LebensArt Herbst 2025 – Leseprobe
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tolle Motive reingeschnitzt haben.“ Eines seiner Gewächse
wurde zu Albert Einstein, ein anderes zum Drachen.
Die Faszination für das Herbstgewächs sitzt tief. „Schon
als ich klein war, haben wir auf unserem Kompost Zierkürbisse
gezüchtet“, sagt Gräter. „Außerdem habe ich einen
grünen Daumen, baue meinen eigenen Salat und anderes
Gemüse an.“ Als er irgendwann die Kürbisausstellung
im Blühenden Barock besucht, ist er beeindruckt von den
riesigen Gewächsen. „Ich habe mich mit Züchtern ausgetauscht
und fand es cool, dass auch die über 1000-Kilo-
Exemplare innerhalb eines Jahres wachsen“, meint der
hauptberufliche Entwicklungsingenieur. „Ich wüsste
nicht, welche andere Pflanze so schnell an Substanz gewinnt.
In der Hauptwachstumsphase hat mein Gewächs
jeden Tag um 15 Kilo zugelegt.“ Dass der Kürbis das
schafft, ist für ihn faszinierend.
Das Gespräch im Blühenden Barock hinterlässt Eindruck
bei Gräter. In seiner Freizeit beschäftigt er sich weiter mit
dem Thema und besorgt sich über Ebay bei Züchter Björn
Dietrich Samen eines Riesenkürbisses. Reguläre Kürbiskerne
schaffen es nämlich nicht zum Jumbogewächs. „Ich
habe Björn angeschrieben und er hat mir wertvolle Tipps
für die Pflege gegeben.“ Beispielsweise
bestäubt nicht die Biene die
weibliche Blüte des Gewächses,
sondern der Züchter tut das von
Hand mithilfe männlicher Pollen.
Auch ein nährstoffreicher Boden
ist eine wichtige Komponente.
„Ich habe eine Probe genommen,
sie analysiert und Stoffe wie Kalium
oder Magnesium zu meinem Lehm- und Kompostboden
hinzugefügt“, sagt Gräter. Ein Folientunnel sorgt am
Anfang für Wärme, ein Ventilator bei heißeren Tagen für
Abkühlung. „Das Hobby ist eine Mischung aus Gärtnern
und technischem Gedankenspiel – das macht es so großartig.“
Der Entwicklungsingenieur hat sich auch das Verständnis
für Photovoltaikanlagen angeeignet, um Strom
zu generieren. Eine Bewässerungsanlage versorgt die
Pflanzen mit Wasser. Er überlegt sich außerdem, wie er die
Kürbisse in jeder Wetterlage schützen kann.
Aufgrund Gräters gründlicher Recherche und guter Pflege
gelingt es ihm schon im ersten Jahr, ein Exemplar von
314 Kilogramm zu züchten. „Seitdem bin ich angefixt.“
2020 erfährt er auch von der Kürbisbootregatta, die in
Ludwigsburg stattfindet. „Die Veranstalter von der Jucker
Farm meinten, meine Kürbisse seien die perfekten Boote“,
sagt der Hobbyzüchter. Heißt: kleiner, wendiger und vor
allem nicht so schwer. Ungefähr zwischen 250 und 300
Kilogramm bringen sie auf die Waage. Das muss der
28-Jährige erst verdauen, möchte er doch bei den Großen
mitmachen. Nach weiteren Ermutigungen und einem
„Das Wettwiegen ist deshalb so
schön, weil man oft von der
Größe des Kürbisses nicht auf
sein Gewicht schließen kann.“
Jonas Gräter
freien Fleckchen im Terminkalender entschließt sich Gräter,
doch mitzumachen. „Ich hatte ein gutes Boot, symmetrisch
und eher länglich als breit – perfekt geeignet.“ Als
kompletter Neuling entscheidet er das Rennen 2022 sogar
für sich. „Eigentlich wollte ich nur spaßeshalber eine Runde
drehen und habe dann aus Versehen gewonnen.“ Das
Kürbisboot zu lenken, sei anspruchsvoll. Man müsse eine
gewisse Technik haben: „Es geht, anders als beim Kanufahren,
weniger um Kraft und mehr darum, das Gleichgewicht
zu halten“, erläutert er.
RÜCKSCHLÄGE WEGSTECKEN
Die Sache mit dem Züchten sei anstrengende Arbeit, man
dürfe es nicht unterschätzen. Gräter verbringt von April
bis Oktober rund 30 Minuten pro Tag mit seinen zwei
Kürbissen. Auch Rückschläge sind nicht selten. „Im dritten
Jahr wollte ich zwei Tage vor dem Wettbewerb meinen
Kürbis ernten. Alles sah gut aus, das war bis dahin mein
bestes Gewächs. Als wir ihn angehoben haben, kam
Schlabberzeug aus der Pflanze und man hat nur noch
Mäuse gesehen. Der Kürbis war vergammelt.“ Aus der
Traum vom Kürbiswiegen, die Enttäuschung war groß.
„Am Anfang war es schwer, das
nicht zu nah an sich heranzulassen.
Aber man lernt daraus“, resümiert
Gräter. Seitdem hält ein
feinmaschiges Edelstahlnetz die
Nager ab.
Neben dem Lesen von Blogbeiträgen
internationaler Kürbisanbauer
tauscht sich der 28-Jährige häufig mit anderen Züchtern
aus ganz Deutschland aus. Darunter ein paar Deutsche
Meister und der letztjährige EM-Zweite Matthias Würsching.
„Bei einer Feldbegehung haben wir geschaut, wie
die Einzelnen vorgehen – spannend.“ Seit der Pandemie
trifft man sich einmal im Jahr online und in natura zu den
Wettbewerben. Die Gemeinschaft sei offen, hilfsbereit
und herzlich. „Man tritt nicht in Konkurrenz und gönnt
sich gegenseitig den Erfolg.“ Dabei seien Züchter jeden Alters
vertreten – unter anderem ein über 80-Jähriger. „Das
Hobby kann man immer machen.“
Der Windischenbacher konnte auch mit anderen Pflanzen
Erfolge feiern. 2022 gewann er den deutschen Meistertitel
mit seiner 69-Kilo-Wassermelone – bis zu diesem
Zeitpunkt die größte im Land. Wie es mit den Kürbissen
weitergeht? Noch schwerer sollen sie werden. „Das nächste
Ziel sind 600 Kilo.“ Außerdem baut er auf seine Freilandmethode,
ohne Gewächshaus. Die Europameisterschaft
reizt Gräter. Dafür müssen seine Pflanzen noch
etwas zulegen. „Das geht erst ab 800 Kilo los.“
Fabienne Acker
01
03
01 Dieses Jahr steht die Kürbisausstellung im
Blühenden Barock unter dem Motto „Großes Kino“.
02 Gräters Riesenkürbisse werden beim traditionellen
Wettwiegen in Ludwigsburg an den Start gehen.
03 Gräters Kürbis bekommt Einsteins Zunge verpasst.
04 Auch Dracula hat es nach Ludwigsburg geschafft.
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