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Programmheft_Der_zerbrochne_Krug

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Der

zerbrochne

Krug

von Heinrich von Kleist


Der zerbrochne Krug

von Heinrich von Kleist

Margarete, die Magd

Licht, Schreiber

Adam, Dorfrichter

Walter, Gerichtsrätin

Frau Marthe Rull

Eve, ihre Tochter

Ruprecht, Verlobter von Eve

Nicole Haase

Tom Bartels

Matthias Manz

Jördis Wölk

Christina Dom

Lene Juretzka

Marius Leonard /Janus Torp

Regie Karin Herrmann

Bühnenbild Linda Sollacher

Kostümbild Ida Herrmann

Dramaturgie Karoline Felsmann

Theaterpädagogik Samuel Fink

Sprecherzieherin Margret Wübbolt

Regieassistenz Sandra Vogel Soufflage Elena Vogrin-Smith Inspizienz Andy

Kubiak

Technische Leitung Larissa Gund Produktionsmanagement & Werkstattleitung

Steffen Wolf Assistenz Werkstatt- und Produktionsleitung Phil Seitz

Technische Einrichtung Gerald Wagner Beleuchtung Michael Zeising Tontechnik

Sascha Jenke Leiterin der Kostümabteilung Kim Ludewig Gewandmeisterin

Cornelia Weise Maske Lysann Rygiel, Viktoriia Nemeryshyna Requisite Viola

Monsignori-Kipp

Premiere 11. Oktober 2025, Hauptbühne

Dauer ca. 1 h 45 min (ohne Pause)


Matthias Manz, im Hintergrund Tom Bartels & Jördis Wölk

1


Ein Wettstreit

Zur Entstehung des Lustspiels

„Der zerbrochne Krug“

Heinrich von Kleist hält sich im Frühjahr

1802 am Thuner See auf und löst

bald darauf seine Verlobung zu

Wilhelmine von Zenge. Er reist nach

Bern und trifft auf andere junge Dichter

wie Ludwig Wieland und Heinrich

Zschockke. In dessen Unterkunft

sieht er einen Kupferstich der Anlass

zu einem Dichterwettstreit gibt, wie

dieser berichtet:

„Unter zahlreichen, lieben Bekannten,

deren Umgang den Winter [1801/02]

mir verschönte, befanden sich zwei

junge Männer meines Alters, denen ich

mich am liebsten hingab. Sie atmeten

fast einzig für die Kunst des Schönen,

für Poesie, Literatur und schriftstellerische

Glorie.

Der eine von ihnen, Ludwig Wieland,

Sohn des Dichters, gefiel mir durch

Humor und sarkastischen Witz, den

ein Mienenspiel begleitete, welches

auch Milzsüchtige zum Lachen getrieben

hätte.

Verwandter fühlt' ich mich dem

andern, wegen seines gemütlichen,

zuweilen schwärmerischen, träumerischen

Wesens, worin sich immerdar

der reinste Seelenadel offenbarte. Es

war Heinrich von Kleist.

Beide gewahrten in mir einen wahren

Hyperboreer [Angehöriger eines weltabgeschiedenen

Volkes der griechischen

Sage], der von der neuesten

poetischen Schule Deutschlands kein

Wort wußte. Goethe hieß ihr Abgott;

nach ihm standen Schlegel und Tieck

am höchsten, von denen ich bisher

kaum mehr, als den Namen, kannte.

Sie machten mir's zur Todsünde, als

ich ehrlich bekannte, daß ich Goethes

Kunstgewandtheit und Talentgröße

mit Bewunderung anstaunen, aber

Schillern mehr denn bewundern, daß

ich ihn lieben müsse, weil sein Sang,

naturwahr, aus der Tiefe deutschen

Gemütes, begeisternd ans Herz der

Hörer, nicht nur ans kunstrichternde

Ohr, schlage. Wieland wollte sogar

den Sänger des ,Oberon', seinen Vater,

nicht mehr Dichter heißen. Das gab

unter uns manchen ergötzlichen

Streit.

Zuweilen teilten wir uns auch freigebig

von eignen poetischen Schöpfungen

mit, was natürlich zu neckischen Glossen

und Witzspielen den ergiebigsten

Stoff lieferte.

Als uns Kleist eines Tages sein Trauerspiel

,Die Familie Schroffenstein' vorlas,

ward im letzten Akt das allseitige

Gelächter der Zuhörerschaft, wie auch

des Dichters, so stürmisch und endlos,

daß, bis zu seiner letzten Mordszene

zu gelangen, Unmöglichkeit wurde.

Wir vereinten uns auch, wie Virgils Hirten,

zum poetischen Wettkampf.

2


„Diesem Lustspiel liegt wahrscheinlich

ein historisches Factum, worüber ich

jedoch keine nähere Auskunft habe

auffinden können, zum Grunde.

In meinem Zimmer hing ein französischer

Kupferstich ,La cruche cassée'.

In den Figuren desselben glaubten wir

ein trauriges Liebespärchen, eine keifende

Mutter mit einem zerbrochenen

Majolika-Kruge, und einen großnasigen

Richter zu erkennen.

Für Wieland sollte dies Aufgabe zu

einer Satire, für Kleist zu einem Lustspiele,

für mich zu einer Erzählung

werden. – Kleists ,Zerbrochner Krug'

hat den Preis davongetragen.“ (Heinrich

Zschokke, 1842)

Kleist selbst schreibt später zur Entstehung

des Lustspiels in dem erst

nach seinem Tod gedruckten Entwurf

zu einer Vorrede:

Ich nahm die Veranlassung dazu aus

einem Kupferstich, den ich vor mehreren

Jahren in der Schweiz sah. Man

bemerkte darauf – zuerst einen Richter,

der gravitätisch auf dem Richterstuhl

saß: vor ihm stand eine alte Frau,

die einen zerbrochenen Krug hielt, sie

schien das Unrecht, das ihm widerfahren

war, zu demonstriren: Beklagter,

ein junger Bauerkerl, den der Richter,

als überwiesen, andonnerte, vertheidigte

sich noch, aber schwach:

Ein Mädchen, das wahrscheinlich in

dieser Sache gezeugt hatte (denn wer

weiß, bei welcher Gelegenheit das Delictum

geschehen war) spielte sich, in

der Mitte zwischen Mutter und Bräutigam,

an der Schürze; wer ein falsches

Zeugniß abgelegt hätte, könnte nicht

zerknirschter dastehn: und der Gerichtsschreiber

sah (er hatte vielleicht

kurz vorher das Mädchen angesehen)

jetzt den Richter misstrauisch zur Seite

an, wie Kreon, bei einer ähnlichen

Gelegenheit, den Ödipus. Darunter

stand: der zerbrochene Krug. – Das

Original war, wenn ich nicht irre, von

einem niederländischen Meister.“

3


v.l.n.r. Matthias Manz, Jördis Wölk, Tom Bartels, Marius Leonard, Lene Juretzka, Christina Dom, Nicole H


aase


Mehr als die Lust am Spiel

Über die Inszenierung

In Kleists Stück zerbricht ein Krug –

und mit ihm eine ganze Welt. Am Ende

lässt sich nichts mehr unter den Teppich

kehren oder reinwaschen.

Auch das Leben des dreißigjährigen

Autors war zu dieser Zeit aus den Fugen

geraten: die Auseinandersetzung

mit der Philosophie Immanuel Kants

und die rastlose Suche nach Wahrheit

hatten ihn in eine Lebenskrise gestürzt.

Zur Uraufführung am 2. März 1808 am

Weimarer Hoftheater wurde das Stück

nicht vollständig gespielt. Damals entschied

Johann Wolfgang von Goethe,

die sogenannte „Variant“ am Ende

wegzulassen: Eves Aussage, die im

Zimmer war, als der Krug zerbrach.

In der gedruckten Fassung, die kurz

vor Kleists Suizid 1811 erschien, bestand

er darauf, dass diese „Variant“

wenigstens abgedruckt wird.

Ludwig Tieck lobte damals: „Der Gedanke,

dass sich der Richter, der der

Delinquent zugleich ist, durch seine

Anstrengungen in den Beweis gegen

sich hineinexaminiert, ist ebenso

glücklich als neu. Die Sprache ist

charakteristisch, und sie sowohl wie

der Jambe ist in diesem echt niederländischen

Gemälde so gebraucht,

wie ich nach meiner Erfahrung glaube,

dass es im Deutschen noch niemals

geschehen sei.“

Zugleich kritisierte er: „Dies launige

Werk, das fast ohne Inhalt ist, hat

doch beinahe die Länge eines gewöhnlichen

Schauspiels, und darum

ist die hinzugefügte Variante nicht zu

billigen, die es noch mehr ausdehnt.“

Jahrelang stand das komödiantische

Spiel der Verstrickungen des Dorfrichter

Adams im Zentrum. Erst seit

ca. zehn Jahren entfaltet die gesamte

Geschichte durch die Erzählung der

jungen Eve ihre Wirkung. Seitdem und

allerspätestens seit #metoo ist der

mutige, aufklärende Schlussmonolog

Eves auf deutschsprachigen Bühnen

nicht mehr wegzudenken.

Das Stück zeigt viele Varianten von

Machtmissbrauch und den unterschiedlichen

Umgang damit. So wird

aus diesem Lustspiel ein Scherbengericht:

Am Ende ist so viel zerbrochen

– Liebe, Vertrauen, Unschuld, Familie,

Staatsraison – dass eine Rückkehr

in den gewohnten Alltag nicht

mehr möglich ist.

Einmal mehr beweist Kleist, dass sein

Werk nicht verjährt: Über zweihundert

Jahre nach der Uraufführung ist es

noch immer hochaktuell.

Karoline Felsmann

6


Über die allmähliche

Verfertigung der Gedanken

beim Reden

Wenn du etwas wissen willst und es

durch Meditation nicht finden kannst,

so rate ich dir, mein lieber, sinnreicher

Freund, mit dem nächsten Bekannten,

der dir aufstößt, darüber zu sprechen.

Es braucht nicht eben ein scharfdenkender

Kopf zu sein, auch meine ich es

nicht so, als ob du ihn darum befragen

solltest: nein! Vielmehr sollst du es ihm

selber allererst erzählen. Ich sehe dich

zwar große Augen machen, und mir

antworten, man habe dir in frühern

Jahren den Rat gegeben, von nichts

zu sprechen, als nur von Dingen, die

du bereits verstehst. Damals aber

sprachst du wahrscheinlich mit dem

Vorwitz, andere, ich will, daß du aus

der verständigen Absicht sprechest,

dich zu belehren, und so können, für

verschiedene Fälle verschieden, beide

Klugheitsregeln vielleicht gut nebeneinander

bestehen.

Oft sitze ich an meinem Geschäftstisch

über den Akten, und erforsche,

in einer verwickelten Streitsache, den

Gesichtspunkt, aus welchem sie wohl

zu beurteilen sein möchte. Ich pflege

dann gewöhnlich ins Licht zu sehen,

als in den hellsten Punkt, bei dem Bestreben,

in welchem mein innerstes

Wesen begriffen ist, sich aufzuklären.

[…]

Und siehe da, wenn ich mit meiner

Schwester davon rede, welche hinter

mir sitzt, und arbeitet, so erfahre ich,

was ich durch ein vielleicht stundenlanges

Brüten nicht herausgebracht

haben würde. […]

Aber weil ich doch irgendeine dunkle

Vorstellung habe, die mit dem, was

ich suche, von fern her in einiger Verbindung

steht, so prägt, wenn ich nur

dreist damit den Anfang mache, das

Gemüt, während die Rede fortschreitet,

in der Notwendigkeit, dem Anfang

nun auch ein Ende zu finden, jene

verworrene Vorstellung zur völligen

Deutlichkeit aus, dergestalt, daß die

Erkenntnis zu meinem Erstaunen mit

der Periode fertig ist. Ich mische unartikulierte

Töne ein, ziehe die Verbindungswörter

in die Länge, gebrauche

wohl eine Apposition, wo sie nicht

nötig wäre, und bediene mich anderer,

die Rede ausdehnender, Kunstgriffe,

zur Fabrikation meiner Idee auf der

Werkstätte der Vernunft, die gehörige

Zeit zu gewinnen. [...]

Ein solches Reden ist wahrhaft lautes

Denken. Die Reihen der Vorstellungen

und ihrer Bezeichnungen gehen

nebeneinander fort, und die Gemütsakte,

für eins und das andere, kongruieren.

Die Sprache ist alsdann keine

Fessel, etwa wie ein Hemmschuh an

dem Rade des Geistes, sondern wie

ein zweites mit ihm parallel fortlaufendes,

Rad an seiner Achse.

Heinrich von Kleist (1805)

7


v.l.n.r. Lene Juretzka, Marius Leonard, Christina Dom, Nicole Haase, Tom Bartels, Matthias Manz

Denn sie wissen, was sie tun

Diese Menschen sind gefährlich, haben sich nie falsch bekannt

Sie sind völlig unverfror'n in ihre kleine Welt gebannt.

Darum muss man sie bekämpfen, denn es werden immer mehr

Darum muss man sie bekämpfen, denn sie werden zahlreicher

Darum muss man sie bekämpfen, aber niemals mit Gewalt

Wenn wir sie auf die Münder küssen, machen wir sie schneller kalt.

Diese Menschen sind gefährlich, denn sie wissen, was sie tun

Diese Menschen sind gefährlich, denn sie wissen, was sie tun

Diese Menschen sind gefährlich, sie sind gänzlich unverdreht

Sie leben völlig selbstverständlich, Terror als Identität.

Darum muss man sie bekämpfen, denn es werden immer mehr

Darum muss man sie bekämpfen, denn sie werden zahlreicher

Darum muss man sie bekämpfen, aber niemals mit Gewalt

Wenn wir sie auf die Münder küssen, machen wir sie schneller kalt.

Tocotronic

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v.l.n.r. Nicole Haase, Jördis Wölk, Matthias Manz, vorne Tom Bartels

→ Liebe Gäste,

wir möchten Sie darauf aufmerksam machen, dass Ton- und / oder Bildaufnahmen

unserer Aufführungen aus urheberrechtlichen Gründen untersagt sind. Bitte schalten

Sie Ihre Mobiltelefone stumm. Vielen Dank.

Impressum

→ Die neue Bühne dankt

Blumen Mädler für die Premierenrosen.

neue Bühne Senftenberg, Theaterpassage 1, 01968 Senftenberg

Intendant Daniel Ris Gestaltung www.pingundpong.de Redaktion Karoline Felsmann

Fotos Steffen Rasche

Textnachweis

Seite 2 & 3: Helmut Sembdner (Hg.): Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der

Zeitgenossen, Frankfurt am Main 1977

Seite 6: Originalbeitrag für das Programmheft

Seite 7: https://www.projekt-gutenberg.org/kleist/gedanken/gedanken.html 29.09.25

Seite 8: https://genius.com/Tocotronic-denn-sie-wissen-was-sie-tun-lyrics 29.09.25

Gefördert mit Mitteln des Ministeriums

für Wissenschaft, Forschung und Kultur

des Landes Brandenburg.

9


„Zum Stolpern

brauchts nicht mehr

als Füß“

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