Verwandeln Sie Ihre PDFs in ePaper und steigern Sie Ihre Umsätze!
Nutzen Sie SEO-optimierte ePaper, starke Backlinks und multimediale Inhalte, um Ihre Produkte professionell zu präsentieren und Ihre Reichweite signifikant zu maximieren.
Anne Gold
Über die
GRENZEN
hinaus
Anne Gold
Über die
GRENZEN
hinaus
Friedrich Reinhardt Verlag
Alle Rechte vorbehalten
© 2025 Friedrich Reinhardt Verlag, Basel
Lektorat: Claudia Leuppi
Korrektorat: Daniel Lüthi
Gestaltung: Bernadette Leus
Illustration: Tarek Moussalli
ISBN 978-3-7245-2812-8
Verlag: Friedrich Reinhardt AG, Rheinsprung 1,
4051 Basel, Schweiz, verlag@reinhardt.ch
Produktverantwortliche: Friedrich Reinhardt GmbH,
Wallbrunnstr. 24, 79539 Lörrach, Deutschland,
medien@reinhardt-medien.de
Der Friedrich Reinhardt Verlag wird vom Bundesamt für
Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021–2025
unterstützt.
www.reinhardt.ch
www.annegold.ch
Sobald wir unsere Grenzen akzeptieren,
gehen wir über sie hinaus.
Albert Einstein
Liebe Leserinnen und Leser
Mein Verlag wird öfters auf zwei Dinge angesprochen:
Das Erste betrifft die Protagonisten, die immer wieder
in den Krimis auftreten. Wer das erste Mal eines meiner
Bücher liest, kann schon mal den Überblick verlieren.
Aus diesem Grund habe ich am Ende des Krimis
eine Art Personenregister erstellt. Der andere
Punkt befasst sich mit der Frage, wie ich es mit dem
Gendern halte. Hier gehe ich ganz pragmatisch vor
und verzichte aufgrund des Leseflusses auf zusätzliche
sprachliche Mittel wie Sternchen oder Doppelpunkt.
Ich hoffe dennoch, dass sich alle Geschlechtsidentitäten
von meinen Texten angesprochen fühlen.
Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten
mit lebenden oder toten Personen sind rein
zufällig und nicht beabsichtigt.
Herzlich
Anne Gold
Die Laune von Kommissär Francesco Ferrari hielt sich
in Grenzen. Verloren und erst noch gegen den FC Lugano,
der ganz schlecht in die neue Saison gestartet war.
«Guten Morgen, Herr Kommissär.»
«Was soll an diesem Morgen gut sein?»
«Oh, es ist wohl besser, wenn ich später wiederkomme»,
der Erste Staatsanwalt Jakob Borer zögerte einen
Moment, bevor er weitersprach: «Ich wollte mich
eigentlich nur erkundigen, was Sie von der neuen Kollegin
halten?»
«Sehr viel. Sie tritt bei Vernehmungen manchmal
etwas zu forsch auf, aber sie kommt analytisch immer
auf den Punkt. Sonst noch was?»
«Das ist bereits alles. Dann sollten wir sie Ihrer Meinung
nach übernehmen?»
«Ihre Entscheidung. Sie sind der Boss.»
Nadine Kupfer, die langjährige Assistentin von
Francesco Ferrari, trat fröstelnd ins Büro.
«Verdammtes Sauwetter.»
«Das kann dir doch egal sein. Du besitzt ja einen
Parkplatz im Waaghof.»
Nadine schaute überrascht zum Ersten Staatsanwalt.
«Ist er schlecht gelaunt?»
7
«Katastrophal käme der Bezeichnung näher.»
«Und warum?»
«Seine Lieblinge sind gegen Lugano kläglich untergegangen.
Am Schluss stand es 3:1 für die Tessiner.»
«Das ist wie beim ESC.»
«Was heisst das nun wieder?»
«Der Kandidat fährt mit null Punkten nach Hause.»
«Sehr witzig. Ich kann auf deine zynischen Bemerkungen
verzichten.»
«Neues Spiel, neues Glück. Beim nächsten Match
gewinnt der FCB bestimmt wieder.»
«Und wenn nicht? Dann stehen wir bald wieder am
gleichen Punkt wie in den 90er-Jahren», jammerte
Ferrari.
«Das heisst?»
«Damals war Basel am Ende. Niemand kannte uns.
Eine Stadt ohne Highlights, eine unter vielen.»
«Es ist besser, wenn wir jetzt gehen, Frau Kupfer.
Womöglich will er uns weismachen, dass der Aufschwung
unserer Stadt direkt mit den Erfolgen des
FCB zu tun hat.»
«Das ist auch so. Nach sechs Jahren in der Nati B
stiegen wir am 3. Mai 1994 wieder auf. Ich erinnere
mich noch gut an diesen Tag. Wir spielten gegen
Étoile Carouge und ein Unentschieden reichte uns.
Die Mannschaft flog mit der Crossair nach Basel, das
allein zeigt, wie wichtig der Club für uns war und
auch heute noch ist. Vier Jahre später erfolgte der Baubeginn
des neuen Stadions, das 2001 eröffnet wurde.
8
In dieser Zeit blühte Basel auf. Plötzlich wussten die
Menschen in ganz Europa, was sage ich, auf der ganzen
Welt, wer wir sind. Denn wir spielten in der
Königsklasse, in der UEFA Champions League.»
«Dass in Basel die Art, die Swiss Indoors, die Baloise
Session und immer wieder bedeutende Kunstausstellungen
stattfinden, kann dabei leicht in Vergessenheit
geraten.»
«Wie wahr, Frau Kupfer, wie wahr.»
«Natürlich sind die auch wichtig, doch diese Veranstaltungen
haben längst nicht die Ausstrahlung des
FCB.»
«Glaubst du diesen Mist wirklich?»
«Das ist kein Mist!»
«Wenn das so ist, dann stehen uns wirklich schlechte
Zeiten bevor. Dann könnt ihr euer Lied ‹Nie meh,
nie meh Nati B› vergessen.»
«Wir sollten den Kommissär nicht noch wütender
machen», versuchte Borer die Gemüter zu beruhigen.
«Blödsinn, meine Geduld und mein Verständnis
haben auch Grenzen. Es ist nur Fussball. Man könnte
meinen, der Weltuntergang stehe bevor, dabei haben
nur elf Idioten im Tessin einen Match verloren. Letzte
Saison lief es zu Beginn auch nicht optimal. Shaqiri
wirds schon richten.»
«Wenns so einfach wäre.»
«Ihr könnt auch die alten Spieler zurückholen. Mit
Xhaka, Sommer und nicht zu vergessen mit Mohamed
Salah blüht die Stadt wieder auf. Ihr werdet Cham-
9
pions-League-Sieger und die EU macht Basel zur Kulturstadt
Europas.»
«Sie sollten ihn nicht weiter provozieren, Frau Kupfer.
Er läuft schon rot an … Jetzt platzt er dann gleich.»
Kommissär Ferrari wandte sich wortlos ab, liebevoll
strich er über seinen FCB-Wimpel.
«Ich wollte Sie auch noch fragen, was Sie von der
neuen Kollegin halten?», wandte sich Borer an Nadine.
«Sie ist eine sehr gute Ermittlerin. Ab und zu schiesst
sie übers Ziel hinaus, aber sie verfügt über eine grossartige
Kombinationsgabe.»
«Das wundert mich nicht.»
«Was wundert Sie nicht?»
«Dass die neue Kollegin übers Ziel hinaus schiesst.»
Borer deutete mit dem Kopf auf Ferrari. «Vermutlich
war es ein Fehler, sie euch für einige Monate zuzuteilen.»
«Sie ist übrigens auch FCB-Fan.»
«Das wusste ich nicht, aber es passt.»
«Wem wollen Sie sie zuteilen?»
«Kollege Strom.»
«Eine gute Entscheidung», befand Nadine.
«Danke.»
«Weshalb gerade ihm?», fragte der Kommissär.
«Ah, du redest noch mit uns.»
«Das kann ich Ihnen gern sagen: Alberts bisherige
Partnerin zog mit ihrem Mann nach Luzern. Er
braucht also jemand Neues an seiner Seite.»
«Das weiss ich.»
10
«Und weil Strom eine Schnarchnase ist. Die neue
Kollegin wird ihn hoffentlich aus seiner Lethargie reissen.
In der Kombination werden sie ein perfektes
Team abgeben – exakt wie bei Ihnen beiden.»
«Damit ist der Tag für Francesco endgültig gelaufen.
Haben Sie vielen Dank, Herr Staatsanwalt.»
«Das ist nur die Wahrheit. Zudem wollte er ja den
Grund wissen.»
«Den hätten Sie ihm auch schonender beibringen
können.»
«Man muss ab und zu Tacheles reden. Ferrari braucht
das, um aufzuwachen.»
«Kein Kommentar?», Nadine schielte vorsichtig zu
ihrem Chef.
«Wir werden es euch Ketzern zeigen. In dieser Saison
werden wir erneut Meister. Das garantiere ich
euch. Und dann mischen wir Europa auf.»
«Ein hoffnungsloser Fall …»
Kommissär Stephan Moser trat zögernd ins Büro.
«Entschuldigt, wenn ich störe. Ich möchte zu Francesco
… Es gibt einen Mord.»
«Wo ist die Leiche?»
«In einem Haus in der Brantgasse.»
«Ein Milieumord?»
«Das würde ich so nicht sagen.»
Ferrari schaute Kommissär Moser fragend an.
«Der Tote ist Robert Burckhardt.»
«Ich kenne nur einen Robert Burckhardt, den Richter.»
11
Moser nickte.
«Mein Gott! Los, worauf warten Sie, Ferrari? Und
Sie, Moser, lassen nichts, rein gar nichts nach aussen
dringen. Abschotten heisst das Zauberwort. Die Presse
darf nichts davon erfahren. Allein die Vorstellung,
es könnte etwas durchsickern, lässt mich schaudern.
Das würde einen riesigen Skandal auslösen, ich darf
gar nicht daran denken. Der ehrenwerte Richter
Burckhardt hat nichts in der Brantgasse verloren.»
Ferrari griff nach seinem Jacket.
«Komm schon, Schnarchnase. Das wird dich auf
andere Gedanken bringen. Immerhin leben deine
Fussballidole noch, was man von unserem Opfer nicht
behaupten kann.»
«Hm.»
Gerichtsmediziner Peter Strub hetzte seine Leute in
bekannter Manier durch den Tatort, während einige
Beamte in Zivil vor dem Haus Stellung bezogen hatten.
«Stephan überlässt nichts dem Zufall. Da kommt
niemand durch.»
«Ein bisschen zu viel Staatsschutz für meinen
Geschmack. Vermutlich wird die Presse dadurch erst
recht auf den brisanten Fall aufmerksam.»
Ferrari zuckte nur mit den Schultern und drängte
sich an zwei Beamten vorbei.
«Wen sehe ich denn da?», begrüsste ihn Strub. «Ich
hätte ein Jahresgehalt darauf gewettet, dass Borer euch
mit dem Fall betreut.»
12
«Das läuft unter Therapie, um Francesco von seinen
trüben Gedanken abzulenken.»
Strub sah Nadine erstaunt an.
«Seine Nullen haben es am Sonntag versaut.»
«Verstehe. Ich schaute mir die erste Halbzeit an. Das
war richtig peinlich, ein zusammengewürfelter Haufen
ohne Ideen. Exakt so spielen mein kleiner Enkel
und die anderen Kids. Sobald einer den Ball hat, rennt
er nach vorne und bleibt natürlich in der gegnerischen
Abwehr hängen. Danach sprinten alle wieder zurück.
Fehlt nur noch, dass sich alle auf den Ball stürzen,
wenn sie ihn sehen. Während die Jungen null Erfahrung
haben, muss man die alten Kämpfer demnächst
aufs Spielfeld tragen. Nach der ersten Halbzeit beendete
ich das Trauerspiel und schaltete auf ein Premier-
League-Spiel um.»
Strub sah dabei Ferrari mit unschuldiger Miene an.
«So schlimm wars auch wieder nicht.»
«Schlimmer, aber das merken du und die anderen
zwanzigtausend Fans immer noch nicht. Ihr jubelt,
selbst wenn ihr gegen eine mehr als bescheidene
Mannschaft verliert.»
«Wir stehen halt zusammen.»
«Ja, klar – der zwölfte Mann. Warten wir ab, wie
lange noch.»
«Können wir über den Toten sprechen?», schaltete
sich Nadine ein.
«Selbstverständlich. Er wurde erstochen, jedoch
nicht hier.»
13
«Wie kommst du darauf?»
«Es gibt drei Einstiche: einen in den Arm, einen in
die Seite und einen in den Rücken. Der letzte war der
entscheidende. Das Opfer muss also stark geblutet
haben.»
«Und hier ist nur wenig Blut.»
«Korrekt, das ist nicht der Tatort. Der Tote wurde
vermutlich vom Mörder hier abgelegt.»
«Keine Mörderin?»
«Da der Richter zwischen neunzig und hundert
Kilo wiegt, tippe ich eher auf einen kräftigen Mann.
Natürlich kommt auch eine Frau mit einem Komplizen
infrage.»
«Wie lange ist er tot?»
«Ich vermute zwölf bis vierzehn Stunden.»
«Wer hat ihn gefunden?»
«Eine Prostituierte, so sieht sie zumindest aus. Hast
du sonst noch eine Frage?»
«Warum schaust du einen FCB-Match? Normalerweise
interessiert du dich doch nur für Randsportarten
wie Bowling oder Darts, das höchste der Gefühle ist
gerade noch Handball.»
«Im Handball spielte ich erfolgreich in der Nationalliga
A, nur damit es einmal erwähnt ist.»
«Das muss aber hundert Jahre her sein … Du hast
meine Frage noch nicht beantwortet.»
«Weshalb ich mir ein FCB-Spiel anschaue? Die Antwort
hast du dir selbst gegeben.»
«Nicht dass ich wüsste.»
14
«Weil ich mich für Randsportarten interessiere, so
wie ihr spielt.»
Kopfschüttelnd wandte sich der Kommissär an
Nadine.
«Stephans Leute sollen so diskret wie möglich die
Nachbarn befragen. Es muss doch jemand gesehen
haben, wie Burckhardts Leiche hergebracht wurde.»
«Wird sofort erledigt.» Zwei Minuten später informierte
Nadine ihren Chef: «Stephans Leute sind bereits
aktiv geworden. Hoffentlich finden sie einen Hinweis.»
«Sehr gut, danke. Dann reden wir jetzt mit der Frau,
die den Toten fand.»
Eine Frau um die vierzig mit langen lockigen Haaren
sass mit einer Tasse Kaffee am Tisch. Offenbar hatte
sie eine schlaflose Nacht hinter sich.
«Auch einen?», begrüsste sie den Kommissär und
Nadine.
«Nur, wenns nicht zu viel Umstände macht.»
«Kein Problem. Es ist gestern etwas spät geworden.
Der Kaffee ist meine Rettung.»
«Wohl eher früh.»
«Kann man so sagen.» Sie stellte zwei Tassen Kaffee
auf den Tisch. «In der Elefantendose ist Zucker, die
Giraffe spendet Milch.»
Nadine nahm etwas Zucker aus der Dose.
«Sie haben den Toten gefunden, Frau …?»
«Roth, Jenny Roth. Ja, heute Morgen, als ich nach
Hause kam.»
15
«Stand die Tür offen oder warum schauten Sie bei
Herrn Burckhardt vorbei?»
«Wieso Burckhardt? Er heisst Sarasin, Robert Sarasin.»
«Wie? So hat er sich bei Ihnen vorgestellt?»
«Ja. Und soviel ich weiss, hat er auch unter diesem
Namen die Wohnung gemietet. Der Vermieter nennt
ihn auch Sarasin. Seltsam, dann hat er unter falschen
Namen hier gewohnt. Wobei, wohnen ist übertrieben,
er war höchstens zwei Mal in der Woche hier. Irgendwie
war mir der Typ von Anfang an nicht geheuer.»
«Weshalb?»
«Der gehört nicht hierher, er war ein richtig feiner
Basler aus dem Daig. Die Wohnung diente ihm bloss
als Hochsitz.»
«Sie glauben, dass er sich von hier aus angepirscht
und die Opfer an einem anderen Ort erlegt hat?»
«Sie gefallen mir, Frau Kupfer. Den Spruch merke
ich mir», Jenny Roth lachte heiser. «Aber genau so war
es. Von seinem Fenster aus beobachtete er, was auf der
Strasse abging. Wenn ihm eine oder einer gefiel,
pirschte er sich an.»
«Einer?»
«Der war bestimmt bi. Bei mir versuchte er es zum
Glück nie, er bevorzugte junges Gemüse, aber sein
irrer Blick ging mir jedes Mal durch Mark und Bein.
Spass verstand er keinen. War er eine grosse Nummer?»
«Wie kommen Sie darauf?»
16
«Euer Aufgebot ist ziemlich gross und die Beamten
wirkten total nervös. Ich kenne einige von euch. Normalerweise
sprudeln sie drauf los, wenn wir mit ihnen
plaudern. Doch heute Morgen sprach keiner ein Wort.
Also muss der Tote wichtig sein.»
«Das ist er, mehr können wir Ihnen im Moment
nicht sagen. Zurück zu heute Morgen: Warum gingen
Sie zu Burckhardt alias Sarasin?»
«Wegen den Blutspuren. Als ich um halb acht nach
Hause kam, sah ich Blut auf dem Boden. Die Spur
führte direkt zu Sarasins Wohnung. Also klopfte und
klingelte ich mehrmals, doch niemand antwortete. Da
die Tür nicht abgeschlossen war, ging ich rein. Sarasin
lag auf dem Bauch im Wohnzimmer. Das war kein
schöner Anblick. Ich rief sofort einen Fahnder an, den
ich gut kenne. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam er
angeschlurft. Als er den Toten sah, kam plötzlich
Bewegung ins Ganze. Er telefonierte sofort und innert
wenigen Minuten standen drei Streifenwagen vor der
Tür, die Bullen riegelten alles ab . . . He! Ist das einer
von euch?»
«Nein, er ist kein Polizist.»
«Zum Glück, sonst würde womöglich dieser Wahnsinnige
mit der Nationalratstochter auftauchen.»
«Sie meinen Daniel Winter und Andrea Christ.»
«Genau. Dieser Dani spinnt doch, dem will ich nicht
in der Nacht begegnen. Wie hält es die Christ nur mit
einem solchen Psycho aus? Die Menschen sind schon
komisch. Finden Sie nicht?»
17
«Doch, in diesem Punkt gebe ich Ihnen recht.»
«Sagen Sie mir, wer der Tote ist?»
«Der Bruder von Wladimir Putin.»
«Und ich bin die Schwester von Xi Jinping. Nach
einer Gesichtsoperation, versteht sich.»
«Wo arbeiten Sie?»
«In einer Bar in der Rheingasse. Normalerweise
komme ich kurz nach Mitternacht heim. Gestern gab
es bei uns eine private Fete, die wollten und wollten
nicht Schluss machen. Mein Boss hat sich dabei eine
goldene Nase verdient. Ich hoffe, dass ich auch einen
kleinen Zustupf abbekomme. Sicher bin ich mir aber
nicht. Er kann den Hals nicht vollkriegen. Ständig
jammert er über die starke Konkurrenz. Die beiden
Grossen würden ihm das Leben versauern.»
«Hotz und Belinski.»
Jenny Roth sah den Kommissär erstaunt an.
«Ja, genau … Moment mal, im Milieu gibt es einige
Gerüchte, dass zwei Bullen unter dem Schutz von
Hotz und Belinski stünden. Eine sensationell gut aussehende
Frau und ein alter fetter Kommissär. Das trifft
voll auf euch zu. Seid ihr die zwei?»
«Das müssen Sie Jake Förster fragen.»
«Noch so ein Psycho. Den habe ich einmal erlebt, das
reicht mir fürs ganze Leben. Das könnt ihr mir glauben.
Warum beschützen die euch? Ihr steht doch auf der
anderen Seite oder etwa nicht? Geben Sie mir Ihre
Visitenkarte, vielleicht kann ich euch ja mal brauchen.»
Nadine reichte ihr ihre Visitenkarte.
18
«Wem gehört das Haus?», erkundigte sich Ferrari.
«Christoph Kohler, auch so ein Idiot. Er besitzt
mehrere Liegenschaften im Kleinbasel.»
«Wieso ist er ein Idiot?»
«Wenn du deine Miete nicht pünktlich bezahlst,
schickt er seine Eintreiber los. Der begreift nicht, dass
man ab und zu Geldprobleme hat. Ich verdiene an der
Bar dreitausendfünfhundert Franken plus Trinkgeld,
das leider extrem schwankt. In einem guten Monat
komme ich auf mehrere Hunderter, in einem schlechten
höchstens auf knapp hundert Franken. Dann wirds
verdammt eng.»
«Wurden Sie auch schon von Kohlers Leuten
bedroht?»
«Oh ja. Zuerst warnten sie mich, doch ich konnte
das Geld auf die Schnelle nicht auftreiben. Also kamen
sie wieder und schlugen mich zusammen. Seither
bezahle ich immer pünktlich, lieber lasse ich die Krankenkasse
weg.»
«Haben Sie eine Anzeige erstattet?»
«Ich bin doch nicht doof.» Sie warf einen Blick auf
Nadines Visitenkarte. «Der Fahnder, den ich gut kenne,
wollte mir nur helfen, wenn ich die Mistkerle
anzeige. Wie sieht es bei euch aus?»
«Das gilt auch für uns.»
«Wirklich? Wer sich mit Hotz, Förster und Belinski
einlässt, nimmt es nicht so genau. Die Visitenkarte
werde ich hüten wie einen Schatz. Sollte ich wieder
mal in Schwierigkeiten stecken, rufe ich Sie an.»
19
«Tun Sie das. Wir werden uns dann um die Sache
kümmern.»
«Voll geil. Wollen Sie noch einen Kaffee?»
«Nein, danke. Er war übrigens ausgezeichnet.
Noch eine letzte Frage: Bekam Sarasin ab und zu
Besuch?»
«Sie sagten doch, er hiess Burckhardt.»
«Stimmt.»
«Nein, zumindest habe ich nie jemanden gesehen
und auch nie was gehört. Es war immer total ruhig,
auch wenn er in der Wohnung war. Das wird sich jetzt
vermutlich ändern. Kohler holt bestimmt eine Prostituierte
rein. Ich glaube, es ist an der Zeit, eine neue
Wohnung zu suchen.»
«Ein alter fetter Kommissär.»
«Jaja. Ich habs gehört.»
«Und eine sensationell gut aussehende Frau.»
«Auch das war nicht zu überhören.»
«Scheint nicht dein Tag zu sein.»
«Ich trags mit Fassung … Was kommt da noch alles
ans Licht? Warum mietet einer der wichtigsten Richter
von Basel im Milieu eine Dreizimmerwohnung?»
«Erst noch unter falschem Namen.»
«Sarasin ist der Name seiner Frau.»
«Hat sie etwas mit der Bank zu tun?»
«Nein, das ist ein anderer Zweig. Ich glaube, diese
Sarasins waren an einer Pharmafirma beteiligt, die von
Olivia Vischer geschluckt wurde. Durch den Verkauf
20
Ein stadtbekannter Richter, der sich im Milieu
unter falschem Namen eine Zweitwohnung
gemietet hatte, wird in der Brantgasse tot aufgefunden.
Alles deutet darauf hin, dass das Opfer ein
Doppelleben führte, das ihm schliesslich zum
Verhängnis wurde. Kommissär Francesco Ferrari
und seine Assistentin Nadine Kupfer übernehmen
den brisanten Fall, der unter keinen Umständen
an die Öffentlichkeit dringen darf.
Im Lauf der Ermittlungen stellt sich heraus,
dass sich der Richter durch seine Urteile eine
Menge Feinde gemacht hatte. So wird aus dem
eindeutigen Mord im Milieu bald schon
ein komplexer Fall mit einer unvorhersehbaren
Entwicklung.
ISBN 978-3-7245-2812-8