Wenn die Seele Zuwendung braucht ...
40 Jahre Ehrenamt in der Krankenhaus- und Pflegeheimseelsorge Wien - das sind 4 Jahrzehnte voller Mitgefühl, Engagement und unermüdlichem Einsatz für Menschen in herausfordernden Lebenssituationen. Diese Festschrift würdigt die zahllosen Stunden, die unsere Ehrenamtlichen in Krankenhäusern und Pflegeheimen verbracht haben, um Patientinnen und Patienten, Bewohnerinnen und Bewohner und deren Angehörigen beizustehen.
40 Jahre Ehrenamt in der Krankenhaus- und Pflegeheimseelsorge Wien - das sind 4 Jahrzehnte voller Mitgefühl, Engagement und unermüdlichem Einsatz für Menschen in herausfordernden Lebenssituationen. Diese Festschrift würdigt die zahllosen Stunden, die unsere Ehrenamtlichen in Krankenhäusern und Pflegeheimen verbracht haben, um Patientinnen und Patienten, Bewohnerinnen und Bewohner und deren Angehörigen beizustehen.
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JAHRE EHRENAMT
segnen. lachen. weinen
JAHRE
1985–2025
EHRENAMT
in der Krankenhaus- und
Pflegeheimseelsorge der Erzdiözese Wien
Damit aus Leidvollem Heilvolles
entstehen kann.
2
Wenn die Seele Zuwendung braucht
JAHRE
lic. Traian Tamas, MA,
Fachbereichsleiter
Krankenhaus- und Pflegeheimseelsorge
Liebe Leserinnen und Leser!
40 Jahre Ehrenamt in der Krankenhaus- und Pflegeheimseelsorge
– das sind vier Jahrzehnte voller
Mitgefühl, Engagement und unermüdlichem Einsatz
für Menschen in herausfordernden Lebenssituationen.
Diese Festschrift würdigt die zahllosen Stunden,
die unsere Ehrenamtlichen in Krankenhäusern
und Pflegeheimen verbracht haben, um Patientinnen,
Patienten, Bewohnerinnen, Bewohnern und
deren Angehörigen beizustehen.
Krankenhäuser und Pflegeheime sind Orte des
Heilens und der Hoffnung, aber ebenso Orte der
Sorge, der Unsicherheit und manchmal auch der
Abschiede.
Seit 1985 spenden unsere Ehrenamtlichen Trost,
hören zu und schenken Hoffnung. Sie sind da, wenn
medizinische Hilfe allein nicht ausreicht und die
Seele Zuwendung braucht. Ihr Dienst hat unzählige
Leben berührt – und verändert.
Mag. a Ursula Stefan,
Fachreferentin für
Ehrenamtliche
Unsere Ehrenamtlichen erhalten zwar keine finanzielle
Vergütung, doch ihr Engagement schenkt ihnen
etwas von unschätzbarem Wert: Sie wachsen an
ihren Erfahrungen und Begegnungen – eine stille,
aber tiefgehende Form der Belohnung.
In dieser Festschrift blicken wir zurück auf die Anfänge
der ehrenamtlichen Seelsorge, erzählen bewegenden
Geschichten und zeigen, wie sich dieser
wertvolle Dienst im Laufe der Jahrzehnte entwickelt
hat. Gleichzeitig wagen wir einen Blick in die Zukunft
– und darauf, wie wir auch weiterhin Menschen
in Not beistehen wollen.
An dieser Stelle gilt unser herzlicher Dank allen Ehrenamtlichen,
Unterstützenden und Wegbegleitenden.
Ihr Engagement ist von unschätzbarem Wert
und verdient höchste Anerkennung.
Lassen Sie uns gemeinsam feiern, was wir erreicht
haben – und mit Zuversicht in die Zukunft blicken.
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JAHRE
„Es ist sehr gut – trotz allem“
+ Franz Scharl,
Weihbischof e.h.
G“TT sah alles an, was ER gemacht hatte:
Und siehe, es war sehr gut. (Genesis 1, 31ab)
Liebe Geschwister (in CHRISTUS)!
Diesen obigen Vers setze ich als Ansage und Suchanzeige
bewusst an den Anfang; er befeuert den
einander stärkenden Lebensstil in JESU Spur.
– Trotz aller Pflegebedürftigkeit und Krankheit gilt
es dieses „Sehr gut!“, dass wir überhaupt da
sind, in den zu begleitenden Personen wach zu
halten bzw. in Erinnerung zu bringen.
– Dieses „Sehr gut!“ kommt in den ehrenamtlich
Helfenden wunderbar zum Vorschein.
Hilfe aus freien Stücken, ohne bezahlt zu werden,
lässt dieses „Sehr gut!“ anziehend leuchten.
Die Zahl 40 (des Jubiläums) kann im biblischen
Zusammenhang als Zahl der Bewährung gelesen
werden: 40 Jahre Zug durch die Wüste zwischen
Ägypten und Verheißenem Land; 40 Tage Fasten
JESU in der Wüste; …
Es ist mir mehr als eine Ehre, …
– … Ehrenamtlichen zu danken: Sie erinnern mich
immer wieder an die Gnade, an die Großzügigkeit
G“TTES uns gegenüber!
– … Ehrenamtliche zu einem Dienst an leidenden
bzw. hilfsbedürftigen Menschen senden zu dürfen
– als selbstlose Botschafterinnen und Botschafter
JESU CHRISTI.
– … mit Ehrenamtlichen unterwegs zu sein. Sie
spornen mich mit ihrer großen Einsatzbereitschaft
an, in mir mehr selbstlose Hingabe wachsen
zu lassen.
Für die kommenden Jahre und Jahrzehnte erbitte
ich uns allen, dass uns das von G“TT zugesprochene
„Sehr gut!“ – in JESU Spur und aus der Kraft
HEILIGEN GEISTES – immer mehr beflügeln möge!
4
Ein neuer kirchlicher Dienst
Der Anfang anno dazumal (1985)
JAHRE
P. Peter Mollner OSCam (*1932, +2008)
Initiator des Ehrenamtes
„Unter den engagierten Christen gibt es ein
bisher ungenütztes Potential an Helfern,
deren Einsatz die Krankenseelsorge revolutionieren
würde.“ Der Leiter des Krankenreferats
der Erzdiözese Wien, P. Peter Mollner
OSCam möchte in den Spitälern der Bundeshauptstadt
engagierte Laien mit theologischer
Vorbildung in der ehrenamtlichen Krankenseelsorge
einsetzen.
Allerdings ist diese freiwillige Tätigkeit nichts
für jedermann. Dafür braucht es „ein besonderes
Talent, ein Charisma, um mit dem Leidenden
umzugehen“ und es erfordert eine gründliche
Ausbildung. Wer die erforderliche Ausbildung
absolviert hat, erhält ein bischöfliches Dekret,
das berechtigt, regelmäßig und offiziell Seelsorgedienst
an den Kranken auszuüben.
„Als Krankenseelsorgehelfer tun sie einen
echten Laiendienst, indem sie Kranken in
christlicher Liebe zur Seite stehen.“ Krankenseelsorgehelfer
führen Einzelgespräche
am Krankenbett, beten mit den Patienten und
spenden die Kommunion.
Ob dieser neue kirchliche Dienst österreichweit
in den Spitälern Einzug halten wird, kann
der Wiener Krankenreferatsleiter noch nicht
sagen. Mollner: „Ich kann mir vorstellen, daß,
wenn sich unser Modell bewährt, die anderen
Diözesen die Anregung aufgreifen werden“.
Auszug aus dem ersten Aufruf zur ehrenamtlichen
Mitarbeit in der Krankenhausseelsorge
1985. In: „Theologie Aktuell Nr. 1/1985,
Informationen der Theologischen Kurse“
5
JAHRE
Der Besuch der Seelsorge ist
der Lichtblick des Tages.
Michaela Siegl, Patientin
6
Tiefe Begegnungen
und leichter Tratsch
JAHRE
DI Dr. in Katharina Fritze,
Ehrenamtliche Seelsorgerin
AKH und Evangelisches Krankenhaus
Da sein, wenn es guttut. Anteil nehmen in fordernden Zeiten. Raum geben, wenn Klage,
Schmerz, Angst oder Trauer überbürden. Segnen, lachen und weinen. Tiefe Begegnungen
und leichter Tratsch – alles hat Platz. In meiner ehrenamtlichen Tätigkeit in der Krankenhausseelsorge
erfahre ich seit über fünf Jahren immer wieder beides: Schenken
und beschenkt werden.
Im Wissen um die eigene Begrenztheit darf ich dabei jede Begegnung in Gottes Hände
legen und darauf vertrauen, dass Er mir immer wieder hilft zu erahnen, wie ich durch mein
Da-sein unterstützen und helfen kann. Die Erfahrungen von eigenen Krankheitsgeschichten
mit Krebs und Herzproblemen und die naher Angehöriger helfen mir dabei, mich in die
Situation der Patienten besser einzufühlen.
Meine Erfahrungen helfen mir,
mich in die Situation der Patienten
besser einzufühlen.
7
JAHRE
Willst du schnell reich sein?
Dann geh zu den Kranken;
Dort lernst du schämen,
dort lernst du danken.
Margarete Seemann
8
Es geht um Menschlichkeit –
nicht um Kirchlichkeit
JAHRE
Jutta Angerler,
Ehrenamtliche Seelsorgerin
Klinik Ottakring
Smalltalk bei einer Veranstaltung. Beiläufig erwähne
ich, dass ich als Krankenhausseelsorgerin auf
der Palliativstation jeden Montagnachmittag ehrenamtlich
tätig bin. Kurze Stille. Ich beobachte meinen
Gesprächspartner und sein Gesichtsausdruck verrät
mir, dass da jetzt ganz großes Kopfkino stattfindet.
Das geistige Filmspektrum reicht dabei von „nett
plaudern mit Patienten“, hin zu „mit Kruzifix bewaffnet
von Krankenbett zu Krankenbett gehend, in
missionarischer Absicht, alle verlorenen Seelen auf
den rechten, katholischen Weg (zurück)zubringen“.
Dann beginne ich gleich von meiner Tätigkeit zu erzählen.
Ich bin da und höre zu. Ich habe etwas,
was das Pflegepersonal oft nicht hat. Ich habe
Zeit. Seelsorge ist absichtslos, es muss nichts
therapiert und erreicht werden. Und schon gar
nicht wird missioniert, denn nur der Patient oder
die Patientin bestimmt, worüber wir sprechen. Auch
spielt keine Rolle, ob ein Mensch gläubig ist oder
nicht, in der Seelsorge geht es um Menschlichkeit,
nicht um Kirchlichkeit. Natürlich höre ich viele Kranken-
und Leidensgeschichten, auch der bevorstehende
Tod ist manchmal Thema.
„Und wie hältst du das aus, wenn die Patienten
sterben?“, werde ich oft gefragt. Ich bin überzeugt,
dass mir auch mein Glaube die Kraft für diesen
Dienst gibt. Ich gehe ja nicht alleine – der Herr ist
mit. Manchmal sogar richtig spürbar, wenn ich merke,
das waren jetzt genau die richtigen Worte zur
richtigen Zeit. Wir haben Gottes Zusage, dass er im
Leid immer bei uns ist. Selbst wenn ich dann nach
Hause gehe, ist Gott ja immer noch da und macht
dort weiter, wo ich aufgehört habe. Das ist nicht das
Ende - Fortsetzung folgt.
Das Wort, das dir hilft, kannst du dir
oft nicht selber sagen.
Äthiopisches Sprichwort
9
JAHRE
Osterwunder
Renate Eggenweber,
Ehrenamtliche Seelsorgerin
CS Pramergasse
Am Gründonnerstag war ich bei einer Frau, 60 Jahre alt, dement laut Info, die nicht
spricht, nur liegt und sehr lethargisch wirkt. Ihr Mann erzählte mir, dass sie gern
klassische Geigenmusik hört. Also habe ich ihr auf Spotify einiges vorgespielt, ihre
Schulter berührt, habe von Auferstehung und Geborgenheit gesprochen ...
Ganz plötzlich hat sie zwischen der Musik von Schwanensee und Bolero lautstark zu
singen begonnen. Eine Frau, bei der ich nur einmal erlebt habe, dass sie etwas sagen
wollte, aber keinen Ton herausbrachte. Habe dann mit der Krankenschwester gesprochen,
sie konnte es nicht glauben.
Wir wissen nicht, was in diesen Menschen vor sich geht, was Musik, Berührung und
Dasein auslösen kann.
Für mich war das ein Auferstehungserlebnis.
Auf dem Krankenbett wird
der Herr ihn stärken. Psalm 41,4
10
Woher kommt mir Hilfe?
JAHRE
Karl Siegl,
Ehrenamtlicher Seelsorger
Pflege Rudolfsheim-Fünfhaus
Ich besuche Frau H., eine neue Bewohnerin in einem
Pflegeheim der Stadt Wien, die mir berichtet,
dass ihr Mann jetzt auch in diesem Pflegewohnhaus
auf einer anderen Station ist, dieser aber schwer
an Demenz erkrankt ist. Sie ist verzweifelt, dass ihr
Mann sie nicht mehr richtig erkennt und keine verbale
Kommunikation möglich ist.
Da zeigt sie mit etwas Wehmut aber auch einem
gewissen Stolz auf einen kleinen Stein in ihrem
Zimmer, der einem Berg nachgebildet und daran
ein Kreuz befestigt war. „Das hat mein Mann gemacht“.
Ich drücke meine Bewunderung für das
handwerkliche Geschick ihres Mannes aus, und
meine, dass sie dieses Kunstwerk sicher in Ehren
halt wird. Da erzählt sie mit einem Ausdruck großer
Freude, dass sie dieses an ihre Enkelin weitergeben
wird.
Ich frage sie, ob ich ihr einen Psalm vorbeten darf:
Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen:Woher kommt mir Hilfe?
Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.
Er lässt deinen Fuß nicht wanken, er, der dich behütet, schläft nicht.
Nein der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.
Der Herr ist dein Hüter, der Herr gibt dir Schatten; er steht dir zur Seite.
Bei Tag wird dir die Sonne nicht schaden noch der Mond in der Nacht.
Der Herr behüte dich vor allem Bösen, er behüte dein Leben.
Der Herr behüte dich, wenn du fortgehst und wiederkommst, von nun an bis in Ewigkeit.“
(Psalm 121)
Nach einer kurzen Stille wünsche ich Frau H. den Schutz Gottes,
wie in diesem Psalm und verabschiede mich auf ein Wiedersehen in 2 Wochen.
11
JAHRE
Komm herab, o Heilger Geist,
der die finstre Nacht zerreißt,
strahle Licht in diese Welt.
In der Unrast schenkst du Ruh’,
hauchst in Hitze Kühlung zu,
spendest Trost in Leid und Tod.
Ohne dein lebendig Weh’n
kann im Menschen nichts besteh’n,
kann nichts heil sein noch gesund.
Was befleckt ist, wasche rein,
Dürrem gieße Leben ein,
heile Du, wo Krankheit quält.
(aus der Pfingstsequenz)
12
Heile du, wo Krankheit quält
JAHRE
Martha Schwarz,
Ehrenamtliche Seelsorgerin
Klinik Ottakring – Standort Penzing
Auf meinem Weg zu den Kranken, komme ich an einer Anbetungskapelle vorbei. Im Gebet
vertraue ich dort Jesus die Kranken an. Mein Lieblingsgebet ist: „Komm herab heiliger
Geist“. Es sagt alles aus, was die Kranken brauchen. ER ist der Tröster und Beweger der
Herzen und ich sein Werkzeug.
So war es auch an diesem Besuchstag. Im Gespräch mit einer Patientin bemerkte ich,
dass sie viele Sätze begann aber nicht zu Ende führte. Ihre Lebensgeschichte war gezeichnet
von Verlusten und Lebenswunden. Sie klagte, dass man bei ihr eine beginnende
Demenz feststellte. Das schmerzte sie ganz besonders und sie weinte.
Man konnte diesen Schmerz in ihren Augen sehen und spüren, wie ohnmächtig sie diesem
Geschehen ausgeliefert war. Sie streckte ihre Hände nach mir aus und ich nahm sie in den
Arm und gab ihr Halt, solange sie es brauchte.
Da sie gläubig war, fragte ich sie nach ihrem Lieblingsgebet. Sie sagte, es ist „Der Engel
des Herrn“. Gemeinsam sangen wir zweistimmig (!) alle 3 Strophen, und ich bemerkte, wie
sie beim Singen erblühte. In diesem Moment hat der Himmel die Erde berührt.
Ihr dankbarer Blick bewegte mich tief im Herzen und ich war voll Lobpreis auf dem Heimweg.
So durfte ich in meiner 40jährigen Tätigkeit in der Krankenpastoral nicht nur viel
geben, sondern auch sehr viel für mein Leben mitnehmen.
13
JAHRE
Seelsorge bedeutet für mich …
TeilnehmerInnen des Ausbildungskurses
für Ehrenamtliche 2024/25
… Menschen in herausfordernden Lebenssituationen beistehen, sie eine Zeit auf ihrem
Weg begleiten, ihnen zuhören, mit ihnen reden oder sie trösten. Manchmal darf ich mit
den Menschen auch über Gott sprechen oder mit ihnen beten.
Ich bin immer tief berührt, wenn die Menschen sich im Gespräch sichtlich entspannen,
mit mir lachen oder sich danach bedanken. Es ist wundervoll diesen Dienst
am Nächsten zu tun!
… die Persönlichkeit eines Menschen zu erfassen und anwesend zu sein und manchmal
in meiner Seele zu beten.
… Menschen zu vermitteln, dass sie in ihrer Not nicht alleine sind und dass Gott ihnen
nahe ist, trotzallem was sie durchmachen müssen. Seelsorge kann so viel geben,
weil sie sowohl emotional als auch spirituell Unterstützung bietet. Dadurch steht
sie auf zwei sehr starken und soliden Beinen, die wirklich Halt geben können.
… Zeit für eine Begegnung, die auch mich weiterbringt auf meinem Lebensweg, mich
inspiriert. Es ist immer wieder ein Austausch, ein Geben und ein Nehmen.
… geduldig, einfühlsam und bewusst im Kontakt mit leidenden Menschen zu sein.
Ihnen nahe sein, zuhören und das Gefühl geben, nicht allein zu sein. Seelsorge ist
ein respektvoller, stiller Raum von Herz zu Herz.
… im Idealfall Trinität: Gott – Mensch – Ich. Meine Rolle als Seelsorgerin versuche
ich in der Begegnung mit dem Gegenüber zu erfühlen und zu erfüllen. Gut fühle ich
mich, wenn ich dienlich sein kann. Sehr gut fühle ich mich in meiner Rolle, wenn
sie mir darüber hinaus Freude beschert. Ausgezeichnet fühle ich mich, wenn Gott
mir für diese Begegnung eine besondere Wahrnehmungen offenbart.
… ein heiliger Raum, in dem ein Mensch sich zeigen darf, wie er ist – mit allem, was
ihn bewegt. Seelsorge ist Beziehung auf Augenhöhe, getragen von Vertrauen, Stille,
Mitgefühl und Respekt vor dem Leben des anderen. Es ist eine Form der gelebten
(christlichen) Nächstenliebe.
14
JAHRE
Und immer ist im Herzen Raum für mehr.
Nelly Sachs
… Da sein – nicht mit vielen Worten, sondern mit offenem Herzen.
Da sein – wo Fragen keine Antwort finden, wo Gottes
Liebe leise tröstet. Seelsorge ist Zuhören, ohne gleich zu
antworten; aushalten, wenn Worte fehlen – und doch glauben,
dass Gottes Geist auch im Schweigen wirkt; mitgehen,
ein Stück auf einem oft schweren Weg, ohne den anderen
zu überholen oder zu drängen. Es ist eine stille, heilige Form
von Nähe. Nicht ich bin die Antwort, aber ich darf Zeuge
sein, dass Gott da ist. Ein Mensch erfährt, dass er nicht allein
ist.
… CARITAS – eine Liebe, die Treibstoff ist für mein Leben. Seelsorge
ist Vertrauen, dass Gottes Liebe größer ist als mein
Verstehen. Ein Dienst, bei dem ich selbst immer etwas lernen
darf – über das Leben, über den Glauben, über mich
selbst.
… nichts selbst bewirken zu müssen, denn ich gehe nicht alleine
zu den Patienten. Seelsorge bedeutet Zuwendung geben
in Offenheit und Toleranz. Seelsorge ist eine ständige Bewegung
auf das Wesentliche des Lebens zu; ein Miteinander
von Geben und Nehmen, ein einander Stützen auf unseren
Lebenswegen.
15
JAHRE
Seelenpfleger:innen
Ivana Jahna,
Stationsleiterin
Pflege Simmering
Das gläubige Gebet wird dem Kranken helfen
und der Herr wird ihn aufrichten.“
Jakobus 5, 14–15
Seelsorge im Pflegeheim bedeutet, den Bewohner:innenn
nicht nur mit Worten, sondern mit der ganzen Seele
zu begegnen. Es bedeutet, ihre spirituelle und emotionale
Welt zu verstehen, die oft von Einsamkeit, Angst oder
Trauer geprägt ist. Es geht darum unsere Bewohner:innen
zu begleiten – sei es durch ein Gespräch, ein Gebet
oder gemeinsames Feiern. Doch vor allem bedeutet es,
für sie da zu sein, wenn sie am meisten Unterstützung
benötigen: im Angesicht der Krankheit und des bevorstehenden
Abschieds vom Leben. Und das ist etwas, das
nicht hoch genug geschätzt werden kann.
Deshalb möchte ich unsere Seelsorger:innen, egal ob
haupt- oder ehrenamtlich, als unsere „Seelenpfleger:innen“
bezeichnen. Sie haben nicht nur eine Gabe des
Zuhörens, sondern auch eine unglaubliche Fähigkeit,
Trost und Frieden zu schenken, wenn es am meisten
gebraucht wird. Sie sind Beispiel dafür, was Pflege
bedeutet, die nicht nur den Körper versorgt, sondern
die Seele heilt. Auch für uns als Personal sind sie
immer wieder Ansprechpartner:innen und helfen uns in
oft schwierigen Situationen.
16
Gnade und Geschenk
JAHRE
Mag. Elfriede Csizmazia
Heimbewohnerin
Haus der Barmherzigkeit, Pflegestation
Als Bewohnerin einer Pflegestation habe ich immer wieder Gelegenheit, die
Tätigkeiten der Damen und Herren, die sich als ehrenamtliche Mitarbeiter
zur Verfügung stellen, kennenlernen zu dürfen. Da ich selbst mehrfach,
v.a.in der Mobilität stark beeinträchtigt bin, beschränkt sich dieses Kennenlernen
nicht nur auf Beobachtung, sondern ich darf diese ehrenamtlichen
Tätigkeiten auch selbst in Anspruch nehmen. Das ist zum Beispiel
die Hilfe beim Transport (Rollstuhl u.a.) von der Station zur Kapelle
bzw. wieder zurück. Vielleicht ist manchem von uns erst dadurch der
Besuch der heiligen Messe oder anderer Andachten möglich.
Wie ehrenamtliche Mitarbeiter auch während der heiligen Messe Funktionen
(Lektoren, Kommunionspenden) ausüben, so besuchen sie als Kommunionspender
auch Bewohner auf den Stationen. Es sind unter diesen freiwilligen
Mitarbeitern auch ältere Damen und Herren, für die diese Tätigkeiten auch eine
körperliche Herausforderung darstellen. Und dennoch merkt man bei allen, dass sie
mit Hingabe, viel Empathie und Liebe zum Nächsten im Einsatz sind. Gerade das
spüren wir Bewohner besonders und freuen uns über jeder Art der Zuwendung und Hilfestellung.
Leider können wir selbst so wenig zurückgeben. Dieses Jubiläum soll uns daran erinnern,
dass wir diese ehrenamtlichen Hilfeleistungen nicht als selbstverständlich hinnehmen
dürfen. Sie sind eine Gnade und ein Geschenk. Wir können zumindest versuchen, durch
freundliche Blicke oder Gesten unsere Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen. Wir sagen
ein herzliches Vergelt’s Gott und bitten um Gesundheit, Kraft, Geduld und Ausdauer für
unsere ehrenamtlichen Helfer.
17
18
JAHRE
Zahlen. Daten. Fakten
gerundet
JAHRE
110 ehrenamtlich
Seelsorgende, 3/4 , 1/4
50 Krankenhäuser
und Pflegeheime
5.700 Diensteinsätze
im Jahr
17.000 Gesprächsstunden im Jahr
19
JAHRE
Manchmal ist schweigen
mehr wert als reden
Renate Eggenweber,
Ehrenamtliche Seelsorgerin
CS Pramergasse
Eines Tages kam ich zu einer Frau, die im Sterben
lag. Das wusste ich nicht, aber ich habe kurz zuvor
gelesen, dass Sterbende nicht gerne allein sind.
Sie war müde, ich fragte sie, ob sie lieber Ruhe haben
möchte, oder ob ich mich zu ihr setzen darf.
„Zu mir setzen.“ Soll ich Ihnen die Hand halten?
„Ja, Hand halten“.
Soll ich Ihnen etwas vorlesen oder erzählen? Sie:
„Manchmal ist schweigen mehr wert als reden.“
So saß ich bei ihr und habe still für sie gebetet. Sie
hatte Krämpfe. Ich bat einen Pfleger um Hilfe. Er
musste erst bei der Ärztin rückfragen. Es hat eine
Weile gedauert. So bin ich bei dieser Klientin gesessen
und habe mit ihr diesen Schmerz ausgehalten.
Einfach da sein und beistehen. Ich war sehr froh,
diese Stunde bei dieser Frau gewesen zu sein.
Zwei Tage später ist sie dann gestorben.
Ich war krank und ihr habt mich besucht.
Matthäus 25, 36
20
Heilung in den Himmel hinein
JAHRE
Waltraud Kissling,
Ehrenamtliche Seelsorgerin
Landesklinikum Baden
Mitte März betrete ich das Zimmer, spreche mit der Frau am Fenster. Andere
Dame: „Kommen sie zu mir auch?“ – „Ja, gerne!“ Ich nenne sie
Helli (Name geändert) und es beginnt eine Herzensbeziehung.
Helli erzählt von ihrer Schwäche, von ihrer Einlieferung ins Krankenhaus.
„Sagen wir uns ‚du‘? „Ich: „Ja, gerne!“ Untersuchungen folgen.
Ich finde Helli wieder in der Onkologie - Diagnose: Lebertumor. Helli will
keine OP, keine Chemos. Hätte gerne alternative Behandlung, anderswo.
Geht nach Hause. Kommt wieder. Erzählt mir aus ihrem Leben, von Mutter
und Vater. Wir schreiben übers Handy. Wir meditieren gemeinsam. Schweigend
halten wir uns an der Hand.
Mitte April erzählt sie mir von ihrem Begräbnis. Ab dann ist ihr Handy offline.
Zwei Tage später streichelt sie zum Abschied sanft über meine Hand.
Ostermontag sitze ich still da, Helli öffnet kurz ihre Augen. Einige Tage
später liegt jemand anderer in ihrem Bett. Die Frau gegenüber: „Sie ist
gestern Abend still eingeschlafen“, am Donnerstag nach Ostern.
Heilung ist geschehen: in die Auferstehung, in den Himmel hinein. Diese
Gewissheit ist auch für mich heilsam – tröstlich.
Anderer Menschen Leid trösten,
ist der beste Trost für eigenes Leid.
Niccolò Tommaseo
21
JAHRE
Meine Motivation für diesen Dienst besteht darin,
Kranken durch ein Gespräch, durch mein Da-sein und/oder
durch das Überbringen der Hl. Kommunion Trost und
Hoffnung übermitteln zu dürfen.“ Gabi Paulhart
Krankenhausseelsorge ist die Bereitschaft, DA ZU SEIN,
für die Menschen in schwierigen Lebenssituationen,
in Krankheit, in den Gefühlen der Verlassenheit, der
Hilflosigkeit, der Ohnmacht und Angst. Anita Hummer
22
Als Krankenhaus- und Pflegeheimseelsorgerin
sehe ich den Menschen
als Ganzes und darf mich auch
seinen seelischen und spirituellen
Bedürfnissen zuwenden. Besonders
liegt mir eine lebendige Gottesbeziehung
am Herzen und die
Immanenz Gottes in der Liebe zu
ihm und zum Menschen, wenn
manchmal auch nur in ganz kleinen
Gesten und Dingen, wie in Dankbarkeit
leben zu dürfen. Elvira
Schrottmeyer-Stockinger
Den Patienten auf Augenhöhe
begegnen, sich ihnen ganz
zuwenden, ihre Sorgen ernst
nehmen, zuhören und sie
etwas von der Liebe Gottes
spüren lassen, so sehe ich
meinen Dienst. Rudi Mantler
JAHRE
Ich war mein Berufsleben lang hier auf der Kinderabteilung tätig.
Jetzt bin ich sehr glücklich, einmal in der Woche in „mein“
Krankenhaus als ehrenamtliche Seelsorgerin kommen zu können.
Ich schätze, dass ich beim Patienten so lange verweilen kann,
wie es für uns beide gut ist. „Was ist die Zeit, eine Spanne
Leben, von Gott gegeben, für die Ewigkeit“, hat mir kürzlich eine
Patientin beim Verabschieden gesagt. Liane Scheit
Sich von Gott führen und von den Patient:innen berühren
lassen. Besonders berührend erlebe ich es, wenn die
Besucher gemeinsam mit dem Kranken und mir beten
und auch die Hl. Kommunion empfangen. Johanna Flandorfer
Durch Zuhören und Nachfragen öffnen sich
Patient:innen und beginnen zu erzählen. Gerne
bete ich auch mit den Menschen. Beten macht
die Seele leicht Nicht allen Patient:innen kann
ich auf der seelisch-spirituellen Ebene begegnen.
Doch vielleicht kann ich einen Impuls zum
Nachdenken mit meinem Besuch bewirken.
Gabriela Brunner
23
JAHRE
Alle unsere Ehrenamtlichen …
… sind qualifiziert ausgebildet.
… wachsen durch ihre Tätigkeit persönlich und spirituell.
… arbeiten im Team mit Hauptamtlichen am Einsatzort.
… können an Fort- und Weiterbildungen des Fachbereichs teilnehmen.
… sind haft- und unfallversichert.
… nehmen monatlich an Supervision teil.
… erleben Gemeinschaft bei Ausflügen, Festen und Einkehrtagen.
… sind durch eine Vertretungsgruppe (Rat) in Entwicklungen
des Fachbereichs eingebunden.
Ausflug der AKH-Ehrenamtlichen ins Belvedere
24
Danke, dass ihr da seid
JAHRE
Christine Blaha (Heimbewohnerin)
im Gespräch mit Michaela Spies (Seelsorgerin)
MS: Liebe Christine! Die Seelsorgebetreuung durch Ehrenamtliche wird 40 Jahre alt.
Auch dich besucht regelmäßig eine ehrenamtliche Kollegin. Was ist dir an den Besuchen
wichtig?
CB: Mir gefällt besonders, dass sie immer wieder Zeit für uns haben, mit uns singen, beten,
reden und uns so annehmen, wie wir sind mit unseren Gebrechlichkeiten. Und dass
sie uns „normal“ behandeln. Die Seelsorger:innen sind einfach für uns da. Das ist schön.
MS: Was gefällt dir am besten?
CB: Die Ausflüge zu den Gottesdiensten sind sehr schön (demenzfreundliche Gottesdienste
in der katholischen Pfarre Kaiserebersdorf und der evangelischen Pfarre in der Braunhubergasse,
die 4x jährlich stattfinden). Die möchte ich nicht missen.
Auch bin ich gerne bei den Gottesdiensten und Feiern im Pflegeheim dabei. Es tut mir gut
gemeinsam mit den anderen Bewohner:innen Freude zu erleben, um vom Alltag und den
Krankheiten abzuschalten. Ohne Humor ist es fad. Danke, dass Ihr da seid.
MS: Ich danke dir für die vielen guten Gespräche und Begegnungen.
TeilnehmerInnen
des Ausbildungskurses
für Ehrenamtliche
2023/24
25
JAHRE
Ausbildung
zum/r ehrenamtlichen Seelsorger:in
Mag. Margret Wohlfahrt, MSc
Ausbildungsleiterin
Seelsorge ist die gemeinsame Suche nach dem,
was in Zeiten von Belastung, Krankheit und
Sterben Halt, Sinn und Geborgenheit gibt, denn
Seelsorge fördert das sich selber verstehen, die
eigene Selbstachtung und das Finden von neuen
Perspektiven. In einer vertrauensvollen Atmosphäre
sind Seelsorgende Resonanzkörper
für das, was ihnen entgegenkommt – was dem
Menschen am Herzen liegt. Sie nehmen Menschen
in ihren Gefühlen und Gedanken ernst. Sie
nehmen sie an, wie sie sind und suchen nicht
nach Lösungen für andere.
Neben der high-tech-Medizin steht Seelsorge für
die high-touch-Medizin / für eine Medizin der Zuwendung.
Seelsorge ist heilsam, wenn Patient:innen
oder Bewohner:innen zu mehr Hoffnung, Klarheit,
Vertrauen und Trost finden; wenn sie in guter Weise
Abschied nehmen können oder wenn sie mitten in
ihrer Not auf Gott vertrauen können.
Um diesen Aufgaben gewachsen zu sein, braucht
es gewisse Voraussetzungen, wie z.B. die Fähigkeit
zum Mitgefühl, das Hinterfragen des eigenen Helfenwollens
(Hilfe zur Selbsthilfe), spirituelle Kompetenz
(theologische Ausbildung), Begegnungskompetenz
und eine gute eigene seelische Stabilität.
Sind diese Voraussetzungen gegeben wird man
zum Ausbildungslehrgang für ehrenamtliche Krankenhaus-
und Pflegeheimseelsorge zugelassen. Der
Lehrgang besteht aus Basisseminaren, einem Praktikum
und begleitender Supervision.
INFORMATIONEN zum aktuellen Ausbildungslehrgang finden Sie auf unserer Homepage
www.krankenhaus-seelsorge.at oder kontaktieren Sie uns unter khps@edw.or.at und
+43 (0)1 51552-3369
26
ALCHEMY SYMBOLS
Mit Zuversicht in die Zukunft
JAHRE
Vieles konnte in den vergangenen 40 Jahren aufgebaut und ausgebaut
werden. Auch in Zukunft wollen wir auf die Zeichen der
Zeit achten und die Seelsorge an den Bedürfnissen der Menschen
weiterentwickeln in Zusammenarbeit mit anderen Konfessionen
und Religionen. Die ehrenamtlich Mitarbeitenden sind eine
tragende Säule und wesentlicher Bestandteil der Krankenhausund
Pflegeheimseelsorge. Sie sind eine Ressource, die hoffentlich
auch in Zukunft von vielen neuen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen
und Mitarbeitern weitergetragen wird. Qualitätsvolle Ausbildung
durch Lehrgang und Praxisbegleitung wird dabei weiterhin
einen wichtigen Platz einnehmen. So möge auch in bewegten
Zeiten die Krankenhaus- und Pflegeheimseelsorge ein unverzichtbarer
Bestandteil in Kirche und Gesellschaft sein, die da ist
für die Menschen in den Herausforderungen von Krankenhaus
und Pflegeheim.
27
IMPRESSUM:
Herausgeber: Krankenhaus- und Pflegeheimseelsorge
der Erzdiözese Wien
Stephansplatz 6/III/DG 634, 1010 Wien
Tel: +43 1 51552-3369, E-Mail: khps@edw.or.at
www.krankenhaus-seelsorge.at
www.pflegeheimseelsorge-at
Grafik/Satz: Elisabeth Skibar
Druck: Netinsert Dornhackl Andreas
Fotocredits: Archiv EDW/KHPS und privat,
Stephan Schönlaub, Pixabay, Freepik