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Empfehlungskatalogsm 2025

Unsere Lieblingsbücher aus diesem Jahr.

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Liebe Menschen,

welche Erwartungen haben Sie an ein Buch? Möchten Sie eintauchen in fremde Welten oder

andere Leben, sind Sie auf der Suche nach Entspannung und Ablenkung, wollen Sie Nervenkitzel

und atemberaubende Spannung oder möchten Sie etwas Neues lernen? Wir haben in unserem

Katalog für alle Bedürfnisse die passenden Bücher versammelt und dabei wieder einmal

festgestellt, wie bunt und - im wahrsten Sinne des Wortes - vielseitig die Buchwelt ist.

Menschen haben sich schon immer Geschichten erzählt, um daran zu wachsen, Trost zu finden

oder eben einfach um diesem Leben begegnen zu können und genau diese Kraft wohnt der

Literatur noch immer inne. Wir sind dankbar, dass wir zu dieser Welt Zugang haben, und wir

freuen uns, dass auch Sie, die diesen Katalog jetzt in Händen halten, ein Teil davon sind. Ein

wenig begreifen wir uns als Ihre Flugbegleitung auf dem Weg in ein Land, in dem Vieles

möglich ist. Vielen Dank, dass Sie uns für diese Reise immer wieder Ihr Vertrauen schenken.

Hiermit laden wir Sie auf viele Entdeckungstouren ein, die Sie hoffentlich genauso bereichernd

finden wie wir auch. Viel Spaß beim Durchblättern!

Herzlichst

Ihr WortReich-Team

Wir danken allen Übersetzer:innen für Ihre Arbeit. Ohne Sie wäre die Welt der Bücher ärmer.

Dieser Katalog ist mit allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung bedarf der schriftlichen Zustimmung. Alle Rechte vorbehalten. Die

im Katalog genannten Preise und bibliographischen Angaben sind sorgfältig überprüft. Irrtum bleibt aber vorbehalten. Die €-Preise gelten für Deutschland.

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Das Meer und seine Geheimnisse sind seit

jeher ein beliebtes Sujet in der Literatur.

Uns haben es in diesem Jahr gleich

mehrere Bücher angetan, in dem der

Ozean eine wichtige Rolle spielt.

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Sehnsucht und Selbstbestimmung vor irischer Kulisse

In Coast Road lässt uns Alan Murrin hinter die Fassade und in die Leben der Bewohner:innen des kleinen

irischen Küstenstädtchens Ardglas blicken. 1994: Die Rückkehr von Colette Crowley sorgt für Aufsehen.

Die Schriftstellerin hatte einst Mann und Kinder verlassen, um mit ihrem Liebhaber in Dublin zu leben -

nun will sie zurück zu ihren Söhnen. Doch ihr Mann Shaun verweigert ihr jeden Kontakt.

Colette weiß, dass es nicht wieder so sein wird wie früher. Aber sie will unbedingt wieder Zeit mit ihren

Söhnen verbringen, gerade ihr jüngster, Barry, vermisst seine Mutter genauso wie sie ihn. Colette zieht

fürs Erste in ein kleines Cottage an der Coast Road, das sie von Dolores Mullen anmietet. Dolores ist

Mutter von drei Kindern, das vierte bereits auf dem Weg. Als sie damals sehr jung schwanger wurde, war

die Hochzeit mit ihrem Mann Donal quasi schon beschlossen, um einen Skandal zu vermeiden. Nun

kümmert sie sich um beinahe alles und kommt kaum aus dem Haus. Donal, ein notorischer Fremdgeher,

dafür umso mehr. Außerdem ist da noch Izzy Keaveney, verheiratet mit James, einem lokalen Politiker.

Sie hat früher einen kleinen Blumenladen geführt. Doch seit James die Pacht aufgekündigt hat, da eine

berufstätige Ehefrau seinem Image schaden könnte, fühlt Izzy sich ungesehen und allein. Die zwei sehen

sich manchmal wochenlang nicht und Izzy droht, in Depressionen abzurutschen. Wie gut, dass Colette

einen Kurs in kreativem Schreiben anbietet. Coast Road ist ein fantastisches Debüt, und fasst mit tollem

Schreibstil Themen wie Pflichten, Sehnsüchte, Ängste und Wünsche ins Auge, zu einer Zeit, zu der die

Scheidung in Irland gesetzlich verboten war.

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Das Meer vergisst nicht

Was, wenn die Vergangenheit mit der ungezähmten Kraft des Meeres in die Gegenwart dringt und Dinge,

die vielleicht nicht vergessen, ganz sicher aber verdrängt wurden, wieder hervortreten?

1900. Ein kleines Dörfchen auf der schottischen Insel Skerry. In einer stürmischen Nacht entreißt der

Fischer Joseph dem Meer einen kleinen Jungen. Die Dorfgemeinschaft ist wie vom Donner gerührt, als

sie davon erfährt. Denn der Junge sieht dem Sohn der Dorflehrerin Dorothy, der vor Jahren im Meer

ertrank, erstaunlich ähnlich. Als sich Dorothy dann auch noch bereit erklärt, sich dieses Geschenk des

Meeres anzunehmen, ist die Überraschung perfekt. Und während die Lehrerin sich um den kleinen

Jungen kümmert, drängt ihre Vergangenheit mit Macht wieder an die Oberfläche. Julia Kelly erschafft in

diesem wunderbaren Roman zwei Zeitebenen und nimmt uns neben den aktuellen Geschehnissen in

Skerry mit in Dorothys Vergangenheit. Durch die Augen der verschiedenen Dorfbewohner:innen schauen

wir auf die Ankunft Dorothys, ihre Anfänge als Dorflehrerin, und wie sie versucht, in einer Gemeinschaft

Fuß zu fassen, die ihr nicht nur wohlwollend gegenübersteht. Kelly schafft es meisterlich, dem kleinen

Küstenort Leben einzuhauchen, denn alles fühlt sich sehr authentisch an. Das Leben in Skerry ist

entbehrungsreich und doch erfüllend, schrullig und komisch - nicht immer freiwillig. Außerdem ist mit

dem tosenden Meer beinahe eine weitere Nebenfigur geschaffen worden. Die vertanen Chancen in den

Leben von Dorothy und Joseph gehen ans Herz und so entsteht ein wunderbar gefühlvoller Roman, der

gänzlich ohne Kitsch auskommt.

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Ein ganzes Dorf erzählt.

Ein kleines Fischerdorf an der Westküste Irlands, das Rauschen des Atlantiks, ein geheimnisvolles Kind,

das eines Tages im Jahr 1973 in einem Fass am Strand gefunden wird: Mit dieser Szene beginnt Garrett

Carrs erster Roman für Erwachsene und sofort fällt einem die ungewöhnliche Erzählperspektive auf. In

der Junge aus dem Meer erzählt das Dorf, ein kollektives Wir, seine Geschichte und zeitgleich die von

zwei ungleichen Brüdern, die zwar immer miteinander verstrickt aber nie verbunden sind. Von Anfang

an ist man mittendrin in einer Geschichte, die zugleich mythisch und ganz alltäglich wirkt.

Ambrose und Christine nehmen den Jungen bei sich auf, geben ihm den Namen Brendan und stürzen

ihre Familie damit in eine lange, nicht immer leichte Geschichte. Ihr eigener Sohn Declan akzeptiert den

Fremden nicht, Rivalität und Eifersucht prägen ihr Zusammenleben. Zugleich verändert sich das Dorf: Die

Fischer kämpfen ums Überleben, Europa hält Einzug, und der Rhythmus des Meeres bleibt doch das Maß

aller Dinge.

Carr erzählt diese Familien- und Dorfgeschichte in einer eindringlichen Mischung aus schlichter Sprache

und poetischer Kraft. Mal sprechen die Figuren selbst, mal erhebt das Dorf als vielstimmiger Chor seine

Stimme. Daraus entsteht ein Roman voller Wärme und Witz, voller leiser Magie und großer

Wahrhaftigkeit. Wer Claire Keegans Kleine Dinge wie diese, Julie Otsukas Wovon wir träumten oder

Thornton Wilders Unsere kleine Stadt mochte und Lust auf eine längere, atmosphärisch dichte

Erzählung hat, wird diesen Roman lieben. Ein leises, starkes Buch über Familie, Gemeinschaft - und die

unberechenbare See.

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Die gefährliche Seite des Meeres

„Die Welt fällt in endlose Stille. Nur das Geräusch des Meeres, das den Wind auf dem Rücken trägt.”

Ein kleines Fischerdorf an der Küste Mexikos. Die beiden Männer Bolivar und Hector sind

grundverschieden. Der eine träge, leicht desillusioniert und trotzdem sehr von sich überzeugt, lungert

den halben Tag nur rum, während andere Fischer sich schon im Morgengrauen auf die Suche nach dem

großen Fang machen. Der andere, noch jung, unerfahren und mit sich selbst und seiner Beziehung nicht

im Reinen, ist nicht ehrgeizig, wünscht sich aber dennoch mehr vom Leben. Bolivar braucht dringend

Geld, um seine Schulden zu begleichen. Als Fischer kennt er nur die eine Möglichkeit, an Geld zu kommen

und heuert eher widerwillig Hector an, dem er einen hohen Lohn verspricht. Trotz eines drohenden

Unwetters verlässt also ein kleines Fischerboot den Hafen. Was folgt ist Paul Lynchs packender, neuer

Roman über Hoffnung, Einsamkeit und das nackte Überleben. Mit einer beinahe schon lyrischen Sprache

erzeugt er einen atmosphärisch dichten Roman, der mich lange nicht mehr losgelassen hat. Die Kämpfe,

die die beiden Männer sowohl körperlich als auch seelisch mit dem offenen Meer, aber auch mit sich

selbst, austragen, sind zahlreich und verlangen ihnen für die nächsten Wochen und Monate wirklich alles

ab. Ich war begeistert von Paul Lynchs letztem Roman Das Lied des Propheten, war von seiner Art zu

schreiben gefesselt und habe mich förmlich auf Jenseits der See gestürzt. Bei weitem kein

Wohlfühlroman, aber dennoch einer meiner absoluten Favoriten.

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Eine ganze Gemeinde auf dem Weg – und wir mittendrin

Ein Mittsommermorgen gegen Ende des 19. Jahrhunderts im finnischen Schärenmeer: das Licht flirrt, die

Wiesen duften, und von den Höfen und Häusern strömt das Dorfvolk zusammen, um gemeinsam zur

Kirche zu gehen. Erst zu Fuß, dann im großen Ruderboot , insgesamt 97 Menschen, die in den kräftigen,

poetischen Sätzen Volter Kilpis lebendig werden. Der Text ist bereits 1937 auf Finnisch erschienen und

liegt, man muss dafür sehr dankbar sein, jetzt endlich auf Deutsch vor.

Zur Kirche ist kein Roman mit dramatischen Wendungen, sondern eine Einladung, sich Zeit zu nehmen:

für Naturbeobachtungen, für die Stimmen der Dorfbewohner, für ihre Erinnerungen, Konflikte,

Hoffnungen. Man liest von jugendlicher Ungeduld, von alter Weisheit, von geheimen Verletzungen und

spürt dabei, wie ein ganzer Kosmos in Bewegung gerät. Das Buch erinnert daran, wie intensiv

gemeinsames Erleben sein kann, wenn ein ganzer Ort zusammenkommt, fast wie ein Ritual, das weit

über den eigentlichen Anlass hinaus Bedeutung trägt. Beim Lesen hat man das Gefühl, selbst mit im Boot

zu sitzen, den Rhythmus der Ruder zu spüren und den Gesang schon aus der Ferne zu ahnen.

Kilpis Sprache ist reich, manchmal herausfordernd, immer wieder von einer schwebenden Schönheit.

Wer Lust hat, sich auf eine entschleunigende, fast meditative Lektüre einzulassen, wird hier belohnt: mit

einer Reise, die uns nicht nur zur Kirche, sondern mitten ins Herz einer Gemeinschaft führt - und vielleicht

auch ein Stück zu uns selbst. Dieser Roman ist eine wirkliche Entdeckung, ein Juwel, für das man

Übersetzer und Herausgeber Stefan Moster nur danken kann. Der mare Verlag hat den prachtvollen Text

in Leinen gebunden, das Buch mit einem Lesebändchen versehen und ihm einen Schuber verpasst, so

dass man sich von Anfang sicher ist, einen wirklichen Schatz in den Händen zu halten.

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Das Meer nimmt sich, was und wen es will…

Davon können die meisten Bewohner von Stone Harbor und der davor liegenden kleinen Insel Eagle

Island im Roman Die Hummerfrauen ein Lied singen. Viele Familien haben Fischer ans Meer verloren,

nicht zuletzt, weil sie alle nicht schwimmen lernen, damit der Tod im Zweifelsfall schneller eintritt. Die

drei Hauptcharaktere lernt man im Jahr 2000 kennen: Die beiden Hummer-Fischerinnen Ann, die mit 72

Jahren das Fischen nicht einstellt, weil es ihr Lebensinhalt ist, Julie, die nach einem Unfall ihr Leben neu

ordnen musste und spät mit Fischen begonnen hat, es aber nun, mit 54 Jahren, entgegen aller boshaften

Bemerkungen der Männer, doch beherrscht, und die 28- jährige Mina, die in ihrer Kindheit jeden Urlaub

mit Eltern und Bruder auf Eagle Island verbracht hat. Mina kehrt nach einem familiären Schicksalsschlag

an den Traumort ihrer Kindheit zurück - als Leser:in erfährt man erst sehr viel später, was das junge

Mädchen so verstört hat - und sie begegnet Sam wieder, ihrem Gefährten, mit dem sie den Wald und

den Strand erkundet und die gesamten Ferien verbracht hat.

Der Roman erzählt in Rückblenden von den Sommern ihrer Kindheit, vom Verhältnis der Einwohner zu den

Sommergästen, vom Miteinander der Fischerfamilien in der Bucht von Maine und natürlich auch von den

Versehrungen, die Ann und Julie zu verkraften haben. Der Ton untereinander ist teilweise rau - wie die See,

aber herzlich und die drei unterschiedlichen Frauen verbindet bald eine innige Freundschaft. Alle drei haben

einen wichtigen Menschen verloren und Chancen zur Richtungsänderung verpasst. Die Hummerfrauen ist

ein echter Wohlfühl-Roman. man taucht ein in diese Welt wie in einen wirklich schönen Urlaub. Die drei

Frauen aber auch alle anderen Bewohner wachsen einem beim Lesen ans Herz. Großes Lese-Vergnügen!

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Zum Eintauchen

Der Krabbenfischer von Benjamin Wood ist das perfekte Buch für

alle, die Offene See von Benjamin Myers geliebt haben und auf der

Suche nach einem Buch mit ähnlicher Atmosphäre und Lesegefühl

sind. Die Erzählung über den jungen Krabbenfischer Thomas Flett,

der alleine mit seiner Mutter in ärmlichen Verhältnissen in einem

kleinen Dorf an der Küste Englands lebt, wo er täglich seiner

einzigen gelernten Tätigkeit - dem Krabbenfischen - nachgeht, lebt

von einer eindringlichen Ruhe, die sich langsam zu einem unfassbar

dichten Gesamtereignis entfaltet.

Thomas träumt von seinem Vater, dem Musizieren, der Schwester

seines besten Freundes und einem Austritt aus dem monotonen

Ablauf seiner Tage. Als eines Tages der Filmregisseur Edgar Acheson

auf ihn aufmerksam wird, entzündet sich in unserem Protagonisten

ein Feuer, das dem sonst so schüchternen jungen Mann die

Hoffnung auf die Verwirklichung seiner Träume näherbringt.

Sowohl das Hoffnungsvolle als auch das Träumerische vereint der Autor mit einer bittersüßen

melancholischen Note, die den Krabbenfischer zu einem Lesevergnügen sondergleichen werden lässt,

das lange in Erinnerung bleibt. DuMont Verlag 24,-€

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Von Wendepunkten, Neuanfängen und ganz viel Soul

Benjamin Myers Offene See ist eines der schönsten Bücher der letzten Jahre und in unserer

Buchhandlung bereits einige Male über die Ladentheke gegangen. Ein ähnliches Gefühl zu

rekonstruieren, hat Myers mit seinen Folgewerken nicht mehr wirklich hinbekommen - und wollte es

vielleicht auch gar nicht. Sein neuester Streich Strandgut erinnert nun allerdings sowohl emotional als

auch stilistisch sehr an seinen großen Erfolg und so hat die Geschichte um Earlon Bucky Bronco es direkt

in unsere Herzen geschafft.

Seit dem Tod seiner Frau führt Bucky ein Leben zwischen Selbstmitleid, Drogen und dem Gedanken, alles

aufzugeben. Gepeinigt von seiner Vergangenheit, war diese sein letzter Anker und so regt sich nicht viel

in ihm, als eine Einladung für ein Musikfestival im weit entfernten England eintrifft, bei dem er als Sänger

auftreten soll. Vor mehreren Jahrzehnten war Earlon Bucky Bronco nämlich für einen kurzen Moment so

etwas wie ein One-Hit-Wonder. In Amerika und seiner Heimat Chicago interessiert sich allerdings bereits

seit langer Zeit niemand mehr für ihn. Kurzerhand entscheidet er sich, die Reise anzutreten, einzig um

mit Betreten des englischen Bodens all seinen neugewonnen Lebenswillen wieder zu verlieren. Doch die

für ihn vom Festival abgestellte Mittfünfzigerin Dinah nimmt sich seiner mit viel Geschick und Humor an,

um ihm die Freude am Leben zurückzugeben.

Warmherzig, lebensbejahend und mit einer Prise Melancholie erzählt Strandgut die bewegende

Geschichte eines gesamten Lebens und späten Neuanfangs.

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Vier Leben, ein unsichtbares Band

Ein Roman, der dank seines Lebenshungers und einem eindringlichen Erzählstil noch lange nachhallt.

Als Ina, Evelyne und Anastasia in den frühen 90er Jahren in die Drakenberg Siedlung in Stockholm ziehen,

ist sich Jonas noch nicht darüber im Klaren, wie sehr sein Leben von dieser Begegnung beeinflusst

werden wird. Und zunächst ist das auch nicht verwunderlich. Die vier lernen sich zwar flüchtig kennen,

doch schon bald trennen sich ihre Wege wieder. Aber Jonas merkt schnell, dass die drei Mikkola-

Schwestern ihn nicht mehr loslassen. Wir verbringen die nächsten 40 Jahre mit den vier FreundInnen,

denn wie vom Schicksal geführt, kreuzen sich ihre Wege immer wieder, die sich von Schweden über die

USA bis nach Tunesien erstrecken. Ihre Leben scheinen beinahe durch etwas Übernatürliches verbunden

zu sein. Durch die Perspektivwechsel lernen wir auch die grundverschiedenen Ina, Evelyne und Anastasia

immer besser kennen, erfahren mehr über ihre Sehnsüchte, Ängste und Träume. Jonas Hassen Khemiri

hat mit diesem Buch ein persönliches Ziel erreicht, denn mit seinen 736 Seiten ist es so dick, dass der

Titel horizontal Platz auf dem Buchrücken findet. Und doch ist es keine schwere Kost, ganz im Gegenteil.

Man gleitet förmlich über die Seiten, von denen manche von nur einem einzigen Satz eingenommen

werden. Die Schwestern ist ein Familienroman der anderen Art, der mit seiner Vielschichtigkeit und

einnehmender Erzählweise genauso überzeugt, wie mit seinen vier Hauptfiguren, die einem - jede auf

ihre eigene Art - ans Herz wachsen.

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Voller Leben.

Die meisten von Ihnen wissen, dass ich mich nebenberuflich viel mit den Themen Tod, Trauer und

Sterben befasse. Bücher, deren Geschichte in diesem Kosmos spielt, interessieren mich dementsprechend,

was aber nicht bedeutet, dass ich sie per se gut finde. Über das Sterben und alles, was dazugehört, zu

schreiben, ist eine hohe Kunst und an diesen beiden Romanen zeigt sich, dass man, wenn man über den

Tod schreibt, gleichzeitig auch über das Leben schreibt. Das schaffen sowohl Chris Kraus mit Die Sonne

und die Mond und Suzanne Pásztor mit Von hier aus weiter ganz wunderbar. Es darf sogar geschmunzelt

werden und das nicht zu knapp. Sonne und Mond, das sind zwei ehemalig beste Freundinnen, die einst

nichts trennen zu können schien. Dann kam alles anders und während Jana von Mond als Comedy-

Künstlerin Karriere gemacht hat, hat Sonja sich mit ihrem eigenen Bestattungsunternehmen

Sommernachtstraum selbstständig gemacht. Eines Tages steht Jana vor der Geschäftstür und bittet die

ehemalige Freundin darum, ihren Ehemann und dessen Geliebte zu beerdigen. Das ist der Beginn einer

Geschichte um Freundschaft, die Wunden, die einem das Leben zufügt, über Familie, Liebe, Abschiede

und das Leben mit all seinen Fallstricken und Überraschungen. Mal berührend, mal sehr erheiternd und

immer sehr wahrhaftig. Wirklich lesenswert. Genauso ging es mir mit Von hier aus weiter, das bereits im

Frühjahr erschienen ist und für mich nach wie vor eines der schönsten Bücher dieses Jahres ist. Die

Autorin erzählt vom Übrigbleiben, von der Wut, noch da zu sein und weitermachen zu müssen, aber auch

von der Chance, die darin liegt. Ich habe jede Seite geliebt und genossen und die beiden Hauptcharaktere

tief in mein Herz geschlossen. Wenn Sie sich oder anderen etwas Gutes tun möchten, greifen Sie zu

diesem Buch oder noch besser gleich zu beiden.

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Vom Wachsen, Werden und Vergehen

Ein Sohn begleitet seinen Vater auf dessen letztem Weg und erzählt dabei viel mehr als nur von Krankheit

und Abschied. In leisen, präzisen Kapiteln entfaltet sich das Leben eines Mannes, der nach dem Ende des

Sozialismus alles verliert und in seinem Garten eine neue, stille Aufgabe findet. Blumen, Kräuter und

Gemüse werden zu Verbündeten gegen das Fortschreiten der Krankheit - und vielleicht tauschen Vater

und Garten heimlich ihre Lebenskraft. Es ist ein Buch voller Wärme und feiner Ironie, in dem ein

schelmischer Satz ebenso Platz hat, wie ein stiller Blick. Zwischen den Anekdoten über Zwiebeln,

Nachbarn und die kleinen Siege des Alltags blitzt immer wieder die große Frage auf: Wie erzählt man

vom Sterben, ohne dem Leben Unrecht zu tun? Georgi Gospodinov antwortet mit Geschichten, die wie

Samenkörner in der Erinnerung des Lesers aufgehen. So entsteht nicht nur ein bewegendes Porträt des

Vaters, sondern auch eine Liebeserklärung an die Kraft des Erzählens. Der Gärtner und der Tod ist ein

stilles, poetisches Buch über das Abschiednehmen und zugleich ein leuchtendes Zeugnis dafür, wie

Worte das Leben verlängern können. Ein kraftvoller Roman über existenzielle Grenzerfahrungen, über

das Erzählen als Überlebenstechnik und über einen Garten, der mehr ist als ein Stück Erde: Ein Ort, an

dem Liebe und Erinnerung weiterwachsen.

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Der Hund blieb mir im Sturme treu – der Mensch nicht mal im Winde

Es gibt Bücher, die liest man und es gibt Bücher, die erlebt man. Sein Geruch nach dem Regen von Cédric

Sapin-Defour gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Der Autor erzählt die Geschichte seines Hundes

Ubac, eines Berner Sennenhundes, und ihrer dreizehn gemeinsamen Jahre. Doch eigentlich geht es um

weit mehr: um die Liebe zwischen zwei Wesen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und die

dennoch einen Raum teilen, der voller Vertrauen, Freude und Nähe ist.

Wer je einen Hund an seiner Seite hatte, wird in diesen Seiten vieles wiederfinden: das Staunen über die

bedingungslose Hingabe, die kleinen, scheinbar unscheinbaren Momente, die plötzlich eine ganze Welt

öffnen, und auch das bittere Wissen, dass die gemeinsame Zeit begrenzt ist. Sapin-Defour gelingt es,

dieses Geflecht aus Glück, Vergänglichkeit und Erinnerung in eine Sprache zu fassen, die poetisch,

manchmal heiter und oft tief bewegend ist.

Sein Geruch nach dem Regen ist keine einfache Tiergeschichte. Es ist eine Liebeserklärung an das Leben

selbst, an all das, was wir teilen dürfen, bevor die Endlichkeit uns einholt. Wer sich darauf einlässt, wird

lachen, wird weinen und wird vielleicht den eigenen Blick auf das, was zählt, ein wenig klarer

wiederfinden.

Für alle, in deren Herzen ein Vierbeiner weiterlebt.

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Poetisch und emotional

Julia Engelmann, bekannt als Poetry Slammerin, legt mit Himmel ohne Ende ihr Romandebüt vor. Die

15-jährige Charlie fühlt sich oft wie hinter einer Glasscheibe, getrennt von der Welt. Der Verlust des

Vaters, der Konflikt mit dem neuen Partner der Mutter und der unerreichbare Schwarm - all das macht

ihren Alltag schwer und sie zieht sich mehr und mehr zurück. Dass ihre beste Freundin Kati plötzlich

weniger Zeit für sie hat, verstärkt dieses Gefühl des Alleinseins. Dann kommt Kornelius, genannt

Pommes, in die Klasse und die Glasscheibe bekommt langsam Risse. Er zeigt ehrliches Interesse, ist offen

und warm, doch auch er trägt seine eigenen Päckchen mit sich. Die Entwicklung ihrer Freundschaft ist

faszinierend. Sie wächst, wird aber auch auf eine harte Probe gestellt.

Charlies Geschichte berührt zutiefst. Julia Engelmann bringt Charlies Gedanken so stark zum Vorschein,

dass man das Gefühl hat, mit dabei zu sein und ihre Augenblicke von Schmerz, Hoffnung und kleinen

Lichtblicken mitfühlen zu können. Die Mischung aus Melancholie, echten Momenten und leichten,

hoffnungsvollen Augenblicken macht dieses Buch für alle, die es lesen, besonders greifbar. Himmel ohne

Ende ist ein eindrucksvoller Coming-of-Age-Roman über Freundschaft, Selbstfindung und das

Erwachsenwerden. Die Geschichte erinnert einen daran, wie stark Gefühle uns formen können und wie

wichtig echte Verbindungen sind. Ein wunderbares Buch und eine Empfehlung für alle, die besondere

Charaktere und ehrliche Gefühle mögen.

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Von Chorproben und Clubnächten – zwei Bücher voller Klang und Sehnsucht

Zwei Romane, die auf ganz unterschiedliche Weise zeigen, welche Kraft Musik entfalten kann.

Bei Christopher Kloebles Durch das Raue zu den Sternen ist es die 13-jährige Moll, die trotzig und voller

Hoffnung versucht, sich als Mädchen in einem Knabenchor durchzusetzen in der Überzeugung, dass ihre

Mutter zurückkehrt, wenn sie nur singt. Moll ist stur, wild, altklug und verletzlich zugleich. Sie eckt an,

steht allein da und hat doch die unerschütterliche Hoffnung und eine Liebe zur Musik, die sie trägt. Der

Vater, in Trauer versunken, hilft ihr wenig, eine alte Freundin der Mutter umso mehr. Mit poetischer

Klarheit erzählt Kloeble eine Coming-of-Age-Geschichte voller Wärme, Schmerz und Humor, in der Musik

Trost und Halt schenkt.

Holly Brickley führt uns dagegen mit Deep Cuts in die verrauchten Clubs des New York der 2000er, wo

Percy, Joe und Zoe zwischen Freundschaft, Liebe und Obsession ein Leben führen, das sich ganz um

Musik dreht. Jeder Song, jeder Auftritt wird zum Spiegel ihrer Sehnsucht und ihrer Brüche. Wir hören

den Bass dröhnen, riechen den kalten Kaffee nach einer langen Nacht und spüren das unruhige Flirren

einer Generation zwischen Euphorie und Selbstzweifel. Brickley erzählt so intensiv, dass man meint,

selbst mitten im Publikum zu stehen - schweißnass, elektrisiert, ganz im Moment. Deep Cuts ist ein Roman

für alle, die schon einmal länger im Auto sitzen geblieben sind, nur um einen Song zu Ende zu hören und

für alle, die wissen, dass manche Melodien ein Leben lang nachhallen.

Beide Bücher entfalten ihren eigenen Klang, mal wie ein Chor, mal wie ein Gitarrenriff, und zeigen, wie

sehr Musik uns prägt, verbindet und manchmal rettet.

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Ein Gefühl wie neu geboren…

Erics Alltag ist ziemlich festgefahren. Die Arbeit bei Decathlon in Paris bestimmt sein Leben. Seine von ihm

getrennte Frau und sein Sohn Hugo sind ihm nicht mehr wichtig. Seine Mutter macht ihn verantwortlich

für den Tod des Vaters. Somit ist der Einstieg des Romans eher das Gegenteil von Das Glückliche Leben.

Eine ehemalige Schulkameradin, Amelie wirbt Eric für das französische Außenministerium an. Seine

Tätigkeit wird viel interessanter aber auch noch anspruchsvoller, es gibt überhaupt keine Pausen mehr,

aber in diesen Kreisen scheint das völlig normal zu sein, denn auch Amelie hat scheinbar keine Zeit für

ihr Familienleben. Während einer Geschäfts-Reise nach Seoul geschieht die Wende. Eric läuft vor einem

sehr wichtigen Meeting völlig ausgelaugt und erschöpft durch Seouls Straßen und findet ein

Unternehmen - Happy Life - welches die Zeremonie der eigenen Bestattung durchführt. Ziel dieser ganz

besonderen Auszeit sollte ein völlig neuer Blick auf das eigene Leben sein. Eric lässt sich auf dieses

Experiment ein und die kurze Zeit in seinem Sarg verändert ihn komplett. Er steigt anschließend aus

seinem bisherigen Leben aus und gründet in Paris selbst ein solches Unternehmen, um möglichst viele

Menschen zu retten.

David Foenkinos hat diesen Roman sicher geschrieben, um uns zu zeigen, was eigentlich wichtig ist im

Leben. Nach seiner Wandlung bekommt Eric ein ganz anderes Verhältnis zu seinem Sohn, seiner Ex-Frau

und zu seiner Mutter, einfach weil er sich darum bemüht. Das schöne Cover des Romans, auf dem

scheinbar jemand über den Styx gerudert wird, passt perfekt!

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Vom Impromp-Tutu bis Schlaghosen in B-Moll

Für das Verbotene und das Unmögliche findet man immer einen Weg - so hofft die 10jährige Marie zu

Beginn des Romans Chopin in Kentucky von Elizabeth Heichelbech. Und ihr Plan, als berühmte Ballett-

Tänzerin der Armut und den Zwängen ihres Familienlebens zu entfliehen, scheint wirklich in der

Durchführung unmöglich zu sein. Die Familie lebt in Kentucky, ist bitterarm, Marie hat sechs Geschwister

(später kommt noch eines dazu), die Mutter näht aus Altkleider-Sammlungen die kuriosesten Unikate

für die Kinder. Obwohl die kulturelle Bildung einen hohen Stellenwert hat, gibt es natürlich kein Geld für

Maries Ballett-Unterricht. Aber Marie lässt sich nicht beirren, wird unterstützt von ihrem imaginären

Freund Frederic Chopin und der realen Freundin Misty, die von einer Karriere als Elvis-Double träumt.

Das Buch ist teilweise unglaublich lustig zu lesen und gespickt mit äußerst witzigen Momenten und dann

wieder unfassbar traurig. Der Vater ist ein Ungeheuer, man kann es nicht anders nennen. Ständig trägt

der Theologie-Professor einen Bibelspruch vor sich her, verbietet die unzüchtige Ballett-Kleidung sowie

den Kontakt zu halb-garen Katholiken, andererseits verprügelt er seine Kinder und misshandelt seine

Frau. Schwer zu ertragen! Sehr gefallen haben mir die Kapitelüberschriften, die wie Musikstücke benannt

wurden und die sarkastischen Bemerkungen des imaginären Freundes F. Chopin, der vor allem die Musik

der 70-er Jahre, die Mode und die Fernseh-Serien kommentiert. Marie gibt trotz der schwierigen

Bedingungen und ihres zunächst tollpatschigen Auftretens ihr Ziel nicht auf, ist aber nicht egoistisch

sondern kümmert sich auch um andere. Sprachlich ist der Roman wie ein Feuerwerk - muss man wirklich

selbst lesen!

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Leise und eindringlich

Doris Knecht erzählt in Ja, nein, vielleicht die Geschichte einer Frau Mitte fünfzig, die nach Scheidung

und Auszug der Kinder ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben führt. Zwischen Stadtwohnung und

Landhäuschen genießt sie Ruhe, Zeit und Kontrolle über ihren Alltag - bis ihre Schwester einzieht, ein

Zahn zu wackeln beginnt und ein Mann aus der Vergangenheit wieder auftaucht.

Das Buch behandelt Liebe, Hoffnung, Zusammenhalt und Freundschaft und fungiert als kluger Begleiter,

in dem sich viele LeserInnen wiederfinden werden. Es zeigt, dass das Leben nicht nur schwarz-weiß ist,

sondern auch Wandel und Nuancen hat. Insgesamt ist Ja, nein, vielleicht ein einfühlsames, warmherziges

Buch, das nicht nur unterhält, sondern auch zum Nachdenken anregt. Es geht um das Älterwerden, über

weibliche Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. Die lebendige Darstellung der Charaktere und ihrer

Beziehungen macht die Geschichte nachvollziehbar und berührend. Wer eine Geschichte sucht, die das

Leben in all seinen Facetten beleuchtet, ist hier richtig, denn der Roman lebt weniger von Handlung als

von der präzisen, leisen Beobachtung - voller Erinnerungen, Zweifel, Humor und feiner Selbstironie.

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Vom Strom des Lebens

„Der Tod liebt Geschichten, er wird sich auch diese noch anhören wollen, sie ist sich sicher.“

Die 102-jährige Margrit lebt in einer Seniorenresidenz an der Elbe. Jeden Tag lässt sie sich von Arthur zu

den römischen Gärten fahren. Dort sitzt sie auf einer Bank, blickt über den Fluss und lässt ihre

Erinnerungen Revue passieren. Hier in diesem Park hatte sie als Kind schöne Stunden verbracht, als dies

noch der private Garten einer jüdischen Bankiersfamilie war. Angelegt von Elsa Hoffa (die einzige

historische Figur des Romans), der Geliebten ihrer Mutter. Dann kamen die Nazis und der Krieg...

Arthur, der Fahrer, lebt in einem Stelzenhaus, direkt an der Elbe. Er erfindet Sprachen für Videospiele

und Fantasy-Serien. Und er vermisst seinen Zwillingsbruder...

Luzie, Margrits Enkelin, ist gerade 18 geworden und hat die Schule geschmissen. Zu schwer lasten die

Erinnerungen an ein Erlebnis in Australien auf ihr, zu sehr schmerzt sie das Unverständnis ihrer Freunde

und Lehrer. Jetzt will sie Tätowiererin werden und Margrit bietet sich als Übungsobjekt an. Den Einwand,

ein Tattoo sei für immer, wischt sie beiseite: „... mein für immer ist eine sehr absehbare Zeit.“

Erst nach und nach öffnen sich Arthur und Luzie, einander und dem Leser, und erzählen von ihren Erlebnissen

und Traumata. Ganz sanft nähern sie sich einander an und beginnen, wieder nach vorne zu schauen.

Dieser so still und ruhig erzählte Roman Flusslinien von Katherina Hagena handelt von Erinnerungen und

Verlust, von Traumata und Liebe, und von der Möglichkeit, die Zukunft zu gestalten, ohne sich von der

Vergangenheit lähmen zu lassen.

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Freiheit am Ende der Geschichte

Theodora Huntley Carlyle, eine texanische Schönheit aus reichem Haus, heiratet, woran in ihrer Familie

schon fast keiner mehr geglaubt hat, mit vierunddreißig Jahren, David Shepard, einen amerikanischen

Diplomaten, der bei der Botschaft in Rom arbeitet, wohin sie ihn nach der Hochzeit begleitet. Upper

Class und männliche politische Ambitionen auf beiden Seiten des Ozeans, amerikanischer Puritanismus

auf der einen und europäische Freizügigkeit auf der anderen Seite. Absolut authentisch eingebettet in

die Zeit der endsechziger Jahre mäandert Teddy, die hofft, endlich unabhängig von ihrer amerikanischen

Familie, in Rom ein komplett neues Leben beginnen zu können, zwischen ihrem Willen alle

gesellschaftlichen Ansprüche an eine gute Ehe- und Hausfrau zu erfüllen und ihrer, alle gesellschaftlichen

Zwänge negierenden, puren Lebenslust. Einen Tag nach ihrem fünfunddreißigsten Geburtstag sitzt sie,

die ihre blutverschmierte Kleidung im Schlafzimmer versteckt hat, in ihrer Wohnung in Rom zwei

Polizeibeamten gegenüber, die mit ihr ein Gespräch über den Ablauf des gestrigen Tages, Teddys

Geburtstag, gefeiert in der amerikanischen Botschaft, führen.

Raffiniert setzt Emily Dunlay uns zu Beginn des Romans auf eine Fährte, der wir gierig folgen und

überrascht uns zum Ende hin mit einem großartigen Coup. Der Roman beschreibt ein privilegiertes

Frauenleben an der Leine männlichen Machtstrebens vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und das

überraschende Zerreißen dieser Leine durch einen mutigen Schritt der Emanzipation.

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Sechs Tage vom Ende bis zum Anfang und umgekehrt

Eine gigantische Hochzeitsfeier mit einer Unmenge von Gästen, die alle in der Eingangshalle des Hotels

Schlange stehen, um ihre Zimmerschlüssel in Empfang zu nehmen und mitten unter ihnen Phoebe, die

nicht zur Hochzeitsgesellschaft gehört, was zunächst gar nicht auffällt. Alison Espach erzählt in ihrem

Roman Wedding People vom zufälligen Zusammentreffen zweier ganz unterschiedlicher Frauen zu

einem Zeitpunkt, an dem ihre jeweiligen Absichten diametral gegensätzlich sind. Im Aufzug begegnen

sich die beiden das erste Mal, die zukünftige Braut Lila und die zukünftige Selbstmörderin Phoebe.

Eingebettet in einen festen Orts- und Zeitrahmen und mit großer Sympathie für ihre Figuren erzählt die

Autorin von der unvorhersehbaren Freundschaft dieser beiden Frauen, wie sie sich sechs Tage lang in

einer familiären Gesellschaft bewegen, deren Mitglieder trotz großer Unterschiede immer respektvoll

miteinander umgehen und ihrer gegenseitigen Unterstützung bei der Suche nach dem, was sie im Leben

wirklich wollen und ihren Versuchen, ihre Wünsche öffentlich auszusprechen. Ein äußerst warmherziger

und humorvoller Roman über die magische Kraft von Freundschaft und Veränderungen, über die Liebe

und den Verlust, kurz: Über das Mensch-Sein.

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Flucht aus dem Alltag

Eigentlich hatte ich an das Buch keine großen Erwartungen, zuerst lockte mich vor allem das Cover, und

ich wünschte mir eine nette Geschichte. Doch am Ende hat mich Ina Bhatters Debüt Drei Tage im Schnee

völlig überrascht und mitgerissen.

Hannah ist Anfang dreißig und steckt fest in einem stressigen Alltag, der sich nur um Job, Freunde oder

Sport dreht, ohne wirklich Zeit für sich selbst zu finden oder Freude an Dingen zu haben, die ihr wirklich

Spaß machen. Ihr eigener Erwartungsdruck und der Druck von außen werden immer größer. Um

abzuschalten, mietet sie sich für einige Tage ein kleines Holzhaus am See, eingebettet in eine

verschneite, stille Winterwelt. Dann taucht plötzlich ein Kind in einem roten Schneeanzug auf: die kleine

Sophie. Zwischen den beiden entsteht eine außergewöhnliche Freundschaft. In der abgeschiedenen

Winterlandschaft bauen sie Iglus, ziehen Schneeengel und gönnen sich die Freiheit jenseits des Alltags.

Dabei tauchen in Hannah längst verlorene Gedanken wieder auf: alte Freundschaften, unerfüllte

Sehnsüchte und verborgene Talente. Mit jedem Tag ordnet sie ihre Gedanken ein wenig mehr und die

Unbeschwertheit Sophies hilft ihr die Welt wieder mit anderen Augen zu sehen und zu erkennen, worauf

es wirklich ankommt.

„Ist doch logisch: Wenn du, genau wie ich, mehr Sachen machen möchtest, die dir Spaß machen, dann

musst du zu den unspaßigen Dingen einfach Nein sagen. Sonst bleibt dafür doch keine Zeit!“

Eine wunderschöne, einfühlsame Geschichte, in der wir uns vermutlich alle ein wenig wiederfinden und

darüber nachdenken und erkennen werden, was das Wesentliche im Leben ist.

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Britische Seniorenresidenz im humorvollen Fokus

Alan Bennett ist im deutschsprachigen Raum durch seinen Roman Die souveräne Leserin bekannt

geworden, der Queen Elisabeths Lesesozialisation durch einen vor dem Schloss parkenden Büchereibus

zum Thema hat. See you later ist Bennetts aktuelle Publikation, eine Kombination aus der Erzählung Zeit

totschlagen und der privaten Pandemiechronik Hausarrest. Sie ist in rotes Leinen gebunden und in der

Quartbändchen-Reihe im Wagenbachverlag erschienen.

In Zeit totschlagen erzählt der Autor vom Seniorenheim Hill Topp. Er wirft einen scharfen, wertfreien

Blick auf die Einrichtung selbst und ihre Bewohner, alle eigenwillige Charaktere, so dass allerlei

Skurrilitäten zutage treten und es zu witzigen Situationen kommt. Keinesfalls handelt es sich hier um

eine reine Altenverwahranstalt, in Hill Topp wird den Senioren vielmehr einiges geboten: Regelmäßige

Fußpflege, finnische Abende, stets saubere Fenster, wobei der Fensterputzer neben der

Scheibenreinigung auch zahlreich nachgefragte, sexuelle Dienste im Angebot hat. Die Residenz mit ihren

betagten Individuen, ihren Regeln und Routinen scheint aus der Zeit herausgefallen zu sein, bis die

Pandemie sie in die Gegenwart zurückholt. Der Leitung und bereits einiger Mitbewohner beraubt, bricht

sich Anarchie in Hill Topp Bahn und ganztägiger Albernheit sind Türen und Tore geöffnet. Eine mit feinem

Humor erzählte, hinreißende und umwerfend komische Geschichte.

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Kurz und knackig

Einigen wird Alena Schröder bekannt sein durch ihre Romane Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht,

blaues Kleid oder Bei euch ist es immer so unheimlich still. Ihr neues Buch Alles muss man selber falsch

machen ist eine Sammlung von Kolumnen, die Ereignisse ihres Lebens

schildern und ich habe wirklich selten so gelacht und mich in vielen

Geschichten wiedergefunden. Schröder erzählt von Missgeschicken

im Alltag, unfreiwilligen Lauferlebnissen - denn sie hasst es eigentlich

Sport zu treiben, verrückten Begegnungen mit unfreundlichen

Menschen, Diäten und Körperwahn oder festen Ritualen, die glücklich

machen und der Angst vor Brotschneidemaschinen. In ihren

Geschichten findet sich fast jede Frau ab 40 vielleicht ein wenig

wieder und zwischen all den lustigen Sätzen stellt sich eventuell auch

ein kleiner schmerzender Funke Wahrheit ein, mit der jede Frau zu

hadern hat. Doch Alena Schröder schafft es, Alltagssituationen mit so

viel Ironie und Witz darzustellen, sodass doch plötzlich kleine eigene

Unsicherheiten zur Nebensache werden. Danke für dieses ungeschönte,

ehrliche Buch über den mitunter chaotischen Alltag als Mutter und

Frau und den ganz normalen Wahnsinn. DTV, 18,-€

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Vom Alltag ins Absurde: Heinz Strunks neue Geschichten

Ich werde nicht müde, es zu predigen: Lesen Sie mehr Kurzgeschichten.

Sie sind ideal, wenn man sich im Alltag nur ein paar Minuten Lesezeit

erkämpfen kann und stehen, sofern sie gut geschrieben sind, vielen

Romanen in nichts nach. Oder gleich noch besser: Lesen Sie mehr

Kurzgeschichten von Heinz Strunk. Ich bin ein großer Fan seiner

Beobachtungsgabe des alltäglich Skurrilen und seines Humors, den er

sowohl mit dem Florett als auch mit dem Holzhammer zu servieren

weiß. Nach Das Teemännchen und Der gelbe Elefant ist mit Kein Geld

Kein Glück Kein Sprit nun sein dritter Kurzgeschichtenband erschienen

und wieder konnte ich mich kaum von dem Buch lösen. Die

beschriebenen Charaktere sind uns oft näher als einem lieb

sein kann, aber gleichzeitig auch so fremd, dass man beim

Lesen zum Voyeur verkommt und oft nur fassungslos mit

dem Kopf schütteln kann. Nehmen Sie gerne inmitten von

Haushaltsrobotern Platz, die einer Aufführung ihres Besitzers beiwohnen (müssen), oder reihen Sie sich

am Buffet eines Luxushotels in Maspalomas ein und erleben Sie die Abgründe der menschlichen Seele

aus nächster Nähe. Manche Geschichten füllen mehrere Seiten, andere kommen nicht über ein paar

wenige Zeilen hinweg. Und doch habe ich sie alle von Herzen gern gelesen. Rowohlt Verlag 23,-€

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Totgespielt? Dann werde Dark Lord!

Davi hat ein Problem: Sie ist in einer Fantasy-Welt gefangen und steckt in einer Endlosschleife. Schon

hunderte Male hat sie versucht, den Dark Lord zu besiegen und ist dabei jedes Mal auf spektakuläre

Weise gestorben. Aber diesmal reicht es. Statt wieder als Heldin in den Kampf zu ziehen, beschließt Davi,

selbst die Rolle des Dark Lords zu übernehmen. Eine Armee muss her, ein Haufen Monster, Orcs und

Wilder, die sie quer durch gefährliche Länder bis zum Conclave begleiten. Und falls das alles schiefgeht?

Nun ja, sterben kann sie ja sowieso nicht zum letzten Mal …

Django Wexler serviert uns hier eine wilde Mischung aus Fantasy-Abenteuer, schwarzer Komödie und

popkulturellen Anspielungen. Davi kommentiert ihre Welt mit einer herrlich bissigen Selbstironie und

liefert Pointen am laufenden Band - irgendwo zwischen Deadpool, Groundhog Day und einer chaotischen

D&D-Runde. Besonders witzig: ihre Weggefährten verstehen oft nur Bahnhof, wenn Davi mit Game- oder

Meme-Referenzen um sich wirft, und wachsen ihr dabei doch immer mehr ans Herz. Was dieses Buch so

besonders macht, ist die Balance: Ja, es gibt Action, Chaos und eine Heldin, die sich von ihrer hedonistischen

Energie gerne mal ablenken lässt. Aber gleichzeitig zeigt Wexler, wie aus einer zynischen Antiheldin nach

und nach jemand wird, den man wirklich mögen und dem man die Daumen drücken kann.

Wer Lust auf eine temporeiche, kluge und urkomische Fantasygeschichte hat, die Genre-Konventionen

mit viel Spaß und ein bisschen Anarchie zerlegt, sollte How to Become the Dark Lord and Die Trying

unbedingt lesen.

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Die Lieblingsbücher des unabhängigen Buchhandels

Eine der schönsten Aufgaben für uns als Unabhängige ist es, jedes Jahr aufs Neue für unser Lieblingsbuch

abzustimmen. Aus hunderten von Vorschlägen erstellen die Organisator:innen der Woche der

unabhängigen Buchhandlungen die aus fünf Titeln bestehende Shortlist, aus der wir dann das eine Buch

auswählen, das bei uns allen am meisten Eindruck gemacht hat. Zur Auswahl stehen in diesem Jahr die

folgenden Bücher: Die Hummerfrauen von Beatrix Gerstberger, von dem wir Ihnen in diesem Katalog

ausführlich vorschwärmen, Lazar von Nello Biedermann, dem wir ebenfalls eine eigene Seite widmen,

Der Gott des Waldes von Liz Moore, Für Polina von Takis Würger und Das Geschenk von Gaea Schoeters.

Wir finden die Auswahl wirklich toll. Jedes dieser Bücher ist lesenswert und einzigartig. Der Gott des Waldes

ist ein Roman voller Magie, Geheimnisse und ungezähmter Naturgewalt, ein Buch, das uns in die Dunkelheit

des Waldes lockt und zugleich von seiner Schönheit berauscht. Zwischen archaischen Mythen und

moderner Erzählkunst entfaltet sich eine Geschichte über Sehnsucht, Schuld und das, was uns mit der

Natur verbindet. Für Polina ist eine anrührende Liebesgeschichte, die voller Musik und Zauber ist. Takis

Würger erzählt von zwei Menschen, die sich schon früh im Leben als Freunde treffen, dann auseinander

gehen und sich schließlich wiederfinden. Ein tröstendes, wohltuendes Buch. Das Geschenk ist eine witzige,

bitterböse und zugleich hochpolitische Satire, die aus einer absurden Idee - 20 000 Elefanten in Berlin - ein

brillantes Gedankenexperiment entwickelt. Gaea Schoeters entlarvt mit scharfem Humor deutsche

Politik, mediale Empörung und menschliche Hilflosigkeit angesichts einer unkontrollierbaren Realität.

Mal komisch, mal erschreckend, immer klug. Ein Roman, der mitten ins Heute trifft und lange nachhallt.

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Glanz und Abgrund

„Am Rand des dunklen Waldes lag noch der Schnee des verendeten Jahrhunderts, als Lajos von Lázár, das

durchsichtige Kind mit den wasserblauen Augen, zum ersten Mal den Mann erblickt, den es bis über

seinen Tod hinaus für seinen Vater halten wird.“

Mit diesem magisch-poetischen Satz beginnt Nelio Biedermanns großer Roman über Aufstieg und Fall

einer ungarischen Adelsfamilie. Lajos’ Geburt markiert zugleich den Beginn des 20. Jahrhunderts, das die

Welt der Barone Lázár unwiderruflich verändern wird. Was als schimmerndes Familienepos in einem

Waldschloss beginnt, verwandelt sich in eine Chronik der Verluste: Der Zerfall des Habsburgerreichs,

zwei Weltkriege, Diktaturen und der Volksaufstand von 1956, der die Familie ins Exil treibt. Biedermann,

gerade einmal 22 Jahre alt, verknüpft persönliche Recherche mit literarischer Imagination, greift auf

große Vorbilder von Roth bis Proust zurück und findet doch eine unverwechselbare eigene Stimme. Sein

Roman ist ein Rausch aus Sinnlichkeit und Tragik, in dem Geschichte nicht nur als Kulisse dient, sondern

als machtvolle Gewalt, die Körper, Sehnsüchte und Schicksale formt. Figuren wie die schöne Mária, der

rätselhafte Onkel Imre oder die Kinder Eva und Pista, die mit den Schatten der totalitären Zeit ringen,

sind nicht nur Teil einer Familiengeschichte, sondern zugleich Sinnbilder für ein Jahrhundert der

Erschütterungen. „Lazar“ ist ein Werk von epischer Wucht und emotionaler Direktheit, voller Pathos,

Schönheit und Dunkelheit. Es erzählt von Erben, die Lasten tragen, von Mythen, die nicht verschwinden,

und von einer Familie, die vom Glanz in den Abgrund stürzt. Ein Roman, der lange nachhallt und das

Potential einer neuen großen literarischen Stimme beweist.

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Die Befreiung der Lady MacBeth

Val McDermid, vielen eher als Krimi-Autorin bekannt, gelingt mit Queen Macbeth eine faszinierende

Neuinterpretation der berühmten Figur aus Shakespeares Tragödie. Statt der manipulativ-berechnenden

Lady Macbeth stellt sie Gruoch ins Zentrum, eine historisch verbürgte Frau, die in einer patriarchal

geprägten Welt ums Überleben kämpft. Der Roman ist dabei kein bloßes Remake, sondern ein

eigenständiges Werk mit feministischer Perspektive: McDermid zeigt Gruoch als komplexe,

vielschichtige Figur, die nicht von Machtgier, sondern von Notwendigkeit und politischer Klugheit

getrieben wird. Sie wird nicht als übermenschliche Strippenzieherin gezeichnet, sondern als Frau mit

Wunden, inneren Konflikten und Verantwortungsgefühl - gegenüber ihrem Sohn, ihrem Clan und sich

selbst. Die Handlung wechselt zwischen zwei Zeitebenen. Eine beginnend kurz vor dem ersten

Kennenlernen mit Macbeth und die zweite spielt kurz nach dem Tod ihres Sohnes. Begleitet wird sie

dabei von drei Frauen, einer Heilerin, einer Seherin und einer Weberin, die nicht nur Weggefährtinnen

seit ihrer Kindheit sind, sondern symbolisch für weibliches Wissen und Zusammenhalt stehen.

Im Vergleich zu Shakespeares Lady Macbeth, die oft als Inbegriff der gefährlichen, schuldverdrängenden

Frau gilt, wirkt Gruoch lebendiger, nachvollziehbarer und zutiefst menschlich. Ihr Handeln ist geprägt

von äußeren Zwängen, nicht von innerem Machtwahn. Diese Umdeutung verleiht der Figur Tiefe und

macht Queen Macbeth zu einem wichtigen Gegenstück zur klassischen Erzählung und zu einer Empfehlung

für alle, die historische Stoffe neu und aus weiblicher Perspektive entdecken möchten. Ein starker Roman

über Macht, Verlust, Loyalität und Selbstbestimmung.

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Ein Stammbaum der psychischen Erkrankungen

Ja, wir legen generell keinen großen Wert auf Äußerlichkeiten, sondern auf Inhalte, aber können wir

bitte an erster Stelle festhalten, dass das Cover von Botanik des Wahnsinns von Leon Engler unglaublich

gut ist?! Es zeigt die wirren Blüten, die der menschliche Geist treiben kann, das, was in unserer Seele

wachsen und wuchern kann. Die Familiengeschichte des Protagonisten dieser Geschichte ist voller

solcher seltsamen Blüten. Es gibt Depression, Angststörungen, Alkoholismus, suizidale Tendenzen und

weitere Erkrankungen und Störungen. Wie in einem Fotoalbum stöbert der junge Erzähler mit uns

zusammen in seiner eigenen Geschichte, erzählt von seiner Mutter, dem Vater und den Großeltern und

dem, womit diese jeweils zu kämpfen hatten. Lange schon begleitete ihn die Angst, selbst zu erkranken

und früher oder später in einer psychiatrischen Klinik zu landen. Sein Weg führt ihn auch tatsächlich dort

hin, aber nicht als Patient, sondern als Psychologe. Was er dort erlebt, wie sehr ihn die eigene

Familiengeschichte durch sein ganzes Leben begleitet und wie er auf Krankheit und vermeintlich

Gesunde blickt, das muss man unbedingt selbst lesen. Leon Engler streut Erkenntnisse und Entdeckungen

in diesen autofiktionalen Roman ein, eröffnet neue Blickwinkel und gibt dem einen Raum, was oft genug

nicht erzählt wird. Eine gelungene Mischung aus Familiengeschichte, Philosophie, Exkurs in die

Psychologie und Begegnung mit dem Leben. Originell, besonders und wertvoll.

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Zwischen Traum, Thriller und Sozialdrama

Mieko Kawakami bewies bereits mit ihrem letzten Roman All die Liebenden der Nacht, wie sehr sie es

versteht, Personen am Rande der Gesellschaft zu zeichnen und ihnen eine Stimme zu geben. Ähnliches

gelingt ihr nun mit ihrem neuem Werk Das gelbe Haus, das sich jedoch immer wieder deutlich von ihrem

vorherigen Buch distanziert. Wo All die Liebenden der Nacht mit Intimität, Melancholie und Ruhe glänzt,

ist ihr neuester Streich laut und temporeich, ohne die leisen Zwischentöne zu verlieren.

Die Geschichte handelt von Hana, vierzig, die durch einen Zeitungsartikel zwanzig Jahre zurückgeworfen

wird, als sie Kimiko, eine Freundin ihrer Mutter, getroffen hat. Die junge Frau beginnt schnell, die

elegante Dame in ihr Herz zu schließen und so fällt es ihr auch nicht schwer, ihre Mutter, welche mehr

Interesse an den verschiedensten Männern als an ihrer Tochter zeigt, zu verlassen und zu Kimiko zu

ziehen. Die beiden eröffnen eine Bar und rekrutieren weitere junge Frauen in Hanas Alter, während

Kimiko immer rätselhafter agiert und ein einschneidender Vorfall alles verändert und die Gruppe immer

mehr in den Abgrund stürzt, den unsere Protagonistin nicht kommen sieht. Stattdessen träumt sie

weiterhin von ihrer Ersatzfamilie in einem großen gelben Haus.

Das gelbe Haus ist gleichermaßen Sozialdrama wie Thriller, gleichermaßen intim wie alarmierend,

gleichermaßen emotional wie unterhaltsam. Kawakami hat ein Werk geschaffen, das mühelos den

Spagat zwischen temporeicher Unterweltgeschichte und leisem Sozialdrama hinbekommt - eine

konsequente Weiterführung ihres bisherigen Schaffens, das einen nagelkauend zurücklässt mit der

Frage, was sie als nächstes zu Papier bringt.

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Zwischen Poesie und Finsternis

Bernadeta stirbt. Sie liegt in ihrem Bett, in ihrem Zimmer, in ihrem Haus - dem Mas Clavell. Und auch

wenn sonst niemand zu sehen ist, ist Bernadeta doch nicht allein. Um sie herum sind alle Frauen, die

jemals in diesem Haus geboren und gestorben sind. Und sie warten. Warten, darauf, dass Bernadeta den

letzten Schritt geht und sie sie auf der anderen Seite willkommen heißen können. Irene Solà führt uns

zurück in der Zeit und zeigt, wie ein gebrochener Pakt mit dem Teufel eine Frau und all ihre Nachkommen

ins Dunkel stürzt. Die Sprache in diesem Buch wechselt zwischen anmutiger Poesie und wirrem

Schwadronieren und bleibt doch stets fesselnd. Generation für Generation erfahren wir, was mit den

Frauen des Mas Clavell geschehen ist, wie sie geboren wurden, wie sie gelebt haben und wie sie

schlussendlich sterben mussten. Und jederzeit ist der Teufel nie weit weg, streift ums Haus, ohne jedoch

eintreten zu dürfen. Doch sein Einfluss ist allgegenwärtig.

Ich gab dir Augen und du blicktest in die Finsternis hat mich fasziniert, als ich es zum ersten Mal in die

Hand nahm. Die Covergestaltung des Buches passt perfekt zum Inhalt und von der ersten Seite an war

ich wie gefesselt. Die Gemeinschaft der Frauen in dem Haus in den Pyrenäen ist nicht aus Liebe, sondern

aus Zweckmäßigkeit entstanden. Mitunter hassen sie sich sogar, wegen dem, was vor Jahrhunderten

geschah. Und doch existiert unter ihnen eine Schwesternschaft, ein Zusammenhalt während der

Vorbereitung auf den Tod der letzten Frau des Mas Clavell. Wenn auch erst spät erschienen, ist dieses

Buch definitiv mein Favorit dieses Jahr.

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Ganz große Literatur

Poesie, Gesellschaftskritik und Emotionen. Der Lyriker Ocean Vuong begeistert in seinem neuen Roman

Kaiser der Freude mit den gleichen Attributen, die ihn zu einem der heißesten Newcomer der

Literaturszene werden ließen und schenkt uns eines der schönsten Werke des Jahres, das vor Zärtlichkeit

und leisen Zwischentönen nur so strotzt.

Von Selbstmordgedanken geplagt, lehnt der junge Hai am Geländer einer Brücke, als er die Stimme einer

alten Dame wahrnimmt. Grazina, aus Litauen stammend und Überlebende des zweiten Weltkriegs, hält

ihn vom alles endenden Sprung ab und nimmt den Jungen kurzerhand bei sich auf. Geprägt von seiner

familiären Vergangenheit, der Suche nach der eigenen Identität sowie dem letzten Gespräch mit seiner

Mutter taut Hai in Gesellschaft einer sich kümmernden Person auf und nimmt sich seinerseits der von

eigenen Traumata heimgesuchten Grazina an. Währenddessen findet er Arbeit in einem Fast-Food-

Restaurant, in welchem sein Cousin Sony angestellt ist und dessen Mitarbeiter:innen ihm vielleicht gar

nicht so unähnlich sind, wie es auf den ersten Blick scheint.

Mit einer sprachlichen Eleganz, wie sie nur wenige beherrschen, beschreibt Vuong den zerplatzten

amerikanischen Traum und seine hinterlassenen verlorenen Seelen. Er erfindet eine Hauptfigur, der man

trotz aller Leiden nur zu gern folgt, während um ihn herum die Geschichten nicht minder interessanter

Figuren erzählt werden und sich zu einem großen Ganzen zusammensetzen, das man guten Gewissens

als großen Roman bezeichnen kann.

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Klug komponiert, mitreißend geschrieben.

Ein Abstieg in die Hölle, inspiriert von Dante und Orpheus, ein vielschichtiges Magiesystem, geschrieben

von Rebecca Kuang. Mein Interesse war geweckt. Katabasis ist die Rückkehr der Autorin in die Fantasy,

nachdem sie mit Yellowface thematisch realistisch geworden ist und gekonnt viele moderne

Diskussionsthemen in einen packenden Roman verpackt hat. Ihr neuestes Werk ist, das bedingt bereits

das Genre, eher mit ihrem vorletzten Werk Babel zu vergleichen und steht diesem in nichts nach, indem

ebenfalls eine komplexe Geschichte inklusive vielschichtiger Themen mit verschiedenen New-Adult-

Tropes kombiniert wird.

Die Geschichte rund um Alice Law und ihren Frenemy (Kombination aus Friend und Enemy) Peter

Murdoch, die ihren bei einem Unfall gestorbenen Professor in die Hölle folgen, um eben jenen aus dieser

zu retten, besticht durch einen Sog, der einem Abgang in die Hölle gleichen mag. Die Welt, in der wir uns

befinden, ist ausgezeichnet konzipiert, die Figuren vielschichtig und die Regeln klug zu Ende gedacht.

Rebecca Kuang beweist einmal mehr, dass Fantasy beides gleichzeitig sein kann - unterhaltsam und

komplex.

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Zwischen Zugehörigkeit und Obsession

Wieder einmal bin ich einem schön gestalteten Buchcover in die Falle gegangen. Und wieder einmal

wurde ich dafür belohnt. Das Beste sind die Augen ist ein packender, intensiver Roman über

Zugehörigkeit, Kultur und die Lebensrealität koreanischer Frauen in den USA. Jiwons Welt fällt in sich

zusammen, als ihr Vater sie, ihre Mutter und ihre Schwester für eine andere Frau verlässt. Neben der

Vorbereitung für das erste Uni-Semester muss sie sich nun um ihre geschrumpfte Familie kümmern,

denn vor allem Jiwons Mutter verzweifelt an ihrer Einsamkeit. Das ändert sich zwar, als sie einen neuen

Mann kennenlernt, doch wirklich besser wird es für Jiwon und ihre Schwester Jihyun nicht. George, der

neue, weiße, Freund ihrer Mutter ist von Anfang an überheblich, unsympathisch und übergriffig.

Außerdem gibt er sich als Experten für verschiedene asiatische Kulturen aus und scheint Jiwons Mutter

nur wegen ihrer koreanischen Herkunft zu mögen. Das einzig Gute an ihm sind seine hellblauen Augen,

die Jiwon sofort faszinieren. In der Uni läuft es ähnlich schlecht wie zuhause. Jiwon findet zwar neue

Freunde, doch die Situation zuhause und der Druck, gut abschneiden zu müssen, sind zu viel für sie und

so gerät Jiwon in eine mentale Abwärtsspirale, während ihre Obsession mit Georges Augen immer

extremer wird.

Monika Kim nimmt uns mit auf eine haarsträubende Fahrt am Rande des Wahnsinns, beleuchtet dabei

jedoch reale Nöte und Widrigkeiten. Ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen.

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Kölner Sage, frisch aufpoliert

Stadtführer Adam sitzt in Günthers Kneipe und ertränkt seinen Liebeskummer in Kölsch. Bereits stark

angetrunken wird er von einer jungen Frau angesprochen. Mit Unterstützung des Wirtes, der endlich

Feierabend machen möchte, schleppt Ursula ihn ab. Erst als er in einem Bus voller jungen Frauen sitzt,

der von einer resoluten älteren Frau halsbrecherisch durch Köln gelenkt wird, realisiert Adam, dass er

zugesagt hat, mit in eine Schlacht zu ziehen. Elaine Ofori und C.K. McDonnell adaptieren die Legende

der heiligen Ursula und ihrer elftausend Jungfrauen und machen daraus eine rasante, skurrile und

spannende Urban-Fantasy-Geschichte.

Seit der ersten Ursula erscheint alle achtzehn Jahre das Geisterheer der Hunnen, um Köln in einer Nacht

zu verwüsten. Jedesmal werden zwölf Mädchen ausgewählt und in Kampf und Magie trainiert, um sie

aufzuhalten und Köln erneut zu retten. Nur dieses Mal läuft nichts nach Plan. Zwei Teammitglieder

verschwinden kurz vor der Schlacht spurlos und so wird mangels Alternativen kurzerhand Adam als

Ersatzjungfrau rekrutiert. Zu allem Überfluss verschwinden auch noch die Hunnen mitten im Gefecht,

zusammen mit der Ausbilderin der Jungfrauen.

Ihre Bestimmung scheint damit erfüllt, aber Ursula ist klar, dass das nicht alles gewesen sein kann. Ursula

und das V-Team versuchen der Sache auf den Grund zu gehen und stoßen dabei auf einen viel

gefährlicheren Gegner. Und spätestens ab jetzt überschlagen sich die Ereignisse.

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Mit dem Schrecken leben

Wir schreiben den letzten Tag der Abiturprüfungen des Jahres 2002 am Erfurter Gutenberg-Gymnasium.

Es fallen Schüsse - ein Amoklauf. Der Erzähler erlebt den Tag sowie die folgenden Wochen und Monate

hautnah. Er ist elf und in der fünften Klasse, als das Chaos ausbricht und sein Leben für immer verändern

wird. Zwanzig Jahre später holt ihn ein banaler Vorfall wieder an den Tag des Schreckens zurück, der im

Laufe der Jahre durch Therapie und Familie in den Hintergrund gedrängt wurde und lässt ihn nicht mehr

los. Er beschließt Nachforschungen anzustellen, um etwas niederzuschreiben. Doch was eigentlich?

Der Autor Kaleb Erdmann hat den Erfurter Amoklauf selbst erlebt. Als elfjähriger Fünftklässler. Die

Ausweichschule ist ein Stück Autofiktion, bei der man nie so recht weiß, ob da gerade der literarische

Protagonist oder doch Erdmann selber spricht, ob wir in diesem Augenblick dem Autor beim Verarbeiten

der Vergangenheit zusehen. Er schreibt vom Voyeurismus der Medien und des Publikums, von der

Faszination am Leben des Täters, von verfälschten Erinnerungen, von dem Schicksal ehemaliger

Weggefährten und dem Horror der Aufarbeitung. Ein fesselndes Stück Literatur, das die Lesenden

nachdenklich zurücklässt und zurecht für den Deutschen Buchpreis nominiert war.

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Unvergleichlich gut

Viele Menschen finden ihren Zugang zur Literatur ja oft durch Fantasyromane, wenden sich aber mit den

Jahren auch anderen Genres zu. Mit Joe Abercrombies neuestem Meisterwerk. The Devils lohnt sich die

Rückkehr ins Fantastische und auch für alle, die vielleicht den Erstkontakt suchen, ist dieses unvergleichliche

Abenteuer, das sich an bekannten Erzählmitteln der Fantasy bedient und sie gnadenlos auf links dreht,

eine große Empfehlung.

Europa während des Mittelalters: Der Mönch Bruder Diaz wird von der Päpstin, Herrscherin über das heilige

Reich mit einer geheimen Mission beauftragt. Er soll eine junge Frau Namens Alexia auf den Thron des

Kaiserreiches Troja setzen, um die Position der Kirche weiter zu stärken. Besagte Alexia ist jedoch eine

Diebin und Lügnerin, die seit ihrer Kindheit auf der Straße lebt und beim besten Willen nichts mit einer

Kaiserin zu tun hat. Dennoch wurde sie für diese Position ausgewählt, da sie angeblich der lange verschollene

Spross der verstorbenen Kaiserin sein soll. Sowohl Bruder Diaz als auch Alexia verzweifeln hinsichtlich

der Unmöglichkeit der Aufgabe, die sie erwartet. Doch sie sind nicht allein. In den Katakomben des Palastes

existiert im Geheimen die Kapelle der geheiligten Zweckmäßigkeit - eine kleine Gemeinschaft von Monstern,

die an die Befehle der Päpstin gebunden sind. Ebenjener Kapelle steht nun Bruder Diaz vor, die aus

Vampiren, Magiern, Elfen und untoten Rittern besteht und ihre Mission ist klar: Setzt Alexis auf den

trojanischen Thron, komme was wolle. Es ist brutal, aber auch ausgesprochen komisch und skurril. Die

Charaktere sind einzigartig und wuchsen mir im Laufe des Buches immer mehr ans Herz. Das Setting des

mittelalterlichen Europas ist auf interessante Art geändert worden und fühlt sich gleichermaßen vertraut

und völlig fremd an. Ein Muss für Fantasy-Fans.

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Zwei Leben, zwei Realitäten

Stell dir vor, du wachst an einem gewöhnlichen Morgen auf und findest dich plötzlich in einem völlig anderen

Leben wieder. Genau das erlebt die Protagonistin von Anne Sauers fesselndem Roman Im Leben nebenan.

Eines Morgens erwacht Toni als Antonia und alles ist plötzlich völlig verändert. Während Toni mit Jakob

zusammen ist und vergeblich versucht, ein Kind zu bekommen, liegt neben Antonia beim Aufwachen ein

Baby- ihre Tochter Hanna. Sie scheint mit ihrer Jugendliebe Adam verheiratet zu sein und ein Leben als

Lehrerin in ihrem Heimatdorf zu führen. Das bürgerliche Leben Antonias steht plötzlich neben Tonis

Großstadtdasein - ein krasser Kontrast, der alles durcheinanderwirbelt.

Besonders beeindruckt, wie die Autorin die oft komplizierten, unschönen und schwierigen Seiten des

Frauseins - auch als Mutter - zeigt. Es geht um gesellschaftliche Erwartungen, um Kinderwunsch oder

unerfüllten Kinderwunsch, genauso wie um Wochenbettdepressionen, Konflikte mit der Schwiegermutter,

Körperprobleme nach der Geburt und generell darum, was eine Geburt mit einer Frau macht und wie

Mütter in unserer Gesellschaft wahrgenommen werden.

Das Experiment, das Anne Sauer hier durchführt, lässt eine einzige Frau zwei völlig verschiedene Leben

erfahren, und das ist wirklich außergewöhnlich. Es regt zum Nachdenken an, auch wenn manche Szenen

schwer greifbar bleiben - oder gerade deshalb. Wer träumt sich nicht gelegentlich in ein anderes Leben?

Aber wäre dieses andere Leben wirklich besser? Sauer überzeugt mit einem ungewöhnlichen und

nachhallenden Debut.

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Erwachsenwerden in der Côte d’Ivoire

Geschichten über das Erwachsenwerden gibt es viele. Sie glänzen oft mit den gleichen Attributen wie

Warmherzigkeit, Nostalgie und liebenswerten Protagonist:innen. Ich liebe das Genre und musste doch

feststellen, dass es mir irgendwann nicht mehr reicht, wenn über diesen einen Sommer erzählt wird.

Hier kommt der aus der Elfenbeinküste stammende Nincemon Falle mit seinem Debütwerk Diese

glühenden Sonnen ins Spiel.

Iro zieht von seinem Heimatdorf zu der Familie seines Onkels in die pulsierende Metropolo Abidjan, um

Literatur zu studieren. Alles ist ein wenig befremdlich und überfordernd, doch vor allem die Beziehung zum

Bruder seines Vaters gibt dem jungen Mann Hoffnung auf eine goldene Zukunft, bis plötzlich ein Vorfall in

seiner Gastfamilie alles verändert und er sich auf der Straße wiederfindet. Er trifft seinen Kommilitonen

Thierry, der selbst nie viel hatte und eine Art Überlebenskünstler zu sein scheint. Thierry nimmt sich Iros

an und zeigt ihm Wege, ein hoffnungsvolles Leben zu führen, selbst wenn alles gegen dich läuft.

Es ist spannend, einen Coming-of-Age-Roman zu lesen, der einer ganz anderen Kultur entspringt und

dessen Authentizität in jedem Satz spürbar ist. Während die Themen des Erwachsenwerdens, des

Zweifelns und der Suche nach dem Platz in der Welt universell verwendbar sind und überall eine Rolle

spielen, ist es der Ansatz der Probleme, die unsere Protagonisten umgeben, die so viel existentieller

erscheinen. Das heißt nicht, dass das eine besser ist als das andere, doch erweitert es den Horizont um

Themen und Lebenswege, die sich die Hauptfiguren von Benedict Wells und Caroline Wahl nur am Rande

vorstellen können.

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Über das Glück, Wahrheiten und Lügen

Der Roman Frauen im Sanatorium von Anna Prizkau zählt in diesem Jahr zu meinen absoluten Favoriten.

Die Geschichte entführt an einen stillen, melancholischen Ort, an dem eine Gruppe starker, vielschichtiger

Frauen aufeinandertreffen.

Nach der Sache, worüber nur gemutmaßt werden kann, was es genau war, kommt Anna in ein Sanatorium.

Dort trifft sie auf Marija, Elif und David und später auf die Soldatin Katharina sowie deren Kollegen. Als

Elif entlassen wird, hinterlässt sie Anna ein Heft mit Geschichten über die anderen Patientinnen und

Patienten und den Auftrag, eine Beziehung zu David aufzubauen. Da sich Anna offenbar gerne verleiten

lässt, setzt sie Elifs Bitte unverzüglich in die Tat um - mit folgenreichen Auswirkungen.

In der Klinik beteiligt sich Anna an verschiedenen Therapien, doch der Psychologe erfährt nichts

Wesentliches von ihr. Stattdessen schenkt sie einem Flamingo, Pepik, im ruhigen Kurpark ihr volles

Vertrauen und erzählt ihm alles. So öffnet sie sich über ihre Migrationserfahrung, ihre ursprüngliche

Heimat Russland, den untreuen Vater und die Mutter, über Verlust, Heimat und Liebe. Ebenso spricht

sie von den Begegnungen mit den anderen Frauen im Sanatorium und von den Geschichten aus Elifs

Notizbuch. Doch was ist wahr an deren Lebensgeschichten?

Im Mittelpunkt stehen Mut, Heilung und die Frage, wie man sich selbst treu bleibt. Es geht um die Frage

nach dem persönlichen Glück und ob man dieses überhaupt finden kann. Der Roman zeichnet eine

atmosphärische, behutsame Reise durch Freundschaft, Selbstfindung und das Aushalten von Schmerz

und Hoffnung.

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Eine Familie, ein Trauma, ein Vermögen – und der Preis des amerikanischen Traums

Warnhinweis: Dieses Buch sorgt dafür, dass Ihnen das Lachen im Hals stecken bleibt. Es ist manchmal schockierend,

befremdlich und anstößig. Das ändert aber nichts daran, dass es eines der besten Bücher dieses Jahres ist.

Ein Sommertag 1980 auf Long Island: Der Fabrikbesitzer Carl Fletcher wird vor seinem Haus entführt,

während seine Frau hochschwanger ist und die Kinder am Frühstückstisch sitzen. Nach einer Woche

kommt er frei - gebrochen, traumatisiert, unfähig, je wieder Fuß zu fassen. Doch das wahre Nachbeben

setzt erst Jahrzehnte später ein: Die Fletcher-Kinder Nathan, Beamer und Jenny sind längst erwachsen,

erfolgreich auf dem Papier, aber innerlich gefangen in der unsichtbaren Spirale aus Angst, Abhängigkeit

und Selbstsabotage.

Taffy Brodesser-Akner erzählt in Die Fletchers von Long Island von einer Familie, die mit Reichtum

gesegnet ist und zugleich an ihm zerbricht. Mit scharfem Witz, kluger Beobachtungsgabe und einem

gnadenlosen Blick auf die Verwerfungen von Geld, Macht und generationsübergreifendem Trauma

entwickelt sie einen Familienepos, der an Serien wie Succession erinnert und zugleich literarisch

vielschichtig glänzt. Dieses Buch zwingt uns, mit Figuren zu leben, die uns nicht gefallen müssen - und

genau darin liegt seine Kraft. Es ist ein schonungsloses, überraschend komisches und immer wieder

erschütterndes Porträt des amerikanischen Traums im Zerfall. Für Leserinnen und Leser, die Jonathan

Franzen schätzen, düstere Familiengeheimnisse lieben und zugleich Lust haben, sich von brillantem

Humor verführen zu lassen, ist dieses Buch ein Ereignis.

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Lakonisch, eindringlich, unvergesslich

David wächst im Penobscot Reservat im US-Bundesstaat Maine auf. Das Leben dort ist hart, es gibt kaum

Arbeit und viele der Bewohner:innen sind alkoholkrank. Ahnenkultur und Spiritualität haben jedoch einen

hohen Stellenwert, und haben sogar die Kolonisierung der einst stolzen Ureinwohner überlebt. Und so

gerät Davids Leben schon im Kindesalter aus den Fugen, als er unter der Veranda seiner Mutter ein

Schraubglas gefüllt mit Haaren und Zähnen findet. Schlechte Medizin, vielleicht ein Fluch? Von da an geht

es stetig bergab, David gerät als Teenager in die Abhängigkeit und schlägt sich weitestgehend alleine durch.

Um an Geld zu kommen und seinem Leben einen Schubs in die richtige Richtung zu geben, beschließt er,

in das Stammes-Museum einzubrechen und dort ein paar Artefakte zu stehlen.

Morgan Taltys Schreibstil verhält sich der Situation der Bewohner:innen des Reservats lakonisch, fast

schon gleichgültig gegenüber und gerade die Normalisierung der dort herrschenden Zustände rütteln

auf. Die rar gesäten Momente voller Hoffnung und Humor können auf diese Art umso stärker strahlen

und sorgen dafür, dass man das Buch nicht aus der Hand legen möchte. Sein Name ist Donner verleiht

den Penobscot eine Stimme, obwohl die offizielle Sprache schon lange ausgerottet wurde und erzählt

eine Geschichte, die es wert ist, vernommen zu werden.

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Frauenpower in der Bonner Republik

Was wäre wohl passiert, wenn in den 70er Jahren eine Frau Außenministerin und Vizekanzlerin der BRD

geworden wäre. Heike Specht spielt diesen Gedanken in Die Frau der Stunde durch und lässt dabei eine

moderne selbstbewusste Frau auf die spießige und chauvinistische Bonner Republik los.

Catharina Cornelius kämpft sich engagiert und mutig, gerne mit GinTonic und Zigarette, durch den

Politiksumpf und die Altherrenbünde des Bonner Mikrokosmos. Durch einen Skandal um ihren

Parteifreund und Außenminister eröffnet sich ihr unerwartet die Gelegenheit, selbst Außenministerin zu

werden. Dabei wirft ihr nicht nur der politische Gegner immer wieder Knüppel zwischen die Beine, auch

in ihrem eigenen Ministerium gibt es einige Herren, die sich mit einer Chefin schwertun. Catharina weiß

sich jedoch zu helfen und manövriert geschickt durch diese auch politisch unruhigen Zeiten.

Heike Specht erzählt nicht nur über die BRD in den Siebzigern, durch Catharinas iranische Freundin

Azadeh eröffnet sie sich auch die Möglichkeit, über die Iranische Revolution und das Schicksal der

iranischen Frauen zu berichten. Wie modern der Iran, zumindest in Teilen, vor der Revolution war, ist

wirklich überraschend. Dieses Buch ist unterhaltsam, informativ und absolut lesenswert.

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Lektion über das Menschsein und ein Plädoyer für Europa

Romain Garys Romandebüt Europäische Erziehung, 1944 während des Kriegs geschrieben, ist ein Buch

über Hoffnung im Angesicht des Untergangs. In der Übersetzung von Birgit Kirberg leuchtet es heute

erneut als erschütternd aktueller Text über Menschlichkeit, Freiheit und Widerstand.

Im winterlichen Wald bei Vilnius, 1942, verbergen sich Männer und Frauen, die gegen die deutsche

Besatzung kämpfen: ein jüdischer Metzger, ein Bauer, ein Student, ein Junge. Hunger, Kälte, Angst. Das

Wissen, dass jeder Tag der letzte sein kann, sind ihre gemeinsame Realität. Unter ihnen wächst der

vierzehnjährige Janek zum stillen Beobachter der Grausamkeit und des Mutes heran. Diese Schlichtheit

ist es, die den Roman trägt: die Weigerung, zu verzweifeln. Die europäische Erziehung, von der der Titel

spricht, ist eine bittere Ironie. Sie besteht nicht mehr aus humanistischen Idealen, sondern aus

Erschießungen, Hunger und Verrat. Trotzdem bewahrt Gary die Idee, dass der Mensch fähig bleibt, Güte

zu erkennen, selbst in der Barbarei. Sein Alter Ego Adam glaubt an eine neue, versöhnte Welt, in der

Literatur Trost und Sinn stiftet. Wenn er seinen Kameraden Geschichten von Kipling und Puschkin

vorliest, wird das Erzählen selbst zur Tat des Widerstands.

Garys Stil ist klar, poetisch und voller Mitgefühl. Er zeigt das Grauen ohne Pathos und die Solidarität ohne

Sentimentalität. In der Gestalt des unsichtbaren Partisanen Nadejda - einer mythischen Führungsfigur -

verdichtet sich das Thema: Hoffnung als kollektive Erfindung, die Europa zusammenhält.

Europäische Erziehung ist kein Kriegsroman im herkömmlichen Sinn, sondern ein moralisches Dokument.

Es erinnert daran, dass Kultur und Mitgefühl die einzigen Waffen sind, die das Menschsein retten können

- selbst in der Stunde der Finsternis.

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Ferienkosmos unter Hochspannung

Die Atmosphäre in diesem Roman ist von Anfang an aufgeladen,

zwischenmenschlich und klimatisch. Es ist ein extrem heißer Augusttag,

der letzte des sechswöchigen Sommercamps für Jungen und junge

Heranwachsende und ein Ausflug mit Picknick steht auf dem

Programm. Den dafür vorgesehenen Ort kann die Gruppe nicht

ansteuern, da der Bus eine Panne hat. Also wird ein anderer Platz an

einem toten Seitenarm der Loire in Beschlag genommen. Alle scheinen

ausgelassen, die Betreuer entspannt, eine harmlos wirkende Gruppe

an einem harmlos aussehenden Fluss. Doch die Atmosphäre brodelt,

die Dynamik einiger Jugendlicher untereinander und in Bezug auf ihre

Betreuer, ihre eigene innere Unruhe, ihre Unsicherheit und

Unberechenbarkeit, dieses Gemisch steuert

unaufhaltsam auf eine große Entladung zu.

Guillaume Nail hat einen extrem dichten,

intensiven Roman geschrieben, dessen Geschehen in der brütenden

Sommerhitze von Anfang an nach einer gefährlichen Aufweichung des Gebots

Man badet nicht in der Loire schreit und dass man bis zur letzten Seite gebannt

und zunehmend atemlos verfolgt. Karl Rauch Verlag, 24,-€

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Ausgezeichnet gut und erhellend

Es gibt viele Preise und Auszeichnungen für Bücher in Deutschland. So viele, dass man schnell den

Überblick verlieren kann. Dass gerade der Preisträger des deutschen Sachbuchpreises für mich so

hervorsticht, hätte ich zwar nicht erwartet, bin aber sehr froh, es gelesen zu haben. Ulli Lust rückt mit

großem Sachverstand und wunderbaren Illustrationen unser sehr männlich geprägtes Verständnis

unserer Vorfahren zurecht und erläutert, dass Frauen seit jeher eine größere Rolle gespielt haben

müssen als allgemein angenommen. Warum zum Beispiel gibt es zahllose Figurinen, die der

weltbekannten Venus von Willendorf auffallend ähnlich sehen, männliche Pendants allerdings so gut wie

gar nicht existieren?

Die Frau als Mensch schafft es auf beispiellose Art, komplexe Themen wie den Werdegang der

Menschheit anschaulich und unterhaltsam zu vermitteln und verschiebt den Fokus immer wieder auf

den Einfluss, den die Frauen auf Gesellschaft, Kunst und Kultur genommen haben, bevor es diese Worte

überhaupt gab.

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Unten im Meer

Gerne sprechen wir in unserem Beruf als Buchhändler:innen davon,

in ein Buch einzutauchen. Aber ich vermute, selten hat diese

Umschreibung so gut gepasst wie hier. Und obendrein wird mein

Faible für vermeintlich fiktive Sachbücher hier in vollen Zügen

bedient. Dieses Buch erschien bereits 1985, wurde damals von Kat

Menschik illustriert und war der Beginn ihrer beeindruckenden

Karriere. Und zum Glück wurde dieser besondere Schatz der

Buchwelt neu aufgelegt, denn es macht unglaublich viel Spaß, sich

in die Welt der Nixen entführen zu lassen. Aufgemacht wie ein

klassisches Bestimmungsbuch, erläutert Die Nixen von Estland die

vielen verschiedenen Arten der scheuen Meereswesen. Fassen sie

sich also ein Entdeckerherz und lernen Sie alles über tränenreiche

Goldblonde, grünhaarige Koketten, schwarzzahnige Kopfkratzerinnen,

kinderliebe Heulsusen und Flucherinnen. Meinen Dank an Enn

Veteema und Kat Menschik für dieses einzigartige Buch. Die

Andere Bibliothek, 28,-€

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Liebe, die tötet – und keiner ist unschuldig

Andreas Schmidt entführt seine Leser in Hass ist meine Liebe in die düsteren Abgründe menschlicher

Beziehungen, dorthin, wo Liebe zur Obsession wird und Schuld sich in Hass verwandelt. Was zunächst

wie ein klassischer Kriminalfall beginnt, entfaltet sich bald zu einem psychologisch vielschichtigen

Thriller, in dem nichts ist, wie es scheint.

Im Wuppertaler Villenviertel wird die Psychologin Tessa Winkler tot in einem Brunnen gefunden. Die

Kommissare Mia Sommer und Björn Lassner stoßen bei ihren Ermittlungen auf ein Geflecht aus

gebrochenen Versprechen, verdrängter Schuld und emotionaler Abhängigkeit. Bald wird klar: Tessas Tod

ist nur der Auftakt zu einer Mordserie, die eng mit der Sehnsucht nach Liebe verknüpft ist.

Schmidt gelingt es meisterhaft, Spannung nicht nur aus der Handlung, sondern vor allem aus den Figuren

zu ziehen. Seine Täter und Opfer sind Menschen, die sich in ihren Sehnsüchten verfangen, deren

Verletzungen sie zu Tätern machen. Besonders gelungen ist die Balance zwischen Polizeiarbeit und

emotionaler Innenwelt, ein Wechselspiel, das die Leser unweigerlich in moralische Grauzonen führt. Die

Atmosphäre ist dicht, der Stil präzise und eindringlich. Schmidt beschreibt Wuppertal als Ort, an dem

Regen, Beton und seelische Dunkelheit ineinanderfließen. Immer wieder blitzt aber auch Menschlichkeit

auf - in den Momenten, in denen die Ermittler erkennen, wie nah sie selbst dem Abgrund stehen, den sie

zu untersuchen versuchen. Hass ist meine Liebe ist ein Krimi, der unter die Haut geht: weniger blutig als

seelisch brutal, ein kluges Porträt zerstörerischer Gefühle - und ein Beweis, dass das gefährlichste Motiv

immer die Liebe bleibt.

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Ein Mordopfer als Ermittlerin

Holly Jackson ist vielleicht einigen bekannt durch die Krimireihe A Good Girl's Guide to Murder. Mit ihrem

neuen Werk Not Quite Dead Yet hat sie einen neuen rasanten Thriller geschrieben, doch ich bin ganz

ehrlich: Anfangs klang die Grundidee der Geschichte schon etwas verrückt, doch schon bald entwickelte

sich daraus eine mitreißende und atemberaubende Story.

Jet, 27, lebt in Woodstock, bei ihren Eltern. Nach einer Halloween-Party wird sie brutal angegriffen und

erleidet ein Hirnaneurysma. Die Diagnose: Sie hat nur noch sieben Tage zu leben. Gemeinsam mit ihrem

treuen Kindheitsfreund Billy stürzt sie sich in einen rasanten, dunklen Wettlauf gegen die Zeit, um

herauszufinden, wer hinter dem Angriff steckt. Zwischen Familienintrigen, alten Streitigkeiten und

immer neuen Verdachtsmomenten heizt sich die Spannung bald zu einem nervenaufreibenden

Showdown auf.

Holly Jackson schafft es jedes Mal, mich völlig mitzunehmen - und auch dieses Buch war wieder so

fesselnd, dass ich es kaum aus der Hand legen konnte. Schon ab den ersten Seiten war ich mitten in der

Geschichte, und trotzdem kam das Ende überraschend. Für alle Leser:innen ab 16 Jahren und darüber

hinaus.

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Menschliche Abgründe vor paradiesischer Kulisse

Eine Luxusyacht vor der philippinischen Küste. Jede Menge Bedienstete sorgen an Bord und an Land

dafür, dass kein Wunsch unerfüllt bleibt. Walter Bronstein hat Kilian und Ferdinand, die zwei

vielversprechendsten Talente seines Unternehmens, zu einem gemeinsamen Urlaub im Paradies

eingeladen. Mit von der Partie sind ebenfalls ihre Ehefrauen Rachel, Franziska und Nora und Walters

Sohn David. Niemand außer Walter weiß so recht, warum sie auf die Yacht eingeladen wurden. Doch

eines ist klar: Es gilt, sich von seiner besten Seite zu zeigen, sich möglichst keine Blöße zu geben und den

schönen Schein zu wahren. Denn, dass alles nur nach außen hin perfekt ist, wird schnell klar.

Anne Freytag zeigt aus den Perspektiven von Nora, Franziska und Rachel, dass in ihrem Leben dem

beruflichen Erfolg der drei Männer alles untergeordnet wurde. Darunter auch Vertrauen, Zusammenhalt

und Liebe. Und während alle Passagiere Walters makabren Launen nachgeben, absurde Mutproben

absolvieren und ihre Seelen offenlegen müssen, erfährt man immer mehr von den tiefen Abgründen, die

die drei Ehen durchziehen.

Blaues Wunder ist zwar kein Krimi, kann es aber, was die Spannung angeht, locker mit dem Genre

aufnehmen. Man hetzt atemlos von Seite zu Seite und wird von Wendungen, Offenbarungen und den

rauen Emotionen der Charaktere in den Bann gezogen. Kein Lesevergnügen im herkömmlichen Sinne,

aber eine uneingeschränkte Empfehlung meinerseits.

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Packende Spannung aus Japan und eine originelle Kombination aus Text und Bild

Seltsame Bilder von Uketsu hätte ich ohne ausdrückliche Empfehlung vermutlich nie gelesen, als ich dann

anfing, konnte ich es nicht mehr aus der Hand legen. Die ersten Seiten ließen mich ratlos und etwas verwirrt

zurück, bevor sich nach und nach die losen Fäden zu einem Gesamtbild verknüpften.

Der Krimi beginnt mit zwei Studenten, die sich für das Okkulte interessieren und einen Blog mit seltsamen

Zeichnungen entdecken. Der letzte Eintrag lautet: „Ich habe das Geheimnis der drei Bilder entschlüsselt.

Welches Leid du ertragen musstest, kann ich nicht ermessen. Wie schwer die Schuld wiegt, die du auf dich

geladen hast, ist mir nicht klar. Ich kann dir nicht vergeben. Doch ich werde dich immer lieben.“ Damit

beginnt der Reigen aus seltsamen Bildern und Todesfällen aber erst. Weitere Ermittler stoßen auf weitere

seltsame Bilder und Todesfälle. Erst im letzten Kapitel lichtet sich der Nebel. Ein ungewöhnlicher, aber

grandioser Krimi.

Wenn Sie den Fall der seltsamen Bilder gelöst haben, können Sie gleich in einen weiteren spannenden

Roman des Autors einsteigen. Mit HEN NA IE – Das seltsame Haus knüpft Uketsu thematisch und

atmosphärisch an seinen Erstling an und lässt seine Leserschaft erneut abtauchen in eine spannende und

mysteriöse Geschichte.

Warnhinweis:

„Tauche ein, aber sei gewarnt: Was Du gesehen hast, wirst du nie wieder vergessen!“

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Halb-Wahrheiten

Wie schon in Die Lügnerin baut Ayelet Gundar-Goshen in Ungebetene Gäste eine Geschichte auf, die auf

einem Verschweigen basiert. Naomie lebt mit Mann und kleinem Sohn in Tel Aviv. Ein Handwerker

arbeitet auf dem Balkon, und sie bietet dem palästinensischen Arbeiter in der Küche einen Kaffee an,

um nicht in den Verdacht zu geraten, sie als Israelin hätte Vorbehalte gegenüber arabischen

Mitmenschen. Währenddessen lässt der unbeobachtete 14 Monate alte Sohn einen Hammer vom

Balkon fallen und verursacht den Tod eines Jugendlichen auf der Straße. Sofort wird der Handwerker

verhaftet, terroristische Absichten werden unterstellt - selbstverständlich in dieser zerrissenen Gesellschaft

- und natürlich kommt niemand auf den Gedanken, die junge Mutter könne etwas mit dem Totschlag zu

tun haben. Weil alles so selbstverständlich ist, zögert Naomie lange, die Wahrheit zu gestehen; auch vor

ihrem Mann verschweigt sie sie viel zu lange. Beim Lesen sieht man das Bild vor sich, wenn ein Stein ins

Wasser fällt und sich immer mehr Ringe aus dem Mittelpunkt heraus bilden, die nicht aufzuhalten sind.

Naomie und ihr Mann werden nicht wirklich verurteilt, sind jedoch sowohl der Familie des Getöteten als

auch der Familie des vermeintlichen Täters ausgeliefert. Ihre Ehe ist bald vom Zerbrechen bedroht, der

kleine Sohn in vielerlei Hinsicht auffällig, und auch der Umzug nach Nigeria bringt nicht die erhoffte

Erlösung. Ungebetene Gäste ist ein unglaublich vielschichtiger Roman: Natürlich spielt der israelischpalästinensische

Konflikt eine große Rolle, doch es ist das psychologische Einfühlen der Autorin in die

Gedanken und Gefühle der heillos verstrickten Menschen, das den Roman so atemlos spannend macht.

Sprachlich und inhaltlich absolut empfehlenswert!

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Rache-Epos der spannendsten Art

Im Herbst und Winter erscheinen ja traditionell die meisten Krimis und

wie in jedem Jahr finden sich viele alte Bekannte unter den ganzen

Neuerscheinungen. Sebastian Fitzek, Dan Brown, Arno Strobel und

Jussi Adler Olsen bieten gewohnte Qualität und erfreuen sich einer so

großen Fangemeinde, dass wir Ihnen an dieser Stelle die Bücher nicht

nochmal ans Herz legen wollen. Längst nicht so bekannt, aber

unbedingt lesenswert ist Zoran Drvenkar, der mit seinem Thriller Asa,

einen spannungsgeladenen Roman geschaffen hat, der aus der Masse

der Neuerscheinungen angenehm heraussticht. Der Autor erzählt die

Geschichte der 15-jährigen Asa Kolbert, die 1993 in der Uckermark

ihren Vater durch einen Anschlag verliert und fortan ums Überleben

kämpft. Über Jahrzehnte hinweg entfaltet sich eine düstere Familienchronik,

die bis in die Wirren der Weltkriege zurückreicht und zeigt,

wie Gewalt, Trauma und der Wille zur Stärke Generationen prägen.

Dreißig Jahre später tritt Asa, gezeichnet von Haft und Härte, ihren

kompromisslosen Rachefeldzug an und ihr Weg, führt sie um die halbe Welt. Drvenkar verbindet dabei

Familiendrama, Kriegsvergangenheit und gnadenlosen Rachethriller zu einem wuchtigen, vielschichtigen

Epos. Ein Buch für alle, die sprachlich kraftvolle, komplex erzählte und emotional schonungslose Literatur

abseits des Mainstreams suchen. Suhrkamp Verlag, 23,- €

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Manga-Empfehlungen des Jahres

Auch in diesem Jahr werde ich einen kurzen Überblick über das geben, was sich im Genre der Mangas so

getan hat, und habe eine kleine Auswahl an Titeln getroffen, die es sich lohnt vorzustellen.

In Rainbow begleiten wir eine Gruppe junger Männer, die sich im Jahre 1955 in einer Jugendstrafanstalt

wiederfinden, wo Resozialisierung ein Fremdwort ist und physische sowie psychische Gewalt täglich

stattfindet. Der Manga, der von Manga Cult endlich auf Deutsch lizensiert wurde, überzeugt mit tiefer

Themendichte, emotionaler Geschichte und fantastischen Zeichnungen. Die Gruppe unserer

Hauptfiguren wächst den Leser:innen gleich ans Herz, sodass die emotionalen Tiefpunkte umso stärker

zuschlagen. Mein Highlight des Jahres, das definitiv nichts für Kinder unter Fünfzehn ist.

Mit dem Magazin Manga Issho von Altraverse ist in diesem Jahr eine Reihe an den Start gegangen, die

ähnlich dem japanischen Vorbild Shonen Jump verschiedene Reihen in ausgewählten Kapiteln vorstellt.

Mal sind es unbekannte Einzelgeschichten, mal ein Kapitel aus einer großen Geschichte. Das Besondere:

alles stammt aus europäischen Federn und es ist für jedes Alter etwas dabei.

Auch die klassischen Shonen-Titel sollen in dieser Auflistung nicht fehlen,

weshalb ich als letztes Kuroko`s Basketball, ebenfalls von Manga Cult

herausgegeben, wärmstens empfehle. Die Geschichte ist temporeich,

besitzt tolle Charaktere und überzeugt mit jeder Menge (Sport-)Action.

Somit ist sie sowohl für jung und alt als auch für Sport- und Actionliebhaber

ein Lesen wert.

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Grenzenlose Magie, mythische Kreaturen und unverbrüchliche Freundschaft

Markus Heitz war damals mit seiner Zwergen-Reihe eine Art Einstiegsdroge in die Fantasy für mich. Ich

bin froh, dass mit seinem neuesten Buch nun auch jüngere Leser:innen in den Genuss seiner

Schreibkunst kommen.

Im beschaulichen Städtchen Hohenburg geht es nicht mit rechten Dingen zu! Doch für Irida und ihre

Freund:innen ist das nur ein Versprechen für Abenteuer. Sie, Cedric, Jinjin und Jeremy gehören zu den

Furchtlosen, einer Clique aus Außenseitern, aber solange sie einander haben, kann das nächste

Mysterium nicht schnell genug kommen. Als sie den merkwürdigen Vorkommnissen auf den Grund

gehen, finden sie sich plötzlich in der magischen Anderswelt wieder. Hier tummeln sich mythische Wesen

und mysteriöse Figuren fungieren als Strippenzieher im Hintergrund. Das klingt doch genau wie für die

Furchtlosen gemacht.

Irida schafft eine lebendige Welt, in der die Magie uns förmlich entgegen sprüht, Geheimnisse an jeder

Ecke warten und der Fantasie scheinbar keine Grenzen gesetzt sind. Kombiniert mit einer warmherzigen

Geschichte um die Freundschaften zwischen den Furchtlosen ist hier ein vielversprechender Grundstein

für eine neue Buchreihe gelegt. Ab 11 Jahren.

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Freischwimmer im stetigen Auf und Ab des Lebens

Rocky Winterfeld ist elf, klug, mathematisch begabt und liebt die Planeten. Mit seiner unkonventionellen

Mutter lebt er in einer Kleinstadt, wo feste Abläufe ihm Sicherheit geben. Veränderungen meidet er - bis

er mit drei Mitschülern und seiner Lehrerin zu einem Wissenschaftswettbewerb nach Danzig reist. Auf

dieser weiten Fahrt begegnet er Herausforderungen, Enttäuschungen und Glücksmomenten und wächst

über sich hinaus.

Ein fein beobachteter Roman von Marie Hüttner über Freundschaft, Mut und die Kunst, das Leben auf

eigene Weise zu meistern. Warmherzig, spannend und überraschend humorvoll erzählt. Zum Vorlesen

ab 8 und zum Selberlesen ab 10 Jahren.

Ich wäre ja mit der Bahn gefahren …

Opas Mantra-artiger Lieblingssatz begleitet Tiffanys Familie auf dem Weg zur vierten Hochzeit von Großtante

Ilse - im vollbesetzten Kleinbus nach Wuppertal. Aus der Sicht der achtjährigen Tiffany wird die chaotische

Fahrt mit Toilettenstopps, Snacks und Übelkeit zu einem herrlich komischen Familienabenteuer.

Marc-Uwe Kling und Astrid Henn erzählen in Der Tag, an dem Max dreimal ins Auto gekotzt hat mit

gewohntem Wortwitz und liebevollen Illustrationen von einer Reise, auf der sich jede Familie

wiedererkennt - zwischen Nervenzusammenbruch und Zuneigung, Chaos und Zusammenhalt. Ein

turbulentes Vorlesevergnügen für alle ab 6 Jahren.

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Geister, Freundschaft und Braunkohle

Bodhi, Joe und ein Dorf voller Geister erzählt mit Spannung, Humor und Gefühl von Abschied, Mut und

Neubeginn. Bodhi ist elf und unglücklich, seit seine Familie aus Nebelheim, seinem Heimatdorf, das dem

Braunkohleabbau geopfert wurde, fortziehen musste. Doch er spürt: Etwas ist dort noch nicht zu Ende.

Bei einem heimlichen Besuch stößt er auf Geister, die keine Ruhe finden, weil ihre sterblichen Überreste

verlegt wurden. Gemeinsam mit Joe, einer selbsternannten Geisterjägerin, und dem Geisterkater Spooky

versucht Bodhi, den Seelen Frieden zu bringen und damit beginnt ein Abenteuer, wie es spannender

kaum sein könnte.

Bei diesem Buch von Sabrina Schmohl stimmt einfach alles: Der Roman ist spannend und atmosphärisch

dicht, mit einer gelungenen Mischung aus Gänsehaut und Wärme. Die Figuren sind lebendig, witzig und

vielschichtig, die Dialoge klingen natürlich, und die Geschichte regt zum Nachdenken an: Was bedeutet

Heimat? Kann man Wurzeln neu schlagen?

Die Sprache ist flüssig und bestens zum Vorlesen geeignet, die Kapitel sind kurz und mitreißend. Das

wunderschön gestaltete Cover und die stimmungsvollen Vignetten von Timo Grubing unterstreichen die

geheimnisvolle Atmosphäre und machen große Lust, tiefer in die Geschichte einzutauchen. Gerade für

Kinder, die hier in der Gegend großwerden, ist dieses Buch ein guter Begleiter, aber auch für alle anderen

ist diese perfekte Mischung aus Nervenkitzel, Abenteuer und Freundschaftsgeschichte ein Buch, das

viele tolle Lesestunden mit sich bringt.

Ein außergewöhnliches Kinderbuch über Freundschaft, Mut und Erinnerung. Ideal zum Vorlesen ab 8 und

zum Selberlesen ab 10 Jahren.

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