während er angestrengt versuchte, das Gleichgewicht
zu halten.
»Was willst du mir zeigen?«
»Das.« Sie nickte zum hoch aufragenden Big-Ben-Turm hinüber.
»Ich war hier draußen letzte Nacht«, sagte sie. »Als dein Dad verschwunden
ist.«
»Und?«
Hattie holte tief Luft. »Ich glaube, dein Dad wurde entführt, Isaac.
Und ich habe den Mann gesehen, der es getan hat.«
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ELF
Hattie schaute den Jungen aufmerksam an, während er zu begreifen
versuchte, was sie ihm berichtet hatte. Sie hatte lange mit
sich gerungen, ob sie einen Fremden mit hier rauf nehmen sollte, aber
sie glaubte, dass man Isaac vertrauen konnte. Außerdem hatte sie
schon seit Tagen mit niemandem mehr ein ordentliches Gespräch
geführt.
»Entführt?«, wiederholte Isaac fassungslos.
»Ich habe einen Mann beobachtet, oben am Glockenturm«, erklärte
sie. »Ich habe hier gesessen und mir angeschaut, wie die Uhr angehalten
wurde, und da habe ich jemanden gesehen.« Sie zeigte zu der
Stelle, wo sie letzte Nacht die Gestalt erblickt hatte. »Es war nicht
dein Dad; den habe ich hier im Palast schon öfter gesehen. Er ist
immer nett zu mir. Das war jemand anderer.«
»Das ist aber sehr weit weg«, erwiderte Isaac skeptisch.
»Ich habe ein Fernglas«, sagte Hattie.
»Es war dunkel.«
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»Hörst du mir eigentlich zu?«, fragte Hattie ungeduldig. »Da oben
war ein Mann! Er trug einen langen dunklen Mantel und hatte weiße
Haare. Du hast ihn nicht erwähnt, und die Polizei auch nicht. Dass
dein Dad ausgerechnet im Glockenturm verschwindet, ist schon merkwürdig
genug. Aber dass dein Dad verschwindet, nachdem sich ein
Fremder da hochgeschlichen hat? Das klingt nach … einem Verbrechen.
Oder nicht?«
»Wir müssen es jemandem erzählen!«, sagte Isaac. »Warum hast du
das denn für dich behalten?« Kurz flackerte Wut in seinem Gesicht
auf.
»Was soll ich denen denn erzählen?«, fragte Hattie. »Dass ich im
Glockenturm einen Mann gesehen habe? Die werden doch bloß
behaupten, dass es dein Dad gewesen ist und dass ich nur Ärger
machen will. Und dann wird es einen riesigen Krach geben, weil ich ja
eigentlich nicht aufs Dach darf, und Dad wird sagen, dass ich aufhören
soll, Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen.«
»Du hast mir das also bloß zum Spaß erzählt?«
»Wär’s dir lieber, ich hätte es für mich behalten?«
Isaac setzte zu einer bissigen Antwort an, hielt sich dann aber
zurück. Stattdessen verschränkte er die Arme über seinem nassen
Pulli und zitterte leicht.
»Komm wieder rein, du musst aus dem Wind raus«, sagte Hattie.
Sie schwang die Beine über den Dachfirst.
»Aber eure Wohnung liegt doch auf der anderen Seite.«
»Wir gehen nicht in die Wohnung.«
Hattie schlitterte mit lautem Klappern die Ziegel hinab, bis sie ein
anderes Fenster erreicht hatte. Mit geübten Bewegungen zog sie es
auf. Dann schob sie einen schweren Vorhang beiseite und kletterte
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hindurch. Isaac folgte ihr und ließ sich ungeschickt auf den Boden
fallen. Sie tastete nach dem Lichtschalter und half ihm auf die Füße,
während er sich im Zimmer umsah.
Es war ein Dachboden, den man offenbar schon vor Jahren abgeriegelt
und vergessen hatte. Die hölzernen Balken, die kreuz und quer
hindurchliefen, waren mit Weihnachtslichterketten behängt, deren
bunter Schein über den abbröckelnden Putz der Dachschrägen tanzte
– und über die zahlreichen Postkarten und herausgerissenen Magazinseiten,
die Hattie an die Wände gehängt hatte. Sie ließ sich auf einen
Sitzsack fallen.
»Das ist meine Höhle«, sagte sie. »Mein Geheimversteck. Ich hab
es im ersten Sommer gefunden, als Dad hier eingezogen ist und ich bei
ihm wohnen musste. Ich habe mich fast zu Tode gelangweilt. Seit der
Scheidung sind er und Mum echt streng. Aber ich kann nicht immer
die perfekte kleine Tochter sein. Also habe ich mir diesen Unterschlupf
eingerichtet. Nur für mich. Und für meine Abenteuer, verstehst
du?«
»Kletterst du deshalb aufs Dach?«
»Ich gehe halt gern auf Exkursionen und mache Entdeckungen.«
Hattie zuckte mit den Schultern.
»Wo hast du denn früher gelebt?«, fragte Isaac.
»In Dads Haus in Surrey. Die meisten Parlamentsabgeordneten
haben zwei Wohnsitze. Ich werde immer hin und her gerissen. Mal bin
ich hier, mal in Surrey, mal im Internat oder in der Wohnung meiner
Mutter in Hongkong. Da haben die beiden sich kennengelernt.«
»Okay«, sagte Isaac. Er sah ganz benommen aus. »Dann reist du ja
sehr viel. Ich nehme an, deshalb kannten wir uns auch nicht.«
»Warum nennst du Dad Onkel Sol?«
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»Wahrscheinlich, weil er für meinen Dad fast so etwas wie ein
Bruder ist. Eigentlich habe ich gar keine Onkel und Tanten. Seit Mum
gestorben ist, gibt’s nur noch Dad und mich.«
»Das tut mir leid.«
Er zuckte mit den Schultern. »Schon okay.«
Hattie beobachtete, wie Isaac zu einem großen Grundriss des Palastes
hinüberging, den sie an der Dachschräge angeheftet hatte.
»Den hab ich aus dem Sicherheitsbüro geklaut«, sagte sie betont
lässig. Sie wollte nicht zeigen, wie stolz sie darauf war, denn es hatte
sie einige Mühe gekostet. »Siehst du? Da sind jede Menge Geheimgänge
eingezeichnet. Na ja, richtig geheim sind sie nicht – eigentlich
sind es bloß alte Korridore, die die Leute schon lange vergessen haben.
Davon gibt’s hier ziemlich viele.«
»Deshalb kannst du auch so leicht überall herumschleichen?«
»Es ist nicht leicht. Ich bin nur wahnsinnig gut.«
»Okay.« Er schaute sich auf dem seltsamen Dachboden um. »Das
ist fantastisch hier, Hattie. Und sonst weiß niemand davon?«
»Nur ich«, sagte Hattie. »Es ist mein Geheimnis. Und jetzt ist es
auch dein Geheimnis.«
Isaac ließ sich auf einem alten Stuhl nieder. »Mir sind auch ein paar
seltsame Sachen aufgefallen, weißt du?«, sagte er. »Dinge, die damit
zu tun haben, dass mein Dad verschwunden ist, und die ich nicht
erklären kann.« Hattie hörte zu, während er ihr davon erzählte, dass er
die kaputte Taschenuhr mit der falschen Zeit gefunden hatte, dass die
Sachen in seinem Zimmer unheimlicherweise aufgeräumt gewesen
waren – und von der seltsamen Nachricht auf der schwarzen Karte im
Tagebuch seines Vaters.
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»Wenn in dem Buch alles in Code geschrieben wurde«, sagte sie
und setzte sich auf, »meinst du, dass er irgendein Geheimnis hat?«
»Ich weiß nicht.« Isaac kratzte sich am Hals. »Er ist doch bloß ein
Uhrmacher. Was kann er schon für Geheimnisse haben?«
»Wir sollten Nachforschungen anstellen«, sagte Hattie und versuchte,
ihre Aufregung zu überspielen. »Wäre echt toll, wenn hier
endlich mal was Interessantes passiert.«
»Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist«, sagte Isaac. »Wir
sollten die Polizei lieber nicht bei ihrer Arbeit behindern.«
»Die Polizei ist doch überhaupt nicht zu gebrauchen!« Hattie winkte
ab. »Ich habe von diesem Ort hier genug gesehen, um zu wissen, dass
die Erwachsenen, die den Ton angeben, meistens keine Ahnung von
dem haben, was sie tun. Willst du denn gar nichts unternehmen?«
»Was zum Beispiel?«
»Zum Beispiel den Tatort untersuchen!« Hattie sprang von ihrem
Sitzsack auf und marschierte zum Grundriss hinüber. »Wenn es ein
Verbrechen gegeben hat, ist der Glockenturm der Tatort. Wir sollten
da hochgehen und nach Spuren suchen.«
»Einfach einbrechen?«, fragte Isaac.
»Das ist ganz leicht«, erwiderte Hattie unbeeindruckt. »Wir können
nach Hinweisen Ausschau halten. Vielleicht finden wir etwas über
den Typen, den ich gesehen habe. Es ist letzte Nacht schließlich nicht
nur eine Person verschwunden – sondern zwei!«
Isaac schien darüber nachzudenken. Dann zog er die Taschenuhr
seines Vaters hervor und rieb mit dem Daumen über das zersplitterte
Glas des Zifferblatts.
»Na schön«, sagte er. »Wir tun es. Wir brechen in Big Ben ein.«
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ZWÖLF
Der Premierminister ist für Sie auf Leitung eins, Sir.«
»Danke, Femi.« Solomon streckte die Hand nach dem Telefon
auf seinem Schreibtisch aus, während sein Privatsekretär hinter sich
die Tür schloss.
»Prime Minister«, sagte er und lehnte sich in seinem Ledersessel
zurück. »Ich dachte, Sie wären in Washington.«
»Kurzfristige Planänderung, Sol. Ich fliege heute Abend.« Die
Stimme von Simon Rose war scharf und direkt, und hinter ihm war das
Dröhnen von Wind zu hören. »Haben Sie die Nachrichten gesehen?«
Solomon runzelte die Stirn, drehte sich mit dem Sessel um und
schaltete den großen Fernsehbildschirm am anderen Ende seines
Büros ein. Eine atemlose Reporterin war zu sehen, die neben einem
polizeilichen Absperrband stand.
»Hier in Mayfair, beim berühmten Kaufhaus Fortnum and Mason, ist
den Maschinisten heute eine weitere Uhr zum Opfer gefallen.«
»Nicht schon wieder«, murmelte Solomon.
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Auf dem Bildschirm wurde die ältere Aufnahme einer großen, grüngoldenen
Uhr über dem Kaufhauseingang gezeigt. Ihr Glockenspiel
schlug an, und in den kleinen Türen, rechts und links vom Zifferblatt,
erschienen zwei Figuren, die sich einander bei jedem Stundenschlag
zuwandten. Dann wurde zu den Live-Bildern zurückgeschnitten. Das
Zifferblatt der Uhr war eingeschlagen und in Brand gesetzt worden,
sodass die grüne Farbe nun schwarz war. Die beiden Diener-Figuren
waren von ihrem Mechanismus gestürzt. Eine lag auf der Straße, verkohlt,
halb zerschmolzen und mit abgefallenem Arm.
»Das passiert jetzt überall«, sagte Simon Rose. »Die Balmoral-Uhr
in Edinburgh, die Emett-Uhr in Nottingham – und jetzt das.«
»Die ist der neueste Fall von Vandalismus, mit dem eine anonyme
Gruppe, die sich die Maschinisten nennt, gegen das neue Zeitgesetz
demonstriert«, fuhr die Reporterin fort, während eine Uhr in York eingeblendet
wurde, auf die mit roter Farbe ein großes M gesprayt worden
war. »Die Mitglieder sagen, dass sie nicht mit ihren Aktionen aufhören
werden, bis das Gesetz vom Parlament fallengelassen wird.«
»Sie können nicht von mir erwarten, dass ich die Generaldebatte
über die Neue Zeit absage.« Solomon stellte den Fernseher auf stumm.
»Natürlich nicht«, erwiderte der Premierminister. »Aber wir können
die Sache auch nicht weiter in die Länge ziehen. Ich bitte Sie, auf eine
rasche Abstimmung zu drängen. Sie muss morgen stattfinden.«
»Das ist sehr unorthodox, Prime Minister.«
»Ich weiß, dass Sie es mit den Vorschriften sehr genau nehmen, Sol.
Und ich bin auch nicht davon ausgegangen, dass ich Sie am Telefon
überzeugen kann. Essen wir heute Abend zusammen?«
Solomon wickelte sich das Telefonkabel um die Finger.
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»Na schön«, sagte er. »Wenn Sie an der Bibliothek vorbeikommen,
sagen wir, gegen … sieben Uhr, könnte ich Ihnen gewiss zufällig über
den Weg laufen und Ihnen einen Bissen anbieten.«
Dann legte er den Hörer auf.
»Femi?«, rief er zu seinem Sekretär hinaus. »Bitten Sie darum, dass
man das Abendessen heute im formellen Speisesaal serviert? Möglich,
dass uns ein Freund Gesellschaft leistet.«
»Vier Gedecke, Sir?«
»Vier? Ach ja, die Kinder. Nein, die können oben essen.«
Er hatte ein schlechtes Gewissen. Eigentlich wollte er beim Abendessen
Zeit mit Isaac verbringen, um sicherzustellen, dass es ihm gutging.
Er wünschte, die morgige Debatte wäre nicht so wichtig. Der
arme Junge hatte in der ganzen Stadt niemanden, der sich um ihn
kümmerte.
»Sir?«
Solomon schreckte blinzelnd aus seinen Gedanken auf. »Verzeihung.
Femi?«
»Es gab noch einen weiteren Anruf für Sie. Eine Frau namens
Gloria Gracefield. Sie ist Amerikanerin. Wurde vom Pentagon durchgestellt.«
»Vom Pentagon? Warum ruft mich das militärische Hauptquartier
der Vereinigten Staaten an? Wollte sie nicht den Verteidigungsminister
sprechen? Und wissen die nicht, dass heute Sonntag ist?«
»Die Dame sagte, es handele sich um eine persönliche Angelegenheit.
Es ginge um das Verschwinden von Diggory Turner.«
Solomon zuckte erschrocken zusammen.
»Gibt es Neuigkeiten?«
»Keine.«
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»Woher weiß diese Frau überhaupt, dass er verschwunden ist?«,
fragte Solomon. »Niemand ist darüber informiert worden. Es wurde
doch aus allen Medien rausgehalten.«
Femi zuckte mit den Schultern. »Da bin ich überfragt, Sir. Sie ist
noch in der Warteschleife, wenn Sie sie selbst fragen möchten.«
Solomon betrachtete das blinkende rote Lämpchen auf seinem
Schreibtischtelefon. »Oh, Diggory«, seufzte er. »Wo bist du da bloß
reingeraten?«
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Über den Autor
Sam Sedgman ist Bestsellerautor, überzeugter Nerd und begeisterter
Eisenbahn-Fan. Bevor er Kinderbücher schrieb, arbeitete er als Digital
Producer am National Theatre in London. Er schnüffelte also mit
Kamera und Mikrofon hinter Bühne herum und ließ sich von Theatermachern
erklären, wie Geschichten entstehen. Sam ist ein echter Fan
von Rätseln, Spielen und Kriminalromanen. Mit Begeisterung gründete
er ein Unternehmen, das Abenteuerlustigen in London eine Schnitzeljagd
mit Krimi-Elementen anbietet. Seine Bücher wurden bereits in
mehr als 20 Sprachen übersetzt. Wenn er nicht gerade schreibt, bewundert
er schöne Uhren, schaut Hitchcock-Filme oder beschäftigt sich
mit schrägen Fakten. Er lebt in London, direkt über einem Bahnhof.
Der Übersetzer
André Mumot, geboren 1979 in Helmstedt, studierte Kulturwissenschaften
an der Universität Hildesheim. Als Übersetzer englischsprachiger
Romane und Sachbücher hat er die Werke namhafter Autoren
wie Neil Gaiman, Jo Nesbø, Nick Harkaway, Cornelia Funke und
Graham Moore für verschiedene Verlage wie Penguin, Hanser oder
Berlin Verlag ins Deutsche übertragen. Seine Übersetzung des Romans
»Wunder« von Raquel J. Palacio wurde 2014 mit dem Deutschen
Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.
Das nächste Abenteuer mit Isaac Turner handelt in Paris:
»Der verbotene Atlas«, Sam Sedgman, gebunden, 320 Seiten,
ISBN 978-3-03876-366-6
Abonniere unseren Newsletter unter: www.midas.ch
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Isaac Turner ist zwölf Jahre alt. Sein Vater ist
Uhrmacher in London und sorgt dafür, dass BIG BEN
rechtzeitig schlägt. In der Nacht als die Uhren
zurückgestellt werden, verschwindet Isaacs Vater aus
dem Glockenturm und hinterlässt eine kryptische Nachricht.
Auf der abenteuerlichen Suche nach ihm kommt
Isaac einem finsteren Komplott aus Regierungskreisen
auf die Spur. In einem Wettlauf gegen die Zeit muss
er seinen Vater retten … und sogar die Zeit selbst.
»Clever, einfallsreich und extrem spannend!«
Eoin Colfer, Autor von »Artemis Fowl«
»Ein fesselndes und gefährliches Abenteuer,
das auf Schritt und Tritt überrascht und begeistert.«
Catherine Doyle, Autorin von »Storm Keeper«
ISBN 978-3-03876-365-9
MIDAS VERLAG
€ 16.00 [D] | € 16.50 [A]