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20. Jahrgang

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Aus der Redaktion

Inhaltsübersicht:

Seite

Aus der Redaktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3

Eine Nacht im Forsthaus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4

Schalttafelwärter, Gussputzer, Stütze und Co. . . . . . . . . . . . . . . . . 5

Die große Flut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6

Ein Kampf für die Freiheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8

Philosophie zum Schmunzeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10

Die eingebildete Kranke? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11

Ostersymphonie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11

Kunstschätze unter amerikanischem Schutz . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12

Mai 1945 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15

Feuerteppich auf Kaan . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16

KulturPur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17

Kartoffel(tor)tour – Not macht mobil . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18

Zwei Frauen in Usbekistan allein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20

Ein eindrucksvolles Erlebnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22

Diskriminierendes Zerrbild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23

Der alte Tisch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24

Frankfurt ist nicht immer gleich Frankfurt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26

Marias Krimi – Der Tod führt Regie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28

Drogenhandel – einmal anders . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30

Das „Lebendige Haus“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32

Mit Würde alt sein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33

Zukunftsinitiative Siegen-Wittgenstein 2020 . . . . . . . . . . . . . . . . . 34

Deutsche Schreibschrift . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35

Gedächtnistraining . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36

Neuanfang mit 57 Jahren!!! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37

Leserbriefe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40

Kleinanzeigen/Impressum/Zu guter Letzt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42

Der letzte durchblick hat erfreulich große Resonanz gefunden, an vielen Verteilerstellen

war die Zeitung bereits nach weniger als 14 Tagen vergriffen, obwohl wir knapp 7500

Exemplare nur in Siegen ausgeliefert hatten. Das Titelbild zum 60. Jahrestag der Bombardierung

Siegens wurde von Hermann Wilhelm entworfen, der im Internetcafé des städtischen

Seniorenzentrums „Haus Herbstzeitlos“ ehrenamtlich unterrichtet. Sein Spezialgebiet

ist die Bildbearbeitung.

Auch in dieser Ausgabe beschäftigen wir uns noch einmal mit dem Kriegsende vor 60

Jahren. Titelgeschichte ist aber die Verfilmung der aufregenden Lebensgeschichte Kerstin

Camerons aus Burbach. Nachdem die beiden Siegerländer Journalisten Dieter Gerst und

Kalle Schlabach den Fall im Frühjahr 2001 quasi aufgerollt hatten, setzte eine Welle öffentlichen

Interesses ein. So meldeten sich u. a. Politiker und zahlreiche Medien. Bis zum

glücklichen Ausgang des dramatischen Geschehens hatten die beiden Journalisten engen

Kontakt zu der Familie Kerstin Camerons. Speziell ihr Bruder Wolfgang Lößer hielt das

Team Gerst/Schlabach stets auf dem Laufenden.

Ihnen viel Freude beim Lesen des neuen durchblick.

Ihr Friedhelm Eickhoff

verantw. Redakteur

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Titelbild: Kalle Schlabach (SZ)

durchblick 1/2005 3


Philosophisches

Eine Nacht im Forsthaus

Als junger Industriekaufmann, ich war so zwischen 25

und 30 Jahr alt, verdiente ich den Lebensunterhalt für meine

damals noch junge Familie für einige Zeit als Repräsentant

einer heute nicht mehr existierenden amerikanischen

Fluggesellschaft. Eines Tages führten mich meine

beruflichen Verpflichtungen auch ins schöne Sauerland.

Dort lebte „Onkel Alfred“, der Bruder meines im Krieg

gefallenen Schwiegervaters. Onkel Alfred war Förster und

wohnte, wie sollte es anders sein, in einem am Waldrand

gelegenen alten Forsthaus. Dort kehrte ich ein, um zu übernachten.

die an der Wand hingen und mich anschauten, gute Nacht,

legte mich hin und löschte das Licht. Es war stockdunkel

im Zimmer. Ich war sehr müde, den ganzen Tag im Auto

unterwegs und die vielen Kundenbesuche, kein Wunder.

Gleichmäßig und ruhig

hörte ich es,Ticktack,Ticktack.

Meine Gedanken kreisten noch bei dem einen und anderen

Kundengespräch und ich dachte schon an den morgigen

Tag, als ich es hörte. Völlig unerwartet, laut und deutlich.

Meine ganze Aufmerksamkeit war in der Dunkelheit

mit einem Schlag auf dieses Geräusch gerichtet. Ticktack,

Ticktack. Gleichmäßig und ruhig hörte ich es, Ticktack,

Ticktack. Ja, es war eine große alte Standuhr, die in der

Ecke stand und dieses lästige Ticktack verursachte. Das

hat mir gerade noch gefehlt, ich bin hundemüde und nun

dieses störende Geräusch. Wie soll ich dabei einschlafen?

Ich hörte, was blieb mir anderes übrig, weiter zu.

Ticktack, Ticktack. Und immer und immer wieder,

Ticktack, Ticktack. Seltsam, habe nie gewusst, dass das

Ticken einer Uhr so laut sein kann. Zum Verrücktwerden.

Langsam, ganz langsam aber wurde ich ruhiger. Ich ließ

es einfach geschehen, hörte nur noch zu. Und je aufmerksamer

ich zuhörte, je mehr ich mich auf dieses

Ticktack einließ, umso entspannter wurde ich. Eigenartig.

Das also ist die Zeit, dachte ich. Ich sah sie nicht, kein Ziffernblatt,

keine Zeiger, keine Bewegung des Pendels,

Je mehr ich der Zeit zuhörte,

sie gleichzeitig dabei auch immer

intensiver spürte, umso gelassener

und ruhiger wurde ich.

Siegerländer Forsthaus

Ich wurde von Tante und Onkel gut bewirtet. Es gab

ein deftiges, wohlschmeckendes Abendessen. Dabei wurde,

wie das so üblich ist, wenn man bei Verwandten zu Besuch

ist, über alle Neuigkeiten, die es im Verwandtenkreis

so gab, ausführlich gesprochen. Als es zum Schlafen ging,

wurde ich ins Jagdzimmer geführt. Dort stand eine alte

Liege, die als Nachtlager diente. Das Zimmer war voller

Jagdtrophäen. Fast alle Tiere, die unsere Wälder bewohnen,

waren vertreten. Ich zog mich aus, hing meinen Anzug

säuberlich über einen Stuhl, ging für die abendliche

Toilette ins Bad nebenan, kam wieder, sagte allen Tieren,

nichts. Ich hörte sie nur. Noch nie zuvor hatte ich bewusst

„Zeit gehört“. Geräusche, Stimmen, Musik ja, aber

Zeit? Meistens habe ich doch keine, renne hinter ihr her,

verplane sie und lasse mich von ihr hetzen. Aber jetzt,

jetzt war das völlig anders. Je mehr ich der Zeit zuhörte,

sie gleichzeitig dabei auch immer intensiver spürte, umso

gelassener und ruhiger wurde ich. Ein angenehmes,

wohliges, vertrauensvolles Gefühl stellte sich ein. Ich ließ

mich fallen, fallen in diesen ruhigen und gleichmäßigen

Rhythmus des Ticktack. Und dann, ganz allmählich, erfuhr

ich etwas, das ich gar nicht so richtig beschreiben

kann. Aus dem vorher lästigen und nervigen Geräusch

wurde ein majestätischer Klang, ruhig, erhaben und würdevoll.

Wie auf sanften Schwingen wurde ich fortgetragen,

tauchte ein in einen unendlichen Ozean des Friedens

und für den Augenblick nur schien es mir, als spürte ich

einen kleinen Hauch göttlicher Ewigkeit. Das ➤

4 durchblick 1/2005


Philosophisches

Ticktack hatte mich hinausgetragen aus der Zeit und ich

fühlte eine tiefe, wunderbare, zeitlose Geborgenheit. Nur

noch ganz schwach, wie aus weiter, weiter Ferne, hörte

ich den Lärm, das Hetzen und Jagen der Welt da draußen.

Wie fremd kam mir diese, unsere Welt auf einmal vor. Was

sind wir Menschen doch für Narren. Wir paddeln hektisch

an der Oberfläche unseres Daseins und erkennen viel zu

selten die tief in uns verankerte, nie versiegende Kraftquelle

unseres wahren Lebens.

Ein zeitverrücktes Narrenschiff ist diese Welt. Und ich,

ich verschwand in einem Gefühl großer Ruhe und tiefem

Frieden für wenige Stunden aus dieser Welt und fiel in einen

festen und gesunden Schlaf. Vielen Dank, du alte

Standuhr, im Jagdzimmer des alten Forsthauses von „Onkel

Alfred“ im Sauerland für diese kostbare, unvergessliche

Erfahrung.

Eberhard Freundt

Schalttafelwärter, Gussputzer,

Stütze und Co.

wie sich Berufsbezeichnungen und Registereintragungen

ändern.

Vor einigen Wochen fiel mir ein altes Einwohnerbuch

der Stadt Siegen und des Siegerlandes, Jahrgang 1935, in

die Hand. Auf rund 700 Seiten sind dort alle Einwohner

nicht nur des Siegerlandes, sondern auch des Kreises Altenkirchen

verzeichnet. Heutzutage reichte das wohl nicht

einmal, um auch nur die Einwohner der Kernstadt Siegen

wiederzugeben.

Überschaubar war die Einwohnerzahl, die nach Straßen

und Hausnummern geordnet mit ihren Berufen aufgelistet

sind.

Auch lang ausgestorbene Berufe werden wieder in Erinnerung

gerufen, wenn man den Hammerschmied, den

Blechpolierer oder das Servierfräulein in trauter Eintracht

wiederfindet mit dem Hilfsbremser, dem Telegrafen-Leitungsaufseher

oder der Totenfrau. Funktionsbezeichnungen,

über die wir heute nur schmunzeln können, wie den

Wanderdekoraten oder den Reichsbankobergeldzähler,

aber auch das berühmte Milchmädchen gab es im Siegerland.

Nicht unerwähnt bleiben sollen aber auch der Melker,

der Leimsiedermeister, der Darmschleimer oder die

Milchausträgerin. 70 Jahre ist es erst her und doch scheint

das alte Einwohnerbuch mit seinen Eintragungen aus einer

vollkommen anderen, längst vergessenen Zeit zu stammen.

Bei unserer immer schneller dahineilenden wirtschaftlichen

Entwicklung wird es sicherlich keine 70 Jahre dauern,

bis über unsere heutigen Berufsbezeichnungen

gelächelt wird.

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durchblick 1/2005 5


Valdivia liegt nahe an Chiles Pazifikküste, auf der Mitte

des lang gestreckten Landes. Vor den Toren der 120-Tausend-Einwohner-Stadt

findet sich ein Hinweis auf Johann

Moritz, den Fürsten von Nassau-Oranien. Auf einem Denkmal

wird daran erinnert, dass hier vor über 350 Jahren

holländische Schiffe aufkreuzten. Im Auftrag von Johann

Moritz erkundeten die Kapitäne damals den Seeweg nach

Ostasien, betätigten sich als Piraten und versuchten, spanische

Siedlungen zu überfallen. Aber nicht dieses Ereignis

hat die Geschichte der Stadt geprägt.

Am 22. Mai 1960, geschah

hier und in den

südlicher gelegenen Provinzen

Chiles das stärkste

Erd- und Seebeben seit

Menschengedenken,

stärker als das Beben

vom 26. Dezember 2004

im Indischen Ozean. Die

Folgewirkungen dieser

Katastrophe führten zu

einer bis heute andauernden

Verbindung nach Siegen,

vor allem zur Pfarrgemeinde

St. Peter und

Paul.

Aus aller Welt

Die große Flut

Chilenische Pazifikküste – Erinnerung an die große Flutwelle

Westküste der USA zahlreiche Opfer und richteten große

Schäden an. In Chile waren mehr als 2.000 Tote und 3.000

Verletzte zu beklagen. Dazu wurden 2 Millionen Menschen

obdachlos, es entstand ein Schaden von 550 Millionen US-

Dollar allein in Südchile.

Während derartige Ereignisse heute unmittelbar vom

Fernsehen und über das Internet verbreitet werden und man

sich weltweit „ein Bild machen“ kann, war die damalige Katastrophe

schnell aus den Schlagzeilen verschwunden. Für

viele der in Valdivia obdachlos

gewordenen Menschen

begann jedoch ein

andauernder Leidensweg.

Von der Regierung wurden

ihnen provisorische Unterkünfte

zugewiesen, die

sich bald zu großen Slums

entwickelten. Wer es

irgendwie schaffte, baute

sich in der zerstörten Stadt

eine neue Existenz auf.

Dafür zogen andere, ärmere,

in die provisorischen

Siedlungen und diese entwickelten

sich schnell zu

sozialen Brennpunkten.

Bereits am Tag zuvor hatten starke Erschütterungen das

mittlere Chile heimgesucht. Erdbeben geschehen in Chile

sehr häufig, daher beruhigte man sich rasch. Die Dramatik

der folgenden Ereignisse wurde von einer Augenzeugin festgehalten.

Die junge Frau befand sich an diesem schönen

sonnigen Sonntag als Besucherin auf einem im Hafen liegenden

Schiff.

Um 15.10 Uhr trat ein erstes Beben auf, dessen Zentrum

vor der Küste lag. Nach etwa 10 Minuten begann das Wasser

im Hafen heftig zu steigen, obgleich Ebbe war. Bald war

der höchste jemals erreichte Wasserstand überschritten, die

Häuser am Ufer, überwiegend in Holzbauweise errichtet,

standen unter Wasser, lösten sich von ihren Fundamenten

und wurden von der Flut hochgehoben. Plötzlich wich das

Meer erschreckend schnell zurück und die auftretende Strömung

riss Häuser, Dächer und viele Boote mit sich. Die Augenzeugin

erinnert sich: „Ein unvergessliches Bild war es,

als wir in den vorbeischwimmenden Häusern noch Leute

beobachten konnten. Niemand kann sich ein Bild davon

machen, wie diese verzweifelten Gesichter aus den Fenstern

herausblickten ...“

Die bis zu 24 Meter hohen Tsunami-Flutwellen erreichten

alle Küsten des Pazifischen Ozeans. Sie forderten

auf Hawaii, auf den Philippinen, in Japan sowie an der

Nach dem Militärputsch von General Pinochet nahm

dort die Armut weiter zu; denn der Staat überließ die Menschen

weitgehend ihrem Schicksal. Anstatt die Ursachen

der Armut zu bekämpfen, kauften Pinochet und seine Helfer

immer mehr Waffen im Ausland und setzten diese ein,

um die Folgen der Armut zu bekämpfen. Im Widerstand gegen

diese einseitige, oft verbrecherische Politik wurden

viele Menschen ermordet, andere mussten fliehen und andernorts

Asyl suchen.

Mitglieder der Siegener Pfarrgemeinde St. Peter und

Paul wurden in den 70er Jahren mit der Situation in Valdivia

konfrontiert. Daraus entstand eine andauernde Verbindung

– zunächst mit dem Ziel, den dort lebenden Kindern

zu helfen und den Familien eine Hilfe zur Selbsthilfe zu

vermitteln.

Nach der Flutkatastrophe vom 26. Dezember 2004 wurde

die Weltgemeinschaft aufgerufen, den Überlebenden

Hilfe für einen Neuanfang zu bieten. Den entwurzelten

Menschen muss neue Hoffnung vermittelt werden, so dass

sie in ihrer Heimat bleiben können. Unabhängig von allen

ethischen Aspekten zeigt die Geschichte Valdivias, dass

dies auch aus wirtschaftlichen Gründen der bessere Weg

ist.

Erich Kerkhoff

6 durchblick 1/2005


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durchblick 1/2005 7


Aus aller Welt

„Kein Himmel über Afrika“

Kerstin Cameron: Eine Frau kämpft für ihre Freiheit

Dramatischer Lebensabschnitt einer Burbacherin verfilmt – Veronica Ferres in der Hauptrolle

Burbach/Arusha. Es ist stickig. Wie ein Würfel steht

die Luft in dem kleinen Raum (etwa 1,20 x 2 m). Lässt

kaum Platz zum Atmen. Alle zwei Tage eine kleine Schüssel

mit Waschwasser. Die Toilette ist ein alter Eimer. Das

Essen teilen sich Menschen und Ratten. Ab und zu kommt

auch eine Schlange herein. Der kleine Raum ist von außen

verriegelt: eine Gefängniszelle. Mitten in Arusha. Das ist

ein kleines Nest im afrikanischen Tansania. In dem Gefängnis

eine verzweifelte Frau: Kerstin Cameron (geborene

Lößer, heute 44 Jahre, Berufspilotin). Kerstin Cameron

kommt aus Burbach. Sie steht unter schwerem Verdacht:

Sie soll ihren neuseeländischen Mann Cliff Cameron, verwegener

Buschpilot und nach und nach dem Alkohol

verfallen, mit einer Neun-Millimeter-Pistole in seinem Bett

erschossen haben. Der Burbacherin, die stets ihre Unschuld

beteuerte, droht der Galgen. Im Mai 2001 stellt sich dann

endgültig heraus: Kerstin Cameron ist unschuldig. Sie wird

freigesprochen. Ihr Mann hat eindeutig die Waffe gegen

sich selbst gerichtet und seinem weitgehend verpfuschten

Leben ein Ende gesetzt.

Freispruch erster Güteklasse

Der Freispruch im Mai 2001 ist einer der allerersten Güteklasse:

Ihre Unschuld ist erwiesen. Kerstin Cameron darf

das Verlies sofort verlassen. Sie geht. Aber nicht als gebrochene

Frau, nicht als niedergeknüppelte Persönlichkeit.

Nein. Erhobenen Hauptes verlässt sie die Stätte, wo sie oft

verzweifelte, aber immer mit Hoffnung erfüllt war. Später

arbeitet sie diesen finsteren Lebensabschnitt in einem Buch

auf. Titel: „Kein Himmel über Afrika.“ Untertitel: „Eine

Frau kämpft um ihre Freiheit.“ Ein Tatsachenroman, der

sich rasch in oberen Bereichen den Bestsellerlisten festbeißt.

Und genau dieses Buch liest Deutschlands berühmte

Schauspielerin Veronica Ferres. Ein Stoff für sie. Rasch

steht für sie fest: Sie will die Burbacherin Kerstin Cameron

verkörpern.

Auch die ARD ist begeistert. Umgehend werden die

Vorbereitungen für die Dreharbeiten in Afrika getroffen.

Und was dabei herauskam? Immerhin ein dreistündiges

Epos. In Kürze wird gesendet.

Kerstin Cameron, die

inzwischen ihren ersten

Wohnsitz nach Afrika verlegt

hat („Die Liebe zu diesem

Land ist trotz allem

ungebrochen“), hatte Mitspracherecht

beim Verfassen

des Drehbuches.

Kerstin Cameron mit ihren Kindern Lachlan (links) und Tell in ihrem Burbacher Haus

an der Heister wenige Tage nach der Entlassung aus dem Gefängnis von Arusha.

Und: Die Burbacherin ist einem von ihren Schwiegereltern

angezettelten Komplott zum Opfer gefallen. Die Camerons,

eine angesehene Familie mit Verbindungen in

höchste Regierungskreise, konnten es wohl nicht verwinden,

einen Selbstmörder in der Familie zu haben. Die Familienehre

steht auf dem Spiel. Geschickt nutzten die Camerons

korrupte Polizei- und Justizkreise, um Kerstin

Cameron einen Mord anzuhängen. Zwar keine tolle Sache,

passt aber besser ins Familienbild.

Derbe

Schicksalsschläge

Von Schicksalsschlägen

ist die Burbacherin wahrlich

nicht verschont geblieben.

Vor allen Dingen der

Tod ihres Vaters machte ihr

zu schaffen. Jener Mann,

der seine Tochter oft im Gefängnis

besuchte, und der

gemeinsam mit der Familie

alle Hebel in Bewegung setzte, afrikanische Behörden von

der Unschuld seiner Tochter zu überzeugen. Ja, es waren die

Familie und viele, viele Freunde, die Kerstin Cameron in

diesen schweren Stunden ihres Lebens beistanden. Kerstin

Cameron: „Ohne die Fürsprache dieser Menschen hätte

mich sicherlich der Mut verlassen.“ Kerstin Cameron hat

einen Hilfsverein gegründet, der Frauen in afrikanischen

Gefängnissen unterstützen will. Frauen haben dort kaum

Rechte. Einen riesigen Erfolg verbuchte die Burba-

8 durchblick 1/2005


Aus aller Welt

cherin vor einiger Zeit: Sie

schaffte es, die 42-jährige Kenianerin

Alice (Mutter von fünf

Kindern) aus der Todeszelle zu

holen. Sie war mit einem Tansanier

verheiratet, den der Herzkasper

ereilte. Durch falsche Anschuldigungen

wurde Alice ins

Gefängnis geworfen und unter

Mordanklage gestellt. Kerstin

Cameron gelang es, der Frau einen

Anwalt zu besorgen. Und im

Prozess stellte sich dann heraus:

Alice war völlig unschuldig.

Nach drei Jahren Haft in der Todeszelle

kam die Kenianerin

endlich frei. Kerstin Cameron:

„Wer kein Geld für einen Anwalt

hat oder für die Prozesskosten

aufkommen kann, bleibt im

Knast, so unschuldig er auch

sein mag.“ So ist das in Tansania

– unter dem Kilimandscharo,

der Zugspitze Afrikas.

Kerstin Cameron inmitten von Familienangehörigen und Freunden kurz nach dem

Freispruch, der in Burbach gefeiert wurde.

Joschka Fischer setzte sich ein

Direkt nach dem Tode des kantigen Draufgängers Cliff

Cameron hatten Sachverständige eindeutig festgestellt,

dass sich der Buschpilot und Betreiber einer Charterfluggesellschaft,

die offenbar von finanziellen Schwierigkeiten

gebeutelt wurde, im Schlafzimmer der Eheleute selbst die

Kugel verabreicht hatte. Dennoch kam es später unter kuriosen

Umständen zur Mordanklage. Die internationale

Presse berichtete. Politiker (an der Spitze Außenminister

Joschka Fischer) setzten sich für die Burbacherin ein. Die

neuseeländische Gazette „Sunday Star Times“ berichtete,

dass es womöglich neuseeländische Politiker gewesen seien,

die im Interesse der Eltern und des Bruders von Cliff

Cameron ihren Einfluss in Tansania geltend gemacht hätten.

Dazu habe auch der ehemalige neuseeländische Außenminister

Don McKinnon gehört, dessen enger Freund und

Parteikollege Bill Birch den Wahlkreis der Camerons im

Parlament vertrete. Und: Für diesen Bill Birch leistete Senior

Cameron Wahlkampfarbeit. Das Blatt schrieb weiter,

dass der große Einfluss der Familie Cameron auch darin begründet

sein könnte, dass einer ihrer weiteren Söhne, nämlich

Lachlan Cameron, in Neuseeland als ehemaliger Rugby-National-Crack

eine regelrechte Sportikone sei.

Übrigens: Nach der Überführung des Leichnams von

Tansania in seine Heimat, stellten neuseeländische Pathologen

eindeutig fest, dass alle Untersuchungen auf Selbstmord

hindeuteten. Neuseeländische Regierungsvertreter

äußerten sich später dahingehend, dass es der Familie Cameron

wohl darum gegangen sei, die Vorwürfe, Cliff Cameron

habe nicht nur finanzielle, sondern auch charakterliche

und psychische Probleme gehabt, zu entkräften.

Bangen bis zum Schluss

Bis zum Schluss der Gerichtsverhandlung bangten Familie

und Freunde um das Leben der Burbacherin. Und

dann endlich die Erlösung: Freispruch! Unter Freudentränen

fallen sich Kerstin Cameron, ihr Vater und ihre Kinder

vor der Anklagebank in die Arme. Und Kerstin Cameron

zieht nach dem Urteil einen sofortigen Schlussstrich. Nicht

einmal mehr holt sie ihre Sachen aus dem Gefängnis: „Ich

verschenke sie an diejenigen, die dort zurückbleiben müssen.“

Nicht einen Fuß will sie mehr in das „düstere und

stinkende Frauengefängnis“ setzen. Ein Ort, in dem sie

über ein Jahr lang zwischen Trennungsschmerz, Hoffnung

und Todesangst gelebt hat. Sie lässt die enge Zelle zurück.

Dieses etwa 2,5 Quadratmeter kleine Geviert. Und draußen

scheint die Sonne. Kerstin Cameron atmet tief durch. Saugt

die Freiheit in sich ein. Sie ist hellwach. Ein böser Traum

ist zu Ende. Das Leben wartet auf eine Frau, die nie aufgab.

Der erste Tag nach der Gefangenschaft ist für Kerstin

Cameron wie ein Rausch. Sie sagt: „Das ist so, als kommst

du aus dem Urlaub, aus dem Krankenhaus oder von irgendwo

weit weg zurück.“ Kerstin Cameron, eine starke

Frau zwischen Freiheit, Gefühlen und Plänen. Nicht nur der

Film, in dem Veronica Ferres Kerstin Cameron ist. Da ist

auch das Ringen um einen humaneren Strafvollzug in afrikanischen

Gefängnissen. Eine Lebensaufgabe.

Dieter Gerst

durchblick 1/2005 9


Unterhaltung

Philosophie zum Schmunzeln

In jedem Philosophieren liegt ein elementares Bedürfnis,

den Dingen dieser Welt auf den Grund zu gehen, sie zu

analysieren und zu hinterfragen. Dies gilt auch für ganz alltägliche

Ereignisse, wie sie auch heute noch im ländlichen

Siegerland zu beobachten sind, nämlich:

Ein Huhn überquert die Straße.

Die philosophisch schwer wiegende Frage

dazu lautet: Warum?

Dazu einige analytische Antwortversuche

aus berufenen Mündern.

Grundschullehrerin Um auf die andere Straßenseite zu

kommen.

Platon Für ein bedeutendes Gut.

Aristoteles Es ist die Natur von Hühnern, Straßen zu

überqueren.

Karl Marx Es war historisch unvermeidlich.

George W. Bush Dies war ein unprovozierter Akt des

internationalen Terrorismus und wir behalten uns gegen

das Huhn jede Maßnahme vor, die geeignet ist, die nationale

Sicherheit der Vereinigten Staaten sowie die Werte von

Demokratie und Rechtgläubigkeit zu verteidigen.

Johannes Rau Ich glaube, das Huhn hat uns auf eine

ganz bestimmte ruhige Art und Weise gezeigt, dass es gerade

in einer Zeit, die so viele Menschen nachdenklich

macht – ich erlebe das in meinen Gesprächen immer wieder

– darauf ankommt, eine Straße nicht als etwas Trennendes

zu begreifen, sondern als etwas, das die Herzen der

Menschen zueinander führen kann.

Ronald Reagen Hab ich vergessen.

Captain James T. Kirk vom Raumschiff Enterprise

Um dahin zu gehen, wo noch nie zuvor ein Huhn gewesen ist.

Hippokrates Wegen eines Überschusses an Trägheit in

der Bauchspeicheldrüse.

Martin Luther King Jr. Ich sehe eine Welt, in der alle

Hühner frei sein werden, Straßen zu überqueren, ohne dass

ihre Motive in Frage gestellt werden.

Moses Und der Herr sprach zu dem Huhn „Du sollst

die Straße überqueren“ und das Huhn überquerte die

Straße, und es gab großes Frohlocken.

Helmut Kohl Ich habe dem Huhn mein Ehrenwort gegeben,

seine staatsbürgerlichen Gründe für das Überqueren

der Straße nicht in aller Öffentlichkeit breitzutreten.

Bill Clinton Ich war zu keiner Zeit mit diesem Huhn allein.

Machiavelli Das Entscheidende ist, dass das Huhn die

Straße überquert hat. Wer interessiert sich für den Grund?

Die Überquerung der Straße rechtfertigt jegliche möglichen

Motive.

Gerhard Schröder Ich sach das jetzt mal so – wahrscheinlich

hat das Huhn auf der anderen Straßenseite eine

ruhige Hand mit Futter entdeckt. Basta!

Sigmund Freud Die Tatsache, dass Sie sich überhaupt

mit der Frage beschäftigen, dass das Huhn die Straße überquerte,

offenbart Ihre unterschwellige sexuelle Unsicherheit.

Bill Gates Ich habe gerade das neue Huhn 2005 herausgebracht,

das nicht nur die Straße überqueren, sondern

auch Eier legen und ausbrüten kann.

Pfarrer Jürgen Fliege Die Frage ist nicht „Warum

überquerte das Huhn die Straße?“, sondern „Wer überquerte

die Straße zur gleichen Zeit, den wir in unserer Hast

übersehen haben, während wir das Huhn beobachteten?“

Edmund Stoiber Der – ähhh – die Huhn hat, wie ich

meine, und wie die Auffassung einer Mehr- bzw. Vielzahl

von Bundesbürgerinnen und Bundesbürgern, gerade auch

hier in Bayern, aber ebenso in den neuen alten Bundesländern

zeigt, so bin ich geneigt anzunehmen, dem Bundeskanzler

und hier insbesondere der Bundesregierung, die

es ja versäumt hat, in der Gesetzgebung und gegenüber den

Vereinigten Staaten auf die Richtung einzugehen, mithin

nicht erstaunen ähh zu vermitteln vermag.

Charles Darwin Hühner wurden über eine große Zeitspanne

von der Natur in der Art ausgewählt, Straßen zu

überqueren.

Albert Einstein Ob das Huhn die Straße überquert hat

oder die Straße sich unter dem Huhn bewegte, hängt von

Ihrem Referenzrahmen ab.

Dieter Bohlen Also ich find das nur absolut meeegageil,

wie das Huhn das da so gemacht hat. Rattenscharf. ➤

10 durchblick 1/2005


®

Unterhaltung

Buddha Mit dieser Frage verleugnest du deine eigene

Hühnernatur.

Hemingway Um zu sterben. Im Regen.

Boris Becker Bin ich schon drüber, äh?

Arnold Schwarzenegger Bewaigung is dies wichtigste.

Das Haindl tuat jouggen, jouggen, jouggen.

Woody Allen Die Frage ist nicht, warum das Huhn die

Straße überquert hat, die Frage ist, muss es sich auf der

anderen Seite rasieren?

Reinhold Messner Es handelt sich hier nicht um ein

Huhn, sondern um eine besonders kleine Ausprägung des

Yeti, der mir gefolgt ist, um hier andere Lebensformen und

Landschaften zu erforschen. Nächstes Jahr versuche ich,

dieselbe Straße in wenigen Minuten ohne technische Hilfsmittel

zu überqueren.

Wenn Sie, liebe Leserin und lieber Leser, sich an der Analyse,

warum das Huhn die Straße überquert, beteiligen wollen,

so können Sie dies gerne tun. Schreiben Sie uns Ihre

Gründe, wir werden sie in der nächsten Ausgabe veröffentlichen.

Den obigen Text habe ich vor einiger Zeit über einen

UNI-Verteiler per E-Mail erhalten.

Eberhard Freundt

Die eingebildete Kranke ?

Fall ich durch das Raster,

hab auch keinen Zaster,

bin zu gesund für eine Pflegestufe,

auf eine REHA ich mich nun berufe,

bin zu krank für eine Kur,

oh, was mach ich da denn nur?

Versuche nun zu reklamieren,

muss halt alles

durchprobieren,

da war ich dann total entsetzt,

so hat der Doktor mich verletzt.

Ich bekam sogar das Flattern

als er mich fragt:

„Wollen Sie sich eine Kur ergattern?“

Elisabeth Hanz

Ostersymphonie

Der Osterglocken süßer Klang

durchdringt die lauen Frühlingslüfte

Wie Harfenspiel und Elfgesang.

Zur Melodie am Wiesenhang

Entströmen ersten Blüten-Düfte.

Mit zarten Stimmchen tiriliern

Die Lerchen jauchzend in den Morgen.

Die Luft durchschwingt ein Musiziern,

ein fröhlich-buntes Jubiliern

im Sonnenschein – bar aller Sorgen.

Und Bienensummen tönt hinein

In diese Frühlingsmelodie.

Doch horch! – Von fern, ganz hell und fein,

vollendet – wie Kristall so rein –

der Kinder Sang die Symphonie.

Hans Schuffenhauer

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durchblick 1/2005 11


Im ausgebauten Hainer Stollen des ehemaligen Bergwerks

Alte Silberkaute in Siegen waren im Zweiten Weltkrieg

in Tag und Nacht streng bewachten Räumen Kunstgegenstände

von unschätzbarem Wert verborgen. Die Stadt

Siegen und Alfred Fißmer, der 26 Jahre, von 1919 bis 1945,

ihr Oberbürgermeister war, haben sich das Verdienst erworben,

in den letzten Kriegsjahren entscheidend zur Sicherung

eines großen Teiles des westdeutschen Kunstbesitzes

beigetragen zu haben. Die 1944 begonnene Bergung

der Kunstschätze lief als „streng geheim“.

Als 1944 die alliierten Truppen die deutsche Westgrenze

überschritten und der Bombenhagel auf Aachen, Köln,

Trier und Essen so stark wurde, dass um die Bewahrung der

Kunstschätze dieser Städte größte Besorgnis entstand, begannen

die Bahntransporte nach Siegen. Der Provinzialbehörde

des Rheinlandes erschien zu jenem Zeitpunkt

Siegen als der geeignete Ort für eine bombensichere Verlagerung.

Oberbürgermeister Fißmer erklärte sich sofort

bereit, nach Kräften zu helfen, die rheinischen Kunstschätze

vor der Zerstörung zu bewahren.

Bei Kriegsende befanden sich im unterirdischen Bunker

unter anderem folgende hervorragende Kunstschätze:

der Aachener Domschatz einschließlich des Karls-Schreins

mit den Gebeinen Karls des Großen,

der Münsterschatz aus Essen

einschließlich der Gold-Madonna,

der Kirchenschatz aus Siegburg

einschließlich der berühmten

Schreine, Bestände aus dem

Beethoven-Haus in Bonn, 44 Kisten

des Bonner Landesmuseums, die Bestände des Suermond-

Museums Aachen, Kunstwerke aus den Kölner Kirchen,

u.a. aus Maria im Kapitol, Maria in Lyskirchen, St. Kunibert,

St. Andreas, Bestände aus dem Kölner Wallraf-Richartz-Museum

und dem Schnütgen-Museum, die Domschätze

aus Trier, Altäre, Messgeräte, Gewänder, Bilder,

kirchliche und weltliche Kunstgegenstände.

Die Verhandlungen über die Herrichtung des Hainer

Stollens für die Bergung der Kunstschätze wurden bereits

am 1. August 1944 abgeschlossen. Die Bauarbeiten begannen

sofort anschließend. Unter anderem musste in den Stollen

eine besondere Lüftungsanlage eingebaut werden, eine

Heizungsanlage wurde gelegt, eine Feuchtigkeitsregulierung

geschaffen. Die Transporte mit den Kunstgütern liefen

dann im August und September 1944. Mit dem Landesoberbaurat

Theodor Wildeman aus Bonn wurde ein

erfahrener Sachverständiger nach Siegen entsandt, der die

Kunstschätze ständig zu überwachen hatte und Ende Dezember

1944 ganz nach Siegen übersiedelte. Die Stadt Siegen

stellte eine Polizeiwache ab, die die wertvollen Schätze

Tag und Nacht zu bewachen hatte.

Aus dem Siegerland

Siegen 2. April 1945: Kunstschätze unter amerikanischem Schutz

Bei Kriegsende befanden sich

im unterirdischen Bunker

hervorragende Kunstschätze

Mit 2.230 m 2 Grundfläche bot das Stollensystem des

Hainer Stollens neben den vielen Luftschutzstollen, Hochbunkern

und Tiefbunkern 3.000 Schutzplätze für einen Teil

der Siegener Bevölkerung. 35 Meter starker Fels bot Schutz

gegen Bomben und Feuer.

Ab Ende 1944 gab es Bestrebungen auf höchster Ebene,

angesichts der herannahenden Front, die Kunstschätze

aus dem Hainer Stollen weiter ostwärts nach Mitteldeutschland

zu verlagern. Über diese Ereignisse berichtet

Theodor Wildemans Tochter Cornelia Meyer-Wildeman:

„SS-Offiziere hatten – angeblich im Auftrag der Regierung

– bei meinem Vater und dem Oberbürgermeister von Siegen

die Öffnung des Kunstschutz-Stollens und Abtransport

des Inhalts Richtung Osten verlangt. Der Zielort wurde

nicht genannt. Mein Vater verweigerte die Herausgabe, und

Oberbürgermeister Fißmer konnte glaubhaft nachweisen,

dass er weder Lastwagen noch Treibstoff zur Verfügung

hatte. Darum wollten die Herren sich kümmern und meldeten

sich bei meinem Vater wieder an. An diesem Morgen

sagte mein Vater zu mir: „...jetzt geht es um meinen Kopf.

Setz dich versteckt in den Nebenraum und schreib mit!“

Sie kamen ohne Lastwagen (diese sollten in drei Tagen

kommen) und verlangten von meinem Vater Stollen-Zutritt

und Herausgabe mit unmissverständlichem Hinweis auf die

Folgen erneuter Weigerung. Da

wurde mein Vater ganz deutlich:

„Solange ich lebe, gebe ich in eine

Unsicherheit nichts heraus. Ich trage

die Verantwortung vor Volk und

Geschichte. Ich werde den deutschen

Kulturbesitz nur vor der Öffentlichkeit

an Fachleute der Westmächte übergeben, die

dann die Verantwortung für ihre unbeschadete Erhaltung

und Rückführung übernehmen müssen.“ „Sind Sie sich

klar, Herr Wildeman, welches Urteil Ihre erneute Weigerung

für Sie bedeutet?“ Vaters Stimme zitterte: „Oh ja. Aber

wie ich Ihnen sagte, nur über meine Leiche!“ „Übermorgen

sind wir da - mit den Lastwagen. Überlegen Sie sich,

was Sie tun!“ Dann brach die Front zusammen. In letzter

Minute waren die Kunstschätze gerettet.

Die Amerikaner hatten im Oktober 1944 in Aachen von

einem Depot mit Kulturgütern in Siegen erfahren. Als die

amerikanischen Truppen auf Siegen vorrückten, erhielten

sie Funksprüche mit Einzelheiten über den Inhalt des

Depots.

Das 13. Inf.-Reg. der 8. Inf.-Div. der 1. US-Armee landete

am 4. Juli 1944 auf Utah Beach in der Normandie in

Nordwestfrankreich. Nachdem Köln erobert war, wurde

dem Regiment eine kurze Erholungspause gewährt. Am 29.

März 1945, 5 Uhr morgens, verließ das Regiment Köln im

LKW-Transport und rückte am 30. März 1945 bis Sie- ➤

12 durchblick 1/2005


Aus dem Siegerland

Amerikanischer Frontsoldat mit Aachener Kopie der Reichskrone am 3. April 1945 im Hainer Kunstschutzstollen

in Siegen. Im Hintergrund die einzigartigen hölzernen Türflügel von St. Maria im Kapitol in Köln aus dem Jahre 1065.

Sie schildern in farbig gefasster Schnitzarbeit das Leben Christi von der Geburt bis zum Pfingstwunder.

US Army Photo

gen-Eisern vor. Am 1. April 1945 begann der Angriff auf

Siegen. An diesem Tag warfen deutsche Jagdbomber Bomben

ab und griffen im Tiefflug mit Bordwaffen an, verfehlten

aber die amerikanischen Truppen.

Am 2. April 1945 besetzten US-Truppen einen Teil der

Stadt Siegen, und zwar das Gebiet südlich der Sieg, in dem

die Befehlsstelle des Oberbürgermeisters im Kaisergartenbunker

und der Hainer Kunstschutz-Stollen lagen. Soldaten

des 13. Inf.-Reg. posierten am 3. April 1945 vor den

Kunstschätzen im Stollen.

Alfred Fißmer: „Als der amerikanische Kommandant

mit seinem Adjutanten bei meiner Befehlsstelle (Bunker

Kaisergarten) vorfuhr, verlangte sein Adjutant, ich sollte

ihn sofort zu dem Bunker führen, in welchem die geraubten

Schätze untergebracht seien. Ich verbat mir diese Bemerkung

mit dem Hinweis, dass es sich nicht um geraubte

Schätze handelte, sondern um solche der katholischen Kirchen,

die sie mir anvertraut hätten und über die auch nur

diese verfügen könnten. Ich hatte dann aber an den Kommandanten

eine herzliche Bitte, mir zum Schutze eine starke

Bewachung mit Maschinengewehren zur Verfügung zu

stellen, da ich befürchten müsse, dass die Insassen des benachbarten

Russenlagers nur auf den Augenblick warteten,

wo sie das Lager stürmen könnten. Er versprach mir dann,

die Garantie dafür zu übernehmen, dass in kurzer Zeit die

Schätze unter militärischer Bewachung an die Eigentümer

zurückerstattet würden. Letzteres ist geschehen. Soweit ich

weiß, ist keins der wertvollen Stücke verloren gegangen

noch beschädigt.“

Am 1./2. April 1945 reisten die amerikanischen Kunstschutzoffiziere

Walker Hancock und George Stout mit dem

Aachener Domvikar Erich Stephany in einem Jeep von Aachen

nach Siegen, wo erbittert gekämpft wurde, um ➤

durchblick 1/2005 13


Aus dem Siegerland

sich ein Bild vom Zustand der Aachener Kunstschätze zu

machen. Am 2. April 1945 betraten sie den Hainer Stollen

und wurden von dem völlig überraschten Stollenwart mit

„Heil Hitler“ begrüßt.

George Stout schildert die Geschehnisse wie folgt: „Der

Stollen war etwa einen Meter achtzig breit und zweieinhalb

Meter hoch, gewölbt und roh behauen. Kaum hatten wir uns

vom Eingang entfernt, hüllte uns Dampf ein, und unsere Taschenlampen

leuchteten nur als schwache Punkte durch die

Düsternis. Es befanden sich Menschen darin. Ich dachte zuerst,

wir würden sie bald hinter uns lassen, es handle sich

um ein paar Versprengte, die sich hier in Sicherheit gebracht

hatten. Doch wir ließen sie nicht hinter uns. Wir gingen

fast einen halben Kilometer, weitere Stollen zweigten

ab. Die ganze Zeit gingen wir auf einem Pfad von kaum

mehr als einen halben Meter. Den Rest nahmen zusammengedrängte

Menschen ein. Sie standen, sie saßen auf

Bänken oder auf Steinen. Sie lagen auf Feldbetten oder auf

Tragen. Es war die Bevölkerung der Stadt, alle, die nicht

hatten fliehen können. Gestank lag in der feuchten Luft –

Babys schrien jämmerlich. Wir waren die ersten Amerikaner,

die Menschen zu Gesicht bekamen, und man hatte ihnen

zweifellos gesagt, wir seien Wilde. In den blassen,

schmutzigen Gesichtern, die im Taschenlampenschein auftauchten,

stand nichts als Furcht und Hass. Uns voran ging

das angsteinflößende Wort, kaum lauter als Flüstern: Amerikaner.

Das war das Ungewöhnliche an diesem Vorfall: der

Hass und die Furcht in den hunderten von Herzen, hautnah

um uns herum, und wir das Ziel.“

In einem verschlossenen Raum mit Backsteinmauern

und Betonboden, etwa 60 mal 9 Meter, fanden die amerikanischen

Kunstschutzoffiziere und der Aachener Domvikar

die unersetzbaren Kunstschätze.

Über den Radiosender Luxemburg der amerikanischen

Armee wurde im April 1945 gemeldet: „In der Stadt Siegen

gelang es nicht, die Stadt ohne Widerstand zu übergeben,

obwohl Oberbürgermeister Fißmer zweimal versuchte,

den Kommandanten der Garnison zu bewegen, mit

seinen Truppen die Stadt zu verlassen.“ (Stefan Heym: Reden

an den Feind, München 1995). Während der Kämpfe

um die Stadt Siegen fielen in der Zeit vom 31. März bis

7. April 1945 insgesamt 119 deutsche Soldaten. Die Zahl

der gefallenen Amerikaner ist nicht bekannt.

In einem amerikanischen Dokument heißt es: „In der

kritischen Schlacht um Siegen wurden neunzehn Gegenangriffe

zurückgeschlagen.“

Die amerikanische Armee hatte im April/Mai 1945 den

Hainer Stollen zu einem „Kunstmuseum“ der 8. Infanterie-

Division umfunktioniert, das für die Besatzungstruppen zu

einer militärtouristischen Attraktion wurde. Das „Museum“

bestand bis Ende Mai 1945.

Die Inschrift auf der Hinweistafel lautet: Golden Arrow/

ART MUSEUM / Siegen Copper Mine / Europe’s Art Treasures

/ RESTORED / Paintings of the / OLD MASTERS/

Rembrandt – Reubens – Van Dyck Delacroix – Van Gogh

– Holbein / Bones and Crown of / CHARLEMAGNE /

Original Music of / BEETHOVEN / Discovered and Guarded

by / 8th INFANTRY DIVISION.

Der Siegener Diplom-Handelslehrer Walter Hilbert notierte

am 25. Mai 1945 in sein Tagebuch: „Ich hätte nie geglaubt,

dass ich in meinem Leben Karl den Großen auf einem

Handwagen fahren würde. Der Gedanke wäre mir absurd erschienen.

Heute habe ich es in Wirklichkeit getan. Seine Verpackung

war schwer, 8 Zentner, sein leibliches Gewicht wahrscheinlich

nach mehr als 11 Jahrhunderten ein Federgewicht.

Einige der großen Rubensgemälde waren beschädigt. Sie

hatten ursprünglich in einem Eiserfelder Stollen gestanden

und unter der Feuchtigkeit gelitten. Als besondere Kostbarkeit

zeigte mir der Kustos des Aachener Doms die alte deutsche

Kaiserkrone und den Reichsapfel. Den Reichsapfel

durfte ich in die Hand nehmen – ein erhebendes Gefühl.

Der Kustos erzählte weiter, dass die Kunstschätze kurz

vor dem amerikanischen Einmarsch abtransportiert werden

sollten. Er habe sich geweigert, weil die Straßen unsicher

seien. Daraufhin sei ihre Zerstörung durch Sprengung

vorgesehen gewesen. Er habe auch dagegen Schutzmaßnahmen

ergriffen. Italienische Arbeiter der Hainer Hütte

hätten ihm Hilfe zugesagt, die Sprengung zu verhindern.“

Siegen erlitt von Dezember 1944 bis März 1945 mehr

als zehn schwere Bombenangriffe. Der Zerstörungsgrad

von Siegen betrug über 82 Prozent. Es wurden auch bunkerbrechende

Bomben von 5.500 kg, von den Briten „Tallboys“

genannt, auf Siegen abgeworfen. In Weidenau erhielten

mindestens zwei Luftschutzstolleneingänge

Bombentreffer. Der Eingang am Lohgraben und die beiden

Eingänge des Hainer Stollens, in dessen Stollensystem damals

Tausende Menschen Schutz suchten und in dessen

Kammern die Kunstschätze untergebracht waren, blieben

glücklicherweise von Bombentreffern verschont.

Es grenzt an ein Wunder, dass die überaus wertvollen

Kunstschätze im Hainer Stollen alle schlimmen Geschehnisse

und auch den unter Leitung von Captain Hancock gemeinsam

durch Amerikaner, Engländer, Franzosen und

Deutsche durchgeführten Rücktransport in die Heimatstädte

nahezu unbeschadet überstanden.

Hans-Martin Flender

Literatur: Dr. F. Philippi, Siegener Urkundenbuch, 1. Abt., Siegen 1887.

Eighth Infantry Division, A Combat History by Regiments und Special

Units, o.O. 1946. Hans-Martin Flender: Der Raum Siegen im Zweiten

Weltkrieg, Siegen 1979. Hans-Martin Flender: Hauptziel Siegen, Siegen

1994. Lynn H. Nicholas: Der Raub der Europa. Das Schicksal europäischer

Kunstwerke im Dritten Reich, München 1995. Walter I. Farmer:

Die Bewahrer des Erbes. Das Schicksal deutscher Kulturgüter am Ende

des Zweiten Weltkrieges, Berlin 2002.

14 durchblick 1/2005


Kriegsende

Mai 1945

blank geputzten Stiefeln zu einem kleinen Jungen. Der

drückte sich verängstigt an seine Mutter. Mit einem breiten

Lächeln zog der Soldat eine runde Dose aus seiner Uniformjacke

und reichte sie dem Kind. „Chocolat“, sagte er. Zögernd

nahm das Kind das Geschenk und die Mutter lächelte

verlegen. Der Bann war gebrochen. Nun – wenn sie

Kindern Schokolade schenken, werden sie uns wohl nicht

die Hälse durchschneiden. Langsam wich die angespannte

Angst von den Menschen. Mit fester Stimme und in perfektem

Deutsch gab der Offizier Anweisungen, an die ich

mich nicht mehr erinnere. Nur eines weiß ich noch:

Keiner durfte vorläufig den Bunker verlassen. Das war für

mich wie ein Fanal. Ich musste hier raus! Ich schlich nach

vorne und konnte den Bunker ungesehen verlassen. So

schnell ich konnte rannte ich zu einem nahe gelegenen Haus

und versteckte mich hinter der Haustüre. Warum ich das tat

und wie lange ich dort stand, weiß ich nicht mehr, aber was

ich dann erlebte, werde ich mein Leben lang nicht vergessen.

Durch einen Spalt in der Türe sah ich deutsche Soldaten – die

sich in einem Seitenarm des Bunkers in Sicherheit gebracht

hatten – mit erhobenen Händen auf die Straße kommen. Ihre

Uniformen waren dreckig und ihre schmutzigen Gesichter

waren gezeichnet von Kampf, Entbehrung und Hoffnungslosigkeit.

Der Anblick dieser Männer ließ mich – eine Sechzehnjährige

– die Sinnlosigkeit dieses verlorenen Krieges

klaren Auges erkennen und diese Erkenntnis traf mich wie

ein Keulenschlag. Ganz langsam ging ich in die Hocke,

schlug die Hände vors Gesicht und weinte, weinte, weinte.

Befreit habe ich mich damals nicht gefühlt – nein – nur

besiegt.

Inge Göbel

Unsere Zukunft sah nicht rosig aus, aber wir packten sie

an. Im September 1945 trug ich bereits stolz mein selbstgenähtes

Kleid (aus drei verschiedenen Stoffen).

„Mit sechzehn hat man noch Träume.“ Ein bekanntes

Lied aus den Neunzigern. Träume? Die hatten wir vielleicht

auch, aber sie wurden von einer immer unerträglicher werdenden

Wirklichkeit erdrückt. Seit sechs Jahren war Krieg.

Als er begann, war ich zehn und nun – 1945 – sechzehn Jahre

alt. Diese Jahre waren geprägt von Verzicht, Hunger,

Bombennächten und von Todesanzeigen gefallener Soldaten,

die ganze Zeitungsseiten füllten. Total ausgebombt lebten

wir seit drei Monaten im Bunker, einem großen Stollen.

Tag und Nacht saßen wir – Jung und Alt – auf Holzbänken.

Unser einziges Licht kam von Karbidlampen. Ca. achthundert

Menschen hielten sich hier auf. In den letzten Kriegstagen,

als in unserer Stadt bereits gekämpft wurde, durften

wir nur noch für eine Stunde den Bunker verlassen, um uns

draußen – auf aus Trümmersteinen und Blechen gebauten

Feuerstellen – etwas Reis zu kochen, den man uns austeilte.

Tag für Tag flüchteten mehr Menschen in den Bunker und

immer neue Parolen gingen von Mund zu Mund. „Die Amerikaner

kommen mit Riesenpanzern.“ Manchmal hörten wir

ihr Dröhnen. Angst machte sich breit. Was würde uns erwarten?

Was sind das für Menschen? Wir lernten „Ich ergebe

mich“ in englischer Sprache. Die Spannung, die in der

Luft hing, war spürbar – und dann kamen „Sie“, ein kleiner

Trupp amerikanischer Soldaten, angeführt von einem Offizier.

Auffallend für mich war die gepflegte Sauberkeit, die

von ihnen ausging. Die sahen absolut nicht aus wie Krieger!

Es war totenstill im Bunker, nur die Schritte dieser fremden

Soldaten waren zu hören. Dann ging ein dunkelhäutiger mit

Informieren

Sie sich!

durchblick 1/2005 15


Am Abend des 1. Februar 1945 fiel ein Feuerteppich auf

den alten Ortskern von Kaan und machte ihn fast dem Erdboden

gleich. 282 Bombenflugzeuge der Royal Air Force

warfen ihre zerstörerische Last, 1306 Bomben, über dem

Zielgebiet Siegen ab. Der Gemeindeteil Marienborn blieb

von verheerenden Schäden fast verschont und wurde doch

mitten in seinem Lebensnerv getroffen, in Kaan.

Die Stadt Siegen, in der

es nach dem Großangriff

im Dezember 1944 kaum

noch etwas zu verschonen

gab, wurde am Rande

erneut heimgesucht. Das

strategische Ziel war der

Verschiebe-Bahnhof. Bombardiert

wurden außerdem

Weidenau, Buschhütten,

Kreuztal, Netphen, Wilnsdorf,

Gernsdorf, Flammersbach,

Rudersdorf und

Anzhausen. Ein Lancaster-

Bomber stürzte über Beienbach

ab.

Noch wenige Wochen

vor der totalen Kapitulation

begannen die Bürger des

zu 80 Prozent zerstörten

Gemeindeteils Kaan ihre

Häuser wieder aufzubauen, erst überwiegend als Behelfsheime,

später mit Hilfe der zögernd freigegebenen, knappen

Mittel unter Regie der Militärregierung. Aus einer

blühenden Industriegemeinde wurde nach und nach – aus

heutiger Sicht – ein zusammengehöriger, blühender Stadtteil,

der seinen eigenen Charakter durch die Eingemeindung

nicht verloren hat.

Jedoch im Februar 1945 sah das kleine Kaan der Stadt

Siegen, die sechs Wochen zuvor mir ihrem historischen

Kern in Schutt und Asche gelegt worden war, zum Verwechseln

ähnlich.

Die schwärzeste Stunde in der Geschichte von Kaan-

Marienborn begann an diesem Schicksalstag vor 60 Jahren

mit dem Voralarm um 18.40 Uhr. Zeitzeugen haben in verschiedenen

Veröffentlichungen geschildert, wie sie das Inferno

erlebt und überlebt haben. Manche, die den Wiederaufbau

mitgestaltet haben, hielten damals ihre Erinnerung

fest.

Der verstorbene Schreinermeister Albert Schröder, von

1949 bis zur Eingemeindung 1966 Gemeindedirektor und

langjähriger Bürgermeister von Kaan Marienborn, gehörte

Siegerland

Feuerteppich auf Kaan

Mahnmal auf dem Alten Friedhof in Kaan-Marienborn

gestaltet von der Siegener Bildhauerin Ruth Fey.

der in fünf Unterkünften stationierten Luftschutzeinheit an,

die nach Angriffen ausrückte, um zu retten, was noch zu retten

war. In einem 1985 mit der Autorin geführten Gespräch

hat der damals 81-Jährige seine „ins Gedächtnis eingebrannten

Eindrücke“ geschildert: „Ich hatte einen freien

Abend und war zu Hause, als es mit dem Voralarm losging.

Kurz nach dem akuten Alarm, wir hatten gerade den Stollen

erreicht, folgte ein Bersten,

Krachen, Dröhnen.

Es war die Hölle.“

Als alles vorbei war,

suchten die Menschen in

dem sich ausbreitenden

Flammenmeer, was ihnen

geblieben war. Albert

Schröder half beim Löschen

der Flammen, die

auch sein eigenes Haus bedrohten:

Er zog die traurige

Bilanz: „Wir hatten

natürlich mit zwei

Löschwagen kaum eine

Chance. Was ohnehin zerstört

war, brannte und loderte

in den Ruinen noch

am nächsten Tag. Ich

machte die Stalltür auf und

sagte der Kuh: Mach, dass

du wegkommst.“ Albert

Schröder gehörte zu der Abteilung der Feuerwehr, die ihre

Fahrzeuge am Stollen hinter der Eintracht untergebracht

hatten. Zu der Luftschutzeinheit zählte außerdem eine Sanitätskolonne

und ein Instandsetzungskommando. Schröder

hatte damals sechs obdachlose Familien in seinem bald

wieder bewohnbaren Haus untergebracht.

Zu den von den Bomben betroffenen Menschen gehörte

auch ein Siegener Geschäftsmann, damals 15 Jahre alt,

dessen Eindrücke die Spur des Schreckens noch sichtbar

machen konnten: „Es war grauenhaft. Ein Junge aus meiner

Schule lag tot mit Angehörigen auf der Straße vor seinem

Haus. Auf dem Weg zu unserem brennenden Haus sah

ich lettische Frauen, die sich in der Nähe der Firma Holz-

Irle in einen Splittergraben gerettet hatten. Alle waren tot.

Ein Mann musste tot geborgen werden, weil er unterwegs

einen Herzschlag erlitten hatte. Das lässt sich vielleicht verdrängen,

nie vergessen.“

Was den Siegenern die Bunker bedeuteten, waren den

Bürgern von Kaan die Stollen, in denen sie oft Tage und

Nächte verbrachten. Im Gemeindehaus wurde ein Notquartier

und provisorisches Lazarett für die Verletzten eingerichtet,

denen noch zu helfen war. 24 Tote forderte ➤

16 durchblick 1/2005


Siegerland

der Angriff. Über die Hälfte der 350 Häuser wurden total

zerstört, darunter die 144 Jahre alte Kapelle.

1948 waren 72 Wohnhäuser wieder intakt, 100 Wohnungen

konnten bezogen werden. Bis 1954 waren 90 Prozent

aller Gebäudeschäden behoben. Bis auf das eindrucksvolle,

von der Siegener Bildhauerin Ruth Fey gestaltete

Mahnmal auf dem Friedhof in Kaan erinnert nichts

mehr an die Spur der Zerstörung, die der Angriff hinterlassen

hatte. Und darum ist es wichtig, dass es noch Zeitzeugen

gibt, die sich erinnern und einen schleichenden Verdrängungsprozess

durch ihre Berichte verhindern können.

Maria Anspach

Das internationale Musik- und Theaterfestival KulturPur 2005

Das internationale Musik- und Theaterfestival Kultur-

Pur (12.–16. Mai 2005, über Pfingsten), romantisch gelegen

in Hilchenbach-Lützel, auf dem Giller, zieht jährlich

mehr als 50.000 Besucher aus ganz Deutschland in seinen

Bann. Eine Beliebtheit, die es sicherlich seinem familiären

Charme verdankt, der idyllischen Lage an einem der

schönsten Plätze Westfalens und der imposanten Kulisse

der Zelttheaterstadt. Vor allem aber, weil es die Veranstalter

jedes Jahr über Pfingsten verstehen, hochkarätige Showstars

mitten in die südwestfälische Natur zu holen. Wo sich

sonst Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen, begeisterten

bisher u. a. Juliette Gréco, Gilbert Bécaud oder Milva das

Publikum des größten naturnahen Festivals in Deutschland

und schufen eine Tradition, die KulturPur 2005 nun zum

15. Mal ins Licht internationaler Produktionen rückt.

Zum Redaktionsschluss durften allerdings erst zwei der

über 100 KulturPur-Künstler verraten werden: Marianne

Rosenberg wird die populärsten Songs aus ihrer über 30-

jährigen Karriere neu (er)finden. Marianne Faithfull zählt

zu den Legenden der Rockgeschichte: Das wird ein weiterer

TopAct von KulturPur 2005 sein.

Aber selbst wer einfach nur relaxen will, kann dabei das

meist kostenlose Rahmen- und Tagesprogramm für die

ganze Familie genießen. KulturPur ist mit einer im Vorverkauf

erworbenen Eintrittskarte über kostenlose Bus &

Bahn-Verbindungen erreichbar. Infos gibt es Anfang April

im Internet unter www.siwikultur.de oder unter der Info-

Nummer 0271/333-2451.

Der Vorverkauf ist vom 18. April bis 10. Mai.

durchblick 1/2005 17


Aus dem Siegerland

Kartoffel(tor)tour – Not macht mobil

Am 7. Mai verkündete ein amerikanischer Lautsprecherwagen

auch in Siegen das Ende des Zweiten Weltkriegs

in Europa. Am 8. Mai erfuhr es die Weltöffentlichkeit. Der

Krieg ist aus. Eine amerikanische Siegesparade marschierte

am 9. Mai am Kölner Tor auf.

Unterrichtete Nachhilfeschüler

gegen Zink-Mülleimer

Bild von Dr. Erich Franz

Der mühselige Alltag

zwischen Trümmern und

Wiederaufbau hatte begonnen.

In der Weidenauer Alleestraße

hausten wir – meine

Eltern, mein Bruder und

ich – vergleichsweise noch

mit Komfort in der nur zum

Teil zerstörten, mit Holzfaserplatten

an der Fensterfront

abgedichteten Küche.

Auf dem Flur unterrichtete

mein Vater einen Nachhilfeschüler

gegen „harte

Währung“: einen verzinkten

Mülleimer, als begehrtes

Tauschobjekt für Hamsterfahrten.

Not macht mobil: Nach

der Bekanntgabe, dass die

Haferbestände der Wellersberg-Kaserne

für die Bevölkerung freigegeben wurden,

startete mein Bruder per Fahrrad erwartungsvoll zur „Hafer-Ernte.“

Aber Hundertschaften hungriger Siegener waren

schneller gewesen. Nur noch eine feuchte Masse bedeckte

auf dem freigegebenen Kasernengelände den

Boden. Bruder Peter füllte eine organisierte Holzkiste mit

dem „Haferbrei“ und schob den mit der Kiste beladenen

Drahtesel nach Hause. Die Enttäuschung war groß. Aber

es gab noch Brennesselspinat und „Schmatzbeckel“, die

aus geriebenen rohen Kartoffeln, nach Siegerländer Sparrezept

auf gusseiserner Platte gebacken wurden. Die Familienzuteilung

der Militärregierung für eine Woche – zum

Beispiel auf überlieferter Bekanntmachung 700 Gramm

Fleisch, ein halbes Pfund Fett, ein halbes Pfund Gries und

drei Pfund Brot – war nach zwei Tagen verbraucht.

Nach tagelangen Versuchen, durch Trocknen und Rösten

noch etwas Essbares vom Hafer zu retten, erschien am

Amtshaus die Verfügung: „Alle Hafermengen aus Kasernenbestand

sind zu melden.“ Mein Vater meldete sich und

wurde verpflichtet, den Bestand – unabhängig von der

muffigen Beschaffenheit des Korns – sicherzustellen.

Am Rand der Weidenauer Wilhelmstraße und in unserer

Alleestraße haben wir mit Nachbarskindern „Betteln“

gespielt. Das war natürlich kein richtiges Spiel im Frühsommer

1945, wenn wir vor haltenden Militärwagen versuchten,

mit ausdrucksvollen Blicken irgendetwas Essbares

zu ergattern. Aber dieses Betteln nach Spielregeln

machte Spaß: Die gesamte Ausbeute wurde schließlich zusammengelegt

und verlost. Die Teilnehmer wurden je nach

Beute-Erfolg mit Pluspunkten bewertet, die Reinschmidts

Karl-Heinz in ein Schulheft eintrug. Das Ergebnis war bei

mir ziemlich kümmerlich. Immerhin, in einem Fall, an den

ich mich erinnere, konnte ich eine runde Blechdose mit bitterer

Cola-Schokolade und viele Päckchen Brausepulver

abliefern, auch irgendetwas Grünes, das an den Zähnen

klebte. Das war wohl meine erste Begegnung mit Kaugummi,

der seinen Siegeszug in „Germany“ damals schon

hinter sich hatte. Satt machte das alles nicht.

Meine Eltern beschlossen, als „Beschaffungsmaßnahme“

mit unserem Leiterwagen eine Hamsterfahrt ins Hessische

oder zum Westerwald zu riskieren. Transportmittel

– außer den Beinen – waren noch nicht wieder in Betrieb

oder nicht zu bezahlen.

Auszüge aus dem Tagebuch meines Vaters über die ersten

Nachkriegswochen geben unter anderem Einblick in

den verzweifelten Kampf um drei Zentner Kartoffeln, in

drei Tagestouren im Hessischen erobert und nach Siegen

gebracht:

30. Mai 1945: „Nach zügiger Tour ab frühem Morgen

überrascht uns hinter Wilnsdorf auf dem Weg zur „Kalten

Eiche“ die erste Panne. Nach gutem Anfang – 60 Pfund Kartoffeln

gegen unser Opernglas – streikt der Wagen. Ein Reifen

ist platt. Jetzt ist Lastenausgleich erforderlich. Die Hälfte

der Ladung wird im Rucksack verpackt. Der Rest bleibt

im Wagen. Wir schlürfen weiter mit dem „Plattfuß“ wie auf

Filzpantinen. Nach etwa drei Stunden erreichen wir im

Schneckentempo die erste Höhe und es geht abwärts. Uns

folgen rollende Kartoffeln, die beim Verladen aus einem

Sack gekullert sind. Wir landen in Haiger-Seelbach. Ein

freundlicher Bauer mit ganz kleinem Anwesen bietet uns

Flickzeug für den Wagen, ein Nachtquartier in der geräumigen

Küche und köstliche Butterbrote. Am nächsten Vormittag

– der Reifen hat wieder Luft – wechseln wir herüber

nach Steinbach, das abseits der großen Straße liegt. Jetzt

treffen wir nach langer Strecke bergab nur auf Dorfbewohner,

die an unseren Tauschobjekten nicht interessiert sind.

Dann aber gelingt auf einem stattlichen Gehöft der große

Coup: eineinhalb Zentner Kartoffeln für Peters silberne Uhr,

ein Zentner für Marias Taufbecher und Schulmappe.

Nun geht es glücklich mit Aufwind zurück Richtung

Haiger-Seelbach. Es geht endlos über die Landstraße. Der

Weg führt nun in immer neuen Wellen steil aufwärts. Dass

die Straße rechts und links mit leeren Verpflegungspaketen

der Amis übersät ist, bringt uns unseren Hunger leb- ➤

18 durchblick 1/2005


Philosophie

haft in Erinnerung. Macht nichts, wir haben drei Zentner

Kartoffeln – und auf geht’s wieder am Wald entlang. Aber

dann der nächste Schock. Der Reifen macht wieder

schlapp, aber diesmal ist die Lage hoffnungslos. Was nun?

Jetzt wird die gesamte kostbare Last in einer Waldbodenvertiefung

verbuddelt und sorgfältig mit Zweigen bedeckt.

Ein stabileres Vehikel tut Not. Wir müssen zurück. Mit

klapprigen leeren Wagen und müden Füßen – auf endlos erscheinendem

Rückweg – kommen wir wieder über Haigerseelbach

und Wilnsdorf am Abend des zweiten Tages in

Weidenau bei den Kindern an, mit leerem Wagen und leerem

Magen. Natürlich gibt es vom „Depot“ abgezweigte

Kartoffeln, sogar ein Stück Speck als bäuerliche Zugabe.

Am nächsten Morgen bekomme ich im Geisweider Eisenwerk

von Herrn Weber einen stabilen Werksleiterwagen.

Dann geht es wieder los, zweimal hoch über die Berge

und über die Höhe der „Kalten Eiche“. Wir kommen

weit hinter Haiger-Seelbach zu der Stelle, an der wir unseren

Schatz verbuddelt haben. Oh, Freude, da liegt er noch

unversehrt und unverzehrt.

immer wieder mehrere Meter zurück. Wir machen Pause,

blockieren die ungeplante Abwärtsfahrt mit Holz; „Nicht

schlapp machen“ heißt die Parole, immer in Etappen. Bis

zur Försterei „Kalte Eiche“ sind es noch vier Kilometer auf

holprigem Waldweg. Müssen wir aufgeben? Ein Bauer in

Steinbach hatte uns den Rat gegeben, einen Ochsen vorzuspannen.

Ein Zugochse stehe im Stall, aber seine Leute seien

nicht erreichbar. Wie viel tauglicher als der Mensch kann

unter Umständen so ein Ochse sein! Aber wir müssen über

die Höhe.

Mit dem Mut der Verzweiflung setzen wir die Tortour

fort. Nach zwei Stunden ist die Hälfte des Aufstiegs geschafft.

Das letzte steile Stück bis zur Höhe „Kalte Eiche“

steht noch bevor, aber da geht nun gar nichts mehr. Der Wagen

rührt sich nicht mehr vom Fleck. Da gibt es nur eine

Lösung: Die Hälfte der Ladung wird nach bewährtem Muster

wieder im Wald verstaut. Die restliche Last wird hochgeschleppt

und auf der Höhe im Forsthaus „Kalte Eiche“

gelagert. Dann wird die zweite Hälfte geholt. Endlich ist

alles oben!

Nun geht es steil abwärts. Der Wagen mit seiner schweren

Last drängt mit Gewalt voran. Vorn stemme ich mich

gegen den Wagen, hinten hält „Mutter Courage“ ihn mit aller

Kraft am Seil fest, das ich um die kostbare Last gewickelt

habe. Streckenweise im Rutschen und völlig außer

Atem kommen wir schneller als gedacht in Wilnsdorf an.

Die Sperrstunde, festgesetzt auf 21.30 Uhr, naht. Gleichzeitig

bricht ein gewaltiges Gewitter los. Ein mitfühlender

Bauer bietet uns samt Wagen und Kartoffeln ein Nachtquartier.

Wir schnaufen nur noch: Danke!

Der nächste Weg zurück nach Siegen am Morgen geht

wieder über steile Höhen, also wählen wir die Strecke über

Eiserfeld, sechs Kilometer weiter, aber ohne Steigung.

Kurz vor den ersten Häusern von Siegen begegnet uns auf

der Eiserfelder Straße von den Heidenberg-Kasernen kommend,

ein Trupp russischer Soldaten. Wir hören von anderen

Hamsterern mit Ladung, dass alle mühsam eroberten

Habseligkeiten beschlagnahmt werden sollen. Auch wir

werden angehalten.

Verschiebung der Werte: Drei Zentner Kartoffeln von solchen

Wagen wurden gegen Silberuhr, Ledermappe und

silbernem Taufbecher abgegeben.

Wir laden auf und müssen uns tüchtig ins Geschirr legen.

Die Eisenstraße hat es in sich. Jetzt wiegt die Last drei

Zentner und auch der stabile Wagen hat sein Schwergewicht.

Es geht bald wieder steil bergauf. Der Wagen rollt

Hier verliert meine Ilse ihre bisher mühsam bewahrte

Fassung. Hemmungslos schluchzend sitzt sie im Chausseegraben.

Da naht die Rettung in Gestalt eines britischen

Militärwagens. Angesichts des Menschenauflaufs auf der

Straße hält der Fahrer an und fragt nach dem Grund der Ansammlung.

Als die Engländer hören, worum es geht, gibt

es eine kurze Verhandlung mit den Russen – und schon räumen

die den Weg und lassen uns freie Bahn. Das waren nun

unsere „Todfeinde“. Am frühen Abend landen wir in der

Alleestraße bei den Kindern, mit müden, kaputten Gliedern,

drei Zentnern Kartoffeln und dem Blick nach vorn.

Es wird weitergehen.

Maria Anspach

durchblick 1/2005 19


Reisen

Zwei Frauen in Usbekistan allein

Wer kennt Usbekistan? Und wer dieses Land kennt,

wird vielleicht nicht ohne Weiteres zu zweit dorthin reisen.

Aber eine Freundin und ich entschlossen uns, das Abenteuer

zu wagen. Wir waren beide zusammen mit einer Reisegruppe

schon einmal dort gewesen und hatten den

Wunsch, Usbekistan gründlicher zu besichtigen. Sie hatte

dort eine Bekannte, die an einer Schule in Samarkand

Deutsch unterrichtete, ich verließ mich auf meine zugegebenermaßen

dürftigen Russischkenntnisse. Ein Flugticket

war schnell besorgt, per Internet ein Hotelzimmer für die

ersten Tage in Taschkent reserviert, und schon saßen wir im

Flugzeug und reisten dem Orient entgegen.

Usbekistan gehörte wie die anderen Länder Mittelasiens

70 Jahre zur Sowjetunion und war von der Ideologie

der sowjetischen

Machthaber

geprägt.

Sie hatten diesen

Ländern

ihre Identität

genommen, die

Religion und

die Sprache unterdrückt

und

die Wirtschaft

auf die Bedürfnisse

der

Sowjetunion

ausgerichtet.

Gräberstadt Sha-i-Sinda in Samarkand

Aber nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums besann

sich das Land wieder auf seine jahrtausendalte Kultur.

Durch dieses Gebiet ging die berühmte Seidenstraße,

Buchara und Samarkand waren der Sitz von Kunst und

Wissenschaft und ihre Bauten, Moscheen, Paläste und Medresen

gehören zum Weltkulturerbe. Schon Alexander der

Große weilte auf seinen Feldzügen in diesem Gebiet.

Wir begannen unsere Besichtigungen in Taschkent, der

Hauptstadt des Landes. Die Altstadt ist vor einigen Jahrzehnten

durch ein Erdbeben größtenteils zerstört worden,

auf den Trümmern hat man eine neue Stadt mit erstaunlich

modernen Gebäuden errichtet. Man hat sich von dem sowjetischen

Zuckerbäckerstil abgewendet und versucht, der

Architektur ein islamisches Gepräge zu geben. Taschkent

ist mittlerweile eine Millionenstadt, neben europäisch gekleideten

Menschen sieht man Bewohner in traditioneller

Tracht. Auf den Straßen bewegt sich ein buntes Völkergemisch

und man hört alle Sprachen Mittelasiens. Leider wird

das Land von einem Präsidenten regiert, der aus der sowjetischen

Nomenklatura hervorgegangen ist, obwohl es

nominell eine Demokratie ist, herrschen Willkür und Ausbeutung,

und der große Reichtum an Erdöl und Erdgas

kommt nicht dem Volk zugute.

Ein erstes Abenteuer und die Nagelprobe für mein Russisch

war die Besorgung von Fahrkarten für die Eisenbahn

nach Samarkand. Auch der Zug, noch aus der Sowjetzeit,

war ein Erlebnis. Auf der neunstündigen Fahrt bekamen wir

einen ersten Eindruck von der Größe des Landes. Von

freundlichen Mitreisenden mit Nahrung versorgt, erreichten

wir Samarkand mit vielstündiger Verspätung weit nach

Mitternacht und waren froh, von einer Landsfrau abgeholt

zu werden. Samarkand ist neben Buchara das Paradebeispiel

für eine orientalische Stadt. In diesen beiden Städten

befinden sich die schönsten Baudenkmäler aus dem Mittelalter.

Der Registan ist einer der prächtigsten Plätze der

islamischen Welt. Außerhalb der eigentlichen Stadt liegt die

Nekropole Sha-i-Sinda, eine Gruppe von Grabmälern mit

herrlichen Beispielen für die Kunst der Fliesenmalerei.

In einem

Kuppelbau in

der Altstadt

befindet sich

das Grab von

Tamerlan, einer

der großen

Gestalten der

Weltgeschichte.

Sein Reich

erstreckte sich

von China und

Indien bis

Melonenmarkt in Samarkand

nach Mesopotamien

und

Ungarn. Er herrschte mit unvorstellbarer Grausamkeit, aber

versammelte in seiner Hauptstadt die besten Künstler und

Baumeister und verwandelte Samarkand in die größte und

schönste Stadt seiner Zeit. Im heutigen Usbekistan gilt Tamerlan

oder Timur, wie er dort genannt wird, als Nationalheld.

Seine Denkmäler ersetzen die Statuen der Sowjetführer.

Unsere Weiterreise nach Buchara bewerkstelligten wir

in einem Privattaxi, das recht mitgenommen aussah, aber

für die Strecke von 600 Kilometern auch nur 50 kostete.

Unterwegs lud uns der Fahrer an einem beliebten Picknickplatz

im Gebirge zu Schaschlik ein, aber das Geld, das

ein korrupter Polizist unterwegs kassierte, nahm er uns am

Ziel wieder ab.

Buchara ist noch ursprünglicher als Samarkand, seine

Moscheen und Medresen werden von der gewaltigen Burg

des Emirs überragt, der noch bis ins 20. Jahrhundert brutal

herrschte und Fremde einkerkerte. Für Touristen ist es

ein besonderes Vergnügen, in den Basaren zu stöbern und

die eine oder andere Kostbarkeit nach fleißigem Feilschen

zu erwerben, wovon wir reichlich Gebrauch machten. Aus

Buchara stammte Avicenna, der berühmteste Arzt und ➤

20 durchblick 1/2005


Philosoph des Mittelalters, das

ganze Gebiet gehörte zum persichen

Kulturkreis.

Aus der Wüstenstadt Buchara

flogen wir in das fruchtbare

Ferganatal im Osten den Landes.

Er wird im Norden von des Bergen

des Tienschan, im Süden

und Osten von der Kette des

Aleigebirges eingerahmt, deren

höchste Gipfel 7000 Meter erreichen.

Gegen die kalten Nordwinde

abgeschirmt und durch

ein ausgedehntes Kanalsystem

bewässert, ist es der Obst- und

Gemüsegarten Usbekistans und,

dank der Plantagen von Maulbeerbäumen,

das Zentrum der

Seidenindustrie. Es war ganz

leicht, überall Quartier in Privathäusern

und kleinen Pensionen

zu bekommen, die freundliche

Bevölkerung war sehr hilfsbereit,

und die Fahrten von Ort zu

Ort mit Privatautos und öffent-

Reisen

Für die Touristen ist es ein besonderes Vergnügen

in den Basaren zu stöbern.

lichen Bussen waren nicht nur

preiswert, sondern auch unterhaltsam.

Fahren Sie mal mit mindestens

20 Personen und deren

Gepäck sowie Kleinvieh in einem

Minibus. Der Palast von Kokand,

erst vor l00 Jahren erbaut, wirkte

wie ein Bau aus Tausend und

einer Nacht. Das Ferganatal verlässt

man durch einen nur 9 Kilometer

breiten Durchbruch des

Syr-Darja. Für die 300 Kilometer

bis Taschkent brauchten wir nahezu

9 Stunden, da wir einen hohen

Pass überwinden mussten.

Unsere Reise nach Usbekistan

war ein großes Erlebnis, wir haben

viel gesehen, haben viele Einblicke

in das Leben der Usbeken

bekommen und mehr erfahren, als

wir auf einer geführten Gruppenreise

mitbekommen hätten. Es

macht Mut, das eine oder andere

Land auf diese Weise zu bereisen.

Marie H. Mildner

durchblick 1/2005 21


Elisabeth

Hilfe für Kenia

Um mir einen Jugendtraum zu erfüllen, fuhr ich mit

meinem Mann 1989 in das Hochland von Kenia. Wir wollten

einen uns bekannten Priester Father Silverius besuchen,

der uns schon über lange Jahre wiederholt um einen Besuch

bat.

Schon in der ersten Nacht sah ich mich gezwungen, das

Missionshospital nicht als Besucherin, sondern als Patientin

aufzusuchen. So konnte ich meine ersten Erfahrungen

von Missionsarbeit am eigenen Leibe erleben. Ein eindruckvolles

Erlebnis.

Schon in der ersten Nacht sah ich mich gezwungen, das Missionshospital nicht

als Besucherin, sondern als Patientin aufzusuchen.

Um mich wieder fit zu machen, verabreichten

mir die netten Schwestern ein

undefinierbar aussehendes Getränk.

Nachdem ich dieses zu mir genommen

hatte, wurde mir aufgrund des grässlichen

Geschmackes, wie ich schon vermutete,

bestätigt, dass es sich um Rinderblut

in Milch gehandelt hatte. Analog

des bekannten Werbeslogans „RED

BULL ® verleiht Flügel“ besserte sich

mein Befinden bald darauf. Tief beeindruckt

hat mich die menschliche Betreuung

in der kleinen Klinik, tief erschüttert

dagegen die spärliche

medizinische Ausstattung, was Geräte

und Medikamente betraf. Bei meiner

Entlassung gab mir der indische Arzt einige

in Zeitungspapier eingewickelte

Tabletten (Valium) und den Ratschlag

mit auf den Weg „no tourism, lady!“

Unser Reiseziel war die Missionsstation in Nyeri, zu der

unter anderem auch die pädagogische Hochschule in Kamwenja

gehörte, an der unser Freund Theologie und Pädagogik

lehrte.

Die Ankunft verlief doch anders als geplant. War es die

Aufregung, die beschwerliche Reise oder die Klimaumstellung

– was auch immer.

Senioren-Hotline

4041334

montags von 9.00 bis 16.00 Uhr

Wir kümmern uns

Seniorenbeirat der Stadt Siegen

Nach 2 Tagen schlug ich den gut gemeinten Rat in den

Wind und schaute mir Land und Leute an.

Im Verlauf der nächsten Jahre haben wir immer wieder

Medikamente und medizinische Hilfsgüter gesammelt.

Dank der großzügigen Hilfe eines Herrn, der alles für uns

regelte, wurden diese nach Kenia versendet.

Bei einer weiteren Reise nach Kenia wurden wir von

dem Ehepaar Müller begleitet. Cilly Müller hatte schon immer

regen Anteil an unseren Sammelaktionen genommen.

Ihr kam die großartige Idee, für diese Missionsstation einen

Hilfeverein ins Leben zu rufen. Die erste Aktion startete sie

auf einem Basar anlässlich eines Stadtfestes in Lennestadt-

Altenhundem. Cilly Müller ist die Begründerin des inzwischen

eingetragenen Vereins „Keniafreunde“. Er ist in den

letzten Jahren stark gewachsen und etabliert. Ihm ist die

Verwirklichung eines Wasserprojektes, die Anschaffung eines

Land Rovers für die Betreuung der Blinden in Meru, die

von dem Christoffel Blindenhilfswerk unterstützt werden,

zu verdanken. Außerdem engagieren sie sich Patenschaften

und Waisen. Ein Hauptanliegen ist jetzt die AIDS-Hilfe.

Meinem Sohn Michael gelang es, „aktion medeor“ für

die Unterstützung des Missionskrankenhauses zu gewinnen.

Der renommierte Verein beliefert in Notfällen das

Hospital mit Medikamenten und sonstigen Hilfsgütern.

22 durchblick 1/2005


Muss das so sein?

Diskriminierendes Zerrbild

Unter der Rubrik „Kreditlimit“ steht auf meinem Kontoauszug

vom 12. Januar eine andere Zahl als früher. Ohne

weitere Rückspache wurde meine Kreditwürdigkeit auf fast

ein Drittel der Höhe der monatlichen Rente begrenzt. Die

erste Vermutung: Das hat mit meinem Alter zu tun!

Sehen die Siegerländer Bankmanager in meinem fortgeschrittenen

Lebensalter ein Kreditrisiko? Oder haben sie

in eigenem Interesse vorsorglich gehandelt? Es war zu erwarten,

dass im Januar 05 ein umfassendes Antidiskriminierungsgesetz

verabschiedet wird. Diskriminierende Ansinnen

hätten dann kaum noch Chancen gehabt. Und es ist

diskriminierend, wenn Banken und Versicherungen sich

weigern, Kredit- oder andere Verträge mit Menschen abzuschließen,

nur weil diese ein bestimmtes Alter erreicht

haben.

Der Blick über den Tellerrand zeigt, dass es auch anders

geht. In den USAsind alle über 40-Jährigen schon seit 1967

gegen Altersdiskriminierung geschützt. Vergleichbare Gesetze

gibt es in zahlreichen europäischen Staaten. Einer entsprechenden

Richtlinie der Europäischen Union folgend,

hätte auch Deutschland bis Dezember 2003 ein umfassendes

Antidiskriminierungsgesetz vorlegen müssen. Aber der

im Deutschen Bundestag vorgelegte Entwurf des Gesetzes

wurde verzögert, zerredet und schließlich im Januar 2005

als „zu umständlich, zu bürokratisch“ zurückgewiesen.

Folglich können ältere Arbeitnehmer – zum Beispiel – auch

künftig von Fortbildungsangeboten ausgeschlossen oder

gegen ihren Willen vorzeitig „freigesetzt“ werden. Liegt

hier einer der Gründe, dass Deutschland mit nur 37 Prozent

der über 55-jährigen Erwerbstätigen europäisches Schlusslicht

ist?

Altersdiskriminierung berührt langfristig gewachsene

gesellschaftspolitische Vorstellungen und ist einer gesetzlichen

Regelung nur bedingt zugänglich. Aber das Thema

muss im öffentlichen Bewusstsein einen anderen Stellenwert

einnehmen.

Übrigens sprechen ganz einfache Zahlen gegen die Vorgehensweise

meiner Bank: Nur 1,3 Prozent der über 65-

Jährigen beziehen Sozialhilfe. Nein, ich gehöre nicht dazu.

Erich Kerkhoff

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durchblick 1/2005 23


Sie wollen mich loswerden, ich habe nur noch eine Galgenfrist

in dieser Familie und in diesem Haus. Ich habe es

mit anhören müssen, als die Frau zu ihrem Mann sagte, ich

sei schäbig und ich passte nicht mehr zu ihnen. Ja, schäbig

finde ich, dass sie das in meinem Beisein sagte und dabei

auch noch geruhsam ihre Hände auf meine Platte legte. Der

Mann war nicht direkt ihrer Meinung, aber dann holte die

Frau Papier und Bleistift und sie haben auf mir herumgerechnet.

Ich musste alles mit anhören, es war grausam, wie

die Frau über mich redete. Unansehnlich und alt sei ich und

sie müsste sich vor der Nachbarin schämen, die längst einen

neuen Tisch hätte, in dessen glänzender Oberfläche man sich

spiegeln könnte. Welch ein Quatsch, spiegeln in einem Tisch,

dafür gibt es schließlich die Spiegel. Ein Tisch ist etwas

Handfestes. Mein Gott, was habe ich alles in dieser Familie

ertragen müssen. Ich weiß noch genau wie es war, als ich damals

zu ihnen kam. Ich war ein Geschenk von der Oma, die

so einen großen Tisch nicht mehr brauchte. Alle waren glücklich.

Vor Freude haben sie mit Fäusten auf mir herumgetrommelt.

Nun haben wir alle genug Platz am Tisch, haben

sie gesagt und der Kleinste hat seinen Kopf auf mich gelegt

und mir einen ziemlich nassen Kuss aufgedrückt. Mit mir kamen

auch noch acht Holzstühle, die sahen recht schön aus,

waren aber nicht stabil. Der erste brach unter der Last von

Tante Marie zusammen. Der zweite ging bald aus dem Leim

und die anderen folgten bald, einer nach dem anderen. Sapperlot

– was schweife ich zu den Stühlen ab? Die haben eben

nichts getaugt, aber hier geht es schließlich um mich. Ich bin

nicht wacklig oder baufällig, ich bin bestens im Schuss, stehe

auf vier festen Beinen und könnte noch lange Dienst tun,

wenn nur dieser Wahn nach Schönheit nicht so vordergründig

wäre. Sicher, ich bin gewiss nicht schön, und ich weiß

nicht, ob ich jemals schön war, aber ich war jederzeit parat,

egal für was man mich auch brauchte. Aber was zählt heute

schon Verlässlichkeit und Treue? Wenn ich zurückschaue

Unterhaltung

Der alte Tisch

Am schönsten waren immer die Mahlzeiten, wenn alle um mich herum

saßen und erzählten.

werde ich ganz traurig. Ich gehöre einfach zu dieser Familie.

Alle Babys wurden auf mir gewickelt. Mit ihrem süßen

Brei haben sie mich bekleckert. Später haben sie mich mit

Buntstiften bekritzelt und der dicke dunkle Fleck oben rechts

auf meiner Platte stammt von einem umgestoßenen Tintenfass.

Das dunkelbraune Mal unten links hat mir ein heißes

Bügeleisen auf den Leib gebrannt. Damals wollte die Frau

ihr Missgeschick vor ihrem Mann vertuschen und hat mich

mit scharfen stinkenden Mitteln und einer harten Bürste bearbeitet.

Die Tortour hat echt weh getan –, aber was tut ein

braver Tisch? Er schweigt! Am schönsten waren immer die

Mahlzeiten, wenn alle um mich herum saßen

und erzählten. Auf diese Weise erfuhr ich vieles,

was draußen passierte und konnte mir darüber

eine eigene Meinung bilden. Dafür nahm ich

dann in Kauf, dass sie öfters mal tierisch heiße

Schüsseln direkt auf meinem Buckel abstellten.

Auch bei solch schmerzhaften Sachen war ich

immer geduldig. Ich habe nicht einmal gewackelt.

Doch – halt –, einmal habe ich nicht nur

gewackelt, da bin ich sogar etwas in die Höhe

gesprungen. Mensch, da war was los! Das war,

als die älteste Tochter nachts nicht nach Hause

gekommen war und der Vater am anderen Morgen

seine große, feste Faust auf mich niederschlug.

Gebrüllt hat er wie ein Stier und wahnsinnig

geschimpft. Ich hab nur verstanden, dass

er sie dafür für viel zu jung hielt. Wofür, das

weiß ich nicht, aber es muss etwas ganz

Schlimmes gewesen sein, denn so aufregend getobt

hat er vorher noch nie. Später hat das Mädchen seinen

Kopf auf meine Platte gelegt und ich spürte ihre heißen, salzigen

Tränen auf meinem Holz. Ja, manches war früher einfach

schöner. Da saßen sie um mich herum und haben ganze

Abende gespielt. Die Kinder liebten „Monopoli“ und

„Mensch ärgere dich nicht“. Vater hatte seine Skatfreunde

und die kloppten – je später der Abend, je heftiger – ihre Karten

auf meine Platte und Bierkränze waren am nächsten Tag

meine Zierde. Früher saßen die Frau und ich auch schon mal

nachmittags zusammen. Sie nähte oder stopfte Strümpfe. Ich

denke gerne an diese Stunden, die so erholsam waren,

zurück. Turbulenter ging es an den Festtagen zu. Leckere Geburtstagstorten

wurden auf mir dekoriert und dann natürlich

aufgegessen. Ostern wurden traditionsgemäß Eier geköpft

und zu Mittag gab es immer Lammbraten. Wie viele Weihnachtsbäume

habe ich getragen. Vater, Mutter und die Kinder

haben so schön zusammen gesungen. Der Kleinste trug

ein Gedicht auf, der Kerzenschein hüllte die Wohnung in ein

wunderbares Licht und unter dem Baum stand die Krippe mit

dem goldenen Stern. Nachdem die Geschenke ausgepackt

waren, fand man unter mir das ganze Geschenkpapier. Manches

Stück, was noch brauchbar war, holte Mutti wieder raus

und bügelte es fürs nächste Weihnachtsfest glatt. Sehr interessant

war auch immer der Tag, an dem der Mann der

24 durchblick 1/2005


Unterhaltung

Frau das Geld gab. Dann kochte sie sich erst mal eine extra

starke Tasse Kaffee, legte das Geld zu verschiedenen Häufchen

zusammen, schrieb alles in ein Büchlein, nahm von

dem einen Häufchen etwas ab, legte es zu einem anderen,

hob wieder irgendwo etwas ab, legte es erneut irgendwo

drauf, dann wieder angenommen, wieder woanders zugelegt

usw. Ich habe bis heute dieses Spielchen nicht verstanden,

aber es hing wohl viel von der Genauigkeit ab, denn die Frau

machte dabei stets ein ganz wichtiges Gesicht. Vier kleine

Scheinbündelchen wanderten jedesmal in ein Kästchen im

Küchenschrank. Am anderen Morgen bekam jedes Kind eines

der Bündelchen, wofür es sich freundlich bedankte.

Ja, ja, ich habe mich schon wie ein Familienmitglied

gefühlt – und nun so ein Ende. Ich bin so traurig! Warum

können Tische nicht heulen? Ich würde es sofort tun. Mein

Schluchzen hörte man bestimmt bis ins Nachbardorf. Vielleicht

fände sich dort jemand, der mich vor dem Zerschreddern

retten könnte. Oh, ich darf gar nicht dran denken.

Rohe Gesellen werden mich ergreifen und in ein

riesiges eisernes Maul werfen, aus dem es kein Entrinnen

gibt. An meiner Stelle wird dann so ein polierter Schönling

stehen und an mich – ihren guten, alten Freund denkt keiner

mehr!

Inge Göbel

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durchblick 1/2005 25


Ich erwartete Besuch, zwei Damen aus Irland, Toxy und

Hannah, die eine aus Kerry, die andere aus Cork. Gesehen

hatten wir uns zum letzten Mal in London vor 43 Jahren,

kennen gelernt während unserer gemeinsamen Ausbildung

als Krankenschwester eben dort. Nach Erlangen des internationalen

Diploms trennten sich unsere Wege. Ich verließ

die Stadt an der Themse und kehrte nach Deutschland

zurück. Der Kontakt zu Toxy erschöpfte sich in den obligatorischen

Weihnachtsgrüßen, zu Hannah brach er ganz

ab.

Im vergangenen Jahr fragte

Toxy bei Hannah an, ob sie

sich eine Reise zu mir nach

Deutschland vorstellen könnte.

Offensichtlich konnte sie.

Der Versuch, terminlich zu

einander zu finden, erstreckte

sich über Monate. Ergebnis:

Dezember. Für mich eine

Horror-Vorstellung, nichts als

Kälte und Dunkelheit. Die

beiden schienen entzückt, sie

hatten von verschiedenen

Seiten gehört, dass der Dezember

ein schöner deutscher

Monat sei (vielleicht wegen

der üppigen Weihnachtsbeleuchtung).

8.12.–15.12. Spannung und freudige Erwartung. Pech,

dass jüngere Freundinnen, im Besitz eines Autos, zu dem

Zeitpunkt in Urlaub weilten. Seniorinnen kann ich eine lange

Fahrt, vielleicht auf unbekannter Strecke, eine Rückkehr

in der Dunkelheit nicht zumuten. Ich selbst besitze keinen

Wagen mehr und wollte sie doch so gerne am Flughafen

empfangen. Auch lagen Flughäfen, Fluggesellschaften und

alles, was damit zusammenhängt, schon Jahre außerhalb

meines Erlebnisbereiches, ich war schon lange nicht mehr

geflogen. Das ganze Hin und Her der Überlegungen hatte

mich mürbe gemacht. Ich informierte mich also nicht

gründlich genug. Ich akzeptierte gedankenlos: Landung des

Fliegers mit den beiden Damen an Bord um 15 Uhr mitteleuropäischer

Zeit in Frankfurt.

Die Damen hatten über Internet gebucht, Frankfurt war

für sie der Inbegriff von Deutschland schlechthin, ob noch

ein Wort davor oder dahinter war nicht ausschlaggebend. Es

war ihr erster Deutschlandbesuch, Sprachkenntnisse außer

der eigenen Muttersprache keine. Für mich war Kerry plus

Cork = Dublin. Von dort musste also die Maschine kommen.

Ich setzte mich morgens in den Zug und löste, völlig ignorant,

ein NRW-Ticket. Kurz hinter Gießen nahte dann das

Reisen

Frankfurt ist nicht immer gleich Frankfurt

Dabei die gleichnamige Stadt an der Oder ganz außen vor gelassen

Mit Toxy beim Einkaufen.

Ungemach zum ersten Mal in der Gestalt eines Kontrolleurs.

„Meine Dame, das Land NRW haben sie schon seit

geraumer Zeit verlassen.“ Die Fahrt wurde, auch ohne

Strafgebühr, beachtlich teuer.

Um 13 Uhr war ich am Flughafen, informierte und orientierte

mich und stand um 15 Uhr korrekt positioniert vor

den Toren von Deck B1. Ich bewegte mich im Takt der Wartenden

auf und ab. Nach und nach fand jeder seinen ergänzenden

Part. Es tröpfelten noch einige Nachzügler durch

das Gate, ich aber wartete

vergeblich. Ein Wechselbad

der Gefühle, mein Zustand

letztendlich desolat. Die

Maschine war ordnungsgemäß

gelandet, aus Dublin

kommend, Landezeit exakt

15 Uhr. Ich ließ sie ausrufen.

Niemand meldete sich. Völlig

hilflos bestieg ich den

Zug zurück nach Siegen.

Die Hoffnung eilte mir

voraus, sie könnten, unter

welchen Umständen auch

immer, vor mir dort angekommen

sein. Meine Wohnungstür

schmückte kein

Hinweis. Meinem Anrufbeantworter

näherte ich mich

ohne zu große Erwartungen,

doch hatte er drei Nachrichten gespeichert. Die erste

stammte von Toxy. Sie lautete: „Erika, wir sind hier, und

wo bist du?“ Ich fühlte mich auf den Arm genommen. Die

zweite kam von Hannah. Sie versuchte verzweifelt, mir in

ihrem besten und breitesten irischen Dialekt, den ich 43

Jahre nicht vernommen hatte, eine Nr. durchzugeben. Ich

verstand nicht. Der letzte Anruf erhellte das Dunkel. Er

kam aus Koblenz, Bahnhofsmission, mit der Bitte um

Rückruf, ohne Angabe der Telefonnummer. Die besorgte

ich mir bei der Auskunft. Ein freundlicher, älterer Herr am

anderen Ende der Leitung teilte mir mit, dass er die beiden

Irinnen soeben in den Zug über Troisdorf nach Siegen gesetzt

habe, Ankunft 22.50 Uhr. Es entspann sich folgendes

Gespräch: (ich) wie kommen die beiden denn nach Koblenz?

(er) wie würden sie denn fahren? (ich) ja, über Dillenburg,

Gießen. (er) ach, sie würden obenrum fahren? Ich

begriff nicht und bedankte mich überschwenglich für seine

Hilfsbereitschaft. Ich aß eine Kleinigkeit, löschte meinen

Durst und setzte mich erneut in Richtung Bahnhof in

Bewegung. Ich hatte mir eingebildet, jetzt könne nichts

mehr schiefgehen. Irrtum. Der Bahnsteig, auf dem ich

stand, war der angegebene. Die Zeit der Ankunft nahte,

aber es erfolgte weder eine Ansage noch fuhr ein Zug ➤

26 durchblick 1/2005


ein. Es gab noch einen einsamen Herrn auf diesem Bahnsteig,

den nichts als Bahnbeamten auswies. Es war aber einer.

Er teilte mir mit, jedoch nur auf Anfrage, dass dieser

Zug heute voraussichtlich auf einem anderen Gleis einfahren

werde. Das tat er dann auch, er stand schon dort. Toxy

hatte mich zuerst erspäht und wohl zu Hannah gesagt:

„Wäre es nicht wundervoll, wenn die elegante, blonde Erscheinung

da vorne Erika

Reisen

„Ich hätte ihm mein ganzes

Geld gegeben, wenn er es

verlangt hätte.“

wäre?“ ( es sind nicht meine

Worte, sondern ihre).

Die Freude war unvorstellbar

groß und Tränen der

Rührung flossen uns die

Wangen runter. Bei Essen und Trinken, Cognac und Whiskey,

versuchten wir, den Ariadne-Faden zu entwirren. Ich

war zu unbedarft, sie redeten immer von Frankfurt-Khan,

und mir war dort kein Nebenflughafen ein Begriff. Erst

zwei Tage später klärte mich ein Bekannter auf. Es handelte

sich um den Frachtflughafen Frankfurt-Hahn, im Hunsrück

(vielleicht hatte ich in grauer Vorzeit schon mal davon

gehört). Die beiden waren also mit Rhyan-Air geflogen. So

standen wir 120 km voneinander entfernt und warteten aufeinander.

Dort hatte man ihnen empfohlen (wer auch immer)

mit der Taxe nach Koblenz zu fahren. Es gab weitere

Verwicklungen auf Grund mangelnder Sprachkenntnisse,

bis Fügung sie die Bahnhofsmission finden ließ.

schon, und sie wurden noch mit einem Lunchpaket beglückt.

Der zum Chauffeur ernannte junge Mann stieg in

seinen Wagen und musste feststellen, dass die Scheibenwischanlage

nicht ordnungsgemäß funktionierte. Ein Ersatzwagen

schien nicht verfügbar zu sein. Nach kurzer Bedenkzeit

beschloss er, die Fahrt anzutreten. Ich versuche,

mir diese Reise, nach den Schilderungen der beiden, vorzustellen:

winterliches Dunkel, Frost, Eis auf den

Straßen, dichter Verkehr. Sicht nur durch ein

Guckloch gegeben. Die Damen wurden dieser

sportlichen Herausforderung nicht gerecht. Sie

standen Todesängste aus. Mehrere Male parkte

der Fahrer auf dem Seitenstreifen. Hannah stieg

aus und befreite die Windschutzscheibe von dem gröbsten

Schmutz, der Fahrer vertiefte sich in seine Skizze, die er

aus dem Internet gezogen, aber nicht gründlich studiert hatte.

Sie erreichten den Flieger mit Müh und Not. Eine vierstündige

Irrfahrt für Euro 150,-.

Toxys abschließender Kommentar offenbart die ganze

Katastrophe: „Ich hätte ihm mein ganzes Geld gegeben,

wenn er es verlangt hätte, aus Dankbarkeit dafür, dass wir

das Auto lebend verlassen konnten.“ Ich frage mich, wie

weit meine Person eine derartige Verkettung unglücklicher

Umstände auf sich gezogen hat.

Erika Krumm

Ich brachte sie noch zu ihrem Hotel. Die Rezeption lag

im Dunkel. Wir benutzten einen Seiteneingang. Ich hatte

die Schlüssel. Sie waren im Dachgeschoss untergebracht,

in einem sehr schönen Zimmer. Wir gingen überglücklich

auseinander. Auf dem Weg nach unten hatte ich mich, irgendwie,

vertan. Alles sah so anders aus. Ich irrte durch die

Gänge, sämtliche Türen, sowohl nach innen als auch nach

außen, waren verschlossen. Ich geriet in Panik. Nahm der

Spuk denn gar kein Ende? Mir fiel ein, dass an der Rezeption

ein weiterer Zugang durch die Tiefgarage erwähnt wurde.

Mit völlig ausgedörrter Kehle und zitternden Knien

stieg ich weitere Stufen hinab und durfte auch bald feststellen,

dass ich den Lift anstatt bei „U“ bei „E“ verlassen

hatte. Gerettet. Um 1.3o Uhr war ich endlich zu Hause.

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Nachdem die beiden Irinnen eine Woche lang frostige,

gesunde Siegerländer Luft geschnuppert hatten, und die

Siegener Einkaufsmeile ausgiebig besichtigt und genutzt

hatten, übertraf eine traumatische Abreise bei weitem die

Tragikomödie der Anreise. Morgenstund hat Gold im

Mund, sagt uns ein Sprichwort. Aber, wenn ein Flugzeug

so zeitig von einem so entfernt liegenden Flughafen abzuheben

gedenkt, wie erreicht man dieses Ziel dann mit öffentlichen

Verkehrsmitteln?

An der Rezeption wusste man Rat. „Wir unterhalten einen

Service, der jeden Gast, zu jeder Stunde, an jeden gewünschten

Ort bringt“. Gesagt, getan. Die beiden Damen

wurden pünktlich geweckt, der Morgenkaffee duftete

durchblick 1/2005 27


Marias Krimi

Der Tod führt Regie

„Sie können den Rütland leider nicht spielen“, sagte Regisseur

Mark Bonstein bedauernd zu seinem Gegenüber.

„Peter Beckmann übernimmt die Rolle wieder. Er ist wieder

gesund. Sie können den Wirt spielen. Der Part ist noch

frei, dafür müssen Sie nur zwei Sätze Text lernen.“

Udo Lippich, der sich nicht für Ersatz, sondern für die

wesentlich bessere, geradezu ideale Besetzung des Jerry

Rütland hielt, schien diese Mitteilung nicht aus der Fassung

zu bringen. Aber das schien eben nur so. „In Ordnung, ich

bin ja nur Ersatzmann, ich spiele den Wirt, erwiderte er somit

äußerlich locker und gefasst, innerlich tobte es in ihm.

Er hatte zwar für möglich gehalten, dass der viel bekanntere

Schauspieler Peter Beckmann versuchen würde, ihm,

dem begabten und verkannten Udo Lippich, die Traumrolle

wieder wegzunehmen, aber das wollte er sich nicht gefallen

lassen. Der Gedanke – „nur über meine Leiche“ – sollte

sich als prophetisch erweisen.

hatte Udo Lippich in den letzten Wochen in Vertretung

Beckmanns mehrfach wiederholen müssen, weil sie ein

Kernstück des Films sein sollte. Der Inhalt des Drehbuchs

war schlicht und einprägsam: Auf Jerry Rütland, einen Anwalt

mit Herz und Verstand, der sich weigert, einen ebenso

prominenten wie korrupten Politiker vor Gericht zu

verteidigen, wird ein Mordanschlag verübt. Der Anwalt

wird nach dem Streitgespräch mit dem Politiker vor seiner

Kanzlei und vor der offenen Fahrstuhltür aus dem Hintergrund

von einem Messer getroffen und stürzt in das Innere

des Aufzugs. Während die Tür sich schließt, bricht er

stöhnend zusammen. Zu hören ist nur noch der abwärts

fahrende Lift.

So geschah es bei den neuen Aufnahmen mit dem wieder

genesenen Star Peter Beckmann als Anwalt mit Zivilcourage.

Als der verhasste Konkurrent in der Rolle des Jerry

mit Schmerzensschrei im halb geöffneten Fahrstuhl zusammenbrach,

kam Udo Lippich ein Gedanke, der ihn nicht

mehr losließ. Beckmann tot im Fahrstuhl, er kann die Rolle

nicht mehr spielen: Das könnte Wirklichkeit werden. Im

Gegensatz zu dem Filmhelden pflegte Udo Lippich enge

Kontakte zur Unterwelt. Sein unrühmlichster Freund war

Richard Rinke, bei Kennern der Szene als „Killer-Rick“ bekannt.

„Tausend Euro hättest du schnell verdient, wenn du

mitmachst.“ Dieses Angebot machte Lippich Richard Rinke

in dessen Nachtbar, noch vor der nächsten Probe zu

„Der Tod führt Regie“. Killer-Rick schätzte solche Angebote.

Er ließ sich genau in den Plan des Auftraggebers einführen.

„Es ist ganz einfach“, erklärte ihm der Schauspieler.

„Das Haus ist unverschlossen. Die Proben beginnen

um acht. Die Fahrstuhlszene ist zwischen 10 Uhr und

10.30 Uhr angesetzt. Das läuft alles nach Zeitplan. Du versteckst

dich hinter der Plastikplane, die immer in dem

großen Lastenaufzug liegt.“

„Wenn Sie den Fahrstuhl holen, gibt es eine tolle Überraschung.“

Für den nächsten Tag wurden die Proben für den Film

„Der Tod führt Regie“ wieder mit Beckmann in der Hauptrolle

angesetzt. Gedreht wurde außerhalb der Studios in einem

leer stehenden Hochhaus mit Aufzug. Diese Szene

Und Lippich ging weiter ins Detail: „Während Beckmann

als Jerry den Fahrstuhl kommen lässt, trifft ihn das

Messer aus der Requisite laut Drehbuch in den Rücken. Er

stürzt schreiend in den Aufzug, die Tür schließt sich automatisch.“

Aufmunternd klopfte Lippich dem Killer auf die

Schulter: „Dann bist du dran, Rick. Du kommst aus dem

Versteck und erstichst ihn. Dann setzt du dich im dritten

Stockwerk ab. Dort ist kein Mensch. Das Haus steht leer.

Alle bleiben in der achten Etage, wo gedreht wird. Um

Beckmann wird man sich erst kümmern, wenn er nicht wieder

hochkommt. Wenn sie den Fahrstuhl holen, gibt es dann

eine tolle Überraschung.“

Killer-Rick war sofort einverstanden und versprach – bei

500 Euro Anzahlung – den Auftrag wunschgemäß zu erledigen.

Der nächste Drehtag wurde als Termin festgesetzt. ➤

28 durchblick 1/2005


Marias Krimi

An dem verabredeten Stichtag verfolgte der Schauspieler,

der bei den Drehtagen immer dabei war, mit prickelnder

Spannung Beckmanns Spiel. Zweifellos war der Kollege

ein guter Jerry. Der Dialog mit dem korrupten Politiker

in seiner Kanzlei war brillant. Aber er würde ihn in den

Schatten stellen und zwar für alle Zeiten, in den Schatten

des Todes. Lippich konnte seine Erregung kaum verbergen,

als Beckmann den Raum verließ und zum Fahrstuhl ging.

Da, plötzlich – nein, das durfte nicht sein – Beckmann griff

sich ans Herz und taumelte in die Arme des Darstellers, der

den Messerwerfer spielte. Einen Arzt her, brüllte der

Regisseur und jemand lief zum Telefon. „Nein, keinen Arzt

bitte“, stöhnte der Schauspieler „Ich habe diese Anfälle

öfter. Den Jerry wollte ich trotzdem spielen, aber es geht

nicht – ich gebe auf.“

„In Ordnung“, sagte Regisseur Bonstein knapp und

schluckte seine Enttäuschung herunter. „Schonen Sie

sich.“ Dann wandte er sich abrupt an Udo Lippich: „Nun

ist ihr Einsatz doch noch gekommen. Spielen können Sie,

und die Rolle kennen Sie. Also: Ab sofort übernehmen

Sie endgültig den Jerry. Nach einer Pause drehen wir weiter.“

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Gardinen

zu Hause wohl fühlen

In Lippichs Kopf rasten die Gedanken durcheinander.

Er stellte sich vor, was Killer-Rick sagen würde, wenn er

statt des ausersehenen Opfers plötzlich seinen Auftraggeber

vor sich sehen würde. Dumm gucken würde der. 500 Euro

Anzahlung waren zwar futsch, aber das Ziel des Plans war

bereits jetzt erreicht.

Nach kurzer Pause ging es mit der zweiten Besetzung

an den Start: Klappe auf. Jetzt kam die Liftszene, etwas

später als geplant. Jeder Ton, jede Geste war Lippich vertraut.

Als er zum Fahrstuhl ging, fühlte er den Aufprall des

nach ihm geworfenen Messers aus den Requisiten. Er

brach im sich schließenden Fahrstuhl drehbuchgerecht zusammen.

Abwärts fahrend und am Boden liegend sah er

die Umrisse des Killers, die sich unter der Zeltplane markierten:

„Komm raus Rick“, rief er munter. „Kleine Regieänderung.

Der Mord erübrigt sich. Steck dein Messer weg.“ Er

sah dem Mann, der auf ihn zukam, erst ins Gesicht, als der

ihm seine Waffe zielstrebig auf die Herzgegend richtete.

„Hilfe“, schrie er entsetzt. „Ich bin doch nicht ...“ Die Folgen

des Messerstichs unterbrachen jede weitere Konversation.

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Zur selben Zeit saß Killer-Rick zwei Nebenstraßen weiter

mit einem Vertrauten in der Kneipe „Zur gelben Ente“

und sah auf die Uhr. „Carlo muss gleich kommen“, sagte

er beiläufig. „Auf den ist Verlass. Ich werde den Spanier

öfter für mich arbeiten lassen. Der versteht zwar kein Wort

Deutsch, aber sein Handwerk versteht er vortrefflich.“

Maria Anspach

durchblick 1/2005 29


Uns allen ist bekannt, mit welcher Skrupellosigkeit die

Drogenmafia ihr schmutziges Geschäft betreibt, das Tausenden

von Abhängigen Gesundheit oder das Leben kostet.

Nahezu unbekannt ist den meisten aber eine andere,

ebenso perfide Form des Drogenhandels, allerdings mit legalen

Drogen, nämlich dem Handel mit Arzneimitteln. Hier

ist der Vertrieb und Verkauf gefälschter Medikamente gemeint.

Brutal werden auch bei diesem Geschäft bewusst

Gesundheitsschäden und der Tod unschuldiger Menschen

in Kauf genommen.

Folgende Szene: Sie haben sich eine Lungenentzündung

zugezogen. Was nun?

Ihr Hausarzt verordnet Ihnen ein Antibiotikum nebst etwas

zur Fiebersenkung und gegen den quälenden Husten.

Ein Familienmitglied besorgt die Medikamente aus der

Apotheke. Ärgerlich ist in diesem Zusammenhang der neuerdings

auf das Rezept zu entrichtende Obolus, mit dem Sie

unser Gesundheitssystem sanieren helfen. Auf eines aber

können Sie sich in unserem Lande fest verlassen: Da, wo

„Penicillin“ oder „Aspirin“ draufsteht, da ist auch Penicillin

und Aspirin drin! Das ist doch selbstverständlich, werden

Sie denken! Bei uns schon, aber dies ist nicht überall

so. Stellen Sie sich vor, Sie leben in Afrika, irgendwo in

Äquatornähe oder in Kambodscha. Hier könnte das Szenarium

folgendermaßen ablaufen:

Sie sind auch dort erkrankt. Der Gesundheitshelfer erkennt

auch Ihre Lungenentzündung und verordnet Ihnen die

gleichen Medikamente wie Ihr Hausarzt. Mit dem von Ihnen

und Ihren Angehörigen zusammengeliehenen Geld erstehen

Sie die empfohlenen Medikamente

(100% Zuzahlung

bei Kauf). Nach deren

Einnahme sinkt das Fieber

etwas, der Husten bessert

sich ebenfalls, aber einige

Tage später verschlechtert

sich Ihr Zustand rapide und

Sie sterben.

Warum? Nun, das verordnete

Antibiotikum war

unwirksam; eine Fälschung,

als „Wirkstoff“

enthielt es vielleicht Mehl

oder Backpulver, dem etwas

zur Fiebersenkung

beigemischt wurde. Sie

sind einem gewissenlosen

Medikamentenfälscher

zum Opfer gefallen.

Gesundheit

Drogenhandel – einmal anders

Der Handel mit gefälschten Arzneimitteln ist ein weltumspannender

und äußerst lukrativer Markt.

Die „Essential Drug Monitor Organisation“ der WHO

schätzt das finanzielle Volumen auf etwa 5–10% des Welt-

Pharmahandels, somit auf ca. 20–50 Mrd. Dollar. Die bevorzugten

Handelsregionen sind Afrika und viele Länder

Lateinamerikas und Asiens.

Gefälscht werden vor allem Antibiotika, Malaria- oder

Tbc-Medikamente; alles Präparate, die hohen Gewinn versprechen,

da sie zum einen teuer sind und zum anderen

über einen längeren Zeitraum verabreicht werden müssen.

Neuerdings wird auch ein schwungvoller Handel mit

AIDS-Präparaten betrieben.

Sehr gut untersucht ist der Handel mit Anti-Malaria-

Präparaten. Eine Untersuchung von 300 Medikamenten,

die in Afrika auf dem Markt waren, ergab, dass 75% der

Chinin- und 40% der Chloroquinpräparate keinerlei Wirkstoff

enthielten. Auch aus Ländern in Asien wie Kambodscha

oder Vietnam und Indonesien wird über Medikamenten-Fälschungen

in großem Stil berichtet. Ein Patient,

der ein solches wirkstofffreies Präparat bei Malaria tropica

einnimmt, wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit

versterben. Besonders perfide sind solche

Fälschungen, die keinerlei Wirkstoff enthalten, denen aber

eine kleine Menge Schmerz- oder fiebersenkender Mittel

beigemischt wurde. Dadurch verspürt der Kranke eine

leichte Besserung, das Fieber sinkt, die Schmerzen werden

erträglicher, was den Patienten im Glauben wiegt, das

richtige Medikament einzunehmen und mehr davon zu

kaufen.

Besonders perfide sind solche Fälschungen, die keinerlei Wirkstoffe

enthalten.

Am längsten bekannt

ist allerdings

die Fälschung von

Antibiotika, was uns

allenfalls aus dem

Film „Der Dritte

Mann“ bekannt ist.

Die skrupellosen

Fälscher gehen dabei

ganz systematisch

vor: Gefälscht werden

außer dem Wirkstoff

auch der Herstellername,

die

Chargennummer und

Verpackung, ebenso

wie der Nachweis

über Qualitätskontrollen.

30 durchblick 1/2005


Fachleute unterscheiden 4 Formen der falschen Medikamentenproduktion:

1. Die Nachahmung eines

Arzneimittels. Es enthält

zwar den Wirkstoff, aber

häufig ist die Zusammensetzung,

die Galenik, verändert,

dadurch wird das

Medikament im Körper

nicht entsprechend freigesetzt

und in seiner Wirksamkeit eingeschränkt.

2. Manche der gefälschten Präparate enthalten einen

mit anderen Substanzen gestreckten und qualitativ

verschlechterten Wirkstoff. Neben der verminderten

Wirksamkeit besteht dann zusätzlich die Gefahr der Resistenzbildung

auf die zu bekämpfenden Krankheitserreger,

die sich dann ungehindert im Körper vermehren

können. Auch dies ist lebensgefährlich.

3. Wieder andere „Präparate“ enthalten keinerlei Wirksubstanz,

stattdessen Mehl, Backpulver oder Farbstoff,

eine besonders primitive Form von Fälschung.

4. Besonders gefährlich erweist sich eine andere Gruppe

von „Medikamenten“, die anstatt der deklarierten Arznei

Schad- oder gar Giftstoffe enthalten, etwa Arsen,

Schwermetalle oder Frostschutzmittel.

Hauptsachlich sind es die Präparate der 3. Gruppe, die

in großen Mengen im Straßenhandel der 3. Welt vertrieben

werden. Bevor das Versagen solcher Medikamente dem Patienten

offenkundig wird, sind die Substanzen aus dem

Handel genommen, um bald darauf in anderer Aufmachung

mit neuem Namen wieder aufzutauchen. Die

Straßenhändler selbst haben meist keine Ahnung, was sie

anbieten.

Wie ist dem Problem der Arzneimittelfälschung beizukommen?

Die Sammlung von Medikamenten in unserem

Lande bei Ärzten und Apothekern und die Versendung über

private Hilfsaktionen ist sehr löblich, aber löst mit Sicherheit

nicht das Problem einer adäquaten Medikamentenversorgung

für die Menschen in den Entwicklungsländern.

Solche Aktivitäten sind eher ein Tropfen auf den heißen

Stein, aber besser als gar nichts. Siehe den Artikel von

Elisabeth Hanz auf Seite 30 (Drogenhandel…) in dieser

Ausgabe des Durchblicks. Der ehemalige US-Präsident

Clinton gründete eine Stiftung, die sich für die Versorgung

von Entwicklungsländern mit verbilligten Medikamenten

zur AIDS-Bekämpfung einsetzt.

Vor allen aber muss die Kontrolle des Arzneimittelvertriebes

in den Staaten der 3. Welt verbessert werden. Diese

ist häufig sehr unzureichend. Zum einen wegen dem

Gesundheit

Mangel an geeignetem Personal, zum anderen wegen des

sog. „brain-train“, der Auswanderung oder Abwanderung

ausgebildeter Ärzte und Apotheker aus ihrem Entwicklungsland

in andere,

Eine bedeutende Rolle spielt Korruption

und die gewissenlose Bereicherung der

Kontrolleure und Politiker an dem Handel

mit Arzneifälschungen.

wohlhabendere Regionen.

Eine bedeutende

Rolle spielen

aber auch Korruption

und die gewissenlose

Bereicherung

der zuständigen

Kontrolleure und einflussreicher Politiker an dem Handel

mit Arznei-Fälschungen. Hier gilt es gemeinsam mit den

Entwicklungsdiensten der Industrieländer, der Pharmaindustrie,

der WHO und den kirchlichen und anderen privaten

Entwicklungsorganisationen massiv zu intervenieren

und solche Vorfälle an die Öffentlichkeit zu bringen.

In einigen Ländern zeigt sich zumindest ansatzweise ein

Erfolg der nationalen Medikamentenbehörden, die den Mut

aufbrachten, die meist auch politisch sehr einflussreichen

Drogenfälscher zu entlarven und deren Namen publik zu

machen und sogar öffentlich beschlagnahmte Fälschungen

zu verbrennen. In Nigeria wurde z. B. durch mutige Menschen

eine solche, für die Organisatoren mit Sicherheit

lebensgefährliche Kampagne gegen die Fälscher gestartet.

Vor fast 10 Jahren wurde bei uns in Deutschland ein

„Pharmadialog“ zwischen den christlichen Kirchen und

dem Verband der forschenden Pharmaindustrie ins Leben

gerufen, der nach anfänglichen Verständigungsschwierigkeiten

Vorschläge unterbreitet, wie die Arzneimittelversorgung

der 3. Welt verbessert werden kann.

Die katholische und evangelische

Kirche hat in Tansania ein Institut zur

Medikamentenkontrolle eingerichtet.

Es bleibt aber noch viel zu tun, dem gewissenlosen Treiben

der Medikamentenfälscher Einhalt zu gebieten und der

Bevölkerung in den unterentwickelten Ländern eine qualitativ

und quantitativ ausreichende Versorgung an Medikamenten

zu ermöglichen, wie sie für uns eine Selbstverständlichkeit

ist.

(Angeregt zu diesem Artikel wurde der Autor durch

einen Vortrag von Prof. Klaus Fleischer, dem ehemaligen

Chefarzt der Tropenklinik an der Missionsärztlichen Klinik

Würzburg anlässlich der 50-Jahr-Feier zur Gründung

des Missionsärztlichen Institutes. Die Fakten und Zahlen

des Artikels stammen aus dem WHO-Report 2003 sowie

dem Amerikanischen Journal für Tropenkrankheiten.)

Heinz Köhler

durchblick 1/2005 31


Aus dem Siegerland

Das „Lebendige Haus“

Gemeinschaftliche und zukunftsweisende Wohnformen

Das „Lebendige Haus“, das in Siegen am Hang des

Häuslingberges im ehemaligen Christofferhaus entsteht, ist

ein reelles neuzeitliches Wohnprojekt, das ein generationenübergreifendes

Wohn- und Lebensmodell anstrebt.

Zielsetzung des Wohnprojektes sind nachbarschaftliche

Kontakte und gemeinschaftliches Handeln durch gegenseitige

Hilfe in einer Mehr-Generationen-Gemeinschaft,

um ein aktives Alter und den Kontakt zwischen Alt und

Jung zu fördern. Es soll eine Struktur entstehen, die stark

gemeinschaftlich ausgerichtet ist und unterschiedliche Lebensentwürfe

bietet. Die Menschen, die in dem Haus leben,

sollen sich gegenseitig unterstützen in den Angelegenheiten

des Alltags. Durch ein soziales Netz des gegenseitigen

Austausches wird auch bei Hilfsbedürftigkeit durch Behinderung,

Alter oder Krankheit die Integration in der Gemeinschaft

und der Verbleib in der eigenen Wohnung ermöglicht.

In diesem Sinne und im Geiste einer

anthroposophischen Christen-Gemeinschaft entstand der

Initiativkreis für dieses Wohnprojekt. Das Wohnprojekt ist

offen für jeden. Seit den ersten Anfängen, als sich die Initiative

für das „Lebendige Haus“ im April 2002 formierte,

mussten viele Fragen und Probleme geklärt werden, aber

es ging stetig voran. Im Dezember 2004 wurde die Bauund

Wohngenossenschaft „Lebendiges Leben“ gegründet,

die Trägerin des Projektes ist. Im Laufe des Jahres soll die

Genossenschaft die Immobilie vom Sozialwerk der Christen-Gemeinschaft

kaufen. Danach können die Aus- und

Umbauarbeiten des Hauses beginnen. Außen wird das Haus

mit Balkonen und Terrassen ausgestattet. Im Übrigen bleibt

das wohlvertraute äußere Erscheinungsbild des Gebäudes

unangetastet. Innen wird das Haus in Neuzustand gemäß

heutigen Erfordernissen versetzt. Neu ist die funktionelle

Aufteilung des Gebäudes. Fast 1500 qm Wohnraum sollen

entstehen, insgesamt 23 Wohnungen

für Einzelpersonen,

Paare und Familien, die kleinste

mit 23 qm, die größte mit

130 qm Wohnfläche. Die

Wohnräume werden sich über

drei Etagen erstrecken. Es ist

vorgesehen und erwünscht,

dass zusammen mit den künftigen

Bewohnern/innen die

Ausstattung der Wohnungen

nach ihren individuellen

Wünschen und Möglichkeiten

geplant wird. Die Wohnungen

bieten die bauliche

Voraussetzung für eine individuelle

Lebensführung, eingebunden

in eine gewählte

Nachbarschaft. Im Gemeinschaftsbereich

stehen multifunktional

nutzbare Räume zur Verfügung für Begegnung,

Verpflegung, gemeinsame Aktivitäten, Veranstaltungen.

Die Wege zu den Gemeinschaftseinrichtungen sind eben

angelegt, damit insbesondere ältere und gehbehinderte

Menschen ohne Mühe am gemeinsamen Leben teilnehmen

können.

Der Tageslauf, die Wochen-, Monats- und Jahresübersicht

für das Haus wird in verschiedenen „Zentralen“ zusammengestellt.

Es gibt eine Hauszentrale, eine Fahrtenzentrale,

eine Kulturzentrale, wo die Belange des Hauses

geregelt werden, wie technische Probleme, Fahrtenwünsche,

Hilfe, die gebraucht wird und Hilfe, die angeboten

werden kann. In der Kulturzentrale werden alle Veranstaltungen

im Hause geplant wie Feste, Vorträge, Konzerte,

aber auch kleinere Aktivitäten wie Lesen, Basteln, Spielen,

Malen, Tanzen, Musizieren in kleineren Gruppen. Bei aller

Gemeinschaft und Gemeinsamkeit bleibt doch für jeden

Einzelnen so viel Privatsphäre, wie es jeder möchte. „Das

Bedürfnis des Nachbarn nach Ruhe und Rückzug wahrzunehmen

und zu respektieren ist eine der wichtigsten Übungen

für alle Bewohner/innen des Hauses“, so Senta Monien,

Ansprechpartnerin des Wohnprojekts. Hinter der Vision

des „Lebendigen Hauses“ als ein Zusammenleben von Jung

und Alt, Familien und Einzelpersonen, die sich begegnen

Erfahrungen austauschen, Anregungen und Hilfe finden,

steht die Erkenntnis, dass ältere Menschen für das Funktionieren

unseres gesellschaftlichen Miteinanders unverzichtbar

sind und das ältere Menschen den Bezug zu jüngeren

Generationen brauchen. Ältere Menschen bringen

Lebenserfahrung mit. Für die Kinder lassen sie die Vergangenheit

lebendig werden. Kindern tut es gut, andere

Welten kennen zu lernen. Für die Eltern, besonders für ➤

Kirche der Christengemeinschaft mit einem Teil des Christofferhauses.

32 durchblick 1/2005


Aus dem Siegerland

allein erziehende Mütter, können sie eine Entlastung sein

und in einer vertrauensvollen Beziehung hilfreiche Begleiter

sein. Umgekehrt genießen ältere Menschen die Vitalität

und Neugier der Kinder, durch die sie ein Stück weit an der

Zukunft teilhaben. Naturerfahrung mit Kindern im benachbarten

Wald und im Garten des Hauses gibt den älteren

Menschen eine höhere Lebenszufriedenheit und ein all-

gemeines Wohlgefühl. Den Kindern kann auf diese Weise

eine ökologische Lebensweise beigebracht werden.

Zum Schluss sei gesagt, dass die Bewohner/innen des

„Lebendigen Hauses“ neue Wege gehen und zukunftsweisende

Modelle für die gesamte Gesellschaft an.

Dorothea Istock

Die Qualität einer Gesellschaft bemisst sich daran, ob

und wie sie in der Lage ist, alle ihre Glieder zu einem

Ganzen zu fügen und niemanden an den Rand zu drängen

oder gar überflüssig zu machen. Das Letzte trifft als Lebensgefühl

mehr und mehr auf die betagten Menschen in

den hoch zivilisierten Kulturen zu. Die vielen bekannten

Negativformeln brauchen hier nicht wiederholt werden, da

sie für uns nicht infrage kommen – denn im „Lebendigen

Haus“ lebt ein Bewusstsein für das Menschenleben als

Ganzes, und es ist selbstverständlich, dass jeder Lebensabschnitt

seine Bedeutung, Aufgaben, Herausforderungen

und Ziele hat. Das gilt für das Alter im selben Maße wie für

jede andere Lebensepoche. Warum fällt es dem heutigen

modernen Menschen so schwer zu erkennen, wie wichtig

gerade der letzte Lebensabschnitt für die Biographie ist?

Gilt es doch in dieser Zeit die reifen Früchte einzusammeln,

Mit Würde alt sein

um sie für sich und die Zukunft fruchtbar zu machen – auch

gerade über den Tod hinaus. Welche schöne Lebensluft

weht doch um weise gewordene alte Menschen, die wieder

Zeit haben, die Dinge aus einer gelebten erfahrenen Perspektive

zu überblicken. Und welche Achtung gebietet ein

äußerlich gebrechlich werdender Mensch, der nun lernen

muss, sein Leben mit physischen Hindernissen zu bewältigen.

Dabei soll er nicht alleine gelassen werden, sondern

es sind alle aufgerufen, ihn einzubetten in Unterstützung

und Verständnis seiner Situation. Dann reift ein jeder und

wächst, und ist das nicht etwas Kostbares: aneinander reifen

und wachsen – der eine in das Leben hinein, der andere aus

dem Leben heraus in ein neues Leben. So schließt sich ein

Kreis und öffnet sich zum nächsten. Und wer es vermag,

bemerkt die Begegnung mit den Vorangegangenen.

Rita Schmidt

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Die reinste Freude

durchblick 1/2005 33


Wohnen im Alter

Zukunftsinitiative Siegen-Wittgenstein 2020 – „Leben und Wohnen im Alter“

Niemand kann in die Zukunft gucken. Trotzdem oder

gerade deswegen planen Politik und Verwaltung des Kreises

Siegen-Wittgenstein die Zukunftsinitiative Siegen-

Wittgenstein 2020 – Leben und Wohnen im Alter. Es geht

um die Gestaltung der Lebens- und Wohnverhältnisse der

Menschen, die im Jahr 2020 alt sind. Dazu äußert sich Helmut

Kneppe, Sozialdezernent des Kreises Siegen-Wittgenstein.

db: Herr Kneppe, können Sie in die Zukunft sehen?

Kneppe: Natürlich nicht. Aber es lässt sich vorhersagen,

wie der Altersaufbau im Jahr 2020 ist, wie viele Menschen

im Kreis Siegen-Wittgenstein dann älter als 60 Jahre

sind, älter als 80 Jahre usw. Schließlich ist heute schon

bekannt, wie viele Menschen im Kreis Siegen-Wittgenstein

wohnen und wie die Verteilung in den 11 Kommunen ist.

Diese Daten unterliegen zwar gewissen Abweichungen –

gemeint sind Zu- und Fortzüge, Sterbefälle etc. – bieten

aber insgesamt eine gute Planungsgrundlage.

db: Planen Sie bestimmte Wohn- und Lebensformen

für die Alten des Jahres 2020 oder entsprechende Richtlinien?

Kneppe: Im Gegenteil. Mit der Zukunftsinitiative 2020

wollen Politik und Verwaltung im Kreis Siegen-Wittgenstein

dazu beitragen, dass gute Voraussetzungen für eine

möglichst lebenslange Selbstbestimmung älterer und alter

Menschen gegeben sind. Umfrageergebnisse bestätigen,

dass „Selbstbestimmung“ fast identisch ist mit dem

Wunsch nach einem Leben in der eigenen Wohnung, buchstäblich

in der „gewohnten“ Umgebung. Das wollen wir

fördern.

db: Wo liegen die Probleme?

Kneppe: Nach jüngsten Prognosen des Landesamtes für

Datenverarbeitung und Statistik ist davon auszugehen, dass

die Altersgruppe der über 60-Jährigen in NRW im Jahr 2020

einen Anteil von 28,2 Prozent an der Gesamtbevölkerung

hat. In der weiteren Entwicklung werden die über 60-Jährigen

ein Drittel der Bevölkerung darstellen. Die Demografen

sprechen von einem „dreifachen Altern“ – gemeint ist

die Zunahme des absoluten und relativen Anteils der Altenbevölkerung

sowie eine steigende Zahl hochaltriger Menschen.

Die volkswirtschaftlichen Folgen dieser Entwicklungen

addieren sich, sie werden ab 2010 drastisch spürbar.

Daher müssen wir schon jetzt fragen, was das zum Beispiel

für die Pflege bedeutet. Etwa, wie viele Pflegeplätze in Heimen,

Wohn- und Hausgemeinschaften oder anderen Modellen

vorgehalten werden müssen. Dabei ist zu bedenken,

dass die Sozialversicherungen nicht alles bezahlen können.

Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

db: Was wollen Sie erreichen?

Kneppe: Der demografische Wandel und der Wunsch

der Menschen, auch im Alter und bei Pflegebedürftigkeit

in der eigenen Wohnung leben zu wollen, müssen sich in

der Wohnungs- und Sozialpolitik niederschlagen. Es wird

deshalb zunehmend wichtig sein, neue und zusätzliche

Hilfs- und Beratungsangebote für pflegebedürftige und ältere

Menschen im normalen Wohnungsbau zu verankern.

Es muss Wohnraum für alle Lebenslagen zur Verfügung

stehen. Außerdem ist zu wünschen, dass die Alten des Jahres

2020 sich in sozialen Netzen aufgehoben fühlen, in Netzen,

die sie zweckmäßigerweise schon jetzt knüpfen sollten.

Angesichts der Veränderung der familiären Strukturen

wird das Engagement in diesem Bereich für Jung und Alt

zu einem wichtigen Bestandteil sozialer Vorsorge.

db: Welche Unterstützung bieten Sie?

Kneppe: Vor allem im ländlich strukturierten Bereich

des Kreises Siegen-Wittgenstein ist Wohnraumanpassung

ein drängendes Thema. Daher wird so schnell wie möglich

eine qualifizierte, für Ratsuchende kostenfreie Wohnberatung

angeboten. In einem „Probelauf“ soll dieses Angebot

zunächst in Hilchenbach und Bad Berleburg gemacht werden,

bei entsprechender Nachfrage dann auch in anderen

Kommunen des Kreises Siegen-Wittgenstein. Aber es geht

nicht ohne ehrenamtlich-bürgerschaftliches Engagement.

Daher unterstützt der Kreis ein Fortbildungsangebot des

Vereins ALTERAktiv Siegen. Damit sind Menschen angesprochen,

die sich befähigen lassen wollen, als ehrenamtlich

tätige Seniorenbegleiterinnen oder -begleiter tätig zu

werden. Auf diesem Weg sollen professionelle Beratungsinstanzen

unterstützt und ergänzt werden. Es ist zu erwarten,

dass Seniorenbegleiterinnen und -begleiter vorpflegerische

und pflegeergänzende Aufgaben übernehmen,

womöglich im Rahmen von Initiativen und Selbsthilfegruppen.

Ich bin davon überzeugt, dass dies wesentlich dazu

beitragen kann, den Verbleib im eigenen Zuhause zu

sichern.

Das Gespräch führte Erich Kerkhoff

Vor ca. 15 Jahren war die Stadt Siegen die erste Kommune

im Kreis Siegen-Wittgenstein, die auf der Grundlage

einer Altenhilfeplanung hauptamtliche Seniorenarbeit

installierte und seither durch hohen finanziellen und personellen

Einsatz ehrenamtliches Engagement und Teilhabemöglichkeiten

unterstützt. Zu nennen ist hier insbesondere:

das Haus Herbstzeitlos, mit all seinen Gruppen und

Vereinen, die Seniorenzeitung „durchblick“ und der Seniorenbeirat.

In der nächsten Ausgabe des durchblick werden

wir umfassend die Ziele und Konsequenzen der Seniorenpolitik

aus Sicht der Stadt Siegen ausführlich darstellen.

34 durchblick 1/2005


Historisches

Deutsche Schreibschrift

„... unzustellbar zurück!“ Mit diesem Vermerk kam der

Brief an eine ältere Verwandte an mich zurück.

Ich hatte mich beim Schreiben der Adresse der deutschen

Schreibschrift bedient. Offenbar konnten die Zusteller diese

nicht mehr lesen. „ Können Sie uns bitte eine Abschrift

des Testaments in lateinischer Schrift zusenden.“ Mit dieser

Bitte bat mich das Gericht, dem ich ein handschriftlich

in deutscher Schreibschrift verfasstes Testament eingereicht

hatte, um eine lesbare Abschrift. Diejenigen, die der

deutschen Schreibschrift nicht ratlos gegenüberstehen,

werden mit der Zeit immer weniger. Ich fürchte, viele wissen

nicht einmal mehr, wie diese Schrift aussieht. Kein

Wunder, wurde die deutsche Schreibschrift doch schon ab

1941 (als Judenlettern abgestempelt) aus dem Unterricht

verbannt zugunsten der lateinischen (Normal-)Schrift.

Bis dahin standen sich beide Schriften gleichrangig gegenüber.

Kein Wunder, dass in der Praxis kaum eine

Schriftart in reiner Form geschrieben wurde. Meist wurde

eine Mischform geschrieben. Die einzelnen Worte enthielten

sowohl deutsche wie auch lateinische Buchstaben, je

nachdem, was sich gerade flüssig an den vorhergehenden

Buchstaben anschließen ließ. Man schaue sich nur einmal

alte Stammbücher an, die eine wahre Fundgrube dieser „gemischten

Schreibweise“ darstellen.

Ich (Jahrgang 1947) habe deutsche Schreibschrift noch

in der Schule gelernt. Im Fach „Schönschreiben“. Das gab

es damals noch! Ob es „Sütterlin“

war, weiß ich nicht

mehr. „Sütterlin“, nach einem

der vielen Schriftreformer

des 19. Jh. (Ludwig Sütterlin

1865 – 1917) benannt,

war gleichsam der Sammelbegriff

für eine Vielzahl

deutscher Schriften. Sie wurde

vor allem bekannt, weil

sie ab 1914 zunächst versuchsweise,

später, ab 1924

in Preußen zur verbindlichen

Schulschrift erklärt wurde.

häufig Unterschriften geleistet werden. Viele der angestellten

Kollegen und der Vorgesetzten hatten beeindruckende

Unterschriften. Dem mit der lateinischen

Schulschrift etwas entgegenzusetzen, war schwer. Bis die

Idee geboren wurde, den Namen in deutscher Schreibschrift

zu verfassen. Und zu meiner Überraschung lief die

Unterschrift nun sehr flüssig. Vor allem: Es war etwas Besonderes.

Alleinstellungsmerkmal nennt man das ja wohl

heute.

Später hat mir die Kenntnis der deutschen Schrift gute

Dienste geleistet bei der „Übersetzung“ eines ca. 450

Jahre alten Aktenfragments über einen Hexenprozess im

Siegerland, die ich anlässlich eines Beitrags zur Festschrift

„50 Jahre Landgericht Siegen“ im Stadtarchiv

fand.

Aber auch beruflich (als Rechtsanwalt und Notar) hatte

ich häufig mit deutsch geschriebenen Schriftstücken wie

Testamenten, Stammbüchern und Verträgen zu tun und

konnte diese Dokumente problemlos lesen.

Ich selbst schreibe bis heute ein Gemisch aus lateinischer

und deutscher Schrift ... wenn ich dennoch ohne

Schreibmaschine und Computer schreibe.

Michael Kringe

Mich hat die deutsche

Schreibschrift bis heute begleitet.

Nicht nur, weil noch

viele der Älteren zumindest

die oben erwähnte Mischschrift

schrieben, sondern

auch aus Gründen, die ich mir

als junger Volksschüler nicht

hatte träumen lassen.

Es begann mit der Bankkaufmannslehre.

Es mussten

durchblick 1/2005 35


Gedächtnistraining

„Ei, bin ich denn darum 80 Jahre alt geworden, dass ich immer dasselbe denken soll?

Ich strebe vielmehr, täglich etwas anderes, Neues zu denken, um nicht langweilig zu werden.

Man muss sich immerfort verändern, erneuern, verjüngen, um nicht zu verstocken.“

Goethe

Bilderrätsel

In diesem Rahmen,

der aus lauter

Buchstaben besteht,

sind 11 Tiernamen

enthalten.

Wer entdeckt sie

alle?

Versteckte

Blumen

Bringen Sie die

Buchstaben der

Blüten jeweils in

die richtige Reihenfolge.

Es ergeben

sich dann

Blumennamen.

Ergänzung zu

Jungennamen:

1. . . . . . . . . see

2. . . . . motor

3. . . . . eits

4. . . . . . ver

5. . . . . . nette

6. . . . . . . . . jagd

7. . . . . . silie

8. . . . . . . sgans

9. . . . . . . . . iner

10. . . . . wurst

Ergänzung zu

Mädchennamen:

1. . . . . . rie

2. . . . . nda

3. . . . . . cron

4. . . . . . kraut

5. . . . kurierung

6. . . . . ley

7. . . . . . rine

8. . . . . . sheim

9. . . . . . bogen

10. . . . . denz

Welche Blumen werden hier gesucht?

1. Wonnemonatsklingen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

2. kleine/zweite Mutter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

3. Handwerkstitel einer Baumansammlung . . . . . . . . . .

4. Mooreierblüte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

5. männliches Geflügelbein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

6. Monatstasse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

7. Winterniederschlagsschelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

8. arbeitsame Elisabeth . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

9. Pappkarton-Getreidestengel . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

10.Türöffnerpflanze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Sprichwörter

Setzen Sie bei den folgenden Sprichwörtern jeweils den

passenden Vogelnamen ein.

1. Ein blindes ... findet auch mal ein Korn.

2. ..., ick hör’ dir trapsen.

3. Besser ein ... in der Hand als eine ... auf dem Dach.

4. Eine ... macht noch keinen Sommer.

5. ... nach Athen tragen.

6. Da lachen ja die ...

7. Er schimpft wie ein ...

8. Die diebische ...

9. Da brat mir einer einen ...

10.Hol’s der ...

11.Nach dem kräht kein ... mehr.

12.Die ... pfeifen es schon von den Dächern.

13.Er ist der ... im Korb.

14.Was dem einen sin ..., ist dem anderen sin ...

15.Einem den roten ... auf das Dach setzen.

16.Wer anderen eine ... gräbt fällt selbst hinein.

17.Des Nachts sind alle ... grau.

Material des © Bundesverband Gedächtnistraining e.V. 57462 Olpe.

Auflösung auf Seite 42

36 durchblick 1/2005


Antonie Theresia Dell

aus Wilnsdorf hat sich mit

ihrem neuen Unternehmen

„Individuelles PC-

Training 50+“ die Aufgabe

gestellt, Lebensältere

beim Einstieg in die virtuelle

Welt des Computers

zu begleiten. Schritt für

Schritt, im Lerntempo des

Einzelnen, erfolgt der Unterricht.

Ziel ihrer Arbeit ist es, Frauen und besonders älteren

Menschen den PC und die Anwendungsprogramme nahe zu

bringen. Über den Gebrauch der neuen Medien erwirbt man

sich mehr Unabhängigkeit und größere Kommunikationsfähigkeit.

So können bei nachlassender Mobilität auch viele

Einkäufe, Behördengänge, Bankgeschäfte, Informationssuche

usw. von zu Hause aus erledigt werden. Dies

eröffnet für viele ganz neue Perspektiven und auch neue

Hobbys. Digitale Fotografie, Ahnenforschung und vieles

mehr lassen sich mit dem Computer leicht ausführen.

Aus dem Seniorenbeirat

Neuanfang mit 57 Jahren!!!

„Traun Sie sich – an den PC“

Angeregt wurde Antonie Dell durch die Arbeit des Vereins

AlterAktiv e.V. in Siegen, in dessen Internetcafé

(Senec@fe). Hier betreut sie schon seit einiger Zeit, gemeinsam

mit weiteren Mitgliedern des Vereins, ehrenamtlich

Senioren beim Arbeiten am Computer.

Wer die neuen Medien zunächst einmal „schnuppern“

möchte, ist im Haus Herbstzeitlos; Marienborner Str. 151,

herzlich willkommen.

durchblick 1/2005 37


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verfügbar sind.

„Das neue System ‚Bionic‘ liefert einen so

natürlichen Klang, wie er bisher noch nicht erreicht

worden ist“, sagt Brungs begeistert. Hörkomfort

und Sprachverständlichkeit können jetzt

auch in schwierigen Hörsituationen auf höchstem

Niveau gewährleistet werden. Weil „Bionic“ nach

Fuzzy-Logic-Regeln arbeitet, die denen des Gehirns

sehr ähnlich sind, fügt sich das System fast

organisch in den Hörprozess ein. Das Gehirn

kann die verstärkten Signale besonders gut verstehen,

weil der Klang bei der Bearbeitung durch

das neue Hörgerät in all seinen Nuancen ohne

Qualitätsverlust erhalten bleibt. Entwickelt wurde

das „Bionic“ von einem der erfahrensten Hörsystemhersteller

Deutschlands. Besonders beeindruckt

Marcus Brungs, wie sich das neue

Gerät flexibel den Umweltgeräuschen anpasst.

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immer den richtigen und schnellsten Weg

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der Dynamic Hearing Pty Ltd.

durchblick 1/2005 39


Leserbriefe

durchblick 3-2004

Den Artikel von Eberhard Freundt „Der Mensch – Investor

seiner Lebenszeit“ habe ich mit Interesse gelesen und habe

sehr viel für mein (unser aller) Leben entdeckt. Unser Leben

könnte noch wertvoller sein, als es vielleicht schon ist,

würden wir mit der uns geschenkten Zeit besser umgehen.

Ihr Artikel ist des Nachdenkens wert. Einer im Raum stehenden

Frage gehen Sie allerdings nicht nach. Wer schreibt

den Menschen jeden Morgen weitere 24 Stunden auf deren

Lebenszeitkonto gut? Als Christ weiß ich, dass Gott meinem

Leben Anfang und Ende setzt. Weiterhin viel Freude

bei der Redaktionsarbeit. Erich Wendel, per E-Mail

durchblick 4-2004

Sehr geehrte Frau Göbel,

ich las die kleine Weihnachtsgeschichte auf Seite 31,

unter der Ihr Name steht. Leider wird da von Ihnen kurz

und entstellt eine wunderbare estländische Geschichte

wiedergegeben ohne Quellenangabe. Die vollständige Geschichte

stammt aus dem Buch „Ja, damals...“ von Else

Hueck-Dehio und ist erschienen im Eugen-Salzer-Verlag,

Heilbronn. Man sollte sich nicht mit fremden Federn

schmücken! Ich wünsche Ihnen und der gesamten Redaktion

noch eine gute Adventszeit, frohe Weihnachten und ein

gutes neues Jahr! Renate Müller, 57072 Siegen

Anm. der Redaktion: Sehr geehrte Frau Müller, Ihre Anmerkung

ist völlig berechtigt, nur trifft hier Frau Göbel keine

Schuld! Sie hat diese Geschichte ohne Namenszeichen

als Datensatz zum Druck eingereicht, dabei wurde ein der

Diskette beigelegter Hinweis auf die Urheberschaft von mir

übersehen. Als dann der Artikel fertig gesetzt war, jedoch

der Autor fehlte, hatte ich angenommen, es handelt sich um

einen Artikel von Frau Göbel. Ich bitte das Versehen zu entschuldigen.

Friedhelm Eickhoff, verantw. Redakteur

Ein herzliches Dankeschön für Ihre Zeitung, auf die wir uns

schon tagelang vor dem Erscheinen freuen. Gerade habe ich

noch einmal die Beiträge zum 16. Dez. 1944 gelesen. Ich

war damals sieben Jahre alt und saß mit meinen Eltern im

Bunker in der Juliusstraße. Mit Lastwagen wurden wir nach

dem Angriff ins Sauerland zu Verwandten gebracht und

konnten erst 1955 nach Siegen zurückkehren. Ich danke

Frau Anspach, Eberhard Freundt und den anderen Mitarbeitern

des durchblick für die interessanten Beiträge und

wünsche Ihnen allen gesegnete Weihnachten und ein friedvolles

gutes 2005!

Helga Kötting, Siegen

Hallo, verehrte Redaktionsmitglieder,

Ihre Zeitschrift bekam ich kürzlich auf dem Weihnachtsmarkt

am Sozialhäuschen. Ein sehr gutes Magazin – meine ich.

Dieter Weber, – per E-Mail

Liebe Redaktion!

Ein Exemplar des neuen durchblick habe ich meiner Freundin

Anna in Berlin geschickt. Hier ihr Kommentar dazu:

„…danke, dass du mir diese wunderbare Zeitung geschickt

hast. ich habe schon sehr viele Zeitungen ums Älterwerden

gesehen. Diese ist außergewöhnlich und verdient Anerkennung.

Der Inhalt hat nicht den Charakter von Überzogenem,

sondern ist natürlich intelligent und dem Älterwerden angemessen.

Ich freue mich sehr, so viel gute Botschaften von

Siegen zu lesen. Danke Antonie. Liebe Grüße von Anna“

Mit herzlichen Grüßen Antonie Dell, Wilnsdorf

Meine 92-jährige Mutter stammt aus der Hundgasse und ich

wurde vor mehr als 60 Jahren auf der Sieghütte im Sieghütter

Hauptweg geboren. Das Geburtshaus von meinem

Vater steht noch heuer in der Weidenauer Heinrichstraße.

Dieses wollte ich Sie wissen lassen, damit Sie meine Worte

verstehen können, ich bin nun schon seit 1957 nicht mehr

wohnhaft in Siegen, aber mit Leib und Seele bin ich sehr

heimatverbunden und reise somit mehrmals im Jahr für 5–

10 Tage auf ein Besuchs- und Besichtigungsurlaub in meine

Geburts- und Vaterstadt. Bei meiner letzten Reise war ich

auch auf dem Weihnachtsmarkt, wo ich Ihre Ausgabe

4/2004 erhalten habe. Ich würde mich sehr über die regelmäßige

Zusendung Ihrer Zeitung freuen. Die Artikel: „16.

Dezember vor 60 Jahren – Siegener erinnern sich:“ von Maria

Anspach und „Die letzte Kriegsweihnacht“ von Inge Göbel

sind sehr gut geschrieben. Mir ist beim Lesen alles wieder

so richtig vor Augen geführt und ins Gedächtnis

zurückgeholt worden. Gerne hätten wir ja auch einmal den

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40 durchblick 1/2005


Internet

mit Hand geschriebenen Artikel „Die letzten Kriegstage in

Siegen“ gelesen, doch selbst meine Mutter, die in der Schule

noch Sütterlin-Schrift gelernt hat, war nicht in der Lage,

diesen in deutscher Handschrift verfassten Artikel zu lesen.

Er ist viel zu klein und zu undeutlich geschrieben. Sie sollten

doch in Zukunft daran denken, dass auch ältere „Sejjerlänner“

Ihre Hefte lesen, die oftmals nicht mehr das beste

Sehvermögen haben. Mit freundlichen Grüßen aus der Ferne

Karl-Heinrich Stracke, Badbergen/Groß-Mimmelage

Anlässlich eines Besuches Ihrer schönen Stadt kam ich in den

Besitz Ihres inhaltsreichen Heftes 4/2004. Ich möchte Ihr Angebot

annehmen und bitten, mir den „durchblick“ regelmäßig

zuzusenden. Meine Vorfahren waren Bergleute und ich selbst

habe von 1939 bis 1969 in Biersdorf bzw. in Daaden gelebt und

habe die Grube Füsseberg noch ausgiebig in Erinnerung. Der

„durchblick“ hat viele Erinnerungen in mir wachgerufen.

Mit freundlichem Glückauf Fritz Thielen, Altenkirchen

Mehrkosten bei „Sortis“

Abzocke, ein anderes Wort fällt mir nicht ein. Der Hersteller

Pfizer akzeptiert den vorgeschriebenen Höchstpreis für

Medikamente nicht und wälzt die Mehrkosten auf die betroffenen

Patienten ab. Somit kostet eine 50er-Packung jetzt

14,98 mehr. Das ist eine Zuzahlung, die ich für mich nicht

akzeptieren kann. Ich werde mir von meinem Arzt ein anderes

und gleichwertiges Medikament verschreiben lassen. Gut

wäre es, wenn die Ärzte schon bei der Verschreibung eines

solchen Medikamentes die Patienten auf solche Zuzahlungen

aufmerksam machen würde. Renate Titze, Siegen

Für 2005 wünsche ich dem durchblick weiterhin viel Erfolg!

Seit der ersten Ausgabe 1986 habe ich viele Jahre am durchblick

mitgearbeitet und verfolge mit viel Interesse die Weiterentwicklung.

Und so möchte ich mich heute ganz besonders

für die letzte Ausgabe bedanken, denn so vielseitig,

interessant und informativ habe ich mir den durchblick immer

gewünscht. Stellte auch fest, wie schnell der durchblick

an den Ausgabestellen dieses Mal vergriffen war. Und schon

immer wollte ich mich bei Frau Inge Göbel bedanken für den

Artikel zum Seniorenjahr 1999, in dem sich mein Jahrgang

so richtigt wiederfindet. Oft lese ich diesen Artikel im Kreise

Gleichaltriger mit viel Beifall vor. Nicht nur ihre lebendigen

Artikel, sondern auch Beiträge von Frau Krumm und

Frau Hanz gefielen mir in den letzten Jahren besonders. Und

so möchte ich mich bei allen Redaktionsmitgliedern bedanken:

für die vielen Stunden, die sie opfern an Artikeln zu feilen,

Recherchen anzustellen, Annoncen zu werben; für die

vielen Redaktionsstunden von der Erstellung des Layouts bis

zur Austeilung der Zeitung. Ich weiß, mit wie viel Arbeit diese

ehrenamtliche Tätigkeit verbunden ist und wünsche Ihnen,

dass die Begeisterung und Freude, mit der wir damals – ohne

journalistische Vorbildung – die Zeitung ins Leben riefen,

Ihnen erhalten bleibt.

Inge Ketteler, Siegen

16. Dezember 1944 vor 60 Jahren – Siegener erinnern sich:

Im Zeitzeugenbericht der Bildhauerin Gertrud Vogd-Giebeler

hat mich ein Satz besonders beeindruckt: „Der absurde,

sinnlose „Heldentod“ von vier Söhnen hatte wohl die Tränen

der Eltern versiegen lassen.“ Was am 16. Dezember 1944

noch geschah: Am Morgen des 16. Dezember 1944 begann

die kriegsverlängernde Ardennenoffensive. Bereits nach einer

Woche, bevor die Maas erreicht wurde, musste die Ardennenoffensive

als misslungen betrachtet werden. Zwar gelang

zunächst der Einbruch auf der ganzen Angriffsfront in

die amerikanischen Stellungen, der Gegenschlag der Alliierten

warf jedoch den Angreifer, unter hohen Verlusten auf

beiden Seiten, wieder zurück. Am Nachmittag des 16. Dezember

1944 wurde die Rubensstadt Siegen durch einen britischen

Bombenangriff in Schutt und Asche gelegt. Ebenfalls

am 16. Dezember 1944 schlug eine V2-Rakete in das voll

besetzte Rex-Kino der Rubensstadt Antwerpen ein. 561

Menschen wurden getötet und 291 Menschen schwer verletzt.

Churchill ließ am 8. März 1944 eine halbe Million

Milzbrandbomben in den USA bestellen, so schreibt Jörg

Friedrich in seinem Buch „Der Brand“. „Lassen Sie mich unbedingt

wissen“, schrieb Churchill an den Ausschuss für bakteriologische

Kriegsführung, „wann sie zur Verfügung stehen.

Wir sollten es als eine erste Lieferung betrachten.“ Wir

können von Glück sagen, dass die Milzbrandbomben nicht

zum Einsatz kamen. Nie wieder Krieg, ein frommer

Wunsch?

Hans-Martin Flender, Siegen

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durchblick 1/2005 41


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Private Anzeigen bis vier Zeilen veröffentlichen wir

kostenlos. Anzeigenschluss für die nächste Ausgabe ist der

30. April 2005.

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Siegen und Umgebung lädt zu Gruppenstunden

und zum Erfahrungsaustausch ein. Informationen: Tel. Siegen

5 74 51.

Prostata-Selbsthilfegruppe Siegerland ist noch offen für

Interessenten. Informationen unter Tel. Nr. 0 27 35/52 60.

Modelleisenbahn gesucht „Märklin Mini Club“, sowie

passendes Zubehör (Gleise, Weichen, Wagen und Loks, etc.)

auch defekt. Telefon 0 27 38/68 88 52.

Auflösung der Rätsel auf Seite 36

Bilderrätsel: Hase, Seelöwe, Löwe, Wespe, Specht, Tiger, Erpel, Pelikan,

Antilope, Esel, Elch.

Blumen: 1. Maiglöckchen, 2. Stiefmütterchen, 3. Waldmeister, 4. Sumpfdotterblume,

5. Hahnenfuß, 6. Märzenbecher, 7. Schneeglöckchen,

8. Fleißiges Lieschen, 9. Schachtelhalm, 10. Schlüsselblume.

Ergänzungen Jungennamen: Wolfgang.see, Otto.motor, Jens.eits,

Hanno.ver, Mario.nette, Hubertus.jagd, Martin.sgans, Bernhard.iner,

Hans.wurst.

Ergänzungen Mädchennamen: Lotte.rie, Vera.nda, Maria.cron, Heide.-

kraut, Eva.kuierung, Lore.ley, Marga.rine, Hilde.sheim, Ellen.bogen,

Resi.denz.

Sprichwörter: 1. Huhn, 2. Nachtigall, 3. Spatz, Taube, 4. Schwalbe,

5. Eule, 6. Hühner, 7. Rohrspatz, 8. Elster, 9. Storch, 10. Kuckuck,

11. Hahn, 12. Spatzen, 13. Hahn, 14. Uhl, Nachtigall, 15. Hahn., 16. Grube,

17. Spatzen

Versteckte Blumen: Mimose, Rose, Maiglöckchen, Aster, Gladiole,

Clivia, Seerose, Rittersporn.

Zu guter Letzt

Erstaunte Leserinnen und Leser nahmen in der letzten Ausgabe

wahr, dass eine hiesige Kanzlei verteidigte Buchprüfer

beschäftigt. Was müssen das wohl für kämpferische

Burschen sein, die sich so schützen lassen müssen? In derselben

Anzeige wurden die harten Jungens in Freundenberg

angesiedelt, vielleicht um sie zu besänftigen? Wir wissen

es nicht, was wir wissen, ist, dass der Setzer unserer

Druckerei gleich zweimal hingelangt hat, aus vereidigte

machte er verteidigte und aus Freudenberg – Freundenberg.

Mit den Redakteuren haben auch die Mitarbeiter der betroffenen

Firma Kolleß und Partner geschmunzelt.

durchblick

Redaktion:

Marienborner Str. 151 · 57074 Siegen

Tel. + Fax 02 71/ 6 16 47 · Mobil: 01 71/ 6 20 64 13

E-Mail: redaktion@durchblick-siegen.de

Internet: www.durchblick-siegen.de

Öffnungszeiten:

montags von 9.00 bis 12.00 Uhr

dienstags von 9.00 bis 12.00 Uhr

und von 14.00 bis 17.00 Uhr

Herausgeber:

durchblick-siegen Information und Medien e.V., im Auftrag der

Stadt Siegen – Seniorenbüro

Redaktion:

Maria Anspach; Friedhelm Eickhoff (verantw.); Eberhardt Freundt;

Dieter Gerst; Inge Göbel; Elisabeth Hanz; Dorothea Istock; Erich

Kerkhoff; Erika Krumm; Heinz Köhler

An dieser Ausgabe haben ferner mitgewirkt:

Waltraud Bänfer; Horst Mahle; Astrid E. Schneider; Helga Siebel-

Achenbach; Barbara Kerkhoff; Anke Könnecker; Thomas Benauer;

Michael Kringe; Hans Schuffenhauer; Hans-Martin Flender; Ursel

Amos; Rita Schmidt; Marie H. Mildner

Fotos/Zeichnungen/Graphik:

E. Kerkhoff; F. Eickhoff; I. Göbel; E. Hanz; SATURN; Kalle

Schlabach SZ (Titel); H.-M. Flender; H. Wilhelm; D. Gerst;

E. Krumm; M. Anspach; H. Köhler; D. Istock; A. Dell; Marie H.

Mildner

Gestaltung:

Kathrin Hillebrand

Gesamtherstellung:

Vorländer · Obergraben 39 · 57072 Siegen

Verteilung:

Waltraud Bänfer Ltg. alle Redakteure; U. Schneider; E. Gottwald;

J. Mieter; H. Siebel Achenbach; Fritz Fischer; Rolf Kretzer; Paul

Jochum; W. Scheffer; Herbert Mengeringhausen; F. Flötmann; Dieter

Wardenbach

Erscheinungsweise:

März, Juni, September, Dezember

Auflage:

8000. Der durchblick liegt kostenlos bei den Sparkassen, Apotheken,

Arztpraxen, den Zeitungsverlagen der City-Galerie, in Geschäften

des Siegerlandzentrums und in öffentlichen Gebäuden aus. Für die

Postzustellung berechnen wir für vier Ausgaben jährlich 8 Euro. Namentlich

gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung

der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, eingesandte

Beiträge und Leserbriefe zu kürzen. Unverlangte Beiträge

werden nicht zurückgeschickt. Für unsere Anzeigenkunden gilt die

Preisliste 6/2004.

42 durchblick 1/2005


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