Restauro 7/2025
Human Remains
Human Remains
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07/2025 HUMAN REMAINS
EDITORIAL
3
Liebe Leserin, lieber Leser,
kaum ein Thema berührt so unmittelbar wie der Umgang mit menschlichen
Überresten in Museen. Denn hier geht es nicht allein um Sammlungsobjekte,
sondern um Menschen – um Fragmente von Biografien, die auf unterschiedlichen,
oft schmerzhaften Wegen in Vitrinen, Depots und Forschungsbestände
gelangt sind.
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Human Remains steht daher stets
im Spannungsfeld von Ethik, Erkenntnisinteresse und Verantwortung. Anthropologische
Analysen oder forensische Untersuchungen können wertvolle historische,
medizinische oder kulturgeschichtliche Einsichten liefern. Zugleich
bleibt jede Form der musealen Präsentation heikel: Wie lässt sich Wissen
vermitteln, ohne zu instrumentalisieren? Wie kann Erinnerung wachgehalten
werden, ohne neue Formen der Entwürdigung zu riskieren?
Die historischen Kontexte, in denen menschliche Überreste gesammelt wurden,
mahnen zur Vorsicht. Human Remains sind keine Objekte, sondern entstanden
im Kontext kolonialer Aneignungen, aus den sterblichen Überresten
marginalisierter Personen sowie durch pseudowissenschaftliche Praktiken
des 19. und 20. Jahrhunderts. Sie sind nicht nur Überreste, sondern lassen
sich als Dokumente historischer Gewalt einordnen. Und auch der Missbrauch
im Nationalsozialismus zeigt, wie fragil die Grenze zwischen Forschung und
Verbrechen sein kann. In dieser Ausgabe der Restauro fragen wir deshalb,
wie Museen mit diesen Hinterlassenschaften umgehen sollten. Welche Formen
der Kontextualisierung sind notwendig? Welche Perspektiven müssen
sichtbar gemacht werden – die der Wissenschaft, der Institutionen oder vor
allem jene der Nachfahren und betroffenen Gemeinschaften?
Human Remains sind Prüfsteine: für die Glaubwürdigkeit musealer Arbeit, für
die Fähigkeit von Institutionen, ethische Standards zu wahren, und für den
Mut, unbequeme Fragen nicht zu verdrängen. Wer über sie spricht, spricht
auch über Macht, Erinnerung und Verantwortung – und damit über nichts
weniger als die Rolle des Museums in unserer Gegenwart.
Trotz und natürlich auch wegen des heiklen Themas freuen wir uns sehr auf Ihr
Feedback und wünschen viel Freude beim Lesen und Erkunden dieser Ausgabe.
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4 INHALT
6
Eine Geschichte der Gewalt
12
„Standardregeln gibt es nicht“
16
Historische medizinische
Sammlungen zwischen Ethik,
Recht und musealer Praxis
20
Das Unsichtbare
sichtbar machen
26
Die Salzmänner von
Zanjān
S.44
32
News
34
Human Remains
weltweit
38
Die Katakombenheiligen aus
Rom in Oberbayern
44
Forschung
48
Mumien: Tabu oder Kontext
S.22
6 HUMAN REMAINS
HUMAN REMAINS
7
1
In sogenannten „Rasseschädelsammlungen“
wurden Schädel
gesammelt, um damals
verbreitete Theorien
über „Rasse“ zu untersuchen.
Die Umstände,
wie die Schädel in die
Sammlungen gelangten,
waren oft gewaltvoll.
Eine Geschichte
der Gewalt
TEXT: DR. FRIEDRICH J. BECHER
8 HUMAN REMAINS
2
2
Schwarzen Menschen
wurde eine Bestattung
in Europa oftmals verwehrt:
berühmtestes
Beispiel ist Angelo
Soliman.
HUMAN REMAINS
Gewalt tritt in vielen Formen auf: Sie kann körperlicher Natur sein oder auf die Psyche
abzielen. Sie ist symbolisch ebenso möglich wie religiös oder monetär, sie kann individuell
oder systemisch verursacht werden. Sie zielt auf Individuen oder Gruppen ab, auf
totale Vernichtung oder kurzfristige Gefügigmachung.
9
Die lange Geschichte des Ausstellens menschlicher Überreste
in Deutschland – wozu in der Folge auch die Vorgänger zählen
sollen – ist durchzogen vom roten Faden der Gewalt. Allgemein
bekannt und breit diskutiert wird dies im Kontext der dekolonialisierenden
Aufarbeitung von Museumsbeständen, die neben Artefakten
auch immer wieder Remains von BIPoC (Black, Indigenous,
People of Color) beinhalten. So sind diese als Trophäen aus
den Schutzgebieten geraubt worden, als Teile der indigenen Kulturgeschichte
„erkauft“, und in den Anatomiesammlungen finden
sich vielerlei „Rasseschädelsammlungen“. Während auf letztgenannte
noch einzugehen sein wird, ist es hier bereits geboten,
auf die drohende Verengung des Blicks hinzuweisen. Denn die
Formen der Gewalt, welche die Ausstellung menschlicher Überreste
möglich macht, durchziehen alle Ausstellungskontexte und
finden sich ebenso in sakralen wie profanen, in kolonialen wie lokalen,
in frühneuzeitlichen wie modernen Bereichen.
Der Beginn einer Ausstellungstätigkeit menschlicher Überreste
lässt sich, anders als bei vielen anderen Kulturtechniken,
recht präzise datieren. 1204 überfielen Kreuzfahrer:innen Konstantinopel.
Die Stadt war reich an christlichen Reliquien, viele
davon sehr bedeutend. Die Kreuzzügler:innen raubten, was sie
konnten, und nahmen ihre Beute mit nach Westeuropa. Dort
waren die Reliquien völlig ungeschützt, wurden gehandhabt,
transportiert, angefasst und angeschaut. All das war gänzlich
neu, bis dahin war das Reliquienwesen keineswegs so mobil
und so anschaulich, die Gebeine der Heiligen entfalteten ihre
Macht bis dato im Verborgenen, dem Blick entzogen. Nun aber
gab es eine Schwemme, und Chaos entfaltete sich, dass der
Kirche die Kontrolle zu entgleisen drohte. Im Zuge des Vierten
Laterankonzils 1215 wurden so Regularien festgelegt, wie mit
Reliquien umzugehen sei, wer sie handhaben solle und wie
sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, d. h. ausgestellt,
werden dürften. Die Geschichte der Ausstellung menschlicher
Überreste begann so mit dem wohl ersten Ausstellungsleitfaden
– und war ein Ergebnis der Gewalt der Kreuzzugteilnehmer:innen
gegen die Bewohner:innen Konstantinopels. In der
Folge waren Reliquien immer wieder Spielbälle von Gewalt,
etwa um irdische oder geistliche Macht zu betonen. Die Reliquien
der Heiligen Drei Könige, seit Jahrhunderten Herzstück
der hohen Domkirche in Köln, wurden beispielsweise dorthin
im Zuge der Zerstörung Mailands verbracht. Sie wurden genutzt
als Begründungen für Gewalt oder Trophäen.
Eine Form der Bestrafung
Ebenfalls im Kontext von Jenseitsglauben und Seelenheil war
die Praxis der Ausstellung der Körper der Verstorbenen zu verstehen.
Dabei muss unterschieden werden zwischen den Remains
der Gemeinschaft und jener Menschen, die aus dieser
ausgesondert werden sollten, zwischen positiven „Anderen“
und negativem „Othering“. Besonders im Süddeutschen Raum
fanden sich mit Beinhäusern Orte der Zweitbestattung. Aus
der Not heraus geboren – die Bestattung ad sanctos erforderte
stetig Platz in der Nähe der Kirchen –, entstanden so Orte der
Gemeinschaftskonstruktion. Hier landeten die Knochen der
eigenen Gruppe, hier konnte für ihr Seelenheil gebetet werden,
und hier versicherte man sich der Teilnahme an dieser Traditionslinie.
Zugleich waren die Beinhäuser Bannräume, welche
die Knochen und ihre übernatürlichen Fähigkeiten (ver-)bargen.
Dieser Praxis stand die schändende Ausstellung all jener
gegenüber, denen keine ewige Ruhe (und somit auch kein Seelenheil)
zugestanden werden sollte. Dazu gehörten im ersten
Schritt etwa Verbrecher:innen, Suizidant:innen oder Sexarbeiter:innen.
Für diese wurde die Ausstellung ihrer sterblichen
Überreste, etwa an Hinrichtungsstätten, Stadtmauern oder in
Sektionssälen zur erweiterten Bestrafung. Die Differenzierung
zwischen „guten“ und „schlechten“ Leichen war somit eine
Form der Sanktionierung und Disziplinierung.
Besonders die Ansprüche der Sektionen in den in der Frühen
Neuzeit entstehenden Anatomien führte zu einem gesteigerten
Bedarf an menschlichen Überresten – und so zu einer Steigerung
von Formen der Gewalt. Da diese Verbringung mit dem
Bestattungsentzug und inhärent mit dem Risiko für das Seelenheil
einherging, mutete man dies jenen zu, die keine Kapazitäten
hatten, sich zu erwehren. Die eben erwähnten Gruppen der
Verbrecher:innen, Suizidant:innen oder Sexarbeiter:innen – also
jener, die ohnehin am Rand des Gesetzes standen – wurden vielerorts
erweitert um Fremde, Mittellose, unverheiratete Mütter
oder deren Kinder. In allen Gebieten des Heiligen Römischen
Reiches wurde wiederholt betont, dass die Verbringung in die
Anatomie explizit nicht als postmortale Strafverlängerung zu
verstehen sei. Damit unterschied sich das Reich etwa von England,
wo die Anatomy als Strafmittel eingesetzt wurde. In deutschen
Landen hingegen wurde es als Notwendigkeit gesehen,
die entsprechend von Obrigkeit und Klerus akzeptiert wurde.
Dennoch entstand genau dieser Eindruck von Bestrafung bei
den Betroffenen. Diese versuchten, sich mit allen Mitteln vor
dieser Gewalt zu schützen, was wiederum zu weiteren Formen
der Gewalt führte, um das Recht durchsetzen zu können. Konzepte
der Körperspende etablierten sich in BRD und DDR erst
weit in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, bis dahin musste
also allgemein von der Unfreiwilligkeit der Individuen ausgegangen
werden. Nur in seltensten Fällen wurden dabei explizite
Einwilligungen überliefert, wie etwa das Skelett des Anatomen
Meckel, der dieses seiner eigenen Anatomiesammlung in Halle
(Saale) stiftete. Meckel versuchte dabei, Anfang des 19. Jahrhunderts
eine Frühform der Körperspende zu etablieren, etwa
durch Vergünstigungen für die Hallenser:innen. Sein Vorhaben
setzte sich nicht durch, Meckels Fall blieb ein Unikum.
Fragwürdige „Handelsware“
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich aus dem Interesse an Anatomie
das anthropologische Interesse an Menschen und ihren
„Rassen“. Hierfür führten nun Anatomie und als neue Disziplin
Anthropologie bis dato bekannte Sammel- und Gewaltmuster fort,
zudem wurden diese erweitert, um explizit menschliche Überreste
von BIPoC zu akquirieren. Vor der Entwicklung der Ideen von
16 HUMAN REMAINS
1
Historische medizinische
Sammlungen zwischen Ethik,
Recht und musealer Praxis
TEXT: JULIA MARIA KORN
HUMAN REMAINS
Historische medizinische Sammlungen sind für Museen und Universitäten gleichermaßen
bedeutende Ressourcen. Sie dokumentieren anatomische, pathologische und medizinhistorische
Entwicklungen, werfen jedoch zugleich komplexe Fragen nach Ethik,
Recht, Provenienz und Präsentation auf.
17
Der Umgang mit Human Remains unterscheidet sich grundlegend
vom Umgang mit anderen Sammlungsobjekten. Zu den
Human Remains zählen laut dem Leitfaden „Empfehlungen
zum Umgang mit Human Remains in Museen und Sammlungen“
des Deutschen Museumsbunds Knochen, Mumien,
Moorleichen, Weichteile, Organe, Gewebeschnitte, Embryonen,
Föten, Haut, Haare, Fingernägel und Fußnägel (die vier
zuletzt genannten auch, wenn sie von Lebenden stammten)
sowie Leichenbrand. Zudem zählen auch alle (Ritual-)Gegenstände,
in denen die oben genannten Human Remains eingearbeitet
wurden, dazu.
Human Remains sind untrennbar mit einer verstorbenen Person
verbunden und bedürfen daher einer besonderen Behandlung,
wie Andreas Winkelmann, Professor für Anatomie
mit Forschungsschwerpunkt auf der Geschichte und Ethik
der Anatomie sowie Human Remains aus der Kolonialzeit /
Provenienzforschung an der Medizinischen Hochschule Brandenburg,
klarstellt. Zentral ist die Wahrung der menschlichen
Würde, die Vermeidung von Kommerzialisierung und – wo
möglich – die Beachtung informierter Zustimmung. Während
in der modernen Anatomie Körperspenden auf der Grundlage
von Informed Consent üblich sind, fehlen solche Vereinbarungen
für historische Präparate. Hier stellt sich die Frage, inwieweit
heutige Maßstäbe auf frühere Zeiten übertragen werden
können. Fachleute wie Winkelmann verweisen darauf, dass die
Erinnerung an Individuen mit der Zeit verblasst und damit auch
die Bindung an die Person schwächer wird. Unterschiede bestehen
zudem je nach Art der Präparate: Ein mikroskopischer
Schnitt mit winzigen Gewebespuren wird anders wahrgenommen
als ein vollständiger Kopf, an dem persönliche Züge erkennbar
bleiben. Diese Abstufungen können die ethische Bewertung
im Einzelfall beeinflussen.
Ethisch ebenfalls von wesentlicher Bedeutung ist die Frage
nach den Umständen des Todes, des Erwerbs und auch die
Entstehung der Human Remains oder der Ritualgegenstände,
wie der Leitfaden des Museumsbunds klarstellt. Diese Umstände
müssen sowohl rechtlich als auch ethisch bewertet werden.
Als besonders problematisch bezeichnet der Leitfaden Human
Remains, wenn sie aus einem sogenannten Unrechtskontext
stammten. Dieser Ausdruck ist jedoch weder ein Rechtsbegriff
noch ein stehender Begriff der Ethik. Die Feststellung, ob ein
Unrechtskontext vorliegt, gestaltet sich insofern schwierig, da
„in verschiedenen Kulturen und zu verschiedenen Zeiten sehr
unterschiedliche Wertmaßstäbe galten und gelten“. Die Museen
und Sammlungen müssen also klären, ob solche Umstände
vorlagen. Als Unrechtskontexte nennt der Leitfaden zwei Fallgruppen.
Zur ersten Fallgruppe gehören Personen, die Opfer
einer Gewalttat wurden und/oder deren Körperteile gegen
ihren Willen bearbeitet und aufbewahrt wurden bzw. immer
noch werden. Die zweite Fallgruppe umfasst solche Human
Remains, die ohne Zustimmung der ursprünglichen Eigentümer
oder sonstigen Verfügungsberechtigten in eine Sammlung
gelangten – etwa infolge von Gewaltanwendung, Zwang,
Raub, Grabschändung oder durch Täuschung.
Gesetzeslage
In Deutschland ist die Rechtslage komplex und heterogen. Der
Umgang mit Toten fällt in den Zuständigkeitsbereich der Bundesländer
und ist meist über Bestattungsgesetze geregelt. Für
historische anatomische Sammlungen existieren jedoch keine
klaren gesetzlichen Vorgaben. Teilweise werden menschliche
Überreste sogar als Objekte betrachtet, an denen Besitzrechte
bestehen. Abgetrennte Körperteile gelten rechtlich als bewegliche
Sachen und können verschenkt oder verkauft werden,
während für vollständige Leichen die Verfügungsgewalt
durch den Straftatbestand der „Störung der Totenruhe“ stark
eingeschränkt ist. Das Bestattungsrecht greift dabei nur bei
1
Die Marburger Anatomie
blickt auf eine
lange Geschichte
zurück – hier ein Stich
der Alten Anatomie.
Entsprechend groß
ist die anatomische
Sammlung, die die
Universität inzwischen
aus ethischen Gründen
geschlossen hat:
Viele Verstorbene waren
ohne ihr Einverständnis
Teil der Sammlung
geworden.
32 NEWS
Cranach-Gemälde: Wiedervereint
nach 90 Jahren
Historischer Hintergrund des Gemäldes
Das Cranach-Gemälde ist seit 1644 in den Gothaer Sammlungen
nachweisbar. Vermutlich kam es als Mitgift der Herzogin
Elisabeth Sophie von Altenburg nach Schloss Friedenstein. Seine
Bildthematik verweist auf das Motiv der „Weibermacht“: den
gefährlichen Einfluss schöner und kluger Frauen auf Männer.
Dieses Bildprogramm war am Hof beliebt und hatte im protestantischen
Kontext des 16. Jahrhunderts zugleich eine warnende
Funktion – es galt als abschreckendes Beispiel gegen Tyrannei
und die „katholische Irrlehre“.
Die Stiftungssatzung der 1930er-Jahre erlaubte eine Trennung
von vermeintlich „schadhaften“ Werken, zumal man vor dem
Krieg noch über eine umfangreiche Sammlung mit Cranach-
Gemälden verfügte. So wurde das Gemälde 1936 verkauft. Der
Händler ließ es zersägen, da er argumentierte, „… da ein tägliches
Anschauen für fein besaitete Menschen unerträglich sein
würde“. Der obere Teil mit der Figur der Salome konnte als ernestinische
Prinzessin deutlich besser vermarktet werden, während
das untere Fragment mit dem abgeschlagenen Haupt des
Johannes zurück nach Gotha gelangte.
Der Weg der Fragmente
Die „Johannesschüssel“ blieb also in Gotha und wurde 2015 umfassend
restauriert. Sie war zuletzt 2021 in der Ausstellung „Wieder
zurück in Gotha! Die verlorenen Meister“ zu sehen. Das obere
Fragment hingegen verschwand nach einer Auktion bei Christie’s
in London im Jahr 2012 zunächst aus dem Blickfeld der Forschung.
Erst 2024 tauchte es erneut im Kunsthandel auf. Es wurde durch
Prof. Dr. Gunnar Heydenreich vom Institut für Restaurierungs- und
Konservierungswissenschaft (CICS) an der TH Köln untersucht,
der Restaurierungsbedarf feststellte. Dank der Kulturstiftung Gotha
konnte das fehlende Fragment schließlich erworben werden.
Text: Julia Maria Korn
Kunstgeschichte, Restaurierung und Sammlungsgeschichte –
drei Schlagworte, die die Rückkehr eines außergewöhnlichen
Werkes in den Mittelpunkt rücken. Im Herzoglichen Museum
Gotha sind nach fast 90 Jahren zwei lange getrennte Fragmente
des Gemäldes „Salome mit Johannesschüssel“ (um 1530) wieder
vereint worden. Das Werk aus der Werkstatt oder Nachfolge von
Lucas Cranach dem Älteren zählt zu den zentralen Beständen
der Gothaer Kunstsammlung und markiert zugleich ein wichtiges
Kapitel in der Geschichte der Kunst des 16. Jahrhunderts.
Im Altdeutschen Saal des Herzoglichen Museums Gotha ist
seit dem 1. September 2025 ein seltenes Ereignis zu sehen: Die
beiden Hälften des zersägten Cranach-Gemäldes „Salome mit
Johannesschüssel“ hängen erstmals seit fast einem Jahrhundert
wieder gemeinsam an der Wand. Ursprünglich bildeten
sie eine Einheit, bis ein Kunsthändler das Werk in den 1930er-
Jahren aus kommerziellen Gründen trennte. „In dem Katalog zu
der Ausstellung ‚Wieder zurück in Gotha‘ (2021) heißt es in dem
Artikel zu dem Gemälde Salome mit Johannesschüssel noch:
‚Der obere Teil des Gemäldes tauchte letztmals 2012 im Kunsthandel
auf und ist seither verschollen.‘ Diesen Absatz können
wir nun umschreiben! Ich bin der Kulturstiftung Gotha sehr
dankbar, dass sie uns den Ankauf der Salome ermöglicht hat
und wir nun dank ihr beide Gemäldeteile wieder zusammenführen
können“, erklärte Dr. Tobias Pfeifer-Helke, Direktor der
Friedenstein Stiftung Gotha.
Bedeutung für Forschung und Sammlung
„Diese Rückführung ist ein außergewöhnlicher Gewinn – für Gotha
und für die kunsthistorische Forschung insgesamt. Nach fast
90 Jahren ist das Gemälde ‚Salome mit dem Haupt Johannes‘
erstmals wieder in seiner ursprünglichen Form erlebbar – so, wie
es vor fast 500 Jahren gedacht und geschaffen wurde. Dass das
Werk zu den nur acht Gemälden von Lucas Cranach zählt, die im
ersten Inventar der Gothaer Kunstkammer verzeichnet sind, unterstreicht
seine besondere historische Bedeutung. Mit der Rückführung
des Fragments gewinnt Gotha nicht nur ein wichtiges
Stück seiner Sammlungsgeschichte zurück – auch die kunsthistorische
Forschung profitiert: Neue Fragen und Erkenntnisse zur
Werkstattpraxis Cranachs, zur Restaurierung und zur künftigen
Präsentation der beiden Tafeln stehen nun im Raum“, betonte Dr.
Timo Trümper, Direktor Wissenschaft und Sammlungen der Friedenstein
Stiftung Gotha. Das wiedervereinte Cranach-Gemälde
eröffnet Forschenden damit neue Perspektiven. Die genaue Zuschreibung
an die Werkstatt oder Nachfolge Cranachs des Älteren
bleibt Gegenstand künftiger Untersuchungen.
Geplante Restaurierung
Für 2026 ist eine umfassende Restaurierung des oberen Fragments
geplant. Diese soll in Zusammenarbeit mit dem Institut
für Restaurierung der Technischen Hochschule Köln erfolgen.
Derzeit wird noch überlegt, ob die beiden Teile des Werks wieder
miteinander verbunden werden sollen. Klar ist jedoch, dass
der Schnitt auch nach einer Restaurierung und möglichen Zusammenführung
immer sichtbar bleiben wird. Die Rückführung
beider Fragmente stärkt nicht nur den Bestand der Gothaer
Kunstkammer, sondern unterstreicht auch die Bedeutung von
Kooperationen zwischen Museen, Stiftungen und wissenschaftlichen
Institutionen.
Ein Meilenstein für Gotha und die Kunstgeschichte
Nach fast 90 Jahren hängt das Cranach-Gemälde „Salome mit
Johannesschüssel“ wieder als Ganzes im Herzoglichen Museum
Gotha. Die Rückführung ist mehr als ein Sammlungsgewinn:
Sie steht für das Zusammenspiel von Forschung, Restaurierung
und kulturellem Engagement. Durch die Arbeit von Experten,
die Unterstützung der Kulturstiftung Gotha und die historische
Bedeutung des Werkes wird das Gemälde nicht nur für Besucherinnen
und Besucher zugänglich gemacht, sondern auch
für die kunsthistorische Forschung in neuem Licht erlebbar. Damit
schließt sich ein Kreis, der vor fast einem Jahrhundert durch
ökonomische Entscheidungen aufgebrochen wurde – ein Kreis,
der nun ein Stück europäischer Kunstgeschichte zurück in seine
ursprüngliche Form gebracht hat.
NEWS
33
1
1
Einst getrennt, nun
wieder vereint: Das Gemälde
„Salome mit der
Johannesschüssel“ von
Lucas Cranach d. Ä.
38 HUMAN REMAINS
1
In der Klosterkirche von
Polling bei München
liegen Katakombenheilige
– geheimnisvolle
Reliquien aus Rom. Wer
waren diese Menschen,
und warum wurden sie
hierher gebracht?
1
Die Katakombenheiligen aus
Rom in Oberbayern
TEXT: DR. FRIEDRICH J. BECHER
HUMAN REMAINS
Beim Besuch der ehemaligen Klosteranlage in Polling erblickt man zwei reich geschmückte
Skelette: Die Märtyrer Constantius und Benignus ruhen da auf Seidenkissen, und man
fragt sich womöglich: Wer waren diese Menschen, die noch heute die Besucher:innen in
Staunen versetzen? Wie kamen ihre Gebeine hierher, und warum sind sie hier?
39
Polling, 2025: Wer sich die Lichtinstallation „untitled 1970“ von
Dan Flavin anschaut, findet danach den Weg nicht nur in das
nahegelegene Gasthaus. Durch das große Tor der ehemaligen
Klosteranlage, vorbei am historischen Schandstein, hinein in
die Stiftskirche Heilig Kreuz. Hier wartet auf die Kulturinteressierten
ein Tafelkreuz und feinster bayerischer Barock. Doch
die Seitenaltäre lassen die Besucher:innen stutzen: Dort werden
die Reliquien der heiligen Märtyrer Constantius und Benignus
gezeigt. In großen Schneewittchensärgen liegen die
Skelette, fast keck auf Seidenkissen aufgestützt, als würden sie
die Gläubigen anschauen. Sie sind reich verziert, ihre Kleidung
besteht aus unzähligen Goldfäden. Sie wirken keineswegs angestaubt
oder vergessen, und doch verwundern sie im so laizistischen
21. Jahrhundert. Wer waren diese Menschen, die
hier als Märtyrer, so schreiben es die Schilder oberhalb und
so bezeugen es die Palmwedel als Attribute, der Gemeinde
gezeigt werden? Und wieso wurden sie so reich verziert, überstrahlen
in ihrem Glanz gar die aufwendige Ausgestaltung des
Kircheninnenraums – auf Mitte des 18. Jahrhunderts datiert
zum Beispiel die Ausgestaltung des Bühnenaltars durch den
Münchner Bildhauer Johann Baptist Straub.
Rom, 1578: Bei Arbeiten vor den Mauern Roms wird eine spätantike
Katakombe entdeckt. Auf einem idyllischen Weinberg
gelegen, öffnet sich eine frühchristliche Grablege zum ersten
Mal seit ewigen Zeiten. Der Fund ist sensationell! Nicht nur
eilen Schaulustige und Forschende zur Fundstelle, auch der
Heilige Stuhl wird aufmerksam.
Besonders im deutschsprachigen Gebiet nördlich der Alpen
gewinnen die Lutherischen immer mehr an Boden. Dies bedroht
nicht nur die geistliche Macht, auch die damit in dieser
Zeit verbundene weltliche Macht droht zu wanken. Im Zuge der
katholischen Reform – in der Forschung lange als „Gegenreformation“
bekannt – suchen also die katholischen Landesfürsten
wie der Papst, die heilige Mutter Kirche zu stärken. Dazu
kommt die Nekropole gerade recht: Müssten sich nicht hier,
unter all den Christ:innen auch Märtyrer:innen finden, die es zu
heiligsprechen gälte? Diese würden dann als Miles Christi – als
Soldat:innen Jesu – der Reformation Einhalt gebieten können.
Besonders reizvoll war dabei die Größe der gefundenen Reliquien.
Wenngleich grundsätzlich in der katholischen Lehre jegliche
Größe als Reliquienknochen als pars pro toto die Heiligen
vertritt, so ist den Verantwortlichen in Rom im Sommer 1578 jedoch
bewusst, dass die Größe eben doch eine Rolle spielt und
das Volk auf kleinste Fragmentchen anders reagiert als es auf
diese ganzen Skelette reagieren würde. Besonders, dass sie als
Menschen erkennbar sein würden, versteht man als reizvoll –
was ist schon ein amorphes Knochenfragment gegen die Aura
eines Heiligen, dem die Gläubigen ins Gesicht schauen und
sich mit ihm identifizieren können?
Mittel der Gegenreformation
Um die heiligen Leiber zu identifizieren, geht man mit Methoden
vor, die in der Rückschau arbiträr erscheinen mögen. Roter
Staub kann als Indiz für Messwein oder im Martyrium vergossenes
Blut gewertet werden, ein süßlicher Duft verweist auf die
Heiligkeit ebenso wie besonderer Lichteinfall. Auch etwaige
2
In drastischen Bildern
stellte Richard Verstegen
dar, wie katholische
Kirchen angeblich geschändet
wurden. Das
Werk „Theatrum crudelitatum
haereticorum
nostri tempris“ erschien
in mehreren Auflagen.
52 NEWS
Blick auf die Sammlung – Gemälde und Grafiken
der Düsseldorfer Malerschule
Text: Julia Maria Korn
Alle zwei Jahre richtet die Dr. Axe-Stiftung mit ihrer Ausstellungsreihe
einen „Blick auf die Sammlung“. Im Jahr 2025/26
stehen die Druckgrafiken im Zentrum dieser Präsentation. Vom
25. Oktober 2025 bis zum 4. Oktober 2026 werden die sonst nur
selten zugänglichen Schätze im Kronenburger Museum der
Stiftung der Öffentlichkeit dargeboten.
Nicht selten ruhen Grafiken unbeachtet im Depot – ihre Empfindlichkeit
gegenüber Licht macht ihre Präsentation aus konservatorischer
Sicht besonders anspruchsvoll. Als Erzeugnisse,
die gleichermaßen Handwerk wie Kunst vereinen, entziehen sie
sich einer eindeutigen Kategorisierung. Gleichwohl gehörte die
Druckgrafik an der Düsseldorfer Kunstakademie seit ihrer Neubegründung
im Jahre 1819 unter Wilhelm von Schadow selbstverständlich
zum festen Bestandteil der Ausbildung. In einer
eigens eingerichteten Grafikklasse wurde sie unter der Leitung
des Kupferstechers Ernst Carl Thelott gelehrt.
Vielfältige Anwendungsfelder der Druckgrafik
Das Betätigungsfeld der Druckgrafik war überaus breit gefächert:
Bücher und Zeitschriften erfuhren durch Illustrationen
ihre visuelle Bereicherung, während sogenannte Reproduktionsgrafiken
– die in Druck überführten Abbildungen von Gemälden
– in hohen Auflagen zur Verbreitung und Bekanntmachung
berühmter Werke Düsseldorfer Künstler im In- und Ausland beitrugen.
Die einzelnen Arbeitsschritte – vom Nachzeichnen des
Gemäldes als Vorlage über die Bearbeitung der Druckplatte bis
hin zum eigentlichen Druck und der verlegerischen Betreuung
– lagen dabei in der Regel in verschiedenen Händen.
Die Druckgrafik als künstlerisches Original
Besonders seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nutzten
Künstler die Druckgrafik zunehmend als eigenständiges Medium
künstlerischer Reflexion. Die sogenannte Künstlergrafik, die
von den Künstlern selbst gefertigt, signiert und in kleiner Auflage
gedruckt wurde, gewann den Rang eines autonomen „Originals“.
Um die Sichtbarkeit und Anerkennung dieser Kunstform
zu steigern, entstanden in den 1870er-Jahren Vereinigungen
wie der „Düsseldorfer Radirclub“ und der „Sankt Lucas-Club“.
Ihr erklärtes Ziel war es nicht zuletzt, auch andere Künstler zur
praktischen Auseinandersetzung mit druckgrafischen Techniken
zu ermutigen.
gegliederten Kapiteln werden Landschaftsdarstellungen, figürliche
Szenen wie Genrebilder und Porträts ebenso behandelt
wie die vielfältigen Illustrationen in Büchern und Bilderbogen,
die auch für ein breites Publikum erschwinglich waren. Durch
die Gegenüberstellung malerischer und druckgrafischer Werke
treten nicht nur thematische Vorlieben und technisches Können
hervor, sondern zugleich eine bemerkenswerte Vielseitigkeit in
den Ausdrucksformen künstlerischen Schaffens.
Die gemeinnützige Dr. Axe-Stiftung hat ihren Sitz in Bonn. Mit
ihren breitgefächerten Fördermaßnahmen unterstützt sie Anliegen
des Opferschutzes, der Altenhilfe sowie des Tierschutzes
und fördert Wissenschaft, Kunst und Kultur. In diesem letzten
Stiftungszweck widmet sie sich mit ihrem Kunstkabinett in
Kronenburg/Eifel der Kunst der Düsseldorfer Malerschule.
Kunstkabinett der Dr. Axe-Stiftung, Gerichtsstraße 12, 53949
Dahlem-Kronenburg
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag, 12–17 Uhr. Jeden ersten
Sonntag im Monat findet eine öffentliche Führung statt. Der Eintritt
ist stets kostenfrei. Online können die jeweils aktuelle sowie
weitere vergangene Ausstellungen digital durchlaufen werden.
1
kunstkabinett.axe-stiftung.de/
Künstlerische Vielfalt im 19. Jahrhundert
Über das gesamte 19. Jahrhundert hinweg – von Johann Wilhelm
Schirmer, Alfred Rethel, Caspar Scheuren und Andreas
Achenbach über Arthur und Eugen Kampf bis hin zu Walter
Ophey – eröffnete die Druckgrafik den Kunstschaffenden die
Möglichkeit, ihre Werke einem größeren Publikum zugänglich
zu machen, den Absatzmarkt zu erweitern und zugleich neue
künstlerische Experimente zu wagen.
Die Ausstellung
Die Ausstellung präsentiert Arbeiten jener Künstler, die sowohl
malerisch als auch druckgrafisch tätig waren. In thematisch
NEWS
53
2
1
„Winterlandschaft mit
Wasserschloss“ – stimmungsvoll
eingefangene
Szenerie von Carl
Hilgers (1818–1890),
in der Figuren, Tiere
und Architektur in einer
verschneiten Flusslandschaft
miteinander
verschmelzen. Ähnliche
Motive steuerte Hilgers
zu den Bilderbogen bei.
2
Kunst für alle: Mit den
farbigen Bilderbogen
wurde die Düsseldorfer
Malerschule im 19.
Jahrhundert massenhaft
populär.